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Notizen und Skizzen zu einer Autobiographie: Überblick über die einzelnen Kapitel

   
   

 

     
   

Das erste Studienjahr

Studienbeginn und Vorbereitung der
Algerienreise 1967 des Geographischen Instituts der Technischen Hochschule Hannover mit Dr. Achenbach als Anlass zur Reflexion
über vierzig Jahre Geographie

Der Beginn meines Geographiestudiums
und erste Begegnung mit dem Thema Nordafrika

„Wollen Sie nicht das nächste Mal mit nach Algerien fahren?“ – „Ja, Natürlich!“ – Brauchen Sie dafür nicht noch Zeit zum Überlegen?“ – „Nein!“ – „Und sollten Sie nicht erst mit Ihren Eltern sprechen?“ – „Nein, das ist kein Problem!“ – „Dann kommen Sie doch morgen in meine Sprechstunde.“ – „Ich werde kommen!“ – Mit diesem kurzen Dialog begann das spannendste Abenteuer meiner Studienzeit, das thematisch und fachlich wichtige Weichen für mein weiteres Leben stellen sollte. Wie war es dazu gekommen?

Zurück zur Vorgeschichte. Nach einer Zeit der Unsicherheit und Fehlentscheidungen, vielleicht auch einer gewissen Naivität gegenüber meinen eigenen Zukunftsperspektiven nach dem Abitur 1963 – abgebrochenes Chemiestudium in Saarbrücken, Tätigkeit als Straßenbahnfahrer in Hannover – immatrikulierte ich mich zum Sommersemester 1966 an der Technischen Hochschule Hannover – der heutigen Leibniz-Universität – mit den Fächern Wissenschaft von der Politik und Geographie für das Höhere Lehramt.

Meine beiden aktuellen Interessen, mit denen ich mein Studium wieder aufnahm, kamen dabei zum Tragen. Die Zeit bei der Straßenbahn hatte mich sensibilisiert für soziale Fragen, gesellschaftliche Probleme und vor allem für das Skandalon der Sozialen Ungleichheit. Hier wollte ich wissen, wie die Gesellschaft „tickt“ und welche Möglichkeiten Politik hat, im gesellschaftlichen Bereich etwas zu ändern und zu bewirken. In meiner Straßenbahnerzeit war ich schon in die Gewerkschaft ÖTV eingetreten und zog bald darauf die Konsequenz für mich, auch in der SPD tätig zu werden, wo ich vor allem bei den Jusos über einige Jahre einiges an Aktivität und Engagement aufbrachte. Dies war also die Wurzel für meine Studienfachwahl Politik.

Daneben blieb aber auch mein grundlegendes naturwissenschaftliches Interesse, das durchaus den Abbruch meines kurzen Chemiestudien-Beginns überdauert hat, bestehen. In der Geographie sah ich ein grenzüberschreitendes Fach im doppelten Sinn der Wortbedeutung, das die Nüchternheit des naturwissenschaftlichen Forschens mit dem Engagement gesellschaftswissenschaftlicher Analysen und Konzepte verbinden konnte.

Dem kam entgegen, dass der Ordinarius des Geographischen Instituts, Prof. Dr. Horst Mensching, als Dr. rer nat gerade auch der naturwissenschaftlichen Fragestellung des Faches besonders verbunden war und als „Externer“ persönliches Mitglied der Naturwissenschaftlichen Fakultät war. Er war für mich fachlich in ganz besonderer Weise ein anzustrebendes Leitbild in Bezug auf Fachkompetenz und geographischem Engagement. Sein Verdienst war es auch, das Afrika-Institut am Lehrstuhl für Geographie aufgebaut zu haben, das personell und zunächst auch materiell gut ausgestattet war und intensives wissenschaftliches Arbeiten ermöglichte.

Forschungsschwerpunkt Nordafrika

Am Afrika-Institut angesiedelt wurde dann auch die Arbeit am Blatt „Nordafrika“ (Tunesien und Ost-Algerien) des Afrika-Kartenwerks der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), an dem sich verschiedene Universitäten beteiligt hatten. In detaillierten Kartenblättern eines jeweils exemplarischen Raumes sollten die natürlichen Grundlagen ebenso wie die anthropogene Nutzung – Siedlung, Verkehr, Landwirtschaft und ökonomischen Entwicklungen und Veränderungen – jeweils als Kartensatz in unmittelbarer Geländearbeit erarbeitet werden, um damit weitere vergleichende Studien zu ermöglichen und ein differenzierteres geographisches Bild dieses Kontinents zu entwickeln. Professor Mensching hat Jahrzehnte später diese Arbeit nach seiner Emeritierung wieder aufgegriffen, als er als Gutachter der UNO und ihrer Unterorganisationen die Desertifikationsprozesse in der Sahel-Zone untersucht hat, um daraus Entwicklungskonzepte und neue Nutzungsleitlinien für die betroffenen Länder vorzulegen.

Einige Jahre – vor meiner eigenen Studienzeit – konzentrierte sich die Arbeit des Instituts in der Afrika-Abteilung auf Tunesien. Als zusätzliche Ergebnisse entstanden lesenswerte Dissertationen z.B. über die Medjerdja-Ebene, das Hügelland der Dorsale und die landwirtschaftliche Nutzung von Cap Bon, die Dr. Hermann Achenbach vorgelegt hatten, der mir dann die Algerien-Studienfahrt ermöglichte, von der ich hier berichten will.

Kennzeichen dieser Arbeiten waren hervorragende integrative Ansätze, die die natürlichen und gesellschaftlich-historischen Determinanten der Landesentwicklung und des jeweiligen Lebensraumes verständlich machen konnten und damit ganz allgemein eine differenzierte Frageperspektive für die Geographie entwickelten. Professor Mensching zog daraus ein bis heute lesenswertes Résumé in seiner Wissenschaftlichen Länderkunde „Tunesien“ (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) und der Fischer Länderkunde „Nordafrika“1 zusammen mit anderen Autoren. Bemerkenswert an diesen Arbeiten ist die intensive Nutzung spezifisch geographischer Darstellungsformen durch Karte, Schemazeichnungen und Fotos, woraus Studenten dieses Faches wertvolle Anregungen für die eigene Ausbildung wie die spätere Berufspraxis, vor allem als Lehrer, gewinnen konnten.

