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Deutschland:
Gesellschaft - Wirtschaft - Politische Kultur

Weimar – Nationalsozialismus – Nachkriegsdeutschland:

Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zwischen Krise, Katastrophe und Erneuerung

Materialien für den Gemeinschaftskunde-Unterricht*

 

I. Zur politischen Auseinandersetzung mit dem „Erbe der Vergangenheit“

1. „Zur öffentlichen Diskussion über neonazistische Aktivitäten“

Kleine Anfrage der SPD Landtagsabgeordneten Wernstedt und Pennigsdorf [...]
[Drucksache 8 / Nr. 3625]

Betr.: Neonazistische Umtriebe in Hannover

Wortlaut der KIeinen Anfrage der Abgeordneten Wernstedt, Pennigsdorf /SPD vom 1.2.1979

„In der Innenstadt Hannovers stehen seit Monaten an Sonnabenden in regelmäßigen Abständen Ju­gendli­che an einem Informationsstand von dem aus sie Hetzschriften verteilen. U. a. wurde das soge­nannte »Mitteilungsblatt der Deutsch-Völkischen Gemeinschaft«, für das ein Werner Braun aus Karlsruhe presse­rechtlich verantwortlich zeichnet, verteilt. Die Nr. 6/77 dieses Mitteilungsblattes ent­hält folgende Aufforde­rungen: „SchIuß mit der 6-Millionen-Juden-Lüge und der Kriegsschuld-Lüge“ sowie „Wer in Presse, Rund­funk, Schule oder Fernsehen Lügen über Adolf Hitler und das Dritte Reich verbreitet, ist ein Schwein und gehört in ein Arbeitslager oder in eine Nervenklinik!“ Unter dem Titel „USA und UdSSR: Juden sehen Dich an!“ wird in der Nr. 7/77 geschrieben: „Da nicht anzu­nehmen ist, daß die Juden freiwillig ihre Schlüsselposi­tionen aufgeben, müssen wir sie eben ›ganz demokratisch‹ dazu zwingen.“ „Wir, die Deutsch-Völkische Gemeinschaft, fordern für jedes Volk seinen Lebensraum und Führung der Völker durch die Besten aus ihren eigenen Reihen.“ Auf dem­selben Flugblatt ist in voller Länge der Text des faschistischen Liedes „Es zittern die morschen Kno­chen“ mit dem bekannten Refrain „Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt, denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“ abgedruckt.

Von offenbar demselben Personenkreis sollen Bedrohungen von Mitgliedern der Jüdischen Ge­meinde in Hannover ausgehen (vgl. HAZ vom 21.12. 1977). Die Jüdische Gemeinde hat ihrerseits Strafanzeige gegen Unbekannt bei der Staatsanwaltschaft Lüneburg gestellt.

Darüber hinaus ist es kürzlich in der Innenstadt von Hannover zu einer Schlägerei zwischen Mitglie­dern der NPD und des KBW gekommen.

Wir fragen die Landesregierung:

1.     Was sind nach Ansicht der Landesregierung die Gründe, die zu den verstärkten neonazistischen Um­trieben führen?

2.     Hält es die Landesregierung angesichts der monatelangen Aktivitäten, (Hakenkreuz-Schmierereien usw.) für ausreichend, die Beunruhigung und Besorgnis in der Jüdischen Gemeinde und anderer Teile der Bevölkerung dadurch zu beantworten, daß man auf die geringe Zahl der organisierten Rechtsradi­ka­len verweist?

3.     Hält sie die oben zitierten neonazistischen und rassistischen Texte für vereinbar mit dem grundge­setz­lich geschützten Recht auf freie Meinungsäußerung? Wenn nein, was gedenkt sie gegen die Ver­brei­tung derartiger Schritten zu tun?

4.     Auf welche Weise kann und will die Landesregierung sicherstellen, daß von dem ungehemmten Auf­tre­ten solcher Jugendgruppen nicht Ermutigungen zu ähnlichen Aktivitäten anderer ausgehen?

5.     Ist die Landesregierung der Ansicht, daß durch das verstärkte Auftreten neonazistischer Strömungen das Ansehen der Bundesrepublik im Ausland empfindlich beeinträchtigt wird und der Friedens- und Entspannungspolitik schadet?“

2. Der Fall Margret Bechler: Eine deutsche Biographie – Die Frau des Wider­standskämpfers

Auszüge aus dem ersten Teil der STERN-Serie „Ein deutsches Schicksal“
  • Margret Bechler ist heute Lehrerin. Alle Versuche, Kontakt zu ihren Kindern aufzuneh­men, schei­terten

  • Bernhard Bechler wurde General der Nationalen Volksarmee in der DDR. Die Kinder wuchsen bei ihm auf

Winter 1942/43. Russischer Winter. Im Raum von Stalingrad wird innerhalb von zehn Wochen eine ganze deutsche Armee aufgerieben und gefangen. Es ist die 6. Armee des Generaloberst Paulus, rund 250.000 Mann.

In der wiedereroberten Stadt sollen sowjetische Gräberkommandos 50.000 Leichen gefunden haben. Verhungerte, Erfrorene, Gefallene. Den langen Marsch in die Gefangenschaft treten 200.000 Mann an, überleben werden ihn 6.000. Einer davon ist der Major Bernhard Bechler, ein begeisterter Soldat und gläubiger Nationalsozialist, damals gerade 32 Jahre alt. Er, der eine Zeitlang Adjutant des Generals z.b.V. Eugen Müller war, kennt die deutschen Vernichtungspläne für die Rote Armee. Es war Müller, der im Juli 1941 in Warschau verkündete: „Träger der feindlichen Einstellung sind nicht zu konservieren, sondern zu vernichten.“

Auf dem Marsch in die russische Gefangenschaft wird Bernhard Bechler schwerkrank. Lungen­entzün­dung konnte damals – ohne Penizillin – den Tod zur Folge haben. Er stirbt nicht, sowjetische Ärzte und Schwestern pflegen ihn gesund. Als Hilfloser lernt er die kennen, deren Vernichtung sein Führer unerbittlich und gnadenlos forderte, ihnen hat er sein Leben zu danken.

Wir wissen nicht, was damals in ihm vorgegangen ist, sichtbar werden nur die Ergebnisse eines gründ­lichen Gesinnungswandels. Bechler tritt 1943 dem Nationalkomitee „Freies Deutschland“ bei. Das „Nationalkomitee“ wurde im Juli von deutschen Kommunisten, die in die Sowjetunion emigriert waren, und von einigen Gefangenen deutschen Offizieren gegründet - darunter Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck. Im September schließen sich Generäle und höhere Offiziere im „Bund deutscher Of­fiziere“ zusammen. Beide Vereinigungen arbeiten zusammen. Sie wollen eine Fortsetzung des Krie­ges verhindern und versuchen, von Rußland aus Hitlers Sturz zu betreiben.

Wie manche seiner Kameraden ruft Bernhard Bechler über den Moskauer Sender „Freies Deutsch­land“ zum Widerstand auf. In Einsätzen an der Front versucht er, die deutschen Truppen über Lautsprecher zur Kapitulation zu bewegen. Er muß wissen, daß andere den Preis für seine Zu­sammenarbeit mit dem Feind zahlen würden: seine Familie in Deutschland.

Margret Bechler, Tochter eines ehemaligen Marineoffiziers, ist ihrer Erziehung und Einstellung nach eine ideale Soldatenfrau. Sie lebt in Altenburg in Thüringen. Seit dem Fall von Stalingrad hat sie nichts mehr von ihrem Mann Bernhard gehört; sie weiß nicht, ob er unverletzt oder verwundet, tot oder am Leben ist. Offiziell gilt er als vermißt. Aber ihre Welt bleibt wohlgefügt, auch dem Schmerz über den Verlust des gelieb­ten Mannes ist darin ein fester Platz zugewiesen: Er ist mit jener Haltung zu tragen, für die damals der Begriff der stolzen Trauer geprägt wurde, was immer das heißen mag.

Am 2. September 1943 bricht diese Welt zusammen. Noch nach mehr als 30 Jahren weiß sie das Da­tum. Da steht morgens ein Fremder vor der Wohnungstür in der Barbarastraße 26, nicht ihresglei­chen, das sieht sie sofort. Sie hält Ihn für einen Arbeiter. Flüsternd, aber nicht ohne Selbstsicherheit sagt er, er habe ihr eine gute Nachricht zu bringen, von ihrem Mann.

Sie läßt ihn sofort herein. Als sie im Herrenzimmer am Rauchtisch sitzen, sagt er fröhlich, ihr Mann lasse sie grüßen, sie und die Kinder.

Benommen fragt sie, woher er das wisse. Ihr Mann sei ein kluger Kopf, sagt er, er sei dem Na­tional­komitee „Freies Deutschland“ beigetreten und arbeite jetzt für die Befreiung vom Faschismus. In Rußland? fragt sie. Jawohl, sagt er, die Sowjetunion unterstütze diese Bewegung.

Ihre Haltung verrät Ungläubigkeit. Er fragt, ob sie etwa vom Endsieg überzeugt sei. Das ist sie. Dann, sagt er, habe sie noch viel zu lernen. Er horcht nach draußen, fragt, ob die Wände Ohren hät­ten. Was für eine Ausdrucksweise! Ablehnend sagt sie nein.

Er zieht eine Uhr aus der Tasche. Um diese Zeit sei ihr Mann im Radio zu hören, er oder einer seiner Kameraden, sie habe da einen ausgezeichneten Apparat. Er steht auf und beginnt, an den Knöpfen ihres Radios zu drehen. Während es rauscht und pfeift, nennt er Wellenlängen und Sende­zeiten, und dann kommt tatsächlich klar eine Stimme, deutsche Worte: „Achtung, Achtung, hier spricht der Sender des Natio­nalkomitees Freies Deutschland! Wir sprechen im Namen des Deutschen Volkes! Wir rufen zur Rettung des Reiches.“

Und weiter: Ein Fliegeroffizier namens Graf werde über seine Eindrücke aus der Sowjetunion spre­chen. Danach fordert eine zweite Stimme die Deutschen auf, den sinnlosen Krieg zu beenden, und darauf die Melodie: Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte . . .

Sie sucht nach einer plausiblen Erklärung, und natürlich findet sie eine, solche Erklärungen fin­det der Mensch immer. Die Sowjets müssen, so deutet sie es sich, den Namen ihres Mannes miß­braucht ha­ben, mit Hilfe seiner Personalien und des Soldbuchs – das Ganze ist eine Fälschung, das paßt. Paßt auch so gut zu dem Bild, das sie von den Kommunisten hat. In Schule und Elternhaus wa­ren sie nie etwas anderes als »die rote Gefahr«, bedrohlich nicht nur für ihre eigene Klasse, sondern für das ganze Volk, ja, für die Welt.

An so einem Abend kommt die Gestapo. Es ist nicht so schlimm, wie es sich liest. Vor ihrer Tür stehen zwei höfliche Männer, die sich korrekt ausweisen. Betont leise sagt der eine, es handle sich um eine Haussuchung. Sie fühlt keine Angst, noch nicht, die kommt später. Ebenso höflich schlägt sie ih­nen vor, ihr doch zu sagen, was sie denn suchen, vielleicht könne sie es ihnen geben. Schriftstücke, sagt der eine, alle brieflichen Äußerungen ihres Mannes. Es gehe um seine politische Einstellung.

Sie antwortet eifrig, froh, mit solchen Zeugnissen aufwarten zu können, es gibt genügend davon. Sehr schnell findet sie den Brief mit der Wiedergabe einer Rede, die er anläßlich der Bataillonsüber­nahme gehal­ten hat: „Ich bin Nationalsozialist und glaube an die große Aufgabe des Führers. Ich er­warte unbedingten Gehorsam, jede Kritik an der Person des Führers oder an seinen Maßnahmen wird streng bestraft, es lebe Deutschland, es lebe der Führer. Sieg Heil!“

Fast täglich kommen nun solche merkwürdigen Briefe oder Karten. Die Rundfunksendungen scheinen auch im Ausland gehört zu werden. Es ist Post aus Italien dabei, aus Frankreich. Einige Briefe enthalten Appelle hoher deutscher Offiziere, die zum Widerstand gegen Hitler aufrufen. Be­rühmte Namen sind darun­ter, Namen, die jedes Schulkind kennt. Und alle Briefe sind mit einem zu­sätzlichen Stempel versehen. Wird sie vielleicht von der Gestapo überwacht?

Du mußt das melden, sagt ihre Mutter, das kann dich ins KZ bringen. Ob sie weiß, was das ist: KZ? Ja, sie weiß es. Es ist jenes seltsame Wissen und Nichtwissen zugleich, das so schwer begreiflich zu ma­chen ist. Jahrelang erfolgreich verdrängt, bricht es plötzlich ins Bewußtsein durch, wenn es ei­nen aus der eigenen Umgebung trifft. Bei Margret Bechler war es der Pfarrer, der sie und ihren Bru­der konfirmiert hatte, ein mutiger Mann und bekannt für seine offenen Worte von der Kanzel herun­ter. Einmal war er plötzlich für Monate verschwunden und weißhaarig, als er wiederkam, ein gebro­chener Mann. Er erzählte nicht, wo er gewesen war, aber alle wußten es.

Nun sieht sich Margret Bechler an einem solchen Ort. Und vor allem die Kinder. Sie beschIießt, sich zu distanzieren von dem, was da Unbegreifliches um sie vorgeht. Aus etwa 200 Zuschriften sucht sie die anonymen heraus und bringt sie zur Polizei.

Die beiden Beamten, zu denen sie geführt wird, zeigen sich nicht sonderlich beeindruckt; bei Vermiß­tenfrauen sei das ein häufiges Vorkommnis, wenn auch nicht in solcher Zahl. Besucher aller­dings, die müßten unverzüglich gemeldet werden. Wer sein Vaterland liebe, sei verpflichtet, solche hochverräteri­schen Umtriebe zur Anzeige zu bringen.

Der unheimliche Besucher erscheint, gleichzeitig mit der Milchfrau, das ist sein und Margret Be­ch­lers Unglück. Jeden Morgen gegen halb zehn klingelt es im ganzen Haus, alle Türen gehen auf. Man trifft sich auf dem Treppenabsatz vor der Bechler-Wohnung im Parterre. Margret Bechler kommt an diesem Tag als letzte mit ihrem Krug heraus, und sie sieht sofort den fremden Mann unter all den Frauen.

Während ihr eingeschenkt wird, spricht er sie an, ob sie Frau Bechler sei. Wieder so einer! Eine Welle von Abneigung steigt in ihr auf. Noch heute hat sie ihn als unsympathisch und aufdringIich in Erinnerung.

Sie reißt die Tür auf und ruft, er wisse offenbar nicht, was er da tue, sofort solle er das Haus verlas­sen, auf der Stelle. Sie schlägt die Tür wieder zu.

Dann Frauenstimmen, Klingeln, Klopfen. Sie macht auf. Es ist die Hausmeisterin. Sie sagt auf­geregt, so einen dürfe man doch nicht fortlassen. Die Polizei habe alle im Haus aufgeklärt, dieser Mann müsse verhaftet werden.

Ich werde also überwacht, denkt Margret Bechler. Ich muß etwas unternehmen, wenn ich jetzt nichts tue, habe ich mich schuldig gemacht. KZ, denkt sie, was wird dann aus den Kindern? Sie ruft die Polizei an und berichtet von dem Besucher und fragt, was sie machen solle.

Wo der Mann jetzt sei, fragt der Beamte. Das weiß sie nicht, zum Bahnhof vielleicht. Also dann kom­men wir dahin, sagt er, folgen Sie ihm und versuchen Sie, ihn aufzuhalten. Sie rennt auf die Straße. Das Unglück will es, daß ihr ein Nachbar auf dem Fahrrad entgegenkommt, ein freundlicher alter Mann, den die Kinder lieben wie einen Großvater. Er fragt, ob er etwas für sie tun könne. Sie erklärt ihm, daß sie den Mann da vorn einholen und festnehmen müsse. Das schaffen Sie doch nie, sagt er, da helfe ich Ihnen, das mache ich schon. Dem alten Mann gelingt es wirklich, den Flüchtigen zu stellen. Aber nun weiß sie wieder nicht, wie es weitergehen soll. Da öffnet sich gegenüber ein Fen­ster. Noch einer, der helfen will. Der Mann ihrer Gemüsefrau, ein Hilfspolizist. Mit seinem Beistand führen sie den Fremden zum Bahnhof. Und dort wird ihr schrecklich klar, in was sie verwickelt wor­den ist: Der ganze Platz ist abgesperrt, es wimmelt von Polizisten. Einer der beiden, der sie von der Haussuchung her kennt, kommt auf sie zu, bedankt sich bei dem Hilfspolizisten und winkt ein paar Beamte herbei. Die nehmen den Gefangenen in die Mitte, geben ihm ein Fahrrad in die Hand, das muß er schieben, so wird er abgeführt. Sie fesseln ihn nicht einmal.

Bernhard Bechler ist inzwischen Frontbevollmächtigter des „Nationalkomitees“ geworden. Im Juli 1944 nimmt er zusammen mit dem Grafen Einsiedel an einem Lehrgang der „Antifaschistischen Schule“ in Kras­nogorsk teil. Hier wird er mit marxistisch-leninistischem Gedankengut vertraut ge­macht und für politische Aufgaben im zukünftigen Deutschland geschult. Hier auch erklärt er Graf Einsiedel: „ich werde immer das machen, was Moskau sagt.“

Als die Festung Graudenz vor den Russen kapituliert, rechnet Bechler sich das als persönlichen Er­folg an. Unmittelbar danach zeichnet er ein Gespräch mit dem Festungskommandanten, General­major Fricke, auf: „Fricke: Ich kenne Sie, Sie haben mir einen Brief zugestellt, aber Sie wissen ja, daß es mir nach einem Führerbefehl verboten ist, derartige Briefe zu öffnen. Ich mußte ihn ungeöffnet nach oben durch einen Fieseler Storch weitergeben.“ Bechler: „Damit haben Sie, Herr General, meine Frau und meine Kinder dem KZ und dem Tode aus­geliefert. Denn durch diesen persönlichen Brief hat die Gestapo nunmehr einen klaren handschriftlichen Beweis meiner Tätigkeit.“

An einem Novemberabend kommt Margret Bechler vom Einkaufen nach Hause; sie kann sich Zeit las­sen, im vierten Zimmer ihrer Wohnung lebt seit einiger Zeit eine evakuierte alte Frau aus Köln, die sich gern um die Kinder kümmert. Die macht ihr aufgeregt die Tür auf, ein Offizier aus dem Nachbarhaus sei dagewe­sen. Sie solle ihn sofort aufsuchen, es sei dringend.

Margret Bechler fallen die Andeutungen der Zahlmeistersfrau ein, sie dreht sich auf dem Absatz um und geht hinüber zum Nachbarhaus, das Einkaufsnetz noch in der Hand. Als sie läutet, wird so­fort aufge­macht. Es ist der Hausherr selbst, offenbar hat er auf sie gewartet. Er nimmt seine Mütze vom Haken und sagt es sei besser, wenn sie hinübergingen, und die Art, wie er es sagt, läßt sie Schlimmes befürchten.

Im Herrenzimmer sitzen sie sich eine Weile stumm gegenüber, er sucht nach Worten, teilt Ihr in hal­ben Sätzen mit, beim Standortkommando liege seit zwei Tagen eine Geheimsache. Keiner habe es über­nehmen wollen, mit ihr darüber zu sprechen. Der Standortoffizier habe gesagt, ich bringe das nicht fertig, das kann ich nicht, und schließlich habe man ihn gebeten, als Ältesten, und weil er sie et­was näher kenne.

Verzweifelt bittet sie ihn, endlich deutlich zu werden. Er sagt, sie habe doch nun schon eine Weile diese Briefe bekommen, und sie wisse doch, was darin behauptet werde. Also das ist es. Sie ist erleichtert, hält ihm entgegen, was sie sie selber mit Erfolg eingeredet hat, daß der Name ihres Man­nes von den So­wjets mißbraucht werde daß alles Verleumdung sei. Er schüttelt den Kopf. Einwand­frei habe sich herausge­stellt, daß es sich nicht um Fälschungen handle. Sie will es nicht glauben. Es sei erwiesen, sagt er. Steht auf, wird dienstlich: Im Auftrag des Standortkommandeurs habe ich Ihnen folgendes mitzuteilen – Ihr Mann, Major Bernhard Bechler, ist laut geheimer Dienstsache aus der Wehrmacht ausgestoßen und in Abwesen­heit zum Tode verurteilt worden. Die Vollstreckung des Ur­teils wird nach siegreicher Beendigung des Krie­ges folgen. Sie haben innerhalb der nächsten Woche Erlaubnis, die Akte einzusehen.

Für sie gibt es nichts zu bedenken sie trifft ihre Entscheidung augenblicklich. Ehe sie nicht ihren Mann selber gehört und gesprochen hat, will sie über sein Verhalten nicht urteilen, das käme ihr treulos vor. Ihr Trauspruch heißt: Einer trage des anderen Last. Und sie beschließt, danach zu han­deln.

Sie sagt also, ihr schiene es ungerecht, einen Menschen in Abwesenheit zum Tode zu verurtei­len, man müsse ihm doch die Möglichkeit der Verteidigung geben. Und sie glaube ihren Mann besser zu ken­nen. Sie könne das nicht akzeptieren, was ihm vorgeworfen werde. Ich bleibe seine Frau, sagt sie.

Da kommen auch die Gedanken. Immer dieselben. Keine öffentlichen Einrichtungen – die Kin­der dür­fen also nicht krank werden sie auch nicht. Und keine Schulen, wie wird das einmal werden? Und an den fremden Besucher aus Zwickau denkt sie auch. Im August hat Margret Bechler noch einmal von ihm ge­hört, da erfuhr sie zum erstenmal seinen Namen. Ein Anwalt schrieb ihr, Anton Ja­kob sei vom Volksge­richtshof zum Tode verurteilt worden. Und nun habe seine Frau in ihrer Haus­gemeinschaft Unterschriften für ein Gnadengesuch gesammelt und bäte auch sie, ja gerade sie, sich daran zu beteiligen. Ob sie nicht darum bitten wolle, daß die Hinrichtung nicht vollstreckt werde?

Sie will das wohl, aber die Angst vor den Folgen ist größer. Sie fragt ihren Vater um Rat, und der kon­sultiert einen Rechtsanwalt. Dessen Antwort ist nein. So schreibt sie denn, sie bedauere, der Bitte von Frau Jakob nicht nachkommen zu können. Das alles müsse sehr schmerzlich gewesen sein und die Ablehnung fiele ihr auch schwer. Aber sie sei bei der Verhandlung doch nicht einmal als Zeugin vernommen worden und könne nicht glauben, daß Anton Jakob allein wegen des Besuches bei ihr zum Tode verurteilt worden sei. Es müsse noch andere gewichtigere Gründe geben, von denen sie nichts wissen könne.

Quelle: STERN, Heft 39/1978 vom 21. September 1978

II. Weltwirtschaftskrise und Nationalsozialismus

A. Der Charakter der Krise - Weltwirtschaftskrise in Deutschland

3. An drei Sonntagen ein Hering ...

Nach dem Unterstützungsgesetz (1932) bezieht in Berlin ein beschäftigungsloser Arbeiter mit Frau und Kind 51 Mark im Monat. Nach Berechnungen des Arbeitsamtes Neukölln kommen Miete, Be­leuchtung, Heizung und unvermeidliche Nebenausgaben auf ein Minimum von 32,60 Mark im Mo­nat. Für die Er­nährung dreier Menschen bleiben also 18,50 Mark im Monat übrig. Nach einer Stati­stik des Arbeitsamtes kann der Berliner Unterstützungsempfänger 45 Pfund Brot für 6 Mark kaufen, einen Zentner Kartoffeln für 2,50 Mark, 9 Pfund Margarine für 3 Mark, 15 Liter Milch für 4,50 Mark, 20 Pfund Kohl für 2 Mark, zehn Heringe, Salz und Zucker für 1 Mark, und damit wären die 18,50 Mark aufgebraucht ...

Eine Tagesverpflegung für eine Person besteht aus 6 kleinen Kartoffeln, 5 mitteldicken Scheiben Brot, einem kleinen Stück Kohl, das ungefähr faustgroß ist und einem Stückchen Margarine von etwa 16 Kubik­zentimetern. An drei Sonntagen können die Erwachsenen noch einen Hering essen. Für das Kind ist an allen Sonntagen ein Hering vorhanden, außerdem täglich ein halber Liter Milch.

Quelle: Bennecke, Wirtschaftliche Depression und politischer Radikalismus. München 1968, S. 75 f.

4. In der Sackgasse

 

April-August 1929: Hochkonjunktur, Un­ternehmen produzieren drauflos. Und doch: 1,4 Mill. Arbeits­lose

Januar 1930: Nach dem Börsenkrach in Amerika offener Ausbruch der Krise

Juni - Juli 1930: Notverordnung vom 26.7.: Sozialabbau, Einführung der Bür­gersteuer in den Gemeinden und der Gemeindege­trän­kesteuern

November - Dezember 1930: Notverord­nung vom 1.12.: Gehaltsabbau, Massen­steuern erhöht, Beiträge zur Arbeitslosen­versicherung erhöht

Juni 1931: Notverordnung vom 5.6.: Ab­bau der gesetzlichen Sozialversicherung, Mas­sensteuern er­höht, Steuern auf das Kapital gesenkt

Oktober 1931: Notverordnung vom 6.9.: Abbau der Sozialversicherung, Abbau von Löhnen und Ge­hältern

Dezember 1931: Notverordnung vom 8.12.: Allgemeiner Gehaltsabbau, Erhö­hung der Massen­steuern, Subventionen für Großagrarier und Hausbesitzer

April 1932: Frühjahrskonjunktur fällt aus

Quelle: Arbeiter Illustrierte Zeitung, Nr. 25, Jg. 1932

5. Weltwirtschaftskrise im Schulgeschichtsbuch

„Während sich die Produktion ständig erhöhte, stieg die Nachfrage nicht in der gleichen Weise. Die Indu­striellen wurden vorsichtig, die Aufträge für Maschinen und Neubauten gingen zurück. Wer soll­te die 5,4 Mill. Autos kaufen, die 1929 hergestellt wurden, oder die eine Milliarde Paar Schuhe? Ein Teil der Ernte wurde Jahr um Jahr vernichtet, um die Preise auf einer Höhe zu halten, die den Anbau lohnte.“

Quelle: Menschen in ihrer Zeit. Band 4 – In unserer Zeit. 2. Aufl. Stuttgart 1975 (Klett), S. 75.

6. Die Phasen des industriellen Zyklus und ihre wichtigsten Besonderheiten

Krise 

Starke Verringerung des Produktionsumfanges, teilweise Vernichtung von

Produktivkräften

Überproduktion von Waren

Starker Preisabfall

Massenbankrott von Unternehmen und Stillegung von Produktionsanlagen sowie Massenentlassungen

Starke Entwertung des fixen Kapitals

Gewaltiges Anwachsen der Arbeitslosigkeit sowie Sinken der Löhne

Starke Kreditrestriktion, Massenabhebungen von Guthaben, Bankenkonkurse, höchster Zinssatz

Depression

Der Produktionsrückgang wird gestoppt

Die Warenvorräte wachsen nicht weiter an

Der Preisabfall kommt zum Stillstand

Massenarbeitslosigkeit

Niedrige Löhne

Niedriger Stand des Zinssatzes     

Belebung

Der Vorkrisenstand der Produktion wird allmählich wieder erreicht

Die Warenvorräte nehmen ab

Geringe Preiserhöhung

Geringe Abnahme des Umfangs der Arbeitslosigkeit                                            

Aufschwung

Der Vorkrisenstand der Produktion wird übertroffen
Die Preise steigen rasch an

Verringerung des Umfangs der Arbeitslosigkeit

Erhöhung der Löhne

Ausdehnung des Kreditumfangs

                   

Quelle: (Autorenkollektiv) Politische Ökonomie – Kapitalismus. Berlin 1974 (Dietz Verlag), S. 91.

7. Der Krisenzyklus in Deutschland 1901 - 1937

Rückgang der Produktion in Deutschland in den Perioden der Wirtschaftskrisen (in Prozent)

 

Quelle: (Autorenkollektiv) Poli­tische Ökonomie - Kapi­talismus. Berlin, 1974 (Dietz Vlg.), S. 91.


 

8. Werner Hofmann: Konjunkturschwankungen und Wirtschaftskrisen

Inhalt der Konjunkturbewegungen

Mehr oder weniger regelmäßige Konjunkturschwankungen, gekennzeichnet vor allem durch wieder­keh­rende Verhältnisse einer weitverbreiteten Überproduktion – genauer: der Überakkumulation von Kapital - kennt unter allen uns geschichtlich vertrauten Wirtschaftsformationen nur die moderne Er­werbgesellschaft. Die Konjunkturvorgänge müssen daher aus der besonderen Natur unseres Wirt­schaftssystems erklärt wer­den. Keine Konjunkturdeutung kann befriedigen, die von der Triebkraft und eigentlichen Motivation der kapitalistischen Wirtschaftstätigkeit absieht: vom Gewinn.

Der Inhalt der Konjunkturbewegungen ist der periodische (u. U. heftige) Verfall der Rendite (Krise) und deren erneutes Steigen (Wiederaufsschwung).

In Zeiten steigender Gewinne beschleunigt sich die Kapitalbildung, unterstützt durch Ausdeh­nung des Kreditvolumens. Besonders nachhaltig pflegt hierbei die Zunahme der Produktion von Inve­stitionsgütern zu sein. Der Aufschwung ist ferner gekennzeichnet durch einen allgemeinen Anstieg des Preisniveaus. Aber nicht alle Preise werden gleichmäßig erhöht. Steigen in wichtigen Wirtschafts­bereichen die Preise der über Märkte bezogenen Waren stärker als die Preise auf der Seite des eige­nen Absatzes dieser Wirtschaftsberei­che und werden hierdurch die Kosten mehr erhöht als die Erlöse, so wird die Rendite in den betreffenden Wirtschaftszweigen zusammengedrückt. Die Kauf- und Ak­kumulationskraft dieser Sektoren sinkt; was sich auf die Vorlieferanten auswirkt und schließlich Ket­tenreaktionen auslösen kann. Die vorausgegangene Überakkumulation hat die Gewinnrate (bezogen auf das Einsatzkapital) gesenkt (Krise).

Dauert der Konjunkturverfall an, so sinken (unter Voraussetzung elastischer Preise) die Kosten ent­sprechend tief, es verringert sich der Wert des eingesetzten Produktivkapitals aller Art. Die Kapi­talentwer­tung bedeutet Wiederaufwertung der Rendite für alle die Wirtschaftsbereiche, deren Ver­kaufserlöse relativ stabil bleiben. (Dies pflegt vor allem bei den konsumnahen Wirtschaftszweigen der Fall zu sein.)

Die Wiederaufwertung der Rendite, die eine entsprechende Nachfrage der konjunkturstabileren Wirt­schaftszweige nach Vorprodukten bedeutet, kann vermöge eines positiven rückwirkenden Impul­ses zum Wiederaufschwung auch in anderen Wirtschaftssektoren führen.

