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April-August 1929: Hochkonjunktur, Unternehmen produzieren drauflos. Und doch: 1,4 Mill. Arbeitslose Januar 1930: Nach dem Börsenkrach in Amerika offener Ausbruch der Krise Juni - Juli 1930: Notverordnung vom 26.7.: Sozialabbau, Einführung der Bürgersteuer in den Gemeinden und der Gemeindegetränkesteuern November - Dezember 1930: Notverordnung vom 1.12.: Gehaltsabbau, Massensteuern erhöht, Beiträge zur Arbeitslosenversicherung erhöht Juni 1931: Notverordnung vom 5.6.: Abbau der gesetzlichen Sozialversicherung, Massensteuern erhöht, Steuern auf das Kapital gesenkt Oktober 1931: Notverordnung vom 6.9.: Abbau der Sozialversicherung, Abbau von Löhnen und Gehältern Dezember 1931: Notverordnung vom 8.12.: Allgemeiner Gehaltsabbau, Erhöhung der Massensteuern, Subventionen für Großagrarier und Hausbesitzer April 1932: Frühjahrskonjunktur fällt aus Quelle: Arbeiter Illustrierte Zeitung, Nr. 25, Jg. 1932 5. Weltwirtschaftskrise im Schulgeschichtsbuch„Während sich die Produktion ständig erhöhte, stieg die Nachfrage nicht in der gleichen Weise. Die Industriellen wurden vorsichtig, die Aufträge für Maschinen und Neubauten gingen zurück. Wer sollte die 5,4 Mill. Autos kaufen, die 1929 hergestellt wurden, oder die eine Milliarde Paar Schuhe? Ein Teil der Ernte wurde Jahr um Jahr vernichtet, um die Preise auf einer Höhe zu halten, die den Anbau lohnte.“ Quelle: Menschen in ihrer Zeit. Band 4 – In unserer Zeit. 2. Aufl. Stuttgart 1975 (Klett), S. 75. 6. Die Phasen des industriellen Zyklus und ihre wichtigsten Besonderheiten
Quelle: (Autorenkollektiv) Politische Ökonomie – Kapitalismus. Berlin 1974 (Dietz Verlag), S. 91. 7. Der Krisenzyklus in Deutschland 1901 - 1937Rückgang der Produktion in Deutschland in den Perioden der Wirtschaftskrisen (in Prozent)
Quelle: (Autorenkollektiv) Politische Ökonomie - Kapitalismus. Berlin, 1974 (Dietz Vlg.), S. 91.
8. Werner Hofmann: Konjunkturschwankungen und WirtschaftskrisenInhalt der KonjunkturbewegungenMehr oder weniger regelmäßige Konjunkturschwankungen, gekennzeichnet vor allem durch wiederkehrende Verhältnisse einer weitverbreiteten Überproduktion – genauer: der Überakkumulation von Kapital - kennt unter allen uns geschichtlich vertrauten Wirtschaftsformationen nur die moderne Erwerbgesellschaft. Die Konjunkturvorgänge müssen daher aus der besonderen Natur unseres Wirtschaftssystems erklärt werden. Keine Konjunkturdeutung kann befriedigen, die von der Triebkraft und eigentlichen Motivation der kapitalistischen Wirtschaftstätigkeit absieht: vom Gewinn. Der Inhalt der Konjunkturbewegungen ist der periodische (u. U. heftige) Verfall der Rendite (Krise) und deren erneutes Steigen (Wiederaufsschwung). In Zeiten steigender Gewinne beschleunigt sich die Kapitalbildung, unterstützt durch Ausdehnung des Kreditvolumens. Besonders nachhaltig pflegt hierbei die Zunahme der Produktion von Investitionsgütern zu sein. Der Aufschwung ist ferner gekennzeichnet durch einen allgemeinen Anstieg des Preisniveaus. Aber nicht alle Preise werden gleichmäßig erhöht. Steigen in wichtigen Wirtschaftsbereichen die Preise der über Märkte bezogenen Waren stärker als die Preise auf der Seite des eigenen Absatzes dieser Wirtschaftsbereiche und werden hierdurch die Kosten mehr erhöht als die Erlöse, so wird die Rendite in den betreffenden Wirtschaftszweigen zusammengedrückt. Die Kauf- und Akkumulationskraft dieser Sektoren sinkt; was sich auf die Vorlieferanten auswirkt und schließlich Kettenreaktionen auslösen kann. Die vorausgegangene Überakkumulation hat die Gewinnrate (bezogen auf das Einsatzkapital) gesenkt (Krise). Dauert der Konjunkturverfall an, so sinken (unter Voraussetzung elastischer Preise) die Kosten entsprechend tief, es verringert sich der Wert des eingesetzten Produktivkapitals aller Art. Die Kapitalentwertung bedeutet Wiederaufwertung der Rendite für alle die Wirtschaftsbereiche, deren Verkaufserlöse relativ stabil bleiben. (Dies pflegt vor allem bei den konsumnahen Wirtschaftszweigen der Fall zu sein.) Die Wiederaufwertung der Rendite, die eine entsprechende Nachfrage der konjunkturstabileren Wirtschaftszweige nach Vorprodukten bedeutet, kann vermöge eines positiven rückwirkenden Impulses zum Wiederaufschwung auch in anderen Wirtschaftssektoren führen. Marktmacht und KonjunkturDas Bild der Konjunkturen hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. – Der Zug zum Großbetrieb und zum Großunternehmen in der Industrie, in der Bankwelt, in Handel und Verkehr ist seit Ende des 19. Jahrhunderts unverkennbar geworden. Heute beherrschen in den entwickelten Ländern unseres Systems wirtschaftliche Großgebilde – nicht nur Großunternehmen und Konzerne, sondern auch Kartelle und andere Formen der Zusammenarbeit von oft weltumspannendem Ausmaß – das Feld: sie bestimmen weithin die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. An die Stelle eines relativ freien, unbeschränkten Wettbewerbs sind Verhältnisse der machtgeordneten Konkurrenz getreten. – Großgebilde von solcher Art sind infolge ihrer überlegenen Marktstellung sowohl auf ihren Bezugs- als auch auf ihren Absatzmärkten weitgehend in der Lage, die Preise zu ihren Gunsten zu bestimmen und damit ihre Gewinne zu vergrößern. Dies zwingt die schwächeren Marktpartner, sich ebenfalls zu organisieren (vgl. etwa die Ausbreitung von Filialgeschäften und Ketten im Lebensmitteleinzelhandel); und so geht von den hochkonzentrierten Wirtschaftsgebilden ein ständiger Impuls zur weiteren Konzentration aus. Diese Umstände sind von außerordentlichen Folgen für den Wirtschaftsprozeß im ganzen und für den Konjunkturverlauf geworden: Sind in der Zeit der (relativ) freien Konkurrenz (19. Jahrhundert) das hauptsächlich ›schwankende‹ Element die Preise gewesen, so pflegen unter den Bedingungen der vermachteten Wirtschaft unserer Epoche marktstarke Anbieter auf ein Nachlassen der Märkte weniger durch Senkung der Preise als vielmehr durch Kürzung der Produktion zu reagieren. Das hat weitreichende Konsequenzen für die Beschäftigung, die volkswirtschaftliche Lohnsumme, die Lage der marktschwachen Wirtschaftszweige. Es hat zur allgemeinen Zerreißung der Proportionen einer fortschreitenden Wirtschaft geführt. Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis der Weltwirtschaftskrise. Das Bild zyklischer Konjunkturen wird nun Überlagert von Problemen struktureller Art: Es zeigen sich anhaltende Disproportionen in der Akkumulationskraft und Ausdehnung der verschiedenen Wirtschaftszweige, verbunden mit der Möglichkeit anhaltender Arbeitslosigkeit. Weltwirtschaftskrise und dauernder Staatseintritt in den WirtschaftsprozeßIn dem Maße, wie sich das vom Großkapital bestimmte Markt- und Produktionsverhalten der Wirtschaft gegenüber den Verhältnissen der freien Konkurrenz ändert, büßt das erwerbswirtschaftliche System seine Mechanismen der Selbststeuerung ein – es wird labiler und krisenanfälliger. Seit der Weltwirtschaftskrise ist offenbar geworden, daß die Kapitalakkumulation und die ›Vollbeschäftigung‹ – nicht nur der Arbeitskräfte sondern auch des stehenden Anlagekapitals – nur noch mit Hilfe des Staates gesichert werden kann. Der Staatseintritt in den Wirtschaftsprozeß – öffentliche Aufträge, Stützung schwacher Wirtschaftsbereiche, Korrektur von ungleichen Akkumulationschancen, Subventionen – kann nicht mehr als ›Intervention‹ betrachtet werden: Der Staat greift nicht mehr gelegentlich als Außenstehender ein, er ist vielmehr ein wesentlicher und unverzichtbarer Mitträger des Wirtschaftsprozesses selbst geworden. Auch die Fiktion der ›Neutralität‹ des Staates gegenüber den divergierenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen ist unter diesen Umständen nicht mehr aufrechtzuerhalten. Noch weniger ist die Mitwirkung des Staates im Prozeß der Kapitalakkumulation als Ausdruck einer unmerklichen ›Selbstsozialisierung‹ der Privatwirtschaft zu deuten. In dem Maße vielmehr, in dem der Staat durch Einwirkung auf die Wirtschaftsbedingungen die Chancen der Beteiligten unmittelbar beeinflußt und bestimmt, unterliegt er selbst wiederum der direkten Beeinflussung durch die mächtigen und organisierten wirtschaftlichen Interessen, die ihn in Dienst nehmen. Im Zeichen einer unverkennbaren 'Herrschaft der Verbände' zeigt sich die durchgehende Tendenz zum Interessentenstaat. Quelle: Hofmann, Grundelemente der Wirtschaftsgesellschaft. Reinbek 1969 (rororo aktuell 1149). S. 90 ff. 9. Ursachen der Krise aus der Sicht der WirtschaftAus dem Jahresbericht des Vorstands der Deutschen Bank- und Disconto-Gesellschaft für 1929Überproduktion in den Agrar- und Rohstoffländern hat im Jahre 1929 nicht nur die Wirtschaft der Produktionsländer selbst, sondern auch der Länder, die den Handel vermitteln, ungünstig beeinflußt. Die internationale Konkurrenz um den Absatz der überschüssigen Erzeugungsmengen hat sich verschärft und auf Kosten des Erlöses sowohl für den Produzenten als für den Händler zu ungewöhnlich großen Preisrückgängen aller wichtigen Welthandelsartikel geführt [...] Die Erzielung genügenden Ausfuhrüberschusses, um Reparationszahlungen und Zinsverpflichtungen regelmäßig an das Ausland übertragen zu können, ist aber für Deutschland gleichbedeutend mit wirtschaftlicher und politischer Freiheit. Auslandsanleihen sind nur ein vorübergehendes Aushilfsmittel; sie machen uns nicht frei, sondern unfreier [...] Aber für Deutschland geht es weit über die Bekämpfung einer trotz aller Schwere doch vorübergehenden Wirtschaftskrise hinaus, es geht um das auf die Dauer Entscheidende, wenn endlich das Nötige und Mögliche in Angriff genommen wird, um vermeidbare Hindernisse zu beseitigen, die der Entwicklung unseres Außenhandels, wie unserer Wirtschaft überhaupt im Wege stehen. Zu diesen Hemmnissen gehört insbesondere unser Steuersystem. Daß der Etat des Reiches, der Länder und Kommunen, [...] ungebührlich aufgebläht, abgebaut werden muß, darüber besteht wohl keine Meinungsverschiedenheit mehr. Aber es kann nur schrittweise geschehen, wenn man Vermehrung der Arbeitslosigkeit vermeiden will [...] Nötig und rasch durchführbar ist aber eine zweckmäßigere Verteilung der Lasten zwischen Produktion und Konsum [...] Ebenso hemmend wie das Steuersystem wirkt sich die Lohn- und Gehaltshöhe aus [...] Hauptsächlich das starre Festhalten der Arbeiterschaft an erreichten Nominallöhnen und unablässiges Drängen nach weiterer Erhöhung zwingt die Produktion zu fortschreitender Mechanisierung, auch da, wo es sich nicht um Massenversorgung handelt, für die Billigkeit, also kostensparende, mechanische Arbeit Haupterfordernis ist. Der teure Arbeiter oder Beamte wird durch die Maschine ersetzt und nur in der Erwartung, daß Verzinsung und Amortisation der Anschaffungskosten weniger ausmachen als der Lohn. Diese Tatsache wird dadurch verdunkelt, daß die Einrichtung der Mechanisierung. der Neu- oder Umbau von Fabrikgebäuden, die Herstellung der maschinellen Einrichtung die nicht vergrößerter, sondern nur verbilligter Gütererzeugung dienen vorübergehend Arbeitern Beschäftigung gibt, sie aber später zu Arbeitslosigkeit führt. Die Arbeiterschaft sägt den Ast ab, auf dem sie sitzt, und täuscht sich über die Auswirkung hinweg, weil sie zunächst noch für das Sägen bezahlt wird. Wäre die Nominalhöhe der Löhne und Gehälter in Deutschland 10 % niedriger – das ist die Steigerung der letzten zwei Jahre, die sich als untragbar erwiesen hat –, so ständen wir nicht so unter dem Druck der Arbeitslosigkeit. Die Produktion könnte gesteigert und damit verbilligt werden, so daß, abgesehen von der Wirkung auf Außenhandel und Zahlungsbilanz, durch sinkende Preise der Reallohn, auf den es doch letztlich ankommt, bald nur wenig vom heutigen abweichen würde. Einen, wenn auch nicht gleichwertigen, so doch genügenden Ersatz einer Lohnreduktion, die in Deutschland aus politischen Gründen wenig Aussicht auf Verwirklichung hat, würde eine Verlängerung der Arbeitszeit bieten [...] Jedenfalls mutet die Verlängerung der Arbeitszeit dem einzelnen ein weit weniger fühlbares Opfer im allgemeinen Interesse unserer Wirtschaft, aber mehr noch im Interesse der eigenen Zukunft des Arbeitnehmers zu, als es eine Einkommensverringerung tun würde. Eine solche Neuregelung, die ja zeitlich begrenzt werden kann, würde vielleicht auf einen geringeren politischen Widerstand stoßen [...] Besprechung der Fehler und Schäden in der Öffentlichkeit ist nützlich zur Gewissensschärfung, sollte aber nicht durch Übertreibung und Verallgemeinerung das Vertrauen ungerechtfertigt untergraben. Zweifellos schießt auch in der jetzigen Krisis das allgemeine Mißtrauen weit über das Ziel. Bei aller Depression hat die deutsche Wirtschaft im ganzen auch im vorigen Jahre große technische und organisatorische Fortschritte gemacht [...] Unsere Wirtschaft ruht also auf fester Grundlage. Das auszusprechen wird gerade jetzt nötig, wo das Selbstvertrauen so gesunken ist. Die augenblickliche Erkrankung des Wirtschaftskörpers ist durchaus heilbar. Das Hauptsymptom der Krankheit besteht in der unverhältnismäßig großen Arbeitslosigkeit. Die Statistik zeigt, daß die Zunahme der Arbeitslosigkeit, abgesehen von Saisoneinflüssen, in den letzten Jahren durchschnittlich parallel mit den Lohnerhöhungen sich entwickelt hat. Vieles, wenn nicht alles, hängt für unser zukünftiges Schicksal von unserem eigenen Willen ab. Quelle: Deutsche Bank- und Disconto-Gesellschaft, Jahresbericht 1929, o.0., o.J. S. 25 ff. Zitiert nach: Dokumente zur deutschen Geschichte 1929-1933. Berlin/DDR und Frankfurt/M. 1977, S. 17. B. Krisenlösungsstrategien – Die sozialökonomische Realität des NS10. Unklarheiten über das NS-Wirtschaftsprogramm (1932)Dr. Hjalmar Schacht Gühlen Post Lindow (Mark) den 12. April 1932 Sehr geehrter Herr Hitler! Nachdem Sie die zweite Schlacht ruhmvoll geschlagen, erlaube ich mir, auf unsere letzte Unterhaltung zurückzukommen. Wenn es mir auch diesmal noch nicht gelungen ist, die großmächtigen Herren im Westen zum offenen Eintreten für Sie zu veranlassen, so konnte ich doch sehr viel Sympathie konstatieren. Zwei Bedenken finde ich immer wieder vorherrschend: Das eine ist die Furcht, sich mit der Regierung anzulegen, auf deren Wohlwollen man unter Umständen angewiesen ist, und das zweite ist die Unklarheit über das Wirtschaftsprogramm des Nationalsozialismus. Bezüglich des letzteren Punktes nun habe ich insofern Erfolg gehabt, als eine Reihe von Herren sich bereit erklärt haben, gemeinsam mit mir eine Stelle zu finanzieren, die die wirtschaftspolitischen Aussichten des Nationalsozialismus auf die Möglichkeit hin studieren sollen, sie mit dem Gedeihen privater Wirtschaft in Einklang zu bringen. Der bloße Kampf gegen das Wort Sozialismus, wie ihn Herr Hugenberg neuerdings betreibt, ist ja reichlich einfältig. Ich habe die feste Überzeugung, daß sich bei gemeinsamer Arbeit eine völlige Übereinstimmung zwischen den Grundanschauungen des Nationalsozialismus und der Möglichkeit privater Wirtschaft erzielen läßt, da der Gegensatz nicht Sozialismus und Kapitalismus lauten kann, sondern nur Individualismus und Sozialismus. Der angebliche Gegensatz zwischen Individualismus und Sozialismus muß durch die höhere Forderung des Gesamtwohls, an dem jeder nach Kräften mitzuarbeiten hat, überbrückt werden. Ich habe mich im Einverständnis mit meinen westlichen Freunden bereiterklärt, die geistige Aufsicht über die Arbeiten der geplanten Stelle zu übernehmen. Bevor ich an die Ingangsetzung gehe, würde ich aber gern wissen, ob Sie Ihre bei unserer Unterredung gemachte freundliche Zusage aufrechterhalten können und wollen, daß Sie nämlich meine Mitarbeiter und mich selbst mit denjenigen Herren Ihrer Bewegung in Verbindung bringen, die an den wirtschaftlichen Fragen arbeiten. Es soll damit selbstverständlich nicht irgendwelche Bindung ausgesprochen werden, vielmehr handelt es sich um den Versuch in gemeinsamem Gedankenaustausch die noch herrschenden Unklarheiten zu überwinden. Alles was von beiden Seiten dabei verlangt werden kann, ist der gute Wille, zu einer solchen Überwindung beizutragen. Ich hoffe, daß Sie sich nach den ungeheuerlichen Anstrengungen der letzten Tage einer ausgiebigen Erholung hingeben, und nehme es deshalb in keiner Weise übel, wenn Sie mir durch einen Ihrer Mitarbeiter Antwort geben lassen. Ich habe mit diesem Brief nur deshalb nicht länger warten wollen, um unnötigen Zeitverlust zu vermeiden. Mit allen guten Wünschen für ihr persönliches Wohl, an dem für Deutschland so vieles hängt, und für den weiteren Erfolg der nationalen Volksbewegung bin ich Ihr aufrichtig ergebener Dr Hjalmar Schacht
Quelle: H. Hoffacker, Materialien zum
historisch-politischen Unterricht. 11. „Durchdrungen von heißer Liebe...“: Voraussetzungen der „Machtergreifung“ -„November 1932 Ew. Exzellenz, Hochzuverehrender Herr Reichspräsident! Gleich Eurer Exzellenz durchdrungen von heißer Liebe zum deutschen Volk und Vaterland, haben die Unterzeichneten die grundsätzliche Wandlung, die Eure Exzellenz in der Führung der Staatsgeschäfte angebahnt haben, mit Hoffnung begrüßt. Mit Eurer Exzellenz bejahen wir die Notwendigkeit einer vom parlamentarischen Parteiwesen unabhängigen Regierung, wie sie in dem von Eurer Exzellenz formulierten Gedanken eines Präsidialkabinetts zum Ausdruck kommt. Gegen das bisherige parlamentarische Parteiregime sind nicht nur die Deutschnationale Volkspartei und die ihr nahestehenden kleineren Gruppen, sondern auch die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei grundsätzlich eingestellt und haben damit das Ziel Eurer Exzellenz bejaht. Wir halten dieses Ergebnis für außerordentlich erfreulich und können uns nicht vorstellen, daß die Verwirklichung des Zieles nunmehr an der Beibehaltung einer unwirksamen Methode scheitern sollte ...Wir bekennen uns frei von jeder engen parteipolitischen Einstellung. Wir erkennen in der nationalen Bewegung, die durch unser Volk geht, den verheißungsvollen Beginn einer Zeit, die durch Überwindung des Klassengegensatzes die unerläßliche Grundlage für einen Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft erst schafft. Wir wissen, daß dieser Aufstieg noch viele Opfer erfordert. Wir glauben, daß diese Opfer nur dann willig gebracht werden können, wenn die größere Gruppe dieser nationalen Bewegung führend an der Regierung beteiligt wird. Die Übertragung der verantwortlichen Leitung eines mit den besten sachlichen und persönlichen Kräften ausgestatteten Präsidialkabinetts an den Führer der größten nationalen Gruppe wird die Schwächen und Fehler, die jeder Massenbewegung notgedrungen anhaften, ausmerzen und Millionen Menschen, die heute abseits stehen, zu bejahender Kraft mitreißen. In vollem Vertrauen zu Eurer Exzellenz Weisheit und Eurer Exzellenz Gefühl der Volksverbundenheit begrüßen wir Eure Exzellenz mit größter Ehrerbietung.“ Unterschrieben wurde dieser Brief von Dr. Hjalmar Schacht, Kurt Freiherr von Schroeder, Fritz Thyssen, dem Vorsitzenden des Landbundes Graf Kalckreuth, Bankdirektor Friedrich Reinhart, den Großreedern Kurt Woermann und Beindorff, Kurt von Eichhorn, E. Helfferich, Ewald Hecker, Carl Vincent Krogmann, Dr. E. Lübbert, Erwin Merck, von Oppen-Dannenwalde, Rudolf Ventzky, F.H. Vitthoefft, Generaldirektor Rosterg, Graf von Keyserlingk-Cammerau, von Rohr-Manze, Engelbert Beckmann, Präsident des Westfälischen Landbundes. Friedrich Reinhart, der den unterschriebenen Brief dem Staatssekretär Meissner einreichte, sicherte außerdem noch die Zustimmung weiterer ›Herren des Westens‹ zu: „Ich habe ferner den Auftrag, Ihnen, Herr Staatssekretär, namens der Herren Dr. Albert Vögler, Dortmund, Commerzienrat Dr. Paul Reusch, Oberhausen, Dr. Fritz Springorum, Dortmund, zur Weitergabe an den Herrn Reichspräsidenten mitzuteilen, daß diese Herrn grundsätzlich voll und ganz auf dem Boden der Eingabe stehen, aber nicht zu unterzeichnen wünschen, da sie politisch nicht hervortreten wollen. Das Originalschreiben des Herrn Vögler werde ich morgen vorlegen können.“ Quelle: E. Czichon, Wer verhalf Hitler zur Macht? Köln 1967, S. 69 f. 12. Entwicklung der Industrieproduktion und Einzelhandelsumsatz
13. Indizes der industriellen Produktion
Quelle: Bettelheim, Die deutsche Industrie unter dem NS. München 1974, S. 225. 14. Öffentliche Investitionen in Deutschland
Quelle: Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Köln 19772, 5 257. 16. Lohn- und Gehaltssumme in % des Volkseinkommens
Quelle: Faschismus (-Katalog).
