Persönliche Homepage von Gerhard Voigt

Home Was gibt's Neues? Inhalt Begrüßung Biographie UNESCO-Club Reisen Türkei Skandinavien Osteuropa Ungarn Naher Osten Iran In memoriam Schule und Politik Publikationen Soziologie Deutschland Staatsgesellschaft Globalisierung Artist's page Ronnenberg Weblinks Impressum

http://www.voigt-bismarckschule.de

 

Zur Seitennavigation
Inhalt
Dokument Information
Zur vorhergehenden Seite der Autobiographie - Kapitel einer Autobiographie: Ahnen und Vorfahren
Zur nachfolgenden Seite der Autobiographie - Kapitel einer Autobiographie:  Auf der Suche
Das abgebrochene Erststudium Chemie in Saarbrücken
Notizen und Skizzen zu einer Autobiographie: Überblick über die einzelnen Kapitel

   
   

 

     
   

Entfernungen vom Erinnern - Eine Kindheit in der Nachkriegszeit

Reflexionen über das biographische Erinnern: Über das Entstehen und Bewahren von Kindheitserinnerungen und ihre Bedeutung für die Gegenwart

Erinnern und vergessen

Jedes Wort, jeden Gedanken, sogar das Gefühl für uns selbst und andere verdanken wir unserem Gedächtnis. Ohne seine bindende Kraft zerfiele unser Bewusstsein in Einzelteile, gelebte Augenblicke. Seit frühesten Zeiten rätseln Philosophen und Wissenschaftler über die Natur des Gedächtnisses. „Was ist denn das, womit wir uns erinnern, welche Kraft hat es und woher hat es sein Wesen?“ rief Cicero im ersten Jahrhundert aus. Die Vorstellungen orientierten sich meist am Stand der zeitgenössischen Speichertechnik. Platon verglich um 400 vor Christus das Gedächtnis mit einer Wachstafel, in die sich unsere Erfahrungen eingraben. Nach der Erfindung des Buchdrucks lag die Parallele zu einem Buch oder einer Bibliothek nahe. Später sollten dann Fotoapparat, Tonband oder Computer veranschaulichen, wie das Gehirn unsere Erinnerungen aufzeichnet. Kreativer und näher am heutigen Stand der Forschung ist ein Vorschlag aus der Renaissance: das Gedächtnis als Theater.

Nicht zu allen Zeiten galt das Gehirn als Ort des Erinnerns und Vergessens. Aristoteles etwa glaubte an das Herz als Sitz der Seele, in der sich auch das Erinnern geistiger Bilder vollzöge. Wer darüber heute lächelt, sollte sich die jüngste Forschungsgeschichte vergegenwärtigen. Noch in den 1960er Jahren kursierte beispielsweise die Theorie der Gedächtnismoleküle. Demnach waren Erinnerungen in Form verschiedener Eiweißstoffe im Gehirn gespeichert. In einem Experiment brachten Vertreter dieser Forschungsrichtung Plattwürmern bei, das Licht zu meiden. Danach verfütterten sie die Tiere an Artgenossen, die dann angeblich auch dem Licht entflohen. Die „New York Times“ titelte daraufhin: „Verspeisen Sie ihren Professor!“

Julia Ucsnay. Aus der Sendung „Planet Wissen“, WDR (Stand vom 11.04.2008) http://www.planet-wissen.de/pw/

„Mein Großvater pflegte zu sagen: Das Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt in der Erinnerung drängt es sich mir so zusammen, dass ich zum Beispiel kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschließen kann, ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, dass – von unglücklichen Zufällen ganz abgesehen – schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht hinreicht.“

Franz Kafka

Vor nicht allzu langer Zeit war ich damit beschäftigt, einen bislang unveröffentlichten Aufsatz von Feo Jernsson[1], „Der Jammer mit dem ‚Historismus‛ und seinen Verfremdungen“, zur Buchveröffentlichung vorzubereiten. In dieser bewunderungswürdigen Schrift geht es vor allem darum, den „Historismus“ seiner Funktion als scheinbar die historische Wahrheit aufdeckendes „kollektives Gedächtnis“ zu entkleiden und die jeweils gegenwärtigen, ideologischen und macht-politischen Wurzeln der immer wieder neu ausformulierten Geschichtsbilder aufzudecken.

Weniger die bewusst vergegenwärtigte Geschichte, Geschichtsschreibung, Historiographie als das kollektive Erinnern an Geschichte ist das Problem. Jernsson schildert das in seiner vielfältigen Ambivalenz und Gebrochenheit vor allem am Beispiel der deutsch-polnischen Selbst- und Fremdwahrnehmungen in der Geschichtsschreibung: er macht deutlich, wie Geschichte „gemacht wird“, ohne dass von ihm eine neue „objektive Wahrheit“ dem gegenübergestellt oder postuliert würde.

Aber geschichtliche Erinnerung hat immer auch ein biographisches Fundament, wie es sich im Leben Jernssons zwischen Polen und Deutschland, zwischen erzwungener Kriegsteilnahme im Zweiten Weltkrieg und aktiven antifaschistischem Widerstand in Polen und in Südosteuropa beispielhaft erweisen lässt. Eigentlich sollte die Auseinandersetzung mit dem Historismus, die ebenso aktuell wie wissenschaftlich und politisch notwendig ist, parallel zu einer ausführlicheren Biographie des Verfassers gelesen werden, wofür das biographische Nachwort der genannten Publikation in seiner Kürze nicht mehr als eine aufschlussreiche Aufforderung bieten kann.

An dieser Stelle möchte ich zunächst einmal eine das Ziel der folgenden Ausführungen avisierenden Verallgemeinerung erproben: Eine der Aufklärung verpflichtete Geschichte – und dazu gehört durch ihre zeitgeschichtliche Einbindung auch die wissenschaftliche und didaktische Arbeit im Bereich der Sozial- und Politikwissenschaften – verlangt immer auch eine mehrschichtige biographische Perspektive, bei der die selbstreferentiellen Ansätze des Wissenschaftlers und Lehrers die Basis einer Mehrebenenanalyse der Realität sind.

Ein sehr altes Exemplum soll das verdeutlichen. Die in ihrer Zeit neuartige und für die Weltgeschichte Schlüsselcharakter beanspruchende islamische Wissenschaft der Blütezeit der arabisch-islamischen Kultur im achten bis zwölften Jahrhundert unserer Zeitrechnung in Baghdad und anderen Zentren der islamischen Kultur von Merv über Iran und Kairo bis Fez und Cordoba speiste sich aus dem zunächst im siebten und achten Jahrhundert nur religiösen Wunsch, sich der „Worte Gottes“ im Q’urân zu versichern, indem die Überlieferung der Suren, bald aber auch anderer Aussprüche Muhammads oder seiner Zeitgenossen, die Hadithe[2], so penibel wie möglich rekonstruiert und auf ihre „Glaubwürdigkeit“ überprüft wurden. Für ein religiös motiviertes Erkenntnisziel wurden streng rationale und logische methodische Ansätze entwickelt, die bald darauf auch auf andere, nicht philologische Wissensgebiete vor allem in den Naturwissenschaften übertragen werden konnten. So ist die Überlieferung der frühen Zeit des Islam sowohl eine immer wieder revidierte Überlieferung der Inhalte als auch eine Überlieferung der Biographien der Personen, die die Überlieferung getragen haben.

Die dargestellte Verallgemeinerung der notwendigen biographischen Aspekte der Geschichtsüberlieferung verlangt nun aber nach ihrer Umkehrung: Der selbstreferentielle Charakter von Biographien verlang ihre Einbindung in gesellschaftliche, politische und geschichtliche Kontextes. Dies wird in guten Biographien immer wieder mit wechselndem Erfolg versucht, doch bleibt hier immer noch die Gefahr, aus eigener Originalitätssucht des Verfassers wenig beweiskräftige „Uminterpretierungen“ der Geschichte vorzunehmen – wobei populär-okkultistische Machwerke wie die von Däniken und Konsorten wohl mangels ernst zu nehmender Überlieferungsbasis und logischer Stringenz völlig außer acht gelassen werden können. Aber auch Ansätze der letzten Zeit, z.B. mit sehr vager Argumentbasis Troja plötzlich an der syrischen Grenze lokalisieren zu wollen, oder die These, die Geliebte Goethes wäre nicht Frau von Stein gewesen, sondern die Frau seines fürstlichen Arbeitgebers… scheinen eher der Originalitätssucht des Autors als einem fundierten, kritischen wissenschaftlichen Diskurs geschuldet und können bestenfalls dazu anregen, historische „Selbstverständlichkeiten“ noch einmal und immer wieder auf ihre Begründungen und Quellen hin zu untersuchen, um sich zu verdeutlichen, das Geschichtswissen sicher keine Wahrheit, sondern Ergebnis gesellschaftlicher Diskurse ist. Dies hat Foucault in seiner „Archäologie des Wissens“ sehr deutlich herausgearbeitet.

Mit diesen Überlegungen sind wir wieder auf die Kritik des „Historismus“ zurück gelangt, der genau diesen ideologisierenden und verfälschenden Fehlinterpretationen seine gefährliche politische Brisanz verdankt, die ihn zur Basis der völkischen Ideologie des NS gemacht hat.

Die Biographie des Politiklehrers

Für den Lehrer, der in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ausgebildet worden ist, gilt es als Selbstverständlichkeit, sich nicht nur ganz allgemein für seine Schülerinnen und Schüler zu interessieren – das galt für gute Lehrerinnen und Lehrer wohl auch in früheren Zeiten – sondern, unter dem Stichwort der „Schülerorientierung“ auch für das diffizile Verhältnis zwischen der (Lern-)Biographie der Lerngruppe und ihrer Disposition zu aktuellen Lernprozessen. Erinnert sei an die permanente Aufforderung, die z.B. Prof. Ernst-August Roloff immer wieder seinen Lehramtsstudenten vor warf: „Wir müssen die Schüler dort abholen, wo sie sich befinden!“ Genau dieses Postulat scheint den auf Auslese und Elitebildung getrimmten heutigen Bildungspolitikern scheinbar völlig aus dem Blick geraten sein, was den desolaten sozialen Zustand unseres Schulwesens hinlänglich erklärt: Exzellenzcluster statt Allgemeinbildung…

Dabei fehlt aber der Gegenpol eines solchen biographischen Interesses: nämlich die Einbeziehung einer distanziert-kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie. Ansätze dazu finden sich höchsten in den fachlichen Dimensionen der Politiklehrerausbildung im Bereich der Soziologie. In das Individuelle weitgehend aussparender Perspektive hat der Verfasser an anderer Stelle die Widersprüchlichkeit und Ambivalenz der Situation des Politiklehrers (und natürlich der Politiklehrerin) zu charakterisieren versucht, indem er „Über die fünf absurden Antagonismen im Leben des Politiklehrers“ fünf „Distanzierte Verwicklungen“ im Leben des Politiklehrers beschreibt.[3]

Wie wichtig letztlich für die soziale Situation Unterricht die Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie ist, zeigen die sehr detaillierten Fragen der Schülerinnen und Schüler an den Lehrer, der neu in die Klasse gekommen ist. Sicherlich in dem Wunsch nach Aufschluss darüber: „Wer bist du?“ Je größer der Altersunterschied ist, der von beiden Seiten deutlich bemerkt wird, umso spannender ist für Schülerinnen und Schüler die Frage nach der Biographie, der Familie und den Erlebnissen und Erfahrungen des Lehrers. (Dass zu einer solchen Fragesituation natürlich ein gutes Stück Grundvertrauen, wenn nicht gegenseitige Sympathie gehört, ist selbstverständlich. Hier trifft sich fragendes – gegenseitiges – Interesse mit der pädagogischen Grundforderung nach Empathie und Herausbildung von Empathie als Unterrichtsziel.) Die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der eigenen Lehrerbiographie ist die Voraussetzung einer verantwortungsvollen Begegnung mit den Biographien der Schülerinnen und Schüler. Auf einer etwas anderen Ebene ist das zu vergleichen mit den Ausbildungsvoraussetzungen eines Psychoanalytikers, in deren Mittelpunkt die eigene Lehranalyse steht.

