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Straßenbahnschaffner und Straßenbahnfahrer 1963-1966
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Studienbeginn und Vorbereitung der Algerienreise
Notizen und Skizzen zu einer Autobiographie: Überblick über die einzelnen Kapitel

   
   

 

     
   

Die Wahl des Studienfaches Geographie

Die Bestimmung des Geographen:
Der Weg durch Wüsten und Kontinente

Vorwort zu den Berichten über mein Fachstudium: Ein kurzer Essay zum Thema Authentizität: Erlebnis,  Erfahrung, Interpretation

Iran: nach dem Passieren des Grenzübergangs Doğubayazit/Bazargan 1970. Eine schmale, ausgefahrene Straße führt in lang gestreckten Kurven von der Passhöhe, auf der sich die türkisch-iranischen Grenzanlagen befinden, hinunter in die Ebene von Maku und damit in das grüne Hochland von Azerbeidjan, wo die Großstadt Tabriz unser nächstes Etappenziel sein wird. Es ist unsere erste Begegnung mit Persien, der lange Monate fachlicher und organisatorischer Vorbereitungen in Hinblick auf unsere Staatsexamensarbeiten vorausgegangen waren, in denen wir in eigener Geländearbeit die aktuellen geographischen Strukturprobleme der Provinz Fars um Shiraz herum zu erkunden beabsichtigen.

An beiden Seiten der Straße, die noch durch die kalte und trockene Hochgebirgswüste führt, erheben sich mächtige, schwarze Gebirgsmassive, die sich im weiteren Verlauf in Elburz im Norden und Zagros im Süden gabeln werden. Der vulkanische Charakter dieses Azerbaidjanischen Gebirgsknoten ist unübersehbar, wenn auch kompakter, stärker gefaltet und nicht in die klassische Form des Vulkankegels gebracht wie der Doppelgipfel des Ararat, den wir Tags zuvor passiert hatten und der hinter uns noch über den Grenzgebirgsketten sichtbar bleibt.

Noch einige Kilometer Fahrt, ohne dass uns ein anderes Fahrzeug begegnet und ohne dass außer der Straße selbst Spuren menschlichen Wirkens zu sehen gewesen wären. Einige Sträucher und karge Bäume begleiten das Gebirgstal, dem die Straße folgt. Wir halten an, setzen uns auf einen großen Felsbrocken am Straßenrand und lassen die ungewohnte Ruhe und Düsternis des Gebirges auf uns wirken. Vieles an Emotionen und Reflexionen berührt uns jetzt stark. Ein Ziel ist erreicht, Iran, nach über einer Woche Hinfahrt durch den Balkan und die Türkei in einem PKW-Kombiwagen. Die Freundschaft und Verlässlichkeit in unserem Zwei-Personen-Team hatte sich bewährt und wir erwarten jetzt eine intensive wissenschaftliche Tätigkeit ebenso wie Erlebnisse, die unsere ungestillte Neugier auf dieses Land erfüllen sollen.

Orte haben, für sich genommen, keine Bedeutung. Sie können mit Bedeutungen belegt werden von dem, der sie besucht, durch den, der sich ihrer erinnert, jeweils im gesellschaftlichen Kontext. Dieser Ort ist in der Erinnerung haften geblieben, unverrückbar. So stellt sich die Frage, was ihn eignet, eine Bedeutung für uns erlangt zu haben. Diese Frage findet Antworten auf verschiedenen Ebenen. Zunächst einmal vom Ort selbst ausgehend, sind archetypische Erfahrungen aufzuzeigen: die Erfahrung der Passquerung, der Erleichterung, der Erfahrung des Tores, des Überleitens – sowohl zeitlich wie auch räumlich in eine neue Wirklichkeit hinein zu gelangen. Die Dunkelheit der Gebirge, die Helligkeit, die die neue Wirklichkeit verspricht, die Wirklichkeit Irans, die Wirklichkeit Azerbaidjans vor uns. Doch auch diese Archetypen der Wahrnehmung sind Topoi, die wir mitbringen, die aber auch über die eigene, enge Kultur hinaus in vielen Gesellschaften verstanden werden und wirksam sind, Orte zu »verstehen« und Orte in den eigenen kulturellen Kontext hineinzubeziehen.

Der zweite Aspekt betrifft die eigene Biographie. Auch hier ein Einschnitt, ein neuer Lebensabschnitt, gewollt und vorbereitet, bewusst erlebt und gelebt. Der Übergang in einen neuen Erfahrungsraum, ersehnt und mit diesen Schritten erreicht als Aufgabe und Versprechen.

Und drittens ist dieser Ort beladen mit Wissen: die alte Heeres- und Handelsstraße, der wir folgen, zwischen Mittel- und Vorderasien, Völkerzüge, Handel, Kriege. Am Ort selbst das alte Reich Urartu, dessen Namen sich noch heute im Namen des Berges Ararat wieder findet – der historisch und etymologisch nichts zu tun hat mit dem Ararat der Sintflutgeschichte im Alten Testament. (Vgl. den Essay "Ein großer Lacherfolg: Über die Suche nach der Arche Noah" in politik unterricht aktuell.)

...Eine weitere Wissensebene: die Bedeutung des Gebirgsknotens von Azerbaidjan, mit seinen vulkanischen und tektonischen Energien, aus dem heraus sich die Gebirgszüge des Pontos, des Elburz, des Taurus und des Zagros entwickeln. Eine Bedeutung, die vor allem den Geographen berührt, ist, an einer der geologisch aktivsten Naht- und Bruchstellen des Vorder- und Mittelasiatischen Plattensystems zu stehen.

Der Historiker wird weiterhin nicht nur das altorientalische Reich Urartu suchen und finden, sondern auch die alten Kultstätten von Takht-e-Suleiman – versteckt im schwer zugänglichen Gebirge, Feuertempel und heilige Orte der Sassaniden.