17. Entwicklung der ArbeitslosigkeitQuelle: Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Köln 19772, S. 257. Jahr Arbeitslose (Jahresdurchschnitt) 1933 4 804 428 1934 2 718 309 1935 2 151 039 1936 1 592 655 1937 912 312 1938 429 461 1939 118 915
C. Daten zur Lage der arbeitenden Bevölkerung19. Entwicklung der Reallöhne auf der Basis von 1929
Quelle: E. Henning, Thesen zur deutschen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 1933 bis 1938. Frankfurt 1973, S.94 20. Entwicklung der Reallöhne der Arbeiter
Quelle: Kuczyniski, Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus. Berlin 1971, S. 159 21. Entwicklung der tariflichen Stundenlöhne
Männliche Facharbeiter der höchsten tariflichen
Altersstufe. Quelle: Faschismus (-Katalog). Berlin und Hamburg 19774, S. 16
22. Index der Lebenshaltungskosten 1932 - 1938Basis 100 für 1913-1914
Quelle: Kühnl, Der deutsche Faschismus in Duellen und Dokumenten. Köln 19772, S. 261 D. Daten zur Gewinnentwicklung in der Industrie 23. Entwicklung der unverteilten Gewinne der Kapitalgesellschaften
24. Umsatz und Gewinnentwicklung der IG Farben
25. Spendenentwicklung der IG Farben 1933 - 1944
Quelle: Halfmann, Der Anteil der Industrie und Banken an der faschistischen Innenpolitik. Köln 1974, S. 41. 26. Die deutsche Rüstungsindustrie – Das Beispiel KruppMit Krupp will die Anklagebehörde symbolisch die deutsche Rüstungsindustrie erfassen. Die Anklageschrift wirft dem Industriellen vor: „...daß er die Machtergreifung der Naziverschwörer förderte und ihre Kontrolle über Deutschland stärkte und festigte; er förderte die Vorbereitung für den Krieg. Er nahm teil an den militärischen und wirtschaftlichen Plänen und Vorbereitungen der Nazi-Verschwörer für Angriffskriege.“ Der Hauptankläger für die USA, Jackson, äußerte: „Der Krupp’sche Einfluß ... bestärkte in weitem Maße den Naziplan, einen Angriffskrieg in Europa zu entfachen. Er selbst hielt wiederholt öffentliche Reden, in denen er Hitlers Angriffsprogramm billigte und dazu anreizte. Die Krupps gehörten zu den hartnäckigsten und einflußreichsten Kräften, die den Krieg herbeigeführt haben.“... Dann führte Jackson Zahlen an: „Weiterhin erzielten die Krupp-Gesellschaften durch die Zerstörung des Weltfriedens und durch die Unterstützung des Nazi-Programms große Gewinne. Vor der Bedrohung des Friedens durch die Nazis arbeiten die Krupp-Werke mit erheblichen Verlusten. Mit der Wiederaufrüstung durch die Nazis stiegen die Netto-Gewinne nach Abzug der Steuern, Geschenke und Reserven ständig und betrugen: 1935 RM 57.216.392 1938 RM 97.071.632 und 1941 RM 111.555.216 Der Buchwert des Krupp-Konzerns stieg von: 1933 ca. 75 Mio. RM auf: 1943 ca. 237 Mio. RM.“ Quelle: Heydecker/Leeb, Der Nürnberger Prozeß. Bilanz der tausend Jahre. Köln-Berlin, o.J., S. 103 f. 27. Soziologie der Eliten - Der „Freundeskreis des Reichsführers SS“Adressenliste der Mitglieder des Freundeskreises vom 30. November 1939:
Quelle: Faschismus (-Katalog). Hamburg und Berlin 19774, S. 19 28. Denkschrift der IG Farbenindustrie für den Rüstungsbeirat des Reichswehrministeriums[1] vom März 1935Der Gedanke, die Außenorganisation des RMW unter Einschluß des RLM zur Vorbereitung der Industrie auf den Krieg zu erweitern, bedeutet letzten Endes, sich mit den Problemen über den Aufbau einer alle Kräfte des Volkes zusammenschließenden Wirtschaftsorganisation zu befassen. Wenn man sich nicht nur an die im Kriege[2] unter dem Zwange der Not entstandene Organisationsform anlehnen will, sondern wenn man darauf ausgeht, die gesamten produktiven Kräfte auf weite Sicht vorbereitend einem einheitlichen Zweck unterzuordnen, so heißt dies – naturgemäß unter Benutzung der im Kriege gesammelten Erfahrungen – eine wehrwirtschaftliche Neuorganisation zu schaffen, die den letzten Mann und die letzte Frau, die letzte Produktionseinrichtung und Maschine sowie den letzten Rohstoff der Erzeugung von kriegswichtigen Produkten zuführt und alle Arbeitskräfte, Produktionseinrichtungen und Rohstoffe in einem militärisch straff geführten wirtschaftlichen Organismus eingliedert. Die gesamte Erzeugung der Industrie, des Handwerks und Gewerbes sowie der Landwirtschaft gilt in diesem Sinne als kriegswichtig und muß daher in den Rahmen einer umfassenden Wehrwirtschaft einbezogen werden. Die Erfassung der freibleibenden Kräfte muß naturgemäß in planvoller Zusammenarbeit auf weite Sicht durch Wehrmacht und Wehrwirtschaft geschehen. Die in Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft verbleibenden Arbeitskräfte treten dann gemäß einem – dem militärischen Mobilmachungsplan entsprechenden – wehrwirtschaftlichen Mobilmachungsplan unter militärischem, wehrwirtschaftlichen Kommando in Tätigkeit. Es müssen also für die Industriewerke, für die lebenswichtigen Handwerks- und Gewerbebetriebe sowie für die in ihrer Gesamtheit ausnahmslos lebenswichtige Landwirtschaft eingehende Mobilisierungspläne aufgestellt werden . . . Einen letzten Schritt auf dem Wege der straffen militärischen Organisation der Wehrwirtschaft würde es bedeuten, auch alle in Frage kommenden Arbeitskräfte der Wehrwirtschaft im Kriegsfalle militärisch einzugliedern und den betreffenden Organen der Wehrwirtschaft (W[ehr]w[irtschafts]offiziere usw.) zu unterstellen. Die gesamte Organisation muß von dem Gedanken getragen werden, trotz einer straffen Zentralisation der Planung die private Entwicklungsfreudigkeit zu fördern und vor allem die Organisation nicht bürokratisch erstarren zu lassen, sondern sie elastisch zu erhalten, damit sie sich im Kriegsfalle plötzlich dem Auftreten neuer Erfordernisse oder Verluste bzw. Ausfall von Erzeugungsstätten oder Rohstoffen anpassen kann. Quelle: Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Köln 19772, S. 344 f. E. Kriegswirtschaft 29. „Betrifft: Außenhandelsplanung“
Betrifft: Außenhandelsplanung ------
Mit Rücksicht
auf die großen Schwierigkeiten, die
20. J u l i 1940.
Wir bitten,
mit den Arbeiten für die Länder Ungarn,
Wir möchten
noch einmal ausdrücklich darauf hinwei- H e i l H i t l e r ! REICHSGRUPPE INDUSTRIE Die Geschäftsführung: i.A. (Unterschriften) Quelle: Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten, Köln 19772, S. 344 f. 30. Vorschläge des Zeiss-Konzerns an die Wirtschaftsgruppe Feinmechanik und Optik vom August 1941 (Auszüge)1. Auszugehen ist davon, daß die aus russischem Staatsbesitz stammenden Werke Kriegsbeute und damit Eigentum des Deutschen Reiches werden. Sie stehen daher in unmittelbarer Verfügungsgewalt des Deutschen Reiches, so daß es der Vermittlung von Treuhändern bei der Verwaltung der Werke nicht bedarf. 2. Da das Reich die Inbetriebnahme der Werke in privatwirtschaftlicher Form wünscht, bietet sich als geeignetste Rechtsform für die Überlassung des Werkes an die beauftragte deutsche Fachfirma und den Betrieb in deren Hand der Pachtvertrag an ... Solange für das besetzte russische Gebiet keine neue selbständige Rechtsordnung besteht, kann die Pacht-GmbH nach deutschem Recht am Sitz der Mutterfirma gegründet werden und dort ihren Sitz behalten. Die Kapitalausstattung kann gering sein, da Anlagevermögen nicht in größerem Umfang notwendig ist ... 10. Als Vergütung für die Leistung, die die Mutterfirmen durch die Inbetriebnahme der russischen Werke im Rüstungsinteresse des Reiches erbringen, und die weitgehende Betreuung und Fabrikationsunterstützung, die dafür notwendig ist, erhalten die Mutterfirmen eine angemessene, mit steigendem Umsatz verhältnismäßig fallende prozentuale Vergütung vom Umsatz der Pachtgesellschaften. 11. In den Pachtverträgen ist den Pachtgesellschaften und ihren Mutterfirmen vorzubehalten, daß sie das gepachtete Werk erwerben können, wenn die endgültige Gestaltung der politischen, staatsrechtlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse im besetzten russischen Gebiet zu übersehen ist und das Deutsche Reich die Veräußerung der Werke beabsichtigt. Quelle: Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Köln 19772, S. 349. 31. Himmler über die Behandlung der „Fremdvölkischen im Osten“Einige Gedanken über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten.Bei der Behandlung der Fremdvölkischen im Osten müssen wir darauf sehen, so viel wie möglich einzelne Völkerschaften anzuerkennen und zu pflegen, also neben den Polen und Juden die Ukrainer, die Weißrussen, die Goralen, die Lemken und die Kaschuben. Wenn sonst noch irgendwo Volkssplitter zu finden sind, auch diese. Ich will damit sagen, daß wir nicht nur das größte Interesse daran haben, die Bevölkerung des Ostens nicht zu einen, sondern im Gegenteil in möglichst viele Teile und Splitter zu zergliedern. Aber auch innerhalb der Völkerschaften selbst haben wir nicht das Interesse, diese zu Einheit und Größe zu führen, ihnen vielleicht allmählich Nationalbewußtsein und nationale Kultur beizubringen, sondern sie in unzählige kleine Splitter und Partikel aufzulösen. Die Angehörigen aller dieser Völkerschaften, insbesondere der kleinen wollen wir selbstverständlich in den Stellen von Polizeibeamten und Bürgermeistern verwenden ... Schon in ganz wenigen Jahren – ich stelle mir vor, in 4 bis 5 Jahren – muß beispielsweise der Begriff der Kaschuben unbekannt sein da es dann ein kaschubisches Volk nicht mehr gibt (das trifft besonders auch für die Westpreußen zu). Den Begriff Juden hoffe ich, durch die Möglichkeit einer großen Auswanderung sämtlicher Juden nach Afrika oder sonst in eine Kolonie völlig auslöschen zu sehen. Es muß in einer etwas längeren Zeit auch möglich sein, in unserem Gebiet die Volksbegriffe der Ukrainer, Goralen und Lemken verschwinden zu lassen. Dasselbe, was für diese Splittervölker gesagt ist, gilt in dem entsprechend größeren Rahmen für die Polen. Eine grundsätzliche Frage bei der Lösung aller dieser Probleme ist die Schulfrage und damit die Frage der Sichtung und Siebung der Jugend. Für die nichtdeutsche Bevölkerung des Ostens darf es keine höhere Schule geben als die vierklassige Volksschule. Das Ziel dieser Volksschule hat lediglich zu sein: Einfaches Rechnen bis höchstens 500, Schreiben des Namens, eine Lehre, daß es ein göttliches Gebot ist, den Deutschen gehorsam zu sein und ehrlich, fleißig und brav zu sein. Lesen halte ich nicht für erforderlich. Außer dieser Schule darf es im Osten überhaupt keine Schulen geben. Eltern, die ihren Kindern von vornherein eine bessere Schulbildung sowohl in der Volksschule als auch später an einer höheren Schule vermitteln wollen, müssen dazu einen Antrag bei den Höheren SS- und Polizeiführern stellen. Der Antrag wird in erster Linie danach entschieden, ob das Kind rassisch tadellos und unseren Bedingungen entsprechend ist. Erkennen wir ein solches Kind als unser Blut an, so wird den Eltern eröffnet daß das Kind auf eine Schule nach Deutschland kommt und für Dauer in Deutschland bleibt. So grausam und tragisch jeder einzelne Fall sein mag, so ist diese Methode, wenn man die bolschewistische Methode der physischen Ausrottung eines Volkes aus innerer Überzeugung als ungermanisch und unmöglich ablehnt, doch die mildeste und beste. Die Eltern dieser Kinder guten Blutes werden vor die Wahl gestellt, entweder das Kind herzugeben – sie werden dann wahrscheinlich keine weiteren Kinder mehr erzeugen, sodaß die Gefahr, daß dieses Untermenschenvolk des Ostens durch solche Menschen guten Blutes eine für uns gefährliche, da ebenbürtige Führerschicht erhält, erlischt – oder die Eltern verpflichten sich, nach Deutschland zu gehen und dort loyale Staatsbürger zu werden. Eine starke Handhabe, die man ihnen gegenüber hat, ist die Liebe zu ihrem Kind, dessen Zukunft und dessen Ausbildung von der Loyalität der Eltern abhängt ...Die Bevölkerung des Generalgouvernements setzt sich dann zwangsläufig nach einer konsequenten Durchführung dieser Maßnahmen im Laufe der nächsten 10 Jahre aus einer verbleibenden minderwertigen Bevölkerung, die noch durch abgeschobene Bevölkerung der Ostprovinzen sowie all’ der Teile des deutschen Reiches, die dieselbe rassische und menschliche Art haben (Teile, z.B. der Sorben und Wenden), zusammen. Diese Bevölkerung wird als führerloses Arbeitsvolk zur Verfügung stehen und Deutschland jährlich Wanderarbeiter und Arbeiter für besondere Arbeitsvorkommen (Straßen, Steinbrüche, Bauten) stellen; sie wird selbst dabei mehr zu essen und zu leben haben als unter der polnischen Herrschaft und bei eigener Kulturlosigkeit unter der strengen, konsequenten und gerechten Leitung des deutschen Volkes berufen sein, an dessen ewigen Kulturtaten und Bauwerken mitzuarbeiten und diese, was die Menge der groben Arbeit anlangt, vielleicht erst ermöglichen. Quelle: Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Köln 19772, S. 328 ff. 32. Zwangsarbeiter in hannoverschen BetriebenDer ganze Umfang des Sklavenarbeitsprogramms läßt sich nicht mehr rekonstruieren. Bekannt ist, daß die Industrie Hannovers sich auch mit sogenannten »Fremdarbeitern« versorgte, die größtenteils unter Zwang aus ihren Heimatländern deportiert wurden. Folgende Einsatzzahlen sind bisher für hannoversche Betriebe bekannt:
Quelle: G. Zorn, Widerstand in Hannover, Frankfurt/Main 1977, S. 242 f. 33. Arbeitslager – Vernichtungslager – AuschwitzAuschwitzAuschwitz (Oswiecim), das gigantischste Industrie-KZ-Kombinat des Dritten Reiches wurde 1941 unter Beteiligung der IG-Farben gegründet. Die entscheidende »Geländebesichtigung« fand am 1. März 1941 statt. An ihr nahmen teil: Gauleiter Bracht, die Regierungspräsidenten, der »Höhere SS- und Polizeiführer Schlesien«, Heinrich Schmauser, führende Herren der IG-Farben und der Inspekteur der KZ, Glücks. Sodann wurden sieben polnische Dörfer in der Umgebung vollkommen geräumt. Die Gründe für den Standort waren folgende: große Entfernung vom Westen (Sicherheit vor Luftangriffen und unerwünschten Einblicken), ausreichende Rohstoffgrundlagen (Kohle, Kalk, Wasser) und Energie, unerschöpfliche Arbeitskräfte-Ressourcen und besondere Abschreibungsbedingungen: Die »Oststeuerhilfe« erlaubte, daß bei Maschinen sofort 80 % und bei Fabrikanlagen 20 % abgeschrieben werden konnten. Die IG war auf diese Weise in der Lage, die großen Fabriken in Auschwitz und Heidebreck zu ungefähr der Hälfte der Entstehungskosten zu amortisieren. Für den Bau des 4-Mrd.-RM-Bunaprodukts wurden 8000-10000 Häftlinge benötigt. Dazu war das KZ viel zu klein, so daß die IG-Farben 2 Mio. RM für den Bau des KZ Auschwitz aus anderen Vorhaben „herausschnitt“, sowie erhebliche Kredite der SS zur Verfügung stellte. 1944 hatte Auschwitz nach der Aussage Pohls 140 bis 160.000 Häftlinge; direkt und „durch Arbeit vernichtet“ wurden insgesamt bis 1945 etwa vier Millionen Menschen, ca. 370.000 in Betrieben der IG-Farben, davon in Monowitz allein 280.000. Die Zahlen sind deshalb bekannt, weil die SS bei den Selektionen genau Buch führte und Todeslisten erstellte.
Quelle: Peter M. Kaiser, Monopolprofit
und Massenmord im Faschismus – Zur ökonomischen Funktion der
Konzentrations- und Vernichtungslager im faschistischen Deutschland. In:
Blätter für deutsche und internationale Die nachfolgenden Dokumente machen zum einen die ökonomische Dimension des NS-Lagersystems deutlich, in dem jeder Mensch auf seinen materiellen Nutzen reduziert wurde, zum anderen aber auch den Zynismus, mit dem jegliche Humanität und jegliches Mitgefühl beseitigt wurde zugunsten einer bürokratischen »Häftligsverwertung« bis hin zur Berechnung des Wertes der Leiche. Die Übersichtskarte zeigt, daß das »Lagersystem« als politische und ökonomische Grundlage des NS nicht auf »vereinzelte« Vernichtungslager im okkupierten Osten zu reduzieren ist, sondern »flächendeckend« den ganzen Herrschaftsbereich des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg überzog:
Verwertung
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| „Täglicher Verleihlohn durchschnittlich | RM 6,-- | ||
| abzüglich Bekl. Amort. | RM 0,10 | ||
| abzüglich Ernährung | RM 0,60 | = RM 0,70 | |
| durchschnittliche Lebensdauer 9 Mt. | |||
| Erlös aus rationeller Verwertung der Leichen: | = 270 X RM 5,30 | = RM 1431,-- | |
| 1. Zahngold | |||
| 2. Kleidung | |||
| 3. Wertsachen | |||
| 4. Geld | |||
| abzüglich Verbrennungskosten | RM 2,-- | ||
| durchschnittlicher Nettogewinn | RM 200,-- | ||
| Gesamtgewinn nach 9 Monaten | RM 1631,-- | ||
| zuzüglich Erlös aus Knochen und Aschenverwertung.“ | |||
N - Hamburg/Neuengamme, E - Esterwegen, R -
Ravensbrück, S - Sachsenhausen, BB - Bergen-Belsen,
BU - Buchenwald, N - Natzweiler, D - Dachau, MH - Mauthausen, G -
Gross-Rosen, C - Chelmo,
A - Auschwitz, P - Plaszow, T - Treblinka, M - Majdanek, S - Sobibor, B -
Belzec;
die Vielzahl der kleinen Arbeits- und Außenlager ist z.T. mit kleinen
Punkten auswahlsweise erfaßt, aber nicht im einzelnen benannt.

Quellen: Faschismus- (Katalog), a.a.O., S. 111; STERN 13/1979, 22.3.79, S. 128 u.a.
Forderungsnachweis Nr. ___________________________
über den Häftlingseinsatz
bei I.G. Farben
für die Zeit vom 1. - 31. Dezember 43
Gemäß umseitiger Aufstellung sind zu entrichten:
| für 35.482 Facharbeiter (Tagesbeschäftigung) | RM | 4,-- | RM | 141.928,-- |
| für 4.804 Facharbeiter (Halbtagsbeschäftigung) | RM | 2,-- | RM | 9.608,-- |
| für 95.344 Hilfsarbeiter (Tagesbeschäftigung) | RM | 3,-- | RM | 286.032,-- |
| für 14.851 Hilfsarbeiter (Halbtagsbeschäftigung) | RM | 1,50 | RM | 22.276,50 |
| Summe: | RM | 459.844,50 | ||
| Rückverg. vom November 43 | RM | 30,-- | RM | 459.814,50 |
Der Betrag von RM ______________ ist bis zum ___________ 194__, unter
Angabe der Nummer des Forderungshinweises auf dem betreffenden Bank- bzw. Postabschnitt auf folgendes Konto zu überweisen.
sachlich richtig und festgestellt
Der Leiter der Verwaltung
Quelle: Faschismus(-Katalog). Berlin und Hamburg, 19774. S. 112.
„Als die Nazis
die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Katholiken holten,
habe ich nicht protestiert;
ich war ja kein Katholik.
Als sie mich holten,
gab es keinen mehr,
der protestieren konnte.“
„Wir schwören deshalb vor aller Welt
auf diesem Appellplatz
an dieser Stätte des faschistischen Grauens:
Wir stellen den Kampf erst ein,
wenn auch der letzte Schuldige
vor den Richtern der Völker steht!
Die Vernichtung des Nazismus
mit seinen Wurzeln ist unsere Losung.
Der Aufbau der neuen Welt
des Friedens und der Freiheit
ist unser Ziel.“
Auguste Breitzke-Wille, die damalige Braut von Franz Nause, berichtet: „1934 hatte ich mich der Sozialistischen Front angeschlossen. Ich selbst gehörte zum Verteilerapparat. Wir verteilten in einzelnen Gruppen. Franz Nause kannte aus seiner SAJ-Zeit und dem Reichsbanner viele Genossen. Aus der früheren Schufo (Schutzformation) des Reichsbanner machten Erich Kurze, Furch, Willi Hahn, Giebel u.a. mit. Zu ihnen kamen aus dem Jungbanner bzw. aus der Schülergruppe Genossen, die den Versand der 'Sozialistischen Blätter' durchführten. Werner Blumenberg und Franz Nause organisierten die Herausgabe. Auch das schwierige Problem der Papierbeschaffung hatten wir gelöst. Ein Genosse, der am Aegi ein Großhandelslager für Papierwaren besaß, stellte uns große Mengen Papier zur Verfügung. Es waren mitunter 4000-5000 Blatt. Trotzdem litt unser Kampf darunter, daß wir zuwenig Erfahrung in der illegalen Arbeit hatten. 1934 wurden die ersten der Sozialistischen Front verhaftet, darunter Paul Senftenberg, Erich Schnitter, Egon Franke. Wir machten natürlich weiter. Die Wohnungen, in denen die Blätter geschrieben und abgezogen wurden, wechselten. Auch in unserer Wohnung fand die Herstellung zeitweilig statt. Franz Nause, Martin Wirth und Willi Wendt arbeiteten den ganzen Tag an einer Ausgabe. Unsere Wohnung war dazu gut geeignet, weil unter dem Arbeitsraum niemand wohnte und über dem Zimmer ein ungeheizter Raum war, den die Mieter über uns nie benutzten. Durch Decken, Filzunterlagen usw. wurde jedes Geräusch gedämpft. Von einer Matrize wurden oft bis zu 1000 Abzüge gemacht!“
Quelle: Gerda Zorn, a.a.O., S. 119
DIE VERTRAUENSMÄNNER,
die am 3. und 4. April „gewählt“ werden sollen, sind nicht unsere Vertrauensleute. Der „Herr Betriebsführer“ stellt nur Kandidaten auf, die ihm und dem Pg. Treuhänder passen. Deshalb müssen wir
STREICHEN!
Laßt Euch nicht übers Ohr hauen. Laßt Euch nicht durch falsche Parolen verwirren, ganz gleich, woher sie kommen. Auch wenn der „Herr Betriebsfüher“ einen guten Kollegen auf die Liste setzt, streicht die Liste durch. Selbst der beste Kollege kann im „Vertrauensrat“ nichts durchsetzen. Er wird nur als Lockvogel mißbraucht, damit möglichst viele „Ja-Stimmen“ zusammenkommen. Jeder „Ja-Zettel“ gilt als Zustimmung zu den niedrigen Löhnen, zur braunen Antreiberei, zu den steigenden Preisen, zum braunen Hunger und zum Giftgaskrieg.
Ihr sollt für „Erz“ gegen „Fett“ stimmen, für Giftgastod und Hungersnot. Die Autobonzen der D.A.F. möchten melden: die Betriebe wollen hungern, die Betriebe wollen Krieg! Deshalb sagt Nein!
STREICHT DIE GANZE LISTE DURCH!
Auf jeden Fall aber den Repräsentanten des Systems, den Mann der N.S.B.O. und den Walter der D.A.F.
Sie sollen wissen: wir wollen höhere Löhne, wir wollen Teuerungsausgleich. Wir wollen keine Vertrauensmänner der Unternehmer! Für dieses System der Entrechtung, der Unterdrückung und Ausbeutung nimmt keiner freiwillig die Knarre in die Hand!
Wir wollen Freiheit, Frieden und Brot!
Gebt als Flüsterparole weiter, schreibt an die Mauern und Zäune, schreibt in die Waschräume und die Toiletten:
MISSTRAUENSWAHLEN! STREICHEN!
Quelle: Der deutsche antifaschistische Widerstand 1933-1945 in Bildern und Dokumenten. Frankfurt 1975, S. 75
(Höß schloß sich nach dem 1. Weltkrieg einer rechtsradikalen Organisation an, war an einem politischen Mord beteiligt und wurde 1924 zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt.)
Am ersten Kriegstage hielt Eicke eine Ansprache an die Führer der Ersatzformationen, die die aktiven SS-Einheiten in den Lagern abgelöst hatten. Darin betonte er, daß nun die harten Gesetze des Krieges ihr Recht verlangten. Jeder SS-Mann habe nun ohne Rücksicht auf sein bisheriges Leben sich voll und ganz einzusetzen. Jeder Befehl müsse ihm heilig sein, und auch den schwersten und härtesten hätte er ohne Zögern auszuführen ...
Am selben Abend wurde die erste Exekution [Hinrichtung] des Krieges in Sachsenhausen durchgeführt... In der Sandgrube auf dem Industriehof wurde schnell ein Pfahl eingegraben. Und schon kamen auch die Wagen angefahren. Der Kommandant bedeutete dem Verurteilten (einem Kommunisten), daß der sich an den Pfahl zu stehen hätte. Ich führte ihn hin. Ruhig stellte er sich bereit. Ich trat zurück und gab den Feuerbefehl - er sank in sich zusammen und ich gab ihm den Fangschuß ...
