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Deutschland:
Gesellschaft - Wirtschaft - Politische Kultur
Gerhard Voigt:
Zwischen den Grenzen
Bundesrepublik Deutschland - DDR - Polen
1. Ethnographische Reflexionen an den
Grenzen in Mitteleuropa?
Es mangelt nicht an scharfsichtigen Analysen über die
ökonomischen, gesellschaftlichen und systemischen Umbrüche im
Zusammenhang mit dem Prozess der deutschen Einheit und der (Selbst-)Auflösung
des „Ostblocks“. Das Thema der Transformationsländer und
ihres Verhältnisses zu West- und Mitteleuropa, konzentriert auf den
Problemkreis der Osterweiterung der Europäischen Union, gehört
mittlerweile zu den Pflichtstoffen der Schulfächer Geographie und Politik.
Doch werden Lehrer wie Schüler das Gefühl nicht Los,
daß diese scheinbar objektive Betrachtungsweise eine wesentliche
Dimension für das Verständnis der Umgestaltungen in Europa –
vielleicht noch eingebunden in die Prozesse der Globalisierung und
Universalisierung – ausspart.
Es wäre nun zu kurz gegriffen und zu wenig
distanziert, nur auf ein mögliches Fehlen der subjektiven Perspektive,
der Wertungen und der offensichtlichen Normenkonflikte –
also auf das in Teilen der deutschen Bevölkerung offensichtliche
„Unbehagen an der Einheit“ – zu rekurrieren. Rein
erlebnisorientierte Berichte über den Vereinigungsprozess und die
unterschiedlichen Lebenswelten in Ost und West gibt es, mehr oder weniger
seriös oder auch nur anekdotisch oder biographisch, zu Hauf. Diese tragen
jedoch zur Erhellung der figurativen und mentalitätsgeschichtlichen
Unter- und Gegenströmungen der Systemtransformation nur wenig bei und
verstärken potentiell oft irrationale, undistanzierte und reduktive
Vorurteile und Antihaltungen.
In zweierlei Hinsicht, und das gerade als dringendes
Desiderat des Schulpraktikers und Universitätsdidaktikers in der
Lehrerausbildung, muß ein neuer Zugang zum Transformationsthema gefunden
werden,
-
einmal, indem die subjektive Perspektive als
diskursiv zu erschließendes Erlebnis und darauf aufbauend als
gesellschaftlich relevante (kollektive) Erfahrung mit sozialem
Eigensinn verstanden wird, was also letztlich die Einführung einer
ethnologischen Perspektive auf die deutsche Einheit bedeutet, die
in der Lage ist, Symbolverhalten und Rituale zu erkennen und in ihrer
geschichtlichen Tiefe auszuloten,
-
und zum anderen über die enge Fixierung der
analytischen Aufmerksamkeit auf die beiden Teile Deutschlands hinaus die
europäische Dimension mit einzubeziehen und z.B. durch den
Vergleich der Erfahrungen in und mit der DDR mit denen in der
Volksrepublik Polen allgemeingültigere Aufschlüsse über
gesellschaftliche und zivilisatorische Veränderungen und Fundierungen
zu gewinnen, die auch für den heutigen Vergleich der
Transitionsgesellschaften Ostdeutschlands und Polens oder Ungarns
fruchtbar gemacht werden können.
Diese Einbeziehung verschiedener Distanzebenen, die
gleichwohl vor einer kritischen aber unmittelbaren Einbeziehung sehr
persönlicher Erlebnisse und die Reflexion über die eigenen Reaktionen
auf eben diese Erlebnisse nicht zurückschrecken darf
,
ermöglicht einen diskursiven Distanzaufbau, der in seinem Wesen
didaktischer Natur ist.
Die nachfolgende auch persönlich motivierte und
fundierte und aus einem konkreten biographischen Kontext hervorgehenden
Überlegungen und Berichte gehen davon aus,
-
daß die persönliche, gefühlsmäßige Reaktion auf die
Konfrontation mit der Staatsmacht der DDR oder der Volksrepublik Polen
in allen ihren Unterschieden, wie sie der Reisende aus der
Bundesrepublik Deutschland bei Besuchen oder der Transitreise bis 1990
erfahren hat, nicht nur einer eigenen individualpsychologischen
Verarbeitung bedarf, sondern eine eigensinnige gesellschaftliche
Realität schuf, die auch heute noch pädagogisch aufzuarbeiten ist,
-
daß die staatliche Existenz der beiden deutschen
Staaten bis 1990 nicht nur real-politische Konflikte und
Systemkonkurrenzen repräsentierte, sondern bis in den existenziellen
Kern von symbolischem Verhalten konstituiert war, was damit auch
konkurrierende Zivilisierungsprozesse evozierte, und
-
daß das Auftreten der Staatsgewalt z.B. in den
militärischen Feindbildern oder an den diversen Grenzübergängen weder
nur Ausdruck des Gewaltmonopols des modernen Nationalstaates noch
legitime Reaktion auf tatsächliche oder geglaubte Bedrohungen war,
sondern vielmehr hochritualisiertes Verhalten darstellte, das
die Ambivalenz zum Ausdruck brachte
-
zwischen der Unsicherheit der neuen
Nachkriegs-Machteliten, adäquate gesellschaftliche
Situationsdefinitionen und Verhaltensstandards zu finden, da die
Selbstverständlichkeit der intergenerationellen Traditionsvermittlung
abgerissen war ,
-
und der angestrebten Sinngebung von Herrschaft,
die sich ebenso wenig auf tradierte und allgemein akzeptierte
Selbstverständlichkeiten stützen konnte und die mit der Krise des
Nationalstaates, ausgedrückt im Vorwurf des Staatsversagens,
zunehmend zum grundlegenden Problem wurde
,
das in Westdeutschland durch die Generationenaufgabe der europäischen
Integration und die Abgabe von staatlichen Souveränitätsrechten weniger
evident war als in den osteuropäischen Staaten.