Marktmacht und Konjunktur

Das Bild der Konjunkturen hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. – Der Zug zum Großbetrieb und zum Großunternehmen in der Industrie, in der Bankwelt, in Handel und Verkehr ist seit Ende des 19. Jahrhun­derts unverkennbar geworden. Heute beherrschen in den entwickelten Ländern unseres Sy­stems wirt­schaftliche Großgebilde – nicht nur Großunternehmen und Konzerne, sondern auch Kartel­le und andere Formen der Zusammenarbeit von oft weltumspannendem Ausmaß – das Feld: sie be­stimmen weithin die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. An die Stelle eines relativ frei­en, unbeschränkten Wettbe­werbs sind Verhältnisse der machtgeordneten Konkurrenz getreten. – Großgebilde von solcher Art sind infolge ihrer überlegenen Marktstellung sowohl auf ihren Bezugs- als auch auf ihren Absatzmärkten weitge­hend in der Lage, die Preise zu ihren Gunsten zu bestimmen und damit ihre Gewinne zu vergrößern. Dies zwingt die schwächeren Marktpartner, sich ebenfalls zu organisieren (vgl. etwa die Ausbreitung von Filial­ge­schäften und Ketten im Lebensmitteleinzelhan­del); und so geht von den hochkonzentrierten Wirtschafts­ge­bilden ein ständiger Impuls zur weiteren Konzentration aus. Diese Umstände sind von außerordentlichen Folgen für den Wirtschaftsprozeß im ganzen und für den Konjunkturverlauf geworden: Sind in der Zeit der (relativ) freien Konkurrenz (19. Jahrhundert) das hauptsächlich ›schwankende‹ Element die Preise gewe­sen, so pflegen unter den Bedingungen der vermachteten Wirtschaft unserer Epoche marktstarke

Anbieter auf ein Nachlassen der Märkte weniger durch Senkung der Preise als vielmehr durch Kür­zung der Produktion zu reagieren. Das hat weitreichende Konsequenzen für die Beschäftigung, die volks­wirt­schaftliche Lohnsumme, die Lage der marktschwachen Wirtschaftszweige. Es hat zur allgemeinen Zer­rei­ßung der Proportionen einer fortschreitenden Wirtschaft geführt. Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis der Weltwirtschaftskrise. Das Bild zyklischer Konjunkturen wird nun Überlagert von Problemen struktureller Art: Es zeigen sich anhaltende Disproportionen in der Akku­mulationskraft und Ausdehnung der verschiede­nen Wirtschaftszweige, verbunden mit der Möglichkeit anhaltender Arbeitslosigkeit.

Weltwirtschaftskrise und dauernder Staatseintritt in den Wirtschaftsprozeß

In dem Maße, wie sich das vom Großkapital bestimmte Markt- und Produktionsverhalten der Wirt­schaft gegenüber den Verhältnissen der freien Konkurrenz ändert, büßt das erwerbswirtschaftliche System seine Mechanismen der Selbststeuerung ein – es wird labiler und krisenanfälliger. Seit der Weltwirtschaftskrise ist offenbar geworden, daß die Kapitalakkumulation und die ›Vollbeschäftigung‹ – nicht nur der Arbeitskräfte sondern auch des stehenden Anlagekapitals – nur noch mit Hilfe des Staates gesichert werden kann. Der Staatseintritt in den Wirtschaftsprozeß – öffentliche Aufträ­ge, Stützung schwacher Wirtschaftsbereiche, Korrektur von ungleichen Akkumulationschancen, Subven­tio­nen – kann nicht mehr als ›Intervention‹ betrachtet werden: Der Staat greift nicht mehr gelegentlich als Außenstehender ein, er ist vielmehr ein wesentlicher und unverzichtbarer Mitträger des Wirt­schaftsprozes­ses selbst geworden.

Auch die Fiktion der ›Neutralität‹ des Staates gegenüber den divergierenden wirtschaftlichen und gesell­schaftlichen Interessen ist unter diesen Umständen nicht mehr aufrechtzuerhalten. Noch weniger ist die Mitwirkung des Staates im Prozeß der Kapitalakkumulation als Ausdruck einer unmerklichen ›Selbstsozialisierung‹ der Privatwirtschaft zu deuten. In dem Maße vielmehr, in dem der Staat durch Einwir­kung auf die Wirtschaftsbedingungen die Chancen der Beteiligten unmittelbar beeinflußt und bestimmt, unterliegt er selbst wiederum der direkten Beeinflussung durch die mächtigen und organi­sierten wirtschaftli­chen Interessen, die ihn in Dienst nehmen. Im Zeichen einer unverkennbaren 'Herrschaft der Verbände' zeigt sich die durchgehende Tendenz zum Interessentenstaat.

Quelle: Hofmann, Grundelemente der Wirtschaftsgesellschaft. Reinbek 1969 (rororo aktuell 1149). S. 90 ff.

9. Ursachen der Krise aus der Sicht der Wirtschaft

Aus dem Jahresbericht des Vorstands der Deutschen Bank- und Disconto-Gesellschaft für 1929

Überproduktion in den Agrar- und Rohstoffländern hat im Jahre 1929 nicht nur die Wirtschaft der Produkti­onsländer selbst, sondern auch der Länder, die den Handel vermitteln, ungünstig beeinflußt. Die internatio­nale Konkurrenz um den Absatz der überschüssigen Erzeugungsmengen hat sich ver­schärft und auf Ko­sten des Erlöses sowohl für den Produzenten als für den Händler zu ungewöhnlich großen Preisrückgän­gen aller wichtigen Welthandelsartikel geführt [...]

Die Erzielung genügenden Ausfuhrüberschusses, um Reparationszahlungen und Zinsverpflich­tungen regelmäßig an das Ausland übertragen zu können, ist aber für Deutschland gleichbedeutend mit wirtschaft­licher und politischer Freiheit. Auslandsanleihen sind nur ein vorübergehendes Aus­hilfsmittel; sie machen uns nicht frei, sondern unfreier [...]

Aber für Deutschland geht es weit über die Bekämpfung einer trotz aller Schwere doch vorüber­gehen­den Wirtschaftskrise hinaus, es geht um das auf die Dauer Entscheidende, wenn endlich das Nötige und Mögliche in Angriff genommen wird, um vermeidbare

Hindernisse zu beseitigen, die der Entwicklung unseres Außenhandels, wie unserer Wirtschaft überhaupt im Wege stehen.

Zu diesen Hemmnissen gehört insbesondere unser Steuersystem. Daß der Etat des Reiches, der Länder und Kommunen, [...] ungebührlich aufgebläht, abgebaut werden muß, darüber besteht wohl keine Meinungsverschiedenheit mehr. Aber es kann nur schrittweise geschehen, wenn man Vermeh­rung der Arbeitslosigkeit vermeiden will [...] Nötig und rasch durchführbar ist aber eine zweckmäßi­gere Verteilung der Lasten zwischen Produktion und Konsum [...]

Ebenso hemmend wie das Steuersystem wirkt sich die Lohn- und Gehaltshöhe aus [...] Haupt­sächlich das starre Festhalten der Arbeiterschaft an erreichten Nominallöhnen und unablässiges Drän­gen nach weiterer Erhöhung zwingt die Produktion zu fortschreitender Mechanisierung, auch da, wo es sich nicht um Massenversorgung handelt, für die Billigkeit, also kostensparende, mechanische Ar­beit Haupterfordernis ist. Der teure Arbeiter oder Beamte wird durch die Maschine ersetzt und nur in der Erwartung, daß Verzin­sung und Amortisation der Anschaffungskosten weniger ausmachen als der Lohn. Diese Tatsache wird dadurch verdunkelt, daß die Einrichtung der Mechanisierung. der Neu- oder Umbau von Fabrikgebäuden, die Her­stellung der maschinellen Einrichtung die nicht vergrößer­ter, sondern nur verbilligter Gütererzeu­gung dienen vorübergehend Arbeitern Beschäftigung gibt, sie aber später zu Arbeitslosigkeit führt. Die Arbeiterschaft sägt den Ast ab, auf dem sie sitzt, und täuscht sich über die Auswirkung hinweg, weil sie zunächst noch für das Sägen bezahlt wird.

Wäre die Nominalhöhe der Löhne und Gehälter in Deutschland 10 % niedriger – das ist die Steigerung der letzten zwei Jahre, die sich als untragbar erwiesen hat –, so ständen wir nicht so unter dem Druck der Arbeitslosigkeit. Die Produktion könnte gesteigert und damit verbilligt werden, so daß, abgesehen von der Wirkung auf Außenhandel und Zahlungsbi­lanz, durch sinkende Preise der Real­lohn, auf den es doch letztlich ankommt, bald nur wenig vom heutigen abweichen würde.

Einen, wenn auch nicht gleichwertigen, so doch genügenden Ersatz einer Lohnreduktion, die in Deutschland aus politischen Gründen wenig Aussicht auf Verwirklichung hat, würde eine Verlänge­rung der Arbeitszeit bieten [...] Jedenfalls mutet die Verlängerung der Arbeitszeit dem einzelnen ein weit weniger fühlbares Opfer im allgemeinen Interesse unserer Wirt­schaft, aber mehr noch im Inter­esse der eigenen Zukunft des Arbeitnehmers zu, als es eine Einkommens­verringerung tun würde. Eine solche Neuregelung, die ja zeitlich begrenzt werden kann, würde vielleicht auf einen geringeren politi­schen Widerstand stoßen [...]

Besprechung der Fehler und Schäden in der Öffentlichkeit ist nützlich zur Gewissensschärfung, sollte aber nicht durch Übertreibung und Verallgemeinerung das Vertrauen ungerechtfertigt untergra­ben. Zweifellos schießt auch in der jetzigen Krisis das allgemeine Mißtrauen weit über das Ziel. Bei aller Depression hat die deutsche Wirtschaft im ganzen auch im vorigen Jahre große technische und organisato­rische Fortschritte gemacht [...]

Unsere Wirtschaft ruht also auf fester Grundlage. Das auszusprechen wird gerade jetzt nötig, wo das Selbstvertrauen so gesunken ist. Die augenblickliche Erkrankung des Wirtschaftskörpers ist durchaus heil­bar. Das Hauptsymptom der Krankheit besteht in der unverhältnismäßig großen Arbeits­losigkeit. Die Stati­stik zeigt, daß die Zunahme der Arbeitslosigkeit, abgesehen von Saisoneinflüssen, in den letzten Jahren durchschnittlich parallel mit den Lohnerhöhungen sich entwickelt hat. Vieles, wenn nicht alles, hängt für unser zukünftiges Schicksal von unserem eigenen Willen ab.

Quelle: Deutsche Bank- und Disconto-Gesellschaft, Jahresbericht 1929, o.0., o.J. S. 25 ff.

Zitiert nach: Dokumente zur deutschen Geschichte 1929-1933. Berlin/DDR und Frankfurt/M. 1977, S. 17.

B. Krisenlösungsstrategien – Die sozialökonomische Realität des NS

10. Unklarheiten über das NS-Wirtschaftsprogramm (1932)

Dr. Hjalmar Schacht

Gühlen Post Lindow (Mark) den 12. April 1932

Sehr geehrter Herr Hitler!

Nachdem Sie die zweite Schlacht ruhmvoll geschlagen, erlaube ich mir, auf unsere letzte Unterhal­tung zurückzukommen. Wenn es mir auch diesmal noch nicht gelungen ist, die großmächtigen Herren im We­sten zum offenen Eintreten für Sie zu veranlassen, so konnte ich doch sehr viel Sympathie konstatieren. Zwei Bedenken finde ich immer wieder vorherrschend: Das eine ist die Furcht, sich mit der Regierung anzu­legen, auf deren Wohlwollen man unter Umständen angewiesen ist, und das zwei­te ist die Unklarheit über das Wirtschaftsprogramm des Nationalsozialismus. Bezüglich des letzteren Punktes nun habe ich insofern Erfolg gehabt, als eine Reihe von Herren sich bereit erklärt haben, ge­meinsam mit mir eine Stelle zu finan­zieren, die die wirtschaftspolitischen Aussichten des Nationalso­zialismus auf die Möglichkeit hin studieren sollen, sie mit dem Gedeihen privater Wirtschaft in Ein­klang zu bringen. Der bloße Kampf gegen das Wort Sozialismus, wie ihn Herr Hugenberg neuerdings betreibt, ist ja reichlich einfältig. Ich habe die feste Über­zeugung, daß sich bei gemeinsamer Arbeit ei­ne völlige Übereinstimmung zwischen den Grundanschauun­gen des Nationalsozialismus und der Möglichkeit privater Wirtschaft erzielen läßt, da der Gegensatz nicht Sozialismus und Kapitalismus lauten kann, sondern nur Individualismus und Sozialismus. Der angeb­li­che Gegensatz zwischen Indi­vidualismus und Sozialismus muß durch die höhere Forderung des Gesamt­wohls, an dem jeder nach Kräften mitzuarbeiten hat, überbrückt werden.

Ich habe mich im Einverständnis mit meinen westlichen Freunden bereiterklärt, die geistige Auf­sicht über die Arbeiten der geplanten Stelle zu übernehmen. Bevor ich an die Ingangsetzung gehe, würde ich aber gern wissen, ob Sie Ihre bei unserer Unterredung gemachte freundliche Zusage auf­rechterhalten können und wollen, daß Sie nämlich meine Mitarbeiter und mich selbst mit denjenigen Herren Ihrer Bewe­gung in Verbindung bringen, die an den wirtschaftlichen Fragen arbeiten. Es soll damit selbstverständlich nicht irgendwelche Bindung ausgesprochen werden, vielmehr handelt es sich um den Versuch in gemein­samem Gedankenaustausch die noch herrschenden Unklarheiten zu über­winden. Alles was von beiden Seiten dabei verlangt werden kann, ist der gute Wille, zu einer solchen Überwindung beizutragen.

Ich hoffe, daß Sie sich nach den ungeheuerlichen Anstrengungen der letzten Tage einer ausgie­bigen Erholung hingeben, und nehme es deshalb in keiner Weise übel, wenn Sie mir durch einen Ih­rer Mitarbeiter Antwort geben lassen. Ich habe mit diesem Brief nur deshalb nicht länger warten wol­len, um unnötigen Zeitverlust zu vermeiden.

Mit allen guten Wünschen für ihr persönliches Wohl, an dem für Deutschland so vieles hängt, und für den weiteren Erfolg der nationalen Volksbewegung bin ich

Ihr aufrichtig ergebener

Dr Hjalmar Schacht

Quelle: H. Hoffacker, Materialien zum historisch-politischen Unterricht.
Versäumte Lektionen: Deutschland 1890-1948. Band 1. Stuttgart 1975, S. 112.

11. „Durchdrungen von heißer Liebe...“: Voraussetzungen der „Machtergreifung“ -

„November 1932

Ew. Exzellenz,

Hochzuverehrender Herr Reichspräsident!

Gleich Eurer Exzellenz durchdrungen von heißer Liebe zum deutschen Volk und Vaterland, haben die Unterzeichneten die grundsätzliche Wandlung, die Eure Exzellenz in der Führung der Staatsge­schäfte angebahnt haben, mit Hoffnung begrüßt. Mit Eurer Exzellenz bejahen wir die Notwendigkeit einer vom parlamentarischen Parteiwesen unabhängigen Regierung, wie sie in dem von Eurer Exzel­lenz formulierten Gedanken eines Präsidialkabinetts zum Ausdruck kommt.

Gegen das bisherige parlamentarische Parteiregime sind nicht nur die Deutschnationale Volks­par­tei und die ihr nahestehenden kleineren Gruppen, sondern auch die Nationalsozialistische Deut­sche Arbeiter­partei grundsätzlich eingestellt und haben damit das Ziel Eurer Exzellenz bejaht. Wir hal­ten dieses Ergeb­nis für außerordentlich erfreulich und können uns nicht vorstellen, daß die Ver­wirklichung des Zieles nun­mehr an der Beibehaltung einer unwirksamen Methode scheitern sollte

...Wir bekennen uns frei von jeder engen parteipolitischen Einstellung. Wir erkennen in der na­tio­nalen Bewegung, die durch unser Volk geht, den verheißungsvollen Beginn einer Zeit, die durch Überwindung des Klassengegensatzes die unerläßliche Grundlage für einen Wiederaufstieg der deut­schen Wirtschaft erst schafft. Wir wissen, daß dieser Aufstieg noch viele Opfer erfordert. Wir glau­ben, daß diese Opfer nur dann willig gebracht werden können, wenn die größere Gruppe dieser na­tionalen Bewegung führend an der Regierung beteiligt wird.

Die Übertragung der verantwortlichen Leitung eines mit den besten sachlichen und persönlichen Kräf­ten ausgestatteten Präsidialkabinetts an den Führer der größten nationalen Gruppe wird die Schwächen und Fehler, die jeder Massenbewegung notgedrungen anhaften, ausmerzen und Millionen Menschen, die heute abseits stehen, zu bejahender Kraft mitreißen.

In vollem Vertrauen zu Eurer Exzellenz Weisheit und Eurer Exzellenz Gefühl der Volks­verbun­denheit begrüßen wir Eure Exzellenz mit größter Ehrerbietung.“

Unterschrieben wurde dieser Brief von Dr. Hjalmar Schacht, Kurt Freiherr von Schroeder, Fritz Thyssen, dem Vorsitzenden des Landbundes Graf Kalckreuth, Bankdirektor Friedrich Reinhart, den Großreedern Kurt Woermann und Beindorff, Kurt von Eichhorn, E. Helfferich, Ewald Hecker, Carl Vincent Krogmann, Dr. E. Lübbert, Erwin Merck, von Oppen-Dannenwalde, Rudolf Ventzky, F.H. Vitthoefft, Generaldirektor Rosterg, Graf von Keyserlingk-Cammerau, von Rohr-Manze, Engelbert Beckmann, Präsident des Westfä­lischen Landbundes.

Friedrich Reinhart, der den unterschriebenen Brief dem Staatssekretär Meissner einreichte, sicherte außer­dem noch die Zustimmung weiterer ›Herren des Westens‹ zu:

„Ich habe ferner den Auftrag, Ihnen, Herr Staatssekretär, namens der Herren Dr. Albert Vögler, Dort­mund, Commerzienrat Dr. Paul Reusch, Oberhausen, Dr. Fritz Springorum, Dortmund, zur Weitergabe an den Herrn Reichspräsidenten mitzuteilen, daß diese Herrn grundsätzlich voll und ganz auf dem Boden der Eingabe stehen, aber nicht zu unterzeichnen wünschen, da sie politisch nicht hervortreten wollen. Das Originalschreiben des Herrn Vögler werde ich morgen vorlegen können.“

Quelle: E. Czichon, Wer verhalf Hitler zur Macht? Köln 1967, S. 69 f.

12. Entwicklung der Industrieproduktion und Einzelhandelsumsatz

1993/1934 auf der Basis 1928 = 100

Industrieproduktion

Einzelhandelsumsatz

Januar 1933

61,2

54,2

Januar 1934

78,4

55,1

Mai 1934

82,7

63,5 (2. Quartal)

Januar 1933 - Mai 1934

+35%

+ 17%

13. Indizes der industriellen Produktion

auf der Basis 1928 = 100

Gesamtindex

Produktionsgüter

Konsumgüter

1932

59

46

78

1933

66

54

83

1934

83

77

85

1935                                                               

96

99

91

1936                                                               

107

113

98

1937

117

126

109

1938

125

136

107

Juni 1939

133

147

113

Quelle: Bettelheim, Die deutsche Industrie unter dem NS. München 1974, S. 225.

14. Öffentliche Investitionen in Deutschland 

 

Quelle: Faschismus
(-Katalog). Berlin und Hamburg
19774, S.13.

 

 

 

 

 

 

 

 

15. Rüstungsausgaben des Deutschen Reiches 1932 - 1943

 

1932

1934

1936

1938

1940

1943

in Mrd. RM

0,6

4,2

10,3

17,2

58,1

117,9

in % d. Reichsausgaben

8,2

39,3

59,2

61,0

78

81

in % d. BSP

1,1

5,0

11,2

15,7

40

70

Quelle: Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Köln 19772, 5 257.

16. Lohn- und Gehaltssumme in % des Volkseinkommens

 

Quelle: Faschismus (-Katalog).
Berlin und Hamburg 19774, S.16.

 

 

 

 

 

 

17. Entwicklung der Arbeitslosigkeit

Quelle: Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Köln 19772, S. 257.

         Jahr                                      Arbeitslose

         (Jahresdurchschnitt)

         1933                                        4 804 428

         1934                                        2 718 309

         1935                                        2 151 039

         1936                                        1 592 655

         1937                                           912 312

         1938                                           429 461

         1939                                           118 915

 

18. Entwicklung der Sozialausgaben

Daten aus: Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Köln 19772. S. 259

 

C. Daten zur Lage der arbeitenden Bevölkerung

19. Entwicklung der Reallöhne auf der Basis von 1929

 

Arbeiter

Angestellte

Beamte

 

Arbeiter

Angestellte

Beamte

1929

100

100

100

1936

99

119

 99

1933

91

111

104

1937

103

122

98

1934

 92

111

102

1938

108

128

98

1935

96

115

100

1939

113

134

97

Quelle: E. Henning, Thesen zur deutschen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 1933 bis 1938. Frankfurt 1973, S.94

20. Entwicklung der Reallöhne der Arbeiter

Jahr

Realnetto-tariflöhne

Realnetto- wochen-löhne

Realnetto-Gesamt-lohnsumme

Jahr

Realnetto-tariflöhne

Realnetto- wochen-löhne

Realnetto-Gesamt-lohnsumme

1932

100

100

100

1935

 91

99

138

1933

95

94

104

1936

89

102

153

1934

93

 96

124

1937

 88

107

168

Quelle: Kuczyniski, Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus. Berlin 1971, S. 159

21. Entwicklung der tariflichen Stundenlöhne

 

 

Männliche Facharbeiter der höchsten tariflichen Altersstufe.
Gewogener Durchschnitt aus 17 verschiedenen Gewerben
(Beträge in Rpf)

Quelle: Faschismus (-Katalog). Berlin und Hamburg 19774, S. 16

 

22. Index der Lebenshaltungskosten 1932 - 1938

                                                    Basis 100 für 1913-1914

1932

120,6

1935

123,0

1933

118,0

1936

124,5

1934

121,1

1937

125,0

 

 

1938

125,6

Quelle: Kühnl, Der deutsche Faschismus in Duellen und Dokumenten. Köln 19772, S. 261

D. Daten zur Gewinnentwicklung in der Industrie

23. Entwicklung der unverteilten Gewinne der Kapitalgesellschaften

1933

175

1936

1.900

 

1934

680

1937

2.480

Nach: Swatek, Unternehmenskonzentration als Ergebnis und

1935

1.200

1938

3.420

Mittel nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik. Berlin 1972, S. 68.

 24. Umsatz und Gewinnentwicklung der IG Farben

Tabelle 1: Umsätze der IG Farben

1932-1999 in Millionen RM

Die Umsätze des Konzerns haben sich wertmäßig mehr als verdoppelt. Gleichzeitig entwickelte sich der Reingewinn vor Rücklagen so:

 

Tabelle 2: Reingewinne der IG Farben

1932-1939 in Millionen RM

Während der Umsatz sich um 127 % erhöht, hat sich der Reingewinn um 411 %, d.h. also mehr als dreimal so viel gesteigert!

Quelle: Kuczynski, Die Geschichte der Lage der Ar­beiter unter dem Kapitalismus. Berlin, 1971, S. 84.

25. Spendenentwicklung der IG Farben 1933 - 1944 

1933

1.849.752,66

1937

2.923.345,88

1941

3.322.075,14

1934

1.870.695,53

1938

4.182.379,97

1942

8.730.869,91

1935

2.180.610,01

1939

3.304.170,47

1943

3.480.049,63

1936

2.499.354,57

1940

3.005.809,21

1944

2.319.163,98

Quelle: Halfmann, Der Anteil der Industrie und Banken an der faschistischen Innenpolitik. Köln 1974, S. 41.

26. Die deutsche Rüstungsindustrie – Das Beispiel Krupp

Mit Krupp will die Anklagebehörde symbolisch die deutsche Rüstungsindustrie erfassen. Die Ankla­geschrift wirft dem Industriellen vor:

„...daß er die Machtergreifung der Naziverschwörer förderte und ihre Kontrolle über Deutsch­land stärkte und festigte; er förderte die Vorbereitung für den Krieg. Er nahm teil an den militärischen und wirtschaftli­chen Plänen und Vorbereitungen der Nazi-Verschwörer für Angriffskriege.“

Der Hauptankläger für die USA, Jackson, äußerte: „Der Krupp’sche Einfluß ... bestärkte in weitem Ma­ße den Naziplan, einen Angriffskrieg in Europa zu entfachen. Er selbst hielt wiederholt öffentliche Reden, in denen er Hitlers Angriffsprogramm billigte und dazu anreizte. Die Krupps ge­hörten zu den hartnäckigsten und einflußreichsten Kräften, die den Krieg herbeigeführt haben.“...

Dann führte Jackson Zahlen an: „Weiterhin erzielten die Krupp-Gesellschaften durch die Zer­störung des Weltfriedens und durch die Unterstützung des Nazi-Programms große Gewinne. Vor der Bedrohung des Friedens durch die Nazis arbeiten die Krupp-Werke mit erheblichen Verlusten.

Mit der Wiederaufrüstung durch die Nazis stiegen die Netto-Gewinne nach Abzug der Steuern, Ge­schenke und Reserven ständig und betrugen:

 1935 RM 57.216.392

 1938 RM 97.071.632 und

 1941 RM 111.555.216

Der Buchwert des Krupp-Konzerns stieg von:

 1933 ca. 75 Mio. RM auf:

 1943 ca. 237 Mio. RM.“

Quelle: Heydecker/Leeb, Der Nürnberger Prozeß. Bilanz der tausend Jahre. Köln-Berlin, o.J., S. 103 f.

27. Soziologie der Eliten - Der „Freundeskreis des Reichsführers SS“

Adressenliste der Mitglieder des Freundeskreises vom 30. November 1939:
  1. Behrends, Dr. Hermann, SS-Oberführer, Berlin W. 35, Tiergartenstraße 18 a.

  2. Birgel, Dr. Rudolf, Generaldirektor, Vorsitzender des Vorstandes der Siemens-Schuckertwerke A.G., Berlin-Siemensstadt, Verwaltungsgebäude.

  3. Gottfried Graf von Bismarck-Schönhausen, SS-Oberführer, Regierungspräsident des Regie­rungsbe­zirks Potsdam.

  4. Blessing, Carl, Berlin-Zehlendorf-West, Böckelweg 8

  5. Börger, Willi, Staatsrat, Ministerialdirektor, SS -Brigadeführer, Reichsarbeitsministerium, Berlin SW. 11, Saarlandstraße 90/102.

  6. Bütefisch, Dr. Heinrich, SS-Hauptsturmführer, Vorstandsmitglied der I.G. Farbenindustrie, A.G., Leiter des Leuna-Werkes, Leuna Krs. Merseburg, Uferstraße 7.

  7. Dermietzel, Dr. Fritz, SS-Oberführer, Chef des SS-Sanitätsamtes, Berlin W. 15, Knesebeckstra­ße 43.

  8. Flick, Dr. Friedrich, Generaldirektor der Mitteldeutschen Stahlwerke A.G., Berlin W. 9, Belle­vuestraße 12a.

  9. Göring, Herbert L. W., SS-Obersturmbannführer, Berlin-Dahlem Gelfertstraße 9.

  10. Ritter von Halt, Dr. Karl, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und Disconto-Gesellschaft, Berlin-Grunewald, Königsallee 27 b.

  11. Hayler, Dr. Franz, SS-Standartenführer, Leiter der Reichsgruppe Handel, Berlin-Schöneberg, Salzbur­ger Straße 21.

  12. Hecker, Ewald, Regierungsrat z.D., SS-Oberführer, Präsident der Industrie- und Handelskam­mer zu Hannover, Hannover, Wilhelmstraße 5.

  13. Helfferich, Emil, Staatsrat, Vorsitzer des Aufsichtsrates der Hamburg-Amerika-Linie, Hamburg 1, Al­sterdamm 25.

  14. Hilgenfeldt, Erich, Hauptamtsleiter, SS-Brigadeführer, Berlin S0. 36, Maybachufer Nr. 48/51.

  15. Heuer, Otto, Generaldirektor, Vorsitzer des Vorstandes der Portland-Cement-Werke Heidelberg, A.G., Heidelberg, Riedstraße 4.

  16. Kaselowsky, Dr. Richard, Inhaber der Firma Dr. August Oetker, Nährmittelfabrik, Bielefeld, Jo­hannis­berg 2.

  17. Keppler, Wilhelm, Staatssekretär, SS-Gruppenführer, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Berlin W.8 Behrenstraße 39 A.

  18. Kleinmann, Wilhelm, SA-Gruppenführer, Staatssekretär im Reichs- und Preuß. Verkehrsmini­sterium, Stellvertretender Generaldirektor der Deutschen Reidchsbahn, Berlin W.8, Voßstraße 35.

  19. Krogmann, Carl Vincent, Regierender Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, Hamburg, Rathaus.

  20. Lindemann, Karl, Staatsrat, Vorsitzer des Aufsichtsrates des Norddeutschen Lloyd, Bremen, Wach­mannstraße 76.

  21. Meyer, Prof. Dr. Dr. Emil H., SS-Sturmbannführer, Vorstandsmitglied der Dresdner Bank, Berlin W.56 Behrenstraße 38.

  22. Naumann, Dr. Werner, Ministerialrat, SS-Oberführer, Persönlicher Referent des Herrn Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda, Berlin W.8, Wilhelmplatz 8/9.

  23. Olscher, Dr. Alfred, Ministerialdirektor z. D., Vorstandsmitglied der »Viag« Vereinigte Indu­strie-Unter­nehmen A.G., Berlin W.8.

  24. Pohl, Oswald, SS-Gruppenführer, Chef des Hauptamtes Verwaltung und Wirtschaft beim Reichsführer SS, Berlin W.50 Geisbergstraße 21 .

  25. Rasche, Dr. Karl, SS-Hauptsturmführer, Vorstandsmitglied der Dresdner Bank, Berlin-Charlot­tenburg 9, Württembergallee 22.

  26. Reinhart, Friedrich, Staatsrat, Vorsitzer des Aufsichtsrates der Commerz- und Privat-Bank A.G., Berlin W.8, Behrenstraße 46.

  27. Röhnert, Hellmuth, Vorstandsmitglied der Rheinmetall Borsig A.G., Berlin-Grunewald, Lynar­straße 22.

  28. Rösener, Erwin, SS-Oberführer, SS-Oberabschnitt Rhein, Wiesbaden, Uhlandstraße 4.

  29. Rosterg, August, Generaldirektor der Winterhall A.G. Kassel, Hohenzollernstraße 199.

  30. Schmidt, Dr. Heinrich, Rechtsanwalt und Notar, Vorsitzer des Aufsichtsrates der Winterhall A. G., Hannover, Prinzenstraáe 10.

  31. Schmitt, Dr. jur. Kurt, Staatsrat, Reichs- und Staatsminister a.D., SS-Brigadeführer, Vorsitzer des Vor­standes der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft, München, Königstraße 107.

  32. Schröder, Kurt, Freiherr von, SS-Oberführer, Mitinhaber der Firma J.H. Stein, Köln am Rhein, Lau­renzplatz 1/3.

  33. Steinbrinck, Otto, 55-Brigadeführer, Mitglied des Aufsichtsrates der Mitteldeutsche Stahlwerke A.G., Berlin W.9, Bellevuestraße 12 a.

  34. Voss, Dr. Wilhelm, SS-Sturmbannführer Vorstandsmitglied der Reichswerke A.G. für Erzberg­bau und Eisenhütten "Hermann Göring", Berlin W.8, Postfach 14.