In dem Jahr vor meiner Immatrikulation hatte sich dann der Forschungsschwerpunkt nach Algerien verschoben, wo die geographische Arbeit kurz nach Ende des Algerienkrieges noch etwas schwierig, wenn nicht riskant war. Von einigen Problemen in dem unabhängig gewordenen Staat wird noch zu berichten sein. Den übergreifenden Rahmen bildete die langjährige Arbeit von Mensching in den Trockengebieten zunächst der Iberischen Halbinsel, dann verstärkt auch in Marokko. In Algerien wurde mit einem VW-Bus – mit „Tropenausrüstung“ – auch eine Sahara-Durchquerung und von Algier ausgehend ein Besuch des Ahaggar- (Hoggar-)Gebirges in der zentralen Sahara durchgeführt. Von diesen Reisen habe ich dann später vor allem von Dr. Achenbach vieles gehört. Dieser VW-Bus wurde dann 1967 auch unser Expeditionsfahrzeug für die Kartierung Ost-Algerien an der Grenze zu Tunesien. Dass wir in Ritzen und im Motorraum immer wieder noch Staub und roten Sand aus der zentralen Sahara fanden, sei nur am Rande zur Illustration vermerkt.

Das Thema Algerien

Algerien war, wie schon angedeutet, zu diesem Zeitpunkt für wissenschaftliche Arbeiten – ohne ausdrückliche und damit kontrollierte und gegängelte Beauftragung durch den algerischen Staat – noch ein sehr problematischer und unsicherer Raum, wenn auch nicht so gefährlich wie einige Jahrzehnte später in der Zeit der islamistischen Aufstände und des Bürgerkrieges, in der Reisen nicht durchführt werden konnten. Der Algerienkrieg seit 1951 zwischen der Kolonialmacht Frankreich und den aufständischen Algerien, die sich in der FLN organisiert hatten und zuletzt eine Exilregierung in Tunis gründeten, war erst 1962 mit dem Vertrag von Évian zu Ende gegangen. Eine detaillierte umfangreiche Darstellung dieser Zeit findet sich in der Studie von Elsenhans, die leider zur Zeit meines ersten Kontakts mit Algerien noch nicht vorlag und mir sonst gute Dienste für das Verständnis dieses Landes hätte vermitteln können. Ebenfalls erst später konnte ich mich dann in weitere Fachliteratur und die grundlegenden Arbeiten und Quellen von Fanon oder Memmi vertiefen.

Die innere Situation in Algerien war in diesen Jahren durchaus instabil und zum Teil auch chaotisch, was in den 80er und 90er Jahren dann in die islamistischen Aufstände und Terrorakte mündete. Kurz vorher konnte ich jedoch im Sommer 1981 noch einmal ein Wiedersehen mit diesem faszinierenden Land erleben, indem ich mit einer Schülergruppe der Bismarckschule Hannover eine Ferienreise mit zwei VW-Bussen durch den Maghreb (Marokko, Algerien und Tunesien mit einer Hinreise über Frankreich und Spanien und einer Rückreise mit Fährüberfahrt von Algier nach Marseilles) unternahm, von der vielleicht einmal an anderer Stelle zu berichten sein wird.

1964 wurde die Regierung von Ben Bella, die ehemalige Exilregierung aus Tunis, die 1962 in Evian den Friedensvertrag abgeschlossen hatte, durch einen Militärputsch durch General Boumedienne abgelöst, der die Befreiungstruppen der FLN, die im Lande selbst aus dem Untergrund heraus gekämpft hatten, repräsentierte. Diese „Alten Kämpfer“ (Mudjahedin) besetzten damit die Schlüsselstellungen im Staat, kamen aber mangels politischer und ökonomischer Kompetenz über Revolutionsromantik und militärisches Zeremoniell kaum hinaus. Mit diesem Staatsapparat hatten wir dann auch mehrfach unangenehme Erfahrungen machen können.

Die Zeit des ökonomischen Niedergangs und der politischen Krise und Zerfalls führte zu grundlegenden gesellschaftlichen Konflikten, vor allem als eine junge Generation sich nicht mehr in die Nostalgie der „Alten Kämpfer“ einfinden wollte und bei einem extremen Zuwachs der Bevölkerungszahl durch einen hohen Geburtenüberschuss sich jeder sinnvollen persönlichen Zukunftsperspektive beraubt sah.

Auch wenn wir schon bei dieser frühen Reise auf deprimierende Erfahrungen in diesem Land stießen, die die spätere Entwicklung zum islamistischen Aufstand der Jugend erkennbar machen konnten, dauerte es doch noch Jahrzehnte bis zum offensichtlichen Zusammenbruch der Macht und Autorität des Militärregimes, das keine Konsequenzen aus dem Versagen der politischen Herrschaft gezogen hatte.

So konnte auch der Tourismus bis in die Mitte der achtziger Jahre hinein noch nahezu ungefährdet wachsen, wie ich es mit einer Reise mit Schülern der Bismarckschule im Sommer 1981 in eindrucksvoller Weise realisieren konnte, auf der wir viele Orte besuchten, die ich 1967 erstmals mit Dr. Achenbach besucht hatte und kennen lernen – und das heißt in diesem faszinierenden Land auch: lieben lernen – durfte. Darüber hinaus hatten wir dann in einer West-Ost-Reise durch den Maghreb auch die Nachbarländer Marokko und Tunesien besucht und sind auch noch weiter in Richtung El Oued in die Wüste hinein gefahren.

In beiden Reisen waren die persönlichen Eindrücke weit gespannt: von deprimierenden Zeugnissen des zurück liegenden Algerienkrieges – durch Napalm verbrannte Waldskelette, Reste von Flugzeugwracks in Bergschluchten und verwaisten Wehrtürmen und Militärposten mit oft noch deutlichen Kampfspuren und Einschusslöchern – bis auf der anderen Seite zu erstaunlichem politischen Interesse und sogar kritisch fundiertem Zukunftsoptimismus, der sich auch in Gesprächen mit uns Ausländern äußerte. Das Land war durch die Erfahrungen im Befreiungskrieg zunächst wirklich zu einer Nation im Sinne einer Überlebenseinheit zusammengewachsen und in einer breiten Basis politisiert und an der Gestaltung der gemeinsamen Zukunft interessiert. Tragischer Weise wurde dieses Kapital für eine positive Entwicklung durch Machtgier, Korruption und Inkompetenz der herrschenden Militärelite restlos verspielt, was eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem politischen Wirken von Militärs nur noch plausibler erscheinen lässt.

