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Gewerkschaft und
Parteipolitik – Vierzig
Jahre Sozialdemokrat...
Erster Teil: Die ersten Jahre und
grundsätzliche Positionen
Als „Zoon
Politikon“ – Student der Wissenschaft von der
Politik, Politiklehrer, Wähler – war ich seit meinen Erfahrungen als
Straßenbahnfahrer bei der Straßenbahn Hannover (ÜSTRA) immer
Sozialdemokrat; Mitglied der SPD, jedoch mit einer Unterbrechung, von
01/1966 bis 04/1999 und wieder ab 01/2009. Die widersprüchlichen
Erfahrungen und Erlebnisse in der Parteiarbeit und im politischen
Engagement, immer auch mit gewerkschaftlicher Perspektive, bieten
reichlich Stoff, die politische Bildung zu erweitern und einen kritischen
Blick auf die Politische Kultur zu werfen. So soll dieses Stück einer
Autobiographie auch ein Zeitdokument der Sozialdemokratie sein nachdem ich
nun selbst ein „alter Sozialdemokrat“ geworden bin.
۞
...ich sag dir so geht das nicht
sagt der sozialdemokrat und spricht...
...aber heute geht das nicht mehr
jetzt müssen wir zählen
schritt
für
schritt für schritt für schritt für schritt für
schritt für schritt
sagt der alte ewige sozialdemokrat und spricht und
spricht und spricht
bloß ändern das will er nicht
(Franz Josef Degenhardt: Entschuldigung eines alten
Sozialdemokraten. 1968)
Die Platte wimmert und wummert, Franz Josef
Degenhardt, im Freizeitheim – war es Ricklingen? - höchen sich die
Sozialdemokraten, aber die jungen, die ihren Frust über die alten
Sozialdemokraten recht Lautstark zum Ausdruck bringen. Die regelmäßige
Pausenmusik bei dem Bezirksparteitag der Jungsozialisten in Hannover:
Franz Josef Degenhardt: Entschuldigung eines alten Sozialdemokraten ... .
Dann geht es weiter in den fast endlosen Marathon der
revolutionären, zumindest ironischen und oft aggressiven
Antragsberatungen. Das macht Spaß! Mit Gerhard Schröder, damals
Juso-Vorsitzender, wechsele ich mich ab in der Versammlungsleitung – was
mir doch etwas den Mund verschließt, von wegen Neutralität, Sachlichkeit,
die richtigen Genossinnen und Genossen zur richtigen Zeit aufrufen, ihnen
das Wort erteilen – und wenn es hart wird, an die Zeitüberschreitung
erinnern.
Liebe Genossinnen und Genossen! …
Machen wir doch eine kleine Pause mit Franz Josef
Degenhardt: Entschuldigung eines alten Sozialdemokraten ... . Und dann
geht es zu den Vorstands- und Delegiertenwahlen. Ich selbst bleibe auch
hier neutral, mir genügt mein Vorstandsposten in der Juso-Gruppe
Döhren-Wülfel-Mittelfeld und mein intensives Engagement in der Abteilung
Döhren der SPD mit ihrem Vorsitzenden, dem Genossen Schrader, tatsächlich
einem „alten Sozialdemokraten“.
Eine Veränderung im Gesellschaftsbild
Doch noch einmal zeitlich etwas zurück. In den gerade
vergangenen Jahren hatte sich in meinem Bild der Gesellschaft eine große
Veränderung vollzogen. Ich hatte schon in vorangegangenen Abschnitten
erwähnt, dass ich aus einer bürgerlichen oder eher bildungsbürgerlichen
Familie stamme. Antipolitische Affekte waren hier – auch als Reaktion auf
die von der Elterngeneration noch erlebte und der sozialen Umwelt
entsprechend nur wenig kritisch erfahrenen Nazizeit – durchaus typisch.
Wenn meine Eltern auch politisch nicht ausgesprochen konservativ sondern
eher liberal waren, wobei mein Vater als Geschichts- und in der heutigen
Fächerbezeichnung wohl auch Politik-Lehrer für sich in eine Phase sehr
intensiver kritischer Auseinandersetzung mit der – eigenen –
zeitgeschichtlichen Verstricktheit mit der NS-Vergangenheit eingetreten
war – und mir daher eine durchweg kritische Haltung gegenüber dieser Zeit
und gegenüber dem Zweiten Weltkrieg als Grundgestimmtheit vermitteln
konnte, waren familiäre Gespräche über Politik und insbesondere
Tagespolitik eher tabuisiert – sie sollten das elterliche Bild der Familie
nicht stören (wie übrigens alle anderen brisanten Themen wie Sexualität
oder Kriminalität etc. auch nicht).
An diesen Anmerkungen zur eigenen Biographie kann man
ablesen, was das in der Literatur mehrfach thematisierte Phänomen des Un-
beziehungsweise Antipolitischen im deutschen Bürgertum bedeutet
(„Betrachtungen eines Unpolitischen“) und sozial- beziehungsweise
zivilisationsgeschichtlich auf seine Wurzeln zumindest im 19. Jahrhundert
mit u.a. seinem Bild der „bürgerlichen Familie aber auch seinen
hierarchisch-patriarchalischen Strukturen zurück zu führen ist.
So ist auch in meiner Familie nie darüber gesprochen
worden, wie meine Eltern jeweils gewählt haben. Meine Vermutung geht
dahin, dass es meistens die FDP war, in der Anfangszeit wohl auch die CDU,
kaum aber je die SPD. Auffällig war jedoch, dass es auch zu keiner
sichtlichen Bindung an die Parteien kam, das emotionale und inhaltliche
Distanz zur Tages- und Parteienpolitik vorherrschte. Ich hatte also von
der Familie her keine Vorbilder, die Aktivitäten in einer Partei als etwas
Sinnvolles hätten erscheinen lassen – auch war „die Partei“ der NS-Zeit
später ein abschreckendes Beispiel geworden für politische
(Zwangs)-Beteiligung.
Es stellt sich dabei die Frage, in welchen Kategorien
diese bildungsbürgerliche Kriegsgeneration Politik und Gesellschaft
wahrnimmt. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass zum einen die
Orientierung an konkreten Personen eine große Rolle spielte – für mich
war in der Jugendzeit eine Persönlichkeit wie Adenauer als
Politikmaßstab wichtig geworden sowie der jeweilige amerikanische
Präsident. Es machte auf mich als Oberstufenschüler einen tiefen Eindruck,
einer Wahlrede von Konrad Adenauer in einer der Messehallen in Hannover
beiwohnen zu können, ebenso wie ich später, politisch schon etwas
kritischer geworden, in Wiesbaden in der Menge stand, die Präsident
Kennedy bei seiner Durchfahrt im offenen Wagen zujubelte. In Rhein-Main
war das Hauptquartier der amerikanischen Armee in Deutschland, die Kennedy
besuchte.
Es ist, wenn man meine weitere politische Entwicklung
kennt, überraschend, dass ich in der 13. Klasse bei einer offenen
„Vorwahl“ - wir waren damals ja noch nicht volljährig und wahlberechtigt,
der einzige Mitschüler war, der für die CDU votierte; die Mehrzahl
votierte für SPD und FDP, aber auch für die Kommunisten. Am Rande: Da
meine Adenauer- und „Mr. President“-Begeisterung bald darauf doch deutlich
abnahm, habe ich, nachdem ich dann volljährig geworden war, keine Wahl
versäumt und dann ausnahmslos SPD gewählt (das halte ich nun nicht
geheim).
Bis zu den dieses Bild eines
konservativ-unpolitischen Politikverständnisses relativierenden
Vietnam-Protesten vermittelten diese „Führungs-“ Personen das herrschende
Welt- und Feindbild der „zweigeteilten Welt“ (Hölzle) und des
ideologischen Konfliktes mit dem Kommunismus, was mir bis in die sechziger
Jahre hinein einleuchtete. Obwohl ich persönlich strikter Antimilitarist
war und nie eine Waffe angefasst habe, leuchtete mir die weltpolitische
Bedeutung von Armeen und Abschreckungspotentialen durchaus ein. Das
NATO-Motto „Wachsamkeit – Preis der Freiheit“ hatte für mich eine große
Überzeugungskraft, die auch nicht geschmälert wurde durch eine intensive
Nutzung des Veranstaltungs- und Büchereiangebotes des „Amerika-Hauses“ (USIS)
in Hannover, damals in der Nähe vom Kröpcke. Amerikanische Literatur und
amerikanische Filme weckten meine Begeisterung, machten mir damals aber
noch nicht deutlich, wie groß der Zwiespalt in der amerikanischen
Politischen Kultur zwischen der literarischen Kultur (von Eugene O‘Neill
bis zu Tennessee Williams u. a.), der Musikproduktion (Folk und
Protestsong, die für mich stilbildend geworden waren) und der offizielle
Politik der USA war. Ich denke, dass diese politische Widersprüchlichkeit
zwischen ausgesprochenen Antimilitarismus und Antifaschismus auf der einen
Seite und einem konservativen Gesellschaftsbild typisch für die
bürgerliche Jugend meiner Generation war, aus der dann die politischen
Bruch- und Protesterfahrungen und die Politisierung des
Gesellschaftsbildes hervorging.
Die moralische Kategorie der bürgerlichen
Gesellschaftswahrnehmung
Eine weitere Grundkategorie der Wahrnehmung und
Beurteilung gesellschaftlicher Realität in der Elterngeneration war das
Anlegen moralischer Maßstäbe, die nicht in erster Linie als soziale
Bedeutungsmuster und Situationsdefinitionen erkannt wurden sondern
grundsätzlich individualisiert waren und mit der Vorstellung von
bewertbaren Charaktereigenschaften verbunden wurden. Es wäre eine
interessante Frage der kollektiven Sozialpsychologie, nicht nur danach,
wie sich diese Haltungen im deutschen Bürgertum entwickelt haben – soweit
meine Familie davon betroffen war, habe ich schon versucht, einige Aspekte
im Zusammenhang mit der Geschichte der Familie Bonnet in Meisenheim und
später mit meinen Überlegungen zum Leben meiner Eltern zu thematisieren –
sondern auch danach, wieweit die politischen Katastrophen Mitteleuropas
und vor allem Deutschland von der Kaiserzeit bis zur NS-Diktatur im Rahmen
dieser sozialpsychologischen Bedingtheiten verstanden werden können –
Goldhagens Thesen, wie immer man sie auch im Einzelnen beurteilen mag,
gehen auf diese Überlegungen zurück – und damit auch als Teil einer
zivilisationsgeschichtlichen Untersuchung der Psychogenese des modernen
Bürgertums wichtige Aufschlüsse vermitteln.
Für einen Soziologen und Politologen werden die
Defizite der bürgerlichen Gesellschaftswahrnehmung dann doch sehr
deutlich: es fehlt weitgehend der Blick auf die Herrschaftsverhältnisse
und die Entwicklung der Machtbalancen. Norbert Elias Ansatz der
Untersuchung von gesellschaftlichen Figurationen
versucht diese „Lücke“ in der gesellschaftlichen Wahrnehmung des
Bürgertums auszugleichen und so ist es wohl eher folgerichtig, dass meine
soziologische Arbeit von den noch zu schildernden Anfängen meiner
politischen Praxis die parallel läuft zum Beginn des
gesellschaftswissenschaftlichen Studiums bis zu den differenzierteren
eigenen Arbeiten und der vorausgesetzten Beschäftigung mit den
Theoretikern des 20. Jahrhunderts in den letzten Jahrzehnten sich immer
mehr mit der Weiterentwicklung eines ursprünglich bürgerlichen
Gesellschaftsbegriffes beschäftigte.
Die für mich neuartige Erfahrung struktureller
Herrschaftsverhältnisse, die nicht an den freien Willen und das
Durchsetzungsvermögen („Machtstreben“) von einzelnen Personen gebunden
waren, bewirkte neue Perspektiven und Fragestellungen, die später auch zur
Wahl des Studienfaches „Wissenschaft von der Politik“ führten. Wer hier –
auf einer Metaebene – von „Schicksal“ sprechen will, kann das Bild
entwickeln, dass die Zeit meiner ersten echten Berufstätigkeit bei der
Straßenbahn ein notwendiger Einschnitt in meinem Leben war, der es mir
ermöglichte, mich von meinen unreflektierten bürgerlichen Wurzeln zu lösen
und einen selbst verantworteten Lebensweg einzuschlagen. Meine Lösung von
jedem „Mainstream“-Denken und die Besinnung auf eine kritische Vernunft
haben hier ebenso ihre Basis wie der mehrfache bewusste Verzicht auf
Karrieren und „höhere Positionen“, die von mir nicht erfüllbare
Anpassungs- und Unterordnungsleistungen verlangt hätten und von mir
gefühlsmäßig bewertet worden wäre, „gekauft“ worden zu sein – krasser
ausgedrückt: von mir eine geistige und verhaltensmäßige Prostituierung
erfordert hätten.
Annäherung an die Tradition der
Arbeiterbewegung
In der ÜSTRA waren über 90 % der Beschäftigten
gewerkschaftlich in der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport,
Verkehr (ÖTV) organisiert. Das Mitbestimmungsmodell des Betriebes –
zumindest nach seinen Kommunalisierung sah daher auch vor, dass der
Arbeitsdirektor im dreiköpfigen Direktorium des Betriebes von der
Belegschaft bestimmt wurde und damit der ÖTV angehörte. In England wäre zu
dieser Zeit die Straßenbahn wohl als so genannter „closed shop“
geführt worden, in dem Betriebsangehörigkeit und
Gewerkschaftsmitgliedschaft zwangsweise verbunden waren.
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine vertieften
Kenntnisse über Funktion, Wirken und Geschichte der deutschen
Arbeiterbewegung, sah aber bald, dass hier um eine Verschiebung von
Machtbalancen gekämpft wurde, dass gewerkschaftliche Organisation etwas
mit den Legitimationsproblemen der kapitalistischen Gesellschaft und der
betrieblichen Machthierarchien zu tun hatte. Mir wurde im Gespräch mit
viele Kolleginnen und Kollegen klar, dass die hier eingeforderte
gewerkschaftliche Solidarität eine soziale und nicht eine – wie ich
anfangs befürchtete – individuelle „Gefühlsduselei“ war. Solidarität war
die klare Einsicht, dass das eigene Verhalten im Betrieb unmittelbare
Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen der Kolleginnen und Kollegen hat
und dass die eigene Tätigkeit ebenso abhängig davon war, wie die
Kolleginnen und Kollegen ihren Solidaritätsverpflichtungen nachkamen. Das
bedeutete nun nicht nur, korrekt nach Vorschrift zu arbeiten, sondern mit
zu denken und betrieblichen Zwängen kritisch gegenüber zu stehen...
Nachdem mich der gewerkschaftliche Vertrauensmann des
Betriebshofes Döhren schon mehrfach angesprochen hatte, trat ich dann,
durchaus überzeugt vom Sinn und Wert eines solchen Schrittes, der ÖTV bei,
deren Mitglied ich bis in die Anfangszeit meines Lehrerdaseins blieb. Dann
aber griff das Betriebsprinzip des DGB, nach dem für die Schulen die GEW
zuständig war, in die ich überwechselte. Diese Trennung überzeugte mich
zwar nicht ganz, denn das kommunale Personal einer Schule vom Hausmeister
angefangen war in der ÖTV (heute Verdi) organisiert, so dass die
Betriebseinheit schon hier aufgegeben war. Zudem vermute ich, dass die
Schlagkraft der Gewerkschaft in der großen ÖTV größer gewesen wäre und
eventuell mehr Chancen gehabt hätte, den reaktionären ideologischen Sumpf
des „herkömmlichen“ Beamtenrechtes aufzubrechen.
Hier war die GEW dann doch eher eine
„Gegenveranstaltung“ zum in den Gymnasien dominierenden Philologenverband
im Deutschen Beamtenbund, der fest auf diesen beamtenrechtlichen
Grundlagen stand und steht und sie wohl eher als „Privilegien“ gegenüber
den Tarifbeschäftigten versteht, einer Perspektive, der ich in keiner
Weise folgen kann. So hatte zwar die GEW ein eigenes schul- und
beamtenrechtliches Profil, das als Werbemittel in den Schulen gegen die „Philos“
eingesetzt werden konnte, aber die Gewerkschaft verzichtete dabei doch auf
politische Schlagkraft, soweit es sich nicht nur auf die
Interessenvertretung der nichtgymnasialen Schulzweige bezog.
Meine Bemühungen in den ersten Jahren meiner
Schullaufbahn innerhalb der GEW auch inhaltliche Arbeit zu leisten –
anfangs mit ganz ansehnlichen Erfolgen – sollte später noch ausführlicher
geschildert werden. Dies ging dann parallel zur Gründung und auch damals
zeitgemäßen Arbeit des Verbandes der Politiklehrer in Hannover.
Gewerkschaft und SPD als zwei Seiten des
gesellschaftlichen Kampfes
Dieser Einstieg in die gewerkschaftliche Arbeit gegen
Ende meiner Zeit bei der Straßenbahn Hannover und während meines Studiums
setzte aber einen weiteren Schritt in meiner politischen
Bewusstseinsbildung in Gang. Es wurde mir immer deutlicher, dass die
betriebliche politische Arbeit der Gewerkschaft nur die eine Seite auf dem
Weg zu einer Veränderung der Gesellschaft
war, deren Notwendigkeit mir bei meiner betrieblichen Arbeit immer
deutlicher geworden war, sondern dass die Andere Seite, nämlich die
politische Arbeit in der Gesellschaft und in der „offiziellen Politik“
nicht vernachlässigt werden durfte. Die Gewerkschaft war zentraler Teil
der traditionsreichen Arbeiterbewegung – Erzählungen alter Genossen in der
SPD habe diese Einsicht immer mehr vertieft! –, aber der andere Teil aus
der gleichen Wurzel war die Sozialdemokratie als ältester Partei in
Deutschland – zu dieser Zeit hundert Jahre alt (je nachdem, welchen
Gründungsparteitag man zu Grunde legt) aber auch in einem tief greifenden
Wandel von einer marxistischen Klassenpartei zu einer „Volkspartei“
begriffen, wofür das neue „Godesberger Programm“ stand.
Deshalb gab es durchaus gewisse Bedenken gegen einen
Eintritt in die SPD, war doch die damalige erste „Große Koalition“
durchaus politisch und im Rahmen der Geschichte der SPD problematisch, was
sich später nach der Jahrhundertwende ja wiederum unter der Kanzlerschaft
von Angela Merkel (CDU) mit einem „kleinen Partner“ SPD in bedenklicher
Weise wiederholte. Auch 1966 traten Parteimitglieder aus der SPD aus und
die linke Außerparlamentarische Opposition mit der Gründung von
kommunistisch-anarchistischen Splittergruppen und -Parteien wird aus
mancher Sicht als eine Reaktion auf die Einebnung und Verdrängung der
Klassenkonflikte in der Großen Koalition verstanden.
Die andere Seite, die für mich dann entscheidend
wurde für mein Engagement in der SPD war, dass ich erstmals die Chance
sah, eine Überwindung der Kriegsgefahr im West-Ost-Konflikt realistisch
und pragmatisch anzugehen – eine Identifikation mit kommunistischen
Positionen der später so genannten „68er-Generation“ war für mich durch
meinen pragmatischen Weg zur Arbeiterbewegung und durch die Erfahrungen
meiner Verwandten in der DDR (Propaganda und Bespitzelungsangst war bei
meinen Besuchsreisen nach Dresden mit Händen zu greifen und für mich nur
abstoßend) ebenso wie in Hinblick auf die aggressive Selbstdarstellung des
„kommunistischen Lagers“ auf internationaler Ebene nicht denkbar, der
„revisionistische“ Weg der SPD in der Tradition Bernsteins war für mich
weitaus überzeugender – und auf der gesellschaftspolitischen Seite erste
reale Reformchancen in Hinblick auf Arbeitsrecht, Mitbestimmung,
Rechtsreform und Familienrecht tatsächlich in die Realität umzusetzen und
nicht nur in der „reinen“ politischen Forderung der Programme und
Wahlziele auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben zu müssen, auch wenn
bei den Ergebnissen in einer Koalition immer Abstriche zu machen sind.
Diese Perspektive hat sich dann in meinem Sinne auch erfüllt, so dass ich
mein Parteiengagement für den richtigen Weg gehalten haben. Die bittere
Restauration und der Stopp fortschrittlicher Reformen kam dann erst mit
der „Wende“ der Kohl-Regierung und sickerte in schmerzhafter Weise auch in
die langsam wachsende Perspektivlosigkeit der SPD ein, die auch in der
großen Koalition unter Merkel nicht mehr umgesteuert werden konnte und für
mich das Ende der Parteiarbeit und den Parteiaustritt bedeutete.
Wie funktioniert Parteiarbeit in
Ortsvereinen?
Nachdem ich mein neues Parteibuch – unterschrieben
vom damaligen Oberbürgermeister und SPD-Ortsvereinsvorsitzenden August
Holweg – erhalten hatte, begann meine politische Teilnahme in der
Abteilung Döhren im Ortsverein Hannover. Die Parteigliederung der SPD wich
damals noch deutlich von späteren Organisationsmodellen ab. Die
Abteilungen wurden später mit neuem Zuschnitt zu eigenen Ortsvereinen, da
der damalige – in Niedersachsen wohl größte – Ortsverein Hannover
eigentlich den Zuschnitt eines Unterbezirks hatte. Die
Organisationsstruktur der Jungsozialisten, zu denen ich als
dreiundzwanzigjähriges Neumitglied automatisch zählte wich davon ab. Die
Juso-Gruppe, der ich damals angehörte, hatte den Zuschnitt
Döhren-Wülfel-Mittelfeld was dann dem späteren Ortsverein der SPD schon
damals entsprach.
