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Gerhard Voigt
Dritte Welt und
entwicklungspolitische Strategie im Geographieunterricht
1.1 Zielgruppen der Entwicklungsländerforschung
Die Anwendungssituation der Forschungsergebnisse der
„Entwicklungsländerforschung“, der geographischen Arbeit über das Thema
„Dritte Welt“ ist die praktische Entwicklungspolitik. Vier Zielgruppen
werden vor allem angesprochen: Geographen und Politiker in den
Entwicklungsländern selbst, Praktiker der Entwicklungshilfe
(Entwicklungshelfer, Experten), europäische Politiker, die
entwicklungspolitische Entscheidungen zu treffen haben und schließlich der
Staatsbürger, der die Politik seines Staates zu tragen hat. Die Interessen
dieser Gruppen sind grundsätzlich verschieden und es vorwundert nicht,
dass „Entwicklungsländerforschung“ vielfach deutlich interessengeleitet
und interessenlegitimierend auftritt. Generelle Aussagen über die
Interessenlage ausländischer Politiker und Wissenschaftler treffen zu
wollen, ist im vorliegenden Zusammenhang müßig. Die Zielgruppe der
Entwicklungshelfer und Experten wäre interessant, ihre fachlichen
Bedürfnisse sind aber zu spezialisiert und differenziert, um hier
aufgegriffen zu werden. So richten sich die nachfolgenden Überlegungen vor
allem an einen Personenkreis, der weder einen praktischen
Erfahrungshintergrund aus Ländern der Dritten Welt aufweist noch seinen
gesellschaftlichen und politischen Handlungsschwerpunkt in diesem Bereich
finden wird. In diesen Rahmen ordnen sich auch die Schule und damit die
geographische Fachdidaktik ein. Aus diesen Vorüberlegungen ergibt sich für
eine an Anwendungssituationen orientierte Geographie die unbefriedigende
Ausgangssituation, dass der Gegenstand der geographischen Arbeit nur für
eine kleine Gruppe forschender Wissenschaftler unmittelbare Erfahrung
werden kann, während die eigentlich angesprochene Zielgruppe einen
direkten Anwendungsbezug nicht herstellen kann.
Ein weiteres Problem stellt die Tatsache dar, dass
die didaktische Literatur bisher ihr Hauptinteresse nicht auf die Frage
der Handlungsbezüge der Zielgruppe Lehrer und Schüler und die Analyse
möglicher Anwendungssituationen konzentriert hat ‑ wie dies in anderen
Teilbereichen der Geographie längst der Fall ist ‑, sondern vor allem die
innerfachlichen Kontroversen im Vorfeld der didaktischen Umsetzung
thematisiert.
Dass dies eine für das Fach notwendige Diskussion
ist, erscheint bei dem ideologiebefrachteten Thema unbestritten. Doch
sollte diese Diskussion nicht Ziel und Schwerpunkt der Vermittlung an den
Schüler sein, wie dies z.B. in einem didaktischen Artikel von
Schmidt-Wulffen (1982) noch
immer den Anschein hat. Letztlich ist der „Theorienstreit“ durch die
Arbeiten von Leggewie (1981),
Schmidt-Wulffen (1979, 1981),
Datta (1982) ‑
um nur einige geographisch relevante Arbeiten zu nennen ‑ hinreichend
aufbereitet und in den Grundzügen wohl auch entschieden. Die Wirksamkeit
zentral-peripherer Dependenzen wie das Vorhandensein historisch
begründeter Ungleichgewichte und Deformationen, die sich nicht
individualräumlich erklären lassen, kann heute nicht mehr bestritten
werden; kontrovers bleiben aber sicher noch lange die politischen
Konsequenzen, die aus diesen Einsichten zu ziehen sind. Dieser fachliche
Themenhintergrund soll im Folgenden nicht mehr in a1ler Breite aufgerollt
werden, da der Anwendungs- und Handlungsanspruch als Kernproblem der
didaktischen Aufbereitung in den Mittelpunkt gestellt werden soll.
1.2 Die Bedeutung der theoretischen Aussagen
Über diese grundsätzliche Beschränkung des Zugangs
zum Thema hinaus, sind die inneren fachlichen Schwerpunktsetzungen und
Widersprüche zu diskutieren, soweit sie strukturierend auf die didaktische
Umsetzung wirken. Der geographische Zugriff zum Thema „Entwicklungsländer“
steht im unlösbaren Widerspruch zwischen Generalisierung (=
theoretische Bewertung) und Individualisierung (= Empirik und
Geländearbeit). Beides führt letztlich über die engen fachlichen
Begrenzungen hinaus. Jede Länderanalyse erweist, dass die
Gesamtproblematik eines Landes so komplex ist, dass schließ1ich eine
Länderindividualität als solche nicht als Modell für die Beurteilung
anderer Staaten genutzt werden kann. Diese Individualisierung führt zur
Aufsplitterung der Entwicklungsproblematik in eine Vielzahl „technischer
Probleme“, mit denen sich der Praktiker konfrontiert sieht und deren
Kontext er leicht aus dem Auge verliert. Die offensichtlichen Misserfolge
pragmatischer Entwicklungskonzeptionen lassen sich aus der mangelnden
Kompatibilität der Einzelmaßnahmen erklären. Die Notwendigkeit eines die
Zusammenhänge klärenden theoretischen Konzeptes ist damit evident, doch
erweist die geographische Erfahrung, dass sich ein solches Konzept nicht
ohne weiteres aus der geographischen Empirik heraus ableiten, geschweige
denn determinieren lässt.
Die Theoriebildung weist über die Fachgrenzen hinaus
und verlangt integrative gesellschaftswissenschaftliche und historische
Perspektiven. Alleine aus einer Reduktion der Komplexität der
Entwicklungsländersituation lässt sich Theorie nicht entwickeln, wenn
übergreifende Prozesse und Abhängigkeiten nicht einbezogen werden.
Die zweite Kernaussage lautet also: Geographische
Entwicklungsländerforschung muss im konkreten Fall in Richtung auf
technische und ökonomische Disziplinen, im übergreifenden
Erklärungsanspruch um die gesellschaftswissenschaftlich-historische
Perspektive erweitert werden. Der Streit um Fachabgrenzungen ist dabei
müßig.
1.3 Ethnozentrismus
Der dritte Problemkreis lässt sich mit der Kritik der
Erkenntnisperspektive umschreiben. Interessen und Methoden der
europäischen Geographie sind an europäischen Erfahrungen, sind im Rahmen
der europäischen politischen Kultur entwickelt worden. Lange Zeit war
europäische Wissenschaft Mittel zur Durchsetzung europäischer Interessen
gewesen und ist es zum Teil auch heute noch. „Der Orientalismus antwortet
mehr der Kultur, die ihn produzierte, als seinem mutmaßlichen Objekt, das
ebenso vom Westen geschaffen wurde.“ (Said, 1981,
S. 32.) Eine Definition des Ethnozentrismus kann hier hilfreich sein:
Werte und Normen, gewonnen aus irgendwelchen, Industriegesellschaftlichen
Erfahrungen lassen eine andersartige Sozialisation in ihrer politischen
Umwelt erkennen und führen zu entsprechenden Bewertungen und Beurteilungen
im Sinne des Eurozentrismus (oder auch entsprechend Amerikanismus): Als
entwickelte industrielle Gesellschaft wirkt sie generell erkenntnisleitend
ein auf die Perzeption gesellschaftlicher Verhältnisse, die nicht den
eigenen entsprechen. Diese „Metropolenkultur“ richtet sich damit gegen
andere Regionen und dort lebende Völker und Gesellschaften, die subjektiv
als rückständig und als weniger entwickelt wahrgenommen werden, gemessen
an der jeweils eigenen Gesellschaft: auf die Länder der Dritten Welt.
(vgl. Schmidt-Wulffen, S. 235)
Die Wirkungsweise des Eurozentrismus beginnt in der
Entwicklung allgemein akzeptierter Stereotypen, die als „Sinngebungen“ im
Laufe der Zeit auch oft von den Betroffenen selbst übernommen werden
(„internalisiert werden“) und sich damit erst selbst bestätigen und
verstärken (im Sinne einer „self-fulfilling prophecy“ Merton).
Memmi (1980)
bezeichnet das als die Geburt des Kolonisierten „aus dem Mythos“ und
beschreibt das u.a. eindrucksvoll mit dem Begriff der „Faulheit des
Kolonisierten“:
„Nehmen wir aus diesem anklägerischen Bild den
Charakterzug der Faulheit. Er scheint bei allen Kolonisatoren, von Liberia
über den Maghreb bis hin nach Laos, auf einstimmige Zustimmung zu stoßen.
Es ist unschwer zu sehen, wie bequem diese Charakterisierung ist. Sie hat
ihren Einfluss innerhalb der Politik: Selbstbestätigung des Kolonisators ‑
Abwertung des Kolonisierten. Überdies ist; sie wirtschaftlich
einträglich.“ Nichts könnte das zivile Leistungsdefizit für seine Arbeit,
nicht für die Wirklichkeit des Kolonisierten besser charakterisieren als
das Festhalten an überkommenen Stereotypen. Zum ethischen Bild des
Kolonisierten gehört darum seine unglaubliche Faulheit – zu der des
Kolonisators der tugendhafte Sinn für fleißiges Schaffen. Unstreitig
suggeriert der Kolonisator, dass die Beschäftigung von Kolonisierten wenig
rentabel sei, was wiederum dessen unerhört schlechte Bezahlung erlaubt.
Diese sich entwickelnde gemeinsame Überzeugung über Wert und Unwert
zugeschriebener Charaktereigenschaften hat zum einen reale politische, ja
weltpolitische Folgen, und zum anderen wird sie Grundlage auch der
westlichen wissenschaftlichen Interessenperspektive.
Der Kolonialismus hat eine Phase zwangsweiser
Bevölkerungsbewegungen hervorgebracht, deren krasseste Form der
neuzeitliche Sklavenhandel war. In Amerika galt die einheimische
Bevölkerung der Indianer als faul und wenig leistungsfähig, darum wurden
aus Afrika („Neger“-)Sklaven importiert; in Afrika galt die einheimische
schwarze Bevölkerung als faul und wenig leistungsfähig, darum wurden Inder
herbeigeholt; in Indien galt die einheimische indische Bevölkerung als
fau1und wenig leistungsfähig, darum wurden Tamilen aus Ceylon und
Südindien herbeigeholt; in China galten Chinesen als faul...
