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Entfernungen vom Erinnern - Eine Kindheit in der
Nachkriegszeit
Reflexionen über das biographische Erinnern:
Über das Entstehen und Bewahren von
Kindheitserinnerungen und ihre Bedeutung für die Gegenwart
Erinnern und vergessen
Jedes Wort, jeden Gedanken, sogar das
Gefühl für uns selbst und andere verdanken wir unserem Gedächtnis. Ohne
seine bindende Kraft zerfiele unser Bewusstsein in Einzelteile, gelebte
Augenblicke. Seit frühesten Zeiten rätseln Philosophen und Wissenschaftler
über die Natur des Gedächtnisses. „Was ist denn das, womit wir uns
erinnern, welche Kraft hat es und woher hat es sein Wesen?“ rief Cicero
im ersten Jahrhundert aus. Die Vorstellungen orientierten sich meist am
Stand der zeitgenössischen Speichertechnik. Platon verglich um 400 vor
Christus das Gedächtnis mit einer Wachstafel, in die sich unsere
Erfahrungen eingraben. Nach der Erfindung des Buchdrucks lag die Parallele
zu einem Buch oder einer Bibliothek nahe. Später sollten dann Fotoapparat,
Tonband oder Computer veranschaulichen, wie das Gehirn unsere Erinnerungen
aufzeichnet. Kreativer und näher am heutigen Stand der Forschung ist ein
Vorschlag aus der Renaissance: das Gedächtnis als Theater.
Nicht zu allen Zeiten galt das Gehirn als
Ort des Erinnerns und Vergessens. Aristoteles etwa glaubte an das Herz als
Sitz der Seele, in der sich auch das Erinnern geistiger Bilder vollzöge.
Wer darüber heute lächelt, sollte sich die jüngste Forschungsgeschichte
vergegenwärtigen. Noch in den 1960er Jahren kursierte beispielsweise die
Theorie der Gedächtnismoleküle. Demnach waren Erinnerungen in Form
verschiedener Eiweißstoffe im Gehirn gespeichert. In einem Experiment
brachten Vertreter dieser Forschungsrichtung Plattwürmern bei, das Licht
zu meiden. Danach verfütterten sie die Tiere an Artgenossen, die dann
angeblich auch dem Licht entflohen. Die „New York Times“ titelte
daraufhin: „Verspeisen Sie ihren Professor!“
Julia Ucsnay. Aus der Sendung „Planet
Wissen“, WDR (Stand vom 11.04.2008) http://www.planet-wissen.de/pw/
„Mein Großvater pflegte zu sagen: Das Leben
ist erstaunlich kurz. Jetzt in der Erinnerung drängt es sich mir so
zusammen, dass ich zum Beispiel kaum begreife, wie ein junger Mensch sich
entschließen kann, ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, dass –
von unglücklichen Zufällen ganz abgesehen – schon die Zeit des
gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens für einen solchen Ritt bei
weitem nicht hinreicht.“
Franz Kafka
Vor nicht allzu langer Zeit war ich damit
beschäftigt, einen bislang unveröffentlichten Aufsatz von Feo Jernsson,
„Der Jammer mit dem ‚Historismus‛ und seinen Verfremdungen“, zur
Buchveröffentlichung vorzubereiten. In dieser bewunderungswürdigen
Schrift geht es vor allem darum, den „Historismus“ seiner Funktion als
scheinbar die historische Wahrheit aufdeckendes „kollektives Gedächtnis“
zu entkleiden und die jeweils gegenwärtigen, ideologischen und macht-politischen
Wurzeln der immer wieder neu ausformulierten Geschichtsbilder aufzudecken.
Weniger die bewusst vergegenwärtigte
Geschichte, Geschichtsschreibung, Historiographie als das kollektive
Erinnern an Geschichte ist das Problem. Jernsson schildert das in seiner
vielfältigen Ambivalenz und Gebrochenheit vor allem am Beispiel der
deutsch-polnischen Selbst- und Fremdwahrnehmungen in der
Geschichtsschreibung: er macht deutlich, wie Geschichte „gemacht wird“,
ohne dass von ihm eine neue „objektive Wahrheit“ dem gegenübergestellt
oder postuliert würde.
Aber geschichtliche Erinnerung hat immer auch
ein biographisches Fundament, wie es sich im Leben Jernssons zwischen
Polen und Deutschland, zwischen erzwungener Kriegsteilnahme im Zweiten
Weltkrieg und aktiven antifaschistischem Widerstand in Polen und in
Südosteuropa beispielhaft erweisen lässt. Eigentlich sollte die
Auseinandersetzung mit dem Historismus, die ebenso aktuell wie
wissenschaftlich und politisch notwendig ist, parallel zu einer
ausführlicheren Biographie des Verfassers gelesen werden, wofür das
biographische Nachwort der genannten Publikation in seiner Kürze nicht
mehr als eine aufschlussreiche Aufforderung bieten kann.
An dieser Stelle möchte ich zunächst einmal
eine das Ziel der folgenden Ausführungen avisierenden Verallgemeinerung
erproben: Eine der Aufklärung verpflichtete Geschichte – und dazu gehört
durch ihre zeitgeschichtliche Einbindung auch die wissenschaftliche und
didaktische Arbeit im Bereich der Sozial- und Politikwissenschaften –
verlangt immer auch eine mehrschichtige biographische Perspektive, bei der
die selbstreferentiellen Ansätze des Wissenschaftlers und Lehrers die
Basis einer Mehrebenenanalyse der Realität sind.
Ein sehr altes Exemplum soll das
verdeutlichen. Die in ihrer Zeit neuartige und für die Weltgeschichte
Schlüsselcharakter beanspruchende islamische Wissenschaft der Blütezeit
der arabisch-islamischen Kultur im achten bis zwölften Jahrhundert unserer
Zeitrechnung in Baghdad und anderen Zentren der islamischen Kultur von Merv über Iran und Kairo bis Fez und Cordoba speiste sich aus dem zunächst
im siebten und achten Jahrhundert nur religiösen Wunsch, sich der „Worte
Gottes“ im Q’urân zu versichern, indem die Überlieferung der Suren, bald
aber auch anderer Aussprüche Muhammads oder seiner Zeitgenossen, die
Hadithe,
so penibel wie möglich rekonstruiert und auf ihre „Glaubwürdigkeit“
überprüft wurden. Für ein religiös motiviertes Erkenntnisziel wurden
streng rationale und logische methodische Ansätze entwickelt, die bald
darauf auch auf andere, nicht philologische Wissensgebiete vor allem in
den Naturwissenschaften übertragen werden konnten. So ist die
Überlieferung der frühen Zeit des Islam sowohl eine immer wieder
revidierte Überlieferung der Inhalte als auch eine Überlieferung der
Biographien der Personen, die die Überlieferung getragen haben.
Die dargestellte Verallgemeinerung der
notwendigen biographischen Aspekte der Geschichtsüberlieferung verlangt
nun aber nach ihrer Umkehrung: Der selbstreferentielle Charakter von
Biographien verlang ihre Einbindung in gesellschaftliche, politische und
geschichtliche Kontextes. Dies wird in guten Biographien immer wieder mit
wechselndem Erfolg versucht, doch bleibt hier immer noch die Gefahr, aus
eigener Originalitätssucht des Verfassers wenig beweiskräftige
„Uminterpretierungen“ der Geschichte vorzunehmen – wobei populär-okkultistische Machwerke wie die von Däniken und Konsorten wohl
mangels ernst zu nehmender Überlieferungsbasis und logischer Stringenz
völlig außer acht gelassen werden können. Aber auch Ansätze der letzten
Zeit, z.B. mit sehr vager Argumentbasis Troja plötzlich an der syrischen
Grenze lokalisieren zu wollen, oder die These, die Geliebte Goethes wäre
nicht Frau von Stein gewesen, sondern die Frau seines fürstlichen
Arbeitgebers… scheinen eher der Originalitätssucht des Autors als einem
fundierten, kritischen wissenschaftlichen Diskurs geschuldet und können
bestenfalls dazu anregen, historische „Selbstverständlichkeiten“ noch
einmal und immer wieder auf ihre Begründungen und Quellen hin zu
untersuchen, um sich zu verdeutlichen, das Geschichtswissen sicher keine
Wahrheit, sondern Ergebnis gesellschaftlicher Diskurse ist. Dies hat
Foucault in seiner „Archäologie des Wissens“ sehr deutlich
herausgearbeitet.
Mit diesen Überlegungen sind wir wieder auf
die Kritik des „Historismus“ zurück gelangt, der genau diesen
ideologisierenden und verfälschenden Fehlinterpretationen seine
gefährliche politische Brisanz verdankt, die ihn zur Basis der völkischen
Ideologie des NS gemacht hat.
Für den Lehrer, der in den sechziger und
siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ausgebildet worden ist, gilt es als
Selbstverständlichkeit, sich nicht nur ganz allgemein für seine
Schülerinnen und Schüler zu interessieren – das galt für gute Lehrerinnen
und Lehrer wohl auch in früheren Zeiten – sondern, unter dem Stichwort der
„Schülerorientierung“ auch für das diffizile Verhältnis zwischen der
(Lern-)Biographie der Lerngruppe und ihrer Disposition zu aktuellen
Lernprozessen. Erinnert sei an die permanente Aufforderung, die z.B.
Prof. Ernst-August Roloff immer wieder seinen Lehramtsstudenten vor warf:
„Wir müssen die Schüler dort abholen, wo sie sich befinden!“ Genau dieses
Postulat scheint den auf Auslese und Elitebildung getrimmten heutigen
Bildungspolitikern scheinbar völlig aus dem Blick geraten sein, was den
desolaten sozialen Zustand unseres Schulwesens hinlänglich erklärt:
Exzellenzcluster statt Allgemeinbildung…
Dabei fehlt aber der Gegenpol eines solchen
biographischen Interesses: nämlich die Einbeziehung einer
distanziert-kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie.