Einführung in den ersten Semestern

Mein Studiengang Geographie begann mit dem Besuch von grundlegenden Vorlesungen zum Beispiel zur Gletscherkunde, zur Klimatologie und in länderkundlichem Ansatz zum Alpenraum, vor allem aber mit der Einführungsübung zur Arbeit im Gelände, die vom Assistenten Dr. Achenbach geleitet wurde. Wichtig war hier, dass Dr. Achenbach seine Aufgabe und damit die Studentengruppe ernst nahm und dadurch in der Lage war, auch im Kleinen und nahe Gelegenen die Augen zu öffnen für eine geographische Interpretation, um damit die Grundlagen zu legen für ein sachadäquates Fachverständnis.

Fünf Tagesexkursionen standen – jeweils Samstags – auf dem Programm: der Benther Berg westlich von Hannover war Gegenstand der geologischen und geotektonischen Interpretation des Nahraumes, bei der die Salztektonik des Empelder Salzstocks eine wichtige Rolle spielte; die Betrachtungen führten weiter zu geomorphologischen Fragen und der Bodenkunde der ßbörden. Es folgte eine Exkursion nach Bissendorf im Wietzetal nördlich von Hannover, wo die Moränenlandschaften der Saale-Eiszeit und die Altglaziale Serie im Mittelpunkt des Interesses standen. An interessanten Aufschlüssen bei offenem Kiesabbau konnten die Feinschichten der Moräne sehr anschaulich machen, wie ein oszillierender Gletschereisrand zu Kreuzschichtungen im Moränenkörper führte und Stauchungen die Lagerung veränderte. Interessant war auch die Erkenntnis, dass die kleine Wietze, die hier in Süd-Nordrichtung eine breite Tallandschaft mit diluvialen Terrassen durchfließt eigentlich ein altes Leinetal nutzt, das durch die Moorbildungen der Altglazialen Serie im Süden abgeschnitten wurde, wodurch die Leine zu dem großen Umweg über Wunstorf und Neustadt gezwungen wurde.

Südlich von Hannover zwischen Barnten und Pattensen liegt auf Löss eine intensiv für den Zuckerrübenanbau genutzte Kulturlandschaft auf der Mittelterrasse der Leine, die in der vorletzten Eiszeit aufgeschüttet worden war und die Bedeutung dieses Abflusssystems zwischen den Mittelgebirgszügen im Westen und Osten anschaulich werden lässt.

Die letzten beiden Wochenendexkursionen thematisierten dann die Mittelgebirgslandschaft westlich von Hannover. Die Erkundung der Bückeberge zwischen Bückeburg und Stadthagen war fokussiert auf die Gebirgsbildungsprozesse der alpidischen Faltungsphase auf der Grundlage kreidezeitlicher Gesteinspakete, die wir auch in Hannover im Deister, dem Lindener Berg und dem Kronsberg als Hannoverschen Untergrund identifizieren konnten. In den Bückebergen konnte dies Bild dann geologisch weiter differenziert werden. Vor allem auch die verschiedenen Talformungen und Erosionsprozesse von der Hangabtragung (Denudation) bis zu verschieden Talprofilen am Hang wurden genauer untersucht und beschrieben, um den Erosionsprozess mit seinen verschiedenen Wirkungsfaktoren verständlich zu machen.

Die letzte Exkursion war zeitlich und in Hinblick auf die Größe des erkundeten Gebietes nicht nur Abschluss sondern auch Höhepunkt unserer Exkursionsfolge. Ziel war das Wesergebirge an der Porta Westfalica, das wir mit einer Zugfahrt nach Minden erreichten. Dass Minden heute ein Endpunkt der S-Bahn Hannover geworden ist und damit noch näher an den Großraum Hannover rückt, war damals noch nicht abzusehen. Auch wenn ich seit 1950, dem Beginn meiner Schulzeit, in Hannover lebte, war mir diese Region bis dato noch völlig unbekannt geblieben. Unser Weg führte über den Kammweg des Wesergebirges, am Bismarckturm und dann über die Nammer Klippen in Richtung nach Eisbergen, wo mächtige eiszeitliche Ablagerungen betrachtet werden konnten. Ein Thema der Exkursion über diese jurassischen Kämme war die eiszeitliche Situation, als der Weserabfluss durch die Porta Westfalica durch den östlich gelegenen Eisrand gesperrt war und sich ein mächtiger See bildete, der auch von Schmelzwässern, die an den Passdurchbrüchen des Wesergebirges nach Westen abfließen konnten und dort jeweils mächtige Ablagerung aus Moränenmaterial hinterließen, gespeist wurde. Der Abfluss erfolgte dann entlang des Wiehengebirges in Richtung Nordwesten in das Abflusssystem des Rheins.

Die Nachhaltigkeit von Studiengängen

Es gibt zwei Gründe, hier auf diese Erfahrungen zu Beginn meines Geographiestudiums einzugehen und mit knappen Stichworten auf die thematischen Lernschwerpunkte einzugehen, die einem Geographen nicht fremd sein dürften. Zum Einen gibt die didaktische Konzeption dieses naturgeographischen Anfängerseminars ein gutes und praktikables Modell auch für eine Umsetzung in der Schule ab. Grade Tagesexkursionen im Nahbereich öffnen auch bei Schülerinnen und Schülern den Blick dafür, oft schon bekannte Gegenden neu und mit fachlich distanziertem Blick zu sehen, um durch die Entwicklung geeigneter Fragestellungen die Genese einer Landschaft zu erforschen und die geographischen Wirkungsfaktoren zu analysieren.

Ich konnte dies lange Jahre in meiner Berufstätigkeit am Gymnasium vor allem in elften Klassen im Fach Erdkunde selbst mit gutem Erfolg praktizieren, wobei mir, da mein Arbeitsort weiterhin Hannover war, auch die Exkursionsziele meiner Studienzeit als Vorbild dienten. Durch die Forderung nach schriftlichen Exkursionsberichten wurde dann eine nachhaltige und bewertbare Ergebnissicherung möglich. Dieser fachgeographische Ansatz, im Gelände zu lernen – was natürlich von Seiten des Lehrers eine entsprechende fachliche und methodische Kompetenz verlangt –, kann von mir nur als empfehlenswertes Muster sowohl für innerschulische Fachcurricula wie für die Arbeit von Rahmenrichtlinienkommissionen empfohlen werden. Leider läuft die schulpädagogische Entwicklung derzeit genau in die gegenteilige Richtung, wenn durch Turboabitur und Reduktion der verbindlichen Stoffe auf auch regional vorbestimmte Raumbeispiele Zeit und Möglichkeit eines dem Schulstandort angepassten Fachcurriculums weitgehend verloren geht und die Möglichkeiten von Exkursionen in der Unterrichtszeit immer radikaler restringiert werden. So verliert die Schule die wichtigsten Potenziale, die das Fach Erdkunde im pädagogischen Zielkanon anzubieten vermag und verhindert offene Unterrichtssituationen und Themenbestimmungen.