In seiner Heimat hat der Mensch gesellschaftlichen
Rückhalt, auch mehr Möglichkeiten, sich usurpatorischen Zugriffen zu
widersetzen, Orientierungsvorteile, denen der Koloniale Usurpator
innerhalb bestehender gesellschaftlicher Zustände ausgesetzt ist; er nicht
bereit, seine bestehende Vorherrschaft aufzugeben, sich den internen
Verhältnissen anzupassen. Zur Durchsetzung seines
gesellschaftlich-ökonomischen Willens Entwurzelt er die widerständigen
Bevölkerungsgruppen durch den Sklavenhandel. Als heimatlose
Bevölkerungsgruppen macht der Kolonisator sie in einer Weise existentiell
abhängig, dass jeder ökonomische und psychische Widerstand nutzlos wird
und der Sklave den Arbeitsbedingungen schutzlos ausgeliefert ist.
Die europäische Wissenschaft übernimmt diese von
ökonomischen und politischen Interessen geprägte Herrschaftsperspektive
und richtet vor allem im Bereich der Ethnographie ihr Interesse auf
„exotische“ Existenzformen anderer Kulturen, indem sie die kulturelle
Distanz selbst zum Maßstab ihrer Werturteile macht. Sie übersieht dabei
die besondere Situation ihrer Wissenschaft gegenüber dem untersuchten
„Objekt“' ihrer Forschungen: Trotz aller Unterschiede in
gesellschaftlichem Erbe und Kultur beobachten wir, bei einer Untersuchung
der Lebenssituation unseres Nächsten die Unmöglichkeit, diese durch eine
Beobachtung aus der Perspektive des Beobachters darzustellen, noch eine
„Innensicht“ der „anderen Kultur“ zu gewinnen.
Bewusst werden muss die viel weiter reichende
Empathie, um sie gegen oberflächliche Darstellungen auszurichten, die sich
bewusst werden entweder des Unterschiedes innerhalb einer Gesellschaft,
über die er arbeitet, oder einen Blick
auf die besondere Dialektik zwischen „Subjekt“ und
„Objekt“ seiner zu beobachtenden gesellschaftlichen Situation. Dieser
Grundwiderspruch seiner Untersuchung ist den Gesellschaftswissenschaften
wohl bekannt. Die Bedeutung der so in die Untersuchungsergebnisse
einfließenden vorherigen Werturteile und Haltungen wird damit selbst zu
einem notwendigen Untersuchungsgegenstand. Die Geographie muss sich,
untersucht sie gesellschaftliche Problemkreise wie das Thema „Dritte
Welt“, die im Zusammenhang stehen; nimmt sie doch traditionelle
völkerkundliche und ethnographische Aussagen in ihre länderkundlichen
Darstellungen mit auf, ohne sie selbst hinreichend zu reflektieren (vgl.
Fohrbeck/Atiesand/Zahar, 1971).
Zu fragen wäre, ob über alle tatsächliche Verelendung
der „Dritten Welt“ hinaus, die Existenz der Kategorie „Entwicklungsländer“
nicht ebenfalls ein Produkt der „Entwicklungsländerforschung“ ist. Dies
bezieht sich auch auf übliche und empirisch abgesicherte Urteile über die
„Demokratieunfähigkeit“ weniger entwickelter Gese1lschaften. Wird hierin,
wie so oft, eine Unterscheidungsmöglichkeit zur „hoch entwickelten
industriellen Gesellschaft“, eine Kategorie zur Bestimmung der „weniger
entwickelten politischen Potentiale“ gesehen, werden die autochthonen
demokratischen Entwicklungen, werden ihre Partizipationsstrukturen
schlichtweg negiert und wieder einmal die Schlüsselrolle des Kolonialismus
übersehen, der die Hauptursache alle heutigen Deformationen und
Dependenzen war, die heute die „Entwicklungsländer“ von den
Industrieländern unterscheiden.
Die heutigen autoritären Systeme der Dritten Welt
beruhen nicht auf eigenständiger kultureller Tradition der
Entwicklungsländer, sie sind vielmehr importierte autoritäre Systeme,
ungeachtet mancher geschichtsklitternder Symbolik, derer sich mancher der
heutigen Herrscher bedienen mögen. Die historische Kolonialherrschaft hat
diese Strukturen evoziert und sie war in einer Rolle, dieses Staatsmodell
zu etablieren, dem zentralistischen Einheitsstaat.
Dieser setzte eine einheitliche autoritär Herrschaft
durch und postulierte eine einheitliche (minder entwickelte) Kultur der
Beherrschten, die durch eine verordnete Staats- und Verwaltungssprache
befestigt wurde.
Fassen wir zusammen: Eurozentrismus ist nicht nur
eine kritisch zu reflektierende wissenschaftliche Tradition und ein
methodisches Erkenntnishemmnis, Eurozentrismus ist seit langem, wie schon
der Begriff „Entwicklungsländer“ (wer will sich denn wohin entwickeln?)
selbst ausdrückt, selbst politisches und bewusstseinsprägendes Agens und
damit erklärungsbedürftige Realität. Entwicklungsländerforschung muss sich
daher vor allem auch mit uns selbst, mit unserer eigenen politischen
Kultur, die das Phänomen „Dritte Welt“ in jeder Hinsicht erst
hervorgebracht hat, mit unserer eigenen Erkenntnisperspektive
beschäftigen. Gerade die geographische Fachdidaktik kann nicht umhin, sich
an zentraler Stelle mit diesem Problemkreis zu beschäftigen.
Doch sollte hier dem Missverständnis vorgebeugt
werden, dass Kritik des Eurozentrismus nun gleichbedeutend sei mit
kritiklos-romantischer Verklärung der gesellschaftlichen Situation
traditionaler Gesel1schaft. Mit diesem Problem setzt sich in Bezug auf die
arabischen Länder vor allem Tibi (1981) auseinander, wenn er
zunächst feststellt: „Der Prozeß der Zivilisation ist so alt wie die
Menschheitsgeschichte und ist nicht auf einen bestimmten Erdteil
beschränkt. Spezifiziert man den Begriff jedoch und bezieht man ihn auf
die neuzeitliche weltgeschichtliche Entwicklung, dann kann man nicht umhin
zu konzedieren, dass der Prozeß der Zivilisation einen historisch
einmaligen Höhepunkt nur in Europa hatte; von der westlichen Hemisphäre
aus wird dieser Prozeß zu einem Weltprozeß der Zivilisation ausgedehnt...“
Fürs Erste wurde einleitend hervorgehoben, dass Industrialisieren kein
Wert für sich ist: seine Grenzen findet er als Wachstumsideologie.
Diese Haltung überträgt sich auch auf die Beurteilung
der Situation der „Dritten Welt“ und wird damit den Bedürfnissen dieser
Völker nicht gerecht. Die gesellschaftlichen Zielvorstellungen der
„Dritten Welt“ können nicht von Europa aus bestimmt werden; genauso wenig
aber werden die historischen Erfahrungen und Potentiale Europas aus der
weiteren Entwicklung der „Dritten Welt“ auszuklammern sein.
Entwicklungsländerforschung und die schulische Vermittlung des Themas
„Dritte Welt“ wird dadurch gleichzeitig zu einer neuen Perspektive
emanzipatorischer Bewertung der eigenen Geschichte und Gesellschaft.
1.4 Das fachliche Selbstverständnis
Kommen wir schließlich zur Bewertung der vorliegenden
umfangreichen geographischen Entwicklungsländer-Forschung. Ihr Wert und
ihre Aussagekraft sind zutiefst umstritten. Diese in den Fachzeitschriften
geführte Diskussion nachzuzeichnen, kann nicht Aufgabe des vorliegenden
Aufsatzes sein, vor allem, da seine Grundpositionen schon aufgewiesen
wurden. Wesentliche kontroverse Positionen finden sich z.B. in der
Diskussion zwischen
Engelhard (1978) und Schmidt-Wulffen
(1979) in der Geographischen Rundschau. Der hier umstrittene
„Theoriedefizit“ lässt sich erstaunlicherweise bis in DDR-Publikationen
hinein nachweisen. (Paulukat, I., H. Brunner, A. von Känel, 1981)
Die „Theoriefeindlichkeit“ hat heute vor allem ihren Ort in der
Fachdidaktik, während die geographische Forschung „vor Ort“ ihre
Schwerpunkte langsam überprüft, was z.B. die Arbeiten von Bohle, H.-G.
