Gerhard Voigt:
Probleme der Behandlung von
„Dritte-Welt“-Themen in den
gesellschaftswissenschaftlichen
Schulfächern
Eine Untersuchung von Motivationsproblemen
und Voreinstellungen zu „Dritte-Welt“-Themen
bei niedersächsischen Gymnasiasten
Kapitel VII
Textversion
vom 1991 / Bearbeitung ab IV/02 für eine Neuauflage
und eine Internet-Publikation
/ Hannover 2002 / Revision 2010
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VII. Ergebnisse und Konsequenzen
Ein Résumé
Der
unterbrochene Weg:
Verstricke
dich in die Vergangenheit,
und du
verlierst ein Auge,
weise sie von
dir, und du verlierst beide.
[Altes russisches Sprichwort]
Keiner meiner Bekannten lebt noch in dem Haus, in dem er
aufwuchs, oder auch nur in der Stadt oder dem Dorf seiner Kindheit. Die meisten
meiner Freunde leben nicht mit ihren Eltern zusammen. Viele wohnen heute in
einem Land, in dem sie nicht geboren wurden. Andere leben im Exil und
entwickeln Gedanken in einer zweiten Sprache. Ich habe Freunde, deren
Familiengeschichte im Konzentrationslager ausgelöscht wurde. Sie sind Waisen
ihrer Zeit. Unser Jahrhundert hat Flucht, Vertreibung und Exil zur Norm gemacht
und die Verwurzelung zur Ausnahme. Wer wie ich aus einer russischen Familie von
Anhängern der Weißen stammt, die emigrieren mussten und in eine
schottisch-kanadische Familie einheirateten, muss sich glücklich schätzen –
weil wir überlebten – und weil unser Fall zugleich typisch ist.
Da Emigration, Exil und Vertreibung heute zur normalen
Daseinsform geworden sind, ist es fast unmöglich, die richtigen Worte für
Verwurzelung und Zugehörigkeit zu finden. Unser Verlangen nach Heimat ist
geprägt von der Sprache des Verlusts. Wer es verspürt, muss schon heimatlos
sein. Zugehörigkeit ist heute eher rückwärtsgerichtet als gegenwartsbezogen,
eher Erinnerung als Erfahrung, eher vorgestellt als empfunden.
[Michael Ignatieff: Das russische Album. Köln 1989 {The Russian Album, 1987}. S.
11 f.]
Dem Bewusstsein fällt es schwer, den Wandlungen und
Verstrickungen der Realität, der gesellschaftlichen Realität, zu folgen. Gerne
flüchtet es sich in künstliche Realitäten, in Schein, Illusion, Ideologie und
Mythos. Doch die Realität holt das Bewusstsein ein. Bewusstseinskrisen sind
Existenzkrisen für den Menschen, kollektive Bewusstseinsdeformationen stellen
das Fortbestehen der Gesellschaft in Frage (vgl. Laing 1969, Edelman 1976).
Die Ergebnisse der empirischen Untersuchung zielen auf
die Politische Kultur in Mitteleuropa, wie sie sich in den Köpfen und im
Verhalten von Schülerinnen und Schülern konkretisiert und zur
gesellschaftlichen Realität wird. Diese Ergebnisse legen didaktische
Konsequenzen nahe, die sich mit Konzeptionen treffen, die in der unmittelbaren
schulischen Erfahrung gründen und in einer auf Reformen zielenden Schulpolitik
diskursiv entwickelt wurden.
Ein knapper
Problemaufriss mit Blick auf die didaktische
Umsetzung erkannter Realitäten kann selbst kaum ein Beitrag zur
gesellschaftlichen Problemarbeit sein, es sei denn, sie findet in der Schule,
im Unterricht statt. Der Blick auf die Realitäten bleibt so notwendigerweise
unspezifisch und rezeptiv, nachvollziehend. Auf die notwendigen
Problemlösungen kann nur hingewiesen werden: das soziale Elend der
Fluchtsituation, die Kriege und Regionalkonflikte, die ökologischen
Problemlagen müssen in ihrer Konkretheit vom Leser selbst erarbeitet werden,
sie müssen für den didaktischen Sachverhalt vorausgesetzt werden.
Solange Didaktik selbst in ihrer wissenschaftlichen
Methode umstritten und oft unspezifisch ist, bleibt ein Versuch, die
gravierendsten konkreten Probleme unserer Gesellschaft allein aus der
didaktischen Perspektive heraus zu beleuchten, problematisch und
unbefriedigend und doch, kennt man die Begründungsdefizite in den Schulen,
dringend notwendig. Die Notwendigkeit eines veränderten Zuganges zur
Politischen Bildung in der Schule ergibt sich aus der Analyse der
Befragungsdaten unserer Untersuchung, die einerseits die feste Verwurzlung von
Schülerverhalten und Schüler-Bewusstsein in den gesellschaftlichen Strukturen und
Enkulturationssituationen zeigen, die die Fraktionierung der
Einstellungsmuster belegen und die gleichermaßen auf den nur geringen Einfluss
des Schulunterrichtes auf die Bildungsfähigkeit und den gesellschaftlich
notwendigen Einstellungswandel der Schüler hinweisen. Damit bestätigt sich der
Ansatz dieser Untersuchung, didaktische Perspektiven nicht aus der stofflichen
Sachanalyse sondern in Hinblick auf herrschende Bewusstseinslagen der
Politischen Kultur zu entwickeln. Die Dichotomie von Realität und Bewusstsein
wird von uns als Ausgangspunkt der didaktischen Arbeit gesehen. Damit müssen
im weiteren Sinne nicht nur die Realitäten des Unterrichtsstoffes sondern vor
allem die Realitäten der Lebensumwelt der Schüler einbezogen werden; die von
uns erhobene Forderung nach einer neuen, grundsätzlicheren Phase der
Schulreform zielt daher auf ein gewandeltes Verständnis von Schule und
Lebenszeit, das sich konzentriert auf die Befähigung zum konstruktiven,
identitätsstiftenden Umgang mit dem Fremden.
Die inhaltliche Reform der Schule allgemein und des
Politikunterrichtes im Besonderen muss sich daher zunächst ihrer zugrunde
liegenden Paradigmen bewusst werden; deren konkrete Ausformung und Umsetzung in
die Praxis erfordert dann aber mehr als nur die Überlegungen, Zweifel und
Fragen eher zufällig mit der Reform befasster Wissenschaftler und
Schulpraktiker.
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1.
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Die Schule muss sich an den unbewältigten Zukunftsaufgaben
der Gesellschaft orientieren, die nicht mehr den traditionellen Fächern und
erst recht nicht einem diffusen Allgemeinbildungsbegriff zuzuordnen sind, in
ihrer Gesamtheit aber einen neuen, gültigen Bildungsbegriff evozieren.
Stichworte wie Umwelt, Frieden, Kommunikation, globale Gerechtigkeit etc.
charakterisieren nur ganz knapp die Denkrichtung, ohne damit schon gültige
inhaltliche Konzepte vorzuformen.
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2.
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Die Schule kann nicht mehr von der willkürlichen
„Formbarkeit“ des Schülers ausgehen, sondern muss die „Entfaltung der Persönlichkeit“
(früher sagten wir dazu Emanzipation!) zum Ziel haben, wobei diese Persönlichkeit
als soziales Wesen mit Biographie und Geschichte zu verstehen ist – und damit
notwendig mit den Problemen der ersten Zielbestimmung konfrontiert wird.
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Die Dialektik dieser beiden Zielbestimmungen macht das
Wesen der Schule aus; sie kann nicht in ein „Entweder-Oder“ und auch nicht in
ein „Erst-und-Dann“ aufgelöst werden. Beides zusammen ist die Grundlage
unseres Anspruches, Schule zunächst und vorrangig als gemeinsamen Lebens- und
Zusammenlebensort aller an der Schule beteiligten Personen zu verstehen.
Daraus ergeben sich aber auch negative Paradigmen für eine Schulreform, die
sicherlich in der Praxis Kontroversen auslösen werden:
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3.
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Die Schule muss ihre gesellschaftliche Auslesefunktion
letztlich aufgeben, was gleichbedeutend mit einer tiefgreifenden
Gesellschaftsreform sein wird und die Funktion des „gegliederten Schulwesens“
infrage stellt.
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4.
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Die Schule muss den traditionellen Fächerkanon aufgeben
und sich neu legitimierten Inhalten und Arbeitsformen öffnen, was
weitreichende Konsequenzen für die Lehrerausbildung, für die Entwicklung und
Erhaltung der Fachkompetenz der Lehrer und für die Darstellung der
schulischen Leistungen in der Öffentlichkeit hat.
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5.
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Die Schule darf sich nicht als Ort der Vermittlung von
Lernzielen an die Schüler verstehen („Der Schüler soll...“), sonder hat ihre
Aufgaben als gemeinsame Zielbestimmung anzunehmen („In der Schule soll...“).
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Die folgenden zusammenfassenden Ausführungen sollen in
knapper Übersicht noch einmal, über das Referieren der empirischen Ergebnisse
hinaus, die in unserer Untersuchung angedeuteten Perspektiven einer an
Enkulturations- und Akkulturationssituationen orientierten interkulturellen
Erziehung entwickeln, die der Verfasser als Chance für eine konstruktive
Neuorientierung der Politischen Bildung begreift, in die er die engeren
Gegenstände dieser Untersuchung, die Dritte-Welt-Didaktik und die Behandlung
von „Entwicklungsländerproblemen“ in der Geographiedidaktik einbezogen
wissen will. Die einzelnen Abschnitte folgen dabei den der Konzeption der
gesamten Untersuchung zugrunde liegenden Argumentationsschritte.
Die Feststellung, dass die gegenwärtigen Problemlagen
überregional vernetzt sind und auf nationaler Ebene nicht zu lösen sind, ist
angesichts der jahrelang intensiv geführten ökologischen Problemdiskussion (Vester,
Meadows)
ein Allgemeinplatz, der nur deshalb deutlich hervorgehoben werden muss, weil
das gesellschaftliche Alltags-Bewusstsein einen deutlich davon abweichenden,
regional-, national- oder sogar lokalakzentuierten Charakter trägt (Global
2000, Allerbeck/Hoag, Kahlert u.a.). Bezogen
auf mögliche Problemlösungen ist diese Sichtverkürzung sicherlich als mangelnde
Realitätseinsicht zu werten, bezogen auf die Bewältigung der Alltagsanforderungen
dürfte dieser sozialpsychologische Bewusstseinshintergrund durchaus angemessen
sein. Diese Widersprüche zu thematisieren ist ein Grundproblem der
gesellschaftswissenschaftlichen Didaktik. Psychologisch begründete didaktische
Paradigmen, die sich auf die engere persönliche Sozialerfahrung, auf die
subjektive „Betroffenheit“ stützen, wirken reduziert und, entgegen ihrer
Intention, affirmativ. Andererseits dürften „globalistische“ Ansätze, ob
kognitiv bildungsbürgerlich oder affektiv altruistisch, an der Lebenssituation
der Schüler vorbei gehen und sind nicht in der Lage, sie dort, wo sie sich
befinden, „abzuholen“ (Roloff).