Was ich zuerst lernen musste, war die Arbeitsweise
einer SPD-Abteilung. Natürlich gab es die jährlichen Hauptversammlungen,
also Parteitage auf Abteilungsebene, auf denen die Vorstandswahlen
stattfanden und über Anträge – wenn auch in meiner Zeit meist nicht sehr
vieler und gehaltvoller, meist nur Beschlüsse fordernd zu später auf den
übergeordneten Parteitagen zu beschließenden Anträgen aus der Basis oder
Leitanträgen der Parteiführung – abgestimmt wurde. Auch die Delegierten zu
den Ortsvereins- und Unterbezirksparteitagen wurden gewählt und über das
Stimmverhalten der Delegierten auf den Parteitagen beschlossen.
Hier muss man sich klar machen, dass das
innerparteiliche Demokratiemodell doch deutlich von dem bekannten
repräsentativen Modell der parlamentarischen Demokratie, wie sie der
Bundesrepublik Deutschland nach ihrem Grundgesetz zu Grunde liegt,
abweicht. Werden im üblichen Parlamentarismus Abgeordnete gewählt, die mit
dem Vertrauen der Wähler für eine bestimmte Wahlperiode ausgestattet
werden und in dieser die Wähler im Sinne eigener politischer
Gewissensentscheidungen repräsentieren, sind die Delegierten auf
Parteitagen nur für diese jeweilige Versammlung gewählt und mit festen
Aufträgen ihrer Basis über ihr Stimmverhalten versehen. Zwar wurde der
klarere Ausdruck eines „imperativen Mandats“ in der Partei tabuisiert und
nur von den Jusos immer wieder in die Diskussion eingebracht, strukturell
waren Delegiertenwahlen aber durchaus imperativ. Das staffelte sich dann
in der Folge nach oben bis zu den schon an der Basis diskutierten
Stimmaufträgen für die jeweiligen Vorstandswahlen.
Ich denke, dass die Probleme der Parteiendemokratie
zwischen Abgeordnetenwahl und Partei- beziehungsweise
Fraktionszugehörigkeit und -abhängigkeit aus diesem strukturellen und
institutionellen Grundwiderspruch herrühren. Einerseits sind Abgeordnete –
aber auch Ratsmitglieder in den Kommunen – ihren Wählern und unter der
Voraussetzung der geheimen Wahl also der jeweils Gesamtwählerschaft
verantwortlich, wobei der Inhalt dieser Verantwortlichkeit vom eigenen
Gewissen zu bestimmen ist (was immer damit gemeint sein mag: das
philosophische und sozialpsychologische Verständnis einer
Gewissensentscheidung ist hochgradig komplex und kontrovers!),
andererseits ist in der Regel der politische Werdegang eines Abgeordneten
bestimmt durch seine Integration in eine Partei und das Vertrauen, das er
bei den Parteitagsabstimmungen bei den Parteimitgliedern, in der SPD den
Genossinnen und Genossen, erringen konnte und von dem er mehr oder weniger
auch innerlich anhängig ist.
Als aktives Parteimitglied spürt man diese Sogwirkung
„dabei zu sein“, die als innerparteiliche Solidarität verstanden wird,
sehr deutlich, wobei einem schnell aufgeht, dass es nicht im privaten
Sinne um „Freundschaften“ geht, sondern um Gruppenzugehörigkeiten, die vor
allem eine Abgrenzung nach außen beinhalten. Es gilt schon die ironische
Steigerung „Gegner – Feind – Parteifreund“; die Querelen, Intrigen und oft
unsachlichen Kontroversen sind tatsächlich unerträglich... Doch davon noch
später mehr Persönliches.
Zurück zum Parteialltag. Sehr bald wurde ich
eingeladen, an den regelmäßigen Sitzungen einer wenig definierten Gruppe
teilzunehmen, die meist Abteilungs-Vorstandssitzung genannt wurde, zu der
aber eigentlich alle kamen, die die regelmäßige Parteiarbeit machten. Wir
trafen uns in einer typischen alten Döhrener Eckkneipe an der
Landwehrstraße – ich weiß nicht mehr, ob an der Ecke der Bernwardstraße
oder... – mit den üblichen Eckkneip-Ritualen Bier (nichts für mich, mag
ich bis heute nicht), Tabakqualm (störte mich schon damals enorm, so blieb
ich dann doch etwas wie ein puritanischer Paradiesvogel - gibt‘s das
überhaupt?) und als echte Spezialität die riesige Bockwurst („an Senf“),
die der Wirt im großen Wassertopf heiß machte und die nun wirklich jeder
aß. Damit waren die wichtigsten Punkte dieser Sitzung auch schon
abgehandelt mit einem Klön über Kummer, Familie und Neuestem aus Döhren.
Das leitet dann unter der Leitung von Oskar Schrader – nur unterbrochen
von jeweils einer neuen „Runde“, bei der ich Mineralwasser trank und damit
anstieß – über zu ein paar politischen Aspekten: durch die aktuellen
Parteidiskussionen hecheln, Vorstände ablästern und mich mal nach
„neuesten Erkenntnissen“ aus der Politikwissenschaft zu fragen.
Alte Traditionen im Ortsverein – heutige
Defizite der Parteiarbeit?
Das Bild der Parteiarbeit an der Basis mag
Außenstehende überraschen und vielleicht auch Kopfschütteln erzeugen; doch
wer die Prozesse kennt, in der sich in offenen, alltäglichen Situationen
politisches Bewusstsein bildet und eben als demokratischen Charakter
gerade nicht den Nachvollzug von der Institution vorgeprägter Meinungen
trägt, wird sich weniger wundern und eher an die basisdemokratische Kraft
der Parteisitzungen glauben, die für den Zusammenhalt einer Partei
wichtiger ist als der jeweilige Parteitagsbeschluss. Die Ironie über diese
„Stammtischpolitik“ ist wenig angebracht, auch wenn banale und
vorurteilsvolle Diskussionen auftreten. Aber die Menschen sind letztlich
vernünftiger, als es das Vorurteil will. Was aber erörtert werden muss
ist, in welcher Weise die Menschen informiert werden, wie sie auch
distanzierte Positionen zu eigenen Lebenserfahrungen und tradierten
Urteilen aufbauen können.
Da leider diese unterste Ebene der Parteiarbeit in
der SPD immer weiter an den Rand rückt und inhaltlich verkommen ist –
gerade auch wegen der öffentlich Missachtung dieser „Stammtischpolitiker“
– fehlt der politischen Meinungsbildung in der Partei immer mehr die Basis
– was dann wahrgenommen und kritisiert wird als „mangelnde Bodenhaftung“
und „Entfernung von den Bürgerinnen und Bürgern“. Hier hilft dann nicht
eine mitreißende Rede des Parteivorsitzenden, deren Wirkung letztlich die
Medienresonanz ist, sondern neue (alte!) Überlegungen zur Organisation der
Basisarbeit, die von der Basis, den auch funktionslosen Parteimitgliedern
ausgehen muss und inhaltlich von der Institution nur begrenzt angeschoben
werden kann. Die Eckkneipe als Keimzelle politischen Bewusstseins muss
eine Nachfolge finden – wobei es nicht aufs Rauchen ankommt, sondern auf
soziales Vertrautsein und auch ein spontanes Gefühl des Wohlbehagens, auch
wenn man über Inhalte streitet. Und ich wäre mir nicht treu geblieben,
wenn ich nicht immer wieder in den Versammlungen in hitzige Kontroversen
eingetreten wäre, was aber letztlich bei den Anwesenden eher den Eindruck
hervorrief, dass man mir politisch vertrauen könnte und das ich jede
Position,. die ich selbst anstrebte, auch würde erreichen können. Das
meine Ziele hier später oft andere waren, spielt bei dieser Einschätzung
keine Rolle.
Ein weiterer Bereich, in der diese traditionelle
Parteiarbeit die Zusammengehörigkeit der Parteibasis förderte, war das
System der Hauskassierer. Betriebswirtschaftlich ist dieses System aus dem
19. Jahrhundert sicherlich ein Gräuel, aber der monatliche oder
vierteljährliche Besuch der Kassiererin oder des Kassierers aus der
Abteilung war für beide Seiten wichtig. Die – vor allem auch die älteren –
Mitglieder erfuhren, dass sie von der Partei nicht vergessen worden waren
und dass die SPD nicht nur die Mitgliedsbeiträge haben wollte, sondern
dass die Kassiererin oder der Kassierer auch einlud zu Veranstaltungen
(regelmäßige Treffen; Tanz in den Mai, Wahlpartys etc. waren typische
Veranstaltungen, die es zwar heute noch gibt, aber zu denen sicher nicht
mehr persönlich eingeladen werden kann – was damals auch eine Chance war,
zusätzliche „Sondermarken“ als Fünf- bis Fünfzigmark-Wahlkampfspenden los
zu werden!) und Mitteilungen über die Vorstandsarbeit verteilte. Wünsche
wurden entgegengenommen, politischer Frust und das eine oder andere
persönliche Kümmernis hörten sich die Parteigäste gerne an. Gerade aber
dieser notwendige Zeitaufwand, oft zum Abend hin, um die Mitglieder zu
erreichen, ließ es dann immer schwerer werden, Genossinnen und Genossen zu
finden, die das Kassieren übernehmen wollten – was letztlich das Ende
dieses Systems bedeutete. Aber die Basis fiel mehr und mehr auseinander.
Auch hier wäre zu überlegen, wie ein neuer, regelmäßiger Kontakt zu den
Mitgliedern wieder hergestellt werden kann, die dafür empfänglich sind
oder die es sogar von ihrer Partei erwarten, ohne dazu gezwungen zu sein,
Parteiveranstaltungen zu besuchen. Der Besuch des Bürgermeisters oder
Abgeordneten zum 80. oder 90. Geburtstag reicht dabei nicht für ein ganzes
Parteileben.
Begegnung mit alten Genossen
Ich übernahm daher einen Kassierbezirk in Altdöhren
und lernte damit einiges von unserer Parteimitgliedschaft kennen. Die
Beiträge waren nicht hoch, die Einkommen der Mitglieder wohl auch nicht.
Die Rentner zahlten wie ich selbst als Student den Mindestbeitrag von 1,--
DM. Die Begrüßung bei den meisten Mitgliedern war herzlich und das
Interesse an einem kleinen Gespräch groß, so dass ich oft ins Wohnzimmer
gebeten wurde. Gerade bei den älteren Mitgliedern war die Verbundenheit
mit der SPD nach langer Parteimitgliedschaft hoch. Viele konnten auch kaum
mehr zu Parteiversammlungen gehen – und fürchteten wohl auch, in einer
jüngeren Generation nicht mehr so wahrgenommen zu werden, wie es ihrer
politischen Lebensleistung zu kam – und freuten sich umso mehr auf die
Kassierer-Besuche.
Von meinem „Lieblingsmitglied“ möchte ich dann doch
etwas persönlicher berichten. Der Genosse Woltemate – wenn ich seinen
Namen richtig erinnere, er wird ja jetzt seit langer Zeit verstorben sein
– war wohl deutlich über siebzig Jahre alt und ein knorriger Vertreter der
ganz alten Generation kampfbereiter Genossen. Er war schon vor dem Ersten
Weltkrieg Mitglied der Gewerkschaft und der SPD geworden und nahm seither
aktiv am politischen Leben teil. Im Wohnzimmer kam er dann immer ins
Erzählen und das war wirklich lohnend und spannend. Bei einem guten Korn
zeigte er mir dann sechzig Jahre alte Mitgliedskarten mit den damaligen
Beitragsmarken, berichtete von stürmischen Gewerkschafts- und
Betriebsversammlungen und zeigte mir dann seine Handflächen. Tiefe lange
verheilte Narben überzogen die Hände und der Genosse fragte mich: „Kannst
du dir vorstellen, Gerd, woher ich diese Narben habe?“ - „Nein. Erzähl es
mir!“ - „Das sind die Spuren von 1.-Mai-Kundgebungen lange vor dem
Weltkrieg in der Kaiserzeit. Unsere Demonstration wurde von berittener
Polizei gewaltsam aufgelöst und diese schlugen mit blanken Säbeln auf uns
ein. Auch auf mich kam einer der Berittenen zu und schlug mit dem Säbel,
den ich dann mit bloßen Händen abwehrte. Bis auf die Knochen schnitt die
Klinge in meine Hände...“
Er hatte noch viele Geschichten aus dem seinem
kämpferischen Leben zu berichten, immer auf der Seite der Arbeiter, der
Gewerkschaft und der Polizei. Vieles Schreckliche erlebte er, an der
Schwelle zum Alter, dann noch in der Nazi-Zeit. Ich hörte immer gespannt
zu. Wichtig war auch, dass ihm diese Kämpfe im Rückblick auf sein Leben
nicht erfolglos erschienen sondern dazu beigetragen hatten, dass die
deutsche Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich viele
Fortschritte gemacht hatte, dass sich die soziale Stellung der Arbeiter
tatsächlich verbessert hatte durch die Kämpfe der Arbeiterbewegung und
dass das Maß an demokratischer Freiheit in Deutschland noch nie so hoch
gewesen war. Auch wenn er defätistische Kritik an unserer Politik und
Gesellschaft zurückwies und vor den Erfahrungen seines Lebens nicht
verstehen konnte – die Radikalität der 68er-Generation hätte in seinen
Augen wohl den politischen Maßstab verloren – so ermahnte er uns immer,
dass wir noch lange nicht am Ziel seien und dass der Kampf der SPD wie der
Gewerkschaften so wichtig und aktuell seien wie eh und je. Er machte uns
Mut, weiter zu machen, auch wenn die Erfolge nicht immer gleich zu sehen
waren.
Eine Kuriosität von meinen Besuchen beim Genossen
Woltemate noch am Rande – auch weil sie meiner Meinung in gewisser Weise
typisch ist für das politische Bewusstsein der deutschen Arbeiterbewegung
vom Anfang des 20. Jahrhunderts – über seinem Wohnzimmersofa hing eine
große gerahmte Kopie des bekannten heroischen Gemäldes von der Seeschlacht
bei den Falkland-Inseln im Ersten Weltkrieg, das einen ertrinkenden
Matrosen, von dem nur noch sein Oberkörper über die stürmischen Wogen
heraus schaut, die Marine-Kriegsflagge seines im Hintergrund untergehenden
Schiffes empor hält – ein heroischer Mythos, den dann alle
nationalistischen Gruppen als Leitbild hoch gehalten haben. Die
Arbeiterbewegung mit ihrem im Prinzip durchaus noch marxistischen Weltbild
war vor hundert Jahren durchaus noch vereinbar mit dem Sinn für
nationalistisches und kriegerisches Heldentum. Hier spiegelte sich dann
eher die Affinität der jeweiligen Bereitschaft, für eine Idee zu kämpfen
und sich zu opfern. Das Bild interpretiert einen Opfermythos, dessen
Funktionalisierung durch die konservativen und nationalsozialistischen
Ideologen von dieser Arbeiterschaft nicht mitgedacht wurde. Es war dann
das Opfer für eine Nation, die es sozial zu verändern und zu verbessern
galt, wobei die Nachbarländer (also die „Feinde“) durchaus keine
positivere Alternative oder Option gegen den Kapitalismus bereit hielten.
Der Internationalismus einer Rosa Luxemburg war dieser SPD-Arbeiterschaft
durchaus fremd und blieb es auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich die
West-SPD unter Kurt Schumacher bewusst aus der historischen Erfahrung
heraus gegen jede ideologische oder praktische Annäherung an den
Kommunismus verwahrte. Erst in der Zeit Willy Brandts begann ein Prozess
der internationalen Annäherung in dem Maße, in dem der West-Ost-Konflikt
zunehmend als Bedrohung und nicht als notwendige Selbstbehauptung
wahrgenommen und eine Überwindung als zumindest tendenziell möglich
angesehen wurde, zu einer Zeit, als sich auch die SPD neu definieren
musste.
Bier und Wein – Beispiele für die
„politischen“ Themen der Ortsvereinsarbeit
Es war interessant, Menschen kennen zu lernen. So zum
Beispiel den „OV-Promi“, Medizinalrat Dr. Wohlrab vom hannoverschen
Gesundheitsamt, der ab und zu an unseren Funktionärstreffen in Döhren
teilnahm und das Neueste aus Hannovers Gesundheitsszene zu berichten
wusste. So konnte er im Winter die Grippeepidemie kommentieren und uns
klar machen, dass diese Krankheit gar nicht so harmlos sei, wie allgemein
angenommen – das Grippeimpfen kam ja erst viel später auf. Er berichtete
von mehreren tausend Toten in Deutschland in einem Jahr – ohne eine
besonders aggressive Variante des Grippevirus, die aber in ihrer Menge
kaum auf die Krankheit geschoben wurden, und er wies auf die lange Dauer
der Nachwirkungen der Erkrankung hin, auf die er die (schon) damals
schwachen Leistungen von Hannover 96 in der ganzen Spielzeit schob. Ja,
schockierende Erzählungen lagen dem Genossen Wohlrab und er sonnte sich in
der ihm gebührenden Aufmerksamkeit.
Auch die Geschichten von den Wasseruntersuchungen bei
– heute nicht mehr existierenden – Brauereien in Hannover, die zu seinem
Aufgabenfeld gehörten, wurden schockieren dargestellt: im Hausbrunnen
rostiges, lehmiges und insgesamt Wasser wurde hier zu Bier –
mikrobiologisch war dieses Wasser aber tadellos in Ordnung und der hohe
Eisen- und Tongehalt war typisch für bestimmte Schichten des Grundwassers
unter Hannover und dadurch war es auch nicht schlimm, dass Eisenbeschläge
und Leitern im Brunnen völlig verrostet waren – Lehm zu Lehm und Rost zu
Rost – …
Ich weiß in diesem Zusammenhang – ohne persönliche
Garantie für die Einzelheiten – aber noch unappetitlicheres über das
Wasser beim Bierbrauen zu berichten, was ich, wenn ich mich recht
erinnere, von Prof. Rippel im Zusammenhang mit einer Exkursion nach
Einbeck erfahren habe. In der frühen Neuzeit hatte Einbeck, das als
Geburtsort des Bocksbieres
und als „Mutter des Münchener Biers“ gilt – mehrere hundert Braustätten,
die in einer mächtigen Brauergilde zusammengeschlossen waren, vorwiegend
aber für den Eigenbedarf der Höfe und Haushalte brauten. Bei alten
Fachwerkhäusern in Einbeck sind auch heute noch große Balkenbögen in den
heute zugemauerten Hausfassaden zu erkennen, in denen sich früher große
Tore befanden, die groß genug sein mussten, die immer wieder durch das
Erhitzen abgenutzten breiten und flachen Kupferschalen und die
Kupferkessel in das Haus zu bringen.
Woher kam hier aber das Wasser für diese Braukunst?
Jede Braustelle hatte im Hinterhof einen eigenen Brunnen, aus dem
Grundwasser geschöpft wurde. Aber das Problem war nun, dass sich wenige
Meter daneben auch die Jauchegrube befand, aus der durch die Erdschichten
Abwasser in den Frischwasserbrunnen sickerte. So war es wie in den meisten
im Mittelalter gegründeten Städten, die keinen direkten Zugang zu
außerhalb gelegenen Frischwasserquellen hatten, dass es nicht
empfehlenswert war, dieses Wasser direkt zu trinken oder zur
Speisezubereitung zu nutzen. Viele Seuchen, Typhus und anderes nahmen hier
ihren Ausgang. Für die Braukunst spielte das aber keine Rolle. Im
Gärprozess und mit der Entstehung des Alkohols verschwanden die Erreger
und die übrigen unappetitlichen Bestandteile wie Harnsäure und Fäkaleiweiß
förderten sogar den Brauprozess und verbesserten Qualität und Geschmack
des Bieres – und waren damit Ursache für den überregionalen Ruf des
Einbecker Bieres. Verständlich ist dann auch, dass in dieser Zeit Bier als
allgemeiner Grundstoff für die Zubereitung von Speisen galt, Rezepte für
Biergemüse, Bierbrot oder sogar in Bier gekochtem Fleisch können noch
heute nachgekocht werden. Alkoholische Getränke waren damals notwendige
Grundlage einer gesunden Ernährung, wobei regional an die Stelle von Bier
der Wein trat und als absolut keimfreie Ergänzung die verschiedenen Korn-
und Obstbrände hinzu traten. Mal eine Frage am Rande: Nutzt dieses
historisch-zivilisatorische Wissen dabei, eine sachgerechte Diskussion um
den Gebrauch von Rauschmitteln wie Alkohol in unserer heutigen
Gesellschaft zu führen? Am Rande von guten Weinproben können hier sehr
verschiedene Aspekte erörtert und auch kontrovers diskutiert werden.