Ähnliches wird auch in einem Résumé der Ergebnisse der Teilnahme an Forschungsprojekten wie der hier thematisierten Algerienreise 1967 festzustellen sein, die mir über Jahrzehnte meiner Unterrichtspraxis Kompetenzbasis und regionale Unterrichtskonkretisierung waren und damit für die Schülerinnen und Schüler sehr eindrucksvolle geographische Einsichten und Fähigkeiten boten – einmal ganz abgesehen von der Vielzahl der Fernreisen, die ich in den großen Ferien anbieten konnte, so auch Anfang der achtziger Jahre nach Nordafrika, die, wie spätere Begegnungen zeigten, für viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer unvergessliche Erlebnisse mit lebensbestimmendem Charakter vermittelt haben –; auch diese Möglichkeiten gehen in der heute auf Leistungsdruck und Normierung ausgerichteten Schule weitgehend verloren. Manchmal denke ich wehmütig, ob nicht viele Jahrzehnte meiner praktischen wie wissenschaftlichen und schulpolitischen Arbeit für moderne, schülerzentrierte und offene Schulkonzepte in der derzeitigen pädagogischen und schulpolitischen Restauration – die letztlich gravierende gesellschaftliche Fehlentwicklungen widerspiegelt – vertane und Zeit gewesen sind. Hier hilft es dann nur, ganz konkret an die Schülerinnen und Schüler zu denken, die im Laufe der Zeit einiges von dem in ihr Leben mitnehmen konnten, was hier zum Beispiel im Fach Geographie im Studium angelegt worden war.

Der andere Grund, sich gerade in diesem Zusammenhang mit dem didaktischen Konzept des Geographiestudiums an der TU Hannover, wie ich selbst erfahren konnte, zu befassen, ist die unmittelbare Beziehung zu den Forschungsreisen, an denen ich teilnehmen konnte beziehungsweise die ich im Zusammenhang mit meinem Staatsexamen über die Geographie der Provinz Fars in Iran selbst konzipieren und durchführen konnte. Erst durch die nachhaltige Lernkonzeption der Anfängerübungen und ihrer Arbeit im Gelände konnte ich überhaupt fachlich die enormen Chancen erkennen und wahrnehmen, die sich durch meine Teilnahme an der Algerien-Forschungsreise mit Dr. Achenbach boten und die damit zur Grundlage eines erfolgreichen Geographiestudiums wurden.

Noch einmal zurück zu einem wichtigen Aspekt der Exkursionsarbeit im ersten Semester bei Dr. Achenbach. Als Leistungsnachweis verlangte das Institut von jeder Exkursion einen Exkursionsbericht, der nach einer Woche abzugeben war. Da mich die Exkursionen begeisterten und ich – auch für mich selbst und den angestrebten Lernerfolg – den Wert einer inhaltlich und sprachlich sorgfältigen Ausarbeitung und ihrer auch formal ansprechenden Gestaltung kannte, gab ich mir einige Mühe und fand mich dann zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit meinem Kommilitonen Wilfried Eilers aus Osterode am Harz zusammen, die über dieses Semester hinaus rechte, zu einer späteren gemeinsamen Iran-Reise für unsere Staatsexamensarbeiten führte und sich zu einer Freundschaft entwickelte, die bis heute anhält.

Das Geographische Institut und hier eben Dr. Achenbach honorierten meine sorgfältige Arbeit dann nicht nur mit guten Leistungsnoten sondern auch mit persönlicher Anerkennung und Wertschätzung, die mir das weitere Geographiestudium erheblich erleichterten und zum Studienerfolg beitrugen. Ohne dieses erfolgreiche erste Semester hätte ich mit Sicherheit nicht die Chance zu einer Teilnahme an der Algerien-Forschungsreise erhalten!

Die self-fulfilling prophecy in der Leistungsbewertung – ein aktuelles Problem

Hier soll ein eher marginales Histörchen diesen persönlichen Ruf, den ich im ersten Semester errungen hatte – eigentlich nur dadurch, dass ich die Pflichtaufgabe der Exkursionsberichte ernst genommen und mit einigem Spaß an der Arbeit sorgfältig ausgearbeitet hatte – und seinen praktischen Nutzen verdeutlichen (könnte auch ein Argument für Schüler und Studenten sein, von Anfang an auch kleine Aufgaben ernst zu nehmen und sorgfältig auszuführen!).

Auf unserer letzten Tagesexkursion zur Porta Westfalica sollte ein komplexer Stoff der Landschaftsgenese in und nach den beiden letzten Eiszeiten (Porta-Stadium des Saale-Glazials) – für die es im Einzelnen durchaus verschieden akzentuierte Erklärungskonzepte und Hypothesen gab und gibt – und ihre Folgen für die rezente anthropogene Inwertsetzung erarbeitet und analysiert werden.

Bei dieser Abschlussexkursion des ersten Semesters übernahm der Chef, Prof. Mensching, selbst die Leitung, was mir noch einige interessante zusätzliche Lernansätze vermitteln konnte. So versuchte ich die Exkursion nahe bei Prof. Mensching, mit dem Notizblock in der Hand und dem Fotoapparat schussbereit über die Schulter gehängt, möglichst genau zu verfolgen, wurde damit aber auch immer einer der ersten Ansprechpartner des Exkursionsleiters, der sich an diesem Tag auch ein Bild von den neuen Studentinnen und Studenten machen wollte. Die meisten anderen Kommilitoninnen und Kommilitonen scheuten diese Rolle und hielten sich, bis auf zwei oder drei weitere besonders Interessierte, eher im Hintergrund.

Aber durch meine Berufstätigkeit vor Studienbeginn war ich in solchen Situationen so professionalisiert, dass ich Nähe und Gespräch zu Vorgesetzten ohne persönliche Scheu suchen und für mich selbst maximal ausnutzen konnte. Mensching hob nun plötzlich einen schwarzen Stein vom Weg auf und fragte mich: „Was ist das?“ – Aber er unterbrach sich sofort mit den Worten: „Lassen Sie‛s, Sie wissen es ja sowieso!“ und ein anderer Student gab dann die mehr oder weniger richtige Antwort.