Ansätze dazu finden sich höchsten in den fachlichen Dimensionen der
Politiklehrerausbildung im Bereich der Soziologie. In das Individuelle
weitgehend aussparender Perspektive hat der Verfasser an anderer Stelle
die Widersprüchlichkeit und Ambivalenz der Situation des Politiklehrers
(und natürlich der Politiklehrerin) zu charakterisieren versucht, indem er
„Über die fünf absurden Antagonismen im Leben des
Politiklehrers“ fünf „Distanzierte Verwicklungen“ im Leben des
Politiklehrers beschreibt.
Wie wichtig letztlich für die soziale
Situation Unterricht die Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie
ist, zeigen die sehr detaillierten Fragen der Schülerinnen und Schüler an
den Lehrer, der neu in die Klasse gekommen ist. Sicherlich in dem Wunsch
nach Aufschluss darüber: „Wer bist du?“ Je größer der Altersunterschied
ist, der von beiden Seiten deutlich bemerkt wird, umso spannender ist für
Schülerinnen und Schüler die Frage nach der Biographie, der Familie und
den Erlebnissen und Erfahrungen des Lehrers. (Dass zu einer solchen
Fragesituation natürlich ein gutes Stück Grundvertrauen, wenn nicht
gegenseitige Sympathie gehört, ist selbstverständlich. Hier trifft sich
fragendes – gegenseitiges – Interesse mit der pädagogischen Grundforderung
nach Empathie und Herausbildung von Empathie als Unterrichtsziel.) Die
Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der eigenen Lehrerbiographie ist
die Voraussetzung einer verantwortungsvollen Begegnung mit den Biographien
der Schülerinnen und Schüler. Auf einer etwas anderen Ebene ist das zu
vergleichen mit den Ausbildungsvoraussetzungen eines Psychoanalytikers, in
deren Mittelpunkt die eigene Lehranalyse steht.
Das Erstaunen der Schülerinnen und Schüler ist
auch ein Korrektiv gegen die alterstypische Realitätssicht von Lehrerinnen
und Lehrern, die das, was ihnen selbstverständlich erscheint („das weiß
man doch!“) auch für die viel später geborenen Jugendlichen als
selbstverständlich voraussetzen. Wie groß ist die Ver-(Be-?)wunderung bei
Schülerinnen und Schülern, wenn ich davon berichte, dass ich Kennedy bei
seinem Besuch in Wiesbaden im offenen Wagen habe vorbeifahren gesehen (in
Wiesbaden/Frankfurt waren die Hauptquartiere der US-Army; aus dem Blick
auf Kennedy wurde wenig später dann auch die im Film tausendfach gezeigte
Situation der Todesschüsse in Dallas viel verständlicher…), oder dass ich
Adenauer bei einer CDU-Wahlkampfrede auf dem Messegelände in Hannover
gehört habe. Ähnliches habe ich selbst erlebt – bewunderndes Staunen über
die Zeitläufte – bei meinem vorübergehenden Arbeitgeber Helmut Rohde, MdB
– später Bundesbildungsminister –, in der Zeit, als ich als
Wahlkampfhelfer 1969 für ein halbes Jahr in seinem Büro in Bonn wie im
Wahlkreis Linden-Ricklingen (WK 37) als „Bundestagsassistent“ tätig war
(übrigens „ausgekuckt“ in einem gemeinsamen Treffen mit den Juso-Chefs in
Hannover Herbert Schmalstieg und Gerhard Schröder), wenn mir Helmut Rohde
immer wieder von seiner schicksalsbestimmenden Begegnung mit Kurt
Schumacher in Hannover berichtete, dessen politische Überzeugungskraft,
persönliches Charisma und menschlichem Charakter die SPD und die ersten
Mitgliedergenerationen der Partei entscheidend prägten.
Biographien überlappen sich. Aber es wird
immer wichtiger, sich mit ihnen und ihren Bedingtheiten
auseinanderzusetzen. Hier ist auch eine Verantwortung zwischen den
Generationen angesprochen. Die Vielfalt von Empfindungen, Blickweisen und
Plänen richtet sich in der Jugend auf die – eigene – Zukunft. Das Gefühl
der Unüberschaubarkeit, Unendlichkeit vielleicht Unsterblichkeit speist
sich in der Jugend aus den unübersehbar vielen Wahl- und
Entscheidungsmöglichkeiten der eigenen Zukunft. Das gibt die Kraft zur
Entwicklung und zum Lernen. Verdammt ist eine Gesellschaft, die es der
Jugend schon in frühen Jahren nimmt, ihre eigene Zukunft als ein Feld der
unbegrenzten Möglichkeiten wahrzunehmen. Mit zunehmendem Alter, wenn eine
Entscheidung nach der anderen unwiderruflich getroffen worden ist, engen
sich die zukünftigen Möglichkeiten und Potenziale bis zum unausweichlichen
Ende immer weiter ein. Die zum Leben notwendige Vielfalt erwächst
zusehends aus dem Blick auf die Vielfalt der Vergangenheit und den
Erfahrungen, die nicht nur individuellen Reichtum bedeuten sondern
stellenweise auch einfließen in den kollektiven Erfahrungsschatz, in den
Diskurs der Realität. Wenn es hier gelingt, einen kommunikativen Austausch
zwischen der jugendlichen Hoffnungsfülle und der Vielfalt der Erfahrungen
des Alters zu konstituieren, Entstehen tragfähige Netzwerke einer
Historie, die nicht den ideologischen Fallen des Historismus auf den Leim
geht.
You who are on the road
Must have a code that
you can live by
And so become yourself
Because the past is just
a good bye.
Teach your children
well,
Their father's hell did
slowly go by,
And feed them on your
dreams
The one they picks, the
one you'll know by.
Don't you ever ask them
why, if they told you, you will cry,
So just look at them and
sigh and know they love you.
And you, of tender
years,
Can't know the fears
that your elders grew by,
And so please help them
with your youth,
They seek the truth
before they can die.
Teach your parents well,
Their children's hell
will slowly go by,
And feed them on your
dreams
The one they picks, the
one you'll know by.
Don't you ever ask them
why, if they told you, you will cry,
So just look at them and sigh and know they
love you.[4]
Ein wesentlicher Aspekt ist hier einzubringen.
Erinnerung und Biographie konkretisiert sich in Symbolwelten. So wie
Sozialverhalten weit mehr als im Alltag bewusst werdend symbolische
Interaktion ist,
so ist das Erinnern selbst durch symbolische Bezüge, Bilder, Melodien,
Texte konstituiert. Hier hat eine soziologische Theorie der Metarealitäten
der Kultur anzusetzen. Ich möchte das hier mit einigen essayistischen
Überlegungen zur Bedeutung von Liedern für die eigene
Erinnerungskonzeption veranschaulichen, ehe ich mich dem Ziel der im
engeren Sinne biographischen Reflexionen der eigenen Kindheit nähern will.
Erlebnis, Erinnerungen und Sehnsüchte:
Fantasien zu einem Lied
Die Hand greift in eine schmale Felsspalte, um
sich bei dem Abstieg fest zu halten. Es sind zwar nur etwa dreißig Meter
Abstieg von Glacis-Fläche, die einen Zeugenberg aus waagrechten
Kalkschichten überdeckt und von der aus wir einen herrlichen Ausblick
über das weite Tal des Oued el Abdi hatten – im Hintergrund die lang
gestreckte Bergkette des Djebel Ahmar Kraddou.
Da, rechts neben der Hand, eine schnelle
Bewegung und ein leises aber drohlich wirkendes Zischen und eine kleine
Schlang sucht einen anderen Unterschlupf. In einer kurzen Schrecksekunde
schiebt sich der Gedanke ins Bewusstsein: es muss eine Sandviper gewesen
sein – und sie hat mich nicht gebissen. Hier, abseits jeder medizinischen
Versorgung im südlichen Aurés-Gebirge in Algerien wäre das vielleicht das
Ende gewesen.
Der Schreck sitzt noch in allen Gliedern. Nur
schell nach unten! Ohne Rücksicht auf bergsteigerische Vorsicht wird es
ein Lauf, vorwärts rutschend über Geröll und kleinere Felsbänder, der dann
aber zu einem letzten Rutschen auf dem Hosenboden wird und mitten auf dem
Polsterkissen eines Astragalus endet.
Der bis zu kniehohe Astragalusbusch hat in
seinem Kern kleine grüne Triebe und Blätter, die sich durch zum Teil über
zehn Zentimeter lange Dornstachel vor Ziegenbiss schützen und der Pflanze
das Aussehen eines überdimensionierten Igels geben. Wahrlich ein bequemes
Sitzkissen! Nun waren viele der Stacheln durch den Hosenboden in meiner
Hinterseite stecken geblieben. Mein Kollege Dr. Achenbach half beim
einzelnen Herausziehen und konnte ein letztlich trotz der Schmerzen
ansteckendes Lachen nicht verkneifen.
Die Dramaturgie unseres kurzen Ausfluges war
perfekt. Ein weite Horizonte eröffnendes Präludium auf dem Ausguck in der
Höhe führt zur Dramatik des Abstieges und der „glücklichen Rettung“ –
wenngleich dies natürlich nur Zufälle waren, doch in der griechischen
Tragödie gehen Zufälle auf das Eingreifen der Götter zurück – werden
gefolgt von einem Satyrspiel mit dem Titel „Astragalus“, der
Sternenbusch. (Vgl. auch den Algerien-Reisebericht in dieser Website:
Notizen und Skizzen zu einer Autobiographie: Die
Algerienreise 1967.)
„Dornen aus den Steinen“, hier konnte
man dieses Erlebnis sehr körperlich und hautnah erfahren. Doch ist es eine
alte Erfahrung der Steppen- und Wüstenbewohner bis hin zum
alttestamentarischen „brennenden Dornbusch“. Sofort erklingt im Ohr die
eingängige Melodie des Liedes aus der Wandervogelbewegung der ersten
Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts: „Hier wächst kein Ahorn … und Dornen
wachsen aus den Steinen …“.