über Südindien oder von Krings über den Sahel bezeugen
Im Hinblick auf die angewandte Geographie soll dies
nur in Form einer These reagiert werden: Das Theoriedefizit der
traditionellen geographischen Entwicklungsländerforschung muss in Hinblick
auf die Entwicklung einer angemessenen Beratungskompetenz für die
Entwicklungspolitik überwunden werden. Interdisziplinäre, vor allem auch
historisch‑geographische Ansätze sind notwendig. Die Geographie muss sich
wie ihre Nachbardisziplinen den Problemen stellen, die das erwachte
Selbstbewusstsein der „Dritten Welt“ von europäischen Wissenschaftlern
einfordert. Calliess (1981) formuliert dieses gewandelte
Problembewusstsein für die Geschichtswissenschaft auf einer Tagung in
Loccum:
„Einmal kann die Auseinandersetzung mit der
Geschichte von Gesellschaften und Staaten in bestimmten Regionen der Welt
und die Beschäftigung mit den dort ausgeprägten historischen Identitäten
zu einem tieferen Verständnis der Verhältnisse beitragen, die durch
entwicklungspolitische Eingriffe umgestaltet und verändert, bewahrt,
fortentwickelt oder zerstört würden. So könnte... zu einer Formulierung
von Entwicklungsstrategien herausgefordert werden, in denen von
bestehenden Traditionen und historisch gewachsenen Realitäten ausgegangen
wird. Zum anderen kann die historische Betrachtung des
Gesamtzusammenhanges von Entwicklung und Unterentwicklung Wege zu einem
tieferen Verständnis des Nord‑Süd‑Konfliktes eröffnen, indem sie die
Wechselbeziehungen, Abhängigkeiten und Rückwirkungen, die zwischen der
Entwicklung der Zentren und der Entwicklung der Peripherien bestanden und
bestehen, klar herausarbeitet und sie schafft so die Grundlage für
vernünftige Bemühungen, um eine Gestaltung des zukünftigen Weltsystems,
das noch mehr als Weltwirtschaftssystem sein müsste.“ (Vorwort zum
Tagungsbericht „Historische Identität und Entwicklungspolitik: Zur Rolle
der Geschichtswissenschaft in der Politikberatung“. Loccumer Protokolle,
11, 1981, S. 2f) Sinngemäß gilt diese Perspektive auch für die
geographische Entwicklungsländerforschung~ Eine originäre und
ausschließliche Beratungskompetenz der Geographie für
Entwicklungsländerprobleme ist nicht gegeben, sie muss sich einbeziehen
lassen in fachübergreifende Beurteilungsperspektiven. Ihr Beitrag besteht
in einer kritischen theoriegeleiteten Aufbereitung der empirischen
Untersuchungsergebnisse vor Ort und in der an den eigenen
Erkenntnisinteressen der politischen Kultur orientierten
Vermittlungspotentialen, durch die vor allem die Geographiedidaktik und
damit auch die Didaktik der angewandten Geographie gefordert ist.
1.5 Der Handlungsbezug geographischer
Untersuchungsergebnisse
Das Dilemma des Handlungsbezuges geographischer
Aussagen über Entwicklungsländer erschließt sich in aller Deutlichkeit in
der Unterrichtseinheit über „Plantagenwirtschaft in Sumatra“.
Die sehr detailreichen Materialien erschließen eine Wirtschaftsform, die
heute für die Wirtschaft Indonesiens unverzichtbar geworden ist. Die
Weltmarkteinkommen aus den sog. ‚cash-crops‘ sind ein fester Bestandteil
des indonesischen Staatshaushaltes, ebenso wie die Beschäftigung auf
Plantagen sich heute sinnvoll in das Gesamtkonzept der indonesischen
Arbeitsmarktpolitik einpasst, und die wachsende Mobilität der Bevölkerung
von den zu dicht besiedelten Gebieten Javas in die Entwicklungsgebiete
Sumatras unterstützt. Entgegen dem ersten Anschein sind die Konsequenzen
für sinnvolles politisches Handeln aus diesem Fallbeispiel nicht ohne
weiteres abzuleiten. Naheliegend wäre z.B. zu fordern, den Plantagenbau
und damit die Weltmarktorientierung der Landwirtschaft zu forcieren, die
Mobilität der Bevölkerung durch Anreize oder Zwang zu fördern (solche
politischen Maßnahmen gibt es in Indonesien) und dennoch auftretende
Entwicklungsprobleme und soziale Krisen allein auf den Faktor
Bevölkerungswachstum zu schieben (dies Argument kann vielfältig
relativiert werden; vergl. dazu nur die Unterrichtseinheit „Die
Bevölkerungsbombe als Kolonialerzeugnis“ von Schmidt-Wulffen, 1981,
Bd. 2, S.6, oder die Untersuchungen von Bohle über Südindien, GR
11/1981, die die üblichen Zusammenhänge von Bevölkerungswachstum und
sozialer Lage sehr in Frage stellen). Dieses Konzept greift zu kurz. Als
weiterführende Problemaspekte und Leitfragen einer weiteren
unterrichtlichen Aufarbeitung bieten sich an: ‑ Weltweit sind Agrarstaaten
in einer ungünstigeren Entwicklungsposition als Industriestaaten
(Entwicklung der ‚terms of trade‘!, vgl. Strahm, 1985).
Der weltweite Trend zur Industrialisierung ist in der gegebenen Situation
rational begründet. Eine internationale Arbeitsteilung zu akzeptieren, die
dem Entwicklungsland alleine die Rolle einen Rohstofflieferanten zuweist,
perpetuiert Entwicklungsdefizite. Plantagenwirtschaft ist ein Teil dieser
internationalen Arbeitsteilung, die in der Zeit des Kolonialismus angelegt
wurde. ‑ Plantagenwirtschaft hat in vielen Fällen des
Selbstversorgungsgrad der Bevölkerung vermindert. Der sich einschaltende
internationale Lebensmittelhandel verteuert die Grundversorgung und ist
nur für 'reiche' Industriestaaten bezahlbar. ‑ Die ökologischen Probleme
umfangreicher Monokulturen sind bekannt.
Eine ökologisch verantwortungsbewusste
Plantagenwirtschaft verlangt einen ständig wachsenden technologischen und
finanziellen Aufwand. ‑ Autochthone Wirtschafts- und Sozialformen werden
in einem europäisierten Entwicklungsprozess unterdrückt; einheimische
Qualifikationspotentiale liegen brach und werden durch teuer eingekauftes
europäisches „know-how“ ersetzt, das zudem noch politische und ökonomische
Abhängigkeiten zu den europäischen Metropolen festigt.
Aus diesen weltweit zu beobachtenden und in der
Literatur hinreichend sicher nachgewiesenen Dependenzen ließe sich
wiederum mit einiger Berechtigung die Forderung nach einer bedingungslosen
Abkopplung vom Weltmarkt herleiten (vgl. dazu das argumentativ
differenzierte „Plädoyer für Dissoziation“ von Senghaas, 1978).
Auch dieses Rezept bewahrt in seiner politischen Umsetzung nicht vor
katastrophalen Sozialkonflikten, solange die konkreten und individuellen
Ausgangspositionen der Entwicklung eines Landes, seine typischen und
atypischen Strukturen nicht hinreichend berücksichtigt werden (vgl. die
gegensätzlichen und in individueller Weise jeweils gescheiterten
Abkopplungsversuche in Algerien (vgl. Tibi, 1973) unter
Boumedienne, in Kambodscha unter dem Regime der Roten Khmer (vgl.
Weggel, 1977)
und im heutigen Iran). Wenn eingewendet wird, dass das individuelle
Scheitern nicht die generelle Gültigkeit des politischen
Handlungskonzeptes in Frage stellt, so greift auch dies zu kurz. Aufgabe
einer theoriegeleiteten geographischen Entwicklungsländerforschung muss es
daher sein, durch die Analyse zu verallgemeinerungsfähigen Aussagen zu
gelangen, d.h. zu einer kritischen Theorie der Strukturdefizite und
Deformationen, den internationalen Abhängigkeiten und Ungleichgewichten
und der sozialen Akzeptanz internationaler wie regionaler
Entwicklungsstrategien.: Diese Theorie muss sich einbeziehen lassen in die
gesellschaftswissenschaftlich-historische Entwicklungsländerforschung. Die
Politikberatung geht dann einen Schritt weiter, indem die allgemeinen
Einsichten Maßstabcharakter zur Bewertung und Erklärung einer historisch
gewachsenen konkreten Situation erhalten. Jede politische
Entwicklungsstrategie muss davon ausgehen, welche Zielkonzeption in der
konkreten Gesellschaft sozial verträglich ist.
2.1 Motivationsprobleme
Die Einstellungen in der Bevölkerung zum Thema
„Dritte Welt“ sind widersprüchlich. Diese Widersprüchlichkeit ist, wie
gezeigt werden soll, in der Problemstellung des Themas selbst und in
besonderen Merkmalen seiner Rezeption in der Öffentlichkeit angelegt. Die
Frage der Wahrnehmung und der Perspektive sind maßgeblich für die
didaktische Umsetzung des Themas. Die im allgemeinen positive Einstellung
des
Lehrers, vor allem des Geographielehrers ist kritisch
zu hinterfragen, da die Beobachtung zeigt, dass eine ausgesprochene
Begründungsschwäche für diese Einstellung anzutreffen ist. Spontan wird
geäußert, dass das Thema „Dritte Welt“ in der Schule dazu dient,
„Kenntnisse über andere Kulturen und den Kulturwandel zu vermitteln“,
„eine allgemeine Sensibilisierung für gesellschaftliche Probleme zu
erreichen“, „um damit „Zusammenhänge zu erkennen“!), „um Verständnis für
die Probleme der ‚Weltgesellschaft‘(!) zu wecken“, „fachliche Kenntnisse
zu erlernen“, „Werte und Vorurteile zu reflektieren“.
Gemeinsames Kennzeichen vieler Antworten ist das
stereotype Ausweichen auf sprachliche Leerformeln und Floskeln, die die
Unsicherheit der eigenen Haltung deutlich macht. Drei Gruppen von
Begründungen herrschen vor:
-
Ziele, die sich mit Allgemeinbildung, mit
bürgerlicher Weltkunde umreißen lassen wie:
-
traditionelle Länderkunden
-
Probleme und Bedeutung bestimmter Regionen
-
Kenntnis von Weltproblemen und Konflikten.
-
Ziele die humanitäre Betroffenheit begründen
sollen.
-
Ziele, die die Bedeutung der „Dritten Welt“
für unsere eigene Entwicklung aufzeigen sollen wie:
Übereinstimmendes Merkmal ist zunächst, dass alle
drei Kategorien gesellschaftliche Wertmaßstäbe und Interessen zur
Begründung des Stoffangebotes in der Schule bemühen. Spezifische Gefahren
und Missbrauchsmöglichkeiten sind zu beachten;
-
Die Zielsetzung allgemeingebildeter
Weltläufigkeit zeichnet sich durch Maßstabslosigkeit aus. Ein Kriterium
für die Rangfolge „wichtiger Inhalte“ lässt sich in einer pluralistischen
Gesellschaft nicht mehr finden.
-
Humanitäre Zuwendung ist prinzipiell positiv
zu beurteilen, als Basis der Lernprozesse ist sie jedoch nicht tragfähig (vgl.
Rauch, 1978, S. 251 und S. 259).