Eine genaue Analyse der sozialpsychologischen Situation
wie der Charakteristiken der spezifisch herrschenden Realitätswahrnehmung ist
Voraussetzung der didaktischen Analyse. Wie wenig diese geleistet wird, zeigen
auch noch aktuelle Rahmenrichtlinien in den Ländern der Bundesrepublik
Deutschland, die an die Stelle didaktischer Strukturiertheit meist nur die
Themensystematik stellen.
Die Grundstruktur der Haltungen und Einstellungen –
in unserem Falle exemplifiziert am Themenbeispiel Dritte Welt – ist weitgehend
schulunabhängig und reflektiert eine gesamtgesellschaftliche Situation, die die
Fraktionierungen der Politischen Kultur widerspiegelt. Dass diese Beobachtung
nicht nur in Deutschland sichtbar ist, sondern mit historisch begründbaren
Modifikationen zum Erfahrungstatbestand aller Industrienationen gehört, zeigen
z.B. neuere empirische Untersuchungen in Polen, die Andrzej Rychard [Konflikt und Anpassung. In:
Meyer/Ryszka, Die politische
Kultur Polens. Tübingen 1989, S. 105ff.] referiert. Er untersucht dabei interessanterweise
auch
intrapersonale Einstellungswidersprüche, die wir unter anderen Voraussetzungen
ja auch in der Interpretation unserer Befragungsergebnisse vermutet haben: „...
diese allgemeinen Wertorientierungen bestimmen nicht die Wahrnehmung der
alltäglichen und allgemeinen Erscheinungen, die mit dem Funktionieren von
Institutionen und Organisationen im realen System verbunden sind.“ – In
unserem Falle wäre hier die Schule zu nennen! – „Dies ist vielmehr die Ebene
der pragmatischen Anpassung, auf der «das System durch Verhaltensweisen akzeptiert
wird» – auch wenn man gleichzeitig in der Sphäre der Werte und politischen
Symbole dagegen ist“ (S.291). Rychard zitiert dann Jadlicki (1985): „Im «Normalzustand» wird für gewöhnlich die Wertsphäre vom
Alltag losgelöst und die Wirklichkeit in der Perspektive pragmatischer Interessen wahrgenommen“. Diese Überlegungen, hier für die
gesamtgesellschaftlich Sphäre ausgeführt, hilft zum Verständnis der schon
interpretierten Situationsgebundenheit der Verfestigung, Entwicklung und
Umsetzung von wertbesetzten Einstellungen und belegt den Wirkungsmechanismus,
wie durch (naive oder spekulative) politische Diskussionen z.B. über die
„Asylantenfrage“ latente Haltungen und Einstellungen, die vorher im
Alltagsleben keine Bedeutung hatten, virulent werden, aufgrund einer
Situationsdefinition durch die Gesellschaft, die nun die Haltung gegenüber
Ausländern zum wichtigen „Prüfstein“ für die individuellen Lebensstiloptionen
macht, und offensichtlich rechtsradikales Verhalten provoziert.
3.
Differenzierung der aktuellen Bewusstseinslage
Die Einsicht, dass das Bewusstsein
nicht notwendigerweise
konsistent und widerspruchsfrei sein muss und dass latente Einstellungen und
Haltungen, wie sie in unserer Befragung erkannt worden sind, nicht zwangsläufig
ein folgerichtiges gesellschaftliches Verhalten nach sich ziehen müssen,
sondern dass das Verhalten in hohem Maße situativ bedingt und an herrschenden
Situationsdefinitionen orientiert ist, wird besonders interessant und für die
didaktische Umsetzung zum Problem angesichts einer gesellschaftlichen Bewusstseinslage, die in der kultur- und gesellschaftskritischen Literatur
schon zu sprichwörtlichen Schlagwörtern geronnen ist:
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„die neue Unübersichtlichkeit“,
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„das langsame Verschwinden der Realität“,
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„Postrationalismus“,
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„die neue Ratlosigkeit“,
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„das Ende der Geschichte“ – also:
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Begriffen von verschiedener ideologischer Prägung, die doch
eines gemeinsam haben: das Erschrecken darüber, wie wenig empirisch und
theoretisch gesicherte Realitätserkenntnis das gesellschaftliche Verhalten in
der „postindustriellen“ oder „postmodernen“ Gesellschaft (an sich analytisch
recht untaugliche Begriffe) steuern und begründen. Bedenkenswert ist hier auch
die offensichtliche Diskrepanz zur nicht eingelösten Durchsetzung aufgeklärten,
rationalen Bewusstseins, also einen Normen- und Erwartungskonflikt innerhalb der
intellektuellen Eliten, der in einer breiteren (aber nicht allzu breiten)
Öffentlichkeit rezipiert wurde. Dass wissenschaftliche und philosophische
Einsicht intentionsgemäße gesellschaftliche Umsetzung erfuhr, dürfte in der
Geschichte des menschlichen Denkens kaum je gelungen sein; diese Erfahrung ist
durchaus nicht neu. Tatsache aber ist,
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dass die Notwendigkeit von Expertenwissen zur Sicherung
oder Verbesserung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation heute
größer ist als in der Vergangenheit,
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dass die Definitionsgewalt der Experten bezüglich
gesellschaftlicher Situationen und Probleme bis in die siebziger Jahre hinein
in den westlichen Industrieländern stetig gestiegen ist,
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dass die unmittelbaren Folgen des Versagens von
wissenschaftlichen Prognosen und Expertenkonzepten einer größeren Anzahl von
Menschen unmittelbar erfahrbar wird – meist als Bedrohung erlebt –, denn je
zuvor,
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dass die Verunsicherung ihre Ursache in immer häufiger
erlebtem Versagen der wissenschaftlichen Vorhersagen bei den
Wissenschaftlern selbst ihren Ursprung hat – zu denen auch und in besonderem
Maße die Gesellschafts- und Politikwissenschaftler gehören,
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dass die Fähigkeit, Versagen zu analysieren, weiter
entwickelt ist als die Möglichkeiten konstruktiver Problemlösungen (vgl. Beck,
„Risikogesellschaft“, 1986).
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Als gesellschaftliche Bewusstseinslage wie als Erkenntnis der
Begrenztheit der wissenschaftlichen Einsicht und Prognostik, der Fähigkeit der
wissenschaftlichen Politikberatung, ist die These von der „Verunsicherung“ und
des „Realitätsverlustes“ somit durchaus ernst zu nehmen.
Gesellschaftlicher „Realitätsverlust“ korrespondiert mit
dem schon erwähnten Bedeutungsverlust der Schule als Sozialisations- und
Wertvermittlungsinstanz. Bei allem Zweifel daran, ob die Schule je
intentionsgemäße pädagogische Wirkung zeigte, ist dies heute unter der
Zielsetzung einer rationalen Pädagogik bzw. einer sich wissenschaftlicher
Paradigmen bedienender Fachdidaktik nahezu ausgeschlossen. An die Stelle der
schulischen Wert- und Einstellungsvermittlung tritt weitgehend die „öffentliche
Kultur“ der Medien mit all den schon bezeichneten Realitäts- UND Erfahrungsverlusten
für die Schüler, ihren Desorientierungen und angsterzeugenden Gewaltumwelten
(vgl. Postman: „Wir amüsieren uns zu Tode“, Frankfurt 1988; Werner Glogauer,
1991, nach STERN 46/91, S.199ff.).
Die Wertung dieses Prozesses in unserer Gesellschaft
ist auch gegenüber den genannten Autoren kontrovers. Die Fraktionierung der
Politischen Kultur – belegt auch durch unseren Datensatz – spiegelt die
sektoral und sozial differenzierte Wirksamkeit der Realitätsdefinitionen der
konkurrierenden Eliten, sie ist somit Spiegelbild einer „pluralistischen
Gesellschaft“. Insofern ist die Schule bzw. die Schülerschaft Spiegelbild der
herrschenden gesellschaftlichen Situation.
Im konkreten Verhalten von Schülern finden sich Spiegelungen
dieser gesellschaftlichen Desorientierung, wenn zunehmend (wobei hier das
konkrete Maß doch recht unsicher ist, vgl. unterschiedliche Befunde bei Allerbeck/
Hoag und Jaide) Denken in begrifflichen Stereotypen, Entfremdung
vom konkreten gesellschaftlichen Umfeld, Entsprachlichung der
Realitätsorientierung, Ritualisierung des Sozialverhaltens beobachtet wird.
Der Schulpraktiker, der sich den Blick für sich
verändernde Einstellungen und Verhaltensformen bei Schülern bewahrt hat,
bestätigt diese Befunde mit seiner Beobachtung, dass der normative Charakter
der schulischen Erziehung an Bedeutung verloren hat und Schule und Unterricht
in eine neue Form der Legitimitätskrise geraten sind: in die Krise des „nicht
mehr ernst genommen Werdens“ und der opportunistischen Konsumtion „passender“
Unterrichtsangebote durch die Schüler, die auch hier „unterhalten werden
wollen“ (Postman).
Die kulturkritische Perspektive des zitierten Autors Postman, dass damit das
Ende der Schriftkultur und der Fähigkeit der rationalen Auseinandersetzung mit
Konflikten und Realitäten gekommen sei, ist nicht ganz von der Hand zu weisen..
Materiell ist diese Abwertung noch gestützt, da die
schulischen Formalqualifikatioinen in der Gesellschaft und der „freien
Wirtschaft“ immer mehr abgewertet werden (angeblich wegen Praxisferne, wohl
eher aber wegen der kritischen Intentionalität des schulischen
Bildungsbegriffes) und durch andere Qualifikationsinstanzen (von der Fahrschule
bis zur innerbetrieblichen Berufsausbildung und Karriereförderung) verdrängt
wird. Die Distanzhaltung der Schüler zur Schule ist aus der gesellschaftlichen
Perspektive gesehen also durchaus realistisch und den biographischen Entwürfen
adäquat – wäre parallel dazu nicht auch ein vergleichbarer Bedeutungsverlust
jeglicher ernst zu nehmender Realitätserfahrung, jeglicher qualifizierender
„Zumutung“ über die kurzfristige Situationsbewältigung hinaus bei einem größer
werdenden Teil der Jugendlichen verbunden!