Ein Fall ging mir besonders nahe. Ein SS-Führer, Stapo [= Staatspolizei]-Beamter, mit dem ich viel zu tun hatte, da er des öfteren wichtige Häftlinge überführte oder wichtige Geheimschreiben an den Kommandanten abzugeben hatte, wurde plötzlich eines Nachts gebracht zur sofortigen Exekution. Den Tag zuvor hatten wir noch in unserem Kasino zusammengesessen und uns auch über die Exekutionen unterhalten. Und nun war er selbst dran, und ich mußte den Befehl durchfuhren [Grund für das Todesurteil: Er hatte bei einer Verhaftung nachlässig gehandelt, der zu Verhaftende war entkommen.] ... Er ging gefaßt und ruhig in den Tod. Wie ich aber ruhig den Feuerbefehl geben konnte, ist mir heute noch nicht faßbar. Die drei Männer, die schossen, wußten nicht, wen sie erschießen mußten, und es war gut so, vielleicht hätten sie doch gezittert. Vor innerer Erregung konnte ich ihm kaum meine Pistole zum Fangschuß an die Schläfe setzen ... Diese Erschießung steht mir immer vor Augen im Zusammenhang mit der fortgesetzt geforderten Selbstüberwindung und unbeugsamen Härte. Das war schon nicht mehr menschlich – glaubte ich damals. – Und Eicke predigte weiter vom Noch-härter-werden. Selbst die nächsten Angehörigen muß ein SS-Mann vernichten können, wenn sie sich gegen den Staat oder die Idee Adolf Hitlers vergingen. „Es gibt nur eines, was Gültigkeit hat: Der Befehl!“ So stand als Vordruck über seinen Briefen.
[1940 wurde Höß Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz.] Nach dem Willen des RFSS [= Reichsführer der SS Himmler] wurde Auschwitz die größte Menschen-Vernichtungsanlage aller Zeiten. Als er mir im Sommer 1941 persönlich den Befehl erteilte, in Auschwitz einen Platz zur Menschenvernichtung vorzubereiten und diese Vernichtung durchzuführen, konnte ich mir nicht die geringsten Vorstellungen über die Ausmaße und die Auswirkungen machen. Wohl war dieser Befehl etwas Ungewöhnliches, etwas Ungeheuerliches. Doch die Begründung ließ mich diesen Vernichtungsvorgang richtig erscheinen. Ich stellte damals keine Überlegungen an – ich hatte den Befehl bekommen – und hatte ihn durchzuführen. Ob diese Massenvernichtung der Juden notwendig war oder nicht, darüber konnte ich mir kein Urteil erlauben, soweit konnte ich nicht sehen. Wenn der Führer selbst die „Endlösung der Judenfrage“ befohlen hatte, gab es für einen alten Nationalsozialisten keine Überlegungen, noch weniger für einen SS-Führer. „Führer, befiehl, wir folgen“ – war keinesfalls eine Phrase, kein Schlagwort für uns. Es war bitter ernst gemeint ... Was der Führer befahl bzw. für uns sein ihm Nächststehender, der RFSS – war immer richtig.
Quelle: Höß, Kommandant in Auschwitz. Hg. von
M. Broszat. München 1978 (dtv 2908).
- Auch in: Helbig, Politik im Aufriß. Frankfurt 1973, S. 14 f.
Es ging um Gehorsam. Die Testreihe wurde am 10. März 1970 eröffnet. Die Versuchsperson, ein älterer Mann, hatte die ausgetretenen Holztreppen des Hauses im Norden Münchens bezwungen. Er war mittelgroß, ein Beamter wohl, kurz vor oder nach seiner Pensionierung. Im Treppenhaus war dem Mann ein »Langhaariger« begegnet; ein Mitglied jener Kommune, die damals über den Räumen des Max-Planck-Instituts lebte, vor dessen Türe er nun stand und klingelte. Ein Weißbekittelter öffnete und stellte sich als Herr K. vor, begrüßte den Besucher herzlich im Max-Planck-Institut, überreichte ihm 25 Mark als Anerkennungsgebühr und führte ihn in ein klinisch kahles Zimmer, in dem schon ein junger Student wartete. »Versuchsperson« wie der alte Mann.
Herr K. hielt eine kleine Rede – sie war einstudiert wie jede seiner Bewegungen, jeder seiner Sätze in dieser Testreihe: „Meine Herren, unser Experiment soll den Effekt [die Wirkung] von Bestrafung auf den Lernprozeß herausarbeiten. Wir wissen nämlich sehr wenig über dieses Problem. Bei seiner Lösung sollen sie uns helfen. Einer von Ihnen soll Lehrer, einer soll Schüler sein.“
Ober die Rollenverteilung entschied eine (vorgetäuschte) Auslosung. Der alte Mann wurde »Lehrer«. Die drei Personen gingen in das angrenzende Zimmer. Zuerst fielen dem alten Mann die kleinen, weißen Mäuse auf, die in einem Käfig in der Ecke des etwa 25 Quadratmeter großen Zimmers herumturnten. Dann wanderte sein Blick über eine Fernsehkamera, über zahllose elektrische Kabel, die alle in einem länglichen, schwarz-weißen Metallkasten endeten, der auf einem Tisch in der Mitte des Raumes stand.
Aus der Stirnwand des Kastens ragten dreißig helle, rechteckige Druckschalter, über ihnen blinkten Lämpchen. Dann sah der Mann durch eine offenstehende Tür den elektrischen Stuhl. Zweifellos, es war ein elektrischer Stuhl. Zu den Armlehnen führten Kabel, einige Riemen hingen locker herab, irgend etwas blitzte metallisch auf. Das Gerät wirkte bösartig.
Herr K. ging in das Nebenzimmer, die beiden anderen folgten. Mit einer einladenden Geste bat der Versuchsleiter den jungen »Schüler«, auf dem Stuhl Platz zu nehmen: „Wir müssen jetzt ihre Arme festschnallen. Sie werden sich nicht bewegen können.“ In seiner linken Hand hielt Herr K. plötzlich eine Pastentube, schmierte etwas von ihrem Inhalt auf den Arm des »Schülers«: „Damit keine Brandblasen entstehen. Die Paste erleichtert den Stromfluß durch Ihren Körper.“
Zwei Elektroden wurden am bewegungsunfähigen linken Arm des Schülers befestigt. Der alte Mann half lächelnd, und Herr K. sagte: „Der ‚Lehrer‘ wird Ihnen über Mikrofon vom Zimmer nebenan ca. sechsundzwanzig Wortpaare vorlesen, etwa so: Tag-Blau, Nacht-Wald, Mutter-Liebe, Wasser-Seemann und so weiter. Dann wird er das Wort ‚Tag‘ wiederholen und vier weitere Worte dazu. Sie müssen sich an das richtige zugehörige Wort erinnern. Kommt das Wort an vierter Stelle, dann drücken Sie mit Ihrem Finger Knopf Nummer 4 dieser Antwortbox hier. In einer ähnlichen Box leuchtet dann Ihre Antwort im Zimmer des ‚Lehrers‘ auf.“
Die Stimme des Experimentators erinnerte den »Schüler« an die eines routinierten Schmierenkomödianten: „Sollten Sie einen Fehler machen, erhalten Sie einen Elektroschock als Bestrafung.“ Testleiter und Lehrer verließen den Schüler, gingen zurück in den Raum, in dem der Metallkasten stand: ein Elektroschockgenerator. Der alte Mann erhielt einen Probeschock von 45 Volt, um die Stärke der Bestrafungen kennenzulernen. Dann gab Herr K. dem Lehrer die Liste mit den Wortpaaren: „Sprechen Sie bei Ihrer Befragung in dieses Mikrofon hier. Kontrollieren Sie die Antwort des Schülers in der kleinen Antwortbox. Leuchtet das falsche Nummernschild auf, sagen Sie ‚falsch‘, drücken dann den ersten Hebel am Schockgenerator und sagen dem Schüler, mit welcher Volthöhe er bestraft werde. Lesen Sie die richtige Antwort vor, und gehen Sie zur nächsten Frage über. Die Bestrafung beginnt bei 15 Volt und endet bei 450 Volt.“ Der alte Mann betrachtete aufmerksam den schwarzen Kasten. Über den Schaltern stand die Volthöhe. Unter ihnen las er Signaturen der Schockstärken: von »leicht« zu »sehr stark«, »äußerst stark« und »gefährlich«. Bei 450 Volt markierten ominöse »xxx« die Wirkung des Stromschlags.
Dieser alte Mann nun drückte im Verlauf des Tests alle Schalter. Schmerzensschreie aus dem Nebenzimmer bei 75 Volt rührten ihn nicht; als der Schüler bei 150 Volt aus dem Experiment entlassen werden wollte, sagte Herr K.: „Machen Sie weiter.“ Bei 180 Volt hörte der alte Mann aus dem Nebenzimmer Jammern um Gnade und Erbarmen. Bei 300 Volt verweigerte der Schüler jede weitere Antwort. „Ich mache nicht mehr mit! Laßt mich raus. Ich weigere mich. Schluß!“ Dann hörte man nichts mehr.
Der alte Mann fragte, bekam keine Antworten, drückte die Schalter erbarmungslos, kaltherzig, maschinell: „Der sagt ja nichts mehr. Jetzt mag er nicht mehr.“
Der Versuch war beendet – und der alte Mann blieb keine Ausnahme. 85 Prozent aller Getesteten hatten bis zu 450 Volt angewandt ...
Was die Getesteten nicht wußten, war dies: Der »Schüler« war in das Experiment eingeweiht; die Auslosung war gefälscht; die grauenhaften Schreie stammten von einem Tonbandgerät, das sich automatisch ein- und ausschaltete ...
Die Versuchsreihe, die sechs Wochen dauerte und in Gemeinschaftsarbeit zwischen dem Max-Planck-Institut und dem Bayerischen Fernsehen produziert wurde, hatte ein Vorbild: die Experimente des amerikanischen Psychologen Stanley Milgram. Er wollte 1960 herausfinden, warum die Deutschen zwischen 1933 und 1945 so gehorsam waren. Gab es einen typischen deutschen Volkscharakter der Unterwürfigkeit? In den Städten New Haven und Bridgeport startete Milgram seine Vorversuche. Er kam nie nach Deutschland. Denn bis zu 66 Prozent seiner Versuchspersonen drückten alle Hebel. Stanley Milgram reichte das: „Mit bestürzender Regelmäßigkeit haben sich in unserem Experiment ‚gute Leute‘ den Forderungen einer Autorität gebeugt und haben böse Dinge getan.“
„In Deutschland“, so hatten Experten des Max-Planck-Instituts prophezeit, „werden es höchstens 30 Prozent sein. Wir sind demokratischer geworden.“ Die Prognose war ein Irrtum.
Quelle: ZEIT-Magazin vom 2.10.1970. – Auch in: Helbig: Politik im Aufriß. Frankfurt 1973, S. 16 f.
Der in der Familie herangebildete autoritäre Charakter sieht sich in der modernen industriellen Gesellschaft einem Apparat gegenüber, dessen Strukturen er nicht durchschaut, so daß ihm der Apparat quasi anonym gegenübertritt. Die Identifizierung mit dem Über-Ich, dem Vater, die für das Kind eine Möglichkeit gewesen ist, um Strafen zu entgehen, wird jetzt durch die Identifizierung mit dem Ganzen, dem Staat, der Nation abgelöst. Da das Ich nicht die Stärke besitzt, allein mit seinen Ängsten fertig zu werden, lehnt es sich ganz an das Über-Ich an, das im Faschismus - die allgemeine Entwicklung zur Anonymisierung bewußt rückgängig machend – personalisiert im »Führer« erscheint.
Sofern dieser in den Massenindividuen die familiären Gefühlsbindungen zu erwecken versteht, ist er gleichzeitig eine Vatergestalt, d. h. er konzentriert auf sich alle die effektiven Einstellungen, die seinerzeit dem strengen, aber auch schätzenden Vater galten. Man hörte oft von nationalsozialistischen Parteigängern, mit denen man über die Unhaltbarkeit des so widerspruchsvollen Programms der NSDAP sprach, Hitler verstünde das alles so viel besser, er würde schon alles schaffen. Hier kommt die kindliche Schutzeinstellung zum Vater deutlich zum Ausdruck. Noch wesentlicher ist aber die Identifizierung der Massenindividuen mit dem Führer. Je hilfloser das Massenindividuum auf Grund seiner Erziehung in Wirklichkeit ist, desto stärker prägt sich dann die ldentifizierung mit dem Führer aus, desto mehr verkleidet sich das kindliche Anlehnungsbedürfnis in die Form des Sich-mit-dem-Führer-eins-Fühlens. Diese Identifizierungsneigung des kleinbürgerlichen Menschen ist die psychologische Grundlage seines nationalen Narzißmus, d. h. seines »Größe der Nation« entliehenen Selbstgefühls. Der Kleinbürger entdeckt sich selbst im Führer, im autoritären Staat, er fühlt sich aufgrund dieser Identifizierung als Verteidiger des »Volkstums«, der »Nation«, was nicht hindert, daß er gleichzeitig, ebenfalls aufgrund dieser Identifizierung, die Masse verachtet und sich ihr individuell gegenüberstellt. Seine materielle Elendslage erstickt psychologisch in der ihn erhöhenden Idee des Herrentums und genialen Führertums, so sehr, daß er in geeigneten Augenblicken sein völliges Herabsinken und Herabgedrücktwerden zur bedeutungslosen Gefolgschaft nicht wahrnimmt.
Die Identifikation mit dem Führer oder mit der Nation verlangt von dem sich Identifizierenden stets neue Verzichtsleistungen. Der Haß, die Aggressionen, die sich gegen das Über-Ich richten müßten – aufgrund mangelnder Ich-Stärke jedoch durch die Identifizierung von ihrem Ziel abgelenkt werden –, müssen ein Opfer finden: Sie finden es in dem »Anderen«, dem, der sich nicht den eigenen Identifizierungsschemata unterwirft. Nach Adorno wird das Denken des Autoritären von einem strengen Freund-Feind-Schema geprägt: „Unumschränkte Unterwerfung unter die Wertmaxime der Eigengruppe und die Verurteilung aller Eigenschaften der Fremdgruppe“ ist die Folge. Als solche Fremdgruppen fungieren die Minderheiten wie Ausländer, Juden, Intellektuelle, Homosexuelle etc. Aggressives, sadistisches Verhalten, das im normalen bürgerlichen Lebensbereich unterdrückt werden muß, findet hier sein »Ventil«. Schuldgefühle und Angst, die zum Beispiel beim SA-Schläger entstehen, werden verdrängt durch die Identifizierung mit dem »Führer«, dessen Befehlen man sich masochistisch als willenloses Werkzeug überantwortet.
Quelle: Anneliese Schuon-Wiehl, Faschismus und Gesellschaftsstruktur. Frankfurt 1973 , S. 78 f.
Die Psychoanalyse enthüllt uns die Wirkungen und Mechanismen der Sexualunterdrückung und ‑veränderung und deren krankhafte Folgen im einzelnen. Die soziale Sexualökonomie setzt fort: Aus welchem soziologischem Grunde wird die Sexualität von der Gesellschaft unterdrückt und vom Individuum zur Verdrängung gebracht? Man untersucht die Geschichte der Sexualunterdrückung und die Herkunft der Sexualverdrängung und findet, daß sie nicht im Beginne der Kulturentwicklung einsetzt, also nicht die Voraussetzung der Kulturbildung ist, sondern erst relativ spät mit dem autoritären Patriarchat und dem Beginne der Klassenteilung herauszubilden begann. Die Geschlechtsinteressen aller beginnen in den Dienst der wirtschaftlichen Profitinteressen einer Minderheit zu treten; in Form der vaterrechtlichen Ehe und Familie hat dieser Tatbestand feste organisatorische Gestalt gewonnen. Mit der Einschränkung und Unterdrückung der Geschlechtlichkeit verändert das menschliche Fühlen seine Art, es entsteht die sexualverneinende Religion, und allmählich baut sie eine eigene sexualpolitische Organisation auf, die Kirche mit all ihren Vorläufern, die nicht anderes als die Ausrottung der sexuellen Lust der Menschen und mithin des geringen Glücks auf Erden zum Ziele hat. Das hat seinen guten soziologischen Sinn im Zusammenhang mit der nunmehr blühenden Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft.
Um diesen Zusammenhang zu begreifen, ist es notwendig, die gesellschaftliche Kerninstitution zu erfassen, in der die wirtschaftliche und die sexualökonomische Situation der patriarchalisch-autoritären Gesellschaft sich ineinanderflechten. Ohne Einbeziehung dieser Institution ist ein Verständnis der sexuellen Ökonomie und des ideologischen Prozesses des Patriarchats unmöglich. Die Psychoanalyse von Menschen jeder Altersstufe, aus allen Ländern und jeder sozialen Schichte ergibt: Die Verknüpfung der sozialökonomischen und der sexuellen Struktur der Gesellschaft erfolgen in den ersten vier bis fünf Lebensjahren und in der autoritären Familie. Die Kirche setzt diese Funktion später nur fort. So gewinnt der autoritäre Staat sein ungeheueres Interesse an der autoritären Familie. Sie ist seine Struktur- und Ideologiefabrik geworden.
Wir fanden die Institution, in der sich die sexuellen und die wirtschaftlichen Interessen des autoritären Systems verknüpfen. Wir müssen nun fragen, wie diese Verknüpfung erfolgt und wie ihr Mechanismus ist. Auch darauf gibt die Analyse der typischen Charakterstruktur des reaktionären Menschen (des Arbeiters eingeschlossen) eine Antwort, freilich nur dann, wenn man sich solche Fragen in der Charakteranalyse Oberhaupt vorlegt.
Die moralische Hemmung der natürlichen Geschlechtlichkeit des Kindes, deren letzte Etappe die schwere Beeinträchtigung der genialen Sexualität des Kleinkindes ist, macht ängstlich, scheu, autoritätsfürchtig, gehorsam, im autoritären Sinne »brav« und »erziehbar«; sie lähmt, weil nunmehr jede lebendig-freiheitliche Regung mit schwerer Angst besetzt ist, die auflehnenden Kräfte im Menschen, setzt durch das sexuelle Denkverbot eine allgemeine Denkhemmung und Kritikunfähigkeit; kurz, ihr ist die Herstellung des an die autoritäre Ordnung angepaßten, trotz Not und Erniedrigung sie duldenden Untertans. Als Vorstufe dazu durchläuft das Kind den autoritären Miniaturstaat der Familie, an deren Struktur sich das Kind zunächst anpassen muß, um später dem allgemeinen gesellschaftlichen Rahmen einordnungsfähig zu sein. Die autoritäre Strukturierung des Menschen erfolgt – das muß genau festgehalten werden – zentral durch Verankerung sexueller Hemmung und Angst am lebendigen Material der sexuellen Antriebe.
Die Sexualverdrängung stärkt die politische Reaktion nicht nur durch den beschriebenen Vorgang, der die Massenindividuen passiv und unpolitisch macht; sie schafft in der Struktur des Menschen eine sekundäre Kraft, ein künstliches Interesse, das die autoritäre Ordnung auch aktiv unterstützt. Ist nämlich die Sexualität durch den Prozeß der Sexualverdrängung aus den naturgemäß gegebenen Bahnen der Befriedigung ausgeschlossen, so beschreitet sie Wege der Ersatzbefriedigung verschiedener Art. So zum Beispiel steigert sich die natürliche Aggression zum brutalen Sadismus.
Sowohl die den Freiheitswillen hemmende Sexualmoral als auch diejenigen Kräfte, die den autoritären Interessen entgegenkommen, beziehen ihre Energie aus der verdrängten Sexualität. Wir begreifen nun besser ein Kernstück im Prozeß der „Rückwirkung der Ideologie auf die ökonomische Basis“: Die Sexualhemmung verändert den wirtschaftlich unterdrückten Menschen strukturell derart, daß er gegen sein materielles Interesse handelt, fühlt und denkt.
Quelle: Wilhelm Reich, die Massenpsychologie des Faschismus. Köln 1972, S. 54 ff.
Hier interessiert vor allem die F-Skala (Faschismusskfaschistische Pala), die im Laufe der Untersuchung entwickelt wurde, und mit deren Hilfe das antidemokratische, dogmatische und otential einer Gesellschaft gemessen werden kann. Sie enthält neun Variablen (veränderliche Merkmale), die sich so ergänzen, „daß sie ein einziges Syndrom, eine mehr oder weniger dauerhafte Struktur im Individuum bilden konnten, die es für antidemokratische Propaganda anfällig macht“ (Adorno, u. a., Studien zum autoritären Charakter, Frankfurt am Main 1973, S. 46).
„a) Konventionalismus. Starre Bindung an die konventionellen Werte des Mittelstandes“ (a.a.0., S. 45). Es ergab sich in der Untersuchung, daß unkonventionelle Menschen gewöhnlich auch unvoreingenommen sind, aber auch unter den Konventionellen gibt es nicht nur Voreingenommene, sondern auch Unvoreingenommenen. „Wenn die Unterwerfung unter konventionellen Werte Ausdruck eines voll ausgebildeten Gewissens war, mußte nicht zwangsläufig eine Verbindung zwischen diesen Wertvorstellungen und antidemokratischen Potential bestehen. Die gleichen Verhaltensnormen, die das Individuum leicht empören, weil es in ihnen die niedrige Moral nichtassimilierter Minderheiten oder der ‚unteren Klassen‘ sieht, würden – währen sie hinreichend internalisiert – seinen Widerstand gegen Gewalt und Verbrechen hervorrufen, die den Faschismus im fortgeschrittenen Stadium kennzeichnen. Wo andererseits gesellschaftlicher Druck an konventionellen Normen festhalten läßt, wo der Konventionalismus auf dem Beharren des Individuums an den Normen der Kollektivmacht beruht, mit der es sich im Augenblick identifiziert, ist auf antidemokratische Empfänglichkeit zu schließen“ (a.a.0., S. 47 f.). Nur in diesem Falle sprechen die Untersuchungen von Konventionalismus, den sie von der bloßen Anerkennung herkömmlicher Werte unterscheiden.
„b) Autoritäre Unterwürfigkeit. Unkritische Unterwerfung unter idealisierten Autoritäten der Eigengruppe“ (a.a.0., S. 45). In Übereinstimmung mit der Psychoanalyse ergab sich, daß übertriebene Untertänigkeit und serviler Gehorsam vor allem dort auftreten, wo die Feindschaft gegen die Autoritäten der Eigengruppe – ursprünglich häufig die Eltern unerträglich wird und verdrängt werden muß. Die »bösen« Eigenschaften dieser Respektpersonen werden dann auf die Fremdgruppen projiziert und bei diesen um so gründlicher gehaßt und verfolgt, je mehr man auf ein relativ konfliktfreies Zusammenleben mit den Autoritätspersonen der Eigengruppe angewiesen ist.
„c) Autoritäre Aggression. Tendenz, nach Menschen Ausschau zu halten, die konventionelle Werte mißachten, um sie verurteilen, ablehnen und bestrafen zu können“ (ebd.). Die autoritäre Aggression stellt die sadistische Seite des Konventionalismus der autoritären Unterwürfigkeit dar. Was man sich nicht erlaubt, will man auch anderen nicht gestatten. „Der Konventionalist, der zu wirklicher Kritik an der akzeptierten Autorität nicht imstande ist, wird vermutlich den Wunsch haben, diejenigen zu verurteilen, abzuweisen und zu bestrafen, welche sie mißachten. Weil sein Gefühlsleben, das er als ‚anständig‘ und als Teil seiner selbst betrachtet, wahrscheinlich sehr begrenzt ist, werden seine Impulse, insbesondere die sexuellen und aggressiven, die unbewußt und ichfremd bleiben, stark und heftig sein. Und da unter diesen Umständen eine Vielfalt von Stimuli das Individuum versuchen und seine Angst erwecken können (Furcht vor Bestrafung), wird die Reihe der Züge, Verhaltensweisen, Individuen und Gruppen, die es verwerfen muß, sehr lang“ (a.a.0., S. 50 f.).
Adorno und seine Mitarbeiter verwenden in diesem Zusammenhang den psychoanalytischen Ausdruck der »Ich-Schwäche«. Sie tritt dort auf, wo es dem Ich unzureichend gelingt, zwischen den Bedürfnissen des Es und den Geboten und Verboten des Über-Ich zu vermitteln. Das Über-Ich erscheint dann als eine Art veräußerlichtes Gewissen, als unversöhnlich strafende Instanz und bringt jene starren, automatischen Eigenschaften wie Konventionalismus, autoritäre Untertänigkeit und aggressive Autoritätssucht hervor, die sich in der autoritären Persönlichkeit zu einer einheitlichen Charakterstruktur verfestigen. Unmittelbar wird diese Ich-Schwäche an den folgenden drei Merkmalen deutlich:
„d) Anti-Intrazeption. Abwehr des Subjektiven, des Phantasievollen, Sensiblen“ (a.a.0., S. 45). „Der Terminus Intrazeption wurde von Murray eingeführt und bedeutet Dominanz von Gefühlen, Phantasien, Grübeleien, Sehnsüchten – eine vor allem auf Imaginationen gründende subjektive ‚Anschauungsweise‘. Das Gegenteil ist Extrazeption, ein Terminus, der die Tendenz bezeichnet, sich von konkreten, eindeutig wahrnehmbaren, physischen Bedingungen (tangiblen, objektiven Tatsachen) bestimmen zu lassen ...
Der extrem Anti-Intrazeptive wagt nicht über menschliche Phänomene nachzudenken, weil er die falschen Dinge zu denken fürchtet; er scheut das genuine Gefühl, weil er die Kontrolle über seine Emotionen verlieren könnte. Ohne Zugang zum Großteil seines Intimlebens fürchtet er sich vor dem, was die Beschäftigung mit sich selbst oder die Beobachtung anderer über ihn zum Vorschein bringen könnte ... Ein wichtiger Programmpunkt der Nationalsozialisten war bekanntlich die Diffamierung alles dessen, was das Individuum seiner selbst und seiner Probleme bewußt zu machen geeignet war. Nicht nur schalteten sie eiligst die ‚jüdische‘ Analyse aus, jede Psychologie, mit Ausnahme von Eignungsprüfungen, fiel scharfer Kritik anheim. Eine solche Einstellung führt leicht zur Entwertung alles Menschlichen und zur Überbewertung des Dinglichen; im Extremfall werden menschliche Wesen zu kaltblütig manipulierbaren Objekten, während man andererseits Objekte, nun mit emotionaler Anziehungskraft versehen, mit liebender Fürsorge umgibt“ (a.a.0., S. 54). Das unterschiedliche Verhalten vieler Männer gegen ihre Frauen einerseits, ihre Autos andererseits, kann verdeutlichen, was hier gemeint ist.
