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Notizen und Skizzen zu einer Autobiographie: Überblick über die einzelnen Kapitel

   
   

 

     
   

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Das abgebrochene Erststudium Chemie in Saarbrücken

Nach dem Abitur 1963 musste die erste wichtige Lebensentscheidung getroffen werde: die Wahl des Studienfaches und der Universität. Schon seit Jahren war für mich klar, dass es nur eine Entscheidung geben konnte: die Wahl des Studienfaches Chemie. In der Schule war ich in diesem Fach allen Klassenkameraden überlegen und studierte mit wachsendem Eifer das Lehrbuch „Anorganische Chemie“ von Hollemann-Wieberg, das heute immer noch zu den Standardwerken in der Universitätsausbildung gehört und in der 107. Auflage herausgegeben wurde. Mein Exemplar vor fünfzig Jahren, von einem Klassenkameraden organisiert, war natürlich entsprechend älter, aber nichtsdestoweniger äußerst spannend für mich.

So ließ ich mir von einer Reihe Universitäten Informationsmaterialien zum Studienfach Chemie und die notwendigen Anmeldungsbögen schicken, da ein Numerus Clausus nicht existierte. Meine Entscheidung, die ich in Gegenwart meiner Eltern in vertraulichem Gespräch getroffen hatte, fiel auf die Universität Saarbrücken. Diese hatte drei Vorzüge – wie es mir schien – und machte insgesamt einen modernen und fortschrittlichen Eindruck:

  • Die Universität Saarbrücken gehörte zu den wenigen Universitäten, die keine Studiengebühren verlangte, was für die knappen Finanzen unserer Familie ein wichtiger Entscheidungsgrund war.

  • Die Universität des Saarlandes war eine Neugründung mit einem neuen Campus-Konzept der kurzen Wege und der Übersichtlichen Anordnung der Institute.

  • Zudem lockte die inhaltliche Ausrichtung auf den französisch-deutschen Kulturkontakt und den damit anvisierten Austausch des wissenschaftlichen Personals zu Erkundungen in neuen Bahnen.

So schickte ich meine Bewerbung nach Saarbrücken und erhielt sehr schnell eine Zusage und die Aufforderung, zur Immatrikulation schon vor Semesterbeginn in der Universität vorzusprechen.

Von meinen ersten beiden Tagen in Saarbrücken sind mir nur die äußeren Umstände in Erinnerung geblieben. Die Formalien im Immatrikulationsbüro waren routinemäßig und wenig aufschlussreich, doch bekam ich da mein erstes Studienbuch.

Die erste Nacht quartierte ich mich im „Bunker-Hotel“ ein, das mir mit 10 DM noch erschwinglich erschien. Doch es war eine grausame Unterkunft, ohne ausreichende Beleuchtung in nicht renovierten Bunkerräumen – sichtlich eine Notunterkunft für Obdachlose.

Es war mir klar, dass ich nicht noch einmal in dieses „Hotel“ gehen würde! Eine weitere Nacht, vor ich mich im Studentenwerk um eine „Bude“ kümmern konnte, verbrachte ich dann auf einer Parkbank in einer Allee am Saar-Ufer (immer mit der Befürchtung, von der Polizei verscheucht zu werden). Mit Beginn der Helligkeit machte ich mich dann langsam auf den Weg zum Campus. Die Auswahl an bezahlbaren Studentenunterkünften war so kurz vor Semesterbeginn nicht sehr groß. Ich kam in einem Privatquartier in einem Wohnhaus an einer Ausfallstraße unter. Aber auch hier waren die Umstände, den Finanzen entsprechend, bedrückend. Unter dem Dach war ein großer Raum unterteilt in drei Schlafstellen, die an drei Studenten vermietet wurden. Ich erhielt die letzte Zelle, die von den davor liegenden nur durch eine Trennwand abgeteilt war, aber mit einem Durchgang zum Flur mit Toilette und Kochstelle der durch die beiden anderen Abteilungen führte – ohne weitere Trennung oder Tür.

