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Dritte Welt / Überblick / Inhalt

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Gerhard Voigt: Probleme der Behandlung von „Dritte-Welt“-Themen in den
gesellschafts­wissenschaftlichen Schulfächern

Eine Untersuchung von Motivationsproblemen und Voreinstellungen zu „Dritte-Welt“-Themen bei niedersächsischen Gymnasiasten

Kapitel IV

Textversion vom 1991 / Bearbeitung ab IV/02 für eine Neuauflage und eine Internet-Publikation / Hannover 2002 / Revision 2010

۞

IV. Ein Versuch der empirischen Absicherung einiger Probleme der Motivationsstruktur bei Schülern gegenüber der „Dritte-Welt-Thematik“

1. Überlegungen zum Fragebogen

Wie schon im methodischen Teil dieser Arbeit erläutert wurde, bedingt die offensichtliche Unsicherheit in den Annahmen über die Motivationsvoraussetzungen und -hemmnisse von Schülern bei der Rezeption von „Dritte-Welt“-Themen den Wunsch einer stärkeren empirischen Absicherung.

Der Umsetzung dieses Desiderates sind in unserem Zusammenhang enge Grenzen gesetzt. Die Empirik kann im Rahmen dieser Arbeit nur in exemplarischer Form einige Grundprobleme verdeutlichen und absichern, um da­durch den didaktischen Schlussfolgerungen ein größeres Gewicht zu geben.

Eine repräsentative sozialpsychologische Untersuchung der Motivationsvoraussetzungen des Lernprozesses muss sich in den größeren Arbeitszusammenhang der Jugendforschung stellen. Soweit für unser Thema Ergebnisse der vorhandenen Jugendstudien von Bedeutung sind, wurden sie schon in dem entsprechenden Kapitel erörtert. Eine Wiederholung dieser Untersuchungen im engen thematischen Rahmen der „Dritte-Welt“-Didaktik ist - trotz des Bedürfnisses nach Aktualisierung wichtiger Teilerkenntnisse- nicht möglich und nicht vorgesehen. Eine solch umfas­sende empirische Fundamentierung verlangt ein interdisziplinäres Forschungsprojekt.

Ob, abgesehen vom allgemeinen Erkenntnisinteresse, ein solches umfassendes Forschungsprojekt sinnvoll ist, sei dahin gestellt. Die Ergebnisse der exemplarischen Befragung im Rahmen dieser Arbeit zeigt, dass die Ergebnisse, gemessen am methodischen und statistischen Aufwand, wenig überraschend sind und in hohem Maße die unmittel­baren Praxiserfahrungen des Politiklehrers bestätigen. Sie lassen sich in die allgemeineren Ergebnisse der schon erörterten Jugendstudien einpassen. Der Wert einer solchen exemplarischen, in mancher Hinsicht strengeren statisti­schen Maßstäben nur annähernd gerecht werdender Empirik liegt also nicht in erster Linie in der Aussicht auf über­raschende neue Einsichten, sondern in der Möglichkeit, Erfahrungen und Annahmen deutlicher abzusichern und ihre Reichweite größenordnungsmäßig abschätzen zu können, weiter zumindestens im Ansatz zu überprüfen, ob indivi­duelle Erfahrungen eher singuläre bzw. örtlich gebundene Probleme bleiben oder in einer gewissen Regelmäßigkeit anzutreffen sind.

Die Befragung der vorliegenden Arbeit mit einem standardisierten Fragebogen, der in einem Pretest qualitativ validiert wurde, beschränkt sich aus praktischen Gründen auf Niedersachsen, wodurch von prinzipiell vergleichbaren schulischen Voraussetzungen (Stundentafeln, Rahmenrichtlinien) ausgegangen werden konnte; durch die Auswahl von zwei Großstadtgymnasien in Hannover, zwei Schulen in niedersächsischen Mittelstädten und zwei Gymnasien mit vorwiegend ländlichem Schülereinzugsbereich sollte die eben genannte Fragestellung nach der regionalen Ein­heitlichkeit bzw. Differenzierung der Motivationsvoraussetzungen überprüft werden. Um ein wichtiges Ergebnis schon hier vorweg zu nehmen: Die regionale Differenzierung bleibt minimal und in fast allen Fragekomplexen im Rahmen der statistisch zu erwartenden Streubreite. Dieser Problembereich wird daher in der weiteren Auswertung keine gewichtige Rolle mehr spielen, sonder uns ermöglichen, von einer regional kaum differenzierten Gesamtpro­blematik auszugehen. Das trifft zusammen mit der auch an anderer Stelle beobachteten Einebnung sozialer und sozioökonomischer Raumdisparitäten z.B. zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland, die einhergeht mit der Angleichung des Alltagsverhaltens und der Wertnormen der Politischen Kultur.

Die Wahl der Grundgesamtheit dieser Befragung verlangte demgegenüber eine besondere Einschränkung, die der Begründung bedarf. Eine Repräsentation der Gesamtschülerschaft oder der Jugendlichen einer Altersklasse war aufgrund der organisatorischen Voraussetzungen nicht möglich. Auch im Rahmen des Genehmigungsverfahrens der Befragung durch das Niedersächsische Kultusministerium war eine Beschränkung auf eine klar umrissene Auswahl von Schulen, die zudem noch ihre Zustimmung zur Befragung signalisieren mussten, unabdingbar. So interessant daher ein Vergleich der Schülerpopulationen in verschiedenen Schulformen gewesen wäre, war doch eine bessere statistische Repräsentativität innerhalb einer exemplarisch gewählten Schülergruppe wichtiger, besonders da dann eine einigermaßen abgesicherte Untergliederung in mehrere Klassen- und Altersstufen möglich wurde, die die Frage nach dem Verlauf von Lernprozessen möglich macht.

Die Wahl des Gymnasiums hat Vor- und Nachteile, die es abzuschätzen gab. Nachteile sind sicher, dass Vorur­teilshaltung nicht in der leicht erkennbaren Form geäußert werden, wie im Haupt- und Realschulbereich, dass aggressive Stimmungen und Ausländerhass in der öffentlich in Erscheinung tretenden Form seltener von Gymnasia­sten ausgehen und dass die intellektuelle Mimikry durch die erworbenen Sprach- und Argumentationsrituale des Gymnasiums die Ergebnisse einer Befragung von Gymnasiasten dort unsicherer werden lässt, wo vermutete oder tatsächliche Verstöße gegen den erlebten Konformitätsdruck die Antwort auch dann beeinflussen, wenn sie anonym gegeben wird. Gegenläufig dazu ist die wenig ernsthafte oder gar abwehrende Haltung von Gymnasiasten gegenüber „Zumutungen“ der Schule -und als solche wird auch die Ausgabe von Fragebögen durch den Lehrer erlebt-, die im Schutze der Anonymität destruktiv-falsche oder alberne Antworten provoziert. Dort wo letzteres für Gesamtfragebö­gen offensichtlich war, z.B. durch durchweg „unmögliche“ oder stereotype Antwortfolgen (alle Fragen mit nur einer Einschätzung zu beantworten) oder durch offensichtlich „spaß­haf­te“ Randbemerkungen, wurden diese Antworten bei der Auswertung nicht mit berücksichtigt. Das betraf etwa 5 % der ausgefüllten Fragebögen. Insgesamt ist also bei einer Befragung von Gymnasiasten im Vergleich zur gesamten Altersgruppe mit einem stärker konformen Antwort­verhalten mit einem relativ größeren „exotische“ Teilergebnis zu rechnen.

Als Vorteile der Beschränkung auf das Gymnasium wurde gesehen, dass nur hier durch die Rahmenrichtlinien eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema vorgesehen ist, so dass nur hier die Frage nach den schulisch vermit­telten Lernprozessen überhaupt sinnvoll ist (diese Frage ist aber die notwendige Voraussetzung für eine auf die Schuldidaktik zielende Untersuchung); in diesem Zusammenhang steht auch die Beschränkung auf die Altersgruppe der Jugendlichen, da erst hier Vorurteilsstrukturen so verfestigt und stabil sind, dass sie als Problemgrößen in der di­daktischen Arbeit sichtbar werden. Diese Altersstufe ist aber nicht mehr in ihrer Gesamtheit über die Schulen zu erreichen, da sie den Eintritt in das Berufsleben oder die berufliche Ausbildung eines größeren Teiles der Jugendli­chen überspannt.

Neben dieser eher pragmatischen Begründung lässt sich die Beschränkung auf die Gymnasialerziehung auch inhaltlich rechtfertigen, indem darauf hinzuweisen ist, dass die zukünftige Gruppe der Multiplikatoren und Meinungsführer, die letztlich die Entwicklungsrichtung der „Politischen Kultur“ wie der praktischen Politik maßgeblich beeinflussen werden, aus der Gruppe der Gymnasiasten hervorgeht.

Erkenntnisse über die Motivationsstrukturen der heutigen Gymnasialschüler geben daher bedingt Auskunft über Chancen und Probleme der Entwicklung der öffentlichen Meinung der unmittelbar bevorstehenden Zukunft unserer Gesellschaft.

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2. Eine Empirik der politischen Kultur?

Kommen wir noch einmal auf das theoretische Umfeld des gewählten empirischen Ansatzes zurück! Nachdem wir uns in einem vorangegangenen Kapitel mit den begrifflichen und theoretischen Problemen des politikwissenschaftli­chen und politikdidaktischen Ansatzes „politische Kultur“ vertraut gemacht haben und vor allem auch seine Grenzen aufzeigen konnten, die zu in der didaktischen Umsetzung zu überwinden ein späterer Teil der Arbeit gewidmet sein wird, soll jetzt mit aller Vorsicht eine empirische Verankerung unserer Thesen versucht werden. Dabei spielt der Rückgriff auf die im letzten Kapitel der Arbeit aufgestellten Hypothesen eine wichtige Rolle, vor allem, indem gezeigt wird, dass nur ein sehr begrenzter Ausschnitt dieser Fragestellungen einer empirischen Überprüfung durch einen Fragebogen, der sich an Schüler richtet, zugänglich ist.

Es wäre vermessen, zu behaupten, dass ein vielschichtiger theoretischer Begriff wie „politische Kultur“ auch in seinem Anwendungsfall auf das Teilthema „Dritte Welt“ im Schülerbewusstsein eindeutig empirisch-statistisch her­geleitet werden könnte; das ist sicher nicht der Fall und würde die Erwartungen an eine Umfrage überfrachten. Allein schon die Betrachtung der zur Verfügung stehenden statistischen Mittel lässt die enge Begrenzung der Aussagefähig­keit erkennen. Weder konnte für die durchgeführte Befragung statistische Repräsentativität für eine irgendwie gearte­te Grundgesamtheit angestrebt werden, noch konnte die zeitliche Dimension als Vergleichsmöglichkeit oder als Entwicklungslinie, sei es biographisch oder gesellschaftlich verstanden, eingebracht werden.

Die Umfrage muss daher anders begründet werde. Der Ansatz dieser Befragung zu der Bedeutung von Einstel­lungen zum Thema „Dritte Welt“ für die politische Kultur der eigenen Gesellschaft führt sich zurück auf ganz per­sönliche Erfahrungen im Unterricht in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern wie in der fachwissenschaftlichen Praxis; darüber ist in der Einleitung schon einiges gesagt worden. Die Beobachtung von Regelmäßigkeiten in diesen Einstellungen und den daraus resultierenden Motivationshemmnissen und Parallelen zu zu Verhaltensweisen und Einstellungen in anderen gesellschaftlichen Bereichen z.B. in der praktischen politischen Auseinandersetzung, in der Analyse der Publizistik und beim Kontakt mit Deutschen im Ausland ließ erwarten, dass diese Beobachtungen nicht zufälligen Charakter tragen, sondern auf mehr oder weniger verdeckte überindividuelle Einstellungsmuster hinwei­sen, deren Bedeutung sich in der praktischen Politik widerspiegeln kann.

An dieser Stelle können noch nicht gewichtige Einwände gegen diese Prämissen diskutiert werden, die sich aus einem beobachteten Funktionswandel der heutigen Schule herleiten lassen. Bildungsexplosion und wachsende Transparenz und Durchlässigkeit (trotz Gegensteuerns konservativer Bildungspolitiker) führen zu der optimistischen These eines bevorstehenden Endes bildungsbürgerlicher Definitionsgewalt. Der Verfasser hält diese These jedoch für weit überspitzt und zumindest in absehbarer Zeit nicht für aktuell, vor allem in Hinblick auf die Mühelosigkeit, mit der sich eine bildungspolitische konservative „Wende“ gerade im Schulbereich durchsetzen lässt.

Derzeit können wir für die Beschränkung unserer Empirik auf den Gymnasialbereich noch immer gute Gründe angeben! Zumindest für die gegenwärtige Generation ist die gymnasiale Bildung immer noch eine Schlüsselstellung für die Persistenz herrschender Meinungen und Vorurteile, vor allem soweit sie als aktuelle Themen nicht anderen spezifischen Gruppierungen und Instanzen zugewiesen werden. Das Thema „Dritte Welt“ gehört nicht zu diesen gesellschaftlich lokalisierbaren Themen, spielt aber in solche mit hinein, z.B. über den Topos „Aus­län­der­feind­lich­keit“, „Gastarbeiter“, „Asylanten“ oder über ökonomische Themen, die ihre offizielle Legitimation durch weltwirt­schaftliche Erklärungen finden (z.B. „Ölkrise“, „Energiekrise“, „Stahlkrise“) .

