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In memoriam Ulrich Bauermeister (†) –
Schulleiter der Bismarckschule Hannover 1985-1998:
Festschrift zum Abschied und zu seinem 60ten Geburtstag

Hannover 1998

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Autoren

REFORM

vom Gedanken zur Praxis

 für

Ulrich Bauermeister

Schulleiter der Bismarckschule von 1975 - 1998

Rolf Wernstedt:

Ulrich Bauermeister

Es war im Juli 1971. Ich stand das erste Mal vor dem Portal des Niedersächsischen Kultusministeriums Am Schiffgraben 12. Neben mir eine Reihe von Lehrern, die alle auch eine Einladung, unterschrieben von Ministerialrat O. E. Müller, in der Tasche hatten. Das Ministerium plante, für die absehbare Einführung der neuen gymnasialen Oberstufe, die die Auflösung der Klassenverbände und die Etablierung von Kursen mit sich bringen sollte, die Konzipierung von Handreichungen. Dieser vornehme, experimentelle Begriff war gewählt worden, um den Versuchs- und Richtungscharakter zu betonen.

Ich war sehr stolz, zu diesem Kreis eingeladen worden zu sein, obwohl ich mir das nicht recht erklären konnte. Einer wußte schon an diesem Tage alles: Ulrich Bauermeister. Seine fixe Auffassungsgabe, sein schnelles kombinatorisches Vorgehen und sein über die GEW erworbenes organisatorisches Wissen machten ihn sogleich zu einem „Wortführer”. Er wurde gebeten – ich vermute, O. E. Müller hatte vorher mit ihm gesprochen –, die Leitung der Gruppe D, die Organisationsfragen zu behandeln hatte, zu übernehmen.

Innerhalb eines guten halben Jahres sind danach die Arbeiten mit der Herausgabe der 1. Handreichungen abgeschlossen worden.

Da ich mich immer – damals schon – mehr für Inhalte als für die Organisation interessiert habe, war mir die komplizierte Arbeit der Gruppe D fern liegend. Ulrich Bauermeister allerdings ging nach meinen Beobachtungen in seiner Arbeit auf.

Seine Kompetenz in organisatorischen Fragen, sein Engagement für seine Fächer, seine Menschenfreundlichkeit in der Unterstützung von Hilfe suchenden Schülern sind mir immer gegenwärtig gewesen. Als ich ihm 1990 anbot, als Dezernent in die Bezirksregierung zu gehen, hat er dies mit dem nachvollziehbaren Bemerken abgelehnt, in der Bezirksregierung sei er weniger sein eigener Herr als in der Schule.

Die Bismarckschule galt in den Achtziger Jahren als „schwere” Schule, was immer das auch heißen mag. Die weltoffene, den ethischen und historischen Dimensionen von Lernen und Politik zugewandte Haltung hat bei mir großen Respekt hinterlassen.

Angesichts der Lebensleistung dieses Mannes ist im Rückblick die Kampagne, die 1975 gegen seine Berufung als Schulleiter der Bismarckschule geführt wurde, geradezu erbärmlich.

Prof. Rolf Wernstedt

Präsident des Niedersächsischen Landtages

2. Juni 1998

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Wilfried Haase:

Einleitung

U. Bauermeister, OStD – manchmal auch ohne das „U.“ für Ulrich –, so stand es von 1975 bis 1998 unter Dokumenten, amtlichen oder nichtamtlichen Schreiben, Einladungen, kurz, unter den meisten mehr oder weniger offiziellen Schriftstücken, die die Bismarckschule verließen, „U. Bauermeister“ natürlich in markanter, schwungvoller und (!) lesbarer Handschrift.

Jetzt, nach 23 Jahren Dienstzeit als Leiter der Bismarckschule beginnt mit dem 1. Juli 1998, kurz vor der Vollendung seines 60. Lebensjahres am 7. Juli 1998, für Ulrich Bauermeister der Ruhestand.

23 Jahre – die längste Amtszeit eines Schulleiters in der Geschichte der Bismarckschule – müssen mehr als nur Spuren hinterlassen, besonders wenn das Amt wie durch Ulrich Bauermeister mit dem Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit ausgefüllt wurde.

Mit Energie und Durchsetzungsvermögen nutzte er die Möglichkeiten, die dem Schulleiter zur Verfügung stehen, neue Akzente in der pädagogischen Arbeit an seiner Schule zu setzen und für das Lernen und Lehren fruchtbare Grundlagen und Rahmenbedingungen zu schaffen. Er konnte dabei auf die Erfahrungen zurückgreifen, die er bei der Mitarbeit an der Reform der gymnasialen Oberstufe in Niedersachsen gesammelt hatte, doch wesentlicher waren eigene pädagogische und politische Ideen und Vorstellungen, die er einzubringen vermochte und für deren Verwirklichung er es verstand, innerhalb und außerhalb der Bismarckschule die nötige Unterstützung zu gewinnen. Die Kontakte, die die Bismarckschule in einer Zeit, als solche Verbindungen noch ungewöhnlich waren, zu Polen und hier besonders zu der Partnerschule, dem V. Lyzeum Ogólnoksztańćńce in Poznań geknüpft hat, sind untrennbar mit seinem Namen verbunden. Er förderte und unterstützte aber auch die Kontinuität anderer Beziehungen zu ausländischen Schulen wie dem Istanbul Lisesi in der Türkei, die sich nicht immer ganz einfach gestalteten.

Sein 60. Geburtstag und sein Eintritt in den Ruhestand geben Anlaß, einige für Ulrich Bauermeister wichtige Schwerpunkte seiner Tätigkeit zu würdigen. Den Initiatoren dieser Widmungsschrift und den Autoren, die sich bereit erklärten, in unterschiedlicher Form an ihr mitzuwirken, ist herzlich zu Dank zu sagen. Ihre große Zahl zeugt von der Vielfalt der Begegnungen und der großen Anerkennung, die die Arbeit Ulrich Bauermeisters über die Bismarckschule hinaus gefunden hat.

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Rolf Schlömer:

Sehr geehrter Herr Bauermeister!

Die beiden Sternkarten auf den zwei folgenden Seiten mögen Sie daran erinnern, daß Sie sich immer tatkräftig für die Belange der Sternwarte und der Astro-AG eingesetzt haben. Dafür danke ich Ihnen sehr herzlich.

Die beiden Karten zeigen den Sternenhimmel an Ihrem Geburtstag um 23 Uhr mitteleuropäischer Zeit, also bei der jetzt geltenden Sommerzeit um Mitternacht. Schauen Sie um diese Zeit nach Süden, dann werden Sie dort den beinahe vollen Mond und die dargestellten Sternbilder sehen.

Das Programm, mit dem die Sternkarten erstellt wurden, wurde mit den Schülerinnen und Schülern der ersten Astro- AG (Schuljahr 1985/86) begonnen und in den folgenden Jahren von mir ergänzt. Polyglott wurde das Programm erst in diesem Jahr, als eine Schülerin der jetzigen Astro-AG mit Russisch als Muttersprache auf die Idee kam, die Namen der 88 Sternbilder auf Russisch zu besorgen. Die Integration in das Programm war leichter als befürchtet. Wir haben gleich weitere Sprachen (Latein, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch) mit dazugenommen. Bei dem umgebenden Text für Ort, Zeit und Datum haben Kolleginnen und Kollegen unserer Schule geholfen. Ein polyglottes Programm steht doch einer UNESCO-SCHULE besonders an!

Ihr Rolf Schlömer

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Roman Henicz:

Organisator und Diplomat

Als ich die Ehre hatte, mich mit Ulrich Bauermeister zu treffen, beeindruckte mich dieses Treffen sehr stark. Einerseits war das eine große Satisfaktion, andererseits eine Unruhe, was diese Kontakte mit dem Westen in der politisch so schweren Zeit mitbringen. Damals galten alle Kontakte mit dem Westen als verdächtig.

Unser Versuch, die Zusammenarbeit zwischen polnischen und deutschen Schülern anzunehmen, wurde von der Obrigkeit schlecht angesehen. Nach den ersten Gesprächen mit Ulrich Bauermeister habe ich mich orientiert, daß er eine vorzügliche politische Orientierung hat. Er verstand unsere Probleme. Dem sich gestellten Ziel ist er beharrlich gefolgt. Der gute Diplomat, der sich nicht entmutigen läßt. Er ist imstande, überallhin zu gelangen, um Schwierigkeiten zu überwinden. Ulrich Bauermeister hat eine große Überzeugungskraft. Er kann gut die Zusammenarbeit veranstalten, sowie die dabei Beteiligten davon überzeugen. Es hat bei meiner kleinen Unterstützung dazu geführt, daß unsere Schulen die offizielle Zusammenarbeit und den Schüleraustausch aufgenommen haben.

Jede unserer Initiativen wurde immer herzlich begrüßt. Wir konnten um Hilfe bei ihrer Realisierung bitten und wurden immer freundlich unterstützt. Jeder unserer Besuche in Hannover war durchdacht und erfolgreich. Wir fühlten die starke Hand vom Chef und das kräftig bummernde Herz des Freundes.

So beurteile ich Ulrich Bauermeister, der zur Bildung der freundlichen Beziehungen zwischen den jungen Leuten aus Polen und Deutschland beigetragen hat. Er hat den polnischen Schulen die Bahnen nach Westen geebnet. Er hat die Schüler und Lehrer aus Deutschland nach Polen geführt.

Man darf das nicht vergessen. Das ist in der Dokumentation des Klaudyna Potocka–Lyzeums enthalten, deren Kopie ich mit Beifallsäußerung überweise.

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Eva Helms-Scholz:

Für Ulli B.

Sein Name begegnete mir zum ersten Mal nach bestandenem ersten Staatsexamen im Fach Kunst an der SHFBK Braunschweig im Sommer 1977. Während ich mein Zeugnis fotokopierte, um Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen, wurde mir mit den lapidaren Worten: „Du willst doch sicher zurück nach Hannover, oder?” ein Brief des Leiters der Bismarckschule Hannover in die Hand gedrückt. Es wurde ein Exstudent gesucht, der kurzfristig bereit war, einen sechzehn Stunden BAT-Vertrag anzunehmen.

Die Situation hatte deutlich zwei Seiten. Die Chance, eine Stelle zu bekommen, endlich eigenes Geld zu verdienen und aus dem ungeliebten Braunschweig nach Hannover zu kommen, war verlockend. Dem entgegen standen noch zwei weitere Semester Studium der Germanistik in Braunschweig bis zum Abschluß und das machte Mut zu pokern.

Eine Woche später, im Gespräch mit OStDir. Ulrich Bauermeister und dem Stundenplanmacher Körner, schlug er vor, die sechzehn Stunden auf vier Tage zu verteilen. Mein Gegenvorschlag, alle Stunden an drei Tagen geblockt unterrichten zu dürfen, um Fahrzeit zu sparen, bereitete Pein. Es folgten Appell und Bekenntnis zugleich: Kunst sei doch ein außerordentlich wichtiges Fach. Da er unbedingt entschieden sei, die Lücke in der Unterrichtsversorgung mit Beginn des Schuljahres zu schließen, wurde bis zu einem akzeptablen Kompromiß weiterverhandelt.

Die Kunsterzieher an der Schule standen dem Neuling ohne Unterrichtserfahrung skeptisch gegenüber; Ulli B. überzeugte auch sie zur Kooperation. Als Meyer I mich im Anschluß an die Angestelltenzeit gegen meinen Wunsch als Referendarin an eine andere Schule zu schicken versuchte, setzte er sich erfolgreich zur Wehr. Auch bei der Notengebung im zweiten Staatsexamen stand er, der selber im Telefonbuch seine Schulkarriere hinter dem Titel Studienassessor versteckt, eher auf der Seite der Referendare als auf der der nicht ganz grundlos gefürchteten Seminar I-Tendenz.

Ulli B., nicht immer sicher, ob er heute der kollegiale oder der patriarchalische Chef war, war eines: engagiert für alle, die mal allein im Regen stehen könnten, entschiedener und zugleich toleranter Moralist, der informierte Gestalter seiner Schule. Eigentlich stand die Frage im Raum, ob ich nach unserem Auslandsaufenthalt an seine Schule zurückgehen werde. Jetzt wird es eine andere sein.

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Gerhard Stünkel:

St an Ba

Was uns eint:

 

Viele Jahre

Graue Haare

 

Ein Fach

Einfach?

 

Was wir wollten:

 

Hoch hinaus

Hin? Aus?

 

Wo wir stehen sollten:

weder ganz oben

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noch ganz am Boden!

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Uwe Bellersheim / Thomas Sielenkämper

Gewerkschaftsarbeit an der Bismarckschule – anno dunnemals

Als Ulrich Bauermeister 1975 zum Schuleiter der Bismarckschule berufen wurde, gab es im Vorfeld geharnischte Proteste des größeren Teils des Kollegiums, eines Teils der Schülerschaft sowie des Schulelternrats. Insbesondere die Mitgliedschaft in der GEW war den Kritikern ein Dorn im Auge. Als Schulleiter werde sich Ulrich Bauermeister unverzüglich anschicken, die ehrwürdige Bismarckschule in eine Gesamtschule, rote Kaderschmiede oder gar noch Schlimmeres umzumodeln. Zudem sei die Schulleiterbesetzung gar vom MfS lanciert, um langfristig das kapitalistische System der BRD auszuhebeln. Wie sollte man sich sonst den Umstand erklären, daß Ulrich Bauermeister bei derart hartnäckigem Widerstand seine Bewerbung aufrecht erhielt?

In der Tat scharte Ulrich Bauermeister bald nach seinem Amtsantritt Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls in der GEW organisiert waren, um sich, um in konspirativen Sitzungen den Umsturz des Bildungssystems vorzubereiten. Wie allseits bekannt ist, gelang dies auch. Die GEW diktierte den Behörden die Arbeitsbedingungen, revolutionierte die verstaubten Bildungsinhalte, schaffte Noten und Versetzungen am Gymnasium ab; kurz gesagt: Schule war nicht mehr das, was sie einmal war. So hatten sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet – oder etwa doch nicht?

In der Tat trafen sich die in der GEW organisierten Kolleginnen und Kollegen in halbwegs regelmäßigen Abständen; dies geschah im allgemeinen in Wirtshäusern, die mehr oder weniger weit von der Bismarckschule gelegen waren wie etwa dem Siemens-Eck (nur Alt-Kadern noch ein Begriff), in der Gilde-Klause mit dem sagenumwobenen Kellner Hans – vulgo Max – oder in der Gilde-Schänke mit der feschen Wirtsgattin Rosi. Die jeweiligen Sitzungsleiter waren um ihre Aufgabe nicht zu beneiden, denn nicht immer wurde die Diskussion stringent geführt, häufig waren thematische Abirrungen zu beklagen, sodaß nach geraumer Zeit ein Beschluß gefaßt werden mußte – des Inhalts, in den ersten 2 Stunden der Sitzung nur zur Sache zu sprechen Auch wurde im Zuge der kadermäßigen Straffung der feste Tagungsordnungspunkt „Schulleiterschelte“ eingeführt. Leider sind die umfangreichen Akten aus dieser Zeit den Wirren der Wende zum Opfer gefallen, sodaß hier nur aus dem Gedächtnis rekonstruiert werden kann, was insbesondere Datierungen erschwert.

Da die Wirtshausdebatten offenkundig den Umsturz nicht beförderten, wurde der – zumindest für einen Teil der Gruppe schwere – Entschluß gefaßt, die Sitzungen in Freizeitheimen abzuhalten, später dann sogar in der Schule (sic).

Diskutiert wurde über allgemeine Fragen der Bildung, aber auch um konkrete Gestaltungsmöglichkeiten von Bildungspolitik an der Bismarckschule. Und es ging um Fragen der Arbeitszeit und der Einstellung junger Kolleginnen und Kollegen. Einer der Höhepunkte der GEW-Arbeit war sicherlich die Teilnahme an der großen Demonstration in Celle mit vorheriger demonstrativer Arbeitsniederlegung von 12 Kolleginnen und Kollegen der Bismarckschule - allen voran der Schulleiter; andere durchaus gelungene Veranstaltungen waren Wochenendaufenthalte in Eldagsen sowie im Elm, die Gelegenheiten zu intensiven Gesprächen, aber auch zu gruppenfördernden Aktivitäten gaben.

In der konkreten Umsetzung gewerkschaftlicher Aktivitäten an der Schule waren es  – von wenigen Ausnahmen abgesehen – die GEW-Kollegen, die über ihre Unterrichtsverpflichtung hinaus ihre Zeit zur Verfügung stellten, um etwa bei Feten oder Schulfesten die Aufsicht zu führen.

Die Verfasser dieser Zeilen gehören nicht zu denjenigen, für die eine Gewerkschaft in erster Linie eine Arbeitnehmervertretung darstellt, sondern eher eine Organisation, die fortschrittliche Bildung durchzusetzen versucht. Was diesen Aspekt anbetrifft, ist die Euphorie der 7Oer und frühen 8Oer Jahre angesichts der konservativen Wende einer gewissen Resignation und Müdigkeit gewichen, gewerkschaftliche Positionen scheinen hierzulande nicht mehrheitsfähig zu sein.

So ist auch von der aktiven GEW-Gruppe der Bismarckschule nicht mehr viel übrig geblieben; dies ist einerseits zu bedauern, andererseits aber auch verständlich, zumal dann, wenn keine jungen Kolleginnen und Kollegen eingestellt werden, die in dieser Hinsicht neue Impulse in die Kollegien tragen könnten.

Der Gedanke einer großen einheitlichen Gewerkschaft für den öffentlichen Dienst erscheint uns sinnvoll.

Auf die aktiven Zeiten der GEW-Gruppe an der Bismarckschule blicken wir mit einem lachenden und einem weinenden Auge gern zurück.

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Gerburg Lippelt:

Aus dem Porzellanladen der interkulturellen Pädagogik

20 Jahre Schülerinnen und Schüler aus Mittel- und Osteuropa an der Bismarckschule

Das war 1977. Da fand sich die Goetheschule der zunehmenden Zahl der Spätaussiedlerkinder nicht mehr gewachsen, und die Behörde – was tat die Behörde? Sie handelte. Doch, ja. Sie öffnete eine zweite Schule für diese Schülergruppe, die Bismarckschule, und hurtig forderte der Schulleiter ein paar zusätzliche Lehrerstunden dafür, und er bekam sie. So kam ich an die Bismarckschule. War es etwa die gute alte Zeit? Ach nein, die hätte doch noch anders aussehen können. Denn wir hatten nun den Salat: SchülerInnen im Unterricht, die nur 50% verstehen konnten, die den Kulturschock hätten verarbeiten sollen, die durch die täglichen Demütigungen nur immer tiefer in ihre Abkapselung hineingerieten, die mit ihren vorsichtigen ersten Anpassungsversuchen an unsere Lebensformen die schlimmsten Konflikte in ihren Familien heraufbeschworen.

Wie haben wir das aufgefangen? Wir haben es nicht aufgefangen. Wir haben versucht, unseren Unterricht wie gewohnt zu halten, nicht da hinzugucken, wo die unglücklichen Schweiger saßen, ab und zu mal dort nachzufragen, ab und zu mal eine Pause auf ein Gespräch zu verwenden, individualisierte Beiträge, die zu Hause vorbereitet werden konnten, anzubieten, in den Klassenarbeiten den höheren Zeitaufwand durch verringerten Umfang auszugleichen, Vokabelverzeichnisse zu besserem Textverständnis anzufertigen – wenig, zu wenig. Immer nur in der Form der Selbstausbeutung, immer nur im Gefühl des Ungenügens. Aber gestützt und ermutigt durch den Schulleiter, der alles, was wir für nötig, richtig, hilfreich hielten, akzeptierte und notfalls vertrat gegenüber Kritik von außen oder innen. Wer andere Schulen kennt, weiß, wie vielfältig Mut, Phantasie, auch Takt und Güte durch Paragraphenverweise und Vorschriftenängstlichkeit erstickt werden können. Aber flexible Reaktionen entstehen nur aus Veränderungen, und Veränderungen sind nur möglich nach Erfahrungen, und Erfahrungen kann nur machen, wessen Leine nicht zu straff angezogen ist. An der Bismarckschule konnte so in jahrelanger Reflexion aller KollegInnen eine Art Kodex entstehen, wie innerhalb der Möglichkeiten und Grenzen unserer Berufsausübung eine Annäherung an Rücksichtnahme aussehen könnte – ein bescheidener Schritt, aber immerhin konnte davon in glücklicher Stunde etwas auf die Richtlinien abfärben, so daß, was wir tun, legal bleibt.

So also 1977 und die Folgen. Und zwanzig Jahre danach? Da sah sich die Bismarckschule der zunehmenden Zahl der Kontingentflüchtlinge nicht mehr gewachsen, und die Behörden? Die Behörden steckten den Kopf wohin? In die Schule, um sich die Proportionen mal anzusehen? Aber nein. Niedersachsen ist schließlich, nibelungentreu, kein Einwanderungsland, vielmehr – – – richtig, also in den Sand. Dort aber findet man keine dritte Aufnahmeschule, keine Doppelzählung von SchülerInnen nichtdeutscher Muttersprache, keine Unterscheidung zwischen drei Jahren und neunzehn Jahren Sprachpraxis Deutsch bei der Abiturleistung, keine Idee überhaupt zur Integration von Immigrantenkindern – dort streut man sich nur selber Sand in die Augen, und in die Ohren gleich mit. Sieht und hört also nichts von 7. Klassen mit 29 Schülern, von denen sechzig Prozent Ausländer sind, sieht und hört nichts davon, daß Ausländerfeindlichkeit salonfähig wird in alten und neuen Ländern, in gebildeten und ungebildeten Elternhäusern, in den Handlungsweisen von LehrerInnen und SchülerInnen. Und überläßt die Schule sich selbst. So daß die Bismarckschule in einem Akt der Selbstentleibung – – – ja, so war das mit dem interkulturellen Lernen.

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Albrecht Riechers:

Ulrich Bauermeister – eine dreißigjährige Beziehungsgeschichte

So ein Einsatz war beinhart. Blaue Flecken blieben an meinem Schienbein zurück. August 1967: Kollegensport in der Tellkampfschule. Unsere erste Begegnung. Er: Uli Bauermeister – gerade eingestellter Studienassessor, ich – frischgebackener Studienreferendar. Ich entschuldigte mich höflich, die Hierarchie noch beachtend, mit „Sie ...“.

Damals standen sich die vielen Referendare mit dem Fach Geschichte an der Tellkampfschule noch gegenseitig auf den Füßen und begehrten Ausbildungsunterricht bei den älteren bewährten Kollegen. Irgendwie war ich bei diesem Rennen zu spät gestartet. Es blieb „nur“ Uli Bauermeister übrig. Hoffnungen auf Nachsicht, sein Mitleid für meine so bedauernswerte Situation in den damals sehr großen Klassen (ca. 35 bis 40 Schüler) zu erlangen, hegte ich vergebens. Ganz im Gegenteil: „Da muß man durch...“ war seine fast stereotype Antwort. Und dann begann der Ausbildungsunterricht in seinen Klassen. Zunächst war ich begeistert, weil meine ersten Stunden mit Intuition und in Imitation gelungener Geschichtsstunden, die ich bei meinen eigenen Lehrern erlebt hatte, scheinbar gut verliefen. Aber dann, als ich dem universitären Anspruch auf Komplexität der Sache zu gerecht werden wollte, so gut wie keine Ahnung von didaktischer Reduktion hatte, mir alles wichtig schien – und eine nach der anderen Stunde „in den Teich“ zu gehen drohte oder auch ging, da schaltete Uli Bauermeister seine Mentoren-Mühle ein. „Schreiben Sie sich die Kernfragen gefälligst vorher auf! Aber bitte nur die wichtigsten! Aber ab sofort...“ herrschte er mich fast an. „Es sind ja schließlich auch meine Schüler, die etwas lernen sollen.“ Es war nicht gerade milde, aber dafür wirksam. Gehorsam befolgte ich seine Anweisungen. In seiner harten Ausbildungsschule liebte ich ihn nicht gerade, merkte aber bald, daß ich ihm für meine berufliche Prägung viel zu verdanken hatte. Soviel zur Ouvertüre unserer Beziehung.

Der zweite Satz verlief gemäßigter: U.B. blieb in Hannover, mich ereilte das damals als grausam eingeschätzte Schicksal , meine erste Dienststelle in Ostfriesland zu bekommen. Als Spätkinder der 68‘er und auf den ersten Schritten beim Marsch durch die Institutionen schlossen wir uns fast gleichzeitig der damals noch sehr reformfreundlich orientierten GEW an. U.B. begann mit Volldampf sein Engagement in der Fachgruppe Gymnasien, in der er auf Stadtverbands-, Bezirks-, Landes- und Bundesebene alsbald führende Stellungen einnahm. Uns in Ostfriesland gelang es immerhin, der mitgliederstärkste Bezirksverband in Niedersachsen zu werden. Von daher meinte ich, auf den zahlreichen Delegiertentreffen in Hannover auch einmal gegenüber dem „großen Bauermeister“ ein Wörtchen wagen zu dürfen. Es blieb bei dem bescheidenen Meinen, denn U.B. – auch hier Didaktiker – wußte mit Nachdruck zu sagen, was damals wichtig war und wohin der Weg führen sollte. Als die alte Oberstufe des Gymnasiums sich zum heutigen Sekundarbereich II verwandelte, war U.B. einer der Vorsitzenden der Kommission D, der wortgewaltig und durchsetzungsfähig die Richtung angab.

Nach meiner Rückkehr von der niedersächsischen Küste in die Metropole – dritter Satz – kam es immer wieder zu Begegnungen mit U.B, teils verbandspolitischer, teils dienstlicher, teils privater Natur. Nachdem U.B. Leiter der Bismarckschule und ich Leiter des Studienseminars Hannover III geworden waren, intensivierten sich die Kontakte. Das Seminar arbeitete eng mit der Bismarckschule zusammen. Nicht nur, daß sich Referendare an der Schule durch Kollegen und Schulleiter gut betreut fühlten, sondern auch die kollegiale und solidarische Hilfsbereitschaft bei Problemfällen machte die Bismarckschule zu einer beliebten und geschätzten Ausbildungsschule der Studienseminare. U.B. ließ sich als Schulleiter in einem überdurchschnittlichen Maße bei Lehrproben sehen und trug, wenn die Zeit es erlaubte, sehr sachkundig und aufbauend seine Meinung bei den Stundenbesprechungen vor. Besprechungen von Prüfungsunterricht in seinem Dienstzimmer zwischen sehr gekonnten und geschmackvollen Schlesinger-Aquarellen, Porträts von Bismarck, August Bebel und Gustav Heinemann erhielten durch die Gastfreundlichkeit beinahe einen feierlichen, fast rituellen Charakter. U.B.’s Beitrag in den Besprechungen des Prüfungsunterrichts waren sachkundig und von viel Temperament getragen. Er verschenkte nichts, blieb aber in seinen Beurteilungen stets gerecht.