Das bedeutete, dass ich mich so wenig wie möglich in meiner Schlafstätte aufhielt; den Tag verbrachte ich ja in der Universität und die Abende schlenderte ich entweder durch die Stadt – und lernte dabei die Faszination des Bahnhofes als Versprechen der zukünftigen Abreise kennen wie es auch den Gastarbeitern lange ging – oder ich ging ins nahe gelegene Kino, dass ein recht gutes Programmangebot bereit hielt. Ich erinnere mich dabei z.B. noch an den Film „Bitterer Honig“…

In der Universität

Im Zentrum standen natürlich die beiden Lehrveranstaltungen in meinem Fach Chemie. Da war einmal die Hauptvorlesung „Anorganische und Allgemeine Chemie I“ von Prof. Seel in einem der ganz großen Hörsäle. Das hatte einen gravierenden Nachteil, dass die Akustik miserabel war und auch der Vortrag über Mikrophon nur schwer zu verfolgen war, da der Professor sichtliche Artikulationsprobleme hatte – es wurde gesagt, dass er durch eine Flour(?)-Vergiftung einen Lungenflügel eingebüßt hätte – so dass man nur Zisch- und Krächzlaute vernahm. Da half dann auch nicht viel, dass darauf hingewiesen wurde, dass seine Standardvorlesung längst publiziert war. Das, was später auch in Vorlesungen eingeführt wurde, dass nämlich eine Kommunikationsphase angehängt wurde, war damals noch undenkbar. Daneben trat dann das „I. Grundpraktikum (mit Einführung)“ des Dozenten Dr. Heck unter der Federführung von Prof. Seel. Das war nun eine einzige Katastrophe für mich als Anfänger, da die überwiegende Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer schon das Semester zuvor an der Übung teilgenommen hatten und damit eine intensivere Einführung gar nicht erteilt wurde. Es ging um stöchiometrische Messungen im Experiment – was aber die Verfügung über einen Laborplatz vorausgesetzt hätte, der den Anfängern wegen Überfüllung nicht zugeteilt wurde. Am Anfang jeder Übungsstunde erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine vervielfältigten Aufgabenbogen mit Experimentvoraussetzungen und Fragestellungen, die zu messen gewesen wären. Da musste ich  fast immer passen und habe eigentlich nichts gelernt. Meine positiven Vorstellungen vom Fachstudium Chemie gingen dabei sehr schnell verloren. Zudem litt meine Gesundheit zunehmend unter den Bedingungen im Labor, in dem die Lüftung an den Arbeitsplätzen sehr mangelhaft war und man immer mehr Schadstoffe einatmete. Das führte dann nach einigen Wochen zu einem gesundheitlichen Zusammenbruch als erster Stufe zum Abbruch des Semesters und des Studiums.

Zwei weitere Lehrveranstaltungen standen noch auf meinem Pflichtplan und waren sehr unterschiedlich in ihrer Konzeption. Einmal las Prof. v. Fragstein „Experimentalphysik I“ mit solchen Anforderungen an Vorkenntnissen, dass ich mir sehr bald klar wurde, dass ich neben dem Studium mich noch intensiver mit der Physik an Hand der Fachliteratur würde beschäftigen müssen, auch und insbesondere mit der Fähigkeit, komplexere Rechenoperationen vorzunehmen. Interessant war dagegen – man erwartet das kaum – die Vorlesung von Prof. Dahmen über „Mathematik für Chemiker“.  Der Dozent baute seine Vorlesung nach überlegten didaktischen Konzepten auf und beschäftigte sich zunächst mit der spannenden Frage nach der grundlegenden (euklidschen) Axiomatik, wobei er die Frage stellte, was sich in der Mathematik ändert, wenn eine odr einige der zehn Axiome umformuliert würden. Faszinierend die Vorstellung einer Zahlenwelt, die nicht unendlich wäre, sondern – entsprechend der physikalischen Gesetzmäßigkeit – mit der Zahl der Lichtgeschwindigkeit „aufhörte“ – was zu Rechenmodellen führt, die unmittelbar auf die Addition und Subtraktion von Geschwindigkeiten angesetzt werden könnte… Hier sah er dann Möglichkeiten, die Mathematik als dienende Wissenschaft für die Naturwissenschaften weiter zu entwickeln.

Hier bricht aber mein Studienbericht etwas abrupt ab, auch wenn mich die Mathematik-Philosophie zu einer weiteren Beschäftigung und Vertiefung reizte. Aber meine Gesundheit spielte nicht mehr mit. Kopfschmerzen, Schwindelgefühle und kurzfristige Ohnmachtsanfälle machten eine Weiterarbeit unmöglich, so dass ich den Besuch der Lehrveranstaltungen abbrechen musste.