Unser empirisches Instrumentarium reicht nicht aus, diese diffizilen Wechselwirkungen hinreichend zu quanti­fizieren, obwohl hier sicher noch ein Desiderat für weitere intensive Forschungen besteht.

Zur Abgrenzung der empirischen Studie wurden folgende Voraussetzungen und Prämissen formuliert:

1.

Die theoretischen und begrifflichen Probleme des Ansatzes der „politischen Kultur“ sind im theoretischen Teil zu reflektieren; die empirische Arbeit geht von der Arbeitshypothese aus, dass mit dem Begriff „politische Kultur“ zunächst eine hinreichend deutliche Abgrenzung und Sonderung des Befragungsinteresses gegeben ist.

2.

Politische Kultur wird hier zunächst als „herrschende politische Kultur“ verstanden und damit vorerst an der Gesellschaftsschicht exemplifiziert, die vorrangig eingebunden ist in die herrschende öffentliche Kommunika­tionsstruktur.

3.

Gymnasiasten sind sicher nicht repräsentativ im statistischen Sinne für die Gesamtheit der Schüler bzw. Gleichaltrigen oder gar für die Gesellschaft; doch erwarten wir, dass sich aufgrund der Einsicht in den Zusam­menhang von gesellschaftlicher Hierarchie und Kommunikationsstruktur direkte Einblicke ergeben in die Ge­nese und Reproduktion eines (repräsentativen!) gesellschaftlichen Weltbildes.

4.

Für das Thema „Dritte Welt“ gelten die genannten Prämissen im besonderen Maße, da dieses Thema fast aus­schließlich über festgelegte Kommunikationswege vermittelt wird und Betroffenheit individuell modifiziert werden muss.

5.

Gerade dadurch eröffnet sich durch die Behandlung des Themas „Dritte Welt“ unter dem Themengesichts­punkt seiner Einbindung in die herrschende politische Kultur ein differenzierterer exemplarischer Zugriff zur Erkenntnis der Funktionsweise von gesellschaftlichen Einstellungen und Wertbegründungen politischen Ver­haltens.

6.

Auch wenn notwendigerweise statistische Methoden das Bild der Empirik prägen, ist jedoch der Ansatz nicht auf statistische Repräsentativität hin ausgelegt, sondern zielt auf eine exemplarische Fallstudie einer ausdiffe­renzierten sozialen Gruppe, aus der heraus qualitative gesellschaftliche Einsichten gewonnen werden sollen.

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3. Die inhaltliche Struktur des Fragebogens

Auf der Grundlage dieser Vorüberlegungen wird nun eine Befragung von Schülern mit Hilfe eines formalisierten Fragebogens durchgeführt. Bei dieser Befragung sollen zunächst folgende Bedeutungsdimensionen zugrunde gelegt werden:

1.       Unterrichtsbezogene Fragen:

1.1     Fragen nach den Fächern, in denen „Dritte-Welt“-Themen behandelt wurden

1.2     Fragen nach dem Stellenwert dieser Themen im Unterricht

1.3     Fragen nach der Einschätzung des Lernerfolgs

1.4     Fragen nach der Lehrerabhängigkeit des Lernerfolgs

1.5     Fragen nach außerschulischen Informationsquellen

2.       Wissensfragen, Kontrollfragen für die Basis der Urteilsbildung:

2.1     Fragen nach der Kenntnis über die Situation der Dritten Welt

2.2     Fragen zum historischen Hintergrund der Entwicklungsproblematik

2.3     Fragen zu den Erklärungskonzepten für die Situation in der „Dritten Welt“

3.       Einstellungsfragen:

3.1     Fragen zu Gruppen- und Volksvorurteilen

3.2     Fragen zum angenommenen „kulturellen Gefälle“

3.3     Fragen zu religiösen Werturteilen

3.4     Fragen zu Schlüsselbegriffen und „Reizthemen“

Zwei wesentliche methodische Probleme sollen hier schon angesprochen werden:

a.

Die Frageformulierung im Fragebogen darf nicht erkennbar tendenziös und bestimmte Antworten provozie­rend sein, da die unterrichtliche Beantwortungssituation in der Gruppe schon genügend Anreize zum „un­ern­sten“ Ausfüllen des Fragebogens bietet, was erfahrungsgemäß viele Befragungen in den oberen Gymnasial­klassen unbrauchbar macht. Das in anderen Befragungssituationen sinnvolle, weil spontane Reaktionen pro­vozierende Element der Provokation und des Widerspruchs muss daher bei dieser Befragung unberücksichtigt bleiben. Die Befragungsergebnisse sind sicherlich durch Eliminieren offensichtlich unplausibler Fragebögen zu korrigieren, auch wenn dabei die Interpretationszwänge und -spielräume für die Auswertung vergrößert wer­den. Offensichtlich provozierendes Vertiefen der Befragungsrichtung wird ergänzend zu der formalisierten Be­fragung durch zusätzliche Intensivinterviews im Anschluss an die erste empirische Phase möglich werden; auch der Rückgriff auf Unterrichtsversuche zum Einsatz von „Dritte-Welt“-Medien kann hier noch erweiternd und korrigierend herangezogen werden.

b.

Die innere Struktur des Fragebogens darf nicht erkennbar systematisch sein; auch die Fachorientierung darf für den Schüler nicht im Vordergrund stehen; die Gefahr könnte sonst auftreten, dass bestimmte Antworten bzw. Antwortperspektiven aus einem übergeordneten Zusammenhang heraus abgeleitet werden und nicht durch die spontane Haltung des Schülers mehr begründet sind. Als Korrektiv für die störende oder fördernde Wirksam­keit der Fragebogenstruktur diente ein doppelter Pretest zum einen mit einem reduzierten Vorfragebogen zum Thema Vorurteile und Einstellungen zum Orient und zum Islam, dessen inhaltliche Ergebnisse in die allgemei­nen Ausführungen zum Thema mit eingeflossen sind, und zum anderen mit einer Kontrollgruppe, die den Entwurf des endgültigen Fragebogens zu bearbeiten hatte, woraufhin Verständlichkeit, ungültige Korrelationen und Fragenzusammenhänge überprüft und ggf. korrigiert worden sind.

Die Formulierung der einzelnen Items des Fragebogens zielt auf das Aufdecken bestimmter Stereotypen, deren Vorhandensein nach Kenntnis der Literatur, Auswertung der Pretests und der eigenen Unterrichtserfahrung zu er­warten oder zumindest zu vermuten ist.

Das Mittel der „positiv-negativ“ Skalierung vermittelt den Schülern ein differenziertes Antwortangebot, so dass nicht schon durch den Fragebogen ein undifferenziertes „Schwarz-Weiß-Bild“ der „Dritte-Welt“-Problematik evo­ziert wird. Die einzelnen Fragen werden dann im Zusammenhang mit der nachfolgenden Auswertung der Befra­gungsergebnisse im einzelnen zu erläutern und in zusammengehörige Gruppen zu ordnen sein. Dabei ist auch der theoretische Zusammenhang zu diskutieren, der es erst ermöglicht, Itemgruppen zu verwertbaren Aussagen zusam­menzufassen. Die materiell-kognitiven Fragenkomplexe ergeben dabei den Hintergrund und dem Maßstab zur Beur­teilung der Relevanz schulischer Vermittlung ab. Die wird dann wieder gestützt und abgesichert durch die schon erwähnten Intensivinterviews und den Rückgriff auf Unterrichtsversuche und Unterrichtserfahrungen.

Die wichtigsten inhaltlichen Frage (Items) sollen in der oben gegebenen Gliederung vorgestellt werden. Diese Fragen wurden in einem Pretest in drei Lerngruppen in einem hannoverschen Gymnasium auf ihre Verständlichkeit und Beantwortbarkeit hin Überprüft. Verständnisrückfragen wurden zum Anlass genommen, Aussage und Sprach­form des betreffenden Items zu überprüfen und zu korrigieren, da bei der Gesamtumfrage Erläuterungen zum Frage­bogen durch die jeweiligen Fachlehrer ausdrücklich nicht zugelassen waren. Dem Schüler wurde pro Item jeweils eine Aussage bzw. Behauptung vorgelegt, deren Richtigkeit er einschätzen sollte auf einer +3/-3-Skala. Der Fragebo­gen in seiner Gesamtform wird im Anhang wiedergegeben. Da die Items in der EDV-Auswertung in eine fortlaufende Ziffernfolge ohne (a.), (b.) oder (c.) gebracht werden mussten, wurden viele Fragen umnummeriert. Die neuen Beziffe­rungen wurden am Ende in Klammern angefügt. Auf sie bezieht sich die statistische Auswertung in den Folgekapi­teln.

Wissensfragen, Kontrollfragen für die Basis der Urteilsbildung:

1. Fragen nach der Kenntnis über die Situation der Dritten Welt

[1]

Die Mehrzahl aller Staaten der Erde können als Entwicklungsländer eingestuft werden

[2]

Die Mehrzahl aller Menschen in der Dritten Welt/den Entwicklungsländern lebt in Not und Elend

[3]

Auch in Europa gibt es Länder, die man als Entwicklungsländer bezeichnen könnte

[18]

Indien ist eines der ärmsten Länder der Welt und damit ein typisches Entwicklungsland (= 20)

[19]

Die Araber sind durch ihr Erdöl reicher geworden als die Europäer (= 21)

[32a]

Die Industrieländer sind durch ihre Rohstoffarmut in hohem Maße von den Entwicklungsländern abhängig (= 34)

2. Fragen zum historischen Hintergrund der Entwicklungsproblematik

[4]

Die Länder der Dritten Welt/die Entwicklungsländer bemühen sich, schnell zu Industrieländern zu werden

[6]

Die Industrialisierung Europas ist eine Folge der Entwicklung seiner technischen Intelligenz, die besonders dem europäischen Menschen zueigen ist

[8]

Auch der Reichtum Europas ist letztlich eine Folge seiner wertvollen Bodenschätze (vgl. z.B. das Ruhrgebiet)

[17]

Die Europäische Gemeinschaft (EG) fördert den weltweiten Zollabbau und tritt für den unbe­schränkten freien Welthandel ein (= 19)

[36]

Zu Beginn der Kolonialzeit waren die eroberten Länder wie Indien, Persien, China oder Südame­rika oft viel reicher als die europäischen Mutterländer (= 40)

[37]

Die kolonialen Mutterländer haben viele technische Fertigkeiten und Kenntnisse aus den eroberten Kolonialgebieten übernommen (= 41)

[38]

Die modernen westlichen Naturwissenschaften haben ihre Wurzel in der arabischen Wissenschaft des islamischen Mittelalters (= 42)

[43a]

Durch welche Maßnahmen wird eine „grüne Revolution“ (z.B. in Indien) charakterisiert?

[b]

Die „grüne Revolution“ war eine der wichtigsten Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensbedin­gungen in Indien (nur beantworten, wenn Begriff bekannt ist!) (= 47)

[46]

Die sozialen Konflikte der heutigen Dritten Welt/Entwicklungsländer sind eine Folge der sozialen Zerstörungen durch die Kolonialmächte (= 50)

3. Fragen zu den Erklärungskonzepten für die Situation in der „Dritten Welt“

[5]

Nur durch eine gleichmäßige Industrialisierung der ganzen Welt kann schließlich den Menschen in der Dritten Welt ein menschenwürdiges Leben gesichert werden

[7]

Durch die Ausbeutung von Bodenschätzen können die Entwicklungsländer/ kann die Dritte Welt den „großen Sprung nach vorne“ machen

[9]

Die billigen Arbeitskräfte der Dritten Welt/Entwicklungsländer sind ein positiver Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder

[10]

Die Arbeitskräfte in der Dritten Welt erhalten geringere Löhne als in den Industrieländern, da ihre Produktivität geringer ist

[12]

Durch Investitionen (z.B. den Bau von Fabriken) durch europäische oder amerikanische Firmen in der Dritten Welt wird diesen Ländern geholfen, ihre natürlichen Reichtümer zu erschließen und für ihre Entwicklung zu nutzen

[13]

Für die Verluste, die europäische und amerikanische Firmen bei Investitionen in der Dritten Welt entstehen, sollte der Staat aufkommen, um so diese Form der privaten Entwicklungshilfe zu unter­stützen

[16]

Nur bei einem ungehinderten freien Weltmarkt können die Länder der Dritten Welt ihre wirtschaft­lichen Chancen gewinnbringend nutzen (= 18)

[41]

Die heutige Armut der Dritten Welt/der Entwicklungsländer ist eine Folge der ungünstigen natürli­chen Lebensbedingungen (= 45)

[42]

Die Überwindung des Hungers in der Dritten Welt kann nur mit Einsatz moderner Techniken aus den westlichen Industrieländern gelingen (= 46)

[47]

Der „Teufelskreis“ der Armut kann nur durch eine verstärkte Anlehnung an die Wirtschaft der westlichen Industrienationen aufgebrochen werden (= 51)

[51]

Vor allem der Ausbau der Infrastruktur, von Handel und Verkehr kann eine moderne Entwicklung der Dritten Welt in Gang setzen (= 55)

[52]