Subjektives Mitleid ist manipulierbar und bei angeblicher „Enttäuschung“
ins Gegenteil zu verkehren und z.T. nur Mittel eigener
Selbstwertsteigerung, die den Bemitleideten zum Objekt eigener Interessen
herabwürdigt; die ambivalente, emotional instabile Haltung der
Bundesdeutschen für den hier lebenden Asylanten ist bezeichnendes Beispiel
dafür (ein brauchbarer Unterrichtsentwurf der die humanitäre Motivation
sinnvoll in ‚Solidarität‘ und Betroffenheit umsetzt, findet sich in
Bonn/Krutz, 1981).
-
Eigene Interessen zu erkennen und zu
formulieren ist zwar eine Grundforderung der heutigen Pädagogik; aber
welche Naivität verbirgt sich hinter der These von der Interessenidentität
zwischen Staat, Gesellschaft und Schüler. Gerade Wirtschafsinteressen wie
sie in der Geographie untersucht werden sind zumeist Interessen der
Herrschenden.
Das Ausweichen auf gesellschaftliche und staatliche
Interessen in der Begründung des Themas „Dritte Welt“ weist auf ein
Defizit an Betroffenheit durch dieses Thema bei Lehrern wie bei Schülern
hin.
Bei Befragungen von Schülern verschiebt sich das Motivationspotential
daher auch deutlich. Mit Ausnahme bestimmter bildungsbürgerlich geprägter
Gymnasiastenkreise ist die Haltung des Schülers gegenüber der „Dritten
Welt“ eher negativ, im besten Falle desinteressiert und distanziert.
Die traditionelle Schülermotivation im
Geographieunterricht wird daher auch durch die Erlebnisbereiche Exotik und
Abenteuer geweckt. Die psychologischen Hintergründe dieser Interessen
sollen hier nicht näher aufgerollt werden. Es genügt der Hinweis, dass
sich in der Zuwendung zur Exotik Verdrängungsprozesse eigener
unbewältigter Konflikte manifestieren, dass sich auch ideengeschichtlich
in der Figur des „guten Wilden“ eine Projektion eigener tabuisierter
Bedürfnisse und in der Figur des „Barbaren“ oder „Unterentwickelten“ die
uneingestandene Angst vor der Verletzlichkeit der eigenen Person und
Identität ausdrückt.
Die exotisch motivierte Begegnung gründet nicht
darauf, etwas über den anderen zu erfahren, sich in dessen Situation zu
orientieren und über sich selbst zu erfahren zu wollen. Exotik ist
ethnozentrische Ausschnitt einer Begegnung mit dem Fremden. Exotismus
ist in seinen Anfängen eine rationale Verrichtung der Vereinnahmung und
Äußerung zum Aufbau eines Orientierungsrahmens, in dem das
Selbstverständnis, Beobachtung, Beschäftigung, Reflexion und Bewertung
eine erste wissenschaftliche Näherung versuchen. Die Entwicklung der
Ethnologie ist ohne den Bestandteil und die Funktionalisierung des
Exotismus nicht denkbar.
Diese übliche, naive Form des Bedürfnisses nach Exotik verhindert die
rationale, verhindert auch die ethisch verantwortbare Auseinandersetzung
mit den Problemen der Dritten Welt. Sie ist aber beim Schüler als
Motivation und Bedürfnis vorhanden. Sie zu nützen und pädagogisch
umzusetzen ist auch ein Anliegen der Arbeiten zu Geographiedidaktik. So
ist die exotistisch belebte Wissenschaft die, die das Fremde nicht
reduziert und die Fremdheit in den eigenen und den abgeschnittenen
Lebensformen entfaltet. Der Exotismus, den wir verteidigen können kann nur
der sein, der die Wahrheitssuche in der fremden Kultur auf die
authentische Erfahrbarkeit bezieht, nichts ausschmückt. In der
Beschäftigung mit der „Dritten Welt“ tritt dann die Authentizität an die
Stelle des unreflektierten Exotismus, greift aber seine psychischen
Energien auf und setzt sie in positive Motivation um. Dass die
Schulgeographie immer noch dazu neigt, das Schülerbedürfnis nach Exotik
und Abenteuer – vor allem in der Phase pubertärer Krisen – unreflektiert
zu befriedigen, Exotik-Träume als intrinsische Motivation zu verkennen,
hieße der Schule die Rolle eines Fluchtweges aus der Realität zuzuweisen.
Die Naivität, mit der sich die Schulgeographie dieser Ansätze bedient,
erfordert m.E. ein Überdenken der Funktion dieses Faches in dem
„versteckten Curriculum“ der schulischen Situation. Es lässt sich also
zusammenfassen:
-
Die fachliche Begründung des Themas „Dritte
Welt“ für den Schulunterricht ist diffus und nicht hinreichend.
-
Die Manipulationspotentiale innerhalb der
Themenvermittlung werden nicht hinreichend deutlich aufgedeckt und bleiben
daher gefährlich.
-
Eine unkritische Wertevermittlung geht an den
unmittelbaren Schülerbedürfnissen wie auch den Aufgaben der Schule vorbei.
So entsteht schließlich die Gefahr der Reproduktion
gesellschaftlicher Vorurteile im Geographieunterricht:
-
Eine kulturelle Überlegenheit wird vermittelt
(vgl. die „Herrschaftslegende“ von Max Weber! Dieser Zusammenhang
wird innergesellschaftlich aufbereitet in der Unterrichtseinheit „Soziale
Ungleichheit“);
als authentische Quelle sollte hier das klassische Werk von Fanon,
„Die Verdammten dieser Erde“ herangezogen werden.
-
Die historische Perspektive wird
eurozentristisch verzerrt, (vgl. Leiris, 1977, S. 53ff;
Ki-Zerbo, 1979, S. 23ff).
-
Ein auch innergesellschaftlich wirksamer
ethnisch‑rassischer Vorurteilskomplex wird aktiviert (vergl.
Gottschalch, 1977, S. 35ff; Malcom X, 1968, S. 172f).
-
Es entsteht ein industriegesellschaftlicher
Entwicklungsbegriff, dessen Normierung auch innergesellschaftlich die
Suche nach nicht‑ oder nachindustriellen Perspektiven einschränkt. (Die
umfangreiche Literatur über Ökologie und Industriekultur soll hier nicht
ausgebreitet werden. Ein grundlegender Vergleich der Umweltwirksamkeit
verschiedener Gesellschaftsformen wird in dem Kursentwurf „Sozioökologie“
als Unterrichtsprinzip zugrunde gelegt.
2.2 Die Inanspruchnahme des Themas durch die
Gesellschaft
Gerade durch die mangelnde Eindeutigkeit der
Motivation wie des didaktischen Zuganges lässt in der Öffentlichkeit den
Vorwurf von der Ideologisierung der Themenbehandlung aufkommen, sobald die
Aussagen über die Entwicklungsländer nicht dem vorurteilsbestimmten
„common sense“ und damit auch dem Herrschaftsinteresse, das hier
manipulativ mit dem Bürgerinteresse gleichgesetzt wird, übereinstimmt.
Die festgestellten Betroffenheitsdefizite bei
Schülern und Lehrer, die das Thema so „verfügbar“ für jede
interessengeleitete Inanspruchnahme machen, hat durchaus realen
Hintergrund:
-
Der mangelnde Erfahrungshintergrund und
-
der mangelnde Handlungsbezug des Themas.
Nur wenige Lehrer und noch weniger Schüler haben
unmittelbare Erfahrung in den Entwicklungsländern sammeln können. Wenn sie
überhaupt je Entwicklungsländer besucht haben, so in der
Ausnahmesituation als Tourist. Darüber, wie die touristische Situation
reale Erkenntnismöglichkeiten überdeckt und besondere Problemlagen
überhaupt erst schafft, ist mehrfach Thema geographischer Arbeiten
gewesen.
Die Frage nach den Motiven des Ferntourismus und seine Beziehungen zur
„Exotik‑Motivation“ ist von der Geographie mit zu thematisieren, da sie
unmittelbar gesellschafts- und raumrelevant wirksam wird. Handlungsbezüge
entstehen vor allem aus der Erfahrung der eigenen Umwelt, aus erfahrenen
Konflikten. Gesellschaftliches Handeln bedeutet, die eigene Situation zu
verändern (vergl. Stichwort: Projektunterricht). Ein Teil des
traditionellen Schulstoffes soll vom Schüler allein rezeptiv aufgenommen
werden ohne unmittelbare Handlungsimpulse zu vermitteln. Die Problematik
dieser Forderung ist offensichtlich: repräsentiert sich hierdurch das
„verdeckte Curriculum“, politisches Handeln zu delegieren und selbst die
eigene gesellschaftliche Situation als naturhaft gegeben und
unveränderlich zu akzeptieren? Das Thema „Dritte Welt“ kann durchaus in
diesen traditionellen Bildungsrahmen einbezogen werden.
Unterrichtseinheiten, wie sie sich im Schulbuch finden, drücken oft
handfeste Vorurteile aus, die nicht nur unser Verhältnis zu den Ländern
der „Dritten Welt“ belasten, sondern in unserer eigenen gesellschaftlichen
Umwelt wirksam werden: ‑Sozialkatastrophen werden als Naturkatastrophen
umgedeutet.
Diese „Einsicht“ ist auch auf unsere eigene Situation zu übertragen, indem
z.B. die aktuelle Umweltschädigung vor allem als Prozess in der Natur
selbst und nicht als politisches Phänomen verstanden wird.
‑Wirtschaftskrisen in der „Dritten Welt“ werden al“ selbstverschuldet
betrachtet. Das entlastet von der eigenen historischen Verantwortung und
der darauf basierenden politischen Forderung nach einer gerechteten
Umverteilung der materiellen Ressourcen (»Teufelskreisdarstellungen« auch
des BMWZ!).
Politische Zusammenbrüche und kriegerische
Auseinandersetzungen werden auf kulturelle Unterlegenheit und
„Unaufgeklärtheit“ zurückgeführt. Das entlastet von der Einsicht, dass in
diesem Jahrhundert die vernichtendsten politischen und militärischen
Auseinandersetzungen von Europa ausgingen und die tödlichsten
Aggressionspotentiale heute im Bezugsrahmen des „West-Ost-Konfliktes“
angesammelt wurden.