Das bedeutete natürlich auch, dass dieses erste Semester nicht mit den vorgeschriebenen Abtestaten der Dozenten abgeschlossen werden konnte und dass mir die Anrechnung des Semesters wie erwartet aberkannt wurde. Um es gleich hier vorweg zu sagen: Der Gesundheitszustand verbesserte sich auch in den folgenden Monaten kaum, so dass ich mich für das zweite Semester beurlauben ließ und dann das Studium in Saarbrücken gänzlich abbrach. Damit war aber auch mein Traum vom Fach Chemie, den ich die letzten Jahre meiner Schulzeit geträumt hatte, endgültig vorbei und ich musste mich neu orientieren. So bleibt zunächst noch einmal nur die Dokumentation der entsprechenden Einträge im Studienbuch:

 

Rekonvaleszenz in Wiesbaden

Es folgte eine Zeit der Unsicherheit und Desorientierung, in der mein Entschluss, das Studium aufzugeben, Gestalt annahm. Ich war von Saarbrücken aus zu meiner Großmutter nach Wiesbaden gefahren, die mich herzlich und fürsorglich aufnahm und mich auch alsbald zum Arzt schickte. Wieweit das wirklich geholfen hat, kann ich im Rückblick nicht mehr genau sagen. Die Diagnose war unklar und eine medikamentöse Behandlung nicht besonders zielgerichtet. Der Hausarzt meiner Großmutter versuchte sich noch an einer nach meinem Geschmack nicht sehr sinnvollen Behandlung, indem er diagnostizierte, dass meine leichte Rückgratverkrümmung im Bereich unterhalb des Halses für meine Kopfschmerzen und Schwindelanfälle ursächlich gewesen seien. Er versuchte sich dann in einer chiropraktischen Behandlung, indem er meine Wirbel richtete und mir für einige Wochen eine Halskrause verschrieb. Doch bestätigte sich hier die mir erst später geläufig gewordene Skepsis gegenüber dieser Behandlungsmethode, die sich heute z.B. in warnenden Aufsätzen, die zur „Vorsicht vor der chiropraktischen Falle[1]“ aufrufen, äußert. Viel wichtiger war für mich der langsame Abfall des Stress und die vertraute Umgebung meines Kindheits- und späteren regelmäßigen Ferienortes in der Emser Straße 16.

Ich nutze diese Zeit, wieder fachfremde Lektüre zu lesen und ich konzentrierte mich wieder auf künstlerische Ausdrucksformen, indem ich eine größere Anzahl von Bildern verfertigte.[2] Nach einiger Zeit der Erholung – und der Regelung der Formalien in Saarbrücken – fuhr ich dann wieder nach Hannover, um mich ernsthaft mit meiner weiteren Zukunft auseinander zu setzen. Das war auch dringend, um meine Eltern nicht weiter finanziell zu belasten.

Dann kamen wieder einige Zufälle ins Spiel. Durch Zufall hörte ich von Hannoverschen Studenten, die auf Job-Suche waren, dass die ÜSTRA – die Straßenbahn Hannover – wieder Studenten für den Dienst als Schaffner benötigten. Ich nahm dies als Fingerzeig und rief gleich bei der Personalabteilung der ÜSTRA an, die mir die Information bestätigte, mich aber aufforderte, beim hannoverschen Studentenwerk eine Vermittlung einzuholen. Das war dann mein erster Kontakt mit der damals Technischen Hochschule Hannover. Mit dem Vermittlungsformular, das mir auch meinen noch bestehenden Versicherungsschutz durch das formal noch laufende zweite Semester in Saarbrücken beglaubigte, ging ich zur Geschäftsstelle der ÜSTRA und gab dort meine Bewerbung ab. Dies aber beschreibe ich ausführlicher im Kapitel „Notizen und Skizzen zu einer Autobiographie: Bei der ÜSTRA. Straßenbahnschaffner und Straßenbahnfahrer 1963-1966“.

[1]    Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) e. V. Arheilger Weg 11,  64380 Roßdorf

[2]    Einiges ist abgedruckt auf der „Artist’s Page“ auf dieser Web-Site.

Dokument Information:

Erinnert und verfasst im September 2011; Stand der Textfassung: 26.09.2011
Internetpublikation auf http://www.voigt-bismarckschule.de
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009), Potsdamer Str. 20, 30952 Ronnenberg / Region Hannover
Kontakt siehe Impressum.

   
   

Verantwortlich für diese Seite

Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand:26.09.2011

Letzte Bearbeitung: 23.02.2012

   
   

 

     
   

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