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Ahnen und Vorfahren
Louis „Hottel “
Bonnet
Ludwig Georg Bonnet aus
Meisenheim am Glan
17.5.1803 – 12.4.1879
Seifensiedergeselle,
Posthalter und Gastronom „Zum goldenen Pflug“ in Meisenheim
verheiratet mit Elisabeth Bonnet, geborene Hohl, 1806-1847
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Ein interessantes Dokument zur Geschichte des Handwerks und
indirekt auch zur politisch-staatlichen Situation in Deutschland in der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist das erhaltene
„Wanderbuch“ des
Seifensiedergesellen Louis Bonnet aus Meisenheim am Glan.
Die Familie Bonnet, die mit vielen Zweigen in Meisenheim
und anderen Orten des linksrheinischen Gebietes der ehemaligen Grafschaft
Pfalz-Zweibrücken eine große Rolle spielte, stammt, wie aus dem
Namen schon zu ersehen, ursprünglich aus Frankreich.
Im 16. Jahrhundert kam Isaak Bonnet als
protestantischer Hugenotte auf der Flucht vor der zweiten
Hugenottenverfolgung in Frankreich unter dem französischen König
Louis XIV. aus Couralles bei Metz nach Meisenheim am Glan, wo
er Adjutant des Herzogs Wolfgang von Pfalz-Zweibrücken war, dessen
Grab noch heute in der Schlosskirche in Meisenheim besichtigt werden kann.
Doch diese ältere Familiengeschichte soll an dieser Stelle
nicht weiter ausgebreitet werden, denn unsere Aufmerksamkeit gilt Louis
Bonnet, dem „Ur-Ur-Großvater“ des Verfassers dieser Zeilen. Wir werden
die folgenden Zeitläufte in der Familie Bonnet nur exkursorisch
überbrücken, um damit Kontexte herzustellen. Von den fünf Kindern des
Isaak Bonnet blieben, wie alte Stammbäume und unvollständige
Überlieferungen andeuten – über seine Frau ist nichts weiter bekannt –,
die beiden Töchter in einem Kloster in Frankreich, zwei Söhne in anderen
Orten – und auch von ihnen ist in unserem Zusammenhang nichts mehr zu
berichten –, und nur der mittlere Sohn Johann Philipp Bonnet
(1580-1642) führte dann den Familienzweig der Bonnets in Meisenheim fort.
Es folgt sein Sohn Philipp Bonnet (geb. 1622).
Johann David Bonnet (1667 -
31.12.1734) festigte als Schneider und „Handelsmann" dann in Meisenheim
die bürgerlichen Charakteristiken des Hauses Bonnet. Erst von hier an wird
der Familienstammbaum differenzierter und aussagekräftiger: die Familie
ist in die Gesellschaft des sich entwickelnden Meisenheims integriert und
übernimmt eine etablierte soziale Position. Die biblischen Taufnamen der
ersten Generationen der Bonnets verweisen noch sehr deutlich auf die
christliche Verwurzelung der protestantischen Hugenotten als ehemals
Verfolgte und als Glaubensflüchtlinge.
Johann David Bonnet baut wohl
auch das Haus in der Innenstadt, in dem die Familie Bonnet dann rund
zweihundert Jahre wohnte. Sein Sohn, sechstes von sieben Kindern,
Johann Wilhelm Bonnet, 18.5.1706 - 31.12.1769) etablierte sich nach
einer Bäcker-Lehre als Bierbrauer und Gastronom in der Gaststätte „Zum
goldenen Pflug“ in Meisenheim, die später dann auch Louis Bonnet
gehörte.
Typisch für das damalige kleinbürgerliche Bürgertum war
hier wohl, dass am Anfang einer männlichen Berufsbiografie eine solide, im
Ort anerkannte handwerkliche Ausbildung als Lehrling und Geselle mit den
entsprechenden Prüfungen stand, dass dann aber nicht der Handwerksmeister
Lebensziel war, sondern der Handel, zu dem in dieser Familie auch die
Gastronomie, das heißt im weiteren Sinne ein Dienstleistungsberuf gehört.