Was Mensching nicht wusste: ich hatte natürlich keine Ahnung. Aber in solchen Situationen wirkt die self-fulfilling prophecy, dass der als leistungsmäßig gut eingeschätzte gar nicht in kritischen Fragen überprüft wird sondern nur wahrgenommen wird, wenn er von sich aus richtige Lösungen beizutragen hat, was dann sein Image immer wieder bestätigt und ihm letztlich tatsächlich zusätzliche Lern- und Leistungschancen zuteilt. So wird es für den so bevorzugten immer leichter sein, Klippen zu umschiffen, als für denjenigen, dem sich a priori Misstrauen in den Weg stellt. Diese Zusammenhänge, die im Fach Soziologie intensiv diskutiert worden sind und die mir natürlich aus meinem Politikstudium geläufig waren, sollte eigentlich jede Lehrkraft kennen und berücksichtigen, um Schülerinnen und Schülern kompetent und fördernd gegenüber treten zu können. Gerade als jemand, der von diesen Zusammenhängen immer wieder profitieren konnte, möchte ich dieser Forderung großen Nachdruck verleihen. Muss ich mich jetzt moralisch rechtfertigen, dass mir diese positiven Vorurteile bis zum Abschluss meines Studiums geholfen haben und auch vielleicht auf mein Selbstbild durchgeschlagen sind?

Das Rätsel des schwarzen Steines

Nun fragt sich der Leser sicher, was war das denn für ein geheimnisvoller schwarzer Stein auf den Höhen der Nammer Klippen? Auch wenn dies wieder einmal eine thematische Abschweifung bedeutet – unser Thema der Abreise nach Algerien verschiebt sich damit wieder einmal, was hoffentlich auch die Spannung steigert –, soll das Rätsel hier ansatzweise gelöst werden, da wir auch im Gelände auf dem Kamm des Wesergebirges sehr ausführlich diesen Fund erörtert haben und dabei feststellen mussten, dass der Stein an diesem Ort gar nichts Besonderes war, sondern ein Stück des anstehenden kalkhaltigen Materials aus der Zeit des Jura, aus denen der Kamm bestand: dem Korallenoolith, auch genannt: dem Eierstein, der seinen Namen von seiner Textur hat, die festem schwarzen Kaviar, den „Fischeiern“ (Rogen) gleicht.

Zunächst wurde hier erkennbar, dass zu gewissen Zeiten in der Formation des Jura hier ein tropisches Flachmeer existierte, in dem mächtige Korallenbänke und Atolle wuchsen und sich flache, zeitweise vom offenen Meer abgeschlossene Wasserflächen in der Form von Lagunen bildeten, in denen durch die stetige Verdunstung der Salz- und Kalkgehalt immer weiter bis hin zur übersättigten Lösung stieg. Bestimmte mikroskopische Kleinstlebewesen lebten in dieser extremen Umwelt und fungierten als Ablagerungs- beziehungsweise Kristallisationskerne für den Kalk, der aus der Lösung damit ausgefällt wurde. Der hohe Eisengehalt dieser Ablagerung färbte diese dann tiefschwarz. Die Struktur der fast kugelförmigen kleinen Ausfällungen blieb auch nach der Ablagerung auf dem Lagunenboden und der langsamen Verfestigung zu einer mächtigen Gesteinsschicht erhalten und bildete so den jurassischen Korallenoolith, der in späterer geologischer Zeit als Gebirge gehoben wurde.

Das Studium in Hannover

Aber nun zurück zu den allgemeinen Bemerkungen zum Studium in Hannover, das mir dann weitere wichtige Exkursionen, Studienfahrten und fachliche Erfahrungen und schließlich auch die Reise nach Nordafrika ermöglichte.

Das Studium in Hannover vermittelte ein bestimmtes Bild vom Fach Geographie, das mir bis heute als geeignet und vorbildlich erscheint, wenn ich auch im Laufe der Zeit Ergänzungen in Hinblick auf eine Geographie als Politischer Bildung vorgenommen habe und in diesem Bereich auch durch eigene Veröffentlichungen beitragen konnte.

Exkursionen und Studienfahrten im Zentrum der Geographie

Die Arbeit im Fach und damit auch im Studium war bei allem Bemühen um wissenschaftliche und theoretische Stringenz, von der sich Prof. Mensching nichts abhandeln ließ, sehr stark von der praktischen Arbeit im Gelände und der didaktischen Verantwortung für die Vermittlung der Forschungsergebnisse geprägt. Die wichtigsten theoretischen Autoren des Faches wurden in Vorlesungen und Übungen so vermittelt, dass ihre Bedeutung für den realen geographischen Gegenstand erkennbar wurde; dadurch blieben sie im gesamten weiteren Berufsleben präsent und parat und konnten am Gegenstand orientiert und empirisch fundiert angewandt und vermittelt werden.

Dieses induktive Arbeiten und Lernen ging von der Arbeit im Gelände aus. Was erkannt werden sollte ist, wie immer es möglich ist, selbst zu sehen, erkennen und zu bearbeiten. Daher begann das Studium wie schon beschrieben mit dem Exkursionsseminar für Anfänger; später kam ein umfängliches Geländepraktikum hinzu, als dessen Thema ich zusammen mit meinem Kommilitonen Wilfried Eilers eine Kartierung des Doppelortes Hagenburg / Altenhagen am Steinhuder Meer westlich von Steinhude vorzunehmen hatte. Neben den Kartierungsergebnissen war dann ein umfänglicher Bericht zu erstellen. Doch das war später und ich konnte dabei schon auf meine Erfahrungen von der Algerienreise zurückgreifen, über die ich hier berichten will.

Am Ende des ersten Semesters wurde im Institut eine zusätzliche Exkursion angeboten, die ausnahmsweise nicht in den Semesterplan eingearbeitet war und in der vorlesungsfreien Zeit stattfinden sollte. Teilnehmen konnten Studentinnen und Studenten aller Semester, wenn auch dann die Gruppe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer doch vorwiegend aus den älteren Semestern stammte. Die Leitung und Vorbereitung hatte wieder Dr. Achenbach übernommen. Mit dieser Gruppe Freiwilliger sollte ein Land bereist werden, zu dem das Institut bislang keinen Kontakt pflegte: Ungarn. Anlass war wohl eine sich vorsichtig anbahnende wissenschaftliche Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule von Miskolc im Nordosten des Landes.

Ich ließ es mir nicht nehmen, mich zu dieser ersten großen Exkursion in meiner Studienzeit anzumelden, auch weil die Leitung durch Dr. Achenbach einen erheblichen geographischen Gewinn versprach. Außerdem wurde dies – sieht man einmal von Verwandtenbesuchen in Dresden in der DDR in meiner Jugendzeit ab – zu meinem ersten Besuch hinter den Eisernen Vorhang, der nicht nur in der politischen Realität Europas sondern auch in unseren eigenen Köpfen aufgerichtet war. Die Zeit des Ungarn-Aufstandes 1956 war noch nicht allzu weit zurück und die Angst vor weiteren militärischen Interventionen hat sich dann ja auch 1968 bei der Niederschlagung des Prager Frühlings verhängnisvoll bestätigte.