Das Erstaunen der Schülerinnen und Schüler ist auch ein Korrektiv gegen die alterstypische Realitätssicht von Lehrerinnen und Lehrern, die das, was ihnen selbstverständlich erscheint („das weiß man doch!“) auch für die viel später geborenen Jugendlichen als selbstverständlich voraussetzen. Wie groß ist die Ver-(Be-?)wunderung bei Schülerinnen und Schülern, wenn ich davon berichte, dass ich Kennedy bei seinem Besuch in Wiesbaden im offenen Wagen habe vorbeifahren gesehen (in Wiesbaden/Frankfurt waren die Hauptquartiere der US-Army; aus dem Blick auf Kennedy wurde wenig später dann auch die im Film tausendfach gezeigte Situation der Todesschüsse in Dallas viel verständlicher…), oder dass ich Adenauer bei einer CDU-Wahlkampfrede auf dem Messegelände in Hannover gehört habe. Ähnliches habe ich selbst erlebt – bewunderndes Staunen über die Zeitläufte – bei meinem vorübergehenden Arbeitgeber Helmut Rohde, MdB – später Bundesbildungsminister –, in der Zeit, als ich als Wahlkampfhelfer 1969 für ein halbes Jahr in seinem Büro in Bonn wie im Wahlkreis Linden-Ricklingen (WK 37) als „Bundestagsassistent“ tätig war (übrigens „ausgekuckt“ in einem gemeinsamen Treffen mit den Juso-Chefs in Hannover Herbert Schmalstieg und Gerhard Schröder), wenn mir Helmut Rohde immer wieder von seiner schicksalsbestimmenden Begegnung mit Kurt Schumacher in Hannover berichtete, dessen politische Überzeugungskraft, persönliches Charisma und menschlichem Charakter die SPD und die ersten Mitgliedergenerationen der Partei entscheidend prägten.

Biographien überlappen sich. Aber es wird immer wichtiger, sich mit ihnen und ihren Bedingtheiten auseinanderzusetzen. Hier ist auch eine Verantwortung zwischen den Generationen angesprochen. Die Vielfalt von Empfindungen, Blickweisen und Plänen richtet sich in der Jugend auf die – eigene – Zukunft. Das Gefühl der Unüberschaubarkeit, Unendlichkeit vielleicht Unsterblichkeit speist sich in der Jugend aus den unübersehbar vielen Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten der eigenen Zukunft. Das gibt die Kraft zur Entwicklung und zum Lernen. Verdammt ist eine Gesellschaft, die es der Jugend schon in frühen Jahren nimmt, ihre eigene Zukunft als ein Feld der unbegrenzten Möglichkeiten wahrzunehmen. Mit zunehmendem Alter, wenn eine Entscheidung nach der anderen unwiderruflich getroffen worden ist, engen sich die zukünftigen Möglichkeiten und Potenziale bis zum unausweichlichen Ende immer weiter ein. Die zum Leben notwendige Vielfalt erwächst zusehends aus dem Blick auf die Vielfalt der Vergangenheit und den Erfahrungen, die nicht nur individuellen Reichtum bedeuten sondern stellenweise auch einfließen in den kollektiven Erfahrungsschatz, in den Diskurs der Realität. Wenn es hier gelingt, einen kommunikativen Austausch zwischen der jugendlichen Hoffnungsfülle und der Vielfalt der Erfahrungen des Alters zu konstituieren, Entstehen tragfähige Netzwerke einer Historie, die nicht den ideologischen Fallen des Historismus auf den Leim geht.

You who are on the road

Must have a code that you can live by

And so become yourself

Because the past is just a good bye.

Teach your children well,

Their father's hell did slowly go by,

And feed them on your dreams

The one they picks, the one you'll know by.

Don't you ever ask them why, if they told you, you will cry,

So just look at them and sigh and know they love you.

And you, of tender years,

Can't know the fears that your elders grew by,

And so please help them with your youth,

They seek the truth before they can die.

Teach your parents well,

Their children's hell will slowly go by,

And feed them on your dreams

The one they picks, the one you'll know by.

Don't you ever ask them why, if they told you, you will cry,

So just look at them and sigh and know they love you.[4]

Ein wesentlicher Aspekt ist hier einzubringen. Erinnerung und Biographie konkretisiert sich in Symbolwelten. So wie Sozialverhalten weit mehr als im Alltag bewusst werdend symbolische Interaktion ist[5], so ist das Erinnern selbst durch symbolische Bezüge, Bilder, Melodien, Texte konstituiert. Hier hat eine soziologische Theorie der Metarealitäten der Kultur anzusetzen. Ich möchte das hier mit einigen essayistischen Überlegungen zur Bedeutung von Liedern für die eigene Erinnerungskonzeption veranschaulichen, ehe ich mich dem Ziel der im engeren Sinne biographischen Reflexionen der eigenen Kindheit nähern will.

…und Dornen wachsen aus den Steinen

Erlebnis, Erinnerungen und Sehnsüchte: Fantasien zu einem Lied

Die Hand greift in eine schmale Felsspalte, um sich bei dem Abstieg fest zu halten. Es sind zwar nur etwa dreißig Meter Abstieg von Glacis-Fläche, die einen Zeugenberg aus waagrechten Kalkschichten überdeckt und von der aus wir einen herrlichen Ausblick über das weite Tal des Oued el Abdi hatten – im Hintergrund die lang gestreckte Bergkette des Djebel Ahmar Kraddou.

Da, rechts neben der Hand, eine schnelle Bewegung und ein leises aber drohlich wirkendes Zischen und eine kleine Schlang sucht einen anderen Unterschlupf. In einer kurzen Schrecksekunde schiebt sich der Gedanke ins Bewusstsein: es muss eine Sandviper gewesen sein – und sie hat mich nicht gebissen. Hier, abseits jeder medizinischen Versorgung im südlichen Aurés-Gebirge in Algerien wäre das vielleicht das Ende gewesen.

Der Schreck sitzt noch in allen Gliedern. Nur schell nach unten! Ohne Rücksicht auf bergsteigerische Vorsicht wird es ein Lauf, vorwärts rutschend über Geröll und kleinere Felsbänder, der dann aber zu einem letzten Rutschen auf dem Hosenboden wird und mitten auf dem Polsterkissen eines Astragalus endet.

Der bis zu kniehohe Astragalusbusch hat in seinem Kern kleine grüne Triebe und Blätter, die sich durch zum Teil über zehn Zentimeter lange Dornstachel vor Ziegenbiss schützen und der Pflanze das Aussehen eines überdimensionierten Igels geben. Wahrlich ein bequemes Sitzkissen! Nun waren viele der Stacheln durch den Hosenboden in meiner Hinterseite stecken geblieben. Mein Kollege Dr. Achenbach half beim einzelnen Herausziehen und konnte ein letztlich trotz der Schmerzen ansteckendes Lachen nicht verkneifen.

Die Dramaturgie unseres kurzen Ausfluges war perfekt. Ein weite Horizonte eröffnendes Präludium auf dem Ausguck in der Höhe führt zur Dramatik des Abstieges und der „glücklichen Rettung“ – wenngleich dies natürlich nur Zufälle waren, doch in der griechischen Tragödie gehen Zufälle auf das Eingreifen der Götter zurück – werden gefolgt von einem Satyrspiel mit dem Titel „Astragalus“, der Sternenbusch. (Vgl. auch den Algerien-Reisebericht in dieser Website: Notizen und Skizzen zu einer Autobiographie: Die Algerienreise 1967.)

„Dornen aus den Steinen“, hier konnte man dieses Erlebnis sehr körperlich und hautnah erfahren. Doch ist es eine alte Erfahrung der Steppen- und Wüstenbewohner bis hin zum alttestamentarischen „brennenden Dornbusch“. Sofort erklingt im Ohr die eingängige Melodie des Liedes aus der Wandervogelbewegung der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts: „Hier wächst kein Ahorn … und Dornen wachsen aus den Steinen …“.

Lieder erhalten oft eine sehr persönliche Bedeutung für den der sie hört und singt. Dabei kommt es mehr auf die persönliche Füllung mit Assoziationen und die Verknüpfung mit eigenem Erleben an als mit dem künstlerischen, dichterisch-inhaltlichen oder musikalischen Gehalt. Oft evozieren die Lieder, die den Menschen über lange Zeiten seines Lebens begleiten, Erinnerungen an die Situationen und sozialen Zusammenhänge, wo sie gelernt, gehört und gesungen wurden.

In unserem Falle evoziert das Lied aber durch seine inhaltlichen Aspekte und seine angebliche Verortung auf dem Balkan in der Region des Kosovo und der albanischen Gebirge – wie wir interpretieren werden: wohl in Osmanischer Zeit – eigene Erinnerungen, die eine lebenslange „mental map“ zum Klingen bringen.

So sind auch die problematischen Implikationen des Liedes wie vieler Lieder der Jugendbewegung der ersten Jahrhunderthälfte, wenn man die Maßstäbe einer political correctness anlegt, eher marginal, wo es um persönliches Empfinden und Identifikationen geht. Doch sollte man die Problematik durchaus thematisieren, da auch das Wege zum Selbst öffnen kann.