Alles das ist präsent und determiniert die Bedeutung dieses Ortes. Einiges an verallgemeinernden Fragen stellt sich wohl doch noch. Es ist richtig und notwendig, dass eine kritische Geographie den Landschaftsbegriff in Frage stellt und als geographische Kategorie zurückweist (Schramke, Filipp). Landschaften sind Wahrnehmungs- und Deutungskategorien, Objektivierungen und Projektionen eines gesellschaftlichen und biographisch herzuleitenden Ordnungsbedürfnisses, das der bedeutungslosen Sinneswahrnehmung Deutungsmuster entgegensetzt. In diesem kulturellen Kontext erhält der Landschaftsbegriff tatsächliche gesellschaftliche Realität und wird intersubjektiv kommunizierbar und damit auch einbeziehbar in interkulturelle Kommunikationsprozesse. In seiner Eigenschaft als Bedeutungsträger im gegebenen kulturellen Zusammenhang, und als Bedeutungsträger im Kontext der biographischen Erfahrung und des sozialen Handelns, ist dieser Landschaftsbegriff Element der symbolischen Wahrnehmung. Das wissenschaftliche Instrumentarium, diese symbolische Wahrnehmung verstehen und analysieren zu lernen, ist der symbolische Interaktionismus.

Im städtischen Bereich zeigt Kevin Lynch in einem empirischen Untersuchungsmodell die Lesbarkeit bebauter Stadtlandschaften anhand der Bedeutungsträchtigkeit einzelner Punkte und Orte. Wesentliches wird daraus abzuleiten sein für einen Städtebau im humanen Maßstab. Die Analyse der »Stadtlandschaften« durch soziologische Ansätze des symbolischen Interaktionismus hat in anregender Form Durth in seiner Untersuchung zur »Inszenierung der Alltagswelt« versucht. Doch muss dies in unserer Fragestellung noch weiter verallgemeinert werden; es geht uns hier nicht nur und nicht in erster Linie um Städte, um Siedlungsräume und »Stadtlandschaften«, sondern es geht um das allgemeine Problem, wie Menschen in einer gesellschaftlichen Situation im gegebenen kulturellen Kontext ihre materielle Umgebung wahrnehmen und mit Bedeutungen belegen können, um sich in ihnen in ihrem alltäglichen Handeln orientieren zu können. Diese Orientierungssicherheit in der Umwelt ist Voraussetzung gezielten und bedeutungsorientierten gesellschaftlichen Handelns.

Die verschiedenen Elemente der Wahrnehmung sind auch hier wieder sowohl im kulturellen Zusammenhang archetypisch als auch in der biographischen Zuordnung für den Einzelnen in seiner gesellschaftlichen Situation von Bedeutung. Die symbolische Wahrnehmung kann sehr unterschiedliche Bereiche des Verhältnisses persönlicher Intentionalität zu den gesellschaftlichen Systembedingungen ansprechen. Sie kann helfen, durch Orientierungssicherheit Handlungssicherheit zu erwerben. Sie kann gleichzeitig Element hedonistischen Eskapismus sein, die Wahrnehmung der »Exotik« gerade unbekannter, der Alltagswahrnehmung entrückter Räume deutet auf eine solche Funktion hin (vgl. Fohrbeck/Wiesand oder Schmidt-Wulffen). Entäußerung in die Landschaft, Rauschempfindungen, Selbstaufgabe im Gegensatz zur Selbstvergewisserung als handelndes soziales Wesen.

Gerade im Nahen Osten stellt sich hier eine Frage, der wir hier nicht weiter nachgehen können, nämlich inwieweit der symbolische Wert von Wüstenlandschaften, Extremerfahrungen, Gefahren und psychischen Grenzerfahrungen in der Einsamkeit von Wüsten und Gebirgsräumen etwas zu tun hat mit der höheren Sensibilität der dort lebenden Völker für religiöse Erfahrungen, Offenbarungserlebnisse. Ist es auch aus dieser Sicht kein Zufall, dass die drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam in ihrer Strenge und Jenseitsbezogenheit Religionen der Wüste sind? Auch hier wäre es falsch zu sagen, dass religiöse Erfahrungen aus den äußeren naturräumlichen Gegebenheiten quasi deterministisch abgeleitet werden können. Die gesellschaftliche und individuelle Erfahrung mit den Lebensbedingungen in diesem Raum ist in gewisser Hinsicht Archetypen Gemeinsamkeiten unterworfen. Die »innere Landschaft« der ariden Räume eignet bestimmter existentieller Projektionen und Deutungsmustern.

In unserem Ansatz wollen wir jedoch nicht den Essay über die »inneren Landschaften« fortführen, sondern die biographischen und symbolischen Grundlagen für das interkulturelle Lernen in den Mittelpunkt stellen. Einige weitere Szenen sollen neue Interpretationsimpulse liefern und die Abhängigkeit interkulturellen Lernens von der Kenntnis der Bewusstseins- und Deutungsinhalte aufzeigen.

۞

Suk in Ras-el-Euch, Algerien 1967. Eine aride Gebirgslandschaft – ein ‚Wüstengebirge‘- hat für das Auge eines Mitteleuropäers eine befremdliche Faszination. Wir kartieren den Djebel Aurés und die Nemencha-Berge, die östlichen Ausläufer des Sahara-Atlas in Algerien, nahe der Grenze zu Tunesien. Es ist das Gebiet, in dem im algerischen Befreiungskampf gegen die französische Kolonialherrschaft 1954-1962 besonders hart gekämpft worden ist. Die französischen Stacheldrahtverhaue gegen das damals schon unabhängige Tunesien, Basis einer wohl organisierten algerischen Partisanenarmee, der FLN, zeugen noch immer davon.

Das Land erscheint menschenleer. Schroffe, durch farbige, rote, orange, weiße, graublaue und Braungetönte Gesteinsbänder gegliederte Cañons zerschneiden eine weite, sich bis zum Horizont erstreckende eintönige Gebirgssteppe – den Ausläufern der algerischen Hochflächen. Die einzigen Pflanzen, die hier noch wachsen können, sind kleinwüchsige Trockenpflanzen, Xerophyten, wie der kaum knöchelhohe Wermut (Artemisia campestris) oder der dornige, auch für Schafe und Ziegen nicht mehr genießbare Astragalus – wer sich einmal versehentlich auf eine dieser ca. 20 cm hohe Pflanzen gesetzt hat, vergisst sie nie!