Tatkräftige Entwicklungshilfe ist in unserem eigenen Interesse, da sie unserer Industrie neue Märkte erschließt und mehr Gewinne nach sich zieht als sie Kosten verursacht (= 56)

[53]

Die Ursachen des Hungers in der Dritten Welt liegen vor allem in starken Klimaverschlechterungen in den letzten Jahrzehnten (= 57)

Einstellungsfragen:

4. Fragen zu Gruppen- und Volksvorurteilen

[11]

Die Arbeitskräfte in der Dritten Welt haben eine geringere Arbeitswilligkeit als Arbeiter in Europa

[15c]

Die Asiaten und Afrikaner müssen erst durch die Fürsorge einer „starken Hand“ zur modernen Demokratie hingeführt werden (= 17)

[20]

Eine moderne Entwicklung Afrikas wurde auch darum erschwert, weil die Afrikaner seit jeher in einer geschichtslosen Welt lebten (= 22)

[21]

Die Armut der Dritten Welt sollte nicht nur negativ gesehen werden, da sie oft die edelsten Züge reiner Menschlichkeit rettet (= 23)

[22]

Die Dritte Welt/die Entwicklungsländer sollten sich vor dem Streben nach Reichtum hüten, um nicht in den Materialismus zu verfallen (= 24)

[26]

Orientalen haben eine grundsätzlich andere Mentalität als die Europäer (= 28)

[40]

Asiaten sind oft unberechenbar und Aggressiv, so dass wir Europäer uns nicht auf sie verlassen können (= 44)

5. Fragen zum angenommenen „kulturellen Gefälle“

[23]

Erst die Annahme der kulturellen Werte Europas ebnet den Afrikanern den Weg zu einer moder­nen industriellen Entwicklung (= 25)

[24]

Dass die einzelnen Kontinente eine so unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeit haben, liegt vor allem an der verschiedenen Veranlagung der Menschen (= 26)

[25]

Die für die moderne Entwicklung notwendige technische Intelligenz setzt eine besondere natürliche Veranlagung voraus, die nicht überall anzutreffen ist (= 27)

[27]

Auch ein in Europa lebender Orientale kann sich kaum an europäische Verhaltensweisen anpassen und gewöhnen (= 29)

[31]

Die europäischen Großmächte haben durch die Einführung moderner Staatsformen die Grundlage zu einer fortschrittlichen Entwicklung der Dritten Welt gelegt (= 33)

[35]

Der Kolonialismus konnte seine weltbeherrschende Stellung nur durch die kulturelle Überlegenheit Europas erringen (= 39)

[44]

Terror und Unterdrückung ist ein typisches Merkmal der politischen Systeme der Dritten Welt, die die politische Kultur des Westens nicht begriffen hat (= 48)

[45]

In Europa könnten Mordregime wie in Kambodscha unter Pol Pot, in Uganda unter Idi Amin oder wie im heutigen Iran niemals entstehen (= 49)

6. Fragen zu religiösen Werturteilen

[28]

Strenggläubige Christen aus der Dritten Welt finden bei uns schneller Anschluss als Angehörige anderer Religionen, z.B. die Muslime (= 30)

[29]

Altertümliche Religionen behindern eine positive Entwicklung vieler Entwicklungsländer (= 31)

[30]

Der Islam ist eine typisch orientalische Religion, die dem Europäer immer fremd bleiben wird (= 32)

[39]

Der Islam verhindert eine rationale wissenschaftlich-technische Entwicklung in der Arabischen Welt

7. Fragen zu Schlüsselbegriffen und „Reizthemen“

[14]

Wo sich private Investoren für Projekte in Entwicklungsländern finden, brauchen keine staatli­chen Entwicklungshilfeprogramme mehr entwickelt werden

[15a]

Die europäische Entwicklungshilfe hat der Dritten Welt insgesamt nur wenig Nutzen gebracht und die Entwicklung nicht nachhaltig gefördert (= 15)

[b]

Die Vergabe von Entwicklungshilfe nutzt vor allem den Geberländern selbst, indem sie ihnen z.B. neue Märkte erschließt (= 16)

[32b]

Die weltweiten Machtverhältnisse haben sich umgekehrt, weil heute die Industrieländer durch die Rohstoffländer erpressbar geworden sind (= 35)

[32c]

Die Dritte Welt hat mit ihrer großen Anzahl von Einzelstaaten und ihrer hohen Bevölkerungszahl heute schon einen übermäßigen weltpolitischen Einfluss gewonnen (= 36)

[33]

Der sogenannte „Nord-Süd-Konflikt“ ist eigentlich nur eine Erfindung der Ostblockstaaten, um den Westen weiter unter moralischen Druck setzen zu können (= 37)

[34]

Der deutsche Nationalcharakter wird durch die hohe Zahl von Asylanten aus der Dritten Welt ge­fährdet (= 38)

[48]

Entwicklungshilfe ist vor allem eine moralische Pflicht, um den Menschen in Not zu helfen (= 52)

[49]

Hilfe für die Dritte Welt ist für die westlichen Industriestaaten Pflicht, da sie als Kolonialmächte das heutige Elend verursacht haben (= 53)

[50]

Der Reichtum der Industrieländer wird auch heute noch durch die Abhängigkeit der Dritten Welt gefördert (= 54)

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4. Die Ergebnisse der Umfrage

4.1 Auszählung der einzelnen Fragestellungen

Die Fragen des letzten Teiles des Fragebogens, die sich auf die Situation des Erdkundeunterrichtes in den einzelnen Schulen beziehen, wurden schon in einem früheren Abschnitt angeführt und ausgewertet. An dieser Stelle folgt nun die Auswertung der inhaltlichen Fragen zu den Kenntnissen und Einstellungen zum Thema „Dritte Welt“. Dies ge­schieht in zwei Stufen:

a.

der eigentlichen Auszählung und

b.

der Bildung statistischer Gruppen von

 

-

Antworttypen und

 

-

diesen Antworttypen zugeordneter Fragebogengruppen,

womit auf mehr oder weniger typische und konsistente Haltungen und Einstellungen in der Schülerschaft geschlos­sen werden soll.

Die Auszählung erfolgt nun nicht in der Reihenfolge der Fragen im Fragebogen, was ein mühsames nachträgli­ches Umgruppieren und Strukturieren der Ergebnisse notwendig machen würde, ehe die offensichtlichen Ergebnis­strukturen erkennbar werden, noch in der Reihenfolge der bei der Fragebogenkonzeption konstruierten Fragegrup­pen, die im letzten Abschnitt vorgestellt wurden und die ja erst anhand der statistischen Ergebnisse auf ihre Konsi­stenz überprüft werden sollen, was im Anschluss an diese Auszählung geschehen soll.

Die Gliederung der Ergebnisse folgt zwei errechneten statistischen Grundgrößen, mit denen die Antworten zu den einzelnen Fragestellungen zunächst einmal aussagekräftig klassifiziert werden können: dem Schnittwert der Antwort (auf der vorgegebenen Antwortskala 1 bis 7) und der Standardabweichung bezogen auf die Normalvertei­lung, die mit folgender Rechenformel ermittelt wurde:

wobei A1 ... A7 die Werte der Antworten in den einzelnen Antwortkategorien 1 bis 7 darstellen.

Der Schnittwert bzw. Mittelwert (Q) errechnet sich nach

und stellt das Maß der durchschnittlichen Zustimmung (niedrige Werte, Minimum 1,0) bzw. Ablehnung (hohe Werte, Maximum 7,0) zu der These bzw. Behauptung der Frage dar.

Die Standardabweichung gibt, grob gesagt, dass Maß der Übereinstimmung zu einer angenommenen mittigen Normalverteilung an. Es ist daher selbstverständlich, dass extreme Schnittwerte (Q) sowohl in Richtung auf Zustim­mung als auch auf Ablehnung ebenfalls hohe Werte der Standardabweichung nach sich ziehen und dass mittige Schnittwerte im Bereich des Wertes 4 in der Regel geringe Standardabweichungen bedeuten.

Für einen Teil der Antworten laufen so auch Schnittwert (Q) und Standardabweichung (S) erwartungsgemäß parallel, so dass zunächst drei Antwortgruppen herausgegriffen und erläutert werden können:

a. Antworten mit signifikanter und durchgängiger Ablehnung

(hoher Wert von Q und S)

b. Antworten mit signifikanter und durchgängiger Zustimmung

(niedriger Wert von Q und hoher Wert von S)

c. „durchschnittlich mittige“ oder annähernd normalverteilte Antworten

(mittlerer Wert von Q und niedriger Wert von S)

In einer nach Durchschnittswerten geordneten tabellarischen Übersicht werden diese Fragegruppen nun herausge­griffen:

Antwort    Schnittwert        Standard-

(Item)     (1_ Q _)           abweichung (S)

02         Q = 1,62           S = 169,48

28         Q = 2,35           S = 105,05

52         Q = 2,70           S =  81,59        hohe Zustimmung

54         Q = 2,89           S =  73,75

55         Q = 2,89           S =  73,75

40         Q = 2,89           S =  74,98

01         Q = 3,09           S =  73,96

20         Q = 3,18           S =  51,98

50         Q = 3,20           S =  66,96

16         Q = 3,25           S =  57,65

45         Q = 3,29           S =  65,74

56         Q = 3,32           S =  63,79

21         Q = 3,41           S =  37,26

18         Q = 3,43           S =  46,33

04         Q = 3,43           S =  67,61

31         Q = 3,45           S =  49,78

47         Q = 3,46           S =  55,92

53         Q = 3,51           S =  40,00

15         Q = 3,64           S =  50,55

42         Q = 3,66           S =  81,78

32         Q = 3,67           S =  43,11

34         Q = 3,67           S =  43,50

41         Q = 3,69           S =  41,45

30         Q = 3,70           S =  49,18

51         Q = 3,74           S =  76,11        mittlerer Bereich,

03         Q = 3,85           S =  46,69        der einer genaueren

46         Q = 3,87           S =  47,74        Differenzierung

57         Q = 3,97           S =  31,16        bedarf

12         Q = 4,03           S =  42,69

05         Q = 4,07           S =  23,29

19         Q = 4,09           S =  56,38

43         Q = 4,27           S =  70,52

13         Q = 4,33           S =  44,87

48         Q = 4,34           S =  40,90

33         Q = 4,40           S =  65,23

29         Q = 4,43           S =  44,08

08         Q = 4,46           S =  56,72

09         Q = 4,51           S =  35,27

39         Q = 4,56           S =  51,44

07         Q = 4,76           S =  59,05

49         Q = 4,80           S =  51,41

17         Q = 4,98           S =  60,92

35         Q = 5,18           S =  73,00

26         Q = 5,20           S =  81,45

24         Q = 5,27           S =  76,90

06         Q = 5,39           S = 102,45

37         Q = 5,48           S = 110,87

10         Q = 5,52           S = 107,30

25         Q = 5,55           S = 100,44

27         Q = 5,58           S = 108,54         signifikante

14         Q = 5,63           S = 105,36         Ablehnung

38         Q = 5,69           S = 123,93

36         Q = 5,70           S = 108,53

23         Q = 5,78           S = 133,32

22         Q = 5,85           S = 133,32

44         Q = 6,16           S = 161,15

11         Q = 6,34           S = 180,97

Um den mittleren Bereich noch differenzierter zu klassifizieren, wird nun das Verhältnis von Standardabweichung und Schnittwert etwas genauer betrachtet. Dabei fällt auf, dass für eine Gruppe von Antworten die erwartete Paral­lelität der beiden Werte nicht gegeben ist. Dies sind z.B. diejenigen Antworten, bei denen eine Uneinheitlichkeit bzw. Polarisierung des Antwortprofiles zu verzeichnen ist.

Um dies mit einfachen und übersichtlichen Mitteln deutlich zu machen, werden die Antworten in einer weite­ren Tabelle noch einmal umgruppiert. Der Schnittwert (Q) hat ja, wie erörtert, eine erwartete Beziehung zur Stan­dardabweichung (S), indem das rechnerische Mittel (Wert Q = 4,0) mit der erwarteten geringsten Standardabwei­chung korreliert. So wurde jetzt vom Wert Q jeweils 4,0 abgezogen und der Betrag des Ergebnisses zum Ordnungs­kriterium erhoben, ungeachtet positiver (= ablehnender) bzw. negativer (= zustimmender) Tendenz. Diese neue Reihe wird parallelisiert mit der Reihe der Standardabweichungen. Da die Auswertung nur erste Hinweise auf Ant­worttypen geben soll, die später mathematisch anspruchsvoller entwickelt werden, wurden jetzt einfach die Rang­plätze der einzelnen Fragen (Items) auf der [Q minus 4]-Liste und der Standardabweichungsliste verglichen.

Bei einiger Übereinstimmung der Rangplätze ist mit großer Sicherheit davon auszugehen, dass der Antworttyp den oben schon angesprochenen Klassen zuzurechnen ist, während eine deutliche oder gar extreme Abweichung darauf hinweist, dass das Antwortprofil inkonsistent, nicht-normal verteilt ist und daher für unsere empirische Arbeit einer besonderen Interpretation und der vorrangigen Berücksichtigung bei der Gruppenbildung im zweiten Teil der Auswertung bedarf.

