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Biographische Texte nach dem August 2009
I.
Abschied
38
Jahre im Schuldienst an der Bismarckschule Hannover
II.
so what?
Auseinandersetzung mit dem Alter
in literarischen Zitaten
III.
Zum Beginn des Schulneubaus
Eine Leserbriefkontroverse
I. Abschied
38
Jahre im Schuldienst an der Bismarckschule Hannover
Am Dienstag, 23. Juni 2009, endete meine aktive Laufbahn
als Lehrer an der Bismarckschule Hannover zwei Tage vor dem Ende des
Schuljahres 2008/09 oder korrekter gesagt vor dem Beginn der Sommerferien
mit dem traditionellen Grillfest des Kollegiums. Eine feierliche
Verabschiedung ist mir zuwider, daher habe ich mich von der offiziellen
Verabschiedungskonferenz am Folgetag entschuldigen lassen, vor allem
auch, weil ich bestimmte Verabschiedungsreden nicht hören mochte und erst
recht nicht die oftmals schon bei der Verabschiedung älterer Kolleginnen
und Kollegen gehörten gewollt spaßigen oder erinnerungsseligen
Kollegenreminiszenzen über mich ergehen lassen wollte.
Doch in gewisser Weise holte mich das Schicksal dann doch
wieder ein, da es sich meine Kolleginnen und Kollegen nicht nehmen lassen
wollten, wenigstens in der lockeren Atmosphäre des Grillabends die dann
doch berührenden herzlichen Wünsche für die bevorstehende Pensionärszeit
zu vermitteln. Dafür dann doch mein ganz herzlicher Dank!
Aber auch ich konnte mich nicht der Aufgabe entziehen, eine
Abschiedsrede zu halten – recht unvorbereitet und aus dem Stegreif, also
noch einmal wie bei vielen meiner Vorträge „auf volles Risiko gefahren“.
Aus der Erinnerung heraus und einige nachfolgende Gespräche
mit einbeziehend möchte ich eine schriftliche Fassung vorlegen vor allem
für Kolleginnen und Kollegen, die nicht bei dem Grillfest dabei sein
konnten und für die übrige „School-Community“, soweit sie sich für mich
interessieren mag.
Daher beginne ich hier nicht nur wie beim Vortrag mit der
Anrede
„Liebe Kolleginnen und Kollegen“
sondern füge hinzu
„Liebe Leserinnen und Leser, liebe Schülerinnen und Schüler
...“.
Das „Kollegen-Grillen“ bietet dann doch einen aktuellen
nicht ganz ernst zu nehmenden Einstieg. Die deutsche Sprache ist ja – für
Dichter wohl erfreulicherweise – ziemlich mehrdeutig und missverständlich.
Haben wir dort für Kolleginnen und Kollegen gegrillt, oder haben
Kolleginnen und Kollegen gegrillt – beides stimmt wohl mit den Tatsachen
überein – oder wurden gar Kollegen gegrillt? Damit sind wir aber schon
bei einer fachlichen Zweideutigkeit, die aus dem Instrumentarium der
Gruppensoziologie herrührt: „Grillen“ ist hier der intensive, wohl oft
auch unangenehme Befragungsprozess, dem sich ein Neuankömmling in einer
Gruppe ausgesetzt sieht. „Wer bist Du?“, „Wo kommst Du her?“, „Passt Du zu
uns?“, „Können wir Dich als einen der unseren akzeptieren?“.
Bücher und Filme haben sich mehr oder weniger sachgerecht
mit den Schicksalen auseinandergesetzt, die die Konflikte eines solchen „grilling
process“ nach sich gezogen haben. In der amerikanischen Umgangssprache
wird dann die intensive Befragung eines Verdächtigen bei der Polizei
ebenfalls zum „Grillen“ stilisiert – oftmals auch in den deutschen
Übersetzungen.
Jetzt frage ich mich natürlich, in wie weit ist die
Existenz als Lehrer in einer Schule nicht auch ein permanenter „grilling
process“ – und: Habe ich diese 38 Jahre des Grillens einigermaßen passabel
überstanden?