  35. Waldhecker, Hermann, Reichsbankdirektor, Reichsbankdirektorium, Berlin SW.11, Jägerstraße 34/36.

  36. Walz, Hans, Direktor, Geschäftsführer der Robert Bosch G.m.b.H., Stuttgart-W., Militärstraße 4.

Quelle: Faschismus (-Katalog). Hamburg und Berlin 19774, S. 19

28. Denkschrift der IG Farbenindustrie für den Rüstungsbeirat des Reichswehrmini­steriums[1] vom März 1935

Der Gedanke, die Außenorganisation des RMW unter Einschluß des RLM zur Vorbereitung der In­dustrie auf den Krieg zu erweitern, bedeutet letzten Endes, sich mit den Problemen über den Aufbau einer alle Kräfte des Volkes zusammenschließenden Wirtschaftsorganisation zu befassen.

Wenn man sich nicht nur an die im Kriege[2] unter dem Zwange der Not entstandene Organisati­onsform anlehnen will, sondern wenn man darauf ausgeht, die gesamten produktiven Kräfte auf weite Sicht vorberei­tend einem einheitlichen Zweck unterzuordnen, so heißt dies – naturgemäß unter Be­nutzung der im Kriege gesammelten Erfahrungen – eine wehrwirtschaftliche Neuorganisation zu schaffen, die den letzten Mann und die letzte Frau, die letzte Produktionseinrichtung und Maschine sowie den letzten Rohstoff der Erzeugung von kriegswichtigen Produkten zuführt und alle Arbeits­kräfte, Produktionseinrichtungen und Rohstoffe in einem militärisch straff geführten wirtschaftlichen Organismus eingliedert. Die gesamte Erzeu­gung der Industrie, des Handwerks und Gewerbes sowie der Landwirtschaft gilt in diesem Sinne als kriegswichtig und muß daher in den Rahmen einer umfas­senden Wehrwirtschaft einbezogen werden.

Die Erfassung der freibleibenden Kräfte muß naturgemäß in planvoller Zusammenarbeit auf weite Sicht durch Wehrmacht und Wehrwirtschaft geschehen.

Die in Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft verbleibenden Arbeitskräfte treten dann gemäß einem – dem militärischen Mobilmachungsplan entsprechenden – wehrwirtschaftlichen Mobilma­chungsplan unter militärischem, wehrwirtschaftlichen Kommando in Tätigkeit. Es müssen also für die Industriewerke, für die lebenswichtigen Handwerks- und Gewerbebetriebe sowie für die in ihrer Ge­samtheit ausnahmslos lebens­wichtige Landwirtschaft eingehende Mobilisierungspläne aufgestellt wer­den . . .

Einen letzten Schritt auf dem Wege der straffen militärischen Organisation der Wehrwirtschaft würde es bedeuten, auch alle in Frage kommenden Arbeitskräfte der Wehrwirtschaft im Kriegsfalle militärisch einzugliedern und den betreffenden Organen der Wehrwirtschaft (W[ehr]w[irt­schafts]­of­fi­ziere usw.) zu un­terstellen. Die gesamte Organisation muß von dem Gedan­ken getragen werden, trotz einer straffen Zentra­lisation der Planung die private Entwicklungsfreudig­keit zu fördern und vor allem die Organisation nicht bürokratisch erstarren zu lassen, sondern sie ela­stisch zu erhalten, damit sie sich im Kriegsfalle plötzlich dem Auftreten neuer Erfordernisse oder Verluste bzw. Ausfall von Er­zeugungsstätten oder Rohstoffen anpassen kann.

Quelle: Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Köln 19772, S. 344 f.

E. Kriegswirtschaft

29. „Betrifft: Außenhandelsplanung“

Brief der Reichsgruppe Industrie vom 4. Juli 1990 an die Wirtschaftsgruppen, mit dem diese auf­gefordert werden, ihre imperialistischen "Interessenwünsche" zu äußern.

 

 

 

 

 

 

 

 

Betrifft: Außenhandelsplanung

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Mit Rücksicht auf die großen Schwierigkeiten, die
sich bei der Anfertigung der Industrieanalyse durch die Wirt-
schaftsgruppen ergeben, haben wir das Reichswirtschaftsmini-
sterium noch einmal um eine Besprechung Gebeten und folgende
Vereinbarungen getroffen:

  1. Die Industrieanalyse kann zunächst auf folgende Länder
    beschränkt werden: Dänemark, Schweden, Norwegen, Holland,
    Belgien, Luxemburg und Frankreich.

  2. Es ist noch einmal ausdrücklich festgestellt worden,
    daß die Grundlage für die Arbeiten der Wirtschaftsgrup-
    pen die Berichte über die industriellen Verhältnisse in
    den einzelnen Ländern bilden müssen. Genau so notwendig
    ist aber eine scharfe Herausstellung der Interessenwün-
    sche der Industrie. Es ist nicht erforderlich, daß bei
    der Vorbringung dieser Wünsche irgendwelche Rücksicht ge-
    nommen wird auf die politische Entwicklung, möglicherweise
    eingetretene Grenzverschiebungen usw. Es genügt, wenn die
    bisherige Lage als Ausgangspunkt genommen und angegeben
    wird, in welcher Beziehung Änderungen angestrebt werden
    müssen. Bedeutungsvoller als die Schilderung des Status
    selbst sind also die Schlußfolgerungen, die die Wirt-
    schaftsgruppen ziehen und die die jeweiligen Wünsche deut-
    lich erkennen lassen. Die wichtigsten Punkte in der Indu-
    strieanalyse werden daher die Bewertung der ausländischen
    Industrie und die Konkurrenzverhältnisse sein (Punkt 3
    und 10 des Schemas), aus denen in erster Linie die Wün-
    sche der deutschen Industrie abzuleiten sein werden.

  3. Mit Rücksicht auf die besondere Eilbedürftigkeit der An-
    Gelegenheit kann vorläufig auf die Erhebung über Kapi-
    talbeteiligungen (Punkt 6 des Schemas) und Löhne und Le-
    benshaltung (Punkt 11 des Schemas) verzichtet werden. So-
    weit Unterlagen hierfür schon vorliegen, ist jedoch eine
    Verarbeitung erwünscht. Im übrigen werden wir einzelnen
    Wirtschaftsgruppen Unterlagen zu diesen Punkten zur Ver-
    Fügung stellen können.

  4. Soweit es im Augenblick noch nicht möglich ist, die vor-
    gebrachten Wünsche ganz konkret zu äußern und zu begrün-
    den, genügt es, daß uns die Wünsche zunächst als Voran-
    meldungen unterbreitet werden und wir sie als solche dem
    Reichswirtschaftsministerium übermitteln. Das Reichswirt-
    schaftsministerium kann später von sich aus direkt oder
    über die Reichsgruppe Industrie an die Wirtschaftsgruppen
    herantreten und die Wünsche gegebenen falls im Einzelnen
    überprüfen.

  5. Neuer Termin für die Ablieferung der Industrieanalysen
    nebst ausdrücklichen Interessentenwünschen, die noch eine
    spätere Berichtigung bezw. Ergänzung erfahren können, an
    die Reichsgruppe Industrie:

20. J u l i 1940.

Wir bitten, mit den Arbeiten für die Länder Ungarn,
Schweiz, Finnland und England fortzufahren, damit die Aus-
arbeitungen zu einem späteren Termin ohne längere Anlaufs-
Zeit vorgelegt werden können.

Wir möchten noch einmal ausdrücklich darauf hinwei-
sen, daß die Berichte bei uns in fünffacher Ausfertigung
e
ingereicht werden müssen. Trotz ausdrücklichen Hinweises
auf die hierdurch entstehenden Schwierigkeiten bestand das
Reichswirtschaftsministerium auf seinem Wunsch, in dieser
Vielzahl unseren Bericht und die Darstellungen der Wirt-
schaftsgruppen zu bekommen.

H e i l  H i t l e r !

REICHSGRUPPE INDUSTRIE

Die Geschäftsführung:

i.A.

(Unterschriften)

Quelle: Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten, Köln 19772, S. 344 f.

30. Vorschläge des Zeiss-Konzerns an die Wirtschaftsgruppe Feinmechanik und Optik vom August 1941 (Auszüge)

1. Auszugehen ist davon, daß die aus russischem Staatsbesitz stammenden Werke Kriegsbeute und damit Eigentum des Deutschen Reiches werden. Sie stehen daher in unmittelbarer Verfügungsgewalt des Deutschen Reiches, so daß es der Vermittlung von Treuhändern bei der Verwaltung der Werke nicht bedarf.

2. Da das Reich die Inbetriebnahme der Werke in privatwirtschaftlicher Form wünscht, bietet sich als geeignetste Rechtsform für die Überlassung des Werkes an die beauftragte deutsche Fachfirma und den Betrieb in deren Hand der Pachtvertrag an ...

Solange für das besetzte russische Gebiet keine neue selbständige Rechtsordnung besteht, kann die Pacht-GmbH nach deutschem Recht am Sitz der Mutterfirma gegründet werden und dort ihren Sitz behal­ten. Die Kapitalausstattung kann gering sein, da Anlagevermögen nicht in größerem Umfang notwendig ist ...

10. Als Vergütung für die Leistung, die die Mutterfirmen durch die Inbetriebnahme der russischen Werke im Rüstungsinteresse des Reiches erbringen, und die weitgehende Betreuung und Fabrikati­onsunterstützung, die dafür notwendig ist, erhalten die Mutterfirmen eine angemessene, mit steigen­dem Umsatz verhältnis­mäßig fallende prozentuale Vergütung vom Umsatz der Pachtgesellschaften.

11. In den Pachtverträgen ist den Pachtgesellschaften und ihren Mutterfirmen vorzubehalten, daß sie das gepachtete Werk erwerben können, wenn die endgültige Gestaltung der politischen, staatsrechtli­chen und wirtschaftlichen Verhältnisse im besetzten russischen Gebiet zu übersehen ist und das Deut­sche Reich die Veräußerung der Werke beabsichtigt.

Quelle: Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Köln 19772, S. 349.

31. Himmler über die Behandlung der „Fremdvölkischen im Osten“

Einige Gedanken über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten.

Bei der Behandlung der Fremdvölkischen im Osten müssen wir darauf sehen, so viel wie möglich einzelne Völkerschaften anzuerkennen und zu pflegen, also neben den Polen und Juden die Ukrainer, die Weißrus­sen, die Goralen, die Lemken und die Kaschuben. Wenn sonst noch irgendwo Volkssplit­ter zu finden sind, auch diese.

Ich will damit sagen, daß wir nicht nur das größte Interesse daran haben, die Bevölkerung des Ostens nicht zu einen, sondern im Gegenteil in möglichst viele Teile und Splitter zu zergliedern.

Aber auch innerhalb der Völkerschaften selbst haben wir nicht das Interesse, diese zu Einheit und Größe zu führen, ihnen vielleicht allmählich Nationalbewußtsein und nationale Kultur beizubringen, sondern sie in unzählige kleine Splitter und Partikel aufzulösen.

Die Angehörigen aller dieser Völkerschaften, insbesondere der kleinen wollen wir selbstverständlich in den Stellen von Polizeibeamten und Bürgermeistern verwenden ...

Schon in ganz wenigen Jahren – ich stelle mir vor, in 4 bis 5 Jahren – muß beispielsweise der Begriff der Kaschuben unbekannt sein da es dann ein kaschubisches Volk nicht mehr gibt (das trifft beson­ders auch für die Westpreußen zu). Den Begriff Juden hoffe ich, durch die Möglichkeit einer großen Auswanderung sämtlicher Juden nach Afrika oder sonst in eine Kolonie völlig auslöschen zu sehen. Es muß in einer etwas längeren Zeit auch möglich sein, in unserem Gebiet die Volksbegriffe der Ukrainer, Goralen und Lemken verschwinden zu lassen. Dasselbe, was für diese Splittervölker gesagt ist, gilt in dem entsprechend größe­ren Rahmen für die Polen.

Eine grundsätzliche Frage bei der Lösung aller dieser Probleme ist die Schulfrage und damit die Frage der Sichtung und Siebung der Jugend. Für die nichtdeutsche Bevölkerung des Ostens darf es keine höhere Schule geben als die vierklassige Volksschule. Das Ziel dieser Volksschule hat lediglich zu sein:

Einfaches Rechnen bis höchstens 500, Schreiben des Namens, eine Lehre, daß es ein göttliches Ge­bot ist, den Deutschen gehorsam zu sein und ehrlich, fleißig und brav zu sein. Lesen halte ich nicht für erforderlich.

Außer dieser Schule darf es im Osten überhaupt keine Schulen geben. Eltern, die ihren Kindern von vornherein eine bessere Schulbildung sowohl in der Volksschule als auch später an einer höheren Schule vermitteln wollen, müssen dazu einen Antrag bei den Höheren SS- und Polizeiführern stellen. Der Antrag wird in erster Linie danach entschieden, ob das Kind rassisch tadellos und unseren Bedin­gungen entsprechend ist. Erkennen wir ein solches Kind als unser Blut an, so wird den Eltern eröffnet daß das Kind auf eine Schule nach Deutschland kommt und für Dauer in Deutschland bleibt.

So grausam und tragisch jeder einzelne Fall sein mag, so ist diese Methode, wenn man die bolschewi­sti­sche Methode der physischen Ausrottung eines Volkes aus innerer Überzeugung als ungermanisch und unmöglich ablehnt, doch die mildeste und beste.

Die Eltern dieser Kinder guten Blutes werden vor die Wahl gestellt, entweder das Kind herzugeben – sie werden dann wahrscheinlich keine weiteren Kinder mehr erzeugen, sodaß die Gefahr, daß dieses Unter­menschenvolk des Ostens durch solche Menschen guten Blutes eine für uns gefährliche, da ebenbürtige Führerschicht erhält, erlischt – oder die Eltern verpflichten sich, nach Deutschland zu ge­hen und dort loyale Staatsbürger zu werden. Eine starke Handhabe, die man ihnen gegenüber hat, ist die Liebe zu ihrem Kind, dessen Zukunft und dessen Ausbildung von der Loyalität der Eltern abhängt

...Die Bevölkerung des Generalgouvernements setzt sich dann zwangsläufig nach einer konsequenten Durchführung dieser Maßnahmen im Laufe der nächsten 10 Jahre aus einer verbleibenden minder­wertigen Bevölkerung, die noch durch abgeschobene Bevölkerung der Ostprovinzen sowie all’ der Teile des deut­schen Reiches, die dieselbe rassische und menschliche Art haben (Teile, z.B. der Sor­ben und Wenden), zusammen.

Diese Bevölkerung wird als führerloses Arbeitsvolk zur Verfügung stehen und Deutschland jährlich Wan­derarbeiter und Arbeiter für besondere Arbeitsvorkommen (Straßen, Steinbrüche, Bauten) stel­len; sie wird selbst dabei mehr zu essen und zu leben haben als unter der polnischen Herrschaft und bei eigener Kulturlosigkeit unter der strengen, konsequenten und gerechten Leitung des deutschen Volkes berufen sein, an dessen ewigen Kulturtaten und Bauwerken mitzuarbeiten und diese, was die Menge der groben Arbeit anlangt, vielleicht erst ermöglichen.

Quelle: Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Köln 19772, S. 328 ff.

32. Zwangsarbeiter in hannoverschen Betrieben

Der ganze Umfang des Sklavenarbeitsprogramms läßt sich nicht mehr rekonstruieren. Bekannt ist, daß die Industrie Hannovers sich auch mit sogenannten »Fremdarbeitern« versorgte, die größtenteils unter Zwang aus ihren Heimat­ländern deportiert wurden. Folgende Einsatzzahlen sind bisher für hannoversche Betriebe bekannt:

Firma

Zwangsarbeiter

Hanomag

2000

Continental, Lager Büttnerstraße

2000

Continental, Lager Vahrenwalderstraße

800

Günther Wagner

2300

VLM - Verein Leichtmetall, Göttinger Chaussee

1500

DAF Gemeinschattsiager Colonnenweg

2000

Brinker Eisenwerk 1 und 2

1000

Heereszeugamt, Mecklenheide

500

DRB. Güterbahnhof Hainholz

400

RB, Lager Seelze

400

Körting AG

400

Deutsche Edelstahlwerke

500

Kühlhaus Mecklenheider Straße

300

Kraftwerk Niedersachsen Preußag/Seelze

300

Hackethal Draht- und Kabelwerke

300

Riedel de Haen, Seelze

250

RB Botenmeisterei, Fischerhof

200

Schmidding Werke

150

Robert Grasdorf, Wülfel

150

Reemtsma

150

Kraftwerke Ahlem

150

W. Sorst Blechwerk

150

Mittellandwerke

200

Heereszeugmeisterei

200

Heereszeugmeisterei, Badenstedterstraße

80

Straßenbahn, Ihmestraße

120

Schuh & Co., Abbruchunternehmen

120

Peters Schwellenhauerei

120

Hansens Gummi & Packungswerke

100

Vereinigte Schmirgelwerke

120

Metallwarenfabrik Repenschewski

80

Schulenburger Ziegelei

100

Sichel AG

100

Eisenwerke, Wülfel

350

Garvens-Werke

90

Lager 174 Altmaterial, Hann.-Linden

400

Hanomag, Lager Schwarzer Bär

170

Hanomag, Lager 82, Brauhaus, Hamelner Straße

500

Hanomag, Lager 13, Mühlenberg, Hamelner Chaussee

200

Hanomag, Lager Mühlenberg, Göttinger Chaussee

2000

Hanomag, Lager 104, Fröbelstraße

400

Hanomag, Lager Humboldtschule

150

Hanomag, Lager Pappelberg-Tönisberg

450

Hanomag, Lager Bredenbecker Straße

180

DAF Gemeinschaftslager 4, Bornumer Holz

3250

Louis Eilers

90

Stadtbauamt, Arbeits-Btl. 19

400

Stadtbauamt, Italienerlager I, Badenstedter Straße

555

Stadtbauamt, Italienerlager II, Burgstraße

385

Stadtbauamt, Italienerlager Ill, Davenstedter Straße

110

Stadtbauamt, Italienerlager IV, Bonifatiusplatz

100

Stadtbauamt, Italienerlager V, Ebelingstraße

340

Stadtbauamt, Lager Kestnerstraße

370

Stadtbauamt, Arbeits-Btl. 3, Harenbergerstraße

180

Wollwäscherei und Kämmerei

660

Gemeinschaftslager Stader Chaussee

1580

Haentzsche & Klingelhöfer

150

Lager Schlorumpfweg

1000

Bahlsen Keksfabrik

200

Reichsbahn, Hannover-Hainholz, Schulenburger Landstraße

1900

Reichsbahn, Lager 102, Kesternerstraße

200

Reichsbahnlager Peterstraße

710

Nordhafen

1200

Lager Melanchthonstraße

870

Continental-Lager Lindener Hafen

275

Continental-Lager Rosengarten

100

Vereinigte Leichtmetallwerke GmbH, Lager Grasnarbe

600

Lager Schuppert, Höltystraße

220

Lager 97, Burgdorfer Konservenfabrik, Hildesheimer Chaussee

675

Adlerwerke, Concordiastraße

75

Eilers & Co., Entenfangweg

140

Reichsbahnlager Eisenstraße

940

Reichspostlager Misburger Damm

275

Bode-Panzer

185

Karl Ahrend KG, Kohlenhandlungen

200

Geha-Werke

95

Friedrich Mehmel AG

400

Deutsche Reichsbahn, Lager Bornumer Straße

200

Deutsche Reichsbahn Lager Burgweg

100

Maschinenfabrik Niedersachsen GmbH, Lager Döhrener Warte

80

Lager Badenstedter Straße

75

Deurag, Misburg, Lager Im Döhrbruch

100

Deurag Misburg Lager Wasserkampstraße

400

Fa. Fuchs, Empelder Straße

65

Empelde, Dynamitfabrik

1500

Langenhagen, Fa. Wohlenberg

100

Langenhagen, Max Müller

700

Godshorn, Schulenburger Mühle

1250

Letter, Reichsbahn

500

Laatzen

700

Grasdorf

360

Ronnenberg

470

Weetzen, Kali Chemie

100

Weetzen, Zuckerfabrik

50

Groß Munzel, Zuckerfabrik

170

Seelze, Büchtmann & Co.

50

Seelze, Riedel de Haen

?

Quelle: G. Zorn, Widerstand in Hannover, Frankfurt/Main 1977, S. 242 f.

33. Arbeitslager – Vernichtungslager – Auschwitz

Auschwitz

Auschwitz (Oswiecim), das gigantischste Industrie-KZ-Kombinat des Dritten Reiches wurde 1941 unter Beteiligung der IG-Farben gegründet. Die entscheidende »Geländebesichtigung« fand am 1. März 1941 statt. An ihr nahmen teil: Gauleiter Bracht, die Regierungspräsidenten, der »Höhere SS- und Polizeiführer Schlesien«, Heinrich Schmauser, führende Herren der IG-Farben und der Inspek­teur der KZ, Glücks.

Sodann wurden sieben polnische Dörfer in der Umgebung vollkommen geräumt.

Die Gründe für den Standort waren folgende: große Entfernung vom Westen (Sicherheit vor Luftangrif­fen und unerwünschten Einblicken), ausreichende Rohstoffgrundlagen (Kohle, Kalk, Was­ser) und Energie, unerschöpfliche Arbeitskräfte-Ressourcen und besondere Abschreibungsbedingun­gen: Die »Oststeuerhilfe« erlaubte, daß bei Maschinen sofort 80 % und bei Fabrikanlagen 20 % ab­geschrieben werden konnten. Die IG war auf diese Weise in der Lage, die großen Fabriken in Au­schwitz und Heidebreck zu ungefähr der Hälfte der Entstehungskosten zu amortisieren.

Für den Bau des 4-Mrd.-RM-Bunaprodukts wurden 8000-10000 Häftlinge benötigt. Dazu war das KZ viel zu klein, so daß die IG-Farben 2 Mio. RM für den Bau des KZ Ausch­witz aus anderen Vor­haben „her­aus­schnitt“, sowie erhebli­che Kre­dite der SS zur Verfügung stellte. 1944 hatte Ausch­witz nach der Aussage Pohls 140 bis 160.000 Häftlinge; direkt und „durch Ar­beit vernichtet“ wurden ins­gesamt bis 1945 etwa vier Millionen Men­schen, ca. 370.000 in Betrieben der IG-Farben, davon in Monowitz allein 280.000. Die Zahlen sind deshalb be­kannt, weil die SS bei den Selektionen genau Buch führte und Todeslisten er­stellte.

Quelle: Peter M. Kaiser, Monopolprofit und Massenmord im Faschismus – Zur ökonomischen Funktion der Konzentrations- und Vernichtungslager im faschistischen Deutschland. In: Blätter für deutsche und internationale
 Politik. Heft 5/1975 S. 570 ff.

Die nachfolgenden Dokumente machen zum einen die ökonomische Dimension des NS-Lagersystems deutlich, in dem jeder Mensch auf seinen materiellen Nutzen reduziert wurde, zum anderen aber auch den Zynismus, mit dem jegli­che Humanität und jegliches Mitgefühl beseitigt wurde zugunsten einer bü­ro­kratischen »Häftligsverwertung« bis hin zur Berechnung des Wertes der Leiche. Die Übersichtskarte zeigt, daß das »Lagersystem« als politische und ökonomische Grundlage des NS nicht auf »vereinzelte« Vernichtungslager im okkupierten Osten zu reduzieren ist, sondern »flächendeckend« den ganzen Herr­schaftsbereich des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg überzog:

Verwertung
(übliches »Abrechnungsformular« aus einem KZ)

Quelle: wie 32. – Ebenfalls in: Hey/Radkau, Natio­nalsozialismus und Fa­schismus. Politische Welt­kunde II. Stuttgart 1976 (Klett), S. 66. 

„Täglicher Verleihlohn durchschnittlich RM 6,--  
abzüglich Bekl. Amort. RM 0,10  
abzüglich Ernährung RM 0,60 = RM 0,70
durchschnittliche Lebensdauer 9 Mt.    
Erlös aus rationeller Verwertung der Leichen: = 270 X RM 5,30 = RM 1431,--
  1. Zahngold    
  2. Kleidung    
  3. Wertsachen    
  4. Geld    
abzüglich Verbrennungskosten RM 2,--  
durchschnittlicher Nettogewinn RM 200,--  
Gesamtgewinn nach 9 Monaten   RM 1631,--
zuzüglich Erlös aus Knochen und Aschenverwertung.“  
Karte: Das Lagersystem des NS und die Befreiung der KZ durch die Alliierten

N - Hamburg/Neuengamme, E - Esterwegen, R - Ravensbrück, S - Sachsenhausen, BB - Bergen-Belsen,
BU - Bu­chenwald, N - Natzweiler, D - Dachau, MH - Mauthausen, G - Gross-Rosen, C - Chelmo,
A - Auschwitz, P - Plaszow, T - Treblinka, M - Majdanek, S - Sobibor, B - Belzec;
die Vielzahl der kleinen Arbeits- und Außenlager ist z.T. mit klei­nen Punkten auswahlsweise erfaßt, aber nicht im einzelnen be­nannt.

Quellen: Faschismus- (Katalog), a.a.O., S. 111; STERN 13/1979, 22.3.79, S. 128 u.a.

34. Forderungsnachweis über den Häftlingseinsatz

Forderungsnachweis Nr. ___________________________

über den Häftlingseinsatz

bei I.G. Farben

für die Zeit vom 1. - 31. Dezember 43

 Gemäß umseitiger Aufstellung sind zu entrichten:

für 35.482 Facharbeiter (Tagesbeschäftigung) RM 4,-- RM  141.928,--
für 4.804 Facharbeiter (Halbtagsbeschäftigung) RM 2,-- RM  9.608,--
für 95.344 Hilfsarbeiter (Tagesbeschäftigung) RM 3,-- RM  286.032,--
für 14.851 Hilfsarbeiter (Halbtagsbeschäftigung) RM 1,50 RM  22.276,50
Summe:     RM  459.844,50
Rückverg. vom November 43 RM 30,-- RM  459.814,50

Der Betrag von RM ______________ ist bis zum ___________ 194__, unter

Angabe der Nummer des Forderungshinweises auf dem betreffenden Bank- bzw. Postab­schnitt auf folgendes Konto zu überweisen.

           sachlich richtig und festgestellt

          Der Leiter der Verwaltung

Quelle: Faschismus(-Katalog). Berlin und Hamburg, 19774. S. 112.

F. Ansätze zum Verstehen von Widerstand

35. Martin Niemöller

„Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Katholiken holten,
habe ich nicht protestiert;
ich war ja kein Katholik.
Als sie mich holten,
gab es keinen mehr,
der protestieren konnte.“

36. Der „Schwur der Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald am 19. April 1945“ (Kurzform)

„Wir schwören deshalb vor aller Welt
auf diesem Appellplatz
an dieser Stätte des faschistischen Grauens:
Wir stellen den Kampf erst ein,
wenn auch der letzte Schuldige
vor den Richtern der Völker steht!
Die Vernichtung des Nazismus
mit seinen Wurzeln ist unsere Losung.
Der Aufbau der neuen Welt
des Friedens und der Freiheit
ist unser Ziel.“

37. Gerda Zorn: „Widerstand in Hannover“

Auguste Breitzke-Wille, die damalige Braut von Franz Nause, berichtet: „1934 hatte ich mich der Sozialisti­schen Front angeschlossen. Ich selbst gehörte zum Verteilerapparat. Wir verteilten in einzel­nen Gruppen. Franz Nause kannte aus seiner SAJ-Zeit und dem Reichsbanner viele Genossen. Aus der früheren Schufo (Schutzformation) des Reichsbanner machten Erich Kurze, Furch, Willi Hahn, Giebel u.a. mit. Zu ihnen kamen aus dem Jungbanner bzw. aus der Schülergruppe Genossen, die den Versand der 'Sozialistischen Blätter' durchführten. Werner Blumenberg und Franz Nause organisier­ten die Herausgabe. Auch das schwierige Problem der Papierbeschaffung hatten wir gelöst. Ein Ge­nosse, der am Aegi ein Großhandels­lager für Papierwaren besaß, stellte uns große Mengen Papier zur Verfügung. Es waren mitunter 4000-5000 Blatt. Trotzdem litt unser Kampf darunter, daß wir zuwe­nig Erfahrung in der illegalen Arbeit hatten. 1934 wurden die ersten der Sozialistischen Front verhaf­tet, darunter Paul Senftenberg, Erich Schnitter, Egon Franke. Wir machten natürlich weiter. Die Wohnungen, in denen die Blätter geschrieben und abgezogen wurden, wechselten. Auch in unserer Wohnung fand die Herstellung zeitweilig statt. Franz Nause, Martin Wirth und Willi Wendt arbeiteten den ganzen Tag an einer Ausgabe. Unsere Wohnung war dazu gut geeig­net, weil unter dem Arbeits­raum niemand wohnte und über dem Zimmer ein ungeheizter Raum war, den die Mieter über uns nie benutzten. Durch Decken, Filzunterlagen usw. wurde jedes Geräusch gedämpft. Von einer Matrize wurden oft bis zu 1000 Abzüge gemacht!“

Quelle: Gerda Zorn, a.a.O., S. 119

38. Illegaler Aufruf zu den „Mißtrauenswahlen“

DIE VERTRAUENSMÄNNER,

die am 3. und 4. April „gewählt“ werden sollen, sind nicht unsere Vertrauensleute. Der „Herr Be­triebsführer“ stellt nur Kandidaten auf, die ihm und dem Pg. Treuhänder passen. Deshalb müssen wir

STREICHEN!

Laßt Euch nicht übers Ohr hauen. Laßt Euch nicht durch falsche Parolen verwirren, ganz gleich, wo­her sie kommen. Auch wenn der „Herr Betriebsfüher“ einen guten Kollegen auf die Liste setzt, streicht die Liste durch. Selbst der beste Kollege kann im „Vertrauensrat“ nichts durchsetzen. Er wird nur als Lockvogel mißbraucht, damit möglichst viele „Ja-Stimmen“ zusammenkommen. Jeder „Ja-Zettel“ gilt als Zustimmung zu den niedrigen Löhnen, zur braunen Antreiberei, zu den steigenden Preisen, zum braunen Hunger und zum Giftgaskrieg.

Ihr sollt für „Erz“ gegen „Fett“ stimmen, für Giftgastod und Hungersnot. Die Autobonzen der D.A.F. möchten melden: die Betriebe wollen hungern, die Betriebe wollen Krieg! Deshalb sagt Nein!

STREICHT DIE GANZE LISTE DURCH!

Auf jeden Fall aber den Repräsentanten des Systems, den Mann der N.S.B.O. und den Walter der D.A.F.

Sie sollen wissen: wir wollen höhere Löhne, wir wollen Teuerungsausgleich. Wir wollen keine Ver­trauens­männer der Unternehmer! Für dieses System der Entrechtung, der Unterdrückung und Aus­beutung nimmt keiner freiwillig die Knarre in die Hand!

Wir wollen Freiheit, Frieden und Brot!

Gebt als Flüsterparole weiter, schreibt an die Mauern und Zäune, schreibt in die Waschräume und die Toiletten:

MISSTRAUENSWAHLEN! STREICHEN!

Quelle: Der deutsche antifaschistische Widerstand 1933-1945 in Bildern und Dokumenten. Frankfurt 1975, S. 75


 

III. Die psychologischen Grundlagen des Rechtsradikalismus und der Fremdenfeindlichkeit

A. Materialien zu den sozialpsychologischen Interpretationsansätze

39. Auszüge aus der Autobiographie von Rudolf Höß, KZ-Lagerkommandant in Auschwitz

(Höß schloß sich nach dem 1. Weltkrieg einer rechtsradikalen Organisation an, war an einem politi­schen Mord beteiligt und wurde 1924 zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt.)

Am ersten Kriegstage hielt Eicke eine Ansprache an die Führer der Ersatzformationen, die die akti­ven SS-Einheiten in den Lagern abgelöst hatten. Darin betonte er, daß nun die harten Ge­setze des Krieges ihr Recht verlangten. Jeder SS-Mann habe nun ohne Rücksicht auf sein bisheriges Leben sich voll und ganz einzusetzen. Jeder Befehl müsse ihm heilig sein, und auch den schwersten und härtesten hätte er ohne Zögern auszuführen ...