[1]   [2]         [3]    [4]   [5]  [6]         [7]         [1]

IT    Q-4     =    QW  >  R/Q  R/S = R/Dif    <   S          IT

44    Q = 6,16-4  2,16    55   55    00       S = 161,15     44

26    Q = 5,20-4  1,20    41   41    00       S =  81,45     26

47    Q = 3,46-4  0,54    22   22    00       S =  55,92     47

56    Q = 3,32-4  0,68    28   28    00       S =  63,79     56

57    Q = 3,97-4  0,03    02   02    00       S =  31,16     57

45    Q = 3,29-4  0,71    29   30    01       S =  65,74     45

52    Q = 2,70-4  1,30    43   42    01       S =  81,59     52

02    Q = 1,62-4  2,38    57   56    01       S = 169,48     02

40    Q = 2,89-4  1,11    37   38    01       S =  74,98     40

38    Q = 5,69-4  1,69    51   52    01       S = 123,93     38

22    Q = 5,85-4  1,85    54   53    01       S = 133,32     22

23    Q = 5,78-4  1,78    53   54    01       S = 133,32     23

13    Q = 4,33-4  0,33    13   12    01       S =  44,87     13

06    Q = 5,39-4  1,39    44   45    01       S = 102,45     06

11    Q = 6,34-4  2,34    56   57    01       S = 180,97     11

01    Q = 3,09-4  0,91    35   37    02       S =  73,96     01

24    Q = 5,27-4  1,27    42   40    02       S =  76,90     24

05    Q = 4,07-4  0,07    03   01    02       S =  23,29     05

34    Q = 3,67-4  0,33    12   10    02       S =  43,50     34

27    Q = 5,58-4  1,58    48   50    02       S = 108,54     27

32    Q = 3,67-4  0,33    11   09    02       S =  43,11     32

50    Q = 3,20-4  0,80    33   31    02       S =  66,96     50

10    Q = 5,52-4  1,52    46   48    02       S = 107,30     10

14    Q = 5,63-4  1,63    49   47    02       S = 105,36     14

15    Q = 3,64-4  0,36    16   18    02       S =  50,55     15

54    Q = 2,89-4  1,11    38   35    03       S =  73,75     54

41    Q = 3,69-4  0,31    10   07    03       S =  41,45     41

36    Q = 5,70-4  1,70    52   49    03       S = 108,53     36

25    Q = 5,55-4  1,55    47   44    03       S = 100,44     25

55    Q = 2,89-4  1,11    39   36    03       S =  73,75     55

39    Q = 4,56-4  0,56    24   20    04       S =  51,44     39

28    Q = 2,35-4  1,65    50   46    04       S = 105,05     28

07    Q = 4,76-4  0,76    31   26    05       S =  59,05     07

16    Q = 3,25-4  0,75    30   25    05       S =  57,65     16

08    Q = 4,46-4  0,46    19   24    05       S =  56,72     08

35    Q = 5,18-4  1,18    40   34    06       S =  73,00     35

37    Q = 5,48-4  1,48    45   51    06       S = 110,87     37

31    Q = 3,45-4  0,55    23   17    06       S =  49,78     31

04    Q = 3,43-4  0,57    25   32    07       S =  67,61     04

12    Q = 4,03-4  0,03    01   08    07       S =  42,69     12

30    Q = 3,70-4  0,30    09   16    07       S =  49,18     30

29    Q = 4,43-4  0,43    18   11    07       S =  44,08     29

48    Q = 4,34-4  0,34    14   06    08       S =  40,90     48

03    Q = 3,85-4  0,15    06   14    08       S =  46,69     03

17    Q = 4,98-4  0,98    36   27    09       S =  60,92     17

46    Q = 3,87-4  0,13    05   15    10       S =  47,74     46

33    Q = 4,40-4  0,40    17   29    12       S =  65,23     33

49    Q = 4,80-4  0,80    32   19    13       S =  51,41     49

20    Q = 3,18-4  0,82    34   21    13       S =  51,98     20

18    Q = 3,43-4  0,57    26   13    13       S =  46,33     18

53    Q = 3,51-4  0,49    20   05    15       S =  40,00     53

09    Q = 4,51-4  0,51    21   03    18       S =  35,27     09

19    Q = 4,09-4  0,09    04   23    19       S =  56,38     19

21    Q = 3,41-4  0,59    27   04    23       S =  37,26     21

43    Q = 4,27-4  0,27    08   33    25       S =  70,52     43

42    Q = 3,66-4  0,34    15   43    27       S =  81,78     42

51    Q = 3,74-4  0,26    07   39    32       S =  76,11     51

Dabei ist:

[1]  IT       die Nummer der Frage (Item)

[2]  Q-4      die Berechnung „Schnittwert minus 4“

[3]  QW       das Rechenergebnis von [2] als Betrag ohne Vorzeichen

[4]  R/Q      der Rangplatz in der geordneten Reihe QW [3]

[5]  R/S      der Rangplatz in der geordneten Reihe S [7]

[6]  R/Dif    der Differenzbetrag von [4] R/Q zu [5] R/S

[7]  S        die Standardabweichung

Die Tabelle ist nach den Differenzbeträgen [6] R/Dif geordnet.

Bei einem recht großen Teil der Items ist eine enge Übereinstimmung der Werte von R/Q und R/S festzustellen, was den Erwartungen entspricht. Mit einer minimalen Abweichung bis zu sechs Rangplätzen treten folgende Items hervor:

44 26 47 56 57 45 52 02 40 38 22 23 13 06 11 01 24 05 34 27 32 50 10 14 15 54 41 36 25 55 39 28 07 16 08 35 37 31

Die Vorüberlegungen werden bestätigt bei einem Vergleich mit der ersten Gruppierung anhand der Durchschnitts­werte (Q), wobei festzustellen ist, dass ausnahmslos alle oben herausgegriffenen Antworten mit hoher Zustimmung [02 28 52 54 55 40] bzw. signifikanter Ablehnung [06 37 10 25 27 14 38 36 23 22 44 11] in der neuen Liste enthalten sind. Für unsere Interpretation können daher zunächst diese beiden „Extremgruppen“ herausgegriffen werden.

Als weitere unproblematische Gruppe mit noch immer hoher Übereinstimmung der Rangplätze auf der QW- und der S- Skala, aber von den Durchschnittswerten weiter im Mittelfeld angesiedelt (also ziemlich „durchschnittlich erschei­nend“), werden in diesem Zusammenhang noch folgende Items interpretiert:

01 05 07 08 13 15 16 24 26 31 32 34 35 39 41 45 47 50 56 57

Am anderen Ende treten dann Antworten mit sehr geringer Übereinstimmung der QW- und S- Werte auf; dieses sind mit einer Abweichung in den Rangplätzen R/Q und R/S von 15 bis 32 (!) Plätzen folgende Items:

53 09 19 21 43 42 51

Im immer noch auffälligen Bereich zwischen 10 und 13 liegen dazu noch folgende Fragen:

46 33 49 20 18

Diese Fragen werden in einer Gruppe interpretiert.

Eine weitere Gruppe Fragen lässt sich nicht so eindeutig in die genannten Gruppen einordnen und wird zum An­schluss in inhaltlichen Gruppen ausgewertet:

04 12 30 29 48 03 17

Zum Abschluss dieser Übersicht wird die Zuordnung der einzelnen Fragen/ Items zu den erläuterten, groben Ant­worttypen zur Übersicht noch einmal in der Reihenfolge der Fragen aufgelistet:

Frage/Item 01     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 02     hohe Zustimmung

Frage/Item 03     unbestimmte Zuordnung

Frage/Item 04     unbestimmte Zuordnung

Frage/Item 05     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 06     hohe Ablehnung

Frage/Item 07     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 08     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 09     sehr hohe Differenz

Frage/Item 10     hohe Ablehnung

Frage/Item 11     hohe Ablehnung

Frage/Item 12     unbestimmte Zuordnung

Frage/Item 13     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 14     hohe Ablehnung

Frage/Item 15     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 16     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 17     unbestimmte Zuordnung

Frage/Item 18     mittlere hohe Differenz

Frage/Item 19     sehr hohe Differenz

Frage/Item 20     mittlere hohe Differenz

Frage/Item 21     sehr hohe Differenz

Frage/Item 22     hohe Ablehnung

Frage/Item 23     hohe Ablehnung

Frage/Item 24     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 25     hohe Ablehnung

Frage/Item 26     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 27     hohe Ablehnung

Frage/Item 28     hohe Zustimmung

Frage/Item 29     unbestimmte Zuordnung

Frage/Item 30     unbestimmte Zuordnung

Frage/Item 31     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 32     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 33     mittlere hohe Differenz

Frage/Item 34     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 35     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 36     hohe Ablehnung

Frage/Item 37     hohe Ablehnung

Frage/Item 38     hohe Ablehnung

Frage/Item 39     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 40     hohe Zustimmung

Frage/Item 41     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 42     sehr hohe Differenz

Frage/Item 43     sehr hohe Differenz

Frage/Item 44     hohe Ablehnung

Frage/Item 45     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 46     mittlere hohe Differenz

Frage/Item 47     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 48     unbestimmte Zuordnung

Frage/Item 49     mittlere hohe Differenz

Frage/Item 50     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 51     sehr hohe Differenz

Frage/Item 52     hohe Zustimmung

Frage/Item 53     sehr hohe Differenz

Frage/Item 54     hohe Zustimmung

Frage/Item 55     hohe Zustimmung

Frage/Item 56     Mitte, übereinstimmend

Frage/Item 57     Mitte, übereinstimmend

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4.2 Eindeutige Zuweisungen

Eine Reihe von Fragen/Items wurden mit sicherer Eindeutigkeit beantwortet. Dabei ist Zustimmung oder Ablehnung qualitativ gleichzusetzen, da von der Fragestellung abhängig. Zugestimmt wurde vor allem Fragen, die den Schülern als eindeutig beantwortete Wissensfragen erscheinen mussten, auch wenn sie, wie zu zeigen ist, weitere Bedeutungs­aspekte mit transportieren. Auf den ersten Blick ist diese eindeutige Zustimmung verständlich und begründbar. Die Zustimmung zu den Fragen [2] und [40] zeigt eine hinreichende Informiertheit über den gegenwärtigen und histori­schen Rahmen, in den die „Dritte-Welt“-Problematik zu stellen ist.

Hier soll noch einmal die Bewertungsskala, die den Schülerinnen und Schülern im Fragebogen vorgelegt wurde, wiedergegeben werden:

[1] +3   Die Aussage trifft in besonders hohem Maße zu!

[2] +2 –  trifft meiner Meinung nach überwiegend zu (nur leichte Einschränkungen)

[3] +1 –  trifft eher zu als dass es nicht zutrifft (ist also nicht völlig richtig)

[4]  0 –  ist weder falsch noch richtig oder:

            kann so nicht beantwortet werden oder:

            weiß nicht, kann ich nicht beantworten“

[5] -1  Die Aussage trifft eher nicht zu (hat aber auch richtige Aspekte)

[6] -2  – trifft meiner Meinung nach überwiegend nicht zu

[7] -3  – ist in besonders hohem Maße oder gänzlich falsch!

Auswertung von Frage: 2. „Die Mehrzahl aller Menschen in der Dritten Welt/den Entwicklungsländern lebt in Not und Elend“

Auswertung von Frage: 40. „Zu  Beginn der  Kolonialzeit waren  die eroberten  Länder wie  Indien, Persien, China oder Südamerika oft viel reicher als die europäischen Mutterländer“ [= 36]

 

Das Antwortprofil zu Frage [40] zeigt dabei doch deutlich größere historische Unsicherheiten, wenn auch die Zu­stimmung signifikant ist. Es ist dies eine der wenigen Fragen, wo allein aus der historischen Kenntnis heraus eine eindeutige zustimmende Antwort möglich ist. Frage 2 ist (bevölkerungsstatistisch) wohl auch richtig, bedürfte aber der korrelierenden Ergänzung durch differenziertere Situationsbeschreibungen. Dass sich gerade bei dieser Frage die eindeutigste Zustimmung zeigte, kann auch dahin gehend interpretiert werden, dass aus Schülerperspektive die Beur­teilungsaufmerksamkeit vor allem durch materielle Kategorien wie „arm“ und „reich“ geprägt wird.

Aus dieser Perspektive heraus ist es verständlich, dass relativ deutlich daraus abgeleitete moralische Pflichten akzeptiert werden, während praktischere gesellschaftliche Konsequenzen, wie wir weiter unten sehen werden, nur zögernd und in der Population kontrovers gezogen werden. Die moralische Pflicht zur Entwicklungshilfe wird ein­deutig bejaht:

Auswertung von Frage: 52. „Entwicklungshilfe ist vor allem eine moralische Pflicht, um den Menschen in Not zu helfen“ [= 48]

 

Dass die Frageformulierung mit ihrem Rekurs auf die individuelle Not des Menschen eine Zustimmung erleichtert, ist selbstverständlich. Doch ist zu überlegen, welche Verpflichtungen immerhin noch über 15 % der Schüler akzeptie­ren, die diese These rundweg ablehnen. Es ist im Folgenden auch zu untersuchen, ob sich hier nicht eine Gruppe etwa dieser Größenordnung auch im Kontext von Fragengruppen herauslösen lässt, die den gängigen liberalbürgerli­chen Wertvorstellungen nicht so eindeutig zuzurechnen sind.