Bleiben wir doch noch etwas bei unserem Exkurs in damals wie heute
interessante Themen, die auch ein Licht auf menschliche Verhaltensweisen
und Bedürfnisse Lenken. Das Thema „Bier“ könnte hier einmal ergänzt werden
durch das Thema „Wein“ – oder ganz allgemein über die Bedeutung von
Alkohol und Rauschmitteln in der Gesellschaft. In jedem
Diskussionszusammenhang in der politischen Basis können hierbei sehr
emotionalisierte – und wenn man‘s richtig erinnert – im Laufe der Zeit
sich stark verändernde Diskussionen verfolgen. Die nächsten Überlegungen
koppeln von dem zeitlichen Kontext, in dem meine Ausführungen hier
eingebunden sind, weitgehend ab und verstehen sich als Beiträge zu
politisch-gesellschaftlichen Diskursen, die auch heute ihre Brisanz nicht
verloren haben und in der Zeit meines aktiven Dienstes in der Schule auch
didaktisch bedeutsam waren.
Weinprobe in Südungarn
Ungarn gehörte über Jahrzehnte, anfangs noch in der
kommunistischen Zeit, zu meinen regelmäßigen Studienfahrtzielen mit
Erdkunde- und Politikkursen der zwölften Klasse. Fast alle Teile und jede
größere Stadt Ungarns konnte ich mit wechselnden Routen und thematischen
Schwerpunkten im Laufe der Zeit besuchen und kennen lernen. Um 1990 herum
intensivierte sich dabei der Kontakt zu Prof. Àntal Zoltan, Ordinarius für
Geographie an der ELTE-Universität Budapest, wohl der Nestor der
ungarischen Geographie, der uns unschätzbare Hilfe bei der Konzeption und
Organisation unserer Reisen bot und und dann während der Fahrt sowohl in
Budapest wie auf der Busrundfahrt durch die jeweils ausgewählten Regionen
Ungarns begleitete. Seine Freundschaft war und ist sowohl für meinen
Kollegen Nettelmann als auch für mich von besonderem Wert und dankend
angenommener Zuwendung.
Bei einer Reiseroute durch Südungarn durfte natürlich
das für das Land wichtige Thema Weinbau nicht fehlen. Ich erinnere mich
dabei an eine besonders interessante Weinprobe in einer
Weinbaugenossenschaft, die sich gerade in der Transformation von der
sozialistischen Planwirtschaft zur Behauptung auf dem Markt befand und
sehr ansprechende Weine produzierte, die wir zusammen mit unseren
Schülerinnen und Schülern verkosteten. Auf das Problem, das mit
Schülerinnen und Schülern zu tun, auch wenn sie größtenteils als
Zwölftklässler schon volljährig, aber immerhin in ihrer Rolle in eine
Schulveranstaltung eingebunden waren, werde ich noch im Zusammenhang mit
der Diskussion um gültige gesellschaftliche Wertmaßstäbe eingehen – eine
Aufgabe und Diskussion, die wie andere auch in die politischen Diskurse
der Parteibasis integriert werden muss.
Der Vortrag des Winzers und Oinologen, der uns den
Betrieb sachkundig erläuterte, begleitete uns auch während der Weinprobe,
die in zünftiger Form durchgeführt wurde mit Käse und Salzgebäck als
zwischengeschobener Geschmacksneutralisator und konkreten und
differenzierten Erläuterungen zu jedem probierten Wein in Hinblick auf
Traube, Lage und Böden, Alter und Herstellungsprozess, aber auch mit
Hinweisen auf die geschmacksrelevanten Eigenheiten Aroma, Alkoholgehalt
und Restzucker. Das war spannend und interessant und konnte dann auf der
eigenen Zunge in seinem Ergebnis geschmeckt werden.
Am spannendsten war aber noch ein kurzer allgemeiner
Vortrag über die Bedeutung des Weines, in dem der Oinologe –
Weinwissenschaftler – die verschiedenen Urteilskategorien über den Wein
zusammenstellte. Aus der Erinnerung heraus fallen mir dabei folgende,
jetzt eigenständig ausformulierten Fragen an die Bedeutung des Weines ein:
● Der Weinanbau und die Rebkultivierung hat eine
historisch-regionale Bedeutung, die zurückgeht auf die altweltliche
„Erste Landwirtschaftliche Revolution“,
in der sich zu ersten mal planmäßige Kultivierung und Pflanzenzucht
entwickelte, zu deren Ausgangsarten die Poaceae
(Süßgras/Grasgewächse als Grundlage der Getreideentwicklung) und die
Rosengewächse (Rosaceae)
aus denen Obst- und Fruchtkulturen entstanden und Weinrebe (Vitis vinifera
L. ssp. vinifera).
Im Zusammenhang mit letzteren steht auch die Entwicklung der Weintraube,
wahrscheinlich zunächst im Gebiet des Zagros im heutigen Iran. Der Weinbau
verlangte planmäßige Kultivierungsleistungen und oft eine Umgestaltung der
landwirtschaftlichen Nutzfläche zu regelrechten „Weinbaulandschaften“,
die z.T. bis heute bestehen und die sich, ausgehend vom Nahe Osten über
Phönizien, Griechenland und das römische Reich über das ganze
Mittelmeergebiet ausbreiteten und damit zu einer Leitkultur dieser Region
geworden ist.
● Der Weinanbau ist in großen Teilen vor allem des
südlichen Europas – von neueren überseeischen Anbaugebieten soll hier
nicht die Rede sein – ein bedeutender ökonomischer Faktor. Das
zeigte sich auch daran, dass in Ungarn nach der politisch-ökonomischen
Wende Anfang der 90er-Jahre sehr viele ausländische Investitionen in den
traditionsreichen und qualitativ hochwertigen Weinbau (Tokajer Weingebiet,
Südungarn, Eger / „Erlauer Stierblut“ u.a.) flossen und für bestimmte Orte
und Regionen zum ökonomischen „Aufschwung“ beitrugen.
● Der Weinkonsum ist im Laufe seiner Geschichte immer
in feste, wenn auch regional und zeitlich sich wandelnde Verhaltensregeln
eingebunden. Er ist daher ein Element der zivilisatorischen und
kulturellen Entwicklung der Gesellschaft. Durch den Weinkonsum
gliedern sich Mahlzeiten als soziale Rituale, spezielle
Kommunikationsformen des Wohlbehagens und der Freundschaftsbezeugungen
entwickeln sich daraus. Die Zivilisationstheorie untersucht die Wandlungen
des Essens und Trinkens im Laufe des Übergangs vom westeuropäischen
Mittelalters zur Neuzeit.
Vor allem aber dient der Weinkonsum dazu, wichtige Lebenszeiten – Alltag
und Feiertag, Zeiten nachbarschaftlicher und familiärer Gemeinsamkeit beim
Gastmahl von der Alltagsmühsal voneinander zu trennen.
● Eine weitere Dimension des Weines erschließt sich
in ihrer religiösen Bedeutung. Alle alten Religionen haben den Wein
oder in anderen Regionen andere Rauschmittel als integrale Bestandteile
des Ritus und der Bewusstseinserweiterung, um spirituelle Erfahrungen zu
erwerben. In so fern gehört dieser Aspekt auch in den Zusammenhang der
kulturellen Traditionen, übernimmt hier aber spezielle Aufgaben. Das
christliche Abendmahl ist eine auf das Symbolische reduzierte Spätform
dieser religiösen Bedeutungszusammenhänge. In alter Zeit war es notwendig,
kontrollierte und ritualisierte Rauschzustände zu erzeugen. Das konnte in
manchen Fällen auch durch andere Formen der Ekstatik wie Tanz und Musik –
wie bei den islamischen Mystikern des Mêvlevî-Ordens der „Tanzenden
Derwische“ – erzielt werden, das bevorzugte Mittel war jedoch der
ritualisierte Weingenuss, wie bei den Baccanalien im antiken Rom. Die für
den Nahen Osten ins Auge fallenden Weinverbote haben ganz andere Ursprünge
als unsere heutigen gesundheitlichen Bedenken gegen den Alkoholgenuss. Sie
sollten die eigene Religionsgruppe vor der Vereinnahmung durch die
Rauschrituale anderer Religionen schützen, so im Judentum vor den Ritualen
der Römer, die oftmals Juden zwangen, an römischen Riten teilzunehmen,
auch um sie zu erniedrigen und ihre Abhängigkeit hervorzuheben. Das
islamische Alkoholverbot hat ähnliche Grundlagen war aber durchaus nicht
so einheitlich verstanden, wie es heutige Islamisten in ihren
Gesellschaften eher aus Gründen des Herrschaftserhalts durchzusetzen
versuchen.
● Als letztes sei hier diejenige Dimension annotiert,
die heute im politischen Diskurs fast die einzige relevante
Beurteilungsgrundlage ist: Wein als Lebens- und Genussmittel und als
Rauschgift. Welche Beurteilungsebene in der Öffentlichkeit an
Plausibilität gewinnt oder verliert ist weniger dem Gegenstand selbst
geschuldet als den innergesellschaftlichen Diskursen, die zu jeweils
herrschenden Situationsdefinitionen und Gefahrenerwartungen führen. Da die
Gesellschaft heute in hohem Maße diskontinuierlich zersplittert ist, ist
ein Konsens in Verhaltensbewertungen selten erreichbar und wird über
Medien und Gefahrenszenarien oft bewusst oder unbewusst erzeugt – auch zur
Stabilisierung eines innergesellschaftlichen Kontextes. die typische
Reaktion in der Gesellschaft, dass die Gefahren, vor denen gewarnt wird,
immer für die anderen gelten; beim Alkohol bedeutet das eine verständliche
und begründete Entrüstung über die zur Zeit in den Fokus gerückte
Problematik des Jugendalkoholismus (vor zwanzig Jahren vermutete die
Öffentlichkeit bei Jugendlichen permanenten Hasch-Genuss), der in vielen
Fällen ein tatsächliches individuelles wie gesellschaftliches Problem
darstellt, ohne dass das sichtbare Auswirkungen auf den Alkoholkonsum der
Erwachsenen hätte; ein Indiz für diese „Doppelmoral“ sind Spott und
Verachtung, die dem Antialkoholiker in „fröhlichen Runden“ entgegen
schlägt! Also wird heute im öffentlichen Wertkontext Alkohol vor
allem als Gift und Gefahr betrachtet, im persönlichen Umgang mit
Alkohol von der großen Mehrheit als Genuss-, wenn nicht einfach als
tägliches Nahrungsmittel verstanden (wodurch sich Prohibitionismus hier
auch nicht durchsetzen lässt; die umso größere Härte im Verbot anderer
Rauschmittel unabhängig von ihrer physiologische Gefährlichkeit ist damit
ein Prozess der Verschiebung und Projektion).
Polnische Gastfreundschaft
Osteuropa gilt als Heimat des Wodkas; erstaunliche
Geschichten von übermäßigem Alkoholkonsum in Polen und Russland sind wohl
jedem schon zu Ohren gekommen. Die offizielle Statistik bestätigt dieses
Bild aber, gerade im Falle Polens, durchaus nicht, der Alkoholkonsum in
den westeuropäischen Länder ist auch nicht geringer. Aber diese feste
Stereotype – oft auch in Polen selbst – ist wohl kein Zufall, sondern hat
zivilisationsgeschichtliche Hintergründe, die noch eine andere Dimension
der gesellschaftlichen Funktion des Alkohols, hier des Wodkas, beleuchten.
Um mich der hier angegangenen Aufgabe, ein
Problemfeld unabhängig von den aktuellen Diskursen zu erörtern, gerade um
Fragen an die Verständnis- und Wirkungsdefizite der aktuellen
Auseinandersetzungen und die daraus folgende Unkalkulierbarkeit
gesellschaftlicher Lösungskonzepte für Konflikte und Probleme zu
entwickeln, möchte ich – ausgehend von unserem Diskurs um die
Vielschichtigkeit des Alkoholkonsums in den verschiedenen kulturellen
Kontexten- grundlegende geschichtliche Ausgangssituationen der polnischen
Alltagskultur im Vergleich zu dem westlichen Mitteleuropa anreißen. Dass
die folgenden, für einen Vortrag zusammengestellten Gedanken bei einer
intensiveren historischen und gesellschaftswissenschaftlichen Untersuchung
einer deutlichen zeitlichen, räumlichen und strukturellen Differenzierung
und Relativierung bedürfen, ist selbstverständlich, doch riskiere ich die
folgenden Thesen als Grundlage zur Klärung bestimmter Charakteristiken der
polnischen politischen Kultur. Geschichtlich weit zurück führt die
historische Analyse in die Gründungsphase des Piastenstaates, die im
deutlichen Gegensatz zu der lokal kaum gebundenen germanischen
Kriegerstamm-Gesellschaft zum Ausgang der Völkerwanderungszeit steht, aus
der sich, mit Einbeziehung römischer Imperiumsideen, schließlich das
römisch-deutsche Frankenreich mit seiner allein militärische Interessen
repräsentierenden fränkischen Grafschaftsordnung entwickelt. In Polen
bleiben aber am Ende der Völkerwanderungszeit die freien, grundgebundenen
und ökonomisch in Subsistenzwirtschaft weitgehend autarken
Bauernfamilien gesellschaftsbestimmend. Es ist hier von einer
nicht-etatistischen Vergesellschaftung zu sprechen. Die
innergesellschaftliche Befriedungsfunktion vollzieht sich über die
frühslawische Bruderschaftsideologie, in die später christliche
Wertvorstellungen einfließen, und den darauf aufbauenden Konsens über
Gleichwertigkeit und Integrität der Bauernfamilien, die damit zur
Grundlage eines Bauernadels werde, der Szlachta, die noch in der Neuzeit
zeitweise über 30 % der Gesamtbevölkerung ausmacht und die ihre
Interessen in der Adelsversammlung, dem Sejm, unter Gleichen aushandelt.
Der Frieden im täglichen Umgang wird durch einen ausgeprägten Ehrenkodex
gesichert, der sich in Höflichkeit und Gastfreundschaft ausdrückt.
Es ist für weiterführende Vergleiche interessant,
dass eigentlich in allen Gesellschaften, in denen sich starke staatliche
Zentralgewalten nicht herausgebildet haben oder diese nur oktroyiert
waren, ähnliche gesellschaftliche Umgangsstile und Freiheitsideale, aber
auch die Betonung der Schutzfunktion von Familie, Gentes, Clan oder
Klientel entwickeln konnten, so z.B. im Nahen Osten, der dabei
erstaunliche Parallelen zur Politischen Kultur Polens aufweist.
Erst als der mittelalterliche Grundkonsens des gegenseitigen Respekts
verloren geht, wird das liberum veto zu einem politischen
Destruktionsmittel, das schließlich die gesellschaftliche Einheit
zersprengt.
Wie wirken sich nun diese vom westeuropäischen und
insbesondere modernen staatsgesellschaftlichen Muster deutlich
abweichenden Wert- und Verhaltensnormen im Alltag aus? Grundsätzlich war
keine friedensstiftende und innergesellschaftliche Konflikte regelnde
Staatsgewalt vorhanden. Die Verhaltensnormen, die zu „Idealen“
hochstilisiert wurden, konnten zwar teilweise religiös abgesichert werden,
bedürfen aber der Versicherung durch den Alltag, was letztlich über
säkulare, historisch tradierte Alltagsrituale erfolgt, da die
„religiösen Verhaltensnormen“ innergesellschaftlich in hohem Maße
ausschließlich als formale, kirchliche Rituale auftraten, das heißt, dass
man sich im Alltag nicht daran hielt.
Nehmen wir als Beispiel die allgegenwärtigen
Nachbarschaftskonflikte, die sehr schnell zu Fehden oder – wir kennen es
aus vielen ruralen Gesellschaften – zur generationenüberdauernden Vendetta
führen. Das oben genannte Prinzip der Gastfreundschaft, das wir auch in
nahöstlichen Ländern in ebenfalls hoch ritualisierter Form vorfinden, ist
ein friedenssicherndes Ritual, das – wie schon angedeutet – auf
vorgeschichtliche Stammesverhaltensweisen zurückgeht. Wenn, was üblich
war, sich grundbesitzende Nachbarn regelmäßig gegenseitig eingeladen
haben, war das mit ausgiebigen, oft tagelangem Trinken und Speisen
verbunden, das die Großzügigkeit des jeweiligen Gastgebers verdeutlichen
musste im gegenseitigen Einladungswettbewerb, der die Grundlage der
gesellschaftlichen Ehre war.
Dass zudem der – teilweise übermäßige – Alkoholkonsum
zu durchaus erwünschten Verbrüderungen führte – wenn auch sich ab und zu
zu Raufereien und Gewalttätigkeiten, die in der vormodernen Zeit aber als
Verhaltensformen kaum tabuisiert oder sanktioniert waren – unterstützte
das Bewusstsein der gegenseitigen Gleichrangigkeit, Ebenbürtigkeit und
gegenseitigen Anerkennung. Wie funktioniert dieser „friedenssichernde
Prozess“ in einem Machtsystem? Heinrich Popitz schildert das
folgendermaßen: „Der erste Ansatz des Legitimierungsprozesses – das war
unsere frühere These – ist die gegenseitige Anerkennung der
Privilegierten. Dieser Austauschprozess der Anerkennung begründet eine
soziale Gewissheit, die in der Folge auch nach außen, auf die
Nichtbeteiligten, suggestiv wirkt. Eine Außenwirkung dieser Art kann z.B.
gegensätzliche Überzeugungen hemmen, Meinungsbildungen erschweren,
unsicher machen. Sie kann dazu beitragen, gewisse Dispositionen der
Zustimmung und Fügsamkeit aufzubauen. Aber es soll nicht unterstellt
werden, dass der Ausbreitungsprozess eines Legitimitätsglaubens mit
der Annahme solcher Suggestivwirkungen hinreichend erklärt sei“.
Es sei aber ergänzend darauf hingewiesen, dass sich
in Westeuropa diese Form der sozialen Kohäsion nicht herausgebildet hat,
in der Standesgesellschaft aber Adel und Rittertum miteinander und unter
sich ganz ähnliche Formen der ritualisierten Begegnung und
Gastfreundschaft im Sinne der gegenseitigen Anerkennung pflegten – zum
Beispiel in der „Ritterehre“ oder dem „Zusammenhalt des Hochadels“ mit
seinen strikten Endogamie-Regeln – was aber eben nur ständisch aber nicht
regional abgegrenzt wurde, im Gegensatz zu Polen, wo sich aus der
Szlachta-Gesellschaft, die eigentlich zunächst nur die freie Bauernschaft
repräsentierte, die Ideologie der Polonitas entwickelte, als das
Bewusstsein Polen im Sinne der Gesellschaft und Kultur – später daraus
abgeleitet: der Nation – zu sein.
Jetzt sind wir von den Parteisitzungen und dem Bier über den Wein und den
Wodka zu einigen Ausführungen über die Entstehung von Alltagskulturen und
kulturellen Traditionen gekommen – die aber auch heute als Ansätze eines
vertieften und distanzierten Realitätsverständnisses zur Fundierung neuer
politischer Reflexion führen können.
Zentrale Aufgaben einer erneuerten
Parteiarbeit
Das Problem der Ritualisierung des Alltags als
Möglichkeit der Konfliktbewältigung
Die soeben erörterten gesellschaftlichen
Problemfelder spiegeln die Vielschichtigkeit des Umgangs mit Problemen und
Verhaltensweisen.
Ich habe das etwas ausführlicher exemplifiziert am
Gebrauch von Genussmitteln in einer Form, wie er in den sechziger Jahren
noch völlig unproblematisch erschien. Ein echter gesellschaftlicher
Diskurs über Alkohol und Tabak war noch nicht präsent. Was ich als
Nichtraucher und Nicht-Biertrinker durchaus bedauerte.
Der erste Schritt hin zu einem solchen Diskurs war
die Änderung der Wertvorstellungen über eine „gute Gesundheit“, die
verpflichtend-normativen Charakter annahm. Damit wuchs aber auch die
Tendenz, „ungesund“ zu sein als charakterliches Manko zu verstehen und den
gesellschaftlichen Druck auf eine „gesunde Lebensführung“ zu verstärken.
Krankheiten und körperliche Normabweichungen wurden verstärkt mit Ängsten
belegt und irrationalisiert. Das wirkt sich bis heute – besonders in den
USA – auf die politischen Diskurse aus.
Ohne über Gefährdungsmaßstäbe zu debattieren, sie
rational einzuordnen, ohne dabei handlungsbestimmende
Gefährdungshierarchien zu entwickeln, schlitterte die Politik immer mehr
in jeweils neue angstbesetzte Gefährdungsszenarien hinein, wobei die
jeweils realen Gefahrenkerne eher diskreditiert als gesellschaftlich
umsetzbar erscheinen. Die Stichworte dieser Massenängste in der heutigen
Zeit sind bekannt: Feinstaubbelastung, Bodenkontaminierung, „schwache
Strahlungen“, zum Beispiel vom Handy, Klimakatastrophe, Sportschützen,
Übergewicht und Untergewicht...
– so sicher wie es ist, diese Risiken ernst zu nehmen und vernünftige
Vermeidungsstrategien zu entwickeln, so wichtig wäre es das Bild der immer
gefährdeten Existenz in einen vernünftigen Gesamtrahmen zu stellen und zum
Beispiel zu erkennen, dass der Autoverkehr selbst viel gefährlicher ist
als die Feinstaubbelastung.
Hierin bestünden Ansatzpunkte für längerfristige
politische Diskurse. Die Tagespolitik beschränkt sich aber darauf,
kurzfristig jeweils „aktuellen“ Ängsten nachzulaufen und konzeptlos
(„jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf zu treiben“) nicht durchdachte
Maßnahmen – meist in Form neuer Gesetze – vorzuschlagen, und andererseits
aus tagespolitischem Kalkül heraus aktuelle Ängste zum parteipolitischen
Schlagabtausch zu funktionalisieren.