„e) Aberglaube und Stereotypie. Glaube an die mystische Bestimmung des eigenen Schicksals; die Disposition, in rigiden Kategorien zu denken“ (a.a.0., S. 45). Er tritt oft auf bei Menschen mit geringer Intelligenz, doch nicht regelmäßig. Adorno und seine Mitarbeiter nehmen an, daß Aberglaube und stereotypes Denken außerdem noch Ich-Schwäche voraussetzen. „Man darf unterstellen, daß die Menschen in der modernen Gesellschaft – selbst die im übrigen ‚intelligenten‘ oder ‚informierten‘ – deshalb zu primitiven, vereinfachenden Erklärungen von Geschehnissen greifen, weil so viele der zu einer adäquaten Interpretation notwendigen Gedanken und Beobachtungen zu den Überlegungen nicht zugelassen werden, da sie affektiv besetzt sind und Angst erzeugen könnten; das schwache Ich ist nicht imstande, sie in sein Denkschema aufzunehmen. Darüber hinaus werden wahrscheinlich jene Kräfte in den tieferen Schichten der Charakterstruktur, welche das Ich nicht zu integrieren vermag, auf die Außenwelt projiziert und bilden so eine Quelle der bizarren Vorstellungen zum Verhalten der anderen und zur Ableitung von Ereignissen aus Naturgegebenheiten“ a.a.0., S. 55 f.).
„f) Machtdenken und ‚Kraftmeierei‘. Denken in Dimensionen wie Herrschaft – Unterwerfung, stark – schwach, Führer – Gefolgschaft; Identifizierung mit Machtgestalten; Oberbetonung der konventialisierten Attribute des Ich; übertriebene Zurschaustellung von Stärke und Robustheit“ (a.a.0., S. 45). Menschen, die von diesen Eigenschaften bestimmt werden, wollen nur anerkennen, was stark ist und Macht hat, sie verachten alles Schwache. Sie übertragen ihr von den Kategorien stark und schwach geprägtes Denkschema auch auf das Verhältnis zwischen Eigen- und Fremdgruppen und können so der Unterscheidung zwischen höherstehenden und minderwertigen Rassen und anderer sozialer Gruppen zustimmen. „Und einer der psychologisch gesehen billigsten Tricks, sich ein Überlegenheitsgefühl zu verschaffen, ist der Anspruch, von besonderer ‚Rasse‘ zu sein“ (a. a. 0., S. 58).
„g) Destruktivität und Zynismus. Allgemeine Feindseligkeit, Diffamierung des Menschlichen“ (a.a.0., S. 45). Diese Eigenschaften toben sich dort in gefährlicher Weise aus, wo sie die Autoritäten des Staates oder anderer starker gesellschaftlicher Mächte auf ihrer Seite wissen. Sie lassen sich leicht durch eine geschickte Propaganda reizen und lenken.
„h) Projektivität. Disposition an wüste und gefährliche Vorgänge in der Welt zu glauben; die Projektion unbewußter Triebimpulse auf die Außenwelt“ (a.a.0., S. 45). Dieser psychische Mechanismus ist wohl bekannt – er verfährt nach der Regel: was ich selber gerne tun möchte, mir aber ängstlich verbiete, traue ich anderen zu, verfolge ich in ihnen. Es hat den Anschein, „daß, je intensiver das Denken eines Individuums um Vorstellungen, wie der von den ‚bösen Mächten in der Welt‘ kreist – was an dem Hang abzulesen ist, sich mit Erscheinungen wie wilden erotischen Exzessen, Komplotts und Verschwörungen und der Gefahr von Naturkatastrophen zu beschäftigen und sie für Wirklichkeit zu halten – desto stärker seine eigenen unbewußten sexuellen und destruktiven Triebe sein werden“ (a.a.0., S. 60).
„i) Sexualität. Übertriebene Beschäftigung mit sexuellen Vorgängen“ (a.a.0., S. 45). Hier geht es um die Messung ichfremder Sexualität, um die Neigung, das Sexualleben anderer anzuschnüffeln und zu verwerfen. Menschen mit dieser Tendenz sprechen sich für harte Bestrafung bei der Verletzung der herrschenden sexuellen Normen aus. Unnachsichtig richten sie ihre Abscheu und Verfolgungslust vor allem gegen die Teilnehmer an sexuellen Orgien, Homosexuelle und Sexualverbrecher. Derartige Sexualfeindschaft läßt darauf schließen, „daß die eigenen sexuellen Triebe des Individuums unterdrückt werden und in Gefahr sind, seiner Kontrolle zu entgleiten“ (a.a.0., S. 61).
Ich bin auf diese Variablen bzw. Merkmale der autoritären Persönlichkeit so ausführlich eingegangen, weil sie helfen können, Verhaltensweisen und Einstellungen, die auf ein vorhandenes faschistisches Potential schließen lassen, zu entdecken. Aber die Diagnose eines faschistischen Potentials reicht nicht aus. Es kommt darauf an, jene Bedingungen zu klären, die seine Entwicklung begünstigen. Diese müssen verändert werden, soll der Schoß unfruchtbar werden, aus dem das kroch. Fassen wir zusammen, was von Rühle, Fromm, Horkheimer und Adorno zu erfahren war, so sind es vor allem Veränderungen im Verhältnis von Gesellschaft und Familie, die zur Entstehung autoritärer Persönlichkeiten führen.
Quelle: Wilfried Gottschalch, Schülerkrisen. Entstehungsgeschichten autoritärer Persönlichkeiten. Reinbek 1977, S. 35
C. Der Fremde signalisiert die Gefahr
Jörg Andersson:
Woher rührt die Angst vor Ausländerkriminalität ? Das Bedrohtheitsgefühl der Bevölkerung deckt sich nicht zwangsläufig mit der Straffälligkeit der Ausländer. Belege dafür fand FR-Redakteur Jörg Andersson im Rahmen einer wissenschaftlichen Abschlußarbeit für die Freie Universität Berlin über Ausländerkriminalität am Beispiel von Asylbewerbern in Gelnhausen. Für das subjektive Sicherheitsempfinden sind offenbar andere Faktoren ausschlaggebend als die in Statistiken erfaßte Kriminalitätsentwicklung.
In Aufenau bringt ein Jugoslawe seine frühere Lebensgefährtin um. Als die Polizei die Wohnung stürmt, schießt der Mann einen Beamten nieder und tötet sich dann selbst. Drei Monate später, Ende Juni 1992, wird im Wald bei Neuwirtheim ein Pole erschlagen aufgefunden. Die Fahndungen konzentrieren sich auf einen Landsmann namens Marajn W. Am 25. Juli ersticht vor dem Bad Orber Schwimmbad ein 20 Jahre alter Asylbewerber aus Afghanistan im Streit die dreijährige Nichte seiner ehemaligen Freundin mit einem Küchenmesser. Extrembeispiele oder die Spitze des Eisbergs?
Nach der Kriminalstatistik 1992 waren 33,4 Prozent aller Straftatverdächtigen im Main-Kinzig-Kreis Ausländer. 1993 sind es bereits 40,4 Prozent, obwohl statistisch gesehen nur jeder achte Einwohner zwischen Maintal und Sinntal ein Ausländer ist. Das Datenmaterial der Polizei festigt auf den ersten Blick gängige Vorurteile. Die Parole »Ausländer sind krimineller als Deutsche« gilt an zahlreichen Stammtischen als Gewißheit.
Keine drei Wochen nach dem aufsehenerregenden Mord an dem kleinen Mädchen in Bad Orb klagt im benachbarten Gelnhausen Bürgermeister Jürgen Michaelis über die Kriminalität von rund 900 Asylbewerber, die zwei Monate zuvor in einem von Kommunalpolitikern heftig bekämpften Sammellager in der freigewordenen Kaserne einquartiert worden sind. In der 20.000-Einwohner-Stadt würden sie nun »rund um die Uhr« Straftaten begehen. Der christdemokratische Rathauschef warnt vor einer Eskalation. Beim Chefredakteur einer Regionalzeitung finden die Sorgen bereitwillig Gehör. „Die Volksseele kocht: Ruf nach Bürgerwehr – Asylanten terrorisieren Gelnhäuser Innenstadt“ ist auf der Titelseite der nächsten Ausgabe zu lesen. „Sexuelle Belästigungen von Frauen, aber auch von Kindern auf Schulhöfen und im Schwimmbad stehen an erster Stelle“, zitiert das Blatt Michaelis. Im Einkaufsbereich belästigten ausländische Jugendgruppen Passanten durch aggressives Betteln und unterstützten manche ihre Drohungen nachdrücklich mit Messern.
Greift der Bürgermeister nur Ängste auf, die durch die plötzliche Präsenz der vielen Fremden ausgelöst werden – bei der Polizei mehren sich Anzeigen von Kaufhausdiebstählen und Beschwerden über nächtliche Ruhestörungen –, oder ist die dramatische Schilderung der Straftaten auch durch politisches Kalkül motiviert? Michaelis läßt jedenfalls keinen Zweifel daran, daß er die Flüchtlinge lieber heute als morgen loswerden will. „Unsere Kleinstadt wird von Asylbewerbern überschwemmt“, schreibt er an Bundeskanzler Helmut Kohl. Gewerkschafter und Ausländerinitiativen werfen dem Bürgermeister vor, „das Chaos herbeizureden“. Die wiederholt geäußerten Klagen über die Asylbewerber schürten zusätzlich Fremdenfeindlichkeit und Ängste. Der Rathauschef rechtfertigt sich. Er kanalisiere den Unmut, um rechtsextremen Strömungen vorzubeugen.
Schnell lassen sich in der Gelnhäuser Gerüchteküche Dichtung und Wahrheit nicht mehr sauber trennen. Wie kriminell sind die Asylbewerber? Fälle von sexueller Belästigung sind der Polizei zunächst nicht bekannt. Der Bürgermeister hat dafür eine Erklärung: „Viele Eltern, deren Kinder von den jungen Asylanten unsittlich betastet werden, zeigen die Vorgänge gar nicht an, weil sie ihre Kleinen nicht zur Vernehmung auf die Polizeistation bringen wollen.“
Hans Kraushaar, Leiter der Kripo in der zuständigen Polizeidirektion Hanau, spricht von einer „allgemeinen Hysterie und diffuser Angst“ in Gelnhausen. Er verweist auf zwei Vorfälle, bei denen Kleinkinder auf den Armen ihrer Mütter von Farbigen mit den Händen berührt worden waren. Die Frauen erstatten daraufhin Anzeige wegen versuchter Kindesentführung.
Geschäftsinhaber und Verkäuferinnen beschweren sich über dreiste Diebstähle, bei denen es auch zu Handgreiflichkeiten kommt. Ein Streit, bei dem Asylbewerber einen 74jährigen Rentner niederschlagen, liefert in der Nachbarschaft und beim Einkaufen Gesprächsstoff. Zwei spektakuläre Schlägereien unter den Flüchtlingen in dem überbelegten Erstaufnahmelager zeugen scheinbar von deren Gewaltpotential.
Um dem Sicherheitsbedürfnis der Bürger zu entsprechen werden zusätzliche Beamte in die Stadt beordert. Einzelhändler tragen sich im Frühjahr 1993 mit dem Gedanken, einen privaten Sicherheitsdienst zum Schutz der Geschäfte vor Ladendieben zu engagieren. Statt dessen wird noch einmal die Polizeipräsenz verstärkt. Die Staatsanwaltschaft kündigt eine härtere Gangart gegen straffällige Asylbewerber, speziell Ladendiebe, an, weil übliche Strafverfolgungsmaßnahmen gegen die nur kurzfristig in Gelnhausen untergebrachten Asylsuchenden nicht rechtzeitig greifen. „Hierdurch muß bei dem betroffenen Personenkreis der Eindruck entstehen, derartige Delikte sanktionslos und damit risikofrei begehen zu können“, heißt es in einem internen Aktenvermerk. Auch der SPD-Landrat ist erzürnt. In einem Brief an die Staatskanzlei bittet Karl Eyerkaufer um Hilfe: „Es darf nicht länger sein, daß eine wachsende Anzahl von Ausländern unter dem Schutz des Asylrechts praktisch ungestört ihrem kriminellen Tun nachgehen kann.“
Konsequentes Durchgreifen scheint angesagt: Mit seiner populären Law-and-Order Strategie hat Bundesinnenminister Manfred Kanther bei der Bundestagswahl im Oktober 1994 als neuer CDU-Kandidat im Main-Kinzig-Kreis Erfolg. In Gelnhausen oder Biebergemünd, wo er bei seinen Wahlkampfauftritten eine verschärfte Vebrechensbekämpfung propagiert, erzielt er besonders gute Stimmenergebnisse.
Warnungen vor fremdenfeindlicher Hetze verhallen in diesem Klima immer öfter ungehört, Linke und Liberale sind ratlos. Bemühungen, Hinweise auf die ethnische Zugehörigkeit von Tatverdächtigen zu unterlassen, um kein Öl ins Feuer zu gießen, verkehren sich mitunter ins Gegenteil. Sie erwecken den Eindruck von Heimlichtuerei und Zensur. An der Einstellung in der Bevölkerung ändert, es ohnehin wenig. Nach einer Umfrage des Emnid-Instituts Ende 1992 sahen 56 Prozent der Westdeutschen in der Ausländerkriminalität ein Hauptproblem der Inneren Sicherheit. Nur die Drogenkriminalität wurde noch höher bewertet.
Im Ansehen der Bevölkerung rangieren die Asylbewerber weit unten. Begriffe wie »Scheinasylanten« oder »Wirtschaftsflüchtlinge« sind im Sprachgebrauch gängig. Je populärer die Pauschalurteile, desto größer das Risiko, als Ausländer angezeigt und erfaßt zu werden. Das gesteht auch die Polizei ein. Das hessische Landeskriminalamt schreibt in einer Studie über die Kriminalitätsbelastung nichtdeutscher Tatverdächtiger von „Selektionskriterien der Polizei, die zumindest unbewußt dem nichtdeutschen Personenkreis eher eine Straftat zuordnen als dem deutschen“. Auch die höhere Anzeigenbereitschaft gegenüber Ausländern wird in dem Papier thematisiert.
Obwohl manche Gastarbeitergruppen sogar eine geringere Straffälligkeit als Deutsche aufweisen, hat sich die Zahl der nichtdeutschen Straftat-Verdächtigen in der Kriminalstatistik in den vergangenen vier Jahren fast verdoppelt. Der sprunghafte Anstieg der Ausländerkriminalität ist auf die Öffnung der Grenzen im Osten zurückzuführen. Die »Gastarbeiterkriminalität« hat sich zur »Einwandererkriminalität« entwickelt. Touristen, Durchreisende, Illegale und Asylbewerber stellen 1993 fast 60 Prozent aller nichtdeutschen Tatverdächtigen. Die Ursachen sind weitgehend im Wohlstandsgefälle zu vermuten. Speziell bei den Asylsuchenden – 1993 mit 37,1 Prozent die größte Gruppe unter allen ausländischen Tatverdächtigen machen Verstöße gegen ausländerrechtliche Bestimmungen sowie Ladendiebstahlsdelikte einen erheblichen Teil der Straftatvorwürfe aus. Letztere sind zudem keinesfalls ausschließlich ein ausländertypisches Phänomen. In Lübeck beispielsweise schnellte 1990 der Ladendiebstahl sprunghaft um 92,6 Prozent in die Höhe – ein Charakteristikum, das in anderen Grenzregionen zur ehemaligen DDR seine Parallelen hatte.
„Die Kriminalitätsentwicklung im Bereich Gelnhausen steht in ursächlichem Zusammenhang mit der Delinquenz von Ausländern“, ist in der Kriminalstatistik 1992 der Polizeidirektion Hanau nachzulesen. In der Stadt Gelnhausen stieg die Zahl der jährlichen Straftaten von rund 1500 im Jahr 1991 auf 2581 im Jahr 1993. Im gleichen Zeitraum schnellte der Ausländeranteil an allen Tatverdächtigen von 23,4 auf 57,8 Prozent in die Höhe. Ihr »Straftatenkonto« ist durch Diebstahlsdelikte enorm belastet. 1993 waren vier von fünf ertappte Ladendieben (82,1 Prozent) Ausländer. Auffällig noch: Die Zahl der einfachen und gefährlichen Körperverletzungen hat sich fast verdoppelt, von 40 auf 76.
Auch über die im Erstaufnahmelager untergebrachten Asylbewerbern hat die Polizei genau Buch geführt. 1761 Delikte sind vom ersten Belegungstag bis zum Oktober 1994 akribisch aufgelistet. Ergebnis: 83 Prozent aller Straftatverdächtigungen fallen in den Bereich des einfachen Diebstahls und der Verstöße gegen ausländerrechtliche Bestimmungen.
Die vom Bürgermeister angeprangerten sexuellen Belästigungen dokumentieren sich in zehn Anzeigen, darunter zwei versuchte Vergewaltigungen. In einem Fall war eine Asylbewerberin in der Kaserne das Opfer. Elf Raubdelikte sind erfaßt, dreimal waren auch hier Flüchtlinge die Geschädigten. Insgesamt ist die Kriminalitätsentwicklung in Gelnhausen bei schweren Straftaten wie Tötungs- und Sexualdelikte jedoch sogar leicht rückläufig.
Beruhen die angeblichen Serien von Straftaten, die zur Verunsicherung der einheimischen Bevölkerung beigetragen haben, auf Einzeldelikten, die sich im Laufe des Weitererzählens vervielfältigten oder verstecken sie sich in der Dunkelziffer? Weiterhin wird in Gelnhausen erzählt, bei zahlreichen Ladendiebstählen seien die Asylbewerber gegenüber dem Personal rabiat oder anzüglich geworden. In der Statistik finden sich drei solcher Fälle.
Was beeinflußt das subjektive Sicherheitsempfinden der Bevölkerung? Kriminologen fassen den Begriff der Gewaltkriminalität weiter als die Kriminalstatistik und ordnen ihm neben Raub, Vergewaltigung, schwerer Körperverletzung sowie Mord und Totschlag auch Delikte wie sexuelle Nötigung, einfache Körperverletzung, Erpressung, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Landfriedensbruch und Sachbeschädigung zu. Auf dieser Grundlage liegt die Gewaltdeliktquote der Asylbewerber in Gelnhausen bei 7,8 Prozent. Angesichts der überwiegend alleinstehenden jungen Männer unter den Flüchtlingen eine erstaunlich geringe Anzahl. Zum Vergleich: bundesweit waren es nach dieser Rechnung 1993 rund 17 Prozent.
Dabei erfaßt die Straftatenauflistung der Gelnhäuser Polizei sämtliche Vergehen der Asylbewerber, ganz gleich, wo sie sich ereignet haben und wer die Opfer sind. Nahezu alle Rauschgiftdelikte spielten sich in Frankfurt ab. Aber auch 40 Prozent der Körperverletzungen wurden weit außerhalb Gelnhausens und damit dem unmittelbaren Erlebnisbereich der dortigen Bevölkerung begangen. Weitere 30 Prozent geschahen in der Gemeinschaftsunterkunft selber. Bei rund einem Dutzend der schweren Delikte waren die Asylbewerber Täter und Opfer zugleich.
Spannungen eskalierten. Die Ursachen liegen dabei auf der Hand: Ungünstige soziale Verhältnisse, ungewisse Zukunft beengte Räumlichkeiten, Beschäftigungslosigkeit und eine eingeschränkte Freizügigkeit förderten unter den bisweilen über 1000 Flüchtlingen verschiedenster Nationen in vier Wohnblocks die Aggressionen. Doch solche Differenzierungen werden in der Bevölkerung wohl eher selten getroffen. Vielmehr dürfte sich das Bild vom gewaltbereiten Ausländer festsetzen.
„Üblicherweise haben Bedrohtheitsgefühle den Fremden vor Augen“, schreibt der Hamburger Kriminologe Klaus Sessar, „den Täter, den man nicht kennt und der daher eine unberechenbare Gefahr darstellt.“ Obwohl Gewaltdelikte mit Ausnahme des Raubs eher typische Beziehungsdelikte sind, nur jede zehnte getötete Frau von einem Fremden umgebracht wurde, hingegen jede zweite vom Ehemann oder einem Verwandten, scheint ein über Jahrtausende antrainierter Instinkt weiterhin Geltung zu haben: Der Fremde signalisiert die Gefahr.
Die negative Bewertung der Ausländer wird zusätzlich im Lokalteil vieler Zeitungen geprägt. Speziell die Asylbewerber haben beste Voraussetzungen, den Lesern immer fremd und unheimlich zu bleiben. Sie sind nicht in die Gesellschaft integriert. Sie nehmen nicht am Vereinsleben teil, über das die örtlichen Medien durchweg positiv berichten. So vermögen die Flüchtlinge auch nicht jene Ereignisse zu kompensieren, die negative Assoziationen wecken, Vorurteile aufbauen und verstärken. Ausländer erscheinen in der Zeitung überwiegend im Polizeibericht: als Diebe oder Messerstecher. Boulevardpresse und einschlägige Fernsehsender verstärken das allgemeine Bedrohtheitsgefühl, indem sie die Allgegenwart von Gewaltkriminalität suggerieren.
Das Klima eines zunehmenden Bedrohtwerdens ist auch mit Phänomenen verknüpft, die nur schwerlich als Gewalt charakterisiert werden können. Nach kriminologischen Erkenntnissen lassen »Vandalismus«, Unordnung oder Verwahrlosung bei vielen Bürgern den Eindruck entstehen, die öffentliche Sicherheit sei nicht mehr gewährleistet. Bei einer aktuellen Bürgerumfrage in Frankfurt rangierten hinter der Angst vor Kriminalität und Drogen Klagen über »Verwahrlosung« im Stadtbild sowie »Dreck auf Straßen und Plätzen« an dritter und vierter Stelle.
Durch die Asylbewerber-Zuweisungspolitik sind die Bewohner kleinerer Städte im ländlichen Raum mit einer Kriminalität konfrontiert worden, die ihnen zuvor kaum bekannt war. Je nach Region und Empfindlichkeit der Bevölkerung kann schon die auffällige Präsenz von Jugendgruppen oder Ausländern im Stadtbild als Bedrohung des öffentlichen und persönlichen Lebensumfeldes empfunden werden. Symptomatisch erscheint das Einkaufserlebnis einer jungen Frau, das diese in einem Brief vom 19. Mai 1993 dem Bürgermeister mitteilte. Die 24jährige beschlich bereits beim Anblick einiger „Gruppen jugendlicher Ausländer ein ungutes Gefühl“. Mit gesenktem Blick ging sie durch die Innenstadt: „Dies, da jede Menge ausländischer Männer an der Brücke und auch vor dem Kaufhaus ›rumlungerten.‹“ Weiter berichtete die Frau, die sich als selbstbewußt und nicht so leicht einzuschüchtern bezeichnet: „Auch im Kaufhaus fühlte ich mich nicht wohl und hielt meinen Geldbeutel usw. fest an mich, in der Befürchtung, von diesen jugendlichen Ausländergruppen angemacht zu werden.“
Auch die verstärkte Präsenz uniformierter Beamter vermag das Problem des subjektiven Sicherheitsempfindens nicht mehr so einfach zu lösen. Nachdem in Zügen auf der Strecke Frankfurt- Gelnhausen vermehrt Asylbewerber als Schwarzfahrer erwischt wurden, die sich gegenüber den Schaffnern mitunter auch rabiat gebärdeten, setzt die Bahn in den Abendstunden zusätzliche Sicherheitskräfte ein. Die Reaktion verängstigter Bürger fiel oft anders aus als erhofft: „Jetzt kann man nicht mal mehr gefahrlos mit dem Zug nach Frankfurt fahren.“
Zahlreiche Verzerrungsfaktoren stehen einem wertenden Vergleich zwischen Ausländern und Deutschen in der Kriminalitätsstatistik im Wege. Sie wirken sich durchweg zum Nachteil der Ausländer aus und lassen eine leicht überhöhte Straffälligkeit der "Nichtdeutschen Tatverdächtigen" als normal erscheinen.
Das Dunkelfeld der Bevölkerungsstatistik: Ihre Wohnbevölkerung in Deutschland ist als Bezugsgröße ungeeignet, weil auf diese Zahl in der Kriminalstatistik auch die Straftaten nicht seßhafter Ausländer angerechnet werden. 1993 entfielen auf Personen, die sich illegal in der Bundesrepublik aufhielten, Durchreisende sowie Stationierungskräfte insgesamt 22,5 Prozent aller unter der Rubrik Nichtdeutsche Tatverdächtigen registrierten Delikte.
Unter den Ausländern befinden sich wesentlich mehr männliche sowie jüngere Personen, die deutlich höher zu Straftaten neigen als Frauen und Erwachsene über 60 Jahren. 1992 waren im Main-Kinzig 83 Prozent aller zugewiesenen Asylbewerber alleinstehende Männer im Alter von 18 bis 25 Jahren.