Dornen und Steine wurde von Jooschen Engelke und Tejo (= Walter Scherf) verfasst[6], die für viele Lieder, die in der Faktur auf – oft ausländische – Volksliedtraditionen zurückgreifen, hier auf einen montenegrinischen Text. Die Melodie folgt der eigenen Klangvorstellung von Musik aus dem Balkan und ist gut sangbar, im Modus aber letztlich mitteleuropäisch. Genau das könnte einem solchen Lied zu Recht zum Vorwurf gemacht werden, dass es nicht im interkulturellen Sinne vermittelt. sondern eine eigene stereotype Scheinwelt, also eine Utopie aufbaut. Doch sollte dies nicht zu ernst genommen werden, da ein Großteil der europäischen auch klassischen Musik Klangvorstellungen oder bei Opern auch Textinhalte einbezieht und assimiliert, ohne im eigentlichen kulturellen Sinne den Quellen gerecht zu werden. Man denke an die „Turkomanie“ der deutschen Klassik, an „Die Entführung aus dem Serail“ oder an Shakespeares Venedig oder Mantua. Wenn es der „ernsten Kunst“ immer erlaubt war, eigene auch exotische Welten aus Realitätsversatzstücken aufzubauen, sollte dies bei populären Werken nicht allzu streng kritisiert werden. Verlangen nicht die „Kunstkonsumenten“ gerade die Einführung in „künstliche Welten“, die dennoch ein Muster der Verständlichkeit in sich bergen?

Schwerer wiegen Kritikansätze, die in den Hervorbringnissen der Jugendbewegung und des Wandervogels die psychosozialen und damit in der Folge politischen Probleme von Jugendbünden und Männerbünden in den Vordergrund stellen und damit in den Problemkreis der psychischen Deformationen von „Männerbünden“ vorstoßen, in deren Welt die Jungen-Bünde der Bündischen Jugend angeblich einführen.[7] Ein Teil der Bündischen Jugend war damit bereit gemacht zur „Gleichschaltung“ durch die Nazis nach 1933, also zur Übernahme in die Hitler-Jugend. Gemeinschaftsideologie, Abenteuerlust, falsche Romantik und soziale Gruppenintegration waren dabei die Vehikel der Einbeziehung in den Hitler-Staat und damit später in die soldatischen Formationen im Zweiten Weltkrieg. Elemente dieses Weltbildes spielen – wohl auch von den Autoren und Komponisten eher naiv angewendet – in die Lieder der „Großfahrt“ als Krönung des bündischen Lebens mit hinein, oft tief gründend im Antirationalismus des 19. Jahrhunderts. Dennoch ist die Wirkung dieser Lieder nicht eindeutig, ihre Assoziationspotentiale sind eher von den Biographien der Rezipienten, als vom tatsächlichen Liedinhalt abhängig. Erlauben wir es uns daher, die naive Faktur der Lieder für bare Münze zu nehmen, zumindest solange wir singen…

Hier wächst kein Ahorn,
hier wächst kein Pflaumenbaum

hier wachsen keine Mädchenherzen,
keine Mädchenherzen.

Montenegro – der „Schwarze Berg“ als Teil des Balkan-Gebirges, im Südwesten des ehemaligen Jugoslawiens, hat teil an der tragischen, gewalttätigen und kriegerischen Geschichte Südosteuropas. Europa ist der Kontinent der Kriege lange bevor Herrschaftskämpfe eine gefestigte staatliche Organisation gefunden haben. Reichsbildungen wie im kleinerem Maße das Fürstentum der Serben im 13. Jahrhundert oder im größeren Rahmen die Reiche von Byzanz und dem Osmanischen Reich hatten weder im modernen Sinne eine staatlich-institutionelle Basis noch die Klammer eines einheitlichen Volkstums über einer einheitlichen Sprache. Die Herausbildung der Staatsgesellschaften und damit auch der „modernen Kriegsführung“ ist eine neuzeitlich-europäische Entwicklung, die nicht auf vergangene Zeiten der Reiche uns dynastischen Machtspiele übertragen werden kann.[8]

Bestimmend war die Bindung an die Familie, die Gruppe – die bei Männern häufig die Kampfgruppe, die Armeeeinheit war – und der Heimatort in seiner symbolisch besetzten Landschaft. Dass auch diese Aussagen Interpretationen aus der Perspektive einer heutigen Zeit sind, versteht sich von selbst. Doch die Sehnsüchte, denke ich, kann man durchaus über die Zeitläufte hin projizieren und an eigenen Erlebnissen fest machen. Der Liedermacher der Wandervogelbewegung greift hier zwar auf stereotype Balkanbilder zurück, doch das eigene Erlebnis der Landschaften im Lebensraum der Südslawen, Bulgaren und Albaner ist Bildmächtig und Emotionsbesetzt.

Die Spannung zwischen den semiariden Karstgebirgen im Südwesten und den reichen Wäldern und Ackerbaugebieten Serbiens erfährt der, der von Griechenland kommend durch das Ibartal in Richtung Beograd fährt – in der Vorstellungswelt des Liedes: marschiert. Die Hänge oberhalb des Ibar sind mit dichten Wäldern bewachsen, die im Herbst zu einer reichen, leuchtenden Palette unbeschreiblich farbiger Bäume und Büsche werden. Der krasse Gegensatz zu den ausgedörrten steinigen Pfaden im Südwesten. Hier im Nordosten wachsen nun tatsächlich die Pflaumenbäume, die die Grundlage für den süßen Pflaumenschnaps geben, und die Weinreben, aus denen Wein und schließlich auch das Nationalgetränk Rakı gewonnen wird.

Dies ist der Traum vom Wohlleben, von Rausch und von die Liebe, denn wo könnten sonst Mädchenherzen gedeihen? Auch hier die Träume, weitab von jeder heißen, dörren Tagesrealität im Zelt und auf dem Steinboden. Ja te volim vesna ljubim te, schönes Serbenmädchen, hier in der Wüste wächst du nicht… wobei auch hier Landschaften als Symbole seelischer Dispositionen aufzufassen sind, die überall, wo das Lied gesungen wird, emotionale Reaktionen evozieren, die von eigener Biographie in Wert gesetzt sind. (Vesna ist in der slawischen Mythologie die Frühlingsgöttin. Der Name ist russisch/slawisch und bedeutet "die Jugend" oder "die Gottheit des Frühlings". Russisch heißt Vesna Frühling.)

Hier wächst der Thymian,
hier wächst der Ginsterstrauch,

und Dornen wachsen aus den Steinen,
Dornen aus den Steinen.

Wie schon am Anfang dieses Kapitel deutlich wurde, ist die Landschaft, die hier imaginiert wird, für mich äußerst real und bestimmt einen wichtigen Teil meiner Lebenserfahrung. Dies muss nun nicht gerade der Balkan sein, der für mich wichtige Eindrücke vermittelt hat – der Farbrausch des Ibar-Tals wurde eben schon angesprochen, aber auch Landschaft und Kultur von Kosovo Polje, den altserbischen orthodoxen Klöstern, z.B. das Kloster Graćanica (Kosovo) Serbien, erbaut im Jahre 1320 von König Milutin, Kloster Studenica (Raska Oblast) Süd-Serbien, erbaut von Stefan Nemanja im Jahre 1195 und schließlich das Kloster Zica (Žiča) in der Nähe von Kraljevo, erbaut zwischen 1208 und 1230. Im Jahre 1219 wurde sie der erste Sitz der Serbischen Erzbischofs-Residenz.

In vielen Erlebnis- und Erinnerungsschichten überlagern sich hier Landschaften aus Nordafrika, Vorderasien und Iran, über die an dieser Stelle nicht ausführlicher berichtet werden soll. Doch dass das Bild der Dornen, die aus den Steinen wachsen, das, wie wir schon angedeutet haben, altbiblische Wurzeln hat, in dieser Weise ganz persönlich für einen Aspekt der eigenen Lebenserfahrung steht, hat sicher nicht nur episodische Gründe wie der Sitz auf dem Astragalus, sondern symbolisiert einen Aspekt der eigenen habitualisierten Weltsicht.

Thymian und Rosmarin, Zistrose und Wacholder, aromatische Dickichte in der Maccie Südfrankreichs waren schon ein eindrucksvolles Erlebnis der Hinfahrt der ersten Nordafrikareise nach Algerien über den Abfahrthafen Marseilles. Sensorisch verbindet sich das dann noch mit weißem Nougat aus Montelimar…

Zu dem Zeitpunkt war mir noch gar nicht klar, dass die Arbeit der folgenden Wochen im algerischen Aurés und in den Dj. Nemencha vor allem auch in vegetationsgeographischen Studien bestand, bei denen Maccienformen, Garrigueformen und Gebirgswälder aus Pinus Halepensis, der Aleppo-Kiefer, stellenweise sogar Zedernbeständen, daneben aber Steineichengehölzen und eben Übergängen zu den Strauchvegetationen der Maccie, in der Ebene im Übergang von Steppe zur Wüste aber auch Beständen von Wermut (Artemisia Campestris), Tamarisken, die auch schon aus den biblischen Landschaften bekannt sind, und eben – Astragalus-Polstern unterschieden, klassifiziert und kartiert werden mussten. Und am Fuße des Djurdjura-Gebirges im nördlichen Tellatlas der Kabylei stoßen wir dann auch auf üppige Ginsterstreifen, deren Gelb der strahlenden Sonne Konkurrenz machte.

Mit diesen Trockenlandschaften verbinden sich für mich starke Emotionen, auch Heimweh nach der Wüste. Das braucht nun sicher nicht soweit ins Mystische gehen wie die Vermutungen von sehr familiären Freunden, ich sei wohl ein wiedergeborener Araber. Aber Kokettieren mit solchen Vor-Lebensentwürfen ist doch nicht verboten!

Hier wächst der Handschar,
hier wächst der Flintenlauf,

und blüht wie weiße Lilien im Mondschein,
weiße Lilien im Mondschein.

Die nächste Wendung unseres Themen-Liedes ist nun wesentlich problematischer, aber sowohl zeitgeschichtlich wie in ältere Vergangenheiten zurückschauend sinnfältig. Die Jungenschar des Wandervogels erlebt sich in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts als bewaffnete Schar, Freischärler, wenn auch zunächst nur als Rollenspiel in der Antizipation gesellschaftlich positiv besetzter Erwachsenenrollen, bei denen die „heldenhafte Existenz“ des Soldatischen die Kriegertradition Europas fortsetzt und tradiert. Nicht umsonst gilt für diese Zeit das Diktum, „Kriegerdenkmäler überall“.[9]

Sogar der in seinen politischen Konzepten zeituntypisch relativ zivil erscheinende Reichskanzler Bismarck – was dann auch letztlich zum Bruch mit Kaiser Wilhelm II. und seiner Entlassung („Der Lotse geht von Bord“) führte – wird Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts in einer überbordenden nationalistischen Propaganda als mit Schwert bewaffneter älterer Krieger dargestellt wie in dem berühmt-berüchtigten Bismarckdenkmal in Hamburg (unmittelbar bei der Jugendherberge!), das als Bildvorlage u.a. für das nicht mehr vorhandene überdimensionierte farbige Aulafenster der Bismarckschule Hannover diente, was aufschlussreich und ausführlich auf Quellen gestützt von Rümelin in seinem baugeschichtlichen Aufsatz in der Festschrift zum hundertjährigen Bestehen der Bismarckschule 2006 dargestellt wird.

