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Das erste Studienjahr
Studienbeginn und Vorbereitung der
Algerienreise 1967 des Geographischen
Instituts der Technischen Hochschule Hannover mit Dr. Achenbach als Anlass
zur Reflexion
über vierzig Jahre Geographie
Der Beginn meines Geographiestudiums
und erste Begegnung mit dem Thema Nordafrika
„Wollen Sie nicht das
nächste Mal mit nach Algerien fahren?“ – „Ja, Natürlich!“ – Brauchen Sie
dafür nicht noch Zeit zum Überlegen?“ – „Nein!“ – „Und sollten Sie nicht
erst mit Ihren Eltern sprechen?“ – „Nein, das ist kein Problem!“ – „Dann
kommen Sie doch morgen in meine Sprechstunde.“ – „Ich werde kommen!“ – Mit
diesem kurzen Dialog begann das spannendste Abenteuer meiner Studienzeit,
das thematisch und fachlich wichtige Weichen für mein weiteres Leben
stellen sollte. Wie war es dazu gekommen?
Zurück zur Vorgeschichte. Nach einer Zeit der Unsicherheit und
Fehlentscheidungen, vielleicht auch einer gewissen Naivität gegenüber
meinen eigenen Zukunftsperspektiven nach dem Abitur 1963 – abgebrochenes
Chemiestudium in Saarbrücken, Tätigkeit als Straßenbahnfahrer in Hannover
– immatrikulierte ich mich zum Sommersemester 1966 an der Technischen
Hochschule Hannover – der heutigen Leibniz-Universität – mit den Fächern
Wissenschaft von der Politik und Geographie für
das Höhere Lehramt.
Meine beiden aktuellen Interessen, mit denen
ich mein Studium wieder aufnahm, kamen dabei zum Tragen. Die Zeit bei der
Straßenbahn hatte mich sensibilisiert für soziale Fragen,
gesellschaftliche Probleme und vor allem für das Skandalon der Sozialen
Ungleichheit. Hier wollte ich wissen, wie die Gesellschaft „tickt“ und
welche Möglichkeiten Politik hat, im gesellschaftlichen Bereich etwas zu
ändern und zu bewirken. In meiner Straßenbahnerzeit war ich schon in die
Gewerkschaft ÖTV eingetreten und zog bald darauf die Konsequenz für mich,
auch in der SPD tätig zu werden, wo ich vor allem bei den Jusos über
einige Jahre einiges an Aktivität und Engagement aufbrachte. Dies war also
die Wurzel für meine Studienfachwahl Politik.
Daneben blieb aber auch mein grundlegendes
naturwissenschaftliches Interesse, das durchaus den Abbruch meines kurzen
Chemiestudien-Beginns überdauert hat, bestehen. In der Geographie sah ich
ein grenzüberschreitendes Fach im doppelten Sinn der Wortbedeutung, das
die Nüchternheit des naturwissenschaftlichen Forschens mit dem Engagement
gesellschaftswissenschaftlicher Analysen und Konzepte verbinden konnte.
Dem kam entgegen, dass der
Ordinarius des Geographischen Instituts, Prof. Dr. Horst Mensching,
als Dr. rer nat gerade auch der naturwissenschaftlichen Fragestellung des
Faches besonders verbunden war und als „Externer“ persönliches Mitglied
der Naturwissenschaftlichen Fakultät war. Er war für mich fachlich in ganz
besonderer Weise ein anzustrebendes Leitbild in Bezug auf Fachkompetenz
und geographischem Engagement. Sein Verdienst war es auch, das
Afrika-Institut am Lehrstuhl für Geographie aufgebaut zu haben, das
personell und zunächst auch materiell gut ausgestattet war und intensives
wissenschaftliches Arbeiten ermöglichte.
Forschungsschwerpunkt Nordafrika
Am Afrika-Institut
angesiedelt wurde dann auch die Arbeit am Blatt „Nordafrika“ (Tunesien und
Ost-Algerien) des Afrika-Kartenwerks der Deutschen
Forschungsgemeinschaft (DFG), an dem sich verschiedene Universitäten
beteiligt hatten. In detaillierten Kartenblättern eines jeweils
exemplarischen Raumes sollten die natürlichen Grundlagen ebenso wie die
anthropogene Nutzung – Siedlung, Verkehr, Landwirtschaft und ökonomischen
Entwicklungen und Veränderungen – jeweils als Kartensatz in unmittelbarer
Geländearbeit erarbeitet werden, um damit weitere vergleichende Studien zu
ermöglichen und ein differenzierteres geographisches Bild dieses
Kontinents zu entwickeln. Professor Mensching hat Jahrzehnte später
diese Arbeit nach seiner Emeritierung wieder aufgegriffen, als er als
Gutachter der UNO und ihrer Unterorganisationen die
Desertifikationsprozesse in der Sahel-Zone untersucht hat, um daraus
Entwicklungskonzepte und neue Nutzungsleitlinien für die betroffenen
Länder vorzulegen.
Einige Jahre – vor meiner
eigenen Studienzeit – konzentrierte sich die Arbeit des Instituts in der
Afrika-Abteilung auf Tunesien. Als zusätzliche Ergebnisse entstanden
lesenswerte Dissertationen z.B. über die Medjerdja-Ebene, das Hügelland
der Dorsale und die landwirtschaftliche Nutzung von Cap Bon, die Dr.
Hermann Achenbach vorgelegt hatten, der mir dann die
Algerien-Studienfahrt ermöglichte, von der ich hier berichten will.
Kennzeichen dieser Arbeiten
waren hervorragende integrative Ansätze, die die natürlichen und
gesellschaftlich-historischen Determinanten der Landesentwicklung und des
jeweiligen Lebensraumes verständlich machen konnten und damit ganz
allgemein eine differenzierte Frageperspektive für die Geographie
entwickelten. Professor Mensching zog daraus ein bis heute
lesenswertes Résumé in seiner Wissenschaftlichen Länderkunde „Tunesien“
(Wissenschaftliche Buchgesellschaft) und der Fischer Länderkunde
„Nordafrika“
zusammen mit anderen Autoren. Bemerkenswert an diesen Arbeiten ist die
intensive Nutzung spezifisch geographischer Darstellungsformen durch
Karte, Schemazeichnungen und Fotos, woraus Studenten dieses Faches
wertvolle Anregungen für die eigene Ausbildung wie die spätere
Berufspraxis, vor allem als Lehrer, gewinnen konnten.