So bestand eine gewisse Unsicherheit bei der Vorbereitung der Reise in dieses Land, das vor allem als hinter dem Eisernen Vorhang befindlich wahrgenommen wurde. Es war uns allen wohl nicht ganz klar, was uns in Ungarn erwarten sollte. Strikte Beschränkungen in der Routenplanung wie auch strenge Fotographierverbote wurden schon in der Vorbereitung als Verhaltensmaßregeln bekannt und ließen eher trübe Erfahrungen erwarten.

Daher wurden auch einige vorbereitende Seminartage im Europa-Haus in Wien vorgeschaltet, wodurch Mittel der rechtskonservativen und den Vertriebenenverbänden nahe stehenden Jugend des Ostens eingeworben werden konnten, die die Reise recht preiswert machten. Doch der zu erwartende propagandistische Aspekt blieb weitgehend aus und wir konnten in Wien eine Reihe von informativen und interessanten Vorträgen österreichischer und (exil-)ungarischer Referenten hören, was gerade für die historische und politische Wahrnehmung bei der anschließenden Reise von nicht zu unterschätzenden Bedeutung war, da die eigene Vorbereitung sich stärker auf die geographische Thematik konzentriert hatte.

Neben dem Kennenlernen der Metropole Budapest stand vor allem eine Busrundreise von Budapest entlang den ungarischen Mittelgebirgen nach Miskolc und einer Rückreise durch die große ungarische Tiefebene, dem Alföld, über Kecskemét und Dunaújváros auf dem Programm. Bei der Überquerung der Donau auf der streng militärisch bewachten kombinierten Straßen- und Eisenbahnbrücke herrschte dann striktes Fotographierverbot und in Dunaújváros war die Einfahrt in das Stadtzentrum ebenso verboten wie die Annäherung an das Stahlkombinat. Für den Wirtschaftsgeographen war und ist dieser Industriestandort natürlich besonders interessant, ist doch diese Ansiedlung eines neuen großen Stahlkombinats auf der grünen Wiese am Ufer der Donau als zunächst Stalinújváros ein Beispiel für eine politisch motivierte Standortwahl mit einer sowohl geographischen wie ökonomischen Grundproblematik, die den Betrieb bis heute belastet.

Geographische Erläuterungen und Beobachtungen standen natürlich den Standards des Instituts angemessen auf dem Programm und wurden in Miskolc durch Dozenten des Geographischen Instituts der Technischen Hochschule unterstützt.

Diese Ungarnreise – und das konnte ich damals noch nicht ahnen – wurde für spätere geographische sowie politisch-historische Arbeiten und Reiseprojekte von entscheidender Bedeutung für mich. Wer hätte damals voraussehen können, dass sich in den neunziger Jahren eine fruchtbare Zusammenarbeit und persönliche Freundschaft zu Professor Zoltán Ántal vom Geographischen Institut der ELTE-Universität in Budapest, dem Nestor der ungarischen Wirtschaftsgeographen, entwickelte und auch darin gipfelte, dass ich zum 50 jährigen Institutsjubiläum vor einigen Jahren gebeten wurde, einen der Festvorträge in deutscher Sprache zu halten.

Studienerfahrungen im Zeitvergleich

So war ich schon in meinen Studienjahren voll eingedeckt mit Gelände- und Exkursionserfahrungen und bin dadurch ein Geograph geworden, der dem Leitbild folgen wollte, dass Erdkunde nicht am grünen Tisch stattfinden sollte, sondern im Gelände. Aber es fehlten mir nach zwei Studiensemestern noch die Einblicke in konkrete und intensive geographische Forschungsarbeit in einem ausgewählten Bezugsraum mit bewusst aus dem jeweiligen Forschungsstand heraus entwickelten fachlichen Fragestellungen.

Bei dem abgeflachten Fachverständnis der heutigen Schulgeographie im 21. Jahrhundert werden Fachvertreter und Schulpolitiker natürlich fragen, ob diese Erfahrungen für einen Erdkundelehrer eigentlich notwendig und sinnvoll sind und nicht eine Konzentration auf sogenannte schulrelevante und lehrplanbezogene Gegenstände und Stoffe – von Fähigkeiten will ich hier gar nicht reden – ausreichen sollte – womit natürlich der alte Anspruch auf eine wissenschaftliche Ausbildung der Lehrer, traditionell aber schon eher auf das Höhere Lehramt ausgerichtet, aufgegeben wird. Parallel dazu wird immer weiter auch das Lernkonzept für die Schülerinnen und Schüler gereinigt von reflexiver und distanzierter Denkschulung und wissenschaftlichen Zugängen zu den eigenen Realitätserfahrungen. Damit wird ein Jahrhundert Reformbemühungen, in den Hochschulen seit Humboldt, einfach weg gewischt. Ob dies für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft wirklich hinnehmbar sein kann?

Die meiner Meinung nach leider eher missglückte und komplexere Studienziele verhindernde, verschulte Hochschulreform und ihre Trennung von Bachelor- und Masterstudiengängen erschwert zudem den gesellschaftlichen Fortschritt zu einer wirklichen Wissensgesellschaft und beschneidet auf den gesellschaftlichen Fortschritt gerichtete akademische Curricula, die gerade auch Selbstverantwortung im Wissenserwerb und Flexibilität im Lernen vermitteln müssten. Vieles davon war in meinen Fächern in den sechziger und siebziger Jahren schon erreicht oder zu mindestens in einer suchenden Entwicklung in der richtigen Richtung. Dies wurde durch einen restaurativen Konsens über einen viel traditionelleren Bildungsbegriff in Hochschule und Schule zurück gefahren und letztlich verdrängt. An die Stelle einer universellen Bildung tritt betriebswirtschaftliches Kalkül darüber, wie viel der Gesellschaft denn nun ein Student kostet und was er in seinem Beruft dann einbringt. Maßstab sind Rankings und restriktive Ausleseverfahren mit dem Ziel der Elitebildung für Wenige und die Entwicklung separierter Exellenzcluster an den Hochschulen. Die frühere Bandbreite der geographischen Schwerpunkte und Methoden war durchaus keine Belastung für die zu erwerbenden Qualifikationen der Absolventen; im Gegenteil, dieses Studium regte einen fruchtbaren Fachdiskurs an und zwang dazu, sich in seinem Fach zu positionieren.