In der Nachkriegszeit fand in Mitteleuropa sowohl im
Westen wie im Osten erstmalig in der Gesellschaftsgeschichte eine
grundlegende Entkoppelung von Alltagverhalten und tradierter
Selbstverständlichkeit statt, die zu neuen Formen von
Zivilisierungsprozessen führen musste und die grundlegenden
gesellschaftlichen Figurationen gravierend veränderte.
Die Transformations- und Einheitsproblematik ist
damit weder vom theoretischen Konzept her noch von der
Erklärungsmächtigkeit sozialwissenschaftlicher Empirik adäquat deduktiv
zu erschließen, sondern, den pädagogischen Implikationen des Themas
folgend, induktiv-erfahrungsorientiert zu strukturieren, wobei der
diskursive Anspruch die sachlich wie didaktisch notwendige Distanzebene
schaffen soll.
Sollten die Ergebnisse abschließend fachlich
rubriziert werden, sind sie als Beitrag zu einer Kulturgeschichte der
Transformationsprozesse zu verstehen, die vor allem
Grenzerfahrungen fokussiert.
Dies ist ganz real als Erfahrungen an den
Staatsgrenzen zu verstehen ,
als symbolischer Kontext jedoch maßgeblich einer philosophisch tiefer
gründenden Grenzerfahrung zuzuordnen, die erst Bewusstsein
konstituiert .
Falls einmal eine umfassendere Ethnographie
Mitteleuropas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschrieben
werden sollte, wird der leitende Topos sicherlich der der Grenze
und ihrer Bewältigung oder Überwindung in psychologischer, kultureller und
politischer Hinsicht sein. Und diese Ethnographie wäre notwendig im Kern
einer diskursive, pädagogischen Ethnologie verpflichtet.
Literatur
Claußen,
Bernhard / Donner, Wolfgang
/ Voigt, Gerhard, Hrsg.,
2001: Krise der Politik – Politische Bildung in der Krise?
Diskussionsbeiträge aus der Arbeit der Akademie für Politik, Wirtschaft
und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern in Zusammenarbeit mit dem Verband
der Politiklehrer. Demokratie und Aufklärung: Kritische
Sozialwissenschaften und Politische Bildung im Diskurs – Materialien,
Band 1. Glienicke/Berlin / Cambridge/Massachusetts
Leiris,
Michel, 1977: Die eigene und die fremde Kultur. Ethnologische
Schriften. Syndikat. Frankfurt am Main.
Lévi-Strauss,
Claude, 1978: Traurige Tropen. Frankfurt/M. {Tristes Tropiques.
Paris 1955}
Liebow,
Elliot, 1967: Tally’s Corner. Boston. – Auszug (S. 50-71) unter dem
Titel: Über die schlechte Arbeitsmoral und die mangelnde
Zukunftsperspektive der sozial Ausgeschlossenen, übersetzt von
Herbert Leirer, auch
abgedruckt in: Heinz Steinert,
Hg., 1973: Symbolische Interaktion. Arbeiten zu einer reflexiven
Soziologie. Stuttgart. S. 213-225.
Mergel,
Thomas, 2001: Einmarsch der Matadore. Symbole und Rituale: Die neue
Politikgeschichte macht sich ethnologische Perspektiven zueigen.
Frankfurter Rundschau, 06.03.2001. Forum Humanwissenschaften. (Über
Frankfurter Rundschau online <www.fr-aktuell.de>.
Nettelmann,
Lothar / Voigt, Gerhard,
1986: Polen – Nation ohne Ausweg? Eine Einführung in Politik,
Wirtschaft, Kultur und Umwelt. Geschichte und Staat, Bd. 274. Olzog.
München.
Nettelmann,
Lothar / Voigt, Gerhard,
1996: Reflexionen über den Begriff der Krise. In: politik
unterricht aktuell Heft 1-2, (Verband der Politiklehrer e.V.). 1996:
19-38.