Das Thema Waffen und Gewalt verlangt auch hier wieder einen biographisch angehauchten Einschub. Biographische Prägungen und fundamentale Lebenserfahrungen und Wertentscheidungen sind vielschichtiger als man es zunächst vermuten möchte. Ausgehend von der zeitgeschichtlichen Einordnung der Waffenromantik der bündischen Jugend, die sich in unserem thematischen Lied ausdrückt und deren tatsächliche historische Spiegelung anschließend noch thematisiert werden soll, wird für mich als Verfasser dieser Überlegungen deutlich, dass der eigene Vater, geboren 1917, in den späten zwanziger Jahren fest verwurzelt war in der bündischen Jugend, die in vielem seine Wertnormen auch später als Lehrer geprägt hatte – in durchweg sympathischer Weise um Gemeinschaft, Verantwortung und Mitmenschlichkeit bemüht. So sind im eigenen Elternhaus aber auch romantisierende Weltsichten vermittelt worden, die aber durch eine sehr feste christliche Fundierung bei meinem Vater als Lehrer in einer Freien Waldorfschule eine besondere Akzentuierung erfahren haben.

Aber die angesprochene biographische Wurzel reicht tiefer. Mein Großvater väterlicherseits war hoher Marineoffizier im Verwaltungsdienst – zuletzt Kapitän zur See i.V. – und vor seiner Alterspensionierung noch während der letzten Kriegsjahre in der Abwicklungsabteilung des Reichsmarineamts in Berlin tätig – d.h. aber auch in Kenntnis aller Kriegsverluste der Marine in den letzten Kriegsjahren…

Die Begeisterung für Seefahrt und Schiffe war dann in unserer Familie fast zwangsläufig, Besuche in Wilhelmshaven, dem Ort der Jugendzeit meines Vaters, selbstverständlich. Und zu Schiffen gehören dann natürlich auch Kriegsschiffe wie das Torpedoboot Jaguar, auf dem mein Großvater als Flottillenzahlmeister jahrelang diente. Die Thematik des Verhältnisses des Berufsoffiziers zur Politik des Staates, dem er dient und dem er durch Eid verbunden ist, kann und soll an dieser Stelle nicht weiter thematisiert werden, da dieses Thema für mich dann wenig eigen biographische Bedeutung erlangt hat – vielleicht mit Ausnahme der Tatsache, dass mir Eide persönlich völlig schnuppe und nicht prägend sind, obwohl ich ja selbst Beamter bin… – und gerade im Zusammenhang mit dem militärischen Widerstand des 20. Juli heute wieder sehr ausführlich diskutiert wird. Dass mir die Geschichte des Kriegsschiffsbaus vor allem in technischer aber auch ästhetischer Hinsicht bis heute ein interessantes Thema ist und dass ich seit meinem zehnten Lebensjahr Schiffsmodelle baue, vor allem Modellbaubögen der Serie der Wilhelmshavener Modellbaubögen im Maßstab 1:250, die auch heute noch meine Schränke zieren und unter denen sich z.B. das Schulschiff „Schleswig Holstein“ befindet, das mit der Beschießung der Westerplatte in Danzig 1939 den üblen Startschuss zum Überfall auf Polen und damit dem Zweiten Weltkrieg gab, aber auch das Torpedoboot Jaguar und auch Schiffe der Bundesmarine scheint in einem unauflöslichen Widerspruch zu meiner pazifistischen Lebenseinstellung zu stehen, in der ich – obwohl es kein eigener Verdienst ist – stolz darauf bin, noch nie eine Schusswaffe in der Hand gehalten zu haben (mit, ich gestehe, einer Ausnahme: dem Luftgewehr, mit dem ich ein improvisiertes Wettschießen gegen Soldaten der Iranischen Armee in Eghlid überlegen gewonnen habe… ) und hoffe, nie in meinem noch vor mir stehenden Leben gezwungen zu werden, doch noch schießen zu müssen. Das soll mich aber grundsätzlich nicht davon abhalten, mich ohne Scheuklappen mit dem Thema Waffen und Krieg zu beschäftigen, dabei eventuell weitere Schiffsmodelle oder auch Flugzeugmodelle[10] wie z.B. dem Fokker Dreidecker oder dem Fieseler Fi 156 Storch zu bauen und Militärmuseen zu besichtigen.

Aber, wie angekündigt, zurück zu unserem thematischen Lied und der romantisierenden Strophe, von der wir ausgegangen sind und von der wir zunächst kritisch die Entstehungsbedingungen des Liedes und ihrer emotionalen Welt angesprochen haben. Der imaginierte Balkan, der hier besungen wird, hat jedoch in Hinblick auf Waffen und Gewalt durchaus eine historische Realbedeutung. Die emotionale Bindung an die eigene Waffe war sicher über die Männlichkeitssymbolik, die Klaus Theweleit kritisch erforscht hat, hinaus die Grundlage der Behauptungsfähigkeit einer Sozialgruppe in vorstaatsgesellschaftlicher Zeit als Überlebenseinheit, wie sie Norbert Elias definiert hat. Waffenschwärmerei wäre heute in einer funktionierenden institutionalisierten Staatsgesellschaft mit Gewaltmonopol eine zutiefst anachronistische Haltung oder eine psychische Reaktion des Nichtvertrauens in die soziale Sicherheit der eigenen Gesellschaft. Es wäre am Rande zu fragen, ob die Waffenfixierung des konservativen Teils der USA nicht als Ausdruck einer nicht gelungenen Transformation der vorstaatlichen Siedlergesellschaft in eine moderne Staatsgesellschaft zu werten ist. Ein Nachlesen der Argumente in den Federalist Papers zu Beginn der Verfassungsgeschichte der USA kann hier durchaus aufschlussreich sein.

Die Liebe zur Waffe in einer tribalen Gesellschaft ermutigt die Verteidigungsbereitschaft, allfällige Angriffe auf den eigenen Stamm abzuwehren und die nur durch Gewohnheitsrecht gesicherte innere Balance der Sozialstruktur der eigenen Gruppe zu sichern. Auch hier wird wieder eine mehrschichtige Symbolik erkennbar, indem die Waffe zum Gegenstand der Erzählungen über die Geschichte der eigenen Familie wird, zum Objekt des Volksliedes wie in dem berühmten Lied über das silberne Gewehr des Jungen aus Luristan in Iran – die Zahl dieser Volkslieder ist in allen Volkskulturen hoch – oder als Element des ritualisierten Tanzes. Schwert und Säbeltänze, z.B. aus Russland, sind auch bei uns recht bekannt. Hier möchte ich aber über ein eigenes Erlebnis berichten:

Türkei-Reise mit Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule Hannover in den Osterferien 1996: Am 13. Mai 1996 fand im Atatürk Kültür Merkezi (Kulturzentrum) in İstanbul das Finale der besten türkischen Folkloregruppen statt (Halk Dansları Yarışması Finali). Zu dieser Veranstaltung wurden wir drei Begleiter vom Ehemann der Kollegin Ümran Türkoğlu von der İstanbul Lisesi, Partnerschule der Bismarckschule,  eingeladen, der als Mitglied der Jury sicher über genügend Karten verfügte. Für mich zutiefst beeindruckend war ein letztlich aber nicht preisgekrönter Messertanz aus der nordöstlichen Provinz Ağri – wie der Name schon anlautet: am Araratgebirge, einer einsamen gebirgigen Steppenlandschaft in der seit den Zeiten der altorientalischen Urartäer, von denen sich der Name Ararat ableitet –, der zum Überlieferungsschatz einer Nomadengesellschaft gehört. Bei dumpfen Trommeln tritt schweigend eine Reihe von zwölf schwarz gekleideten nicht mehr jungen Männern auf, diese stellen sich in eine starre Reihe nebeneinander bis der rechte Flügelmann aus seiner Weste ein weißes Taschentuch zieht und mit dem Startsignal nach vorne in die Mitte schreitet. Gleichzeitig tritt der linke Flügelmann spiegelbildlich nach vorne und zieht aus seiner Weste ein Messer in Form und wohl auch in Schnittschärfe einem traditionellen Rasiermesser entsprechend. Während der erste versteinert, ohne mit der Wimper zu zucken mit dem Gesicht zum Partner (oder symbolisch: Gegner) stehen bleibt, fährt dieser, ebenso starr in der Körperhaltung, mit dem Messer minutenlang in Zickzackbewegungen millimeterdicht vor dem Gesicht des anderen hin und her. Schlagartig endet der sich steigernde Trommelwirbel, beide drehen sich um und gehen auf ihre Plätze zurück. Kurz danach wiederholt sich dieser Tanz, jetzt aber mit vertauschten Rollen. Vieles könnte hier über die sozialhistorisch-symbolische Bedeutung dieses Tanzes gesagt werden, der einen tiefen Blick in die tribale Kultur ermöglicht; hier sollen als Stichworte nur die Wertideale einer patriarchalisch geprägten Nomadengesellschaft, die sich in einem Jahrtausende überdauernden Überlebenskampf ausgesetzt sieht und die noch heute von staatlichen Institutionen und Sicherheiten weitgehend ausgeschlossen ist. Der Held ist hier nicht der Träger des Messers, sondern der, der Gefahr ohne zu Zucken übersteht und danach sofort wieder selbst kampfbereit ist.

Wenn wir in einer realer gedachten historischen Umwelt die Flintenläufe, die wie weiße Lilien im Mondlicht blühen, verstehen wollen, können wir das Lied eben auch auf einer anderen Erkenntnisebene lesen und hören und auch die nächste Strophe verstehen, die sich mit den Hoffnungen und Erwartungen befasst, die wesentlich einfacher angesiedelt sind als die wohl nur als Träume zu versehenden Paradiese der Pflaumenbäume und der Mädchenherzen in der Eingangsstrophe.

Und morgen Abend,
und wenn der Nachtwind weht,

kommt unser General geritten…
General geritten…

Der bringt uns Rakı,
der bringt uns, aj ho Bogami he –

der bringt uns tausend Golddukaten
tausend goldene Dukaten.