In dem Jahr vor meiner Immatrikulation hatte
sich dann der Forschungsschwerpunkt nach Algerien verschoben, wo die
geographische Arbeit kurz nach Ende des Algerienkrieges noch etwas
schwierig, wenn nicht riskant war. Von einigen Problemen in dem unabhängig
gewordenen Staat wird noch zu berichten sein. Den übergreifenden Rahmen
bildete die langjährige Arbeit von Mensching in den Trockengebieten
zunächst der Iberischen Halbinsel, dann verstärkt auch in Marokko. In
Algerien wurde mit einem VW-Bus – mit „Tropenausrüstung“ – auch eine
Sahara-Durchquerung und von Algier ausgehend ein Besuch des Ahaggar-
(Hoggar-)Gebirges in der zentralen Sahara durchgeführt. Von diesen Reisen
habe ich dann später vor allem von Dr. Achenbach vieles gehört.
Dieser VW-Bus wurde dann 1967 auch unser Expeditionsfahrzeug für die
Kartierung Ost-Algerien an der Grenze zu Tunesien. Dass wir in Ritzen und
im Motorraum immer wieder noch Staub und roten Sand aus der zentralen
Sahara fanden, sei nur am Rande zur Illustration vermerkt.
Das Thema Algerien
Algerien war, wie schon
angedeutet, zu diesem Zeitpunkt für wissenschaftliche Arbeiten – ohne
ausdrückliche und damit kontrollierte und gegängelte Beauftragung durch
den algerischen Staat – noch ein sehr problematischer und unsicherer Raum,
wenn auch nicht so gefährlich wie einige Jahrzehnte später in der Zeit der
islamistischen Aufstände und des Bürgerkrieges, in der Reisen nicht
durchführt werden konnten. Der Algerienkrieg seit 1951 zwischen der
Kolonialmacht Frankreich und den aufständischen Algerien, die sich in der
FLN organisiert hatten und zuletzt eine Exilregierung in Tunis gründeten,
war erst 1962 mit dem Vertrag von Évian zu Ende gegangen. Eine
detaillierte umfangreiche Darstellung dieser Zeit findet sich in der
Studie von Elsenhans, die leider zur Zeit meines ersten Kontakts
mit Algerien noch nicht vorlag und mir sonst gute Dienste für das
Verständnis dieses Landes hätte vermitteln können. Ebenfalls erst später
konnte ich mich dann in weitere Fachliteratur und die grundlegenden
Arbeiten und Quellen von Fanon oder Memmi vertiefen.
Die innere Situation in Algerien war in diesen
Jahren durchaus instabil und zum Teil auch chaotisch, was in den 80er und
90er Jahren dann in die islamistischen Aufstände und Terrorakte mündete.
Kurz vorher konnte ich jedoch im Sommer 1981 noch einmal ein Wiedersehen
mit diesem faszinierenden Land erleben, indem ich mit einer Schülergruppe
der Bismarckschule Hannover eine Ferienreise mit zwei VW-Bussen durch den
Maghreb (Marokko, Algerien und Tunesien mit einer Hinreise über Frankreich
und Spanien und einer Rückreise mit Fährüberfahrt von Algier nach
Marseilles) unternahm, von der vielleicht einmal an anderer Stelle zu
berichten sein wird.
1964 wurde die Regierung
von Ben Bella, die ehemalige Exilregierung aus Tunis, die 1962 in
Evian den Friedensvertrag abgeschlossen hatte, durch einen Militärputsch
durch General Boumedienne abgelöst, der die Befreiungstruppen der
FLN, die im Lande selbst aus dem Untergrund heraus gekämpft hatten,
repräsentierte. Diese „Alten Kämpfer“ (Mudjahedin) besetzten damit
die Schlüsselstellungen im Staat, kamen aber mangels politischer und
ökonomischer Kompetenz über Revolutionsromantik und militärisches
Zeremoniell kaum hinaus. Mit diesem Staatsapparat hatten wir dann auch
mehrfach unangenehme Erfahrungen machen können.
Die Zeit des ökonomischen Niedergangs und der
politischen Krise und Zerfalls führte zu grundlegenden gesellschaftlichen
Konflikten, vor allem als eine junge Generation sich nicht mehr in die
Nostalgie der „Alten Kämpfer“ einfinden wollte und bei einem extremen
Zuwachs der Bevölkerungszahl durch einen hohen Geburtenüberschuss sich
jeder sinnvollen persönlichen Zukunftsperspektive beraubt sah.
Auch wenn wir schon bei dieser frühen Reise
auf deprimierende Erfahrungen in diesem Land stießen, die die spätere
Entwicklung zum islamistischen Aufstand der Jugend erkennbar machen
konnten, dauerte es doch noch Jahrzehnte bis zum offensichtlichen
Zusammenbruch der Macht und Autorität des Militärregimes, das keine
Konsequenzen aus dem Versagen der politischen Herrschaft gezogen hatte.
So konnte auch der Tourismus bis in die Mitte
der achtziger Jahre hinein noch nahezu ungefährdet wachsen, wie ich es mit
einer Reise mit Schülern der Bismarckschule im Sommer 1981 in
eindrucksvoller Weise realisieren konnte, auf der wir viele Orte
besuchten, die ich 1967 erstmals mit Dr. Achenbach besucht hatte
und kennen lernen – und das heißt in diesem faszinierenden Land auch:
lieben lernen – durfte. Darüber hinaus hatten wir dann in einer
West-Ost-Reise durch den Maghreb auch die Nachbarländer Marokko und
Tunesien besucht und sind auch noch weiter in Richtung El Oued in die
Wüste hinein gefahren.
In beiden Reisen waren die persönlichen
Eindrücke weit gespannt: von deprimierenden Zeugnissen des zurück
liegenden Algerienkrieges – durch Napalm verbrannte Waldskelette, Reste
von Flugzeugwracks in Bergschluchten und verwaisten Wehrtürmen und
Militärposten mit oft noch deutlichen Kampfspuren und Einschusslöchern –
bis auf der anderen Seite zu erstaunlichem politischen Interesse und sogar
kritisch fundiertem Zukunftsoptimismus, der sich auch in Gesprächen mit
uns Ausländern äußerte. Das Land war durch die Erfahrungen im
Befreiungskrieg zunächst wirklich zu einer Nation im Sinne einer
Überlebenseinheit zusammengewachsen und in einer breiten Basis politisiert
und an der Gestaltung der gemeinsamen Zukunft interessiert. Tragischer
Weise wurde dieses Kapital für eine positive Entwicklung durch Machtgier,
Korruption und Inkompetenz der herrschenden Militärelite restlos
verspielt, was eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem politischen
Wirken von Militärs nur noch plausibler erscheinen lässt.
Einführung in den ersten Semestern
Mein Studiengang Geographie begann mit dem
Besuch von grundlegenden Vorlesungen zum Beispiel zur Gletscherkunde, zur
Klimatologie und in länderkundlichem Ansatz zum Alpenraum, vor allem aber
mit der Einführungsübung zur Arbeit im Gelände, die vom Assistenten Dr.
