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Persönliche Homepage von Gerhard Voigt http://www.voigt-bismarckschule.de |
Dazu die Fahrscheinmappe, in welche die Fahrscheinblöcke, deren Erhalt jedes mal korrekt quittiert werden musste, gesteckt werden sollten. Der metallene Stempel wurde in die Schlaufe am Riemen der Wechslertasche gesteckt. An ihm wurden mit Gummibändern Tag, Linie, Richtung und Uhrzeit für den Stempelaufdruck auf dem Fahrschein eingestellt; in der Spitzecke war fest die Personalnummer des Beschäftigten eingelassen. Meine – vierstellige – Nummer wechselte mehrfach begann aber immer mit der „5“ für „Betriebshof Döhren“, gefolgt von einer „6“ für „Studenteneinsatz“ (Frauen erhielten eine „7“), dann später einer „5“ für „Schaffner“ beziehungsweise „0“ für „Straßenbahnfahrer“. Nun musst ich die verschiedenen Fahrscheinarten kennen lernen, die welche ich selbst verkaufte und die, die mir zur Kontrolle vorgelegt werden konnten, darunter auch „exotische“ Karten wie die für auswärtige Gäste der ÜSTRA, die Karten für Familienangehörige des Personals und auch die Dienstausweise, wie ich selbst einen besaß. Wenn diagonal über diesen Ausweis ein breiter roter Strich verlief, handelte es sich um Vorgesetzte, Kontrolleure, Fahrmeister oder Direktoren – die natürlich eine besonders aufmerksame Behandlung erwarteten, auch wenn sie nicht dienstlich zur Kontrolle auf meinen Wagen gekommen waren. ۞ Peinlich war es einmal, als ich schon Fahrer war und eine „halbe Eins“, einen Verstärkungswagen, fuhr – einem alten Zweiachser, dessen Motorwagen schaffnerlos fuhr und bei dem die Fahrgäste ihre Fahrtausweise am Entwerter zu stempeln hatten – was ich als Fahrer auf dem vorderen Perron auch kontrollierte – und an der Glocksee ein Herr einstieg und vorne stehen blieb. Als ich ihn ansprach, ob er seinen Fahrschein schon entwertet hätte, erwiderte er sichtlich indigniert, dass er erwartet hätte, dass ich ihn kenne, da er einer der Direktoren wäre... So sind eben die Befindlichkeiten und Hierarchien in einem Betrieb... ۞ Für die schwierige Kunst, Entwerterstempel zu lesen, zeige ich jetzt eine Kinderfahrkarte mit zwei Stempeln – bei einem ersten Umsteigen musste damals die Karte zum zweiten mal abgestempelt werden. Die halbkreisförmigen Ausstanzungen an den Enden wurden damals vom Entwerter (den wir zunächst als Neuanschaffung „Üstramat“ nannten) vorgenommen, um zweimaliges Abstempeln zu verhindern.
Was bedeuten die irrsinnigen „Einsen“ – kein Schaffner hätte diesen Fahrschein damals entziffern können – gab‘s doch gar nicht! Drehen wir den Fahrschein doch einmal um, damit der zweite Stempel lesbar wird:
...und gehen wir die Ziffern korrekt von links nach rechts durch: 0:30 Uhr, 5.1.(196)6, Linie 1 / Richtung 2 (Also von Laatzen in Richtung Limmer) im Entwerter Nummer 990. Alles klar? Mit den „Einsern“ war das natürlich ein Joke, um ein Souvenir an diese Tour zu behalten. Es war „mein“ Wagen, mit dem ich in der Schleife „Laatzen“ stand – als „Einmannfahrer“ in einem einzelnen „Breitraumwaren“ – die Wagentypen werde ich später erklären – den Entwerter für die Rückfahrt zu stellen hatte. Das ging damals noch nicht automatisch und so mussten Uhrzeit und Richtung jeweils mit einem Schlüssel neu gestellt werden. Und da habe ich eben einmal alle Ziffern auf „Eins“ gestellt... Aber noch hatte ich als Studentenschaffner keine Entwerter zu bedienen, aber irgendwann kamen dann die ersten Eindrucke bei der Kontrolle von Fahrgästen. ۞ Zehn Tage dauerte die Ausbildung. Der Ausbildungsplan wurde mir auf einem DIN-A 4-Blatt ausgehändigt: Zwei Tage Theorie auf der Glocksee, dann eine Woche Strecke mit Lehrschaffner