Die wirtschaftliche Situation der „Dritten Welt“ wird durch Zustimmung zu den Thesen [54] und [55] durchaus informiert mit den üblichen „westlichen“ Maßstäben betrachtet:

Auswertung von Frage: 54. „Der Reichtum der Industrieländer wird  auch heute  noch durch  die Abhän­gigkeit der Dritten Welt gefördert“ [= 50]

Auswertung von Frage: 55. „Vor allem der Ausbau der Infrastruktur, von Handel und Verkehr kann eine moderne Entwicklung der Dritten Welt in Gang setzen“ [= 51]

 

Das Ergebnis ist hier nicht überraschend und kann wohl aus unserer Sicht heraus gar nicht anders lauten, es sei denn, man überstrapaziere die Differenzierungsmöglichkeit in einem standardisierten Fragebogen.

Für immerhin 28 % der Schüler ist jedoch der ursächliche, historisch begründbare Zusammenhang zwischen Reichtum und Akkumulation in den Industrieländern und der Verarmung der Entwicklungsländer nicht selbstver­ständlich. Die Frage, ob hier eine veränderte Behandlung des Themas „Dritte Welt“ unter stärker historischem Aspekt Abhilfe schaffen kann, wird unter dem Aspekt der einstellungsbestimmten Lernhemmnisse, die Gegenstand dieser Untersuchung sind, zu klären sein.

Am Problematischsten ist die Zustimmung zu der Frage [28], die diese erste Gruppe der Items abschließt:

 

Auswertung von Frage: 28. „Orientalen haben eine grundsätzlich andere Mentalität als die Europäer“ [= 26]

Diese eindeutige signifikante Zustimmung ist etwas überraschend, wenn man die Problematik und Undifferenziert­heit des Mentalitätsbegriffes zugrunde legt. Der Verfasser hatte hier ein kontroverseres Ergebnis erwartet. Es zeigt sich an der Antwort, dass „Mentalität“ für die Mehrzahl der Schüler wie für die meisten Leute eine gängige, nicht differenzierte oder definierte und damit auch nicht problematisierte Kategorie ist. Die Erwartungen, die der Vf. mit der Einschätzung dieser Kategorie durch die Schülerinnen und Schüler verbunden hatte, sind durch das Ergebnis nicht erfüllt worden, da dieser umgangssprachliche Gebrauch des Begriffes „Mentalität“ nicht berücksichtigt worden war.

Hier wird zum ersten Male deutlich, dass sich unter der liberalen Aufgeklärtheit, die das erste Bild dieser Ant­worten offensichtlich zeigte, sehr viel tiefer liegende anthropologische Grundannahmen versteckt halten, die verhal­tensbestimmen wirken können. Dass sich hier ebenfalls das Stereotyp von der „Andersartigkeit“ des Orientalen, wir haben es schon im Zusammenhang mit dem „Orientalismus“ [Said, 1981] im theoretischen Teil angesprochen, zeigt, wird im Zusammenhang mit den Fragen [27 bis 29], die ein etwas anderes Antwortprofil zeigen, zu interpretie­ren sein.

Die signifikant abgelehnten Fragen/Items sind entsprechend denen hoher Zustimmung zu behandeln. Zwei Thesen sind besonders drastisch abgelehnt worden: 

Auswertung von Frage: 11. „Die Arbeitskräfte in der Dritten Welt haben eine geringere Arbeitswilligkeit als Arbeiter in Europa“

 

Auswertung von Frage: 44. „Asiaten sind oft unberechenbar und aggressiv, so dass wir Europäer uns nicht auf sie verlassen können“ [= 40]

 

Hier sind nun so krasse Vorurteile angesprochen und formuliert worden, dass der stereotype Charakter den Schülern sofort klar war und eine Ablehnung, wie wir an anderen Fragen sehen werden, weniger wegen des Aussagegehaltes denn wegen der – in der Schule verpönten – offenen Ideologieform abgelehnt wurde.

Interessant ist es, dass es gerade diese beiden Stereotypen sind, die aus der „Überzeugung“ des Landeskenners in den Berichten von Experten, Wirtschaftsfachleuten und Entwicklungshelfern aus Mitteleuropa immer wieder recht unverhohlen auftreten. Memmi [1980], Said [1981] und andere Autoren decken den Hintergrund dieser Urteile auf. Es wär interessant zu sehen, ob die Schüler, die jetzt so überzeugt ablehnen, ihre Meinung nicht revidieren würden nach einem längeren „naiven“ Aufenthalt in diesen Ländern.

Es ist Aufgabe der Politikdidaktik, diese „richtigen“ Ablehnung aus den „falschen“ Gründen aufzugreifen und zu Ansatzpunkt einer veränderten Begründung von vorhandenen Einsichten zu machen. Dies erscheint dem Verfas­ser ein interessanter Weg zu sein, (Vor-)Urteile nicht zu „brechen“, sondern neu und realitätsgerechter zu fundieren und damit zu entideologisieren.

Auch die beiden, in der Rangfolge der negativen Schnittwerte folgenden Items sind offenbar in ihrer Ideologie­haltigkeit erkannt worden. Eine Ablehnung ist hier ebenfalls die erwartete Reaktion gewesen.

Auswertung von Frage: 22. „Eine moderne Entwicklung Afrikas wurde auch darum erschwert, weil die Afrikaner seit jeher in einer geschichtslosen Welt lebten“ [= 20]

  

Auswertung von Frage: 23. „Die Armut der Dritten Welt sollte nicht nur negativ gesehen werden, da  sie oft die edelsten Züge reiner Menschlichkeit rettet“ [= 21]

Interessant ist hier auch, dass beide Antwortprofile bis in irreguläre Einzelheiten hinein übereinstimmen: jeweils eine etwas größere Minderheit kann sich nicht für eine Antwort entscheiden und bleibt auf der neutralen mittleren Positi­on, was ebenso wie die jeweils um 10 % zustimmenden Antworten doch auf eine Affinität einer beachtlichen Min­derheit der Schüler zu irrational-ideologischen Urteilskonzepten schließen lässt.

Die Frage nach den Gefahren durch die Situation in der „Dritten Welt“, die sich mit den Stichworten „Bevölkerungsexplosion = Übermacht“ und „Asylsuchende = Überfremdung“ charakterisieren lassen, wird von der Mehrzahl der Schüler im Sinne des liberalen Bildungsbürgertums abgelehnt.

Auswertung von Frage: 36. „Die Dritte Welt hat mit ihrer großen Anzahl von Einzelstaaten und ihrer hohen Bevölkerungszahl heute schon einen übermäßigen weltpolitischen Einfluss gewonnen“ [= 32.c]

Auswertung von Frage: 38. „Der deutsche Nationalcharakter wird durch die hohe Zahl von  Asylanten aus  der Dritten Welt gefährdet“ [= 34]

 

Dass die Ablehnung bei Frage [38] eindeutiger ausfällt, dürfte auf die eindeutigere Präsenz in der veröffentlichten Meinung in der Schule zurückzuführen sein, die die Ablehnung von „Asylanten“ negativ stigmatisiert. Ob in der al­lerletzten Zeit hier eine Verschiebung eingetreten ist, lässt sich nur aus Einzelbeobachtungen heraus vermuten, aber nicht quantitativ nachweisen.

Es ist anzunehmen, dass sich da Ergebnis bei einer Umfrage in bildungsferneren Schichten wohl eindeutig zu größerer Zustimmung hin verschieben würde; das hier gezeigte Ergebnis dürfte für die Gesamtbevölkerung nicht repräsentativ sein.

Die nächste Gruppe von Fragen bezieht sich in weniger offensichtlich ideologischer Form auf Volkstums- und Eigenstereotypen. Auch hier ist die mehrheitliche Ablehnung sichtbar und im Sinne der schulischen Zielsetzungen positiv zu bewerten.

Auswertung von Frage: 27. „Die für die moderne Entwicklung notwendige technische Intelligenz setzt eine besondere natürliche Veranlagung voraus, die nicht überall anzutreffen ist“ [= 25]

Auswertung von Frage: 25. „Erst die Annahme der kulturellen Werte Europas ebnet den Afrikanern den Weg zu einer modernen industriellen Entwicklung“ [= 23]

 

Auswertung von Frage: 6. „Die Industrialisierung Europas ist eine Folge der Entwicklung seiner techni­schen Intelligenz, die besonders dem europäischen Menschen zueigen ist“

 

Bei allen drei Fragen ist aber wiederum ein Anteil der Zustimmungen von über 15 % festzustellen, die auf ein euro­zentrisches Gruppenselbstbild schließen lassen.

Es ist zu betonen als Aufgabe der weiteren politikdidaktischen Überlegungen, dass bei allen Ideologiefragen relativ gleichförmig ein Anteil von etwa 15 % der Antworten auffällt, bei denen die Anfälligkeit für unreflektierende, emotional bestimmte Ideologien sichtbar wird. In diesem Bereich finden wir schon die ersten Anzeichen für das Auseinanderfallen der Gesamtpopulation der Schüler in Haltungsgruppen, die, statistisch signifikanter ausgeprägt, bei anderen Fragengruppen noch aufscheinen wird.

Es wird im zweiten Teil der statistischen Auswertungen zu überprüfen sind, ob die hier auffällig gewordenen Antwortgruppen singulär auf die einzelnen Items bezogen bleiben (und als individuelle Motivationen daher in unse­rem Zusammenhang eher zufällig bleiben), oder ob sie sich zu konsistenteren Fragen- oder Schülergruppen zusam­menfassen lassen.

Die Frage [10] spiegelt in ihrer Ablehnung die Zugehörigkeit dieses Items zur eben diskutierten Gruppe der „Haltungsfragen“; es mag als Marginalie der Begriffsbedeutungen interessant sein, dass aus wirtschaftswissenschaft­licher Sicht dieser These zuzustimmen ist, da hier nicht, wie bei den Schülern, Produktivität als wertbesetzter Begriff gebraucht wird, sondern als Folge von Kapitalintensität, Arbeitsorganisation und Arbeitsmarkt an dem materiellen Produktionsergebnis gemessen wird. Dass dies ein Anlass sein kann, die Prämissen von Volkswirtschaftslehre und Lohntheorie kritisch zu überprüfen, sei dahin gestellt. 

Auswertung von Frage: 10. „Die Arbeitskräfte in der Dritten Welt erhalten geringere Löhne als in den Industrieländern, da ihre Produktivität geringer ist“

Auswertung von Frage: 14. „Wo sich private Investoren für Projekte in Entwicklungsländern finden, brauchen keine staatlichen Entwicklungshilfeprogramme mehr entwickelt werden“

 

Mit den Fragen [10] und [17] gelangen wir zur wirtschaftlichen Beurteilung der Situation in der „Dritten Welt“; was sich hier noch nicht statistisch signifikant ablesen lässt, wird in den später behandelten Fragen zu Wirtschaft und Gesellschaft deutlich werden, dass sich die Schülerpopulation in Haltungsgruppen differenziert, die in diesem Be­reich vor allem unterschieden werden können als „bürgerlich-wirtschaftsliberal“ oder andererseits „kritisch-reformi­stisch“ orientiert.

Die oben erfolgte Ausdifferenzierung einer irrational-ideologieanfälligen Teilgruppe wird bei diesem Frage­komplex nicht sichtbar; diese Gruppe integriert sich weitgehend in die wirtschaftsliberale Haltung. Ob hier weitere eventuell interferierende Teilgruppen auszugliedern sind, wird die genauere statistische Untersuchung im zweiten Teil der Auswertung der Befragung zeigen.

Die letzte Frage nun im Komplex der in Ablehnung oder Zustimmung eindeutig beantworteten Items bezieht sich auf ein Thema, das eher aus den ideologischen Konflikten der vergangenen Jahrzehnte abgeleitet ist: den („westlichen“) Vorwurf, das Nord-Süd-Problem sei nur ein interessengebundenes Produkt „östlicher“ Propaganda – und müsste daher im politischen Rahmen des Ost-West-Konfliktes zu behandeln sein.

Auswertung von Frage: 37. „Der sogenannte „Nord-Süd-Konflikt“ ist eigentlich nur eine Erfindung der Ostblockstaaten, um den Westen weiter unter moralischen Druck setzen zu können“ [= 33]

 

Zustimmung findet diese These kaum, dazu ist das Thema in der Öffentlichkeit und vor allen im Gymnasium schon zum Zeitpunkt der Umfrage Ende der achtziger Jahre zu unwichtig geworden, auch wenn der „Systemvergleich“ und die „Deutsche Frage“ in den Lehrplänen noch einen wichtigen Stellenwert einnahmen; die Veränderungen seit der deutschen Vereinigung und den politischen Umwälzungen in Ost- und Südosteuropa seit Beginn der neunziger Jahre lassen diese Perspektive für die Zukunft obsolet werden.

Der hohe Anteil von „mittleren“ oder neutralen Antworten zeigt aber, dass es Schülern auch heute noch schwer fällt, mit offensichtlich antikommunistischen Urteilen umzugehen. Eine deutliche Ablehnung fällt vielen noch schwer, auch wenn die äußere politische Konfliktsituation selbst nicht mehr vorhanden ist. Die zugrunde liegende politische Kontroverse ist aber noch lange nicht gelöst und bleibt ebenso wie die sozialpsychologische Auseinander­setzung mit dem aggressiven Antikommunismus, der sich heute auch als Antisozialismus präsentiert, Gegenstand politikdidaktischer Überlegungen.