Achenbach geleitet wurde. Wichtig war hier, dass Dr. Achenbach seine
Aufgabe und damit die Studentengruppe ernst nahm und dadurch in der Lage
war, auch im Kleinen und nahe Gelegenen die Augen zu öffnen für eine
geographische Interpretation, um damit die Grundlagen zu legen für ein
sachadäquates Fachverständnis.
Fünf Tagesexkursionen
standen – jeweils Samstags – auf dem Programm: der Benther Berg
westlich von Hannover war Gegenstand der geologischen und geotektonischen
Interpretation des Nahraumes, bei der die Salztektonik des Empelder
Salzstocks eine wichtige Rolle spielte; die Betrachtungen führten
weiter zu geomorphologischen Fragen und der Bodenkunde der Lößbörden.
Es folgte eine Exkursion nach Bissendorf im Wietzetal nördlich von
Hannover, wo die Moränenlandschaften der Saale-Eiszeit und die Altglaziale
Serie im Mittelpunkt des Interesses standen. An interessanten Aufschlüssen
bei offenem Kiesabbau konnten die Feinschichten der Moräne sehr
anschaulich machen, wie ein oszillierender Gletschereisrand zu
Kreuzschichtungen im Moränenkörper führte und Stauchungen die Lagerung
veränderte. Interessant war auch die Erkenntnis, dass die kleine Wietze,
die hier in Süd-Nordrichtung eine breite Tallandschaft mit diluvialen
Terrassen durchfließt eigentlich ein altes Leinetal nutzt, das durch die
Moorbildungen der Altglazialen Serie im Süden abgeschnitten wurde, wodurch
die Leine zu dem großen Umweg über Wunstorf und Neustadt gezwungen wurde.
Südlich von Hannover
zwischen Barnten und Pattensen liegt auf Löss eine intensiv
für den Zuckerrübenanbau genutzte Kulturlandschaft auf der Mittelterrasse
der Leine, die in der vorletzten Eiszeit aufgeschüttet worden war und die
Bedeutung dieses Abflusssystems zwischen den Mittelgebirgszügen im Westen
und Osten anschaulich werden lässt.
Die letzten beiden
Wochenendexkursionen thematisierten dann die Mittelgebirgslandschaft
westlich von Hannover. Die Erkundung der Bückeberge zwischen
Bückeburg und Stadthagen war fokussiert auf die Gebirgsbildungsprozesse
der alpidischen Faltungsphase auf der Grundlage kreidezeitlicher
Gesteinspakete, die wir auch in Hannover im Deister, dem
Lindener Berg und dem Kronsberg als Hannoverschen Untergrund
identifizieren konnten. In den Bückebergen konnte dies Bild dann
geologisch weiter differenziert werden. Vor allem auch die verschiedenen
Talformungen und Erosionsprozesse von der Hangabtragung (Denudation) bis
zu verschieden Talprofilen am Hang wurden genauer untersucht und
beschrieben, um den Erosionsprozess mit seinen verschiedenen
Wirkungsfaktoren verständlich zu machen.
Die letzte Exkursion war
zeitlich und in Hinblick auf die Größe des erkundeten Gebietes nicht nur
Abschluss sondern auch Höhepunkt unserer Exkursionsfolge. Ziel war das
Wesergebirge an der Porta Westfalica, das wir mit einer Zugfahrt
nach Minden erreichten. Dass Minden heute ein Endpunkt der S-Bahn
Hannover geworden ist und damit noch näher an den Großraum Hannover rückt,
war damals noch nicht abzusehen. Auch wenn ich seit 1950, dem Beginn
meiner Schulzeit, in Hannover lebte, war mir diese Region bis dato noch
völlig unbekannt geblieben. Unser Weg führte über den Kammweg des
Wesergebirges, am Bismarckturm und dann über die Nammer Klippen in
Richtung nach Eisbergen, wo mächtige eiszeitliche Ablagerungen betrachtet
werden konnten. Ein Thema der Exkursion über diese jurassischen Kämme war
die eiszeitliche Situation, als der Weserabfluss durch die Porta
Westfalica durch den östlich gelegenen Eisrand gesperrt war und sich
ein mächtiger See bildete, der auch von Schmelzwässern, die an den
Passdurchbrüchen des Wesergebirges nach Westen abfließen konnten und dort
jeweils mächtige Ablagerung aus Moränenmaterial hinterließen, gespeist
wurde. Der Abfluss erfolgte dann entlang des Wiehengebirges in Richtung
Nordwesten in das Abflusssystem des Rheins.
Die Nachhaltigkeit von Studiengängen
Es gibt zwei Gründe, hier auf diese
Erfahrungen zu Beginn meines Geographiestudiums einzugehen und mit knappen
Stichworten auf die thematischen Lernschwerpunkte einzugehen, die einem
Geographen nicht fremd sein dürften. Zum Einen gibt die didaktische
Konzeption dieses naturgeographischen Anfängerseminars ein gutes und
praktikables Modell auch für eine Umsetzung in der Schule ab. Grade
Tagesexkursionen im Nahbereich öffnen auch bei Schülerinnen und Schülern
den Blick dafür, oft schon bekannte Gegenden neu und mit fachlich
distanziertem Blick zu sehen, um durch die Entwicklung geeigneter
Fragestellungen die Genese einer Landschaft zu erforschen und die
geographischen Wirkungsfaktoren zu analysieren.
Ich konnte dies lange Jahre in meiner
Berufstätigkeit am Gymnasium vor allem in elften Klassen im Fach Erdkunde
selbst mit gutem Erfolg praktizieren, wobei mir, da mein Arbeitsort
weiterhin Hannover war, auch die Exkursionsziele meiner Studienzeit als
Vorbild dienten. Durch die Forderung nach schriftlichen
Exkursionsberichten wurde dann eine nachhaltige und bewertbare
Ergebnissicherung möglich. Dieser fachgeographische Ansatz, im Gelände zu
lernen – was natürlich von Seiten des Lehrers eine entsprechende fachliche
und methodische Kompetenz verlangt –, kann von mir nur als
empfehlenswertes Muster sowohl für innerschulische Fachcurricula wie für
die Arbeit von Rahmenrichtlinienkommissionen empfohlen werden. Leider
läuft die schulpädagogische Entwicklung derzeit genau in die gegenteilige
Richtung, wenn durch Turboabitur und Reduktion der verbindlichen Stoffe
auf auch regional vorbestimmte Raumbeispiele Zeit und Möglichkeit eines
dem Schulstandort angepassten Fachcurriculums weitgehend verloren geht und
die Möglichkeiten von Exkursionen in der Unterrichtszeit immer radikaler
restringiert werden. So verliert die Schule die wichtigsten Potenziale,
die das Fach Erdkunde im pädagogischen Zielkanon anzubieten vermag und
verhindert offene Unterrichtssituationen und Themenbestimmungen.