Lieder erhalten oft eine sehr persönliche
Bedeutung für den der sie hört und singt. Dabei kommt es mehr auf die
persönliche Füllung mit Assoziationen und die Verknüpfung mit eigenem
Erleben an als mit dem künstlerischen, dichterisch-inhaltlichen oder
musikalischen Gehalt. Oft evozieren die Lieder, die den Menschen über
lange Zeiten seines Lebens begleiten, Erinnerungen an die Situationen und
sozialen Zusammenhänge, wo sie gelernt, gehört und gesungen wurden.
In unserem Falle evoziert das Lied aber durch
seine inhaltlichen Aspekte und seine angebliche Verortung auf dem Balkan
in der Region des Kosovo und der albanischen Gebirge – wie wir
interpretieren werden: wohl in Osmanischer Zeit – eigene Erinnerungen,
die eine lebenslange „mental map“ zum Klingen bringen.
So sind auch die problematischen Implikationen
des Liedes wie vieler Lieder der Jugendbewegung der ersten
Jahrhunderthälfte, wenn man die Maßstäbe einer political correctness
anlegt, eher marginal, wo es um persönliches Empfinden und
Identifikationen geht. Doch sollte man die Problematik durchaus
thematisieren, da auch das Wege zum Selbst öffnen kann.
Dornen und Steine wurde von Jooschen
Engelke und Tejo (= Walter Scherf) verfasst,
die für viele Lieder, die in der Faktur auf – oft ausländische –
Volksliedtraditionen zurückgreifen, hier auf einen montenegrinischen Text.
Die Melodie folgt der eigenen Klangvorstellung von Musik aus dem Balkan
und ist gut sangbar, im Modus aber letztlich mitteleuropäisch. Genau das
könnte einem solchen Lied zu Recht zum Vorwurf gemacht werden, dass es
nicht im interkulturellen Sinne vermittelt. sondern eine eigene
stereotype Scheinwelt, also eine Utopie aufbaut. Doch sollte dies nicht zu
ernst genommen werden, da ein Großteil der europäischen auch klassischen
Musik Klangvorstellungen oder bei Opern auch Textinhalte einbezieht und
assimiliert, ohne im eigentlichen kulturellen Sinne den Quellen gerecht zu
werden. Man denke an die „Turkomanie“ der deutschen Klassik, an „Die
Entführung aus dem Serail“ oder an Shakespeares Venedig oder Mantua. Wenn
es der „ernsten Kunst“ immer erlaubt war, eigene auch exotische Welten aus
Realitätsversatzstücken aufzubauen, sollte dies bei populären Werken nicht
allzu streng kritisiert werden. Verlangen nicht die „Kunstkonsumenten“
gerade die Einführung in „künstliche Welten“, die dennoch ein Muster der
Verständlichkeit in sich bergen?
Schwerer wiegen Kritikansätze, die in den
Hervorbringnissen der Jugendbewegung und des Wandervogels die
psychosozialen und damit in der Folge politischen Probleme von
Jugendbünden und Männerbünden in den Vordergrund stellen und damit in den
Problemkreis der psychischen Deformationen von „Männerbünden“ vorstoßen,
in deren Welt die Jungen-Bünde der Bündischen Jugend angeblich einführen.
Ein Teil der Bündischen Jugend war damit bereit gemacht zur
„Gleichschaltung“ durch die Nazis nach 1933, also zur Übernahme in die
Hitler-Jugend. Gemeinschaftsideologie, Abenteuerlust, falsche Romantik und
soziale Gruppenintegration waren dabei die Vehikel der Einbeziehung in den
Hitler-Staat und damit später in die soldatischen Formationen im Zweiten
Weltkrieg. Elemente dieses Weltbildes spielen – wohl auch von den Autoren
und Komponisten eher naiv angewendet – in die Lieder der „Großfahrt“ als
Krönung des bündischen Lebens mit hinein, oft tief gründend im
Antirationalismus des 19. Jahrhunderts. Dennoch ist die Wirkung dieser
Lieder nicht eindeutig, ihre Assoziationspotentiale sind eher von den
Biographien der Rezipienten, als vom tatsächlichen Liedinhalt abhängig.
Erlauben wir es uns daher, die naive Faktur der Lieder für bare Münze zu
nehmen, zumindest solange wir singen…
Hier wächst kein Ahorn,
hier wächst kein Pflaumenbaum
hier wachsen keine Mädchenherzen,
keine Mädchenherzen.
Montenegro – der „Schwarze Berg“ als Teil des
Balkan-Gebirges, im Südwesten des ehemaligen Jugoslawiens, hat teil an der
tragischen, gewalttätigen und kriegerischen Geschichte Südosteuropas.
Europa ist der Kontinent der Kriege lange bevor Herrschaftskämpfe eine
gefestigte staatliche Organisation gefunden haben. Reichsbildungen wie im
kleinerem Maße das Fürstentum der Serben im 13. Jahrhundert oder im
größeren Rahmen die Reiche von Byzanz und dem Osmanischen Reich hatten
weder im modernen Sinne eine staatlich-institutionelle Basis noch die
Klammer eines einheitlichen Volkstums über einer einheitlichen Sprache.
Die Herausbildung der Staatsgesellschaften und damit auch der „modernen
Kriegsführung“ ist eine neuzeitlich-europäische Entwicklung, die nicht auf
vergangene Zeiten der Reiche uns dynastischen Machtspiele übertragen
werden kann.
Bestimmend war die Bindung an die Familie, die
Gruppe – die bei Männern häufig die Kampfgruppe, die Armeeeinheit war –
und der Heimatort in seiner symbolisch besetzten Landschaft. Dass auch
diese Aussagen Interpretationen aus der Perspektive einer heutigen Zeit
sind, versteht sich von selbst. Doch die Sehnsüchte, denke ich, kann man
durchaus über die Zeitläufte hin projizieren und an eigenen Erlebnissen
fest machen. Der Liedermacher der Wandervogelbewegung greift hier zwar auf
stereotype Balkanbilder zurück, doch das eigene Erlebnis der Landschaften
im Lebensraum der Südslawen, Bulgaren und Albaner ist Bildmächtig und
Emotionsbesetzt.
Die Spannung zwischen den semiariden
Karstgebirgen im Südwesten und den reichen Wäldern und Ackerbaugebieten
Serbiens erfährt der, der von Griechenland kommend durch das Ibartal in
Richtung Beograd fährt – in der Vorstellungswelt des Liedes: marschiert.
Die Hänge oberhalb des Ibar sind mit dichten Wäldern bewachsen, die im
Herbst zu einer reichen, leuchtenden Palette unbeschreiblich farbiger
Bäume und Büsche werden. Der krasse Gegensatz zu den ausgedörrten
steinigen Pfaden im Südwesten. Hier im Nordosten wachsen nun tatsächlich
die Pflaumenbäume, die die Grundlage für den süßen Pflaumenschnaps geben,
und die Weinreben, aus denen Wein und schließlich auch das Nationalgetränk
Rakı gewonnen wird.
Dies ist der Traum vom Wohlleben, von Rausch
und von die Liebe, denn wo könnten sonst Mädchenherzen gedeihen? Auch hier
die Träume, weitab von jeder heißen, dörren Tagesrealität im Zelt und auf
dem Steinboden. Ja te volim vesna ljubim te,
schönes Serbenmädchen, hier in der Wüste wächst du nicht… wobei auch hier
Landschaften als Symbole seelischer Dispositionen aufzufassen sind, die
überall, wo das Lied gesungen wird, emotionale Reaktionen evozieren, die
von eigener Biographie in Wert gesetzt sind. (Vesna ist in der slawischen
Mythologie die Frühlingsgöttin. Der Name ist russisch/slawisch und
bedeutet "die Jugend" oder "die Gottheit des Frühlings". Russisch heißt
Vesna Frühling.)
Hier wächst der Thymian,
hier wächst der Ginsterstrauch,
und Dornen wachsen aus den Steinen,
Dornen aus den Steinen.
Wie schon am Anfang dieses Kapitel deutlich
wurde, ist die Landschaft, die hier imaginiert wird, für mich äußerst real
und bestimmt einen wichtigen Teil meiner Lebenserfahrung. Dies muss nun
nicht gerade der Balkan sein, der für mich wichtige Eindrücke vermittelt
hat – der Farbrausch des Ibar-Tals wurde eben schon angesprochen, aber
auch Landschaft und Kultur von Kosovo Polje, den altserbischen orthodoxen
Klöstern, z.B. das Kloster Graćanica (Kosovo) Serbien, erbaut im
Jahre 1320 von König Milutin, Kloster Studenica (Raska Oblast)
Süd-Serbien, erbaut von Stefan Nemanja im Jahre 1195 und schließlich das
Kloster Zica (Žiča) in der Nähe von Kraljevo, erbaut zwischen 1208
und 1230. Im Jahre 1219 wurde sie der erste Sitz der Serbischen
Erzbischofs-Residenz.
In vielen Erlebnis- und Erinnerungsschichten
überlagern sich hier Landschaften aus Nordafrika, Vorderasien und Iran,
über die an dieser Stelle nicht ausführlicher berichtet werden soll. Doch
dass das Bild der Dornen, die aus den Steinen wachsen, das, wie wir schon
angedeutet haben, altbiblische Wurzeln hat, in dieser Weise ganz
persönlich für einen Aspekt der eigenen Lebenserfahrung steht, hat sicher
nicht nur episodische Gründe wie der Sitz auf dem Astragalus, sondern
symbolisiert einen Aspekt der eigenen habitualisierten Weltsicht.
Thymian und Rosmarin, Zistrose und Wacholder,
aromatische Dickichte in der Maccie Südfrankreichs waren schon ein
eindrucksvolles Erlebnis der Hinfahrt der ersten Nordafrikareise nach
Algerien über den Abfahrthafen Marseilles. Sensorisch verbindet sich das
dann noch mit weißem Nougat aus Montelimar…
Zu dem Zeitpunkt war mir noch gar nicht klar,
dass die Arbeit der folgenden Wochen im algerischen Aurés und in den Dj.