Ausländer sind in den unteren, kriminalitätsanfälligeren Sozialschichten überrepräsentiert. Unter den Ausländern gibt es im Vergleich zu den Deutschen prozentual gesehen mehr Arbeiter und fast doppelt soviel Arbeitslose. Ausländische Kinder und Jugendliche stellen mehr Sonder- und Hauptschüler. 1984 lebten fast die Hälfte der Ausländer, aber nur ein Drittel der Deutschen in Großstädten, wo die Kriminalitätsrate wesentlich höher als im Bundesdurchschnitt ist.
In die polizeiliche Kriminalstatistik fließen Straftaten ein, die von Deutschen praktisch gar nicht begangen werden können: Verstöße gegen das Ausländer- und Asylverfahrensgesetz. Ein Asylbewerber wird bereits dann als Gesetzesbrecher registriert, wenn er den Zuständigkeitsbereich seiner Ausländerbehörde verläßt, um in eine andere Stadt zu fahren. 197.000 der knapp 690.000 erfaßten Delikte nichtdeutscher Tatverdächtige waren 1993 Verstöße gegen ausländerrechtliche Bestimmungen.
Bei der PKS handelt es sich um eine Tatverdächtigenstatistik. Tatverdächtige sind nach dem rechtsstaatlichen Prinzip der Unschuldsvermutung keine »Kriminellen«. Unter den strafmündigen Tatverdächtigen verurteilten die Gerichte 1991 etwa jeden zweiten Deutschen, hingegen nur knapp jeden dritten Ausländer.
Die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) gilt trotz mancher Vorbehalte als eine der kriminologisch wichtigsten flächendeckenden Quellen für Umfang und Entwicklung der Kriminalität.
Die PKS liefert nur Zahlen über Kriminalität, keine Befunde von Kriminalität und spiegelt genau genommen nicht die Aktivität von Kriminellen, sondern die der Kriminalpolizei wieder. Aus diesem Grund ist vor allem ihre Aussagekraft zur Ausländerkriminalität umstritten.
Vertreter einer Kriminalisierungsthese führen die nationalitätenspezifischen Unterschiede auf unterschiedliche Reaktionen der Strafverfolgungsbehörden sowie der Bevölkerung zurück. Auf diese Weise entstünden vielfach realitätsverfälschende Kunstprodukte, die Vorurteile gegenüber Ausländern schürten.
Von einer realistischen Darstellung der Ausländerkriminalität wäre die PKS danach schon deshalb weit entfernt, weil sie lediglich das sogenannte Hellfeld betrachtet, das etwa zu 90 Prozent von dem unterschiedlich motivierten Anzeigeverhalten der Bevölkerung abhängt.
Ein gewisser Zweifel daran, daß der Kriminalitätsanstieg der Ausländer aus den Zahlen der PKS zuverlässig entnommen werden kann, scheint der Kriminologin Monika Traulsen daher berechtigt: „Dies betrifft freilich nur die Höhe, nicht die Tendenz dieser Entwicklung.“
100 Morde sind in der PKS ebenso erfaßt wie 100 Schwarzfahrten. Die Kriminalstatisitk 1993 verzeichnete für den Westen laut Bundesinnenminister Kanther einen »bedrohlichen« Straftatenanstieg um 2,7 Prozent. Der Kriminologe Dr. Christian Pfeiffer regt eine differenzierte Betrachtung an. 90 Prozent des sogenannten Kriminalitätsanstiegs sei auf Bagatelldelikte wie Schwarzfahrten, kleinere Ladendiebstähle, Urkundenfälschung und Verstöße gegen ausländerrechtliche Bestimmungen zurückzuführen, die das subjektive Sicherheitsempfinden der Bürger nicht beeinträchtigten. Ohne diese Delikte sei der Straftatenanstieg nur noch minimal, unter Berücksichtigung der gewachsenen Bevölkerung sogar ein Minus um 0,9 Prozent zu verzeichnen.
Rund 150.000 Gewaltdelikte wurden zuletzt jährlich erfaßt. Also geschieht alle drei Minuten in Deutschland eine Gewalttat. Oder anders ausgedrückt: Verteilt auf 80 Millionen Bundesbürger liegt das Risiko, Opfer einer Gewalttat zu werden, bei 0,1875 Prozent, relativiert der Strafrechtsprofessor Peter Alexis Albrecht: „Der Mensch müßte im statistischen Durchschnitt 533 Jahre alt werden, bis ihn das erste registrierte Gewaltdelikt trifft.“
[Quelle: Frankfurter Rundschau, Nr. 36, Sa., 11.2.95, S. 20, Rhein-Main ]
von Karl-Ludwig Baader
Der Kladderadatsch des Kommunismus hat im Westen nur kurze Zeit Triumphgefühle ausgelöst. Die liberalen Demokratien sehen sich heute nicht mehr als Sieger, sondern als Überlebende eines Zeitalters. Von konservativen Publizisten sind melancholische Nachrufe auf diese Epoche der Bedrohung verfaßt worden. Denn das liberale System, so der besorgte Tenor, krankt an der Niederlage seines Widerparts – ihm fehlt ein Feind. Kann sich ein nicht bedrohtes liberales System aus sich selbst heraus überhaupt stabilisieren? Oder anders formuliert: „Erlahmen die Bindekräfte liberaler Gesellschaften?“ – diese Frage legte das Düsseldorfer ASG-Bildungsforum auf einer Podiumsdiskussion dem Bischof von Berlin-Brandenburg, Wolfgang Huber, dem Soziologen Niklas Luhmann und dem Historiker Ernst Nolte vor.
Sie nahmen sich, wie nicht anders zu erwarten, des Themas auf denkbar unterschiedliche Weise an. Nolte verwies darauf, daß es in jeder Gesellschaft Bindekräfte geben müsse. Den kontinuierlichen Prozeß der Emanzipation von Bindungen scheint ihm eine geschichtliche Besonderheit, wie sie nur in den europäisch geprägten Kulturen zu beobachten sei. Immerhin hätten die klassischen Nationalstaaten sich noch nicht vollständig von traditionellen Bindekräften gelöst gehabt und ihren Bürgern Verzicht und Opfer abverlangt. Mit der Entstehung einer Weltgesellschaft Anfang des Jahrhunderts rückte, betonte Nolte, das Streben nach Glück in den Mittelpunkt. Nach dem Untergang des Kommunismus sei nun der letzte Grund verschwunden, sich »zusammenzureißen«. Die liberale wandle sich zur liberalistischen Gesellschaft, der eine transzendental begründete Ethik gar nicht mehr verständlich sei.
Wenn aber das Glücksstreben das einzige Motiv ist, kann die Gesellschaft zur »tötenden« werden, wenn die Individuen auf Hindernisse stoßen, etwa bei anderen Individuen ein anerkennenswertes Interesse nicht mehr entdecken. Nichts garantiere zum Beispiel für immer die Anteilnahme für Behinderte.
Wolfgang Huber stellte der »Ethik der Interessen«, die die Freiheit des einzelnen betont, eine »Ethik der Würde« gegenüber, die den Respekt vor der anderen Person im Blick hat. Allerdings werde es heute zur gesellschaftlichen Norm erhoben, seine Interessen möglichst durchzusetzen. Der Mensch müsse aber lernen, mit seiner Freiheit verantwortlich umzugehen, das sei eine Aufgabe unterschiedlicher Institutionen von Familie, Kirche oder Schulen.
Ob man mit moralischen Appellen gegen langfristige gesellschaftliche Trends angehen könne, bezweifelte Niklas Luhmann. Er verweist auf die Zwänge von »Großstrukturen« (etwa den weltweiten Kapitalfluß), nach denen sich die Individuen richten müssen. Der Mensch werde individualisiert, ob er wolle oder nicht. Luhmann sieht weniger die Bindekräfte schwinden als deren Konsensfähigkeit: Der einzelne wähle sich seine Bindung selbst. Politik könne Entscheidungsmöglichkeiten bereitstellen, aber der einzelne ließe sich kaum auf das Gemeinwohl festlegen.
So wie in ihren Beschreibungen unterscheiden sie sich in ihren Erwartungen und praktischen Vorschlägen. Nolte hofft auf Kräfte gegen diese Tendenz zur »Egoisierung der Gesellschaft«, konnte aber keine Instanz angeben, die die Einzelnen binden und ihnen ein höheres Maß an Konformität abfordern könnte. Zudem konnte er auch keinen ernstzunehmenden Feind ausmachen, der disziplinierend wirken könnte. Er sieht einen Werteverfall, der Züge der Dekadenz trägt.
Mit dem Begriff »Werteverfall« konnte Huber nichts anfangen. War denn das Niveau der Werte um 1830 oder 1935 höher?, fragt er. Er hofft darauf, durch eine verstärkte öffentliche Debatte das Verhältnis von Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung wieder bewußter zu machen und erinnerte an die die erfolgreiche Durchsetzung ökologischen Denkens gegen die etablierten Mächte aus Politik und Wirtschaft. Um die Freiheit zu erhalten, so Huber, bedarf es der Prinzipien der liberalen Demokratie als Gegengewicht zu den selbstzerstörerischen Kräften des Marktes.
Luhmann wiederum hält kein anderes System für so mobil und flexibel und deshalb so fähig, die kommenden Probleme zu lösen. Im Gegensatz zu Huber und Nolte rät er, Abstand zu Prägungen durch die Tradition zu halten.
Der Streit verweist auf ein Problem, dem in der Wertedebatte gerne ausgewichen wird. Wie groß ist der Spielraum der Politik? Was kann getan werden, daß Werte nicht praktisch folgenlos gepredigt, sondern in konkreten Lebenszusammenhängen erfahrbar werden. Wie kann die Einhaltung von Werten »belohnt« werden. Während Luhmann von Strukturen wie dem Kapitalmarkt ausgeht deren weltweiten Entwicklungstrends dem Individuum nur die intelligente Anpassung als sinnvolles Verhalten läßt, denkt Nolte traditionell von den nationalen gesellschaftlichen Ordnungen und ihren Bedürfnissen nach Stabilität und Selbsterhaltung her. Huber geht es um die Debatte begründbarer Normen, letztlich um die Selbstverpflichtung der Individuen.
Und so bleibt in Debatten wie so oft nur der kleinste gemeinsame Nenner, die Grundnorm einer liberalen Demokratie: Konflikte auf zivile Weise auszutragen. Das gelang unter der souveränen Gesprächsführung von Ernst Gottfried Mahrenholz an diesem Abend, was keineswegs selbstverständlich ist. Veranstaltungen, an denen Ernst Nolte teilgenommen hatte, wurden in der letzten Zeit öfter massiv gestört.
Ein älterer Herr versuchte vergebens eine Diskussion zu Noltes umstrittenen Äußerungen zum Thema Naziverbrechen anzustoßen. Dabei gehören die Themen durchaus zusammen. Auschwitz steht für den Zusammenbruch jeder sittlichen Ordnung und erinnert daran, daß auch in der Moderne das ethische Minimum, die Achtung des Lebensrechts, der Würde und der Freiheit der Person, stets gefährdet ist.
[Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung, Nr. 24, Samstag, 28.01.95, S. 10. Feuilleton ]
von Karl-Ludwig Baader
Die multikulturelle Gesellschaft ist nicht irgendein Ideal, für oder gegen das man eintreten kann. Sie ist längst schwierige alltägliche Wirklichkeit geworden. Die Auseinandersetzung mit der im Wortsinn mörderischen Fremdenfeindlichkeit hat allerdings zu verständlichen Berührungsängsten mit dem Thema selbst geführt. Aus politischen Gründen werden die Probleme im Umgang mit dem und den Fremden deshalb auch gerne verharmlost. Bislang ist uns nicht viel mehr eingefallen, als die im Verborgenen weiterwuchernden Ressentiments mit moralischen Appellen in Schach zu halten.
Verdienstvoll ist nun der Versuch der Evangelischen Stadtakademie in Hannover, sich die Schwierigkeiten bewußt zu machen und auch über praktische Schritte der Annäherung nachzudenken. Die Vortragsreihe »Zwischen den Kulturen – Begegnung mit dem Fremden« firmierte unter dem Obertitel »Beiträge zur Expo 2000« und gehörte damit zu jenen Veranstaltungen, die von nun an mit unterschiedlichen Fragestellungen die Vorbereitung der Weltausstellung begleiten sollen.
Zum Auftakt warnte der Heidelberger Missionswissenschaftler Theo Sundermeier vor zwei extremen Positionen: Die eine behauptet, daß Fremde nie zu verstehen seien, die andere leugnet die Fremdheit selbst. Aus der Erfahrung seiner jahrzehntelangen Tätigkeit in Afrika entwickelte er ein Modell der behutsamen Annäherung in mehreren Lernschritten. In einer ersten Phase sollte man, so Sundermeier, sich des Urteils enthalten, aus der Distanz beobachten und beschreiben: „Zu große Nähe verengt den Blick.“
Dann sollten die Zeichen der fremden Kultur wie etwa Gestik und Kleidung als Signale des Andersseins mit Sympathie betrachtet und nicht als gegen sich gerichtet verstanden werden. Jetzt könne man diese Symbolwelt in ihren jeweiligen kulturellen Zusammenhang einordnen und eine Annäherung durch „teilnehmende Beobachtung“ versuchen.
In einer dritten Phase gelte es, das Symbolische zu verstehen, sich ihm »empathisch«, einfühlend, zu nähern (ohne sich selbst aufgeben zu wollen) und schließlich eine vergleichende Interpretation der eigenen mit der fremden Symbolwelt zu versuchen. Das könnte dazu befähigen, erläuterte Sundermeier, auch bei einem Andersdenkenden oder Andersgläubigen Teilwahrheiten zu erkennen. Endlich sollte in der Haltung des gegenseitigen Respekts eine Form des Zusammenlebens entwickelt werden, bei dem jeder er selbst bleiben dürfe.
Auch der Pädagogikprofessor Dietrich Zilleßen warnte vor einem vorschnellen »Verstehen« und entdeckte die Langsamkeit bei der Wahrnehmung des Fremden als pädagogisches Prinzip einer »interkulturellen Erziehung«. Der Ausgangspunkt seiner Überlegungen sind die tiefsitzenden emotionalen Widerstände gegen eine Annäherung an den Fremden, zu dem eine »nichtvereinnahmende Beziehung« angestrebt werden sollte.
Aber zunächst müsse man die Bedürfnisse der Beteiligten ernstnehmen und mit ihnen gemeinsam untersuchen, was ihnen in ihrer eigenen Lebenswelt fremd und dunkel erscheint und auch dem Verdrängten Aufmerksamkeit schenken. Offenheit gegenüber dem anderen könne nur entstehen, wenn man den Umgang mit den eigenen Gefühlen lernt und auch den Bedrohungsängsten oder dem Nichtverstehen in diesem Lernprozeß Raum gewährt wird.
Zilleßen erinnerte daran, daß es unerträglich sein könne, die eigene Wahrheit durch die der anderen in Frage gestellt zu sehen. Man dürfe und müsse in der Begegnung mit Fremden seinen Standpunkt durchaus „ins Spiel bringen“, aber auch „aufs Spiel setzen“: Er beschrieb dieses Verhaltensmodell am Beispiel der »Reise nach Jerusalem«.
Das Spiel freilich kann nur funktionieren, wenn alle in Bewegung bleiben (wollen). Hier muß also der Gutwillige auf den Wohlmeinenden treffen. Der Prüfstein für solche Modelle ist deshalb, wie sie der Herausforderung des religiösen oder ethnischen Fundamentalismus und seinem absoluten Wahrheitsanspruch begegnen.
Praktisch stellt sich das Problem beim Eintreten für die Menschenrechte. Die Referenten rieten zu einer Mischung aus Überzeugungstreue und Flexibilität. Sie warnten vor einer gleichsam fundamentalistischen Attitüde des Westens und vor einer pauschalen Verurteilung des Islam. Gesprächsbereitschaft sollte auch gegenüber Fundamentalisten oder diktatorischen Regimen signalisiert werden. Es gilt schließlich, eine Entscheidungssituation im Sinne des Entweder-Oder (also die gewalttätige Auseinandersetzung) zu vermeiden.
Die Vortragsreihe ließ an der Komplexität dieses Problems keinen Zweifel. Das »Weltdorf« ist keine Idylle. Der Politologe Otto Kallscheuer verwies auf die Entstehungsbedingungen der fundamentalistischen Mentalität, auf die ökonomische Modernisierung und die dadurch hervorgerufene Erschütterung des überkommenen Sozialgefüges.
Der gute Wille der Wohlmeinenden kann da zur Problembewältigung nicht viel beitragen. Auch einfache Lösungen hatte niemand anzubieten. Aber eine vernünftige Alternative zu einem wie auch immer problematischen Annäherungsversuch gibt es nicht. Die Referenten warnten aber vor unrealistischen Erwartungen oder »Verbrüderungszwängen«, die nur zur Heuchelei führten. Wir werden lernen müssen, mit der Differenz zu leben, den Fremden ihn selbst sein zu lassen und flexibel zu bleiben, wenn wir bestimmen, welche Anpassungsleistungen wir von den Fremden in diesem, Land verlangen.
Das ist nichts für Liebhaber sogenannter klarer Verhältnisse. Jeder praktische Schritt ist ein Balanceakt zwischen Selbsterhaltung und Öffnung, zwischen der Aufgabe dogmatischer Positionen einerseits und der Beliebigkeit andererseits.
Im »Fest« , dem »Ort des Fremden«, so Sundermeier, gibt es jenseits des Alltags die Chance, Gemeinsamkeit mit dem Fremden zu erleben. Daß die Expo ein solches Fest werden könnte, hoffen nicht zuletzt die christlichen Initiatoren des »Forums der Weltreligionen«, das ein wichtiger Bestandteil der Weltausstellung in Hannover werden soll.
[Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung, Nr. 284, Dienstag, 5. Dezember 1995, S. 6. Feuilleton ]
von Holger Gumprecht
Zbigniew Brzezinski ist ein kluger Kopf. Vor elf Jahren, kurz vor dem vierzigsten Jahrestag der Konferenz von Jalta, hatte der einstige Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter einen in den Medien vielbeachteten Essay veröffentlicht, der heute als äußerst scharfsinnig bewundert werden muß, damals aber eher als „Wunschdenken“ Kopfschütteln hervorrief. Brzezinski hielt es schon 1984 für denkbar und sogar für wahrscheinlich, daß bis zum fünfzigsten Jahrestag der Konferenz von Jalta die dort von den drei großen Alliierten beschlossene Teilung Europas überwunden sein würde.
So konnte sich der gebürtige Pole ein lose konföderiertes Deutschland vorstellen und ein Osteuropa, aus dem sich die Sowjets aus Einsicht in die Notwendigkeit zurückgezogen haben würden. „Kein Imperium löst sich selbst freiwillig auf“, schrieb Brzezinski, „wenigstens so lange nicht, bis es klar wird, daß die Hinnahme allmählicher Auflösung den steigenden Kosten der Erhaltung des imperialen Systems vorzuziehen ist.“ Besser hätte man wohl kaum Gorbatschow und seine Politik der Perestroika voraussagen können.
Mit dem sang- und klanglosen Untergang des Sowjetimperiums und dem Bankrott der Kommunisten in seinen europäischen Dependancen scheint nun eine alte Forderung des Westens erfüllt zu sein - die Überwindung Jaltas. Vieles ist über die Konferenz geschrieben worden, wo wie nie zuvor in der Geschichte so wenige Personen Entscheidungen über das Schicksal so vieler Millionen Menschen gefaßt haben. Jalta wurde bald darauf zum Synonym für die Spaltung Europas in zwei sich feindlich gegenüberstehende Lager.
Vor 50 Jahren, vom 4. bis zum 11. Februar 1945, kamen im ehemaligen Zarenpalais Livadija bei Jalta auf der Halbinsel Krim der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premierminister Winston S. Churchill mit Stalin zusammen, um gemeinsam die militärischen Maßnahmen zur siegreichen Beendigung des Zweiten Weltkrieges zu koordinieren und die Weichen für die Neugestaltung Europas zu stellen.
Das Konferenzthema, dem sie den größten Teil ihrer Diskussionen widmeten, war die sogenannte „Westverschiebung“ Polens. Churchill hatte schon auf dem vorangegangenen Treffen der Alliierten in Teheran im Dezember 1943 gemeint, Polen könne sich wie Soldaten, die seitlich wegträten, nach Westen verlagern. Es sei dann eben nicht zu ändern, falls es dabei auf ein paar deutsche Zehen träte. Die „Großen Drei“ konnten sich in Teheran darüber verständigen, daß die künftige sowjetische Westgrenze der bereits 1919 vom britischen Außenminister George N. Curzon vorgeschlagenen „Curzon-Linie“ bis auf wenige Kilometer zugunsten Polens entsprechen solle. Für den damit verbundenen Gebietsverlust sollten die Polen durch die deutschen Ostgebiete jenseits der Oder und der Görlitzer Neiße sowie im Norden entschädigt werden.
An diesem Punkt entzündete sich diesmal in Jalta eine heftige Kontroverse. Churchill und Roosevelt versuchten, die in Teheran getroffene Vereinbarung über die deutsche Ostgrenze nun doch noch etwas zugunsten Deutschlands zu revidieren. Der britische Premierminister lehnte jetzt die Neiße als Grenze entschieden ab. „Die polnische Gans darf nicht so mit deutschen Brocken vollgestopft werden, daß sie Verdauungsstörungen bekommt“, gab er zu bedenken und dachte damit wahrscheinlich an die Millionen Vertriebenen aus Schlesien, die so die Probleme der Alliierten im Nachkriegs-Deutschland nur noch vergrößern würden. Mit diesem Argument stieß der Westen bei Stalin jedoch auf wenig Verständnis. Die Frage der deutschen Ostgrenze blieb somit auch nach dem Treffen von Jalta weiter offen und sollte in einer zukünftigen Friedenskonferenz endgültig entschieden werden.
Ein für die Zukunft Deutschlands wichtiger Tagungspunkt war die Aufteilung des Deutschen Reiches in vier Besatzungszonen sowie die Entnazifizierung und Entmilitarisierung des Landes. Im Abschlußkommunique dokumentierten die drei Alliierten ihre einmütige Absicht, „den deutschen Militarismus für alle Zeiten zu zerschlagen“. Die NSDAP und ihre Organisationen und Einrichtungen würden aufgelöst, die Nazigesetze aufgehoben und alle Nationalsozialisten aus öffentlichen Ämtern und dem kulturellen wie wirtschaftlichen Leben des deutschen Volkes verbannt werden. Es ist allerdings ein anderes Kapitel, auf welche Weise diese Absichten in den beiden deutschen Staaten in die Wirklichkeit umgesetzt wurden.
Nicht durchsetzen konnte sich Churchill mit seiner harschen Forderung, alle Hauptkriegsverbrecher nach ihrer Identifizierung auf der Stelle zu erschießen. Sie sollten vielmehr nach Kriegsende in einem ordentlichen, aber schnellen öffentlichen Prozeß ihrer Strafe zugeführt werden.
Neben der polnischen Grenze zielte ein Hauptinteresse der Russen auf die Frage der Reparationen. In Jalta konnten die „Großen Drei“ hierbei allerdings nur in der Art, nicht aber in der Höhe eine Einigung erreichen. Stalin beantragte, die Gesamtsumme der deutschen Reparationsschuld auf 20 Milliarden Dollar festzusetzen, wovon die Sowjetunion allein die Hälfte erhalten sollte.
Die Sowjets zeigten in Jalta keine Hemmungen, die totale Auspowerung Deutschlands wider jede wirtschaftliche Vernunft zu verlangen. So sollten vier Fünftel aller deutschen Industriebetriebe demontiert und deutsche Arbeitskräfte für zehn Jahre zur Zwangsarbeit im Ausland verpflichtet werden. Für Churchill und Roosevelt, die sich noch lebhaft an die schlechten Erfahrungen mit den internationalen Reparationsforderungen nach dem Ersten Weltkrieg erinnern konnten, waren Stalins rücksichtslose Vorstellungen nicht akzeptabel. Wenn man wolle, daß ein Pferd einen Wagen ziehe, warnte der britische Premier, müsse man ihm wenigstens Futter geben. Die sowjetische Variante des Morgenthauplans, die Industrienation Deutschland in ein rückständiges Agrarland zu verwandeln, konnte gar nicht im Interesse Großbritanniens und der USA liegen. Sie waren zwar auch damit einverstanden, daß die Deutschen für die von ihnen verursachten Schäden ein Maximum an Wiedergutmachung leisten sollten, doch sollte Deutschland auch in Zukunft ein zahlungsfähiger Absatzmarkt für angelsächsische Waren bleiben.
Roosevelt, auf den Jalta-Fotos bereits unübersehbar vom Tod gezeichnet, nahm den weiten Weg zum Schwarzen Meer auf sich, um Stalin die Verpflichtung abzutrotzen, nach dem Ende der Kampfhandlungen in Europa am Krieg gegen Japan teilzunehmen. Dafür erkannten die Westmächte unter anderem den sowjetischen Anspruch auf die Kurilen und den Süden Sachalins an, die 1905 von Japan annektiert worden waren. Ohne daß freilich jemals die Rote Armee später auf dem pazifischen Kriegsschauplatz auch nur einen Schuß abgegeben hätte.