Wir fahren auf einer alten Militärpiste in ein weit verzweigtes, tief in den Felsen hineinerodiertes Talsystem ein. An einer windgeschützten Stelle halten wir an, um ein Mittagessen vorzubereiten. Aber wir sind nicht so einsam hier, wie wir dachten. Kaum sitzen wir zu zweit an unserem Campingtisch vor unserem Kleinbus und trinken den in der Wüstenluft so erfrischenden heißen Tee, erscheint hinter einer Wegebiegung nach und nach eine Schafherde. In scheinbar ziellosen »Zick-Zack«-Bewegungen nähert sie sich langsam – es soll wohl so scheinen, als seien der Hirte und sein Vieh nur durch Zufall in unsere Nähe gekommen. Aber die Neugierde wird, verständlicherweise, stärker. Doch er wagt es nicht, während wir essen, direkt zu uns zu kommen, denn die Mahlzeit gilt dem Algerier als heilig, nie wird er einen Essenden stören, denn das könnte missverstanden werden: er müsste aus Gründen der Höflichkeit und Gastfreundschaft eingeladen und bewirtet werden. Aber kaum sind wir fertig – zur großen Freude unseres Schäfers –, steht er schon an unserem Tisch. Zuerst sagt er nichts, wir nicken uns ruhig und gelassen-freundlich zu, bis die ersten Grußworte getauscht werden können:

„As-salam`Allah`ik`m“ – „Gottes Friede sei mit Euch“,

„Le-bes, culche le-bes“ grüßen wir in unserem miserablen `Küchenarabisch' – und dann auch noch in dem vernuschelten Tonfall des Maghreb. Aber er spricht gut Französisch; so kommen wir ins Gespräch.

„Ihr seid keine Franzosen?“

„Nein, Deutsche!“

„Das ist gut! Ihr seid unsere Freunde. Diese französischen Hunde... Wir habe hier ihre Flugzeuge abgeschossen – mit dem MG!“

Er erzählt uns, dass er schon im Zweiten Weltkrieg in der Fremdenlegion gekämpft hatte. Er desertierte und schloss sich der FLN an, kämpfte in seiner Heimatregion in Südostalgerien gegen die Kolonialmacht; es war für ihn eine Fortführung immer noch des gleichen Kampfes, nun aber auf der anderen Seite, für das eigene Volk, gegen Frankreich.

Und später: „Wie geht es Hitler? Er hat doch die Franzosen kaputt gemacht. Ich musste zwar in der französischen Armee kämpfen. Aber die Deutschen waren unsere eigentlichen Freunde.“

Nur sehr schwer ist es ihm zu erklären, dass der Krieg endgültig vorbei, und die Deutschen geschlagen sind, dass dennoch der Kampf der FLN erfolgreich war und dass Algerien nun ein unabhängiger Staat ist. Auch: dass sich in Deutschland und Europa die politische Lage grundlegend geändert hat.

Aber: dass Deutschland nun mit Frankreich verbündet ist, verschweigen wir ihm wohlweislich!

Er müsse uns jetzt ein Gastgeschenk machen. Mit einem schnellen Sprung wirft er sich auf eine Ziege – die Szene ist so überraschend wie zunächst komisch – und umklammert sie mit beiden Armen.

„Habt Ihr ein Gefäß?“

Wir geben ihm einen unserer Kochtöpfe.

Mit geübtem Griff melkt er das Tier und überreicht uns den vollen Topf mit Ziegenmilch. Für unsere mitteleuropäisch verwöhnten Gaumen ist sie zwar kein besonderer Leckerbissen, sie riecht recht streng und liegt schwer im Magen. Mit dem Rest kochen wir später noch einen Vanillepudding mit einem exquisiten Ziegengeschmack, den sich die Firmenküchen von Dr. Oetker oder anderen Puddingpulverherstellern wohl kaum vorstellen können! Doch trinken wir zunächst gemeinsam den Schluck Milch und lassen uns nichts weiter anmerken, und wir danken unserem Ziegenhirten überschwänglich.

„Kommt doch am kommenden Montag zu uns zum Suk in Ras-el-Euch!“ Das sei ein großer Wochenmarkt. Die ganze Umgebung käme zusammen. Viele Herden, Kamele, Camions – die kleinen französische ‚pick up‘-Lieferwagen der Landbevölkerung. Dann wolle er für uns einen Hammel schlachten. Seine Frau werde uns dazu Rosenwasser bringen. Wir würden über Nacht bei ihm bleiben und feiern – beim Suk in Ras-el-Euch.

Nur sehr vorsichtig, um ihn nicht zu kränken, müssen wir ihm erklären, dass uns Termine drängen, dass wir bis Montag wieder in Batna sein müssten. So scheiden wir als Freunde.

Wir fahren dennoch nach Ras-el-Euch, wenn auch einige Tage vor dem Termin unserer Einladung, denn unsere Neugier ist geweckt. Auf der Straßenkarte erscheint der Ort mit der Burgsignatur, was den Namen »Ras« bestätigt, völlig isoliert auf einer weiten Gebirgshochfläche in den Nemencha-Bergen. Vier Pisten aus den vier Himmelsrichtungen treffen sich an diesem Ort, der gleichweit von den Siedlungs- und Weidegebieten der benachbarten Halbnomadenstämme, sicherlich recht geeignet für den wöchentlichen Suk.

Wir sind recht gespannt, was uns in Ras-el-Euch erwarten wird. Ein Dorf, ein Marktflecken, eine Oase oder ein Festungsbezirk? Die Piste, die uns von Südwesten nach Ras-el-Euch führt, wird immer schmaler, unwegsamer, sicherlich nur sehr sporadisch befahren. Stellenweise muss unser VW-Bus über stufenartige Felsbänder in der Spur »klettern«. Nur einige wenige Trockenbüsche und die übliche sporadische Steppenvegetation ist zu sehen, gerade ausreichen, um Vorüberziehenden Schafherden etwas Nahrung zu bieten.