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4.3 Heterogene und diffuse Antwortprofile

Die bisher ausgewerteten Items mit sehr hoher bzw. sehr geringer Zustimmung, deren erste inhaltliche Interpretation nicht allzu problematisch erschien, ließ uns die für das „Dritte-Welt“-Bewußtsein signifikanten Themen und Pro­blemkreise erkennen. Gerade diejenigen Items mit besonders eindeutiger Ablehnung waren schon im Pretest als besonders ideologiehaltige Fragestellungen erkannt worden. Bei der späteren Zuordnung von Schülergruppen lässt sich an diesen Fragen auch besonders deutlich die Abgrenzung unterschiedlicher Grundeinstellungen erkennen und das Problem der pädagogischen Behandlung der ideologieorientierten Schülerhaltungen entwickeln. Im Prozess der Gruppenbildung der in der Beantwortung im mathematischen Kontext stehenden Items wird sich herausstellen, dass gerade diese Items deutlicher Ablehnung als Gruppenstammitems hervorragende mathematische Bedeutung erlan­gen und dass gleichermaßen die zugeordneten Items der jeweiligen Gruppen vorrangig aus den Kreis der genannten Fragestellungen stammen. Alle anderen Itemgruppen neigen, vom Verfasser in dieser Form nicht vorhergesehen, nur wenig oder mathematisch nicht signifikant zur Einbeziehung in Itemgruppen, die bestimmte Antwortprofile reprä­sentieren. Die rechnerische Gruppierung wird daher nur einen Teil der Fragestellungen erhellen, während andere Teile nur nachfolgend aus der inhaltlichen Interpretation erschlossen werden können.

Wir kommen in der Interpretation nun zu der auffälligen Gruppe derjenigen Items, deren Rangplatz bezüglich der Standardabweichung (S) und der Schnittwerte (Q) deutlich differieren. Ein Interpretationsansatz für diese statisti­sche Besonderheit wurde schon im Zusammenhang mit der Übersichtstabelle gegeben, wo darauf verwiesen wurde, dass hier die innere Struktur der Antwortprofile uneindeutig und in Teilgruppen aufgelöst erscheint. Das dürfte seine Ursache darin haben, dass hier mehrfach kontroverse Haltungen und „Meinungen“ gegeneinander stehen. Dass keine dieser Fragen im Zusammenhang mit einer errechneten Itemgruppe des sogenannten „Kernbereiches“ auf­taucht, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass diese Zersplitterung der Antworten zwischen den einzelnen der fol­gend genannten Items nicht gleichsinnig, sondern wiederum stark individualisiert erfolgt. Die mathematische Situa­tion der Abweichung von Q und S kann nur erfolgen, wenn weder Zustimmung noch Ablehnung deutlich dominiert. Wesentliches Merkmal ist die „Mittenbetonung“ der Antwortprofile, wo der Antwortwert [3] Unsicherheit und Un­entschlossenheit repräsentiert. Daneben bestehen, symmetrisch oder asymmetrisch, Teilgruppen mit deutlicherer Zustimmung bzw. Ablehnung. Insgesamt ist als Auszählungsergebnis, schon mit einem Blick auf die später erfol­gende Gruppierung, festzuhalten, dass die Auszählungsparallele nicht wie erwartet auf einen inneren Kontext der nachfolgenden Items, sondern auf besonders unsichere Befragungsergebnisse hinweist.

Auswertung von Frage: 53. „Hilfe für die Dritte Welt ist für die westlichen Industriestaaten Pflicht, da sie als Kolonialmächte das heutige Elend verursacht haben“ [= 49]

 

Dieses Behauptung impliziert eine ethische Forderung („Pflicht der Industriestaaten“) sowie eine historische Feststel­lung und Wertung („die Kolonialmächte haben das heutige Elend verursacht“), wobei die Aussage zur Gegenwart („das heutige Elend“) im Kontext mit der Zustimmung zu Frage 2 (siehe oben) wohl als unproblematisch unberück­sichtigt bleiben mag. Die Schüler werden damit aufgefordert, einen gesamten Begründungszusammenhang einer ethischen Wertung, die durchaus direkte Konsequenzen für die Lebensumstände des Einzelnen haben kann, durch­zuführen. Nur ein leichtes Übergewicht der zustimmenden Antworten wird erkennbar, ein recht großer Teil der Ant­worten lehnt dieses Ansinnen ab. Das wird erkennbare Folgen für das politische Verhalten haben, denn ethisch be­gründetes Verhalten unterliegt anderen sozialpsychologischen Bedingungen als andere politische Verhaltensformen. Das hier schon deutlicher auszuführen, ist noch zu früh, sondern gehört in den Kontext der didaktischen Konse­quenzen, die in den abschließenden Kapiteln entwickelt werden.

Auswertung von Frage: 51. „Der „Teufelskreis“ der Armut kann nur durch eine verstärkte Anlehnung an die Wirtschaft der westlichen Industrienationen aufgebrochen werden“ [= 47]

 

Auswertung von Frage: 9. „Die billigen Arbeitskräfte der Dritten Welt/Entwicklungsländer sind ein positi­ver Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder“

 

Diese beiden Behauptungen zielen von zwei Seiten her auf das Selbstverständnis der Schüler bezüglich der eigenen ökonomischen Lebensumwelt. Die deutliche Abweichung der beiden Antwortprofile, in denen zu Frage 51 eine auffällige, wenn auch eingeschränkte Zustimmung vorherrscht, und zu Frage 9 die Ablehnung leicht überwiegt, zeigt, dass diese Einschätzung des eigenen wirtschaftlichen Systems eingeschränkt positiv gewertet wird - was der herr­schenden politischen Ideologie durchaus entspricht -, dass aber die notwendige Konsequenz aus dieser positiven Wertung, nämlich die ökonomische Bewertung des Produktionsfaktors Arbeit als „störend“ nicht gleichermaßen akzeptiert werden kann. Auch hier gilt wieder beim Versuch, objektive Antwortkriterien zu entwickeln, die zu Frage 10 und 14 entwickelte relativierende Einschätzung, der wohl in der weniger wertend gefassten Form der Frage 9 mehr Antworten folgen konnten als bei der eindeutigen Ablehnung von Fragen 10 und 14 zu erwarten gewesen wäre. Bei Frage 9 ist erstmalig eine leichte bipolare Struktur des Antwortprofiles zu erkennen, die auf kontroverse Einschät­zungen bei den Befragten hinweist.

Auswertung von Frage: 21. „Die Araber sind durch ihr Erdöl reicher geworden als die Europäer“ [= 19]

 

Die Zustimmung zu Frage 21 spiegelt das durch die Medien vermittelte Bild wieder; das sollte hiermit auch festge­stellt werden. Dass die Behauptung nach objektiven ökonomischen Kriterien falsch ist, sollte hier nur am Rande erwähnt werden. In den Medien erscheinen als „Araber“ fast ausschließlich Angehörige der reichen Oberschicht Saudi-Arabiens und der autoritären Kleinstaaten der arabischen Halbinsel, die nur eine verschwindende Minderheit aller „Araber“ umfassen. Gleichzeitig stimmt das bezogen auf die Investitions- und Produktionspotenziale ebenso wenig für die genannten „reichen“ Ölstaaten, wenn man von investivem Auslandskapital vor allem von Kuwait ein­mal absieht, das letztlich ungeachtet des Kapitaleigentums den ökonomischen Potenzialen Europas zuzurechnen ist (z.B. bei arabischen Investitionen in der deutschen Großindustrie. Die Aussage ist somit sowohl bezogen auf das durchschnittliche Konsumvermögen, auf den allgemeinen Lebensstandard, auf die Entwicklung der Produktivkräfte wie des Investitionsniveaus falsch. Die Medien vermitteln jedoch ein gegenteiliges Bild. Hier müsste eine aktuellere empirische Analyse, die Medienkritik begleitend, die neueren Veränderungen des Arabienbildes im Zusammenhang mit dem Golfkrieg 1991 untersuchen. Ein solches Vorhaben bereitet der Verfasser vor, kann die Ergebnisse aber nicht mehr in die vorliegende Arbeit einbeziehen. Typisch aufgedeckt wird durch diesen exemplarisch gemeinten Themenbereich die das Bewusstsein bestimmende Macht der Medienberichterstattung: eine der Grunddeterminanten des Dritte-Welt-Bildes in der herrschenden Politischen Kultur und damit Grundlage jeder kritischen Dritte-Welt-Didaktik.

 

Auswertung von Frage: 19. „Die Europäische Gemeinschaft (EG) fördert den weltweiten Zollabbau und tritt für den unbeschränkten freien Welthandel ein“ [= 17]

 

Die Unsicherheit zur Behauptung von Frage 19 ist inhaltlich begründet und deckt den Widerspruch auf zwischen marktwirtschaftlicher Ideologie der EG und ihrer im Vertrag selbst begründeten Planifikationspraxis (Agrarmarkt, Marktordnungen etc.) und Schutzzollpolitik, wie sie gegenüber der Dritten Welt z.B. in den schwerfälligen Verhand­lungen zu den sogenannten Lomé-Verträgen mit den „AKP-Staaten“ zum Ausdruck kommen.

Auswertung von Frage: 42. „Die modernen westlichen Naturwissenschaften haben ihre Wurzel in der ara­bischen Wissenschaft des islamischen Mittelalters“ [= 38]

 

Diese historisch weitgehend richtige Behauptung in Frage 42 deckt mangelnde Berücksichtigung der islamisch-arabischen Geschichte im deutschen Geschichtsbewusstsein und Geschichtsunterricht auf und steht wiederum ex­emplarisch für entsprechende Kenntnisdefizite über andere historische Entwicklungen und Zusammenhänge in der „Dritten Welt“.

Auswertung von Frage: 43. „Der Islam verhindert eine rationale wissenschaftlich-technische Entwicklung in der Arabischen Welt“ [= 39]

 

Das „Weiß ich nicht“ zur inhaltlichen Aussage von Frage 43 steht im Zusammenhang mit den zuletzt interpretierten Items und hat eine entsprechende Funktion in der Aufdeckung von Kenntnis- und Urteilsdefiziten. Diese Frage wäre interessant zu interpretieren gewesen, wenn sich hier eindeutige Antwortgruppen oder deutlichere Asymmetrien erkennen ließen. So aber ist eine weiterführende Interpretation durch die Daten nicht ausreichend gestützt. Da diese Frage auch in der Berechnung der Itemkomplexe keine Rolle spiel, kann dieses Thema im Prinzip als irrelevant für die inhaltliche Bestimmung des politischen Bewusstseins angesehen werden. Das mag etwas überraschend sein, wenn man die gerade dieses Thema für Erklärungsversuche heranziehenden „Orientspezialisten“ unter den Journali­sten liest und deren Interesse an der religiösen Erklärung gesellschaftlicher Sachverhalte, das selbst wieder einer kritischen Untersuchung harrt, beobachten kann. Auch traditionelle Fachwissenschaftler, vor allem Historiker und Geographen, neigen zu diesem Erklärungsmuster, das sichtlich bei den Schülern nicht ankommt. Dahinter mag die grundsätzliche Indifferenz gegenüber religiösen Fragestellungen stehen, die bei der Mehrheit der Jugendlichen fest­gestellt wurde. Doch ist diese Aussage nicht unumstritten. Aus soziologischer und historischer Sicht ist der gängige Befund, dass die Rolle der Religion in der Industriegesellschaft abgenommen hat, sicherlich einleuchtend. In der Diskussion um die Entwicklung des Islam vertritt der an westlichen Gesellschaftsvorstellungen orientierte Politologe Bassam Tibi gleichermaßen die Auffassung, dass eine Modernisierung und Industrialisierung der arabischen Gesell­schaften notwendigerweise eine Säkularisierung und Privatisierung der Religion bedeuten wird, was auf einen Funktionsverlust in der Öffentlichkeit hinausläuft (Tibi 1981). Dagegen steht der Befund, dass in der modernen Massengesellschaft nicht mit der Staats- und Gesellschaftsform verbundene Religionen und religiöse Gruppen be­achtliche und wachsende Mitgliederzahlen aufweisen („New Wave“, aber auch „orientalische Religionen“), dass der Islam nicht nur bei den traditionellen Massen, sondern gerade auch bei Intellektuellen Resonanz findet und dass manche politische Gruppen sektiererhafte bis pseudoreligiöse Züge annehmen. In Bezug auf den Rechtsradikalismus werden wir auf dieses Phänomen noch einmal zu sprechen kommen. Religiöse Bedürfnisse, wie immer man sie auch definieren mag, sind also sicherlich vorhanden (vgl. die Studie der AEED: „Aufgaben christlicher Werterziehung nach dem Wandel“, o.J. [1991], in der Literatur dazu nachgewiesen wird); doch verschließen sich quantifizierende, repräsentative Studien der deutschen Jugendforschung, die wir schon erwähnt haben, diesem Themenkomplex weit­gehend, so dass die Verbreitung religiöser Einstellungen unabhängig von der institutionellen Teilnahme an kirchli­chen Veranstaltungen sich der zahlenmäßigen Erfassung weitgehend entzieht. Das zeigt, dass die empirische Jugend­forschung auch in der Untersuchung von Einstellungen und Wertewandel weitgehend von dem, im Prinzip ja auch nicht falschen Bild der säkularisierten, religiös indifferenten Gesellschaft ausgeht und wenig Interesse für religiöse Einstellungen aufbringt.