Damit bestätigt sich ein deutlicher Trend zur
„prohibitiven Gesellschaft“, die an Stelle von Konfliktlösungen und
Abwägungen mit einer unablässigen Folge von Verboten reagiert – und
regiert. Besonders zwiespältig ist es zu beobachten, dass gerade
Politiker, die den Staatseinfluss grundsätzlich reduzieren wollen,
notwendige Maßnahmen auf einen Prohibitionshintergrund beschränken. Für
die SPD wäre es sinnvoll in Konsequenz ihrer politischen Geschichte
energisch gegenzusteuern, um auch in der Gesellschaft deutlich zu machen,
dass Staatshandeln dann erfolgreich ist, wenn es zu Konfliktlösungen und
rationalen Problemlösungsstrategien führt und nicht das Risiko des
Gelingens auf ein Prohibitionskonzept und damit dem überforderten
Individuum aufbürdet.
Bedenklich ist es, Problemverständnis mit
„moralisierender Perspektive“ zu verbinden. Es besteht die Tendenz,
eigenes Verhalten als unveränderlich richtig und vorbildlich zu definieren
und abweichende Entscheidungen moralisch zu disqualifizieren oder auch
diskreditieren. Hier schlagen alte eher religiös geprägte Realitätssichten
durch, die das Politische oder Diskursive überlagern. So ist es kurios
oder auch beängstigend, wie heute die Vertreter der „reinen Lehre“ –
Mülltrenner, Radfahrer, Jogger, Klimaschützer, Nichtraucher, Vegetarier
und Veganer etc., etc. – abweichende Verhaltensweisen als moralisch
verwerflich verurteilen und letztlich von immer weiter greifenden Verboten
die Rettung der Welt ersehnen.
Nun – ich habe auch in der politischen Praxis und als
Lehrer eigene Überzeugungen und Verhaltenspräferenzen. So habe ich schon
erwähnt, dass ich Nichtraucher bin und mich im Alkoholkonsum sehr zurück
halte, da ich Betrunkenheit und Rauschzustände nicht als erstrebenswerte
Zustände ansehe. Früher war ich begeisterter Radfahrer – was Alter und
körperliche Konstitution heute leider verhindern. Ohne es selbst zu sein,
habe ich viel Verständnis für ethisch motivierte Vegetarier und letztlich
sind Klima- und Umweltschutz wichtige und wertvolle Ziel- und
Handlungsdimensionen. All das steht aber nicht im Widerspruch zur Kritik
an moralisierenden und dabei letztlich subjektiv-individualistischen
Perspektiven über das was gut und richtig ist.
Und hier muss nun ein anderes politisches Paradigma
einsetzen und durchgesetzt werden: Wertnormen als politische
Diskursergebnisse, die sich weder auf „Überredung“ oder „Einflüsterung“
(Demagogie), „Angstszenarien“ (Populismus) noch auf reine
„Mehrheitsdiktatur“ (Herrschaftserhalt der Mächtigen) stützen und
beschränken. Es muss eine Kultur der Argumentation entwickelt werden – und
hier hätte der Verfassungsauftrag, dass die Parteien an der politischen
Meinungs- und Willensbildung mitzuwirken haben, seine vornehmste Aufgabe.
Diese allgemein gesellschaftlich formulierten Ziele sind also zunächst
einmal Forderungen an die politische Arbeit in der SPD, an der Basis, in
der Ortsvereinen und in innerparteilichen „freien Assoziationen“ (der
ungewohnte Terminus ist hier absichtlich gesetzt).
Bei einer intensiveren Erörterung dieser
Veränderungsperspektive stößt man sehr schnell auf grundlegende
Spannungsbögen widersprüchlicher Trends und Ziele, die sich letztlich nur
historisch aus dem Zivilisationsprozess heraus erklären lassen, genauer
gesagt aus den Ambivalenzen der Psychogenese des Entstehung der
Staatsgesellschaft.
Sehr differenziert und aufschlussreich wird diese
Ambivalenz des Verhaltens in der modernen Gesellschaft dargestellt in
einem Aufsatz über „Zwischen Identifikation und Individualisierung:
Ambivalenzen des Affektmanagements“ von Cas Wouters,
den ich etwas ausführlicher zitieren möchte:
„In den westlichen Gesellschaften haben die inneren
Differenzierungs- und Integrationsprozesse sowie die Konkurrenz- und
Verflechtungstendenzen auf dem Weg zu einer globalen Integration eine
besondere Form des Statuswettbewerbs: einen Wettbewerb der
Selbstregulierung oder des Affektmanagements stimuliert und verstärkt.
Der jeweilige individuelle Stil der Selbstregulierung hat im Kampf um
Status und Macht als ein Kriterium der Rangordnung an Bedeutung gewonnen.
Dagegen überwiegen in den meisten Ländern der Dritten Welt Statusmerkmale
wie Herkunft und Reichtum, die sich auf Gruppen beziehen und auf deren
Nähe zu den Zentren der Macht.“
Cas Wouters
spricht hier en passant kontextuelle Bedingungen einer Beschäftigung mit
zentralen sozialpsychologischen Befunden an. Gerade der auf politisches
Handeln zielende Blick muss erkennen, dass diese sozialpsychologischen
Befunde nicht für sich genommen als Entitäten begriffen werden können,
sondern – wieder im Sinne von Norbert Elias – für Machtbalancen in
gesellschaftlichen Figurationen stehen, die letztlich nur im
interkulturellen Vergleich, also in der Außenperspektive verstanden werden
können. Die von Wouters angesprochene Herleitung dieser Unterschiede ist
zwar etwas undifferenziert, aber eignet für ein erstes Verständnis der
Strukturwidersprüche in der heutigen Psychogenese des „Westens“. Kurz
sollte hier auch kritisch hingewiesen werden auf die derzeitige politische
Diskussion über die „westlichen Werte“, deren Manko es ist, zumeist auf
der politisch-historischen Ebene stehen zu bleiben, ohne den Prozess der
Zivilisation, von dem wir gerade ausgingen, und damit die
gesellschaftliche Dimension angemessen zu berücksichtigen.
„Im Westen hat die Bedrohung durch Gewalt und Armut
im Zuge der Erweiterung und Integration von politischen, ökonomischen
und kulturellen Interdependenzverflechtungen abgenommen. In diesem Prozess
wurden alle Beteiligten mehr und mehr dazu gezwungen, auf immer mehr
Menschen Rücksicht zu nehmen. Das setzt die Notwendigkeit voraus, sich und
andere genauer und aufmerksamer zu beobachten: ein kulturelles Kapital
der Selbsterkenntnis und Menschenkenntnis zu akkumulieren. Dies ist nur
durch Introspektion und Identifikation möglich, indem man sich in die
Situation der anderen versetzt und einfühlt.“
Die Einbindung der Forderung nach Empathiefähigkeit
in einen zunächst analytisch gedachten Erkenntnisprozess ist sehr sinnvoll
und könnte zu einer Diskussion der Bedeutung gesellschaftlicher Diskurse
führen. In zweierlei Hinsicht halte ich diesen Ansatz in unserem Kontext
für sehr bedeutsam: im Kontext einer Erneuerung der politischen
Diskursfähigkeit in der SPD bis hin zur politischen Willensbildung an der
Basis, und – mich persönlich besonders betreffend – als Charakteristikum
einer erneuerten Didaktik für die Schule, die nicht mehr primär auf
„Vollzug gesellschaftlicher „Lernziele und -inhalte“ setzt, sondern auf
die von den Schülerinnen und Schülern ausgehende Diskursfähigkeit in
Hinblick auf die Erkenntnis der jeweils eigenen Umwelt. Zum Abschluss noch
einmal die Folgerungen, die Cas Wouters in seinem Text zieht:
„Aber gerade deswegen sind sowohl das Verlangen als
auch die Möglichkeiten gewachsen, sich innerhalb einer größeren
Identifikationseinheit sei es der von Niederländern, Deutschen, Europäern
oder der ganzen Menschheit von Gruppen zu unterscheiden, zu denen man sich
nicht zählt, und sich somit als Individuum zu profilieren. Das Beispiel
zeigt die Notwendigkeit, im Sinne von Gleichgewichten zu denken: zwischen
Globalisierung und Nationalisierung auf der einen, zwischen
Identifikation und Individualisierung bzw. Profilierung auf der anderen
Seite. Entscheidend für das Verständnis des Wandels in diesem
Gleichgewicht ist die Erkenntnis, dass sich die Menschen nicht nur zu
immer mehr Gruppen zugehörig fühlen, sondern auch zu immer größeren
Gruppen oder Identifikationseinheiten. …
So wurde eine neue Stufe der gegenseitig erwarteten
Selbstkontrolle erreicht, die ihrerseits eine notwendige Bedingung ist
für Informalisierung. Die als gefährlich angesehenen Gefühle und Impulse
wurden nicht nur immer häufiger erörtert, sondern es fanden auch soziale
Experimente statt, in denen die alten formellen Umgangsformen verlassen
und neue Möglichkeiten des sozialen Verkehrs und deren Grenzen erkundet
wurden. Die Steigerung der gegenseitig erwarteten Selbstbeschränkungen
hat eine »Emanzipation der Affekte« erlaubt, welche die traditionelle
Überzeugung in Frage stellte, nach der die Offenheit für solche Gefühle
unwiderruflich dazu führen würde, dass sie auch ausgelebt werden würden.
Die erweiterte soziale Akzeptanz aller möglichen Verhaltens- und
Gefühlsweisen macht allerdings eine bedeutende Ausnahme bei den
Äußerungen der Über- und Unterlegenheit. Da eine ganze Reihe von
emanzipatorischen Bewegungen die Artikulationsmöglichkeiten von sozialer
Distanz und sozialer Unterschiede eingeschränkt haben, mussten
entsprechende Affekte gebändigt werden. Gesten und Gefühle der
Überlegenheit stoßen häufiger auf Ablehnung und moralische Entrüstung.
Das Ideal sieht eine Vermeidung derartiger Bekundungen vor; jeder, der
Gefühle der Über- oder Unterlegenheit äußert und so den »geheimen« Teil
des Affektmanagements preisgibt, gefährdet seine Glaubwürdigkeit und
Authentizität und schadet damit seinem Ansehen. …
Diese Zwänge zur Identifikation und
Individualisierung, zu Konformität und Profilierung, gehen wie die zwei
Seiten eines Januskopfes aus ein und demselben Prozess der Zivilisation
hervor. Aus diesen Zusammenhängen wird ersichtlich, wie wichtig es ist,
in Gleichgewichten zu denken. Denn oft genug wird eine kulturkritische
Diagnose, welche die diktierten Muster der fortschreitenden Einschränkung
von Selbstbestimmungsmöglichkeiten verzeichnet, einer
Individualisierungdiagnose gegenübergestellt, die, wie auch immer
formuliert, die gewachsene individuelle Freiheit betont. Freilich sind die
beiden miteinander verschränkten Diagnosen gleichermaßen einseitig:
diktierte Muster und Freiheitsträume spiegeln einander wie Ängste und
Passionen, Schreckensbilder und Ideale.“
Die Widersprüche zwischen „Identifikation und
Individualisierung“ oder „Konformität und Profilierung“, das wird bei Cas
Wouters klar, sind nicht im Sinne eines „Entweder-Oder“ zu verstehen, aber
auch nicht als kontingente unterschiedliche psychische Lebenskonzepte, die
einer Person jeweils persönlich zuzuordnen sind, sondern widersprüchliche
Seiten eines zusammenhängenden gesellschaftlichen Prozesses der Psychogene
in der gegenwärtigen Phase des Zivilisationsprozesses des „Westens“. Das
gedankliche Muster der Untersuchung dieser Widersprüche ist das der
Dialektik. Hier kann die politische Theorie im Sinne der Geschichte der
SPD – die letztlich nicht „theorielos“, pragmatisch war – an die Wurzeln
des Marxismus anknüpfen, ohne die zeitbedingte gedankliche Reduzierung
durch die Marxisten akzeptieren und reproduzieren zu müssen.
Soweit also die allgemeine Problemdarstellung und
Analyse. Was für die gesellschaftlichen Diskurse und die politische Kultur
in unserem Lande daraus folgt – folgen müsste! – wird Gegenstand weiterer
Auseinandersetzungen sein.
Voller Aktivität...
Ende der sechziger, Anfang der achtziger Jahre
kumulierten meine Aktivitäten in der SPD und brachten neue Perspektiven.
Neben der Abteilungsarbeit und der Tätigkeit als Kassierer in meinem
Döhrener Kassierbezirk – der sich für mich etwas an meine Schaffnerzeit
bei der Straßenbahn erinnerte, wie überhaupt meine betriebliche Heimat
damals der Betriebshof Döhren gewesen war – konzentrierte ich mich auf den
JUSO-Bezirk Döhren-Wülfel-Mittelfeld, bei dem ich bald in den Vorstand
gewählt wurde. Die politischen Konfliktpunkte zur „etablierten SPD“ der
beiden Abteilungen wurden dabei immer deutlicher. In dieser Zeit der
Großen Koalition wurde der Wunsch nach einem neuen Aufbruch sehr dringend.
Gemeinsam mit den Abteilungen gingen wir daran, die
innerparteiliche Kommunikation zu verbessern, indem wir ein neues
Mitteilungsblatt konzipierten und herausgaben, dessen Redakteur ich war
und dessen Layout ich selbst übernahm – was mir am meisten Spaß machte.
Die Vervielfältigungstechnik, das muss man sich heute klar machen, war
natürlich noch nicht so weit entwickelt wie heute, vor allem was
Kleinauflagen anging, die nicht auf den professionellen Buch- und
Zeitungsdruck zurück greifen konnten. Wir nutzten ein indirektes
Flachdruckverfahren in einer Kleindruckerei, die der Genosse Herbert
Henseler durch sein berufliche Tätigkeit im ev.-luth. Industriepfarramt
für uns erschlossen hatte und die uns deshalb kaum Kosten bereitete.
Herbert Henseler war ein besonders engagierter und
sozial eingestellter Genosse, mit dem ich mich bald anfreundete. Der
Kontakt ging leider spätestens mit meinem Umzug nach Laatzen völlig
verloren, was aber auch innerparteiliche Gründe hatte, über die noch zu
berichten sein wird. Das Industriepfarramt verkörperte den „linken Flügel“
der evangelischen Kirche in Hannover und hatte daher keine Kontaktscheu zu
linken politischen Gruppierungen, denen es oft eine gewisse Sicherheit und
Unterstützung gab. Damit gehörte Herbert Henseler natürlich auch zum
„linken Flügel“ der SPD, was aber eher von den älteren Genossinnen und
Genossen konstatiert wurde als in seiner eigenen politischen Aktivität
begründet lag.
Für den späteren „finalen Konflikt“ in Döhren spielte
dabei ein Rolle, dass die genannte Druckerei, die die Veröffentlichungen
des Industriepfarramtes herstellte (ohne inhaltliche Einbindung – so wenig
wie bei uns), wenn ich richtig erinnere, der DKP oder einer ihrer Betriebe
gehörte. Ich sage hier noch einmal ganz deutlich: uns interessierte das
nicht und es hatte keinen Einfluss auf unsere Arbeit, auch wenn wir JUSOS
damals doch immer mehr die „panische Berührungsangst“ der SPD vor allem
„Kommunistischen“ für lächerlich hielten, auch wenn ich, der ich jetzt
Politik bei Peter von Oertzen studierte, die historischen Hintergründe
dieses Konfliktes gut kannte und auch verstand.
Heute, nach den grundlegenden Umwälzungen in der
„politischen Landschaft“ Europas und den Verschiebungen der globalen
Machtverhältnisse durch die Auflösung der UdSSR, der Osterweiterung von
NATO und EU, gibt es diese „Berührungsängste“ in der alten Form nicht
mehr; sogar die Nachfolger der SED und der DKP reduzieren in ihrem
Bewusstsein die Ideologiebezüge und ihre marxistische Fundierung, so dass
heute die Konflikte im Rahmen des parteipolitischen Konkurrenzkampfes um
Macht und Herrschaft ausgetragen werden. Die damalige Außendefinition der
eigenen politischen Identität durch die Fixierung auf das Feindbild des
Kommunismus und die daraus rührende Angst vor Kontakten oder überhaupt
einer rationalen Beschäftigung mit diesem „Feind“ wird heute mit ganz
ähnlichen sozialpsychologischen Mustern übertragen auf den Islamismus oder
gar insgesamt auf den Islam.
Für eine konstruktive Außen- und auch Migrationspolitik – die sich nicht
auf Integrationsfragen und prohibitive Aufenthaltspolitiken beschränken
kann und darf – ist es sinnvoll, diese verfehlten politischen
Verhaltensmuster aus der Zeit des „Kalten Krieges“ rational aufzuarbeiten
und auf die „neuen Konflikte“ zu übertragen. Das wäre wieder eine
sinnvolle Aufgabe für die SPD, die über die „Mainstream-Reaktionen“ eines
Otto Schily in der Regierungszeit vor der Jahrtausendwende hinausgeht und
für die heute durchaus positive Ansätze zu beobachten sind.
۞
Diese Erfahrungen in der Parteiarbeit geben einen
ersten Vorgeschmack von politischen Karrieren auf der „Ochsentour“, wie
sie despektierlich genannt wird und wie sie bei fast allen „alten
Sozialdemokraten“ die Regel war, ebenso wie die gleichzeitige Verwurzelung
in der Gewerkschaftsarbeit und der Einsicht, in der „Basis“ den Nährboden
für die eigene politische Arbeit zu finden. In der Generation, die noch in
der Weimarer Republik ihre ersten politischen Prägungen in der
Arbeiterbewegung erhalten haben, kommt die leidvolle Erfahrung von
Verfolgung, KZ oder Emigration in der Nazi-Zeit hinzu. Diese Identität von
Bodenständigkeit und eigener Biographie gab den Sozialdemokraten ihre
Glaubwürdigkeit, äußerte sich aber in einer inneren „Beständigkeit“, die
von außen teilweise als Indolenz und Unbeweglichkeit gesehen werden konnte
– und uns Jusos oft ein „Dorn im Auge“ gewesen ist.
Mit der Zeit ändern sich jedoch auch solche
Perspektiven. Heute würde ich sagen, dass uns gerade solche
vertrauenswürdigen, ihre soziale Herkunft bewusst einbeziehende
Politikerinnen und Politiker fehlen, um wieder Vertrauen in der
Bevölkerung, aber auch in unserer eigenen Parteimitgliedschaft erringen zu
können. Sicherlich ist jede Form von „Personenkult“ abartig und abwegig,
doch auf „Persönlichkeit“ sollte wieder viel mehr Gewicht gelegt werden.
Viel zu viele jüngere Politikerinnen und Politiker gehen mit
individualisierten Lebenskonzepten in die Politik, orientiert an
oberflächlichem „Erfolgsstreben“ und „Karriere“, die oftmals schonungslos
und ohne Rücksicht auf anderweitige Konsequenzen „durchgezogen“ werden. Es
fehlen dabei konkrete Zieldefinitionen für das politische Handeln.
Charakterlich „glatt gebügelt“, kantenlos und
argumentativ hohl ist mit diesen Politikerinnen und Politikern kaum
problemorientierte und problemlösende Politik zu machen, erst recht keine
längerfristigen Krisenbewältigungsstrategien zu erarbeiten. Es ist dann
auch nur ein schwacher Trost, dass die anderen Parteien von eben dem
selben Politikertyp geprägt sind und zum Beispiel die FDP die
parteipolitische Verkörperung der hohlen Klientelpolitik darstellt.
Dies sollte hier der Anlass sein, einige Reflexionen
über das innerhalb der sozialistischen Bewegung eher ambivalent
diskutierte Paradigma der „Freiheit“ einzufügen, als dessen Sachwalter
sich die „Stromlinienpartei“ FDP zu unrecht aufführt, und dessen erneuerte
Diskussion die programmatische Arbeit der SPD voran bringen würde, weg von
alten Schlagwörtern und rein pragmatischer Verengung:
Freiheit ist entweder ein subjektiver Befriedungsakt
in einer konkreten Situation frei von unerwünschten (unlegitimierten)
Zwängen über Gewaltdrohungen zu sein und handeln zu können oder ein
philosophisch-moralischer – bei anderen Autoren eher ethischer –
Grundbegriff der modernen „westlichen“ Wertordnung. Eine Verbindung
zwischen beidem zu finden ist schwer, wenn nicht aus den historischen
Bedingungen unserer Zivilisationsentwicklung hin zur modernen
Staatsgesellschaft unmöglich. Der ethische Gehalt steht im Kontext mit dem
politischen-moralischen Grundbegriff „Weltfrieden“ und ist nur im Rahmen
einer kritischen Gegenüberstellung philosophischer „Utopien“
beziehungsweise ethisch-moralischer Setzungen (vgl. Kant) und der
unüberwindlich erscheinenden Probleme, diese Normen in praktische
(Welt-)Politik umzusetzen, zu erschließen, In der politischen Praxis
findet die Widersprüchlichkeit dieses Freiheitsbegriffes keine
praxisbegründende Kohäsion.