Keine Siedlung und zunächst noch keine Spuren menschlichen Lebens. Wir nähern uns dem breiten Trockental, das uns nordwärts nach Ras-el-Euch führen soll. Dort ist der Boden etwas feuchter und die Vegetation etwas dichter. Als wir das Tal erreichen, ist das Schotterbett jedoch völlig ausgetrocknet. Auf einer halsbrecherischen Abfahrt über das Steilufer des Oued (alg. für `wadi') gelangen wir zu der Piste im Tal, die uns etwas riskant um größere Steine, Schotterhaufen und gefährliche Sandanwehungen herum führt.

In der Nähe etwas abseits der Piste erscheinen einige Nomadenzelte. In der Mittagshitze ist von den Bewohnern nichts zu sehen. Aber einige scharfe, ausgemergelte Hunde springen auf uns zu und versuchen, unseren Wagen zu schnappen oder zu verjagen. An einer unsichtbaren Grenze in einigem Abstand von den Zelten, an denen wir nun vorüber gefahren sind, lassen sie plötzlich und schlagartig von uns ab und trollen sich zurück zu den Zelten.

Diese Wachhunde, die schnellen, hochbeinigen und abgemagerten Slugis, mit denen wir auch andernorts einige Abenteuer zu erleben hatten, sind äußerst gefährlich und gefürchtet. Nur durch gezielte Stein- und Knüppelwürfe gelingt es, sie für einige Zeit in respektvoller Entfernung zu halten, bis der Zeltbewohner mit dem Wurf eines dicken Holzknüppels über den Hunderücken die Tiere verjagt, die sich nun angstvoll verkriechen. Nur auf diese Art kann sich auch der Besitzer Respekt verschaffen. Zuwendung erfahren diese Tiere in Algerien nicht; ihre Wachsamkeit wird von den Nomaden genutzt, doch begegnet man ihnen in einer Mischung von Ekel, Furcht und Respekt. Sie müssen sich von den meist kärglichen Abfällen des nomadischen Haushaltes und von wilden Kleintieren ernähren. So bestehen sie fast nur aus Knochen, Sehnen und zähem, ungepflegtem Fell: wohl das, was unsere Redensart als ein »Hundeleben« kennt.

Nun geht es noch einige Kilometer aufwärts im Tal des Trockenflusses, und dann sind wir im gelobten Ras-el-Euch. Doch heute ist kein Suk. Die Karte zeigte eine kleine Quelle im Ort: eine halb ausgetrocknete Wasserstelle mit einigen Sträuchern rund herum bildet wirklich den Mittelpunkt von Ras-el-Euch. Drei bis vier kärgliche Dattelpalmen sind zu sehen; ein Esel steht an der Tränke und ein kleiner, höchstens sechsjähriger Junge steht bei seiner kleinen Schafherde, die im spärlichen Grün weidet. Ras-el-Euch? Eine halbverfallene Bordj – ein aus Mauerwerk errichteter Schutzraum für den hiesigen Nomadenstamm – aus hellen Lehmziegeln, kaum zwanzig Meter im Quadrat, ist wohl im Algerienkrieg aufgegeben und zerstört worden, so dass nur noch ein kaum noch überall mannshoher Mauerring den Ort kenntlich macht.

Hier wohnen keine Menschen mehr. Es ist nur noch eine windgeschützte Übernachtungsstelle dicht an der Wasserstelle für vorbeiziehende Herden des Stammes der Nemencha-Nomaden und eben der Ort für den wöchentlichen Markt.

Ab und zu trifft man sich mit den anderen Familien des Stammes zu langen Gesprächen, zum gemeinsamen Essen und Rauchen bis spät in die Nacht. Man muss hier Zeit und Ruhe haben, um überleben zu können. Sicher, auch einiges Vieh wechselt dabei seinen Besitzer. Tauschgeschäfte sind häufiger als Geldhandel, wenn nicht vielleicht einmal der fahrende Topfhändler aus Khenchela vorbei kommt mit seiner Auswahl an Plastikeimern, Metalltöpfen, Blechgeschirr, die das traditionelle Töpferhandwerk weitgehend verdrängt haben.

Andere Händler bringen Stoffe und Werkzeuge. Der Umsatz ist hier nicht hoch, zu gering sind die eigenen Verdienstmöglichkeiten der einheimischen Bevölkerung mit Wolle, Teppichen und Schafmilchprodukten. So wird tagsüber hier gehandelt wie an vielen Orten am Rande der Wüste. Hier ist es der Suk von Ras-el-Euch.

Stellen wir diese Erlebnisse in einen größeren Rahmen, wird einiges bezeichnende sehr deutlich. 1967 war Algerien ein Staat, in dem die Schrecken des antikolonialistischen Befreiungskampfes mit dem Vertrag von Evian 1962 vorüber waren; ein optimistisches Atemholen auf der einen Seite, in den Städten und an der Küste, und die Rückkehr in ein trügerisches Gefühl der Sicherheit und Ungestörtheit in der traditionellen ländlichen Lebensform in den südlichen Gebieten des Landes verstellten den Blick darauf, dass die grundlegenden Probleme der algerischen Gesellschaft, die sich das Bewusstsein einer gemeinsamen nationalen Identität erst durch den gemeinsamen Kampf errungen hatte ohne weitere historische Wurzeln, die eine kulturelle oder »ethnische« Zusammengehörigkeit begründen könnte, durch die Gründung des Staates und die Etablierung der Klasse der alten Kämpfer der FLN als Regierungs- und Herrschaftsschicht nicht gelöst waren und ohne grundlegende Neuorientierungen auch nicht gelöst werden konnten.

Hier geht es jetzt nicht darum, die Hoffnungen, die das algerische Modell zeitweilig weckte, oder das Versagen der Staats- und Gesellschaftsordnung, das wir im gewalttätig aufbrechenden Antagonismus des westlich orientierten Bürgertums, der Oberschicht und des Militärs, der FLN, auf der einen Seite und der in den deklassierten und verelendeten Slum- und Landbevölkerungen wurzelnden Islamischen Heilsfront andererseits, zu analysieren und auf unsere Erlebnisse zu projizieren. Schriften wie die von Bassam Tibi oder Rufin geben dafür umfassende und aus der eigenen Anschauung entwickelte Erklärungsansätze.