In der Sinfonie unserer Beziehungsgeschichte kommt dem Schlußsatz eine besondere Bedeutung zu: U.B. ist 1938 in Magdeburg geboren und in Seehausen in der Börde herangewachsen. Als Jugendlicher hat er die damalige DDR verlassen und seitdem eine ambivalente Haltung gegenüber dem historisch erledigten Staat gehabt. Er war eigentlich nie ein typischer Wessi geworden, sondern durch seine Verwurzelung in seiner alten Heimat zeigte sich eine starke Empathie für die Menschen, die östlich des Eisernen Vorhanges weiterhin lebten und leben mußten. Nachdem sich seit 1969 die Ostpolitik änderte, spielte in unseren Gesprächen außenpolitische Themen eine große Rolle. Die Verbindung zu den Landsleuten und den osteuropäischen Menschen nicht abreißen zu lassen, Wege der Begegnung zu suchen, die autoritären, staatssozialistischen Systeme zu überwinden, waren die Gedanken, die ihn umtrieben.

Als 1979 die hannoversche Deutsch-Polnische Gesellschaft gegründet wurde, gehörte U.B. zu den Gründungsmitgliedern. Eigentlich hatte zu dieser Zeit niemand mehr die Vision, daß das sogenannte sozialistische System in naher Zukunft so schnell implodieren würde. Daher gehörte ein begrenztes Arrangement mit den Mächtigen zur Strategie und Taktik derjenigen im Westen, die damit erhofften, das Leben der Menschen im Osten erträglicher zu machen, das rückständige, ineffektive und autoritäre System allmählich zu liberalisieren und in Richtung auf ein demokratisches und rechtsstaatliches Gemeinwesen zu transformieren. Uli Bauermeister hatte diese Gedanken in Gesprächen oft geäußert und sich mit großer Einfallskraft und beharrlichem Einsatz daran gemacht, Kontakte zu Menschen in der ehemaligen DDR und in Polen zu knüpfen und zu pflegen. 1978 war er mit einer von der Landeszentrale für Politische Bildung organisierten Reise das erste Mal in Polen. Einer seiner ersten polnischen Gesprächspartner war ein junger Referent im Bildungsministerium, der nicht nur hervorragend Deutsch sprach, sondern geschliffene Analysen der deutsch-polnischen und der allgemeinen internationalen Situation vortrug, Marek Rzeszotarski, der später der erste Generalkonsul des demokratischen Polens in Hamburg wurde. Mit diesem und anderen aufgeklärten Vertretern aus Politik und Wissenschaft verbanden Uli bald freundschaftliche Bande, die ihm bei der Entwicklung einer der ersten deutsch-polnischen Schulpartnerschaften, die der Bismarckschule mit dem V. Gymnasium in Posen, nützlich wurden. Heute – neun Jahre nach der politischen Wende im Osten – vermag man bald nicht mehr zu ermessen, wieviel Hartnäckigkeit seinerzeit erforderlich war, gegen die Angst und den Argwohn östlicher „Betonköpfe“ ein Partnerschaftsvorhaben zu realisieren. U.B. verfügte über diese Eigenschaft, war ausgesprochen findig, einflußreiche Kontakte auszunutzen, die ihm bei der Realisierung seines Zieles nützlich sein konnten. Oberbürgermeister Schmalstieg setzte sich bei seinen Gesprächen in Posen mehrfach für die Bismarckschule ein. Uli Bauermeister gelang es auch, Prominente wie Willy Brandt oder Hans Koschnick, die nach Polen reisten, für seine Sache einzuspannen.

Das Kriegsrecht 1981 in Polen und die es begleitende wirtschaftliche Krisensituation setzten in der gesamten Bundesrepublik eine Art Volksbewegung in Gang, die sich nicht nur in Deklamationen, sondern auch in konkreter Hilfe an Nahrungsmitteln, Medikamenten und Kleidung artikulierte. Für U.B. war sein solidarischer Einsatz für Polen im Rahmen seines Berufsfeldes und seines Engagements in der Deutsch-Polnischen Gesellschaft mit der ihm eigenen Vitalität eine große Selbstverständlichkeit. Nachdem Deutsche und Polen sich ohne polnische staatliche Bevormundung nach dem Wegfall der Berliner Mauer frei treffen konnten, gehörte Uli Bauermeister zu den Organisatoren der deutschen-polnischen Kongresse, die seit 1991 regelmäßig abwechselnd in Deutschland und Polen stattfinden und bei denen sich mindestens 300 Deutsche und Polen treffen und miteinander sprechen. U. Bauermeister war inzwischen stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsch-Polnischer Gesellschaften geworden und hatte diese Funktion bis zum Herbst 1996 inne.

Uli Bauermeister war Lehrer für evangelische Religion, Erdkunde, Geschichte und Politik. Seine Unterrichtsinhalte sind nie bläßliche Theorie gewesen, sondern stets auch ein großer Teil gelebtes Engagement. Er gehört zu der Gattung der immer rarer werdender Pädagogen, die zwar nicht Politiker im eigentlich Sinne des Wortes geworden, aber doch politische Menschen sind. Uli Bauermeisters politisches Engagement und Interesse sind weitgefächert und schlugen auch auf unseren zahlreichen privaten Reisen immer wieder durch. Mit ihm verläßt ein Schulleiter seinen Arbeitsplatz, der nicht nur ein profilierter homo paedagogicus, sondern auch homo politicus ist.

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Hubert Orłowski:

Die Drewenz ist ein Fluß in Polen …

In den frühen achtziger Jahren, an einem klebrig-schwülen Sommertage, irgendwo in Polen auf einer schmalen Brücke. – Ich lasse den Satz fallen: Die Drewenz ist ein Fluß in Polen. – Wie meinst du das? Das ist keine Meinung, das ist ein Zitat. Ein Zitat? Ja, aus Johannes Bobrowskis Roman „Lewins Mühle“. Ah, Ulli war sichtlich überrascht, weniger über mein Wissen denn über die exakt situationsbedingte Anwendung. – Nach einigen Wochen kam ein Brief ins Haus. Er beinhaltete u.a. auch die Richtigstellung: Im Prinzip hätte ich Recht, damals, im Gespräch auf der Brücke über die Drwńca. Aber korrekt laute der Satz dann doch ein wenig anders: Die Drewenz ist ein Nebenfluß in Polen. Und es stimmte. – Mich konnte sein feines Mißtrauen nicht überraschen.

Doch damals, in der Hitze, waren wir in Gedanken woanders, in den uns immer wieder so frappierenden Räumen der Historie. Denn in der Tat war diese an der Brücke über die Drewenz ein unscheinbarer Gedächtnisort deutsch-polnischer Geschichte. Der Fluß, der hier einen Bogen macht, hatte zwischen 1918-1939 einige Kilometer lang die Ehre, Grenzfluß zu sein. Hart an der Grenze lag damals das Dorf Zielkowo, zu Preußens Zeiten Zielkau genannt; ein Verwandter meiner Frau waltete dort 1939 als Bürgermeister. Dieses Dorf wurde am 1. September frühmorgens wohl als erster polnischer Ort überrollt.

Und wir meditierten dort also über Grenzen, die den Menschen ein- und ausgrenzen. Die Menschen in Zielkowo-Zielkau, ohne daß sie ihre Gehöfte verlassen hätten, lebten innerhalb eines halben Jahrhunderts in vier Staaten: im Deutschen Reich, in der Republik Polen, im Dritten Reich, in der Volksrepublik Polen. Grenzen, Grenzen: keine (nur) historische Angelegenheit. Die Lage in den 80er Jahren kennt Ulrich Bauermeister ebenso gut wie ich: Hannover trennen von Posen vier Grenzen. Und vier Grenzkontrollen. Streng? Mal so, mal so. Egal, ob man im Ost-West-Expreß, im Eigenwagen oder mit dem (Mini)Bus hin- oder zurückreist.

Ulrich Bauermeister hat den Weg Hannover–Poznań, insbesondere in den 80er Jahren, vielmals zurückgelegt. In seiner Eigenschaft als Direktor des UNESCO-Gymnasiums, als Mitglied der Deutsch-Polnischen Gesellschaft, als Mensch. Als wir uns bei einem Seminar in Loccum kennen lernten, konnten wir beide nicht ahnen, wie intensiv und effektiv er seine Beziehungen zu Posen und dem Gymnasium Nr. V entwickeln wird. Damals in Loccum debattierten wir, versteht sich, emphatisch über Gott, die Welt und, na ja, über die Polen und die Deutschen.

Wer sich noch an die ersten Monate und Jahre des Kriegsrechtzustands erinnern vermag, der wird nicht vergessen können, wieviel Beharrlichkeit und List, Geduld und Pfiffigkeit aufzubringen es notwendig war, um Ziele zu erreichen, deren Erreichbarkeit unter normalen Bedingungen selbstverständlich wäre. Zähe Verhandlungen mit Behörden in Posen und in Warschau, denen übrigens viele ‘diplomatische’ Schreiben vorangingen; geschickte Gespräche mit Schulbürokraten und verängstigten Lehrern – im Endeffekt dann aber Dutzende an (kontinuierlichen) persönlichen Kontakten, menschlichen Beziehungen zwischen jungen Leuten.

Die Legierung aus moralischer Anteilnahme, persönlichem Einsatz sowie strategisch und taktisch überlegter Effizienz, wie sie von Ulrich zusammengeschmolzen wurde, hat in diesen schwierigen Jahren die gemeinsame „Landschaft der Geschichte“ (Plessner) ein wenig aufgebessert.

Das Gespräch auf der Drewenz-Brücke war eines von vielen, die uns – wie ich hoffe – verbunden haben, und an denen wir intellektuelle Freude hatten. Kein zweites jedoch war von solch einer spürbar-sinnlichen Lebensaura umgeben. Der Fluß, die Wiesen, die Vögel – Schlüsselbegriffe aus Bobrowskis Gedichten...

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Danuta Sziłajtis:

Ein Mann mit Profil

Wenn mich jemand fragt, wie ich Herrn Ulrich Bauermeister finde, was ich von ihm denke, würde ich sagen, ohne lange zu überlegen: ein braver Mensch.

Herrn Bauermeister habe ich im Jahre 1982 kennengelernt. Diese Bekanntschaft war im Rahmen der Deutsch-Polnischen Gesellschaft, an der sich Herr Lothar Nettelmann voll Eifer beteiligte. Auch Prof. Hubert Orłowski hat dafür gesorgt, daß ich dabei bin und die Kontakte mit freundlichen Hannoveranern anknüpfe.

Herrn Bauermeister bin ich dann mehrmals begegnet. Häufig fand das im Kabinett meines Schulleiters statt. Beim Kaffee haben wir zu dritt (ich bin Dolmetscherin gewesen) verschiedene Möglichkeiten überlegt, um den Schüleraustausch zwischen beiden Schulen, die Bismarckschule in Hannover und das V. Lizeum in Poznań, möglich zu machen. Herr Bauermeister hat sich sehr bemüht, sowohl in Warszawa als auch in Poznań, um die Idee der Schulpartnerschaft zu realisieren. Unsere Rolle, obwohl wir sehr daran interessiert waren, konnte nur ganz gering sein. Das wußte Herr Bauermeister und hat die meiste Arbeit übernommen. Es war damals gar nicht leicht gewesen. Das war die Zeit, wo sich in Polen immer etwas Neues (und nicht immer Gutes) abspielte. Der damalige Ministerpräsident, Herr Rakowski, hat schon Herrn Bauermeister versprochen, seine Bemühungen zu unterstützen, da kam wieder ein anderer Mann ans Steuer und die Sache begann von Anfang an. Und so ging es mehrmals. Ich hatte den Eindruck, daß so ein Mann wie Ulrich Bauermeister, nicht aufgibt. Ich bewunderte ihn.

Er hat es doch geschafft! Das Ziel wurde erreicht, die Bedingungen besprochen, aufgeschrieben, unterzeichnet. Der Schüleraustausch hat begonnen! Im September 1983 war eine Schülergruppe des UNESCO-Gymnasiums Hannover mit ihren Lehrern für zehn Tage in Poznań zu Gast. Die Freundschaften unter der Schulleitung, den Lehrern und Schülern beider Schulen wurden schnell geschlossen. Die Freude war groß.

Der zweite Schritt der Begegnungen war die Lehrerdelegation vom Lizeum Nr. 5 im Februar 1984 in Hannnover. Dann folgte vom 6.IX. - 12.IX.84 der Schüleraustausch in Hannover. Es gab die nächsten Jugendbegegnungen und wieder die nächsten.

Die Jugendlichen kamen zusammen, lernten das Land des Nachbarn, seine Geschichte, Kultur und andere Sitten kennen. Sie nahmen in den Unterrichtsstunden teil, gingen in Discos, amüsierten sich und wanderten. Die Schulleitungen beider Schulen sorgten dafür, daß alles in kleinsten Details aus organisatorischen Gründen tadellos funktionierte.

Und ich konnte nicht aus dem Staunen herauskommen, wie Herr Bauermeister kontaktfähig ist, wie er für alle – ob jung oder alt – sorgt, um alles sich kümmert, alles sieht und hört. Er ist immer da gewesen. Interessante Diskussionen (manchmal sogar Auseinandersetzungen), Theater-, Konzert-, Museumsbesuche, Stadtführungen (den ‘Roten Faden’ werde ich nie vergessen), Radio- und Presseinterviews, gemeinsame Fotos, Schülerberichte … den ›Tag der deutschen Kultur‹ und ›Festivals der deutschen Lieder‹ … . Es gab auch Videoaufnahmen, Parties, Spaziergänge, Exkursionen … . Wer könnte das alles aufzählen?

Herr Ulrich Bauermeister? Schulleiter, Lehrer, Freund. Ich beobachtete ihn aufmerksam und bewunderte ihn. Ein sensibler Mensch mit umfangreichem Wissen. Wir haben miteinander über verschiedene Themen gesprochen – über Geschichte, Kunst, Literatur, Theater. Ich bewunderte auch seine politische Orientierung. Schwerpunkte der deutschen Grammatik hat er mir ausführlich und mit Geduld erklärt. „Gern geschehen!“ habe ich zum Schluß gehört. Eines Tages erwähnte ich, daß es in Hannover wenige Kirchen gibt. Das hat Herrn Bauermeister erregt; am nächsten Tag bekam ich von ihm eine lange Liste von Kirchen!

Schüler und Lehrer der Bismarckschule haben vor ihrem Schulleiter großen Respekt – das habe ich auch bemerkt. Aber sie haben ihn auch gern, sogar lieb! Als ich eines Tages bei Nebel mit kleiner Verspätung zur Schule kam, fragte ich Frau I. Bloth: „Wird Herr Bauermeister böse sein?“ „Oh, nein – sagte sie – er versteht, das etwas Seltsames vorgekommen ist – denn wir sind normalerweise immer pünktlich da.“

Ich erinnere mich auch an einen Abend, wo wir – eine ganz große deutsch-polnische Lehrergruppe durch Hannover zu Fuß gingen (es war gerade nach dem Regen, die Luft war schön frisch) – da sagte Herr Bauermeister zu mir: „Wissen Sie, wenn sich die polnische Phantasie mit deutschem Fleiß verbinden ließe, könnten große Werke entstehen.“ Oft denke ich daran.

Nach meiner Sicht hat Herr Bauermeister Kinder und Jugendliche besonders gern. Viele neue Ideen, viele neue Lehrmaterialien, Kontakte mit Schulen in anderen Ländern, viele Interessenzirkel in der Schule – Sport, Theater, Orchester, Chor, Computer, Planetarium – alles für die Schüler. Und alles funktionierte sehr gut.

Auch unsere polnischen Schüler haben ihm sehr viel zu verdanken: die wertvollen Lehrmaterialien – Landkarten, Kassetten, Liederhefte, Aufnahmen, Zeitungen und Zeitschriften, und vor allem die wunderschöne Atmosphäre, die Gastfreundschaft und die unvergeßlichen Erinnerungen!! Es war auch Herrn Bauermeisters Konzeption, daß immer andere Lehrer die Schülergruppe betreuen, nicht nur Germanisten selbst, sondern auch Chemiker, Polnisch-, Russischlehrer, u.a. Wir, d.h. polnische Schulleitung und Lehrer, waren völlig damit einverstanden.

Ich weiß auch, dass sich der Schulleiter und das Lehrerkollektiv in Hannover gut verstanden haben. Ohne so fleißige Berufskollegen, ohne so liebe Eltern, würde es schwierig sein. In dankbarer Erinnerung behalte ich immer Herrn L. Nettelmann, Frau I. Bloth, Herrn E. Kalthoff, Herrn H. Gütte, Herrn U. Wehking, Herrn M. Kronig u.a. .

Die Zeit vergeht schnell. Es ist kaum zu glauben, dass Herr Bauermeister seinen sechzigsten Geburtstag feiert! Für mich ist er jung und bleibt noch lange jung! Alles Gute zu diesem Anlaß!!

Herzlichst Ihre Danuta Sziłajtis.

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Ludwika Brudńo:

Es gab mal eine Idee

Schüleraustausch mit Poznań

Wenige von den Lehrern, die zur Zeit ihr Amt bekleiden, wissen, daß die ersten Vorbesprechungen anbetreffend einer deutsch-polnischen Zusammenarbeit im Bereich „Schüleraustausch“ mit dem Bismarckgymnasium in Hannover und dem V. Lyzeum in Poznań auf das Ende der Siebziger Jahre zurückzuführen sind.

Nachdem 1970 die vertraglichen Voraussetzungen für eine Normalisierung festgelegt wurden, leuchtete grünes Licht für eine Zusammenarbeit zwischen Ost- und Westschulen auf. Im Ostblock begann es zu hapern. Der eiserne Vorhang ging langsam hoch. Endlich bot sich die Möglichkeit, polnischen Schülern den westlichen Teil des geteilten Deutschlands näherzubringen, aber wie?

Bevor dieses Problem gelöst werden konnte, mußten noch zehn Jahre vergehen. Während dieser zehn Jahre wurden Gespräche zum Inhalt der in polnischen und deutschen Lehrbüchern vorhandenen Informationen, die der Wirklichkeit widersprachen, durchgeführt. Mit diesen Gesprächen sollten schließlich jegliche Mißverständnisse anbetreffend der vorhandenen Texte aufgeklärt werden.

Am 27. September 1980 wurden im V. Lyzeum in Poznań Jugendliche aus Hannover empfangen, die eben ihre Polenreise zum Schluß brachten. Es gab ein kurzes Beisammensein mit der Schuldirektion und Jugend des V. Lyzeums. Die Veranstalter dieser Reise erklärten sich bereit touristische und kulturelle Beziehungen mit dem V. Lyzeum in Poznań aufzunehmen. Die Zusammenarbeit mit den polnischen und den Schulen in der BRD stieß auf Hindernisse.

Dank vieler Bemühungen seitens Herrn Bauermeisters, des Schulvorstandes des Bismarckgymnasiums in Hannover, seiner vielen Versuche, mit Geduld das Vorgenommene zu verwirklichen, mit den damaligen Behörden zu verhandeln, brachen die Schranken. Für das Jahr 1981 wurde ein Schüleraustausch mit Besuch und Gegenbesuch in Hannover und Poznań vereinbart, der aber unerwartet nicht ausgeführt werden durfte, u.a. wegen der sich verschlechternden Lage in Polen und weil das Land unter Kriegsrecht gestellt wurde.

Am 31. März 1983 wurde im V. Lyzeum in Poznań eine Lehrer- und Schülergruppe von 25 Personen aus Hannover empfangen. Dies ist das Ergebnis langjähriger Zusammenarbeit unseres Lyzeums mit Pädagogen und Jugendlichen aus der Partnerstadt drüben. Mit Begeisterung sollten die Darbietungen unserer Schüler empfunden werden.

Lehrer des Bismarckgymnasiums und des V. Lyzeums waren für den Erfahrungsaustausch im Unterrichtsverfahren interessiert.

Das örtliche TV-Programm »Teleskop« brachte eine kurze Nachricht vom Besuch der Lehrer- und Schülerdelegation aus Hannover im V. Lyzeum. Die offizielle Einladung des V. Lyzeums und des Stadtpräsidenten Poznańs und dank dem Engagement vieler Beteiligter beider Staaten durfte dem Bismarckgymnasium die Einladung zugeschickt werden mit einem Aufenthaltsprogramm, das vorher zwischen den Vorständen beider Schulen abgestimmt wurde.

Der Besuch der Schüler des Hannoverschen UNESCO-Gymnasiums kam im September 1983 zustande, was unsere Schüler mit Freude zur Kenntnis nahmen. Ein frischer Windhauch kam mit dieser Nachricht ins Lyzeum und brachte seinen Schülern die Hoffnung, mal eigene Sprachkenntnisse überprüfen zu dürfen, den Westlern, wenn auch im geringeren Maße, einen Überblick über die besuchte Stadt, über das Leben ihrer Bewohner, sowie die Kultur des fremden Landes zu geben und Erfahrungen anbetreffend des Schul- wie auch des Familienlebens zu machen und nicht zuletzt die Motivation zum Beherrschen der deutschen Sprache bei den polnischen Schülern zu wecken und das Unterrichtsverfahren zu zeigen.

Die Hauptaufgabe des Schüleraustausches bestand in der Förderung gegenseitiger Verständigung der Völker.

Bei der Begegnung waren beide Seiten bemüht, allen Vorbehalten zu entgehen.

Beim Ausführen des Programms unsererseits beteiligten sich neben den Deutschlehrern auch Lehrer anderer Fächer.

In der Schulchronik des V. Lyzeums wird berichtet, daß in den Tagen vom 03. 09. 1983 Lehrer und Schüler aus dem Bismarckgymnasium aus Hannover in Poznań empfangen wurden. Die erste Begegnung fand am Bahnhof am Abend statt und die ersten offiziellen Begrüßungsreden nächsten Vormittag in der Schule. Darauf folgte eine kleine Darbietung mit Gedichtaufsagen und Liedern. Bei dieser Begegnung hieß es für das Lyzeum – interessante Gäste, neue Freunde, gute Laune und öffentlich viel Spaß, denn es standen vielversprechende Angebote wie z.B.: Theater, Musik, Museenbesuche, Empfang in den Familien u.a. auf dem Programm. Nicht alle Schüler konnten an dem vielseitigen Programm teilnehmen. Es kamen meistens die mit besserer Sprachkenntnis ran, insbesondere diejenigen, die für die Sprache der Gäste wirklich interessiert waren. Die übrigen, die keinen Zugang zu den Gästen hatten, empfanden das verdrießlich.

Aus der Sicht der vielen Jahre, die seither vergangen sind, müssen wir eingestehen, daß die Zusammenarbeit mit dem UNESCO-Gymnasium aus Hannover den Weg, den Polen heute geht, vorbereitet hat.

Inzwischen gibt es schon Zusammenarbeit anderer polnischer Schulen mit den deutschen Nachbarn.

Wir danken für die Bemühungen Herrn Ulrich Bauermeister und Herrn Dr. Lothar Nettelmann.

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Małgorzata Wichńacz:

Internationale Jugendkontakte

… waren und sind immer noch eine Brücke der Verständigung.

Auf der Grundlage der früheren gegenseitigen freundschaftlichen Beziehungen wurde im Herbst 1983 der Schuljugendaustausch wieder ermöglicht. Wir hatten endlich die Chance, miteinander direkt Beziehungen anzuknüpfen. Diese Jugendlichen, die unvorbereitet aus einer von ‘oben’ diktierten Gesellschaft entlassen wurden, hatten Schwierigkeiten, die Vielfalt der Einflüsse und Möglichkeiten einer freien Gesellschaft zu verstehen.

Ein solcher Jugendaustausch hatte für mich vor allem den Zweck, meine deutschen Sprachkenntnisse zu verbessern. Seit langem interessierte ich mich für das kulturelle Leben Deutschlands. Es gab verschiedene Treffen, die zu Auseinandersetzungen, zum Lachen, zum Nachdenken angeregt haben. Wir haben einen großen Schritt in ein besseres Zusammenleben gemacht.

Jugend- und Erfahrungsaustausch haben zum Anknüpfen persönlicher Kontakte beigetragen.

Den Personen, die uns alle diese Möglichkeiten gegeben haben, sage ich an dieser Stelle herzlichen Dank.

Małgorzata Wichńacz

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Michael Kronig:

Polen im Herbst. Begegnungen und Impressionen

Wenn ich zunächst an die zwei schuloffiziellen Polenaufenthalte zurückdenke, leuchten sofort weite, klare Herbstbilder auf. Kennen Sie Poznań, Poznań im Frühherbst? Das sinkende Sonnengold feiert die barocke Altstadt. Müßiggängerisch, aber wach schlendern Spaziergänger durch ehrwürdige Gassen, über stilvolle Plätze – als hätten sie alle Zeit der Welt.

Den Polenreisenden erwarten mehr als ein paar touristische Leckerbissen. Ich lerne im östlichen Nachbarland disziplinierte, kraftvoll charmante, emphatische Persönlichkeiten kennen. Sie sind mir auf Anhieb sympathisch. Und ihre – durch viele Tücken herausgeforderte und gebeutelte – anarchische Lebensart ruft Neugier und Bewunderung in mir hervor. Ich bin sicher, daß die Bewältigung des polnischen Alltags ein Mehrfaches an Energien verschleißt im Vergleich zum sozialdemokratisch abgesicherten Leben in Hannover.

Knappe Haushaltsbudgets, steigende Preise in allen Bereichen, Ungewißheiten und Härten wirtschaftlichen Umbruchs melden die Schlagzeilen in drohendem Schwarz. Alles ist in Bewegung, erfahre ich aus Kommentaren. Und auf Magazinseiten bemerke ich Jugendliche in Aufruhr. Doch von revoltierenden Schalträgern ahnen wir im aufgeräumten Poznań, der internationalen Messestadt, nichts.

Andernorts teilen junge Vermummte die Städte untereinander auf, patrouillieren nachts durch Straßen. Vertreiben durch gewagte Kriegsspiele die Leere, die entsteht, weil keiner Einfluß nehmen kann auf Kaufkraft, Berufsaussichten, Wohnqualität. Eine steigende Zahl junger Leute findet keinen Platz in den gebrochenen Verhältnissen. Doch mit der Machtlosigkeit wollen sie sich nicht abfinden.