Dies ist exemplarisch darzustellen an der
Ideengeschichte des mitteleuropäischen Liberalismus. In aller Kürze
ergeben sich hier folgende Aspekte. Vom Anfang im 19. Jahrhundert an teilt
sich der Liberalismus – hervorgehend aus dem Kampf gegen den Feudalismus
und die Adelsherrschaft, gestützt auf die Klasseninteressen des
aufstrebenden (städtischen) Bürgertums – in divergierende Strömungen,
deren gemeinsame Wurzel eigentlich nur in der sozio-ökonomischen und
herrschaftspolitischen Situation des 19. Jahrhunderts zu verstehen ist –,
die jeweils um unterschiedlich zentrale politische Leitbegriffe gruppiert
sind. Der „Bürgerrechtsliberalismus“ steht in der Tradition des Kampfes um
Menschen- und Grundrechte – aus dem sich auch der Charakter des ersten
Teils des GG, philosophisch fußend auf dem Art. 1 GG und dem Begriff der
Menschenwürde bestimmt –, die wiederum rechtsgeschichtlich auf der
Entwicklung des Völkerrechts und philosophisch auf dem Gedanken des
Gesellschaftsvertrages (Rousseau u.a.) basieren, und konkretisiert sich in
der Nationalversammlung in der Paulskirche 1848 in der Forderung nach
einer deutschen Verfassung. Der „Nationalliberalismus“ konnte im 19.
Jahrhundert in der Nation, und damit im modernen Staat mit der darin
entstehenden Staatsgesellschaft, das moderne Gegenbild zum Feudalstaat,
dessen Legitimation letztlich mittelalterlichen Mustern folgte, mit
enormer revolutionärer Sprengkraft sehen, in der sich die bürgerlichen
Freiheiten erst realisieren könnten; dass der Nationalstaat im weiteren
Verlauf von der restaurierten Fürstenherrschaft usurpiert und umgedeutet
werden konnte, ist die Tragik Europas, in der der daraus entstandene
Nationalismus die Katastrophen des 20. Jahrhunderts verursachte. Damit ist
heute der „Nationalliberalismus“ obsolet und anachronistisch geworden und
tendiert, wo noch formal vorhanden, an das äußerste rechte Lager des
politischen Spektrums, wie zum Beispiel in der FPÖ in Österreich. Der
„Wirtschaftsliberalismus“ bringt noch am deutlichsten die schon
angesprochenen eigentlichen Klasseninteressen der in der Französischen
Revolution noch „revolutionären“ Bourgeoisie zum Ausdruck, indem Verfügung
über das Eigentum einmal Machtgarant gegenüber der Adelsherrschaft
(„Steuerprivileg“, vgl. Norbert Elias) war und zum anderen Wurzel
eigener Selbstbestimmungs- und Freiheitsräume.
Erst hier beginnt tatsächlich die Freiheit in der
Gesellschaft, die sich im Individualismus, dem Wunsch, eigene
Lebensentwürfe zu verfolgen, ausdrückt. Die Widersprüche zwischen den
auseinander laufenden Zielen dieses fraktionierten Liberalismus ergeben im
20. Jahrhundert den politischen Bedeutungsverlust gegenüber den jeweils
dominierenden politischen Mächten und bewirkten den merkwürdig
irisierenden politischen Charakter der FDP in Deutschland als
„Mehrheitsbeschafferin“ oder „Umfallerpartei“. Doch hier käme man schon in
die tagespolitische Polemik...
Sehr pragmatisch unterscheidet sich die Forderung
nach „Freiheit“ durch die Frage „Freiheit wovon oder Freiheit wozu?“. Das
teilweise Scheitern des Antikolonialismus, in dem die Freiheit von der
Kolonialmacht überleitet in die Unfreiheit von Diktaturen und auch
Terrorherrschaften ist das Musterbeispiel dafür. Dass andererseits ein
Konsens („volonté général“ nach Rousseau) über die Frage, was die Freiheit
„wozu“ inhaltlich meint, zu erzielen ist, wird nicht möglich erscheinen.
Sofort wird die kritische Frage gestellt werden müssen nach den „Grenzen
der Freiheit“, die in der modernen Demokratie völlig formal als
Verfassungs- und Rechtsloyalität definiert werden,“
Für die sozialistische Tradition, deren Fundamente
ebenfalls im 19. Jahrhundert liegen und deren positiven Konstanten
entgegen dem politisch-kulturellen „Mainstream“ in der SPD nicht
verschüttet werden sollten, bedeutet – bezogen auf die Grundwerte der
Französischen Revolution seit 1792 „Liberté, Egalité, Fraternité“ –
spielt der Wert der Freiheit eine entsprechend adäquate Rolle. Im
Gegensatz zum „bürgerlichen Liberalismus“ des 19. Jahrhunderts ist der
Wert aber eingebunden in eine überwölbende Gesellschaftsvorstellung und
nicht isoliert sondern als Charakteristikum der Gesellschaftsordnung zu
sehen.
Der „gescheiterte Liberalismus“ der FDP ist eine
Warnung an die SPD, Grundwerte nicht pragmatisch zu funktionalisieren und
in „gefährliche Liebschaften“ mit Partikularzielen einer Klientel oder
gesellschaftlichen Interessenlage – Wirtschaft, Nationalismus,
Globalisierungsstrategien – eingehen zu lassen. Grundwerte wie Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit (heute besser: Solidarität) müssen als tragende
Elemente die gesamte Parteiarbeit von der Basis her stützen und aufrecht
erhalten.
Wie stark konservative politische Ideologie sich der
Wertbegriffe bedient, um oft gerade das Gegenteil durchzusetzen, kann ich
aus eigener Erfahrung berichten. Ende der siebziger Jahre, im Rahmen
meiner Arbeit in den Reformkommissionen des niedersächsischen
Kultusministers zur Reform der Sekundarstufe II – Entwicklung der
Kursstufe, Entwicklung von fachdidaktischen Kursmodellen, die in den
sogenannten „Handreichungen“ veröffentlicht und allen Schule mit
Sekundarstufe II zur Verfügung gestellt wurden – arbeitete ich zusammen
mit dem Kollegen Jürgen Wolf
an einem Modell für einen Leistungskurs des (neu zu entwickelnden) Faches
Soziologie mit dem Thema „Soziale Ungleichheit“. Nach der Fertigstellung
und als der Text durch mehrfaches kritische „Gegenlesen“ in der Kommission
B (gesellschaftswissenschaftliches Aufgabenfeld) in der Kommission
„abgesegnet“ und zur Veröffentlichung im vierten Bande der
„Handreichungen“ freigegeben worden war, erfolgte in Niedersachsen mitten
in der Legislaturperiode der Koalitions- und politische Machtwechsel und
ein CDU-Kultusminister (Remmers) übernahm die „Erbschaft“ der
Sekundarstufen II-Reform. Die erste Weisung an die Reformkommissionen,
noch vor deren endgültigen Auflösung – das war dann auch das Ende einer
bewusst basisorientierten Schulreformpolitik in Niedersachsen – war das
Veröffentlichungsverbot von zwei vorliegenden Kursentwürfen – „Psychische
Probleme in der Adoleszenz“
von Uta Schatteburg und ThomasZiehe und eben unser
Kursentwurf „Soziale Ungleichheit“ – das unseren heftigen Widerspruch und
eine kontroverse Diskussion im niedersächsischen Landtag nach sich zog.
Nun aber zu der Erfahrung, um die es in diesem Zusammenhang geht: Der
Kultusminister ließ zur Absicherung seiner umstrittenen Entscheidung ein
Fachgutachten von der Soziologin Gisela Schmidt aus München
(offensichtlich christlichen CSU-Positionen nahe stehend) anfertigen, in
dem die Kernaussage war, dass es in der Bundesrepublik Deutschland
keine Soziale Ungleichheit gäbe (!).
Daher sollten Schülerinnen und Schüler nicht mit dieser
falschen, marxistischen Ideologie
indoktriniert werden. Die Verfasser dieses Kursentwurfs ständen sichtlich
nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen
Grundordnung. Das würde aber, so
unsere Lesart, bedeuten, dass wir Verfassungsfeinde wären und aus dem
Beamtenverhältnis zu entlassen wären! Merkwürdigerweise hat der
Kultusminister nichts in dieser Richtung verlauten lassen und als wir
dieses Dokument einer verbohrten Ideologie voller Spaß am Konflikt
veröffentlichen wollten, wurde es uns mit Hinweis auf das Urheberrecht der
Autorin ausdrücklich mit Strafandrohung untersagt. Schade! Dem Minister
war dieser Vorgang sichtlich peinlich und er wollte die Außenwirkung
behindern. Aber einer Veröffentlichung des Kurses stimmte er weiterhin
nicht zu – aber unsere Gewerkschaft, die GEW, veröffentlichte ihn als
„Sonderheft“
und er war dann wohl der im Lande meistgelesene Kursentwurf aus dem Hause
des Kultusministers!
Nur kurze Zeit
danach begannen neue Rahmenrichtlinienkommissionen ihre Arbeit, die
eigentlich eine Revision der bisherigen Reformanstrengungen bedeuten
sollten. Etwas überraschend Neue kam in der Folge der einsetzenden
Rezeption von Klafki aber dann doch: Die „Schlüsselprobleme“ wurden zu
einem strukturierenden Element der inhaltlichen Abfolgen, und ein
zentrales, in allen Fächern damit verbindlich gesetztes Schlüsselproblem
war gerade „Soziale Ungleichheit“... So kann’s kommen!
Welche
Begrifflichkeit nutzt ein konservatives Gesellschaftsverständnis statt
dessen? An die Stelle des Gleichheitspostulates – als Gegenbild zur
Sozialen Ungleichheit – tritt der Begriff der „Gerechtigkeit“. Durch seine
Unbestimmtheit und moralische Konnotation ist er als gesellschaftliches
Leitziel nicht brauchbar, er gilt als individueller Verhaltensmaßstab im
Rahmen eines moralisch-religiösen Wertsystems. In der Pädagogik ist für
die einzelne Lehrkraft ein „Gefühl für Gerechtigkeit“ durchaus wichtig,
vielleicht sogar notwendig. Doch umschreibt das eine ganz andere ethische
Norm, nämlich die der Legitimität, d.h. der sinnvollen Angemessenheit und
situativ der sozialen Situation gemäße pädagogische Handlungsmaxime. Das
bedeutet, dass pädagogisch -aber auch in der konkreten politischen
Situation – Gleichheit nicht „gleiches Verhalten“ sondern ein Verhalten,
das gleiche Chancen zum Ziel hat, bedeutet. Es geht also nicht um die
gleichen gesellschaftlichen Strukturen, sondern um das Ziel der
Gleichheit. In der konservativen Lehrerausbildung, die ich am
Studienseminar in Hannover erfahren habe, wurde dem entsprechend das
pädagogische Ziel der „Chancengleichheit“ vehement abgelehnt, um statt
dessen eine „Chancengerechtigkeit“ zu postulieren, ohne auszusagen,
wer die Gerechtigkeit bestimmt und
misst, welche Lebensziele
diesem „Gerechtigkeitspostulat“ zuzuordnen sind und ob nicht hier eher an
eine Reproduktion der Sozialen Ungleichheit die Folge sein wird. Es ist
anzunehmen, dass hier platonische und aristotelische
Gesellschaftsphilosophien im Hintergrund stehen, die sich im
sprichwörtlichen „Jedem das Seine“ pauschalisieren lassen und die
Vorstellung einer „Naturgegebenheit“ oder dem göttlichen Willen
entspringenden Sozialordnung inkludieren. Diese im Kern der feudalen
Ständegesellschaft entsprechenden entsprechenden Sozialvorstellungen
werden auch in der „bürgerlichen Revolution“ bei der Entstehung der
modernen Gesellschaften nicht grundsätzlich überwunden, was den bis heute
richtigen Kern der marxistischen Gesellschaftsanalyse ausmacht. Aktuell
ist diesem konservativen Gesellschaftsverständnis, das mit dem Begriff
„bürgerliche Mitte“ ideologisch verbrämt wird, das starre Festhalten an
einem „gegliederten Schulwesen“ genau so zuzuordnen wie die abstrusen
„Reformvorstellungen“ der derzeitigen „schwarz-gelben Koalition“ mit ihrer
schon in der Charakterisierung der heutigen FDP angesprochenen
„Klientelpolitik“, die sich zum Beispiel in der Veränderung des
Steuersystems zu Lasten der geringer Verdienenden und des öffentlichen
Sektors festmachen lassen. Sehr deutlich kristallisieren sich hier die
zukünftigen – und damit letztlich die alten – Aufgabenbereiche für die
Politik der SPD heraus.
Anhand dieser Überlegungen sollte es uns klar werden,
dass es für die SPD kein einfaches „Weiterwurschteln“ geben kann, sondern
dass ein politisches Profil grundsätzlich durchdachte Konzepte braucht,
die die klassischen Kerforderungen der sozialistischen Bewegung, die älter
sind als der Marxismus, wieder aufgreifen und neu durchdenken: Freiheit –
Gleichheit – Brüderlichkeit. Das ist nicht die Forderung nach einer „neuen
Revolution“, sondern ein wichtiger Schritt zur Weiterentwicklung der
Zivilgesellschaft – und der Ertrag meiner eigenen Lebenserfahrung als
politischer Mensch und Politiklehrer.
۞
Aber ich konnte auch ganz praktisch lernen, wie
Gruppen funktionieren und wie man sich in ihnen einen angemessene Stellung
erarbeitet – ohne in die Abartigkeiten des Karriereverhaltens, das oben
geschildert wurde, und wohl auch ohne das kaltschnäuzige Kalkül, die
„Ochsentour“ zum „persönlichen Erfolgsvehikel“ zu machen. Habe ich die
Anekdote über Gerhard Schröder als jungem Mann vor dem Kanzleramt – „Ich
will hier rein!“ – eigentlich immer nur als hübsche Story verstanden, muss
ich doch heute, seine Karriere betrachtend, doch etwas skeptischer darüber
urteilen, ob sich hier nicht doch ein überaus egozentrischer Charakter
zeigte, der wenig mit den Grundwerten der Sozialdemokratie zu tun hatte,
obwohl er mir – mit gleichem Vornamen und genau gleichem Geburtsdatum! –.
eigentlich immer recht sympathisch gewesen war und ich seine politischen
Leistungen bei aller Kritik nicht gering schätze.
Was in einer „Basisgruppe“, wie der Abteilungssitzung
oder den Funktionärstreffen, als notwendig angesehen wird, ist zunächst
einmal die ausdrückliche Bereitschaft mitzumachen!
Wenn Aufgaben verteilt werden – auch solche, die nicht allzu attraktiv
erscheinen – sich dazu zu melden; gerade so kam ich ganz schnell zu einem
Kassiererbezirk (meine Vorgeschichte als Straßenbahner war dabei sicher
kein Hemmnis). Dann folgt sehr schnell die Aufstellung als „Delegierter“ -
natürlich nicht zum Bundesparteitag, das entscheidet nicht die Abteilung,
sondern zum Ortsverein und zum Unterbezirk. Keine einflussreichen oder gar
für sich genommen interessanten Aufgaben, die aber gute Einblicke darüber
vermitteln „wie die Partei tickt“. Ich hätte diese Aufgaben nicht missen
mögen, sie haben mir Kenntnisse und Fähigkeiten vermittelt, die ich in
meinem weiteren Berufsleben immer gut gebrauchen konnte.
Und wie ist es nun mit den „Regeln“ für die aktive
Teilnahme und die Chance, dass diese auch bemerkt wird? Aufdringlichkeit
und Besserwisserei verbieten sich von selbst und werden nicht honoriert.
Ebenso wenig aber auch „Einschleimen“ und übertriebene Anpassung:
Vermittle den glaubwürdigen Eindruck, du selbst zu sein und mit Interesse
und Freude teilzunehmen. Mal eine kesse Bemerkung, etwas Ironie und auch
(höflichen) Widerspruch äußern ist zur Profilierung wichtig und öffnet die
Bereitschaft, dir auch dann zuzuhören, wenn du einmal wirklich eigene
Initiativen ergreifen willst – nur so erweckst du den Eindruck von
Kompetenz, ohne andere damit zurück zu stoßen.
In jeder Gruppe gibt es Hierarchien und
Gruppenbildungen. Für einen Neuling ist es wichtig, diese möglichst
schnell zu erkennen und im alltäglichen Umgang diese Hierarchien zu
berücksichtigen zum Beispiel in der Begrüßung und der Reihenfolge der
Ansprache. Nicht sinnvoll ist es jedoch, sich zu schnell einer
„Führungspersönlichkeit“ zu eng anzuschließen, sonst giltst du sehr
schnell als „Geschöpf“ des Vorsitzenden und ziehst alle gegen ihn
gerichteten Aggressionen auch auf dich, auch wenn er das vielleicht ganz
gerne sieht. Dass ich im Augenblick nur die männliche Form wähle, beruht
auf meinen damaligen Erfahrungen, bei denen die Genossinnen nur eine
geringere Rolle spielten (das war aber wohl in Mittelfeld schon etwas
anders!).
Als junger Genosse in der Abteilung war man natürlich
automatisch auch Jungsozialist und hatte damit eine weitere
Loyalitätsgruppe als Arbeitsfeld vor sich. Dies habe ich genutzt und bin
dann auch in den Vorstand der örtlichen Juso-Gruppe gewählt worden, was
mir dann Rückhalt in der Abteilungsarbeit gab, dann aber nach längerer
Zeit auch den Konflikt heraufbeschwor, der meine Döhrener Aktivität
beendete.
Noch einige pragmatische Tipps für eine erfolgreiche
Basisarbeit, so lange man noch keine prominenten Funktionen inne hat:
– Zu den Sitzungen pünktlich beziehungsweise eher zu
früh kommen, damit man selbst die Neuankömmlinge begrüßen kann und
gegebenenfalls den Vorsitzenden gleich mit ein paar persönlichen Worten
auf bestimmte Punkte der Tagesordnung ansprechen kann – aber auch, um sich
gleich einen geeigneten Platz zu sichern, der den Überblick gewährt und im
Blickfeld des Versammlungsleiters liegt, um bei Wortmeldungen nicht
übersehen zu werden. (Dieses Vorgehen war dann auch bei der Teilnahme an
universitären Übungen und Seminaren von großer Bedeutung; die erste Reihe
im Blickfeld des Professors hat einige Vorteile – nur darf man nicht zu
gelangweilt aussehen –. Ein Ironiker bei einer Lehrerfortbildungstagung
nannte die Extremform dieser Teilnehmer die „Kopfnicker“. Aber klar ist:
Auch wenn anfangs dieses Verhalten Berechnung sein mag, es verändert doch
die eigene Lern-, Aufnahme- und Leistungsfähigkeit und bewirkt eine
vertrautere Kommunikation mit der „Lehrperson“ oder dem
„Versammlungsleiter“ – das sollte man den „schüchternen Schülerinnen und
Schülern“ einmal klar machen, die gerne im letzten Augenblick kommen und
sich in die letzte Reihe verdrücken!)
– Wenn zu einzelnen Tagesordnungspunkten inhaltliche
Diskussionen und Beschlüsse zu erwarten sind, lohnt es sich, gleich eine
Tischvorlage vorbereitet zu haben. Sinnvoll ist es dabei, ganz gezielt
diskussionswürdige „Schwachstellen“ einzubauen, deren Diskussion bei den
übrigen Teilnehmern zur befriedigenden Einsicht hinterlässt, an der
Beschlussvorlage gestaltend und aktiv teilgenommen zu haben – ohne, und
das war die „subversive Idee“, mitgekriegt zu haben, wo die eigentlichen
kontroversen „Knackpunkte“ des Antrages tatsächlich lagen. Wichtig ist
aber auch, dass die äußere Form von Tischvorlagen eine wichtige Rolle
spielt: Schrift, Layout, Gliederung und Sprache sollen dem Thema
angemessen, übersichtlich und sofort eingänglich sein, ohne Firlefanz oder
abgehobene Ausdrucksweise, aber auch ohne offensichtliche Banalität – ein
sich unterfordert fühlender Leser fühlt sich nicht ernst genommen. (Auch
hier wieder eine übertragbare Einsicht, die für Lehrerinnen und Lehrer
wichtig ist, da sie gute Argumente für die Forderung nach sorgfältiger
formaler Arbeit an die Schülerinnen und Schüler vermitteln kann. Ich
selbst habe von dieser Erfahrung im Studium schon vom ersten Semester an
profitieren können, da ich im Fach Erdkunde meine Pflichtarbeiten –
Exkursionsberichte – von Anfang an sorgfältig mit Bildern und Karten
angefertigt habe, die bei unseren Dozenten sofort auffielen – und mir
letztlich die Teilnahme an Forschungsarbeiten in Nordafrika ermöglichten,
über die ich an anderer Stelle berichte. Bei einer Kosten-Nutzen-Analyse
ist dieses Vorgehen sehr empfehlenswert, da der zusätzliche Zeitaufwand
dafür, eine schriftliche Leistung formgerecht und sorgfältig anzufertigen,
gering wiegt gegenüber den Vorteilen beim Leser, der das auch als eine
Form der Höflichkeit wertet.)
– Wenn dann bei der Annahme eines eigenen Antrages
plötzlich die Frage auftaucht, wer macht denn dann die Arbeit?, dann bist
du natürlich sofort bereit, das zu tun – du wirst eventuell auch einen
schönen Funktionärsposten dafür bekommen – und wenn es dann tatsächlich
etwas zu tun gibt, verteilst du ganz „großzügig“ Aufgaben und „Ehren“!