Der Nachtwind ist eine Erfahrung, die sehr real erlebt wird und zu den Eindrücken jedes Aufenthalts in den Gebirgen der Wüsten und Steppen gehört. Der Nachtwind weht von den kühleren Bergen die Hänge und Täler herunter, wenn die Sonne untergegangen ist und die aufsteigenden Winde über den erhitzten Steppen nachlassen. Der Nachtwind bringt die ersehnte Abkühlung und lädt ein, zusammenzusitzen und die einbrechende Nacht zu genießen. Auch erst zu dieser Zeit kommt dann auch der Hunger nach kräftigerem Essen, Schaschlik, Döner, frischem Lammbraten, Kuskus aber natürlich zu einem guten Schluck Wasser und Rakı…

Aber der Nachtwind kann auch zu einem kalten Sturm werden. Ich selbst habe das auf unserer ersten Algerienreise mit Dr. Achenbach erlebt. Von der saharischen Vorgebirgsebene aus sind wir eines Nachmittags, uns an Fahrspuren und dann eher provisorisch in den steilen Hang herein gefräste Straßen und Pisten im Tal des Oued Mestaoua nördlich von Djemina (18. März  1967) haltend, in das südliche Aurés-Gebirge hineingefahren, um Landschaftsformen, Vegetationsstufen und Siedlungen zu kartieren, wie es unser wissenschaftlicher Auftrag war. Die Fahrt war durch die mäßigen Straßenverhältnisse behindert, steile Passagen und lockere Geröllbänder erzwangen ein vorsichtiges Vorankommen. So wurden wir dann am Hang von der hier im Gebirge sehr schnell, fast plötzlich einbrechenden Dunkelheit überrascht und wurden gezwungen, einen Übernachtungsplatz für unseren VW-Bus zu finden. Geeignet erschien uns ein Verbreiterung der Straße in einer Kurve, die durch eine großen Felsblock etwas abgeschirmt war – in der Dunkelheit war dann unser Wagen kaum zu sehen und, wenn auch mit geringer Wahrscheinlichkeit konnte ja auch Nachts ein „Camion“ die Strecke herunter kommen. Doch machten wir uns klar, dass der Wagen so stand, dass der Ausstieg zur Straßenseite hin ging und dass auf der anderen Seite der Steilabfall in das rund hundert Meter tiefere Tal drohte, falls wir in der Dunkelheit einmal unseren Wagen verlassen mussten. Wir bauten dann unser Nachtquartier im Wagen wie jeden Tag auf, zogen an allen Seiten die Vorhänge zu und waren – zufrieden nach einem leckeren Abendessen am Campingtisch beim Campingkocher und mit einem Glas algerischem Rosé-Wein aus Mascara – sehr bald eingeschlafen. Doch weckte uns etwa um Mitternacht ein anschwellendes Brausen und Sausen, durch die Ritzen im Wagen fühlten wir kühle Luft hineindringen und der Wagen kam immer mehr ins Schwingen und Schlingern, obwohl er gut und sicher festgebremst war und auf einer ganz ebenen Stelle stand. Doch der Sturm wurde immer stärker und dann vermeinten wir, dass der Wagen sich langsam in Bewegung setzte und centimeterweise in Richtung auf den Talabhang rutschte. Das war nun tatsächlich nicht ganz unmöglich, da der Untergrund aus lockerem Schotter bestand. So stiegen wir dann doch besorgt aus und fanden unsere Befürchtungen bestätigt. Nun galt es, schwere und kantige Steinblöcke zu sammeln und auf allen Seiten vor und hinter den Rädern zu verkeilen. Das gelang und dann war der Nachtsturm nur noch eine erfreuliche Abkühlung von der Tageshitze, in der wir dem nächsten glühheißen Sonnentag entgegenschliefen…

Mit diesen Reminiszenzen will ich unseren kurzen Essay über das Lied als Evokation biographischer Erinnerungen und Reflexionen über das Verhältnis von Erinnerung und Realität, das sich an symbolischen Topoi festmachen lässt, zu denen die materiellen wie kommunikativen Artefakte der Kunst und geformten Überlieferung gehören. „Jedes Wort, jeden Gedanken, sogar das Gefühl für uns selbst und andere verdanken wir unserem Gedächtnis“ haben wir schon in einem Zitat von Julia Ucsnay unseren Text begonnen und sin zu diesem Punkt hier wieder zurück gekommen.

Was sind die subjektiven Grundlagen einer biographischen Reflexion?

Von Erzählungen und Küchenschaben

Es ist wohl schon deutlich geworden, dass das Motiv, diesen Text zu beginnen, nicht in reiner Erzählfreude aus einem ungetrübten Quell subjektiv gesicherter Erinnerungen ist, den ich mit anderen teilen möchte, da mich im Gegenzug auch die Biographien der Anderen interessieren. Dass dies als Motiv möglich wäre könnte auch mit den schon angedeuteten Überlegungen zur Bewertung und Strukturierung des beruflich geforderten Lehrer-Schüler-Verhältnisses sein, in dem die gegenseitige Kenntnis der biographischen Hintergründe eine wichtige, wenn auch meist unterschätzte – teilweise sogar tabuisierte oder anathematisierte – Rolle spielt beziehungsweise spielen sollte.

Durch einerseits die soziologische Prägung des eigenen Denkens als Folge der universitären Qualifizierung, andererseits aber durch seither ununterbrochenes Arbeiten in interkulturellen Kontexten, auch durch das Fach Geographie, erhält Erinnerung aber eine andere, philosophische Konnotation. Die Frage verschiebt sich immer mehr von „was weiß ich und was erinnere ich?“ hin zu „warum erinnere ich gerade dies? und was ist daran wirklich Erinnerung?“. Diese Fragen berührt das eben noch einmal herangezogene Zitat von Julia Ucsnay, wenn es die verschiedenen Vorstellungen darüber referiert, wo denn der Sitz des Gedächtnisses zu suchen sei und wie es funktioniert.

Ich knüpfe hier, zustimmend, an den letzten Teil des Zitates an: „Kreativer und näher am heutigen Stand der Forschung ist ein Vorschlag aus der Renaissance: das Gedächtnis als Theater.“ Meine Frage ist nun: wer inszeniert dieses Theaterstück, das wir Gedächtnis nennen? Das etwas eingehender zu beleuchten, soll Aufgabe der nächsten autobiographischen Überlegungen sein.

Anekdotisch nähern wir uns dem Problem, das wir in der einen oder anderen Form aus Erzählungen immer wieder vorgesetzt bekommen: das Jäger- und Anglerlatein, die sich nach und nach immer weiter holzschnittartig und gängigem Verständnis nähernden Erzählungen der Kriegsteilnehmer aber auch, wenn wir selbstkritisch zurückdenken, an die eigenen Erlebnisberichte, die im Laufe der Zeit immer aufregender, spannender und zum Teil auch humoristischer werden – aber langsam selbst nur in der jeweils letzten Form erinnert werden, wenn also die Erzählbarkeit immer weiter den vielleicht einmal vorhandenen realen Erlebniskern in der Erzählung überschreibt. Die Inszenierung lebt von der Reaktion des Publikums. Ich denke, dass das jeder Regisseur bestätigen kann. Ich möchte dies an einer völlig ekeligen spannenden Geschichte aus meiner eigenen Erfahrung verdeutlichen, denn diese Geschichte, die ich wohl vor Jahrzehnten einmal in einer Ursprungsfassung meinen Schülerinnen und Schülern erzählte, wird in der Schule von Schülergeneration zu Schülergeneration „weitervererbt“ und immer wieder „nachgefragt“:

Es war während meiner ersten Iran-Fahrt 1970 aus Anlass der Arbeit an unserer Staatsexamensthematik Iran, die ich zusammen mit meinem Kommilitonen und – bis heute – gutem Freund Wilfried Eilers unternommen habe, als wir auf der Hinfahrt durch die Türkei, angewiesen auf billige Hotels, bei denen wir schon einige nicht sehr appetitliche Nächte hinter uns gebracht hatten, in Ankara im Zentrum auf ein äußerlich recht ansehnliches Hotel stießen, dessen Übernachtungspreise mehr als günstig erschienen.

Das kleine Zimmer mit Waschgelegenheit, kleinem Balkon zur Straße hin, Wäscheschrank und zwei Betten war durchaus für uns genügend. Der Teppich hatte auf grauem Grund eine seltsam tachistische grün-schwarze Musterstruktur, scheinbar recht modern. Erst später fanden wir eine andere Erklärung dafür. Da es schon recht spät war und es draußen dunkelte – wir hatten schon unterwegs zu Abend gegessen – machten wir uns für die Nacht fertig. Damals waren wir ja noch jung und neugierig. Daher fiel es uns bald auf, besonders wenn wir auf unseren Betten saßen, dass der Teppich etwas beweglich und lebendig wurde – je dunkler es im Zimmer wurde, desto deutlicher. Auf näheres Hinsehen identifizierten wir dann eine größer werdende Zahl von kleinen Küchenschaben. Erster Versuch für den Umgang mit dieser Plage: Mein Freund holte eine Dose Insektenspray, Paral, für Fliegen und anderes Ungeziefer absolut tödlich, heraus und wir besprühten die Schaben einzeln. Reaktion: ein Augenblick verwunderte Ruhe, dann Weiterleben als ob nichts gewesen sei. Da erinnerten wir uns an die Aussage der Biologen, dass, wenn die Welt durch eine nukleare Katastrophe vernichtet wird, zuletzt noch die Küchenschaben überleben und die Erde neu besiedeln. So fanden wir die einzige finale Lösung für das Schabenproblem: Mit Schuhen drauftreten. Krtsch – der Chitinpanzer knackt, pstschsch – das grüne Blut spritzt – und hier war dann die neue Erklärung für den Tachismus des Teppichs.

Damals waren wir ja noch jung und neugierig. Wir wollten wissen, woher denn immer neue kleine Schaben kamen und fanden and der Wand über dem Waschbecken Schabenstraßen, die in den Kachelrillen unter dem Spiegel herauskamen.

Damals waren wir ja noch jung und neugierig. Wir nahmen daher unser Taschenmesser und schraubten den Spiegel ab. Iii-gitt! Die Strombuchse für die Waschbeckenlampe war in einer Höhlung, die ein herausgenommener Ziegelstein hinterlassen hatte. Aber diese Höhle war gestrichen voll: mit verwesenden glitschigen Schabenleichen, an denen sich an der Oberfläche Jungschaben gütlich taten, ohne zu ahnen, dass sie, wenn sie entsprechend gesättigt und gewachsen waren, auch nicht mehr unter dem Spiegelgefängnis heraus kommen konnten und daher zum Futter für spätere Generationen wurden. Also – doch schnell den Spiegel anschrauben und gaaanz fest zudrehen!

Die nächste Überraschung kam aber doch bald: Ein neuerlicher Blick auf den Teppich zu vorgerückter Stunde zeigte uns, dass doch auch größere Schaben hier ihr Paradies gefunden hatten. Tiere von größerer Länge als ein bis zwei Centimeter. Woher kamen diese aber nun?

Damals waren wir ja noch jung und neugierig. Und wir suchten die Höhle der Schaben, die sichtlich in immer größerer Zahl unter dem Kleiderschrank hervorkamen. Also: Schrank vorrücken. Gesagt – getan. Und hier was ganz anderes: Ein mehr als zwanzig Centimeter im Durchmesser messender Ring von Küchenschaben aller Größen, die sich um eine Schabenkönigin in der Mitte des Kreises befand um unendlich viele Eier zu legen. Die Fütterung und Pflege der gut zehn Centimeter langen Schabenkönigin durch ihre Untertanen wollten wir aber dann doch nicht mehr weiter verfolgen und Drauftreten als letale Lösung kam bei diesen Massen auch nicht mehr in Frage. Schrank anrücken, uns fest einmümmeln und wickeln, um Schabeninvasionen in der Nacht zu trotzen, war das, was uns für diese Nacht noch blieb.