Nemencha vor allem auch in vegetationsgeographischen Studien bestand, bei
denen Maccienformen, Garrigueformen und Gebirgswälder aus Pinus Halepensis,
der Aleppo-Kiefer, stellenweise sogar Zedernbeständen, daneben aber
Steineichengehölzen und eben Übergängen zu den Strauchvegetationen der
Maccie, in der Ebene im Übergang von Steppe zur Wüste aber auch Beständen
von Wermut (Artemisia Campestris), Tamarisken, die auch schon aus den
biblischen Landschaften bekannt sind, und eben – Astragalus-Polstern
unterschieden, klassifiziert und kartiert werden mussten. Und am Fuße des
Djurdjura-Gebirges im nördlichen Tellatlas der Kabylei stoßen wir dann
auch auf üppige Ginsterstreifen, deren Gelb der strahlenden Sonne
Konkurrenz machte.
Mit diesen Trockenlandschaften verbinden sich
für mich starke Emotionen, auch Heimweh nach der Wüste. Das braucht nun
sicher nicht soweit ins Mystische gehen wie die Vermutungen von sehr
familiären Freunden, ich sei wohl ein wiedergeborener Araber. Aber
Kokettieren mit solchen Vor-Lebensentwürfen ist doch nicht verboten!
Hier wächst der Handschar,
hier wächst der Flintenlauf,
und blüht wie weiße Lilien im Mondschein,
weiße Lilien im Mondschein.
Die nächste Wendung unseres Themen-Liedes ist
nun wesentlich problematischer, aber sowohl zeitgeschichtlich wie in
ältere Vergangenheiten zurückschauend sinnfältig. Die Jungenschar des
Wandervogels erlebt sich in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts
als bewaffnete Schar, Freischärler, wenn auch zunächst nur als Rollenspiel
in der Antizipation gesellschaftlich positiv besetzter Erwachsenenrollen,
bei denen die „heldenhafte Existenz“ des Soldatischen die Kriegertradition
Europas fortsetzt und tradiert. Nicht umsonst gilt für diese Zeit das
Diktum, „Kriegerdenkmäler überall“.
Sogar der in seinen politischen Konzepten
zeituntypisch relativ zivil erscheinende Reichskanzler Bismarck – was dann
auch letztlich zum Bruch mit Kaiser Wilhelm II. und seiner Entlassung
(„Der Lotse geht von Bord“) führte – wird Anfang des Zwanzigsten
Jahrhunderts in einer überbordenden nationalistischen Propaganda als mit
Schwert bewaffneter älterer Krieger dargestellt wie in dem
berühmt-berüchtigten Bismarckdenkmal in Hamburg (unmittelbar bei der
Jugendherberge!), das als Bildvorlage u.a. für das nicht mehr vorhandene
überdimensionierte farbige Aulafenster der Bismarckschule Hannover diente,
was aufschlussreich und ausführlich auf Quellen gestützt von Rümelin
in seinem baugeschichtlichen Aufsatz in der Festschrift zum
hundertjährigen Bestehen der Bismarckschule 2006 dargestellt wird.
Das Thema Waffen und Gewalt verlangt
auch hier wieder einen biographisch angehauchten Einschub. Biographische
Prägungen und fundamentale Lebenserfahrungen und Wertentscheidungen sind
vielschichtiger als man es zunächst vermuten möchte. Ausgehend von der
zeitgeschichtlichen Einordnung der Waffenromantik der bündischen Jugend,
die sich in unserem thematischen Lied ausdrückt und deren tatsächliche
historische Spiegelung anschließend noch thematisiert werden soll, wird
für mich als Verfasser dieser Überlegungen deutlich, dass der eigene
Vater, geboren 1917, in den späten zwanziger Jahren fest verwurzelt war in
der bündischen Jugend, die in vielem seine Wertnormen auch später als
Lehrer geprägt hatte – in durchweg sympathischer Weise um Gemeinschaft,
Verantwortung und Mitmenschlichkeit bemüht. So sind im eigenen Elternhaus
aber auch romantisierende Weltsichten vermittelt worden, die aber durch
eine sehr feste christliche Fundierung bei meinem Vater als Lehrer in
einer Freien Waldorfschule eine besondere Akzentuierung erfahren haben.
Aber die angesprochene biographische Wurzel
reicht tiefer. Mein Großvater väterlicherseits war hoher Marineoffizier im
Verwaltungsdienst – zuletzt Kapitän zur See i.V. – und vor seiner
Alterspensionierung noch während der letzten Kriegsjahre in der
Abwicklungsabteilung des Reichsmarineamts in Berlin tätig – d.h. aber auch
in Kenntnis aller Kriegsverluste der Marine in den letzten Kriegsjahren…
Die Begeisterung für Seefahrt und Schiffe war
dann in unserer Familie fast zwangsläufig, Besuche in Wilhelmshaven, dem
Ort der Jugendzeit meines Vaters, selbstverständlich. Und zu Schiffen
gehören dann natürlich auch Kriegsschiffe wie das Torpedoboot Jaguar, auf
dem mein Großvater als Flottillenzahlmeister jahrelang diente. Die Thematik
des Verhältnisses des Berufsoffiziers zur Politik des Staates, dem er
dient und dem er durch Eid verbunden ist, kann und soll an dieser Stelle
nicht weiter thematisiert werden, da dieses Thema für mich dann wenig
eigen biographische Bedeutung erlangt hat – vielleicht mit Ausnahme der
Tatsache, dass mir Eide persönlich völlig schnuppe und nicht prägend sind,
obwohl ich ja selbst Beamter bin… – und gerade im Zusammenhang mit dem
militärischen Widerstand des 20. Juli heute wieder sehr ausführlich
diskutiert wird. Dass mir die Geschichte des Kriegsschiffsbaus vor allem
in technischer aber auch ästhetischer Hinsicht bis heute ein interessantes
Thema ist und dass ich seit meinem zehnten Lebensjahr Schiffsmodelle baue,
vor allem Modellbaubögen der Serie der Wilhelmshavener Modellbaubögen
im Maßstab 1:250, die auch heute noch meine Schränke zieren und unter
denen sich z.B. das Schulschiff „Schleswig Holstein“ befindet, das mit der
Beschießung der Westerplatte in Danzig 1939 den üblen Startschuss
zum Überfall auf Polen und damit dem Zweiten Weltkrieg gab, aber auch das
Torpedoboot Jaguar und auch Schiffe der Bundesmarine scheint in einem
unauflöslichen Widerspruch zu meiner pazifistischen Lebenseinstellung zu
stehen, in der ich – obwohl es kein eigener Verdienst ist – stolz darauf
bin, noch nie eine Schusswaffe in der Hand gehalten zu haben (mit,
ich gestehe, einer Ausnahme: dem Luftgewehr, mit dem ich ein
improvisiertes Wettschießen gegen Soldaten der Iranischen Armee in Eghlid
überlegen gewonnen habe… ) und hoffe, nie in meinem noch vor mir stehenden
Leben gezwungen zu werden, doch noch schießen zu müssen. Das soll mich
aber grundsätzlich nicht davon abhalten, mich ohne Scheuklappen mit dem
Thema Waffen und Krieg zu beschäftigen, dabei eventuell weitere
Schiffsmodelle oder auch Flugzeugmodelle
wie z.B. dem Fokker Dreidecker oder dem Fieseler Fi 156 Storch zu bauen und
Militärmuseen zu besichtigen.
Aber, wie angekündigt, zurück zu unserem
thematischen Lied und der romantisierenden Strophe, von der wir
ausgegangen sind und von der wir zunächst kritisch die
Entstehungsbedingungen des Liedes und ihrer emotionalen Welt angesprochen
haben. Der imaginierte Balkan, der hier besungen wird, hat jedoch in
Hinblick auf Waffen und Gewalt durchaus eine historische Realbedeutung.
Die emotionale Bindung an die eigene Waffe war sicher über die
Männlichkeitssymbolik, die Klaus Theweleit kritisch erforscht hat, hinaus die
Grundlage der Behauptungsfähigkeit einer Sozialgruppe in
vorstaatsgesellschaftlicher Zeit als Überlebenseinheit, wie sie
Norbert Elias definiert hat. Waffenschwärmerei wäre heute in einer
funktionierenden institutionalisierten Staatsgesellschaft mit
Gewaltmonopol eine zutiefst anachronistische Haltung oder eine psychische
Reaktion des Nichtvertrauens in die soziale Sicherheit der eigenen
Gesellschaft. Es wäre am Rande zu fragen, ob die Waffenfixierung des
konservativen Teils der USA nicht als Ausdruck einer nicht gelungenen
Transformation der vorstaatlichen Siedlergesellschaft in eine moderne
Staatsgesellschaft zu werten ist. Ein Nachlesen der Argumente in den
Federalist Papers zu Beginn der Verfassungsgeschichte der USA kann
hier durchaus aufschlussreich sein.