Thesenhaft sollen zwei mehr oder weniger typisch
abzugrenzende Sozialverhaltensdeformationen gegenübergestellt werden, die als
alternative Reaktionen auf vergleichbare Problemlagen verstanden werden können
und die durch ihre Präsenz im allgemeinen Bewusstsein auch als gesellschaftlich
vorgeprägte Problemlösungsangebote verstanden werden können:
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1.
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a.
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narzistischer Eskapismus
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b.
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„Betroffenheitssyndrom“ im individuellen Lebensumfeld
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c.
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Unverbindlichkeit
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d.
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neonationalistische Emotion (z.B. im Sport)
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In
diesem Verhaltenskomplex wird die „sperrige“ Realität beiseite geschoben, das
beanspruchte persönliche „Wohlbefinden“ wird durch eine psychische oder
ideologische Mauer geschützt.
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2.
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a.
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Zusammenbruch ideologischer Orientierungen
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b.
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Geschichte als Herrschaftsideologie
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c.
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Machtzynismus, „Erfolgsorientierung“
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In dieser Verhaltensalternative, in der gesellschaftlichen
Stratigraphie über der erstgenannten zu lokalisieren, wird ein
gesellschaftliches System als vollständige Realität genommen und zum Feld der
individuellen Positionssuche genutzt. Das Ausblenden störender Realitäten ist
hier genauso intensiv wie bei den eskapistischen Verhaltensformen. Beide
Verhaltensformen tragen in sich den psychologisch wichtigen Aspekt der
Komplexitätsreduktion gegenüber einer unübersichtlich gewordenen und
problematisch empfundenen Realität.
Das bedeutet für die Schule, sich ihrer eigenen Aufgaben
und Möglichkeiten neu bewusst zu werden. Der Politischen Bildung, die sich nicht
auf ein „Fach Politik“ allein beschränken kann, kommt dabei eine Schlüsselstellung
zu. Die Schule übernimmt die Aufgabe, diejenigen gesellschaftlich notwendigen
Erziehungsziele anzustreben, die den außerschulischen Qualifizierungsinstanzen
verschlossen bleiben oder ihren Intentionen widersprechen:
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–
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Individuation und Ich-Entwicklung,
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kritisch-rationale und wertorientierte Enkulturation,
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Integration der Akkulturation in die allgemeinen
Bildungsziele,
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sozial und personal adäquates Konfliktverhalten.
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In diesem Kontext sind traditionelle fachliche Konzepte des
kognitiv orientierten Umganges mit „Entwicklungsländerproblemen“ und
Themen aus dem Bereich der „Dritten Welt“ folgenlos und ungeeignet. Gerade das
Thema „Dritte Welt“ belegt drastisch die Notwendigkeit eines alternativen
didaktischen Zuganges. Da vor allem die Geographie bislang Dritte-Welt-Themen
behandelt und im Bewusstsein des Schülers Dritte-Welt-Themen zunächst einmal
länderkundlich-geographisch akzentuiert erscheinen, ist der Mangel an
didaktischer Aufgeschlossenheit der Schulgeographie für politische und
gesellschaftswissenschaftliche Zugänge zum Thema und für eine Rezeption
schülerzentrierter didaktischer Konzepte ein beachtenswertes Hindernis für eine
erneuerte Dritte-Welt-Didaktik.
In erster Linie ist daher eine grundsätzlich
„Entfachlichung“ der Behandlung der Dritte-Welt-Thematik anzustreben. In
zweiter Linie muss die Diskussion um interdisziplinäre Unterrichtsstrukturen
und um Alternativen zur traditionellen Fächergliederung der Schule, beginnend
mit einer stärkeren schulischen Integration der gesellschaftswissenschaftlichen
Fächer wieder aufgenommen werden.
Das kann in der Schulpraxis in unterschiedlicher
Intensität und mit unterschiedlicher Reichweite erfolgen:
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als interdisziplinäre Arbeit,
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–
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als fachunabhängige Projektarbeit,
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als Integration in ein projektbetontes
gesellschaftswissenschaftliches Aufgabenfeld,
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als Teil einer die gesamte Schule verändernden
Akkulturationspädagogik.
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Ohne dies in diesem Zusammenhang empirisch absichern zu
können, soll thesenhaft auf vier Typen der psychosozialen Reaktion auf die
gesellschaftliche Umwelt hingewiesen werden, die sich tendenziell auf die
beiden genannten Verhaltensorientierungen zurückführen lassen und selbst
wieder in Verbindung setzen lassen mit zwei konkurrierenden gesellschaftlichen
Rahmensetzungen. Die Problematik des Spannungsverhältnisses von Lebensstiloption
und Individualisierung wurde mit Ziehe [1991] schon erörtert.
1. Zu beobachten ist –
zumindest im äußeren
Erscheinungsbild – eine Renaissance des „autoritären Charakters“ (Adorno
u.a.),
bzw. zunächst äußerlich vergleichbarer Verhaltensweisen, wenn auch eingewendet
wird, dass sich die Sozialisationsvoraussetzungen stark verändert haben (Gottschalch)
und eine stärkere narzistische Komponente zugrunde liegt (Ziehe). Ob die
Sozialisationsdefizite wirklich so grundlegend anders herzuleiten sind, wie
diese Kritik impliziert, ist angesichts der Phänomenologie des Neonazismus, für
den regional und nach sozialem Status differenziert bis zu 15 % der
Jugendlichen anfällig sind (Sinus-Studie und folgende) in
der Bundesrepublik Deutschland wie in anderen mitteleuropäischen Ländern
zumindest fraglich.
2. Eine von einer großen Minderheit vollzogenen
Kleingruppenorientierung kann sowohl in der Erscheinungsform wie in der
Motivation nach dem Grad der Akzeptanz interner Hierarchisierungsprozesse
unterschieden werden, wobei die Übergänge unscharf und nicht konstant sind.
Egalitäre Zusammenlebensvorstellungen prägen sogenannte „alternative“ Gruppen,
die oft mit Ideen der „Sanftheit“, des „zarten Umgangs“ verknüpft werden und
dennoch anfällig sind gegenüber dem gruppeninternen Machtprozess. Dieser wird
akzeptiert und für die „Schlagkraft“ der Eigengruppe genutzt in den
vielfältigen Interessengruppen, die unsere „Interessendemokratie“ kennzeichnen.
In beiden Fällen ist jedoch die Abschließung nach außen, die selbst gewollte
Unterwerfung unter gruppenspezifisch herrschende Wahrnehmungs-, Interessen- und
Aufmerksamkeitsrichtungen evident. Gesellschaftlich sind diese Orientierungen
nicht soweit auseinander, wie sie selbst glauben möchten. Im Hintergrund steht
hier letztlich der bürgerliche Liberalismus.
3. Im klassischen Sinne „extrovertierte“ Lebensentwürfe
finden sich vor allem in ökonomisch integrierten Bevölkerungsgruppen.
Aufstiegs- und Leistungsorientierung gehen hier einher mit einem
interessenbezogenen Geschichtsrelativismus und einer funktionalistischen
Gesellschaftsideologie, die sich meist als „antiideologisch“ versteht (Titze,
Luhmann).
Konflikte und Problemlagen werden meist nur in Hinblick auf die eigene Lebenssituation
wahrgenommen.
4. In „Entscheidungspositionen“ reicht dieses Konzept
nicht aus. Das im Grunde identische funktionalistische Gesellschaftsbild führt
zum Pragmatismus, zu „technokratischem“ Krisenmanagement. Beide letztgenannten
Positionen geben sich selbst bewusst „vorurteilsfrei“ und sind sicher weit
entfernt von der sozialpsychologischen Notwendigkeit, die eigenen
Identitätsprobleme durch Fixierung auf die schützenden Normen einer
Eigengruppe, einer persönlichen gesellschaftlichen Umwelt lösen zu wollen.
Identität stiftet hier Machtteilhabe, Erfolg und die unausgesprochene
„Solidarität der Eliten“. Doch diese scheinbare Vorurteilslosigkeit ist in
Wahrheit Wertindifferenz und Machtzynismus (Sloterdijk), dem es
nicht darauf ankommt, vorhandene Stereotypen und Vorurteile für den eigenen
Vorteil zu gebrauchen; bei persönlichem Machtverlust geht dann die
„Vorurteilslosigkeit“ schnell verloren und alle vorhandenen, nur funktional
zurückgedrängten aggressiven Abgrenzungsvorurteile unserer politischen Kultur
kommen wieder zum Vorschein. In tragischer Weise ist dieser Prozess zu
beobachten dort, wo ein machtzynisch aufgesetzter „Internationalismus“
zusammengebrochen ist und rechtsradikale, „völkische“ und ethnisch-kulturelle
Vorurteile in virulenter Aggressivität wieder hervorbrechen, wie wir das
gegenwärtig in den Ländern im Gebiet der ehemaligen DDR, aber auch in Polen und
in der Sowjetunion beobachten können.
6. Sozialer
Status und bürgerliche Weltorientierung
Fassen wir die beiden Tendenzen zusammen, stoßen wir auf
eine neue gesellschaftliche Teilung: Einerseits die zunehmend
partikularistisch differenzierten Unterschichten, in denen
Nationalitätenkonflikte, ethnisch-kulturelle Vorurteile und persönliche
Aggressionsbereitschaft virulent werden. Dabei werden durch
narzistisch-eskapistische Lebensentwürfe die soziale Konfliktlage vorübergehend
überdeckt und erträglicher gemacht (Sündenbocksyndrom, Überlegegenheits- und
Unterlegenheitslegenden, „Privatheit der Lebenswerte“). Demgegenüber steht
andererseits der machtorientierte Internationalismus der Eliten und der
Aufsteigerschichten, der Nationalismen und Stereotypen zur Machtsicherung
funktionalisiert.
Beide wurzeln in der bürgerlichen Ideologie, der unter
der herrschenden sozioökonomischen Situation das aufklärerische Potenzial
abhanden gekommen ist. Kollektivistische, solidaritätsgegründete Gesellschafts-
und Lebensentwürfe sind nach den politischen Umwälzungen und den sozialen
Krisen in den Ländern des ehemaligen „real existierenden Sozialismus“ diskreditiert
und in der gesellschaftlichen Realität in Mitteleuropa kaum mehr aufzufinden
und damit als Entwicklungsleitbilder in der „Dritten Welt“ ebenso in den
Hintergrund gedrängt werden.