Diese Liste der Umdeutungen ließe sich beliebig
verlängern. Werden diese Aussagen so akzeptiert, ergeben sich für den
Schüler keine eigenen Handlungsperspektiven; im Gegenteil werden
Handlungsansätze und Motivationen, die sich auf die eigene Gesellschaft
richten, überdeckt von einer kulturellen Überlegenheitslegende, deren
unmittelbare Folgen auch Menschen aus anderen Kulturkreisen, mit den die
Schüler in Kontakt kommen, zu spüren bekommen. Auf der anderen Seite
ergibt eine „Dritte‑Welt‑Didaktik“, die den Interessenbegriff kritisch
fasst, gerade hier weiterführende Lernansätze für eine alternative
Themenbehandlung, die den eigenen Erfahrungsbereich des Schülers und seine
Motivation nicht ausklammert. Dabei ergibt sich aus den Lerngewohnheiten
und den Sozialisationsbedingungen des Schülers, dass auch allein durch
Schule und Medien vermittelte Informationen und Einsichten im Bewusstsein
des Schülers die Funktion erfahrener Realität übernehmen. In unserer
Politischen Kultur dürften mehr als 90°h aller vom Einzelnen als richtig
akzeptierter Bewusstseinsinhalte sekundär vermittelt und von dem Einzelnen
nicht zu überprüfen sein. Diese Bewusstseinsinhalte kritisch zu überprüfen
ist Aufgabe der Vorurteilsforschung. Da das Thema „Dritte Welt“
üblicherweise durch Medien vermittelt wird, und damit in unserer Kultur
nur eine sekundäre Realität darstellt, kann auch dieser Aspekt zum Ansatz
der didaktischen Strukturierung genommen werden, indem die
Vermittlungsprozesse und die Vorurteilshaltungen selbst thematisiert und
relativiert werden.
Die im Thema angelegte Dualität konkreter
Entwicklungsprobleme und übergreifender struktureller Deformationen und
Defizite, die die heutige Nord-Süd-Auseinandersetzung prägen, ist auch
notwendiger Ansatzpunkt der didaktischen Inwertsetzung. Drei
Zieldimensionen gehen in die didaktische Struktur ein:
-
Die Erarbeitung allgemeiner Aussagen zum
Phänomen ökonomischer und politischer Dependenzen. Ansatzpunkt ist die
kritische Entwicklungstheorie. Ziel ist das Erkennen der Rolle der eigenen
Gesellschaft im Rahmen internationaler Beziehungen und Konflikte und das
Aufdecken historischer Mythen und politischer Legitimationsideologien
(vgl. die Ausführungen zur „Friedensdidaktik“ von Gronemeyer und
Schmidt‑Wulffen in einem Tagungsbericht der Gewerkschaft Erziehung und
Wissenschaft, 1979).
-
Das exemplarische Bearbeiten konkreter
Fallbeispiele. Arbeitsgrundlage sind empirisch erhobene Daten, Berichte,
Medien und die Fachliteratur (Musterbeispiel für diesen Zugang ist die
Materialzusammenstellung zum Thema „Plantagenwirtschaft in Sumatra“). Ziel
ist es, politische Kulturen, Konfliktlösungsversuche und kulturelle
Lebenskonzepte auf der Basis der konkreten Erarbeitung der materiellen und
historischen Bedingungen kennen zu lernen und sie mit der bekannten
Eigensituation zu vergleichen. Hierbei werden eigene kulturelle und
politische „Selbstverständlichkeiten“ relativiert und in Frage gestellt
und der Blick geöffnet für unkonventionelle Problemlösungsansätze im
eigenen gesellschaftlichen Umfeld (in der Literatur werden z.B. unter
diesem Aspekt die Haltung zur Umwelt, zur Arbeit und zur Subsistenz
diskutiert; vgl. vor allem Illich, 1982;
unter dem Stichwort „Sozioökologie“ wird der Umweltaspekt des
gesellschaftlichen Wandels aufbereitet bei Voigt/Fuchs/Eilers, 1977).
-
Thematisieren der mittelbaren Erfahrung und
der Vorurteile. Die Einheit des Bewusstseins verlangt hierbei eine
Integration innergesellschaftlicher und externer Inhalte. Ziel ist es, die
Bedingtheit der eigenen Information der Entstehung handlungsbestimmender
Überzeugungen und Wertungen zu erkennen. Drei Themenbereiche werden dabei
vor allem angesprochen:
-
Medienkritik; wie werden Informationen über
die „Dritte Welt“ vermittelt und funktionalisiert?
-
Systemkritik; welche politische Funktion haben
Überzeugungen und Urteile über die „Dritte Welt“? Wie werden tatsächliche
Abhängigkeiten politisch bewertet?
-
Vorurteilskritik; wie verhalte ich mich
selbst, wenn ich mit Menschen und Problemen außerhalb meiner gewohnten
gesellschaftlichen Umgebung in Kontakt oder auch Konflikt trete?
Aus diesen Überlegungen heraus lassen sich mehrere
fächerübergreifende Lernfelder zum Thema „Dritte Welt“, die über die
praxisfremde, bildungsbürgerliche Rezeption hinausgehen, ableiten.
Die „Dritte Welt“ bei uns: Durch die
Anwesenheit von Ausländern aus verschiedenen Kontinenten in Deutschland,
durch das Phänomen der Arbeitsmigration und der weltweiten Asylsuche
politischer Flüchtlinge drängen die unmittelbaren aktuellen Probleme der
„Dritten Welt“ in unsere Gesellschaft hinein. Weltpolitische Dependenz
zieht weltweite Verantwortlichkeit nach sich; kein Land kann heute als
„problemfreie Insel“ in einer konfliktbestimmten Welt bestehen (vgl.
Brandt-Report).
Das ökonomische Problem der Beziehung zwischen Metropolen und Peripherien
wird für jeden augenfällig. Es schärft auch den Blick für regionale
Disparitäten und Konflikte in der eigenen Gesellschaft. Die Suche nach
politischem Asyl stellt die Frage nach Wert und Haltbarkeit der eigenen
Grundrechte neu. Ökonomische Abhängigkeiten entwickeln sich auch; sie sind
aber in Folge der Dependenzen für die „Dritte Welt“ selbst drückend und
für uns eher nachgeordnet.
Die Auseinandersetzung mit dem Eurozentrismus:
Der Kolonialismus ist nicht nur ein historisches Phänomen, obwohl die
historische Perspektive notwendig in die Überlegungen miteinbezogen werden
muss (vgl. v. Paczensky, 1979),
Kolonialismus ist vor allem ein Problem der politischen Kultur und der
Fragwürdigkeit der eigenen historischen Identität. Die Auseinandersetzung
mit dem „Kolonialismus in uns“ wird in drei Problemfeldern konkretisiert:
-
Die Auseinandersetzung mit den eigenen
Geschichtsmythen und der interessengeleiteten Geschichtsfälschung (vgl.
z.B. die alternative Darstellung der Ursachen der Industrialisierung bei
Hobsbawn, 1974,
Datta, 1982
und Barche, 1979.
Vor allem die Rolle Indiens als Usurpationsraum der Engländer erscheint
dabei in einem neuen Licht Eine (kuriose) englische Rechtfertigung des
Kolonialismus, die als Quelle ausgewertet werden kann, findet sich in
Perham, „Bilanz des Kolonialismus“, 1963.
-
Die Auseinandersetzung mit Vorurteilen und
diskriminierendem Verhalten gegen Ausländer. (Es gibt hier vielfältige
Unterrichtsmodelle, so dass hier nur auf ein besonders geeignetes Werk
hingewiesen werden soll: Lehrerheft und Textheft der evangelischen
Weltmission 1982.
Als fachliche Vertiefung für den Lehrer bietet sich an: Micksch 1980.)
-
Die Auseinandersetzung mit des Perspektiven
und Mythen der veröffentlichten Meinung. Neben die schon erwähnte
Medienkritik tritt hier die Auseinandersetzung mit Trivialmedien
(Spielfilme, Comics, Abenteuerromane etc.) und die exemplarische
Bearbeitung literarischer Zeugnisse (aus der klassischen wie aus der
modernen Literatur; im Vergleich da~ können literarische Werke aus der
„Dritten Welt“, z.B. aus der Reihe „Dialog Afrika“ oder von
„Gastarbeitern“ in der Bundesrepublik herangezogen werden. Eine gute
Quellensammlung für den Unterricht ist: Ackermann, Hg., 1982;
ferner gehört auch dazu die Auseinandersetzung mit den schulischen Medien
über „Dritte Welt: Fohrbeck, Wiesand, Zahar, 1971 oder
Meueler/Schade, 1977).
Die weltweite Einheit der Bedrohung: Während
der West-Ost-Konflikt eine „gewollte“, von den politisch Bestimmenden
bewusst heraufbeschworene, ansonsten aber historisch und materiell kaum
verständliche Konfliktdrohung darstellt, die ihre reale Bedrohlichkeit
allein aus den Vernichtungspotentialen der auf Hegemonie bedachten
Supermächte erhält, ist der Nord-Süd-Konflikt Ausdruck einer realen,
materiell begründeten Interessendivergenz, die sich aus den Deformationen
und Dependenzen der Kolonialzeit herleitet und sich in sozialen und
ökonomischen Chancenungleichheiten ausdrückt.
Ein ideologischer Interessenausgleich (wie er für den
West-Ost-Konflikt noch denkbar erscheint: Entspannungspolitik,
Konvergenzthese) ist für die Lösung der Nord-Süd-Konflikte nicht möglich.