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4.4 Kontroverse Antworttypen

Die folgende Gruppe von Fragen [46, 33, 49, 20, 18] ist in der Differenz zwischen Rangplatz der Standardab­wei­chung [S] vom Rangplatz der Schnittsumme [Q] mit den vorher interpretierten sieben Items vergleichbar, hat aber doch einen inhaltlich bedeutungsvollen Unterschied: wenn in den vorangegangenen Antwortprofilen die errech­nete Rangplatzdifferenz durch die Diffusität und Uneinheitlichkeit der Antwortprofile hervorgerufen worden ist, lassen sich in den folgenden fünf Fragen jeweils zwei deutlich voneinander differierende Antwortgruppen unter­scheiden; die Antwortprofile sind bipolar.

Bis auf Frage 20, die im Kern eine Wissensfrage ist - wobei der Begriff Armut jedoch auch wieder die Frage nach den individuellen, gruppenbezogenen oder am Staatshaushalt oder der ökonomischen Potenzialen orientierten Maßstäben evoziert und damit durchaus staats- und sozialorientierte Gesellschaftsbilder differenzieren hilft-, haben alle fünf Aussagen einen gemeinsamen Tenor, nämlich das wertende Vergleichen des europäischen Selbstverständ­nisses mit der angenommenen Situation in der „Dritten Welt“. Die Fragen zielen also in den Kernbereich der Unter­suchung und bestätigen damit durch ihre Bipolarität die Eingangshypothese, dass sich an der Haltung zu „Dritte-Welt“-Themen Aussagen über die eigene Politische Kultur, das eigene politische Bewusstsein ablesen lassen.

Frage 46 zielt auf die Einschätzung der humanen Dimension der industriegesellschaftlichen Mittel und Techno­logien, somit auf die Kontroverse zwischen traditioneller „Entwicklungshilfe“ und den alternativen Denkansätzen zur autochthonen Krisenlösung und Entwicklung. Die auseinanderfallenden Antworthäufungen lassen vermuten, dass damit auch kontroverse Einschätzungen der eigenen Lebens- und Gesellschaftsperspektiven ausgedrückt werden. 

Auswertung von Frage: 46. „Die Überwindung des Hungers in der Dritten Welt kann nur mit Einsatz moder­ner Techniken aus den westlichen Industrieländern gelingen“ [= 42]

 

Auswertung von Frage: 33. „Die europäischen Großmächte haben durch die Einführung moderner Staats­formen die Grundlage zu einer fortschrittlichen Entwicklung der Dritten Welt gelegt“ [= 31]

In Frage 33 wird dieser Ansatz noch verschärft formuliert, mit dem Ergebnis, dass eine größere Unsicherheit in der Beantwortung, ein stärkeres Konzentrieren auf die indifferente Mittelposition [Antwortwert 4] festzustellen ist.

Auswertung von Frage: 49. „In Europa könnten Mordregime wie in Kambodscha unter Pol Pot, in Uganda unter Idi Amin oder wie im heutigen Iran niemals entstehen“ [= 45]

Dass zu dieser Frage bei deutschen Schülern angesichts der jüngeren deutschen Geschichte die Ablehnung dominie­ren sollte, ist zu erwarten gewesen. Die deutlich vorhandene zustimmende Gruppe mit einer zweiten, wenn auch nachgeordneten Häufung zeigt jedoch, wie stark heute schon die Geschichte der NS-Zeit aus dem Alltagsbewusstsein verdrängt worden ist. Hier direkt auf neonazistische Potentiale schließen zu wollen, wäre methodisch falsch; doch der Hinweis auf die Verdrängungsprozesse in der deutschen Politischen Kultur ist hier angebracht und ist eine zu berücksichtigende sozialpsychologische Voraussetzung für Überlegungen zur „Dritte-Welt“-Didaktik.

Auswertung von Frage: 20. „Indien ist eines der ärmsten Länder der Welt und damit ein typisches Ent­wick­lungsland“ [= 18]

Auswertung von Frage: 18. „Nur bei einem ungehinderten freien Weltmarkt können die Länder der Dritten Welt ihre wirtschaftlichen Chancen gewinnbringend nutzen“ [= 16]

Die Frage 18 ist im Zusammenhang mit der Frage 19 nach der Freihandelspolitik der EG zu sehen, wo die ideologi­schen Prämissen zwischen Eurozentrismus und Marktwirtschaftsorientierung angesprochen wurden. In der Formu­lierung der Frage 18 wird noch stärker auf die zu wertenden Folgen für die Länder der „Dritten Welt“ abgeho­ben, was die Indifferenz der Antwortprofile zu Frage 19 zur bipolaren Gruppierung verschiebt und den ideologischen Kern deutlicher frei legt.

Die letzten fünf Items zeigen also deutlich Gruppierungen im politischen Bewusstsein zu Fragen der „Dritten Welt“, die ihren Ursprung in der wertenden Beurteilung der eigenen sozialen und politischen Umwelt haben. Doch zeigt die weitere mathematische Gruppierung, dass diese Gruppierung nicht sehr stabil ist und in andere Gruppen hinein lappt, so dass eine rechnerische Gruppenbildung zu diesen Fragen nicht entsteht. Dennoch sind diese Frage so interessant, dass sie aus dem Originaldatensatz heraus in einer Kontrolluntersuchung genauer aufgeschlüsselt und den zugrunde liegenden Schü­lergruppen zugeordnet werden sollen.

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4.5 Bipolarität und Indifferenz

Es bleibt jetzt eine große Gruppe von Items, deren Beantwortung durch Indifferenz und angedeutete Bipolarität ge­kennzeichnet ist. Es mag genügen, die Auszählungsergebnisse weitgehend unkommentiert mitzuteilen, da sie meist für sich sprechen und die Grundtendenzen bestätigen, die bei anderen Fragen schon deutlicher herausgearbei­tet worden sind. Einige Verweise auf die Zuordnung zu schon erwähnten Antworttypen mag die Einordnung der einzel­nen Antwortprofile erleichtern.

Zunächst schließen einige Items an die Gruppe der soeben interpretierten Fragengruppe an, was durch eine ho­he Rangplatzdifferenz von Standardabweichung [S] und Schnittwert [Q] sowie die Tendenz zu bipolaren Antwort­profilen gekennzeichnet ist. Zunächst werden diejenigen dieser Fragen vorgestellt, bei denen bezogen auf die Ge­samtgruppe die Ablehnung überwiegt. Dabei wird wieder deutlich, was sich im Gesamtrahmen dieser Untersuchung bestätigen wird, dass vor allem anthropologisch-eurozentrische und offensichtlich rassistische Behauptungen sehr deutlich von der großen Mehrzahl der befragten Schüler abgelehnt werden und dass diese recht konsistente Ableh­nung auch den wichtigsten Zusammenhalt von Itemkomplexen konstituiert. Hier ist folglich ein deutlicher zusam­menhängender Komplex innerhalb des politischen Bewusstseins vorzufinden, der nach den wertenden Zielen der Politischen Bildung positiv zu vermerken ist. Gleichzeitig trennen diese Fragen deutlicher als jede andere Gruppe denjenigen Teil der befragten Schülergruppe ab, der durch eurozentrische ideologische Vorurteile bestimmt ist.

Auswertung von Frage: 35. „Die weltweiten Machtverhältnisse haben sich umgekehrt, weil heute die Indu­strieländer durch die Rohstoffländer erpressbar geworden sind“ [= 32.b]

Auswertung von Frage: 24. „Die Dritte Welt/die Entwicklungsländer sollten sich vor dem Streben nach Reichtum hüten, um nicht in den Materialismus zu verfallen“ [= 22]

Auswertung von Frage: 26. „Dass die einzelnen Kontinente eine so  unterschiedliche Entwicklungsge­schwin­digkeit haben, liegt vor allem an der verschiedenen Veranlagung der Menschen“ [= 24]

In den folgenden Fragen steht die Einschätzung der Folgen des Kolonialismus im Vordergrund. Die kolonia­lismus­kritischen Bewertungen überwiegen zwar, doch sind große Indifferenzen und Unsicherheiten erkennbar, die auf eine mögliche Tabuisierung des Themas aus der Zeit des „Kalten Krieges“ („Antikolonialismus“ wurde mit „Kom­mu­nis­mus“ propagandistisch gleich gesetzt), die sich auch auf die Unterrichtsinhalte in den Fächern Geschichte und Geographie auswirkte, zurückzuführen ist.

Auswertung von Frage: 39. „Der Kolonialismus konnte seine weltbeherrschende Stellung nur durch die kulturelle Überlegenheit Europas erringen“ [= 35]

Auswertung von Frage: 50. „Die sozialen Konflikte der heutigen Dritten Welt/Entwicklungsländer sind eine Folge der sozialen Zerstörungen durch die Kolonialmächte“ [= 46]

Die Bedeutung der Bodenschätze für den „Reichtum“ der Völker und Staaten ist ein wenig durchschauter Problem­kreis, bei dem recht naive Vorstellungen gerade auch im Zusammenhang mit der Diskussion um den „Reich­tum der Erdölländer evoziert worden sind. Generell sollte auf das häufige Fehlen eines kritischen Volkswirt­schaftsunterrich­tes verwiesen werden, vor allem, da gerade in den traditionellen Fächern Geschichte und Geographie die Betonung der Wertschöpfung durch Arbeit und Verarbeitung mit „sozialistischer Ideologie“ gleichgesetzt wird. Doch sind die Auffassungen hier im Umbruch.

Auswertung von Frage: 7. „Durch die Ausbeutung von Bodenschätzen können die Entwicklungsländer/ kann die Dritte Welt den „großen Sprung nach vorne“ machen“

Auswertung von Frage: 8. „Auch der Reichtum Europas ist letztlich eine Folge seiner wertvollen Boden­schätze (vgl. z.B. das Ruhrgebiet)“

Auswertung von Frage: 34. „Die Industrieländer sind durch ihre Rohstoffarmut in hohem Maße von den Entwicklungsländern abhängig“ [= 32.a]

Auswertung von Frage: 13. „Für die Verluste, die europäische und amerikanische Firmen bei Investitionen in der Dritten Welt entstehen, sollte der Staat aufkommen, um so diese Form der privaten Entwicklungshilfe zu unterstützen“

Auswertung von Frage: 15. „Die europäische Entwicklungshilfe hat der Dritten Welt insgesamt nur wenig Nutzen gebracht und die Entwicklung nicht nachhaltig gefördert“ [= 15.a]

Auswertung von Frage: 1. „Die Mehrzahl aller Staaten der Erde können als Entwicklungsländer eingestuft werden“

Die zuletzt vorgestellten Fragen zielen auf das grundlegende begriffliche Verständnis von Entwicklung und Entwick­lungshilfe. Mit tendenziell etwas verschiedenen Graden der Zustimmung und Ablehnung fügen sich diese Fragen jedoch in die Gruppe der Indifferenten und ansatzweise bipolar strukturierten Fragen, in denen neben einer deutli­chen Antwortunsicherheit auch Meinungsunterschiede der Teilgruppen sichtbar werden.

Auswertung von Frage: 16. „Die Vergabe von Entwicklungshilfe nutzt vor allem den Geberländern selbst, indem sie ihnen z.B. neue Märkte erschließt“ [= 15.b]

Auswertung von Frage: 56. „Tatkräftige Entwicklungshilfe ist in unserem eigenen Interesse, da sie unserer Industrie neue Märkte erschließt und mehr Gewinne nach sich zieht als sie Kosten verursacht“ [= 52]

Auswertung von Frage: 5. „Nur durch eine gleichmäßige Industrialisierung der ganzen Welt kann schließ­lich den Menschen in der Dritten Welt ein menschenwürdiges Leben gesichert werden“

Beide Fragen rufen indifferente Antworten hervor. Eine leichte Zustimmung zu der These, dass Entwicklungshilfe vor allem den Geberländern nützt, spiegelt das in der Gesamtgruppe vorhandene kritische Potenzial wider; pro­blematisch wird die Beantwortung dieser Frage im kritischen Sinne für die Schüler jedoch dadurch, dass sie damit gegen gerade von dieser Gruppe meist akzeptierte Ziele und gegen die im Unterricht vermittelten Intentionen von Entwicklungs­politik verstoßen müssen. Dies Dilemma spiegelt sich in der Unsicherheit der Antworten.