Danach waren wir nicht mehr jung und neugierig. Es war das letzte Mal, dass ich in einem Hotel einen Schrank gerückt habe. Aber es war noch nicht alles: Am Morgen hatten wir am Körper trotz aller Schutzmaßnahmen merkwürdige rote juckende Stellen: einmal lange Ketten von Bissen und noch brennender Mini-Dreizahnbisse. Kleine Überlegung: das konnten nur Floh- und Wanzenbisse sein. Eine Musterung der Wände ließ uns dann auch eine Zahl von Wanzen finden, die wie Minischildkröten aussehen, verkleinert auf Millimetermaß.

Also, jetzt wünsche ich meinen Schülerinnen und Schülern einen guten Appetit zur Mittagszeit – aber bitte nicht während des Unterrichts ständig kratzen und jucken…

Noch ein Nachtrag gefällig: Auf unserer Rückfahrt haben wir hier natürlich nicht noch einmal genächtigt sondern im guten und penibel sauberen Hotel Kent. Aber die Neugier ließ uns doch noch einen Blick auf „unser“ Schaben-Hotel werfen: Feste Gitter vor allen Türen und Fenstern und ein amtliches Schild des türkischen Gesundheitsministeriums, dass dieses Hotel wegen Seuchengefahr geschlossen wurde. Wir haben es aber gesund überstanden.

Um jetzt noch einmal auf unsere Ausgangsfragestellung zurückzukommen: Die „Schabenerlebnisse“ haben für meine Lebenserfahrung, damit auch für mein Bild von der Türkei und dem „Orient“ nur eine marginale Bedeutung, obwohl sie durchaus geeignet wären, Vorurteilshaltungen gegenüber dieser Region und Kultur zu bestätigen und zu verfestigen. Die Erzählung ist im mündlichen Vortrag effektvoll mit all ihren Krtsch, Knack und Pstschsch aber pädagogisch für sich genommen sicher bedenklich. Wenn ich nicht in meiner Schule als Türkei- und Orientkenner bekannt und glaubhaft wäre, so dass gerade Schülerinnen und Schüler, die meiner Erzählung voller wohligem Schauer gelauscht haben bald darauf unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der nächsten Türkeifahrt gewesen waren und so ihr Türkei-Bild durch eigene und von mir betreute und angeregte Wahrnehmung revidieren konnten. Real ist für mich dieser Aspekt der vielen Orientreisen völlig nebensächlich, aber gerade diese eine Schabengeschichte hat sich gerade dadurch einen festen Platz in meiner Erinnerung gesichert, weil sie zu meinen Standarderzählungen gehört. Ob die Zahl der Flecken auf dem Teppich, die immens große Zahl der Schaben und die riesige Größe der Schabenkönigin nicht im Laufe der Zeit nicht immer größer geworden ist – o heiliges Anglerlatein – das will ich gar nicht mehr kritisch hinterfragen. Wie haben wir selbst reagiert? Eher hilflos vor Ekel, die Schönheit der Küchenschabe wurde uns bei dieser Gelegenheit nicht offenbar und Tierliebe regte sich auch nicht in Spuren. Erfahrenere Reisende hätten wohl umgehend das Hotel geräumt und gegebenenfalls auch Anzeige erstattet. (Das hat ja später wohl jemand getan.) Dass mein Freund sich gegen meinen Rat vor dem Zubettgehen den nackten Körper über und über mit Paral einsprühte war ebenso typisch, hilflos wie überflüssig: die nächtlichen Wanzen- und Flohbisse trafen ihn genauso wie mich und die Wirkung auf Küchenschaben hatten wir ja schon erprobt… Vielleicht schlägt hier auch bei uns unbewusst ein orientalistisches Vorurteil durch, indem wir die Standards, die für uns in Deutschland selbstverständlich gewesen wären und die wir dort auch massiv eingefordert hätten, dass wir diese Standards hier in der Türkei erst gar nicht erwarten sonder gar nicht verwundert waren über die mangelnde Hygiene eines billigen Hotels. Auf der anderen Seite ist es auch rational für uns wenig verwunderlich gewesen, dass alte Bausubstanz in dieser Klimazone zu Befall mit Ungeziefer prädestiniert ist. Aber man denke daran, dass vor einiger Zeit Amtsgebäude in Hamburg gefährdet wurden, da sie von Termiten befallen waren…

Genau diese mehrfache Reflexion über das eigene Erinnern entspricht einem aufklärerischen Umgang mit dem eigenen wie dem fremden, auch dem kollektiven Gedächtnis der Politischen Kultur und weist in einer entsprechenden Metaebene in den Bereich der Erkenntnisphilosophie. Dies macht den verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Biographie schwierig aber auch über den eigentlichen erzählerischen Anlass hinaus fruchtbar.

Was erinnere oder erzähle ich lieber nicht?

Schon im letzten Kapitel kamen erste Bedenken auf, ob bestimmte Geschichten aus dem Repertoire der Erinnerung erzählt werden sollten, hier waren es vor allem pädagogische Skrupel, ob die Erzählung nicht dem eigentlichen Ziel des interkulturellen Lernens, der Empathie mit dem Fremden zuwider läuft. Ich habe die Bedenken zur Seite gedrängt im Vertrauen darauf, durch die Integrität der Persönlichkeit sichere pädagogische Wirkungen zu erzielen als durch ab und an lockere oder auch phantasiereiche Geschichtchen. Ob ich mir damit aber nicht selbst etwas vormache und ein Selbstkonzept mit der Wahrnehmung durch den Anderen verwechsle?

Dieses grundlegende Problem tritt beim Erinnern immer wieder auf: Ist die Inszenierung der Vergangenheit nicht in erster Linie ein Kommunikationsprozess, der die Rezeption der Erzählung antizipiert? Dabei sollte es im Grundsatz keinen Unterschied machen, ob ich bei meiner eigenen Erinnerung mein eigenes Publikum bin, oder ob ich die Erzählung fremden vermittle. Ich selbst erzähle mir meine Erinnerung durchaus situationsabhängig und im Maßstab meiner heutigen Wert- und Urteilsnormen. Ich brauche hier nicht auf die Thematik von Verdrängung und Traumatisierung einzugehen, die die Psychologie und vor allem auch die Psychoanalyse seit langem erforscht. Auch für den Laien in diesem Fachbereich ist natürlich eine Begegnung mit den grundlegenden Problemen und Fragestellungen der psychologischen Anthropologie in gewisser Weise persönlichkeitsverändernd. Mit vierzehn Jahren begann ich, gleitet von dem Erscheinen als Taschenbuchausgaben in der Fischer-Bücherei mit der Lektüre und Rezeption der grundlegenden Werke von Siegmund Freud, dem Abriß der Psychoanalyse, Totem und Tabu, Traumdeutung, dem Witz und seiner Beziehung zum Unbewußten… Später kamen noch Werke von Adler und Jung dazu. Indem ich einerseits – auch literarisch – fasziniert war und mein Menschenbild deutliche Einflüsse durch die freudschen Kategorien erfuhr wuchs andererseits meine Skepsis gegenüber der Psychologie, die mir immer mehr als „überkonstruiert“ erschien, so dass ihr letztlich die Distinktivität gegenüber der Realität verloren ging. Eine Theorie, die letztlich alles und auch das Gegenteil erklären kann, hat keinen wissenschaftlichen Erklärungsrang sondern ist ein literarisches Konstrukt, dessen Bedeutung erst durch den Rezipienten konstruiert wird. Das mag nun gerade das therapeutische Potenzial der Psychoanalyse sein, schreckte mich aber durch seine strukturelle Indiskretion und die notwendige Nähe zu einem Therapeuten ab. Bis heute möchte ich unter keinen Umständen psychologisch behandelt werden; vieles über mich selbst möchte ich gar nicht so genau wissen. Mein konstruiertes Selbstbild zu erhalten ist mir wichtiger als eine Selbstaufklärung mit psychologischer oder psychotherapeutischer Betreuung – was natürlich die Fähigkeit voraussetzt, sich selbst distanziert und selbstironisch gegenüber zu treten. Um sich in eine Innensicht der psychoanalytische Professionalisierung und ihres möglichen Scheiterns zu bemühen, sei auf einen Kriminalroman aus Israel aus dem Milieu der Psychoanalytiker hingewiesen, der mich auch nach nochmaliger Lektüre sehr beeindruckt hat, so dass eine Leseempfehlung gerade an dieser Stelle angebracht erscheint: Batya Gur, Denn am Sabbat sollst du ruhen (München 1996, Goldmann Taschenbuch). Die Autorin ist die wohl international bekannteste Kriminalschriftstellerin Israels. Sie ist leider vor kurzer Zeit gestorben.

Das wieder sind die Bedingungen, die ich eingangs angedeutet habe: dass die Bühne der Erinnerung ein immer wieder neu konzipiertes Stück spielt, dessen Handlungsschwerpunkte durchaus veränderlich erscheinen – je nach Situation und Publikum. Die theoretische Reflexion begründet aber auch, warum das Erinnern, die Inszenierung der eigenen Vergangenheit im Rahmen eines Blicks auf den Kontext der Zeitläufte, selbst wichtig und faszinierend erscheint und auch kommunikative Ansätze gegenüber anderen Personen, ob sie nun länger schon durch Freundschaft verbunden sind oder ob sie eher durch Zufall als Fremde Rezipienten der Reflexionen werden, anbieten und strukturieren, um damit selbst Teil einer mit der Vergangenheit verknüpften Gegenwart zu werden und unser Bewusstsein von Zeit zu konstituieren.

Was sind nun die Filter, die die Erinnerung kanalisieren und die Inszenierung bestimmen? Es sind individuelle wie kulturelle Wertvorstellungen, die vor allem auch durch symbolische Realitätsdefinitionen bestimmen, was uns als Realität und „wahr“ erscheint – und wir erinnern nur, was wir für wahr halten und wir kommunizieren nur das, für das wir ein gemeinsames Sinnverständnis voraussetzen können.