Jede dauerhafte materiell begründete Entwicklungsstrategie zum Abbau der
internationalen Ungleichgewichte berührt mit Sicherheit die materiellen
Lebensverhältnisse in den Metropolen und beeinträchtigt die politische
Vorherrschaft der Industriestaaten. Um diese bedrohlich empfundene
Perspektive dem eigenen Bürger gegenüber nicht vertreten zu müssen, was
den eigenen Herrschaftsinteressen zuwiderlaufen würde, versuchen die
Industriestaaten in immer stärkerem Maße auch den Nord-Süd-Konflikt als
ideologischen Konflikt umzudeuten (z.B. durch „Teufelskreisideologien“
oder durch die Übertragung der Kategorien des West-Ost-Konfliktes auf die
Entwicklungsländerprobleme wie es derzeit die USA in Mitteamerika
praktizieren). Indem dem Schüler die weltweite Einheit der Bedrohung und
die historische und materielle Verankerung der Probleme der „Dritten Welt“
deutlich gemacht wird, sensibilisiert sich sein Bewusstsein für seine
eigene politische Situation und für die Funktion herrschender Ideologien
zur Herrschaft66icherung und als Waffen im politischen Kampf.
Armut und Ausbeutung: Über den Umgang mit der
Natur Auch bei subjektiv empfundenen Benachteiligungen in seiner sozialen
Situation, muss der Schüler erkennen, dass er in einer Gesellschaft lebt,
deren heutige Wertvorstellungen von der selbstverständlichen Voraussetzung
des Überflusses und des unbegrenzten Wachstums geprägt sind. Ohne den
problematischen humanen Wert dieser Grundüberzeugung hier diskutieren zu
wollen (dass materieller Überfluss soziale Not lindern kann, ist ein
durchaus positiver Wert), muss doch darauf hingewiesen werden, dass
historisch, regional und in Bezug auf die betroffenen Bevölkerungsgruppen
die Erfahrung einer „Überflussgesellschaft“, die Erfahrung einer
privilegierten Minderheit ist. Der Vorwurf der Verschwendung, den andere
zu bezahlen haben (am Beispiel des Weizenhandels exemplarisch von Krieg,
1982,
am Beispiel des weltweiten Phänomens Hungers von Collins/Lappe,
1978,
dargestellt), ist nicht von der Hand zu weisen. Eine Veränderung des
Verhältnisses zur politischen und gesellschaftlichen Umwelt, das mit dem
Abbau internationaler Ungleichgewichte angesprochen wird, setzt auch eine
Veränderung des Umgangs mit der natürlichen Umwelt, mit den Ressourcen und
den Lebensräumen des Menschen voraus. Wenn Armut auf der einen Seite und
Ausbeutung auf der anderen Seite sowohl im sozialen Umgang wie auch im
Umgang mit der Natur zur gemeinsam getragenen Sparsamkeit, Solidarität
und Verantwortlichkeit werden könnte, findet das Thema „Dritte Welt“ einen
angemessenen Platz im Rahmen der Diskussion gesellschaftlicher und
didaktischer Ziele („Selbstbegrenzung“ nach Illich, 1981).
Unsere bisherigen Überlegungen haben gezeigt, dass
das Thema „Dritte Welt“ vor allem aus der vermittelten, aus der indirekten
Erfahrung heraus strukturiert werden muss. Für einen handlungsorientierten
und anwendungsbezogenen didaktischen Ansatz ist das Thema „Dritte Welt“
nur im Rahmen eines themen- und fächerübergreifenden Gesamtcurriculums
aufzubereiten. Projektorientierte Arbeitsansätze finden sich im Rahmen der
direkten Thematik „Dritte Welt“ nicht unmittelbar. Solange
Entwicklungsländerprobleme nicht nur als bürgerliche Bildungsinhalte
vermittelt werden sollen, steht im Mittelpunkt der pädagogischen
Inanspruchnahme des Themas das vorhandene Bewusstsein über „Dritte Welt“
in unserer politischen Kultur. Die Problematisierung geht von der
Schülersituation aus und hinterfragt Schülerinteresse und
Schülerbewusstsein auf der Basis der Konfrontation mit kritischen
Erklärungsansätzen. Die handlungsbezogenen Arbeitsformen in diesem
Bereich lassen sich nun aus den genannten Themenbeispielen leicht
ableiten; auch die Stellung der Unterrichtsmaterialien zum Thema „Sumatra“
ist hinlänglich deutlich geworden. Aber auch diese Voraussetzungen
verhindern nicht die bewusste und notwendige Abkehr vom lehrerzentrierten
Unterricht. Neben Projekttagen zum Thema „Dritte Welt“, Kontakten mit
Ausländern und Entwicklungshelfern lassen vor allem die Instrumente
Planspiel und Rollenspiel genügend Raum für schülerzentrierte Aktivitäten
im Geographieunterricht selbst.
Doch sollte abschließend noch einmal kurz der Frage
nachgegangen werden, wie reale Erfahrungen in der „Dritten Welt“,
einschließlich ihrer subjektiven Perspektiven in den Unterricht einbezogen
werden können. das geschieht u.U. durch Rückgriff auf folgende
Erfahrungshorizonte:
-
Durch die Einbeziehung eigener
wissenschaftlicher Arbeiten des Lehrers oder eines in den Unterricht
einbezogenen Wissenschaftlers;
-
durch die Einbeziehung von Berichten von
Entwicklungshelfern, entweder in vermittelter Form (Dörr, 1980)
oder durch persönliche Gespräche mit Entwicklungshelfern;
-
soweit vorhanden: Einbeziehung touristischer
oder ähnlicher Erfahrung von Schülern;
-
durch die Befragung von Mitschülern, die aus
Ländern der „Dritten Welt“ stammen oder zumindest längere Zeit dort gelebt
haben und schließlich
-
in Ausnahmefällen auch die gemeinsame Planung
und Durchführung von Reisen in die „Dritte Welt“, z.B. in die
Mittelmeerstaaten am Rande Europas.
Einige Geographielehrer haben sicherlich im Rahmen
ihrer Ausbildung oder ihrer späteren Arbeit eigene Erfahrungen in Ländern
der „Dritten Welt“ sammeln können. Es brauchen nicht viele Worte darüber
verloren zu werden, dass die Erfahrungen motivierend und belebend im
Unterricht eingesetzt und ausgewertet werden können. Einer Gefahr ist
jedoch sehr bewusst zu begegnen: dass die speziellen Erfahrungen
vorschnell verallgemeinert werden und landestypische Entwicklungsprobleme
zu schnell als die Entwicklungsproblematik schlechthin verstanden wird.
Die schon angesprochene Dialektik zwischen Individualisierung und
Verallgemeinerung.
Der Druck der chemischen Industrie auf uns
Entwicklungshelfer und auf die Einheimischen in Niger ist so groß, dass
giftige Chemikalien wie DDT und HCH, die in der ganzen industrialisierten
Welt geächtet sind, hier die großen Renner werden.
Ein Fallbeispiel Landwirtschaftshilfe aus dem
Seminar »... und dann beschloss ich, das Feld zu überlassen«.
Der ,,Treffpunkt Dritte Welt“ und der Deutsche
Entwicklungsdienst (DED) nahmen am Wochenende im Darmstädter Forum Theater
das 20jährige Bestehen des DED zum Anlass, praktische Erfahrungen von „da
unten“ auszutauschen. Es war beileibe keine Jubelfeier der etwa 50
Praktiker, Schüler und Studenten. Dazu sah man auch keinen Anlass: In den
20 Jahren hat sich die Kluft zwischen der selbstgekürten
„Fortschritts-Welt“ und der Dritten Welt vergrößert, haben sich die
Gegensätze verschärft. Ist der Einsatz von Entwicklungshelfern,
„personeller Entwicklungsdienst“, genannt, mitschuldig? Wird damit
„sanfter“ Kolonialismus betrieben und sind die idealistischen Helfer
unfreiwillige Handlanger westlicher Machtpolitik und kapitalistischer
Marktexpansion? Die Arbeitsthesen des Seminars brachten das Dilemma
wohlgesonnener Pragmatiker in den Fesseln einer Entwicklungspolitik, die
kein westlicher (aber auch kein östlicher) Staat aus Selbstlosigkeit
betreibt, auf den Punkt. Die bis zur Selbstanklage reichenden Thesen
sprachen von der „personellen Entwicklungshilfe“ als Wegbereiter der
westlichen Ideologie als Kulturimperialismus, als Konsumschimmel, kurz von
der Degradierung idealistischer Hilfe durch kaschierte Kolonialpolitik:
„Alles verläuft doch nach unseren Wertmustern: Bruttosozialprodukt,
Dollar, Patriarchat, Marktwirtschaft, Wachstum. Wir sind keine
Kirchenvertreter, sondern Vorreiter kapitalistischer Werte, die wir
Entwicklungshelfer selber nicht teilen.“ So drängte sich im unter
afrikanischer Hitze ächzenden Forum Theater in allen drei Arbeitsgruppen
alsbald die Frage auf, ob man nicht besser zu Hause bliebe, ob nicht etwa
die bloße Anwesenheit schon Schaden anrichte. Doch diese bange Frage mit
ja zu beantworten, so meinten viele Seminarteilnehmer, hieße ja nicht nur,
geleistete Hilfe und verbrauchte Lebenszeit als vertan anzusehen, sondern
gleichfalls einer noch technokratischeren und blindwütigen
Fortschrittsideologie. So rang sich die Mehrheit der Teilnehmer zu dem
Fazit durch: „Nichtstun wäre schlimmer Und: „Es kann ja mal was bei
rauskommen.“ Und sei es, wie aus vieler Munde gefordert, Entwicklungshilfe
als Selbsttherapie, die den Re-Import verlernter Menschlichkeit in die
Bundesrepublik bewirken könne. Strapaziert von der „Erfolgsdoktrin
westlicher Systeme – Hauptsache es funktioniert reibungslos“, und im
Bewusstsein einer Zwitterstellung zwischen Fortschrittsverheißer und
Kulturzerstörer wurde der Aufruf an den DED laut, bessere theoretische
(ethnologische, soziologische) Vorbildung zu organisieren. Der
DED-Vertreter nahm den Ruf aufgeschlossen an und befürwortete eine
„Ansensibilisierung“. Trotz – oder gerade wegen – aller Bemühungen und
aufrichtiger Skrupel, ob man überhaupt, und wenn Ja, dann wie, sein
Engagement „einbringen“ solle, die düsteren Wolken politischer
Abhängigkeit verzogen sich nicht vom Darmstädter Seminar: Der Geldgeber
ist der Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Jürgen Warnke, CSU,
und dieser habe sich, so meinten einige Entwicklungshelfer, kürzlich als
manövrierwilliger Wendepolitiker erwiesen, als er kundtat, dass
selbstverständlich auch die Entwicklungshilfe politischen Geboten und das
heißt den Interessen des Geldgebers, zu folgen habe. Ein aus Tansania
zurückgekehrter Bauingenieur gab dann auch zu bedenken, dass schon jetzt
die Hilfe für Nicaragua und Äthiopien dem Radiergummi zum Opfer falle und
schrittweise abgebaut werde. Zum anderen: 1982 betrug der Etat für den
gesamten Entwicklungsdienst (für rund 850 Helfer in der Dritten Welt und
für die Verwaltung in Berlin) 71 Millionen Mark. Einem der Diskutierenden
fiel dazu nur noch ein Vergleich ein „Ungefähr so viel, wie ein einziges
Kampfflugzeug der Bundeswehr kostet“ (Rudiger Scheidges, aus:
Frankfurter Rundschau, 28. Juni 1987).