Die Kollegen des V. Liceums, unserer gymnasialen Partnerschule in Poznań, demonstrieren wortlos, daß sie die aufreibende gegenwärtige Zerrissenheit ertragen können. Eine vergleichbare Belastbarkeit entdecke ich heute nur bei wenigen Deutschen. Die Mehrheit bei uns zieht das Tadellose, das glänzend Unangreifbare vor und wehrt das leidig Unregelmäßige, Bizarre ab.

Wir bummeln vom Alten Markt zur schwarzbarocken Pfarrkirche, einst prachtvolle Heimstatt jesuitischer Missionare. Hier umgibt mich Polen, das listig widerständige. Jedes Fresko, jede Skulptur, jeder Stein und jeder Brocken – jedermann (und jede Frau erst recht) wird zu einem Partikelchen Polens. Ewa zum Beispiel, traumschön, blond und braunäugig, „wie es nur bei Polinnen seine Art hat“ (Brigitte Sibrasse). Und mich selbst, den Zugereisten, bestimmt plötzlich jene besondere Aufmerksamkeit für das Unvereinbare, die ich schon mit der Muttermilch eingezogen habe.

Erinnerungen an eine Reise mit der Familie (Ostern 1978) in die Gegend Wroclaws kehren zurück. Wo hätte ich einladendere Gastlichkeit erlebt als in jenem durchschnittlichen Haus, dem meine Mutter entstammt. Als unsere sprachlichen Verständigungsbemühungen scheiterten, wurden wir von strahlenden Gastgebern mit vertrauten Gesten begrüßt und überreich beköstigt. Alle Bedenken schienen auf diese Weise von uns genommen, ein für allemal.

Dennoch: Die Schrecken der Geschichte bestürzen den aus Deutschland Kommenden. Trümmer versperren die Sicht: Hitlers zynischer Überfall auf Polen, die absurde Ausweglosigkeit im Lager Auschwitz-Birkenau, der düstere Karfreitag im Warschauer Ghetto ...

Oskar Schindlers fein gezeichnete Spuren führen weiter, verhindern das Abgleiten in weltferne Melancholie, konfrontieren mit gefährlichen Einsichten im Sinne Walter Benjamins: Der „Engel der Geschichte“ zuckt zusammen vor den Scherben des Vergangenen. „Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen.“ So entzündet er „den Funken der Hoffnung“. Überraschend spüren wir seine Präsenz als „Zuversicht, als Mut, als Humor, als List, als Unentwegtheit“ – im Augenblick der Gefahr – , wenn neue Niederlagen den Lichtblick entzaubern. (Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte)

Jede der deutsch-polnischen Begegnungen, die ich miterlebte, hat bei den teilnehmenden Schülern und Lehrern das Gefühl gestärkt: Wir werden uns wiedersehen. In Hannover. Und in Polen. Damit die „Flamme der Sehnsucht”, die uns „reich und glücklich macht” (Brigitte Sibrasse), niemals verlöschen möge.

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Ulrich Wehking:

Reiseeindrücke von der Austauschfahrt nach Poznań im September 1995

Die Schulpartnerschaft zwischen der Bismarckschule und dem V. Liceum dauert schon so lange, wie ich selbst Lehrer an der BS bin, nämlich seit dem September 1983. Die Besuchsfahrten nach Poznań und die Betreuung der Gäste hier wurde von verschiedenen Lehrerinnen und Lehrern durchgeführt, was die entstehende Arbeit verteilt hat und den Kreis derer, die von diesem Austausch profitieren, nicht zu klein bleiben ließ. 1995 konnte Herr Bauermeister den Kollegen Michael Kronig für die Durchführung der Fahrt im September gewinnen, der schließlich mich Überzeugen konnte, ihn zu begleiten.

Im folgenden zitiere ich ausschnittweise und nur an wenigen Stellen Überarbeitet oder ergänzt aus meinen Reisenotizen (ich verzichte bewußt auf eine sprachlich-stilistische Überarbeitung):

Ohne Datum:

Ich bin unsicher: Die Hälfte der Schüler(innen), die sich um Herrn Kronig geschart haben, kenne ich nicht näher, einige von ihnen gebürtige Polen. Werden wir gut miteinander auskommen? In welche Familie werde ich kommen? Werden wir problemlos kommunizieren können? Auch eher unbedeutende Fragen tauchen auf: Was für ein Gastgeschenk kauft man für Leute, die man nicht kennt? Ja, ich ertappe mich sogar bei der Frage: Werde ich Abstriche vom gewohnten Komfort machen müssen? Die Macht des Wohlstands hat mich mehr im Griff, als ich zugeben möchte. Aber das Interesse an diesem Land, das ich nur durch zwei 14tägige Rundreisen in den Jahren 1985 und 1987 kenne, das Wissen um die Bedeutung des Kontakts zu Polen angesichts unser Geschichte und die Freundschaft zu Michael Kronig sind stärker als alle Vorbehalte und Unsicherheiten.

Mittwoch, 20.09.95:

Über Hannover hängen dunkle Wolken, Regen den ganzen Tag Über; vormittags Schule, nachmittags Reisevorbereitungen; zwei Kollegen liefern Geschenke und Briefe ab, die ich weiterreichen soll. 22.30 Uhr trifft sich die Reisegruppe, bestehend aus 14 Schülerinnen und Schülern, Herrn Kronig und mir, am Bahnhof. Viele Eltern bleiben bis zur Abfahrt. Gespräche u.a. darüber, warum für den Polenaustausch viel weniger Schüler zu gewinnen sind als z.B. für die USA oder Frankreich. Der Einwurf: „Poznań ist eben nicht Paris“, wird treffend gekontert mit: „Aber auch nicht Peine“. – Die Nachtfahrt beginnt pünktlich und verläuft problem- und schlaflos. Ich lerne Namen und Gesichter der mir unbekannten Schüler zu verbinden.

Donnerstag, 21.09.95:

Ankunft um 6.10 Uhr in Poznań bei strömendem Regen; die Verteilung auf die Familien klappt dank der Organisation von Frau Ulanicka (Deutschlehrerin am V. Liceum) perfekt. Ich werde der Familie Korczak zugeordnet. Auf der Fahrt mit ihrem Skoda in eine der neuen Hochhaussiedlungen habe ich die ersten Gesprächskontakte mit Herrn und Frau Korczak. Er, Professor für Agrartechnologie, beherrscht amerikanisches Englisch (einjährige Gastprofessur in Süddakota), sie, stellvertretende Schulleiterin am V. Liceum, Französisch und Russisch, ich – Latein. Mit meinen rudimentären Englischkenntnissen versuche ich mich verständlich zu machen bzw. zu verstehen.

Die Wohnung im vierten Stock ist einigermaßen geräumig – jedenfalls für polnische Verhältnisse: ein Wohnzimmer, ein Kinderzimmer für die beiden Söhne, kleine Küche, kleines Bad und WC, ein Arbeitszimmer für Frau Korczak, das gleichzeitig als Schlafzimmer dient, ein ziemlich schmales Arbeitszimmer für Herrn Korczak, für acht Tage mein Refugium; über mangelnden Komfort kann ich nicht klagen.

Viel Zeit zum Ausruhen bleibt nicht, denn um 11.00 trifft sich die Austauschgruppe in der Schule im „Club”, einem von den Schülern liebevoll eingerichteten Raum im Keller des V. Liceums. Programm, Stadtplan, Busfahrkarten, Taschengeld usw. werden verteilt. An alles ist gedacht worden. Der Direktor Herr Henicz begrüßt uns. Nachmittags Geldtausch und andere Aktivitäten, abends in der Gastfamilie, um 22.00 todmüde ins Bett.

Freitag, 22.09.95:

Der Tag beginnt mit prächtigem Sonnenschein; schon beim Frühstück ist Fleisch an diesem Tag tabu, ich bin in einer bewußt katholischen Familie.

In der Schule ist heute der „Tag des Schülers der ersten Klasse“ (= 9. Jg.). Bei der Feier in der provisorischen Aula findet neben den üblichen Ansprachen ein kurzweiliger Wettkampf der Parallelklassen statt: Ausgewählte Schüler müssen aus dem Gedächtnis ihren Klassenlehrer malen, was angesichts der Ergebnisse viel Heiterkeit hervorruft, sie müssen alle Lehrer ihrer Klasse möglichst schnell aufzählen (nach drei Wochen Unterricht), Sinnsprüche aufsagen u.a.m. Eine Schülerjury entscheidet, die Siegerklasse erhält eine Cremetorte. Uns zu Ehren spielt die Schülerband das Lied „’Ober den Wolken...“, von R. Mey.

Anschließend haben Michael (Herr Kronig) und ich unser erstes Gespräch mit Herrn Henicz, u.a. über die Integrationsklassen (Koedukation von Behinderten und Nichtbehinderten); wir überreichen die Gastgeschenke der Bismarckschule, auch einen Volleyball, der auf einer überdimensionierten Vase plaziert wird. (Zu unserer Irritation war der Ball bei unserem Besuch im Herbst 1997 noch immer an dieser Stelle.)

Das geplante Mittagessen bei Maria (Maria Piechocka, Deutschlehrerin am V. Liceum) muß ausfallen, da die Wasserversorgung in diesem Stadtbezirk unterbrochen ist. Maria, Małgorzata (Małgorzata Ulanicka, Deutschlehrerin und Organisatorin unseres Aufenthaltes), Michael und ich besuchen eine Pizzeria, von denen es mittlerweile schon einige hier gibt (leider auch Mc Donald’s); eine leckere landestypische Suppe vorweg (Barszcz statt Ministrone) und eine erstaunlich gute Pizza hinterher. Wir unterhalten uns Über die Arbeitsbedingungen polnischer Lehrer (mehrheitlich sind es Lehrerinnen), Über den auch für polnische Verhältnisse geringen Verdienst, die Notwendigkeit, durch zusätzliche Tätigkeiten, z.B. als Übersetzerin oder durch private Nachhilfe, das Gehalt aufzubessern.

Es bedarf einiger Überredungskünste, Michael und mich die Rechnung bezahlen zu lassen.

Abends Altstadtbesichtigung: Der Stary Rynek (Altmarkt) mit seinem Renaissance-Rathaus im Abendlicht – ein Ort zum Verweilen; die ihn umrahmenden Bürgerhäuser, die Arkaden, der Proserpinenbrunnen, die Bambergerin, die Jugendstillaternen (mittlerweile verschandelt durch die an ihnen angebrachten Scheinwerfer für die nächtliche Beleuchtung).

Anschließend fahre ich zum ersten Mal allein aus der Innenstadt „nach Hause“. Da sich die Vorstadtbezirke mit ihren Hochhäusern sehr gleichen, ist es gar nicht so einfach, die richtige Haltestelle zu erkennen, zumal sie keinen Namen haben. Ich orientiere mich an einer Kreuzung plus langem blauen Zaun; bei Michaels Heimfahrtroute ist es ein abgebrannter Kiosk. Die 25minütige Busfahrt gewährt Zeit zum Beobachten: viele junge, oft fröhliche Gesichter, Menschen im mittleren oder hohen Alter häufig mit müdem oder zermürbtem Ausdruck, ein Hinweis auf den für uns Kurzbesucher kaum wahrnehmbaren harten Alltag.

Samstag, 23.09.95:

Tagesausflug der ganzen Gruppe zum archäologischen Park in Biskupin; am Abend kann ich „zu Hause” vorzüglich zubereitetes „Bigos” genießen.

Sonntag, 24.09.95:

9.30 : Messe; da in dieser Nacht die Sommerzeit endet, habe ich dennoch ausschlafen können. Die für das große Neubaugebiet viel zu kleine Kirche ist überfüllt. Stehplatz. Ich wundere mich Über den Priester, der nicht in der Lage ist, auch nur einen Satz frei zu sprechen, sondern alles abliest, bis mir klar wird, daß das so seine „Richtigkeit” hat; er verliest nämlich statt der Predigt, wie mir später gesagt wird, einen Brief des Episkopats von Polen (im November sind Präsidentschaftswahlen). Meine Gastgeber halten die Beeinflussung durch solche „Predigten” nicht für wahlentscheidend. (Sie sollen recht behalten.)

Am Nachmittag besuche ich mit meiner Gastfamilie das Palmenhaus, das Aquarium und den Dom, wo wir Michael mit der Familie Kowala treffen. Das in diesem Jahr fertiggestellte riesige Bronzemonument in der Stanislauskapelle, das in mittelalterlichen Formen gearbeitet ist, löst eine Diskussion aus. Diese monumentale und für meinen Geschmack überdimensionierte und anachronistische Vergewisserung der eigenen Geschichte ist wohl etwas typisch Polnisches.

Am Abend versammeln sich alle in der Philharmonie, die durch ihr schönes Rokoko-Ambiente und die gute Akustik gefällt. Das Symphonieorchester von Poznań, ein russischer Dirigent und ein französischer Pianist bieten eine gelungene Mischung von Stücken bekannter und weniger bekannter Komponisten.

Schmackhaftes Abendessen; anschließend ein Gespräch über die polnische Ökonomie, u.a. die Probleme der Landwirtschaft, die zwar eine Überproduktion erzielt, sie aber nicht absetzen kann, da sich die EG abschottet und die östlichen Länder kein Geld haben. Die Situation sei aber besser als vor fünf Jahren, u.a. habe man die Inflation verlangsamen können, meint Herr Korczak.

Montag, 25.09.95:

Die Busfahrt mit Frau Korczak zur Schule, von dem einen Ende der Stadt an das andere, dauert im morgendlichen Berufsverkehr 40 Minuten (Da sich der Fahrpreis hier allein nach der Dauer der Fahrt richtet, wird es um so teurer, je langsamer der Bus vorankommt – ein etwas absurdes System.).

Nach drei Stunden Deutschunterricht in verschiedenen Klassen besuchen Michael und ich eine Religionsstunde. Natürlich verstehen wir nichts, können aber trotzdem interessante Beobachtungen machen: Der Unterricht beginnt mit Aufstehen, Bekreuzigung und Gebet in Richtung Staatswappen (über der Tafel) und endet mit einem Gebet. 24 Mädchen und 8 Jungen nehmen teil. Das Gespräch des Priesters, wenn man den Monolog so nennen kann, wendet sich fast ausschließlich an die Mädchen, während die Jungen fast unbeteiligt sind und anderen Beschäftigungen nachgehen. Daß dies geduldet wird, hat sicher auch mit der Freiwilligkeit der Unterrichtsteilnahme zu tun. Aber es sieht so aus, als habe der Priester die Einbeziehung der Jungen bereits aufgegeben und werbe nur noch um die Gunst der Mädchen.

Neben der Freiwilligkeit der Teilnahme gehört zu den Besonderheiten der von der katholischen Kirche durchgesetzten „klerikalen Unterweisung”, daß es keinen Ersatzunterricht gibt und die Note nicht versetzungsrelevant ist. Außerdem werden die unterrichtenden Priester nicht vom Staat bezahlt und dürfen als einzige vom Direktor nicht visitiert werden, so daß der Religionsunterricht offensichtlich kein organischer Bestandteil der Schule ist. In Privatgesprächen wird fast durchweg Distanz und eine sehr kritische Einstellung zu dieser Form des RU deutlich.

Dienstag, 26.09.95:

Das mit Michael vereinbarte morgendliche Treffen am Proserpinenbrunnen verzögert sich um eine Stunde, da seine Straßenbahn – nicht er selbst – eine Havarie erleidet. Nach dem Stöbern in einem gut ausgestatteten Antiquariat wollen wir zur Schule fahren. Wir wissen zwar, welche Linie wir nehmen müssen, fahren aber zunächst einmal in die falsche Richtung, so daß wir erst zur sechsten Stunde ankommen und nur noch an einer Englischstunde im 12. Jahrgang teilnehmen können. Uns irritiert das Niveau: die Benennung von Körperteilen oder von „head” abgeleiteter Begriffe wie „headphones” in der vierten Englischklasse? So etwas Ähnliches hatten wir bereits im Deutschunterricht gesehen, aber im 9. Jahrgang, also in der vierten Unterrichtswoche!

Da die Klassen bis zum Abitur eigene Räume haben, können sie diese (anders als unsere Oberstufenkurse) selbst gestalten. In dem Raum der eben erwähnten Klasse mit dem Sprachenschwerpunkt Englisch hängen eine englische und eine amerikanische Flagge, Plakate, die z.B. Sehenswürdigkeiten aus England zeigen, u.a.m. Die Gruppen haben also bis zum Ende der Schulzeit einen Ort, mit dem sie sich identifizieren können.

Am Abend genießen wir einen weiteren kulturellen Höhepunkt. Im „Großen Theater” sehen wir „Der Grieche Zorbas”, von Mikis Theodorakis (1988 in Verona uraufgeführt). Die Musik fasziniert, die dargebotenen Tänze fesseln durch ihre Artistik, Ästhetik und Erotik. Nach nicht enden wollenden Ovationen und drei Zugaben tritt Mikis Theodorakis völlig überraschend selbst auf die Bühne, um sich für den begeisterten Applaus zu bedanken. Ein unvergeßlicher Abend.

Am späten Abend trinke ich zusammen mit meinen Gastgebern von Herrn Korczak selbst gebrannten Honiglikör. Maciej, der jüngere Sohn, der zu den polnischen Nachtigallen zählt (d.h., er singt im Poznańer Kinderchor), scheint der einzige nicht gut Gelaunte zu sein. Er ist mit seinem Haarschnitt, den ihm heute ein Friseur verpaßt hat, sehr unzufrieden und will ihn in Zukunft wieder seine Mutter machen lassen.

Mittwoch, 27.09.95:

Nach einer kleinen Abschiedsveranstaltung im „Club“, Fahrt der gastgebenden und unserer Schüler zum Altmarkt: 12.00 Blick auf die „Ziegenböcke“ über der Rathausuhr, 12.15 mittägliches Orgelkonzert in der Pfarrkirche, anschließend Besuch des Historischen Museums im Rathaus, dann eines Cafes zum Entspannen, schließlich des Musikinstrumentemuseums; nach soviel Kultur Auflösung der Gruppe und Freizeit. (Im Rathaus ist mir eine Inschrift über dem Eingang zum Rathaussaal aufgefallen: „Consilium mulieris est invalidum pueri autem in perfectum prima senectus est in consiliis utilior”, was bedeutet: Der Rat einer Frau ist nichts wert, der eines Knaben aber (noch) unvollkommen; der bessere Ratgeber ist das frühe Greisenalter. – Ich enthalte mich eines Kommentars.)

Abends:   Die Schüler feiern miteinander bei einer Gastfamilie; wir Lehrer treffen uns im Haus der Tochter von Frau Szińajtis (der dritten und dienstältesten Deutschlehrerin; 1997 sind noch eine weitere Lehrerin und ein Lehrer für Deutsch dazugekommen, so daß das V. Liceum im Moment fünf Lehrkräfte für Deutsch hat): Diese fröhliche Abschiedsfeier verlangt vor allem unseren Magenwänden einiges ab. Erst ein üppiges kaltes Buffet, dann Würstchen, wie sie die Polen gerne essen, später Cremetorten, nebenbei Bier, Wodka, Wein; Zurückhaltung wird nicht gern gesehen (Frau Szińajtis zu Michael: „Sie Spaßvogel, mögen Sie keinen Wodka?“). Für die musikalische Untermalung sorgt ein heiterer und gelöst wirkender Herr Henicz am Klavier; er läßt uns alle polnische Volkslieder und „Am Brunnen vor dem Tore“ singen. Ohne Textblatt wäre ich völlig aufgeschmissen. Michael und ich bekommen zum Abschied einen Präsentkorb mit einem Sparschwein, damit wir Glück im Leben haben, mit einem Korkenzieher, damit wir das Leben genießen, mit einer Pfauenfeder, damit wir immer genug Phantasie entwickeln, und mit einer Frauenfigur in polnischer Tracht, damit wir Glück bei den Frauen haben (oder hat Frau
Szińajtis nur „Glück in der Liebe“ gesagt?).

Donnerstag, 28.09.95:

Um 9.15 rollt unser Zug ein. Nach soviel Eindrücken und herzlicher Gastfreundschaft fällt der Abschied schwer.

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Eckhart Jander

Schulkrise und Schulreform: Ein Mitstreiter fehlt

Ich halte es für eine Ehre, zu einem Beitrag für die Festschrift zum 60. Geburtstag von Ulrich Bauermeister aufgefordert zu werden! Es war mir vergönnt, bei einigen Gelegenheiten neben ihm zu arbeiten. 1. Zwischen den beiden traditionsreichen Nachbargymnasien diesseits und jenseits des Altenbekener Damms am Maschsee konnten wir uns als Schulleiterkollegen in den vergangenen fünfzehn Jahren, wenn wir nur wollten, täglich von Tür zu Tür besuchen. 2. Vor Jahrzehnten, ein Vierteljahrhundert ist es jetzt her, trafen wir erstmals aufeinander bei der Reformarbeit am Kultusministerium. 3. Daraus ergaben sich weitere gemeinsame Projekte.

Wie war das damals – wie haben wir das erlebt, die Planung eines neuen Typs Gymnasium und den Versuch der Umsetzung dann als Schulleiter? Waren nur die offiziellen Aufträge und die Daten parallel, oder gibt es innere Übereinstimmungen? Schreibe ich auch etwas über ihn, wenn ich mich an mein eigenes Tun erinnere? Unsere Herkunft war sehr verschieden: Ich mehr ein Einzelgänger, nur passives Mitglied des Philologenverbandes, mehr um wissenschaftliche und didaktische Neuorientierung bemüht für den Job als Fachleiter für Geschichte, er aktiv im politischen Leben und als Gewerkschaftler; unsere Temperamente sind sehr verschieden; die Schulen, an denen wir wirkten, waren und sind sehr verschieden. Wir verstanden uns von Anfang gut, ohne jede Spur von Mißtrauen und Vorbehalt. Verläßlichkeit war die Basis, so blieb es bis heute.

Reform der gymnasialen Oberstufe: Ist das nicht sehr ferne Vergangenheit?

Werden heute nicht ganz neue und völlig andere Drehbücher geschrieben für alle Schulen, für alle Gymnasien, also auch für Bismarckschule und Tellkampfschule? Stellt der Beruf uns nicht ganz neue und unerwartete Aufgaben, wenn selbst Gräfin Dönhoff ratlos scheint, Übersicht und Weisheit zu verlieren droht, ihr zugetragene spektakuläre Gewaltfälle an Schulen der Republik auflistet und in den Chor derer einstimmt, die nach verbindlichen ethischen Maßstäben rufen (DIE ZEIT 08.04.98, S.1). Immerhin erkennt sie, daß erst eine „zivilisierte Gesellschaft“ errichtet werden müsse, in der die Schule dann ihren Teil dazu beitragen könne, der heranwachsenden Jugend bessere Leitbilder zu vermitteln. Ein weites Feld. Welche Generation der jüngsten deutschen Geschichte genoß denn eine wahrhaft zivilisierte Gesellschaft? Ihr Mahnruf: „Es sind unsere Kinder – Abbild der Gesellschaft!”, ist allerdings sehr viel differenzierter als Peter Gauweilers These, die er in der taz vorbringen darf, daß nämlich der Wertewandel von 68 nicht unumkehrbar sei, der Werteverfall also korrigierbar: „...aber dies ist kein Problem mehr nur der taz und ihrer 68er. Sondern von uns allen.“ (taz 09.04.98, S.12)

Ja, es ist deutlich Tag um Tag zu spüren, daß wieder einmal ein Wechsel in der Grundstimmung des öffentlichen Lebens vonstatten geht. Es ist noch gar nicht ausgemacht, wohin der Weg führt. Trotz der wohltuenden Annäherung der Nationalstaaten Europas, trotz des Geschenks der Einheit Deutschlands mit verbindlichen Grenzen inmitten dieses neuen Europas, trotz schönster Aussichten also auf Frieden und Wohlstand – es wird einem bange beim Blick auf den völlig ungewissen Wandel in Rußland, auf die neuen Krisengebiete in Osteuropa, auf die alten und neuen Konfliktregionen der Welt. Es geht eine bleierne Angst um, verursacht durch den rasanten Umbruch der Arbeitswelt, eine lähmende Starre breitet sich aus angesichts der Unfähigkeit der Gesellschaft, darauf produktiv und gerecht zu reagieren außer mit alten Programmen und Ideologien, mit rückssichtslosem Ausnutzen der Schwächen der Schwachen oder mit glatten und scheinbar professionellen Konzepten des „schlanken Staates“ und einer nur streng genug einzufordernden Leistungsbereitschaft der „Untätigen“.

Genauso klingt es in der Schule, genauso lauten die Parolen neuer Macher. Mitunter scheint Schulpolitik nichts anderes zu sein als schlichte Umsetzung der Forderung des Philologenverbandes Bayern: Beherrschung neuer Technik, Leistung durch Auslese, Schwerpunkt in den traditionellen Grundwissenschaften, Schulleitermanagement. Das klingt sehr ähnlich bei Wissenschaftsminister Oppermann und Innenminister Glogowski. Wir müssen uns fragen lassen: Was machen wir da eigentlich an den Schulen „inhaltlich“ und „so gut bezahlt“? Ja, was machen wir eigentlich! Gibt es da noch etwas zu gestalten, oder werden wir nur in Dienst genommen?

Wir beide gehören nicht zur wilden sechziger-Generation, uns hat der damalige Wandel erst im Beruf erreicht als Reflex auf die Studentenbewegung. Die libidinöse Formlosigkeit nicht und die illiberale Verantwortungslosigkeit nicht, aber die Befreiung aus politischen und moralischen Verkrustungen und die produktiven Elemente für ein demokratisches Schulleben haben wir zunächst begrüßt und dann unterstützt: einklagbare Rechtfertigung jeder Autorität, Mitbestimmung von Eltern und Schülern, offener Diskurs im Kollegium, Begründung von Lernformen und Lerninhalten, kritische Aufarbeitung der Rolle unserer Eltern- und Großelterngeneration beim Weg ins Dritte Reich.

Die Reformanstrengungen waren gewissermaßen eine Wellenkräuselung neben vielen anderen. Sie sind zu verstehen als Teil eines vielschichtigen Politikwechsels. Das Klima wurde u.a. bestimmt durch eine entspannend wirkende endgültige Zustimmung zur Westorientierung der Bonner Republik, durch den ermutigenden Realitätsgewinn der neuen Ostpolitik und durch eine prosperierende Wirtschaft, die soziale Modernisierung bezahlbar erscheinen ließ.