Jetzt erwartet mich in kleiner gewordenem sozialen Umfeld
und mit der sozialen und psychischen Reduzierung der eigenen Welt durch
Todesfälle in der Familie und im Freundeskreis, unvermeidlich in meinem
Alter, ein neuer „grilling process“ durch das Pensionärsdasein.
So ist also der äußere Anlass dieser Verabschiedung von
meinen Kolleginnen und Kollegen in einem tieferen Sinne als zunächst
gedacht symbolträchtig und zum Nachdenken anregend.
Aber in die Zukunft zu schauen, mit dem gebotenen Ernst des
Abschieds, provoziert dann doch den Exkurs in etwas phantastischere
Überlegungen – auch wenn der eine oder andere wieder einmal sagen wird:
„Der spinnt ja ...“ – und das ohne jeden Bezug zu Gummibärchen.
Der Abschied vom Berufsleben lenkt die Gedanken auch auf
einen näher rückenden endgültigen Abschied, den Abschied vom eigenen
Leben. Hier – einmal gänzlich ohne christliche Jenseitsvorstellungen –
phantasiert man sich manchmal in viel volkstümlichere Vorstellungen von
einem „Danach“, das noch nicht ganz von der bisherigen Lebenswelt
getrennt worden ist, das noch nicht ganz loslassen kann, eben auch nicht
von der Schule.
Wie wäre es, als Schabernack treibendes Gespenst durch die
Gänge und Räume des alten Gemäuers der Schule zu fegen wie ein Wirbelwind?
Das leere Schulgebäude lässt nachts viel Platz für einen gepflegten Spuk.
Unter dem Dach gibt es verborgene Gänge und Ecken, in die nie jemand zu
Lebenszeiten eindringen konnte. Und der Blick in die Tiefe wird einem
Gespenst wohl auch keine Angst mehr einjagen wie es die verblassende
Erinnerung an die bedrückende Höhenangst im Leben noch andeutet, bei der
schon der Blick in das Treppenhaus und auf dessen hohe Wände und Fenster
den Unterleib ängstlich zusammenziehen ließ.
Und dann erst der Turm, auf den ich früher regelmäßig mit
Klassen gestiegen bin, um den Überblick über die Stadtlandschaft auch
geographisch zu fundieren. Aber in der Phantasie wird die Plattform auf
dem Turm mit dem schauerlichen Blick in die Tiefe dann auch zum Backdeck
der sinkenden Titanic in der weltberühmten Szene mit Leonardo
DiCaprio als Jack Dawson und Kate Winslet als Rose DeWitt
Bukater in dem Film von 1997, in der das Liebespaar in die Ferne und in
den Untergang blickt, er den Leib des schönen, geliebten Mädchens
umschlingend, die die Arme der unausweichlichen Zukunft entgegen öffnet
... Der Turm als Höhepunkt der Schule hat etwas unbezweifelbar Erotisches
an sich ... mit vielen dunklen Ecken zum Knutschen und Küssen.
Das Gespenst fegt weiter durch die leeren Gänge, leise
unheimliche Geräusche werden hörbar. Und im Zimmer des Direktors findet
sich ein neues Feld für Schabernack – es muss ja nicht der heutige
Schulleiter sein, die hundert Jahre Gespensterdasein werden neue
Schulleiter sehen. Plötzlich sind die Schulakten durcheinander, wichtige
Schreiben der Schulbehörde verschwinden unter den Schränken, es gibt viel
zu tun ... Niemand will schließlich noch Schulleiter in der Spukschule am
Maschsee werden!
Und wie ist es mit dem Vertretungsplan? Was kann nicht
alles in einem Computer durcheinandergeraten, Schülerinnen und Schüler
werden nach Hause geschickt, Lehrerinnen und Lehrer vermissen ihre
Klassen, oh, welch ein schönes Chaos. Lieber Herr Popp, verzeihen Sie,
aber ich denke, sie selbst werden das nicht mehr erleben. Es sei denn,
dass heute schon ab und an Gespenstisches in der Technik passiert, für das
ich nun keineswegs verantwortlich bin …
Aber das Sekretariat lässt unser Gespenst in Ruhe. Die
Damen haben ohnehin zu viel zu tun, die tägliche Unordnung eines
Schulbetriebes wenigstens einigermaßen in die Reihe zu bringen, da braucht
es keines Gespenstes mehr.