Auswertung von Frage: 31. „Altertümliche Religionen behindern eine positive Entwicklung vieler Entwicklungsländer“ [= 29]

Auswertung von Frage: 32. „Der Islam ist eine typisch orientalische Religion, die dem Europäer immer fremd bleiben wird“ [= 30]

Indifferent zustimmende Antworten zu den beiden Thesen der Fragen 31 und 32 zeigen sowohl das Vorherr­schen islamkritischer und islamfeindlicher Haltungen, die ihre Wurzeln in der europäischen Kultur wie in der Be­richterstat­tung durch die Massenmedien finden, als auch die Religionsferne der Jugendlichen, auf die schon hinge­wiesen wurde. Am Rand sein noch aus der eigenen Praxis berichtet, dass eine mit Schülern im Laufe eines Jahres durchge­führte Berichtsammlung über den ersten Golfkrieg Iran/Iraq und über die islamische Revolution in Iran auf der Basis von mehreren tausend Presseberichten genau diese z.T. diffamierende Urteilsperspektive der meisten Journalisten gegenüber dem Islam wie der arabischen und iranischen Kultur als Konstante nachzuweisen war. Die positive Re­zeption in Medien und Öffentlichkeit, die das realitätsverschleiernde, allein Emotionen evozierende Buch von Betty Mahmoody („Nicht ohne meine Tochter“, 1990) erfuhr, bestätigt hier den Konsens von Lesererwartung und Journa­listenperspektive. Es ist zu vermuten, dass ohne dieses darin sichtbar werdende Feindbild der amerikani­sche Krieg gegen Iraq als eines vorderasiatisch-islamischen Landes in dieser Form nicht möglich gewesen wäre, da in der Öf­fentlichkeit weder eine differenzierte Realitätssicht vorzufinden ist noch eine Übertragung des Feindbildes auf „den Orient“ oder „den Islam“ insgesamt verhindert wurde. Auch das sollte wieder ein Hinweis auf die Bedeutung der unterrichtlichen Auseinandersetzung mit „Dritte-Welt“-Themen sein!

Auswertung von Frage: 57. „Die Ursachen des Hungers in der Dritten Welt liegen vor allem in starken Klimaverschlechterungen in den letzten Jahrzehnten“ [= 53]

Hier sehen wir ein differenziertes Meinungsbild, in dem sowohl Ablehnung wie auch Zustimmung in erwäh­nenswer­tem Maße geäußert wird. An dieser Stelle kann nicht sicher festgestellt werden, ob sich hier insgesamt mehr Unsi­cherheiten oder tatsächlich kontroverse Einschätzungen ausdrücken. Unsicherheit wäre angesichts der öffentli­chen Berichterstattung über das Verhältnis von Klima- und Naturkatastrophen und der Notlage der betroffenen Menschen nicht überraschend; es wird in den Medien kaum unterschieden zwischen aktuellen Notlagen und der strukturellen Not der Dritten Welt. So ist es sicher nicht falsch, Zustimmung zu dieser Frage auch kritisch zu beleuch­ten und auch auf spezifische Ansätze im Unterricht zurückzuführen.

Dass dieser Frage tendenziell eher zugestimmt wird, liegt sicher an der missverstandenen Rezeption zentraler ökologischer Unterrichtsinhalte des Geographieunterrichts, wo Desertifikation, Treibhauseffekt und Vernichtung der tropischen Regenwälder weniger als Gefahren und Prozesse, denn als schon erfolgte Klimaumstürze dargestellt worden sind. Tatsache ist aber: Signifikante und im längerfristigen Mittel beweisbare Klimaveränderungen, insbe­sondere zu Katastrophen führende Klimaverschlechterungen, hat es nicht gegeben. Dass klimatische Ereignisse (Wir­bel­stürme, Trockenheit, Überschwemmungen) oft zu schnell und vordergründig als Naturkatastrophen gewertet werden, liegt an der weltweiten Aufmerksamkeit, die die internationale Sensationspublizistik mit der Inflation des Begriffes „Katastrophe“ erzielt. Außerdem macht die immer schlechtere sozialen und ökonomische Lage der „Dritten Welt“, die Katastrophen- und Katastrophenfolgenabwehr zunehmend schwieriger. Klimakatastrophen sind daher in erster Linie „Sozialkatastrophen“ (Schmidt-Wulffen, 1982, S.137 f.), und das wird in der genann­ten Presse verschwiegen.

Auswertung von Frage: 41. „Die kolonialen Mutterländer haben viele technische Fertigkeiten und Kennt­nisse aus den eroberten Kolonialgebieten übernommen“ [= 37]

Auswertung von Frage: 47. („Durch welche Maßnahmen wird eine „grüne Revolution“ (z.B. in Indien) cha­rakterisiert?“ [Verbale Vorfrage.] Folgende Frage nur beantworten, wenn Begriff bekannt ist:) „Die „grüne Revolution“ war eine der wichtigsten Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen in Indien“ [= 43.a/b]

Die letzten beiden Items dieser Serien sind nun vor allem durch ihre Indifferenz gekennzeichnet, was durch die „Vor­be­merkung zu Frage 47 auch von Befragerseite her erwartet und konzediert worden ist. Beides sind in erster Linie Wissensfragen, die deutliche Informationsmängel belegen.

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4.6 Untypische Antworten

Es bleiben noch sieben Fragen, die bislang noch nicht interpretiert worden sind, da sie sich durch ihre Ant­wortprofile nur schwer in schon zusammengestellte Gruppierungen einfügen lassen. Das beginnt mit einer These, die den politi­schen Sachverhalt wohl für die Mehrzahl der Länder der „Dritten Welt“ trifft, auch wenn die Ideologie des „eige­nen Weges“ dies vordergründig verschleiert.

Versuche, tatsächlich sozio-ökonomisch aus dem Sog des Industrialismus auszubrechen, scheiterten in der „Kul­turrevolution“ in China wie im Terror der Roten Khmer in Kambodja an der ökonomischen und politischen Undurchsetzbarkeit, die in blutigsten Auseinandersetzungen erfahren wurde. Der „islamische Weg“ Khomeinis in der Islamischen Republik Iran verfolgte diese Abkoppelung ökonomisch ohnehin nur halbherzig, steht doch der legiti­mierend zugrunde gelegte Islam Gewinnstreben und weltweitem Handel durchaus nicht ablehnend gegenüber. Es sollte wohl eher eine politisch-kulturelle Abkoppelung erfolgen, die ebenfalls nur teilweise erfolgreich war. Die Mehrzahl der Länder der „Dritten Welt“ sieht -ob innerlich zustimmend oder nicht sei hier dahingestellt- nur in der Übernahme industrieller Fertigungsformen und in der Integration in den Welthandel überhaupt Chancen, eine wach­sende Bevölkerung unter den gegebenen strukturellen Rahmenbedingungen des heutigen Wirtschafts- und Staaten­systemes ernähren zu können. Es ist daher auch in Frage 4 nicht von der Bewertung dieses Sachverhaltes die Rede, sonder von der Kenntnis darüber, ob dieses Ziele bestehen. Die überwiegend zustimmend Beantwortung ist daher richtig, doch zeigen Indifferenz und ein relativ großer Anteil ablehnender Antworten ein typisches Vermengen von Sachinformation und Wertung, die sich durchaus auf gängige kritische Unterrichtsinhalte beziehen kann.

Auswertung von Frage: 4. „Die Länder der Dritten Welt/die Entwicklungsländer bemühen sich, schnell zu Industrieländern zu werden“

Die bipolare Antwortstruktur der nächsten Frage weist, trotz rechnerischer Unterschiede, das Ergebnis eindeu­tig den schon erläuterten Fragen zum Wirtschaftssystem zu, die ebenfalls eine Zweiteilung der Antworten aufwiesen, die mit der unterschiedlichen Haltung zur eigenen sozio-ökonomischen Umwelt begründet wurde.

Auswertung von Frage: 12. „Durch Investitionen (z.B. den Bau von Fabriken) durch europäische oder ame­ri­kanische Firmen in der Dritten Welt wird diesen Ländern geholfen, ihre natürlichen Reichtümer zu erschlie­ßen und für ihre Entwicklung zu nutzen“

Auswertung von Frage: 3. „Auch in Europa gibt es Länder, die man als Entwicklungsländer bezeichnen könnte“

Diese Frage verweist auf die Kontroverse zwischen inhaltlich-historischer und statistisch-quantitativer (skalierter) Definition der Entwicklungsländer. In der politikwissenschaftlichen Perspektive wird ein Entwicklungsbe­griff, der sich allein an einem quantifizierbaren Kriterienset, wie ihn die UN bevorzugt, meist als nicht hinreichend abgelehnt, da qualitative sozial- und raumstrukturelle Deformationen ebenso wenig erfasst werden wie Deformationen des poli­tisch-kulturellen Bewusstseins durch die Erfahrung der abhängigen Entwicklung. Unter dieser Perspektive dürfte die Frage für Europa abzulehnen sein, nach den objektivierbaren ökonomischen Kriterien sind einige Länder Südeuro­pas zumindestens bis in die siebziger Jahre hinein durchaus mit Entwicklungsländern vergleichbar gewesen. Der Sonderfall Türkei, einem Land ohne koloniale Vergangenheit (oder besser: mit jahrhundertelanger eigener He­gemo­nialmachtstellung) aber mit allen typischen Merkmalen eines Dritt-Welt-Landes, lässt diese Frage noch proble­mati­scher werden und verweist auf den komplexen Zusammenhang des verdeckten (Neo-)Kolonialismus und der öko­no­misch dependenten Entwicklung. Unter diesen Prämissen wird aber auch die Frage neu zu stellen sein, inwieweit Länder wie Ungarn (jahrhundertelange politisch-ökonomische Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich und zu Habs­burg) oder Polen (Verlust der Staatlichkeit in der Zeit der polnischen Teilungen) doch einige koloniale Strukturprä­gungen erlitten haben, worauf die Strukturdeformation zwischen Hauptstadt Budapest und den ländlichen ostungari­schen Regionen durchaus hinweisen könnte. Dass zu dieser Frage keine eindeutigeren Positionen sichtbar werden, entspricht also durchaus der Komplexität der möglichen Antworten.

Auswertung von Frage: 17. „Die Asiaten und Afrikaner müssen erst durch die Fürsorge einer „starken Hand“ zur modernen Demokratie hingeführt werden“ [= 15.c]

Auswertung von Frage: 48. „Terror und Unterdrückung ist ein typisches Merkmal der politischen Systeme der Dritten Welt, die die politische Kultur des Westens nicht begriffen hat“ [= 44]

Diese Ideologiefragen sind gleicher weise den schon erläuterten Fragen 17 und 25 zuzuordnen. Der offensichtli­che Konflikt um den Demokratiebegriff in Ländern außerhalb der europäischen kulturellen Tradition ist offensicht­lich und durch die Identifikation von kolonialer Penetration mit „Demokratieoktroyierung“ nur zu verständlich. Schwie­rig wird dieses Problem jedoch dann, wenn im Unterricht der Konflikt zwischen interkultureller Toleranz bzw. Ak­zeptanz und unverbindlichem Wertrelativismus aufbricht. Diese Diskussion wird durch das Durchdenken der ge­nannten These evoziert und muss auch unterrichtlich aufgegriffen werden, ohne dass hier „Patentrezepte“ zur Lö­sung und Bewältigung vermittelt werden könnten.

In Frage 48 wird derselbe Kontext noch einmal umformuliert und ideologisch brisanter gemacht, was erstaunli­cherweise zu einer höheren Zustimmung führt und die eigene Identifikation von „westlichen Werten“ und politischer Entwicklung der „Dritten Welt“ beweist. Hier wird nun der Eurozentrismus der Urteilsperspektiven aufgedeckt.

Auswertung von Frage: 29. „Auch ein in Europa lebender Orientale kann sich kaum an europäische Ver­hal­tensweisen anpassen und gewöhnen“ [= 27]

Auswertung von Frage: 30. „Strenggläubige Christen aus der Dritten Welt finden bei uns schneller An­schluss als Angehörige anderer Religionen, z.B. die Muslime“ [= 28]

Zum Abschluss noch einmal zwei Frage zum religiösen Themenkomplex, der den Schülern offensichtlich be­sondere Schwierigkeiten bereitet und zu recht unrealistischen Antworten führt. Die grundsätzliche Problematik wurde schon weiter oben erläutert und bestätigt sich in den Antworten zu den Fragen 29 und 30 offensichtlich.

Damit sind die Auszählungsergebnisse zu den einzelnen Fragen vorgestellt worden und es folgt als nächster Schritt der Versuch einer mathematisch orientierten Gruppenbildung einzelner zusammenhängender Items auf der Grundlage typischer Antwortprofile. Ein inhaltliches Ergebnis wird daher erst durch die korrigierenden und ergänzenden Einsichten aus der Gruppenbildung zu erwarten sein.

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Inhalt dieser Seite

IV. Ein Versuch der empirischen Absicherung einiger Probleme der Motivationsstruktur bei Schülern gegenüber der „Dritte-Welt-Thematik“
1. Überlegungen zum Fragebogen
2. Eine Empirik der politischen Kultur?
3. Die inhaltliche Struktur des Fragebogens
4. Die Ergebnisse der Umfrage
4.1 Auszählung der einzelnen Fragestellungen
4.2 Eindeutige Zuweisungen
4.3 Heterogene und diffuse Antwortprofile
4.4 Kontroverse Antworttypen
4.5 Bipolarität und Indifferenz
4.6 Untypische Antworten

   
   

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Bearbeitungsstand: April 2002

Letzte Bearbeitung: 10.10.2010

   
   

 

     
   

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Web-Fassung: 31.01.2006 / rev. 13.05.2012- Verantwortlich: Gerhard Voigt <bismarckschule.voigt@gmx.de>
Texte aus der der Verbandszeitschrift »politik unterricht aktuell« unter www.pu-aktuell.de
Info über die Verbandstätigkeit unter: http://www.politiklehrerverband.org