Eine Verallgemeinerung muss hier sehr bewusst und
durchdacht im Unterricht problematisiert werden. Auch der Einsatz von
Entwicklungshelfern ist zunächst gekennzeichnet durch die reizvolle
subjektive Perspektive und durch den Detailreichtum der
Situationsschilderung. Für die subjektive Zuwendung zu den sozialen
Problemen der „Dritten Welt“ kann hier sicher entscheidend beigetragen
werden. Doch zeigt die Erfahrung, dass gerade von Entwicklungshelfern
Misserfolgserlebnisse und Frustrationen oft nicht adäquat aufbereitet
werden, sondern dass auch hier die Suche nach „Sündenböcken“ (Korruption
im Land, Rückständigkeit der Bauern etc.) oftmals an die Stelle der die
eigene Existenz berührende Problemanalyse tritt. Um diese Diskussion
aufzubereiten, kann die sehr lesbare Zeitschrift von „Dienst in Übersee“
oder „Der Überblick“ herangezogen werden.
Die Einbeziehung der touristischen Erfahrung der
Schüler stärkt die Motivation und belebt den Unterricht, bedarf aber der
kritischen Aufbereitung. Die schon genannte Literatur dazu sollte
zusätzlich herangezogen werden, da Schüler sicherlich nicht in die Rolle
des „objektiven Zeugen“ schlüpfen können. Die gleichen Bedenken und
Probleme ergeben sich auch bei Einbeziehung der Berichte ausländischer
Mitschüler in den Unterricht. Ganz abgesehen von den allgemeinen
Subjektivitäten tritt hier noch die oft sozial belastete Situation des
Ausländers in ihrer deutschen Umgebung als Problem in den Vordergrund.
Emotionsfreie Befragungen sind sicherlich nicht möglich.
Fingerspitzengefühl und Zuwendung, gerade auch von Seiten des Lehrers
wären notwendig. Didaktische Anregungen geben dabei heute gut verfügbare
Materialien über das Zusammenlaben zwischen Deutschen und Türken. Die dort
gewonnenen Erkenntnisse können ohne weiteres auf Angehörige anderer Länder
übertragen werden (Literatur siehe oben; vergl. auch Bönsch u.a.
1982).
Die Frage nach der gemeinsamen Reise in ein Land der „Dritten Welt“ ist
ein eigenes umfangreiches Thema, das zunächst unter den allgemeinen
Stichworten Exkursionen, Tourismus und Geländearbeit zu behandeln ist.
Hierbei müssen stärker als im normalen Unterricht die allgemeinen Aussagen
über die Problematik der wissenschaftlichen Erarbeitung von
Entwicklungsländerproblemen einbezogen werden.
Nach Reisen des Verfassers mit Schülern in den Iran
und den Maghreb lässt sich zusammenfassend eigentlich nur sagen, dass dies
wohl die die reizvollste Form geographischen Arbeitens und Unterrichtens
ist, dass aber zur Konkretisierung die intensive Auseinandersetzung mit
dem zu besuchenden Land notwendige Voraussetzung jeder Reiseplanung ist
(wenig sensibel, aber gut gemeint ist da z.B. eine Unterrichtseinheit für
die Sek. II von GRUPP in der GR 2/1978,
vgl. dagegen die Unterrichtseinheit „Tourismus am Beispiel Kenias“ von
Schmidt‑Wulffen, 1981
und die Unterrichtseinheit „Kenia oder: Urlaub der Reichen in den Ländern
der Armen“ in Meueler 1974).
Die Reiseteilnehmer sollten dadurch sensibilisiert werden, in dem Land die
richtigen Fragen zu stellen, ihre Aufmerksamkeit auf die aktuellen und
relevanten Probleme zu lenken. Die Gefahren des „Dritte-Welt-Tourismus“
sind auch hier nicht zu bannen:
-
Naives, unvorbereitetes Sehen führt noch nicht
zur Erkenntnis, sondern bestätigt und verfestigt oft Vorurtele.
-
Der exotische Reiz der Reise führt zur
selektiven Wahrnehmung gerade wenn moderne Entwicklungen,
Großstadtprobleme und aktuelle Sozialkonflikte von der Reiseplanung
ausgeklammert werden.
-
Im Gegensatz dazu gibt es aber auch eine
humanitäre Exotik der Armut und des Elends, die ebenfalls
vorurteilsbestätigend wirken kann (nach dem zynischen Motto z.B. „arm aber
glücklich“ oder „wo wären die, wenn wir nicht helfen würden?“).
Individuelle Zuwendung verfestigt oft verfehlte Sozialstrukturen in der
„Dritten Welt“.
-
Extreme Armut gehört ebenso in den
schützenswerten Intimbereich wie die bestimmten Formen des Familienlebens;
hier einzudringen, materiell belastende Gastfreundschaft in Anspruch zu
nehmen, hat der Tourist, hat der studienreisende Schüler kein Recht, es
sei denn, er findet sich mit der entwürdigenden Degradierung der
Einheimischen zu Objekten für Neugier und Mitleid ab. Ein solches
Verhalten wird von den Ländern der „Dritten Welt“ immer weniger toleriert
und beschwört harte interkulturelle Konflikte herauf.
Anmerkungen
Juni 1983. Handbuch : „Didaktik der Geographie und der
angewandten Geographie“, Hg.: Prof. Dieter Neukirch, Gießen
(unveröffentlicht).
Schmidt-Wulffen, Wulf D., 1982: Ethnozentrismus/Eurozontrismus.
In: Jander, L., W. Schramke, H.-J. Wenzel: Metzler Handbuch für den
Geographieunterricht (HGU). Stuttgart (Metzler).
Leggewie, Claus, 1981: Was heißt „Entwicklung“?
Geographische Rundschau 11-1981. S. 474 ff.
Schmidt-Wulffen, Wulf D., 1979: „Theorien der
Unterentwicklung“ contra „Entwicklungsländerprobleme“. Geographische
Rundschau 4/79. S. 143-150. – Schmidt-Wulffen, Wulf D., 1981:
Entwicklung Europas – Unterentwicklung Afrikas. Zwei Bände. Urbs et
Regio 24-25/1981. Kasseler Schriften zur Geografie und Planung.
Datta, Asit, 1982: Ursachen der Unterentwicklung.
Erklärungsmodelle und Entwicklungspläne. Beck’sche Schwarze Reihe,
Band 269. C.H. Beck. München.
Said, Edward W., 1981: Orientalismus. Frankfurt/M.
[Ullstein Materialien, Ullstein Buch 35097] {Orientalism. 1978}
Schmidt-Wulffen, Wulf-Dieter, 1982: Ethnozentrismus /
Eurozentrismus. Stichwort in: Jander, Lothar / Schramke, Wolfgang /
Wenzel, Hans-Jürgen, 1982: Metzler Handbuch für den
Geographieunterricht (HGU). Metzler. Stuttgart.
Merton, Robert K., 1949/1957: Social
Theory and Social Structure. Glencoe/Ill. (Free Press)
Memmi, Albert, 1980: Der Kolonisator und der
Kolonisierte. Zwei Portraits. Mit einem Vorwort von Jean-Paul Sartre.
Syndikat Verlag. Frankfurt a.M.. {Portrait du colonisé précédé du
Portrait du colonisateur. Paris, 1966, Pauvert}.
Karl Engelhard: Entwicklungsländerprobleme im
Geographieunterricht der Sekundarstufe I und II. Beiheft Geographische
Rundschau 1978, Heft 3 (Juni), S. 98-101
Wulf D. Schmidt-Wulffen: »Theorien der Unterentwicklung«
contra »Entwicklungsländerprobleme«. Geographische Rundschau, Jg. 31
(1979), Heft 4, S. 143-150
Paulukat, I., H. Brunner, A. von Känel: Geographische
Probleme der Entwicklungsländer. Studienbücher Geographie für Lehrer,
Band 13, Hermann Haack, Gotha/Leipzig 1981.
Bohle, H.-G.: Traditionelle Raumstrukturen und aktuelle
Entwicklungsprobleme in Südindien. Das Beispiel der
Grundbesitzverhältnisse. Geographische Rundschau, Heft 11/81 1981, S.
502-511.
Leider nicht veröffentlicht.
Strahm, Rudolf H.: Überentwicklung – Unterentwicklung. Ein
Werkbuch mit Schaubildern und Kommentaren über die wirtschaftlichen
Mechanismen der Armut. Stichwörter zur Entwicklungspolitik
Burckhardthaus-Laetare, Gelnhausen 1982(6). – Strahm, Rudolf H.: Warum
sie so arm sind. Arbeitsbuch zur Entwicklung der Unterentwicklung in
der Dritten Welt mit Schaubildern und Kommentaren.
Peter-Hammer-Taschenbuch 27, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1985.
Senghaas, Dieter: Weltwirtschaftsordnung und
Entwicklungspolitik. Plädoyer für Dissoziation. edition suhrkamp 856,
Frankfurt a.M. 1978. – Senghaas, Dieter (Hg.): Imperialismus und
strukturelle Gewalt. Analysen über abhängige Reproduktion. edition
suhrkamp 563, Frankfurt a.M. 1978(4).