Gemeinsam ist diesen Lebensentwürfen, die immer
deutlicher über Mitteleuropa hinaus als Lebensperspektiven akzeptiert werden
und wohl funktional an die Ausbreitung des Industrialismus und die weltweite
Verbreitung der „fordistischen Güter“ [Hirsch/Roth, 1986, S.54 f.]
gebunden sind, auch die strukturelle und immanente Inadäquanz der
Problemlösungsangebote durch defizitäre Realitätswahrnehmung, das heißt: der
ideologische Charakter der zugrunde liegenden Gesellschaftsvorstellungen. Die
dialektische Verknüpfung beider Gesellschaftsentwürfe zeigt sich in der
dialektischen Verknüpfung der beiden Krisenlinien der aktuellen Politik, die
sich z.B. im Golfkonflikt im „gemeinsamen Interesse“ an einer gewalttätigen
Auseinandersetzung manifestieren:
1. Der „Weltbürgerkrieg“, in dem die Vielzahl der
Nationalitätenkonflikte, regionale und lokalen Kriege, dem Auseinanderfallen
größerer Staatsverbände, wirtschaftliche und soziale Verteilungskämpfe zwischen
kleinen, rivalisierenden Gruppen die Bildung stabiler Strukturen zur
materiellen Problemlösung verhindern und die Konfliktursachen damit nur
verschärfen, 2. steht dem unveränderten Hegemonialinteresse der
Industriemächte und der von ihnen vertretenen wirtschaftlichen
Interessengruppen entgegen. Beide Konfliktlinien funktionalisieren sich
gegenseitig, verhindern damit aber zuverlässig das rationale Bemühen um
politisch tragfähige Perspektiven für eine problemlösende
Gesellschaftsalternative.
Bürgerliche Weltorientierung bedeutet zunehmend wieder
stärkere „Moralisierung“ der politischen Entwürfe und der öffentlichen
Kommunikation über Politik. Ist diese „Moralisierung“ zunächst einmal
„praktisch“, da kaum rational hinterfragbar, ist sie andererseits, und das
wurde in der kritischen Politikdidaktik lange übersehen, ein wichtiger und
notwendiger Mobilisierungsfaktor für politisches Handeln überhaupt. Moralische
Dissonanzerfahrungen haben in den sechziger und siebziger Jahren die Vehemenz
der Kritik an den herrschenden Verhältnissen, am Vietnamkrieg, an neokolonialer
Ausbeutung etc. begründet, moralische Dissonanzerfahrungen waren und sind
Antrieb der Friedensbewegung gegen Aufrüstung, Abschreckung, gegen den
Golfkrieg, moralische Dissonanzerfahrungen machen die Gegenmacht der
Dissidenten, der Ketzer und der Ohnmächtigen aus (nach Gronemeyer 1985,
S.186). Damit wird, für den Rationalisten mit Zwiespalt aufgenommen, „Moral“ zu
einer wichtigen „kommunitären“ Gestaltungskraft. Auch die
„Dritte-Welt“-Bewegung erhält ihre politische Brisanz aus ihrem moralischen
Anspruch heraus, der in Widerspruch zum politischen und ökonomischen Verhalten
der Industrieländer steht und der eine alternative Modernisierung der globalen
Situationsdefinition fordert.
In der komplexen gesellschaftlichen Realität ist wohl die
der Moralisierung immanente Komplexitätsreduktion der Definition
gesellschaftlicher Probleme eine notwendige Konsens- und damit
Handlungsvoraussetzung. In diesen Kontext sind auch die „Schlüsselprobleme“ von
Klafki [1990, S.303 f.] hineinzustellen. Aufschlussreich ist auch hier
wieder der Ansatz von Ziehe [1991], dessen zentrale Aussage
hier zitiert werden soll: „Die sozialmoralische «Infrastruktur» eines modernen
Gemeinwesens lebt von (kündbaren) Identifikationen und Besetzungen einerseits
und unvermeidlichem Kontingenz-Bewusstsein andererseits. Es gehört also zum
sozialmoralischen Lern-Potenzial rationalisierter Gesellschaften, wie die
Menschen mit dem Bewusstsein umgehen, dass «alles auch anders sein könnte». Das
unterscheidet postkonventionelle Moral und nachtraditionelles Normniveau von
«eingelebter Sittlichkeit und guten Rechten» (darauf hat insbesondere C. Offe
hingewiesen). – Die sozialmoralische Kapazität von Gemeinwesen wird deshalb
zunehmend daran zu messen sein, wie sie mit traditionssprengenden Belastungsproben
umzugehen nahe legt. Das Umgehen mit den Fremdheitsansprüchen derer, die den
historisch überlieferten Horizont nicht teilen, setzt doch allgemeinere (und
das heißt: formalere) Maßstäbe voraus, um in Verschiedenheit miteinander
auskommen zu können. Und solche Maßstäbe gehen in Richtung eines
Universalismus, der von den Communitarians wohl misstrauisch beäugt wird. Erst
Geltungen, die partikulare Lebensformen und Sprachspiele transzendieren, lassen
einander Fremde sich – zeitweilig – wiedererkennen. Dass auch solche
abstraktere Geltungen in sozialen Praktiken verankert sein können – nur eben
auf der «tiefer» verorteten Ebene wechselseitiger Verständigungsansprüche –
und nicht vom Himmel der Ideale geholt werden müssen, hat J. Habermas
einsichtig gemacht. Es wäre interessant, wenn die Communitarians zeigen
könnten, dass ein Unterbau an Überlieferungen besteht, der den
Lösungsmöglichkeiten neuartiger sozialer und kultureller Problemlagen
zuträglich ist.“
Der Widerspruch der kulturellen Orientierung von
Oberschicht und Unterschicht wurde als defizitäre Realitätswahrnehmung
beschrieben. Ein politischer Ansatz, diese Bewusstseinsdeformation bearbeitbar
zu machen, finden wir in dem Aufzeigen der damit erzeugten Wertdissonanzen,
d.h. in einer Moralisierung des Problems. Dazu abschließend noch einmal Ziehe [1991]:
„Dieser Unterstrom «aufgeklärter Traditionen» ist in alltäglichen sozialen
Praktiken, Institutionen und kollektiven Identitätsmustern verankert. Er
braucht keineswegs durch neue Werte ersetzt zu werden, die ein
Gesellschaftskritiker für die Gemeinschaft «erfindet». Aber dennoch droht
diesem tradierten Gemeinsinn immer wieder, verschüttet oder abgedrängt zu
werden, und er bedarf von daher kultureller und politischer Abstützung. Zu
solcher Abstützung können die kommunitär orientierten Intellektuellen
beitragen, indem sie das Gemeinwesen auf Verletzungen und Deformierungen
selbst gesetzter inhärenter Normen stoßen und somit «von innen her» die
Selbstaufklärung der Gesellschaft über sich selbst verbessern.“ [Vgl. dazu auch
Illich:
„Vom Recht auf Gemeinheit“, 1982.]
7.
Aufgaben des kritischen Rationalismus als Grundlage der Fachdidaktik
Der Befund unserer Überlegungen ist eindeutig: Die
gesellschaftswissenschaftliche Fachdidaktik steht einerseits vor einer sozialökonomischen Situation, deren rationale Analyse durch Versagen und Diskreditierung
der Wissenschaften und des „Expertenwissen bei der Politikberatung“ für den
Praktiker kaum noch zu leisten ist, der selbst den typischen Reaktionen einer
Unsicherheit und Orientierungslosigkeit ausgesetzt ist, und andererseits vor
einer „Klientel“, der Schülerschaft, die geprägt ist durch die in der
politischen Öffentlichkeit vorgeprägten Phänomene der Realitätsdistanz,
Realitätsumdeutung, Entsprachlichung und Entrationalisierung. Eine
Schlüsselrolle spielen dabei die Massenmedien, d.h. die „Bewusstseinsindustrie“,
die tendenziell die „Last des Denkens und Urteilens“ abnimmt und stereotype
Sozialverhaltensformen, Situationsdefinitionen, Realitätsdeutungen und
Konfliktlösungsmodelle anbietet. Nicht neu, aber mit zu denken ist die schon
ausgeführte soziale Differenzierung der Lebensentwürfe, die sich mit der
zunehmenden Differenzierung der sozialen (d.h. oft auch nationalen) Herkünfte
der Schüler noch verstärkt und bei gleichzeitiger Nivellierung und
Stereotypisierung der akzeptierten Sozialverhaltensformen zur notwendigen
Ausdifferenzierung der Fachdidaktik führen muss.
Stärker denn je muss Didaktik auf der konkreten Ebene der
Unterrichtsvorbereitung und der Einbeziehung der Lerngruppe in die
Unterrichtsplanung erfolgen. Alte Modelle des vom Lehrer vorstrukturierten
Unterrichtes versagen immer häufiger, wie auch Standardformen des
materialgeleiteten Arbeitsunterrichtes.
Die sozialpsychologische Ausdifferenzierung der
heterogenen Lerngruppen einerseits und die Entsprachlichung des
Alltagsdenkens, gleichsinnig wirkend mit sprachlichen Enkulturations- und
Akkulturationsproblemen, verschließt den eindeutigen und vorhersagbaren Zugang
zu sprachlichen Medien, so dass die vermittelnde und individualisierende Rolle
des Lehrers immer größer wird. Die Anforderungen an die Qualifikation des
Lehrers steigen somit, was unmittelbare Auswirkungen auf die universitäre
Ausbildung und die berufliche Weiterbildung des Lehrers haben muss.
Leitendes Ziel einer so verstandenen
gesellschaftswissenschaftlichen Didaktik ist in erster Linie der Versuch,
konkrete Realitätsbezüge wieder herzustellen, wofür bestimmte Fähigkeiten durch
konkrete Einübung entwickelt werden müssen:
|
–
|
kritische Distanz zur medienvermittelten Realität,
|
|
–
|
rationale Problemlösungsmodelle auf der Grundlage einer
kritischen Realitätsanalyse,
|
|
–
|
sprachlich-argumentative Ausdrucksfähigkeit.
|
Entscheidend ist dabei eine Spracherziehung, die die
Vielfalt und Komplexität der sprachlichen Sinnvermittlung in den Vordergrund
stellt und nicht vorrangig den normativen -orthographischen und stilistischen-
Charakter der herrschenden Sprachkultur betont. In diesem Sinn ist
Spracherziehung, auch Fremdspracherziehung, Teil des politisch bildenden
Gesamtcurriculums.