Ähnliches wird auch in einem Résumé der
Ergebnisse der Teilnahme an Forschungsprojekten wie der hier
thematisierten Algerienreise 1967 festzustellen sein, die mir über
Jahrzehnte meiner Unterrichtspraxis Kompetenzbasis und regionale
Unterrichtskonkretisierung waren und damit für die Schülerinnen und
Schüler sehr eindrucksvolle geographische Einsichten und Fähigkeiten boten
– einmal ganz abgesehen von der Vielzahl der Fernreisen, die ich in den
großen Ferien anbieten konnte, so auch Anfang der achtziger Jahre nach
Nordafrika, die, wie spätere Begegnungen zeigten, für viele der
Teilnehmerinnen und Teilnehmer unvergessliche Erlebnisse mit
lebensbestimmendem Charakter vermittelt haben –; auch diese Möglichkeiten
gehen in der heute auf Leistungsdruck und Normierung ausgerichteten Schule
weitgehend verloren. Manchmal denke ich wehmütig, ob nicht viele
Jahrzehnte meiner praktischen wie wissenschaftlichen und schulpolitischen
Arbeit für moderne, schülerzentrierte und offene Schulkonzepte in der
derzeitigen pädagogischen und schulpolitischen Restauration – die
letztlich gravierende gesellschaftliche Fehlentwicklungen widerspiegelt –
vertane und Zeit gewesen sind. Hier hilft es dann nur, ganz konkret an die
Schülerinnen und Schüler zu denken, die im Laufe der Zeit einiges von dem
in ihr Leben mitnehmen konnten, was hier zum Beispiel im Fach Geographie
im Studium angelegt worden war.
Der andere Grund, sich gerade in diesem
Zusammenhang mit dem didaktischen Konzept des Geographiestudiums an der TU
Hannover, wie ich selbst erfahren konnte, zu befassen, ist die
unmittelbare Beziehung zu den Forschungsreisen, an denen ich teilnehmen
konnte beziehungsweise die ich im Zusammenhang mit meinem Staatsexamen
über die Geographie der Provinz Fars in Iran selbst
konzipieren und durchführen konnte. Erst durch die nachhaltige
Lernkonzeption der Anfängerübungen und ihrer Arbeit im Gelände konnte ich
überhaupt fachlich die enormen Chancen erkennen und wahrnehmen, die sich
durch meine Teilnahme an der Algerien-Forschungsreise mit Dr.
Achenbach boten und die damit zur Grundlage eines erfolgreichen
Geographiestudiums wurden.
Noch einmal zurück zu einem
wichtigen Aspekt der Exkursionsarbeit im ersten Semester bei Dr.
Achenbach. Als Leistungsnachweis verlangte das Institut von jeder
Exkursion einen Exkursionsbericht, der nach einer Woche abzugeben war. Da
mich die Exkursionen begeisterten und ich – auch für mich selbst und den
angestrebten Lernerfolg – den Wert einer inhaltlich und sprachlich
sorgfältigen Ausarbeitung und ihrer auch formal ansprechenden Gestaltung
kannte, gab ich mir einige Mühe und fand mich dann zu einer fruchtbaren
Zusammenarbeit mit meinem Kommilitonen Wilfried Eilers aus Osterode
am Harz zusammen, die über dieses Semester hinaus rechte, zu einer
späteren gemeinsamen Iran-Reise für unsere Staatsexamensarbeiten
führte und sich zu einer Freundschaft entwickelte, die bis heute anhält.
Das Geographische Institut und hier eben
Dr. Achenbach honorierten meine sorgfältige Arbeit dann nicht nur mit
guten Leistungsnoten sondern auch mit persönlicher Anerkennung und
Wertschätzung, die mir das weitere Geographiestudium erheblich
erleichterten und zum Studienerfolg beitrugen. Ohne dieses erfolgreiche
erste Semester hätte ich mit Sicherheit nicht die Chance zu einer
Teilnahme an der Algerien-Forschungsreise erhalten!
Die self-fulfilling
prophecy in der Leistungsbewertung – ein aktuelles Problem
Hier soll ein eher
marginales Histörchen diesen persönlichen Ruf, den ich im ersten Semester
errungen hatte – eigentlich nur dadurch, dass ich die Pflichtaufgabe der
Exkursionsberichte ernst genommen und mit einigem Spaß an der Arbeit
sorgfältig ausgearbeitet hatte – und seinen praktischen Nutzen
verdeutlichen (könnte auch ein Argument für Schüler und Studenten sein,
von Anfang an auch kleine Aufgaben ernst zu nehmen und sorgfältig
auszuführen!).
Auf unserer letzten Tagesexkursion zur
Porta Westfalica sollte ein komplexer Stoff der Landschaftsgenese in
und nach den beiden letzten Eiszeiten (Porta-Stadium des Saale-Glazials) –
für die es im Einzelnen durchaus verschieden akzentuierte
Erklärungskonzepte und Hypothesen gab und gibt – und ihre Folgen für die
rezente anthropogene Inwertsetzung erarbeitet und analysiert werden.
Bei dieser Abschlussexkursion des ersten
Semesters übernahm der Chef, Prof. Mensching, selbst die Leitung,
was mir noch einige interessante zusätzliche Lernansätze vermitteln
konnte. So versuchte ich die Exkursion nahe bei Prof. Mensching,
mit dem Notizblock in der Hand und dem Fotoapparat schussbereit über die
Schulter gehängt, möglichst genau zu verfolgen, wurde damit aber auch
immer einer der ersten Ansprechpartner des Exkursionsleiters, der sich an
diesem Tag auch ein Bild von den neuen Studentinnen und Studenten machen
wollte. Die meisten anderen Kommilitoninnen und Kommilitonen scheuten
diese Rolle und hielten sich, bis auf zwei oder drei weitere besonders
Interessierte, eher im Hintergrund.
Aber durch meine
Berufstätigkeit vor Studienbeginn war ich in solchen Situationen so
professionalisiert, dass ich Nähe und Gespräch zu Vorgesetzten ohne
persönliche Scheu suchen und für mich selbst maximal ausnutzen konnte.
Mensching hob nun plötzlich einen schwarzen Stein vom Weg auf und
fragte mich: „Was ist das?“ – Aber er unterbrach sich sofort mit den
Worten: „Lassen Sie‛s, Sie wissen es ja sowieso!“ und ein anderer Student
gab dann die mehr oder weniger richtige Antwort.