Ein interessantes Spiegelbild sind die Themen, die sich für Kursmodelle im gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld geradezu aufzudrängen schienen: Das Bonner Grundgesetz (als politische Willensbildung) 1949/1973, Fremd- und Mitbestimmung in der Arbeitswelt, Zur Problematik des Eigentums und der Eigentumspolitik, Welthandelsverflechtungen, Einführung in die Marxsche Theorie, Die Bundesrepublik Deutschland in der Entwicklung des Ost-West-Verhältnisses, Probleme der Entwicklungspolitik, Friedenspolitik am Beispiel des Nahostkonflikts, Sicherheitspolitik und Bundeswehr, Probleme der Entstehung von Kriegen, Der Mensch im Arbeitsprozeß, Deutsche und Polen u.a. Mit der Nichtgenehmigung der Kursmodelle „Soziale Ungleichheit“ und „Psychische Konflikte der Pubertät“ (gedruckt von der GEW) war der Zenit freier curricularer Arbeit bereits überschritten, der Trend war wieder gegenläufig (Siehe „Grundsatzpapier“ der Gruppe B, ebenfalls zum Druck nicht mehr freigegeben, aber dankenswerterweise herausgegeben vom Philologenverband Niedersachsen 1977).

Für dieses Konzept traten wir mit zahllosen weiteren Mitwirkenden (Berufenere werden in diesem Heft dazu etwas sagen) in Niedersachsen ein in den siebziger Jahren: Offene Rahmenrichtlinien, schrittweise Entwicklung in einem Prozeß des Erprobens und des Dialogs mit den Schulen, Vorgaben nur durch Richtziel und Lernzielkataloge, im Aufgabenfeld B durch „Problemkreise”, die m.E. schon sehr nah an die spätere Konzeption von Schlüsselproblemen heranreichen.

In den Schulen herrschte neben engagiertem Mittun auch Widerspruch, aber fast überall lebendiges Suchen und Entscheiden.

Vom mündigen Bürger gingen wir aus, vom möglichst selbstverantwortlichen Schüler bei der Gestaltung des Schullebens und bei der Planung seines Bildungsganges in der gymnasialen Oberstufe.

Lehrkräfte und Schüler sollten im Rahmen vorgegebener Niveaus und Methodenstandards aus weit gefächerten Vorschlagsfeldern Inhalte selbst vereinbaren.

Heute, 1998, werden punktuell ähnliche Erwartungen an uns gerichtet. Eine neue Oberstufenverordnung in Niedersachsen bietet Projektkurse und fachübergreifende Kurse an, Facharbeiten werden gefordert. Das kommt uns wohl vertraut vor. Da scheint ein Kapitel alter Konzepte dem sonstigen bundesweiten Trend der Lernstoffverpflichtung entgegengehalten zu werden. Aber im Gemenge mit den im Vergleich zu den siebziger Jahren enorm gewachsenen Problemen des Sekundarbereichs I und vor allem im Gemenge mit der generellen Schulkrise des ausgehenden Jahrzehnts (Verwaltungsreform, Aufgabenverlagerung von Mittelinstanz auf Schulleitung, Überalterung der Kollegien, Sparmaßnahmen aller Haushalte und gesamtgesellschaftliche Problematik) treffen diese Angebote auf eine Situation niedriger Akzeptanz und geringerer Glaubwürdigkeit.

Ein Umbruch in den Schulen steht ohne Zweifel wieder an. Umso mehr fehlt ein Kollege Bauermeister als engagierter, kritischer, immer vorantreibender Mitsprecher. Laut und deutlich waren seine Signale, nur scheinbar grob gelegentlich, immer loyal und verläßlich.

Der Umbruch vor 25 Jahren geschah eingebettet in die historischen und sozialen Bedingungen des damaligen Umfeldes. Die Veränderungen waren selbstverständlich politisch umstritten, die Verfahren kontrovers. Herr Bauermeister leitete als Gymnasialer die Gruppe D (Organisation) am MK, ich nach Herrn Dr. Heidemann die Gruppe B (Gesellschaftswissenschaftliches Aufgabenfeld) neben Herrn Leeker vom Berufsbildenden Schulwesen.

In der weiteren Perspektive stellten wir uns nämlich eine Kooperation der Oberstufen vor zwischen Gymnasien und Berufsbildenden Schulen. Davor schreckte aber bereits die SPD-geführte Regierung vor dem Wechsel 1976 zurück.

Was heute eingeklagt wird, war an sehr vielen Gymnasien lebendig vorhanden: Aktivität, Suchen nach dem eigenen Profil, Öffnung zu Stadtteil und Institutionen, Kontakte mit Hochschulen, Verknüpfung koordinierter Fortbildung regional und über das NLI.

Mit solchen Leitbildern kamen wir dann in leitende Verantwortung an den Gymnasien. Wir mußten unser Rollenverständnis neu definieren. In der Anfangsphase der Reformzeit hatten alle Mitwirkenden der vier Arbeitsgruppen einen beträchtlichen Informationsvorsprung gegenüber den übrigen Schulleitern und Dezernenten. (Durchaus nicht konfliktarm verlief infolgedessen die sogenannte „Heuschreckenaktion“.)

Nun selbst Schulleiter, sahen wir natürlich einen Schwerpunkt unserer Arbeit in der reformierten Oberstufe.

Anfangs waren die Ziele weit gesteckt. Der Wechsel vom Klassensystem zum Kurssystem brachte überwiegend Vorteile, setzte tatsächlich neue Kräfte frei bei Schülern und Lehrern. Neue Fächer und alte Fächer mit neuen Schwerpunkten und neuer curricularer Struktur führten zu lebendigen Experimenten. Es machte Spaß, sinnvolle Netzpläne zu konzipieren.

Mehrheitlich trugen interessierte, meist jüngere Lehrerinnen und Lehrer die Reform an den Schulen, gewannen auch Ältere zum korrigierenden Mittun. Viele Schulen konnten von Anfang an die Kompetenz von Mitgliedern der Arbeitsgruppen nutzen. So organisierte an der Tellkampfschule Herr Henning die Oberstufe, zunächst nach schuleigenen Modellen, dann nach KMK-Vereinbarung und Niedersächsischen Erlassen. Er hatte neben Herrn Bauermeister, der ja aus dem Kollegium der Tellkampfschule stammte, in der Gruppe D gearbeitet.

Die Schülerzahlen waren noch hoch, die Lehrerversorgung war zwar entsprechend knapp, aber noch in Bewegung und dynamisch. Die Kollegien waren in der Altersstruktur gemischt oder stark verjüngt. Als Schulleiter konnten wir die Zusammensetzung eine Zeitlang mit steuern.

Die Kooperation besonderer Art zwischen unseren beiden Nachbarschulen hat Herr Bauermeister stets gefördert. Sie ergab sich zwangsläufig aus dem Anspruch, eine offene Oberstufe zu gestalten mit möglichst jeder Fächerkombination für die wählenden Kursschüler.

Die Zeitspanne der optimistischen und offenen Reform aber war kurz bemessen. Das Pendel schlug bald zurück.

Der großzügig finanzierte Bund-Länder-Schulversuch, der die Reformgruppen und ihre Planarbeit und vor allem die Entwicklung und landesweite Publikation hoch qualifizierter Modelle ermöglicht hatte, lief aus bzw. wurde von der neuen Regierung nach 1976 nicht mehr genutzt.

Die neue Mehrheit im Landtag unterstützte früh den bundesweiten Trend der Rücknahme von Reformen. Unerwünschte Modelle wurden gestrichen, fertige Papiere nicht mehr gedruckt, die Wahlmöglichkeiten der Schüler Schritt um Schritt eingeschränkt.

Die Verwaltung unterstützte nicht mehr jene Schulen, die Vorreiter der Reform gewesen waren. Eher gerieten wir in Bedrängnis in den 80er Jahren. Der Stil der Hierarchie wurde restauriert. Es gab schon Frust für Schulleiter wie Ulrich Bauermeister.

Die gleichzeitige wirtschaftliche Rezession führte verstärkt zu Sparmaßnahmen des Landes und der Kommunen.

Grundziele einer demokratischen Schulreform waren einerseits verwirklicht: Gestiegener Anteil der Kinder und Jugendlichen eines jeden Jahrgangs mit besser qualifizierenden Abschlüssen, Integration von Ausländern und Aussiedlern, Offenhalten der Übergänge zwischen den weiterführenden Schularten. Orientierungsstufe, Freigabe des Elternwillens und Folgen des allgemeinen Geburtenrückgangs taten ein Übriges. Heute wird gefragt: Müssen alle diese Kinder wirklich das Gymnasium besuchen?

Ein erneuter Wechsel der Mehrheiten im Landtag 1990 schien den von uns erhofften Veränderungen eine neue Chance zu geben. In der Zwischenzeit von 14 Jahren hatten viele Reformfreunde sich häufig getroffen. Im kleinen „Emdener Kreis“ beispielsweise führten wir die Diskussionen weiter, entwarfen und veröffentlichten gar Planpapiere und neue Modelle, berieten interessierte Mitglieder im Kultusausschuß des Landtags und setzten auf dessen Sprecher Rolf Wernstedt, der selbst in der Gruppe B mitgearbeitet hatte (Kursmodelle Marxsche Theorie, Grundgesetz und Kriegsentstehung). Freilich, als der Wechsel endlich nach drei Wahlperioden geschah, waren die Veränderungen sehr weit fortgeschritten, auch die Entscheidungsträger und Berater hatten gewechselt. Trotz unvermeidlicher Enttäuschungen blieben wir beide auch aus der Distanz bis zuletzt Rolf Wernstedt kritisch-loyal verbunden.

(Nun scheidet er nach acht Dienstjahren aus dem Amt. Er hat ein liberales und sozial verantwortetes Bild der Schule vertreten, das wir begrüßt haben. Die kluge und differenzierte Nachdenklichkeit seiner Analysen und Stellungnahmen haben wir hoch geschätzt, seine Entscheidungen respektiert, auch wo wir sie anders wünschten.

Übrigens: Auch in der Arbeitsgruppe „Freunde der Reform“, die Herr Bauermeister für Schulleiter und Dezernenten gemeinsam mit Rolf Bade organisierte, entsteht eine große Lücke.)

Die Zusammenarbeit zwischen Bismarckschule und Tellkampfschule hatte im Wandel der Jahre Bestand.

Am leichtesten fiel uns die Kooperation in der Oberstufe. Im Sekundarbereich I gelang die Annäherung nicht gleichermaßen. Die Tellkampfschule entwickelte ihr bekanntes Teammodell für die Eingangsjahrgänge, sie beteiligte sich an Schulversuchen zur Erprobung neuer Unterrichtsformen und führte die sogenannte Stundentafel B ein mit einem Wahlpflichtbereich. Die Mehrheit der Gesamtkonferenz der Bismarckschule hat diesen Schritt nicht nachvollzogen. Darüber wollten wir weiter verhandeln, denn ein gemeinsames Angebot für die neunten und zehnten Klassen im Wahlpflichtbereich, besonders bei den Sprachen, hätte einen guten Sinn.

Auch die Schwierigkeiten mit unterschiedlichen Schülerzuströmen wollten wir offensiv verhandeln: Unsere Schulen erfüllen einen besonderen Auftrag für die Stadt Hannover, die Tellkampfschule mit der Integration vieler türkische Kinder, die Bismarckschule mit der Integration vieler Aussiedlerkinder. Die zusätzlichen Anstrengungen der Tellkampfschule bei der Erstellung eines Schulprogramms haben ein Unterkapitel „Kooperation mit der Bismarckschule“ ergeben. Es gibt noch viel zu tun.

Die Lage in Hannover hat sich insofern geändert, als es künftig für das eine oder andere Gymnasium durchaus wieder um seine bloße Existenz gehen kann. Eine schulpolitische Gesamtkonzeption für Hannover, womöglich in Abstimmung zwischen allen wichtigen Bildungsträgern und Schulleitern, gibt es nicht. Das Treffen der Gymnasialschulleiter hilft nur begrenzt zur Abstimmung gemeinsamer organisatorischer Interessen, ist aber als gemeinsames Organ gescheitert am Egoismus der Einzelschulen. Das ist kurzsichtig und bedauerlich, weil so die Interessen der Kinder und Eltern der Stadt nicht wirklich gewahrt werden. Hier waren und sind wir immer einer Meinung gewesen: Alles tun für die Stärke und das Profil der eigenen Schule, aber nie lediglich als Selbstzweck. Es gibt ein übergeordnetes Interesse der Schulpolitik der Landeshauptstadt. Hannover hat sich große Verdienste erworben in den Jahren der Expansion mit vielen Neugründungen – auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Es muß auch Korrekturen geben können, nicht nur Wahrung von Besitzstand. Aber mit Weitsicht, Stil und Würde.

Ein nackter Konkurrenzkampf wäre verheerend, die Gefahr für eine solche Entwicklung nimmt zu durch ein falsch verstandenes Prinzip der offenen Konkurrenz der scheinbar selbständiger werdenden Schulen, das auf Sponsoring der Wirtschaft und Initiative der Elternschaft bei der Geldbeschaffung setzt.

Das ist wieder ein eigenes und sehr weites Feld. Dazu habe ich mich an anderer Stelle im Zusammenhang mit dem Thema „Schulprogramm“ kritisch geäußert.

Der Ring schließt sich. Alte und neue Probleme überlagern sich.

Es wäre falsch, die Werte der Reformzeit vor 20 Jahren nachträglich zu verklären. Der zeitgeschichtliche Kontext war in fast allen Faktoren anders. Heute sind andere Lösungen zu suchen. Der Spielraum freilich scheint sehr eng zu sein. Der Wandel wird – wie überhaupt in der Geschichte – sich seinen Weg bahnen. Aber oft sind in derartigen Krisenzeiten gerade Entscheidungen innerhalb der ganz kleinen Spielräume bahnbrechend.

Da fehlt mir Herr Bauermeister in der kurzen Zeit, in der ich noch mit entscheiden kann.

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Gerhard Voigt

Ein Jahrzehnt Türkeipartnerschaft*

Es fällt nicht leicht, an dieser Stelle einen zukunftsorientierten Bericht über unsere lange Jahre so erfolgreiche Türkeipartnerschaft zu geben. Der erste Blick auf die heutige Situation ist zwiespältig, eher pessimistisch. Während sich in der İstanbul Lisesi vieles seit 1985 bewegt hat, die Schulpartnerschaften einen zunehmend wichtigeren Stellenwert einnehmen und immer deutlicher auf die Bildungsziele der Schule ausstrahlen – durchaus bewußt als Gegenbewegung zu retardierenden Momenten der türkischen Bildungspolitik und der problematischen Entwicklungen in der Türkei –, ist an der Bismarckschule Hannover eher Rückschritt zu verzeichnen.

 Vom Aufbruch zu neuen Bildungskonzeptionen, wie sie bei Colloquien und Veranstaltungen in der Schule in der zweiten Hälfte der 80er Jahre aufschienen, als der UNESCO-Club gegründet und interkulturelle Projektveranstaltungen mehrfach mit großem Erfolg durchgeführt worden waren, ist wenig übrig geblieben; Resignation bei vielen Kolleginnen und Kollegen greift um sich, wenn im Kollegium, wie zunehmend in der Schüler- und Elternschaft der Interkulturellen Bildung zuwider laufende Stimmungen und Einstellungen dominieren, die unterschwellig sogar fremdenfeindliche Haltungen und Motive erkennen lassen, die einer UNESCO-Projekt-Schule nicht würdig sind.

Daher soll zunächst ein persönlich gefärbter Bericht über unsere Beziehungen zur Türkei gegeben werden, auch wenn ich beim Schreiben immer denke, daß doch alles schon so oft gesagt und doch überall bekannt sei... Doch zu leicht vergißt man ja, daß in einer langen Folge von Reiseberichten ja immer wieder andere Reiseteilnehmer, und auch immer wieder andere Leserinnen und Leser auch der Berichte in die Türkei-Arbeit der Bismarckschule Hannover integriert wurden. Schon in der Gestaltung der Reiseprogramme ist darauf zu achten, daß ein Grundbestand an Erfahrungen, Erlebnissen und Besichtigungen für diejenigen, die zum ersten Male die Türkei besuchen, notwendiger Bestandteil der Planung sein muß, auch wenn er in jeder Reise wieder auftaucht. Für die jeweilige Reisegruppe sind diese Erfahrungen neu, einprägsam und notwendig. Für die Leserinnen und Leser der Reiseberichte kann daher auch nicht auf die notwendigen Grundinformationen verzichtet werden, müssen die Fragen beantwortet werden, die jedes Mal auf’s Neue gestellt werden...

Es ist dies ein Grundproblem der Lehrerexistenz, vor allem, wenn Lehrersein nicht nur als Abspulen immer der gleichen Lehrprogramme und Unterrichtsstoffe verstanden wird, sondern die einmalige Lern- und Kommunikationssituation mit den Schülerinnen und Schülern im Vordergrund stehen soll, in der sich eigene Langeweile sehr schnell auf die Lernmotivation der ganzen Lerngruppe überträgt – was letztlich auch auf der x-ten Wiederholung einer standardisierten Türkeireise passieren könnte! Jahrelang in immer den gleichen Fächern und Klassenstufen zu unterrichten, führt zu einer »Professionalisierung«, die von Erfolgen und Mißerfolgen gelernt hat und dazu verführt, beim »Bewährten« stehen zu bleiben und die, in früheren Zeiten zwangsläufigen, suchenden und erprobenden, riskanteren Unterrichtsabenteuer, die erst das Lernen interessant und motivierend machen können, zu meiden: nicht aus Faulheit und Risikoscheu – wenn es das sicherlich auch geben sollte –, sondern aus der gut gemeinten Überzeugung, das Falsche nicht zu tun!

Damit verliert der Beruf selbst seinen Reiz und die Lehrerinnen und Lehrer die Chance, selbst weiter zu lernen – und wer nicht lernt, ist geistig tot. Vielleicht hängt davon, unbewußt, auch der Eindruck vieler älteren Kolleginnen und Kollegen zusammen, daß die Schülerinnen und Schüler von Jahrgang zu Jahrgang weniger leistungsfähig oder sogar ›dümmer‹ würden; in Wirklichkeit wächst nur die Diskrepanz zwischen Schülerinnen und Schülern in immer wieder gleichen Alters- und Entwicklungsstufen und dem eigenen Alter, der eigenen Erfahrung und »Professionalität« – ...habe ich das nicht schon so oft gesagt, und sie haben es immer noch nicht gelernt... Nein das waren vergangene Jahrgänge, mit denen ich das immer gleiche Problem bearbeitet hatte...

Manchmal mag es auch subjektiv etwas Wehmut hervorrufen, wenn die eigene Freude am Neuen immer weiter zurück liegt und wenn ich dabei die Freude und die Überraschung der Jüngeren beobachte, die alles nun zum ersten Mal erleben.

So geht es mir auch bei unseren Türkeireisen. Wie viele es bis heute waren, müßte ich erst einmal nachzählen, wobei eigene Reisen ohne Schülerinnen und Schüler noch dazu kommen: zumindestens waren es fünf Reisen im Rahmen unserer Schulpartnerschaft mit der İstanbul Lisesi, die jeweils mit einem Aufenthalt in İstanbul begannen und dann eine Rundfahrt durch die Mittel- und Westtürkei, Ankara, Konya und Kappadokien, anschlossen.

Sehr deutlich wurde mir dieser Wiederholungscharakter fast schlagartig, als wir bei unserer letzten Reise zum Empfang bei Mahir bey, dem damaligen Direktor der İstanbul Lisesi, waren; die Schülerinnen und Schüler etwas beeindruckt vom großen, repräsentativen Amtszimmer – fast im klassischen Sinne des Amtes als Autorität und Ehre –, auch etwas distanziert und gelangweilt, weil die deutsche Alltagskultur gerade auch der Jugend diese Form der Amtsrepräsentanz mit wachsender Distanz und emotionaler Ablehnung wahrnimmt – übrigens, wie wir beobachten konnten, ähnlich und zunehmend auch bei den türkischen Schülerinnen und Schülern zumindest in unserer Partnerschule: sehr zum Kummer der türkischen Bildungsideologie –, daneben wiederum andere jüngere türkische Kolleginnen und Kollegen, die bei unserem letzten Besuch noch nicht dabei waren, aber gerade auch für die Übersetzungen gebraucht wurden, dazu Frau Kadriye Ardiç, die als Subdirektorin und Deutschlehrerin für die Schulpartnerschaft zuständig ist: Mahir bey und ich in einem jetzt schon erprobten Ritual der Begrüßung und des gegenseitigen Dankes gegenüberstehend bzw. ‑sitzend – wobei beides sehr ernst gemeint und herzlich ausgesprochen wurde und als notwendig für die Kontinuität der Partnerschaft zu werten war. Es überkam mich wie ein Déjà-vu-Erlebnis und blockierte dann die Flüssigkeit der ewig wiederholten Floskeln; ich mußte mich selbst herausnehmen, İstanbul war ja für mich nicht mehr fremd und neu, es war ein fast vertrautes Wiedersehen, bei dem zunehmend auch kleinere Veränderungen und Entwicklungen wahrgenommen und registriert, Stimmungen und Hoffnungen erfüllt werden, es war eher eine Rückkehr.

Und damit wird dieser Ort zu einem Teil auch so etwas wie eine Heimat. Zweierlei wurde bei diesem Aufenthalt in Istanbul und in der Türkei deutlich: die Erkenntnis, so vieles noch nicht zu wissen, noch nicht gesehen und noch nicht verstanden zu haben – die Neugier wurde konkreter, zielgerichteter, die Fragen präziser – und andererseits – auf der spontan bewußt gewordenen oberflächlichen Ebene –: ich habe auf meinen Gängen durch das Zentrum von İstanbul keinen Stadtplan mehr bei mir gehabt und auf unserer Rundreise durch Westanatolien brauchte ich kaum je eine Autokarte, die bei früheren Reisen tägliches Instrument der Routenplanung und der Orientierung war, um unserem Busfahrer den Weg zu unserem nächsten Ziel zu weisen.

Nun, vielleicht ist dies jedoch etwas übertrieben: Meine ursprünglichen Besichtigungswünsche waren, wenn auch gleich mit etwas Skepsis formuliert, nicht ganz so zu realisieren. In der zur Verfügung stehenden Zeit war ein eigentlich gewünschter Abstecher zur Schwarzmeerküste, der mit Paßfahrten verbunden wäre, nicht möglich. Das zeigte noch in İstanbul ein intensiveres gemeinsames Kartenstudium. Aber bis zur berühmten Ausgrabungsstätte der Hethiterhauptstadt Hattuşa (Boğazköy), die ich bislang noch nicht besucht hatte, konnten wir unsere Rundreise auf dem Weg von Ankara nach Kappadokien doch ausdehnen.

Solche kleinen Modifikationen eines an sich bewährten Reiseprogramms, nur möglich durch die fast unübersehbare Fülle der geschichtlichen und kulturellen Sehenswürdigkeiten der Türkei, deren kulturelle Wurzeln gut acht Jahrtausende zurückreichen und für die Mitteleuropa ein junger Kontinent ist – geschweige denn die historische ›Eintagsfliege‹ Nordamerika –, und unter Berücksichtigung der berechtigten Ansprüche der Reisegruppe, zu den wirklich zentralen Erlebnisorten in Istanbul, in Kappadokien und an der Ägäisküste geführt zu werden, sind keine selbstsüchtigen Wünsche, auch etwas Neues zu erleben, sondern ein ›Medikament‹ gegen die Erstarrung in professioneller Routine, Reiseleitermentalität oder das Erstreben eigenen Engagements und der eigenen Neugier.

Ein weiterer solcher Ort war diesmal das von mir erstmals besuchte römisch-hellenistische Aphrodisias westlich von Denızlı in der Nähe des zuvor besuchten Pamukkale. Das fügte sich fachlich-inhaltlich für die Begleiter sehr gut, da wir in İstanbul die große Chance und Freude hatten, durch Herrn Türkoğlu, den Mann der Kollegin der İstanbul Lisesi, die unseren Aufenthalt betreute und die vorangegangene türkische Reisegruppe nach Hannover begleitet hatte[1], einen fachlich überaus kompetenten Gesprächspartner gefunden zu haben, der im Laufe der Zeit nacheinander Museumsdirektor in Ephesus, in der Hagia Sophia und im Topkapı Sarayı gewesen und jetzt ›Gründungsdirektor‹ des neu der Öffentlichkeit zugänglich gemachten Yıldız Sarayı aus dem 19. Jahrhundert geworden ist. Mit ihm konnten wir mehrere Museen besichtigen und, vor allem im Archäologischen Museum am Gülhane Park eine interessante ›Privatführung‹ durch die Antikensammlung erleben, während der wir auch mit der künstlerischen und historischen Bedeutung der Bildhauerschule von Aphrodisias konfrontiert wurden. Der besondere lachsrote und lebendig gemaserte Marmor in Aphrodisias machte die Statuen aus diesem Ort im ganzen römischen Imperium bekannt. Eine Art Serienfertigung konnte nachgewiesen werden, in der Standardstatuen ohne Kopf z.B. nach Rom transportiert wurden, um dort mit nachträglich gefertigten Porträtköpfen der Senatoren und Aristokraten, Militärs und Konsuln versehen zu werden. In Kleinasien löste die Aphrodisias-Mode die führende Rolle von Ephesus und anderen lokalen Bildhauertraditionen ab.

So komme ich doch wider auf meine Eingangsüberlegungen zurück. Ich kann nach einem Vierteljahrhundert Türkeierfahrungen nicht mehr die gleiche Unbefangenheit und naive Überraschung bei einer neuen Türkeireise beschreiben, die für unsere Schülerinnen und Schüler wesentliches Element des Erlebens sind. Dazu ist die Türkei bei aller differenzierten Kenntnis zu sehr Teil des eigenen Lebensentwurfes, das heißt auch in gewisser Weise: Heimat geworden. Manchmal träume ich davon, ob nicht nach meiner Pensionierung, die in etwas über einem Jahrzehnt ja schon recht unübersehbar näher kommt, ein kleines Häuschen auf der asiatischen Seite des Bosporus nicht eine verlockende Perspektive für den Lebensabend wäre, mit der Möglichkeit ruhigen literarischen und wissenschaftlichen Arbeitens, unterbrochen von Reisen durch den Nahen Osten, mit meinen türkischen Freunden... Aber ob wohl meine Frau dabei mitmacht? Aber träumen ist erlaubt...