Nun kommt der Morgen. Die ersten Schülerinnen und Schüler
betreten das Haus: die letzte Chance, noch einmal durch die Gänge zu
fegen, den kleinen Mädchen durch die Haare zu blasen oder auch einmal den
Rock zu lüpfen. Gespenster sind ja wohl jenseits von Gut und Böse? Dann
das Kreischen, „Wer ist da, zieh mir nicht an den Haaren!“ – und kein
Mensch ist zu sehen ... Die spätere ziemlich despektierliche Nachfrage,
welche Haare denn gemeint seien, muss abgewiesen werden mit dem Hinweis
auf das Recht des Autors, interpretationsbedürftige Passagen schreiben zu
dürfen, die dann auch für Abiturarbeiten geeignet sind; es versteht ja
doch jeder das, was er selbst am liebsten hören würde ...
Aber dann wird es auch für unser Gespenst ernster und
vielleicht auch ängstlicher. Es gibt einen Raum im Keller, in den es nicht
hereinzischen will, weil es eine gespenstische Begegnung fürchtet. Das ist
der Heizungskeller. Denken wir einige Jahrzehnte zurück. Unser damaliger
langjähriger Hausmeister, Herr Binder, soll in Rente gehen. Er und seine
Frau haben schon ein Haus als Alterswohnung eingerichtet. Als nun der
letzte Tag in der Schule gekommen ist, kann er es nicht ertragen, kann
nicht loslassen und erhängt sich im Heizungskeller. Ob er dort als
tragischer, verbitterter Geist weiter existiert?
Hier muss ich aber meinen Kolleginnen und Kollegen trotz
dieses gespenstischen Intermezzos versichern, dass ich selbst meine
Pensionierung durchaus lebend und mit einigen Zukunftsperspektiven
bestehen möchte, dass ich aber jetzt auch die Nachdenklichkeit nicht mehr
beiseiteschieben möchte.
Vielleicht gibt es noch viel mehr gespenstische
Erinnerungen in diesem alten Gebäude? Haben die Schüler, die noch in den
letzten Tagen des Krieges, von einem verbrecherischen Staat in das letzte
kämpfende Aufgebot der Flak-Helfer berufen, um darin umzukommen, haben
diese verheizten Leben heute wenigsten Ruhe gefunden oder belasten sie die
Schule noch heute?
Und wie ist es mit den Schülern, die im Laufe meiner eigenen Tätigkeit an
der Schule Suizid begangen haben? Ein sehr lieber Schüler, der zu Beginn
der dreizehnten Klasse 1974 mit mir und einer Schülergruppe in den
Sommerferien in den Iran mitgefahren ist, beging längere Zeit später
Selbstmord. Hätte ich es sehen müssen, hätte ich helfen können? Wo endet
die Verantwortung des Lehrers? Wie war es später mit dem Schüler, den Herr
Haase tot aufgefunden hat, nachdem er sich eine Plastiktüte über den Kopf
gezogen hatte ... Sind diese Schicksale immer noch in unserer Schule
verankert?
Stellt sich die Frage: Woher kommen diese
Gespensterphantasien, mal übermütig, mal nachdenklich? Ich kann dies
sehr genau benennen. In früheren Jahren wurden wir ab und zu von unserem
damaligen Schulleiter gebeten, in den Schulferien Bereitschaftsdienste im
sonst völlig leeren Haus zu übernehmen, Büro- und Telefondienst zu
leisten, Briefsendungen entgegen zu nehmen und im ganzen Haus Blumen zu
gießen. Dafür hatten wir dann einen einfachen Passepartout und hatten das
Haus für uns. Ich fühlte mich da schon als Geist auf den leeren Gängen ...