Veränderungen didaktischer Strategien können nur parallel
zu Änderungen in der Gesellschaft selbst durchgesetzt werden. Dies verstehe
ich nicht einfach als Abhängigkeitsverhältnis, sondern als eine dialektische
Beziehung. Zunächst ergibt sich für das Verhalten der Didaktiker und damit,
bei einer stärkeren Konkretheit der didaktischen Tätigkeit durch die Lehrer
selbst, für das Verhalten der Lehrer:
-
sie müssen selbst eine rationale, distanziert-kritische
Haltung zur Geschichte entwickeln,
-
sie müssen selbst bemüht sein, konkurrierende
Öffentlichkeit zu schaffen, sich den Zwängen der „herrschenden Öffentlichkeit“ zu entziehen,
-
sie müssen selbst ein
Bewusstsein der kulturellen
Beschränktheit des eigenen Erfahrungs- und Sozialhintergrundes entwickeln
und somit ein eigenes interkulturelles Bewusstsein aufbauen.
Die materiellen Voraussetzungen sind gleichermaßen als
politische Aufgaben zu formulieren; vor allem sind die grundlegenden
sozioökonomischen Konflikte und Deformationen ins öffentliche Bewusstsein zu
heben und ihre Lösung anzustreben (gegen jede Tendenz des Aussitzens,
Herunterspielens und Hinnehmens oder der Umdefinierung von Existenzproblemen
als „Sachzwänge“). Jede nicht gelöste soziale Krise wird unentwegt zum Quell
der Realitätsverdrängung, ideologischen Umdeutung und zum Hindernis einer
realitätsorientierten politischen und historischen Bildung. Eine kritische
Öffentlichkeit, vielleicht auch eine der Herrschaftsordnung distanziert gegenüberstehende
Gegenöffentlichkeit muss entwickelt werden, die diesen Grundzusammenhang
erkennt und die Rationalität der politischen Programmatik einfordert.
8. Zur konkreten
Ausgestaltung der Politikdidaktik
An dieser Stelle kann kein Entwurf einer neuen Didaktik der
politischen Bildung erfolgen, die nur in Auseinandersetzung mit den großen
Entwürfen der Politikdidaktik der letzten Jahrzehnte und in der Aufnahme einer
umfassenden neuen Analyse der gesellschaftlichen Voraussetzungen, unter denen
Didaktik und Unterricht heute stattfindet, erfolgen könnte. Ein so weit
gestecktes Ziel wäre zudem nur sinnvoll im umfassenderen wissenschaftlichen
Diskurs. Wichtige Ansätze dazu finden sich z.B. in dem Sammelband „Zur Theorie
und Praxis der politischen Bildung“ der Bundeszentrale für politische Bildung
(Bonn 1990, Bd. 290). Wir beschränken uns hier auf diejenigen Stichworte, die
im Zusammenhang mit der Problematik der deformierten Realitätswahrnehmung und
ihrer Auswirkungen auf eine Begründung einer politischen Didaktik der
interkulturellen Erziehung stehen.
Politische Bildung muss im gedanklichen Ansatz
interkulturell sein. Zentrale Inhalte der gesellschaftswissenschaftlichen
Fächer müssen ihres ethno- und eurozentrischen Charakters enthoben werden, z.B.
durch einen kritischen, interkulturell vergleichenden Ansatz, so z.B. in einer
kritisch vergleichenden Rechtskunde, die die Rechtsquellen auf ihre
historischen Hintergründe und Verursachungen hin untersucht und
Gesellschaftsbezüge z.B. in der Verflechtung von Normen, Rechtsprechung und
Herrschaftslegitimation aufzeigt. Gerade diejenigen Rechtsbereiche, die
Unterschichten, Benachteiligte oder Ausländer besonders und unmittelbar
berühren, Mietrecht, Sozialhilferecht, Ausländer- und Melderecht, zeigen diese
Verknüpfungen besonders deutlich.
Eine kritisch vergleichende Untersuchung von
Sozialisationsbedingungen, Erziehungsgängen und Kinderschicksalen hilft, die
Frage der eigenen Identitätsprobleme nicht nur abgrenzend oder eskapistisch zu
bewältigen zu versuchen, sondern als rational zu bewältigende Aufgabe in die
eigenen Lebensentwürfe mit einzubeziehen. Gerade hier wird aber die
Problematik der didaktischen Umsetzung besonders deutlich, wo der Lehrer eine
Gratwanderung zwischen sozialer Betreuung, Zuwendung, Integration der
gruppenbegründeten Lernprozesse und der rationalen fachlichen Vermittlung
antreten muss – in der Gefahr, hier zu scheitern. Dass dies, weil notwendig und
unumgänglich, als Risiko hinzunehmen sei, weil nur so politische Bildung
ermöglicht wird, betonen Treuheit/Otten (Opladen 1986)
Hintergrund ist wieder die Kenntnis der realen,
materiellen und sozialen Voraussetzungen. Auch die Lerngruppe wird in diesen
Kenntnisbereich eingeführt durch eine kritisch vergleichende Untersuchung der
sozio-ökonomischen Lebensbedingungen; das ist für einen Lehrer in den genannten
Fächern ohnehin Selbstverständnis, unterscheidet sich in unserem Kontext allein
durch die funktionale Einbindung in einen weiter gefassten didaktischen
Umsetzungsprozess.
Auf schulischer bzw. schulpolitischer Ebene sind dabei
die traditionell europäisch – deutschen Inhaltsschwerpunkte der Fächer
Geschichte und Sozialkunde/Politik ein Hemmnis, Realitätssicht über die ethno-
und eurozentrischen Perspektivverzerrungen hinweg zu entwickeln. Die Beiträge
des Faches Geschichte, diese Verengungen aufzubrechen, werden begründet in
einem doppelten Ansatz: „Spurensicherung vor Ort, oral history, entdeckende
Geschichte“ (mit interkulturellen Themen wie: Geschichte der Zwangsarbeiter,
Umsiedler, Arbeitsmigranten, oder Geschichte des Rassismus in der eigenen
Gesellschaft) und „Weltgeschichte“ als exemplarischer und vergleichender
historischer Zugang, bei dem gerade auch ethnozentrische Perspektiven selbst
thematisiert und aufgearbeitet werden (z.B. Kreuzzüge, Inquisation,
Kolonialismus); einbezogen werden die kulturellen und historischen
Hintergründe der ausländischen Schülerinnen und Schüler in den Lerngruppen.
Differenzierte regionale Schwerpunkte erfordern gemeinsames „entdeckendes
Lernen“ bei Lehrern und Schülern. Die sozialkundlichen, auf die aktuelle
gesellschaftliche und politische Situation gerichteten Fachinhalte verknüpfen
sich mit dieser Revision des traditionellen Geschichtsverständnisses.
Geschichte versteht sich somit nicht nur – was auch schon ein didaktischer
Fortschritt wäre! – als „historische Sozialwissenschaft“, erst recht nicht
rekurriert sie auf eine gesonderte „historische Bildung“, sondern sie ordnet
ihre Ziele ein in eine umfassende historisch fundamentierte gesellschaftlich-politisch
Bildung, die in interkulturellem Erkenntnisinteresse die konkrete soziale
Situation der Lerngruppe in die didaktische Ausgestaltung mit einbezieht.
Auch das Fach Erdkunde hat sich als
kritisch-vergleichende Sozial- und Kulturwissenschaft zu verstehen, deren
traditionellen naturgeographischen Fragestellungen in einer umfassenderen
Umweltkunde aufgehen. Dabei spielen gerade auch interdisziplinäre und
„polyvalent“ anzurechnende Unterrichtsvorhaben eine entscheidende, über die
methodische Begründung hinausgehende Rolle. Projektunterricht ist als
gleichwertige Unterrichtsveranstaltung in regelmäßiger oder geblockter Form in
allen Schulstufen zuzulassen und zu fördern, da nur diese Unterrichtsform in
der Lage ist, „gemeinsames Lernen“ und bewusste Einbeziehung der eigenen
Erfahrungsdefizite und Realitätsbedürfnisse konstruktiv in den Lernprozess
einzubeziehen. Interkulturelles Projektlernen orientiert sich an der konkreten
Situation der betroffenen Schülerinnen und Schüler und ihrer Eltern und wird in
Zusammenarbeit mit der Lerngruppe konzipiert und gestaltet; es entzieht sich
engen Fachbindungen, arbeitet schwerpunktmäßig mit handlungsorientierten,
empirischen, entdeckenden und schülerbezogenen Aktionsformen und ist
tendenziell ergebnisoffener Unterricht.
Prinzipiell ist dieser Ansatz noch auszuweiten in
Hinblick auf eine Revision der Zielbestimmung der Schule als staatlicher
Veranstaltung, die einen wichtigen Teil der Lebenszeit der Schüler einfordert
und gleichzeitig eine Schlüsselrolle für die Konsistenz und Permanenz der
Gesellschaftsordnung spielt. Dieser Gesichtspunkt wie die veränderte
unterrichtliche Zielsetzung fordert eine Öffnung der Institutionellen
Begrenzungen und eine Integration der Schule in ihr konkretes
gesellschaftliches Umfeld. Über die Schulinstitution hinausgreifende
integrative und kommunikative Lern- und Aktionsformen bis hin zum Konzept der
„Community School“ sind eine Möglichkeit, die sich oft negativ
verabsolutierenden Formen von „Schulverhalten“ und „schulischer Abgrenzung“ zu
überwinden.
Am Rande ergibt sich dabei auch die Konsequenz, eine
Reduzierung der verpflichtenden Stundentafeln zu verbinden mit neuen
Fachzuschnitten, Zielbestimmungen und Schwerpunktsetzungen der traditionellen
Fächer; neue Fächer können im Angebotsbereich hinzukommen (so z.B. über die
bisherigen Einzelversuche hinaus Pädagogik und Philosophie). Diese Konkretisierungen
sind im Augenblick bezogen auf die konkrete Schulsituation in der
Bundesrepublik Deutschland, teilweise noch enger auf das Land Niedersachsen,
und eine darauf gründende Defizitanalyse; doch lässt die Kenntnis des Verfassers
bezüglich der Situationen in den Schulen der benachbarten mitteleuropäischen
Ländern eine Übertragung der Problemanalyse, z.T. sogar mit noch gravierenderen
Ergebnissen, als berechtigt erscheinen. Die nationalistischen
Perspektivverengungen, die Abwehr interkultureller Realitätssicht und der
gefährliche Eurozentrismus findet sich in teilweise krasser Form in den
Schulsystem und Lehrplänen sowohl im Westen in Frankreich wie im Osten in
Polen, um nur zwei Beispiele zu nennen.