Was Mensching nicht
wusste: ich hatte natürlich keine Ahnung. Aber in solchen
Situationen wirkt die self-fulfilling prophecy, dass der als
leistungsmäßig gut eingeschätzte gar nicht in kritischen Fragen überprüft
wird sondern nur wahrgenommen wird, wenn er von sich aus richtige Lösungen
beizutragen hat, was dann sein Image immer wieder bestätigt und ihm
letztlich tatsächlich zusätzliche Lern- und Leistungschancen zuteilt. So
wird es für den so bevorzugten immer leichter sein, Klippen zu umschiffen,
als für denjenigen, dem sich a priori Misstrauen in den Weg stellt. Diese
Zusammenhänge, die im Fach Soziologie intensiv diskutiert worden sind und
die mir natürlich aus meinem Politikstudium geläufig waren, sollte
eigentlich jede Lehrkraft kennen und berücksichtigen, um Schülerinnen und
Schülern kompetent und fördernd gegenüber treten zu können. Gerade als
jemand, der von diesen Zusammenhängen immer wieder profitieren konnte,
möchte ich dieser Forderung großen Nachdruck verleihen. Muss ich mich
jetzt moralisch rechtfertigen, dass mir diese positiven Vorurteile bis zum
Abschluss meines Studiums geholfen haben und auch vielleicht auf mein
Selbstbild durchgeschlagen sind?
Das Rätsel des schwarzen Steines
Nun fragt sich der Leser
sicher, was war das denn für ein geheimnisvoller schwarzer Stein auf den
Höhen der Nammer Klippen? Auch wenn dies wieder einmal eine thematische
Abschweifung bedeutet – unser Thema der Abreise nach Algerien verschiebt
sich damit wieder einmal, was hoffentlich auch die Spannung steigert –,
soll das Rätsel hier ansatzweise gelöst werden, da wir auch im Gelände auf
dem Kamm des Wesergebirges sehr ausführlich diesen Fund erörtert haben und
dabei feststellen mussten, dass der Stein an diesem Ort gar nichts
Besonderes war, sondern ein Stück des anstehenden kalkhaltigen Materials
aus der Zeit des Jura, aus denen der Kamm bestand: dem Korallenoolith,
auch genannt: dem Eierstein, der seinen Namen von seiner Textur hat, die
festem schwarzen Kaviar, den „Fischeiern“ (Rogen) gleicht.
Zunächst wurde hier erkennbar, dass zu
gewissen Zeiten in der Formation des Jura hier ein tropisches Flachmeer
existierte, in dem mächtige Korallenbänke und Atolle wuchsen und sich
flache, zeitweise vom offenen Meer abgeschlossene Wasserflächen in der
Form von Lagunen bildeten, in denen durch die stetige Verdunstung der
Salz- und Kalkgehalt immer weiter bis hin zur übersättigten Lösung stieg.
Bestimmte mikroskopische Kleinstlebewesen lebten in dieser extremen Umwelt
und fungierten als Ablagerungs- beziehungsweise Kristallisationskerne für
den Kalk, der aus der Lösung damit ausgefällt wurde. Der hohe Eisengehalt
dieser Ablagerung färbte diese dann tiefschwarz. Die Struktur der fast
kugelförmigen kleinen Ausfällungen blieb auch nach der Ablagerung auf dem
Lagunenboden und der langsamen Verfestigung zu einer mächtigen
Gesteinsschicht erhalten und bildete so den jurassischen Korallenoolith,
der in späterer geologischer Zeit als Gebirge gehoben wurde.
Das Studium in Hannover
Aber nun zurück zu den allgemeinen Bemerkungen
zum Studium in Hannover, das mir dann weitere wichtige Exkursionen,
Studienfahrten und fachliche Erfahrungen und schließlich auch die Reise
nach Nordafrika ermöglichte.
Das Studium in Hannover vermittelte ein
bestimmtes Bild vom Fach Geographie, das mir bis heute als geeignet und
vorbildlich erscheint, wenn ich auch im Laufe der Zeit Ergänzungen in
Hinblick auf eine Geographie als Politischer Bildung vorgenommen habe und
in diesem Bereich auch durch eigene Veröffentlichungen beitragen konnte.
Exkursionen und Studienfahrten im Zentrum
der Geographie
Die Arbeit im Fach und damit auch im Studium
war bei allem Bemühen um wissenschaftliche und theoretische Stringenz, von
der sich Prof. Mensching nichts abhandeln ließ, sehr stark von der
praktischen Arbeit im Gelände und der didaktischen Verantwortung für die
Vermittlung der Forschungsergebnisse geprägt. Die wichtigsten
theoretischen Autoren des Faches wurden in Vorlesungen und Übungen so
vermittelt, dass ihre Bedeutung für den realen geographischen Gegenstand
erkennbar wurde; dadurch blieben sie im gesamten weiteren Berufsleben
präsent und parat und konnten am Gegenstand orientiert und empirisch
fundiert angewandt und vermittelt werden.
Dieses induktive Arbeiten
und Lernen ging von der Arbeit im Gelände aus. Was erkannt werden sollte
ist, wie immer es möglich ist, selbst zu sehen, erkennen und zu
bearbeiten. Daher begann das Studium wie schon beschrieben mit dem
Exkursionsseminar für Anfänger; später kam ein umfängliches
Geländepraktikum hinzu, als dessen Thema ich zusammen mit meinem
Kommilitonen Wilfried Eilers eine Kartierung des Doppelortes Hagenburg
/ Altenhagen am Steinhuder Meer westlich von Steinhude
vorzunehmen hatte. Neben den Kartierungsergebnissen war dann ein
umfänglicher Bericht zu erstellen. Doch das war später und ich konnte
dabei schon auf meine Erfahrungen von der Algerienreise zurückgreifen,
über die ich hier berichten will.
Am Ende des ersten Semesters wurde im Institut
eine zusätzliche Exkursion angeboten, die ausnahmsweise nicht in den
Semesterplan eingearbeitet war und in der vorlesungsfreien Zeit
stattfinden sollte. Teilnehmen konnten Studentinnen und Studenten aller
Semester, wenn auch dann die Gruppe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer
doch vorwiegend aus den älteren Semestern stammte. Die Leitung und
Vorbereitung hatte wieder Dr. Achenbach übernommen. Mit dieser
Gruppe Freiwilliger sollte ein Land bereist werden, zu dem das Institut
bislang keinen Kontakt pflegte: Ungarn. Anlass war wohl eine sich
vorsichtig anbahnende wissenschaftliche Zusammenarbeit mit der Technischen
Hochschule von Miskolc im Nordosten des Landes.
Ich ließ es mir nicht nehmen, mich zu dieser
ersten großen Exkursion in meiner Studienzeit anzumelden, auch weil die
Leitung durch Dr. Achenbach einen erheblichen geographischen Gewinn
versprach. Außerdem wurde dies – sieht man einmal
von Verwandtenbesuchen in Dresden in der DDR in meiner Jugendzeit ab – zu
meinem ersten Besuch hinter den Eisernen Vorhang, der nicht nur in
der politischen Realität Europas sondern auch in unseren eigenen Köpfen
aufgerichtet war. Die Zeit des Ungarn-Aufstandes 1956
war noch nicht allzu weit zurück und die Angst vor weiteren militärischen
Interventionen hat sich dann ja auch 1968 bei der Niederschlagung des
Prager Frühlings verhängnisvoll bestätigte.