– Es kommt in der Diskussion natürlich auch darauf
an, sich bei Meinungsbeiträgen nicht nur auf die eigene Meinung zu
berufen, sondern mit Relativierungen wie „ich habe dazu kritische
Äußerungen gehört und wollte gerne wissen, wie ihr dazu steht“, oder „mir
ist das Ganze zwar noch recht unklar, aber könnte man nicht auch...“, und
„kürzlich haben wir doch beschlossen, dass... ist das nicht ein ähnliches
Problem?“ die Diskussionsrunde in einen scheinbar neuen
Überlegungszusammenhang hinein zu ziehen und damit nicht deutlich werden
zu lassen, dass man selbst eigentlich das mögliche Ergebnis schon längst
vorher angedacht und gewollt hatte.
Natürlich ist das alles Manipulation – aber
welche gruppendynamischen Prozesse beruhen letztlich nicht auf
Manipulation? Es kommt, ehrlich gesagt, dann darauf an, welche
vertretbaren Inhalte und Fortschritte so angestoßen werden. Und überlege
man doch einmal (selbst-)kritisch, ob nicht das ganze Lehrerdasein ein
solches schöngeredetes Manipulieren ist mit all den hochtrabenden
Vorstellungen von „Didaktik“ und „Methodik“? Welcher Lehrer geht mit
seinen Schülerinnen und Schülern denn nicht „manipulativ“ um und ist das
nicht gerade die Aufgabe, die die Gesellschaft, die die Politische Kultur
unserer Gesellschaft der Schule
zuweist?
Wahlkampf für die Bundestagswahl 1969
Die Bundestagswahl 1969 stand vor der Tür und in der
Abteilungsarbeit drehte sich zunehmend alles um die Vorbereitung des Wahl.
Besprechungen in der Abteilung über Wahlprogramm, Kandidaten und
Verteilung von Aufgaben im Wahlkampf; letzteres wird in immer dichteren
Folge bis zur Wahl zum wichtigsten Thema. Dann die Wahlkreiskonferenzen
zur Kandidatenkür. Da ist aber nicht viel neu zu beschließen, die
Kandidaten stehen eigentlich fest: in unserem Wahlkreis Hannover III
(Südraum mit Döhren-Wülfel-Mittelfeld) Werner Marquardt (* 2. Juni
1922 in Klein-Wittenberg; † 28. Dezember 2001 in Laatzen) vertrat den
Wahlkreis von 1961 bis 1980;
im Wahlkreis Hannover I (Nordstadt und Mitte) war von 1951 bis 1987 das
„Urgestein“ Egon Franke (* 11. April 1913 in Hannover; † 26. April
1995 ebenda) direkt gewählter Bundestagsabgeordneter. Er war von 1969 bis
1982 Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen und vom 17. September
bis zum 1. Oktober 1982 Vizekanzler der Bundesrepublik;
schließlich im Wahlkreis Hannover II (Westraum, Linden, Ricklingen)
kandidierte Helmut Rohde (* 9. November 1925 in Hannover), MdB von
1957 bis 1987. Helmut Rohde war von 1974 bis 1978 Bundesminister für
Bildung und Wissenschaft.
Interessant war die Stimmung, mit der wir in diesen
Wahlkampf gingen. Die Wahlergebnisse für die SPD hatten sich in den Jahren
zuvor langsam verbessert und die Große Koalition wurde als Sprungbrett zu
einer SPD-Regierung gesehen. An der politischen Arbeit in Bonn war
abzusehen, dass zunehmend sozialdemokratische Gesellschaftsvorstellungen
als umsetzbar in die politische Arbeit einflossen. Sowohl innenpolitisch –
Familienpolitik, Justizreform und auf Länderebene die Schulreformen – als
auch außenpolitisch – wo sich eine langsame Abkehr vom starren Blockdenken
abzeichnete und wo, auch angesichts des Vietnam-Krieges, eine neue
Sensibilität für Fragen des Antikolonialismus und der Probleme der Dritten
Welt zu erahnen war – war eine grundsätzliche Zäsur in der Entwicklung der
BRD zu erkennen. Die Wahrnehmung und Bewertung war natürlich recht
uneinheitlich; die Jusos waren damals sehr aktiv, diese Reformen
voranzutreiben. Man kann auch sagen: es machte damals Spaß, Politik zu
betreiben und Optimismus war bei allen Widerständen und Rückschlägen
durchaus noch vertretbar. Doch diese Stimmung innerhalb des traditionellen
politischen Gefüges hatte wenig mit den Stereotypen zu tun, die heute in
der wertenden Erinnerung an diese Jahre – in unsinniger Weise als
68er-Generation pauschalisiert – vorherrschen.
Es
war jetzt unser Ziel, diesen „Genossen Trend“ in der nächsten
Bundestagswahl zu fördern und zu bestätigen. Diese Entwicklung konnte 1969
dann tatsächlich umgesetzt werden (na ja, nicht ganz so überzeugend wie
gehofft – aber unter optimistischer Betrachtung... es reichte ja dann auch
zum Koalitionswechsel zur sozialliberalen Koalition –), wie die
nachfolgende kleine Tabelle bestätigt.
|
Ergebnisse der Bundestagswahlen
1961-1969 |
|
|
1961 |
1965 |
1969 |
|
|
% |
Sitze |
% |
Sitze |
% |
Sitze |
|
Wahlbeteiligung |
87,7 |
499 |
86,8 |
496 |
86,7 |
496 |
|
CDU/CSU |
45,3 |
242 |
47,6 |
245 |
46,1 |
242 |
|
SPD |
36,2 |
190 |
39,3 |
202 |
42,7 |
224 |
|
FDP |
12,8 |
67 |
9,5 |
49 |
5,8 |
30 |
|
NPD |
– |
– |
2,0 |
– |
4,3 |
– |
|
DRP |
0,8 |
– |
– |
– |
– |
– |
|
BP |
– |
– |
– |
– |
0,2 |
– |
|
Zentrum |
– |
– |
– |
– |
0,0 |
– |
|
Sonstige |
4,9 |
– |
1,6 |
– |
1,0 |
– |
Doch dafür musste in den Wahlkreisen erst einmal der
Wahlkampf organisiert werden, was sich zunächst einmal auch auf die Person
des jeweiligen Kandidaten konzentrierte.
۞
Eines Tages zu Beginn des Jahres 1969 erhielt ich
telefonisch – wenn ich mich richtig erinnere von Herbert Schmalstieg,
der Hannoverscher Juso-Vorsitzender war und noch, ehe er 1971 zum
Oberbürgermeister gewählt war, in der Werbeabteilung der Stadtsparkasse
Hannover arbeitete, wo ich ihn auch schon besucht hatte – eine Einladung
zu einer Besprechung im Hause des Bundestagsabgeordneten Helmut Rohde.
Wenn ich mich richtig erinnere, war auch Gerhard Schröder dabei;
aber da ich die genannten Genossen in dieser Zeit so häufig und in
verschiedenen Zusammenhängen getroffen hatte, kann ich mich auf mein
Gedächtnis nicht mehr hundertprozentig verlassen, vor allem, da ich damals
keine Aufzeichnungen gemacht habe.
Das Thema war für mich eine Überraschung: das
Angebot, ein halbes Jahr während des Bundestagswahlkampfes Assistent von
Helmut Rohde sowohl im Wahlkreis wie auch in Bonn zu sein, bezahlt
als Bundestagsassistent des Abgeordneten. Dies war für mich sowohl ein
Vertrauensbeweis für meine bisherige politische Arbeit als auch eine große
Chance, bessere Einblicke in die praktische politische Arbeit zu erhalten.
Später haben mich Kolleginnen und Kollegen immer
wieder gefragt, warum ich diesen Einstieg nicht zu einer Berufswahl als
Politiker ausgenutzt hätte, was mir innerhalb der SPD ohne weiteres
möglich gewesen wäre. Aber gerade die Einblicke in die Arbeit eines
Abgeordneten zeigten mir, dass nach meinen Vorstellungen viel zu wenig
Zeit für konzeptionelle und auch reflexiv-wissenschaftliche Arbeit blieb,
dafür aber die Zeit mit Hetze, Terminen und ständigen im Prinzip aber
oberflächlichen Kontakten ausgefüllt wurde. Es war erschreckend zu sehen,
in welchem Maße psychische Belastungen und auch die Flucht in den Alkohol
bei Bundestagsabgeordneten aller Parteien zu beobachten war. Die Spaltung
der Persönlichkeit in eine äußere Fassade – zum Beispiel im heftigen
politischen Schlagabtausch mit dem politischen Gegner – und dem fröhlichen
Zusammensein in der Kneipe, zum Beispiel der „Rheinlust“ für die
„Hinterbänkler“ nach den Sitzungen, verlangt eine Selbstdistanzierung oder
auch eine inszenierte Oberflächlichkeit, die ich für mich nicht
akzeptieren wollte. Ich erkannte, dass kommunikative Selbstdarstellungen
ebenso wenig meine Stärke sind wie das Ertragen und Nicht-Ernstnehmen von
oft sinn- und erfolglosem Stress.
Während der sechs Monate konnte ich wahrscheinlich
mehr für mich lernen, als dass ich eine wirkliche Hilfe für Helmut
Rohde gewesen wäre. Da der selbst als Journalist seine Texte und Reden
eigenhändig verfasste – seine Reden waren oft brillant – und da er als
Profi eigentlich immer schneller bei der Sache war, als ich mich
einarbeiten konnte – sogar das geliebte Autofahren überließ er niemandem
sonst (ich hielt seinen Fahrstil aber oft für ziemlich gewagt und
eigenwillig) –, war ich ihm eigentlich zu mehr Dank verpflichtet, als ich
es ihm vergelten konnte.
Notwendig war es, in der Universität alles zu regeln,
ohne ein Semester tatsächlich aussetzen zu müssen oder mich gar beurlauben
zu lassen. Das regelte ich persönlich mit den einzelnen Dozenten und stieß
auf viel Verständnis, diese Chance für mich nutzen zu wollen. Einige
schriftliche Arbeiten machte ich so nebenbei, ansonsten absolvierte ich
noch anstehende Pflichten im Folgesemester. Das war vielleicht auch
deshalb kein größeres Problem, da ich an den Instituten gut bekannt war
und mir eine gute Leistungsfähigkeit zugebilligt wurde. So konnte ich
diesen „Einschub im Studium“ vollziehen, ohne meine Studiendauer
verlängern zu müssen. Ich kam so mit der Mindeststudiendauer von acht
Semester plus einem Prüfungssemester aus (und konnte diese Prüfungen auch
„mit Auszeichnung“ bestehen).
Über die Arbeit als Bundestagsassistent ist wenig zu
berichten. Ein ständiges „Hin und Her“ mit Helmut Rohde zwischen
Hannover und Bonn, oberflächliche Beschäftigung mit der Routinepost,
Telefonwache im Büro des Abgeordneten, Durchsicht weniger wichtiger
Papiere – das war Bonn. Hannover war aber: Wahlkampfarbeit, Treffen mit
Genossinnen und Genossen in den Abteilungen und Funktionärsversammlungen,
Korrespondenz, Wahlkampfveranstaltungen im Wahlkreis: Prospektverteilung,
Hausbesuche organisieren, Info-Stände, Musikevent auf der Limmerstraße mit
„Happy Jazz & Co. …
Beobachten konnte ich aber auch die Unterschiede im
Wahlkampf der drei Hannoverschen Bundestagsabgeordneten. Werner
Marquardt, in dem Wahlkreis zu dem auch Döhren-Wülfel-Mittelfeld
gehörten, machte den wohl traditionellsten Wahlkampf und stützte sich auf
die Mitarbeit der Genossinnen und Genossen in Infoständen und vor allem in
persönlichen Hausbesuchen, die wir ja als kassierende „Treppenterrier“
gewöhnt waren. Auch ich beteiligte mich nicht nur in Helmut Rohdes
Wahlkreis sondern auch in Döhren an dieser Aktion und hatte bald eine fast
vierstellige Zahl von Haushalten besucht, um persönlich für unseren
Abgeordneten zu werben, Prospektmaterial zu verteilen und bei Alten und
körperbehinderten Menschen auf das Angebot eines Fahrdienstes zum
Wahllokal aufmerksam zu machen.
Heute wäre das mit einem veränderten Schutzbedürfnis
der Bevölkerung nicht mehr möglich und dem Wahlerfolg eher abträglich,
doch damals wurden wir von den meisten besuchten Bürgerinnen und Bürgern
durchaus freundlich begrüßt; manchmal wurden wir auch in politische
Dispute einbezogen und nahmen ab und zu auch Klagen über die Politik und
auch persönliche Probleme entgegen. Es hing dann von unserem Geschick ab,
ob es uns gelang, diese Gesprächsansätze für uns positiv zu wenden, ohne
unsere politische Programmatik zu verbergen und ohne die Menschen zu
brüskieren, eventuell auch die Möglichkeit zu nutzen, tatsächlich
Hilfsangebote vermitteln zu können. Im Gedächtnis blieb mir aber eine,
durchaus freundliche Haustürbegegnung, bei der ich nichts erreichen
konnte: „Ich komme von unserem Bundestagsabgeordneten und möchte Sie noch
einmal auf die Wahl am nächsten Sonntag hinweisen...“ – „Ich habe schon
gewählt...“ – „??? Ähm... haben Sie schon Briefwahl gemachte?“ – Briefwahl
war damals noch selten, da die Voraussetzungen (Reise, Krankheit etc.)
„glaubhaft gemacht“ werden mussten! – „Nein... Ich habe Gott gewählt“...
Helmut Rohdes Wahlkampf war insgesamt gesehen
zusätzlich stärker auf medienwirksame Veranstaltungen, zu denen Künstler
und Musiker hinzugezogen wurden, ausgerichtet. Seine Erfahrungen als
Journalist und praktizierender Musikliebhaber, der gerne auch einmal mit
seinem Sohn im Guitarren-Duo auftrat, schlugen auf den insgesamt
anspruchsvolleren Wahlkampf durch; dazu brauchte ich konzeptionell als
Assistent nicht wesentlich beizutragen, da der Abgeordnete in dieser
Beziehung „Vollprofi“ war. Aber Spaß hat es gemacht, daran beteiligt
gewesen zu sein!
Egon Franke, ältester und wohl auch
prominentester unserer Hannoverschen Bundestagskandidaten, deren Wahl zu
dieser Zeit völlig außer Frage stand, da Hannover eine solide
„SPD-Hochburg“ war, machte den „modernsten“ und auffälligsten Wahlkampf,
über dessen „Geschmackssicherheit“ man durchaus geteilter Meinung sein
konnte. Er führte – wie wir uns das vorstellten: nach amerikanischem
Muster – eine persönliche „Cheerleader“ Girl-Truppe ein, die an den
Infoständen das Publikum ansprachen, natürlich nicht so sportlich und
freizügig gekleidet wie bei amerikanischen Sportveranstaltungen, sondern
in durchaus attraktiv geschnittenen und kurzröckigen Kostümen gekleidet in
rosa-lachsfarbenem Outfit, das den Trend der SPD vom traditionellen Rot
zum neuen „SPD-Orange“ markierte; die Frage ist, ob damit auch
politisch-inhaltlich das Abrücken von der sozialistischen Tradition
markiert werden sollte, was letztlich nicht sehr erfolgreich gewesen ist.
Egon Franke wurde überhaupt ein leichter Hang zu jungen Damen
nachgesagt und er fühlte sich sichtlich in der Begleitung seiner
Cheerleader-Girls wohl... Politisch galt das eben Vermutete aber sichtlich
auch, wie man ihn als „Chef der Kanalarbeiter“, der SPD-Hinterbänkler –
was seinen diversen Regierungsämtern keinen Abbruch tat, im Gegenteil, er
hatte eine stille, treue und unauffällige, aber mächtige Hausmacht auf den
hinteren Bänke des Bundestages – auch kannte.
Kleine symbolische „Wahlgeschenke“ waren üblich und
wurden von der Parteizentrale für den Wahlkampf angeboten: Bleistifte mit
SPD-Aufdruck, Notizblöcke, Radiergummis... Viele Kandidaten verteilten an
die Damen auch rote Nelken oder Rosen, so auch Helmut Rohde... Aber
individuelle und originelle Geschenke waren doch selten – und meiner
Werbephantasie eher verschlossen –. Nur Egon Franke trumpfte auch
hier auf mit einem Werbegeschenk, das mir im Gedächtnis geblieben ist und
über das ich noch heute schmunzeln kann: Kleine Seifenstücke in Hotelformat auf deren Verpackung aufgedruckt war (hohe Lyrik!): „Sauberkeit und
Frische, ein Gedanke – wähle SPD und Egon Franke!“ ...
Auch diese Zeit ging schnell vorbei und die Routine
von Studium, Examensvorbereitung und Alltagsarbeit in der Abteilung und
bei den Jusos hatten mich wieder. In den Abteilungen und im Stadtbezirk
berichtete ich vom Wahlkampf und analysierte das Bundestagswahlergebnis …
bei mir klang das etwas überschwänglich mit einer Perspektive, als ob
Deutschland in wenigen Jahren vollständig sozialdemokratisch sein würde.
Den Stimmungsumschwung und die konservative „Wende“ ahnte ich genauso
wenig wie die zwanzig Jahre später bevorstehende – ich hätte damals
gesagt: drohende – deutsche Einheit. Als Prophet bin ich eine Niete!
Schade, dass sich mit diesem Ereignis im deutschen Bewusstsein der Name
Helmut Kohl verbindet und nicht Willy Brandt, der weltpolitisch
weit mehr bewirkt und vorbereitet hat.
Leider hatte ich ja keine persönliche Berührung mit
Willy Brandt, den ich nur einmal kurz während eine Besuchs mit
Schülerinnen und Schülern meines Politikkurses in Bonn auf der Treppe des
Bundestagsgebäudes durch Zufall gesehen hatte – als Sicherheitskräfte
meine Schüler daran hinderten, ein Foto von ihm zu machen – und
feststellen musste, wie alt und beinahe „versteinert“ er damals schon
wirkte. Für meine politische Einstellung war sein Wirken aber von
entscheidender Bedeutung: Mehr Demokratie wagen und eine Neue Ostpolitik,
die Entspannungspolitik, einzuleiten, waren für mich Kernziele meiner
politischen Orientierung geworden, wozu noch die Orientierung an den
„Dritte-Welt-Fragen“, wie sie durch Erhard Eppler
glaubwürdig vertreten wurden, hinzukam. Interessant war, dass mir Helmut
Rohde in persönlichen Gesprächen entsprechendes berichtete aus seiner
eigenen politischen Laufbahn: nur dass sein politischer Fixpunkt, eine
Generation früher, Kurt Schumacher gewesen ist.
Helmut Rohde wurde also mit überzeugender
Mehrheit gewählt und setzte seine politisch Laufbahn fort als
parlamentarischer Staatssekretär und später Bundesbildungsminister. `Über
seine weitere eher private Situation und das spätere Ende seiner
politischen Arbeit soll hier nicht weiter berichtet werden. Es bleibt nur
meine persönliche Erinnerung an einen fähigen und unbestechlichen Menschen
und Politiker, dessen Bekanntschaft und Freundschaft immer sehr viel Wert
gewesen ist.
Vor der Kommunalwahl in Hannover
Hannover ist seit Alters her eine
„sozialdemokratische Stadt“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die SPD der
Westzonen unter dem hoch verehrten Kurt Schumacher in Hannover neu
gegründet.
Das Parteibüro in der Odeonstraße nahe des Steintors – mündend natürlich
auf die Kurt-Schumacher-Straße – wurde zu einer politischen Schaltstelle
nicht nur für den Parteibezirk Hannover, sondern für die politische
Entwicklung der Partei in der der Bundesrepublik. Für aktive
Parteigenossen war sie etwas wie eine „politische Heimat“.
Wir dürfen in dieser Rückschau nicht von den
Krisendiagnosen der SPD wie der bundesdeutschen Gesellschaft im zweiten
Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende ausgehen, sondern müssen uns den
damaligen Optimismus und die Hoffnung auf tief greifende Änderungen in
Politik und Gesellschaft in Deutschland vergegenwärtigen, um zu ermessen,
mit welchem Elan wir an die Vorbereitung der Kommunalwahlen 1972
herangingen.
Bei den diversen Wahlkreiskonferenzen und
Personalentscheidungen war ich natürlich dabei. Einer der wichtigsten
Besprechungen fand 1971 vor allem initiiert von den Jungsozialisten statt,
in der die Kandidatenlisten für die hannoverschen Wahlbezirke besprochen
und abgestimmt wurden. Eine wichtige Rolle spielte dabei Herbert
Schmalstieg, der dann nach der Wahl mit 28 Jahren zum jüngsten
Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt gewählt wurde – dass er später
der Oberbürgermeister mit der längsten Amtszeit (bis 2006) werden sollte,
ahnte von uns damals natürlich keiner. Aber in diesem Kreis wurden die
wichtigsten personellen Weichenstellungen für die Kommunalpolitik in
Hannover vorbereitet.