9. Didaktische
Stichworte zu allgemeinen Unterrichtsschwerpunkten
Es ist schon deutlich geworden, dass die weiter
gefassten und
interkulturell ausgerichteten Erkenntnisinteressen und Ziele der politischen
Bildung gerade durch eine heterogene Zusammensetzung der Lerngruppe gefördert
werden Unterschiedliche soziale und nationale Herkunft, differenzierte
sprachliche und kulturelle Hintergründe sind als Chance für das soziale Lernen
zu begreifen. Das verlangt jedoch, wie oben schon angedeutet, eine veränderte
und erweiterte Kompetenz der Lehrer – mit allen ihren Konsequenzen für die Aus-
und Weiterbildung. Homogene Lerngruppen müssen durch ein forciertes
„Herausgehen“ aus dem sozialen Umfeld der Schule „aufgebrochen“ werden: nur das
sichert die notwendigen Realitätserfahrungen, die die Bewusstseinsverengungen gegenüber
der komplexen gesellschaftlichen Realität erkennbar und aufhebbar werden
lassen.
Sprechen über Sprechen und Sprache („Metakommunikation“)
ist das didaktische Schlüsselwort, mit dem die eigenen Erfahrungen und
Hintergründe der Teilnehmer der Lerngruppe über die kognitive Vermittlung von
außen heraus in das Lernen einbezogen werden können. Das Sprechen miteinander
ist die einzige präsente gemeinsame Erfahrung, die notwendigerweise alle
Teilnehmer gemeinsam haben; diese Erfahrung ist zu thematisierten.
In geeigneter methodischer Form führt die Reflexion über
Sprechen zur Reflexion über die Sprachsituation: Soziale Situationen werden
„nachgespielt“ und wechselseitig „erklärt“. So entsteht ein Lernklima
wechselseitiger, angstfreier Reflexion, Distanz und Freiheit. In der kognitiven
Begleitung dieses sozialen Lernens können, um nur einige konkrete Vorschläge
zur Illustration anzufügen, im fächerübergreifenden Ansatz (Deutschunterricht,
Sozialkunde) Biographien und Autobiographien ausgewertet, überall, wo es
sinnvoll ist, konkrete Informationen über Länder und Kulturen vermittelt und
der Zugang zu entsprechenden Informationsquellen geübt, um Hintergründe,
Entwicklungen, Geschichte verstehen zu lernen. Selbstverständlich wird dies
getragen von der medienkritischen Reflexion ethno- und eurozentrischer
Werthaltungen und -urteile, die beim Zeitungelesen und beim kritischen Umgang
mit Massenmedien sichtbar werden. Dies ist eine zweite, vielleicht, bezogen auf
das inhaltliche Verständnis, auch die erste Form, Lesen zu lernen und den
„latenten Analphabetismus“ zu überwinden.
In der Diskussion über eine interkulturelle
Unterrichtspraxis wurde von Lehrern vor allem auf folgende Themenbereiche
hingewiesen, in deren Behandlung sich die genannten Ziele besonders gut verwirklichen
und kognitiv absichern lassen: Rechtsvergleiche, kritische Rechtskunde, Arbeit
an normativen Quellen; Erforschung der gesellschaftlichen Bedingtheit der
Rechtsvorstellungen und der geschichtlichen Hintergründe der Rechtsentwicklung
im interkulturellen Zusammenhang. Dies kommt vor allem dem bei einer kritischen
Beobachtung des tatsächlichen Sozialverhaltens zu erarbeitenden Verständnis
des konkreten Zusammenhangs von formalem und informellen Wert- und Normsystem
einer Gesellschaft zugute und hilft, Sanktionsverhalten und Definition von abweichenden
Verhalten durch die herrschende Gesellschaftsordnung kennen zu lernen und zu
verstehen. Erzwungene gesellschaftliche Anpassung (Integrationsopportunismus)
wird dabei ersetzt durch kritisches Verständnis der gesellschaftlichen Umwelt,
wobei Verständnis sich nicht immanent sondern explizit aus der interkulturellen
Distanz heraus entwickelt. Im Sinne der Reflexion des Lernprozesses selbst
steht hier das Thema Vergleichen von Erziehungszielen und Erziehungsverhalten
an, das sich konkretisiert in der kritisch-vergleichenden Analyse der Situation
der Kinder und Jugendlichen in unterschiedlichen Gesellschaften.
10.
Politische Identitätssuche im Verhältnis zur Geschichte
Ein „Bedürfnis nach Geschichte“ ist Teil der sich als
„postmodern“ verstehenden politischen Bewusstseinslage, ist Teil auch einer
geschickt vermarkteten Mode. Dies aber nur ironisch als Modegag zu verstehen,
greift zu kurz, da sich durchaus ernsthafte Bedürfnisse in dieser vordergründigen Form ausdrücken. Auch wenn Regierungen diese Mode gerne
wahrnehmen und funktionalisieren, um in traditioneller Form ihre
Machterhaltungsansprüche ideologisch zu legitimieren oder zu verbrämen –
Historische Museen und Ausstellungen werden allerorten neu gegründet,
erweitert oder renoviert –, erkennt die Sozialpsychologie, dass sich in dem
verstärkten Bemühen um Geschichte die intuitiv erlebte
Persönlichkeitsreduktion in der Massengesellschaft, die individuelle
Einflusslosigkeit, der Sinnverlust und das „Entschwinden der Realität“ erkennen
lassen. Diese Stichworte sind in den einleitenden Befunden zur Sozialpathologie
der gegenwärtigen Gesellschaft schon aufgeführt worden; hier erscheinen diese
Überlegungen erneut im Zusammenhang mit dem Versuch, den aktuellen Historizismus
zu verstehen.
Erneuern wir den Blick auf die Lebensentwürfe und
Gesellschaftsbilder, so treten uns auch typische Haltungen zur Geschichte,
unterschiedliche Formen der Geschichtsrezeption entgegen. Sehr deutlich ist,
dass eine Polarisierung in geschichtsferne und geschichtsorientierte
Weltbilder eingetreten ist, die deutlich von überkommenen Mustern abweicht. War
über Jahrzehnte hinweg vom Ende des letzten Jahrhunderts in die erste Hälfte
dieses Jahrhunderts hinein eine gegen die bürgerliche Herrschaft gerichtete
Geschichtsorientierung in den unteren Schichten zu verfolgen, die durch die
Arbeiterbewegung evoziert wurde, und stand die übliche Funktionalisierung von
Geschichte durch die herrschenden bürgerlichen Schichten in einer wachsenden
Krise, die sich parallel in Geschichtsskeptizismus, der nach dem zweiten
Weltkrieg seinen Höhepunkt und Abschluss fand, und hemmungsloser ideologischer
Umdeutung von Geschichte im Nationalsozialismus ausdrückte, so ist heute wieder
ein deutliches Desinteresse an allem Geschichtlichen in den unteren Schichten
zu konstatieren, während eine wachsende Geschichtsorientierung bis weit in die
Mittelschichten hinein festzustellen ist.
Das korreliert mit den schon genannten Typen der
Sozial- und Verhaltensorientierung, die folgend in ein Schema gebracht werden
sollen:

Der in dem Schema einerseits sichtbare „Ausstieg aus der
Geschichte“ ist auch ein „Ausstieg aus der Identität“. Diesem können,
differenzieren wir die sozialen Zuordnungen genauer als bisher geschehen, nur
Bevölkerungsgruppen folgen, deren kollektive Identität letztlich in eine
„Selbstverständlichkeit der historischen Herkunft“ gründet, d.h. nur
traditionelle, ortsgebundene deutsche Unterschichten. Denen schließen sich
deklassierte oder in Konsequenz von Lebenskrisen aus der
„Selbstverständlichkeit der bürgerlichen Aufstiegsorientierung“ ausgeschlossene
Mittelschichtangehörige an. Der „Rückzug ins Private“ wird je nach sozialer
Verhaltenskompetenz als Rückzug in die Reste der „Schrebergartenkultur“ oder
als – in der Funktion der Selbstlegitimation – „Erproben alternativer
Lebensformen“ ausgelebt. Die narzistische Verhaltenskomponente führt dabei zu
sehr problematischen, oft antisozialen Verhaltensformen des Einzelgängertums
oder der symbiotischen Partnerbindung. Ein Ausweg aus dieser existenziellen
Sackgasse, will man sie nicht in modischer Form als individuelle
Therapierungsaufgabe verstehen, führt nur zu einer Wiederöffnung des
gesellschaftlichen Zuganges, der Rekonstruktion der gesellschaftlichen Wurzeln
der eigenen Existenz.
Benachteiligte Bevölkerungsgruppen ohne diesen
Hintergrund der „Selbstverständlichkeit“, die ja bei aller persönlichen
Verunsicherung doch einen Rest „Selbstsicherheit“ garantiert, sind auf eine bewusstere Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft, mit ihrer Kultur verwiesen.
Es ist kein Zufall, dass die Renaissance der Geschichte
ihren Ursprung in der Identitätssuche der schwarzen Minderheit in den USA hat.
Die Suche nach den „Roots“, den Wurzeln der eigenständigen Kultur und Herkunft,
ist durchaus bewusst aus dem Umkreis der Black Power-Bewegung initiiert worden.
Weniger systematisch und reflektiert sind der Kulturkonservativismus und die
religiöse Bindung der türkischen Minderheit in der Bundesrepublik Deutschland
zu verstehen. Parallelen sind in Mitteleuropa bei allen nationalen Minderheiten
und Arbeitsmigranten oder Flüchtlingsgruppen zu beobachten. Hier ist der
gemeinsame, von der Bevölkerungsmehrheit der gesellschaftlichen Umwelt
verschiedene geschichtliche Hintergrund ein notwendiger Bestandteil der Gruppenidentität
und der sozialen Integration des Individuums. Doch ist dieser
„existenzsichernde Historismus“ kein Element rationaler Auseinandersetzung mit
der Realität, sondern ideologischer, oft mystifizierender affektiv besetzter Bewusstseinsinhalt.
Auch die Geschichtszuwendung der Mittel- und
Oberschichten ist in ihrer Funktion der Versuch, eine problematisch gewordene
eigene Existenz und soziale Rolle zunächst vor sich selbst, dann aber auch
gegenüber der Gesellschaft zu legitimieren. Auch hier ist die
Geschichtsauffassung selektiv, gruppenzentristisch und ideologisch geprägt. Wir
wiesen schon darauf hin, wie leicht in der individuellen Biographie der Wechsel
vom interessengebundenen Oberschichtsinternationalismus zum persönlichen
kruden rassistischen Vorurteil vollzogen wird. Dieser „Internationalismus“
ist nichts weniger als „interkulturell“, er nimmt das kulturell-ökonomische
Handlungsziel der „westlich-industriestaatlichen Egalisierung“ der Welt im
Sinne der Reduktion auf den Weltmarkt vorweg, in dem traditionelle und
alternative Lebensformen und Sinngebungen keinen Platz haben.