Zurück zur eigenen, privilegierten Biographie und der Verantwortung, die eine solche aufbürdet. Es bot sich also 1970 an, die schriftliche Examensarbeit im Fach Geographie mit einer Reise und einem privat organisierten und finanzierten Forschungsaufenthalt in Iran zu verbinden, vom Institut erfreut begrüßt und ideell unterstützt. Das Forschungsthema war eine Untersuchung der naturgeographischen Voraussetzungen des Lebensraumes in Südwest-Persien, etwa zwischen Esfahan und der Küste des Persischen Golfes. Ein befreundeter Kommilitone, Wilfried Eilers, heute Lehrer in Salzgitter, vervollständigte das Zweierteam. Er übernahm dann für seine eigene Staatsexamensarbeit die wirtschaftsgeographische Untersuchung des gleichen Raumes. Eine solche vertrauensvolle und freundschaftliche Zusammenarbeit ist eine Erfahrung, die ›wissenschaftliche Einzelkämpfer‹ unbedingt machen sollten, auch um die grundsätzliche Beschränktheit nicht-dialogischen Arbeitens zu erkennen. Die Erfahrung der integrativen Zusammenarbeit legt damit auch die Fundamente für eine diskursorientierte Lern- und Unterrichtskonzeption.

So versuchten wir, eine möglichst umfassende Kenntnis des Raumes und der Orte Südwestpersiens zu erarbeiten oder zu erfahren – im wörtlichen Sinne mit einem alten VW-Variant –, und wir genossen in vielen Städten die herzliche Freundschaft der vielen Bekannten und Verwandten von Djalil. Doch diese Reise wäre Thema eines eigenen Buches und Erlebnisberichtes. Hier sollen diese Reminiszenzen nur einen persönlicheren Zugang zur Türkei-Arbeit auch der Bismarckschule Hannover und zu unserem Arbeitsschwerpunkt Naher Osten eröffnen, um auch zu zeigen, daß Themen- und Arbeitsschwerpunkte auch im schulischen Zusammenhang mehr sind als Rahmenrichtlinien-Vollzug und nüchternes pädagogisches Kalkül, sondern in biographische Kontexte eingebunden sind. Dieser betonte Erfahrungs- und Erlebnischarakter der Themenvermittlung ist nun nichts anstößiges, sondern soll Bildungsprozesse anstoßen, die die Persönlichkeit berühren und nicht nur Wissen vermitteln. Hier liegt auch ein Wesenszug der UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit, dem sich die Bismarckschule verpflichtet weiß.

Kaum zu beschreiben ist der tiefe und unvergeßliche Eindruck der ersten Ankunft in Iran. Die Grenze liegt auf einem einsamen Gebirgspaß, in einer kahlen, schroffen und dunklen Hochgebirgssteppe zwischen Doğubayazit auf der türkischen und Maku auf der iranischen Seite. Linkerhand wird diese Hochfläche überragt von dem gewaltigen, noch im Sommer schneekappenbedeckten Doppelgipfel des Ararat, der sich bei unserer Ankunft in Wolken verhüllte. Religiöse Schauer hat der Reisende jedoch nicht zu befürchten, jedenfalls nicht in der biblischen Tradition, da die Zuweisung der biblischen Geschichte von der Sintflut und der Strandung der Arche auf dem Ararat auf einem Übersetzungsmißverständnis beruht. Die biblische Geschichte meint einen im Namen ähnlich lautenden Hügelzug in Mesopotamien, während das Araratmassiv seinen Namen von dem altorientalischen Reich Urartu der Urartäer bekommen hat.

Die Grenzabfertigung war – und wird es wohl auch heute noch sein – von orientalischer Umständlichkeit und Bürokratie, natürlich in jedem Land getrennt vorgenommen. Das große Rechteck des Hofes der gemeinsamen Grenzgebäude ist durch eine Mauer in zwei ›U‹-förmige Teile getrennt, durch die nur eine mit einer Kette gesicherte und militärisch bewachte Durchfahrt unter den Flaggen der Türkei und Irans den Fahrzeugen in beiden Richtungen einzeln den Durchlaß gewährt.

Ich will aber hier nicht von den Grenzabfertigungen berichten; in den Jahrzehnten meiner Reisen in den Nahen Osten habe ich wohl zusammengezählt Wochen an Grenzen verbracht. Es geht hier nur darum, daß dann, endlich, nach den Anstrengungen eines halben an der Grenze verbrachten Tages mit all seinen Befürchtungen und Risiken, zudem ermüdet von einer über eine Woche dauernden Autofahrt durch den Balkan und durch Anatolien – selbst schon erlebnisreich und voller überraschender und überwältigender Eindrücke und erster Berührungen mit einer fremden, damals noch viel ›orientalischeren‹ Welt als heute, zumindest will es die Erinnerung so –, und angespannt durch eine beschwerliche Anfahrt durch die trostlosen aber auch abweisend-großartigen Gebirgssteppen Ostanatoliens von Erzurum zum Grenzpaß empor, endlich die Befürchtungen und Belastungen schlagartig abfallen und eine ganz tiefe Erleichterung eintritt, die unvergeßlich bleibt. Nach wenigen Kilometern, entfernt vom eigentlichen Grenzkontrollbereich, öffnet sich zwischen den dunkel-vulkanischen Massiven und Felswänden der erste Ausblick auf die grünen Ausläufer der Hochebene von Azerbeidjan; die Wolken bleiben über den Berggipfeln hängen und in einem unwirklich türkisgrünen Himmel brechen sich glitzernd und flimmernd, die Konturen des Landes auflösend, die warmen nachmittäglichen Sonnenstrahlen im Kontrast zu den dunklen Schatten der Berge ringsum. »Blau, tiefblau atmen die Schatten, und die Nacht verzögert so sehr« (Benn).

Iran liegt vor uns, Anatolien ist durchquert, wir sind da. Wir halten an und setzen uns eine halbe Stunde lang auf Steine am Straßenrand, unfähig etwas zu sagen, in unsere eigenen Gedanken und Gefühle vertieft. Nie wieder werden wir diese Erfahrung, zum ersten Mal angekommen zu sein, haben können. In der Einsamkeit des Gebirges sind wir plötzlich so etwas wie die ersten Menschen auf einem fremden Planeten in einer noch leeren Welt, oder, um ein nahöstliches Gleichnis zu verwenden, wie die Kinder Israels vor dem Gelobten Land. Viele im Alltag banalisierte Sprachfloskeln und Bilder, die uns unsere Kultur zu Verfügung stellt, füllen sich plötzlich mit einem unmittelbaren Erlebniswert, werden emotional sinnfällig und decken damit die realen historischen Wurzeln ihrer Entstehung auf.

In dieser Gefühlsebene des Erlebens stehen zu bleiben, würde jedoch Mystizismus, Irrationalismus hervorrufen. Die Kontrolle der Erfahrung durch die ordnende Analyse, das Einordnen in rationale Sinn- und Erklärungszusammenhänge ist der notwendige zweite Schritt. Doch entsteht jetzt eine große Offenheit, da die Subjektbeziehungen und Erkenntnisinteressen auch zum Thema gemacht werden können und müssen. Nur in der Möglichkeit, existentielle Bindungen zum Gegenstand seines Lernens und Arbeitens aufbauen zu können, liegt die Chance eines dauerhaften verantwortlichen Umgangs mit den auftretenden Problemen und Konflikten. So wie wir uns dann mit neuer Kraft in das Abenteuer Staatsexamensarbeit stürzten, eine bis heute unvergeßliche Erinnerung, so sollte auch Schülerinnen und Schülern die Chance gegeben werden, eine unmittelbare und überraschende Beziehung zum Gegenstand des Lernens aufbauen zu können, die Chance zu erleben, daß das, was gesehen, erlebt, erfahren und gelernt werden kann und soll, eine persönliche, auch emotionale Beziehung zur eigenen Person entwickeln kann und zum Bestandteil der eigenen unverwechselbaren Biographie wird.

Auf dem Hin- wie auf dem Rückweg der Iranreise durchquerten wir die Türkei sehr bewußt und neugierig und wählten dabei auch verschiedene Wege. Istanbul, Ankara und Kappadokien waren schon auf der Hinfahrt Orte, die uns länger als nur für die Durchfahrt notwendig aufhielten – was wohl selbstverständlich ist. Erste Eindrücke von Südostanatolien erwarben wir bei der Fahrt über Kayseri – mit einem Abstecher zu den Hethiterausgrabungen von Kültepe – und Malatya, noch vor Beginn der Bauarbeiten zum ›Südostanatolienprojekt‹ (GAP, Atatürk-Staudamm am Euphrat); daß neben die Besichtigungen auch die ersten Erfahrungen mit Kakerlaken in billigen Hotels traten, ist Quelle für viele heutige, leicht übertreibende, Horrorerzählungen. Für die Rückfahrt wählten wir dann den Weg an der Schwarzmeerküste und konnten damit unser erstes, noch rudimentäres Türkeibild ergänzen.

Vier Jahre später fuhr ich mit einer Schülergruppe und zwei VW-Bussen noch einmal nach Iran und konnte dabei in der Türkei weitere, mir bisher unbekannte Regionen vor allem in Zentralanatolien zwischen den Städten Konya und Sivas kennen lernen. Daß diese Reise unter keinem guten Stern stand, sei nur am Rande erwähnt, um auch die Risiken eines solchen investigativen pädagogischen Konzeptes anzusprechen; ein VW-Bus, der schon auf der Hinfahrt in Deutschland einen Kuppelungsschaden hatte, mußte mit Getriebebruch von Ostiran nach Tehran geschleppt und dort zollamtlich verschrottet werden. Die eine Hälfte der Reisegruppe fuhr daraufhin mit dem Linienbus nach İstanbul und von dort aus weiter mit der Eisenbahn nach Hannover zurück – sicher auch ein aufregendes und wichtiges Erlebnis, aber doch das bedauerliche Auseinanderbrechen der Reisegruppe. Der zweite VW-Bus hatte dann auf der Rückfahrt auf der Strecke zwischen der türkischen Schwarzmeerküste und Ankara einen ›Kolbenfresser‹, der ein Weiterkommen aus eigener Kraft unmöglich machte. Erst eine Motorreparatur in Ankara machte uns wieder flott für die Heimfahrt. Außerdem war die Schülergruppe nicht einheitlich genug, um wirklich solidarisch und gemeinsam die Reise durchzustehen – ein aus meiner Sicht bedauerliches Ergebnis, was aber den eigentlichen Erlebniswert der Reise aber nicht minderte.

In diesem Kontext steht nun die Türkei in meiner eigenen Biographie. Zunächst nur als Weg zu unserem Ziel ›hinter der Türkei‹ erfahren, wurde sie immer mehr zum notwendigen und bald selbst geliebten Teil eines Erfahrungsweges, in dem der Weg selbst zum Ziel wird. Die inhaltliche und wissenschaftliche Arbeit zum Iran wie zu den arabischen Ländern des Nahen Ostens und des Maghreb geht weiter, doch die Türkei ist zum Zentrum der Reisen und der eigenen Beschäftigung geworden.

Daneben aber wird von der Schule ausgehend, konsequent die Schulpartnerschaft mit der İstanbul Lisesi aufgebaut, die zum Träger unserer Türkei-Arbeit geworden ist und neben der engen Kontakte zu Polen, die auch seit den frühen achtziger Jahren bestehen, zum zweiten Schwerpunkt der UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit der Bismarckschule Hannover wurde.

Wie alle solche Projekte gründet sie auch auf Zufälle, hier nämlich dem zufälligen Zusammentreffen mit einem deutschen Kollegen, der an der İstanbul Lisesi unterrichtet hatte und vorschlug, einmal von Deutschland aus den Kontakt zu suchen und eine Kooperation oder Partnerschaft vorzuschlagen. Hintergrund dieses Wunsches ist die schulpolitische Situation in der Türkei, in einem Land, das große Schwierigkeiten bei seinem seit Atatürk vorgezeichneten Weg in eine moderne, europäische Zukunft zu überwinden hat.

İstanbul Lisesi

Nachdem ich also an die ›deutsche Abteilung‹ der İstanbul Lisesi geschrieben hatte, hatte ich bald darauf erste schriftliche und telefonische Kontakte, die 1985 zu unserer ersten Türkei-Reise führten, in der wir, letztmalig, auch unseren Aufenthalt in İstanbul noch selbst organisierten und in einem Hotel übernachteten. Später wurden dann unsere Schülerinnen und Schüler regelmäßig in Gastgeberfamilien durch die İstanbul Lisesi untergebracht, was den Erfahrungs- und Erlebniswert natürlich sehr steigerte. Unsere Partnerschule ist eine anspruchsvolle Traditionsschule mit deutschsprachigem und mathematisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunkt, in der im »bilingualem Unterricht« Fächer wie Mathematik oder Naturwissenschaften von deutschen Kolleginnen und Kollegen in deutscher Sprache erteilt werden. Das entspricht dem türkischen Schultyp eines »Anatolischen Gymnasiums« (Anadolu Lise).

Der Andrang zu dieser Schule ist groß, so daß jedes Jahr durch Aufnahmeprüfungen die besten Bewerber ausgesucht werden. Dafür steht die İstanbul Lisesi seit Jahren auf der Rangliste im Wettbewerb der türkischen Gymnasien bei den Universitäts-Aufnahmeprüfungen mit an erster Stelle. 1996 war sie dann die ›beste Schule der Türkei‹, was einen erheblichen Medienrummel nach sich zog; wir waren gerade zu der Zeit in İstanbul und konnten einiges von der Freude und dem Stolz in der Schule mitbekommen.

Die Schülerinnen und Schüler dieser Schule werden später zu denjenigen Führungskräften in der Türkei gehören, die mit den heutigen politischen und sozialen Problemen des Landes fertig werden müssen und die Türkei weiter an Europa und an demokratisch-rechtstaatliche Strukturen heranführen sollen. Um dieses Ausbildungsziel zu erreichen, pflegt die İstanbul Lisesi eine ganze Reihe von Schulpartnerschaften in Deutschland aber auch mit den Deutschen Schulen in Athen und Moskau, bei denen die Kontakte mit der Bismarckschule Hannover besonders gepflegt werden.

Bei den regelmäßigen Besuchen türkischer Schülerinnen und Schüler in Hannover wollen wir daher unseren Gästen nicht nur die Attraktionen unserer Region, das Leben in deutschen Familien und einen Einblick in den Alltag unseres Schulunterrichts vorstellen, sondern ihnen auch einen ersten, natürlich den Möglichkeiten Jugendlicher angepaßten anschaulichen Eindruck unserer demokratischen politischen Kultur, unserer Technik und Wirtschaft und unseres Rechts zu kritischem und selbstkritischem Denken vermitteln – also jene Ziele ansteuern, die auch die Ziele der UNESCO-Projekt-Schularbeit sind.

Dazu gehört sowohl von Seiten unserer Schule und der beteiligten Lehrerinnen und Lehrer, als auch von Seiten der Eltern- und Schülerschaft einiges Engagement, das nur aufgebracht werden kann, wenn sich die Beteiligten der Chance und Risiken dieser Interkulturellen Bildung, ebenso wie ihrer eigenen Motive und Dispositionen bewußt sind und darüber Rechenschaft ablegen können.

Ich habe das mit einigen essayistischen Schlaglichtern auf eigene biographische Prägungen für mich in den vorangegangenen Abschnitten zu leisten versucht und hoffe auch, damit deutlich gemacht zu haben, welchen hohen Rang ich persönlich unserer Türkei-Arbeit, aber darüber hinaus insgesamt auch der Interkulturellen Bildung zumesse. Daher denke ich auch, berechtigt zu sein, hier noch einmal ganz deutlich hervorheben zu dürfen, daß UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit – das einzige wirklich zukunftsträchtige »Profil«, das die Bismarckschule Hannover in der Öffentlichkeit heute aufzuweisen und zu pflegen hat – nicht nur in Freizeitbeschäftigungen und Studienfahrtangeboten erschöpft sein kann, sondern daß sie ganzheitlich gesehen werden muß, mit allen Konsequenzen für den Umgang miteinander, vor allem auch mit den Schülerinnen und Schülern unserer Schule selbst, die biographische durch Kultursprünge, soziale Diskriminierung und Akkulturationsprobleme belastet sind. Es geht also nicht nur um die Türkei als Land, Erfahrungs- und Erlebnisraum, sondern um eine Veränderung unseres eigenen Verhaltens gegenüber dem ›Fremden‹, ›Befremdlichen‹ und eventuell sogar ›Ängstigenden‹. Und hier haben wir auch als Lehrerinnen und Lehrer, aber auch in der Eltern- und Schülerschaft ganz erhebliche Defizite aufzuarbeiten! Man kann nicht nur ›mal so eben‹ an einer Schulpartnerschaft teilnehmen, in die Türkei oder nach Polen fahren, aber im Unterrichtsalltag gegenüber Mitschülerinnen und ‑schülern keine Konsequenzen ziehen.

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Lothar Nettelmann

… einige Anmerkungen zu den projekt- und studienfahrtorientierten Klassenreisen im 11. Jahrgang[2]

Kassenfahrten haben zweifellos einen Unterrichtsbezug. Sie sind in der Regel projektorientiert angelegt oder in ein Unterrichtsfach eingebunden. Sie ‘ergänzen’ den Unterricht nicht, sondern sind integraler Bestandteil von Schule.

Der äußere Eindruck ist nicht sehr einladend: Die Jugendherberge ‘Leipzig-Centrum’ ist eine zur Hälfte in Renovierung befindliche Baustelle. Man musste das frühere Gebäude aus Rückerstattungsgründen verlassen. Alle sind sehr freundlich und hilfsbereit. Sie entschuldigen sich für die Unzulänglichkeiten, die sie selbst nicht zu vertreten haben.

Der Bau, ein ehemaliges Lehrlingswohnheim, ist Bestandteil einer größeren Wohn- und Verwaltungsbauanlage der späten Epoche der DDR. Die Konzeption – der Sanitätsbereich ist ein Kuriosum – ist schwer nachvollziehbar. Auch in der ‘ehemaligen’ brauchten die Architekten bekanntlich nicht in den Objekten zu wohnen, die sie ‘verbrochen’ hatten. Der Bund hat bisher ca. 125 Millionen DEM in die Jugendherbergen der fünf neuen Länder investiert. Man benötigt mindestens 300 Millionen!

Bedenklich stimmt, dass bei den Schüler/innen der 11. Klassenstufe über den Geschichts-, Erdkunde- und Sozialkundeunterricht nur wenig vorhandenes Wissen über den Projektgegenstand spürbar ist. Der Oberbürgermeister ist darüber offensichtlich irritiert. Er versteht nicht, dass sein Leipzig so unendlich fern liegt in der Vorstellungs- und Erfahrungswelt der achtzehn Bismäcks. Woher sollen sie es denn aber auch wissen? Das zwanzigste Jahrhundert hat für sie bisher im Unterricht kaum stattgefunden. Schockierend wirkt dann der vorwurfsvolle Rückblick des OBM: Man hat uns nach 1990 hängenlassen. Kohl war zwar mal da und Lafontaine (offenkundig widerwillig) auch; das war es denn aber auch schon. Offensichtlich hat der Beamtenapparat in Bonn wirklich gemeint, man könne alles aus der ‘Westentasche’ heraus erledigen und der Markt würde es dann schon von selbst regeln. Es war auch keine ‘Wiedervereinigung’, sondern der Beginn eines langsamen Zusammenfügens von zwei wirtschaftlich und kulturell völlig auseinanderentwickelten Gebilden.

Die Leipziger können z.B. absolut nicht verstehen, dass man sie bei einem Besuch der Düsseldorfer Messe überhaupt nicht als eigenständig wahrgenommen hat, schon gar nicht ihre Probleme. Man versteht andererseits überhaupt nicht die Probleme der Hannoveraner mit ihrer Expo 2000. Für die Region Leipzig-Halle-Bitterfeld wäre sie ein Geschenk des Himmels gewesen. Man war damals aber noch nicht in der Lage, dieses Projekt zu übernehmen. Nur wenige Experten sind gegenteiliger Auffassung. Die Hinterlassenschaft der DDR war zu katastrophal. Es war aber durchaus bemerkenswert, dass es dort wichtigere Kategorien gibt, als die Ruhe eines Bemeroder Vorgartens im Sommer des Jahres 2000.

Kaum jemand beschäftigt sich in einer deutschen Schule mit sächsischer Geschichte. Im ›Fürstenzug‹ wird in Meissener Porzellan die Linie sächsischer Einherrscher dargestellt. Unwillkürlich assoziiert man Episoden aus dem historischen Allgemeinwissen: Um die Jahrhundertwende amtierte ein König, es war wohl ein Friedrich.[3]  Bei seiner Absetzung im November 1918 erklärte er den Revolutionären, die zuvor artig um eine Unterredung gebeten hatten: „Macht euren Dreck alleene“. Anhand seiner Person kann man z.B. erwähnen, dass es die (sächsische) V. Armee war, die im Ersten Weltkrieg auf Befehl dieses Königs an der Marne Halt machte, weil die Soldaten völlig erschöpft waren. Die preußische Generalität hat in ihrer ›Immer–feste–druff–Manier‹ an den anderen Fronten nicht aus diesem Grunde vor dem Ziel aufgeben lassen.

Muss man dabei nicht gleichzeitig an das Klischee von den ‘Krautjunkern im Offiziersrock’ denken und ihre wirkliche Einstellung gegenüber ihren Untertanen, etwas, das später unter die preußische Pflichterfüllungsideologie subsumiert wurde? Am Rande ist es vielleicht noch interessant, dass der hannöversche Adel nach der Degradation Hannovers zur preußischen Provinz seine Söhne in der Regel in sächsischen Regimentern hat dienen lassen.

Die Dominanz preußisch-utilaristischen Verhaltens lässt sich nicht nur an der relativen Sparsamkeit Potsdams verdeutlichen, sondern auch an ihrer Kehrseite: dem expansiven militaristischen Denken am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Geradezu grotesk mutet es deshalb an, wenn man in einer von der Stadt Leipzig herausgegebenen Schrift lesen kann, dass das zwischen 1898 und 1913 errichtete Völkerschlachtdenkmal einen ‘friedensstiftenden Zweck’ erfülle.[4] Die sinnverkehrende Formulierung eines subalternen Mitarbeiters kann nur mit nachwendespezifischem Übereifer und Anpassungsdruck, mit Unqualifiziertheit oder Ignoranz des Autors erklärt werden.

In Leipzig läßt sich sehr gut ein wesentlicher Aspekt der Bevölkerungsverschiebung nach dem Zweiten Weltkrieg verdeutlichen: Nahezu die gesamte tradierte Machtelite – im wesentlichen das Stadtbürgertum – hat die SBZ/DDR nach der sowjetischen Besetzung verlassen oder wurde durch die sowjetische Militärregierung sowie die neuen kommunistischen Machtinhaber verdrängt oder hinausgeekelt. Damit verbunden ist ein Verlust von in Jahrhunderten gewachsener Identität. Dieser ist mittelfristig irreversibel und kann nur schwer kompensiert werden. Auch die Neubürger/innen erreichen dieses nicht. Sie bewirken eher eine modernistische Überformung der Gesellschaft des Großraumes Leipzig, verbunden mit der ‘Flucht‘ ins Umland; einer Tendenz, der die Stadt durch Eingemeindungen nachfolgen will. Nur in Ansätzen bildet sich eine differenzierte Stadtgesellschaft heraus.

Interessant sind zwei Aspekte der Marktwirtschaft: Zunächst der mit hohen Subventionen (und erheblicher Staatsverschuldung) erkaufte krampfhafte Versuch, Investoren zu locken, um eine moderne Infrastruktur zu schaffen: die Neue Messe als langfristiges Defizitunternehmen, der Hauptbahnhof für fünfhundert Millionen DEM, finanziert über strittige Abschreibungsmodelle – sonst wären die ‘Investoren’ aber gar nicht gekommen, die Mädler-Passage als mit ‘peanuts’ bezahltes Pleiteprojekt aus Schneiders Bau–Imperium, die neue Büroarchitektur und an der Stadtperipherie die neuen Konsumtempel im Flachdachstil oder nach dem Pagodenstil von Mc-Donald. Dort sind denn auch die Mc-Jobs[5]  der Leipziger zu finden.

Der Einfamilienhaus-Bau boomt. Ein Problem sind inzwischen die Überkapazitäten im Bürobereich und bei renovierten und zum Verkauf anstehenden Altbauten. Das Mietniveau sinkt. Dies spüren auch die mit hohen Renditeversprechungen gelockten Anleger. Hochpreisige Wohnungen sind kaum vermietbar, verursachen andererseits aber Kosten. Im Innenstadtbereich bewirken die leerstehenden Häuserzeilen bedrückende Gefühle. Leipzig hatte 1933 ca. siebenhunderttausend Einwohner. Vor der Wende waren es ca. funfhundertundfünfzigtausend. Vor allem abends wird dem Besucher angesichts dunkler Häuserfronten und eingeschlagener Fensterscheiben bewußt, was es bedeutet, wenn seit 1989 rund hunderttausend Menschen der Stadt den Rücken gekehrt haben.

Andererseits ist das Entstehen kultureller Vielfalt erkennbar. Ausdruck sind zunächst die griechischen, italienischen und chinesischen Restaurants, arabische und vietnamesische Schnellimbisse und türkische Döner-Buden. Die ehemaligen Thälmann-Pioniere und FDJ-ler haben längst Geschmack gefunden an den mediterranen und orientalischen ‘Köstlichkeiten’. Zumeist sind es Filialen von in Westdeutschland zu Erfolg gekommenen ausländischen Restaurantbesitzern.

Ein die kulturelle Vielfalt abrundender Nachzug z.B. von türkischen Familien aus Dortmund, Hannover oder West–Berlin erfolgt sehr zögerlich. In den Geschäften sieht man überwiegend ausländische junge Leute, vor allem Männer, die auf dem westdeutschen Arbeitsmarkt nur geringe Chancen haben. Bei faktisch mindestens dreißig Prozent Arbeitslosigkeit mangelt es in Leipzig erheblich an Kaufkraft.

Der Markt funktioniert aber in Teilbereichen: Die Mieten und Preise für Wohneigentum sinken. Eine Mittelschicht bildet sich langsam aus der Fassade des realsozialistischen Egalitarismus der DDR heraus und etabliert sich. Andererseits: Es sind vor allem die Angehörigen der DDR-Intelligenz, die die Wende nicht verarbeitet und verkraftet haben.