All diese restaurativen Änderungen im Hochschulbetrieb brauchte ich zu meinem Glück in meinem Studium noch nicht mitzumachen und kann ansatzweise dann doch behaupten, in meinen Fächern zu einem wissenschaftlich denkenden, fachlich weit gespannt ausgebildeten Geographen und Gesellschaftswissenschaftler geworden zu sein, für den lebenslanges auch fachliches Lernen eine Selbstverständlichkeit ist und der Aufgaben in der Schule, an Hochschulen, in der Erwachsenenbildung und im Rahmen selbstständiger wissenschaftlicher Arbeit ohne viel Mühe über Jahrzehnte hin übernehmen konnte. Das sollte ein Plädoyer für die Hochschule sein, die ich von 1966 bis 1971 in Hannover habe kennen gelernt!

Die Aufbruchstimmung an der Hochschule erforderte von jedem Einzelnen ein Nachdenken über seine Studienziele und die damit zu vermittelnden Bildungsinhalte in ihren gesellschaftlichen Kontexten, wodurch in der Studentenschaft oft kontroverse Positionierungen und gerade auch im Fach Politik radikale Stellungen entstanden.

Keineswegs will ich hier auf das dumme Schlagwort von den „68ern“ abheben, denn ich sehe hier eine viel differenziertere und generationsübergreifende Aufbruchstimmung als Antwort auf die immer deutlicher hervortretenden Mängel und Defizite der Staats- und Gesellschaftsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland wie in den Nachbarstaaten noch dem Zweiten Weltkrieg. Es ist anzunehmen und zu hoffen, dass in einiger Zeit sich wieder eine Aufbruchbewegung in den westlichen Demokratien konstituieren wird, um nun eine Antwort auf die immer deutlicher sichtbar werdenden Verkrustungen und konservativ-restaurativen Ideologisierungen zu suchen und neue Wege auch im Bereich der Hochschulen und Schulen zu finden. Vielleicht ist die aktuelle Weltwirtschafts- und Finanzkrise seit 2008 ein erster massiver Stoß zur notwendigen kritischen Bewusstseinsbildung.

Meine beiden Studienfächer Erdkunde und Wissenschaft von der Politik hatten sich in Fragen der Bildungspolitik dieser Zeit durchaus kontrovers positioniert. Im Fach Politik herrschten bei der Studentenschaft vorwiegend linke, z.T. auch linksradikale, und von Seiten der Dozenten sozialdemokratische Vorstellungen sowohl über die Ziele einer Reform der Hochschule und der Studiengänge als auch über gesamtgesellschaftliche Fragen vor, die vom Reformimpetus des Ordinarius Prof. Peter von Oertzen deutlich unterstützt und als insgesamt positiv bewertet worden sind Peter von Oertzen war später Vordenker der SPD und besonders aktiv in der programmatischen Arbeit, wobei er jedoch immer stärker in den linken Parteiflügel abgeschoben wurde , und auch der Soziologe Prof. von Ferber als eher Liberaler hat mit dem Ausbau der Gesellschaftswissenschaften und der Implantierung vor allem der medium range theory und einer kritische Sozialempirik einige sehr positive Reformimpulse beigetragen. Später gegen Ende meiner eigenen Studienzeit, als ich mich selbst schon eindeutig sozialdemokratisch und gewerkschaftlich orientiert hatte - verließen beide genannten Professoren die Universität - Peter von Oertzen wurde in Niedersachsen Kultusminister, von Ferber erhielt einer ehrenhaften Ruf von einer nordrhein-westfälischen Universität - und wurden durch zwei wiederum hochrangige Professoren ersetzt: dem Politologen Prof. Seifert und dem Soziologen Oskar Negt, die das Linke Profil der Gesellschaftswissenschaften an der Universität noch deutlich verstärkten und bei denen ich dann auch meine Staatsexamens-Prüfungen ablegte.

Veränderungen im Fach Geographie

Das Fach Geographie richtete den Blick eher auf das eigene Selbstverständnis, auf das Fach selbst. Dass sich in diesem Fach auch eher eine traditionsorientierte Studentenschaft fand, die nur ansatzweise Geographie als Gesellschaftswissenschaft oder gar als Teil der Politischen Bildung verstand – was sie in einer kritischen Einordnung sicher war und ist – bedingte deutliche Stimmungs- und Einordnungsunterschiede zu den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern. Etwa ein Jahrzehnt später fanden solche politischen Selbstverständnisse des Faches Geographie vor allem auch zielend auf die Schulgeographie durch kritische Geographen wie Filipp, Schramke oder Schmidt-Wulffen, mit denen ich dann immer wieder zu einer für mich interessanten Zusammenarbeit fand, Eingang in die Grundsatzdiskussionen des Faches, führten dann aber auch zu deutlichen Polarisierungen, bei denen der traditionalistische Verband der Schulgeographen sehr deutliche Gegenpositionen bezog und der Schulgeographie eine kognitiv dominierte im Kern »fachsystematische« Ausrichtung zuschreiben konnte. Dass ich mich in diesen Diskursen eindeutig positionieren konnte und auch in Publikationen und Lehrerfortbildungen versucht habe, die Charakteristik der Geographie als Politischer Bildung zu festigen, ist sowohl der »grenzüberschreitenden Fächerwahl« wie der Offenheit und fachlichen Kompetenz meiner Ausbildung am geographischen Institut geschuldet.

Entsprechend der schon kritisch genannten restaurativen Tendenz in der Gesellschaft wie in der Bildungspolitik befindet sich - etwas überspitzt ausgedrückt – das Fach Erdkunde in der Schule auf dem Weg zurück in die Zeit vor den didaktischen Reformen der siebziger und achtziger Jahre, die zunehmend anathematisiert werden und deren Umsetzung durch Zentralabitur und verbindliche Bildungsstandards – die keineswegs aus der Praxis heraus entstanden oder fachdidaktische Diskursen folgen - verunmöglicht wird. Das gleiche Problem findet sich im Studium nach den derzeitigen Hochschulreformen, die in überwiegender Weise dem Konzept der Verschulung und der repressiven Regulierung der Studienabläufe gerade auch für die Lehramtsstudenten folgen und damit das eingeschränkte Bildungskonzept der heutigen Schulen perpetuieren.

»Studium Generale« oder: was bedeutet noch der Humboldtsche Bildungsbegriff?