So bestand eine gewisse Unsicherheit bei der
Vorbereitung der Reise in dieses Land, das vor allem als hinter dem
Eisernen Vorhang befindlich wahrgenommen wurde. Es war uns allen wohl
nicht ganz klar, was uns in Ungarn erwarten sollte. Strikte Beschränkungen
in der Routenplanung wie auch strenge Fotographierverbote wurden schon in
der Vorbereitung als Verhaltensmaßregeln bekannt und ließen eher trübe
Erfahrungen erwarten.
Daher wurden auch einige vorbereitende
Seminartage im Europa-Haus in Wien vorgeschaltet, wodurch Mittel der
rechtskonservativen und den Vertriebenenverbänden nahe stehenden Jugend
des Ostens eingeworben werden konnten, die die Reise recht preiswert
machten. Doch der zu erwartende propagandistische Aspekt blieb weitgehend
aus und wir konnten in Wien eine Reihe von informativen und interessanten
Vorträgen österreichischer und (exil-)ungarischer Referenten hören, was
gerade für die historische und politische Wahrnehmung bei der
anschließenden Reise von nicht zu unterschätzenden Bedeutung war, da die
eigene Vorbereitung sich stärker auf die geographische Thematik
konzentriert hatte.
Neben dem Kennenlernen der Metropole
Budapest stand vor allem eine Busrundreise von Budapest entlang den
ungarischen Mittelgebirgen nach Miskolc und einer Rückreise durch
die große ungarische Tiefebene, dem Alföld, über Kecskemét
und Dunaújváros auf dem Programm. Bei der Überquerung der Donau auf
der streng militärisch bewachten kombinierten Straßen- und Eisenbahnbrücke
herrschte dann striktes Fotographierverbot und in Dunaújváros war
die Einfahrt in das Stadtzentrum ebenso verboten wie die Annäherung an das
Stahlkombinat. Für den Wirtschaftsgeographen war und ist dieser
Industriestandort natürlich besonders interessant, ist doch diese
Ansiedlung eines neuen großen Stahlkombinats auf der grünen Wiese am Ufer
der Donau als zunächst Stalinújváros ein Beispiel für eine politisch
motivierte Standortwahl mit einer sowohl geographischen wie ökonomischen
Grundproblematik, die den Betrieb bis heute belastet.
Geographische Erläuterungen und Beobachtungen
standen natürlich den Standards des Instituts angemessen auf dem Programm
und wurden in Miskolc durch Dozenten des Geographischen Instituts
der Technischen Hochschule unterstützt.
Diese Ungarnreise – und das konnte ich damals
noch nicht ahnen – wurde für spätere geographische sowie
politisch-historische Arbeiten und Reiseprojekte von entscheidender
Bedeutung für mich. Wer hätte damals voraussehen können, dass sich in den
neunziger Jahren eine fruchtbare Zusammenarbeit und persönliche
Freundschaft zu Professor Zoltán Ántal vom Geographischen Institut
der ELTE-Universität in Budapest, dem Nestor der ungarischen
Wirtschaftsgeographen, entwickelte und auch darin gipfelte, dass ich zum
50 jährigen Institutsjubiläum vor einigen Jahren gebeten wurde, einen der
Festvorträge in deutscher Sprache zu halten.
Studienerfahrungen im Zeitvergleich
So war ich schon in meinen Studienjahren voll
eingedeckt mit Gelände- und Exkursionserfahrungen und bin dadurch ein
Geograph geworden, der dem Leitbild folgen wollte, dass Erdkunde nicht am
grünen Tisch stattfinden sollte, sondern im Gelände. Aber es fehlten mir
nach zwei Studiensemestern noch die Einblicke in konkrete und intensive
geographische Forschungsarbeit in einem ausgewählten Bezugsraum mit
bewusst aus dem jeweiligen Forschungsstand heraus entwickelten fachlichen
Fragestellungen.
Bei dem abgeflachten Fachverständnis der
heutigen Schulgeographie im 21. Jahrhundert werden Fachvertreter und
Schulpolitiker natürlich fragen, ob diese Erfahrungen für einen
Erdkundelehrer eigentlich notwendig und sinnvoll sind und nicht eine
Konzentration auf sogenannte schulrelevante und lehrplanbezogene
Gegenstände und Stoffe – von Fähigkeiten will ich hier gar nicht reden –
ausreichen sollte – womit natürlich der alte Anspruch auf eine
wissenschaftliche Ausbildung der Lehrer, traditionell aber schon eher auf
das Höhere Lehramt ausgerichtet, aufgegeben wird. Parallel dazu wird immer
weiter auch das Lernkonzept für die Schülerinnen und Schüler gereinigt von
reflexiver und distanzierter Denkschulung und wissenschaftlichen Zugängen
zu den eigenen Realitätserfahrungen. Damit wird ein Jahrhundert
Reformbemühungen, in den Hochschulen seit Humboldt, einfach weg gewischt.
Ob dies für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft wirklich hinnehmbar
sein kann?
Die meiner Meinung nach leider eher
missglückte und komplexere Studienziele verhindernde, verschulte
Hochschulreform und ihre Trennung von Bachelor- und Masterstudiengängen
erschwert zudem den gesellschaftlichen Fortschritt zu einer wirklichen
Wissensgesellschaft und beschneidet auf den gesellschaftlichen Fortschritt
gerichtete akademische Curricula, die gerade auch Selbstverantwortung im
Wissenserwerb und Flexibilität im Lernen vermitteln müssten. Vieles davon
war in meinen Fächern in den sechziger und siebziger Jahren schon erreicht
oder zu mindestens in einer suchenden Entwicklung in der richtigen
Richtung. Dies wurde durch einen restaurativen Konsens über einen viel
traditionelleren Bildungsbegriff in Hochschule und Schule zurück gefahren
und letztlich verdrängt. An die Stelle einer universellen Bildung tritt
betriebswirtschaftliches Kalkül darüber, wie viel der Gesellschaft denn
nun ein Student kostet und was er in seinem Beruft dann einbringt. Maßstab
sind Rankings und restriktive Ausleseverfahren mit dem Ziel der
Elitebildung für Wenige und die Entwicklung separierter Exellenzcluster an
den Hochschulen. Die frühere Bandbreite der geographischen Schwerpunkte
und Methoden war durchaus keine Belastung für die zu erwerbenden
Qualifikationen der Absolventen; im Gegenteil, dieses Studium regte einen
fruchtbaren Fachdiskurs an und zwang dazu, sich in seinem Fach zu
positionieren.