Voigt,
Gerhard, 1990: Jugend, Schule, Politik: Sozialisationsinstanz Schule im
Wandel. Zur Krise der gesellschaftlichen Realitätsdefinition. In:
politik unterricht aktuell Heft 1, 1990 (Verband der Politiklehrer e.V.).
Hannover: 1-7.
Voigt,
Gerhard, Hrsg., 2001: Staatsgesellschaft. Forum Politologie und
Soziologie. Glienicke/Berlin / Cambridge/Massachusetts
[1] Beispiele für
diese Dialektik von erlebnisorientierter Unmittelbarkeit und Schaffen
von kritischen Distanzebenen und die Reflexion über die damit
verbundenen Erkenntnis- und Methodenprobleme finden sich in den
klassischen Werken der kritischen Ethnographie z.B. bei Mead,
Lévi-Strauss oder Michel Leiris. Ihre Wendung auf die
industriestaatlichen Gesellschaften und damit die Grenzüberschreitung
zur empirischen Sozialforschung gelingt Elliot Liebow. Der Diskurs
über ethnologische Zugänge zur Sozial- und Politikgeschichte, auch
geschult durch die Rezeption der Zivilisationstheorie in der
Nachfolge von Norbert Elias, wird zunehmend wieder aktuell. Vgl. dazu
die Notiz von Mergel, 2001.
Die Parallelen zur pädagogischen Problematik, die diesen Aufsatz
motivieren, sind evident. Auch in der Schülerschaft und der
Schülerinnen und Schüler gegenüber Schule und Gesellschaft ist diese
Selbstverständlichkeit der intergenerationellen
Traditionsvermittlung abgerissen; doch erfolgt das in deutlicher
unterschiedenen Gerarationsphasen, deren letzter Umbruch
gekennzeichnet ist durch die existenzielle biographische
Verunsicherung einer steigenden Zahl von Migranten gerade aus den in
Frage stehenden Transformationsländern aber auch aus dem Gebieter
Ostdeutschlands, die damit integraler Bestandteil einer Reflexion über
die eigene biographische wie pädagogische Erfahrung mit den Umbrüchen
in Europa ist. In vielen Façetten ist diese Problematik aufgearbeitet
in den Aufsätzen in Claußen u.a., 2001.
Vgl. dazu die kritischen Anmerkungen zum Krisenbegriff bei
Nettelmann/Voigt, 1996: 19-38.
Grenzübertritte zwischen Staatsgebieten mit der damit verbundenen
staatlichen Symbolik und Machtdemonstration sind neuzeitliche
Erscheinungen, die an die Stelle der Kontrollen am Stadttor oder durch
Zollstellen im engeren Herrschaftsgebiet getreten sind und den
Übergang von personaler zu staatlich-territorialer
Herrschaft im Prozess des nation building getreten sind. Je
unsicherer sich die Herrschaft empfindet, umso mehr überwiegen
symbolische und ritualisierte Herrschaftsakte gegenüber dem
Reisenden diese Grenzerlebnisse. Dies ist, wie noch auszuführen
sein wird, ein Charakteristikum des Auftretens der Grenztruppen der
DDR wie noch heute der Grenzsicherung in den semiperipheren Ländern,
wie z.B. Ägypten, Algerien, Iran – was mit konkreten Erfahrungen
belegt werden kann –, soweit nicht der Wunsch nach „guten
Beziehungen“ zu den europäischen Zentralmächten im Einflussbereich
der EU für eine etwas weniger strapaziöse Behandlung für Bürger eben
dieser Staaten nach sich zieht wie in der Türkei, Marokko oder
Tunesien: auch das wiederum ein Ausdruck von Symbolverhalten zur
Ordnung einer Realitätserfahrung.
Dokument Information
Zusätze zum Aufsatz von Nettelmann zur
Festschrift Lobeda. 04.04.01
[Nettelmann,
Lothar / Voigt, Gerhard, 2002: Die „Wende“ – provokative Bemerkungen zur
politischen Problematik und didaktischen Brisanz der Wahrnehmung,
Bewertung und Bewältigung sozio-ökonomischer Transformationsprozesse.
In: Claußen, Bernhard / Zschieschang, Susann, Hrsg., 2002: Politik –
Bildung – Gesellschaft. Studien zur exemplarischen Verhältnisbestimmung in
sozialgeschichtlicher und zeitdiagnostischer Perspektive. Für Wolfgang
Lobeda zum 70. Geburtstag. Demokratie und Aufklärung. Kritische
Sozialwissenschaften und Politische Bildung im Diskurs – Materialien –.
Band 2. Glienicke/Berlin / Cambridge/Massachusetts. Galda + Wilch Verlag:
629-646.]
Revidierte Fassung aus dem Manuskript 26.05.2001
Internetpublikation: 13.10.2011
Verantwortlich: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover
Vorsitzender: Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Potsdamer Str. 20,
30952 Ronnenberg / Region Hannover
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