Unsere damaligen Sekretärinnen waren froh, wenn sie in diesem Haus einige
Feriendienste weniger zu absolvieren hatten; eine erstaunliche
Ängstlichkeit überkam sie angesichts des leeren, einsamen Hauses. Um die
Schulleitung und die Koordinatoren zu entlasten war das ein freiwilliges
Zeichen unserer schulischen Solidarität, das auch von der
Bezirksregierung befürwortet wurde. Es ging damals eben nicht um
Funktionen oder Status, sondern einfach um kollegiales Vertrauen und um
völlige Freiwilligkeit. Kollegen wie unsere Pensionäre Herr Fuchs oder
Herr Löwenstein und andere beteiligten sich nach meiner Erinnerung. Was
hier festgehalten werden soll, ist, dass damals noch eine Atmosphäre des
gegenseitigen Vertrauens herrschte, unabhängig von Hierarchien. Und
gerade das vermisse ich heute zutiefst, auch und gerade im Vertrauen
gegenüber unseren Schülerinnen und Schülern, die in einer zunehmend
engeren Atmosphäre der Kontrolle und des Misstrauens aufwachsen. Wie
sollen sie Selbstverantwortlichkeit lernen, wenn ihnen die Erfahrung des
Erprobens von Verhaltensweisen in einer Atmosphäre des Vertrauens
vorenthalten wird?
So komme ich zu einem dritten Teil meiner Überlegungen, der
ausgeht von der Frage nach der mitmenschlichen Verantwortung, die
Vertrauen voraussetzt, in der die Schule eine viel größere Rolle spielen
müsste, als sie sich derzeit dazu in der Lage sieht. Eine tatsächliche
soziale Verantwortung, die ihr erschütternderweise zunehmend von der
Schulpolitik und ihrem Korsett von schematisierten Rollenbildern von
Lehrern und Schülern entzogen wird.
Zwei Namen möchte ich von meinem Fach ausgehend als Zeugen
für das benennen, was ich heute an unserer Schule kritisiere und für das
was mir als durchaus reale Utopie – die Widersprüchlichkeit der gewählten
Begriffe ist mir bewusst – für eine hoffentlich noch erreichbare Zukunft
vorschwebt, zwei Personen, über die aus aktuellem Anlass in den letzten
Tagen einiges in den Medien zu lesen war: Ralf Dahrendorf, der
kürzlich verstorben ist,
und Jürgen Habermas, der achtzig Jahre alt geworden ist. Zwei
Persönlichkeiten, die gerade in ihrer Widersprüchlichkeit die Spannweite
soziologischen Denkens belegen und die beide für unsere Gegenwart nicht
nur als „Klassiker des Denkens“ sondern ganz aktuell als Wegweiser für
Entwicklungen in der Gesellschaft und vor allem in der Bildungspolitik
gesehen werden sollten.
Ralf Dahrendorfs Verdienst im
Rahmen unserer Thematik war es, über seine politische Tätigkeit in der FDP
das bahnbrechende Diktum von Picht „Bildung ist Bürgerrecht“ zu
politischer Wirksamkeit verholfen zu haben. Als bürgerrechtlich
ausgerichteter Liberaler war er profilierter Repräsentant einer
sozial-liberalen FDP. Dass diese Prägung zunehmend zugunsten des
konservativen Wirtschaftsliberalismus („Steuersenkungspartei“) in den
Hintergrund gedrängt worden ist, wird zu einer der Ursachen des Abgleitens
der heutigen Bildungspolitik zu einer „bedarfsorientierten“ funktionalen
Schulbildung im Interesse ökonomischer Verwertbarkeiten, wie sie sich bis
hin in unsäglich schlechte Themen des Faches Politik/Wirtschaft im
niedersächsischen Zentralabitur Ausdruck verschaffen.