All diese restaurativen Änderungen im
Hochschulbetrieb brauchte ich zu meinem Glück in meinem Studium noch nicht
mitzumachen und kann ansatzweise dann doch behaupten, in meinen Fächern zu
einem wissenschaftlich denkenden, fachlich weit gespannt ausgebildeten
Geographen und Gesellschaftswissenschaftler geworden zu sein, für den
lebenslanges auch fachliches Lernen eine Selbstverständlichkeit ist und
der Aufgaben in der Schule, an Hochschulen, in der Erwachsenenbildung und
im Rahmen selbstständiger wissenschaftlicher Arbeit ohne viel Mühe über
Jahrzehnte hin übernehmen konnte. Das sollte ein Plädoyer für die
Hochschule sein, die ich von 1966 bis 1971 in Hannover habe kennen
gelernt!
Die Aufbruchstimmung an der Hochschule
erforderte von jedem Einzelnen ein Nachdenken über seine Studienziele und
die damit zu vermittelnden Bildungsinhalte in ihren gesellschaftlichen
Kontexten, wodurch in der Studentenschaft oft kontroverse Positionierungen
und gerade auch im Fach Politik radikale Stellungen entstanden.
Keineswegs will ich hier
auf das dumme Schlagwort von den „68ern“ abheben, denn ich sehe hier eine
viel differenziertere und generationsübergreifende Aufbruchstimmung als
Antwort auf die immer deutlicher hervortretenden Mängel und Defizite der
Staats- und Gesellschaftsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland wie
in den Nachbarstaaten noch dem Zweiten Weltkrieg. Es ist anzunehmen und zu
hoffen, dass in einiger Zeit sich wieder eine Aufbruchbewegung in den
westlichen Demokratien konstituieren wird, um nun eine Antwort auf die
immer deutlicher sichtbar werdenden Verkrustungen und
konservativ-restaurativen Ideologisierungen zu suchen und neue Wege auch
im Bereich der Hochschulen und Schulen zu finden. Vielleicht ist die
aktuelle Weltwirtschafts- und Finanzkrise seit 2008 ein erster massiver
Stoß zur notwendigen kritischen Bewusstseinsbildung.
Meine beiden Studienfächer
Erdkunde und Wissenschaft von der Politik hatten sich in Fragen der
Bildungspolitik dieser Zeit durchaus kontrovers positioniert. Im Fach
Politik herrschten bei der Studentenschaft vorwiegend linke, z.T. auch
linksradikale, und von Seiten der Dozenten sozialdemokratische
Vorstellungen sowohl über die Ziele einer Reform der Hochschule und der
Studiengänge als auch über gesamtgesellschaftliche Fragen vor, die vom
Reformimpetus des Ordinarius Prof. Peter von Oertzen deutlich
unterstützt und als insgesamt positiv bewertet worden sind –
Peter von Oertzen war später Vordenker der SPD
und besonders aktiv in der programmatischen Arbeit, wobei er jedoch immer
stärker in den linken Parteiflügel abgeschoben wurde –,
und auch der Soziologe Prof. von Ferber als eher Liberaler hat mit
dem Ausbau der Gesellschaftswissenschaften und der Implantierung vor allem
der medium range theory und einer kritische Sozialempirik einige
sehr positive Reformimpulse beigetragen. Später –
gegen Ende meiner eigenen Studienzeit, als ich mich selbst schon eindeutig
sozialdemokratisch und gewerkschaftlich orientiert hatte - verließen beide
genannten Professoren die Universität - Peter von Oertzen wurde in
Niedersachsen Kultusminister, von Ferber erhielt einer ehrenhaften
Ruf von einer nordrhein-westfälischen Universität - und wurden durch zwei
wiederum hochrangige Professoren ersetzt: dem Politologen Prof. Seifert
und dem Soziologen Oskar Negt, die das Linke Profil der
Gesellschaftswissenschaften an der Universität noch deutlich verstärkten
– und bei denen ich dann auch meine
Staatsexamens-Prüfungen ablegte.
Veränderungen im Fach Geographie
Das Fach Geographie richtete den Blick eher
auf das eigene Selbstverständnis, auf das Fach selbst. Dass sich in
diesem Fach auch eher eine traditionsorientierte Studentenschaft fand,
die nur ansatzweise Geographie als Gesellschaftswissenschaft oder
gar als Teil der Politischen Bildung verstand – was sie in einer
kritischen Einordnung sicher war und ist – bedingte deutliche Stimmungs-
und Einordnungsunterschiede zu den gesellschaftswissenschaftlichen
Fächern. Etwa ein Jahrzehnt später fanden solche politischen
Selbstverständnisse des Faches Geographie vor allem auch zielend auf die
Schulgeographie durch kritische Geographen wie Filipp,
Schramke oder Schmidt-Wulffen, mit denen ich dann immer
wieder zu einer für mich interessanten Zusammenarbeit fand, Eingang in
die Grundsatzdiskussionen des Faches, führten dann aber auch zu
deutlichen Polarisierungen, bei denen der traditionalistische Verband
der Schulgeographen sehr deutliche Gegenpositionen bezog und der
Schulgeographie eine kognitiv dominierte im Kern »fachsystematische«
Ausrichtung zuschreiben konnte. Dass ich mich in diesen Diskursen
eindeutig positionieren konnte und auch in Publikationen und
Lehrerfortbildungen versucht habe, die Charakteristik der Geographie als
Politischer Bildung zu festigen, ist sowohl der »grenzüberschreitenden
Fächerwahl« wie der Offenheit und fachlichen Kompetenz meiner Ausbildung
am geographischen Institut geschuldet.
Entsprechend der schon kritisch genannten
restaurativen Tendenz in der Gesellschaft wie in der Bildungspolitik
befindet sich - etwas überspitzt ausgedrückt – das Fach Erdkunde in der
Schule auf dem Weg zurück in die Zeit vor den didaktischen Reformen der
siebziger und achtziger Jahre, die zunehmend anathematisiert werden und
deren Umsetzung durch Zentralabitur und verbindliche Bildungsstandards –
die keineswegs aus der Praxis heraus entstanden oder fachdidaktische
Diskursen folgen - verunmöglicht wird. Das gleiche Problem findet sich
im Studium nach den derzeitigen Hochschulreformen, die in überwiegender
Weise dem Konzept der Verschulung und der repressiven Regulierung der
Studienabläufe gerade auch für die Lehramtsstudenten folgen und damit
das eingeschränkte Bildungskonzept der heutigen Schulen perpetuieren.
»Studium Generale« oder: was bedeutet noch
der Humboldtsche Bildungsbegriff?