Am selben Abend wurde die erste Exekution [Hinrichtung] des Krieges in Sachsenhausen durchge­führt... In der Sandgrube auf dem Industriehof wurde schnell ein Pfahl eingegraben. Und schon kamen auch die Wagen angefahren. Der Kommandant bedeutete dem Verurteilten (einem Kommunisten), daß der sich an den Pfahl zu stehen hätte. Ich führte ihn hin. Ruhig stellte er sich be­reit. Ich trat zurück und gab den Feuerbefehl - er sank in sich zusammen und ich gab ihm den Fang­schuß ...

Ein Fall ging mir besonders nahe. Ein SS-Führer, Stapo [= Staatspolizei]-Beamter, mit dem ich viel zu tun hatte, da er des öfteren wichtige Häftlinge überführte oder wichtige Geheimschreiben an den Komman­danten abzugeben hatte, wurde plötzlich eines Nachts gebracht zur sofortigen Exeku­tion. Den Tag zuvor hatten wir noch in unserem Kasino zusammengesessen und uns auch über die Exekutionen unterhalten. Und nun war er selbst dran, und ich mußte den Befehl durchfuhren [Grund für das Todesurteil: Er hatte bei einer Verhaftung nachlässig gehandelt, der zu Verhaftende war ent­kommen.] ... Er ging gefaßt und ruhig in den Tod. Wie ich aber ruhig den Feuerbefehl geben konnte, ist mir heute noch nicht faßbar. Die drei Män­ner, die schossen, wußten nicht, wen sie erschießen mußten, und es war gut so, vielleicht hätten sie doch gezittert. Vor innerer Erregung konnte ich ihm kaum meine Pistole zum Fangschuß an die Schläfe setzen ... Diese Erschießung steht mir immer vor Augen im Zusammenhang mit der fortgesetzt geforderten Selbst­überwindung und unbeugsamen Härte. Das war schon nicht mehr menschlich – glaubte ich damals. – Und Eicke predigte weiter vom Noch-härter-werden. Selbst die nächsten Angehörigen muß ein SS-Mann ver­nichten können, wenn sie sich gegen den Staat oder die Idee Adolf Hitlers vergingen. „Es gibt nur eines, was Gültigkeit hat: Der Befehl!“ So stand als Vordruck über seinen Briefen.

[1940 wurde Höß Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz.] Nach dem Willen des RFSS [= Reichsführer der SS Himmler] wurde Auschwitz die größte Menschen-Vernichtungsanlage aller Zeiten. Als er mir im Sommer 1941 persönlich den Befehl erteilte, in Auschwitz einen Platz zur Menschenvernichtung vorzubereiten und diese Vernichtung durchzuführen, konnte ich mir nicht die geringsten Vorstellungen über die Ausmaße und die Auswirkungen machen. Wohl war dieser Befehl etwas Ungewöhnliches, etwas Ungeheuerliches. Doch die Begründung ließ mich diesen Vernich­tungsvorgang richtig erscheinen. Ich stellte damals keine Überlegungen an – ich hatte den Befehl be­kommen – und hatte ihn durchzuführen. Ob diese Massenvernichtung der Juden notwendig war oder nicht, darüber konnte ich mir kein Urteil erlauben, soweit konnte ich nicht sehen. Wenn der Führer selbst die „Endlösung der Judenfrage“ befohlen hatte, gab es für einen alten Nationalsozialisten keine Überlegungen, noch weniger für einen SS-Führer. „Führer, befiehl, wir folgen“ – war keinesfalls eine Phrase, kein Schlagwort für uns. Es war bitter ernst gemeint ... Was der Führer befahl bzw. für uns sein ihm Nächststehender, der RFSS – war immer richtig.

Quelle: Höß, Kommandant in Auschwitz. Hg. von M. Broszat. München 1978 (dtv 2908).
 - Auch in: Helbig, Politik im Aufriß. Frankfurt 1973, S. 14 f.

B. Empirische Befunde zum autoritären Charakter

40. Untersuchungen des Max-Planck-Instituts München in Anlehnung an den »Milgram-Versuch«

Es ging um Gehorsam. Die Testreihe wurde am 10. März 1970 eröffnet. Die Versuchsperson, ein äl­terer Mann, hatte die ausgetretenen Holztreppen des Hauses im Norden Münchens be­zwungen. Er war mittelgroß, ein Beamter wohl, kurz vor oder nach seiner Pensionierung. Im Treppenhaus war dem Mann ein »Langhaariger« begegnet; ein Mitglied jener Kommune, die damals über den Räumen des Max-Planck-Instituts lebte, vor dessen Türe er nun stand und klingelte. Ein Weißbekittelter öffnete und stellte sich als Herr K. vor, begrüßte den Besucher herzlich im Max-Planck-Institut, überreichte ihm 25 Mark als Anerkennungsgebühr und führte ihn in ein klinisch kah­les Zimmer, in dem schon ein jun­ger Student wartete. »Versuchsperson« wie der alte Mann.

Herr K. hielt eine kleine Rede – sie war einstudiert wie jede seiner Bewegungen, jeder seiner Sätze in dieser Testreihe: „Meine Herren, unser Experiment soll den Effekt [die Wirkung] von Bestra­fung auf den Lernprozeß herausarbeiten. Wir wissen nämlich sehr wenig über dieses Problem. Bei seiner Lösung sollen sie uns helfen. Einer von Ihnen soll Lehrer, einer soll Schüler sein.“

Ober die Rollenverteilung entschied eine (vorgetäuschte) Auslosung. Der alte Mann wurde »Lehrer«. Die drei Personen gingen in das angrenzende Zimmer. Zuerst fielen dem alten Mann die kleinen, weißen Mäuse auf, die in einem Käfig in der Ecke des etwa 25 Quadratmeter großen Zim­mers herumturnten. Dann wanderte sein Blick über eine Fernsehkamera, über zahllose elektrische Kabel, die alle in einem längli­chen, schwarz-weißen Metallkasten endeten, der auf einem Tisch in der Mitte des Raumes stand.

Aus der Stirnwand des Kastens ragten dreißig helle, rechteckige Druckschalter, über ihnen blink­ten Lämpchen. Dann sah der Mann durch eine offenstehende Tür den elektrischen Stuhl. Zweifellos, es war ein elek­trischer Stuhl. Zu den Armlehnen führten Kabel, einige Riemen hingen locker herab, irgend etwas blitzte metallisch auf. Das Gerät wirkte bösartig.

Herr K. ging in das Nebenzimmer, die beiden anderen folgten. Mit einer einladenden Geste bat der Versuchsleiter den jungen »Schüler«, auf dem Stuhl Platz zu nehmen: „Wir müssen jetzt ihre Arme fest­schnallen. Sie werden sich nicht bewegen können.“ In seiner linken Hand hielt Herr K. plötzlich eine Pa­stentube, schmierte etwas von ihrem Inhalt auf den Arm des »Schülers«: „Damit keine Brandblasen entste­hen. Die Paste erleichtert den Stromfluß durch Ihren Körper.“

Zwei Elektroden wurden am bewegungsunfähigen linken Arm des Schülers befestigt. Der alte Mann half lächelnd, und Herr K. sagte: „Der ‚Lehrer‘ wird Ihnen über Mikrofon vom Zimmer ne­benan ca. sechs­undzwanzig Wortpaare vorlesen, etwa so: Tag-Blau, Nacht-Wald, Mutter-Liebe, Wasser-Seemann und so weiter. Dann wird er das Wort ‚Tag‘ wiederholen und vier weitere Worte dazu. Sie müssen sich an das richtige zugehörige Wort erinnern. Kommt das Wort an vierter Stelle, dann drücken Sie mit Ihrem Finger Knopf Nummer 4 dieser Antwortbox hier. In einer ähnlichen Box leuchtet dann Ihre Antwort im Zimmer des ‚Lehrers‘ auf.“

Die Stimme des Experimentators erinnerte den »Schüler« an die eines routinierten Schmieren­komö­dianten: „Sollten Sie einen Fehler machen, erhalten Sie einen Elektroschock als Bestrafung.“ Testleiter und Lehrer verließen den Schüler, gingen zurück in den Raum, in dem der Metallkasten stand: ein Elektro­schockgenerator. Der alte Mann erhielt einen Probeschock von 45 Volt, um die Stärke der Bestrafungen kennenzulernen. Dann gab Herr K. dem Lehrer die Liste mit den Wortpaa­ren: „Sprechen Sie bei Ihrer Befragung in dieses Mikrofon hier. Kontrollieren Sie die Antwort des Schülers in der kleinen Ant­wortbox. Leuchtet das falsche Nummernschild auf, sagen Sie ‚falsch‘, drücken dann den ersten Hebel am Schock­generator und sagen dem Schüler, mit welcher Volthöhe er bestraft werde. Lesen Sie die richtige Antwort vor, und gehen Sie zur nächsten Frage über. Die Be­strafung beginnt bei 15 Volt und endet bei 450 Volt.“ Der alte Mann betrachtete aufmerksam den schwarzen Kasten. Über den Schaltern stand die Volthö­he. Unter ihnen las er Signaturen der Schock­stärken: von »leicht« zu »sehr stark«, »äußerst stark« und »gefährlich«. Bei 450 Volt markierten ominöse »xxx« die Wirkung des Stromschlags.

Dieser alte Mann nun drückte im Verlauf des Tests alle Schalter. Schmerzensschreie aus dem Ne­benzimmer bei 75 Volt rührten ihn nicht; als der Schüler bei 150 Volt aus dem Experiment entlas­sen wer­den wollte, sagte Herr K.: „Machen Sie weiter.“ Bei 180 Volt hörte der alte Mann aus dem Nebenzimmer Jammern um Gnade und Erbarmen. Bei 300 Volt verweigerte der Schüler jede weitere Antwort. „Ich mache nicht mehr mit! Laßt mich raus. Ich weigere mich. Schluß!“ Dann hörte man nichts mehr.

Der alte Mann fragte, bekam keine Antworten, drückte die Schalter erbarmungslos, kaltherzig, ma­schinell: „Der sagt ja nichts mehr. Jetzt mag er nicht mehr.“

Der Versuch war beendet – und der alte Mann blieb keine Ausnahme. 85 Prozent aller Geteste­ten hat­ten bis zu 450 Volt angewandt ...

Was die Getesteten nicht wußten, war dies: Der »Schüler« war in das Experiment eingeweiht; die Auslosung war gefälscht; die grauenhaften Schreie stammten von einem Tonbandgerät, das sich automa­tisch ein- und ausschaltete ...

Die Versuchsreihe, die sechs Wochen dauerte und in Gemeinschaftsarbeit zwischen dem Max-Planck-Institut und dem Bayerischen Fernsehen produziert wurde, hatte ein Vorbild: die Experimente des amerikanischen Psychologen Stanley Milgram. Er wollte 1960 herausfinden, warum die Deut­schen zwi­schen 1933 und 1945 so gehorsam waren. Gab es einen typischen deutschen Volkscharak­ter der Unter­würfigkeit? In den Städten New Haven und Bridgeport startete Milgram seine Vorversu­che. Er kam nie nach Deutschland. Denn bis zu 66 Prozent seiner Versuchspersonen drückten alle Hebel. Stanley Milgram reichte das: „Mit bestürzender Regelmäßigkeit haben sich in unserem Expe­riment ‚gute Leute‘ den Forde­rungen einer Autorität gebeugt und haben böse Dinge getan.“

„In Deutschland“, so hatten Experten des Max-Planck-Instituts prophezeit, „werden es höchstens 30 Prozent sein. Wir sind demokratischer geworden.“ Die Prognose war ein Irrtum.

Quelle: ZEIT-Magazin vom 2.10.1970. – Auch in: Helbig: Politik im Aufriß. Frankfurt 1973, S. 16 f.

41. Der autoritäre Charakter

Der in der Familie herangebildete autoritäre Charakter sieht sich in der modernen industriellen Ge­sellschaft einem Apparat gegenüber, dessen Strukturen er nicht durchschaut, so daß ihm der Apparat quasi anonym gegenübertritt. Die Identifizierung mit dem Über-Ich, dem Vater, die für das Kind eine Möglichkeit gewesen ist, um Strafen zu entgehen, wird jetzt durch die Identifi­zierung mit dem Ganzen, dem Staat, der Nation abgelöst. Da das Ich nicht die Stärke besitzt, allein mit seinen Ängsten fertig zu werden, lehnt es sich ganz an das Über-Ich an, das im Faschismus - die allgemeine Entwicklung zur Anonymisierung bewußt rückgängig machend – personalisiert im »Führer« erscheint.

Sofern dieser in den Massenindividuen die familiären Gefühlsbindungen zu erwecken versteht, ist er gleichzeitig eine Vatergestalt, d. h. er konzentriert auf sich alle die effektiven Einstellungen, die seinerzeit dem strengen, aber auch schätzenden Vater galten. Man hörte oft von nationalsozialisti­schen Parteigän­gern, mit denen man über die Unhaltbarkeit des so widerspruchsvollen Programms der NSDAP sprach, Hitler verstünde das alles so viel besser, er würde schon alles schaffen. Hier kommt die kindliche Schutz­einstellung zum Vater deutlich zum Ausdruck. Noch wesentlicher ist aber die Identifizierung der Massenin­dividuen mit dem Führer. Je hilfloser das Massenindividuum auf Grund seiner Erziehung in Wirklichkeit ist, desto stärker prägt sich dann die ldentifizierung mit dem Führer aus, desto mehr verkleidet sich das kindli­che Anlehnungsbedürfnis in die Form des Sich-mit-dem-Führer-eins-Fühlens. Diese Identifizierungsneigung des kleinbürgerlichen Menschen ist die psy­chologische Grundlage seines nationalen Narzißmus, d. h. seines »Größe der Nation« entliehenen Selbstgefühls. Der Kleinbürger entdeckt sich selbst im Führer, im autoritären Staat, er fühlt sich auf­grund dieser Identifizierung als Verteidiger des »Volkstums«, der »Nation«, was nicht hindert, daß er gleichzeitig, ebenfalls aufgrund dieser Identifizierung, die Masse verach­tet und sich ihr individuell ge­genüberstellt. Seine materielle Elendslage erstickt psychologisch in der ihn erhöhenden Idee des Her­rentums und genialen Führertums, so sehr, daß er in geeigneten Augenblicken sein völliges Herabsin­ken und Herabgedrücktwerden zur bedeutungslosen Gefolgschaft nicht wahrnimmt.

Die Identifikation mit dem Führer oder mit der Nation verlangt von dem sich Identifizierenden stets neue Verzichtsleistungen. Der Haß, die Aggressionen, die sich gegen das Über-Ich richten müß­ten – auf­grund mangelnder Ich-Stärke jedoch durch die Identifizierung von ihrem Ziel abgelenkt wer­den –, müssen ein Opfer finden: Sie finden es in dem »Anderen«, dem, der sich nicht den eigenen Identifizierungssche­mata unterwirft. Nach Adorno wird das Denken des Autoritären von einem stren­gen Freund-Feind-Schema geprägt: „Unumschränkte Unterwerfung unter die Wertmaxime der Ei­gengruppe und die Verurteilung aller Eigenschaften der Fremdgruppe“ ist die Folge. Als solche Fremdgruppen fungieren die Minderheiten wie Ausländer, Juden, Intellektuelle, Homosexuelle etc. Aggressives, sadistisches Verhalten, das im normalen bürgerlichen Lebensbereich unterdrückt werden muß, findet hier sein »Ventil«. Schuldgefühle und Angst, die zum Beispiel beim SA-Schläger entste­hen, werden verdrängt durch die Identifizierung mit dem »Führer«, dessen Befehlen man sich masochistisch als willenloses Werkzeug überantwortet.

Quelle: Anneliese Schuon-Wiehl, Faschismus und Gesellschaftsstruktur. Frankfurt 1973 , S. 78 f.

42. Die gesellschaftliche Funktion der Sexualunterdrückung

Die Psychoanalyse enthüllt uns die Wirkungen und Mechanismen der Sexualunterdrückung und ‑veränderung und deren krankhafte Folgen im einzelnen. Die soziale Sexualökonomie setzt fort: Aus welchem soziologischem Grunde wird die Sexualität von der Gesellschaft unter­drückt und vom Individuum zur Verdrängung gebracht? Man untersucht die Geschichte der Sexual­unterdrückung und die Herkunft der Sexualverdrängung und findet, daß sie nicht im Beginne der Kulturentwicklung ein­setzt, also nicht die Voraussetzung der Kulturbildung ist, sondern erst relativ spät mit dem autoritären Patriarchat und dem Beginne der Klassenteilung herauszubilden begann. Die Geschlechtsinteressen aller beginnen in den Dienst der wirtschaftlichen Profitinteressen einer Minder­heit zu treten; in Form der vater­rechtlichen Ehe und Familie hat dieser Tatbestand feste organisatori­sche Gestalt gewonnen. Mit der Einschränkung und Unterdrückung der Geschlechtlichkeit verändert das menschliche Fühlen seine Art, es entsteht die sexualverneinende Religion, und allmählich baut sie eine eigene sexualpolitische Organisation auf, die Kirche mit all ihren Vorläufern, die nicht anderes als die Ausrottung der sexuellen Lust der Men­schen und mithin des geringen Glücks auf Erden zum Ziele hat. Das hat seinen guten soziologischen Sinn im Zusammenhang mit der nunmehr blühenden Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft.

Um diesen Zusammenhang zu begreifen, ist es notwendig, die gesellschaftliche Kerninstitution zu er­fassen, in der die wirtschaftliche und die sexualökonomische Situation der patriarchalisch-autori­tären Ge­sellschaft sich ineinanderflechten. Ohne Einbeziehung dieser Institution ist ein Verständnis der sexuellen Ökonomie und des ideologischen Prozesses des Patriarchats unmöglich. Die Psychoana­lyse von Men­schen jeder Altersstufe, aus allen Ländern und jeder sozialen Schichte ergibt: Die Ver­knüpfung der so­zialökonomischen und der sexuellen Struktur der Gesellschaft erfolgen in den ersten vier bis fünf Lebens­jahren und in der autoritären Familie. Die Kirche setzt diese Funktion später nur fort. So gewinnt der autori­täre Staat sein ungeheueres Interesse an der autoritären Familie. Sie ist seine Struktur- und Ideologiefabrik geworden.

Wir fanden die Institution, in der sich die sexuellen und die wirtschaftlichen Interessen des auto­ri­tären Systems verknüpfen. Wir müssen nun fragen, wie diese Verknüpfung erfolgt und wie ihr Me­chanismus ist. Auch darauf gibt die Analyse der typischen Charakterstruktur des reaktionären Men­schen (des Arbeiters eingeschlossen) eine Antwort, freilich nur dann, wenn man sich solche Fra­gen in der Charakteranalyse Oberhaupt vorlegt.

Die moralische Hemmung der natürlichen Geschlechtlichkeit des Kindes, deren letzte Etappe die schwere Beeinträchtigung der genialen Sexualität des Kleinkindes ist, macht ängstlich, scheu, autori­täts­fürchtig, gehorsam, im autoritären Sinne »brav« und »erziehbar«; sie lähmt, weil nunmehr jede lebendig-freiheitliche Regung mit schwerer Angst besetzt ist, die auflehnenden Kräfte im Menschen, setzt durch das sexuelle Denkverbot eine allgemeine Denkhemmung und Kritikunfähigkeit; kurz, ihr ist die Herstellung des an die autoritäre Ordnung angepaßten, trotz Not und Erniedrigung sie dulden­den Untertans. Als Vorstufe dazu durchläuft das Kind den autoritären Miniaturstaat der Familie, an deren Struktur sich das Kind zu­nächst anpassen muß, um später dem allgemeinen gesellschaftlichen Rahmen einordnungsfähig zu sein. Die autoritäre Strukturierung des Menschen erfolgt – das muß ge­nau festgehalten werden – zentral durch Verankerung sexueller Hemmung und Angst am lebendigen Material der sexuellen Antriebe.

Die Sexualverdrängung stärkt die politische Reaktion nicht nur durch den beschriebenen Vor­gang, der die Massenindividuen passiv und unpolitisch macht; sie schafft in der Struktur des Men­schen eine sekun­däre Kraft, ein künstliches Interesse, das die autoritäre Ordnung auch aktiv unter­stützt. Ist nämlich die Sexualität durch den Prozeß der Sexualverdrängung aus den naturgemäß gege­benen Bahnen der Befriedi­gung ausgeschlossen, so beschreitet sie Wege der Ersatzbefriedigung ver­schiedener Art. So zum Beispiel steigert sich die natürliche Aggression zum brutalen Sadismus.

Sowohl die den Freiheitswillen hemmende Sexualmoral als auch diejenigen Kräfte, die den au­toritä­ren Interessen entgegenkommen, beziehen ihre Energie aus der verdrängten Sexualität. Wir be­greifen nun besser ein Kernstück im Prozeß der „Rückwirkung der Ideologie auf die ökonomische Basis“: Die Sexual­hemmung verändert den wirtschaftlich unterdrückten Menschen strukturell derart, daß er gegen sein mate­rielles Interesse handelt, fühlt und denkt.

Quelle: Wilhelm Reich, die Massenpsychologie des Faschismus. Köln 1972, S. 54 ff.

43. Variablen der Faschismusskala noch Adorno – Merkmale des autoritären Charakters

Hier interessiert vor allem die F-Skala (Faschismusskfaschistische Pala), die im Laufe der Untersuchung ent­wickelt wurde, und mit deren Hilfe das antidemokratische, dogmatische und o­tential einer Ge­sellschaft gemessen werden kann. Sie enthält neun Variablen (veränderliche Merkmale), die sich so ergänzen, „daß sie ein einziges Syndrom, eine mehr oder weniger dauerhafte Struktur im Individuum bilden konnten, die es für antidemokratische Propaganda anfällig macht“ (Adorno, u. a., Studien zum autoritären Charakter, Frank­furt am Main 1973, S. 46).

a) Konventionalismus. Starre Bindung an die konventionellen Werte des Mittelstandes“ (a.a.0., S. 45). Es ergab sich in der Untersuchung, daß unkonventionelle Menschen gewöhnlich auch unvorein­genommen sind, aber auch unter den Konventionellen gibt es nicht nur Voreingenommene, sondern auch Unvoreinge­nommenen. „Wenn die Unterwerfung unter konventionellen Werte Ausdruck eines voll ausgebildeten Ge­wissens war, mußte nicht zwangsläufig eine Verbindung zwischen diesen Wert­vorstellungen und antide­mokratischen Potential bestehen. Die gleichen Verhaltensnormen, die das Individuum leicht empören, weil es in ihnen die niedrige Moral nichtassimilierter Minderheiten oder der ‚unteren Klassen‘ sieht, würden – währen sie hinreichend internalisiert – seinen Widerstand gegen Gewalt und Verbrechen hervorrufen, die den Faschismus im fortgeschrittenen Stadium kennzeichnen. Wo andererseits gesellschaftlicher Druck an konventionellen Normen festhalten läßt, wo der Konven­tionalismus auf dem Beharren des Individuums an den Normen der Kollektivmacht beruht, mit der es sich im Augenblick identifiziert, ist auf antidemokratische Empfänglichkeit zu schließen“ (a.a.0., S. 47 f.). Nur in diesem Falle sprechen die Untersuchungen von Konventionalismus, den sie von der bloßen Anerkennung herkömmlicher Werte unterscheiden.

b) Autoritäre Unterwürfigkeit. Unkritische Unterwerfung unter idealisierten Autoritäten der Ei­gengruppe“ (a.a.0., S. 45). In Übereinstimmung mit der Psychoanalyse ergab sich, daß übertriebene Untertänigkeit und serviler Gehorsam vor allem dort auftreten, wo die Feindschaft gegen die Autoritä­ten der Eigengruppe – ursprünglich häufig die Eltern unerträglich wird und verdrängt werden muß. Die »bösen« Eigenschaften dieser Respektpersonen werden dann auf die Fremdgruppen projiziert und bei diesen um so gründlicher gehaßt und verfolgt, je mehr man auf ein relativ konfliktfreies Zu­sammenleben mit den Autoritätspersonen der Eigengruppe angewiesen ist.

c) Autoritäre Aggression. Tendenz, nach Menschen Ausschau zu halten, die konventionelle Werte miß­ach­ten, um sie verurteilen, ablehnen und bestrafen zu können“ (ebd.). Die autoritäre Aggression stellt die sadistische Seite des Konventionalismus der autoritären Unterwürfigkeit dar. Was man sich nicht erlaubt, will man auch anderen nicht gestatten. „Der Konventionalist, der zu wirklicher Kritik an der akzeptierten Autorität nicht imstande ist, wird vermutlich den Wunsch haben, diejenigen zu verur­teilen, abzuweisen und zu bestrafen, welche sie mißachten. Weil sein Gefühlsleben, das er als ‚anständig‘ und als Teil seiner selbst betrachtet, wahrscheinlich sehr begrenzt ist, werden seine Impul­se, insbesondere die sexuellen und aggressiven, die unbewußt und ichfremd bleiben, stark und heftig sein. Und da unter diesen Umständen eine Vielfalt von Stimuli das Individuum versuchen und seine Angst erwecken können (Furcht vor Bestra­fung), wird die Reihe der Züge, Verhaltensweisen, Indivi­duen und Gruppen, die es verwerfen muß, sehr lang“ (a.a.0., S. 50 f.).

Adorno und seine Mitarbeiter verwenden in diesem Zusammenhang den psychoanalytischen Aus­druck der »Ich-Schwäche«. Sie tritt dort auf, wo es dem Ich unzureichend gelingt, zwischen den Be­dürfnissen des Es und den Geboten und Verboten des Über-Ich zu vermitteln. Das Über-Ich erscheint dann als eine Art ver­äußerlichtes Gewissen, als unversöhnlich strafende Instanz und bringt jene star­ren, automatischen Eigen­schaften wie Konventionalismus, autoritäre Untertänigkeit und aggressive Autoritätssucht hervor, die sich in der autoritären Persönlichkeit zu einer einheitlichen Charakterstruk­tur verfestigen. Unmittelbar wird diese Ich-Schwäche an den folgenden drei Merkmalen deutlich:

d) Anti-Intrazeption. Abwehr des Subjektiven, des Phantasievollen, Sensiblen“ (a.a.0., S. 45). „Der Termi­nus Intrazeption wurde von Murray eingeführt und bedeutet Dominanz von Gefühlen, Phanta­sien, Grübe­leien, Sehnsüchten – eine vor allem auf Imaginationen gründende subjektive ‚Anschauungsweise‘. Das Gegenteil ist Extrazeption, ein Terminus, der die Tendenz bezeichnet, sich von konkreten, eindeutig wahr­nehmbaren, physischen Bedingungen (tangiblen, objektiven Tatsachen) bestimmen zu lassen ...

Der extrem Anti-Intrazeptive wagt nicht über menschliche Phänomene nachzudenken, weil er die fal­schen Dinge zu denken fürchtet; er scheut das genuine Gefühl, weil er die Kontrolle über seine Emo­tionen verlie­ren könnte. Ohne Zugang zum Großteil seines Intimlebens fürchtet er sich vor dem, was die Beschäftigung mit sich selbst oder die Beobachtung anderer über ihn zum Vorschein bringen könnte ... Ein wichtiger Programmpunkt der Nationalsozialisten war bekanntlich die Diffamierung al­les dessen, was das Individuum seiner selbst und seiner Probleme bewußt zu machen geeignet war. Nicht nur schalteten sie eiligst die ‚jüdische‘ Analyse aus, jede Psychologie, mit Ausnahme von Eig­nungsprüfungen, fiel scharfer Kritik an­heim. Eine solche Einstellung führt leicht zur Entwertung alles Menschlichen und zur Überbewertung des Dinglichen; im Extremfall werden menschliche Wesen zu kaltblütig manipulierbaren Objekten, während man andererseits Objekte, nun mit emotionaler Anzie­hungskraft versehen, mit liebender Fürsorge umgibt“ (a.a.0., S. 54). Das unterschiedliche Verhalten vieler Männer gegen ihre Frauen einerseits, ihre Autos andererseits, kann verdeutlichen, was hier ge­meint ist.

e) Aberglaube und Stereotypie. Glaube an die mystische Bestimmung des eigenen Schicksals; die Dis­po­sition, in rigiden Kategorien zu denken“ (a.a.0., S. 45). Er tritt oft auf bei Menschen mit gerin­ger Intelli­genz, doch nicht regelmäßig. Adorno und seine Mitarbeiter nehmen an, daß Aberglaube und stereotypes Denken außerdem noch Ich-Schwäche voraussetzen. „Man darf unterstellen, daß die Menschen in der modernen Gesellschaft – selbst die im übrigen ‚intelligenten‘ oder ‚informierten‘ – deshalb zu primitiven, vereinfachen­den Erklärungen von Geschehnissen greifen, weil so viele der zu einer adäquaten Interpretati­on notwendi­gen Gedanken und Beobachtungen zu den Überlegungen nicht zugelassen werden, da sie affektiv besetzt sind und Angst erzeugen könnten; das schwache Ich ist nicht imstande, sie in sein Denk­schema aufzu­nehmen. Darüber hinaus werden wahrscheinlich jene Kräfte in den tieferen Schichten der Charakterstruk­tur, welche das Ich nicht zu integrieren vermag, auf die Außenwelt projiziert und bilden so eine Quelle der bizarren Vorstellungen zum Verhalten der anderen und zur Ableitung von Ereignissen aus Naturgegeben­heiten“ a.a.0., S. 55 f.).

f) Machtdenken und ‚Kraftmeierei‘. Denken in Dimensionen wie Herrschaft – Unterwerfung, stark – schwach, Führer – Gefolgschaft; Identifizierung mit Machtgestalten; Oberbetonung der kon­ventialisierten At­tribute des Ich; übertriebene Zurschaustellung von Stärke und Robustheit“ (a.a.0., S. 45). Menschen, die von diesen Eigenschaften bestimmt werden, wollen nur anerkennen, was stark ist und Macht hat, sie verachten alles Schwache. Sie übertragen ihr von den Kategorien stark und schwach geprägtes Denk­schema auch auf das Verhältnis zwischen Eigen- und Fremdgruppen und können so der Unterscheidung zwischen höherstehenden und minderwertigen Rassen und anderer sozialer Gruppen zustimmen. „Und einer der psychologisch gesehen billigsten Tricks, sich ein Über­legenheitsgefühl zu verschaffen, ist der Anspruch, von besonderer ‚Rasse‘ zu sein“ (a. a. 0., S. 58).

g) Destruktivität und Zynismus. Allgemeine Feindseligkeit, Diffamierung des Menschlichen“ (a.a.0., S. 45). Diese Eigenschaften toben sich dort in gefährlicher Weise aus, wo sie die Autoritäten des Staates oder anderer starker gesellschaftlicher Mächte auf ihrer Seite wissen. Sie lassen sich leicht durch eine ge­schickte Propaganda reizen und lenken.

h) Projektivität. Disposition an wüste und gefährliche Vorgänge in der Welt zu glauben; die Pro­jektion unbewußter Triebimpulse auf die Außenwelt“ (a.a.0., S. 45). Dieser psychische Mechanismus ist wohl bekannt – er verfährt nach der Regel: was ich selber gerne tun möchte, mir aber ängstlich verbiete, traue ich anderen zu, verfolge ich in ihnen. Es hat den Anschein, „daß, je intensiver das Denken eines Individu­ums um Vorstellungen, wie der von den ‚bösen Mächten in der Welt‘ kreist – was an dem Hang abzulesen ist, sich mit Erscheinungen wie wilden erotischen Exzessen, Kom­plotts und Verschwörungen und der Gefahr von Naturkatastrophen zu beschäftigen und sie für Wirklichkeit zu halten – desto stärker seine eige­nen unbewußten sexuellen und destruktiven Triebe sein werden“ (a.a.0., S. 60).

i) Sexualität. Übertriebene Beschäftigung mit sexuellen Vorgängen“ (a.a.0., S. 45). Hier geht es um die Messung ichfremder Sexualität, um die Neigung, das Sexualleben anderer anzuschnüf­feln und zu verwer­fen. Menschen mit dieser Tendenz sprechen sich für harte Bestrafung bei der Verletzung der herrschenden sexuellen Normen aus. Unnachsichtig richten sie ihre Abscheu und Verfolgungslust vor allem gegen die Teilnehmer an sexuellen Orgien, Homosexuelle und Sexualverbrecher. Derartige Se­xual­feindschaft läßt darauf schließen, „daß die eigenen sexuellen Triebe des Individuums unterdrückt werden und in Gefahr sind, seiner Kontrolle zu entgleiten“ (a.a.0., S. 61).