Vierzehn Jahre später habe ich Algerien mit einer Schülergruppe wieder besucht. Zwei wesentliche Eindrücke konnte ich dabei festhalten. Einmal war die menschliche Qualität des Reisens wieder und immer noch überwältigend. Die – sei es nun arabische, berberische oder islamische – Kultur der Mitmenschlichkeit, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft half über Versorgungsmängel oder Gesundheitsprobleme in der Reisegruppe hinweg (an anderer Stelle werde ich auch hier noch über einige konkrete Erlebnisse berichten); doch auf der anderen Seite hatte sich das Land auch grundlegend gewandelt. Die Disparitäten in der gesellschaftlichen wie der regionalen Entwicklung wurden überdeutlich.

In Algier und auch in Mittelstädten wie Batna oder der Oasenstadt Biskra – die vierzehn Jahre zuvor Standorte und Ausgangspunkte unserer geographischen Untersuchungen in Ostalgerien gewesen waren – dominierten Zeichen einer hektischen Entwicklung zu Konsum, Markt, städtebaulicher »Modernisierung« auch auf Kosten gewachsener und bewährter Strukturen; die Verkehrsdichte hatte erschreckend zugenommen. Zwar waren Bilder wie in den Zentren von Tunis oder Rabat und Tanger noch nicht die Regel, doch war eine Anpassung an eine globalisierte (oder auch »verwestlichte«) Massen- und Konsumkultur unverkennbar. Auf der anderen Seite trafen wir jetzt nicht nur auf die erwartete Armut in einem armen Land, sondern auf Verelendung und Marginalisierung. Die politischen und gesellschaftlichen Wurzeln der »Ideologien des Bruchs« mit der Kultur der Industrieländer (Rufin) sind unmittelbar erlebbar, aber auch die neuen gesellschaftlichen Konflikte, die sich daraus ergeben, dass diese Ideologie des Bruchs auch ein Bruch mit den eigenen zivilisatorischen Traditionen und Standards ist (Tibi), erscheint evident.

Das ganze Spektrum der Probleme des Kulturkontaktes und des Interkulturellen Lernens scheint an diesem Beispiel auf. Es sein nur ganz kurz angerissen, da wir später, mit weiterem neuen Material dieses intensiver noch analysieren und auswerten wollen.

Haltungen, Meinungen und Wertorientierungen sind biographisch verwurzelt. Nur durch Kenntnis und Verständnis der konkreten biographischen Hintergründe werden sonst unverständliche oder auch abzulehnende Realitätsdeutungen verständlich – wie die Frage des Hirten nach dem Wohlergehen Hitlers oder die Ursachen der Ideologien des Bruches, die, wie Rufin darlegt, entsprechende politische Brüche, Distanzierungen und Ängste in den Industrieländern selbst spiegelt.

Der rationale Diskurs wiegt zunächst gering gegenüber dem Gewicht der eigenen Biographie. So verbietet sich missionarisches Auftreten gegenüber Gästen oder Gastgebern von selbst. Was aber durchaus nicht Aufgabe eigener bewährter und distanziert revidierbarer Urteile und Werte bedeutet, auch nicht oberflächlich-desinteressierten Kulturrelativismus. Das Gespräch selbst, der Kontakt und der eigene Wunsch zu lernen sind nicht nur Medium sondern weitgehend schon Ziel des Interkulturellen Lernens, zu dem auch das Erlernen der Innensicht fremder Lebenswelten gehört. Landschaften und Orte haben Bedeutungen: für uns als Reisende und andere für die Menschen, deren alltägliche Umwelt sie darstellen. Gerade aber der Diskurs über die Bedeutung von Orten, ihren Stellenwert in der gesellschaftlichen Wahrnehmung, ihre Symbolik, eröffnet Gespräch und Verständnis – und sei es in Ras-el-Euch. (Vgl. auch den Algerien-Reisebericht auf dieser Website:Notizen und Skizzen zu einer Autobiographie: Die Algerienreise 1967.)

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Siesta unter den Palmen bei Biskra, Algerien 1981. Die Mittagshitze von über 40° C im Schatten ist Grund genug für eine Rast. Wir packen unsere Bastmatten aus und legen uns in den Schatten der hohen Dattelpalmen der Oase. Um uns herum nur Ruhe, die Geschäftigkeit des Morgens ist vergessen, nur das Summen von Mücken und anderen Insekten, das Rascheln der Käfer im trockenen Laub am Boden, die Ameisen, die in langen Zügen auf ihren immer gleichen Wegen Zweigstückchen, Blattfragmente und anderes zu ihren Bauten im Boden bringen, wecken immer wieder unsere Aufmerksamkeit; es sind die in der feuchteren Oasenluft immer wieder zu beobachtenden Begleiter des Wüstenreisenden, mit Skepsis und auch einer gewissen Furcht vor Stichen, Bissen und Infektionen beobachtet...

Doch die Trägheit und Müdigkeit siegt, und wir verfallen in eine bleierne Mittagsruhe zwischen Schlaf und Wachen. Gegen die Hitze kann ab und zu ein angefeuchtetes Handtuch, über die Stirn gelegt oder als Turban um den Kopf geschlungen, helfen.

Ein dumpf brummendes Fahrgeräusch, das die Ruhe auf allen Straßen plötzlich unterbricht, lässt uns die Augen wieder öffnen. In eine dichte Staubwolke gehüllt nähert sich ein übergroßer LKW aus dem Fernverkehr. Doch etwas unerwartetes geschieht. Das Fahrzeug bleibt nicht auf der Straße sondern lenkt in einer scharfen Kurve zwischen die Palmen, gerade auf uns zu, was uns doch augenblicklich einiges Unbehagen verursacht. Dicht neben uns kommt der LKW zum stehen und die Fahrertür öffnet sich. Der ‚Trucker‘, der nun aussteigt und zu uns herüber kommt, scheint kaum achtzehn Jahre alt zu sein, klein, zierliche Figur und völlig verschwitzt: sicherlich nicht das, was wir uns von einem Fernfahrer durch die Wüste vorgestellt hatten...