„Bildung ist Bürgerrecht“ heißt nun eben gerade nicht
„Schule ist Schülerpflicht“, sondern geht davon aus, dass auch Kinder und
Jugendliche – wie selbstverständlich auch Erwachsene – dafür kämpfen
müssen, ihr Recht auf Bildung einzufordern und zu realisieren. Die
vielen Bildungsdemonstrationen der letzten Zeit zeigen ja immer
deutlicher, dass die verwaltete Schule nicht die Bildung der Zukunft sein
kann, sondern dass die Bildungsimpulse letztlich von den Betroffenen und
aus der Mitte der Gesellschaft heraus entstehen müssen. Die Borniertheit
und Überheblichkeit unserer heutigen Bildungspolitiker, denen letztlich
sowohl das Rüstzeug an politischer und historischer Bildung ebenso fehlt
wie eine angemessene intellektuelle Ausstattung, wäre vielleicht noch zu
ertragen oder wenigstens zu kompensieren, wenn nicht Selbstherrlichkeit,
Machtversessenheit und Arroganz es verhindern würden, fähige und wirklich
gebildete Berater in die politische Meinungs- und Willensbildung mit
einzubeziehen.
Ralf Dahrendorf verlässt dann
auch Deutschland und wird u. a. Rektor der angesehenen London School of
Economics und wird in den britischen Adelsstand aufgenommen.
Sein Interesse konzentriert sich jetzt auf die „Economics“,
ohne aber den Maßstab der gesellschaftlichen Verantwortung jemals
aufzugeben. Trotz eines grundlegenden politischen Dissens – der sich auch
auf Einzelheiten seiner späteren Bildungskonzeption bezieht
– bestehe ich darauf, dass die Rezeption von Ralf Dahrendorfs
Ansätzen für unsere Schule wichtig wäre.
Es geht eben nicht darum, Schülerinnen und Schülern „etwas
beizubringen“, was vielleicht noch nicht einmal unseren eigenen
Kompetenzen und Überzeugungen entspricht, sondern nur oft unsäglich dünnen
und unbegründeten Richtlinien, „Basiskompetenzen“ und
Stoffverteilungsplänen geschuldet ist. Es geht vielmehr darum, den
Schülerinnen und Schülern ihr Recht auf Bildung nahe zu bringen, sie für
ein selbst bestimmtes, verantwortliches Leben zu qualifizieren. Das
bedeutet aber auch: viel mehr Selbstständigkeit im Lernen und das Recht
auf Fehler und Misserfolge, wenn wir dafür da sind, die Schülerinnen und
Schüler in diesen Fällen aufzufangen und ihnen Mut zum Weiterlernen zu
vermitteln.
Schwieriger wird es in den folgenden abschließenden knappen
Reflexionen zu Jürgen Habermas, bei dem auf den ersten Blick der
Bezug zur Schule und zur Schulbildung nicht so offensichtlich erscheint
wie bei Ralf Dahrendorf. Aus den Ansätzen von Jürgen Habermas
direkt Anstöße zur Veränderung von Schule und Unterricht abzuleiten, fällt
zunächst sehr schwer und scheint im oberflächlichen Zugriff auch nicht
recht plausibel.
Doch sehe ich gerade in Habermas’ Diskurstheorie
ein besonders wichtiges Instrument, den didaktischen Zugang zur Realität
des Lernens und im Lernen auf ein verändertes Fundament zu stellen,
das jegliche normative Festlegung grundsätzlich in Frage stellt.
An das Ende meiner persönlichen Überlegungen möchte ist den
Begriff des Diskurses auch stellen, da er mich seit mehreren
Jahren intensiv beschäftigt hat und damit zu Arbeitsvorhaben in der jetzt
beginnenden Zeit der Pensionierung überleitet. Aus meiner Beschäftigung
mit Iran, mit dem Nahen Osten und dem Islam seit
meinem Studium – sowohl in räumlich-geographischem Interesse als auch als
zentrales Problem der Politik- und Sozialwissenschaften; nicht zu
vergessen sind dabei auch die mich besonders interessierenden
kulturwissenschaftlichen und religionskundlichen Aspekte dieses an
Façetten reichen Themenbereichs – kristallisiert sich seit einiger Zeit
das Projekt heraus für eine grundlegendere Studie über die Islamische
Revolution in Iran und die daraus abzuleitende Geschichte der
Islamischen Republik. Die aktuellen Konflikte machen es dabei nicht
leichter, zu einem befriedigenden Arbeitsabschluss zu gelangen, auch wenn
das Kerninteresse gar nicht auf die aktuelle Analyse, sondern auf die
grundlegenden Fragen nach den Möglichkeiten einer diskursiven und
didaktisch strukturierten Realitätserschließung zielt.