Ich bin auf diese Variablen bzw. Merkmale der autoritären Persönlichkeit so ausführlich eingegangen, weil sie helfen können, Verhaltensweisen und Einstellungen, die auf ein vorhandenes faschistisches Potential schließen lassen, zu entdecken. Aber die Diagnose eines faschistischen Potentials reicht nicht aus. Es kommt darauf an, jene Bedingungen zu klären, die seine Entwicklung begünstigen. Diese müssen verän­dert werden, soll der Schoß unfruchtbar werden, aus dem das kroch. Fassen wir zu­sammen, was von Rühle, Fromm, Horkheimer und Adorno zu erfahren war, so sind es vor allem Veränderungen im Verhältnis von Gesellschaft und Familie, die zur Entstehung autoritärer Persön­lichkeiten führen.

Quelle: Wilfried Gottschalch, Schülerkrisen. Entstehungsgeschichten autoritärer Persönlichkeiten. Reinbek 1977, S. 35

C. Der Fremde signalisiert die Gefahr

Jörg Andersson:

44. Über die Angst der Bevölkerung vor Ausländerkriminalität am Beispiel von Asylbewerbern in Gelnhausen

Woher rührt die Angst vor Ausländerkriminalität ? Das Bedrohtheitsgefühl der Bevölkerung deckt sich nicht zwangsläufig mit der Straffälligkeit der Ausländer. Belege dafür fand FR-Re­dakteur Jörg Anders­son im Rahmen einer wissenschaftlichen Abschlußarbeit für die Freie Uni­versität Berlin über Auslän­derkriminalität am Beispiel von Asylbewerbern in Gelnhausen. Für das subjektive Sicherheitsempfin­den sind offenbar andere Faktoren ausschlaggebend als die in Statistiken erfaßte Kriminalitätsent­wicklung.

In Aufenau bringt ein Jugoslawe seine frühere Lebensgefährtin um. Als die Polizei die Wohnung stürmt, schießt der Mann einen Beamten nieder und tötet sich dann selbst. Drei Monate später, Ende Juni 1992, wird im Wald bei Neuwirtheim ein Pole erschlagen aufgefunden. Die Fahndun­gen konzentrieren sich auf einen Landsmann namens Marajn W. Am 25. Juli ersticht vor dem Bad Orber Schwimmbad ein 20 Jahre alter Asylbewerber aus Afghanistan im Streit die dreijährige Nichte seiner ehemaligen Freundin mit einem Küchenmesser. Extrembeispiele oder die Spitze des Eisbergs?

Nach der Kriminalstatistik 1992 waren 33,4 Prozent aller Straftatverdächtigen im Main-Kinzig-Kreis Ausländer. 1993 sind es bereits 40,4 Prozent, obwohl statistisch gesehen nur jeder achte Ein­wohner zwischen Maintal und Sinntal ein Ausländer ist. Das Datenmaterial der Polizei festigt auf den ersten Blick gängige Vorurteile. Die Parole »Ausländer sind krimineller als Deutsche« gilt an zahlrei­chen Stammtischen als Gewißheit.

Keine drei Wochen nach dem aufsehenerregenden Mord an dem kleinen Mädchen in Bad Orb klagt im benachbarten Gelnhausen Bürgermeister Jürgen Michaelis über die Kriminalität von rund 900 Asylbe­werber, die zwei Monate zuvor in einem von Kommunalpolitikern heftig bekämpften Sammellager in der freigewordenen Kaserne einquartiert worden sind. In der 20.000-Einwohner-Stadt würden sie nun »rund um die Uhr« Straftaten begehen. Der christdemokratische Rathauschef warnt vor einer Eskalation. Beim Chef­redakteur einer Regionalzeitung finden die Sorgen bereitwillig Gehör. „Die Volksseele kocht: Ruf nach Bürgerwehr – Asylanten terrorisieren Gelnhäuser Innen­stadt“ ist auf der Titelseite der nächsten Ausgabe zu lesen. „Sexuelle Belästigungen von Frauen, aber auch von Kindern auf Schulhöfen und im Schwimmbad stehen an erster Stelle“, zitiert das Blatt Mi­chaelis. Im Einkaufsbereich belästigten ausländische Jugend­gruppen Passanten durch aggressives Bet­teln und unterstützten manche ihre Drohungen nachdrücklich mit Messern.

Greift der Bürgermeister nur Ängste auf, die durch die plötzliche Präsenz der vielen Fremden ausge­löst werden – bei der Polizei mehren sich Anzeigen von Kaufhausdiebstählen und Beschwerden über nächtliche Ruhestörungen –, oder ist die dramatische Schilderung der Straftaten auch durch po­litisches Kalkül motiviert? Michaelis läßt jedenfalls keinen Zweifel daran, daß er die Flüchtlinge lieber heute als morgen loswerden will. „Unsere Kleinstadt wird von Asylbewerbern überschwemmt“, schreibt er an Bun­deskanzler Helmut Kohl. Gewerkschafter und Ausländerinitiativen werfen dem Bürgermeister vor, „das Chaos herbeizureden“. Die wiederholt geäußerten Klagen über die Asylbe­werber schürten zusätzlich Fremdenfeindlichkeit und Ängste. Der Rathauschef rechtfertigt sich. Er kanalisiere den Unmut, um rechts­extremen Strömungen vorzubeugen.

Schnell lassen sich in der Gelnhäuser Gerüchteküche Dichtung und Wahrheit nicht mehr sauber tren­nen. Wie kriminell sind die Asylbewerber? Fälle von sexueller Belästigung sind der Polizei zu­nächst nicht bekannt. Der Bürgermeister hat dafür eine Erklärung: „Viele Eltern, deren Kinder von den jungen Asylanten unsittlich betastet werden, zeigen die Vorgänge gar nicht an, weil sie ihre Klei­nen nicht zur Vernehmung auf die Polizeistation bringen wollen.“

Hans Kraushaar, Leiter der Kripo in der zuständigen Polizeidirektion Hanau, spricht von einer „all­gemeinen Hysterie und diffuser Angst“ in Gelnhausen. Er verweist auf zwei Vorfälle, bei denen Kleinkin­der auf den Armen ihrer Mütter von Farbigen mit den Händen berührt worden waren. Die Frauen erstatten daraufhin Anzeige wegen versuchter Kindesentführung.

Geschäftsinhaber und Verkäuferinnen beschweren sich über dreiste Diebstähle, bei denen es auch zu Handgreiflichkeiten kommt. Ein Streit, bei dem Asylbewerber einen 74jährigen Rentner nie­derschlagen, liefert in der Nachbarschaft und beim Einkaufen Gesprächsstoff. Zwei spektakuläre Schlägereien unter den Flüchtlingen in dem überbelegten Erstaufnahmelager zeugen scheinbar von deren Gewaltpotential.

Um dem Sicherheitsbedürfnis der Bürger zu entsprechen werden zusätzliche Beamte in die Stadt be­ordert. Einzelhändler tragen sich im Frühjahr 1993 mit dem Gedanken, einen privaten Sicherheits­dienst zum Schutz der Geschäfte vor Ladendieben zu engagieren. Statt dessen wird noch einmal die Polizeiprä­senz verstärkt. Die Staatsanwaltschaft kündigt eine härtere Gangart gegen straffällige Asyl­bewerber, spe­ziell Ladendiebe, an, weil übliche Strafverfolgungsmaßnahmen gegen die nur kurzfristig in Gelnhausen untergebrachten Asylsuchenden nicht rechtzeitig greifen. „Hierdurch muß bei dem be­troffenen Personen­kreis der Eindruck entstehen, derartige Delikte sanktionslos und damit risikofrei begehen zu können“, heißt es in einem internen Aktenvermerk. Auch der SPD-Landrat ist erzürnt. In einem Brief an die Staatskanzlei bittet Karl Eyerkaufer um Hilfe: „Es darf nicht länger sein, daß eine wachsende Anzahl von Ausländern unter dem Schutz des Asylrechts praktisch ungestört ihrem krimi­nellen Tun nachgehen kann.“

Konsequentes Durchgreifen scheint angesagt: Mit seiner populären Law-and-Order Strategie hat Bun­desinnenminister Manfred Kanther bei der Bundestagswahl im Oktober 1994 als neuer CDU-Kandidat im Main-Kinzig-Kreis Erfolg. In Gelnhausen oder Biebergemünd, wo er bei seinen Wahl­kampfauftritten eine verschärfte Vebrechensbekämpfung propagiert, erzielt er besonders gute Stim­menergebnisse.

Warnungen vor fremdenfeindlicher Hetze verhallen in diesem Klima immer öfter ungehört, Linke und Liberale sind ratlos. Bemühungen, Hinweise auf die ethnische Zugehörigkeit von Tatver­dächtigen zu unter­lassen, um kein Öl ins Feuer zu gießen, verkehren sich mitunter ins Gegenteil. Sie erwecken den Eindruck von Heimlichtuerei und Zensur. An der Einstellung in der Bevölkerung än­dert, es ohnehin wenig. Nach einer Umfrage des Emnid-Instituts Ende 1992 sahen 56 Prozent der Westdeutschen in der Ausländerkriminalität ein Hauptproblem der Inneren Sicherheit. Nur die Dro­genkriminalität wurde noch höher bewertet.

Im Ansehen der Bevölkerung rangieren die Asylbewerber weit unten. Begriffe wie »Schein­asy­lan­ten« oder »Wirtschaftsflüchtlinge« sind im Sprachgebrauch gängig. Je populärer die Pauschalurtei­le, desto größer das Risiko, als Ausländer angezeigt und erfaßt zu werden. Das gesteht auch die Poli­zei ein. Das hessische Landeskriminalamt schreibt in einer Studie über die Kriminalitäts­belastung nichtdeutscher Tat­verdächtiger von „Selektionskriterien der Polizei, die zumindest unbe­wußt dem nichtdeutschen Personen­kreis eher eine Straftat zuordnen als dem deutschen“. Auch die höhere An­zeigenbereitschaft gegenüber Ausländern wird in dem Papier thematisiert.

Obwohl manche Gastarbeitergruppen sogar eine geringere Straffälligkeit als Deutsche aufweisen, hat sich die Zahl der nichtdeutschen Straftat-Verdächtigen in der Kriminalstatistik in den vergangenen vier Jahren fast verdoppelt. Der sprunghafte Anstieg der Ausländerkriminalität ist auf die Öffnung der Grenzen im Osten zurückzuführen. Die »Gastarbeiterkriminalität« hat sich zur »Ein­wan­de­rer­kri­mi­na­li­tät« entwickelt. Touristen, Durchreisende, Illegale und Asylbewerber stellen 1993 fast 60 Prozent aller nichtdeutschen Tatverdächtigen. Die Ursachen sind weitgehend im Wohl­standsgefälle zu vermu­ten. Speziell bei den Asylsuchenden – 1993 mit 37,1 Prozent die größte Grup­pe unter allen ausländi­schen Tatverdächtigen machen Verstöße gegen ausländerrechtliche Bestim­mungen sowie Ladendieb­stahlsdelikte einen erhebli­chen Teil der Straftatvorwürfe aus. Letztere sind zudem keinesfalls aus­schließlich ein ausländertypisches Phänomen. In Lübeck beispielsweise schnellte 1990 der Ladendieb­stahl sprunghaft um 92,6 Prozent in die Höhe – ein Charakteristikum, das in an­deren Grenzregionen zur ehemaligen DDR seine Parallelen hatte.

„Die Kriminalitätsentwicklung im Bereich Gelnhausen steht in ursächlichem Zusammenhang mit der Delinquenz von Ausländern“, ist in der Kriminalstatistik 1992 der Polizeidirektion Hanau nachzu­lesen. In der Stadt Gelnhausen stieg die Zahl der jährlichen Straftaten von rund 1500 im Jahr 1991 auf 2581 im Jahr 1993. Im gleichen Zeitraum schnellte der Ausländeranteil an allen Tatverdächtigen von 23,4 auf 57,8 Prozent in die Höhe. Ihr »Straftatenkonto« ist durch Diebstahlsdelikte enorm bela­stet. 1993 waren vier von fünf ertappte Ladendieben (82,1 Prozent) Ausländer. Auffällig noch: Die Zahl der einfachen und gefährli­chen Körperverletzungen hat sich fast verdoppelt, von 40 auf 76.

Auch über die im Erstaufnahmelager untergebrachten Asylbewerbern hat die Polizei genau Buch ge­führt. 1761 Delikte sind vom ersten Belegungstag bis zum Oktober 1994 akribisch aufgelistet. Er­gebnis: 83 Prozent aller Straftatverdächtigungen fallen in den Bereich des einfachen Diebstahls und der Verstöße gegen ausländerrechtliche Bestimmungen.

Die vom Bürgermeister angeprangerten sexuellen Belästigungen dokumentieren sich in zehn An­zei­gen, darunter zwei versuchte Vergewaltigungen. In einem Fall war eine Asylbewerberin in der Ka­serne das Opfer. Elf Raubdelikte sind erfaßt, dreimal waren auch hier Flüchtlinge die Geschädigten. Insgesamt ist die Kriminalitätsentwicklung in Gelnhausen bei schweren Straftaten wie Tötungs- und Sexualdelikte jedoch sogar leicht rückläufig.

Beruhen die angeblichen Serien von Straftaten, die zur Verunsicherung der einheimischen Be­völke­rung beigetragen haben, auf Einzeldelikten, die sich im Laufe des Weitererzählens vervielfältig­ten oder verstecken sie sich in der Dunkelziffer? Weiterhin wird in Gelnhausen erzählt, bei zahlrei­chen Ladendieb­stählen seien die Asylbewerber gegenüber dem Personal rabiat oder anzüglich gewor­den. In der Statistik finden sich drei solcher Fälle.

Was beeinflußt das subjektive Sicherheitsempfinden der Bevölkerung? Kriminologen fassen den Be­griff der Gewaltkriminalität weiter als die Kriminalstatistik und ordnen ihm neben Raub, Verge­waltigung, schwerer Körperverletzung sowie Mord und Totschlag auch Delikte wie sexuelle Nöti­gung, einfache Körper­verletzung, Erpressung, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Landfriedensbruch und Sachbeschädigung zu. Auf dieser Grundlage liegt die Gewaltdeliktquote der Asylbewerber in Gelnhausen bei 7,8 Prozent. Angesichts der überwiegend alleinstehenden jungen Männer unter den Flüchtlingen eine erstaunlich geringe Anzahl. Zum Vergleich: bundesweit waren es nach dieser Rech­nung 1993 rund 17 Prozent.

Dabei erfaßt die Straftatenauflistung der Gelnhäuser Polizei sämtliche Vergehen der Asylbewer­ber, ganz gleich, wo sie sich ereignet haben und wer die Opfer sind. Nahezu alle Rauschgiftdelikte spielten sich in Frankfurt ab. Aber auch 40 Prozent der Körperverletzungen wurden weit außerhalb Gelnhausens und damit dem unmittelbaren Erlebnisbereich der dortigen Bevölkerung begangen. Wei­tere 30 Prozent gescha­hen in der Gemeinschaftsunterkunft selber. Bei rund einem Dutzend der schweren Delikte waren die Asyl­bewerber Täter und Opfer zugleich.

Spannungen eskalierten. Die Ursachen liegen dabei auf der Hand: Ungünstige soziale Verhältnis­se, ungewisse Zukunft beengte Räumlichkeiten, Beschäftigungslosigkeit und eine eingeschränkte Frei­zügig­keit förderten unter den bisweilen über 1000 Flüchtlingen verschiedenster Nationen in vier Wohnblocks die Aggressionen. Doch solche Differenzierungen werden in der Bevölkerung wohl eher selten getroffen. Vielmehr dürfte sich das Bild vom gewaltbereiten Ausländer festsetzen.

„Üblicherweise haben Bedrohtheitsgefühle den Fremden vor Augen“, schreibt der Hamburger Krimino­loge Klaus Sessar, „den Täter, den man nicht kennt und der daher eine unberechenbare Ge­fahr darstellt.“ Obwohl Gewaltdelikte mit Ausnahme des Raubs eher typische Beziehungsdelikte sind, nur jede zehnte getötete Frau von einem Fremden umgebracht wurde, hingegen jede zweite vom Ehemann oder einem Verwandten, scheint ein über Jahrtausende antrainierter Instinkt weiterhin Gel­tung zu haben: Der Fremde signalisiert die Gefahr.

Die negative Bewertung der Ausländer wird zusätzlich im Lokalteil vieler Zeitungen geprägt. Speziell die Asylbewerber haben beste Voraussetzungen, den Lesern immer fremd und unheimlich zu bleiben. Sie sind nicht in die Gesellschaft integriert. Sie nehmen nicht am Vereinsleben teil, über das die örtlichen Me­dien durchweg positiv berichten. So vermögen die Flüchtlinge auch nicht jene Ereig­nisse zu kompensieren, die negative Assoziationen wecken, Vorurteile aufbauen und verstärken. Ausländer erscheinen in der Zeitung überwiegend im Polizeibericht: als Diebe oder Messerstecher. Boulevardpresse und einschlägige Fernsehsender verstärken das allgemeine Bedrohtheitsgefühl, in­dem sie die Allgegenwart von Gewaltkri­minalität suggerieren.

Das Klima eines zunehmenden Bedrohtwerdens ist auch mit Phänomenen verknüpft, die nur schwer­lich als Gewalt charakterisiert werden können. Nach kriminologischen Erkenntnissen lassen »Van­dalismus«, Unordnung oder Verwahrlosung bei vielen Bürgern den Eindruck entstehen, die öf­fentliche Sicherheit sei nicht mehr gewährleistet. Bei einer aktuellen Bürgerumfrage in Frankfurt ran­gierten hinter der Angst vor Kriminalität und Drogen Klagen über »Verwahrlosung« im Stadtbild sowie »Dreck auf Straßen und Plätzen« an dritter und vierter Stelle.

Durch die Asylbewerber-Zuweisungspolitik sind die Bewohner kleinerer Städte im ländlichen Raum mit einer Kriminalität konfrontiert worden, die ihnen zuvor kaum bekannt war. Je nach Region und Empfind­lichkeit der Bevölkerung kann schon die auffällige Präsenz von Jugendgruppen oder Ausländern im Stadt­bild als Bedrohung des öffentlichen und persönlichen Lebensumfeldes empfun­den werden. Symptomatisch erscheint das Einkaufserlebnis einer jungen Frau, das diese in einem Brief vom 19. Mai 1993 dem Bürger­meister mitteilte. Die 24jährige beschlich bereits beim Anblick einiger „Gruppen jugendlicher Ausländer ein ungutes Gefühl“. Mit gesenktem Blick ging sie durch die Innenstadt: „Dies, da jede Menge ausländischer Männer an der Brücke und auch vor dem Kaufhaus ›rum­lungerten.‹“ Weiter berichtete die Frau, die sich als selbstbewußt und nicht so leicht einzuschüch­tern bezeichnet: „Auch im Kaufhaus fühlte ich mich nicht wohl und hielt meinen Geldbeutel usw. fest an mich, in der Befürchtung, von diesen jugendlichen Ausländer­gruppen angemacht zu werden.“

Auch die verstärkte Präsenz uniformierter Beamter vermag das Problem des subjektiven Sicher­heits­empfindens nicht mehr so einfach zu lösen. Nachdem in Zügen auf der Strecke Frankfurt- Geln­hausen vermehrt Asylbewerber als Schwarzfahrer erwischt wurden, die sich gegenüber den Schaff­nern mitunter auch rabiat gebärdeten, setzt die Bahn in den Abendstunden zusätzliche Sicherheits­kräfte ein. Die Reakti­on verängstigter Bürger fiel oft anders aus als erhofft: „Jetzt kann man nicht mal mehr gefahrlos mit dem Zug nach Frankfurt fahren.“

Dokumente

Zahlreiche Verzerrungsfaktoren stehen einem wertenden Vergleich zwischen Ausländern und Deut­schen in der Kriminalitätsstatistik im Wege. Sie wirken sich durchweg zum Nachteil der Ausländer aus und lassen eine leicht überhöhte Straffälligkeit der "Nichtdeutschen Tatverdächtigen" als normal erscheinen.

  • Das Dunkelfeld der Bevölkerungsstatistik: Ihre Wohnbevölkerung in Deutschland ist als Bezugs­größe ungeeignet, weil auf diese Zahl in der Kriminalstatistik auch die Straftaten nicht seßhafter Ausländer angerechnet werden. 1993 entfielen auf Personen, die sich illegal in der Bundesre­publik aufhielten, Durchreisende sowie Stationierungskräfte insgesamt 22,5 Prozent aller unter der Rubrik Nichtdeut­sche Tatverdächtigen registrierten Delikte.

  • Unter den Ausländern befinden sich wesentlich mehr männliche sowie jüngere Personen, die deutlich höher zu Straftaten neigen als Frauen und Erwachsene über 60 Jahren. 1992 waren im Main-Kinzig 83 Prozent aller zugewiesenen Asylbewerber alleinstehende Männer im Alter von 18 bis 25 Jahren.

  • Ausländer sind in den unteren, kriminalitätsanfälligeren Sozialschichten überrepräsentiert. Unter den Ausländern gibt es im Vergleich zu den Deutschen prozentual gesehen mehr Arbeiter und fast doppelt soviel Arbeitslose. Ausländische Kinder und Jugendliche stellen mehr Sonder- und Hauptschüler. 1984 lebten fast die Hälfte der Ausländer, aber nur ein Drittel der Deutschen in Großstädten, wo die Kriminalitätsrate wesentlich höher als im Bundesdurchschnitt ist.

  • In die polizeiliche Kriminalstatistik fließen Straftaten ein, die von Deutschen praktisch gar nicht began­gen werden können: Verstöße gegen das Ausländer- und Asylverfahrensgesetz. Ein Asyl­bewerber wird bereits dann als Gesetzesbrecher registriert, wenn er den Zuständigkeitsbereich seiner Auslän­derbehörde verläßt, um in eine andere Stadt zu fahren. 197.000 der knapp 690.000 erfaßten Delikte nichtdeutscher Tatverdächtige waren 1993 Verstöße gegen ausländerrechtliche Bestimmungen.

  • Bei der PKS handelt es sich um eine Tatverdächtigenstatistik. Tatverdächtige sind nach dem rechts­staatlichen Prinzip der Unschuldsvermutung keine »Kriminellen«. Unter den strafmündi­gen Tatver­dächtigen verurteilten die Gerichte 1991 etwa jeden zweiten Deutschen, hingegen nur knapp jeden dritten Ausländer.

Im Hintergrund:
Aussagekraft umstritten

Die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) gilt trotz mancher Vorbehalte als eine der kriminologisch wichtig­sten flächendeckenden Quellen für Umfang und Entwicklung der Kriminalität.

Die PKS liefert nur Zahlen über Kriminalität, keine Befunde von Kriminalität und spiegelt genau ge­nommen nicht die Aktivität von Kriminellen, sondern die der Kriminalpolizei wieder. Aus diesem Grund ist vor allem ihre Aussagekraft zur Ausländerkriminalität umstritten.

Vertreter einer Kriminalisierungsthese führen die nationalitätenspezifischen Unterschiede auf un­ter­schiedliche Reaktionen der Strafverfolgungsbehörden sowie der Bevölkerung zurück. Auf diese Weise entstünden vielfach realitätsverfälschende Kunstprodukte, die Vorurteile gegenüber Ausländern schürten.

Von einer realistischen Darstellung der Ausländerkriminalität wäre die PKS danach schon des­halb weit entfernt, weil sie lediglich das sogenannte Hellfeld betrachtet, das etwa zu 90 Prozent von dem unterschiedlich motivierten Anzeigeverhalten der Bevölkerung abhängt.

Ein gewisser Zweifel daran, daß der Kriminalitätsanstieg der Ausländer aus den Zahlen der PKS zu­verlässig entnommen werden kann, scheint der Kriminologin Monika Traulsen daher berechtigt: „Dies betrifft freilich nur die Höhe, nicht die Tendenz dieser Entwicklung.“

100 Morde sind in der PKS ebenso erfaßt wie 100 Schwarzfahrten. Die Kriminalstatisitk 1993 ver­zeichnete für den Westen laut Bundesinnenminister Kanther einen »bedrohlichen« Straftatenan­stieg um 2,7 Prozent. Der Kriminologe Dr. Christian Pfeiffer regt eine differenzierte Betrachtung an. 90 Prozent des sogenannten Kriminalitätsanstiegs sei auf Bagatelldelikte wie Schwarzfahrten, kleinere Ladendiebstähle, Urkundenfälschung und Verstöße gegen ausländerrechtliche Bestimmungen zurück­zuführen, die das subjektive Sicherheitsempfinden der Bürger nicht beeinträchtigten. Ohne diese De­likte sei der Straftatenan­stieg nur noch minimal, unter Berücksichtigung der gewachsenen Bevölke­rung sogar ein Minus um 0,9 Prozent zu verzeichnen.

Rund 150.000 Gewaltdelikte wurden zuletzt jährlich erfaßt. Also geschieht alle drei Minuten in Deutschland eine Gewalttat. Oder anders ausgedrückt: Verteilt auf 80 Millionen Bundesbürger liegt das Risiko, Opfer einer Gewalttat zu werden, bei 0,1875 Prozent, relativiert der Strafrechtsprofessor Peter Alexis Albrecht: „Der Mensch müßte im statistischen Durchschnitt 533 Jahre alt werden, bis ihn das erste registrierte Gewaltdelikt trifft.“

[Quelle: Frankfurter Rundschau, Nr. 36, Sa., 11.2.95, S. 20, Rhein-Main ]

45. Brauchen wir einen Feind?

Eine Düsseldorfer Diskussion über erlahmende Bindekräfte unserer Gesellschaft

von Karl-Ludwig Baader

Der Kladderadatsch des Kommunismus hat im Westen nur kurze Zeit Triumphgefühle ausge­löst. Die liberalen Demokratien sehen sich heute nicht mehr als Sieger, sondern als Überle­bende eines Zeitalters. Von konservativen Publizisten sind melancholische Nachrufe auf diese Epoche der Bedrohung verfaßt worden. Denn das liberale System, so der besorgte Tenor, krankt an der Nieder­lage seines Widerparts – ihm fehlt ein Feind. Kann sich ein nicht bedrohtes libe­rales System aus sich selbst heraus überhaupt stabilisieren? Oder anders formuliert: „Erlahmen die Bindekräfte liberaler Gesell­schaften?“ – diese Frage legte das Düsseldorfer ASG-Bildungsforum auf einer Podiumsdiskussion dem Bischof von Berlin-Brandenburg, Wolfgang Huber, dem Soziologen Niklas Luhmann und dem Historiker Ernst Nolte vor.

Sie nahmen sich, wie nicht anders zu erwarten, des Themas auf denkbar unterschiedliche Weise an. Nolte verwies darauf, daß es in jeder Gesellschaft Bindekräfte geben müsse. Den kontinuierlichen Prozeß der Emanzipation von Bindungen scheint ihm eine geschichtliche Besonderheit, wie sie nur in den europä­isch geprägten Kulturen zu beobachten sei. Immerhin hätten die klassischen Nationalstaa­ten sich noch nicht vollständig von traditionellen Bindekräften gelöst gehabt und ihren Bürgern Ver­zicht und Opfer abver­langt. Mit der Entstehung einer Weltgesellschaft Anfang des Jahrhunderts rück­te, betonte Nolte, das Stre­ben nach Glück in den Mittelpunkt. Nach dem Untergang des Kommunis­mus sei nun der letzte Grund verschwunden, sich »zusammenzureißen«. Die liberale wandle sich zur liberalistischen Gesellschaft, der eine transzendental begründete Ethik gar nicht mehr verständlich sei.

Wenn aber das Glücksstreben das einzige Motiv ist, kann die Gesellschaft zur »tötenden« wer­den, wenn die Individuen auf Hindernisse stoßen, etwa bei anderen Individuen ein anerkennenswertes Interesse nicht mehr entdecken. Nichts garantiere zum Beispiel für immer die Anteilnahme für Behin­derte.

Wolfgang Huber stellte der »Ethik der Interessen«, die die Freiheit des einzelnen betont, eine »Ethik der Würde« gegenüber, die den Respekt vor der anderen Person im Blick hat. Allerdings werde es heute zur gesellschaftlichen Norm erhoben, seine Interessen möglichst durchzusetzen. Der Mensch müsse aber lernen, mit seiner Freiheit verantwortlich umzugehen, das sei eine Aufgabe unter­schiedlicher Institutionen von Familie, Kirche oder Schulen.

Ob man mit moralischen Appellen gegen langfristige gesellschaftliche Trends angehen könne, be­zweifelte Niklas Luhmann. Er verweist auf die Zwänge von »Großstrukturen« (etwa den weltwei­ten Kapital­fluß), nach denen sich die Individuen richten müssen. Der Mensch werde individualisiert, ob er wolle oder nicht. Luhmann sieht weniger die Bindekräfte schwinden als deren Konsensfähig­keit: Der einzelne wähle sich seine Bindung selbst. Politik könne Entscheidungsmöglichkeiten bereit­stellen, aber der einzelne ließe sich kaum auf das Gemeinwohl festlegen.

So wie in ihren Beschreibungen unterscheiden sie sich in ihren Erwartungen und praktischen Vor­schlägen. Nolte hofft auf Kräfte gegen diese Tendenz zur »Egoisierung der Gesellschaft«, konnte aber keine Instanz angeben, die die Einzelnen binden und ihnen ein höheres Maß an Konformität ab­fordern könnte. Zudem konnte er auch keinen ernstzunehmenden Feind ausmachen, der disziplinie­rend wirken könnte. Er sieht einen Werteverfall, der Züge der Dekadenz trägt.

Mit dem Begriff »Werteverfall« konnte Huber nichts anfangen. War denn das Niveau der Werte um 1830 oder 1935 höher?, fragt er. Er hofft darauf, durch eine verstärkte öffentliche Debatte das Verhältnis von Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung wieder bewußter zu machen und erin­nerte an die die erfolgreiche Durchsetzung ökologischen Denkens gegen die etablierten Mächte aus Politik und Wirtschaft. Um die Freiheit zu erhalten, so Huber, bedarf es der Prinzipien der liberalen Demokratie als Gegengewicht zu den selbstzerstörerischen Kräften des Marktes.

Luhmann wiederum hält kein anderes System für so mobil und flexibel und deshalb so fähig, die kommenden Probleme zu lösen. Im Gegensatz zu Huber und Nolte rät er, Abstand zu Prägungen durch die Tradition zu halten.