Am Rande sei noch die persönliche Erinnerung
gestattet, dass ich ernsthaft gebeten wurde, auch eine Kandidatur für den
Rat als Vertreter des Döhren-Wülfeler Bereiches zu übernehmen, wofür sich
gerade auch Herbert Schmalstieg einsetzte. Doch musste ich darauf
verzichten, da ich gerade 1971 mein Staatsexamen abgeschlossen und mein
Referendariat an der Bismarckschule Hannover begonnen hatte, wusste ich
natürlich nicht, zu welchem späteren Dienstort es mich nach meiner zweiten
Prüfung verschlagen würde. Dass ich dann 38 Jahre in Hannover an der
Bismarckschule bleiben würde, konnte ich auch nicht voraussehen. Aber es
half mir dann doch bei meiner Entscheidung, wenig später mit der Familie
nach Laatzen umzuziehen, ohne durch ein Ratsmandat angebunden zu sein.
Später hätte ich auch in Laatzen noch einmal kandidieren können, wollte
mich aber wegen intensiver beruflicher Belastungen nicht dazu bereit
finden und stand dann auf eigenen Wunsch als letzter Listenkandidat auf
einer Wahlkreisliste. Aber auf den Flyern der SPD war ich natürlich mit
Bild und Lebensdaten aufgeführt. Das „professionelle“ Passfoto aus
„Babsy‘s Atelier“ im Leine-Einkaufszentrum – auf Kosten der SPD – wird von
mir immer noch als „offizielles“ Foto genutzt, zum Beispiel im Internet
oder bei Facebook.
Zurück zur Wahlkreisbesprechung. Ich wusste, dass die
Genossin Hannelore Kunze aus Mittelfeld ebenfalls zur
Ratskandidatur bereit war und trat deswegen energisch für ihre Aufstellung
auf der Kandidatenliste ein. Das wurde so vollzogen und war eine gute
Wahl. Über viele Jahre vertrat Genossin Kunze den Stadtbezirk
Döhren-Wülfel-Mittelfeld engagiert und erfolgreich im hannoverschen Rat.
Stadtratswahlen in Hannover ab 1946
|
Stimmenanteile der Parteien in Prozent: |
|
Jahr |
SPD |
CDU |
FDP |
Sonstige |
|
|
|
|
1946 |
51,1 |
16,1 |
12,6 |
20,2 |
|
|
|
|
1948 |
51,6 |
19,3 |
10,9 |
18,2 |
|
|
|
|
1952 |
48,5 |
14,5 |
10,6 |
26,4 |
|
|
|
|
1956 |
53,7 |
18,8 |
10,0 |
17,5 |
|
|
|
|
1961 |
52,9 |
29,2 |
8,4 |
9,5 |
|
|
|
|
Jahr |
SPD |
CDU |
FDP |
Grüne1 |
WfH |
Rep |
Linke2 |
|
1964 |
58,8 |
31,3 |
7,3 |
|
|
|
|
|
1968 |
54,5 |
31,1 |
7,7 |
|
|
|
|
|
1972 |
58,7 |
34,3 |
5,5 |
|
|
|
|
|
1974 |
50,3 |
40,6 |
8,1 |
|
|
|
|
|
1976 |
51,6 |
39,9 |
7,7 |
|
|
|
|
|
1981 |
43,2 |
42,5 |
6,4 |
6,3 |
|
|
|
|
1986 |
47,1 |
38,7 |
4,8 |
8,2 |
|
|
|
|
1991 |
41,6 |
34,5 |
6,1 |
9,6 |
3,6 |
3,4 |
|
|
1996 |
36,9 |
34,9 |
4,3 |
14,3 |
3,6 |
2,7 |
1,9 |
|
2001 |
42,9 |
33,2 |
5,9 |
11,5 |
2,1 |
1,1 |
2,6 |
|
2006 |
41,1 |
30,8 |
6,6 |
13,6 |
1,6 |
|
4,6 |
1 - Grüne: 1981, 1986 und 1991: GABL, 1996, 2001 und
2006: B’90/Grüne
2 - Linke: 1996: PDS/LiLi, 2001: PDS/AL, 2006: LBü
Die Wahlen ginge gut für uns aus – eigentlich zum
letzten Mal – und in Hannover vollzog sich ein sozialdemokratischer
Generationswechsel, indem Herbert Schmalstieg als damals jüngster
Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt gewählt wurde und damit die
lange Dienstzeit zuletzt als Verkörperung Hannovers schlechthin zum
dienstältesten Oberbürgermeister antrat. In seiner Amtszeit vollzog sich
ein grundlegender Wandel Hannovers, nachdem die erste Aufbauphase des fast
völlig im Kriege zerstörten Stadtgebietes abgeschlossen war und sich der
Blick in eine veränderte Zukunft öffnete. Nach meinem Bild von dieser
Zeit, die ich als Teilnehmer, Beobachter und Stadtbürger – wenn auch
später vom Stadtrand aus Laatzen her – war der Höhepunkt dieser Zeit die
Weltausstellung „EXPO 2000“, die eine städtebauliche Zäsur ebenso
bedeutete wie ein neues Image der Großstadt – und natürlich eine ganze
Menge interessanter Erinnerungen...
Diese in Hannover im Kern sozialdemokratisch geprägte
Zeit musste aber zunehmend mit schwieriger werdenden äußeren politischen
Rahmenbedingungen kämpfen, mit dem Koalitions- und Regierungswechsel in
Niedersachsen zum CDU-Ministerpräsidenten Albrecht, und im Bund mit der
anbrechenden Ära Kohl. Doch das war zur Zeit der hier angesprochenen
Kommunalwahl noch Zukunft und zwar unvorhergesehene Zukunft; noch war die
Welt scheinbar sozialdemokratisch!
Gewerkschaftsarbeit
Mit Beginn meiner beruflichen Laufbahn an der
Bismarckschule Hannover stellte sich dann auch die Frage nach aktiver
gewerkschaftlicher Arbeit neu, die ich immer als Parallele zu meinem
parteipolitischen Engagement gesehen hatte. In der Studienzeit war ich in
der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport, Verkehr (ÖTV, Vorgängerin
der heutigen Gewerkschaft VerDi) geblieben, was auch meiner inneren
Identifikation mit diesem Arbeitsbereich als alter Straßenbahnfahrer
entsprach. Während meines Studiums pflegte ich, halb scherzhaft, auf die
Frage nach meinem Beruf immer mit „Straßenbahnfahrer“ zu antworten, obwohl
ich „keinen Fuß mehr“ in diesem Betrieb hatte. Andererseits gaben mir
berufliche und gewerkschaftliche Erfahrungen aus dieser Zeit wichtige
Orientierungsmarken für mein gesellschaftswissenschaftliches Studium wie
für meine politische Orientierung.
Als Lehrer trat ich dann in die Gewerkschaft
Erziehung und Wissenschaft (GEW) über. In unserer Schule gab es eine
kleine, aber zu der Zeit noch recht aktive GEW-Gruppe, die einen schweren
Stand gegen die Mehrheit des Philologenverbandes hatte. Das politische
Klima der Bismarckschule Hannover war seltsam aber für Hannover typisch:
Parteipolitisch dominierte die SPD, doch folgte dem kein
gewerkschaftliches Engagement im DGB sonder die Selbstidentifikation
primär als Gymnasiallehrer und damit als Beamter. Beamtenrechtskritische
Positionen, wie sie von der GEW vertreten wurden, fanden keinen Rückhalt
im Kollegium.
Mehrere persönliche Erfahrungen bestätigten im Laufe
der Zeit diese Positionsbestimmung, die gewerkschaftlicher Arbeit
Schwierigkeiten bereitete und die GEW-Gruppe immer wieder zum Rückzug in
Raucher- und Biertrinker-Grüppchen, wie ich sie in der SPD in der
Abteilungsarbeit in Döhren kennen gelernt und weiter oben schon
ausführlich beschrieben habe. Diese Rückzugshaltung, die durchaus radikale
Verbaläußerungen zuließ, war sohl auch ein zeittypisches Phänomen des
Standes der damaligen Politischen Kultur in Deutschland.
Als ich, noch als Assessor, im Kollegium die
GEW-Stellungnahmen ernsthafter vertrat und mich gegen das
Beamtengeschwurbel der „Philos“ positionierte, kam es zu einem sehr
unangenehmen persönlichen Konflikt – vor allem über die Frage, ob das
Beamtenverhältnis überhaupt noch zeitgemäß sei und wie es denn mit dem
Streikrecht auch für Beamte aussehen würde – mit dem damaligen Sprecher
des Philologenverbandes der Schule, dem Geschichts- und Englischlehrer
Herrn Dr. Kalthoff, der mir öffentlich androhte, nur noch über seinen
Rechtsanwalt über schulpolitische Fragen kommunizieren zu wollen. Von
Kollegialität keine Rede, wobei ich mich wohl in einige verbale
Radikalismen verstiegen hatte.
Einige Zeit später, das sei hier am Rande auch noch
erinnert, lernte ich eine andere Seite des Kollegen kennen, der sich
intensiv um internationale Kontakte der Schule, Schüleraustausch mit
Großbritannien und insgesamt um die Belebung der in den fünfziger Jahren
übernommenen Rolle der Bismarckschule Hannover als UNESCO-Modellschule,
heute heißen diese Schulen UNESCO-Projekt-Schulen, kümmerte und damit auch
einen eigenen pädagogischen Interessenschwerpunkt traf. Er griff auch den
Vorschlag der UNESCO-Kommission auf, einer UNESCO-Club an unserer Schule
zu gründen, dessen erster Vorsitzender er dann wurde und in dem ich von
Anfang an Mitglied war. In den letzten Jahren war ich dann bis zu meiner
Pensionierung selbst Vorsitzender der „UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule
am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.“, deren Homepage ich im
Augenblick, Februar 2010, noch immer betreue.
Hier sah ich dann auch für mich wichtige Verbindungen zu meiner
politischen Arbeit in der SPD und in der Gewerkschaft, bei der Fragen der
internationalen Solidarität eine bedeutende Rolle spielten.
Auch in die historische Tiefe ging die Zusammenarbeit
dann überraschender Weise auf seine Initiative hin, als wir in
Zusammenarbeit eines Geschichts- und eines Erdkundekurses eine
Bestandsaufnahme der Ruinen der „Feste Calenberg“ versuchten.
Das dabei entstandene Papiermodell fand später seinen Platz im
Historischen Museum Hannover. Ehe wird das aber auf dem Privatgelände der
Welfenfamilie durchführen konnten, mussten wir für eine Genehmigung des
damaligen Chefs des Hauses zu einer „Audienz“ bei Seiner Hoheit, Fürst
Ernst August von Hannover auf seine Domäne Calenberg
bei Pattensen kommen. Doch davon an anderer Stelle mehr, was sich vor
allem dadurch lohnt, weil unser – sehr freundlich-höfliches – Gespräch
(bei dem ich mir aber die eigentlich gewünschte Anrede „Ihre königliche
Hoheit“ als eingefleischter Republikaner im ursprünglichen Sinne des
Wortes tunlichst verkniffen habe im Gegensatz zu meinem Kollegen, der in
der Schule die etwas kuriose „Welfenfraktion“ anführte, die am „ersten Tag
von Langensalza“
jährlich ein königtreues Sektfrühstück im Lehrerzimmer zelebrierten und
das Bismarckporträt verhängten) mit dem einige Zeit später verstorbenen
Hausherrn einiges an Aufschluss über das (politische) Weltbild des alten
Hochadels vermitteln konnte.
Während sich in der Zeit des Referendariats und der
nachfolgenden kurzen Assessorenzeit gewerkschaftliches Arbeiten vor allem
auf die GEW-Gruppe in der Schule bezog, öffneten sich darüber hinaus
weisende Bezüge erst anschließend vor allem im Zusammenhang mit meiner
Tätigkeit in den Reformkommissionen beim niedersächsischen
Kultusministerium. Das Referendariat war politisch gesehen zwiespältig.
Die Leitung des Studienseminars Hannover I, dem ich zugeordnet war,
vertrat ein sehr traditionelles und damit auch gewerkschaftsfernes
schulpolitisches und pädagogisches Konzept, auf dessen innere
Widersprüchlichkeit ich schon im Zusammenhang mit den Grundwerten
Gleichheit und Gerechtigkeit kurz eingegangen bin. In den
allgemeindidaktischen und methodischen Veranstaltungen beschränkte sich
die Arbeit weitgehend auf die Vermittlung eines Kanons akzeptierter
Klassiker der Pädagogik, bei denen Klafki schon am äußersten Rande des
Angenommenen stand, Autoren außerhalb des mainstream
gar nicht auftraten. Trotzdem konnte es
ja nicht schaden, sich mit diesen Klassikern zu beschäftigen, um dann
später kritische Positionen zu entwickeln. Doch die sich später über die
Jahrzehnte hinziehende wissenschaftlich-pädagogische Arbeit ist nicht
Thema dieser Ausführungen und wird an anderer Stelle ausführlich
diskutiert.
Dennoch war ich, wenn auch als unangepasster
Teilnehmer der Seminare wohl angesehen und die Leitung des Studienseminars
legte mir ernsthaft nahe, die Karriere als Fachleiter anzustreben. Doch
nach dem politischen Wechsel in Niedersachsen einige Jahre später und
unter dem CDU-Kultusminister war dann davon keine Rede mehr.
Das Fach Erdkunde
verstand sich völlig traditionalistisch. Der zuständige Fachleiter war der
Vorsitzende des Schulgeographenverbandes, Dr. Dieter Richter. Dieser
Verband war eng verbunden mit dem Philologenverband und konzentrierte sich
auf die fachlich völlig eigenständig konzipierte gymnasiale Geographie,
der die damals schon sich entwickelnde Konzepte der „Geographie als
politische Bildung“
– in deren Rahmen ich dann später auch eigene Beiträge einbringen konnte
– völlig fremd waren. In meiner Fachprüfung Erdkunde wurde dann auch die
fachliche Seite ohne Einschränkungen anerkannt, das pädagogische Konzept
als „Laissez-faire“,
was den systematisch strukturierten Konzepten der Schulerdkunde völlig
zuwider lief; diese Einschätzung kann ich durchaus nicht ganz
zurückweisen, aber über meine pädagogischen Konzepte will ich mich an
dieser Stelle nicht weiter auslassen. Dennoch wurde ich später auch als
Referent zu Tagungen des Schulgeographenverbandes eingeladen, denn der
fachliche Respekt beruhte auf Gegenseitigkeit. Interessant war eine Tagung
in Berlin zum Thema „Dritte Welt“, zu der ich folgendes Vortragsthema
bearbeitet hatte: „Motivation und affektive Lernhindernisse zum Thema
»Dritte Welt« und ihre Bedeutung für das geographische Curriculum“.
Das Fach Politik
(Gemeinschafts-. und Sozialkunde) im Studienseminar Hannover I war völlig
anders ausgerichtet und strukturiert. Verantwortlicher Fachleiter war
Dr. Heidemann, Lehrer an
unserer Schule und seit kurzem auch Leiter der Kommission beim
Niedersächsischen Kultusminister „Gruppe B zur Reform der gymnasialen
Sekundarstufe II im gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld“, Wir
hatten von Anfang an guten menschlichen wie fachlichen Kontakt und er
erreichte es auch, dass ich an der Schule vorzugsweise und auch mit
eigenständigem Unterricht in Kursaen der neu entwickelten Sekundarstufe II
eingesetzt wurde. Das war die Voraussetzung dafür, dass ich dann
unmittelbar nach meinem Zweiten Staatsexamen mit Arbeitsaufträgen in eben
diese Kommission berufen wurde und dann an mehreren Kursentwürfen wie auch
an der „Grundsatzkommission“ beteiligt war.
Ich denke, dass dies die – zumindest in meiner
Erinnerung – fruchtbarste und innovativste Phase meiner beruflichen
Laufbahn gewesen ist. In unserem Berichtszusammenhang ist aber vor allem
wichtig, dass diese basisnahe Reformarbeit und der Mut zu völlig neuen
schulischen Konzepten den Initiativen der Sozialdemokratie entsprang und
von der Gewerkschaft mit getragen und gestützt wurde.
Ich hatte schon darüber berichtet, wie der Abbruch
dieser Reformarbeit mit dem politischen Wechsel in Niedersachsen zu
begründen ist und wie sehr dies auch auf meine eigene Arbeit zurück fiel,
indem zum Beispiel der Kursentwurf „Soziale Ungleichheit“ von der
Veröffentlichung in den „Handreichungen“ ausgeschlossen wurde. Der Kontakt
zur GEW verstärkte sich dann, indem dieser Kursentwurf wie schon berichtet
als Sonderveröffentlichung der Gewerkschaft publiziert wurde und breite
fachliche Rezeption erfuhr.
Das ermutigte die GEW dann auch, eine intensivere
pädagogisch-konzeptuelle Arbeit mit Tagungen und Publikationen
einzuleiten, an der ich mehrfach beteiligt gewesen bin. Leider hat sich
der Blick der Gewerkschaft im Laufe der Zeit – wahrscheinlich als
Gegenreaktion auf die restaurative „Wende“ in Deutschland – sehr stark
verengt und von inhaltlichen Fragen abgewandt. In der praktischen Arbeit
in Niedersachsen wurde zuletzt nur noch der Kampf um die Gesamtschule –
der von beiden Seiten völlig unkommunikativ und verhärtet im Austausch von
Positionen geführt wurde, wozu wohl auch die Konkurrenz um Mitglieder mit
dem Philologenverband eine Rolle spielte – und, solange das politisch
aktuell war, der Kampf gegen die sogenannten „Berufsverbote“ geführt. Das
bedeutete aber, dass sich in den Führungsgremien zunehmend nur Angehörige
der marxistischen Linken und „Apparatschiks“ sammelten, was eine
inhaltliche Weiterentwicklung nahezu unmöglich machte und mich vor zehn
Jahren auch zum Austritt aus der GEW veranlasste.
Es wäre einiger Reflexionen Wert, die Reduzierung der
gewerkschaftlichen Arbeit und ihres Selbstverständnisses zeitgeschichtlich
genauer zu untersuchen, denn auch die großen Gewerkschaften haben diesen
Prozess in gewisser, wenn auch nicht in der GEW-typischen Konsequenz,
durchgemacht und sind zu Lohnerhöhungs- und Tarifvertragsmaschinerien
geworden, denen ein echtes gewerkschaftliches Charisma abhanden gekommen
ist. Eine innerliche Identifikation der Mitglieder mit ihrer Gewerkschaft
ist wohl kaum noch zu finden; um so „überzeugender“ müssen daher
Demonstrations- und Streikaktionen in der Öffentlichkeit ausfallen. Um in
Richtung einer Erklärung weiter zu denken, bieten sich verschiedene
Ansätze an: Da ist vor allem die Trennung und Institutionalisierung der
Arbeiterbewegung – Gewerkschaft und Partei und auch die „Fraktionierung“
und Spaltung der Sozialdemokratie selbst –, was die Realisierung des
anfangs mitgedachten gesellschaftlichen Ziel der Entwicklung einer
alternativen Arbeiterkultur verhindert hat – ein Prozess, der sich in der
Nachkriegszeit durch Bürgerinitiativen und Basisbewegungen wiederholt hat
–; daneben stehen aber auch allgemeine Veränderungen der Politischen
Kultur als Erklärungsansätze zur Verfügung, die im kulturkritischen
Diskurs heute intensiv diskutiert werden und vor allem die Veränderungen
des Verhältnisses des Individuums zur Gesellschaft und zu den
innergesellschaftlichen Institutionen und Gruppierungen betrifft, zu denen
Gewerkschaften und Parteien gehören. Diese Bewegungen sind nicht
rückgängig zu machen, da sie einem psychogenetischen Wandel in der
Gesellschaft entsprechen; doch lohnt es sich darüber nachzudenken,
inwieweit integrativere politische Konzepte und alternative Diskurse in
die politische und gewerkschaftliche Arbeit wieder eingefügt werden
können.
۞
Als Politiklehrer erschienen uns die
Aktionsmöglichkeiten politischer Arbeit und gewerkschaftlicher
Alternativen zum Zeitpunkt des politischen Wechsels in Niedersachsen auf
der Basis der GEW-Institutionen zu gering. Gerade in den Studienseminaren
bildete sich ein Unmut heraus, der nach neuen Organisationsformen suchte.
Eine Gruppe von
Fachleitern des Faches Politik setzte sich in einem andauernden
Diskussionsprozess mit den Referendaren und einigen Politiklehrern – ich
war auch einige Male dabei – mit den Möglichkeiten auseinander, eine –
bisher noch fehlenden – Fachverband für Gemeinschaftskunde, Sozialkunde
und Politik zu gründen. Alle Beteiligten waren Mitglieder der GEW und
wollten dies auch zur Grundlage ihrer Arbeit machen. Eines Abends bekomme
ich einen Anruf von meinem Kollegen Werner Rischmüller
mit der Mitteilung: „Wir sitzen hier gerade zusammen und haben den Verband
der Politiklehrer gegründet und dich zum Vorsitzenden gewählt.“
Das war natürlich
eine Überraschung, die ich aus Solidaritätsgründen nicht ablehnen konnte.
Mit einigen Unterbrechungen war ich dann immer wieder und auch heute noch
Vorsitzender dieses Verbandes. Die rechtliche Seite und die Eintragung als
eingetragener Verein übernahm die Kanzlei von Gerhard Schröder, in der die
Frau von Werner Rischmüller, Hela Rischmüller-Pörtner,
die sich im Laufe der Zeit einen Namen als Strafverteidigerin in scheinbar
aussichtslosen Prozessen gegen Außenseiter, Drogenabhängige und des
politischen Terrorismus Verdächtigte einen Namen gemacht hat, was ein wohl
für eine Anwältin sehr hartes Brot war und ist. Ich kann ihr meine
Hochachtung nicht verhehlen! So hatten wir einen sehr guten rechtlichen
Hintergrund, der für uns bald auch wichtig wurde.