Was wir noch weniger erwartet hatten: er spricht uns auf Deutsch an. Nach den üblichen höflichen Begrüßungen hockt er sich zu uns und beginnt zu erzählen. Von der Straße aus hat er unsere zwei weißen VW-Busse gesehen und gleich vermutet, dass wir deutsche Touristen seien. Schon lange hätte er keine Gelegenheit mehr gehabt, sich in deutscher Sprache zu unterhalten, was er sehr vermisst hätte.

Woher er diese Sprachkenntnisse habe? Nein, nicht aus der Schule. Als Kind wohnte er mit seinen Eltern in der Stadt gerade neben einer deutschen Familie, die – wenn ich es richtig erinnere – als Techniker oder Ingenieure in Algerien tätig waren. Einfach so, im Spiel mit den deutschen Kindern, hat er sich einige deutsche Sprachkenntnisse angeeignet. Es ist überraschend, dass er jetzt, Jahre danach, noch eine flüssige Unterhaltung in dieser Fremdsprache führen konnte.

Solchen nahezu natürlichen Fremdsprachenerwerb aus der täglichen Praxis heraus können wir in unserem schulischen Fremdsprachenunterricht nicht vermitteln. Was aber noch denkenswerter zu sein scheint, ist, dass gerade dieser alltägliche Spracherwerb nicht die Freude am Sprachenlernen vermindert sondern, im Gegenteil, Spaß am Sprechen, sich miteinander in der Fremdsprache zu unterhalten, vermittelt.

Die Freude unseres ‚Truckers‘, wieder eine deutsche Unterhaltung führen zu können, war ganz spontan und unmittelbar empfunden. Was machen wir in unserem Schulsystem falsch, dass jahrelanger Sprachunterricht bei vielen Schülerinnen und Schülern die Freude am Sprachenlernen vergällt und letztlich sogar die Fähigkeit, sich Sprachen anzueignen mindert? Ich denke, dass diese kontraproduktive Funktion des Schulunterrichts nicht nur in den fremdsprachlichen Fächern, sondern in eigentlich jedem ‚wichtigen‘ (und das heißt: versetzungs- und abschlusswichtigen) Fach zu beobachten ist.

Dies bestätigt die ‚klassische‘ pessimistische Bestandsaufnahme von Ivan Illich, der als Konsequenz daraus die »Entschulung der Gesellschaft« fordert. Die tiefe strukturelle `Krankheit' unseres Schulwesens lässt eine solche radikale Therapie doch mindestens diskussionswürdig erscheinen. Leider sind ja nicht nur die Ansätze von Illich, sondern auch die Rezeptionsversuche durch von Hentig wieder beinahe gänzlich aus der bildungspolitischen Diskussion verschwunden.

Aber gerade, wenn es um geeignete Lernsituationen für das Interkulturelle Lernen geht, sollte unser Blick sehr deutlich auf die tatsächlichen Folgen des Schulunterrichts gerichtet werden: auf den tatsächlichen Abbau von sozialer Kompetenz, auf die Demotivation, die Schule ihren eigenen Anliegen gegenüber fördert, auf die kommunikativen Mängel und die psychischen Blockierungen, die durch die Schule selbst aufgebaut werden. Vor dem Erfolg Interkulturellen Lernens steht die Notwendigkeit, unser Schulsystem einer kritischen Revision zu unterziehen.

Unsere Begegnung in Biskra vermittelte uns darüber hinaus aber noch andere Einblicke in die gesellschaftlichen Lebensbedingungen in Algerien. Der ‚Trucker‘ ist ein ‚moderner‘ Beruf, der nicht nur in seiner ökonomischen Funktion dem ‚modernen Sektor' – über die Problematik dieser Begrifflichkeit muss an anderer Stelle Grundsätzliches ausgesagt werden – zugeordnet ist, sondern in der Struktur der Tätigkeit an der Maschine und im Straßenverkehr, im Transsaharaverkehr auch grenzüberschreitende internationale Erfahrungen vermittelnd, das Bewusstsein der Arbeiter prägt. Doch kann dieser Beruf auch an die Traditionen der Weltoffenheit der traditionellen Karawanenführer anknüpfen. Dass das keine Spekulation ist, zeigt sich daran, dass ein wesentlicher Teil des Transsaharaverkehrs in den Händen der Spediteure aus dem M‘Zab, der „Fünf-Oasen-Stadt“ der Ibaditen um Ghardaia und Beni Isguen in der zentralen Sahara liegt, die früher wichtige Karawanenhalter gewesen sind.

Durch diese Überlegungen wird deutlich, wie vielschichtig zivilisatorische Veränderungen ablaufen und dass antagonistische Gesellschaftsvorstellungen von ‚traditionellen‘ und ‚modernen‘ Entwicklungsstufen nicht taugen. Die ‚Modernität‘ der angeblich ‚traditionellen Lebensformen‘ sollte deutlicher erkannt und betont werden. Es lag im kolonialen Interesse und es liegt weiterhin im Interesse der ökonomisch herrschenden Industrieländer, diesen postulierten ‚Modernisierungsgegensatz‘ zu betonen oder gar erst im Sinne einer self-fulfilling prophecy zu erzeugen (vgl. die Analysen über den Orientalismus von Said ).

Dennoch ist festzuhalten, dass der soziale Status von einzelnen Berufen in Ländern mit unterschiedlichen sozioökonomischen Strukturen und Problemlagen recht unterschiedlich eingeschätzt wird. Während bei uns in Deutschland Angehörige des Verkehrsgewerbes – LKW-Fahrer, Bus- und Taxifahrer, Straßenbahnfahrer etc. – als überwiegend „ungelernte Arbeiter“ recht weit unten auf der sozialen Ansehensskala stehen, ist ihr Ansehen in den ärmeren Ländern des „Südens“ sehr viel höher, ihrer gesellschaftlichen und ökonomischen Bedeutung entsprechend. Dieses Ansehen setzt sich jedoch nicht gleichermaßen in Einkommens- und Aufstiegschancen um, auch nicht in akzeptablen Arbeitsbedingungen.