Der Streit verweist auf ein Problem, dem in der Wertedebatte gerne ausgewichen wird. Wie groß ist der Spielraum der Politik? Was kann getan werden, daß Werte nicht praktisch folgenlos gepredigt, sondern in konkreten Lebenszusammenhängen erfahrbar werden. Wie kann die Einhaltung von Wer­ten »belohnt« werden. Während Luhmann von Strukturen wie dem Kapitalmarkt ausgeht deren weltweiten Entwicklungs­trends dem Individuum nur die intelligente Anpassung als sinnvolles Verhal­ten läßt, denkt Nolte traditionell von den nationalen gesellschaftlichen Ordnungen und ihren Bedürf­nissen nach Stabilität und Selbsterhal­tung her. Huber geht es um die Debatte begründbarer Normen, letztlich um die Selbstverpflichtung der Individuen.

Und so bleibt in Debatten wie so oft nur der kleinste gemeinsame Nenner, die Grundnorm einer libera­len Demokratie: Konflikte auf zivile Weise auszutragen. Das gelang unter der souveränen Ge­sprächsfüh­rung von Ernst Gottfried Mahrenholz an diesem Abend, was keineswegs selbstverständlich ist. Veranstal­tungen, an denen Ernst Nolte teilgenommen hatte, wurden in der letzten Zeit öfter mas­siv gestört.

Ein älterer Herr versuchte vergebens eine Diskussion zu Noltes umstrittenen Äußerungen zum Thema Naziverbrechen anzustoßen. Dabei gehören die Themen durchaus zusammen. Auschwitz steht für den Zusammenbruch jeder sittlichen Ordnung und erinnert daran, daß auch in der Moderne das ethische Minimum, die Achtung des Lebensrechts, der Würde und der Freiheit der Person, stets gefährdet ist.

[Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung, Nr. 24, Samstag, 28.01.95, S. 10. Feuilleton ]

46. Verengte Blicke

Begegnung mit dem Fremden. Bei der Evangelischen Stadtakademie

von Karl-Ludwig Baader

Die multikulturelle Gesellschaft ist nicht irgendein Ideal, für oder gegen das man eintreten kann. Sie ist längst schwierige alltägliche Wirklichkeit geworden. Die Auseinandersetzung mit der im Wort­sinn mörderischen Fremdenfeindlichkeit hat allerdings zu verständlichen Be­rührungsängsten mit dem Thema selbst geführt. Aus politischen Gründen werden die Probleme im Umgang mit dem und den Fremden deshalb auch gerne verharmlost. Bislang ist uns nicht viel mehr eingefallen, als die im Verborgenen weiterwuchernden Ressentiments mit moralischen Appellen in Schach zu halten.

Verdienstvoll ist nun der Versuch der Evangelischen Stadtakademie in Hannover, sich die Schwierig­keiten bewußt zu machen und auch über praktische Schritte der Annäherung nachzuden­ken. Die Vortrags­reihe »Zwischen den Kulturen – Begegnung mit dem Fremden« firmierte unter dem Obertitel »Beiträge zur Expo 2000« und gehörte damit zu jenen Veranstaltungen, die von nun an mit unterschiedlichen Fragestel­lungen die Vorbereitung der Weltausstellung begleiten sollen.

Zum Auftakt warnte der Heidelberger Missionswissenschaftler Theo Sundermeier vor zwei ex­tremen Positionen: Die eine behauptet, daß Fremde nie zu verstehen seien, die andere leugnet die Fremdheit selbst. Aus der Erfahrung seiner jahrzehntelangen Tätigkeit in Afrika entwickelte er ein Modell der behut­samen Annäherung in mehreren Lernschritten. In einer ersten Phase sollte man, so Sundermeier, sich des Urteils enthalten, aus der Distanz beobachten und beschreiben: „Zu große Nä­he verengt den Blick.“

Dann sollten die Zeichen der fremden Kultur wie etwa Gestik und Kleidung als Signale des An­ders­seins mit Sympathie betrachtet und nicht als gegen sich gerichtet verstanden werden. Jetzt könne man diese Symbolwelt in ihren jeweiligen kulturellen Zusammenhang einordnen und eine Annähe­rung durch „teilnehmende Beobachtung“ versuchen.

Gegenseitig respektieren

In einer dritten Phase gelte es, das Symbolische zu verstehen, sich ihm »empathisch«, einfühlend, zu nähern (ohne sich selbst aufgeben zu wollen) und schließlich eine vergleichende Interpretation der ei­genen mit der fremden Symbolwelt zu versuchen. Das könnte dazu befähigen, erläuterte Sunder­meier, auch bei einem Andersdenkenden oder Andersgläubigen Teilwahrheiten zu erkennen. Endlich sollte in der Haltung des gegenseitigen Respekts eine Form des Zusammenlebens entwickelt werden, bei dem jeder er selbst bleiben dürfe.

Auch der Pädagogikprofessor Dietrich Zilleßen warnte vor einem vorschnellen »Verstehen« und ent­deckte die Langsamkeit bei der Wahrnehmung des Fremden als pädagogisches Prinzip einer »in­ter­kulturellen Erziehung«. Der Ausgangspunkt seiner Überlegungen sind die tiefsitzenden emotio­na­len Widerstände gegen eine Annäherung an den Fremden, zu dem eine »nichtvereinnahmende Be­zie­hung« angestrebt werden sollte.

Aber zunächst müsse man die Bedürfnisse der Beteiligten ernstnehmen und mit ihnen gemein­sam untersuchen, was ihnen in ihrer eigenen Lebenswelt fremd und dunkel erscheint und auch dem Verdräng­ten Aufmerksamkeit schenken. Offenheit gegenüber dem anderen könne nur entstehen, wenn man den Umgang mit den eigenen Gefühlen lernt und auch den Bedrohungsängsten oder dem Nichtverstehen in diesem Lernprozeß Raum gewährt wird.

Zilleßen erinnerte daran, daß es unerträglich sein könne, die eigene Wahrheit durch die der ande­ren in Frage gestellt zu sehen. Man dürfe und müsse in der Begegnung mit Fremden seinen Stand­punkt durchaus „ins Spiel bringen“, aber auch „aufs Spiel setzen“: Er beschrieb dieses Verhaltensmo­dell am Beispiel der »Reise nach Jerusalem«.

Das Spiel freilich kann nur funktionieren, wenn alle in Bewegung bleiben (wollen). Hier muß al­so der Gutwillige auf den Wohlmeinenden treffen. Der Prüfstein für solche Modelle ist deshalb, wie sie der Her­ausforderung des religiösen oder ethnischen Fundamentalismus und seinem absoluten Wahrheitsanspruch begegnen.

Gesprächsbereit bleiben

Praktisch stellt sich das Problem beim Eintreten für die Menschenrechte. Die Referenten rieten zu einer Mischung aus Überzeugungstreue und Flexibilität. Sie warnten vor einer gleichsam fundamen­talistischen Attitüde des Westens und vor einer pauschalen Verurteilung des Islam. Gesprächsbereit­schaft sollte auch gegenüber Fundamentalisten oder diktatorischen Regimen signalisiert werden. Es gilt schließlich, eine Entscheidungssituation im Sinne des Entweder-Oder (also die gewalttätige Aus­einandersetzung) zu ver­meiden.

Die Vortragsreihe ließ an der Komplexität dieses Problems keinen Zweifel. Das »Weltdorf« ist keine Idylle. Der Politologe Otto Kallscheuer verwies auf die Entstehungsbedingungen der fundamen­talistischen Mentalität, auf die ökonomische Modernisierung und die dadurch hervorgerufene Er­schüt­terung des über­kommenen Sozialgefüges.

Der gute Wille der Wohlmeinenden kann da zur Problembewältigung nicht viel beitragen. Auch einfa­che Lösungen hatte niemand anzubieten. Aber eine vernünftige Alternative zu einem wie auch immer problematischen Annäherungsversuch gibt es nicht. Die Referenten warnten aber vor unreali­stischen Erwartungen oder »Verbrüderungszwängen«, die nur zur Heuchelei führten. Wir werden lernen müssen, mit der Differenz zu leben, den Fremden ihn selbst sein zu lassen und flexibel zu blei­ben, wenn wir be­stimmen, welche Anpassungsleistungen wir von den Fremden in diesem, Land ver­langen.

Das ist nichts für Liebhaber sogenannter klarer Verhältnisse. Jeder praktische Schritt ist ein Ba­lance­akt zwischen Selbsterhaltung und Öffnung, zwischen der Aufgabe dogmatischer Positionen ei­nerseits und der Beliebigkeit andererseits.

Im »Fest« , dem »Ort des Fremden«, so Sundermeier, gibt es jenseits des Alltags die Chance, Ge­meinsamkeit mit dem Fremden zu erleben. Daß die Expo ein solches Fest werden könnte, hoffen nicht zuletzt die christlichen Initiatoren des »Forums der Weltreligionen«, das ein wichtiger Bestand­teil der Welt­ausstellung in Hannover werden soll.

[Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung, Nr. 284, Dienstag, 5. Dezember 1995, S. 6. Feuilleton ]

IV. Kriegsende und Besatzungspolitik

47. Mit jedem Tag wuchs Stalins Macht

Vor 50 Jahren fand die Konferenz von Jalta statt

von Holger Gumprecht

Zbigniew Brzezinski ist ein kluger Kopf. Vor elf Jahren, kurz vor dem vierzigsten Jahrestag der Kon­ferenz von Jalta, hatte der einstige Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten Jimmy Car­ter einen in den Medien vielbeachteten Essay veröffentlicht, der heute als äußerst scharfsinnig be­wundert werden muß, damals aber eher als „Wunschdenken“ Kopfschütteln hervor­rief. Brzezinski hielt es schon 1984 für denkbar und sogar für wahrscheinlich, daß bis zum fünfzig­sten Jahrestag der Kon­ferenz von Jalta die dort von den drei großen Alliierten beschlossene Teilung Europas überwunden sein würde.

So konnte sich der gebürtige Pole ein lose konföderiertes Deutschland vorstellen und ein Osteu­ropa, aus dem sich die Sowjets aus Einsicht in die Notwendigkeit zurückgezogen haben würden. „Kein Imperium löst sich selbst freiwillig auf“, schrieb Brzezinski, „wenigstens so lange nicht, bis es klar wird, daß die Hin­nahme allmählicher Auflösung den steigenden Kosten der Erhaltung des impe­rialen Systems vorzuziehen ist.“ Besser hätte man wohl kaum Gorbatschow und seine Politik der Pe­restroika voraussagen können.

Mit dem sang- und klanglosen Untergang des Sowjetimperiums und dem Bankrott der Kommu­nisten in seinen europäischen Dependancen scheint nun eine alte Forderung des Westens erfüllt zu sein - die Überwindung Jaltas. Vieles ist über die Konferenz geschrieben worden, wo wie nie zuvor in der Geschichte so wenige Personen Entscheidungen über das Schicksal so vieler Millionen Men­schen gefaßt haben. Jalta wurde bald darauf zum Synonym für die Spaltung Europas in zwei sich feindlich gegenüberstehende Lager.

Vor 50 Jahren, vom 4. bis zum 11. Februar 1945, kamen im ehemaligen Zarenpalais Livadija bei Jalta auf der Halbinsel Krim der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premierminister Winston S. Churchill mit Stalin zusammen, um gemeinsam die militärischen Maß­nahmen zur siegreichen Beendigung des Zweiten Weltkrieges zu koordinieren und die Weichen für die Neugestaltung Europas zu stellen.

Das Konferenzthema, dem sie den größten Teil ihrer Diskussionen widmeten, war die sogenann­te „Westverschiebung“ Polens. Churchill hatte schon auf dem vorangegangenen Treffen der Alliierten in Te­heran im Dezember 1943 gemeint, Polen könne sich wie Soldaten, die seitlich wegträten, nach Westen verlagern. Es sei dann eben nicht zu ändern, falls es dabei auf ein paar deutsche Zehen träte. Die „Großen Drei“ konnten sich in Teheran darüber verständigen, daß die künftige sowjetische West­grenze der bereits 1919 vom britischen Außenminister George N. Curzon vorgeschlagenen „Curzon-Linie“ bis auf wenige Ki­lometer zugunsten Polens entsprechen solle. Für den damit verbundenen Gebietsverlust sollten die Polen durch die deutschen Ostgebiete jenseits der Oder und der Görlitzer Neiße sowie im Norden entschädigt werden.

An diesem Punkt entzündete sich diesmal in Jalta eine heftige Kontroverse. Churchill und Roo­sevelt versuchten, die in Teheran getroffene Vereinbarung über die deutsche Ostgrenze nun doch noch etwas zu­gunsten Deutschlands zu revidieren. Der britische Premierminister lehnte jetzt die Neiße als Grenze ent­schieden ab. „Die polnische Gans darf nicht so mit deutschen Brocken vollge­stopft werden, daß sie Ver­dauungsstörungen bekommt“, gab er zu bedenken und dachte damit wahr­scheinlich an die Millionen Ver­triebenen aus Schlesien, die so die Probleme der Alliierten im Nach­kriegs-Deutschland nur noch vergrö­ßern würden. Mit diesem Argument stieß der Westen bei Stalin jedoch auf wenig Verständnis. Die Frage der deutschen Ostgrenze blieb somit auch nach dem Treffen von Jalta weiter offen und sollte in einer zu­künftigen Friedenskonferenz endgültig entschieden wer­den.

Frage der Reparationen

Ein für die Zukunft Deutschlands wichtiger Tagungspunkt war die Aufteilung des Deutschen Reiches in vier Besatzungszonen sowie die Entnazifizierung und Entmilitarisierung des Landes. Im Abschluß­kommunique dokumentierten die drei Alliierten ihre einmütige Absicht, „den deutschen Militarismus für alle Zeiten zu zerschlagen“. Die NSDAP und ihre Organisationen und Einrichtungen würden auf­gelöst, die Nazigesetze aufgehoben und alle Nationalsozialisten aus öffentlichen Ämtern und dem kul­turellen wie wirtschaftlichen Leben des deutschen Volkes verbannt werden. Es ist allerdings ein ande­res Kapitel, auf welche Weise die­se Absichten in den beiden deutschen Staaten in die Wirklichkeit umgesetzt wurden.

Nicht durchsetzen konnte sich Churchill mit seiner harschen Forderung, alle Hauptkriegsverbre­cher nach ihrer Identifizierung auf der Stelle zu erschießen. Sie sollten vielmehr nach Kriegsende in einem or­dentlichen, aber schnellen öffentlichen Prozeß ihrer Strafe zugeführt werden.

Neben der polnischen Grenze zielte ein Hauptinteresse der Russen auf die Frage der Reparatio­nen. In Jalta konnten die „Großen Drei“ hierbei allerdings nur in der Art, nicht aber in der Höhe eine Einigung er­reichen. Stalin beantragte, die Gesamtsumme der deutschen Reparationsschuld auf 20 Milliarden Dollar festzusetzen, wovon die Sowjetunion allein die Hälfte erhalten sollte.

Die Sowjets zeigten in Jalta keine Hemmungen, die totale Auspowerung Deutschlands wider je­de wirtschaftliche Vernunft zu verlangen. So sollten vier Fünftel aller deutschen Industriebetriebe demontiert und deutsche Arbeitskräfte für zehn Jahre zur Zwangsarbeit im Ausland verpflichtet wer­den. Für Churchill und Roosevelt, die sich noch lebhaft an die schlechten Erfahrungen mit den inter­nationalen Reparations­forderungen nach dem Ersten Weltkrieg erinnern konnten, waren Stalins rück­sichtslose Vorstellungen nicht akzeptabel. Wenn man wolle, daß ein Pferd einen Wagen ziehe, warnte der britische Premier, müsse man ihm wenigstens Futter geben. Die sowjetische Variante des Mor­genthauplans, die Industrienation Deutschland in ein rückständiges Agrarland zu verwandeln, konnte gar nicht im Interesse Großbritanniens und der USA liegen. Sie waren zwar auch damit einverstan­den, daß die Deutschen für die von ihnen verur­sachten Schäden ein Maximum an Wiedergutmachung leisten sollten, doch sollte Deutschland auch in Zu­kunft ein zahlungsfähiger Absatzmarkt für angel­sächsische Waren bleiben.

Roosevelt, auf den Jalta-Fotos bereits unübersehbar vom Tod gezeichnet, nahm den weiten Weg zum Schwarzen Meer auf sich, um Stalin die Verpflichtung abzutrotzen, nach dem Ende der Kampf­handlungen in Europa am Krieg gegen Japan teilzunehmen. Dafür erkannten die Westmächte unter anderem den so­wjetischen Anspruch auf die Kurilen und den Süden Sachalins an, die 1905 von Ja­pan annektiert worden waren. Ohne daß freilich jemals die Rote Armee später auf dem pazifischen Kriegsschauplatz auch nur einen Schuß abgegeben hätte.

Nur eine Legende

In der mittlerweile unübersehbar gewordenen Literatur über den Zweiten Weltkrieg hat sich wacker die Le­gende gehalten, die Westmächte hätten in Jalta vor Stalin kapituliert, ihm aus Schwäche oder in Illusionen verfallen Osteuropa gewissermaßen auf dem Silbertablett präsentiert. Veröffentlichungen mit Titeln wie »Verraten und verkauft. Die tragischen Fehler Churchills und Roosevelts«, die keines­wegs nur in der McCar­thy-Zeit ihre Verleger fanden, sollen andeuten, es hätte damals eine Alterna­tive gegeben.

Dem war aber nicht so, wie ein Blick auf den Frontverlauf am 4. Februar 1945 zeigt. Die sowje­tischen Truppen standen bereits an der Oder, keine 70 Kilometer von der Reichshauptstadt entfernt, sowie unmit­telbar vor Danzig und Breslau. Fast ganz Polen und auch große Teile des schlesischen Industriegebiets waren von der Roten Armee besetzt. Mit jedem Tag, an dem die Sowjets weiter westwärts vorrückten, wuchs Stalins Macht. Nicht umsonst hatte der Kremlchef taktisch klug den Beginn der Jalta-Konferenz im­mer wieder hinauszuzögern verstanden.

Die Vorherrschaft der Sowjetunion in Osteuropa war im Februar 1945 bereits eine Realität, die der Westen wohl oder übel akzeptieren mußte. Er konnte daher auch nichts verschenken, was Stalin nicht schon hatte. Die sogenannten »Zugeständnisse von Jalta« sind somit lediglich Ausdruck einer nüchternen Realpolitik, bei der es vor allem auf das Überleben der Anti-Hitler-Koalition ankam.

[Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung, Nr. 29, Fr., 3. Febr. 1995, S. 11. Zeitgeschichte ]

48. Jalta und die Folgen

von Karl Grobe

Wer sich vor fünf Jahren der »Ordnung von Jalta« widersetzte, galt als Revisionist, von des­sen Wirken bedrohliche Spannungen in Europa ausgehen konnten. Diese Ordnung hat sich aufge­löst. Wer zu ihr zurück will, ist heute Revisionist. Die Interpretation der Ordnung ist eine Funkti­on der Machtverhältnisse. Schon das Abkommen war es, über das zu verhan­deln die Chefs der »Großen Drei« heute vor fünfzig Jahren begonnen haben. Als sich Präsident Franklin D. Roosevelt und Premier Winston Churchill auf Einladung Marschall Josef Stalins in dem Kurort auf der Krim einfanden, hat­te die Sowjetarmee den größten Teil Polens befreit und im »Lubliner Komi­tee«, das nun provisorische Re­gierung war, ein treues Gremium geschaffen, konkur­rierend mit der „bürgerlichen“ polnischen Exilregierung in London. Osteuropa – bis auf den größten Teil der Tsche­choslowakei, halb Ungarn und Kroatien – wurde von der Sowjetarmee kontrolliert.

Die Sowjetunion und ihre Anhänger waren also im östlichen Mitteleuropa als Machtfaktor etab­liert, der Konflikt mit den beiden Westmächten über die künftige Ordnung Europas war unübersehbar geworden und bedurfte – noch war Krieg – der Behandlung. Es war zu klären, was aus dem bald be­siegten Deutschland werden sollte. Als friedensbedrohender Faktor hatte es sich 1914 und 1933/39 erwiesen; das durfte sich nicht wiederholen. Uneinigkeit herrschte schon darüber, worin die treibende Kraft des deutschen Militaris­mus bestehe. Und es galt, die Gründung der Vereinten Nationen vorzu­bereiten. Auch da gab es Konflikt­stoff.

Bei allen Themen wirkte sich die faktische Macht der Sowjetunion aus. Stalin hatte sich seine „Einflußsphären“ gesichert und ließ sie bestätigen; Premier und Präsident, Churchill und Roosevelt, hofften mit der Klausel, die demokratische Wahlen in den befreiten Staaten vorsah, die künftige Rolle Großbritan­niens und der USA in Europa zu befestigen. Ging es um die Aufteilung der Welt? Faktisch hat die Einigung von Jalta so gewirkt. Der »Eiserne Vorhang«, von dem zuerst Churchill zwei Jahre später sprach, trennte Europa erst später. Doch während des gesamten Zeitraums, der von der Kon­kurrenz der beiden Großmäch­te USA und UdSSR bestimmt war, hat die Respektierung der Jalta-Abmachungen funktioniert. Die Voraus­setzung dafür war offenkundig, daß keine der beiden, letztlich in ihren Blöcken entscheidenden Großmäch­te in der Lage war, die Fakten zu verändern, und keine bereit war, Terrain aufzugeben. Das erwies sich bald im griechischen Bürgerkrieg, später bei der Blockade Berlins, es ermöglichte die Existenz zweier deutscher Staaten, es hielt während des ungari­schen Aufstands von 1956, ja noch während des Prager Re­form-Aufbruchs von 1968. Die Einfluß­zonen beider Großmächte blieben stabil, solange diese sie stabil hal­ten konnten, notfalls mit brüderli­cher Waffengewalt. Die Alternative war der atomare Weltkrieg in Mitteleu­ropa.

Aus der Einsicht, die tödliche Konsequenz zu vermeiden, wuchs die Entspannungspolitik. Sie fe­stigte zunächst den Zustand, noch unter der Jalta-Voraussetzung. Die Geschäftsgrundlage beider weltpolitischer Verfahrenweisen – Kalter Krieg und Entspannung – entfiel erst mit der Auflösungskri­se der Sowjetunion. Zum Jalta-System hat die politische und soziale Entwicklung der Bundesrepublik gehört. Sie sollte Schau­fenster kapitalistischer Leistungsfähigkeit sein und wurde es. Ein eigenständi­ger militärischer Faktor durfte sie ebensowenig werden wie der andere deutsche Teilstaat. Sie mußte zugleich von Anfälligkeiten für so­zialistische Veränderungsversuche ferngehalten werden, hinter der die Poliere auf der Baustelle, welche die beiden West-Architekten in Jalta und später ihre Nachfolger einrichteten, stets die „Hand Moskaus“ wit­terten. Die soziale Marktwirtschaft, hatte ihre weltpoliti­schen Rahmenbedingungen. Der historische Kom­promiß, der die westdeutsche Arbeiterbewegung, die demokratische Linke, letztlich die radikalen Rand­gruppen ins »Bonner System« integrierte, war mitbestimmt durch den sowjetischen Faktor seit Jalta. Dieser Faktor ist entfallen. Daher meinen eini­ge, auf die soziale Komponente der Marktwirtschaft nun verzichten zu können. Ihr Grundirrtum liegt in der Geringschätzung sozialer Prozesse und ihrer radikalisierenden Fol­gen. Die Notwendigkeit part­nerschaftlicher Friedenspolitik in Europa besteht erst recht. Die Verantwortung fällt ganz besonders der deutschen Politik zu. Sie muß endlich begreifen, daß nicht UN-Statussymbole und Männer­freundschaften Sicherheit stiften, daß diese vielmehr bedroht ist, solange Not und soziale Zerklüf­tung herrschen, solange die demokratischen Mechanismen und Verhaltensweisen der zivilen Gesellschaft unterentwickelt bleiben, solange Revisionismen wachsen können. Die notwendige Lehre aus Jalta be­steht gerade in der endgültigen Abkehr von jedweder Geheim- und Kabinettspolitik, von Herrenclubs und Kaser­nendenken. Käme ein Jalta der alten Art nochmals zustande – ihm ginge ein Krieg voraus, den Europa nicht überlebt. Nur Trümmer wären zu verteilen.

Quelle: Frankfurter Rundschau, Nr. 30, Sa., 4.2.1995, S. 3

49. Der Vertrag, der keiner war

Eine historische Analyse

von Karl-Heinz Janßen

Im Streit mit der Bundesregierung beharrt Tschechin auf der Gültigkeit der Potsdamer Beschlüsse. Aber 1945 wurde kein Abkommen geschlossen, sondern bloß ein Konferenzprotokoll verabschiedet.

Nein, Klaus Kinkel hat nicht das Potsdamer Abkommen angezweifelt, wie aufgebrachte Tschechen meinen. Er konnte es schon deswegen nicht tun, weil es ein solches »Abkommen« nie gegeben hat, mögen auch Politiker und Journalisten dieses Gespenst, von dem man seit dem Untergang des Ostblocks nichts mehr gehört hatte, wieder aus dem Grab holen.

Anfang August 1945 konnten die Deutschen in den vier Besatzungszonen eine »Mitteilung über die Dreimächtekonferenz in Berlin« lesen, die aus vierzehn Abschnitten bestand. Im Cecilienhof in Potsdam, dem ehemaligen Schloß des deutschen Kronprinzen, hatten sich Mitte Juli die Staatsmänner der drei Siegermächte getroffen (Truman, Stalin und Churchill. der in der Endphase, nach seiner Wahlniederlage in England, von Attlee abgelöst wurde), um über die Nachkriegsordnung in Europa, den Krieg in Ostasien und andere Weltprobleme zu beraten. Als offizielles Dokument der Gipfelkon­ferenz gilt ein Verhandlungsprotokoll, das noch um sieben Abschnitte länger ausfällt als das Ab­schlußkommuniqué.

Das Ganze ist ein Sammelsurium von unverbindlichen Absichtserklärungen und zweideutigen Empfehlungen, von Meinungen, Übereinkünften und ein paar gemeinsamen Beschlüssen (so wird ein Rat der Außenminister beauftragt, Friedensverträge mit Deutschlands ehemaligen Verbündeten vor­zubereiten). Keineswegs handelt es sich um einen formvollendeten Vertrag, der feierlich unterschrie­ben und dann ratifiziert wird, auch nicht um ein »Verwaltungsabkommen«, das zwar die Staatsmän­ner allein abschließen, das aber ebenso verbindlich ist wie ein regulärer Vertrag.

Sogar die Unterschriften fehlen unter dem Potsdamer Konferenzbericht vom 2. August 1945. In der letzten Plenarsitzung am späten Abend des 1. August ging es ziemlich chaotisch zu. Jeder hatte noch Ergänzungen fürs Kommuniqué, das bereits am nächsten Abend über den Äther gehen sollte. Darum übergaben die »Großen Drei« mehrere Haufen ungeordneter Papiere einem Unterausschuß, der alles harmonisieren sollte. Auf Blankobögen, die später mit Büroklammern an die beiden Doku­mente (Protokoll und Presseerklärung) geheftet wurden, setzten die mächtigsten Männer der Welt formlos ihre Namenszüge, in der Reihenfolge Stalin, Truman, Attlee. Nach der Abreise der Staats­männer benötigte der Unterausschuß zwei Sitzungen, ehe gegliederte, korrigierte Texte vorlagen – und selbst dann gab es noch Abweichungen. „Etwas Besseres war unter den Umständen nicht mög­lich“, bedauerte einer der britischen Diplomaten.

Schon nach ein paar Monaten zerstritt sich der Alliierte Kontrollrat über die Auslegung des Pro­tokolls. Wie wenig verbindlich selbst Beschlüsse wie jener über die von Polen verwalteten deutschen Ostgebiete waren, zeigte sich 1947, als die Amerikaner vorschlugen, die Oder-Neiße-Linie um einige hundert Kilometer ostwärts zu verlegen, damit ein Teil der ostdeutschen Vertriebenen in die Heimat zurückkehren könnte.

Amerikanische oder englische Politiker haben denn auch nie von einem Potsdamer Vertrag oder Abkommen gesprochen. Anders die Russen: Für sie und ihre Marionetten in der DDR existierte ein völkerrechtlich verbindliches »Potsdamer Abkommen«, auf dem die neue europäische Ordnung auf­bauen sollte. 25 Jahre lang gebrauchte es die Sowjetunion als Waffe im Kalten Krieg. Die DDR be­trachtete die Potsdamer Erklärung eine Zeitlang als Ersatzfriedensvertrag.

In Bonn hat man sich diesen Schuh nie angezogen. Am 9. August 1968 erklärte die Regierung der Großen Koalition in einer Note an die Sowjetunion, es sei „nicht ihre Sache, sich über Gültigkeit, Auslegung und Geltungsbereich von Vereinbarungen zu äußern, an denen sie nicht beteiligt ist“. Au­ßenminister Kinkel hat lediglich diese Ansicht wiederholt: Eine Abmachung unter Dritten ist für Deutschland völkerrechtlich unverbindlich. Dennoch muß niemand fürchten, die Bundesrepublik wolle die europäische Nachkriegsordnung destabilisieren. Im Gegenteil: Von 1949 bis 1992 hat sie in vielen internationalen Verträgen diese Friedensordnung mit aufgebaut und garantiert, zum Beispiel auch die Tschechische Republik in den Grenzen von 1937 respektiert.

Gegenstand des Streites zwischen Prag und Bonn ist nun das berechtigte Kapitel XIII der Pots­damer Beschlüsse. Darin heißt es, die drei Regierungen erkannten an ("recognize"), „daß die Um­sied­lung der in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn befindlichen (deutschen) Bevölkerung oder von Teilen davon nach Deutschland vorgenommen werden muß“. Schon dieser Satz ist ein Bei­spiel für die Schludrigkeit der westlichen Politiker am Potsdamer Runden Tisch. Während sie an an­derer Stelle die endgültige Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze von einem Friedensvertrag abhängig machten, wurden hier wie selbstverständlich deutsche Gebiete bereits als »Polen« bezeichnet.

Eigentlich hätte es des Kapitels XIII gar nicht bedurft, denn die Großen Drei waren sich seit den Kriegs-Gipfelkonferenzen von Teheran (1943) und Jalta (Februar 1945) einig, daß Millionen von Deutschen aus den Ostgebieten umgesiedelt werden sollten. Eine »Entmischung« sollte die 1918 zwi­schen Deutschland und Rußland entstandenen Nationalitätenstaaten von Minderheiten befreien, um den inneren Frieden abzusichern.

Die westlichen Alliierten rechneten überschläglich mit sechs bis sieben Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen, von denen der größere Teil in die Westzonen kommen werde. In Potsdam stellte sich die Lage jedoch anders dar. Nun waren mindestens acht bis zehn Millionen Menschen betroffen, die umzusiedeln nach Churchills Meinung undurchführbar sei, denn „sie bringen ihre Mägen mit“. Nachdem Stalin selbstherrlich ganz Ostdeutschland, das eigentlich zur sowjetischen Besatzungszone gehörte, den Polen überlassen hatte, mußten die Westzonen ohne die ostdeutsche Kornkammer aus­kommen. Wie sollten die englischen und amerikanischen Besatzungsbehörden solcher Belastung Herr werden? Die »wilde Austreibung« der deutschen Bevölkerung durch Polen und Tschechen mußte al­so dringend gestoppt und in ordentliche Bahnen gelenkt werden, mit einem genauen Zeitplan und aufgeschlüsselt auf die Besatzungszonen.