Weggel, Oskar: Zwei Jahre „Demokratisches Kambodscha“. Aus
Politik und Zeitgeschichte, B 26/77, Bundeszentrale für politische
Bildung, Bonn 1977.
Dieser Abschnitt folgt gekürzt
Ausführungen des Verfassers auf einer „Entwicklungspolitischen
Tagung“ des Verbandes der Schulgeographen in Berlin 1982
Zitate aus einer nicht publizierten Erhebung des Verfassers
Rauch, Th.: Entwicklungsstrategien für die Dritte Welt. in:
Fichten, Schramke, Strassel: Geographie als politische Bildung.
Geographische Hochschulmanuskripte, Heft 6, Ahlbrecht Druck, Göttingen
1978.
Bonn, P., / Krutz, W. u.a.: Kinder in der Welt. (=
Arbeitsgruppe Gesellschaftslehre) Pädagogische Arbeitsstelle, Dortmund
1981.
Man vergleiche die humanitäre 'Betroffenheit' für die
„Dritte Welt“' vor und nach dem Bekanntwerden des Scheiterns von
Entwicklungsprojekten oder Korruptionsfällen („Goldenes Badewannen
Syndrom“), die oft von interessierter Seite popularisiert wurden.
Leiris, Michel: Die eigene und die fremde Kultur.
Ethnologische Schriften. Einleitung von Hans-Jürgen Heinrichs.
Syndikat Verlag, Frankfurt a.M. 1977. Vgl dabei insbesondere das
Vorwort S. 40 f.
Wolf, Jürgen / Voigt, Gerhard, 1978: Soziale Ungleichheit.
Leistungskurs Soziologie. Nichtveröffentlichter Handreichungskurs.
Materialdienst GEW Landesverband Niedersachsen. Hannover [Als
Manuskript gedruckt: Sonderdienst 12/77].
Fanon, Frantz, 1976: Die Verdammten dieser Erde. Vorwort
von Jean-Paul Sartre. rororo Aktuell 1209. Reinbek bei Hamburg
1976(7); Neuauflage Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. (Deutsche
Originalausgabe: Frankfurt, 1969, Suhrkamp). {Les damnés de terre.
Paris 1961, Maspero}.
Leiris, Michel: Die eigene und die fremde Kultur.
Ethnologische Schriften. Einleitung von Hans-Jürgen Heinrichs.
Syndikat Verlag, Frankfurt a.M. 1977. – Ki-Zerbo, Joseph, 1979: Die
Geschichte Schwarz-Afrikas. Wuppertal (Hammer).
Gottschalch, Werner, 1977: Schülerkrisen.
Entstehungsgeschichten autoritärer Persönlichkeiten. rororo, Reinbek
bei Hamburg. – Malcom X:, 1968: Black Power und Antikolonialismus. aus
einer Rede. Malcom X: Schwarze Gewalt. Reden. Edition Voltaire,
Frankfurt am Main 1968, S. 172-174.
Voigt, Gerhard / Fuchs, Günter / Eilers, Wilfried, 1978:
Sozioökologie. Gesellschaftliche Probleme in einer sich wandelnden
Umwelt. Handreichungen für den Sekundarbereich II. Hg. vom
Niedersächsischen Kultusminister, Hannover, Folge B 4, Band 1: 89-209.
[vgl. dazu: Gerhard Voigt:
Sozioökologie – Ein Kursentwurf
Tagungsreferat 1977 in der HVHS Rastede]
Schmidt-Wulffen, Wulf D., 1981: Entwicklung Europas –
Unterentwicklung Afrikas. Zwei Bände. Urbs et Regio 24-25/1981.
Kasseler Schriften zur Geografie und Planung. Bd. 1, S. 214 ff
Ibid., Unterrichtseinheit zum Thema Sahel, Bd. 2, 8.15
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, 1977:
Entwicklungspolitik. Durch Partnerschaft Probleme lösen.
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit BMZ,
Bildungsarbeit. Bonn. o.J. (1977).
GEW: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft,
Niedersachsen, 1979: Zur Funktion der Politischen Bildung in Schule
und Gesellschaft. Ergebnisse der GEW-Fachtagung 28.30.6.79. GEW Neue
Reihe Heft 2, Hannover.
Illich, Ivan, 1982: Vom Recht auf Gemeinheit. rororo 4829,
Reinbek bei Hamburg.
Voigt, Gerhard / Fuchs, Günter / Eilers, Wilfried, 1978:
Sozioökologie. Gesellschaftliche Probleme in einer sich wandelnden
Umwelt. Handreichungen für den Sekundarbereich II. Hg. vom
Niedersächsischen Kultusminister, Hannover, Folge B 4, Band 1: 89-209.
Brandt, Willy, 1980: Das Überleben sichern. Gemeinsame
Interessen der Industrie- und Entwicklungsländer. Bericht der Nord-Süd
Kommission („Brandt-Report“). Kiepenheuer & Witsch, Köln.
Paczensky, Gert von, 1970: Die Weißen kommen, Die wahre
Geschichte d. Kolonialismus. Hoffmann u. Campe, Hamburg, -
überarbeitete Neuausgabe als Fischer-Taschenbuch Nr. 3418 unter dem
Titel: Weiße Herrschaft. Eine Geschichte des Kolonialismus, Fischer,
Frankfurt am Main 1979.
Hobsbawm, Eric J., 1974: Industrie und Empire. Britische
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Economic History of Britain since 1750. 1968}.
Datta, Asit, 1982: Ursachen der Unterentwicklung.
Erklärungsmodelle und Entwicklungspläne. Beck’sche Schwarze Reihe,
Band 269. C.H. Beck. München.
Barche, W., u.a., 1979: Die Entstehung der industriellen
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Perham, M., 1963: Bilanz des Kolonialismus. Urban Bücher
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Weltmission ‘82: Die Liebe kennt keine Angst. Arbeitsheft
für Pfarrer und Lehrer und Textheft (Unterrichtsmaterial). Evang.
Missionswerk, Hamburg 1982.
Micksch, J., Hrsg., 1980: Zusammenleben mit Muslimen. Eine
Handreichung. Otto Lembeck, Frankfurt a.M.
Ackermann, Irmgard, Hg., 1983: Als Fremder in Deutschland.
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Fohrbeck, Karla / Wiesand, Andreas J. / Zahar, Renate,
1971: Heile Welt und Dritte Welt. Medien und politischer Unterricht
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K.-F., 1977: Dritte Welt in den Medien der Schule. Analyse und
Konstruktion von Unterrichtsmedien. Kohlhammer. Stuttgart
Im neuen Jahrtausend müsste diese Einschätzung überprüft
und modifiziert werden. Im Rahmen der erst später einsetzendem
Globalisierungsdebatte wird eine deutliche Verschiebung der
ökonomischen und politischen Gewichte auf der Welt sichtbar, bei denen
Länder wie China, Indien und Brasilien zu weltökonomischen
Schwergewichten werden, von denen Europa und die USA zunehmend
abhängig werden. Auf der einen Seite bestätigt sich hier das
Entwicklungskonzept der (kapitalistischen) Industrialisierung –
ähnlich den Prozessen in Europa im 18. Und 19. Jahrhundert – ohne das
die gesellschaftlich-politische Anpassung mit der historischen
Entwicklung in Europa unmittelbar vergleichbar wäre. Auch der
„Krisenkontinent“ Afrika, ausgepowert durch die Deformationen durch
den Kolonialismus, zeigt regional differenziert Ansätze einer
ökonomischen Fortentwicklung, die den Stellenwert in der Weltpolitik
maßgeblich verändert.
Krieg, Peter, 1981: Der Mensch stirbt nicht am Brot
allein... Lesebuch zum Film ,Septemberweizen‘. Wuppertal.
Collins, J. M. / Lappé, F., 1978: Vom Mythos des Hungers.
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Kritik der Technik. rororo 4629, Reinbek bei Hamburg.
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Schmidt-Wulffen, Wulf D., 1981: Entwicklung Europas –
Unterentwicklung Afrikas. Zwei Bände. Urbs et Regio 24-25/1981.
Kasseler Schriften zur Geografie und Planung. Unterrichtseinheit zum
Thema „Tourismus am Beispiel Kenias“, Bd. Bd. 2, 8.13
Meueler, Erhard, Hrsg., 1974: Unterentwicklung. Wem nützt
die Armut der Dritten Welt? Arbeitsmaterialien für Schüler, Lehrer und
Aktionsgruppen. 2 Bände. rororo 6906 / 6907, Reinbek bei Hamburg. Bd.
2, Heft 5
Gliederung:
1.
Grenzen der Beratungskompetenz der Wissenschaft für die praktische
Entwicklungspolitik
1.1
Zielgruppen der Entwicklungsländerforschung
1.2
Bedeutung der theoretischen Aussagen
1.3
Eurozentrismus
1.4
Das fachliche Selbstverständnis
1.5
Der Handlungsbezug geographischer Untersuchungsergebnisse
2.
Die doppelte Entfremdung des Schülers beim Thema „Dritte Welt“
2.1
Motivationsprobleme
2.2
Die Inanspruchnahme des Themas durch die Gesellschaft
3.
Exemplarisches Prinzip und indirekte Anwendungssituation
4.
Die Vermittlung von Erfahrung als Anwendungssituation
„Sanfte“
Kolonialisten wider Willen?
Anmerkungen
Dokument Information:
Text vom
Juni 1983 für das Handbuch: „Didaktik der Geographie und der angewandten
Geographie“, Hg.: Prof. Dieter Neukirch, Gießen – nicht erschienen.
Beitrag:
Dritte Welt und entwicklungspolitische Strategie im Geographieunterricht
(unveröffentlicht).
Allgemeiner Teil mit besonderem Bezug auf die UE „Plantagenwirtschaft in
Sumatra“ von Inge Wildförster (ebenfalls unveröffentlicht).
Überarbeitete Fassung Oktober 2011 aus dem Manuskript, als historisches
Dokument jedoch nicht aktualisiert.
Herausgegeben für den Verband der Politiklehrer e.V., Hannover
Vorsitzender: Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009). Potsdamer Str. 20,
30952 Ronnenberg / Region Hannover
Alle Rechte vorbehalten. |
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