Beim Erinnern der Kindheit funktioniert es nun sicher nicht so, wie es Günther Grass mit seinem Bild Beim Häuten der Zwiebel imaginiert hat, dass letztlich doch Schicht um Schicht, Haut um Haut vorgedrungen werden kann, um zu einer zumindest subjektiv empfundenen Gültigkeit des Erinnerns zu gelangen. Letztlich ist diese Erinnerung ein Geröllhaufen von fremden und eigenen Steinen, die erst durch eine eigene gegenwärtige Konstruktionsleistung zu einem halbwegs erkennbaren Gebäude zusammengefügt werden können, wobei immer deutlicher wird, wie viele dieser Bausteine einer verschütteten Realität Erzählungen anderer, vor allem der Eltern geschuldet sind. Andere Bausteine sind später in dem eigenen Bemühen, sinnvolle Strukturen, letztlich ein fühlbares Kontinuum des Lebens zu entdecken selbst hinzugefügt worden, sind Imaginationen und versuchte Sinngebungen des nicht mehr tatsächlich erinnerten, das mit dem Nachdenken und Erzählen immer mehr eingefügt wird in eine zusammenhängende Kindheitserinnerung. Mit einem kritischen Blick auf dieses biographische Konstrukt stellt sich dann wieder die Frage nach den Bauplänen dieses Gedankengebäudes. Viele Teile dieses imaginären Bauplanes sind selbst wieder übernommen aus den Deutungsversuchen der eigenen sozialen Umwelt, vor allem des Elternhauses, die das Heranwachsen des Kindes in den Kontext der eigenen Biographien einbinden.

Struktur findet dieser Plan in dem Versuch, das Leben in – sinnvolle und abgrenzbare – Phasen zu gliedern, die durch Ereignisse und Einschnitte bestimmt werden. Dazu gehört sicher die Geburt der jüngeren Geschwister, die das Leben des Kindes in der Familie verändert und, wie der Psychologe weiß, tendenziell im Kleinkindalter Zurückstellungsängste und Traumatisierungen hervorrufen kann, die sich in Ängsten und Neurosen lebenslang fortsetzen können, ohne dass dem „Ich“ die Ursache deutlich wird, es sei denn, dass eine solche Interpretation von der Umwelt – also gegebenenfalls auch von den Eltern –, von Therapeuten oder von eigenen psychologischen Studien und Kenntnissen angeboten wird. Hier ist dann für eine biographische Erzählung eine Grundsatz-Weichenstellung vonnöten, ob nun das biographische Erinnern Teil einer laienhaften Selbstherapierung sein soll – wobei eine Öffentlichkeit dieses Versuches nur über den literarisch-verallgemeinernden Anspruch zu rechtfertigen wäre – oder ob dieser Teil des Erinnerungsprozesse in der Erzählung marginalisiert werden muss, um Biographie als kommunikative Inszenierung vorzulegen. Dabei werden Aspekte dieser verdeckten Biographie wohl hie und da in erklärungsbedürftigen Ereignissen aufscheinen, ansonsten wird der psychologische Exhibitionismus aber nicht als wesentliche Element der Erinnerungs-Inszenierung anzusehen sein.

Es ist mir klar, dass ich hier durchaus absichtlich, zwei Metaphernwelten wechselnd gebrauche, um die abstrakten Vorgänge des Erinnerns und der Darstellung des Erinnerten anschaulicher zu machen. Ersteres als Metapher, im eigenen Leben ein Bauwerk zu sehen, mit einer verständlichen, funktional sinnvollen Struktur, dem letztlich ein Bauplan zu Grunde liegt, der das Leben zu einem sinnvollen Ende führen kann. Da Sinngebungen immer auch Ergebnisse kultureller Kommunikation und Normvermittlung sind, misst sich dieses sinnvolle Leben, dieses positive Selbstkonzept oder auch die Erfahrung mit dem Scheitern von Selbstbildern und Selbstkonzepten an der eigenen sozio-kulturellen Umwelt.[11]

Die zweite Metaphernwelt bezieht sich auf den Vorgang des Erinnerns als selbstbezüglichem oder sozialen Kommunikationsprozess, der zu beschreiben ist als „Inszenierung der imaginierten Realität“, wobei ich diese Theater-Metapher dem einleitenden Zitat von Julia Ucsnay entnehme. Damit wird die Doppeldeutigkeit des Begriffs Erinnern und Erinnerung als Prozess und Tätigkeit wie als Konstrukt des eigenen Lebens deutlich.

Auch andere Ereignisse werden als „Einschnitte“ in die Biographie erfahren, wie z.B. Unfälle oder schwere Erkrankungen mit Todesnähe im Kinderalter. Bei mir hatte gerade dieser Einschnitt eine ganz entscheidende Erfahrung als ich mit einer akuten Mittelohrvereiterung im Alter von sechs Jahren wegen der Gefahr des Eiterdurchbruchs in den Gehirnraum zu einer Notoperation in die Kinderklinik in Hannover kam und wohl tagelang zwischen Koma und Leben existierte. Davon wird noch später die Rede sein, hier habe ich diese Erfahrung angesprochen weil ich scheinbar keine konkrete eigene Erinnerung an länger zurück liegende Zeiten davor habe. Das zu relativieren und in Frage zu stellen wird eine reizvolle erinnerungstheoretische Aufgabe sein. Dass die Ängste der Eltern in dieser und der Nachfolgenden Zeit wohl erheblichen Einfluss auf die Entwicklung im Kindesalter hatte, aber vom Kind selbst nicht bewusst wahrzunehmen war, dürfte nahe liegen.

Relativ leicht lässt sich eine Biographie durch Umzüge und Wohnortwechsel charakterisieren. Dies ist das leitende Strukturprinzip viele Biographien wichtiger Personen der Geschichte und erscheint auch in der eigenen Biographie sinnfältig. In meiner eigenen Biographie war der Umzug von meinem Geburtsort Wiesbaden nach Hannover 1950 von entscheidender Bedeutung, da er gleichzeitig Einschulung und kurz darauf die eben schon erwähnte schwere Erkrankung bedeutete.

Später folgte der Umzug in Hannover von der Akazienstraße in der citynahen Südstadt nach Waldhausen in die Riepestraße, in der ich bis zum Ende der Schulzeit, dem Studium und der eigenen Familiengründung wohnte, um dann als junger Lehrer nach Laatzen in die Pettenkoferstraße umzuziehen. Der bislang letzte Umzug nach Ronnenberg 2006 gehört nun nicht mehr in diese Kindheitserzählung sondern leitet in den Lebensphase schon zur Pensionierung über. Also insgesamt gesehen kein sehr mobiles und bewegtes Leben, sondern örtliches Beharrungsvermögen, bei dem sich die Mobilität in anderen Lebensbereichen Ausdruck verschafft.

Aus welchen subjektiven Bereichen jedoch stammen die einprägsamsten Erinnerungen?

Der lachende Bus

Als ich als kleiner Junge in Wiesbaden in der Emser Straße lebte, beobachtete ich gerne das Leben auf der Straße vor unserem Haus, wo der kleine Vorgarten durch ein altes, rostiges Gitter von Bürgersteig abgetrennt war und wo einige Bäume und Sträucher standen. Die Straße selbst war eine Allee mit Baumreihen auf beiden Seiten. Die wenigen parkenden Autos standen dann meist auf dem Randstreifen zwischen den Bäumen. So blieben eigentlich nur je ein Fahrstreifen in jeder Richtung übrig.

Da die Emser Straße eine wichtige Hapt- und Verbindungsstraße von der Innenstadt zum Dürerplatz und dem Waldgebiet „Unter den Eichen“ war,.wurde sie dann Jahrzehnte später ausgebaut und verbreitert, wodurch die beiden Baumreihen dem wachsenden Verkehr ebenso zum Opfer fielen wie Teile der Vorgärten. Dies habe ich aber nicht mehr selbst gesehen, da ich nach meinem letzten Besuch in Wiesbaden – jetzt schon zusammen mit meiner Frau Jutta – und dem kurz darauf erfolgendem Tod meiner Oma 1968 nicht mehr in Wiesbaden gewesen bin – es zog mich seither nichts mehr in meine Geburtsstadt.

Doch zurück zu den Erinnerungen an meine Kindheit, die sich auf einzelne Bilder beschränken und zeitlich nicht mehr genau einzuordnen sind. Einiges wird wohl auch durch Erzählungen meiner Elter und alte Fotos abgereichert und ausgemalt sein – wie das mit Kindheitserinnerungen wohl häufig der Fall ist.

So ist es auch nicht sicher, ob meine Buserinnerungen noch vor meiner Kindheit in der Emser Straße zu datieren sind oder in der Zeit meiner regelmäßigen Ferienbesuche bei meiner Oma – zunächst mit Eltern und jüngeren Geschwistern, dann aber auch alleine, wobei ich die lange Bahnfahrt mutterseelenallein sehr genoss und bald auch nicht mehr in Frankfurt abgeholt werden brauchte sondern das Umsteigen in den Nahverkehrszug nach Wiesbaden auch alleine bewältigte. Meine Existenz als „Reiseprofi“ hatte da schon sehr frühe Wurzeln geschlagen!

Der Gartenzaun, der sich in ähnlicher Form auch vor den Nachbarhäusern erstreckte, wurde am Eingangsweg zur Tür an der rechten Seite des Hauses unterbrochen von einem alten zweiflügligen eisernen Gartentor, das beim Öffnen und Schließen schrecklich quietschte und jammerte. Das war dann für die Hausbewohner, besonders meine Oma, das Signal,dass jemand zu Besuch oder vom Spaziergang zurückkam.

An diesem Tor auf der Innenseite des Zaunes hockte dann oft das kleine Gerdchen und beobachtete den Straßenverkehr. Besonders interessant waren die Busse der Wiesbadener Stadtwerke auf der Linie 3, der „Blauen“, die den Hauptbahnhof – später weiter geführt nach Biebrich/Rheinufer, was aber jetzt die Zeit diese Erzählung noch nicht betrifft – mit den beiden Endstationen „Lindenhof” – war für mich nur „zweite Wahl“ –  oder „U.d. Eichen“ –  was ich dann auch immer nur U De aussprach und bei denen ich auf den nächsten sonntäglichen Waldspaziergang hoffte – verband.

In den ersten Jahren nach dem Krieg beim extremen Mangel an Dieselkraftstoff fuhren die meisten Wiesbadener Busse mit Gas – über die konkrete Antriebstechnik damals habe ich mich nie genauer informiert –, das unter einer geschlossenen grauen Plane auf dem Dach mitgeführt wurde. Nur noch flüchtig erinnere ich mich daran, da ich nie mit jemandem darüber gesprochen hatte, dass ich die Auspuffgase dieser Gasbusse im Gegensatz zu den der übrigen Autos, besonders gerne roch und in tiefen Zügen einatmete und mich dabei sehr wohl führte. Jetzt, viel später, überlege ich, ob nicht vielleicht der Kohlenmonoxidanteil in den Abgasen höher war und ich mir einen kleinen Rausch erschnüffelte?

Die Busse hatten eine helle beige Farbe und unter den Fenstern einen blauen Streifen, der um das Fahrzeug herum führte. Manch Busse hatten noch vorne eine Motorhaube, bei den meisten war jedoch der Motor in einen Kasten im Innenraum zwischen Fahrer und vorderem Eingang – und wohl weiter geführt unter dem Boden, da Niederflurtechnik noch nicht erfunden war –, was ich bei jeder Fahrt im Bus immer genauer zu erkunden suchte.