Nach Churchills Informationen standen noch 2,5 (von 3,2) Millionen Sudetendeutsche vor den Toren. Doch Stalin behauptete in der Plenarsitzung am 25. Juli 1945, die meisten hätten bereits die Tschechoslowakei verlassen. Auf seine drastische Art setzte er hinzu: „Die Tschechen geben ihnen zwei Stunden und werfen sie dann hinaus.“ (In der Wirklichkeit ließ man den Sudetendeutschen oft nicht mal eine halbe Stunde zum Aufbruch.) Und als erwogen wurde, ob nicht Präsident Benesch selber den Großen Drei Auskunft geben sollte, meinte Stalin, das hieße „den Senf nach der Mahlzeit servieren“.

Wie üblich, wenn die Großen nicht weiterkamen, überließen sie das Problem den Außenmini­stern, die wiederum einen Unterausschuß einsetzten, der im Eilverfahren einen Beschluß fassen, mußte. Worauf es den Westmächten ankam – Stalin stimmte nach anfänglichem Sträuben zu –, ver­rät schon die Überschrift des Kapitels XIII: »Ordnungsgemäße Umsiedlung (transfer) der deutschen Be­völkerung«. Die drei Regierungen „stimmten darin überein“, daß die Umsiedlung „organisiert und human“ erfolgen solle. Diese Bedingungen sind freilich erst seit Anfang 1946 einigermaßen erfüllt worden. Denn zuvor mußte sich der Alliierte Kontrollrat in Berlin mit den Regierungen der Austrei­berländer abstimmen.

Dem Text dieses Beschlusses ist nicht zu entnehmen, daß er die als »Umsiedlung« verbrämte Vertreibung völkerrechtlich sanktioniert, wie tschechische Politiker meinen. Was vorliegt, ist eine po­litische Absichtserklärung, die an die Regierungen in Prag und Warschau weitergegeben wird. Die Großen Drei erkennen an, daß zu Ende gebracht werden muß, was seit Monaten im Gange ist. Von Haß und Rachsucht erfüllte Polen und Tschechen hatten von sich aus die Initiative ergriffen. Stalin brachte es in der Schlußsitzung auf den Punkt: Wegen der Verhältnisse, die sie selber geschaffen hät­ten, sei es den Deutschen unmöglich, in diesen Ländern zu bleiben.

Die Tschechen brauchten damals nicht das Potsdamer Einverständnis, um ihre ehemaligen sude­tendeutschen Mitbürger »abzuschieben«. Mehr als fünfzig Jahre danach jedoch klammern sie sich an den Artikel XIII, um, was Vertreibung, also „schweres Unrecht“ (Richard von Weizsäcker), war, wei­terhin als „zwangsweise Aussiedlung“ ausgeben zu können.

Leichtfertig haben sich Präsident Truman und der britische Premierminister Attlee in Potsdam mit den hoffnungsvollen Vokabeln „geordnet und menschlich“ zufriedengegeben. Es stand nicht in ih­rer Macht, die Vertreibung zu stoppen. Eher hilflos bedeuteten ihre Vertreter im Unterausschuß dem russischen Kollegen, „daß sie für den Gedanken von Massenausweisungen eigentlich nichts üb­rig hät­ten“. Andrerseits war den Westmächten die Einigung mit den Russen in Potsdam – die Konfe­renz drohte mehrmals zu platzen – wichtiger als das Leid Millionen Deutscher. Das Konferenzproto­koll läßt daran gar keinen Zweifel, heißt es doch im Kapitel III (»Über Deutschland«) gleich am An­fang: „Das deutsche Volk beginnt, für die furchtbaren Verbrechen zu büßen.“

Quelle: DIE ZEIT, Nr. 11, 8. März 1996. S. 12. Politik

50. Die Angst vor der Rache der Russen

Millionen Deutsche verloren durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat

von Hans-Anton Papendieck

Im Januar 1945 nahm in den deutschen Ostgebieten die größte Tragödie der deutschen Geschichte ih­ren Anfang. Insgesamt zwölf Millionen Menschen verließen bei eisiger Kälte in chaotischer Flucht ihre Heimat, getrieben von der Furcht vor der Rache der Sowjets. Zwei Millionen Men­schen kamen unter­wegs um, erfroren verhungert, ermordet, von Fliegerbomben oder der russi­schen Artillerie zerfetzt. Einige kehrten kurz nach Kriegsende in ihre zerstörten Dörfer zurück und wurden einige Jahre später ein zweites Mal, diesmal endgültig vertrieben, wenn sie nicht in einem der Zwangsarbeitslager des Archipel Gulag in den Weiten Sibiriens verschwanden.

Die Fotos dieser millionenfachen Flucht zeigen endlose Trecks, die sich durch verschneite Wäl­der quälen, vermummte verzweifelte Menschen vor zusammengebrochenen Wagen, Tote und Ver­stümmelte auf Feldern und an Straßenrändern. Zahlreiche schriftliche Zeugnisse haben das apokalyp­tische Ende des »Tausendjährigen« im Osten. »Aufbewahrt für alle Zeit«, wie der Titel des denkwürdigen Buches von Lew Kopelew heißt, der als Hauptmann der Roten Armee den Einmarsch der Sowjets im Winter 1945 in Ostpreußen miterlebt hat.

Für Ost- und Westpreußen für Schlesier, Sudetendeutsche und Pommern war der Zusammen­stoß mit der Roten Armee um so heftiger, als er für die meisten von ihnen im Grunde unerwartet kam. Anders als die Bewohner der westdeutschen Städte, die den Krieg in den Bombennächten be­reits kennengelernt hatten, lebten die Menschen in den Ostprovinzen des damaligen Deutschen Rei­ches fast bis zum Schluß im tiefsten Frieden. Vor allem für die Landbevölkerung war der Krieg et­was, das sich weit entfernt in den Steppen Rußlands abspielte. Hinzu kam, daß sie, nach unserem heutigen Verständnis, in unvorstellbarer Naivität den Propagandalügen des Dritten Reiches vertrauten und selbst, als die Sowjets bereits an der Grenze standen, nicht wahrhaben wollten, daß der Krieg verloren war.

Von der Politik der verbrannten Erde hatten die wenigsten je gehört; von der systematischen Ausrot­tung von Polen, Juden, Russen und Ukrainern wußten sie in der Regel nichts oder wollten es nicht wissen. So ahnten nur wenige, was sich in den osteuropäischen Völkern an Haß gegen die Deutschen aufgestaut hatte. Als die Rote Armee dann deutschen Boden betrat, schlug das Pendel zu­rück. Wie eine Lawine brach dieser Haß über die ahnungslose Bevölkerung herein. Ihre Opfer waren nicht nur Deutsche, sondern auch französische und belgische Kriegsgefangene, die auf den ostdeut­schen Bauernhöfen gearbeitet hatten.

Der normale Rotarmist hatte Jahre der Entbehrungen in einem erbarmungslosen Krieg hinter sich, oft hatte er seine ganze Familie verloren und wußte von den Deutschen häufig nicht mehr, als daß sie sein Land mit Krieg überzogen und verwüstet hatten und daß es nun galt, Rache an den „verdammten Faschi­sten“ zu nehmen, gleich, ob es Frauen Kinder oder Greise waren. Auf ihrem Vormarsch waren die Sowjets durch abgebrannte Dörfer marschiert, sie hatten die Stätten der natio­nalsozialistischen Vernichtungsma­schinerie gesehen: Sobibor Treblinka Majdanek, Belzec, Chelmno, Stutthof und Auschwitz. An Aufforde­rungen, an den Deutschen Rache zu üben, ließ es die politische Führung der Sowjetunion nicht fehlen.

Berühmt wurde ein Aufruf aus dem Jahr 1943, der Ilja Ehrenburg zugeschrieben wird und in der der russische Schriftsteller die Rotarmisten aufforderte, jeden Deutschen, auf den er traf, zu töten: „Die Deut­schen sind keine Menschen. Von nun ab ist das Wort »Deutscher« für uns der allerschreck­lichste Fluch. Von nun ab entlädt das Wort »Deutscher« das Gewehr. Wir werden nicht reden. Wir werden uns nicht empören. Wir werden töten. Wenn Du im Laufe eines Tages einen Deutschen nicht getötet hast, ist Dein Tag verloren. Wenn Du den Deutschen nicht tötest, wird der Deutsche Dich tö­ten. Wenn du den Deutschen mit der Kugel nicht töten kannst, töte den Deutschen mit dem Seiten­gewehr. Zähle nur eins: die von dir getöteten Deutschen.“

In einer Orgie von unvorstellbaren Greueln, von Mißhandlungen, Plünderungen Vergewaltigun­gen, Brandschatzungen und willkürlichen Morden entlud sich dann der aufgestaute Haß der vorrüc­kenden Roten Armee. Wer dieser Hülle entkam, auf den warteten im Westen weitere Jahre der Ent­behrungen, denn er kam in ein Land das den Krieg verloren hatte und dessen Städte in Schutt und Asche lagen. Die Flüchtlinge kamen als Bettler, in Lumpen gekleidet. Halbtot vor Hunger und Er­schöpfung drängten sie in zerstörte Städte und überfüllte Dörfer und mußten sich, oft über Jahre hinweg, mit behelfsmäßigen Unterkünften in Lagern, Baracken, Ställen oder in engen Wohnungen begnügen. Wer seine Trauer über die verlorene Heimat nicht bei sich behielt oder die Greuel der Flucht zu schildern versuchte, setzte sich außerdem dem Verdacht des Revanchismus und der Vergel­tungssucht aus. Die Westdeutschen waren noch einmal da­vongekommen und wollen von den Erleb­nissen der Flüchtlinge meist nichts wissen.

Im nachhinein stellt sich das Chaos der letzten Kriegsmonate im Osten freilich auch als großan­ge­legte Vernichtungsaktion der Nationalsozialisten an der deutschen Bevölkerung dar. Die hätten die Flucht ohne weiteres im Herbst 1944 organisieren können und taten es, beispielsweise in Schlesien, großenteils auch. In Ostpreußen aber galt jeder, der Haus und Hof verließ, als Defätist und machte sich strafbar. So war die Flucht aus Ostpreußen besonders chaotisch, sie forderte die meisten Opfer. Alle Planungen im Herbst 1944 beschäftigten sich höchstens mit einem vorübergehenden Einbruch der Roten Armee trotz der dringenden Mahnung der Wehrmacht, die Bevölkerung zu evakuieren.

So fuhren viele Trecks viel zu spät los und gerieten nicht selten direkt in die Kampfhandlungen hinein oder zwischen die Fronten. Der Hauptsturm der Flüchtlinge konzentrierte sich zudem auf die Durchgangs­straßen, wo sie sich mit den vorrückenden oder auf dem Rückzug befindlichen Militärko­lonnen verkeilten. Bomben und Tiefflieger verwandelten manche Trecks in Sekundenschnelle in Trümmerhaufen. In den Straßengräben häufte sich zerstreuter Hausrat, dazwischen lagen steifgefrorene Säuglinge, von Granaten zerfetzte Tiere und Menschenleiber. Die nachdrängenden Panzer scho­ben mitleidlos von der Straße, was den Verkehr aufhielt. Vielen Flüchtlingen fehlte zudem jede Ein­sicht in die Endgültigkeit der Flucht. Außer ihrem Dorf kannten sie häufig nichts anderes von der Welt. Es für immer verlassen zu müssen, erschien ihnen unvorstellbar. Selbst wenn im Herbst 1944 eine geordnete Massenevakuierung organisiert worden wäre, wäre sie möglicherweise am Widerstand der Landbevölkerung gescheitert, die sich an ihren Boden klammerte und sich einen Verlust ihrer ver­trauten Umgebung nicht vorstellen konnte, ihn allenfalls als vor­übergehend ansah. So verließen viele erst Haus und Hof, als es längst zu spät war.

Wer nicht rechtzeitig hatte aufbrechen können oder von der Front – unterwegs oder in seinem Dorf – eingeholt worden war, den ereilte ein grausiges Schicksal. Die Rotarmisten fanden auf ihrem Vormarsch viele verlassene Dörfer vor, das Vieh auf den Weiden war verendet, aber in einigen Ort­schaften waren einzelne Familien oder alte Menschen zurückgeblieben. In den am östlichsten gelege­nen Dörfern fanden sie einen grauenhaften Tod, weiter im Westen »begnügten« sich die Rotarmisten damit, die Frauen zu vergewaltigen und die Häuser zu plündern, bevor sie sie in Brand steckten. Die Gründlichkeit, mit der sie die Inneneinrichtungen der Häuser zertrümmerten, Betten aufschlitzten, Bilder zerschnitten und ganze Lebensmittellager in Rauch und Flammen aufgehen ließen, gehört zu den von den Deutschen mit am meisten bestaunten Seltsamkeiten der fremden Truppen. Die Rote Armee könnte längst in Berlin sein, wenn sie sich nicht so mit dem Mobiliar aufhalten würde, hieß es damals sarkastisch. Erst später began­nen die Russen, die weiter westlich gefundenen Inneinrichtungen der Häuser, wie auch alle sonstigen Anlagen, einschließlich der Eisenbahnschwellen, systematisch ab­zutransportieren.

Begonnen hatte die sowjetische Offensive allerdings schon am 22. Juni 1944, am dritten Jahres­tag des Kriegsbeginns im Osten. 2,2 Millionen Rotarmisten griffen auf einer Breite von 700 Kilome­tern die vier deutschen Armeen mit 400.000 Soldaten an, die die Heeresgruppe Mitte bildeten. Mit einer zehnfachen Übermacht an Panzern und Geschützen walzte die sowjetische Offensive alles nie­der, was sich ihr in den Weg stellte. In nur sechs Wochen stand sie vor den Grenzen des Reichs. 28 deutsche Divisionen waren vollständig zerrieben.

In Königsberg residierte um diese Zeit Gauleiter Erich Koch, zuvor Hitlers furchtbarer Statthalter in der Ukraine. Zwangsarbeit, Hunger, Erschießungen kennzeichneten seine Politik im Osten. Vor al­lem diesem Mann ist das spätere Flüchtlingschaos in Ostpreußen zuzuschreiben, denn er war es, der jede rechtzeitige Evakuierung verbot. Statt dessen ließ er Zehntausende von alten Männern und hal­ben Kindern rekrutieren.

Dieses letzte Aufgebot, der Volkssturm, mußte im Herbst 1944 Gräben und Schützenlöcher ausheben, um den Vormarsch der russischen Panzerverbände zum Stehen zu bringen. Es war eine absurde Idee, aber die Menschen klammerten sich an diese Fiktion einer »Sicherheit« wie auch an die Endsieg-Propa­ganda, um nicht der gefürchteten Wahrheit ins Auge sehen zu müssen.

Während Erich Koch tönte, „kein echter Deutscher darf auch nur daran denken, daß Ostpreußen in russische Hände fällt“, bauten die Sowjets an den Grenzen Ostpreußens eine gewaltige Streitmacht auf. Am 5. Oktober 1944 griffen sie mit 19 Schützendivisionen, unterstützt von Luftwaffe und Artil­lerie und drei Panzerkorps das Memelland und die Stadt Memel an und durchbrachen die deutsche Front. Erstmals bekamen die flüchtenden Deutschen die Rache der Sieger zu spüren. Die russischen Panzer schossen auf die Trecks, dann überrollten sie sie gnadenlos und zerquetschten, was sich ihnen in den Weg stellte. Wer diesem ersten Ansturm entronnen war, suchte in Ostpreußen eine erste Blei­be, immer in der Hoffnung, daß die deutschen Truppen ihre Heimat zurückerobern und sie wieder zurückkehren könnten.

Am 21. Oktober 1944 rasselten acht Panzer der 11. Gardearmee nach Nemmersdorf im Kreis Goldap, ganz im Osten Ostpreußens, hinein und trafen dort auf einen Flüchtlingstreck aus dem Nor­den. Seit diesem 21. Oktober steht der Name Nemmersdorf für alle Schrecken der Roten Armee, denn Nemmersdorf war der erste deutsche Ort, in dem Zivilisten den Rotarmisten in die Hände fielen. Der Ort wurde wenig später von deutschen Truppen zurückerobert, aber sie fanden mehr als 70 Frauen und Kinder ermordet vor. Die Fotos der vergewaltigten, an die Scheunentore genagelten und erschossenen Frauen gingen durch die gesamte deutsche und ausländische Presse und lösten unter der deutschen Bevölkerung und im Ausland einen ungeheuren Schock aus. Denn unter den Ermordeten von Nemmersdorf und Goldap befanden sich auch 50 französische Kriegsgefangene.

An der Front blieb es, trotz der ungeheuren Überlegenheit der Roten Armee, bis in den Januar 1945 hinein ruhig. Die Sowjets warteten die Kälte ab, die die Straßen passierbar und die Wiesen für die Panzer befahrbar machen und die Gewässer mit Eis überziehen würde. Am 12. Januar, am Neu­jahrstag des russischen Kalenders, war es dann soweit. Mit ungeheurer Wucht begann die Rote Ar­mee ihre Offensive in Ostpreußen. Der sowjetische Generaloberst Hybalko hatte die Soldaten in ei­nem Tagesbefehl aufgefordert: „Die langerwartete Stunde, die Stunde der Rache ist gekommen. Wir alle haben Gründe für die Rache. Meine Tochter, eure Schwester, unser Mütterchen Rußland, die Zerstörung unseres Landes.“

An diesem Tag begann die Massenflucht der Ostpreußen, bei Minustemperaturen unter 20 Grad. Viele kamen nicht weit, weil die Front sie einholte, und sie kehrten wieder zurück, wie Frau L. Stern­berg aus Groß-Nappern im Kreis Osterode, die beim Betreten des einzigen, nicht zerstörten Hauses ihres Heimatdor­fes auf eine grausige Szene stieß: „Ein Bild unvorstellbaren Grauens bietet sich uns. Verstreutes und ver­schüttetes Essen, Tote sitzen auf dem Sofa, hängen über Stühlen, liegen in den Betten. Fußboden und Wände sind mit Blut bespritzt. Ein Hund kläfft uns an. Fort, nur fort von hier.“

Die Medizinstudentin Josefine Schleiter aus Osterode berichtet unter dem Datum vom 11. Janu­ar aus Preußisch Holland, unweit Elbing, als eine russische Panzerkolonne ihren Treck erreicht: „Die Panzer schossen in den Treck, rollten über Pferde, Wagen und Menschen hinweg. Frauen und Kin­der kämpfen mit dem Tod. Hinter mir sagt ein junges Mädchen zu ihrem Vater: Vater, bitte erschieß mich. Ja, sagt ihr 16jähriger Bruder, wir haben nichts mehr zu erwarten. Der Vater blickt seine Kin­der an, die Tränen laufen ihm über das Gesicht, und er sagt mit ruhiger Stimme: Wartet noch etwas, Kinder! Da kommt ein russi­scher Offizier auf einem Pferd herangeritten. Einige deutsche Soldaten werden zu ihm geführt. Er nimmt seinen Revolver, Schüsse knallen. Die Leichen bleiben liegen. Kei­ner wagt, sie anzurühren.“

Am 26. Januar wurde Ostpreußen bei Elbing abgeschnürt, so daß keine Trecks mehr durchka­men; der Zugverkehr war schon am 22. Januar eingestellt worden. So strömten die Trecks in den Norden zum Frischen Haff und versuchten die Nehrung zu erreichen. Das Haff ist eine flache, zwei bis vier Meter tiefe Meeresbucht der Ostsee, ihr ist eine siebzig Kilometer lange Landzunge vorgela­gert, die Nehrung, die das Haff von der See fast völlig abschneidet. Das Eis war an manchen Stellen schon brüchig geworden, so daß viele Flüchtlinge einfach einbrachen und untergingen, zumal die russischen Kampfflugzeuge die Trecks und das Haff bombardierten. Eine Bauersfrau erinnert sich: „Die Bomben schlugen Löcher, und ganze Reihen von Wagen gingen unter. Wir hatten keinen Le­bensmut und warteten sehnsüchtig auf den Tod.“

Der Weg über die Nehrung war so schmal, daß zwei Wagen nebeneinander nur knapp Platz hat­ten. Wenn ein Wagen liegenblieb, entwickelte sich ein Stau, der Stunden dauern konnte. Pro Tag ka­men die Trecks oft nur drei bis fünf Kilometer vorwärts. Die Kälte ließ zwar kleine Kinder und alte Leute erfrieren, sie rettete aber vielen das Leben. Denn das zugefrorene Haff war für die Trecks, die in den Kesseln von Braunsberg und Heiligenbeil eingeschlossen waren, der einzige Ausweg gewor­den.

Die Flucht über das vereiste Haff war nur ein Ausschnitt aus der Völkerwanderung gegen Ende des Krieges, aber sie war typisch für die militärische Situation im Osten. Die Rote Armee hatte in großen Zan­genbewegungen die Landverbindungen in den Westen abgeschnitten, so daß für Millionen nur der Seeweg über die Ostsee als Fluchtmöglichkeit geblieben war. Zuerst wurden die Straßen zwi­schen Ost- und West­preußen abgeschnitten, dann die zwischen Westpreußen und Pommern, schließ­lich war auch die Bevölke­rung Pommerns eingekesselt. Die Hafenstädte aber hielten weitgehend dem Druck der Angreifer stand.

In dieser Situation mobilisierte die Marine alles, was noch einigermaßen seetüchtig war, um die in den Ostseehäfen gestauten Flüchtlinge in Sicherheit zu bringen. Kreuzer, Zerstörer, Torpedoboote, Minensuch­boote, Transporter, Handelsschiffe aller Art und Größe stießen in Richtung Osten in See. Für zwei Millionen Menschen bedeuteten diese Schiffe die letzte Hoffnung, der Rache der Sowjets zu entgehen. Jedesmal, wenn ein Schiff anlegte, begann ein Kampf auf Leben und Tod unter den verzweifelten Menschen. Viele wurden in dem Gedränge zu Tode gequetscht.

Obwohl Hunderte von Schiffen zwischen Kiel, Lübeck, Kopenhagen und Pillau, Elbing, Danzig, Go­tenhafen und Kolberg pendelten, reichten sie nie aus, um alle Menschen aufzunehmen. Einige Schiffe wurden unterwegs von sowjetischen U-Booten angegriffen und versenkt, darunter die »Wihelm Gustloff« mit 60D0 Menschen an Bord. Am 30. Januar schickte das russische U-Boot S 13 mit drei Torpedos das völlig überfüllte Kreuzfahrtschiff in die Tiefe. Nur 904 Menschen wurden gerettet.

Aber die Marine setzte die Aktion fort. Tag und Nacht stampften die Schiffe über die stürmische Ostsee bis zum Tag der Kapitulation am 8. Mai, obwohl russische Torpedoflieger und Kampfboote die Konvois immer wieder angriffen. So versank am 16. April der Frachter »Goya«, ebenfalls mit 6000 Menschen an Bord, innerhalb von vier Minuten. Die Halbinsel Hela vor Danzig entwickelte sich so in den letzten Wochen des Krieges zum größten Menschenumschlagplatz Europas. 400.000 Men­schen sammelten sich auf der sonst nur von einigen Fischern bewohnten Halbinsel. Jeden Tag nah­men die Schiffe Flüchtlinge, Verwundete und Soldaten auf, um sie in den Westen zu schaffen. Die russische Artillerie schoß zwar ständig nach Hela hinüber und griff die Flüchtlinge mit Bombern an, aber für die meisten war Hela sicherer als die Land­straßen von Ost- und Westpreußen, über die sie sich hierher geschleppt hatten. In die Dünen schaufelten Soldaten Massengräber, in denen die Toten bestattet wurden. Wenn die russische Artillerie schwieg, sprachen Geistliche ein Gebet.

Günter Böddeker notiert in seinem Standardwerk »Die Flüchtlinge« als Bilanz dieses „größten Rettungsunternehmens aller Zeiten“: „135 versenkte Schiffe, zwanzigtausend Tote. Aber mehr als zwei Millionen Menschen entrannen den Russen - dank der Tapferkeit, der Einsatzbereitschaft und der Unermüdlich­keit deutscher Seeleute von Kriegsmarine und Handelsflotte und der Soldaten des Heeres, die um der Frauen und Kinder willen aushielten, als sie selbst schon verloren waren.“

Auch in Schlesien bildeten sich Trecks, weil die Bahn die Menschenmassen nicht bewältigte, aber insgesamt vollzog sich die Flucht, die am 19. Januar begann, geordneter als die aus Ostpreußen und Pommern, denn Schlesien wurde nicht in so kurzer Zeit überrollt. Die Mehrheit wurde per Bahn oder Omni­bus nach Sachsen oder in das Sudetenland hinein transportiert, 100.000 Frauen und Kin­der flüchteten vom 20. Januar an zu Fuß aus Breslau. Als die Rote Armee Mitte Februar Breslau an­griff, lebten noch etwa 200.000 Menschen in der Stadt 40.000 kamen während der folgenden Luft­angriffe und Kämpfe um. Erst am 7. Mai fiel Breslau.

In Pommern und Brandenburg war der Zusammenprall mit der Roten Armee ähnlich traumati­sch wie für die Menschen in Ost- und Westpreußen. Peter Block aus Bublitz in Hinterpommern war nicht geflüchtet und schildert die Vorgänge vom 28. Februar, nachdem die Russen den kleinen Ort eingenommen und angezündet hatten: „Es setzte nun die Verschleppung der irgendwie noch arbeits­fähigen Personen ein. In den meisten Fällen geschah sie wohl rein willkürlich, als reine Vergeltung, wie uns ja bei jeder Maßregel gesagt wurde: »Eure Leute haben es noch viel schlimmer gemacht«. Am 2. März kamen wiederum Rotar­misten in unser Haus. Wir mußten uns in einem Zimmer ver­sammeln. Dann winkten sie einzelne von uns heraus. Hierunter waren auch meine Mutter und meine Tante. Mit Tränen in den Augen verabschiedete sich meine Mutter von uns. Wir haben sie seitdem nie wieder gesehen.“

Die meisten Flüchtlinge, die Anfang 1945 unter den geschilderten dramatischen Umständen ihre Hei­mat verlassen hatten, waren überzeugt, bald wieder zurückkehren zu können. Im April lebten 4,4 Millionen Menschen in den deutschen Ostgebieten, bis zum Juli 1945 waren 1,125 Millionen wieder zurückgekehrt, viele von ihnen wollten, wenn sie schon unter russische Herrschaft geraten waren, lie­ber in der Heimat leben als in Brandenburg, Sachsen oder Pommern. Die Rückkehrer zogen zu Fuß durch abgebrannte Orte und über Landstraßen, auf denen noch die Leichen von Soldaten und Zivili­sten verwesten. Es gab keinerlei Organisation, die sich um die Menschen gekümmert hätte. Schät­zungsweise 400.000 Menschen sind bis Ende Juni aus der damaligen sowjetischen Besatzungszone wieder in die Gebiete östlich von Oder und Neiße zurückgekehrt; aus der Tschechoslowakei kamen die Menschen nach Schlesien zurück, so daß die entleerten Städte und Dörfer sich wieder füllten. Auch die Ortschaften in Ostpommern belebten sich wieder, manche erreichten im Sommer 1945 wieder 50 bis 60 Prozent des alten Standes. Nur nach Ostpreußen kehrten nur wenige zurück.

Das schwerste Schicksal erlitten die aus den Ostgebieten in die sowjetischen Zwangsarbeitslager verschleppten Menschen. Bei diesen Verschleppungen handelt es sich um eine systematisch betrie­bene Aktion, die von der sowjetischen Führung geplant und einheitlich von den vier Heeresgruppen der Roten Armee betrieben wurde. Stalin stützte sich dabei auf das Zugeständnis von Churchill und Roosevelt auf der Jalta-Konferenz im Februar 1945, die ostdeutsche Zivilbevölkerung zur Sklavenar­beit abzukommandieren. Reparationen in Sachleistungen, hieß das in Jalta. Wenige Wochen nach der Besetzung trieben die Rot­armisten möglichst viele arbeitsfähige Deutsche zusammen und transportier­ten sie in Güterzügen in Kohle­gruben, Panzerfabriken, in Steinbrüche und Ziegeleien, wo sie schwer­ste körperliche Arbeit leisten mußten. Rund die Hälfte dieser etwa 500.000 »Reparationsverschleppten« sind umgekommen. Die Überlebenden sind 1948, 1949 oder später nach Deutschland zurückge­schickt worden.

Auf den Konferenzen von Jalta und Potsdam behauptete Stalin, östlich von Oder und Neiße lebe kein einziger Deutscher mehr. Das stimmte nicht. In Wirklichkeit gab es Mitte 1945 mehr als fünf Millionen Deutsche in den polnisch besetzten Gebieten. Wie sie von der polnischen Miliz in Hunder­ten von Lagern und Gefängnissen drangsaliert worden sind, so daß sie die Vertreibung schließlich als Erlösung aus einer unerträglich gewordenen Lage ansahen, das schildert die mehrbändige »Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa«, die von der Wissenschaftlichen Kom­mission der Bundesregierung herausgegeben worden ist, in allen Einzelheiten. Die größte Gruppe der vertriebenen Deutschen waren die Sudetendeutschen; insgesamt 3,5 Millionen wurden im Laufe des Jahres 1945 aus ihren Städten und Dörfern verjagt, 25.000 Frauen, Kinder und alte Männer in der Nacht zum 30. Mai aus Brünn. Den Frauen blieben zehn Minuten, die Kinder zu wecken, sich anzu­ziehen, ein paar Habseligkeiten zusammenzupac­ken und sich auf die Straße zu stellen. Hunderte star­ben auf dem folgenden Todesmarsch an Typhus, Ruhr und Erschöpfung. An der österreichischen Grenze kam es zum Chaos, denn die Österreicher weigerten sich, die Flüchtenden aufzunehmen, die Tschechen, sie zurückzunehmen.

Millionen Deutsche büßten für den von den Nazis begonnenen und mit unvorstellbarer Grau­samkeit geführten Krieg noch Jahre nach dessen Ende. Es war vor allem die Bevölkerung in den ehemaligen deutschen Ostgebieten, aber auch die deutsche Minderheit in Ungarn, Jugoslawien in der Tschechoslowa­kei und Rumänien, die aus ihren Siedlungsgebieten vertrieben wurde. Insgesamt haben 17 Millionen Deutsche und Deutschstämmige von 1944 bis 1950 in Osteuropa ihre Heimat verlassen oder verlassen müssen. Rund 4,5 Millionen von ihnen blieben verschollen, mindestens 2,2 Millionen aus dieser Gruppe haben damals ihr Leben verloren. Das geht aus Statistiken des ehemaligen Bun­desministeriums für Ver­triebene hervor. Knapp acht Millionen kamen in die alten Bundesländer vor allem nach Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern, weitere vier Millionen gingen in die So­wjetzone (von 1949 an DDR) oder nach Berlin. Damit fanden 12 Millionen Flüchtlinge und Vertrie­bene aus dem Osten im Verlauf der größten Völ­kerwanderung der Geschichte in der heutigen Bun­desrepublik Deutschland eine zweite Heimat.

Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung, Sa./So., 25./26. Februar 1995. Der siebente Tag, S. I/II

Dokumente

„Über uns stehen Schlachtflieger wie Drachen in der Luft“

Aus dem »Ostpreußischen Tagebuch« von Hans Graf von Lehndorff

Hans Graf von Lehndorff leitete Anfang 1945 ein Lazarett in Königsberg. Er erlebte die Ein­nahme der Stadt durch die Russen. Zuvor war er vor ihnen aus Insterburg geflohen. Die Tage vor dem Einmarsch der Russen dort hat er in den folgenden Aufzeichnungen festgehalten:

17. Januar

Die Russen sind an vielen Stellen durchgebrochen und rücken vor. Gumbinnen brennt. Nachts ist der ganze Osten ein Flammenmeer. Einzelne Flugzeuge kommen bis zu uns und werfen Leuchtschirme. Wir haben alle Patienten, die sich noch im Hause befinden, in die unterste Etage gebracht.