auf Betriebshof Döhren, auf dem ich dann auch stationiert war, und dann eine Abschlussprüfung beim Kontrolleur. Zunächst haben wir uns einmal einige abgestellte Fahrzeuge auf dem Betriebshof angesehen, die Einzelheiten kennen gelernt, vor allem auch die Signaltechnik, mit der wir dann selbständig umgehen mussten. In der Werkstatt ging es dann in die Grube unter die Waren: Fahrgestelle, Achsen, Motoren, Zug- und Druckvorrichtung etc. Einiges gab es damals noch, was wir kennen lernen mussten, obwohl es bald darauf wegen Nutzlosigkeit abgeschafft wurde, so die „Fangkörbe“, die von einem Taster ausgelöst wurden, wenn ein Mensch oder ein Hindernis auf den Schienen lag. Doch bei den neuen höheren Geschwindigkeiten war der Zeitraum zum Herunterfallen des Korbes einfach zu kurz geworden, so dass diese Sicherheitsvorkehrung aufgegeben wurde. Wir lernten die Signale: mit der Trillerpfeife – Abfahrt ein Pfiff, zweimal zwei Pfiffe: Halt auf offener Strecke, dreimal Pfeifen: Notsignal, sofort anhalten! –, mit der Signalschnur im alten Zweiachser („Stehwagen“), immer in der Reihenfolge von Hinten (zweiter Beiwagen) bis zum Triebwagen, wenn alle Wagen mit Schaffnern besetzt waren. Letztlich das, was nachher der eigentliche Alltag war, die Signale mit den schwarzen und roten Knöpfen links am Schaffnerpult bei den neueren Wagen mit „Fahrgastfluss“, den Großraumwaren, Breitraumwaren und Gelenkwagen. Einiges an Vorschriften und Gesetzen musste auch noch gelernt werden, aber das war keine große Schwierigkeit. Besondere pädagogische Fähigkeiten waren den Lehrkontrolleuren nun nicht nachzusagen, sie waren halt Fahrpraktiker ohne besondere Ausbildung. Im Gedächtnis ist mir ein Wutanfall eines der Lehrer geblieben, der ohne weitere Vorbereitung zwei Schilder zeigte, die an Haltestellenmasten bei den Betriebshöfen auftreten konnten: auf grünem Grund ein großes „A“ oder ein großes „S“. Was bedeutet das? Niemand weiß es? Denken Sie doch endlich einmal nach? Die Auflösung, auf die niemand kam: A hieß „Außenlinie“ (Linie 11 in Döhren), S hieß Stadtlinie (auf denen wir dann zum Einsatz kamen) und das Aushängen dieser Schilder signalisierte im Winter, welche Linien heizen durften... Nahe liegend, nicht wahr? Anfangs wurde das Einschalten der Heizung noch vom Schaffner und nicht vom Fahrer vorgenommen. ۞ Das rechtliche Verhältnis von Fahrer und Schaffner des Triebwagens war zur Zeit meines Beginns bei der Straßenbahn im Umbruch begriffen. Bevor sich nach und nach der schaffnerlose Betrieb durchsetzte und die Fahrer als „Einmannfahrer“ – auch Fahrerinnen wurden erst nach und nach ausgebildet – ohne Schaffner auskommen mussten, war die „Mannschaft“ eines Zuges mit gleichen Dienstplänen Tag für Tag beisammen, bis in die erste Nachkriegszeit als Viererteam mit Fahrer und den drei Schaffnern beziehungsweise Schaffnerinnen des Dreiwagenzuges – wie man daraus erkennen konnte auf den alten Zweichsern, der „Stehwagen“ – dann mit der Einführung der Großraumzüge Anfang der fünfziger Jahre als Dreierteams auf Triebwagen (Tw) und Beiwagen (Bw). Da sich dann aber aus Einsparungsgründen das „Abkoppeln“ des Beiwagens in den Abendstunden einbürgerte, blieb als Team nur die Triebwagenbesatzung übrig, während die Beiwagenschaffner eigene Dienstpläne erhielten. In diesen Beiwagenplänen fanden sich dann auch die Studentenschaffner. Aber ab und zu gab es, meist über den Vertretungsplan an den offenen „Hofreservetagen“ einen Einsatz auf dem Triebwagen. Und hier griff dann eine traditionelle Regelung: Der Triebwagenschaffner war der „Zugführer“, der für den reibungslosen Ablauf des Dienstes verantwortlich war und damit bis zu einem gewissen