Die Liebe zur Waffe in einer tribalen
Gesellschaft ermutigt die Verteidigungsbereitschaft, allfällige Angriffe
auf den eigenen Stamm abzuwehren und die nur durch Gewohnheitsrecht
gesicherte innere Balance der Sozialstruktur der eigenen Gruppe zu
sichern. Auch hier wird wieder eine mehrschichtige Symbolik erkennbar,
indem die Waffe zum Gegenstand der Erzählungen über die Geschichte der
eigenen Familie wird, zum Objekt des Volksliedes wie in dem berühmten
Lied über das silberne Gewehr des Jungen aus Luristan in Iran – die Zahl
dieser Volkslieder ist in allen Volkskulturen hoch – oder als Element des
ritualisierten Tanzes. Schwert und Säbeltänze, z.B. aus Russland, sind
auch bei uns recht bekannt. Hier möchte ich aber über ein eigenes Erlebnis
berichten:
Türkei-Reise mit Schülerinnen und Schülern der
Bismarckschule Hannover in den Osterferien 1996: Am 13. Mai 1996 fand im
Atatürk Kültür Merkezi (Kulturzentrum) in İstanbul das Finale der besten
türkischen Folkloregruppen statt (Halk Dansları Yarışması Finali). Zu
dieser Veranstaltung wurden wir drei Begleiter vom Ehemann der Kollegin
Ümran Türkoğlu von der İstanbul Lisesi, Partnerschule der Bismarckschule,
eingeladen, der als Mitglied der Jury sicher über genügend Karten
verfügte. Für mich zutiefst beeindruckend war ein letztlich aber nicht
preisgekrönter Messertanz aus der nordöstlichen Provinz Ağri – wie der
Name schon anlautet: am Araratgebirge, einer einsamen gebirgigen
Steppenlandschaft in der seit den Zeiten der altorientalischen
Urartäer,
von denen sich der Name Ararat ableitet –, der zum Überlieferungsschatz
einer Nomadengesellschaft gehört. Bei dumpfen Trommeln tritt schweigend
eine Reihe von zwölf schwarz gekleideten nicht mehr jungen Männern auf,
diese stellen sich in eine starre Reihe nebeneinander bis der rechte
Flügelmann aus seiner Weste ein weißes Taschentuch zieht und mit dem
Startsignal nach vorne in die Mitte schreitet. Gleichzeitig tritt der
linke Flügelmann spiegelbildlich nach vorne und zieht aus seiner Weste ein
Messer in Form und wohl auch in Schnittschärfe einem traditionellen
Rasiermesser entsprechend. Während der erste versteinert, ohne mit der
Wimper zu zucken mit dem Gesicht zum Partner (oder symbolisch: Gegner)
stehen bleibt, fährt dieser, ebenso starr in der Körperhaltung, mit dem
Messer minutenlang in Zickzackbewegungen millimeterdicht vor dem Gesicht
des anderen hin und her. Schlagartig endet der sich steigernde
Trommelwirbel, beide drehen sich um und gehen auf ihre Plätze zurück. Kurz
danach wiederholt sich dieser Tanz, jetzt aber mit vertauschten Rollen.
Vieles könnte hier über die sozialhistorisch-symbolische Bedeutung dieses
Tanzes gesagt werden, der einen tiefen Blick in die tribale Kultur
ermöglicht; hier sollen als Stichworte nur die Wertideale einer
patriarchalisch geprägten Nomadengesellschaft, die sich in einem
Jahrtausende überdauernden Überlebenskampf ausgesetzt sieht und die noch
heute von staatlichen Institutionen und Sicherheiten weitgehend
ausgeschlossen ist. Der Held ist hier nicht der Träger des Messers,
sondern der, der Gefahr ohne zu Zucken übersteht und danach sofort wieder
selbst kampfbereit ist.
Wenn wir in einer realer gedachten
historischen Umwelt die Flintenläufe, die wie weiße Lilien im Mondlicht
blühen, verstehen wollen, können wir das Lied eben auch auf einer anderen
Erkenntnisebene lesen und hören und auch die nächste Strophe verstehen,
die sich mit den Hoffnungen und Erwartungen befasst, die wesentlich
einfacher angesiedelt sind als die wohl nur als Träume zu versehenden
Paradiese der Pflaumenbäume und der Mädchenherzen in der Eingangsstrophe.
Und morgen Abend,
und wenn der Nachtwind weht,
kommt unser General geritten…
General geritten…
Der bringt uns Rakı,
der bringt uns, aj ho Bogami he –
der bringt uns tausend Golddukaten
tausend goldene Dukaten.
Der Nachtwind ist eine Erfahrung, die sehr
real erlebt wird und zu den Eindrücken jedes Aufenthalts in den Gebirgen
der Wüsten und Steppen gehört. Der Nachtwind weht von den kühleren Bergen
die Hänge und Täler herunter, wenn die Sonne untergegangen ist und die
aufsteigenden Winde über den erhitzten Steppen nachlassen. Der Nachtwind
bringt die ersehnte Abkühlung und lädt ein, zusammenzusitzen und die
einbrechende Nacht zu genießen. Auch erst zu dieser Zeit kommt dann auch
der Hunger nach kräftigerem Essen, Schaschlik, Döner, frischem Lammbraten,
Kuskus aber natürlich zu einem guten Schluck Wasser und Rakı…
Aber der Nachtwind kann auch zu einem kalten
Sturm werden. Ich selbst habe das auf unserer ersten Algerienreise mit Dr.
Achenbach erlebt. Von der saharischen Vorgebirgsebene aus sind wir eines
Nachmittags, uns an Fahrspuren und dann eher provisorisch in den steilen
Hang herein gefräste Straßen und Pisten im Tal des Oued Mestaoua nördlich
von Djemina (18. März 1967) haltend, in das südliche Aurés-Gebirge
hineingefahren, um Landschaftsformen, Vegetationsstufen und Siedlungen zu
kartieren, wie es unser wissenschaftlicher Auftrag war. Die Fahrt war
durch die mäßigen Straßenverhältnisse behindert, steile Passagen und
lockere Geröllbänder erzwangen ein vorsichtiges Vorankommen. So wurden wir
dann am Hang von der hier im Gebirge sehr schnell, fast plötzlich
einbrechenden Dunkelheit überrascht und wurden gezwungen, einen
Übernachtungsplatz für unseren VW-Bus zu finden. Geeignet erschien uns ein
Verbreiterung der Straße in einer Kurve, die durch eine großen Felsblock
etwas abgeschirmt war – in der Dunkelheit war dann unser Wagen kaum zu
sehen und, wenn auch mit geringer Wahrscheinlichkeit konnte ja auch Nachts
ein „Camion“ die Strecke herunter kommen. Doch machten wir uns klar, dass
der Wagen so stand, dass der Ausstieg zur Straßenseite hin ging und dass
auf der anderen Seite der Steilabfall in das rund hundert Meter tiefere
Tal drohte, falls wir in der Dunkelheit einmal unseren Wagen verlassen
mussten. Wir bauten dann unser Nachtquartier im Wagen wie jeden Tag auf,
zogen an allen Seiten die Vorhänge zu und waren – zufrieden nach einem
leckeren Abendessen am Campingtisch beim Campingkocher und mit einem Glas
algerischem Rosé-Wein aus Mascara – sehr bald eingeschlafen. Doch weckte
uns etwa um Mitternacht ein anschwellendes Brausen und Sausen, durch die
Ritzen im Wagen fühlten wir kühle Luft hineindringen und der Wagen kam
immer mehr ins Schwingen und Schlingern, obwohl er gut und sicher
festgebremst war und auf einer ganz ebenen Stelle stand. Doch der Sturm
wurde immer stärker und dann vermeinten wir, dass der Wagen sich langsam
in Bewegung setzte und centimeterweise in Richtung auf den Talabhang
rutschte. Das war nun tatsächlich nicht ganz unmöglich, da der Untergrund
aus lockerem Schotter bestand. So stiegen wir dann doch besorgt aus und
fanden unsere Befürchtungen bestätigt. Nun galt es, schwere und kantige
Steinblöcke zu sammeln und auf allen Seiten vor und hinter den Rädern zu
verkeilen. Das gelang und dann war der Nachtsturm nur noch eine
erfreuliche Abkühlung von der Tageshitze, in der wir dem nächsten
glühheißen Sonnentag entgegenschliefen…
Mit diesen Reminiszenzen will ich unseren
kurzen Essay über das Lied als Evokation biographischer Erinnerungen und
Reflexionen über das Verhältnis von Erinnerung und Realität, das sich an
symbolischen Topoi festmachen lässt, zu denen die materiellen wie
kommunikativen Artefakte der Kunst und geformten Überlieferung gehören.
„Jedes Wort, jeden Gedanken, sogar das Gefühl für uns selbst und andere
verdanken wir unserem Gedächtnis“ haben wir schon in einem Zitat von Julia
Ucsnay unseren Text begonnen und sin zu diesem Punkt hier wieder zurück
gekommen.
Von Erzählungen und Küchenschaben
Es ist wohl schon deutlich geworden, dass das
Motiv, diesen Text zu beginnen, nicht in reiner Erzählfreude aus einem
ungetrübten Quell subjektiv gesicherter Erinnerungen ist, den ich mit
anderen teilen möchte, da mich im Gegenzug auch die Biographien der
Anderen interessieren. Dass dies als Motiv möglich wäre könnte auch mit
den schon angedeuteten Überlegungen zur Bewertung und Strukturierung des
beruflich geforderten Lehrer-Schüler-Verhältnisses sein, in dem die
gegenseitige Kenntnis der biographischen Hintergründe eine wichtige, wenn
auch meist unterschätzte – teilweise sogar tabuisierte oder
anathematisierte – Rolle spielt beziehungsweise spielen sollte.
Durch einerseits die soziologische Prägung des
eigenen Denkens als Folge der universitären Qualifizierung, andererseits
aber durch seither ununterbrochenes Arbeiten in interkulturellen
Kontexten, auch durch das Fach Geographie, erhält Erinnerung aber eine
andere, philosophische Konnotation. Die Frage verschiebt sich immer mehr
von „was weiß ich und was erinnere ich?“ hin zu „warum erinnere ich gerade
dies? und was ist daran wirklich Erinnerung?“. Diese Fragen berührt das
eben noch einmal herangezogene Zitat von Julia Ucsnay, wenn es die
verschiedenen Vorstellungen darüber referiert, wo denn der Sitz des
Gedächtnisses zu suchen sei und wie es funktioniert.
Ich knüpfe hier, zustimmend, an den letzten
Teil des Zitates an: „Kreativer und näher am heutigen Stand der Forschung
ist ein Vorschlag aus der Renaissance: das Gedächtnis als Theater.“ Meine
Frage ist nun: wer inszeniert dieses Theaterstück, das wir Gedächtnis
nennen? Das etwas eingehender zu beleuchten, soll Aufgabe der nächsten
autobiographischen Überlegungen sein.