"Studium generale"
Nach diesem Ausblick in die Gegenwart, der
sich durch eine kritische Sichtung der Erinnerungen an die eigene
Ausbildungszeit anbietet, zurück zu meinen Studienerfahrungen Ende der
sechziger Jahre. In diesem Spannungsfeld stand ich als junger Student
mit beiden Fächern, die mir beide viel gaben und denen ich mich mit
Engagement widmete, ohne dabei ein über die Fachbeschränkungen hinaus
weisendes »studium generale« zu vernachlässigen, auf das die
Hochschule zu dieser Zeit als wichtigem Reformimpuls zunehmend Wert
legte (heute sicherlich undenkbar!). Ein Grund dafür war sicherlich,
dass die TH in den sechziger Jahren begann, die Einschränkungen einer
Technischen Hochschule zu überwinden und durch die Implantation anderer
Fachrichtungen, so zum Beispiel der Gesellschaftswissenschaften und der
Sprachwissenschaften, zu überwinden, um über den Zwischenschritt einer
Technischen Universität (die Umbenennung zur TU fand noch während meiner
Studienzeit statt) zur Universität Hannover, der seit kurzem dem
hannoverschen Universalgenie zu geeigneten Leibniz Universität Hannover,
zu werden.
Über dieses »studium
generale« genauer zu berichten ist hier nicht beabsichtigt. Doch da
die Neugier, alte Erinnerungen hervorzuholen, groß ist, suche ich mein
altes Studienbuch von der TUH hervor und beginne die belegten
Vorlesungen und Übungen der ersten Semester durchzusehen. Erstaunen
zunächst über das thematische Chaos, das eine rationale Studienplanung
auf den ersten Blick nicht erkennen lässt. Erst beim genaueren
Durchsehen tauchen die Erinnerungen an die tatsächlich besuchten
Lehrveranstaltungen wieder auf. Da die Technische Hochschule ihr
Meldungssystem schon auf wenn auch noch altertümlich anmutende EDV
umgestellt hatte, konnten die anfangs noch vorhandenen
Informationsmängel durch »Vorratsbelegungen«
von
z.T. dann doch überflüssigen
Lehrveranstaltungen ausgeglichen werden. Doch die zentralen
Fachangebote sind dann doch zu finden, bei Prof. Mensching,
von Oertzen und von Ferber und den sonstigen
Lehrbeauftragten.
Ich erinnere mich, dass ich
nur wenige Hauptvorlesungen besucht habe, vor allem die Vorlesungen von
Mensching in der Brühlstraße - Klimageographie, Gletscherkunde,
Alpenländer: Mensching verstand es sehr gut, mit vielen Dias und Karten
veranschaulicht, zentrale Themen der Geographie aufzubereiten und
nachhaltig zu vermitteln -, mich dafür konzentrierte auf Übungen und
Seminare, die meinem Wunsch nach mehr eigener Betätigung eher
entgegenkamen.
Das »studium generale«
taucht dann schon vom ersten Semester an auf. Neben den wöchentlichen
Proben im »collegium musicum instrumentale« bei dem meine begrenzten
geigerischen Fähigkeiten zu einem Platz am letzen Pult der zweiten
Violinen reichten, fand hier das Mitsingen im Hochschulchor statt. Damit
war eine Brücke zu meiner Schulzeit geschlagen, in der ich mit viel
Freude im Schulorchester ebenso wie im Schulchor teilgenommen hatte. Bei
der Feier zur Amtseinführung des neuen Hochschulrektors konnte ich mich
dann auch doppelt musikalisch betätigen, auch mit dem Festchoral (nach
Goethe) »Geh, geh, bedenke Deine Schritte, lerne zeitig klüger sein...«
- ein recht passender Text für einen neuen Hochschulrektor!
Aber das Studienbuch
erinnert auch daran, dass damals die einmalige Gelegenheit bestand,
recht unverbindlich in das Fach Germanistik hereinzuhorchen, in
dem der neu berufene weltbekannte Professor Hans Mayer spannende
Einführungen in die Literatur anbot, zunächst noch im »studium generale«
oder in Verbindung mit anderen Fächern wie der Wissenschaft von der
Politik und damit Prof. Von Oertzen, da das Verfahren zur
offiziellen Anerkennung der Germanistik, die gerade aufgebaut wurde,
noch nicht abgeschlossen war. Wie hätte ich sonst als Anfangssemester an
einem Oberseminar über moderne Lyrik mit Schwerpunkt Brecht bei Prof.
Mayer teilnehmen könne, das nur knapp zehn Teilnehmer gefunden hatte
und daher im Dienstzimmer des Ordinarius in bequemen Sesseln
durchgeführt wurde.
Ehe ich hier noch mehr in
nostalgische Erinnerungen verfalle und näher auf Musikgeschichte bei
Prof. Sievers, auf germanistische Vorlesungen und Übungen (alle
eigentlich erst für fortgeschrittene Semester, die es aber hier noch gar
nicht gab) über Heinrich Heine, Döblin/Musil/Broch
–
beim Dozenten Kreutzer, der auch eine Einführung in die Thematik
»Kitsch und Kunst« anbot, oder auf das Tagespolitische Colloquium,
das vom ganzen politologischen Institut angeboten wurde, eingehe, muss ich
doch wieder auf das Fach Geographie zurück kommen, in dem nun mein zweites
Semester begann und der kulturgeographische Schwerpunkt in den Vordergrund
rückte.
Neben dem Spaß an dem
Erarbeiten der Studieninhalte war weiterhin der Ernst in Bezug auf die
Leistungsanforderungen wichtig. Meine vorhergegangene Berufstätigkeit -
ich empfand mich ja immer noch etwas als »Straßenbahnfahrer« und Arbeiter
–
bestimmte meine Orientierung an den Werten einer persönlichen
Professionalität (ob das eine Parallele zu dem derzeit viel zitierten
»Yes, we can!« hat, sei dahin gestellt) - was mich immunisierte gegen
»chaotisch-revolutionäre« Antihaltungen gegenüber meiner
gesellschaftlichen Umwelt, wie sie vor allem in Teilen der damaligen
Studentenschaft verbreitet waren. Aber auch unkritische
Gesellschaftssichten, wie sie in der geographischen Studentenschaft zu
finden waren, wurden von mir nach den Erfahrungen im Arbeitsalltag
des Schichtarbeiters nicht geteilt.
Inhalt
Forschungsschwerpunkt Nordafrika
Das Thema Algerien
Einführung in den ersten Semestern
Die Nachhaltigkeit von Studiengängen
Das Rätsel des schwarzen Steines
Das Studium in Hannover
Exkursionen und Studienfahrten im Zentrum
der Geographie
Studienerfahrungen im Zeitvergleich
Veränderungen im Fach Geographie
"Studium generale"
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