Grade auch als Vorgesetzter des Straßenbahnfahrers fungierte. Das lag wohl im Betriebsablauf daran, dass der Triebwagenschaffner das Abfahrtsignal zu geben hatte und damit für Fahrgastsicherheit und Pünktlichkeit verantwortlich war. Mir als noch nicht volljährigem Studenten, ich war ja erst neunzehn Jahre, war aufgegeben, dass ich Falle eines Einsatzes auf einem Triebwagen dem Fahrer offiziell mitzuteilen hatte, dass er die Funktion des „Zugführers“ zu übernehmen hatte. Als ich das dann zum ersten Mal tatsächlich machte, erntete ich zunächst Erstaunen und dann Gelächter – diese Regelung war beim Personal gar nicht mehr im Bewusstsein und hatte auch keinerlei praktische Bedeutung mehr. So änderte sich das Situationsbewusstsein durchaus schneller als die formal-rechtliche Normierung; diese musste sich aber zwangsläufig anpassen, als Einmannfahrer ohne Schaffner unterwegs waren. Bei meinem zweiten Eintritt in den Straßenbahndienst war diese Regelung dann auch schon Geschichte und der Fahrer war grundsätzlich immer der verantwortliche Zugführer. Auch die Zweierteams wurden dann aufgelöst und es gab nebeneinander den Fahrerdienstplan und den Schaffnerdienstplan. Diese Wandlungen sind durchaus aufschlussreich zur Beurteilung der Auswirkungen des gesellschaftlichen und technischen Wandels in den sechziger Jahren und sollten einmal darauf hin interpretiert werden, wie sich diese deutliche Individualisierung der Arbeitsabläufe auf das gesellschaftliche und politische Bewusstsein der Arbeiterschaft ausgewirkt hat, wenn Arbeitsgruppen aufgelöst wurden und jeder Einzelne den betrieblichen Regeln und Strukturen nur noch individuell ausgesetzt war. Dies ist ja nicht nur ein Phänomen, das bei der Straßenbahn zu beobachten war, sondern trifft den Wandel der Arbeitswelt generell. Dass ich gerade in dieser sensiblen Phase des Wandels meine erste Berufstätigkeit übernommen hatte, wirkte sich auf meine politische und gesellschaftliche Orientierung und auch auf meine distanzierter werdende Sicht auf die gesellschaftlichen Realitäten auswirkte. ۞ So lernte ich zunächst einmal: Dienstpläne lesen. Ich war im „großen Plan“, der – für die Mehrzahl des Fahrpersonals – eine gestaffelte Regelung der Schichten und freien Tage vorsah. Fortsetzung folgt... [1] Linus Carl Pauling (* 28. Februar 1901 in Portland, Oregon; † 19. August 1994 in Big Sur, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Chemiker deutscher Abstammung. Er erhielt 1954 den Nobelpreis für Chemie für seine Forschungen über die Natur der chemischen Bindung und ihre Anwendung bei der Aufklärung der Struktur komplexer Substanzen. 1962 erhielt er den Friedensnobelpreis als besondere Auszeichnung für seinen Einsatz gegen Atomwaffentests und ist damit neben Marie Curie der bislang einzige Träger zweier unterschiedlicher Nobelpreise. - Sein didaktisch wegweisendes Lehrbuch ist dann noch in vielen Auflagen erschienen: Grundlagen der Chemie. Übers. v. Friedrich G. Helfferich. Verlag Chemie, Weinheim 1956, 1973. ISBN 3-527-25392-0 [nach: http://de.wikipedia.org/wiki/Linus_Carl_Pauling#Lehrb.C3.BCcher.] – Gelernt habe ich dann an dem klassischen Lehrbuch, dass ich schon als Schüler hatte: Lehrbuch der Anorganischen Chemie von Arnold Fr. Holleman (Autor), Egon Wiberg (Autor) - jetzt schon in 102. Auflage!
Erinnert und verfasst 05. Januar 2011;
Stand der Textfassung: 26.09.2011 |
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Verantwortlich für diese Seite Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation) Bearbeitungsstand: 05.01.2011. Internetveröffentlichung und Letzte Bearbeitung: 26.09.2011 |
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