Anekdotisch nähern wir uns dem Problem, das
wir in der einen oder anderen Form aus Erzählungen immer wieder
vorgesetzt bekommen: das Jäger- und Anglerlatein, die sich nach und nach
immer weiter holzschnittartig und gängigem Verständnis nähernden
Erzählungen der Kriegsteilnehmer aber auch, wenn wir selbstkritisch
zurückdenken, an die eigenen Erlebnisberichte, die im Laufe der Zeit immer
aufregender, spannender und zum Teil auch humoristischer werden – aber
langsam selbst nur in der jeweils letzten Form erinnert werden, wenn also
die Erzählbarkeit immer weiter den vielleicht einmal vorhandenen realen
Erlebniskern in der Erzählung überschreibt. Die Inszenierung lebt von der
Reaktion des Publikums. Ich denke, dass das jeder Regisseur bestätigen
kann. Ich möchte dies an einer völlig ekeligen spannenden Geschichte aus
meiner eigenen Erfahrung verdeutlichen, denn diese Geschichte, die ich
wohl vor Jahrzehnten einmal in einer Ursprungsfassung meinen Schülerinnen
und Schülern erzählte, wird in der Schule von Schülergeneration zu
Schülergeneration „weitervererbt“ und immer wieder „nachgefragt“:
Es war während meiner ersten Iran-Fahrt 1970
aus Anlass der Arbeit an unserer Staatsexamensthematik Iran, die ich
zusammen mit meinem Kommilitonen und – bis heute – gutem Freund Wilfried
Eilers unternommen habe, als wir auf der Hinfahrt durch die Türkei,
angewiesen auf billige Hotels, bei denen wir schon einige nicht sehr
appetitliche Nächte hinter uns gebracht hatten, in Ankara im Zentrum auf
ein äußerlich recht ansehnliches Hotel stießen, dessen
Übernachtungspreise mehr als günstig erschienen.
Das kleine Zimmer mit Waschgelegenheit,
kleinem Balkon zur Straße hin, Wäscheschrank und zwei Betten war durchaus
für uns genügend. Der Teppich hatte auf grauem Grund eine seltsam tachistische grün-schwarze Musterstruktur, scheinbar recht modern. Erst
später fanden wir eine andere Erklärung dafür. Da es schon recht spät war
und es draußen dunkelte – wir hatten schon unterwegs zu Abend gegessen –
machten wir uns für die Nacht fertig. Damals waren wir ja noch jung und
neugierig. Daher fiel es uns bald auf, besonders wenn wir auf unseren
Betten saßen, dass der Teppich etwas beweglich und lebendig wurde – je
dunkler es im Zimmer wurde, desto deutlicher. Auf näheres Hinsehen
identifizierten wir dann eine größer werdende Zahl von kleinen
Küchenschaben. Erster Versuch für den Umgang mit dieser Plage: Mein Freund
holte eine Dose Insektenspray, Paral, für Fliegen und anderes Ungeziefer
absolut tödlich, heraus und wir besprühten die Schaben einzeln. Reaktion:
ein Augenblick verwunderte Ruhe, dann Weiterleben als ob nichts gewesen
sei. Da erinnerten wir uns an die Aussage der Biologen, dass, wenn die
Welt durch eine nukleare Katastrophe vernichtet wird, zuletzt noch die
Küchenschaben überleben und die Erde neu besiedeln. So fanden wir die
einzige finale Lösung für das Schabenproblem: Mit Schuhen drauftreten.
Krtsch – der Chitinpanzer knackt, pstschsch – das grüne Blut spritzt – und
hier war dann die neue Erklärung für den Tachismus des Teppichs.
Damals waren wir ja noch jung und neugierig.
Wir wollten wissen, woher denn immer neue kleine Schaben kamen und fanden
and der Wand über dem Waschbecken Schabenstraßen, die in den Kachelrillen
unter dem Spiegel herauskamen.
Damals waren wir ja noch jung und neugierig.
Wir nahmen daher unser Taschenmesser und schraubten den Spiegel ab.
Iii-gitt! Die Strombuchse für die Waschbeckenlampe war in einer Höhlung,
die ein herausgenommener Ziegelstein hinterlassen hatte. Aber diese Höhle
war gestrichen voll: mit verwesenden glitschigen Schabenleichen, an denen
sich an der Oberfläche Jungschaben gütlich taten, ohne zu ahnen, dass sie,
wenn sie entsprechend gesättigt und gewachsen waren, auch nicht mehr unter
dem Spiegelgefängnis heraus kommen konnten und daher zum Futter für
spätere Generationen wurden. Also – doch schnell den Spiegel anschrauben
und gaaanz fest zudrehen!
Die nächste Überraschung kam aber doch bald:
Ein neuerlicher Blick auf den Teppich zu vorgerückter Stunde zeigte uns,
dass doch auch größere Schaben hier ihr Paradies gefunden hatten. Tiere
von größerer Länge als ein bis zwei Centimeter. Woher kamen diese aber
nun?
Damals waren wir ja noch jung und neugierig.
Und wir suchten die Höhle der Schaben, die sichtlich in immer größerer
Zahl unter dem Kleiderschrank hervorkamen. Also: Schrank vorrücken. Gesagt
– getan. Und hier was ganz anderes: Ein mehr als zwanzig Centimeter im
Durchmesser messender Ring von Küchenschaben aller Größen, die sich um
eine Schabenkönigin in der Mitte des Kreises befand um unendlich viele
Eier zu legen. Die Fütterung und Pflege der gut zehn Centimeter langen
Schabenkönigin durch ihre Untertanen wollten wir aber dann doch nicht mehr
weiter verfolgen und Drauftreten als letale Lösung kam bei diesen Massen
auch nicht mehr in Frage. Schrank anrücken, uns fest einmümmeln und
wickeln, um Schabeninvasionen in der Nacht zu trotzen, war das, was uns
für diese Nacht noch blieb.
Danach waren wir nicht mehr jung und
neugierig. Es war das letzte Mal, dass ich in einem Hotel einen Schrank
gerückt habe. Aber es war noch nicht alles: Am Morgen hatten wir am Körper
trotz aller Schutzmaßnahmen merkwürdige rote juckende Stellen: einmal
lange Ketten von Bissen und noch brennender Mini-Dreizahnbisse. Kleine
Überlegung: das konnten nur Floh- und Wanzenbisse sein. Eine Musterung der
Wände ließ uns dann auch eine Zahl von Wanzen finden, die wie
Minischildkröten aussehen, verkleinert auf Millimetermaß.
Also, jetzt wünsche ich meinen Schülerinnen
und Schülern einen guten Appetit zur Mittagszeit – aber bitte nicht
während des Unterrichts ständig kratzen und jucken…
Noch ein Nachtrag gefällig: Auf unserer
Rückfahrt haben wir hier natürlich nicht noch einmal genächtigt sondern im
guten und penibel sauberen Hotel Kent. Aber die Neugier ließ uns doch noch
einen Blick auf „unser“ Schaben-Hotel werfen: Feste Gitter vor allen Türen
und Fenstern und ein amtliches Schild des türkischen
Gesundheitsministeriums, dass dieses Hotel wegen Seuchengefahr geschlossen
wurde. Wir haben es aber gesund überstanden.
Um jetzt noch einmal auf unsere
Ausgangsfragestellung zurückzukommen: Die „Schabenerlebnisse“ haben für
meine Lebenserfahrung, damit auch für mein Bild von der Türkei und dem
„Orient“ nur eine marginale Bedeutung, obwohl sie durchaus geeignet wären,
Vorurteilshaltungen gegenüber dieser Region und Kultur zu bestätigen und
zu verfestigen. Die Erzählung ist im mündlichen Vortrag effektvoll mit all
ihren Krtsch, Knack und Pstschsch aber pädagogisch für sich genommen
sicher bedenklich. Wenn ich nicht in meiner Schule als Türkei- und
Orientkenner bekannt und glaubhaft wäre, so dass gerade Schülerinnen und
Schüler, die meiner Erzählung voller wohligem Schauer gelauscht haben bald
darauf unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der nächsten Türkeifahrt
gewesen waren und so ihr Türkei-Bild durch eigene und von mir betreute und
angeregte Wahrnehmung revidieren konnten. Real ist für mich dieser Aspekt
der vielen Orientreisen völlig nebensächlich, aber gerade diese eine
Schabengeschichte hat sich gerade dadurch einen festen Platz in meiner
Erinnerung gesichert, weil sie zu meinen Standarderzählungen gehört. Ob
die Zahl der Flecken auf dem Teppich, die immens große Zahl der Schaben
und die riesige Größe der Schabenkönigin nicht im Laufe der Zeit nicht
immer größer geworden ist – o heiliges Anglerlatein – das will ich gar
nicht mehr kritisch hinterfragen. Wie haben wir selbst reagiert? Eher
hilflos vor Ekel, die Schönheit der Küchenschabe wurde uns bei dieser
Gelegenheit nicht offenbar und Tierliebe regte sich auch nicht in Spuren. Erfahrenere Reisende hätten wohl umgehend das Hotel geräumt und
gegebenenfalls auch Anzeige erstattet. (Das hat ja später wohl jemand
getan.) Dass mein Freund sich gegen meinen Rat vor dem Zubettgehen den
nackten Körper über und über mit Paral einsprühte war ebenso typisch,
hilflos wie überflüssig: die nächtlichen Wanzen- und Flohbisse trafen ihn
genauso wie mich und die Wirkung auf Küchenschaben hatten wir ja schon
erprobt… Vielleicht schlägt hier auch bei uns unbewusst ein
orientalistisches Vorurteil durch, indem wir die Standards, die für uns
in Deutschland selbstverständlich gewesen wären und die wir dort auch
massiv eingefordert hätten, dass wir diese Standards hier in der Türkei
erst gar nicht erwarten sonder gar nicht verwundert waren über die
mangelnde Hygiene eines billigen Hotels. Auf der anderen Seite ist es auch
rational für uns wenig verwunderlich gewesen, dass alte Bausubstanz in
dieser Klimazone zu Befall mit Ungeziefer prädestiniert ist. Aber man
denke daran, dass vor einiger Zeit Amtsgebäude in Hamburg gefährdet
wurden, da sie von Termiten befallen waren…
Genau diese mehrfache Reflexion über das
eigene Erinnern entspricht einem aufklärerischen Umgang mit dem eigenen
wie dem fremden, auch dem kollektiven Gedächtnis der Politischen Kultur
und weist in einer entsprechenden Metaebene in den Bereich der
Erkenntnisphilosophie. Dies macht den verantwortungsvollen Umgang mit der
eigenen Biographie schwierig aber auch über den eigentlichen
erzählerischen Anlass hinaus fruchtbar.