In der mittlerweile unübersehbar gewordenen Literatur über den Zweiten Weltkrieg hat sich wacker die Legende gehalten, die Westmächte hätten in Jalta vor Stalin kapituliert, ihm aus Schwäche oder in Illusionen verfallen Osteuropa gewissermaßen auf dem Silbertablett präsentiert. Veröffentlichungen mit Titeln wie »Verraten und verkauft. Die tragischen Fehler Churchills und Roosevelts«, die keineswegs nur in der McCarthy-Zeit ihre Verleger fanden, sollen andeuten, es hätte damals eine Alternative gegeben.
Dem war aber nicht so, wie ein Blick auf den Frontverlauf am 4. Februar 1945 zeigt. Die sowjetischen Truppen standen bereits an der Oder, keine 70 Kilometer von der Reichshauptstadt entfernt, sowie unmittelbar vor Danzig und Breslau. Fast ganz Polen und auch große Teile des schlesischen Industriegebiets waren von der Roten Armee besetzt. Mit jedem Tag, an dem die Sowjets weiter westwärts vorrückten, wuchs Stalins Macht. Nicht umsonst hatte der Kremlchef taktisch klug den Beginn der Jalta-Konferenz immer wieder hinauszuzögern verstanden.
Die Vorherrschaft der Sowjetunion in Osteuropa war im Februar 1945 bereits eine Realität, die der Westen wohl oder übel akzeptieren mußte. Er konnte daher auch nichts verschenken, was Stalin nicht schon hatte. Die sogenannten »Zugeständnisse von Jalta« sind somit lediglich Ausdruck einer nüchternen Realpolitik, bei der es vor allem auf das Überleben der Anti-Hitler-Koalition ankam.
[Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung, Nr. 29, Fr., 3. Febr. 1995, S. 11. Zeitgeschichte ]
von Karl Grobe
Wer sich vor fünf Jahren der »Ordnung von Jalta« widersetzte, galt als Revisionist, von dessen Wirken bedrohliche Spannungen in Europa ausgehen konnten. Diese Ordnung hat sich aufgelöst. Wer zu ihr zurück will, ist heute Revisionist. Die Interpretation der Ordnung ist eine Funktion der Machtverhältnisse. Schon das Abkommen war es, über das zu verhandeln die Chefs der »Großen Drei« heute vor fünfzig Jahren begonnen haben. Als sich Präsident Franklin D. Roosevelt und Premier Winston Churchill auf Einladung Marschall Josef Stalins in dem Kurort auf der Krim einfanden, hatte die Sowjetarmee den größten Teil Polens befreit und im »Lubliner Komitee«, das nun provisorische Regierung war, ein treues Gremium geschaffen, konkurrierend mit der „bürgerlichen“ polnischen Exilregierung in London. Osteuropa – bis auf den größten Teil der Tschechoslowakei, halb Ungarn und Kroatien – wurde von der Sowjetarmee kontrolliert.
Die Sowjetunion und ihre Anhänger waren also im östlichen Mitteleuropa als Machtfaktor etabliert, der Konflikt mit den beiden Westmächten über die künftige Ordnung Europas war unübersehbar geworden und bedurfte – noch war Krieg – der Behandlung. Es war zu klären, was aus dem bald besiegten Deutschland werden sollte. Als friedensbedrohender Faktor hatte es sich 1914 und 1933/39 erwiesen; das durfte sich nicht wiederholen. Uneinigkeit herrschte schon darüber, worin die treibende Kraft des deutschen Militarismus bestehe. Und es galt, die Gründung der Vereinten Nationen vorzubereiten. Auch da gab es Konfliktstoff.
Bei allen Themen wirkte sich die faktische Macht der Sowjetunion aus. Stalin hatte sich seine „Einflußsphären“ gesichert und ließ sie bestätigen; Premier und Präsident, Churchill und Roosevelt, hofften mit der Klausel, die demokratische Wahlen in den befreiten Staaten vorsah, die künftige Rolle Großbritanniens und der USA in Europa zu befestigen. Ging es um die Aufteilung der Welt? Faktisch hat die Einigung von Jalta so gewirkt. Der »Eiserne Vorhang«, von dem zuerst Churchill zwei Jahre später sprach, trennte Europa erst später. Doch während des gesamten Zeitraums, der von der Konkurrenz der beiden Großmächte USA und UdSSR bestimmt war, hat die Respektierung der Jalta-Abmachungen funktioniert. Die Voraussetzung dafür war offenkundig, daß keine der beiden, letztlich in ihren Blöcken entscheidenden Großmächte in der Lage war, die Fakten zu verändern, und keine bereit war, Terrain aufzugeben. Das erwies sich bald im griechischen Bürgerkrieg, später bei der Blockade Berlins, es ermöglichte die Existenz zweier deutscher Staaten, es hielt während des ungarischen Aufstands von 1956, ja noch während des Prager Reform-Aufbruchs von 1968. Die Einflußzonen beider Großmächte blieben stabil, solange diese sie stabil halten konnten, notfalls mit brüderlicher Waffengewalt. Die Alternative war der atomare Weltkrieg in Mitteleuropa.
Aus der Einsicht, die tödliche Konsequenz zu vermeiden, wuchs die Entspannungspolitik. Sie festigte zunächst den Zustand, noch unter der Jalta-Voraussetzung. Die Geschäftsgrundlage beider weltpolitischer Verfahrenweisen – Kalter Krieg und Entspannung – entfiel erst mit der Auflösungskrise der Sowjetunion. Zum Jalta-System hat die politische und soziale Entwicklung der Bundesrepublik gehört. Sie sollte Schaufenster kapitalistischer Leistungsfähigkeit sein und wurde es. Ein eigenständiger militärischer Faktor durfte sie ebensowenig werden wie der andere deutsche Teilstaat. Sie mußte zugleich von Anfälligkeiten für sozialistische Veränderungsversuche ferngehalten werden, hinter der die Poliere auf der Baustelle, welche die beiden West-Architekten in Jalta und später ihre Nachfolger einrichteten, stets die „Hand Moskaus“ witterten. Die soziale Marktwirtschaft, hatte ihre weltpolitischen Rahmenbedingungen. Der historische Kompromiß, der die westdeutsche Arbeiterbewegung, die demokratische Linke, letztlich die radikalen Randgruppen ins »Bonner System« integrierte, war mitbestimmt durch den sowjetischen Faktor seit Jalta. Dieser Faktor ist entfallen. Daher meinen einige, auf die soziale Komponente der Marktwirtschaft nun verzichten zu können. Ihr Grundirrtum liegt in der Geringschätzung sozialer Prozesse und ihrer radikalisierenden Folgen. Die Notwendigkeit partnerschaftlicher Friedenspolitik in Europa besteht erst recht. Die Verantwortung fällt ganz besonders der deutschen Politik zu. Sie muß endlich begreifen, daß nicht UN-Statussymbole und Männerfreundschaften Sicherheit stiften, daß diese vielmehr bedroht ist, solange Not und soziale Zerklüftung herrschen, solange die demokratischen Mechanismen und Verhaltensweisen der zivilen Gesellschaft unterentwickelt bleiben, solange Revisionismen wachsen können. Die notwendige Lehre aus Jalta besteht gerade in der endgültigen Abkehr von jedweder Geheim- und Kabinettspolitik, von Herrenclubs und Kasernendenken. Käme ein Jalta der alten Art nochmals zustande – ihm ginge ein Krieg voraus, den Europa nicht überlebt. Nur Trümmer wären zu verteilen.
Quelle: Frankfurter Rundschau, Nr. 30, Sa., 4.2.1995, S. 3
von Karl-Heinz Janßen
Im Streit mit der Bundesregierung beharrt Tschechin auf der Gültigkeit der Potsdamer Beschlüsse. Aber 1945 wurde kein Abkommen geschlossen, sondern bloß ein Konferenzprotokoll verabschiedet.
Nein, Klaus Kinkel hat nicht das Potsdamer Abkommen angezweifelt, wie aufgebrachte Tschechen meinen. Er konnte es schon deswegen nicht tun, weil es ein solches »Abkommen« nie gegeben hat, mögen auch Politiker und Journalisten dieses Gespenst, von dem man seit dem Untergang des Ostblocks nichts mehr gehört hatte, wieder aus dem Grab holen.
Anfang August 1945 konnten die Deutschen in den vier Besatzungszonen eine »Mitteilung über die Dreimächtekonferenz in Berlin« lesen, die aus vierzehn Abschnitten bestand. Im Cecilienhof in Potsdam, dem ehemaligen Schloß des deutschen Kronprinzen, hatten sich Mitte Juli die Staatsmänner der drei Siegermächte getroffen (Truman, Stalin und Churchill. der in der Endphase, nach seiner Wahlniederlage in England, von Attlee abgelöst wurde), um über die Nachkriegsordnung in Europa, den Krieg in Ostasien und andere Weltprobleme zu beraten. Als offizielles Dokument der Gipfelkonferenz gilt ein Verhandlungsprotokoll, das noch um sieben Abschnitte länger ausfällt als das Abschlußkommuniqué.
Das Ganze ist ein Sammelsurium von unverbindlichen Absichtserklärungen und zweideutigen Empfehlungen, von Meinungen, Übereinkünften und ein paar gemeinsamen Beschlüssen (so wird ein Rat der Außenminister beauftragt, Friedensverträge mit Deutschlands ehemaligen Verbündeten vorzubereiten). Keineswegs handelt es sich um einen formvollendeten Vertrag, der feierlich unterschrieben und dann ratifiziert wird, auch nicht um ein »Verwaltungsabkommen«, das zwar die Staatsmänner allein abschließen, das aber ebenso verbindlich ist wie ein regulärer Vertrag.
Sogar die Unterschriften fehlen unter dem Potsdamer Konferenzbericht vom 2. August 1945. In der letzten Plenarsitzung am späten Abend des 1. August ging es ziemlich chaotisch zu. Jeder hatte noch Ergänzungen fürs Kommuniqué, das bereits am nächsten Abend über den Äther gehen sollte. Darum übergaben die »Großen Drei« mehrere Haufen ungeordneter Papiere einem Unterausschuß, der alles harmonisieren sollte. Auf Blankobögen, die später mit Büroklammern an die beiden Dokumente (Protokoll und Presseerklärung) geheftet wurden, setzten die mächtigsten Männer der Welt formlos ihre Namenszüge, in der Reihenfolge Stalin, Truman, Attlee. Nach der Abreise der Staatsmänner benötigte der Unterausschuß zwei Sitzungen, ehe gegliederte, korrigierte Texte vorlagen – und selbst dann gab es noch Abweichungen. „Etwas Besseres war unter den Umständen nicht möglich“, bedauerte einer der britischen Diplomaten.
Schon nach ein paar Monaten zerstritt sich der Alliierte Kontrollrat über die Auslegung des Protokolls. Wie wenig verbindlich selbst Beschlüsse wie jener über die von Polen verwalteten deutschen Ostgebiete waren, zeigte sich 1947, als die Amerikaner vorschlugen, die Oder-Neiße-Linie um einige hundert Kilometer ostwärts zu verlegen, damit ein Teil der ostdeutschen Vertriebenen in die Heimat zurückkehren könnte.
Amerikanische oder englische Politiker haben denn auch nie von einem Potsdamer Vertrag oder Abkommen gesprochen. Anders die Russen: Für sie und ihre Marionetten in der DDR existierte ein völkerrechtlich verbindliches »Potsdamer Abkommen«, auf dem die neue europäische Ordnung aufbauen sollte. 25 Jahre lang gebrauchte es die Sowjetunion als Waffe im Kalten Krieg. Die DDR betrachtete die Potsdamer Erklärung eine Zeitlang als Ersatzfriedensvertrag.
In Bonn hat man sich diesen Schuh nie angezogen. Am 9. August 1968 erklärte die Regierung der Großen Koalition in einer Note an die Sowjetunion, es sei „nicht ihre Sache, sich über Gültigkeit, Auslegung und Geltungsbereich von Vereinbarungen zu äußern, an denen sie nicht beteiligt ist“. Außenminister Kinkel hat lediglich diese Ansicht wiederholt: Eine Abmachung unter Dritten ist für Deutschland völkerrechtlich unverbindlich. Dennoch muß niemand fürchten, die Bundesrepublik wolle die europäische Nachkriegsordnung destabilisieren. Im Gegenteil: Von 1949 bis 1992 hat sie in vielen internationalen Verträgen diese Friedensordnung mit aufgebaut und garantiert, zum Beispiel auch die Tschechische Republik in den Grenzen von 1937 respektiert.
Gegenstand des Streites zwischen Prag und Bonn ist nun das berechtigte Kapitel XIII der Potsdamer Beschlüsse. Darin heißt es, die drei Regierungen erkannten an ("recognize"), „daß die Umsiedlung der in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn befindlichen (deutschen) Bevölkerung oder von Teilen davon nach Deutschland vorgenommen werden muß“. Schon dieser Satz ist ein Beispiel für die Schludrigkeit der westlichen Politiker am Potsdamer Runden Tisch. Während sie an anderer Stelle die endgültige Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze von einem Friedensvertrag abhängig machten, wurden hier wie selbstverständlich deutsche Gebiete bereits als »Polen« bezeichnet.
Eigentlich hätte es des Kapitels XIII gar nicht bedurft, denn die Großen Drei waren sich seit den Kriegs-Gipfelkonferenzen von Teheran (1943) und Jalta (Februar 1945) einig, daß Millionen von Deutschen aus den Ostgebieten umgesiedelt werden sollten. Eine »Entmischung« sollte die 1918 zwischen Deutschland und Rußland entstandenen Nationalitätenstaaten von Minderheiten befreien, um den inneren Frieden abzusichern.
Die westlichen Alliierten rechneten überschläglich mit sechs bis sieben Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen, von denen der größere Teil in die Westzonen kommen werde. In Potsdam stellte sich die Lage jedoch anders dar. Nun waren mindestens acht bis zehn Millionen Menschen betroffen, die umzusiedeln nach Churchills Meinung undurchführbar sei, denn „sie bringen ihre Mägen mit“. Nachdem Stalin selbstherrlich ganz Ostdeutschland, das eigentlich zur sowjetischen Besatzungszone gehörte, den Polen überlassen hatte, mußten die Westzonen ohne die ostdeutsche Kornkammer auskommen. Wie sollten die englischen und amerikanischen Besatzungsbehörden solcher Belastung Herr werden? Die »wilde Austreibung« der deutschen Bevölkerung durch Polen und Tschechen mußte also dringend gestoppt und in ordentliche Bahnen gelenkt werden, mit einem genauen Zeitplan und aufgeschlüsselt auf die Besatzungszonen.
Nach Churchills Informationen standen noch 2,5 (von 3,2) Millionen Sudetendeutsche vor den Toren. Doch Stalin behauptete in der Plenarsitzung am 25. Juli 1945, die meisten hätten bereits die Tschechoslowakei verlassen. Auf seine drastische Art setzte er hinzu: „Die Tschechen geben ihnen zwei Stunden und werfen sie dann hinaus.“ (In der Wirklichkeit ließ man den Sudetendeutschen oft nicht mal eine halbe Stunde zum Aufbruch.) Und als erwogen wurde, ob nicht Präsident Benesch selber den Großen Drei Auskunft geben sollte, meinte Stalin, das hieße „den Senf nach der Mahlzeit servieren“.
Wie üblich, wenn die Großen nicht weiterkamen, überließen sie das Problem den Außenministern, die wiederum einen Unterausschuß einsetzten, der im Eilverfahren einen Beschluß fassen, mußte. Worauf es den Westmächten ankam – Stalin stimmte nach anfänglichem Sträuben zu –, verrät schon die Überschrift des Kapitels XIII: »Ordnungsgemäße Umsiedlung (transfer) der deutschen Bevölkerung«. Die drei Regierungen „stimmten darin überein“, daß die Umsiedlung „organisiert und human“ erfolgen solle. Diese Bedingungen sind freilich erst seit Anfang 1946 einigermaßen erfüllt worden. Denn zuvor mußte sich der Alliierte Kontrollrat in Berlin mit den Regierungen der Austreiberländer abstimmen.
Dem Text dieses Beschlusses ist nicht zu entnehmen, daß er die als »Umsiedlung« verbrämte Vertreibung völkerrechtlich sanktioniert, wie tschechische Politiker meinen. Was vorliegt, ist eine politische Absichtserklärung, die an die Regierungen in Prag und Warschau weitergegeben wird. Die Großen Drei erkennen an, daß zu Ende gebracht werden muß, was seit Monaten im Gange ist. Von Haß und Rachsucht erfüllte Polen und Tschechen hatten von sich aus die Initiative ergriffen. Stalin brachte es in der Schlußsitzung auf den Punkt: Wegen der Verhältnisse, die sie selber geschaffen hätten, sei es den Deutschen unmöglich, in diesen Ländern zu bleiben.
Die Tschechen brauchten damals nicht das Potsdamer Einverständnis, um ihre ehemaligen sudetendeutschen Mitbürger »abzuschieben«. Mehr als fünfzig Jahre danach jedoch klammern sie sich an den Artikel XIII, um, was Vertreibung, also „schweres Unrecht“ (Richard von Weizsäcker), war, weiterhin als „zwangsweise Aussiedlung“ ausgeben zu können.
Leichtfertig haben sich Präsident Truman und der britische Premierminister Attlee in Potsdam mit den hoffnungsvollen Vokabeln „geordnet und menschlich“ zufriedengegeben. Es stand nicht in ihrer Macht, die Vertreibung zu stoppen. Eher hilflos bedeuteten ihre Vertreter im Unterausschuß dem russischen Kollegen, „daß sie für den Gedanken von Massenausweisungen eigentlich nichts übrig hätten“. Andrerseits war den Westmächten die Einigung mit den Russen in Potsdam – die Konferenz drohte mehrmals zu platzen – wichtiger als das Leid Millionen Deutscher. Das Konferenzprotokoll läßt daran gar keinen Zweifel, heißt es doch im Kapitel III (»Über Deutschland«) gleich am Anfang: „Das deutsche Volk beginnt, für die furchtbaren Verbrechen zu büßen.“
Quelle: DIE ZEIT, Nr. 11, 8. März 1996. S. 12. Politik
von Hans-Anton Papendieck
Im Januar 1945 nahm in den deutschen Ostgebieten die größte Tragödie der deutschen Geschichte ihren Anfang. Insgesamt zwölf Millionen Menschen verließen bei eisiger Kälte in chaotischer Flucht ihre Heimat, getrieben von der Furcht vor der Rache der Sowjets. Zwei Millionen Menschen kamen unterwegs um, erfroren verhungert, ermordet, von Fliegerbomben oder der russischen Artillerie zerfetzt. Einige kehrten kurz nach Kriegsende in ihre zerstörten Dörfer zurück und wurden einige Jahre später ein zweites Mal, diesmal endgültig vertrieben, wenn sie nicht in einem der Zwangsarbeitslager des Archipel Gulag in den Weiten Sibiriens verschwanden.
Die Fotos dieser millionenfachen Flucht zeigen endlose Trecks, die sich durch verschneite Wälder quälen, vermummte verzweifelte Menschen vor zusammengebrochenen Wagen, Tote und Verstümmelte auf Feldern und an Straßenrändern. Zahlreiche schriftliche Zeugnisse haben das apokalyptische Ende des »Tausendjährigen« im Osten. »Aufbewahrt für alle Zeit«, wie der Titel des denkwürdigen Buches von Lew Kopelew heißt, der als Hauptmann der Roten Armee den Einmarsch der Sowjets im Winter 1945 in Ostpreußen miterlebt hat.
Für Ost- und Westpreußen für Schlesier, Sudetendeutsche und Pommern war der Zusammenstoß mit der Roten Armee um so heftiger, als er für die meisten von ihnen im Grunde unerwartet kam. Anders als die Bewohner der westdeutschen Städte, die den Krieg in den Bombennächten bereits kennengelernt hatten, lebten die Menschen in den Ostprovinzen des damaligen Deutschen Reiches fast bis zum Schluß im tiefsten Frieden. Vor allem für die Landbevölkerung war der Krieg etwas, das sich weit entfernt in den Steppen Rußlands abspielte. Hinzu kam, daß sie, nach unserem heutigen Verständnis, in unvorstellbarer Naivität den Propagandalügen des Dritten Reiches vertrauten und selbst, als die Sowjets bereits an der Grenze standen, nicht wahrhaben wollten, daß der Krieg verloren war.
Von der Politik der verbrannten Erde hatten die wenigsten je gehört; von der systematischen Ausrottung von Polen, Juden, Russen und Ukrainern wußten sie in der Regel nichts oder wollten es nicht wissen. So ahnten nur wenige, was sich in den osteuropäischen Völkern an Haß gegen die Deutschen aufgestaut hatte. Als die Rote Armee dann deutschen Boden betrat, schlug das Pendel zurück. Wie eine Lawine brach dieser Haß über die ahnungslose Bevölkerung herein. Ihre Opfer waren nicht nur Deutsche, sondern auch französische und belgische Kriegsgefangene, die auf den ostdeutschen Bauernhöfen gearbeitet hatten.
Der normale Rotarmist hatte Jahre der Entbehrungen in einem erbarmungslosen Krieg hinter sich, oft hatte er seine ganze Familie verloren und wußte von den Deutschen häufig nicht mehr, als daß sie sein Land mit Krieg überzogen und verwüstet hatten und daß es nun galt, Rache an den „verdammten Faschisten“ zu nehmen, gleich, ob es Frauen Kinder oder Greise waren. Auf ihrem Vormarsch waren die Sowjets durch abgebrannte Dörfer marschiert, sie hatten die Stätten der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie gesehen: Sobibor Treblinka Majdanek, Belzec, Chelmno, Stutthof und Auschwitz. An Aufforderungen, an den Deutschen Rache zu üben, ließ es die politische Führung der Sowjetunion nicht fehlen.
Berühmt wurde ein Aufruf aus dem Jahr 1943, der Ilja Ehrenburg zugeschrieben wird und in der der russische Schriftsteller die Rotarmisten aufforderte, jeden Deutschen, auf den er traf, zu töten: „Die Deutschen sind keine Menschen. Von nun ab ist das Wort »Deutscher« für uns der allerschrecklichste Fluch. Von nun ab entlädt das Wort »Deutscher« das Gewehr. Wir werden nicht reden. Wir werden uns nicht empören. Wir werden töten. Wenn Du im Laufe eines Tages einen Deutschen nicht getötet hast, ist Dein Tag verloren. Wenn Du den Deutschen nicht tötest, wird der Deutsche Dich töten. Wenn du den Deutschen mit der Kugel nicht töten kannst, töte den Deutschen mit dem Seitengewehr. Zähle nur eins: die von dir getöteten Deutschen.“
In einer Orgie von unvorstellbaren Greueln, von Mißhandlungen, Plünderungen Vergewaltigungen, Brandschatzungen und willkürlichen Morden entlud sich dann der aufgestaute Haß der vorrückenden Roten Armee. Wer dieser Hülle entkam, auf den warteten im Westen weitere Jahre der Entbehrungen, denn er kam in ein Land das den Krieg verloren hatte und dessen Städte in Schutt und Asche lagen. Die Flüchtlinge kamen als Bettler, in Lumpen gekleidet. Halbtot vor Hunger und Erschöpfung drängten sie in zerstörte Städte und überfüllte Dörfer und mußten sich, oft über Jahre hinweg, mit behelfsmäßigen Unterkünften in Lagern, Baracken, Ställen oder in engen Wohnungen begnügen. Wer seine Trauer über die verlorene Heimat nicht bei sich behielt oder die Greuel der Flucht zu schildern versuchte, setzte sich außerdem dem Verdacht des Revanchismus und der Vergeltungssucht aus. Die Westdeutschen waren noch einmal davongekommen und wollen von den Erlebnissen der Flüchtlinge meist nichts wissen.
Im nachhinein stellt sich das Chaos der letzten Kriegsmonate im Osten freilich auch als großangelegte Vernichtungsaktion der Nationalsozialisten an der deutschen Bevölkerung dar. Die hätten die Flucht ohne weiteres im Herbst 1944 organisieren können und taten es, beispielsweise in Schlesien, großenteils auch. In Ostpreußen aber galt jeder, der Haus und Hof verließ, als Defätist und machte sich strafbar. So war die Flucht aus Ostpreußen besonders chaotisch, sie forderte die meisten Opfer. Alle Planungen im Herbst 1944 beschäftigten sich höchstens mit einem vorübergehenden Einbruch der Roten Armee trotz der dringenden Mahnung der Wehrmacht, die Bevölkerung zu evakuieren.
So fuhren viele Trecks viel zu spät los und gerieten nicht selten direkt in die Kampfhandlungen hinein oder zwischen die Fronten. Der Hauptsturm der Flüchtlinge konzentrierte sich zudem auf die Durchgangsstraßen, wo sie sich mit den vorrückenden oder auf dem Rückzug befindlichen Militärkolonnen verkeilten. Bomben und Tiefflieger verwandelten manche Trecks in Sekundenschnelle in Trümmerhaufen. In den Straßengräben häufte sich zerstreuter Hausrat, dazwischen lagen steifgefrorene Säuglinge, von Granaten zerfetzte Tiere und Menschenleiber. Die nachdrängenden Panzer schoben mitleidlos von der Straße, was den Verkehr aufhielt. Vielen Flüchtlingen fehlte zudem jede Einsicht in die Endgültigkeit der Flucht. Außer ihrem Dorf kannten sie häufig nichts anderes von der Welt. Es für immer verlassen zu müssen, erschien ihnen unvorstellbar. Selbst wenn im Herbst 1944 eine geordnete Massenevakuierung organisiert worden wäre, wäre sie möglicherweise am Widerstand der Landbevölkerung gescheitert, die sich an ihren Boden klammerte und sich einen Verlust ihrer vertrauten Umgebung nicht vorstellen konnte, ihn allenfalls als vorübergehend ansah. So verließen viele erst Haus und Hof, als es längst zu spät war.