So bekamen nach und nach immer mehr Busse für mich eine Individualität, so dass ich sie gleich wieder erkanntem wenn sie an unserem Haus vorbei fuhren. Einige Busse mochte ich gerne, andere konnte ich nicht leiden, weil sie hässlich waren. Enttäuschend war es später als nach und nach die Gasbusse aus dem Verkehr gezogen und durch einfache gesichtslose Dieselfahrzeuge ersetzt wurden.  Aber es gab einen Bus, den liebte ich ganz besonders: den lachenden Bus. Die Motoranordnung war ein Zwischending zwischen der alten Motorhaube und der flachen Front der neueren Busse. Ich weiß bis heute nicht, welche Fahrzeugmarke der lachende Bus hatte; aber er schien vorne Pausbäckchen zu haben, was noch verstärkt wurde, dass im Gegensatz zu den anderen Bussen der blauer Streifen nicht vorne um den Bus herum geführt wurde, sondern in einem kühnen Halbkreisbogen, die Form des Busbugs nachzeichnend, herunter und zurück bis zum vorderen Radkasten spitz auslaufend zeigte. Das gab dem Bus die lachende Physiognomie!


[1]    Franz Eberhard Otto Jerzykiewicz. Aus Jerzykiewicz wurde Jagemann. Das zumeist verwendete Pseudonym Jernsson ist die Übertragung des polnischen Familiennamens ins Schwedische. Ein anderes Pseudonym war Jerrig. Einige Publikationen erschienen unter dem Namen FEO Jerzykiewicz-Jagemann. Die Biographie dieses wichtigen Zeugens der Zeitgeschichte veranlasste dieses „Spiel mit den Namen“. Vgl.: Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt: Feo Jernsson – Der Jammer ... ... anstelle einer Einleitung: Nachgedanken

[2]    „Der Koran enthält zwar eine ganze Reihe von Grundsätzen und Vorschriften, dennoch können nicht alle auftauchenden Fragen durch Zitate des Korans beantwortet werden. So war es beispielsweise zu Lebzeiten Muhammads durchaus üblich, in Zweifelsfällen den Propheten selbst zu fragen. Nach Muhammads Tod mußte eine andere Quelle für die Beantwortung auftauchender Fragen gefunden werden. Diese Quelle stellen die Hadithe dar, die Überlieferungen von Aussprüchen und Verhaltensweisen des Propheten und seiner direkten Nachfolger sind. Weil Muhammad und die vier „rechtgeleitete“ Kalifen sich dem Willen Gottes unterworfen hatten, berichten diese Überlieferungen von einem Verhalten, dem jeder Muslim nacheifern und das ihm Richtschnur für sein eigenes Handeln sein sollte (Sunna). Die Hadithe ergänzen den Koran, können ihn aber nie außer Kraft setzen.“ Jürgen Mrosek, Pädagogischer Dienst der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz: Islam – was ist das? Anmerkungen zur Entstehungsgeschichte, Verbreitung, Kunst und Kultur. 1981.

[3]    Voigt, Gerhard, 1998: Politik in der Schule? Über den Zusammenhang zwischen öffentlichem Politikdiskurs und Selbstbild von Politiklehrerinnen und Politiklehrern: Erfahrungen an der Bismarckschule Hannover. In: Kronig, Michael / Nettelmann, Lothar / Voigt, Gerhard / Wehking, Ulrich, Hrsg., 1998: Reform – vom Gedanken zur Praxis. Für Ulrich Bauermeister. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. Heft 10. Hannover: 103-127.

[4]    Teach Your Children. Crosby, Stills, Nash & Young. by Graham Nash.

[5]    Vgl. die auch gerade für den Politiklehrer fundamentalen Aufsätze in dem Sammelband Steinert, Heinz, ed., 1973: Symbolische Interaktion. Arbeiten zu einer reflexiven Soziologie. Stuttgart (Klett), der meine Soziologiekonzeption über die in der Universität angelegten Paradigmen hinaus wesentlich erweitern konnte hin zu Mehrschichtigkeit, Reflexivität und selbstreferentiellen Perspektiven. Dafür danke ich Jürgen Wolf, der mich mit diesen Ansätzen vertraut gemacht hat im Kontext der Arbeit in der Reformkommission im niedersächsischen Kultusministerium, für die wir den „Handreichungskurs“ Soziale Ungleichheit erstellt hatten und in dem wichtige Texte für die Unterrichtsarbeit aus diesem Sammelband entnommen waren. (Wolf, Jürgen / Voigt, Gerhard, 19792: Soziale Ungleichheit. Leistungskurs Soziologie. Zweite Ausgabe. Dortmund [pad].)

[6]    Aus: Weiße Straßen, Lieder der Großfahrt (Walter Scherf, Heinz Schwarz), Junge Welt Opladen 1951. Hier (leicht modifiziert, wie wir es gesungen haben) zitiert nach „Der Turn“, Dritter Teil, hg. Konrad Schilling. Voggenreiter Verlag, Bad Godesberg 31957; Nr. 209.

[7]    Klaus Theweleit: Männerphantasien, Bd.1: Frauen, Fluten, Körper, Geschichte, 611 S., Stroemfeld/Roter Stern, Ffm. 1977 – Klaus Theweleit: Männerphantasien, Bd.2: Zur Psychoanalyse des Weißen Terrors, 564 S., Stroemfeld/Roter Stern, Ffm. 1978 – Klaus Theweleit: Play Station Córdoba. Yugoslavia. Afghanista n etc. Ein Kriegsmodell.
http://www.soziologie.uni-freiburg.de/Personen/theweleit/ 

[8]    Zum Problem der Staatsgesellschaft habe ich selbst intensiv gearbeitet. Ein Resultat ist der Sammelband: Voigt, Gerhard, Hrsg., 2002: »Staatsgesellschaft« Historisch-sozialwissenschaftliche Beiträge zur Diskussion von Entwicklungen, Problemen und Perspektiven. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Didaktische Reihe Heft 1. Hannover, darin auch der Aufsatz: Zur Begriffsbestimmung von ‚Staat‘ und ‚Staatsgesellschaft‘. Anmerkungen zur begrifflichen Differenzierung. – Zur Situation in der türkischen Welt und im Osmanischen Reich sei auf die Schriften von Elçin Kürşat hingewiesen: Kürşat-Ahlers, Elçin, 1994: Zur frühen Staatenbildung von Steppenvölkern. Über die Soziogenese der eurasischen Nomadenreiche am Beispiel der Hsiumg-Nu und Göktürken, mit einem Exkurs über die Skythen. Berlin. – Kürsat, Elçin: Der Verwestlichungsprozeß des Osmanischen Reiches im 18. und 19. Jahrhundert.  ZwischenWelten: Theorien, Prozesse und Migrationen, Bd. 7.1 & Bd. 7.2, 2003, Frankfurt am Main  (ISBN 3-88939-683-6 IKO-Verlag).

[9]    Krippendorff, Ekkehart: Die Kriegerdenkmäler sind überall!. — Die Kriegs-Spielerei der Großen und die Komplizität der Kleinen. Aus: Krippendorff, Ekkehart, 1985: Staat und Krieg. Die historische Logik politischer Unvernunft. Frankfurt am Main (edition suhrkamp 1305).

[10]  Ein Modell aus Karton im Maßstab 1:50 war die Noratlas der Bundesluftwaffe. Mit diesem Typ hatte unser Geographieseminar der Uni Hannover auf Einladung des Fliegerhorstes Wunstorf einen Rundflug über Norddeutschland organisiert, von dem ich vielleicht noch an anderer Stelle berichten werde…

[11]   Vgl. Th. S. MacPartland, John H. Cumming: Selbstkonzept und soziale Schicht. Kategorien der Selbst-Identifikation. In: Th. S. MacPartland, John H. Cumming: Selbstkonzept, soziale Schicht und psychische Gesundheit. In: Steinert, Hg., Symbolische Interaktion. Arbeiten zu einer reflexiven Soziologie. Stuttgart 1973 (Klett), S. 175 ff. – Verwendet als Unterrichtstext in: Wolf, Jürgen / Voigt, Gerhard, 19792: Soziale Ungleichheit. Leistungskurs Soziologie. Zweite Ausgabe. Dortmund [pad].

 

Inhalt

Erinnern und vergessen
Die Biographie des Politiklehrers
…und Dornen wachsen aus den Steinen
Was sind die subjektiven Grundlagen einer biographischen Reflexion?
Der lachende Bus

Dokument Information:

Erinnert und verfasst 2004-2008; Stand der Textfassung: 26.09.2011
Internetpublikation auf http://www.voigt-bismarckschule.de
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009), Potsdamer Str. 20, 30952 Ronnenberg / Region Hannover
Kontakt siehe Impressum.

   
   

Verantwortlich für diese Seite

Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 25.12.2008 / 10.05.2009 / 06.12.2009

Letzte Bearbeitung: 22.02.2012

   
   

 

     
   

top

     

Navigation:

 Der Homepage untergeordnete Seiten:  Was gibt's Neues? ] Inhalt ] Begrüßung ] Biographie ] UNESCO-Club ] Reisen ] Türkei ] Skandinavien ] Osteuropa ] Ungarn ] Naher Osten ] Iran ] In memoriam ] Schule und Politik ] Publikationen ] Soziologie ] Deutschland ] Staatsgesellschaft ] Globalisierung ] Artist's page ] Ronnenberg ] Weblinks ] Impressum ]

Übergeordnete Ebene: Home ] Was gibt's Neues? ] Inhalt ] Begrüßung ] Biographie ] UNESCO-Club ] Reisen ] Türkei ] Skandinavien ] Osteuropa ] Ungarn ] Naher Osten ] Iran ] In memoriam ] Schule und Politik ] Publikationen ] Soziologie ] Deutschland ] Staatsgesellschaft ] Globalisierung ] Artist's page ] Ronnenberg ] Weblinks ] Impressum ]

Übergeordnete Seite: Zurück ] Nach oben ] Weiter ]

Gleiche Ebene und Homepage: Home ] Nach oben ] Biographie Überblick ] Ahnen: Louis Bonnet ] Großeltern Voigt ] Bericht von Mutter ] [ Kindheit ] Chemiestudium ] Strassenbahn ] Wahl des Faches Geographie ] Studienbeginn ] Arbeitsschwerpunkte ] Gewerkschaft und Parteipolitik ] Polnische Woche ] Die Reformphase ] Pensionierungsrede ]

Untergeordnete Ebene:

Web-Fassung: 31.01.2006 / rev. 13.05.2012- Verantwortlich: Gerhard Voigt <bismarckschule.voigt@gmx.de>
Texte aus der der Verbandszeitschrift »politik unterricht aktuell« unter www.pu-aktuell.de
Info über die Verbandstätigkeit unter: http://www.politiklehrerverband.org