Diese „modernere“ Orientierung, die ganz bestimmte gesellschaftliche
Aufstiegschancen gewährte, ist wiederum typisch für eine Familie, die
einige Generationen zuvor als Immigranten und Minderheit in den Ort
gekommen sind. Auch wenn im weiteren Stammbaum einige Weinbauern
auftreten, die wohl eher als Weingutbesitzer im Anbaugebiet der Nahe
anzusprechen waren, fehlt vor diesem sozialen Hintergrund die
bäuerlich-traditionale Verwurzelung völlig. Auch hier gehören im weiteren
Sinne Mobilität und sozialer Wandel zusammen, aus dem sich auch in eher
ländlichen Kleinstädten ein mittelständisches Bürgertum herausbilden
konnte.
Seit dem Mittelalter war es üblich, dass das Bier – über
Jahrhunderte neben dem teureren Wein notwendiges Grundnahrungsmittel – in
kleinen Hausbrauereien und damit in den sich in der frühen Neuzeit
gründenden Gasthöfen selbst gebraut wurde. So war es auch im schon
erwähnten Gasthof „Zum goldenen Pflug“ in Meisenheim. Ein älterer Bruder
von Johann Wilhelm, Johann Friedrich Bonnet, war ebenfalls
Bierbrauer und besaß die Gastwirtschaft „Zum Hirsch“ in Meisenheim. Es
gibt übrigens auch heute noch „Bonnet Bier“ in Meisenheim, wenn auch wie
überall in Deutschland der Familienbetrieb von einem der großen
Bierkonzerne aufgekauft wurde.
Die Biererzeugung unterlag früher strikten örtlichen
Zunftzwängen, die sich im Mittelalter herausgebildet hatten. Regelungen,
die heute von staatlichen Gesetzen und Verordnungen bestimmt und an ihnen
kontrolliert werden – heute zunehmend auf der Entscheidungsebene der EU! –
waren in den Jahrhunderten zuvor Sache der Zünfte, Gilden und Innungen,
die das städtische Leben vollständig bestimmten. So wird es auch
verständlich, warum erst einer abgeschlossene Handwerkslehre den Zugang
zur beruflichen Existenz in der städtischen Gesellschaft gewährte,
solange die Familie nicht traditionell aus der Oberschicht oder dem Adel
stammte. Die Stammbäume der Familie Bonnet zeigen dann auch, wie deutlich
die über Jahrhunderte andauernde soziale Abgrenzung sowohl nach unter zur
bäuerlichen und ländlichen Bevölkerung als aber auch nach oben zum Adel
hin wirkte.
Eine in der Familie überlieferte Geschichte zeigt, wie die
Familie Bonnet zu „original Meisenheimern“ geworden war. Isaak Bonnet als
französischer „Stammvater“ der Familie sprach sicher seinen Namen noch
französisch aus: Bonnet mit einem kurzen, offenen, unbetonten „o“ in der
ersten Silbe und einem betonten langen „e“ am Ende, ohne dass das „t“
ausgesprochen wurde. Im deutschsprachigen Meisenheim bürgerte sich aber
eine eingedeutschte Aussprache ein mit einem betonten offenen „o“ in der
ersten Silbe und einer unbetonten zweiten Silbe, die etwa so ausgesprochen
wurde wie das deutsche Wort „nett“. Es wird nun erzählt, dass – da die
Zugehörigkeit der Pfalz zu den deutschen Fürstentümern oder zu Frankreich
in dieser Region mehrfach wechselte – bei der letzten französischen
Besetzung die Bonnets in Meisenheim empört reagierten, wenn Franzosen sie
in der gewöhnten französischen Aussprache anredeten – was wohl den einen
oder anderen Konflikt provozierte.
Diese – eigentlich – Nebensächlichkeit ist aber wiederum
bezeichnend für die Situation von Grenzbevölkerungen, bei denen die
Identität eher unsicher bleibt. Von nationaler Identität im heutigen Sinne
kann man wohl schwerlich sprechen. Bei der Familie Bonnet war wohl
zunächst die protestantische Identität durch die Verfolgungssituation in
Frankreich ausschlaggebend – die ganze weitere Familie blieb dann auch bis
ins zwanzigste Jahrhundert evangelisch – und dann vor allem die
bürgerliche Identität. Wieweit eine lokale Identifizierung als
„Meisenheimer“ bewusst erlebt wurde, kann man heute kaum mehr erschließen.