Da ich selbst den Iran zweimal bereist habe und meine
Studien mit weiteren Reisen in den Nahen Osten und nach Nordafrika, vor
allem aber regelmäßig in die Türkei erweitern konnte, entwickelte sich bei
mir eine intensive auch emotionale Bindung an diesen Raum und
Kulturkreis, wie die mir nahe stehenden Kolleginnen und Kollegen ja
wissen.
Umso problematischer war es im Laufe der Zeit gültige,
nachvollziehbare und sich den Zeitläuften anpassende Urteilsgrundlagen
und Wertungsmaßstäbe zu entwickeln und publizistisch verständlich zu
machen.
Zunehmend stelle ich daher den Diskursbegriff in den
Mittelpunkt meiner Überlegungen, um in einem letztlich unendlichen
Prozess Wirklichkeit erfahren und begreifen zu können. Damit wird aber
eine völlig andere Weise der didaktischen Reflexion und der Entwicklung
von Unterrichtsinhalten angestoßen. Ich möchte daher diese Überlegungen
abschließen mit einem kurzen Textauszug aus meiner derzeitigen – recht
vorläufigen und noch nicht publizierten –Manuskriptarbeit zum Thema einer
didaktisch fundierten, diskursiven Entwicklung des Themas Iran:
„Damit muss die Politische Bildung über die
Formalkategorien »Globalisierung« und »Universalisierung«
hinaus neue mehrperspektivische Realitätskonzepte entwickeln, die
eine Synthesebildung ermöglichen dadurch, dass sie den Blick
nach Außen mit dem Blick von Außen integrativ verbinden und
die Nähe in der Ferne begreifen lernt. Unsere exemplarische
Fixierung will nun die Islamische Revolution in Iran nicht nur zu
einem Gegenstand der Politischen Bildung bzw. des
Politikunterrichts machen, der von uns aus, also: Von außen,
zu betrachten, zu begreifen und zu beurteilen ist, sondern als einen
Teil unserer eigenen Welt verstehen, mit der wir durch direkte
politische und sozio-ökonomische Auswirkungen kontextuell verbunden
sind. Durch die Aufnahme der Topoi »Islam«, »islamischer
Fundamentalismus«, »Islamische Revolution« in das Repertoire der
Realitäten und Werte der eigenen Politischen Kultur erhält
diese Thematik damit handlungsleitenden Charakter z. B. im
interkulturellen und interreligiösen Kontakt und Austausch in
Deutschland und Mitteleuropa, wobei sich die Islamische Revolution in Iran
einfügt in die Diskurse des islamisch-europäischen Kulturkontaktes, zu
dem auch die Türkei, Nordafrika und andere islamische Regionen durch
Migration, durch krisenhafte innere Umbrüche und durch ihr eigens Ringen
um eine ›islamische Identität‹ beitragen. Selbstreferentielle
didaktische Strukturen erlangt dieser Problem- und Realitätsbereich dann,
wenn die Rezeptionsbedingungen innerhalb unserer Medien, die politisch
bestimmenden Charakter in Konfliktsituationen erhalten können, in
das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden, wenn also die Diskurse
selbst reflektiert werden.