18. Januar

Man kann noch telephonieren. Ich sprach mit meiner Mutter und mit meinem ältesten Bruder, der vom südlichen Teil der Ostfront gerade auf Urlaub nach Hause gekommen ist. Sie sind dabei, einen Treck vorzubereiten. Das muß heimlich geschehen, weil noch keine offizielle Genehmigung dazu vorliegt. Mein Vater spielt mit dem Gedanken, noch eine Wildjagd zu geben. Im Walde ist so viel Rotwild wie noch nie. Nur weiß er nicht, wo er die Schützen herbekommen soll.

19. Januar

Unser Krankenhaus wird geräumt. Alle Patienten und die meisten Schwestern fahren nach Pommern ab, wo sie in einem Privathaus auf dem Lande unterkommen sollen. Wir bleiben ohne Arbeit. Ich packe ein paar Gegenstände, die mir wert sind, in eine der vielen tausend Kisten, die seit Monaten laufend fabriziert werden, um das ganze Inventar der Stadt nach Westen zu befördern. Mit dem Ro­delschlitten bringe ich sie zum Güterbahnhof. Dort verschwindet sie unter Hunderten ihresgleichen.

Auf dem Rückweg fällt mir eine Dame auf, die von Paketen umgeben, am Straßenrand steht. Als ich zögernd vorübergehe, spricht sie mich an: „Ach, würden Sie mir bitte eine Speditionsfirma nen­nen! Ich möchte meine antike Wohnungseinrichtung von hier aus weiterbefördern. Wir haben sie eben mit vieler Mühe aus Gumbinnen herausgeholt, aber die Soldaten, die mir dabei geholfen haben, konnten mich nicht weiter mitnehmen. Es sind alles wertvolle Stücke, die ich wegen der Bomben vor zwei Jahren aus Wupper­tal zu Bekannten nach Gumbinnen gebracht habe. Dies hier sind nur die kleinen Sachen, die großen ste­hen dort drüben in einem Hof.“

Wir gehen über die Straße, um sie in Augenschein zu nehmen. Es handelt sich um acht riesige Stücke, darunter ein eichenes Büfett von mindestens zehn Zentnern Gewicht. Ich staune wie sie das alles aus der brennenden und auf drei Seiten vom Feind umgebenen Stadt herausgeschafft hat. Und dann stellen wir uns wieder an die Straße, um den Versuch zu machen, eines der in wildem Tempo vorbeirasen­den Militärfahrzeuge anzuhalten, denn eine aktionsfähige Speditionsfirma dürfte kaum mehr aufzutreiben sein. Inzwischen nehme ich einen schüchternen Anlauf, die Dame zur Abreise oh­ne ihre Möbel zu bewe­gen. Aber davon will sie nichts wissen. Ihr Mann ist gefallen, Kinder hat sie nicht, ihr Haus ist zerstört - dies ist das einzige, was ihr noch gehört und woran sie hängt.

Während wir noch sprechen, erscheinen schwere Flugzeuge in niedriger Höhe über der Stadt. Ich traue meinen Augen nicht, als ich sämtliche Soldaten von der Straße gedankenschnell in den um­liegenden Häusern untertauchen sehe. Nur die Zivilisten bleiben übrig. Aber dann fängt es da oben schon an zu blitzen und zu knattern. Ach, ach so! Das sind ja die Russen! Und so nah! So nah haben wir sie bei Tage noch nicht zu sehen bekommen. Sie machen einen Bogen und nehmen den Bahnhof unter Feuer.

20. Januar

Auf meinem Erkundungsgang zum Bahnhof finde ich die Möbel der Dame aus dem Westen noch voll­zählig vor. Sie selbst ist damit beschäftigt, aus den kleineren Gegenständen ein paar handliche Pa­kete zu machen, die sie mit Bahnexpreß abschicken will. Ich begleite sie zum Bahnhof. Dort wimmelt es von Men­schen, die noch Kisten und Koffer wegschicken wollen. Als wir in einer langen Schlange vor dem Schalter stehen, gibt es plötzlich einen Knall, und Fensterscheiben fliegen uns um die Ohren. Alles rennt zum Aus­gang, blickt nach oben, zieht schnell den Kopf ein und beschleunigt das Tempo. Ich packe meine Begleite­rin bei der Hand und renne mit ihr los. Über uns stehen zehn oder zwölf Schlachtflieger wie Drachen in der Luft. Wir überqueren den Vorplatz und springen in den mit Men­schen bereits überfüllten Schutzgraben. Im gleichen Augenblick kommt mit gewaltigem Rauschen die Bombenlast herunter. Ein kurzes, ohrenzer­reißendes Splittern und Krachen – dann quillt der Men­schenstrom wiederum aus der Erde hervor und verteilt sich in Windeseile nach allen Seiten.

Gegen drei Uhr nachmittags ertönen Hornsignale zum Zeichen für die restlichen Einwohner, die Stadt endgültig zu verlassen. Wir begleiten die übriggebliebenen Schwestern zum Bahnhof, wo der letzte Zug unter Dampf steht, und winken ihnen erleichtert nach, als sie bei hereinbrechen der Dun­kelheit aus dem gefährdeten Bahnhofsgebiet heraus langsam nach Westen abrollen. Mit uns auf dem Bahnsteig zurück­geblieben ist die Dame aus dem Westen, die uns vorher schon im Krankenhaus auf­gesucht und geholfen hat, die mit den Koffern der Schwestern beladenen Krankentragen zum Bahn­hof zu schieben. Sie hat sich inzwischen innerlich und äußerlich von ihren Möbeln freigemacht und verspricht lachend, mit der nächsten Autogelegenheit das Weite zu suchen.

Quelle: »Ostpreußisches Tagebuch« von Hans Graf von Lehndorff. Biederstein Verlag, München

Was Augenzeugen berichten:

Die Greuel von Nemmersdorf

Der Treck rumpelte über die Straße, die von der Kreisstadt Gumbinnen in Ostpreußen nach Südwe­sten führte. Frauen und Kinder auf den Leiterwagen hatten sich unter die Planen verkrochen. Dichter Regen fiel. Aus Südwesten wehte starker Wind. Die knarrenden und polternden Geräusche der Pfer­dewagen wurden überlagert von fernem, rollendem Donner. In den Städten und Dörfern, die die Menschen verlassen hatten, tobte die Schlacht. Die Männer, die Frauen und die Kinder im Treck hofften, hinter der Angerapp, die im Osten Ostpreußens von Süden nach Osten strömt, Schutz zu finden. Der Fluß, so glaubten sie, würde die Russen und ihre Panzer aufhalten und den Flüchtlingen einen hinreichenden Vorsprung verschaffen.

So war das Ziel des von Nordosten kommenden Trecks die Brücke, die im Ort Nemmersdorf über die Angerapp führte. Diese Brücke aber war an jenem Tag auch das Ziel einer anderen Kolonne: Sie kam aus Südosten und bestand aus acht stählernen Fahrzeugen: russische Panzer der II. Garde­armee unter Gene­ral Galitsky. Der deutsche Widerstand kümmerte die Russen wenig. Die Tanks ras­selten weiter, immer weiter nach Westen.

Im Morgengrauen schob sich der Treck in Nemmersdorf hinein. Die Wagen füllten die ganze Breite der Hauptstraße. Es regnete noch immer. Die Flüchtlinge entschlossen sich zu einer Pause. Es war ein verderblicher Entschluß. In dieser Stunde am 21. Oktober 1944 erreichten auch die Russen den Ort Nem­mersdorf. In das Gescharre und Gestampfe der Pferde vor den Wagen der Flüchtlinge mischte sich plötz­lich das Gerassel von Ketten. Aus dem Schleier von Regen und Dunst dröhnte das Panzerrudel heran. Die stählernen Kolosse wälzten sich ohne Halt durch die Hauptstraße, über den Flüchtlingstreck hinweg, von seinem Ende bis zu seinem Anfang – und noch einmal von seinem An­fang bis zu seinem Ende. Dann kletterten die Panzerbesatzungen aus den Luken.

Die Russen konnten Nemmersdorf in jenen Tagen nicht halten. Die Soldaten der 4. deutschen Armee, die unter dem Befehl des Generals Hoßbach standen, kämpften den Ort Nemmersdorf wenig später wieder frei. Nemmersdorf war der Ort, in dem Rußlands Rache für mehr als drei Jahre deut­scher Gewaltherrschaft erstmals explodierte. Für die Ereignisse von Nemmersdorf gibt es eine Reihe von Zeugenaussagen. Die Wissenschaftliche Kommission der Bundesregierung zur Geschichte der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa hat für ihre Dokumentation den Bericht des Volks­sturmmanns Karl Potrek aus Königsberg ausgewählt, der zu den Einheiten gehörte, die nach Nem­mersdorf vorstießen. Er schrieb:

„Meine Volkssturmkompanie erhielt den Befehl, in Nemmersdorf aufzuräumen. Schon kurz vor Nem­mersdorf fanden wir zerstörtes Flüchtlingsgepäck und umgeworfene Wagen. In Nemmersdorf selbst fanden wir den geschlossenen Flüchtlingstreck. Alle Wagen waren durch die Panzer völlig zer­stört und lagen am Straßenrand oder im Graben. Das Gepäck war geplündert, zerschlagen oder zer­rissen, also vollständig vernichtet. Dieser Flüchtlingstreck war aus der Gegend Ebenrode und Gum­binnen. Ich stellte dieses beim Aufräumen fest. Im Straßengraben fand ich ein Männerjackett. Aus der Brusttasche ragte ein Stück weißes Papier heraus. Das ganze Flüchtlingsgut wurde gesammelt und in die Dorfkirche getragen. Von den Flücht­lingen selbst haben wir nichts gefunden.

Am Dorfrand in Richtung Sodehnen-Nemmersdorf steht auf der linken Straßenseite ein großes Gast­haus Weißer Krug, rechts davon geht eine Straße ab, die zu den umliegenden Gehöften führt. An dem ersten Gehöft, links von dieser Straße, stand ein Leiterwagen. An diesem waren vier nackte Frauen in gekreuzigter Stellung durch die Hände genagelt. Hinter dem Weißen Krug in Richtung Gumbinnen ist ein freier Platz mit dem Denkmal des Unbekannten Soldaten. Hinter diesem Platz steht wiederum ein großes Gasthaus Roter Krug. An diesem Gasthaus stand längs der Straße eine Scheune. An den beiden Scheu­nentüren waren je eine Frau, nackt in gekreuzigter Stellung, durch die Hände genagelt. Weiter fanden wir dann in den Wohnungen insgesamt 72 Frauen einschließlich Kin­der und einen alten Mann von 74 Jahren, die sämtlich tot waren, fast ausschießlich bestialisch ermor­det bis auf nur wenige, die Genickschüsse aufwiesen. Unter den Toten befanden sich auch Kinder im Windelalter, denen mit einem harten Gegen­stand der Schädel eingeschlagen war.

In einer Stube fanden wir auf einem Sofa in sitzender Stellung eine alte Frau von 84 Jahren vor, die vollkommen erblindet gewesen und bereits tot war. Dieser Toten fehlte der halbe Kopf, der an­scheinend mit einer Axt oder mit einem Spaten von oben nach dem Halse weggespalten war. Inzwi­schen kam eine Krankenschwester aus Insterburg, die in Nemmersdorf beheimatet war und hier ihre Eltern suchte. Unter den Ermordeten fand sie ihre Mutter von 72 Jahren und auch ihren alten schwa­chen Vater von 74 Jahren, der als einziger Mann zu diesen Toten gehörte. Diese Schwester stellte dann fest, daß alle Toten Nem­mersdorfer waren.“

Andere Augenzeugen haben diesen Bericht über die Oktober-Greuel in Ostpreußen ergänzt: Ge­neral­major Erich Dethleffsen, damals Stabschef in der 4. deutschen Armee in Ostpreußen, erklärte am 5. Juli 1946 vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg: „Als im Oktober 1944 russi­sche Verbände in der Gegend Groß Waltersdorf (südöstl. Gumbinnen) die deutsche Front durchbra­chen und vorübergehend bis Nemmersdorf vorstießen, wurde in einer größeren Anzahl von Ortschaf­ten südlich Gumbinnen die Zivilbevölkerung – zum Teil unter Martern wie Annageln an Scheunento­re durch russische Soldaten er­schossen. Eine große Anzahl von Frauen wurde vorher vergewaltigt. Dabei sind auch etwa 50 französische Kriegsgefangene durch russische Soldaten erschossen worden. Die betreffenden Ortschaften waren 48 Stunden später wieder in deutscher Hand. Die Vernehmun­gen lebengebliebener Augenzeugen, ärztliche Berichte über die Obduktion der Leichen und Photo­graphien der Leichen haben mir wenige Tage später vorgelegen.“ Oberleutnant Dr. Heinrich Amber­ger, Kompaniechef im 2. Regiment »Hermann Göring«, gab unter Eid zu Protokoll: „Am Straßen­rand und in den Höfen der Häuser lagen massenhaft Leichen von Zivilisten, die augenscheinlich nicht im Lauf der Kampfhandlungen durch verirrte Geschosse getötet wor­den, sondern planmäßig ermor­det waren. Unter anderem sah ich zahlreiche Frauen, die man, nach der Lage der verschobenen und zerrissenen Kleidungsstücke zu urteilen, vergewaltigt und danach durch Genickschuß getötet hatte. zum Teil lagen daneben auch die ebenfalls getöteten Kinder.“

Quelle: »Die Flüchtlinge« von Günter Böddeker. Verlag Langen Müller, München.

„Uns blieb nichts übrig als das, was wir in fünf Minuten gerettet haben“

Der Landwirt Theodor Schmuh aus dem Dorf Dirschel im Kreis Leobschütz in Oberschlesien beschreibt die Vertreibung aus seinem Heimatdorf:

Anfang Juli 1945 kamen einige Polen mit wenigen Habseligkeiten ins Dorf und besetzten leerstehende Besitzungen. Dann kamen immer neue Transporte, jeder Pole suchte sich selbst den Besitz aus, was ihm gefiel, und sagte: „Das ist mein.“ Sobald sie Besitz ergriffen hatten, gaben sie jungen Bürschchen deutsche Gewehre in die Hand, und wir wurden bewacht wie Kriegsgefangene; keiner durfte ohne Begleitung von so einem Lausejungen auf sein eigenes Feld gehen, um sich ein paar selbstgebaute Kartoffeln zu holen.

Das ging bis 11. September. Nachmittags gegen 16.00 Uhr kam polnische Miliz in jedes Haus und forderte jeden Deutschen auf, binnen fünf Minuten das Haus zu verlassen. Ohne eine Ahnung zu haben, um was es sich handelt, wurden alle Deutschen – über 900 Personen – ins Schloß (Lager) ge­trieben und wurden bis 15. Oktober stark bewacht und sehr mangelhaft beköstigt... Während der La­gerzeit haben die Polen von dem gesamten Hab und Gut Besitz ergriffen, und uns blieb nichts mehr übrig als das, was wir in den fünf Minuten, die uns gelassen wurden, bevor wir ins Lager gingen, ge­rettet haben.

Am 15. Oktober wurde das Lager aufgelöst, und jeder Pole konnte sich Deutsche zur Arbeit nehmen, wie er wollte. Es waren auch solche Polen, die keinen Deutschen mehr ins Haus genommen haben. Unter diesen Lumpen war auch der, der von meinem Haus Besitz ergriffen hat, und ich mußte in einem fremden Haus in einer Dachkammer mit meiner Familie unterkommen...

Was die »polnische Verwaltung« zu bedeuten hatte und deren Auswirkung, ist uns damals nicht be­kannt gewesen. Wir waren bloß auf Gerüchte angewiesen; die lauteten, daß die Polen bloß vor­übergehend dableiben. Von einer Aussiedlung war uns nichts bekannt, bis am 25. Juni 1946 große Plakate hingen in deutscher Schrift: Die Aussiedlung der Deutschen ist von den Alliierten beschlos­sen, wir werden in die englische Zone gebracht, gute Reise und Behandlung wird gewährt, jeder Transport hat zwei Sanitätswa­gen und Begleitpersonal, die Alten und Kranken werden gesondert im Lazarettzug befördert.

So haben wir von einem Tag auf den anderen gewartet auf Befehl zum Abmarsch. Am 6. Juli wurden sämtliche Beamte und Geistliche aus dem ganzen Kreis abgeschoben, in den nächsten Tagen kam Nach­richt aus den Nachbardörfern, daß die Aussiedlung weitergeht. Am 23. Juli abends kam Befehl: Morgen 6.00 Uhr, alles am Turnplatz mit Gepäck, bloß, was jeder tragen kann; Fuhrwerk darf nicht benutzt werden.

Der Abtransport zum Kontrollager – 25 Kilometer zur Kreisstadt Leobschütz – dauerte vom 24. morgens 7.00 Uhr bis abend 21.00 Uhr, und wir wurden eingeteilt, waggonweise zu 35 Personen. Am 25. früh kam der Befehl: Antreten zur Kontrolle. Das dauerte bis gegen Mittag. Da wurde uns das letzte Brauchbare abgenommen, bis aufs Hemd nach Geld oder Wertsachen untersucht und blie­ben im Hof (Kloster Maria­zell) liegen bis abends 21.00 Uhr.

Dann konnten wir zum Bahnhof abrücken. Dort kam ich unglücklicherweise in einen Wagen zu 70 Personen. Dabei hatte ich meine Schwiegereltern über 80 Jahre und krank, die lt. Anordnung per Sanitäts­fahrzeug fahren sollten, wurden aber alle zusammengestopft. Als ich bei einem längeren Auf­enthalt den Tansportführer bat, die alten Leute in den Sanitätswagen zu nehmen (von sanitären Sa­chen nichts zu sehen), bekam ich den Bescheid, es liegen hier welche zum Sterben (was ich nicht selbst gesehen habe), und er habe die Anweisung bekommen, wenn einer stirbt, rauszuschmeißen und um nichts mehr küm­mern...

Quelle: »Flucht und Vertreibung« von Lothar Q. Gaunitz. Podzun-Pallas-Verlag, Wölfersheim-Berstadt. –
Nach: Hannoversche Allgemeine Zeitung, Sa./So., 25./26. Februar 1995. Der siebente Tag, S. I/II

51. Kennans Analyse der Weltsituation 1947

Entwurf G. F. Kennans für Außenminister Marshall vom 6.11.47

  1. Die Gefahr eines Krieges wird in einigen Kreisen weit übertrieben. Die sowjetische Regierung wünscht und erwartet jetzt keinen Krieg mit uns in absehbarer Zukunft. Die Kampagne gegen Kriegstreiberei in der UNO beabsichtigt, unsere Führungsrolle in der Welt zu schwächen und die UNO davon abzuhalten, als wirkungsvolles Druckmittel gegen die kommunistische Expansion eingesetzt zu werden.

  2. Der politische Vormarsch der Kommunisten in Westeuropa konnte wenigstens zeitweise aufge­halten werden. Dies ist das Ergebnis mehrerer Faktoren, von denen ein wichtiger die Aussicht auf US-Hilfe ist.

  3. Der Stillstand des kommunistischen Vormarsches zwingt Moskau, seinen Einfluß in Osteuropa zu konsolidieren. Es muß wahrscheinlich die Tschechoslowakei vollständig in den Griff bekom­men. Denn falls sich der politische Trend in Europa gegen den Kommunismus wendet, könnte eine relativ freie Tschechoslowakei zu einem bedrohlichen Keil in Moskaus politischer Position in Osteuropa werden. Dies bedeutet auch, daß der Kreml höchstwahrscheinlich den kommunisti­schen Parteien Frankreichs und Italiens befehlen wird, ihre Zukunft in diesen Ländern letztlich im Bürgerkrieg zu suchen, sobald unser Recht, Truppen in Italien zu stationieren, abgelaufen ist. Wenn dies geschieht, ist zur selben Zeit mit einem verstärkten Druck auf Griechenland zu rech­nen.

  4. Während dieser Operationen werden die Russen versuchen, ihr Engagement zu tarnen und uns keinen Anlaß zu einem förmlichen Protest gegen sie liefern.

  5. Unsere beste Antwort darauf ist, auf jede Art und Weise örtliche Widerstandskräfte zu stärken und andere zu überzeugen, einen größeren Teil der Last des Widerstandes gegen den Kommu­nismus zu übernehmen. Die gegenwärtige »Bi-Polarität« wird auf lange Sicht jenseits unserer Möglichkeiten liegen. Ebenso wird sie die UNO überfordern. Es ist durchaus möglich, daß die Russen sich bald aus dieser Organisation zurückziehen, wenn wir fortfahren, die UNO als In­strument zur Mobilisierung der Weltöffentlichkeit und als Druckmittel gegen sie anzuwenden.

  6. Alles in allem muß unsere Politik darauf ausgerichtet sein, ein Kräftegleichgewicht in Europa und Asien wiederherzustellen. Das bedeutet, daß wir auf der Außenministerkonferenz darauf beste­hen müssen, Westdeutschland von kommunistischer Kontrolle freizuhalten. Wir müssen dann sehen, daß es besser in Westeuropa integriert wird und daß ein Teil unserer Verantwortung für die Bedingungen dort auf die westeuropäischen Verbündeten und auf das deutsche Volk über­tragen wird. [...]

[Quelle: Foreign Relations of the United States 1947 I, S. 772 [übersetzt]]

V.   Konsequenzen aus dem NS? Die deutsche Nachkriegsrestauration

52. Die ersten deutschen Parteiprogramme

(1) Partei A (1947):

„Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zu­sam­men­bruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund auf erfolgen.

Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Ge­winn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein . . .

Stärkung der wirtschaftlichen Stellung und Freiheit des einzelnen; Verhinderung der Zusammenbal­lung wirtschaftlicher Kräfte in der Hand von Einzelpersonen, von Gesellschaften, privaten und öf­fentlichen Or­ganisationen, durch die die wirtschaftliche oder politische Freiheit gefährdet werden könnte. Kohle ist das entscheidende Produkt der deutschen Volkswirtschaft. Wir fordern die Verge­sellschaftung der Bergwerke . . .

Unternehmungen monopolartigen Charakters, Unternehmungen, die eine bestimmte Größe über­schreiten, verleihen eine wirtschaftliche und damit politische Macht, die die Freiheit im Staat gefähr­den kann. Dieser Gefahr muß dadurch vorgebeugt werden, daß entsprechende Kartellgesetze erlassen werden. Darüber hinaus soll bei diesen Unternehmungen das machtverteilende Prinzip eingeführt werden, damit jede mit dem Gemeinwohl unverträgliche Beherrschung wesentlicher Wirtschafts­zweige durch den Staat, Privatper­sonen oder Gruppen ausgeschlossen wird.

Planung und Lenkung der Wirtschaft ...wird auch in normalen Zeiten der Wirtschaft in gewissem Umfang notwendig sein was sich aus unserer Auffassung ergibt, daß die Wirtschaft der Bedarfsdec­kung des Vol­kes zu dienen hat...

Notwendig ist auf jeden Fall, daß die breiten Massen der Arbeitnehmer und Konsumenten an dieser Pla­nung und Lenkung innerhalb der wirtschaftlichen Selbstverwaltung neben den Unternehmern gleichberech­tigt teilnehmen. In ihren letzten Entscheidungen unterliegen auch die Selbstverwaltungs­körperschaften der parlamentarischen Kontrolle.“

(2) Partei B (1945):

  1. „Vollständige Liquidierung der Überreste des Hitlerregimes und der Hitlerpartei...

  2. Kampf gegen Hunger, Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit. Allseitige Unterstützung der Selbst­verwal­tungsorgane in ihrem Bestreben, rasch ein normales Leben zu sichern und die Erzeugung wie­der in Gang zu bringen.

  3. Völlig ungehinderte Entfaltung des freien Handels und der privaten Unter­nehmerinitiative auf der Grundlage des Privateigentums...

  4. Herstellung der demokratischen Rechte und Freiheiten des Volkes. Wiederherstellung der Legalität freier Gewerkschaften der Arbeiter und Angestellten und Beamten sowie der antifaschistischen de­mokratischen Par­teien. Umbau des Gerichtswesens gemäß den neuen demokratischen Lebensformen des Volkes ... [...]

  5. Schutz der Werktätigen gegen Unternehmerwillkür und unbotmäßiger Ausbeutung. Freie demo­kratische Wahlen der Betriebsvertretungen der Arbeiter, Angestellten und Beamten in allen Betrieben, Büros und bei al­len Behörden...

  6. Enteignung des Vermögens der Nazibonzen und Kriegsverbrecher. Übergabe dieses Vermögens in die Hände des Volkes zur Verfügung der kommunalen oder provinziellen Selbstverwaltungsorgane.

  7. Liquidierung des Großgrundbesitzes der großen Güter der Junker, Grafen und Fürsten...

  8. Obergabe aller jener Betriebe, die lebenswichtigen öffentlichen Bedürfnissen dienen (Verkehrsbetriebe, Wasser-, Gas- und Elektrizitätswerke etc.), sowie jener Betriebe, die von ihren Besitzern verlassen wurden, in die Hände der Selbstverwaltungsorgane...

  9. ...  

  10. ...

  11. Anerkennung der Pflicht der Wiedergutmachung für die durch die Hitleraggression den anderen Völkern zugefügten Schäden. Gerechte Verteilung der sich daraus ergebenden Lasten auf die ver­schiedenen Schichten der Bevölkerung nach dem Grundsatz, daß die Reicheren eine größere Last tra­gen...“

(3) Partei C (l945):

„...Das deutsche Volk muß die Kosten der faschistischen Hochstapelei bezahlen! Ehrlose Hasardeure und wahnwitzige Machtpolitikaster haben den Namen des deutschen Volkes in der ganzen Welt ge­schändet und entehrt...

Das elementarste Lebensgesetz des neuen Staats verlangt die völlige Beseitigung aller Reste der fa­schisti­schen Gewaltherrschaft . . .

Deshalb fordern wir

1. Restlose Vernichtung aller Spuren des Hitlerregimes in Gesetzgebung, Rechtsprechung und Ver­wal­tung...

2. Sicherung der Ernährung. Bereitstellung von Arbeitskräften und genossenschaftlichen Zusammenschluß in der Landwirtschaft...

Förderung der Verbrauchergenossenschaften und Neuregelung des Kleinhandels...

4. Wiederaufbau der Wirtschaft unter Mitwirkung der kommunalen Selbstverwaltung und der Ge­werkschaf­ten...

8. Verstaatlichung der Banken, Versicherungsunternehmungen und der Bodenschätze, Verstaatli­chung der Bergwerke und der Energiewirtschaft. Erfassung des Großgrundbesitzes und der lebensfä­higen Großindustrie und aller Kriegsgewinne für die Zwecke des Wiederaufbaus, Beseitigung des ar­beitslosen Einkommens aus Grund und Boden und Mietshäusern. Scharfe Begrenzung der Verzin­sung aus mobilem Kapital. Verpflichtung der Unternehmer zur treuhänderischen Leitung der ihnen von der deutschen Volks­wirtschaft anvertrauten Be­triebe...

Wir wollen vor allem den Kampf um die Neugestaltung auf dem Boden der organisatorischen Einheit der deutschen Arbeiterklasse führen! Wir sehen darin eine moralische Wiedergutmachung politischer Fehler der Vergangenheit, um der jungen Generation eine einheitliche politische Kampforganisation zu geben. Wir bieten unsere Bruderhand allen, deren Losung ist: Kampf gegen den Faschismus, für die Freiheit des Volkes, für Demokratie und Sozialismus! . . .“

Quelle: Rath/Müller (Hg.): Die Entstehung der BRD, S. 50f., 70f., 73f.

Kommentar zur Einordnung der Parteiprogramme:

Der inhaltliche Übergang von der Analyse des NS-Herrschaftssystems zur aktuellen Untersuchung des heutigen Deutschlands knüpft an die antifaschistischen Prämissen des Grundgesetzes an. Doch der Anti­faschismus der „ersten Stunde“ wurde nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland sehr bald zur Adenauerschen Restauration im Windschatten des „Kalten Krieges“. Erst diese Entwick­lung macht es ver­ständlich, warum wir uns heute wieder mit neonazistischen Gruppen und neofaschi­stischen Tendenzen auseinandersetzen müssen.

Die Problematik von Antifaschismus und Restauration nach 1945 verkürzt sich auf den Wider­spruch von durchgängig antikapitalistischem Anspruch in Parteiprogrammen einerseits (Partei A: CDU, Partei B: KPD, Partei C: SPD) und historischer wie aktueller gesellschaftlicher Realität der Bundesrepublik anderer­seits. Einige Erklärungsansätze für die Verhinderung einer grundlegenden Neuordnung und Realisierung der Konsequenzen aus historischen Erfahrungen müssen aus der Si­tuation der entstehenden Ost-West-Konfrontation mit ihrem Bündnis-Opportunismus und aus der fortgesetzten Macht eines Teils der bisherigen politischen, besonders aber wirtschaftlichen Eliten her­aus entwickelt werden.

Entstehungsbedingungen und Folgen des „Kalten Krieges“, der deutschen Spaltung usw. sind zu­nächst noch ausgeblendet, müssen aber im weiteren Verlauf der Arbeit mit einbezogen werden. Zunächst folgen Materialien zur materiellen Situation im Nachkriegsdeutschland, der Politik der alli­ierten Sieger­mächte und der daraus getroffenen wirtschaftspolitischen Grundsatzentscheidungen vor dem Hintergrund der in den Parteiprogrammen aufscheinenden, aber nicht realisierten andersartigen Optionen für eine ge­sellschaftliche Entwicklung, die den immanenten Zwängen der Nachkriegsrestau­ration nicht anheimgefallen wäre.                                                                                                                                                                

Anmerkungen:

*    Grundkonzeption übernommen aus: Battmer/Rischmüller/Voigt, Faschismus in Deutschland und Neonazismus. Hannover 1978/Dortmund 1981 [GEW Niedersachsen / Pädagogische Arbeitsstelle Dortmund (Pad)]

[1]    In diesem Gremium zur Beratung des Reichswehrministeriums, das meistens unter dem Vorsitz des Reichswehrministers Werner von Blomberg tagte, saßen als ständige Vertreter der Reichswehr die Generale Walther von Reichenau und Wilhelm Keitel. Die wichtigsten Konzerne waren durch Robert Bosch, Konrad von Borsig, Wilhelm Keppler, Carl Krauch, Paul Reusch, Hermann Röchling, Carl Friedrich von Siemens, Fritz Springorum, Fritz Thyssen und Albert Vögler vertreten.

[2]    Hier ist der Erste Weltkrieg gemeint.

Dokument Information

Überarbeitete Fassung aus dem Manuskript zu:
Battmer, Gerd / Rischmüller, Werner / Voigt, Gerhard, 1978/1981: Faschismus in Deutschland und Neonazismus. Hannover 1978 [GEW Niedersachsen] / Dortmund 1981  [Pädagogische Arbeitsstelle Dortmund (Pad)].
Genutzt als Unterrichtsmaterial im Politik-Unterricht der Klassenstufe 11 der Bismarckschule Hannover in der Fassung vom 22.02.2004
Internetpublikation am 14.10.2011
Herausgegeben vom Verband der Politiklehrer e.V., Hannover
Vorsitzender: Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009). Potsdamer Str. 20, 30952 Ronnenberg / Region Hannover.
Alle Rechte vorbehalten.

   
   

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bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 22.02.2004.

Letzte Bearbeitung: 14.10.2011

   
   

 

     
   

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Texte aus der der Verbandszeitschrift »politik unterricht aktuell« unter www.pu-aktuell.de
Info über die Verbandstätigkeit unter: http://www.politiklehrerverband.org