Wir stellen also zusammenfassend fest, dass das in Teilen
der Bevölkerung wachsende Geschichtsinteresse durchaus verständlichen
gesellschaftlichen Bedürfnissen entspricht, einer nicht weiter reflektierten
Defizitwahrnehmung in der politischen Kultur entspringt – die aus einer
anderen gesellschaftlichen Position heraus gerade auch zur gegenteiligen,
ablehnenden Haltung gegenüber der Geschichte führen kann, was die geringe
Realitätsbindung dieser Motivation erweist –, aber in seiner Erscheinungsform
kaum je ein Moment der rationalen Realitätsdurchdringung wird. Daher kann die
gesellschaftswissenschaftliche Didaktik nicht einfach an diese Motivation
anknüpfen, sondern muss sie in ihrer psychosozialen Struktur mit der Lerngruppe
zusammen thematisieren und aufarbeiten. In diesem Sinne können jedoch sehr
befriedigende Lernerfolge entstehen, vor allem wenn in der gleichen Lerngruppe
auch ein Geschichtsinteresse aus der geschilderten Minderheitenposition heraus
vorhanden ist.
Das Schema zeigt aber auch, dass dieses Eingreifen der
unterrichtlichen Aufbereitung biographisch so früh geschehen muss, dass nicht –
durch die in jeder Biographie vorfindbaren Lebenskrisen – eine soziale
Abschottung und mentale Blockierung eine Öffnung der Realitätswahrnehmung
verhindern.
Die Lebensentwürfe, die hier knapp angedeutet wurden,
gründen sich, wie wir in unserer Untersuchung beispielbezogen analysiert
haben, auf eine nur schwer aufzufaltenden Komplex von Ursachen. Im Rahmen der
Haltungen zum Thema „Dritte Welt“ konnten wir den Kontext zur politischen
Kultur herstellen, haben aber vor allem den Problembereich der
Realitätswahrnehmung und des „biographischen Erfolges“ von Einstellungs- und
Verhaltenskonzepten erörtert. Dabei waren die Interpretationsansätze des
symbolischen Interaktionismus und der Akkulturationsforschung zum Verständnis
hilfreich. Dennoch ist die in unserem Zusammenhang gewonnene Kategorisierung
für ein umfassendes Verständnis der Politischen Kultur in Deutschland nicht
hinreichend. Die differenzierteren Gruppierungsversuche in umfassenderen
empirischen Studien müssen im Vergleich und zur Absicherung hinzugezogen
werden (Sinus-Studie 1985, Shell-Studie 1985, ARD/ZDF-Medienkommission 1988, Jugendkompass Niedersachsen
1985 und
1989, STERN-Untersuchung 1986 und
1991, Mokrosch 1987). Unsere Ergebnisse widersprechen den Grunderkenntnissen der
genannten Studien, soweit sie in ihren Fragestellungen vergleichbar sind,
keineswegs; auffällig ist vielleicht, dass wir das «antirational-stereotype
Potenzial» als größer einschätzen als zumindest die früheren Arbeiten, uns aber
trotz der älteren Datenbasis unserer eigenen Untersuchung tendenziell den
Einschätzungen der letzten Untersuchungen vor allem über rechtextremistischer
Einstellungen in der Jugend annähern. Das dies in unserer Untersuchung schon
mit älteren Daten erkennbar gemacht werden konnte, liegt wohl daran, dass
diese Haltungen und Einstellungen nicht direkt erfragt wurden sondern an einem
eher polarisierenden Meinungsindikator, den Einstellungen zur
„Dritte-Welt-Thematik“, gemessen haben. Die Eignung dieses Themenkomplexes,
Aussagen über die Politische Kultur einer Gesellschaft sichtbar zu machen, ist
durch die empirischen Ergebnisse bestätigt. Eine wünschenswerte feinere
Differenzierung der Einstellungen war auf der gegebenen Datenbasis und im
Rahmen des gewählten empirischen Instrumentariums nicht möglich; dafür sind
ohne entsprechende Quantifizierungen bemerkenswerte inhaltliche Aufschlüsse aus
der Interpretation der Antwortprofile zu den einzelnen Fragen selbst gewonnen
worden, die das Gesamtergebnis der Studie vor allem in Hinblick auf die
Fraktionierung und Differenzierung der herrschenden Bewusstseinslagen in unserer
Politischen Kultur bestätigen.
11. Zum politikdidaktischen
Umgang mit der Geschichte
Unsere Überlegungen führen uns, gestützt durch die
empirischen Daten, zu der Einsicht, dass Dritte-Welt-Probleme ihre Bedeutung
weit über eine enge schulische Fachzuweisung zur Geographie oder bestenfalls
noch der Gemeinschaftskunde erweisen. Das gilt sowohl für den materiellen
Themenbereich „Dritte Welt, Entwicklung und Modernisierung“, eingebundenen in
den übergreifenden Problembereich „Soziale Ungleichheit und zentral-periphere
Disparitäten und Abhängigkeiten“, wie für seine Funktion innerhalb der
Politischen Kultur unseres Landes – sei es, was die Begegnung mit dem
„Fremden“, dem „Ausländer“ und der „fremden Kultur“ angeht, sei es bezogen auf
die historische und politische Identität, die durch die Verwerfungen der
Zeitgeschichte und ihre Folgen für die Gegenwart problematisch und
konfliktträchtig geworden ist. Die Konsequenzen für die Pädagogik ist daher die
Forderung nach einer deutlichen Entfachlichung der interkulturellen Erziehung
und eine bewusste Einbeziehung auch der historischen Perspektiven.
Im bisherigen Zusammenhang haben wir die
gesellschaftswissenschaftliche Fachdidaktik vor allem mit den traditionellen
Ansätzen der Geographiedidaktik konfrontiert und daraus kritische Perspektiven
gewonnen. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen muss abschließend eine
ansatzweise Einbeziehung der Geschichtsdidaktik in unsere pädagogische
Gesamtkonzeption erfolgen.
Da sich Geschichte im Bereich der Wissenschaft zunehmend
selbst als Gesellschaftswissenschaft versteht, in einer ihrer Richtungen
explizit als „historische Sozialwissenschaft“, und der
geisteswissenschaftlich-idealistische Ansatz eher selbst als historisches
Phänomen zu werten ist, sollte es nicht schwer fallen, untere Würdigung der
spezifischen Kompetenz und Methodik der Geschichtswissenschaft die
Geschichtsdidaktik als wichtigen Teil der politischen Bildung zu verstehen.
Dabei ist, in den Augen des Verfassers, auf ein wichtiges Missverständnis hinzuweisen:
Als konservativer Gegenentwurf zur (emanzipativen, kritischen) „politischen
Bildung“ wird oft eine (affirmative?) „historische Bildung“ postuliert. In
diesem Sinne wird aber der Bildungsbegriff überstrapaziert. Bildung bezieht
sich auch eine kognitiv und instrumental fundamentierte Verhaltensdimension;
mit der politischen Bildung korrespondiert das „politische Verhalten“ oder das
politisch wirksamen Sozialverhalten. Dies bezieht sich auf die Gegenwart der
Schüler und der Gesellschaft und ist ziel- und zukunftsorientiert. Dabei
spielen Kenntnisse und Einsichten aus dem Bereich der Geschichte eine unter
Umständen ebenso große Rolle wie Kenntnisse aus allen anderen möglichen, z. B.
auch naturwissenschaftlichen Wissensbereichen. Politische Bildung ist daher
eine spezifische, an gesellschaftlichen Ziel- und Wertvorstellungen
orientierte Form der Umsetzung von Kenntnissen und Wissen. Keinesfalls ist
politische Bildung die Summe der Kenntnisse über Politik! Da ein „Verhalten in
der Vergangenheit“ eine unsinnige Vorstellung ist, bietet die Geschichte als
solche kein Handlungsfeld für die Schüler; eine Bildung, um „in der
Vergangenheit zu handeln“ wäre eine (wie ich befürchte aus konservativer Sicht
nicht immer ungern gesehene) Aufforderung zur ideologische Uminterpretierung
von Geschichte. Denn auch „historische Bildung“ darf begrifflich nicht
missverstanden werden als „Summe der Kenntnisse über geschichtliche
Zusammenhänge"! Somit ist die Forderung nach „historischer Bildung“ nichts
weiter als die verschleierte Forderung nach einer anderen „politischen
Bildung“, einer politischen Bildung, die gegenwärtige Problemlagen vor dem
Hintergrund historischer Ideologien wie z.B. des Nationalismus umdeutet und, im
Gegensatz zu unserer Kernforderung nach rationaler Realitätsorientierung,
ideologische Realitätsdeutungen als Muster der Lebensbewältigung anbietet!
In diesem Kontext kommt der historischen
Auseinandersetzung mit dem Imperialismus und dem Kolonialismus eine sensible
und entscheidende Rolle zu: im Sinne einer „Geschichte als politische Bildung“
(entsprechend der geographischen Konzeption bei Schramke 1978; vgl. als
Materialband von Borries 1986; Callies 1981, Paczensky 1979) werden
durch die Bearbeitung dieser Themen die Grundlagen zum kritischen und prozessualen
Verständnis der Situation der Dritten Welt gelegt, was erklärt, wie die
„Entwicklungsländer gemacht worden sind“. Im Ansatz der „historischen Bildung“
stellt sich dieser Themenbereich ganz anders als Teil der europäischen
Nationalgeschichte dar, die z.B. Bismarck auf dem Berliner Kongress als
gerechten Makler und Friedensstifter zwischen konkurrierenden europäischen
Kolonialinteressen interpretiert. Vorrang hat dabei die Vermittlung von
Faktenkenntnissen, die über die historischen politischen Strukturen, Prozesse
und Kräfte nur wenig aussagen und kaum geeignet sind, heutige globale
Verwerfungen und Konflikte zu verstehen.