Der Absturz aus der privilegierten Situation z.B. der Akademiker ist bitter. Nicht alle wurden abgestraft: die Ärzte und Juristen der alten DDR haben ihre privaten Praxen und Kanzleien eröffnen können. Für sie gibt es viel Arbeit. Sie sind als Profiteure der dahingesiechten DDR und ihrer ruinenhaften Hinterlassenschaft nicht durch Klagen über Arbeitsplatzlosigkeit vernehmbar. Stattdessen sind sie wesentlich am höheren Lebensstandard ihrer westlichen Kollegen/innen orientiert.

Bitter dran ist der aus dem Versorgungssystem herausgefallene ehemalige Lehrer oder die entlassene Uni-Mitarbeiterin. Ihre Qualifikationen wurden nicht mehr benötigt oder sie wurden durch z.T. miese Machenschaften hinausgedrängt.

Es ist für Wissenschaftler des ehemaligen Mittelbaus der Universitäten und Hochschulen nicht nachvollziehbar und schwer zu verkraften, dass gerade sie als ‘intellektuelle Träger’ der ‘ehemaligen’ mit zumeist einem theoretischen und methodischen Wissenschaftsniveau der sechziger Jahre als nicht geeignet und daher als nicht mehr benötigt bzw. erwünscht definiert worden sind. Man hat ihnen faktisch keine Chance gegeben, hinzuzulernen und ihre Defizite auszugleichen. Sind sie damit Ausdruck von nicht erfolgter – und gar nicht gewollter – Aufarbeitung oder zweiter Vergangenheitsbewältigung. Unterliegen sie nicht einer knallharten Funktionalisierung? Liegt der zynische Begriff von der Siegerjustiz oder Siegermentalität so weit daneben? Sind sie dadurch Opfer geworden, daß personale Marktlücken aufgerissen worden sind, um für den damaligen Überschuß an hoch qualifizierten jungen Leuten aus der alten Bundesrepublik in der zusammengebrochenen DDR berufliche Betätigungsfelder zu schaffen?

Die fleißige Germanistin aus Halle, die Geographin aus Ost-Berlin, die Historikerin aus Leipzig versteht nicht, dass sie zwecks Umschulung oder ABM durch das Arbeitsamt ‘verwaltet’ wurde, während der Überschuß westdeutscher Professoren und ihrer Doktoranden und Diplomanden in die ‘neu gegründeten Universitäten’ strömt und die Plätze besetzt hat.[6]  Ob es wirklich immer die besser qualifizierten waren, die die früheren Mitarbeiter/innen, die sich ja auch bewerben durften, ausstachen? Man hört intern viele Dinge, geäußert in großer Bitternis, über die Besetzungspraktiken. Die Berufungskommission hatte längst Wartelisten aus westdeutschen Instituten, die miteinander abgeglichen wurden. Die Betroffenen verstehen nicht, im Regelfall keinerlei reelle Chance bekommen zu haben. Einem Germanisten, Spezialist für die DDR-Literatur, soll nach Presseberichten vorgehalten worden sein, dass es gar keine wirkliche DDR-Literatur gegeben habe, schließlich existiere die DDR nicht mehr.

Schwer zu verstehen ist für den/die westdeutsche/n Schüler/in der ‘Ostalgieeffekt’ auch und gerade bei Jugendlichen sowie das Anwachsen der Skinhead- bzw. Neonazi-Szene. Angstgefühle wurden geäußert. Für diese Phänomene bieten sich Erklärungsmuster an, die auch z.T. akzeptiert werden. Nicht wirklich nachvollziehbar ist, dass ehemalige Lehrer/innen und Wissenschaftler/innen ‘an etwas geglaubt haben’ oder ‘Überzeugungen hatten’, dieses ist für Außenstehende oder Spätergeborene nicht möglich.

Die dafür nötige Empathie kann nicht aufgebracht werden. Es mag aus der Situation dieser ehemaligen sich selbst abschottenden Wahrnehmungs-Insel ableitbar sein, die sich ›Deutsche Demokratische Republik‹ nannte, und den subjektiv vermittelten Eindruck einer Mischung aus Militär- und Operettenstaat machte mit dem Odeur kleinbürgerlichen Miefes des frühen 20. Jahrhunderts. Aber auch dieses kann Gegenstand einer problemorientierten Betrachtung sein.

Es ist auch Ausdruck dieser verordneten und akzeptierten, wenn nicht gar verinnerlichten Wahrnehmungsmuster[7] , möglicherweise auch von begrenzter Intellektualität: der reflexiven zivilisatorischen Lücke.[8]  Sie ist möglicherweise charakteristisch für soziales Aufstiegsverhalten verbliebener machtarmer Bevölkerungsgruppen angesichts zerstörter Aufstiegsmuster, den früher entmachteten oder exilierten Trägern, oder den tabuisierten Habitusformen einer Schicht, die man andererseits allzu gern kopiert hätte – nur eben ungeschickter.[9]

Die Chance auf äußere Wahrnehmungen, die möglicherweise nachfolgenden Erklärungsansätze, die Erarbeitung desselben sowie dessen (langfristige) Verarbeitung sind die Grundlage für die Legitimierung von Studienfahrten.

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Lothar Nettelmann

Bilanz im Politischen – Schule im Bereich internationaler Aktivitäten

Kein Mensch ist so reich, daß er seine Nachbarn nicht braucht!

Ungarisches Sprichwort

1. Zum Osteuropa-Engagement – wie es zustande kam

Zweifellos gab es viele parallele Ansätze und Gedanken, die zur Einrichtung des Schüleraustausches mit dem V. Lizeum in unserer polnischen Partnerstadt Posen geführt haben.

Die Erinnerungen an Begebenheiten, Rückblicke auf das Geschehen, die Bewältigung wie auch das Herbeiführen von Schwierigkeiten läßt die Gewissheit entstehen: Man hat sich bemüht.

Ulrich Bauermeister hat in diesem gesamten Geschehen nicht nur wohlwollend unterstützend mitgewirkt, er hat viele eigene Ideen und Initiativen entwickelt. Bei ihrer Durchführung hat er Dynamik und Kraft zur Durchsetzung gezeigt. Auf kollegiales Wirken wurde generell von ihm Wert gelegt. Manchmal fand eine Besprechung in seinem Garten statt. Alle Aktivitäten wurden gemeinsam umgesetzt. Vielleicht hätte öfter manches delegiert werden sollen.

Der Verfasser konnte sich nach und nach etwas aus dem aktiven Teil zurückziehen, da sich für ihn weitergehende Ansätze ergaben: Ratschläge für andere Kolleg(-innen) in Vorträgen und Publikationen, die Mittlerrolle zu Institutionen in Polen, insbesondere auch zur Botschaft in Köln, dann die fachdidaktische und als Folge die wissenschaftliche Arbeit. Insgesamt ist darin eine zeitlich logische Folge erkennbar. Diese Arbeit wäre nicht möglich gewesen ohne kollegiale Einbindung und gegenseitige Impulsgebung und Unterstützung, insbesondere bei erfolgter (auch eigener) Infragestellung.

Die Folgewirksamkeit der Aktivitäten zeigt sich oft erst im Rückblick. Selbstverständlichkeiten für den Einen implizieren Diskrepanzen gegenüber dem Anderen. Unvermeidbar sind dabei figurative Spannungserhöhungen. Daraus resultierten in privaten wie dienstlichen Lebensbereichen – also auch im Kollegium – Belastungserscheinungen von Kolleginnen und Kollegen. Sie richten sich oft gegen die Träger alternativen pädagogischen Handelns. Dieses wiederum – und das ist die Grundlage der Überzeugung – ist kein Appendix oder ein schönes Additum, sondern integraler Bestandteil von Schule. Der gesamte Komplex stellt eine Anknüpfung und Weiterentwicklung an der Basis – der pädagogischen Tätigkeit von Ansätzen der zwanziger Jahre – dar, nicht nur eine Reproduktion der Reformpädagogik dieser ›ersten‹ Nachkriegszeit. Bei ihrer Wiederaufnahme in den fünfziger Jahren – also auf den Trümmern des kulturzerstörerischen Wirkens der Nazis – erfolgte die Zuordnung eines angemessenen Stellenwertes in der Pädagogik. Insofern lassen sich aus ihm methodisch-didaktische Konzeptionen und Stellenwertentscheidungen ableiten, die in letzter Konsequenz die endgültige Bewältigung der restriktiven autoritativen Schulmeisterei der Wilhelminischen Ära und der menschenverachtenden Schule in der NS-Zeit bedeuten.

Überlagert wurde unser Engagement durch das Anwachsen der Migrationsbewegung aus den Regionen der neuen Semiperipherie Europas in den achtziger Jahren. Wir hörten seitdem oft polnische Laute in der Schule. Diese und die Schüler(-innen) aus Iran, der Türkei und dem Balkan internationalisierten unser Bild. Sie trugen überwiegend zur Bewußtwerdung, zur Aufrechthaltung sowie Neudefinition der pädagogischen Sinnhaftigkeit bei. Durch sie verlagerte und ergänzte sich die Problematik der ursprünglichen Konzeption des Schüleraustausches. Diese genannten Dimensionen waren am Ende der siebziger Jahre, als die Konzeption entstand, absolut nicht vorstellbar und absehbar. Sicherlich war eine Folge das Gefühl zunehmenden Unvermögens, alles Neue verkraften zu können. Die Grenzen von Wahrnehmungs- und Bewältigungsfähigkeit schienen oft überschritten. Faktisch hatte niemand von uns primär als Fachlehrer(-innen) ausgebildeten Kolleg(-innen) eine Vorbereitung in der eigenen Ausbildung auf diese spezielle Ausrichtung hin erfahren können. Letzteres erklärt sicherlich zum Teil die oft spürbare Zurückhaltung vieler. Nicht jeder wagt es, sich mit neuen Problemlagen zu beschäftigen und bleibt lieber auf seinem vertrauten Terrain, bei dem was mensch gelernt hat.

Bis zum Ende der achtziger Jahre war eine zunehmende Gespanntheit spürbar. Die Problemlage veränderte sich, die Aufbrüche der Spannungen zwischen den neuangekommenen Übersiedlern aus der DDR ab dem Sommer 1989 sowie der folgenden anhaltende Ost-West-Wanderung innerhalb der nun vergrößerten Bundesrepublik und die Sichtbarmachung von Spannungen zwischen ehemals erzwungenen und fassadenhaften Bruder- und Freundschaftsritualen im ehemaligen RGW- bzw. WPO-Bereich. Spürbar wurde ein affektiver Rückschlag nach Aufbrechen der Erstarrungen, ein Umschlag in mehr oder weniger offene Antipathien. Dem konnte man das Bearbeiten im Unterrichtsgespräch entgegensetzen. Es ließen sich erfreuliche Ansätze zur Aufhebung feststellen, eine Hinwendung zur Normalität menschlichen Miteinanders.

Dazu gehörten aber auch – und das sollte nicht unausgesprochen bleiben – die Emanzipationsversuche von Angehörigen anderer mitteleuropäischer Sprachgruppen gegenüber z.T. jahrhundertelanger russischer Dominanz. Man spürte das emanzipative Aufbegehren, auch die psychische Abwehrhaltung gegenüber Angehörigen ehemals dominanter Ethnien. Insbesondere die polnische Sprachgruppe versuchte der lange erduldeten Hierarchisierung entgegenzuwirken. Ihr war allerdings die Mythenhaftigkeit, das Anknüpfen an die historische Größe der Frühformen gesellschaftlicher Entitäten, einer damals noch nicht als (eigene) Ethnie oder Nation definierten Sprachgruppe, gar nicht bewußt. Lange Verdecktes kam zu Tage und wurde zunehmend offengelegt. Die beobachtbare latente Sprachlosigkeit zwischen Angehörigen verschiedener Herkunftsgruppen, für die Ansätze von Erklärungen, kaum aber ein Nachvollzug konstatierbar sind. Die nichtrussischen Gruppen des ehemals russisch-zaristischen und sowjetisch-kommunistischen Herrschaftsbereiches sind besonders betroffen. In der polnischsprachigen Gruppe waren Wechselbeziehungen zwischen polnischer, deutscher und vor allem regionaler (oberschlesischer oder mazurischer) Identitäten sichtbar, aus denen mehrfache Spannungsbeziehungen resultierten. Eine gesellschaftshistorische Analyse und Differenzierung müsste an anderer Stelle erfolgen. Lehrerseits war ein differenziertes Erscheinungsbild erkennbar, das auch Lustlosigkeit und Frust auf polnischer Seite einschloß. Andererseits hatten die Nichtnachvollziehbarkeit vielerlei Problemlagen eine generelle Infragestellung und partielle Abwendung zur Folge.

Es macht nun wenig Sinn, an dieser Stelle die Entwicklung des Schüleraustausches Revue passieren zu lassen. Dieses ist vielfach in Publikationen aus der Schule heraus geschehen. Es ist vielmehr sinnvoll, Fragestellungen zu entwickeln und diese zu verbinden mit der Hoffnung auf möglichst viele (umsetzbare) Antworten.

II. Zur Rechtfertigung von pädagogischem Engagement – eine Legitimierung internationaler Aktivitäten im Bereich von Schule

Eine Legitimierung des zurückliegenden Engagements ist theoretisch, moralisch und durch die erfolgreiche pädagogische Praxis erfolgt. Es soll nunmehr die Frage nach der Begründbarkeit in der gegenwärtig zu Ende gehenden Phase des Paradigmenwechsels in Ostmitteleuropa gestellt werden. Die sich daran anknüpfende Frage wäre die des Umgehens, der Bewältigung auf pädagogischer Ebene mit aus der Spannungssituation semiperipherer Regionen resultierenden Problemlagen in ihrer gesellschaftshistorisch bestimmbaren sozio-kulturellen Differenziertheit.

Als zunehmend schwierig erwies es sich für viele Kolleg(-innen), ihr Engagement aufrechtzuerhalten, das aus (subjektiv empfundenen) moralisch-pädagogischen Motivationen heraus entstanden war, aber auch aus Gutwilligkeit resultierte. Sie standen und stehen den ›östlich von uns‹ ablaufenden Vorgängen und ihrem steigenden Spannungsniveau oftmals resignierend gegenüber. Viele Menschen fühlen sich tendenziell überrollt und überfordert angesichts des unfassbaren Geschehens im Osten Mitteleuropas. Es ist nachvollziehbar, daß sich mensch dem gegenüber hilflos und oft auch enttäuscht gegenüberstehend sieht.

Schwer nachvollziehbar ist – obwohl rational betrachtet offenkundig – daß sich die Problemlagen für die Schüler(-innen) und Kolleg(-innen) in Polen, der Türkei und Rußland erheblich schwieriger und unüberschaubarer gestalten, ohne daß dort Lösungen und Verbesserungen mittelfristig denkbar sind. Wir müssen uns dabei vergegenwärtigen, daß es in diesen Ländern zwar durchaus Ansätze auf privater Ebene gibt, diese aber im staatlich-schulischen Bereich gegenwärtig in weiter Ferne stehen. Hinzu kommt, daß eine pädagogische und gesellschaftswissenschaftliche Erforschung dieser relativ neuen Situation in den genannten Regionen nur in geringen Ansätzen erfolgt.

Im Gegenteil: Nahezu alle Aktivitäten Polens, die auf »kultureller Ebene« erfolgen, haben als Bezugsebene einen traditionell bestimmten historisch-kulturellen Bereich. Dies gilt in noch höherem Maße für die westlichen Sezessionsgebiete, der früheren Sowjetunion und die ‘Zerfallsprodukte’ Jugoslawiens. Ostmitteleuropäische Wissenschaftler und Didaktiker operieren zu oft in der Nähe zur Reproduktion von Geschichtsmythen; man funktionalisiert sie gar.[10]  Dies ist zugleich ein Indiz dafür, daß diese Länder erhebliche Legitimationsprobleme haben, die Ausdruck und Erschwernis darstellen in der Phase des Paradigmenwechsels, in der sie sich befinden. Mit der rückwärtsgerichteten und verklärten Hinwendung zum scheinbar Schönen und Wertvollen kaschieren und überspielen sie ihre reale Situation. Auch dafür muß Verständnis entwickelt werden. Die innergesellschaftliche Dynamik ist erheblich, das Spannungsniveau oft unerträglich hoch, die Machtbalancierungsprozesse bei weitem noch nicht ausgestanden oder gar beendet – im Gegenteil, sie verschärfen sich und die Hemmschwelle zur physischen wie psychischen Gewaltausübung verringert sich. Gewalttaten nehmen zu und brutalisieren sich. Zudem haben wir Westeuropäer kaum einen ‘Schimmer’ von dem, was in der Ukraine, in Weißrußland oder dem Balkan oder der östlichen Türkei wirklich geschieht.

Das »Verstehen« muß im Schulisch-pädagogischen zu allererst auf der Gefühlsebene erfolgen und gewollt sein, es muß dann eine Analyse wie auch die Reflexion vorhandener Problemlagen einschließen, um entsprechendes Handeln unsererseits nach sich zu ziehen.

Weggucken und sich ins angenehme Leben des Konsum- und Kulturbürgers zurückzuziehen – was sich leider zu oft hinter dem »Resignieren« verbirgt, kann sich mit unserer pädagogischen, d.h. auch gesellschaftspolitischen Verantwortung nicht vereinbaren. Der Raum der Semiperipherie ist unwiderruflich einbezogen in unseren gemeinsamen europäischen Wohn‑Raum. Auch dieses ist die Konsequenz aus der faktisch bereits erfolgten Integration mehrerer ostmitteleuropäischer Länder in die Europäische Gemeinschaft.

Wenn es sich auch für die Vertreter des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes in der Schule entsprechend dem Aktualitätsanspruch anbietet – und der Materialreichtum zwar erdrückend umfangreich ist, aber einen gewissen permanenten Reiz bewirkt, ihn zu nutzen – es genügt nicht, (nur) hinzunehmen, daß die aus Osteuropa kommenden Zuwanderer an unserer Schule zwar den Ruf in Mathematik und Schachspiel aufrechterhalten und in den naturwissenschaftlichen Fächern den Einbruch im LK- und P-Fach-Bereich verhindern, wir für ihre Problemlagen, die ingesamt eine langfristige Folge von schwer verkraftbaren Rahmenbedingungen sind, zu wenig »engagierte Distanz« aufzubringen vermögen.

Es ist nicht nur unsere moralisch-pädagogische Pflicht, es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns dem zu stellen, was als Globalisierungsprozeß vorliegt und uns direkt erreicht und vereinnahmt hat, zumal andererseits die Phase der Moderne schon (fast) abgeschlossen ist. Mit dem Nachtrauern und Hoffen auf ›bessere Zeiten‹ hat noch keine ›Firma‹ ihre temporäre Krise überlebt. Trotz relativer Schonung stecken auch wir im staatlichen Bereich mitten drin im Wettbewerb, ob wir wollen oder nicht. Neben konzeptionellem Denken im Sinne sog. Schwerpunkt- oder Profilbildung muß es die Wahrnehmung vorliegender Situationen sein, und das bedeutet konkret die Kenntnisnahme und Akzeptanz i.S. einer Zuordnung vorliegender gültiger ‘moderner’ Ansprüche angesichts weltweiter Entwicklungen im Bereich der Kommunikation. Risiken lassen sich nur dann bewältigen, vielleicht auch vermindern, wenn man sie wahrnimmt und sie richtig einzuschätzen lernt. Die heutige Realsituation, überschrieben mit Zweiter Moderne, ist recht gut über den Begriff der Risikogesellschaft definierbar. Diese Rahmengebung durch diesen neuen Modernisierungsschub gilt es wahrzunehmen und in unsere Arbeit einzubeziehen. Das kann dadurch geschehen, daß wir die Thematisierung vornehmen, wie bisher auch schon vielfältig geschehen. Wir können zwar versuchen, uns individuell vor dem zu verschließen – es geschieht allzu oft – von unseren Absolvent(-innen) wird es beim Übertritt in das weitere Ausbildungssystem oder dem Eintritt die Universitäten gefordert. Der Arbeitsmarkt verlangt es unerbittlich; Arbeitskraft wird auf dem Weltmarkt tendenziell billiger!

Für unsere Schule bedeutet dieses u.a. ein Fördern naturwissenschaftlich-technischen Denkens und entsprechender Fertigkeiten auf möglichst hohem Niveau. Der zweite Faktor ist die Optimierung mutter- wie fremdsprachlicher Kompetenz. Die Fähigkeit zur Umsetzung und Reflexion kooperativer Arbeits- und Denkstile ist die dritte, beide anderen überklammernde und damit entscheidende ‘Tugend’. Unabdingbar sind dafür didaktisch-methodische Ansätze, wie sie z.B. der projektorientierte Unterricht umsetzt. Kooperations-, Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit erreicht man nur dann, wenn man Chancen nutzt und ihre Basis entsprechend ausbaut. Allein ‘ordentlichen Unterricht’ machen zu wollen, genügt dazu nicht. Wir sind durch die heutige Entwicklung gezwungen, die pädagogische Paralyse – die zweifellos maßgeblich durch machtarrogante Verbandsfunktionäre vorsätzlich und wissentlich beeinflußt und herbeigeführt wurde – zu überwinden und die gegenseitige inzwischen jahrzehntelange Blockade aufzubrechen. Es drängt sich dabei oft der Eindruck auf, daß manchem nicht bewußt ist, daß die Achtundsechtzigerphase vorbei ist. Andere müssen dagegen noch wahrnehmen, daß sie überhaupt stattgefunden hat. Zweifellos muß deshalb die Erstarrung in Grabenkämpfen zwischen uralten Verbandspositionen durchbrochen und überwunden werden.

Die Globalisierung als ein gegenwärtig vorliegender und ablaufender Prozeß, der auch zur thematischen Ablösung von aktiven wie passiven »Entwicklungstheorien und -strategien« gegenüber »Osteuropa« und der »Dritten Welt« führt und deren Offenlegung als zumindest partielle Illusion einschließt. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung um den Erhalt der »sozialen« Komponente der »Marktwirtschaft« gegenüber der Brutalisierung völliger Liberalisierung. Auch dieses bedeutet für uns eine Problematisierung in der Schule.

Der nach wie vor konsensual als sinnhaft, legitim und notwendig angesehene rationale Denkansatz, mit dem Einschluss bzw. auf der Basis ethischer Dimensionen im Verantwortungshandeln und den über die Religionen vermittelten Werte, muß durch Ansätze wie z.B. der Zivilisationstheorie oder der Machttheorie ergänzt werden. Die sozial-emanzipativen Ansätze müssen erhalten und ausgebaut werden.

Gerade die – im Sinne der neuen Moderne – begrenzt entwickelten Regionen der Semiperipherie und ihre Defizite im Bereich von Zivilisierung sind es, die nun in weltgesellschaftliche Prozeße einbegriffen sind und nur auf diese Weise beeinflusst werden können. Insoweit stellen internationale Kontakte eine fortlaufende Basis für die bewußte Behandlung und aktive Partizipation an diesen Prozessen dar.

Damit ergeben sich zugleich erhebliche Motivationsveränderungen für die Schüler(-innen). Dieses als Notwendigkeit zu begreifen und zu definieren erübrigt sich. Es ergibt sich dann zwingend die Frage: Wie gehen wir damit um? Wie bewältigen wir die eigenen Defizite, die eigenen notwendigen Anpassungen an die Erfordernisse, die sich stellen. Niemand hat diese Fähigkeit in seiner eigenen Ausbildung entwickeln können. Kommunikatives Handeln schließt sich dabei an kooperatives an. Dieses kann geübt und praktiziert werden, u.a. in Projekten oder im Gruppenunterricht.

Das Plädoyer für die Fortführung von internationalen Aktivitäten ist nicht mehr als ein schönes Beiwerk von Schule zu betrachten oder als stressiger Appendix. Es ist ein bewußtes und gewolltes sich Einstellen auf die Vorgänge im Jetzt. Der Reiz des neuen Neuen, des permanenten Entdeckens könnte vielleicht der Motivation dienen. Ostmittel- und Südosteuropa, die Türkei und die dort lebenden Menschen bieten sehr viel Neues. Dieses stellte dann eine endgültige Beendigung der in zwei Weltkriegen erfolgten psychosozialen Erstarrung dar.

Trotz erheblich geringer Mobilität waren übrigens soziale wie kulturelle Kontakte mit dem Baltikum, der Türkei und Rußland im preussisch-deutschen wie habsburgischen Herrschaftsbereich vor dem Ersten Weltkrieg sehr intensiv. Knüpfen wir als Ausdruck eines europäisch-integrativen Prozeßes daran an. Nutzen wir die Chance für selbststeuerndes, oder formuliert in der traditionellen bürgerlichen Sprache als verantwortungsvoll bezeichnetes pädagogisches Handeln.

Toleranz bedeutet dabei die wirkliche Akzeptanz anderer Lebensweisen. Diese kann man praktizieren, wenn man dazu willens ist. Damit kann man auch die Barrieren der (z.T. vermeintlichen) Intoleranz verringern. Man muß es zumindest versuchen. Die Frage, ob die gemachten Ausführungen nur für die Kolleg(-innen) bis fünfundfünfzig gelten, darf einfach nicht gestellt werden.[11]

III. Zur Wechselwirkung von pädagogischer und gesellschaftspolitischer Dimension

Der Versuch einer Bilanzierung schulisch-pädagogischer Arbeit muß unter dem Aspekt der Bewertung und Gewichtung im politischen Raum erfolgen. Es ist nicht die Pädagogisierung des Politischen allgemein, sondern vielmehr die Feststellung, daß Lehre und Wissenschaft nicht trennbar sind von Gesellschaft. Sie sind deren integrale Bestandteile und damit ihren Interdependenzen, Interaktionen und Spannungen unterworfen.

Wenn Theologie und Philosophie auf abstrakter Ebene (oftmals) in großer Ferne von der Realgesellschaft operieren, im Raum der Schule wird – bei allen Abstraktionsversuchen – der Einbezug in diese und damit die Unentrinnbarkeit aus der gegebenen Problematik deutlich. Die Pädagogik umschließt diesen Raum, der durch mehrfache Problemebenen eingegrenzt und bestimmt wird. Schule ist damit Organon des Politischen. Dieses órganon ist mit dem Begriff der praxis (dem Handeln) zu verknüpfen, nicht mit dem der poiesis (dem des Herstellens).[12]

Hat nun Pädagogik primär mit Gliedern von Gesellschaft zu tun, so bekommt am Ende der siebziger Jahre dieser Kontext bezogen auf Schulkontakte mit Polen – verstärkt durch die Erhöhungen der Spannungen in den frühen achtziger Jahren – eine hohe gesellschaftliche Dimension im Raum des Politischen. Der ‘kleine’ Schüleraustausch, der das gemeinsame Lernen im Mikrobereich von Schule zum Gegenstand hat, wird zumeist unterhalb der kognitiven Ebene angesiedelt und oft von dem leicht mißzuverstehenden Begriff »affektiv« begleitet. Im zu diskutierenden Fall hat diese Gefühlsbeziehung im Mikrobereich der Gesellschaft einen hohen Stellenwert und wird zugleich zum Gegenstand des Politischen selbst.