Wer nicht rechtzeitig hatte aufbrechen können oder von der Front – unterwegs oder in seinem Dorf – eingeholt worden war, den ereilte ein grausiges Schicksal. Die Rotarmisten fanden auf ihrem Vormarsch viele verlassene Dörfer vor, das Vieh auf den Weiden war verendet, aber in einigen Ortschaften waren einzelne Familien oder alte Menschen zurückgeblieben. In den am östlichsten gelegenen Dörfern fanden sie einen grauenhaften Tod, weiter im Westen »begnügten« sich die Rotarmisten damit, die Frauen zu vergewaltigen und die Häuser zu plündern, bevor sie sie in Brand steckten. Die Gründlichkeit, mit der sie die Inneneinrichtungen der Häuser zertrümmerten, Betten aufschlitzten, Bilder zerschnitten und ganze Lebensmittellager in Rauch und Flammen aufgehen ließen, gehört zu den von den Deutschen mit am meisten bestaunten Seltsamkeiten der fremden Truppen. Die Rote Armee könnte längst in Berlin sein, wenn sie sich nicht so mit dem Mobiliar aufhalten würde, hieß es damals sarkastisch. Erst später begannen die Russen, die weiter westlich gefundenen Inneinrichtungen der Häuser, wie auch alle sonstigen Anlagen, einschließlich der Eisenbahnschwellen, systematisch abzutransportieren.
Begonnen hatte die sowjetische Offensive allerdings schon am 22. Juni 1944, am dritten Jahrestag des Kriegsbeginns im Osten. 2,2 Millionen Rotarmisten griffen auf einer Breite von 700 Kilometern die vier deutschen Armeen mit 400.000 Soldaten an, die die Heeresgruppe Mitte bildeten. Mit einer zehnfachen Übermacht an Panzern und Geschützen walzte die sowjetische Offensive alles nieder, was sich ihr in den Weg stellte. In nur sechs Wochen stand sie vor den Grenzen des Reichs. 28 deutsche Divisionen waren vollständig zerrieben.
In Königsberg residierte um diese Zeit Gauleiter Erich Koch, zuvor Hitlers furchtbarer Statthalter in der Ukraine. Zwangsarbeit, Hunger, Erschießungen kennzeichneten seine Politik im Osten. Vor allem diesem Mann ist das spätere Flüchtlingschaos in Ostpreußen zuzuschreiben, denn er war es, der jede rechtzeitige Evakuierung verbot. Statt dessen ließ er Zehntausende von alten Männern und halben Kindern rekrutieren.
Dieses letzte Aufgebot, der Volkssturm, mußte im Herbst 1944 Gräben und Schützenlöcher ausheben, um den Vormarsch der russischen Panzerverbände zum Stehen zu bringen. Es war eine absurde Idee, aber die Menschen klammerten sich an diese Fiktion einer »Sicherheit« wie auch an die Endsieg-Propaganda, um nicht der gefürchteten Wahrheit ins Auge sehen zu müssen.
Während Erich Koch tönte, „kein echter Deutscher darf auch nur daran denken, daß Ostpreußen in russische Hände fällt“, bauten die Sowjets an den Grenzen Ostpreußens eine gewaltige Streitmacht auf. Am 5. Oktober 1944 griffen sie mit 19 Schützendivisionen, unterstützt von Luftwaffe und Artillerie und drei Panzerkorps das Memelland und die Stadt Memel an und durchbrachen die deutsche Front. Erstmals bekamen die flüchtenden Deutschen die Rache der Sieger zu spüren. Die russischen Panzer schossen auf die Trecks, dann überrollten sie sie gnadenlos und zerquetschten, was sich ihnen in den Weg stellte. Wer diesem ersten Ansturm entronnen war, suchte in Ostpreußen eine erste Bleibe, immer in der Hoffnung, daß die deutschen Truppen ihre Heimat zurückerobern und sie wieder zurückkehren könnten.
Am 21. Oktober 1944 rasselten acht Panzer der 11. Gardearmee nach Nemmersdorf im Kreis Goldap, ganz im Osten Ostpreußens, hinein und trafen dort auf einen Flüchtlingstreck aus dem Norden. Seit diesem 21. Oktober steht der Name Nemmersdorf für alle Schrecken der Roten Armee, denn Nemmersdorf war der erste deutsche Ort, in dem Zivilisten den Rotarmisten in die Hände fielen. Der Ort wurde wenig später von deutschen Truppen zurückerobert, aber sie fanden mehr als 70 Frauen und Kinder ermordet vor. Die Fotos der vergewaltigten, an die Scheunentore genagelten und erschossenen Frauen gingen durch die gesamte deutsche und ausländische Presse und lösten unter der deutschen Bevölkerung und im Ausland einen ungeheuren Schock aus. Denn unter den Ermordeten von Nemmersdorf und Goldap befanden sich auch 50 französische Kriegsgefangene.
An der Front blieb es, trotz der ungeheuren Überlegenheit der Roten Armee, bis in den Januar 1945 hinein ruhig. Die Sowjets warteten die Kälte ab, die die Straßen passierbar und die Wiesen für die Panzer befahrbar machen und die Gewässer mit Eis überziehen würde. Am 12. Januar, am Neujahrstag des russischen Kalenders, war es dann soweit. Mit ungeheurer Wucht begann die Rote Armee ihre Offensive in Ostpreußen. Der sowjetische Generaloberst Hybalko hatte die Soldaten in einem Tagesbefehl aufgefordert: „Die langerwartete Stunde, die Stunde der Rache ist gekommen. Wir alle haben Gründe für die Rache. Meine Tochter, eure Schwester, unser Mütterchen Rußland, die Zerstörung unseres Landes.“
An diesem Tag begann die Massenflucht der Ostpreußen, bei Minustemperaturen unter 20 Grad. Viele kamen nicht weit, weil die Front sie einholte, und sie kehrten wieder zurück, wie Frau L. Sternberg aus Groß-Nappern im Kreis Osterode, die beim Betreten des einzigen, nicht zerstörten Hauses ihres Heimatdorfes auf eine grausige Szene stieß: „Ein Bild unvorstellbaren Grauens bietet sich uns. Verstreutes und verschüttetes Essen, Tote sitzen auf dem Sofa, hängen über Stühlen, liegen in den Betten. Fußboden und Wände sind mit Blut bespritzt. Ein Hund kläfft uns an. Fort, nur fort von hier.“
Die Medizinstudentin Josefine Schleiter aus Osterode berichtet unter dem Datum vom 11. Januar aus Preußisch Holland, unweit Elbing, als eine russische Panzerkolonne ihren Treck erreicht: „Die Panzer schossen in den Treck, rollten über Pferde, Wagen und Menschen hinweg. Frauen und Kinder kämpfen mit dem Tod. Hinter mir sagt ein junges Mädchen zu ihrem Vater: Vater, bitte erschieß mich. Ja, sagt ihr 16jähriger Bruder, wir haben nichts mehr zu erwarten. Der Vater blickt seine Kinder an, die Tränen laufen ihm über das Gesicht, und er sagt mit ruhiger Stimme: Wartet noch etwas, Kinder! Da kommt ein russischer Offizier auf einem Pferd herangeritten. Einige deutsche Soldaten werden zu ihm geführt. Er nimmt seinen Revolver, Schüsse knallen. Die Leichen bleiben liegen. Keiner wagt, sie anzurühren.“
Am 26. Januar wurde Ostpreußen bei Elbing abgeschnürt, so daß keine Trecks mehr durchkamen; der Zugverkehr war schon am 22. Januar eingestellt worden. So strömten die Trecks in den Norden zum Frischen Haff und versuchten die Nehrung zu erreichen. Das Haff ist eine flache, zwei bis vier Meter tiefe Meeresbucht der Ostsee, ihr ist eine siebzig Kilometer lange Landzunge vorgelagert, die Nehrung, die das Haff von der See fast völlig abschneidet. Das Eis war an manchen Stellen schon brüchig geworden, so daß viele Flüchtlinge einfach einbrachen und untergingen, zumal die russischen Kampfflugzeuge die Trecks und das Haff bombardierten. Eine Bauersfrau erinnert sich: „Die Bomben schlugen Löcher, und ganze Reihen von Wagen gingen unter. Wir hatten keinen Lebensmut und warteten sehnsüchtig auf den Tod.“
Der Weg über die Nehrung war so schmal, daß zwei Wagen nebeneinander nur knapp Platz hatten. Wenn ein Wagen liegenblieb, entwickelte sich ein Stau, der Stunden dauern konnte. Pro Tag kamen die Trecks oft nur drei bis fünf Kilometer vorwärts. Die Kälte ließ zwar kleine Kinder und alte Leute erfrieren, sie rettete aber vielen das Leben. Denn das zugefrorene Haff war für die Trecks, die in den Kesseln von Braunsberg und Heiligenbeil eingeschlossen waren, der einzige Ausweg geworden.
Die Flucht über das vereiste Haff war nur ein Ausschnitt aus der Völkerwanderung gegen Ende des Krieges, aber sie war typisch für die militärische Situation im Osten. Die Rote Armee hatte in großen Zangenbewegungen die Landverbindungen in den Westen abgeschnitten, so daß für Millionen nur der Seeweg über die Ostsee als Fluchtmöglichkeit geblieben war. Zuerst wurden die Straßen zwischen Ost- und Westpreußen abgeschnitten, dann die zwischen Westpreußen und Pommern, schließlich war auch die Bevölkerung Pommerns eingekesselt. Die Hafenstädte aber hielten weitgehend dem Druck der Angreifer stand.
In dieser Situation mobilisierte die Marine alles, was noch einigermaßen seetüchtig war, um die in den Ostseehäfen gestauten Flüchtlinge in Sicherheit zu bringen. Kreuzer, Zerstörer, Torpedoboote, Minensuchboote, Transporter, Handelsschiffe aller Art und Größe stießen in Richtung Osten in See. Für zwei Millionen Menschen bedeuteten diese Schiffe die letzte Hoffnung, der Rache der Sowjets zu entgehen. Jedesmal, wenn ein Schiff anlegte, begann ein Kampf auf Leben und Tod unter den verzweifelten Menschen. Viele wurden in dem Gedränge zu Tode gequetscht.
Obwohl Hunderte von Schiffen zwischen Kiel, Lübeck, Kopenhagen und Pillau, Elbing, Danzig, Gotenhafen und Kolberg pendelten, reichten sie nie aus, um alle Menschen aufzunehmen. Einige Schiffe wurden unterwegs von sowjetischen U-Booten angegriffen und versenkt, darunter die »Wihelm Gustloff« mit 60D0 Menschen an Bord. Am 30. Januar schickte das russische U-Boot S 13 mit drei Torpedos das völlig überfüllte Kreuzfahrtschiff in die Tiefe. Nur 904 Menschen wurden gerettet.
Aber die Marine setzte die Aktion fort. Tag und Nacht stampften die Schiffe über die stürmische Ostsee bis zum Tag der Kapitulation am 8. Mai, obwohl russische Torpedoflieger und Kampfboote die Konvois immer wieder angriffen. So versank am 16. April der Frachter »Goya«, ebenfalls mit 6000 Menschen an Bord, innerhalb von vier Minuten. Die Halbinsel Hela vor Danzig entwickelte sich so in den letzten Wochen des Krieges zum größten Menschenumschlagplatz Europas. 400.000 Menschen sammelten sich auf der sonst nur von einigen Fischern bewohnten Halbinsel. Jeden Tag nahmen die Schiffe Flüchtlinge, Verwundete und Soldaten auf, um sie in den Westen zu schaffen. Die russische Artillerie schoß zwar ständig nach Hela hinüber und griff die Flüchtlinge mit Bombern an, aber für die meisten war Hela sicherer als die Landstraßen von Ost- und Westpreußen, über die sie sich hierher geschleppt hatten. In die Dünen schaufelten Soldaten Massengräber, in denen die Toten bestattet wurden. Wenn die russische Artillerie schwieg, sprachen Geistliche ein Gebet.
Günter Böddeker notiert in seinem Standardwerk »Die Flüchtlinge« als Bilanz dieses „größten Rettungsunternehmens aller Zeiten“: „135 versenkte Schiffe, zwanzigtausend Tote. Aber mehr als zwei Millionen Menschen entrannen den Russen - dank der Tapferkeit, der Einsatzbereitschaft und der Unermüdlichkeit deutscher Seeleute von Kriegsmarine und Handelsflotte und der Soldaten des Heeres, die um der Frauen und Kinder willen aushielten, als sie selbst schon verloren waren.“
Auch in Schlesien bildeten sich Trecks, weil die Bahn die Menschenmassen nicht bewältigte, aber insgesamt vollzog sich die Flucht, die am 19. Januar begann, geordneter als die aus Ostpreußen und Pommern, denn Schlesien wurde nicht in so kurzer Zeit überrollt. Die Mehrheit wurde per Bahn oder Omnibus nach Sachsen oder in das Sudetenland hinein transportiert, 100.000 Frauen und Kinder flüchteten vom 20. Januar an zu Fuß aus Breslau. Als die Rote Armee Mitte Februar Breslau angriff, lebten noch etwa 200.000 Menschen in der Stadt 40.000 kamen während der folgenden Luftangriffe und Kämpfe um. Erst am 7. Mai fiel Breslau.
In Pommern und Brandenburg war der Zusammenprall mit der Roten Armee ähnlich traumatisch wie für die Menschen in Ost- und Westpreußen. Peter Block aus Bublitz in Hinterpommern war nicht geflüchtet und schildert die Vorgänge vom 28. Februar, nachdem die Russen den kleinen Ort eingenommen und angezündet hatten: „Es setzte nun die Verschleppung der irgendwie noch arbeitsfähigen Personen ein. In den meisten Fällen geschah sie wohl rein willkürlich, als reine Vergeltung, wie uns ja bei jeder Maßregel gesagt wurde: »Eure Leute haben es noch viel schlimmer gemacht«. Am 2. März kamen wiederum Rotarmisten in unser Haus. Wir mußten uns in einem Zimmer versammeln. Dann winkten sie einzelne von uns heraus. Hierunter waren auch meine Mutter und meine Tante. Mit Tränen in den Augen verabschiedete sich meine Mutter von uns. Wir haben sie seitdem nie wieder gesehen.“
Die meisten Flüchtlinge, die Anfang 1945 unter den geschilderten dramatischen Umständen ihre Heimat verlassen hatten, waren überzeugt, bald wieder zurückkehren zu können. Im April lebten 4,4 Millionen Menschen in den deutschen Ostgebieten, bis zum Juli 1945 waren 1,125 Millionen wieder zurückgekehrt, viele von ihnen wollten, wenn sie schon unter russische Herrschaft geraten waren, lieber in der Heimat leben als in Brandenburg, Sachsen oder Pommern. Die Rückkehrer zogen zu Fuß durch abgebrannte Orte und über Landstraßen, auf denen noch die Leichen von Soldaten und Zivilisten verwesten. Es gab keinerlei Organisation, die sich um die Menschen gekümmert hätte. Schätzungsweise 400.000 Menschen sind bis Ende Juni aus der damaligen sowjetischen Besatzungszone wieder in die Gebiete östlich von Oder und Neiße zurückgekehrt; aus der Tschechoslowakei kamen die Menschen nach Schlesien zurück, so daß die entleerten Städte und Dörfer sich wieder füllten. Auch die Ortschaften in Ostpommern belebten sich wieder, manche erreichten im Sommer 1945 wieder 50 bis 60 Prozent des alten Standes. Nur nach Ostpreußen kehrten nur wenige zurück.
Das schwerste Schicksal erlitten die aus den Ostgebieten in die sowjetischen Zwangsarbeitslager verschleppten Menschen. Bei diesen Verschleppungen handelt es sich um eine systematisch betriebene Aktion, die von der sowjetischen Führung geplant und einheitlich von den vier Heeresgruppen der Roten Armee betrieben wurde. Stalin stützte sich dabei auf das Zugeständnis von Churchill und Roosevelt auf der Jalta-Konferenz im Februar 1945, die ostdeutsche Zivilbevölkerung zur Sklavenarbeit abzukommandieren. Reparationen in Sachleistungen, hieß das in Jalta. Wenige Wochen nach der Besetzung trieben die Rotarmisten möglichst viele arbeitsfähige Deutsche zusammen und transportierten sie in Güterzügen in Kohlegruben, Panzerfabriken, in Steinbrüche und Ziegeleien, wo sie schwerste körperliche Arbeit leisten mußten. Rund die Hälfte dieser etwa 500.000 »Reparationsverschleppten« sind umgekommen. Die Überlebenden sind 1948, 1949 oder später nach Deutschland zurückgeschickt worden.
Auf den Konferenzen von Jalta und Potsdam behauptete Stalin, östlich von Oder und Neiße lebe kein einziger Deutscher mehr. Das stimmte nicht. In Wirklichkeit gab es Mitte 1945 mehr als fünf Millionen Deutsche in den polnisch besetzten Gebieten. Wie sie von der polnischen Miliz in Hunderten von Lagern und Gefängnissen drangsaliert worden sind, so daß sie die Vertreibung schließlich als Erlösung aus einer unerträglich gewordenen Lage ansahen, das schildert die mehrbändige »Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa«, die von der Wissenschaftlichen Kommission der Bundesregierung herausgegeben worden ist, in allen Einzelheiten. Die größte Gruppe der vertriebenen Deutschen waren die Sudetendeutschen; insgesamt 3,5 Millionen wurden im Laufe des Jahres 1945 aus ihren Städten und Dörfern verjagt, 25.000 Frauen, Kinder und alte Männer in der Nacht zum 30. Mai aus Brünn. Den Frauen blieben zehn Minuten, die Kinder zu wecken, sich anzuziehen, ein paar Habseligkeiten zusammenzupacken und sich auf die Straße zu stellen. Hunderte starben auf dem folgenden Todesmarsch an Typhus, Ruhr und Erschöpfung. An der österreichischen Grenze kam es zum Chaos, denn die Österreicher weigerten sich, die Flüchtenden aufzunehmen, die Tschechen, sie zurückzunehmen.
Millionen Deutsche büßten für den von den Nazis begonnenen und mit unvorstellbarer Grausamkeit geführten Krieg noch Jahre nach dessen Ende. Es war vor allem die Bevölkerung in den ehemaligen deutschen Ostgebieten, aber auch die deutsche Minderheit in Ungarn, Jugoslawien in der Tschechoslowakei und Rumänien, die aus ihren Siedlungsgebieten vertrieben wurde. Insgesamt haben 17 Millionen Deutsche und Deutschstämmige von 1944 bis 1950 in Osteuropa ihre Heimat verlassen oder verlassen müssen. Rund 4,5 Millionen von ihnen blieben verschollen, mindestens 2,2 Millionen aus dieser Gruppe haben damals ihr Leben verloren. Das geht aus Statistiken des ehemaligen Bundesministeriums für Vertriebene hervor. Knapp acht Millionen kamen in die alten Bundesländer vor allem nach Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern, weitere vier Millionen gingen in die Sowjetzone (von 1949 an DDR) oder nach Berlin. Damit fanden 12 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten im Verlauf der größten Völkerwanderung der Geschichte in der heutigen Bundesrepublik Deutschland eine zweite Heimat.
Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung, Sa./So., 25./26. Februar 1995. Der siebente Tag, S. I/II
Aus dem »Ostpreußischen Tagebuch« von Hans Graf von Lehndorff
Hans Graf von Lehndorff leitete Anfang 1945 ein Lazarett in Königsberg. Er erlebte die Einnahme der Stadt durch die Russen. Zuvor war er vor ihnen aus Insterburg geflohen. Die Tage vor dem Einmarsch der Russen dort hat er in den folgenden Aufzeichnungen festgehalten:
17. Januar
Die Russen sind an vielen Stellen durchgebrochen und rücken vor. Gumbinnen brennt. Nachts ist der ganze Osten ein Flammenmeer. Einzelne Flugzeuge kommen bis zu uns und werfen Leuchtschirme. Wir haben alle Patienten, die sich noch im Hause befinden, in die unterste Etage gebracht.
18. Januar
Man kann noch telephonieren. Ich sprach mit meiner Mutter und mit meinem ältesten Bruder, der vom südlichen Teil der Ostfront gerade auf Urlaub nach Hause gekommen ist. Sie sind dabei, einen Treck vorzubereiten. Das muß heimlich geschehen, weil noch keine offizielle Genehmigung dazu vorliegt. Mein Vater spielt mit dem Gedanken, noch eine Wildjagd zu geben. Im Walde ist so viel Rotwild wie noch nie. Nur weiß er nicht, wo er die Schützen herbekommen soll.
19. Januar
Unser Krankenhaus wird geräumt. Alle Patienten und die meisten Schwestern fahren nach Pommern ab, wo sie in einem Privathaus auf dem Lande unterkommen sollen. Wir bleiben ohne Arbeit. Ich packe ein paar Gegenstände, die mir wert sind, in eine der vielen tausend Kisten, die seit Monaten laufend fabriziert werden, um das ganze Inventar der Stadt nach Westen zu befördern. Mit dem Rodelschlitten bringe ich sie zum Güterbahnhof. Dort verschwindet sie unter Hunderten ihresgleichen.
Auf dem Rückweg fällt mir eine Dame auf, die von Paketen umgeben, am Straßenrand steht. Als ich zögernd vorübergehe, spricht sie mich an: „Ach, würden Sie mir bitte eine Speditionsfirma nennen! Ich möchte meine antike Wohnungseinrichtung von hier aus weiterbefördern. Wir haben sie eben mit vieler Mühe aus Gumbinnen herausgeholt, aber die Soldaten, die mir dabei geholfen haben, konnten mich nicht weiter mitnehmen. Es sind alles wertvolle Stücke, die ich wegen der Bomben vor zwei Jahren aus Wuppertal zu Bekannten nach Gumbinnen gebracht habe. Dies hier sind nur die kleinen Sachen, die großen stehen dort drüben in einem Hof.“
Wir gehen über die Straße, um sie in Augenschein zu nehmen. Es handelt sich um acht riesige Stücke, darunter ein eichenes Büfett von mindestens zehn Zentnern Gewicht. Ich staune wie sie das alles aus der brennenden und auf drei Seiten vom Feind umgebenen Stadt herausgeschafft hat. Und dann stellen wir uns wieder an die Straße, um den Versuch zu machen, eines der in wildem Tempo vorbeirasenden Militärfahrzeuge anzuhalten, denn eine aktionsfähige Speditionsfirma dürfte kaum mehr aufzutreiben sein. Inzwischen nehme ich einen schüchternen Anlauf, die Dame zur Abreise ohne ihre Möbel zu bewegen. Aber davon will sie nichts wissen. Ihr Mann ist gefallen, Kinder hat sie nicht, ihr Haus ist zerstört - dies ist das einzige, was ihr noch gehört und woran sie hängt.
Während wir noch sprechen, erscheinen schwere Flugzeuge in niedriger Höhe über der Stadt. Ich traue meinen Augen nicht, als ich sämtliche Soldaten von der Straße gedankenschnell in den umliegenden Häusern untertauchen sehe. Nur die Zivilisten bleiben übrig. Aber dann fängt es da oben schon an zu blitzen und zu knattern. Ach, ach so! Das sind ja die Russen! Und so nah! So nah haben wir sie bei Tage noch nicht zu sehen bekommen. Sie machen einen Bogen und nehmen den Bahnhof unter Feuer.
20. Januar
Auf meinem Erkundungsgang zum Bahnhof finde ich die Möbel der Dame aus dem Westen noch vollzählig vor. Sie selbst ist damit beschäftigt, aus den kleineren Gegenständen ein paar handliche Pakete zu machen, die sie mit Bahnexpreß abschicken will. Ich begleite sie zum Bahnhof. Dort wimmelt es von Menschen, die noch Kisten und Koffer wegschicken wollen. Als wir in einer langen Schlange vor dem Schalter stehen, gibt es plötzlich einen Knall, und Fensterscheiben fliegen uns um die Ohren. Alles rennt zum Ausgang, blickt nach oben, zieht schnell den Kopf ein und beschleunigt das Tempo. Ich packe meine Begleiterin bei der Hand und renne mit ihr los. Über uns stehen zehn oder zwölf Schlachtflieger wie Drachen in der Luft. Wir überqueren den Vorplatz und springen in den mit Menschen bereits überfüllten Schutzgraben. Im gleichen Augenblick kommt mit gewaltigem Rauschen die Bombenlast herunter. Ein kurzes, ohrenzerreißendes Splittern und Krachen – dann quillt der Menschenstrom wiederum aus der Erde hervor und verteilt sich in Windeseile nach allen Seiten.