"Studium generale"

Nach diesem Ausblick in die Gegenwart, der sich durch eine kritische Sichtung der Erinnerungen an die eigene Ausbildungszeit anbietet, zurück zu meinen Studienerfahrungen Ende der sechziger Jahre. In diesem Spannungsfeld stand ich als junger Student mit beiden Fächern, die mir beide viel gaben und denen ich mich mit Engagement widmete, ohne dabei ein über die Fachbeschränkungen hinaus weisendes »studium generale« zu vernachlässigen, auf das die Hochschule zu dieser Zeit als wichtigem Reformimpuls zunehmend Wert legte (heute sicherlich undenkbar!). Ein Grund dafür war sicherlich, dass die TH in den sechziger Jahren begann, die Einschränkungen einer Technischen Hochschule zu überwinden und durch die Implantation anderer Fachrichtungen, so zum Beispiel der Gesellschaftswissenschaften und der Sprachwissenschaften, zu überwinden, um über den Zwischenschritt einer Technischen Universität (die Umbenennung zur TU fand noch während meiner Studienzeit statt) zur Universität Hannover, der seit kurzem dem hannoverschen Universalgenie zu geeigneten Leibniz Universität Hannover, zu werden.

Über dieses »studium generale« genauer zu berichten ist hier nicht beabsichtigt. Doch da die Neugier, alte Erinnerungen hervorzuholen, groß ist, suche ich mein altes Studienbuch von der TUH hervor und beginne die belegten Vorlesungen und Übungen der ersten Semester durchzusehen. Erstaunen zunächst über das thematische Chaos, das eine rationale Studienplanung auf den ersten Blick nicht erkennen lässt. Erst beim genaueren Durchsehen tauchen die Erinnerungen an die tatsächlich besuchten Lehrveranstaltungen wieder auf. Da die Technische Hochschule ihr Meldungssystem schon auf wenn auch noch altertümlich anmutende EDV umgestellt hatte, konnten die anfangs noch vorhandenen Informationsmängel durch »Vorratsbelegungen« von z.T. dann doch überflüssigen Lehrveranstaltungen ausgeglichen werden. Doch die zentralen Fachangebote sind dann doch zu finden, bei Prof. Mensching, von Oertzen und von Ferber und den sonstigen Lehrbeauftragten.

Ich erinnere mich, dass ich nur wenige Hauptvorlesungen besucht habe, vor allem die Vorlesungen von Mensching in der Brühlstraße - Klimageographie, Gletscherkunde, Alpenländer: Mensching verstand es sehr gut, mit vielen Dias und Karten veranschaulicht, zentrale Themen der Geographie aufzubereiten und nachhaltig zu vermitteln -, mich dafür konzentrierte auf Übungen und Seminare, die meinem Wunsch nach mehr eigener Betätigung eher entgegenkamen.

Das »studium generale« taucht dann schon vom ersten Semester an auf. Neben den wöchentlichen Proben im »collegium musicum instrumentale« bei dem meine begrenzten geigerischen Fähigkeiten zu einem Platz am letzen Pult der zweiten Violinen reichten, fand hier das Mitsingen im Hochschulchor statt. Damit war eine Brücke zu meiner Schulzeit geschlagen, in der ich mit viel Freude im Schulorchester ebenso wie im Schulchor teilgenommen hatte. Bei der Feier zur Amtseinführung des neuen Hochschulrektors konnte ich mich dann auch doppelt musikalisch betätigen, auch mit dem Festchoral (nach Goethe) »Geh, geh, bedenke Deine Schritte, lerne zeitig klüger sein...« - ein recht passender Text für einen neuen Hochschulrektor!

Aber das Studienbuch erinnert auch daran, dass damals die einmalige Gelegenheit bestand, recht unverbindlich in das Fach Germanistik hereinzuhorchen, in dem der neu berufene weltbekannte Professor Hans Mayer spannende Einführungen in die Literatur anbot, zunächst noch im »studium generale« oder in Verbindung mit anderen Fächern wie der Wissenschaft von der Politik und damit Prof. Von Oertzen, da das Verfahren zur offiziellen Anerkennung der Germanistik, die gerade aufgebaut wurde, noch nicht abgeschlossen war. Wie hätte ich sonst als Anfangssemester an einem Oberseminar über moderne Lyrik mit Schwerpunkt Brecht bei Prof. Mayer teilnehmen könne, das nur knapp zehn Teilnehmer gefunden hatte und daher im Dienstzimmer des Ordinarius in bequemen Sesseln durchgeführt wurde.

Ehe ich hier noch mehr in nostalgische Erinnerungen verfalle und näher auf Musikgeschichte bei Prof. Sievers, auf germanistische Vorlesungen und Übungen (alle eigentlich erst für fortgeschrittene Semester, die es aber hier noch gar nicht gab) über Heinrich Heine, Döblin/Musil/Broch beim Dozenten Kreutzer, der auch eine Einführung in die Thematik »Kitsch und Kunst« anbot, oder auf das Tagespolitische Colloquium, das vom ganzen politologischen Institut angeboten wurde, eingehe, muss ich doch wieder auf das Fach Geographie zurück kommen, in dem nun mein zweites Semester begann und der kulturgeographische Schwerpunkt in den Vordergrund rückte.

Neben dem Spaß an dem Erarbeiten der Studieninhalte war weiterhin der Ernst in Bezug auf die Leistungsanforderungen wichtig. Meine vorhergegangene Berufstätigkeit - ich empfand mich ja immer noch etwas als »Straßenbahnfahrer« und Arbeiter bestimmte meine Orientierung an den Werten einer persönlichen Professionalität (ob das eine Parallele zu dem derzeit viel zitierten »Yes, we can!« hat, sei dahin gestellt) - was mich immunisierte gegen »chaotisch-revolutionäre« Antihaltungen gegenüber meiner gesellschaftlichen Umwelt, wie sie vor allem in Teilen der damaligen Studentenschaft verbreitet waren. Aber auch unkritische Gesellschaftssichten, wie sie in der geographischen Studentenschaft zu finden waren, wurden von mir nach den Erfahrungen im Arbeitsalltag des Schichtarbeiters nicht geteilt.

1  Horst Mensching und Eugen Wirth: Fischer Länderkunde: Nordafrika und Vorderasien. Frankfurt am Main 1989

Inhalt

Forschungsschwerpunkt Nordafrika

Das Thema Algerien

Einführung in den ersten Semestern

Die Nachhaltigkeit von Studiengängen

Das Rätsel des schwarzen Steines

Das Studium in Hannover

Exkursionen und Studienfahrten im Zentrum der Geographie

Studienerfahrungen im Zeitvergleich

Veränderungen im Fach Geographie

"Studium generale"

 

   
   

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Bearbeitungsstand: 25.12.2008

Letzte Bearbeitung: 22.02.2012

   
   

 

     
   

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