Der Reiz besteht nun für uns als Lehrer in der – bewußten – Selbstdefinition des Pädagogen als Zoon Politikon. Dieser Wert und die Wirkung insgesamt sind eingebunden in die gefühlte, z.T. unbewußte, partiell reflektierte Alltagswirklichkeit. Diese ist zugleich die Basis bzw. der Raum des Politischen.

Die genannte Dimension konkurriert in der Regel mit Versuchen kognitiver Wahrnehmung und intellektueller Reflexion im Unterrichtsgespräch. Dieser Kontext, dessen wir uns zweifellos bewußt sind, ist es, der in den schönen Reden und Schriftdarstellungen zwar erwähnt, ob seines Stellenwertes aber zu wenig gewichtet wird und wissenschaftlich kaum erforscht ist.

Eine erhebliche theoretische wie pädagogisch-praktische Frage ist die Wechselwirkung zwischen der Dimension des Politischen und der moralischen Implikation. Die moralische Dimension zu postulieren kommt dabei zunächst einer Selbstverständlichkeit gleich. Als Hypothese ist sie jedoch kaum brauchbar. Sie ist nicht falsifizierbar, aber nicht einfach als Leerformel zu entwerten. Es handelt sich zweifellos um eine legitime Frage, die zu hinterfragen es sich lohnt und deren Validität und Dimension auszuleuchten durchaus fruchtbar, wenn nicht gar notwendig ist.

Die Frage hat ihre Wurzel in den vielfältigen widersprüchlichen und mehrfachfunktionalen Prozessen in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Sie ist eingebunden in die politischen Auseinandersetzungen unter der Decke des Kalten Krieges, ja der inneren Widersprüchlichkeit, wenn nicht gar generellen Heuchelei angesichts der Nichtbewältigung des zurückliegenden Geschehens. Dieses zu begreifen, war die Nachkriegsgesellschaft nicht in der Lage – vielfach auch nicht gewillt. Ein Verarbeiten von Gewalttaten, deren aktive mit der passiv-leidenden Komponente interdependent verbunden ist und in der späteren Alltagsrealität umgewichtet und verschmolzen wird, erfordert Stärke und Distanzierungsfähigkeit, eine Bewältigung verlangt eine gewisse Größe. Das kollektive Gedächtnis übte sich nach 1945 diesbezüglich wesentlich im Verdrängen. Die Realsituation des Einzelnen erforderte vor allem Kraft für die Überlebensarbeit.

Es ist kaum zu untersuchen, worin denn nun die wirklichen Motive für unsere Vorgänger in den fünfziger Jahren bestanden, Schüleraustausch zu praktizieren. Es scheint dabei nur für Anglisten und Romanisten leicht zu sein, Antworten zu finden.

Vergessen wir nicht, es waren zuerst Bürgerinnen und Bürger aus Bristol – auch und gerade Überlebende des Holocaust – die auf uns Hannoveraner zutraten und die Städtepartnerschaft anregten. Somit waren die frühen Englandfahrten auch eine Folge der ausgestreckten Hände aus England. Sie wurde gern angenommen. Sie halfen Dämme zu brechen und führten zu stabilen z.T. lebenslangen Freundschaften. Die Frankreich betreffende Entwicklung schloß sich an, war aber weitgehend politisch gewollt und hatte damit zugleich eine spezifische politische Funktion in der späten Adenauer-Ära. Sie war die Voraussetzung für die Überwindung der ökonomisch-politischen Machtschwäche im Vergleich zu dominanten wie auch aufsteigenden ehemals nebenrangigen Weltregionen. Auch der Verfasser erinnert sich gern an Frankreichfahrten während seiner eigenen Schulzeit in den sechziger Jahren. Sie bedeuteten zweifellos eine grundlegende Motivation für eigenes pädagogisches Handeln in dem Raum, den Schule zur Verfügung stellte und weiterhin stellen muß.

Ähnliches gilt für die Hollandkontakte der Bismarckschule. Sie waren, wie auch später der kurze Finnlandaustausch, aus persönlichen Begegnungen entstanden und haben sich spontan sehr schön entwickelt. Sie unterlagen einer abnehmenden politischen Implikation und Notwendigkeit. So endete denn der Austausch mit Holland mangels Interesse der Niederländer.

Mit Polen war das anders. Ausgestreckte Hände gab es bundesdeutscherseits zunächst nicht. Im Gegenteil: politische Fühler seitens der um internationale Anerkennung und Loslösung von Moskau bemühten polnischen Regierung wurden in der Adenauer–Ära zurückgestoßen. Positive politische Implikationen gab es ebenfalls nicht. Man benötigte dagegen das Offenhalten der sog. Deutschen Frage als eine Art Bewußtseinsdroge zur Verhinderung der Anerkennung von entstandenen Realitäten als Folge des verlorenen Krieges, etwas, das Millionen von Menschen auf Grund ihrer Schicksale nicht zu ertragen vermochten. Die Einsicht in das »Unabänderliche«, das »ökonomisch-politisch Notwendige« und das menschlich »Sinnvolle« war niemals zu einem Staatsziel definiert worden. Daß sich dennoch die Entwicklung zu dem ergab, was als Neue Ostpolitik in die Geschichte eingegangen ist, kann denn heute wohl eher als – zweifellos mehrfachinterdependenter – ungesteuerter gesellschaftlicher Prozeß begriffen werden.

Es soll an dieser Stelle nicht zum wiederholten Male die Rolle der Kirchen bei dem sog. Aussöhnungs-, Verständigungs- und dem daraus langfristig resultierenden Normalisierungsprozeß hervorgehoben werden. Ihre Bedeutung angesichts politischer Lähmung in Westdeutschland in der Rolle des Initiators, der eine längst überfällige Entwicklung lostritt, kann nicht hoch genug bewertet und gewürdigt werden. Aber: Welche Christen waren es denn, die die politische Erstarrung klug durchbrachen? Konnten sie es nicht nur deshalb, weil ein Großteil ihrer in Kirchenhierarchien etablierten Amtsbrüder aus der Nazizeit entmachtet worden waren und nicht nur deren Schweigen, sondern erhebliche Mitschuld, gar Mittäterschaft, längst in geschichtsdidaktischen Quellensammlungen der sechziger Jahre dokumentiert worden war? War dieses nicht zugleich eine verspätete kollektive bzw. institutionelle Reue, formuliert von wenigen evangelischen Theologen, gar ein Eingeständnis von Schuld, ein Ersatz für das unterlassene Aufarbeiten von Verstrickungen?[13]

Zweifellos ist es – insbesondere für ehemals Involvierte – verbreitete Praxis, darüber weitgehend zu schweigen. Die Aufhebung dieser verdrängten Tabus mögen spätere Generationen aufarbeiten – sollte es denn jemals in diesen Machtmolochen, die die Organisationen der etablierten Christenheit darstellt, überhaupt geschehen.

Die Frage, warum junge Pädagogen, vor allem Geschichts-, Erdkunde- und Religionslehrer sich in den sechziger Jahren engagierten – die Politiklehrer kamen erst in den siebziger Jahren hinzu – ist nicht herauslösbar aus der sie gesellschaftspolitsch prägenden Phase, also ihrer »eigenen Epoche«.

Bevor man sich fragt, wieso jemand, der in den fünfziger/sechziger Jahren als Schüler, Wehrdienstleistender und Student seine Bewußtseinsprägung erfährt, der vielleicht in Magdeburg, in Wiesbaden oder Hannover geboren ist, in Niedersachsen seine schulische und universitäre Ausbildung erfahren hat und in der Landeshauptstadt arbeitet, sich für Polen interessiert, ohne jemals familiale oder andere Beziehungen zum Land und seinen Menschen geknüpft zu haben, muß die Frage nach der Bestimmung und Eingrenzung des Moralischen erfolgen, sei sie denn – als Hypothese – eine prägende, wenn nicht gar dominante Kategorie. Hinzu gesellt sich historische Neugier, das gesellschaftspolitische ‘über-den-östlichen-Tellerrand-schauen’ des eigenen sehr kritisch betrachteten Systems, dessen nachbarliches konkurrierendes vorgeblich positiv gewertete Alternativen enthielt. Zumindest bot es sich damals theoretisch an.

Das, was wir oftmals mit moralischer Implikation zu bezeichnen pflegen, ist einerseits viel zu hoch gegriffen, will man die Tragweite des Begriffes nicht zu sehr abschwächen. Das pädagogische Handeln ist wesentlich die logische Folge der vielen kleinen Öffnungsprozesse seit den fünfziger Jahren. Aus der skeptischen erwuchs die kritische Generation, die nicht nur wagte, Fragen deutlich zu stellen, sondern den Protest über die frühen scheinheiligen Antworten lauthals kundtat. War der Vietnamprotest nicht zugleich die Abrechnung mit den kollektiven Heucheleien der fünfziger Jahre? Richtete sich studentischer Protest nicht gegen die Einengung in die vielen Denkkorsetts, die noch bestanden? Wie viele Geschichtsprofessoren hatten denn in den sechziger Jahren wirklich den Mut, aus der Tradition reproduzierter dogmatischer Lehrmeinungen auszubrechen. Wie lange hat es denn gedauert – um die gravierendsten Beispiele anzuführen – bis man nicht mehr die jegliche Schuldfrage unterlaufende Phrase vom Hineinschlittern in den Ersten Weltkrieg reproduzierte, sondern die höchst aktive Rolle und den erklärten Willen der preussisch-deutschen und Teilen der habsburgischen Machteliten benannte. Wie lange brauchte man, um die Legenden von der vorgeblichen Pflichterfüllung seitens der Funktionseliten im Nazi-Deutschland, insbesondere der beteiligten Offiziere, die Beteuerung ihrer Nichtvollstrickung in Gewaltakte bis hin zu Genoziden als gezielte und bewußte Verdeckung historischer Realität offenzulegen?

Jede neue Publikation der Fischer-Schule machte die Tragweite der Problematik deutlicher und ließ die akademischen und publizistischen Gegner noch mehr rasen und aufheulen. Irgendwann wurde es stiller um sie, zumeist aufgrund des Erreichens des verdienten Ruhestands. Wie lange brauchte man, um den Zweiten Weltkrieg nicht nur als entfesselt darzustellen, sondern als die begonnenen Versuche zur systematischen physischen und psychischen Auslöschung von Völkergruppen als Fortsetzung der Kriegsziele des Ersten Weltkrieges. Dieser back-ground in den Diskussionen historischer oder politikwissenschaftlicher Seminare in den sechziger Jahren, in den Ausbildungsseminaren für Gymnasiallehrer(‑innen), auch den Medien, hat uns nachhaltig geprägt. War die Schärfe der Argumentation oftmals unangemessen in der Vielfalt dieser Umbruchprozesse, in dieser überfälligen und hoch dynamischen akademischen wie gesellschaftlichen und geistigen »Revolte« war sie kein Fehler, sondern die Folge einer lange angelegten, aber verhinderten bzw. verzögerten Entwicklung, eine Auswirkung von eruptiven Spannungsaufbrüchen. Zweifellos hat sie in den siebziger Jahren für die folgende Studentengeneration an Bedeutungskraft verloren. In deren Blickwinkel erschien zunehmend die Dritte Welt, nicht mehr die Zweite.

Darunter mischte sich die Bewußtwerdung der Schuld der Vorgängergeneration. Deren Wahrnehmen wie das Eingeständnis an das eigene Beteiligtsein an Gewaltakten, ihre Verdrängung des Geschehens im Glücklichsein über das eigene ‘Noch–mal–davongekommen–sein’ vieler, muß als Grenze des menschlich Verkraftbaren gesehen werden. Diese Hypothek übernahm die nächste Generation. Die Logik der Verständigungs- und Aussöhnungsprozesse im Westen, das Neugierverhalten, der Wissensbedarf gegenüber dem, was hinter dem Eisernen Vorhang geschah, nachdem dieser die ersten Risse und Rostlöcher bekommen hatte – ausgenommen ‘natürlich’ der Grenzzaun von Travemünde bis Plauen, der mit sächsischer Emsigkeit gezogen und preußischer Gründlichkeit bewacht und instandgehalten wurde.

Hintergrund dessen, was sich individuell hinter dem verbirgt, was man mit Moral, Verantwortung, Wiedergutmachung oder Gestaltungswille umschreibend bezeichnet, mag individuell unterschiedlich gestaltet sein, kaum jemand outet sich diesbezüglich wirklich. Vielleicht ist es die Einsicht in die Notwendigkeit, angesichts zunehmender atomarer Bedrohung und der Unfähigkeit oder gar des Unvermögens bzw. der Unwilligkeit der westlichen Machteliten wie auch der östlichen Machtverfügenden, oder gar der Profiteure des steigenden Spannungsgrades und ihrer ins Unermessliche gesteigerten Kosten. Es gilt, die Dimensionen des ebenfalls damit verbundenen sich ausdehnenden Elends in der Welt als Mitverursacher wahrzunehmen. Vielleicht war es auch nur die Chancenahme für diesen kleinen Part an politischer Eigentätigkeit. Vielleicht liegt es daran, in einem Berufe zu wirken, in dem traditionelle ‘harte’ Machtquellen verschlossen sind, auf der psychosozialen Ebene politisch im Kleinen zu wirken und die ‘kleine Befriedigung’ erfährt, in dem Versuch, dem Anspruch zu genügen, ein gesellschaftlich handelnder Mensch zu sein: ein Zoon politikon.

Insgesamt kann von einer gesellschaftspolitischen, fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Diskussion und Spannungskumulation gegen Ende der sechziger Jahre gesprochen werden. Als logische Konsequenz bot sich – sobald es im Verlauf der siebziger Jahre eine Hinwendung zu Osteuropa in politischer und – bezogen auf die Schule – in pädagogischer wie fachdidaktischer Hinsicht möglich wurde.

Pädagogisches Engagement resultiert aus der Zusammenführung vielfältiger gesellschaftspolitischer Implikationen innerhalb international-politischer Rahmengebung. Es erwächst aus dem Spannungsbereich fachwissenschaftlicher wie didaktischer Diskurse, die wiederum im Kontext stehen zum Spannungsbereich von Rollenzuordnung – der tradierten Legitimationswissenschaften und ihrer Träger an Universitäten und öffentlichen Schulen – wie den sich emanzipierenden, sich zunehmend als kritisch definierenden Wissenschaften und ihren Didaktike(r)n, ausgehend von den Universitäten unter starker Impulsgebung durch außeruniversitäre Wissenschaftler und Publizisten.

Der (vordergründig) als didaktisch-methodisch verstandene Streit um »Geschichte als Sozialwissenschaft« ist heute ein längst ausgestandenes und überlebtes Problem. Historiographie und Dynastiekunde sind längst überlagert und ersetzt durch Methoden aus Ökonomie, Soziologie und Politikwissenschaft. Umgekehrt hat der historische Ansatz seinen festen Platz in den (scheinbaren) Gegenwartsdisziplinen.

Ein weiteres Paradigma stellt der Versuch bzw. das Ziel dar, Denken und Handeln in der Pädagogik miteinander zu verknüpfen. Kognitives, abstrahierendes bzw. Distanzdenken verknüpft sich mit Handlungsorientierung und als ein heute der Utopie oder Irrationalität verdächtiger Ansatz, die gesellschaftliche Veränderung über Emanzipierung und Machtpartizipation bisher Benachteiligter herbeizuführen. Der Kompensationsgedanke, bezogen auf Benachteiligtsein, Unterprivilegierung sowie sozialer Ungleichheit trägt ebenfalls zum bewußten Eingang des Politischen in die Didaktik bei.

Nun darf nicht übersehen werden, daß die idealistische Schule der Jahrhundertwende keineswegs unpolitisch war – sie war es zuhöchst, nur hatte sie ihre spezifische Funktion in der Enge der damaligen bürgerlich und landadlig definierten Gesellschaft und ihren starren Machkonstellationen.

All diese Zusammenhänge wurden in den sechziger Jahren nach und nach bewußt und wirksam. Sie führten zur Neudefinition des Pädagogischen – ohne zu konsensualem Verhalten der Beteiligten zu führen. Die vielfältigen Versuche zur Herausbildung einer Streitkultur waren nicht immer von Erfolg begleitet. Statt dessen reproduzieren sich Machtkämpfe auf diversen Ebenen – insbesondere in intellektualisierten Berufsverbänden – die der Pädagogik abträglich sind.

In dem Paradigmenwechsel der prägenden sechziger Jahre wurden unterdrückte Gefühle freigesetzt. Mit bitterem Beigeschmack erfuhren Studenten davon – zumindest diejenigen, die sich dafür interessieren bzw. durch Dozenten dafür interessiert werden. Da vieles von dem, was heute ‘neu’ gedacht wurde, ein Wiederaufnehmen der Gedanken der Reformdiskussion in der Weimarer Demokratie war – die ihrerseits ihre Wurzeln im administrativ unterdrückten Fortschrittsdenken des neunzehnten Jahrhunderts hatte. Man erinnere sich an die Forderung zum ganzheitlichen oder naturnahen Unterricht, zur Abschaffung der sog. Vorschulen.

Das, was man vielfältig als »moralisch« abgeleitetes Engagement angesehen wurde, ist mehr ein Offenlegen von unterdrückten Gefühlen, von am Gerechtigkeitspostulat orientierten Lebenszielvorstellungen – um den oft als häßlich oder garstig empfundenen Politikbegriff herauszunehmen.

Kaum jemand kann klar und für den Fragenden nachvollziehbar schlüssig Motivation und Engagement im konkreten Kontext erklären. Es ist vieles Freude, Genugtuung – weniger die sog. Verantwortung. Letzteres wäre ein viel zu hoch gegriffener Versuch, resultierend aus dem verkrampften Festhalten am Kantischen Denken, oftmals eine Idealisierung aus der Verklärung im Nachhinein, wenn nicht gar ein Ideologem.

Bleiben wir auch hier bei unseren Leisten. Bei analytischer Betrachtung kann nicht von einem impulsgebenden Vorliegen eines Vorausgegangenen, einem »moralischen Impetus« ausgegangen werden. Eine solche Hypothese hält keiner gesellschaftswissenschaftlichen Analyse stand. Die Kategorie der Moral ist auf die Motivation gesellschaftspolitischen Handelns nicht anwendbar. Man mag das beklagen. Ethisch-moralische Kategorien haben zweifellos einen hohen Stellenwert in der Bewertung bereits erfolgter Handlungsabläufe, auch ihre Bewertungsmuster im Zusammenhang mit erzieherischer »Zielorientierung« sei hervorgehoben. Konträre Auffassungen sind in diesem Zusammenhang zweifellos gegeben, nur muß klar gesehen werden, daß eine wesentliche Funktion in der Anwendung von Existenzlegitimation und Zielprojektion der jeweils eigenen Gruppe besteht.

Die Kategorie des Moralischen ist dabei (nur) der Versuch, das hochdifferenzierte Interdependenzgeflecht von politischen Implikationen, von individuellen Verarbeitungs‑ wie kollektiven Verdrängungsmechanismen zu überlagern. Sie hat dabei oftmals die Funktion, eine Ursachenanalyse zu verhindern und real existierende Interdependenzen zu verschleiern.

Wir können die Basis des pädagogischen Tuns als eine Art »Antworthandeln von unten« beschreiben, als einen Versuch zur Ausdehnung von Freiheitsräumen durch »kritisches Denken«, damit auch ein Widerstehen dem Oktroi ehemals herrschender ‘unreflektierte’ Wert- und Normenkataloge.

IV. Schlußbetrachtungen

Es ist bedauerlich und bedrückend, daß nach den Erkenntnissen der zweiten Hälfte der sechziger Jahre – resultierend aus der Einsicht in die Notwendigkeit, zu qualitativen Reformen zu gelangen – ein Kompromiß, der zunächst auf breiter Basis stand und und getragen wurde von der Spannbreite politisch relevanter Kräfte in der späten Nachkriegsgesellschaft der BRD – nicht dazu führte, daß eine zukunftsorientierte Reform im Konsens gelang.

Dabei kann generell konstatiert werden, daß, nachdem die ‘harten’ Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit beigelegt worden waren, alle politisch relevanten Kräfte unter dem Deckmantel der »Sozialen Marktwirtschaft« ihren Platz gefunden hatten.

Die Frage,

  • ob eine tragische Verstricktheit der Beteiligten die Ursache war,

  • ob die Machteliten Westdeutschlands und ihre Funktionsträger zu sehr befürchten mußten, an Einfluß zu verlieren,

  • ob man – dem Zwang zum verbalen Schlagabtausch gehorchend – die gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen in die »weichen« Gefielde verlegte,

  • ob trotz begonnener Reformen vor allem die ökonomischen Machtquellen dieser Gesellschaft in die »Gegenrichtung« sprudelten,

ist gegenwärtig nicht zu klären.

Der Wunsch und die Bereitschaft zum Konsens für Reformen waren dahin; der Mut zum Neudenken durch restaurative Tendenzen beseite gedrängt. Eine zweite Restaurationsphase in der Geschichte der Bundesrepublik?

Konservative Kräfte versuchten zunehmend, seit der ersten »Wende« in Deutschland, den »Reform«-Begriff für sich zu reklamieren und neu zu besetzen. Dieses ist ihnen neben anderen Versuchen[14] partiell geglückt.

Für den Verfasser wird das Prinzip Reform weiterhin einen hohen Stellenwert haben. Die Politische Bildung hat die Verpflichtung, die Gegenwart kritisch zu sehen und zu beurteilen, sie in der Folge historischer Prozesse zu deuten und zu gewichten.

Gerade angesichts der Schwelle zum Dritten Jahrtausend – das hier bei uns in Hannover mit dem wohl bedeutungsvollsten Ereignis eingeläutet wird – müssen wir weiterhin den Willen zum Fortdenken zeigen. Das bedeutet, wir müssen die Verzagten ermutigen und die Verstockten überwinden.

Wir dürfen die weitreichenden Entscheidungen auf keinen Fall den anonymisierten »Global-Players« überlassen. Reformen zu denken und voranzubringen ist unsere moralische Verpflichtung.

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Gerhard Voigt

Politik in der Schule?

Über den Zusammenhang zwischen öffentlichem Politikdiskurs und Selbstbild von Politiklehrerinnen und Politiklehrern: Erfahrungen an der Bismarckschule Hannover*

Manche fühlen sich von riesigen Bücherwänden und -ketten bedroht, mich ermutigen sie. Ein so riesiges Bildungsinstrument muß mir dabei helfen können, mich über meine Affekte zu erheben... Wissenschaft tröstet, denn sie macht den Schmerz zu einem interessanten Fall, an dem sich was beweisen läßt.

Stan Nadolny: Netzkarte[15]

Die Bismarckschule hat eine gespaltene Identität: Naturwissenschaftlicher Schwerpunkt und UNESCO-Projekt-Schule, technische Leistung, Effizienz und Politische Bildung, Emanzipation und Liberalität. Es ist in zwanzig Jahren Ringens nicht gelungen, diese beiden Pole eines breiten und potentiell fruchtbaren Lernangebots zu versöhnen, in Wert zu setzen. Der langjährige Schulleiter der Bismarckschule Hannover, Ulrich Bauermeister, hat durch die Beteiligung an der Reformarbeit in Niedersachsen intensives schulpolitisches Engagement bewiesen, gleichzeitig in seinem Unterricht in fast allen Fächern des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes sich bemüht, die Ziele der Politischen Bildung für seine Schülerinnen und Schüler umzusetzen, fruchtbar zu machen. Die Inhalte der Politischen Bildung waren für Ulrich Bauermeister immer Verpflichtung und Herausforderung zugleich. Wie schwer es aber ist, dieses optimistische Programm mit den Aufgaben und Zwängen einer Schulleiterstelle zu vereinigen, beschreibt an anderer Stelle sein Kollege Eckhart Jander, Schulleiter unserer Nachbarschule, der Tellkampfschule, der selbst aus der niedersächsischen Schulreformarbeit kommt.[16]  

Doch ist dies nicht eigentlich nur ein Problem der Bismarckschule, es ist ein Problem des Selbstverständnisses von Schule in unserer heutigen Gesellschaft selbst und es ist ein Problem der Politischen Bildung, des »Politischen«, das in eine »Krise« geraten ist.

Die subjektive Perspektive bietet sich nicht nur wegen der geringen Distanz des Verfassers zum Thema, sondern auch durch die langjährige Arbeit im Vorstand des Verbandes der Politiklehrer an. Nur wenige Kolleginnen und Kollegen sind heute noch bereit, engagiert und aktiv an der Gestaltung der wesentlichen Zukunftsaufgaben mitzuwirken. An diesen Widerständen ist das Reform- und Aufbruchspotential der Bismarckschule nicht zur erwarteten Wirksamkeit gekommen, sind auch die Hoffnungen von Ulrich Bauermeister nicht erfüllt worden. So sind meine Thesen vor allem auch Fragestellungen, die einer wissenschaftlich-empirischen Überprüfung bedürfen und als Beiträge, vielleicht auch Einreden, im innerfachlichen Diskurs zu verstehen sind. So ist dieser Aufsatz auch eine Frage nach noch offenen Auswegen.

Lehrerdasein zwischen »Konformitätsdruck und Profilierungszwang«[17]

Politiklehrerinnen und Politiklehrer stehen vor der Anforderung, das, was anderen Pädagogen aus pädagogischer Verantwortung heraus aufgetragen ist: die eigene Situation kritisch zu reflektieren, die Bedingtheit der Motivation und der eigenen Kompetenz zu erkennen und das Verhältnis zur Institution Schule kritisch-rational zu klären – als ebenso fachlich-kognitiven Bereich der eigenen stofflichen Unterrichtskonzipierung zu verstehen und umzusetzen.

Dieses Leben aus der Selbstreferentialität heraus begründet die typische »postmoderne« Existenz der Politik- und Gesellschaftswissenschaften und der Lehrkräfte in diesem Fachbereich. Damit sind sie aber auch typisch der Krisenwahrnehmung und den Bewältigungshemmnissen dieser »Postmoderne« unterworfen.