Im Vorstand waren
eine ganze Reihe Kolleginnen und Kollegen, die ich hier nicht einzeln
würdigen kann, obwohl sie alle mit Elan und Engagement an die Arbeit
gingen, was man heute nach meinen frustrierenden Erfahrungen nirgends mehr
in dieser Form antrifft. Zwei Namen sollten, als für unsere Arbeit
besonders wichtig, doch noch namentlich erwähnt werden, nämlich Gerd
Battmer, der Wesentliches zur inhaltlichen Konzeption aus im Kern
marxistischer Perspektive beigetragen hat, und Reinhard Thomas, der noch
als Referendar die Geschäftsführung übernahm, aber leider einige Jahre
später nach schwerwiegenden Frustrationen und Konflikten auch in seiner
beruflichen Umgebung vom Verband distanzierte und sich eher auf die Ziele
einer Alternativkultur hin orientierte – wenn ich das richtig beobachtet
und gedeutet habe. Seine Verdienste in der Anfangsphase des Verbandes der
Politiklehrer e.V., Hannover, sind jedoch unbestritten.
۞
Zwei politische Tendenzen schreckten uns Ende der
siebziger Jahre auf. Einmal sahen wir mit Schrecken die zunehmende
Dreistigkeit, mit der rechtsradikale und neonazistische Gruppen in die
Öffentlichkeit drängten, wobei uns schien, dass diese Öffentlichkeit zu
wenig alarmiert darauf reagierte; und gleichzeitig kam aus dem
CDU-geführten Kultusministerium die Nachricht, dass auf Referentenebene
geplant wurde, die Stundentafeln in den allgemeinbildenden Schule so zu
verändern, dass dies zu Lasten der Fächer Sozialkunde – in der
Sekundarstufe I – und Gemeinschaftskunde – in der Sekundarstufe II – gehen
würde.
Das war einerseits gefährlich für die
Einstellungschancen der „ersten Generation“ an der Universität im Höheren
Lehramt ausgebildeten Politiklehrer – vorher wurden die schon in den RRL
vorgesehenen sozialkundlichen Inhalte von Geschichts- und Erdkundelehrern
unterrichtet, die einige Weiterbildungskurse besucht hatten (die „kleine
Lehrbefähigung“, wie es genannt wurde – später in den neunziger Jahren
wurde das selbe Verfahren für die Lehrkräfte im Fach „Werte und Normen“
eingeleitet, aber aus finanziellen Gründen oder aus mangelndem
ministerialen Interesse nie konsequent zu Ende geführt). Wichtiger noch,
jedenfalls aus meiner Sicht, war die Gefahr zunehmender Akzeptanz
neonazistischer Ideologien, gegen deren Weiterwirken aus der Zeit der
NS-Diktatur wir in unserer Studienzeit engagiert durch Aufklärung und
Reformbereitschaft – gegen den Muff von tausend Jahren – angetreten waren.
Wir verstanden uns als erste Nachkriegsgeneration, die energisch mit den
verhängnisvollen Erbschaften der deutschen Geschichte aufräumen wollten.
Auch mein sozialdemokratisches Engagement war in hohem Maße von diesen
Zielen getragen.
Der neu gegründete Verband sah nun dringenden
Handlungsbedarf. Ein erwünschter Anlass war nun eine große Demonstration
in der Innenstadt von Hannover, die vom Landesschülerrat organisiert war
und von vielen Eltern und Lehrern, insbesondere auch der GEW unterstützt
wurde, gegen Rechtsradikalismus und für eine verstärkte Politische
Bildung. Der Verband der Politiklehrer nutzte diesen Anlass, sich selbst
aktiv einzubringen und an der Demonstration mit eigenen Flugblättern zu
beteiligen.
Wir traten auf mit einem beachteten Flugblatt, in dem
wir mit auffälligem typographischen Layout – für das ich selbst
verantwortlich war – vor dem mangelnden Widerstand gegen Neonazis warnten,
gerade wenn der Politikunterricht in den Schule reduziert werden sollte
und wenn abzusehen war, dass nicht mehr die notwendige Zahl ausgebildeter
Politiklehrer in Niedersachsen eingestellt würden. Als Blickfang druckten
wir eine Karikatur von Halbritter ab, in der ein (preußischere?)
Unteroffizier mit Pickelhaube und Zeigestock den Schülern an einer
Wandkarte die Grenzen von „Großdeutschland“ verklickert... Als
kommentierende Marginalie am Rande zum Text zeichnete ich einen
Bundesadler, der nach hinten einen Schatten in Form eines Hakenkreuzes
warf: mit einer politisch eindeutigen Aussage.
Dass dieses Flugblatt politischen Unwillen
hervorrief, dürfte klar sein. Aber der Wege für Sanktionen gegen uns
wählte man die Formalie der Verwendung des Hakenkreuzes als verbotenen
politischen Symbol, bei dem uns nationalsozialistische Propaganda
unterstellt wurde. Sicherlich eine wahnwitzige Verdrehung der
tatsächlichen Aussage, aber sie reichte für die Einleitung eines
Disziplinarverfahrens. Zunächst richtete sich dieses gegen unseren
Geschäftsführer Reinhard Thomas, der als „verantwortlich im Sinne des
Presserechts“ zeichnete. Das war gefährlich, da er als einziger im
Vorstand als Assessor noch nicht im sicheren Beamtenverhältnis war.
Um ihn zu schützen, hat dann der gesamte Vorstand
gegen sich ein gleiches Disziplinarverfahren beantragt, was der
Bezirksregierung und dem Ministerium sehr ungelegen kam. Vor allem auch
deswegen, da die GEW Niedersachsen unsere Verteidigung übernahm und uns in
diesem Verfahren unterstütze. Unser Rechtsanwalt war Gerhard Schröder, mit
dessen Kanzlei wir ohnehin in enger Beziehung standen. Die Schriftstücke
von Schröder waren brillant und rührten ans Grundsätzliche zum
Beamtenrecht und dem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung auch für
Beamte. Es wäre sicherlich interessant, wenn diese alten Akten einmal als
historisches Zeitdokument veröffentlicht würden.
Das Verfahren verlief wie zu erwarten war im Sande.
Eine öffentliche Rücknahme durch die Bezirksregierung war zwar nicht zu
erreichen, aber die von uns beantragte und gewünschte öffentliche
Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht in Lüneburg wurde nicht eröffnet.
Nach und nach sprangen eine Reihe der Vorstandsmitglieder von dem
Verfahren ab, vor allem nach Vorstandsneuwahlen oder bei dienstlichen
Versetzungen – meist mit einem in die Personalakte eingetragenen Tadel,
der kurz danach wieder gelöscht wurde. Ich war dazu nicht bereit.
So zog sich mein Verfahren noch über einige Jahre
hin, bis mich ein subalterner Sachbearbeiter telefonisch bekniete, doch
einer Einstellung zuzustimmen, da es ihm nur unnötige Arbeit mache und er
ohnehin politisch auf meiner Seite stehe. Es erfolgte bei mir dann auch
keine Eintragung in die Personalakte und ich erhielt kurze Zeit später die
gesamten Akten über meinen Fall im Original zugestellt. Die öffentliche
Resonanz hätte zwar heftiger sein können, aber letztlich ging der Verband
der Politiklehrer als Sieger aus diesem Konflikt hervor.
Kurz vorher leistete ich mir aber noch eine
Protestaktion, die vielleicht etwas kindisch aussehen mag und letztlich
(finanziell) auf meine Kosten ging. Eines Tage erhielt ich von unserem
Schulleiter ohne weiteren Kommentar einen Zettel in mein Brieffach in der
Schule des Inhalts, dass morgen der Dezernent in meinen Unterricht komme
(was er unbestreitbar darf) „wegen der Beförderung zum Oberstudienrat“.
Mir Schwoll der Kopf – eine Beförderung, ohne mit mir vorher gesprochen zu
haben und das gleichzeitig zu einem laufenden Disziplinarverfahren – nein,
für „Zuckerbrot und Peitsche“ war ich nicht zu haben. Ich schrieb einen
ebenso exkursorischen Zettel an den Schulleiter, dass man mich dazu nicht
gefragt hätte und dass ich eine Beförderung in dieser Situation auch nicht
beantragen würde. Ich sabotierte den Unterrichtsbesuch, indem ich dem
Dezernenten keinen Stundenentwurf vorlegte und mit der Klasse nur die
Verteilung von Referatthemen durchführte. Dass der Dezernent wütend war
und nicht durchblickte, war klar. Die Stundenbesprechung war eine Farçe,
an der der Schulleiter, Herr Bauermeister, sichtlich amüsiert zuhörte.
Letztlich wollte der Dezernent meiner kritischen Erläuterung entgegnend
eine Brücke bauen mit der Aussage, er hätte doch eine „Fürsorgepflicht“
gegenüber einem „jungen Kollegen“. Meine Antwort, ich hätte doch wohl mit
zehn Jahren aktiver politischer und gewerkschaftlicher Arbeit wesentlich
mehr politische Erfahrung als er – was mit Herr Bauermeister nachher auch
bestätigte – beendete das Gespräch mit einem Missklang. Der Dezernent hat
mit mir nie mehr ein Wort gesprochen und wenn er mir, selten, auf der
Schultreppe begegnete, drückte er sich auf die andere Seite und wendete
den Kopf ab...
Letztlich bedeutete es aber, dass ich einige Jahre
nicht befördert wurde und die entsprechenden finanziellen Einbußen zu
tragen hatte. Erst bei der Verabschiedung der übernächsten Dezernentin,
die im Gegensatz zu ihren beiden Vorgängern durchaus kompetent und
zugänglich war, ließ Sie mir ganz offiziell die Anfrage übermitteln, ob
ich jetzt bereit wäre, einer Beförderung zuzustimmen, da sie den Vorgang
nicht mehr ihrem Nachfolger überlassen wollte... So geht es also auch.
Aus diesen Erfahrungen und Überlegungen zur prekären
politisch-gesellschaftlichen Situation in der Bundesrepublik Deutschland
heraus hat der Verband der Politiklehrer einen Arbeitsschwerpunkt
konstituiert, das „Neonazismus-Projekt – Entwicklung einer
antifaschistischen Pädagogik“. Mehrere Umfragen zur Verbreitung
rechtsradikaler Einstellungen und Ideologien wurden von der Arbeitsgruppe
im Verband durchgeführt und ausgewerten und fanden ihren Niederschlag in
öffentlichen Verlautbarungen und Presseerklärungen. Vor allem aber
entstand eiin Unterrichtsentwurf mit umfangreichem Materialteil zum Thema
„Faschismus in Deutschland und Neonazismus“.
Auch hier bewährte sich wieder die enge
Zusammenarbeit mit der GEW Niedersachsen, die die erste Auflage dieses
Buches als Band 1 zum Auftakt der Publikation ihrer „neuen reihe“
ausgewählt hatte und damit einen inhaltlichen Schub für unsere Arbeit auch
im Verband bewirkte.
Dieser Unterrichtsentwurf vermittelte einige durchaus
neuartige pädagogische Ansätze, indem er sich nicht beschränkte entweder
auf einen zeitgeschichtlichen Abriss der Ereignisse in der Zeit der
Nazi-Diktatur oder auf eine abgehobene ideologiekritische Analyse, sondern
davon ausging, dass zum Verständnis sowohl die äußeren Fakten vermittelt
werden müssen als auch die gesellschaftlichen, vor allem ökonomischen
Hintergründe und die sozialpsychologischen Perspektiven zu Erklärung der
Gewaltbereitschaft und des Gehorsams gegenüber dem ethisch Verwerflichen
zu erarbeiten sind.
Während ich vor allem für die didaktischen
Rahmenelemente in zeitgeschichtlicher Hinsicht, für die Herstellung der
inneren Kontexte des Entwurfs und für die formale Bearbeitung bis hin zu
Graphiken und dem Umschlaglayout verantwortlich zeichnete, stellte Gerd
Battmer die – kommentierten – Materialien zur ökonomischen Fundierung des
NS zusammen und griff dabei auch auf – in den offiziellen Schulbüchern
tabuisierte – sehr aufschlussreiche marxistische Analysen und Quellen
zurück, wobei sich deren Aussagekraft gut erschloss; Werner Rischmüller
entwarf das originelle und im „normalen“ Schulunterricht ungewohnte
Kapitel über die sozialpsychologischen Hintergründe des NS und der
biographischen Verwurzelung des „autoritären Charakters“ zusammen.
Diese Fragestellungen werden heute intensiv in der
Öffentlichkeit diskutiert und treffen das Problembewusstsein der
Gegenwart. Jugendgewalt und Asozialität sind wichtige politische wie
pädagogische Problemfelder, die eine große öffentliche Aufmerksamkeit
beanspruchen und unserem damaligen Unterrichtsentwurf eine Art
Vorreiterrolle zuschreiben können. Insgesamt erschien das Buch in zwei
Ausgaben; erst einmal – wie gesagt – bei der GEW Niedersachsen, dann bei
der „pad“ in Dortmund – und beide Male war die Resonanz und die
öffentliche Aufmerksamkeit groß, was auch unsere Zusammenarbeit mit der
GEW förderte.
Leider ist diese Art schwerpunktmäßige
Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, seiner Politik und seiner
Ideologie nach und nach aus den Richtlinien verschwunden oder zumindest an
den Rand gedrängt worden. Dem heutigen Politikunterricht fehlt zunehmend
die Integration in historische Perspektiven. Die heutigen Politikbücher,
denen auch die Aufgabenstellungen des Zentralabiturs zugeordnet sind,
bemühen sich sehr vordergründig um „Aktualität“ und um jeweils „modische
Themen“, verlieren aber zunehmend den Anspruch, gesellschaftliche und
zeitgeschichtliche Perspektiven und Analysen einzubeziehen. Während in der
Wissenschaft wichtige Rezeptionsvorgänge vollzogen werden, koppelt sich
die ministerial gegängelte Pädagogik in den Schulen von aufklärerischen,
distanzierten und reflexiv-kritische Ansätzen ab, die wir sowohl in der
Reformarbeit der Sekundarstufen II-Kommissionen als auch unserer
Verbandsarbeit in den Mittelpunkt stellen wollten.
Einige Zeit versuchte die GEW noch, sich diesem Trend
entgegen zu stemmen mit Tagungen und Veröffentlichungen. Beteiligt waren
wir als Verband dabei mehrfach, zum Beispiel in einer sehr gelungenen
Tagung über die Funktion der Politischen Bildung, bei der Referate zu
Problemkreise, eher schon zu „Schlüsselprobleme“ von wichtigen
Fachreferenten vorgetragen wurden, zum Beispiel Schmidt-Wulffen und
Gronemeyer zum Themenkomplex „Dritte Welt“.
Doch schon die weiteren Bände der „neuen reihe“
zeigten in ihren Themen – Tarifpolitik, Gesamtschule, Organisationsfragen
– dass der inhaltlich-innovative Arbeitsschwerpunkt der
Gewerkschaftsarbeit zunehmend in den Hintergrund trat und sich die
GEW-Arbeit aus der Breite möglicher Themen zurückzog. Dazu kam in den 80er
Jahren verhärtete Machtkämpfe von „politischen Fraktionen“ in der
Gewerkschaftsspitze vor allem in Hannover selbst. Von außen gesehen schien
eine orthodox-marxistische Gruppe Machterhaltsstrategien zu erproben – was
bei näherem Hinsehen sicher ein zu undifferenzierter und ungerechter
Vorwurf war. Doch innergewerkschaftliche Diskurse wurden immer schwieriger
und persönliche Animositäten überschatteten mögliche nachhaltige
Veränderungen der desolater werdenden schulpolitischen und pädagogischen
Situation.
Auch der Verband der Politiklehrer blieb von dieser
Entwicklung nicht verschont und „fraktionierte“ sich zunehmend. Der
Vorsitz wechselte in schneller Folge und die konstruktive Verbandsarbeit
blieb weitgehend auf der Strecke. Als dann immer mehr Mitglieder austraten
und Neuzugänge nicht zu verzeichnen waren, war es fraglich geworden, den
Verband weiter führen zu können. Eines Tages erhielt ich einen Anruf vom
Vorstandsmitglied – und Freund – Werner Rischmüller, der mir sagte, dass
der Restvorstand gerade zusammen sitze und eine Alternative beschlossen
habe – entweder den Verband aufzulösen oder mich wieder als Vorsitzenden
zu wählen (sicher mit der Vorgabe, dann auch alles allein zu machen). Ein
Kollege konkretisierte dies Angebot ironisch: „Wir schenken Dir den
Verband!“
So kam es dann auch. Dass die Mitgliederzahl
abgrundtief nach unten ging, lag aber an einer Schikane unserer Bank, der
BfG (heute SEB), die sich plötzlich weigerte, den Beitragseinzug zu
übernehmen. Dieser Automatismus hatte bislang den Mitgliederschwund
gebremst, doch jetzt brach bei den meisten der Kontakt ab – weder die
erbetene aktive Überweisung des Mitgliedsbeitrages noch ein formaler
Austritt, nach einem Jahr schlief dann satzungsgemäß die aktive
Mitgliedschaft ein. Nach Vereinsrecht konnte der Verband aber weiter
bestehen, da wir diesen Mitgliedern das Erlöschen der Mitgliedschaft nicht
direkt mitteilten (zu Deutsch: der Verband der Karteileichen).
An dem Jahrtausendwechsel war dann auch kein Geld
für die Herausgabe der „Print-Auflage“ unserer Verbandszeitschrift
„politik unterricht aktuell“ mehr vorhanden und ich wechselte zum Konzept
des „Virtuellen Verbandes“, dessen Aktivitäten sich auf die elektronischen
Medien konzentrierten, vor allem auf die Homepage des Verbandes
[http://www.politiklehrerverband.org] und die Internetausgabe der
Verbandszeitschrift „politik unterricht aktuell“, in der auch der größte
Teil der bisher erschienen Ausgaben neu veröffentlicht wurden und daher
für die politische und wissenschaftliche Arbeit verfügbar bleibt
[http://www.pu-aktuell.de]. Leider gaben einige wichtige Autoren kein
Einverständnis zur Internet-Veröffentlichung, so Prof. Bernhard Claußen
und Dr. Birgit Wellie, die eine wichtige Rolle in der
Verbandsarbeit spielten und die ich persönlich außerordentlich schätze,
deren lesenswerte Aufsätze und Rezensionen so leider nicht mehr greifbar
sind.
Mit Prof. Bernhard Claußen zusammen konnte ich an
anderer Stelle an wichtigen politikdidaktischen wissenschaftlichen
Veröffentlichungen teilnehmen, in denen jetzt einige meiner – nach meiner
Einschätzung – wichtigsten Aufsätze publiziert wurden. Wie auch sonst
häufig basierten diese Arbeiten auf Vorträgen in Bildungsveranstaltungen,
die teilweise in Zusammenarbeit mit dem Verband der Politiklehrer e.V.,
Hannover, veranstaltet worden sind. Dass äußere Anlässe in der Planung und
Herausgabe von Ehrengaben zu besonderen Anlässen, so dem 50, Geburtstag
von Prof. Claußen, waren, gibt diesen Schriften letztlich noch ein
besonderes Gewicht.
Der Verband lebt also bis jetzt in „virtueller Form“
und beteiligt sich an schulpolitischen Diskursen – zum Beispiel auch auf
Facebook – und bietet fachlich engagierten Autoren eine Internet-Plattform
zur Veröffentlichung neuer Aufsätze. Daneben werden alte Publikationen
unserer Verbandsmitglieder veröffentlicht, so die Dissertation über die
Polnischen Umbruchjahre von Lothar Nettelmann.
Um das Angebot noch auszuweiten habe ich im Rahmen des Verband der
Politiklehrer e.V., Hannover, noch drei fachspezifische WebSites
konstituiert zu den regionalen Themen Türkei, Iran und Polen.
Meine Gewerkschaftsarbeit – abgesehen davon, dass ich
immer noch DGB-Gewerkschaften für besonders wichtige Institutionen und
politische Kraftzentren für unsere Sozialordnung und die Aufrechterhaltung
des grundgesetzlich verankerten Sozialstaates halte – war zumindest in
unserer hannoverschen GEW ohne weitere Zukunftsperspektive. Ende der
neunziger Jahre bin ich dann auch aus der GEW ausgetreten.
Fortsetzung: Konflikte in und mit der SPD
/ Abwendung von der GEW
Es wird Zeit, wieder auf die politische
Arbeit in der Sozialdemokratie zurück zu kommen, wenn auch hier sich
langsam ein Wandel anbahnte, den ich nicht immer akzeptieren konnte. Die
von der CDU überhöht propagierte „geistig-moralische Wende“ der
beginnenden Kohl-Ära grub tiefe, verhängnisvolle Gräben in die
Gesellschaft, wovon auch die SPD nicht verschont blieb.
Dieser Teil meiner autobiographischen
Überlegungen, Einschätzungen und Reminiszenzen folgt in einem "Zweiten
Teil" dieses Kapitels, nachdem zwischendurch von den beruflichen
Erfahrungen seit den Siebziger Jahren berichtet werden soll.
Anmerkungen
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