Aufgrund dieser Überlegung ergeben sich einige
Forderungen, an denen sich die Geschichtsdidaktik überprüfen kann. Sie hat,
was ihr sicherlich leicht fallen wird, zunächst das modische „Bedürfnis nach
Geschichte“ als reales gesellschaftliches Bedürfnis ernst zu nehmen, muss aber
die damit ausgedrückten realen Bewusstseinsdefizite zur Kenntnis nehmen. In
gleicher Weise muss die Geschichtsdidaktik den Antihistorizismus eines weiteren
großen Teiles der Gesellschaft gleichermaßen ernst und als Aufgabe nehmen, um
nicht nur „Geschichte für Hobbyhistoriker“ betreiben zu wollen. Die in den
Lerngruppen aufscheinenden Geschichtsbilder und Ideologien sind aufzugreifen
und als Ansatzpunkt zu nehmen, im Sinne einer Entideologisierung konkrete Wege
zu suchen, Geschichtsverständnis auf Realitäten zu gründen. Das hat auf der
einen Seite ein bewusstes Verhältnis zur historischen Methodik zur
Voraussetzung, wie auch das konkrete Einbeziehen der Lerngruppe in die
Strukturierung des Lernprozesses selbst.
Das führt zu einer didaktisch begründeten, notwendigen
Umdeutung: Geschichte verliert ihre Rolle als Reduktionselement zur Stützung
individueller Identitätsdefizite und wird zum Weg zur überindividuellen, gesellschaftlichen
Realitätsorientierung des Bewusstseins. So bekommt Geschichtsverständnis eine
zentrale Rolle in der interkulturellen Bildung.
Zu den methodischen Ansätzen einer solchen gewandelten
Geschichte ist schon in einem vorangegangenen Abschnitt einiges ausgeführt
worden. Noch einmal verwiesen werden soll in diesem Zusammenhang auf die Forderung,
Geschichte wie Gemeinschaftskunde (Sozialkunde, Politik) aus der
Wahrnehmungswelt des Schülers heraus anzulegen und zu begründen, wobei
Medienerfahrungen, Kommunikationssituationen und direkte empirische Zugänge
(Ortstermine, oral history, Geschichtswerkstätten) nebeneinander stehen und
sich gegenseitig befruchten können.
Was fordert nun die Geschichtsdidaktik von der
Gesellschaft – um deren dialektische Verknüpfung zu verdeutlichen -? Zunächst
und an zentraler Stelle ist eine Revision des Umgangs mit zentralen Begriffen
wie „Nation“, „Volk“, „Staatsvolk“ etc. von ausschlaggebender Bedeutung. Der
Staat ist in unserem Jahrhundert als pragmatisches Instrument zur
gesellschaftlichen Problembewältigung zu verstehen, nicht aber als ideologische
Sinnerfüllung! Das „Volk“ kann sich, nach der Zeit des Nationalsozialismus,
sicher nicht mehr im traditionellen Kontext „völkisch“, „rassisch“ oder
herkunftsmäßig definieren, sondern nur noch als gegenwärtige Schicksalsgemeinschaft,
die gemeinsam oder sozial differenziert Herrschaft erlebt, Wohlstand oder Not
erfährt und aufgefordert ist, Konflikte gesellschaftlich und politisch
verantwortlich zu lösen. Die Kultur – wesentlicher Kristallisationspunkt kollektiver
Identität – versteht sich dann als aktive und wertbezogene Auseinandersetzung
mit der Geschichte und mit den positiven und negativen Erfahrungen mit der
Zeitgeschichte. Offenheit, Lernbereitschaft und kritische Distanz sind die
Voraussetzungen einer solchen Haltung, kurz gesagt: interkulturelles Bewusstsein.[1]
Dass ein solchermaßen geändertes Verständnis
zentraler historisch-gesellschaftlicher Begriffe zu einer veränderten
Situationsdefinition heutiger politischer Konfliktlagen führt, ist evident. Vor
allem ist eine solche Umdeutung notwendig, um positive Wege in eine
multikulturelle Gesellschaft zu finden. Geschichtsunterricht als politische
Bildung mit interdisziplinärem Anspruch hilft zur Besinnung auf
realitätsbezogene staatlich-politische Kategorien und Zielbestimmungen und
könnte auch helfen, die problematische Fixierung auf Formeln wie „Deutschland
ist kein Einwanderungsland“, „Deutschland den Deutschen“ (um das Schlagwort der
extremen Rechten, das über diesen Kreis hinaus viel weiter akzeptiert zu sein
scheint, mit zu zitieren) ideologiekritisch aufbrechen zu können.
12.
Résumé der Untersuchung
Das Thema „Dritte Welt“ ist in deutschen Schule vor allem im
Gymnasium und dort im Fach Erdkunde vorzufinden. Das Fach Erdkunde versteht
„Dritte-Welt-Themen“ als „Entwicklungsländerprobleme“ und neigt zu
länderkundlich-deterministischen
oder eurozentrischen Themenbehandlungen, die dem Thema schon allein aus fachlichen
Gründen nicht gerecht werden. Darüber hinaus ist Erdkundeunterricht wie
eigentlich jeder Gymnasialunterricht kognitiv, bestenfalls fachmethodisch
akzentuiert. Dieser Themenzugang findet im Bildungsprozess der Schüler wenig
Resonanz. Die schulische Erfahrung geht von massiven Motivationsproblemen
gegenüber Dritte-Welt-Themen aus.
Unsere empirische Untersuchung will diesem Befund auf den
Grund gehen. Dabei geht die Befragung, gestützt auf die entsprechende
kritische Literatur wie auf die schulische Erfahrung davon aus, dass regelmäßig
auftretende Motivationsprobleme auf gesellschaftliche Dissonanzerfahrungen
zurückzuführen sind.
Diese Dissonanzerfahrungen liegen einmal in der inneren
Struktur der Dritte-Welt-Themen selbst, nämlich ihrer Distanz zur Alltagsumwelt
und zur Alltagserfahrung des Schülers, und in spezifischen gesellschaftlich
vermittelten Werthaltungen und Einstellungsstereotypen, die wir in einen
erweiterten Begriff der „Politischen Kultur“ einbezogen haben. Uns ist es im
Rahmen einer Befragung von niedersächsischen Gymnasiasten in diesem
Zusammenhang gelungen, einige Strukturmerkmale dieser Politischen Kultur, die
in der allgemeinen Jugendforschung belegt und in unserem Untersuchungskontext
erwartet waren, zu bestätigen und in themenspezifischer Form zu modifizieren.
Die Fraktionierung der Politischen Kultur in abgegrenzte Einstellungstypen
erwies das beachtliche Potenzial «antirational-stereotyper» Einstellungen, die
über die erwarteten Anteile an der Gesamtschülerschaft von Gymnasium deutlich
hinausgingen. Ebenso bestätigte sich die nur geringe Wirksamkeit der bisherigen
unterrichtlichen Behandlung von „Dritte-Welt“-Themen für die
Einstellungsentwicklung und -änderung der Schülerinnen und Schüler. Daraus
musste die Konsequenz gezogen werden, dass eine einheitliche, fachgebundene,
kognitiv orientierte Vermittlung in diesem Themenbereich an den Lern- und
Motivationsbedingungen der Schüler vorbei geht und es nicht ermöglicht, die
themenimmanenten Potentiale in Hinblick auf den Umgang mit „dem Fremden“ und in
Bezug auf die Entwicklung einer umfassenderen interkulturellen Erziehung
hinreichend zu entwickeln und pädagogisch umzusetzen. Die weitere Analyse
zeigt, dass das in der Schule zunächst wahrgenommene strukturelle Defizit des
Themas „Dritte Welt“ angesichts der allgemein festzustellenden Ersetzung von
Erfahrungsrealität durch vermittelte Kommunikations- und Medienrealität nicht
die Bedeutung haben kann, die eine „erfahrungsorientierte“ politische
Didaktik aus der Reformphase der sechziger und siebziger Jahre ihm zumessen
würde. Der Erfahrungsbegriff und damit der Begriff von „Nähe und
Betroffenheit“ ist selbst fragwürdig geworden.
Der weitere Verlauf unserer Untersuchung verschiebt die
kritischen Gewichte gegenüber der Dritte-Welt-Didaktik stärker auf den
Einstellungskomplex, in dem wir gesellschaftliche Fraktionierungen und
uneingestandene Realitätsverleugnungen im Interesse einer heterogenen
Realitätsdefinition konkurrierender gesellschaftlicher Eliten widergespiegelt
sehen.
Unter dieser Perspektive wird uns der mehrfach belegte
Bedeutungsverlust der schulischen, institutionellen Sozialisation und die
sinkende biographische Relevanz der in der Schule verbrachten Lebenszeit
deutlich. In der Erkenntnis, dass in unserer Gesellschaft Alternativen zur
Schule nicht denkbar bzw. nicht realistisch diskutierbar sind, verfolgen wir in
einem das Grundthema umspielenden schulpolitischen Exkurs die Möglichkeiten der
Alternativen in der Schule und stellen dabei fest, dass sich erst hierbei neue
Chancen für eine schülerorientierte Behandlung von Dritte-Welt-Themen
eröffnen. Wir bestehen daher auf dem unlösbaren Kontext von Erneuerung der
Dritte-Welt-Didaktik, Neubestimmung der Politischen Bildung in der Schule und
grundsätzlicher Schulreform.
Zentraler Ansatzpunkt wird für diese Forderungen die
Einsicht, dass der thematischen Arbeit sozialpsychologisch prägende Strukturen
zugrunde liegen; die Schule hat sich entsprechend ihrer Bildungsziele vor allem
mit der Kategorie des „Fremden, Unübersichtlichen, Erklärungsbedürftigen,
Offenen“ auseinander zu setzen und rationale Wege der Konfliktbewältigung und
Angstüberwindung zu zeigen.
Didaktisches Zentrum ist dabei die Kommunikation selbst,
indem gesellschaftliche Erfahrung als Ergebnis der gesellschaftlichen
Kommunikation verstanden wird. Orientierung in der gesellschaftlichen Umwelt
bedeutet dabei, die kommunikativen Prozesse der Realitäts- und
Situationsdefinitionen zu durchschauen und sie selbst im Sinne der
Metakommunikation rational verfügbar zu machen.
Hier trifft sich dieser allgemeine Ansatz mit erfolgreich
erprobten pädagogischen Konzepten der außerschulischen
Akkulturationspädagogik, was wegen der inhaltlichen Berührung zu den ansonsten
„fernen und exotischen“ Dritte-Welt-Themen die Konsequenz zulässt,
Dritte-Welt-Didaktik als Teil einer erweiterten schulischen Akkulturations-
und Enkulturationspädagogik zu verstehen, oder, wie wir es jetzt abschließend
umformulieren wollen: als Teil einer neuen interkulturellen Schulrealität.