Gegen drei Uhr nachmittags ertönen Hornsignale zum Zeichen für die restlichen Einwohner, die Stadt endgültig zu verlassen. Wir begleiten die übriggebliebenen Schwestern zum Bahnhof, wo der letzte Zug unter Dampf steht, und winken ihnen erleichtert nach, als sie bei hereinbrechen der Dunkelheit aus dem gefährdeten Bahnhofsgebiet heraus langsam nach Westen abrollen. Mit uns auf dem Bahnsteig zurückgeblieben ist die Dame aus dem Westen, die uns vorher schon im Krankenhaus aufgesucht und geholfen hat, die mit den Koffern der Schwestern beladenen Krankentragen zum Bahnhof zu schieben. Sie hat sich inzwischen innerlich und äußerlich von ihren Möbeln freigemacht und verspricht lachend, mit der nächsten Autogelegenheit das Weite zu suchen.
Quelle: »Ostpreußisches Tagebuch« von Hans Graf von Lehndorff. Biederstein Verlag, München
Was Augenzeugen berichten:
Der Treck rumpelte über die Straße, die von der Kreisstadt Gumbinnen in Ostpreußen nach Südwesten führte. Frauen und Kinder auf den Leiterwagen hatten sich unter die Planen verkrochen. Dichter Regen fiel. Aus Südwesten wehte starker Wind. Die knarrenden und polternden Geräusche der Pferdewagen wurden überlagert von fernem, rollendem Donner. In den Städten und Dörfern, die die Menschen verlassen hatten, tobte die Schlacht. Die Männer, die Frauen und die Kinder im Treck hofften, hinter der Angerapp, die im Osten Ostpreußens von Süden nach Osten strömt, Schutz zu finden. Der Fluß, so glaubten sie, würde die Russen und ihre Panzer aufhalten und den Flüchtlingen einen hinreichenden Vorsprung verschaffen.
So war das Ziel des von Nordosten kommenden Trecks die Brücke, die im Ort Nemmersdorf über die Angerapp führte. Diese Brücke aber war an jenem Tag auch das Ziel einer anderen Kolonne: Sie kam aus Südosten und bestand aus acht stählernen Fahrzeugen: russische Panzer der II. Gardearmee unter General Galitsky. Der deutsche Widerstand kümmerte die Russen wenig. Die Tanks rasselten weiter, immer weiter nach Westen.
Im Morgengrauen schob sich der Treck in Nemmersdorf hinein. Die Wagen füllten die ganze Breite der Hauptstraße. Es regnete noch immer. Die Flüchtlinge entschlossen sich zu einer Pause. Es war ein verderblicher Entschluß. In dieser Stunde am 21. Oktober 1944 erreichten auch die Russen den Ort Nemmersdorf. In das Gescharre und Gestampfe der Pferde vor den Wagen der Flüchtlinge mischte sich plötzlich das Gerassel von Ketten. Aus dem Schleier von Regen und Dunst dröhnte das Panzerrudel heran. Die stählernen Kolosse wälzten sich ohne Halt durch die Hauptstraße, über den Flüchtlingstreck hinweg, von seinem Ende bis zu seinem Anfang – und noch einmal von seinem Anfang bis zu seinem Ende. Dann kletterten die Panzerbesatzungen aus den Luken.
Die Russen konnten Nemmersdorf in jenen Tagen nicht halten. Die Soldaten der 4. deutschen Armee, die unter dem Befehl des Generals Hoßbach standen, kämpften den Ort Nemmersdorf wenig später wieder frei. Nemmersdorf war der Ort, in dem Rußlands Rache für mehr als drei Jahre deutscher Gewaltherrschaft erstmals explodierte. Für die Ereignisse von Nemmersdorf gibt es eine Reihe von Zeugenaussagen. Die Wissenschaftliche Kommission der Bundesregierung zur Geschichte der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa hat für ihre Dokumentation den Bericht des Volkssturmmanns Karl Potrek aus Königsberg ausgewählt, der zu den Einheiten gehörte, die nach Nemmersdorf vorstießen. Er schrieb:
„Meine Volkssturmkompanie erhielt den Befehl, in Nemmersdorf aufzuräumen. Schon kurz vor Nemmersdorf fanden wir zerstörtes Flüchtlingsgepäck und umgeworfene Wagen. In Nemmersdorf selbst fanden wir den geschlossenen Flüchtlingstreck. Alle Wagen waren durch die Panzer völlig zerstört und lagen am Straßenrand oder im Graben. Das Gepäck war geplündert, zerschlagen oder zerrissen, also vollständig vernichtet. Dieser Flüchtlingstreck war aus der Gegend Ebenrode und Gumbinnen. Ich stellte dieses beim Aufräumen fest. Im Straßengraben fand ich ein Männerjackett. Aus der Brusttasche ragte ein Stück weißes Papier heraus. Das ganze Flüchtlingsgut wurde gesammelt und in die Dorfkirche getragen. Von den Flüchtlingen selbst haben wir nichts gefunden.
Am Dorfrand in Richtung Sodehnen-Nemmersdorf steht auf der linken Straßenseite ein großes Gasthaus Weißer Krug, rechts davon geht eine Straße ab, die zu den umliegenden Gehöften führt. An dem ersten Gehöft, links von dieser Straße, stand ein Leiterwagen. An diesem waren vier nackte Frauen in gekreuzigter Stellung durch die Hände genagelt. Hinter dem Weißen Krug in Richtung Gumbinnen ist ein freier Platz mit dem Denkmal des Unbekannten Soldaten. Hinter diesem Platz steht wiederum ein großes Gasthaus Roter Krug. An diesem Gasthaus stand längs der Straße eine Scheune. An den beiden Scheunentüren waren je eine Frau, nackt in gekreuzigter Stellung, durch die Hände genagelt. Weiter fanden wir dann in den Wohnungen insgesamt 72 Frauen einschließlich Kinder und einen alten Mann von 74 Jahren, die sämtlich tot waren, fast ausschießlich bestialisch ermordet bis auf nur wenige, die Genickschüsse aufwiesen. Unter den Toten befanden sich auch Kinder im Windelalter, denen mit einem harten Gegenstand der Schädel eingeschlagen war.
In einer Stube fanden wir auf einem Sofa in sitzender Stellung eine alte Frau von 84 Jahren vor, die vollkommen erblindet gewesen und bereits tot war. Dieser Toten fehlte der halbe Kopf, der anscheinend mit einer Axt oder mit einem Spaten von oben nach dem Halse weggespalten war. Inzwischen kam eine Krankenschwester aus Insterburg, die in Nemmersdorf beheimatet war und hier ihre Eltern suchte. Unter den Ermordeten fand sie ihre Mutter von 72 Jahren und auch ihren alten schwachen Vater von 74 Jahren, der als einziger Mann zu diesen Toten gehörte. Diese Schwester stellte dann fest, daß alle Toten Nemmersdorfer waren.“
Andere Augenzeugen haben diesen Bericht über die Oktober-Greuel in Ostpreußen ergänzt: Generalmajor Erich Dethleffsen, damals Stabschef in der 4. deutschen Armee in Ostpreußen, erklärte am 5. Juli 1946 vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg: „Als im Oktober 1944 russische Verbände in der Gegend Groß Waltersdorf (südöstl. Gumbinnen) die deutsche Front durchbrachen und vorübergehend bis Nemmersdorf vorstießen, wurde in einer größeren Anzahl von Ortschaften südlich Gumbinnen die Zivilbevölkerung – zum Teil unter Martern wie Annageln an Scheunentore durch russische Soldaten erschossen. Eine große Anzahl von Frauen wurde vorher vergewaltigt. Dabei sind auch etwa 50 französische Kriegsgefangene durch russische Soldaten erschossen worden. Die betreffenden Ortschaften waren 48 Stunden später wieder in deutscher Hand. Die Vernehmungen lebengebliebener Augenzeugen, ärztliche Berichte über die Obduktion der Leichen und Photographien der Leichen haben mir wenige Tage später vorgelegen.“ Oberleutnant Dr. Heinrich Amberger, Kompaniechef im 2. Regiment »Hermann Göring«, gab unter Eid zu Protokoll: „Am Straßenrand und in den Höfen der Häuser lagen massenhaft Leichen von Zivilisten, die augenscheinlich nicht im Lauf der Kampfhandlungen durch verirrte Geschosse getötet worden, sondern planmäßig ermordet waren. Unter anderem sah ich zahlreiche Frauen, die man, nach der Lage der verschobenen und zerrissenen Kleidungsstücke zu urteilen, vergewaltigt und danach durch Genickschuß getötet hatte. zum Teil lagen daneben auch die ebenfalls getöteten Kinder.“
Quelle: »Die Flüchtlinge« von Günter Böddeker. Verlag Langen Müller, München.
Der Landwirt Theodor Schmuh aus dem Dorf Dirschel im Kreis Leobschütz in Oberschlesien beschreibt die Vertreibung aus seinem Heimatdorf:
Anfang Juli 1945 kamen einige Polen mit wenigen Habseligkeiten ins Dorf und besetzten leerstehende Besitzungen. Dann kamen immer neue Transporte, jeder Pole suchte sich selbst den Besitz aus, was ihm gefiel, und sagte: „Das ist mein.“ Sobald sie Besitz ergriffen hatten, gaben sie jungen Bürschchen deutsche Gewehre in die Hand, und wir wurden bewacht wie Kriegsgefangene; keiner durfte ohne Begleitung von so einem Lausejungen auf sein eigenes Feld gehen, um sich ein paar selbstgebaute Kartoffeln zu holen.
Das ging bis 11. September. Nachmittags gegen 16.00 Uhr kam polnische Miliz in jedes Haus und forderte jeden Deutschen auf, binnen fünf Minuten das Haus zu verlassen. Ohne eine Ahnung zu haben, um was es sich handelt, wurden alle Deutschen – über 900 Personen – ins Schloß (Lager) getrieben und wurden bis 15. Oktober stark bewacht und sehr mangelhaft beköstigt... Während der Lagerzeit haben die Polen von dem gesamten Hab und Gut Besitz ergriffen, und uns blieb nichts mehr übrig als das, was wir in den fünf Minuten, die uns gelassen wurden, bevor wir ins Lager gingen, gerettet haben.
Am 15. Oktober wurde das Lager aufgelöst, und jeder Pole konnte sich Deutsche zur Arbeit nehmen, wie er wollte. Es waren auch solche Polen, die keinen Deutschen mehr ins Haus genommen haben. Unter diesen Lumpen war auch der, der von meinem Haus Besitz ergriffen hat, und ich mußte in einem fremden Haus in einer Dachkammer mit meiner Familie unterkommen...
Was die »polnische Verwaltung« zu bedeuten hatte und deren Auswirkung, ist uns damals nicht bekannt gewesen. Wir waren bloß auf Gerüchte angewiesen; die lauteten, daß die Polen bloß vorübergehend dableiben. Von einer Aussiedlung war uns nichts bekannt, bis am 25. Juni 1946 große Plakate hingen in deutscher Schrift: Die Aussiedlung der Deutschen ist von den Alliierten beschlossen, wir werden in die englische Zone gebracht, gute Reise und Behandlung wird gewährt, jeder Transport hat zwei Sanitätswagen und Begleitpersonal, die Alten und Kranken werden gesondert im Lazarettzug befördert.
So haben wir von einem Tag auf den anderen gewartet auf Befehl zum Abmarsch. Am 6. Juli wurden sämtliche Beamte und Geistliche aus dem ganzen Kreis abgeschoben, in den nächsten Tagen kam Nachricht aus den Nachbardörfern, daß die Aussiedlung weitergeht. Am 23. Juli abends kam Befehl: Morgen 6.00 Uhr, alles am Turnplatz mit Gepäck, bloß, was jeder tragen kann; Fuhrwerk darf nicht benutzt werden.
Der Abtransport zum Kontrollager – 25 Kilometer zur Kreisstadt Leobschütz – dauerte vom 24. morgens 7.00 Uhr bis abend 21.00 Uhr, und wir wurden eingeteilt, waggonweise zu 35 Personen. Am 25. früh kam der Befehl: Antreten zur Kontrolle. Das dauerte bis gegen Mittag. Da wurde uns das letzte Brauchbare abgenommen, bis aufs Hemd nach Geld oder Wertsachen untersucht und blieben im Hof (Kloster Mariazell) liegen bis abends 21.00 Uhr.
Dann konnten wir zum Bahnhof abrücken. Dort kam ich unglücklicherweise in einen Wagen zu 70 Personen. Dabei hatte ich meine Schwiegereltern über 80 Jahre und krank, die lt. Anordnung per Sanitätsfahrzeug fahren sollten, wurden aber alle zusammengestopft. Als ich bei einem längeren Aufenthalt den Tansportführer bat, die alten Leute in den Sanitätswagen zu nehmen (von sanitären Sachen nichts zu sehen), bekam ich den Bescheid, es liegen hier welche zum Sterben (was ich nicht selbst gesehen habe), und er habe die Anweisung bekommen, wenn einer stirbt, rauszuschmeißen und um nichts mehr kümmern...
Quelle: »Flucht und Vertreibung« von Lothar Q.
Gaunitz. Podzun-Pallas-Verlag, Wölfersheim-Berstadt. –
Nach: Hannoversche Allgemeine Zeitung, Sa./So., 25./26. Februar 1995. Der
siebente Tag, S. I/II
Die Gefahr eines Krieges wird in einigen Kreisen weit übertrieben. Die sowjetische Regierung wünscht und erwartet jetzt keinen Krieg mit uns in absehbarer Zukunft. Die Kampagne gegen Kriegstreiberei in der UNO beabsichtigt, unsere Führungsrolle in der Welt zu schwächen und die UNO davon abzuhalten, als wirkungsvolles Druckmittel gegen die kommunistische Expansion eingesetzt zu werden.
Der politische Vormarsch der Kommunisten in Westeuropa konnte wenigstens zeitweise aufgehalten werden. Dies ist das Ergebnis mehrerer Faktoren, von denen ein wichtiger die Aussicht auf US-Hilfe ist.
Der Stillstand des kommunistischen Vormarsches zwingt Moskau, seinen Einfluß in Osteuropa zu konsolidieren. Es muß wahrscheinlich die Tschechoslowakei vollständig in den Griff bekommen. Denn falls sich der politische Trend in Europa gegen den Kommunismus wendet, könnte eine relativ freie Tschechoslowakei zu einem bedrohlichen Keil in Moskaus politischer Position in Osteuropa werden. Dies bedeutet auch, daß der Kreml höchstwahrscheinlich den kommunistischen Parteien Frankreichs und Italiens befehlen wird, ihre Zukunft in diesen Ländern letztlich im Bürgerkrieg zu suchen, sobald unser Recht, Truppen in Italien zu stationieren, abgelaufen ist. Wenn dies geschieht, ist zur selben Zeit mit einem verstärkten Druck auf Griechenland zu rechnen.
Während dieser Operationen werden die Russen versuchen, ihr Engagement zu tarnen und uns keinen Anlaß zu einem förmlichen Protest gegen sie liefern.
Unsere beste Antwort darauf ist, auf jede Art und Weise örtliche Widerstandskräfte zu stärken und andere zu überzeugen, einen größeren Teil der Last des Widerstandes gegen den Kommunismus zu übernehmen. Die gegenwärtige »Bi-Polarität« wird auf lange Sicht jenseits unserer Möglichkeiten liegen. Ebenso wird sie die UNO überfordern. Es ist durchaus möglich, daß die Russen sich bald aus dieser Organisation zurückziehen, wenn wir fortfahren, die UNO als Instrument zur Mobilisierung der Weltöffentlichkeit und als Druckmittel gegen sie anzuwenden.
Alles in allem muß unsere Politik darauf ausgerichtet sein, ein Kräftegleichgewicht in Europa und Asien wiederherzustellen. Das bedeutet, daß wir auf der Außenministerkonferenz darauf bestehen müssen, Westdeutschland von kommunistischer Kontrolle freizuhalten. Wir müssen dann sehen, daß es besser in Westeuropa integriert wird und daß ein Teil unserer Verantwortung für die Bedingungen dort auf die westeuropäischen Verbündeten und auf das deutsche Volk übertragen wird. [...]
[Quelle: Foreign Relations of the United States 1947 I, S. 772 [übersetzt]]
„Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund auf erfolgen.
Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein . . .
Stärkung der wirtschaftlichen Stellung und Freiheit des einzelnen; Verhinderung der Zusammenballung wirtschaftlicher Kräfte in der Hand von Einzelpersonen, von Gesellschaften, privaten und öffentlichen Organisationen, durch die die wirtschaftliche oder politische Freiheit gefährdet werden könnte. Kohle ist das entscheidende Produkt der deutschen Volkswirtschaft. Wir fordern die Vergesellschaftung der Bergwerke . . .
Unternehmungen monopolartigen Charakters, Unternehmungen, die eine bestimmte Größe überschreiten, verleihen eine wirtschaftliche und damit politische Macht, die die Freiheit im Staat gefährden kann. Dieser Gefahr muß dadurch vorgebeugt werden, daß entsprechende Kartellgesetze erlassen werden. Darüber hinaus soll bei diesen Unternehmungen das machtverteilende Prinzip eingeführt werden, damit jede mit dem Gemeinwohl unverträgliche Beherrschung wesentlicher Wirtschaftszweige durch den Staat, Privatpersonen oder Gruppen ausgeschlossen wird.
Planung und Lenkung der Wirtschaft ...wird auch in normalen Zeiten der Wirtschaft in gewissem Umfang notwendig sein was sich aus unserer Auffassung ergibt, daß die Wirtschaft der Bedarfsdeckung des Volkes zu dienen hat...
Notwendig ist auf jeden Fall, daß die breiten Massen der Arbeitnehmer und Konsumenten an dieser Planung und Lenkung innerhalb der wirtschaftlichen Selbstverwaltung neben den Unternehmern gleichberechtigt teilnehmen. In ihren letzten Entscheidungen unterliegen auch die Selbstverwaltungskörperschaften der parlamentarischen Kontrolle.“
„Vollständige Liquidierung der Überreste des Hitlerregimes und der Hitlerpartei...
Kampf gegen Hunger, Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit. Allseitige Unterstützung der Selbstverwaltungsorgane in ihrem Bestreben, rasch ein normales Leben zu sichern und die Erzeugung wieder in Gang zu bringen.
Völlig ungehinderte Entfaltung des freien Handels und der privaten Unternehmerinitiative auf der Grundlage des Privateigentums...
Herstellung der demokratischen Rechte und Freiheiten des Volkes. Wiederherstellung der Legalität freier Gewerkschaften der Arbeiter und Angestellten und Beamten sowie der antifaschistischen demokratischen Parteien. Umbau des Gerichtswesens gemäß den neuen demokratischen Lebensformen des Volkes ... [...]
Schutz der Werktätigen gegen Unternehmerwillkür und unbotmäßiger Ausbeutung. Freie demokratische Wahlen der Betriebsvertretungen der Arbeiter, Angestellten und Beamten in allen Betrieben, Büros und bei allen Behörden...
Enteignung des Vermögens der Nazibonzen und Kriegsverbrecher. Übergabe dieses Vermögens in die Hände des Volkes zur Verfügung der kommunalen oder provinziellen Selbstverwaltungsorgane.
Liquidierung des Großgrundbesitzes der großen Güter der Junker, Grafen und Fürsten...
Obergabe aller jener Betriebe, die lebenswichtigen öffentlichen Bedürfnissen dienen (Verkehrsbetriebe, Wasser-, Gas- und Elektrizitätswerke etc.), sowie jener Betriebe, die von ihren Besitzern verlassen wurden, in die Hände der Selbstverwaltungsorgane...
...
...
Anerkennung der Pflicht der Wiedergutmachung für die durch die Hitleraggression den anderen Völkern zugefügten Schäden. Gerechte Verteilung der sich daraus ergebenden Lasten auf die verschiedenen Schichten der Bevölkerung nach dem Grundsatz, daß die Reicheren eine größere Last tragen...“
„...Das deutsche Volk muß die Kosten der faschistischen Hochstapelei bezahlen! Ehrlose Hasardeure und wahnwitzige Machtpolitikaster haben den Namen des deutschen Volkes in der ganzen Welt geschändet und entehrt...
Das elementarste Lebensgesetz des neuen Staats verlangt die völlige Beseitigung aller Reste der faschistischen Gewaltherrschaft . . .
Deshalb fordern wir
1. Restlose Vernichtung aller Spuren des Hitlerregimes in Gesetzgebung, Rechtsprechung und Verwaltung...
2. Sicherung der Ernährung. Bereitstellung von Arbeitskräften und genossenschaftlichen Zusammenschluß in der Landwirtschaft...
Förderung der Verbrauchergenossenschaften und Neuregelung des Kleinhandels...
4. Wiederaufbau der Wirtschaft unter Mitwirkung der kommunalen Selbstverwaltung und der Gewerkschaften...
8. Verstaatlichung der Banken, Versicherungsunternehmungen und der Bodenschätze, Verstaatlichung der Bergwerke und der Energiewirtschaft. Erfassung des Großgrundbesitzes und der lebensfähigen Großindustrie und aller Kriegsgewinne für die Zwecke des Wiederaufbaus, Beseitigung des arbeitslosen Einkommens aus Grund und Boden und Mietshäusern. Scharfe Begrenzung der Verzinsung aus mobilem Kapital. Verpflichtung der Unternehmer zur treuhänderischen Leitung der ihnen von der deutschen Volkswirtschaft anvertrauten Betriebe...
Wir wollen vor allem den Kampf um die Neugestaltung auf dem Boden der organisatorischen Einheit der deutschen Arbeiterklasse führen! Wir sehen darin eine moralische Wiedergutmachung politischer Fehler der Vergangenheit, um der jungen Generation eine einheitliche politische Kampforganisation zu geben. Wir bieten unsere Bruderhand allen, deren Losung ist: Kampf gegen den Faschismus, für die Freiheit des Volkes, für Demokratie und Sozialismus! . . .“
Quelle: Rath/Müller (Hg.): Die Entstehung der BRD, S. 50f., 70f., 73f.
Kommentar zur Einordnung der Parteiprogramme:
Der inhaltliche Übergang von der Analyse des NS-Herrschaftssystems zur aktuellen Untersuchung des heutigen Deutschlands knüpft an die antifaschistischen Prämissen des Grundgesetzes an. Doch der Antifaschismus der „ersten Stunde“ wurde nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland sehr bald zur Adenauerschen Restauration im Windschatten des „Kalten Krieges“. Erst diese Entwicklung macht es verständlich, warum wir uns heute wieder mit neonazistischen Gruppen und neofaschistischen Tendenzen auseinandersetzen müssen.
Die Problematik von Antifaschismus und Restauration nach 1945 verkürzt sich auf den Widerspruch von durchgängig antikapitalistischem Anspruch in Parteiprogrammen einerseits (Partei A: CDU, Partei B: KPD, Partei C: SPD) und historischer wie aktueller gesellschaftlicher Realität der Bundesrepublik andererseits. Einige Erklärungsansätze für die Verhinderung einer grundlegenden Neuordnung und Realisierung der Konsequenzen aus historischen Erfahrungen müssen aus der Situation der entstehenden Ost-West-Konfrontation mit ihrem Bündnis-Opportunismus und aus der fortgesetzten Macht eines Teils der bisherigen politischen, besonders aber wirtschaftlichen Eliten heraus entwickelt werden.
Entstehungsbedingungen und Folgen des „Kalten Krieges“, der deutschen Spaltung usw. sind zunächst noch ausgeblendet, müssen aber im weiteren Verlauf der Arbeit mit einbezogen werden. Zunächst folgen Materialien zur materiellen Situation im Nachkriegsdeutschland, der Politik der alliierten Siegermächte und der daraus getroffenen wirtschaftspolitischen Grundsatzentscheidungen vor dem Hintergrund der in den Parteiprogrammen aufscheinenden, aber nicht realisierten andersartigen Optionen für eine gesellschaftliche Entwicklung, die den immanenten Zwängen der Nachkriegsrestauration nicht anheimgefallen wäre.
* Grundkonzeption übernommen aus: Battmer/Rischmüller/Voigt, Faschismus in Deutschland und Neonazismus. Hannover 1978/Dortmund 1981 [GEW Niedersachsen / Pädagogische Arbeitsstelle Dortmund (Pad)]
[1] In diesem Gremium zur Beratung des Reichswehrministeriums, das meistens unter dem Vorsitz des Reichswehrministers Werner von Blomberg tagte, saßen als ständige Vertreter der Reichswehr die Generale Walther von Reichenau und Wilhelm Keitel. Die wichtigsten Konzerne waren durch Robert Bosch, Konrad von Borsig, Wilhelm Keppler, Carl Krauch, Paul Reusch, Hermann Röchling, Carl Friedrich von Siemens, Fritz Springorum, Fritz Thyssen und Albert Vögler vertreten.
[2] Hier ist der Erste Weltkrieg gemeint.
Überarbeitete Fassung aus dem Manuskript zu:
Battmer, Gerd / Rischmüller, Werner / Voigt, Gerhard, 1978/1981:
Faschismus in Deutschland und Neonazismus. Hannover 1978 [GEW
Niedersachsen] / Dortmund 1981 [Pädagogische Arbeitsstelle Dortmund
(Pad)].
Genutzt als Unterrichtsmaterial im Politik-Unterricht der Klassenstufe 11
der Bismarckschule Hannover in der Fassung vom 22.02.2004
Internetpublikation am 14.10.2011
Herausgegeben vom Verband der Politiklehrer e.V., Hannover
Vorsitzender: Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009). Potsdamer Str. 20,
30952 Ronnenberg / Region Hannover.
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Bearbeitungsstand: 22.02.2004.
Letzte Bearbeitung: 14.10.2011