Einiges spricht für eine solche entstandene örtliche Verwurzelung, auch
wenn hier eher an einen Etablierungsprozess und eine Orientierung an der
„Honoratiorengesellschaft“ zu denken ist. Hinweise darauf gibt der soziale
Aufstieg der Familie in der kleinen Stadt Meisenheim, der sich am
Stammbaum ablesen lässt, in dem immer mehr Honoratioren auftauchen, so
Jakob Carl Bonnet (18.3.1749 – 10.3.1814), als Bürgermeister in der
Nachbargemeinde Becherbach erwähnt wird. Er war der Bruder von
Wilhelm Bonnet (19.5.1807 – 12.4.1879), der als Enkel von David
Bonnet die Gastwirttradition im „Golden Pflug“ fortsetzte und Vater
von Louis Bonnet wurde. Wilhelm hatte insgesamt zehn
Geschwister, von denen aber, wie in jenen Zeiten häufig, mehrere früh
gestorben sind.
Der Sohn von Jakob Carl Bonnet, Wilhelm Bonnet
(25.5.1796 – 19.12.1862), wurde dann Bürgermeister von Meisenheim. Daneben
treten als Berufsbezeichnungen Handwerker (Bäcker), Rechtsanwälte und
Advokaten auf – kurz: die Familie war arriviert und sammelte auch
materiellen Wohlstand an. Sie wird Teil eines aus der kleinstädtischen
Honoratiorengesellschaft sich entwickelnden Großbürgertums, dessen
offensichtlicher Reichtum in vielen Fällen dann durch die politischen
Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts verloren ging.
Ludwig Georg Bonnet, genannt
Louis, wurde am 17.5.1803 geboren. Er trat dann eine Lehre als
Seifensieder an. In der Gesellenzeit ging er dann, wie es in der Zunft
üblich war, auf Wanderschaft.
Als Zunft- und Personaldokument diente ihm ein
Wanderbuch, das mit einer Personalseite begann und damit einen heute
üblichen Personalausweis oder Pass ersetzte. Dieses Wanderbuch ist im
Original erhalten und dokumentiert durch Stempel und Unterschrift der
Polizei- und Grenzbehörden die Stationen seiner Wanderschaft: Genf,
Lörrach, Schaffhausen, Ulm, Crailsheim, Stuttgart, Leipzig, Bautzen,
Berlin, Breslau, Neisse, Linz, Passau, Würzburg… um nur einige der
testierten Stationen zu nennen. Er begann die Wanderschaft in Meisenheim
am 27. April 1822 und ließ den letzten Eintrag im Wanderbuch in Würzburg
am 22. April 1823 abzeichnen. Todesfälle in der Familie machten es dann
notwendig, in Meisenheim die Gastwirtschaft „Zum Goldenen Pflug“ zu
übernehmen, die mit viel Erfolg weiter führte.
Im Zusammenhang mit der Berufsstruktur erwähnte ich schon
die zentrale Bedeutung der berufsständischen Gruppen als Innungen, Gilden
oder Zünfte. Das Wanderbuch belegt bis heute, dass diese
Selbstverwaltungsinstitutionen eine wichtige historische
gesamtgesellschaftliche Funktion erfüllten. Zünfte regeln weit über den
Beruf hinaus das Leben der Zunftmitglieder auch im privaten Bereich. Als
Träger der Stadtprivilegien werden aus ihren Reihen in der beginnenden
Neuzeit die Bürgermeister und Honoratioren gewählt. Sie sind somit Teil
der Obrigkeit und lösen die feudalen Herrschaftsstrukturen schrittweise
ab. Städte und städtische Ratsverfassungen sind die ersten
mitteleuropäischen Herrschaftsformen, die nicht primär auf personale, d.i.
feudale Macht, sondern auf institutionalisierte Herrschaftsstrukturen
aufbauen. Sie sind damit Vorläufer des modernen Staates: aus der
Stadtgesellschaft wird später die Staatsgesellschaft. Dieser Prozess ist
eng verbunden mit dem Prozess der Zivilisation, wie ihn umfassend
erstmals Norbert Elias dargestellt hat. Somit kann
Familiengeschichte als Bestandteil zivilisationsgeschichtlicher
Reflexionen in Wert gesetzt werden.