Damit sind zentrale Diskurse angestoßen, die die Islamische
Revolution in Iran fest mit dem politischen Bewusstsein in Europa
verknüpfen und zu einem »Eigenen« machen. Dass der sachlich
notwendige Blick von außen, der die notwendige analytische Distanz
erst erzeugt – und damit selbstreferentiell die Klärung des
Verständnisses dieser Diskurse selbst erfordert – noch komplexer
wird dadurch, dass Schülerinnen und Schüler aus Iran und seinen
Nachbarländern an unserem Unterricht teilnehmen und diese Perspektive
von außen partiell oder tendenziell als ihre eigene Innensicht
wahrnehmen und einbringen und oftmals, biographisch begründet, kaum
lösbare Urteils- und Realitätskonflikte in den Politikunterricht
implantieren, zeigt umso deutlicher, dass rezepthaft-normative
Didaktik grundsätzlich versagen wird und dass nur über offene
Diskurse Prozesse des politischen und gesellschaftlichen Lernens
eingeleitet werden können.
Es gilt also, den Erkenntnisprozess als Rezeptionsvorgang
selbst zu thematisieren, also nicht die Unterrichtsinhalte als
reale oder normativ gesetzte Entitäten zu begreifen, sondern als
Wahrnehmungsprozesse der ständigen Näherung an Realitäten und die
Abschätzung ihrer Relevanz. Eine so fundierte diskursive Didaktik muss:
– die immanenten, interdependenten Zusammenhänge von
inhaltlichem Lernen und dem Erkennen der Rezeptionsbedingungen
als Grundlage der Situations- und Realitätsdefinitionen nach rationalen
und distanziert-kritischen Maßstäben sichtbar und handhabbar machen,
– den starren, auf »Inhalte« fixierten curricularen
Rahmen staatlich organisierten Politikunterrichts aufbrechen und eine
»permanente Curriculumrevision«, die die Arbeiten und Ergebnisse des
Politikunterrichts mit einbezieht und die Schulen in die curricularen
Diskurse einbindet, einleiten, sowie
– den Unterricht letztlich entinstitutionalisieren
und in die gesellschaftlichen Realitäten hineinstellen.
Vorausgesetzt wird bei diesem Konzept der diskursiven
Didaktik wie der diskursiven Curriculumrevision, dass
das gesellschaftliche Bewusstsein sich entwickelt durch vielschichtige
und differenzierte Diskurse und durch diese geprägt wird und dass die
Problem- und Krisenlösungspotentiale der Gesellschaft von ihrer inneren
und äußeren Diskursfähigkeit abhängen.
Politische Bildung bedeutet dadurch vor allem, diese
Diskursfähigkeit anzusprechen und zu erproben und die
innerschulischen Diskurse des Unterrichts, die oft zunächst
spielerischen, modellhaften Charakter tragen, wie auch der schulischen
didaktisch-curricularen Entscheidungen, in über die Schule hinausgreifende
gesellschaftliche Diskurse einzubringen und einzubeziehen und die
Lernende in diese Diskurse einzuführen. Als
methodisch-curriculares Element wird an anderer Stelle, um diesen
Prozess inhaltlich konkretisieren zu können, auf das Konzept der
letztlich diskursiv begründeten und strukturierten
»Schlüsselprobleme« gerade auch in ihrer Anwendung auf den
Problemzusammenhang der Islamische Revolution in Iran einzugehen
sein.“
Das mag nun etwas hochgestochen klingen und ist auch nicht
für einen Vortrag aufbereitet; aber ich denke, dass ich Ihnen, liebe
Kolleginnen und Kollegen und den interessierteren Mitgliedern der „bismarckschool
community“ vielleicht etwas zu „knabbern“ gegeben habe, das doch über
meinen Ruf als „Gummibärchenspezialist“ hinausgeht und vielleicht auch
anregen kann, mit mir in weiterem Kontakt zu bleiben und vielleicht auch
meine weitere Entwicklung auf meinen Web-Sites zu verfolgen.
Ich lade Sie dazu ganz herzlich ein!
Gerhard Voigt, OStR i. R.
26. Juni 2009
[9]
Jürgen Habermas: Erläuterungen zur Diskursethik, Frankfurt a. M. 1991. - Jürgen
Habermas: Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des
Rechts und des demokratischen Rechtsstaates, Frankfurt a. M. 1992
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