Unser algerischer ‚Trucker‘ war darauf angewiesen, nahezu ununterbrochen im ‚Ein-Mann-Verkehr‘ die große Saharatour zu fahren, Woche für Woche, Monat für Monat, bei unerträglicher Hitze, ohne funktionierende Klimaanlage... Das Gehalt betrug im Monat umgerechnet einige hundert Mark. Wie lange ein Mensch diese Arbeit gesundheitlich durchstehen kann, darüber sind nur Spekulationen möglich. Eine funktionierende Alterssicherung gibt es in Algerien nicht; diese Aufgabe muss, wenn vorhanden, die Familie übernehmen, wie auch jeder Arbeiter für eine ganze Reihe von Personen in seiner Familie finanziell verantwortlich ist. Dennoch betraf die einzige Klage die fast unerträgliche Hitze – und dagegen können wir alle nichts tun...

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Eghlid in Iran, 1974. Der Zusammenbruch des Šah-Regimes deutet sich überall an, der Zerfall des Landes ist fast mit Händen zu greifen. Meine zweite Iran-Reise, diesmal mit einigen Schülern, öffnete Gesprächsmöglichkeiten in verschiedenen sozialen Schichten.

Gerade bei den Akademikern, sei es im Wirtschaftsministerium in Tehran oder in der Landwirtschaftlichen Versuchsanstalt in Karadj war schon bei der ersten Reise 1970 die vernichtende Analyse des politischen Zustandes dieses Landes klar, ebenso, dass eine Revolution bevorstand.

1974 wurde in vielen Gesprächen auch deutlich, welche Rolle die islamische Orientierung bei der Überwindung des korrupten Systems spielen wird: die ersten Anzeichen der Ideologien des Bruchs.

Abendliche Gespräche in den Weingärten der kleinen landwirtschaftlichen Stadt in der Provinz Fars zwischen Esfahan und Shiraz. Vor dem Nachtwind geschützt durch eine niedrige Mauer aus unbehauenen Steinen brennt ein offenes Feuer. Der Teekessel siedet vor sich hin und wir genießen den heißen schwarzen Tee, denn die Nächte werden im Gebirge doch recht kühl.

Unsere Freunde berichten über ihr Leben, über ihre Hoffnungen und Ziele. Besonders beeindruckten uns die Träume eines Medizinstudenten an der Universität Shiraz. Er sieht das Elend der Landbevölkerung um sich, die mangelnde Hygiene, die fehlende medizinische Grundversorgung. Obwohl er schon beste Examensergebnisse vorzuweisen hat, wird er nicht die Angebote der Kliniken in der Stadt annehmen, das widerspricht seiner sozialen Verantwortung, auch seinem festen religiösen Glauben. Intelligenz und Integrität und eine feste soziale Wertorientierung lassen seine Berufsperspektive eines Landarztes, der in seiner Region die medizinische Grundversorgung aufbauen und gleichzeitig hygienische und medizinische Aufklärung bei der Landbevölkerung betreiben will, glaubhaft erscheinen...

...die islamische Revolution, so berichtet mir ein Freund, der zum zweiten mal und jetzt wohl für immer aus politischen Gründen aus Iran emigrieren musste, die Revolution findet ihn als Pasdaran an ihrer Seite, radikal, unerbittlich. Seine Familie ist auseinander gerissen, emigriert, verfeindet...

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Scheingefechte werden geführt um den Begriff der »Identität«. Politische Identität, kulturelle Identität, gesellschaftliche Identität: mit jedem dieser Begriffe wird suggeriert, da sei etwas Reales, Schützenswertes, für Funktionieren und Zusammenhalt der Gesellschaft Notwendiges, in dem sich eine Einheit von objektiver Situation und subjektiver Vergewisserung der eigenen gesellschaftlichen Existenz manifestiert.

Mit dem mythologischen Charakter dieses kollektiven Identitätsbegriffes ist zu erweisen, dass es sich hier vor allem um eine begriffliche »Modernisierung« alter Ideologeme wie Volkstum, nationale Mentalität, Ethnizität handelt. Diese Begrifflichkeit entstammt vorrationalem Denken und hatte die Funktion, durch Herkunftsmythen gesellschaftliche Strukturen und damit auch Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu sichern und zu legitimieren.

Mit dem Postulat, die nationale und kulturelle Identität schützen zu müssen, wird eine Herrschaftslegende aufgestellt, die behauptet, es gäbe das unverwechselbare Eigene, welches das – deutsche, europäische oder sonstige – Staatsvolk bezeichnet, eignet und sicher abgrenzt.

Der Blick in die Geschichte mit ihrer unablässigen Folge von Migrationen, Grenzverschiebungen, mit ihrem grundlegenden Wechsel von gesellschaftlichen Verfassungen und sozialen Ordnungen zeigt den ideologischen Charakter dieses Identitäts-Konzeptes nur zu gut.

Was eignet die Gesellschaft nun tatsächlich? Es ist der sich unablässig weiter entwickelnde, modifizierende Schatz kollektiver Erfahrungen aus der Geschichte, der sich im Zivilisationsprozess (vgl. Elias ) in Alltagsverhalten umsetzt. Diese politische Alltagskultur ist weder eine deterministische, starre Struktur, die dem Identitätspostulat entsprechen könnte, noch ist sie eindeutig und widerspruchsfrei.

Die politische Kultur bietet erprobte Alltagsverhaltensweisen, Alltagsrituale, bewährte Kommunikationsmodalitäten und bevorzugte Situationsdeutungen an. Sie verbindet das mit dem Bewusstsein über gültige Werte und Normen. Insofern sind durchaus Unterschiede im Umgang sowohl mit alltäglichen Situationen wie mit Krisen zu beobachten. Beispiele im Vergleich der Alltagskultur zwischen den westeuropäischen Gesellschaften und z.B. Polen, aber auch im Vergleich mitteleuropäischer Krisenlösungskonzepte und nahöstlich-orientalischem Umgang mit gesellschaftlichen Problemen (vgl. die Untersuchung des Verschwörungsgedankens in der arabischen Welt durch Bassam Tibi ), machen dies evident.