Wieweit das Wanderbuch des Louis Bonnet aus
heutiger Sicht auch als Vorläufer staatlicher Dokumente gelesen werden
kann, zeigt der eingedruckte Text auf Seite 2: „Alle Civil- und
Militär-Behörden werden ersucht, vorbenannten Gesellen, so lange er sich
nachfolgenden Vorschriften gemäß beträgt, frei und ungehindert passieren
und nöthigen Falls ihm allen Schutz und Beistand angedeihen zu lassen.
Meisenheim den 27t. April 1822.“ Die Formulierung verweist noch auf die
alte Tradition der herrschaftlichen Schutzbriefe für Reisende und Händler,
ist aber jetzt von der städtischen Obrigkeit ausgestellt und folgt den
Traditionen der Zunft. Später übernimmt dann der Staat als
Gesamtinstitution diese Ordnungsfunktionen, indem er Personaldokumente
ausstellt, die aber im internationalen Verkehr die gleiche Funktion
einnehmen wie das Wanderbuch im politisch zersplitterten
Deutschland und seinen Nachbarstaaten. Es wäre interessant, dieses
Wanderbuch zukünftig als Faksimile wie als Transkription zu
veröffentlichen, letzteres, weil die Einträge heute nur noch sehr schwer
zu entziffern sind. Als kultur- und gesellschaftsgeschichtliches Dokument
dürfte das Wanderbuch jedoch einen erheblichen Wert besitzen.
Interessant wäre auch eine politisch-geographische Interpretation, in der
die Wege durch die Landschaft der Länder und Fürstentümer nachgezeichnet
wird – welch ein Unterschied zum Reisen im heutigen zusammen wachsenden
Europa.
Zum Abschluss noch einmal Familiengeschichte mit einem
anderen Bezug zur Sprache, diesmal in ihrer sozialen und regionalen
Differenzierung, Louis Bonnet übernahm den Gasthof und auch die
Poststation. Wie vielerorts mussten in einer Poststation
Übernachtungsstätten vorhanden sein. Louis baut dies – wie es
gleichzeitig mit wachsendem Reiseverkehr in vielen Städten geschah – zu
einem Hotel aus. Stolz brachte er den Schriftzug „Hotel Bonnet“
über dem Eingang an. Bald darauf kam ein einfacher Bekannter vom Lande
nach Meisenheim „in die Stadt“ und traf Louis auf den Stufen seines
Hotels. Erstaunte Blicke nach oben und dann der „klassische Ausspruch“:
„Ich dachte immer, du seist der Louis? Seit wann heißt du den Hottel?“
Seither war Louis Bonnet in Meisenheim wie in der
Familienüberlieferung nur noch der Hottel.
„Hotel“ war damals viel mehr noch als heute als
französisches Lehnwort aufgenommen und zeigte einen gewissen
Bildungsstandard, der den unteren Schichten und vor allem der
Landbevölkerung fehlte. Für Bonnet war dies damit nicht eine Rückkehr zu
frankophonen Traditionen – wir haben an Hand der Aussprache des Namens die
Animosität gegen eine solche Zuordnung erkennen können –, sondern der
Ausweis der Zugehörigkeit zu einer Bildungsschicht, zu deren Merkmalen
auch die Beherrschung der französischen Sprache gehörte, vor allen im
Grenzgebiet zu Frankreich. Daher der Abschluss mit einer persönlichen
Bemerkung: Meine Familie mütterlicherseits, zu der die Familie Bonnet
gehörte, pflegte ihre Französischkenntnisse ganz bewusst.
Gerhard Voigt, 2.1.2008
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