Was erinnere oder erzähle ich lieber nicht?
Schon im letzten Kapitel kamen erste Bedenken
auf, ob bestimmte Geschichten aus dem Repertoire der Erinnerung erzählt
werden sollten, hier waren es vor allem pädagogische Skrupel, ob die
Erzählung nicht dem eigentlichen Ziel des interkulturellen Lernens, der
Empathie mit dem Fremden zuwider läuft. Ich habe die Bedenken zur Seite
gedrängt im Vertrauen darauf, durch die Integrität der Persönlichkeit
sichere pädagogische Wirkungen zu erzielen als durch ab und an lockere
oder auch phantasiereiche Geschichtchen. Ob ich mir damit aber nicht
selbst etwas vormache und ein Selbstkonzept mit der Wahrnehmung durch den
Anderen verwechsle?
Dieses grundlegende Problem tritt beim
Erinnern immer wieder auf: Ist die Inszenierung der Vergangenheit nicht in
erster Linie ein Kommunikationsprozess, der die Rezeption der Erzählung
antizipiert? Dabei sollte es im Grundsatz keinen Unterschied machen, ob
ich bei meiner eigenen Erinnerung mein eigenes Publikum bin, oder ob ich
die Erzählung fremden vermittle. Ich selbst erzähle mir meine Erinnerung
durchaus situationsabhängig und im Maßstab meiner heutigen Wert- und
Urteilsnormen. Ich brauche hier nicht auf die Thematik von Verdrängung und
Traumatisierung einzugehen, die die Psychologie und vor allem auch die
Psychoanalyse seit langem erforscht. Auch für den Laien in diesem
Fachbereich ist natürlich eine Begegnung mit den grundlegenden Problemen
und Fragestellungen der psychologischen Anthropologie in gewisser Weise persönlichkeitsverändernd. Mit vierzehn Jahren begann ich, gleitet von dem
Erscheinen als Taschenbuchausgaben in der Fischer-Bücherei mit der
Lektüre und Rezeption der grundlegenden Werke von Siegmund Freud, dem Abriß der Psychoanalyse, Totem und Tabu, Traumdeutung, dem Witz und seiner
Beziehung zum Unbewußten… Später kamen noch Werke von Adler und Jung dazu.
Indem ich einerseits – auch literarisch – fasziniert war und mein
Menschenbild deutliche Einflüsse durch die freudschen Kategorien erfuhr
wuchs andererseits meine Skepsis gegenüber der Psychologie, die mir immer
mehr als „überkonstruiert“ erschien, so dass ihr letztlich die
Distinktivität gegenüber der Realität verloren ging. Eine Theorie, die
letztlich alles und auch das Gegenteil erklären kann, hat keinen
wissenschaftlichen Erklärungsrang sondern ist ein literarisches Konstrukt,
dessen Bedeutung erst durch den Rezipienten konstruiert wird. Das mag nun
gerade das therapeutische Potenzial der Psychoanalyse sein, schreckte
mich aber durch seine strukturelle Indiskretion und die notwendige Nähe zu
einem Therapeuten ab. Bis heute möchte ich unter keinen Umständen
psychologisch behandelt werden; vieles über mich selbst möchte ich gar
nicht so genau wissen. Mein konstruiertes Selbstbild zu erhalten ist mir
wichtiger als eine Selbstaufklärung mit psychologischer oder
psychotherapeutischer Betreuung – was natürlich die Fähigkeit
voraussetzt, sich selbst distanziert und selbstironisch gegenüber zu
treten. Um sich in eine Innensicht der psychoanalytische
Professionalisierung und ihres möglichen Scheiterns zu bemühen, sei auf
einen Kriminalroman aus Israel aus dem Milieu der Psychoanalytiker
hingewiesen, der mich auch nach nochmaliger Lektüre sehr beeindruckt hat,
so dass eine Leseempfehlung gerade an dieser Stelle angebracht erscheint:
Batya Gur, Denn am Sabbat sollst du ruhen (München 1996, Goldmann
Taschenbuch). Die Autorin ist die wohl international bekannteste
Kriminalschriftstellerin Israels. Sie ist leider vor kurzer Zeit
gestorben.
Das wieder sind die Bedingungen, die ich
eingangs angedeutet habe: dass die Bühne der Erinnerung ein immer wieder
neu konzipiertes Stück spielt, dessen Handlungsschwerpunkte durchaus
veränderlich erscheinen – je nach Situation und Publikum. Die theoretische
Reflexion begründet aber auch, warum das Erinnern, die Inszenierung der
eigenen Vergangenheit im Rahmen eines Blicks auf den Kontext der
Zeitläufte, selbst wichtig und faszinierend erscheint und auch
kommunikative Ansätze gegenüber anderen Personen, ob sie nun länger schon
durch Freundschaft verbunden sind oder ob sie eher durch Zufall als Fremde
Rezipienten der Reflexionen werden, anbieten und strukturieren, um damit
selbst Teil einer mit der Vergangenheit verknüpften Gegenwart zu werden
und unser Bewusstsein von Zeit zu konstituieren.
Was sind nun die Filter, die die Erinnerung
kanalisieren und die Inszenierung bestimmen? Es sind individuelle wie
kulturelle Wertvorstellungen, die vor allem auch durch symbolische
Realitätsdefinitionen bestimmen, was uns als Realität und „wahr“ erscheint
– und wir erinnern nur, was wir für wahr halten und wir kommunizieren nur
das, für das wir ein gemeinsames Sinnverständnis voraussetzen können.
Beim Erinnern der Kindheit funktioniert es nun
sicher nicht so, wie es Günther Grass mit seinem Bild Beim Häuten der
Zwiebel imaginiert hat, dass letztlich doch Schicht um Schicht, Haut
um Haut vorgedrungen werden kann, um zu einer zumindest subjektiv
empfundenen Gültigkeit des Erinnerns zu gelangen. Letztlich ist diese
Erinnerung ein Geröllhaufen von fremden und eigenen Steinen, die erst
durch eine eigene gegenwärtige Konstruktionsleistung zu einem halbwegs
erkennbaren Gebäude zusammengefügt werden können, wobei immer deutlicher
wird, wie viele dieser Bausteine einer verschütteten Realität Erzählungen
anderer, vor allem der Eltern geschuldet sind. Andere Bausteine sind
später in dem eigenen Bemühen, sinnvolle Strukturen, letztlich ein
fühlbares Kontinuum des Lebens zu entdecken selbst hinzugefügt worden,
sind Imaginationen und versuchte Sinngebungen des nicht mehr tatsächlich
erinnerten, das mit dem Nachdenken und Erzählen immer mehr eingefügt wird
in eine zusammenhängende Kindheitserinnerung. Mit einem kritischen Blick
auf dieses biographische Konstrukt stellt sich dann wieder die Frage nach
den Bauplänen dieses Gedankengebäudes. Viele Teile dieses imaginären
Bauplanes sind selbst wieder übernommen aus den Deutungsversuchen der
eigenen sozialen Umwelt, vor allem des Elternhauses, die das Heranwachsen
des Kindes in den Kontext der eigenen Biographien einbinden.
Struktur findet dieser Plan in dem Versuch,
das Leben in – sinnvolle und abgrenzbare – Phasen zu gliedern, die durch
Ereignisse und Einschnitte bestimmt werden. Dazu gehört sicher die Geburt
der jüngeren Geschwister, die das Leben des Kindes in der Familie
verändert und, wie der Psychologe weiß, tendenziell im Kleinkindalter
Zurückstellungsängste und Traumatisierungen hervorrufen kann, die sich in
Ängsten und Neurosen lebenslang fortsetzen können, ohne dass dem „Ich“ die
Ursache deutlich wird, es sei denn, dass eine solche Interpretation von
der Umwelt – also gegebenenfalls auch von den Eltern –, von Therapeuten
oder von eigenen psychologischen Studien und Kenntnissen angeboten wird.
Hier ist dann für eine biographische Erzählung eine
Grundsatz-Weichenstellung vonnöten, ob nun das biographische Erinnern Teil
einer laienhaften Selbstherapierung sein soll – wobei eine Öffentlichkeit
dieses Versuches nur über den literarisch-verallgemeinernden Anspruch zu
rechtfertigen wäre – oder ob dieser Teil des Erinnerungsprozesse in der
Erzählung marginalisiert werden muss, um Biographie als kommunikative
Inszenierung vorzulegen. Dabei werden Aspekte dieser verdeckten Biographie
wohl hie und da in erklärungsbedürftigen Ereignissen aufscheinen,
ansonsten wird der psychologische Exhibitionismus aber nicht als
wesentliche Element der Erinnerungs-Inszenierung anzusehen sein.