Der Unterschied zu dem Identitätsbegriff liegt aber darin, dass hier keine (»natürliche«) Verhaltensdetermination existiert, sondern dass es sich um situativ differenzierte gesellschaftliche Angebote an handlungsleitenden Deutungsmustern, Symbolen und Zeichen handelt, die vom Einzelnen vor dem Hintergrund seiner eigenen Biographie, seines eigenen Lebenskonzeptes rezipiert und genutzt werden kann. Dieses Bewusstsein von der Freiheit des gesellschaftlichen Handelns, das durch ein Analysekonzept, das sich am symbolischen Interaktionismus orientiert, ist, wie Treuheit/Otten deutlich herausgearbeitet haben, eine tragfähige Basis für interaktionistische Konzepte des Interkulturellen Lernens.

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Welche kulturelle Grundbestände gilt es im Interkulturellen Lernen zu schützen? Der Reichtum der Realitätsdeutungen und Situationsdefinitionen, die Multiplizität möglicher Verhaltensformen und Krisenbewältigungen ist insgesamt der Erfahrungsschatz der Menschheitsgeschichte, fern aller Willkürlichkeit und fern allen Oktrois. Kulturelle Vielfalt ist ebenso wichtig zum Erhalt der menschlichen Lebensform wie der Erhalt der natürlichen Arten und Lebensräume. Doch wäre es verfehlt, in der Vielfalt nur retrospektiv museal zu bewahrende »Kulturen« zu verstehen, auf die wie auf »feste Größen« zurückgegriffen werden könne.

Kultur existiert, entsteht und bewahrt sich nur im praktischen gesellschaftlichen Leben und im Kontakt mit differenzierten und wandelbaren Realitäten. Jede Generation muss im Prozess der Enkulturation sich den Erfahrungsschatz der eigenen politischen Kultur und des eigenen, d.h. aus seiner konkreten sozialen Umwelt gewonnenen Systems der Situationsdefinitionen, Werte und Normen aneignen. Jede Aneignung bedeutet aber auch in der eigenen Existenz neu konstituieren und deren eigenen Biographie entsprechend abzuwandeln und weiter zu entwickeln. Zivilisation und politische Kultur sind nicht als Struktur oder fester set von Wirkungsgrößen zu verstehen sondern als Prozess, der sich in den Biographien der einzelnen Menschen verwirklicht und konkretisiert.

Maßstab des Erfolges oder Misserfolges der Enkulturation und des gesellschaftlich tradierten Verhaltensrepertoires ist die konkrete Biographie. Wenn wir von Identitäten sprechen, meinen wir die personale Identität, die sich in der konkreten Biographie ausdrückt. Hier hat die Identität – als psychologische Begrifflichkeit verstanden – die postulierte Funktion, das »Eigentliche« und Unverwechselbare der Person zu bezeichnen, Sicherheit und Selbstsicherheit zu vermitteln und die Grenzen eigener Verhaltensspielräume erfahrbar zu machen.

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Wagen wir es, einige Aspekte der Interkulturellen Bildung festzuhalten. Zunächst ist Interkulturelle Bildung ebenso wenig wie die bis heute grässlich ideologisch missbrauchte „Grundbildung“ eine Ansammlung von Kenntnissen, Lerninhalten und Faktenwissen.

Interkulturelle Bildung ist wie jede Bildung eine der Person eigene Haltung und Fähigkeit, mit der Realität umgehen zu können. Interkulturelle Bildung ist die Fähigkeit, Interkulturelles Lernen durch Erlebnis, Erfahrung und Interpretation immer neu zu bestimmen und im Interkulturellen Diskurs zu entwickeln und anzueignen.

Indem wir in dieser Weise einen dynamischen Bildungsbegriff zugrunde legen, der unabhängig ist von den traditionellen Formen des institutionalisierten Lernens, ist es auch möglich, in den verschiedenen Formen des Lernens und der Enkulturation selbst einen Ansatz Interkulturellen Lernens zu entdecken. Die unmittelbare Erfahrung des Bildungswillens und des Hungers nach Lernen in Gesellschaften mit weniger verfestigten schulischen Institutionen, auf die Ivan Illich seine Forderung nach einer „Entschulung der Gesellschaft“ zurückführt, bereichert unsere Diskussion um eine grundsätzliche Reform unseres Bildungswesens, das wieder auf die Achtung der Dignität der individuellen Biographien verwiesen werden muss.

Der Erfolg Interkulturellen Lernens liegt weder im musealen Schutz katalogisierter Folklore noch in einer Universalisierung der herrschenden sozio-ökonomischen Lebensformen der Industrieländer, in denen selbst durch Monetarisierung und Ökonomisierung vieles des eigenen Reichtums an historischen Erfahrungen verloren gegangen ist und ersetzt wird durch inhaltsleere Beschwörungen einer egalisierten Nationalgeschichte...

An die Stelle der Authentizität der gelebten Kultur und der authentischen politischen Kultur tritt wieder das durch Herrschaftsmedien vermittelte Surrogat des Nationalbewusstseins und des angstbesetzten Abgrenzungsverhaltens.

Hannover 1994

Inhalt

Iran / Doğubayazit/Bazargan 1970

Suk in Ras-el-Euch, Algerien 1967

Siesta unter den Palmen bei Biskra, Algerien 1981

Eghlid in Iran, 1974

Dokument Information:

Erinnert und verfasst 1994-2008; Stand der Textfassung: 26.09.2011
Internetpublikation auf http://www.voigt-bismarckschule.de
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009), Potsdamer Str. 20, 30952 Ronnenberg / Region Hannover
Kontakt siehe Impressum.

   
   

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bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 25.12.2008 / 06.12.2009

Letzte Bearbeitung: 22.02.2012

   
   

 

     
   

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Texte aus der der Verbandszeitschrift »politik unterricht aktuell« unter www.pu-aktuell.de
Info über die Verbandstätigkeit unter: http://www.politiklehrerverband.org