Es ist mir klar, dass ich hier durchaus
absichtlich, zwei Metaphernwelten wechselnd gebrauche, um die abstrakten
Vorgänge des Erinnerns und der Darstellung des Erinnerten anschaulicher
zu machen. Ersteres als Metapher, im eigenen Leben ein Bauwerk zu sehen,
mit einer verständlichen, funktional sinnvollen Struktur, dem letztlich
ein Bauplan zu Grunde liegt, der das Leben zu einem sinnvollen Ende führen
kann. Da Sinngebungen immer auch Ergebnisse kultureller Kommunikation und
Normvermittlung sind, misst sich dieses sinnvolle Leben, dieses positive
Selbstkonzept oder auch die Erfahrung mit dem Scheitern von Selbstbildern
und Selbstkonzepten an der eigenen sozio-kulturellen Umwelt.
Die zweite Metaphernwelt bezieht sich auf den
Vorgang des Erinnerns als selbstbezüglichem oder sozialen
Kommunikationsprozess, der zu beschreiben ist als „Inszenierung der
imaginierten Realität“, wobei ich diese Theater-Metapher dem einleitenden
Zitat von Julia Ucsnay entnehme. Damit wird die Doppeldeutigkeit des
Begriffs Erinnern und Erinnerung als Prozess und Tätigkeit wie als
Konstrukt des eigenen Lebens deutlich.
Auch andere Ereignisse werden als
„Einschnitte“ in die Biographie erfahren, wie z.B. Unfälle oder schwere
Erkrankungen mit Todesnähe im Kinderalter. Bei mir hatte gerade dieser
Einschnitt eine ganz entscheidende Erfahrung als ich mit einer akuten
Mittelohrvereiterung im Alter von sechs Jahren wegen der Gefahr des
Eiterdurchbruchs in den Gehirnraum zu einer Notoperation in die
Kinderklinik in Hannover kam und wohl tagelang zwischen Koma und Leben
existierte. Davon wird noch später die Rede sein, hier habe ich diese
Erfahrung angesprochen weil ich scheinbar keine konkrete eigene Erinnerung
an länger zurück liegende Zeiten davor habe. Das zu relativieren und in
Frage zu stellen wird eine reizvolle erinnerungstheoretische Aufgabe sein.
Dass die Ängste der Eltern in dieser und der Nachfolgenden Zeit wohl
erheblichen Einfluss auf die Entwicklung im Kindesalter hatte, aber vom
Kind selbst nicht bewusst wahrzunehmen war, dürfte nahe liegen.
Relativ leicht lässt sich eine Biographie
durch Umzüge und Wohnortwechsel charakterisieren. Dies ist das leitende
Strukturprinzip viele Biographien wichtiger Personen der Geschichte und
erscheint auch in der eigenen Biographie sinnfältig. In meiner eigenen
Biographie war der Umzug von meinem Geburtsort Wiesbaden nach Hannover
1950 von entscheidender Bedeutung, da er gleichzeitig Einschulung und kurz
darauf die eben schon erwähnte schwere Erkrankung bedeutete.
Später folgte der Umzug in Hannover von der
Akazienstraße in der citynahen Südstadt nach Waldhausen in die Riepestraße,
in der ich bis zum Ende der Schulzeit, dem Studium und der eigenen
Familiengründung wohnte, um dann als junger Lehrer nach Laatzen in die
Pettenkoferstraße umzuziehen. Der bislang letzte Umzug nach Ronnenberg
2006 gehört nun nicht mehr in diese Kindheitserzählung sondern leitet in
den Lebensphase schon zur Pensionierung über. Also insgesamt gesehen kein
sehr mobiles und bewegtes Leben, sondern örtliches Beharrungsvermögen, bei
dem sich die Mobilität in anderen Lebensbereichen Ausdruck verschafft.
Aus welchen subjektiven Bereichen jedoch
stammen die einprägsamsten Erinnerungen?
Als ich als kleiner Junge in Wiesbaden in der
Emser Straße lebte, beobachtete ich gerne das Leben auf der Straße vor
unserem Haus, wo der kleine Vorgarten durch ein altes, rostiges Gitter von
Bürgersteig abgetrennt war und wo einige Bäume und Sträucher standen. Die
Straße selbst war eine Allee mit Baumreihen auf beiden Seiten. Die wenigen
parkenden Autos standen dann meist auf dem Randstreifen zwischen den
Bäumen. So blieben eigentlich nur je ein Fahrstreifen in jeder Richtung
übrig.
Da die Emser Straße eine wichtige Hapt- und
Verbindungsstraße von der Innenstadt zum Dürerplatz und dem Waldgebiet
„Unter den Eichen“ war,.wurde sie dann Jahrzehnte später ausgebaut und
verbreitert, wodurch die beiden Baumreihen dem wachsenden Verkehr ebenso
zum Opfer fielen wie Teile der Vorgärten. Dies habe ich aber nicht mehr
selbst gesehen, da ich nach meinem letzten Besuch in Wiesbaden – jetzt
schon zusammen mit meiner Frau Jutta – und dem kurz darauf erfolgendem Tod
meiner Oma 1968 nicht mehr in Wiesbaden gewesen bin – es zog mich seither
nichts mehr in meine Geburtsstadt.
Doch zurück zu den Erinnerungen an meine
Kindheit, die sich auf einzelne Bilder beschränken und zeitlich nicht mehr
genau einzuordnen sind. Einiges wird wohl auch durch Erzählungen meiner
Elter und alte Fotos abgereichert und ausgemalt sein – wie das mit
Kindheitserinnerungen wohl häufig der Fall ist.
So ist es auch nicht sicher, ob meine
Buserinnerungen noch vor meiner Kindheit in der Emser Straße zu datieren
sind oder in der Zeit meiner regelmäßigen Ferienbesuche bei meiner Oma –
zunächst mit Eltern und jüngeren Geschwistern, dann aber auch alleine,
wobei ich die lange Bahnfahrt mutterseelenallein sehr genoss und bald auch
nicht mehr in Frankfurt abgeholt werden brauchte sondern das Umsteigen in
den Nahverkehrszug nach Wiesbaden auch alleine bewältigte. Meine Existenz
als „Reiseprofi“ hatte da schon sehr frühe Wurzeln geschlagen!
Der Gartenzaun, der sich in ähnlicher Form
auch vor den Nachbarhäusern erstreckte, wurde am Eingangsweg zur Tür an
der rechten Seite des Hauses unterbrochen von einem alten zweiflügligen
eisernen Gartentor, das beim Öffnen und Schließen schrecklich quietschte
und jammerte. Das war dann für die Hausbewohner, besonders meine Oma, das
Signal,dass jemand zu Besuch oder vom Spaziergang zurückkam.
An diesem Tor auf der Innenseite des Zaunes
hockte dann oft das kleine Gerdchen und beobachtete den Straßenverkehr.
Besonders interessant waren die Busse der Wiesbadener Stadtwerke auf der
Linie 3, der „Blauen“, die den Hauptbahnhof – später weiter geführt nach Biebrich/Rheinufer, was aber jetzt die Zeit diese Erzählung noch nicht
betrifft – mit den beiden Endstationen „Lindenhof” – war für mich nur
„zweite Wahl“ – oder „U.d. Eichen“ – was ich dann auch immer nur U De
aussprach und bei denen ich auf den nächsten sonntäglichen Waldspaziergang
hoffte – verband.
In den ersten Jahren nach dem Krieg beim
extremen Mangel an Dieselkraftstoff fuhren die meisten Wiesbadener Busse
mit Gas – über die konkrete Antriebstechnik damals habe ich mich nie
genauer informiert –, das unter einer geschlossenen grauen Plane auf dem
Dach mitgeführt wurde. Nur noch flüchtig erinnere ich mich daran, da ich
nie mit jemandem darüber gesprochen hatte, dass ich die Auspuffgase dieser
Gasbusse im Gegensatz zu den der übrigen Autos, besonders gerne roch und
in tiefen Zügen einatmete und mich dabei sehr wohl führte. Jetzt,
viel später, überlege ich, ob nicht vielleicht der Kohlenmonoxidanteil in
den Abgasen höher war und ich mir einen kleinen Rausch erschnüffelte?
Die Busse hatten eine helle beige Farbe und
unter den Fenstern einen blauen Streifen, der um das Fahrzeug herum
führte. Manch Busse hatten noch vorne eine Motorhaube, bei den meisten war
jedoch der Motor in einen Kasten im Innenraum zwischen Fahrer und vorderem
Eingang – und wohl weiter geführt unter dem Boden, da Niederflurtechnik
noch nicht erfunden war –, was ich bei jeder Fahrt im Bus immer genauer zu
erkunden suchte.
So bekamen nach und nach immer mehr Busse für
mich eine Individualität, so dass ich sie gleich wieder erkanntem wenn sie
an unserem Haus vorbei fuhren. Einige Busse mochte ich gerne, andere
konnte ich nicht leiden, weil sie hässlich waren. Enttäuschend war es
später als nach und nach die Gasbusse aus dem Verkehr gezogen und durch
einfache gesichtslose Dieselfahrzeuge ersetzt wurden. Aber es gab einen
Bus, den liebte ich ganz besonders: den lachenden Bus. Die Motoranordnung
war ein Zwischending zwischen der alten Motorhaube und der flachen Front
der neueren Busse. Ich weiß bis heute nicht, welche Fahrzeugmarke der
lachende Bus hatte; aber er schien vorne Pausbäckchen zu haben, was noch
verstärkt wurde, dass im Gegensatz zu den anderen Bussen der blauer
Streifen nicht vorne um den Bus herum geführt wurde, sondern in einem
kühnen Halbkreisbogen, die Form des Busbugs nachzeichnend, herunter und
zurück bis zum vorderen Radkasten spitz auslaufend zeigte. Das gab dem Bus
die lachende Physiognomie!
Inhalt
Erinnern und vergessen
Die
Biographie des Politiklehrers
…und
Dornen wachsen aus den Steinen
Was
sind die subjektiven Grundlagen einer biographischen Reflexion?
Der lachende
Bus
Dokument Information:
Erinnert und verfasst 2004-2008; Stand
der Textfassung: 26.09.2011
Internetpublikation auf
http://www.voigt-bismarckschule.de
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009), Potsdamer Str. 20,
30952 Ronnenberg / Region Hannover
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siehe Impressum. |
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