Was dem Menschen in unserer Staatsgesellschaft allgemein am Ende des 20. Jahrhunderts als Krise, Unübersichtlichkeit und Orientierungsunsicherheit, ja als bedrohliche Auflösung der »Ordnungen« erscheint, stellt sich dem selbstreferentiellen Perspektiven aufgeschlossenen Wissenschaftler und Philosophen als Absurdität oder Paradoxa der sowohl gesellschaftlichen wie wissenschaftlichen Realität dar. Künstler haben diese Befindlichkeit im Laufe des 20. Jahrhunderts in ihrer größeren Sensibilität gegenüber den Verwerfungen der Realität schon viel früher erfahren und zum Ausdruck gebracht, als dies in anderen öffentlichen Diskursen bemerkt und umgesetzt wurde; die gesamte Kunst- und Literaturgeschichte der Moderne ist eine Auseinandersetzung mit dem Zerfall der einst als sicher wahrgenommenen Realitäten. Es ist bezeichnend, daß der Anstoß zu einer eingehenderen philosophischen Befassung mit den Paradoxonen des Realen aus der mathematischen Logik und der naturwissenschaftlichen Erkenntnistheorie kam, die an die Grenze des euklidschen Welt- und Zahlenbildes gestoßen war. Die Konvergenz künstlerischer Erfahrung mit der mathematisch-naturwissenschaftlichen Erforschung der Grenzen der traditionellen Logik und Realitätswahrnehmung hat in großartiger Weise Douglas R. Hofstadter in seinem Werk Gödel, Escher Bach – ein Endloses Geflochtenes Band[18] ausgebreitet.

Daß gerade in den gesellschaftswissenschaftlichen und politischen Disziplinen wie in einer breiteren Öffentlichkeit eine weitverbreitete Tendenz dagegen besteht, diese irritierenden und verunsichernden Erkenntnisse abzuweisen, gar zu anathematisieren und sich auf subjektiv begründete ethisch-normative Scheinsicherheiten traditioneller Realitätsdefinitionen und ‑wahrnehmungseinschränkungen zurückzuziehen, ist menschlich verständlich, aber gesellschaftlich ebenso gefährlich und destruktiv. Der Soziologie ist dieses Verhalten präsent und einleuchtend, wenn das leitende gesellschaftliche Prinzip des Bedürfnisses nach Ordnungs‑, Orientierungs- und Zukunftssicherheit untersucht wird, das die sozio-psychologische Grundlage des Macht- und Legitimationsprozesses in der organisierten und institutionalisierten (Staats-) Gesellschaft ist.

Wo Selbstreferentialität verunsichern muß, bringt gegenseitige Bestätigung der Ordnungsstrukturen und Werte für das Leben des Einzelnen, aber auch für die Schule Schutz vor der Kälte und Bedrohung durch die Realität und Schutz vor der Furcht vor Überforderung. Gerade die Schule ist eine Institution, die zum einen in ihren Schülerinnen und Schülern Menschen mit noch nicht hinreichend entwickelter Ich-Stärke und damit expliziter Schutzbefohlenheit unterrichtet, die zum anderen aber gerade auch die traditionelle gesellschaftliche Aufgabe übernimmt, der folgenden Generation diese Ordnungssicherheit zu vermitteln – sie ist gerade nicht die Institution der ungeschminkten und ungeschützten Konfrontation mit dem irritierenden und verunsichernden Zerfall traditioneller Realitätssicherheit, mag diese Konfrontation auch rational geboten und letztlich gesellschaftlich unabweisbar sein.

Daher auch das oft panische Festhalten von Pädagogen an obsoleten und zum Teil sogar gefährlichen Grundbildungskonzepten und einer affirmativ-rückwärtsgewandten Werteerziehung. Politiklehrerinnen und -lehrer sind in dieser pädagogischen Konzeption notwendigerweise dann Fremdkörper und Außenseiter, wenn sie die prinzipiell selbstreferentielle, auf grundsätzliche Verunsicherung zielende Struktur ihres Faches noch ernst nehmen und zur Richtschnur ihres pädagogischen Verhaltens machen. Nur zu schnell siegt aber in der eigenen Biographie die bequemere affirmative Pädagogik über die irritierende gesellschaftswissenschaftliche Bildung! Damit ist das Leiden der Politiklehrerschaft an ihrem Fach zu verstehen und zu beschreiben. Gleichzeitig ist diese oft mangelnde Identifikation mit den fachlich-rationalen Potentialen der Sozial- und Politikwissenschaften aber auch mit ein Grund für den Bedeutungsverlust des Faches und, fast möchte man sagen: das Verschwinden des originär Politischen aus den öffentlichen Diskursen, was es umso leichter macht, diffamierend Politik mit Parteipolitik gleich- und herabzusetzen.

Welche Bedingungen finden Politiklehrerinnen und -lehrer nun in der Schule vor, wenn sie diese gesellschaftlichen Widersprüchlichkeiten und selbstreferentiellen Reflexionsansätze zum didaktischen und unterrichtsmethodischen Leitprinzip erheben wollen?

Die Institution Schule ist nur vor dem Hintergrund des Zivilisationsprozesses zu verstehen. Eine fachgeschichtliche Wurzel der Politikwissenschaft, vor allem im süddeutschen Raum noch heute in der Universitätsorganisation erweisbar, ist das ältere Staatsrecht bzw. ist die Staatsphilosophie, die den entsprechenden juristischen und philosophischen Fakultäten zugeordnet sind. Die sozialwissenschaftliche Zuordnung zu einem ohnehin jungen und nicht einheitlich strukturierten Fachbereich ist uneinheitlich und auch inhaltlich oft uneindeutig. Entsprechend der zeitweise negativen Wertbesetzung des Begriffs »Gesellschaft«[19] ist damit auch in der Didaktik des Politikunterrichts die sozialwissenschaftliche Fundierung des Politikbegriffes und erst recht nicht des »Staates« als Unterrichtsgegenstand des Faches eindeutig und zwingend. Die Einführung eines im Kontext einer sozialwissenschaftlichen Zivilisations- und Staatstheorie unverzichtbaren korrespondierenden Begriffes einer »Staatsgesellschaft« als Charakteristikum und Typkategorie ist daher nicht ohne weitere Reflexion des fachlichen Selbstverständnisses des Politikunterrichts selbstverständlich.

Dementsprechend erreicht das Fach »Politik« in vielen Fällen Schülerinnen und Schüler als »Staatsbürgerkunde«; auch spätere Fachbezeichnungen sind auffällig uneinheitlich (Sozialkunde, Gemeinschaftskunde, Gesellschaftslehre) und zeichnen die Uneindeutigkeit sowohl der didaktischen Konzepte wie der sie tragenden politischen Setzungen nach.

Damit ist die Unsicherheit gegenüber einem wertbesetzten Gegenstand und seine Einbindung in die Prozesse der Machtgewinnung und des Machterhalts ebenso zu charakterisieren, wie daraus rein äußerlich die jeweiligen (partei-) politischen Optionen der Landesregierungen als verfassungsmäßige Träger der »Kulturhoheit« in der Bundesrepublik Deutschland abzulesen sind.

Entsprechend dieser institutionellen und gesellschaftlichen Vorgaben ist der Fachgegenstand von Anfang an deutlich gegenwartszentriert und aktualistisch verstanden und bewußt von einer, meist auch von aktuellen Bezügen befreiten, »historischen Bildung«, die vom Fach Geschichte getragen wird, abgesetzt worden. Die vom Gegenstand her nicht hinreichend begründbare strikte Fächeraufteilung in Politik, Geschichte und Erdkunde[20]  bedingt einen uneinheitlichen und unscharfen Gebrauch von gemeinsamen Begriffen und Kategorien.

Im Sinne der Staatsgesellschaft ist Schule vor allem eine Instanz, Affektkontrolle und Distanzfähigkeit durchzusetzen und in der Gesellschaft allgemein zu internalisieren. Wie in der ganzen Entwicklung des modernen Staates, etabliert sich untergründig aber eine gegenläufige Bewegung und Zielgewißheit, eine Hoffnung, die Verkürzungen und Erstarrungen der Zivilisation aufzubrechen, Autonomie und Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und Spontaneität, Neugier und Bereitschaft, gesellschaftliche Risiken einzugehen, in der Schule wie in der Gesellschaft durchzusetzen. Zivilisationsprozesse sind nie eindeutig und irreversibel, sondern in Gleichgewichtssyteme der Gesellschaftsentwicklung eingebunden. Von Rousseau (»Emile«) über die vielfältigen Schulreformkonzepte der zwanziger Jahre (Montessori, Landschulbewegung, Waldorfpädagogik) bis zu alternativen Schul- und Lebenskonzepten der Gegenwart (Summerhill, Cuernavaca, Paullo Freire, antiautoritäre Erziehung) zieht sich eine neue antizivilisatorische, aber dennoch zutiefst wertverpflichtete neue Tradition, Schule und staatsgesellschaftliche Zwänge zu entkoppeln und immanente Widerständigkeit als Lebenskonzept zu ermöglichen. Diese Anstöße von außen habe tiefe Spuren in Generationen von Lehrkräften auch im staatlichen Schulwesen hinterlassen und Selbstgewißheiten und unbefragte Traditionen aufgebrochen.

In den besten Zeiten des gesellschaftlichen Wandels in der Bundesrepublik Deutschland vor allem in den siebziger Jahren konnten sich auch Teile des Staatsapparates und der Kultuspolitik dieser immanenten Widerständigkeit – sehr vorsichtig – nähern und eine Reformphase einleiten, deren Tiefgang und gesellschaftliche Wirkung bis heute noch nicht endgültig wissenschaftlich ausgelotet worden ist. Wir Politiklehrer waren eine Zeit lang Teil dieses Reformaufbruchs. Die Reformer kamen in die Schulen und bewegten einiges, zum Teil – wie Ulrich Bauermeister an der Bismarckschule Hannover oder Eckhart Jander an der Tellkampfschule Hannover –als Schulleiter. Doch in einer Zeit, in der sogar der Begriff Reform für Entliberalisierung den neuen Ausbau staatlicher Repressionsapparate unter dem Furchtgespenst der Organisierten Kriminalität und der Ausländerkriminalität und für die Bezeichnung massiven und systematischen Sozialabbaus pervertiert wird, kann tatsächliche Reform wohl kaum noch in die Realität umgesetzt werden. Und wo bleiben die Unterrichtenden, die sich den emanzipatorischen Zielen der Politischen Bildung verschrieben haben in der historischen Gewißheit, daß diese Widerständigkeit notwendiger Teil auch der etablierten Politischen Kultur Mitteleuropas ist, durch Revolutionen erkämpft, von Ketzern und Widerstandskämpfern geadelt? Daß letztlich die Grundrechte, die das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland einleiten, nicht affirmatives Selbstverständnis der Staatsgesellschaft sein können, sondern das erkämpfte Recht, Menschenrecht gegen den Staat einfordern zu dürfen und zu müssen?

Kein Lehrer, keine Lehrerin der heute unterrichtenden Generationen seit den Siebziger Jahren ist nicht von Motivation und Ausbildung her auch mit den Konzepten der pädagogischen Widerständigkeit in Berührung gekommen; die große Frage ist, ob er im täglichen unterrichtlichen Umgang mit Schülerinnen und Schülern diese Widerständigkeit behaupten und glaubhaft vermitteln kann, also auch bereit ist, das damit verbundene gesellschaftliche Risiko einzugehen, oder ob er der Erfahrung der Widersprüchlichkeiten der Alltagsrealitäten erliegt und sich wieder den traditionellen affirmativen pädagogischen Rahmenbedingungen ein- und unterordnet.

In der Politischen Bildung verstärkt sich dieser strukturelle Grundwiderspruch noch dadurch, daß er sich selbst thematisiert, besser: thematisieren muß. Gerade über eine bewußte Politische Bildung kommen moderne philosophische Konzepte des selbstreferentiellen Denkens in die Didaktik. Das Dilemma ist, daß damit – vor dem Hintergrund von Herkunft, Biographie und Ausbildung – Lehrerinnen und Lehrer, auf die unmittelbare Unterrichtspraxis fixiert, prinzipiell überfordert sind und diese Überforderung als Streß wahrnehmen. Und Streß verursacht Intoleranz, Mangel an Distanzierungs- und Selbstdistanzierungsfähigkeit, letztlich: pädagogische Inkompetenz. K. Peter Fritzsche schreibt dazu in seinem lesenswerten Aufsatz: Über die Schwierigkeiten, Toleranz zu üben[21]:

Toleranz „ist das Resultat eines mühsamen Lernprozesses und beruht nicht auf Schwäche, sondern auf Stärke: Über die Wechselbeziehung mit Streß... Es ist sozialer Streß, der Bürger anfällig für Intoleranz macht. Toleranz-Schwellen sind deshalb als Streß-Schwellen zu begreifen.

Bei sozialem Streß geht es um das Verhältnis von sozialen und politischen Anforderungen und den Fähigkeiten der Menschen, damit umzugehen, oder besser: Es geht um das Mißverhältnis von Problemdruck und Problemlösungskompetenz und um die Reaktionen auf dieses Mißverhältnis. Wenn Belastungen der Gesellschaftsstruktur oder des sozialen Wandels auf begrenzte oder fehlende Fähigkeiten ihrer Verarbeitung treffen, wenn Problemdruck auf mangelnde Kompetenzen und Ressourcen trifft, mit diesem Druck umzugehen, dann wird diese Konstellation von den betroffenen Bürgern als Streß wahrgenommen: das Gefühl der Herausforderung wird durch das Gefühl der Überforderung verdrängt. Abwehr- und Fluchtreaktionen sind als Ersatzlösungen wahrscheinlich, um dem Streß zu entkommen.

Nach dieser Streß-Konzeption gibt es keine absolute Überforderung, sondern es gibt Gefühle von Überforderung, die immer von der Einschätzung der Betroffenen abhängen. Der Streß ist weder allein das Ergebnis von objektiven Belastungen noch von fehlenden Kompetenzen. Erst das Zusammentreffen eines relativen Zuviel an Belastung und eines relativen Zuwenig an Möglichkeiten der Bewältigung läßt das Gefühl der Überforderung entstehen. Dieser Streß-Begriff unterscheidet sich also vom umgangssprachlichen Begriffsgebrauch, wo Streß lediglich ein Zuviel an Belastung meint!

Die Toleranz-Schwelle in einer Gesellschaft läßt sich somit als Streß-Schwelle konzipieren: Je größer der soziale Streß, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, daß die gestreßten Bürger sich tolerant verhalten.“

Der niederländische Soziologe und Philosophie Cas Wouters[22]  beschreibt den daraus resultierenden Grundwiderspruch des heutigen Entwicklungszustandes des Zivilisationsprozesses anschaulich:

„Diese Zwänge zur Identifikation und Individualisierung, zu Konformität und Profilierung, gehen wie die zwei Seiten eines Januskopfes aus ein und demselben Prozeß der Zivilisation hervor. Aus diesen Zusammenhängen wird ersichtlich, wie wichtig es ist, in Gleichgewichten zu denken. Denn oft genug wird eine kulturkritische Diagnose, welche die diktierten Muster der fortschreitenden Einschränkung von Selbstbestimmungsmöglichkeiten verzeichnet, einer Individualisierungsdiagnose gegenübergestellt, die, wie auch immer formuliert, die gewachsene individuelle Freiheit betont. Freilich sind die beiden miteinander verschränkten Diagnosen gleichermaßen einseitig: diktierte Muster und Freiheitsträume spiegeln einander wie Ängste und Passionen, Schreckensbilder und Ideale.

Jene Verschränkung macht aber jeden Versuch einer Bewertung des Gesamtprozesses zu einem allenfalls ambivalenten Balanceakt. Immer mehr Erfahrungen, Interpretationen und Ideale sind selbst ambivalent geworden. Im Prozeß der Informalisierung vollzieht sich eine ‚kontrollierte Dekontrolle‘ des sozialen Verkehrs und des Gefühlslebens; aber wo genau liegen deren Grenzen? Es haben sich Ausblicke auf neuartige Verhaltens- und Gefühlsalternativen ergeben; viele sind in neue Richtungen gegangen, manche gingen zu weit. Wie verhält es sich zum Beispiel mit dem riskanten Hedonismus und dem Sich-gehen-Lassen?“

Dieser gesellschaftlichen Ambivalenz begegnen Politiklehrer und ‑lehrerinnen Tag für Tag bei ihren Schülerinnen und Schülern, ohne dagegen eindeutige und widerspruchsfreie gesellschaftliche Konzepte, Ordnungs- und Verhaltenbilder und Werte setzen zu können, dieser gesellschaftlich-zivilisatorischen Ambiguität fühlen sie sich aber auch in ihrer eigenen Biographie ausweglos unterworfen. So kann zunächst nur die Forderung gestellt werden, die Fähigkeit, gesellschaftliche Dissonanzerfahrungen und Paradoxien auszuhalten, zu verstehen und distanzieren zu können. So komme ich noch einmal auf das Eingangs zitierte Motto zurück: „Wissenschaft tröstet, denn sie macht den Schmerz zu einem interessanten Fall, an dem sich was beweisen läßt...“

Über die fünf absurden Antagonismen im Leben des Politiklehrers

Fassen wir nun die bisher fachlich und philosophisch gefaßten Grundprobleme zusammenfassen in fünf Beobachtungen, die überspitzt und eher feuilletonistisch auf den Punkt gebracht werden sollen. Das soll weh tun und nicht der üblichen Affirmation dienen. Es läßt, das mag zu Recht einzuwenden sein, Distanz und Selbstdistanz missen, es widerspricht den »abgehobenen« Forderungen, die wir selbst eben formuliert haben. Doch soll es in durchaus selbstreferentieller Weise eine Katharsis ermöglichen.

1. Distanzierte Verwicklung: Die Politik

Politiklehrer und -lehrerinnen wollen Politik machen, vielleicht gar die Gesellschaft verändern und verbessern, die Schule zum Agenten des gesellschaftlichen Fortschritts machen, sich auf die neue Generation voller Hoffnung und Optimismus einlassen – und treten ein in eine Institution, die den Ballast der herkömmlichen Ordnungsvorstellungen, die die Selbstverständlichkeiten der Staatsgesellschaft zum Ordnungsmodell ihres Funktionierens und ihres Alltags macht. Die Politik entfernt sich.

Gerade die große Zahl von Lehrerinnen und Lehrern in den staatlichen Vertretungskörperschaften verweist auf eine absurde Entwicklung: nicht aus ihrer Erfahrung als Lehrerinnen und Lehrer heraus wird Politik gestaltet, sondern in der vorweggenommenen und überkompensierten Furcht vor den negativen Stereotypen gegenüber der Lehrerschaft wird Politik unbewußt als Flucht vor der eigenen Biographie betrieben: absurde Verwicklung.

2. Distanzierte Verwicklung: Die Schule

Die Beziehung von Lehrerinnen und Lehrern zur Schule sind gekennzeichnet von Dichotomien. Grundüberzeugungen und affektive Strukturen bilden sich in den meist dreizehn Jahren eigener Schulzeit heraus: sie sind der Orientierungsrahmen für die spätere Haltung zum Lehrerberuf. Rollen, Muster, Rollenerwartungen, Rollendistanz und Zuwendung werden hier schon angelegt. Der »Frontwechsel« ist für junge Lehrerinnen und Lehrer daher ein tieferer affektiver Einschnitt als der Eintritt in einen anderen Beruf: vielleicht wird dieser Einschnitt aber verdrängt durch die irrationale Hoffnung auf Kontinuierung der sozialen Lebenswelt. Berufswahl des Lehrers als Symptom einer affektiven und sozialen Entwicklungsverzögerung, von Infantilismus?

Ein großes Problem stellen vor allem diejenigen Lehrkräfte dar, die – vielleicht mit Ausnahme einiger Ferienjobs – nie eine andere Arbeitswelt als die Bildungsinstitutionen Schule und Hochschule kennen gelernt haben. Diese institutionalisierten, immobilen und staatsaffirmativen institutionalisierten Lebenswelten, in denen Freiheit als Narrenfreiheit definiert wird, sind mehr als nur ein üblicher Arbeitsplatz, sie sind Orientierungsmuster für spezifische pädagogisierte Welt- und Gesellschaftsbilder.

Es fällt von außen her daher leicht, die Praxisferne der Lehrerschaft zu verurteilen – erkennt man Lehrerinnen und Lehrer doch sehr schnell an einem besonderen Habitus, an aufdringlichem Sprachduktus und an »besserwisserischen« Weltbildern –, übersieht dabei jedoch, daß dieser Lehrerhabitus notwendige strukturelle Folge einer objektiv widersprüchlichen Berufssituation ist, deren Folge beinahe zwangsläufig affektive und soziale Überforderung ist. Dieser affektive Widerspruch ist noch zu thematisieren.

Solange sich Schulpolitik im Aufrechterhalten vorher willkürlich (will sagen: politisch) gesetzter Stundentafeln und Formalcurricula erschöpft und von der dummen Annahme ausgeht, Lernerfolg linear an erteilten Stundenzahlen erzielen zu können, ist die Schule typischer und zentraler Ort des allseits beklagten Staatsversagens.

Als Lehrer Versagensverwaltung zu betreiben und zu professionalisieren, fordert bestenfalls zynische oder ironische Selbstdistanz, bewirkt aber wohl eher Traumatisierungen...

3. Intellektualisierungsprozesse und Affirmation

In der Schule vollziehen sich organisierte Intellektualisierungsprozesse. Die kognitive und methodische Seite dieser Prozesse ist Gegenstand der allgemeinen und der Fachdidaktik, sie ist rationalen Kriterien offen und letztlich auch optimierbar. Dabei stellt sich die grundsätzliche Frage, in wie weit sich Schule und Lehrerdasein auf diese Effizienzperspektive reduzieren läßt und reduziert werden darf.

Der gegenwärtige schulpolitische Trend geht gerade in die Richtung, die kognitiv-methodische Effizienz als mögliches und sinnvolles Ziel der Schule zu behaupten und schulpolitisch-administrativ durchzusetzen.

Daß dem ein grundsätzliches Mißverständnis zu Grunde liegt, ist dem Sozialwissenschaftler sehr deutlich. Intellektualisierungsprozesse sind nicht in erster Linie persönliche, individualpsychologisch begründbare Prozesse des Wissens- und Fähigkeitserwerbs, sondern setzen kommunikative Prozesse in der Gesellschaft, Diskurse über Gruppenidentitäten und soziale Kohäsion, über offene oder verhinderte soziale Mobilität in eben dieser Gesellschaft voraus. Alle effizienten kognitiv-erzieherischen Bemühungen der Schule vermögen nichts gegenüber sozialen Diskriminierungs- und Distanzierungsprozessen, die zu einer Einschränkung der informellen oder formalen Teilhabe an den dargestellten Diskursen über die gesellschaftlichen Entwicklungen führen.

Unsere schulische Behandlung der so wahrgenommenen ethnischen, sprachlichen oder nationalen Minderheiten – wobei diese Wahrnehmungsperspektive zunächst einmal selbst kritisch relativiert werden müßte! – ist weitgehend abhängig von gesellschaftlichen Distanzierungs- und Ausgrenzungsstrukturen, die über Schülerschaft, Elternschaft und das Kollegium selbst in den Schulalltag hineinwirken.

So ist eine formale Gleichbehandlung nicht nur zu wenig, sondern eine deutliche Affirmation gesellschaftlicher Ungerechtigkeitsstrukturen und damit auch nicht über personalisierte Ethik aufzulösen. Gerade Politiklehrerinnen und -lehrer erleben diese grundlegende Nichtumsetzbarkeit ihrer gesellschaftlichen Einsichten und Analysen in die Unterrichtspraxis, da auch das Sprechen über dieses Thema im Unterricht, da es ja durchaus legitimer Unterrichtsstoff in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern ist, tendenziell zu einer Verstärkung und Bestätigung der Abgrenzungs- und Fremdheitsdefinitionen führen kann, als Absurdität und existentiellen Konflikt für das eigene Selbstbild.

4. Indirekte Sehnsucht nach der Tat

Handlungsorientierter Unterricht gilt allenthalben als unbestrittenes Leitziel. Aber bitte: Lehrer oder Lehrerin sollen nicht »Handeln«, sondern Schülerinnen und Schülern zum Handeln befähigen... Wer aber trägt die Verantwortung für dieses »Handeln«? Werden hier nicht gesellschaftliche »Stellvertreterkriege« ausgefochten, in denen der durch reale Zwänge unterdrückte Handlungswunsch des Lehrers den Schülerinnen und Schülern aufgebürdet wird, mit der Vorgabe, daß dieses »Handeln« aber tunlichst folgenlos zu bleiben habe? Stärker als je zuvor wird in der gegenwärtigen kulturellen Situation Schule virtuell und uneigentlich – und damit verstärkt sich ihr Bedeutungsverlust in den Biographien ihrer Schülerinnen und Schüler. Nur Lehrerinnen und Lehrer scheinen noch – durch ihren täglichen Job – existentielles Interesse an der Schule zu haben, nachdem das inhaltliche und gestalterische Interesse zusehends verlischt... Eine absurde Situation, die noch widersprüchlicher wird, geht man den affektiven Grundlagen und Konflikten nach:

5. Distanzierte Erotik.

Eifersucht: Es ist zu untersuchen, ob ein Eifersüchtiger wahrhaftig sich fürchtet, die Gunst der geliebten Person zu verlieren, oder ob er dieses sich selbsten nur berede und als Vorwand brauche, seinen Neid damit zu bergen.

Lexikon von 1734, nach Nadolny, Netzkarte, a.a.O.

Es wäre gesellschaftswissenschaftlich unsinnig zu behaupten, daß »Schülerorientierung« und affektive Zuwendung zu Schülerinnen und Schülern nichts mit auch intimen sexuellen Affekten zu tun hätte. Gerade das ist der Grund einmal der Tabuisierung dieses Themas im Lehrerbewußtsein, zum anderen der literarische und mediale Reiz, mit der dieses Skandalon in die Diskurse der virtuellen Medienwelt hineinwirkt. Es ist die typische Situation am Ende eines langen Zivilisationsprozesses, in dem die Intimität und die Sexualität »hinter die Kulissen gelegt« worden ist, in der die menschliche Identität durch das Erlernen einer wirksamen Affektkontrolle sich fraktioniert in öffentliche und private Rollenspiele. Daß diese Metaphorik zur Beschreibung sozialpsychologischer Verhaltensstrukturen, in der das Leben zum Spiel auf einer imaginären Bühne wird, in der die soziale Kontrolle sich zu einem imaginären Publikum der Affektkontrolle und Affektdarstellung wandelt, in der ein Leben in der Uneigentlichkeit, Mehrschichtigkeit und Selbstdistanzierung, auch der Ambiguitäten und Zweideutigkeiten zum Alltag geworden ist, heute zum alltäglichen Deutungsmuster für gesellschaftliche Strukturen geworden ist, zeigt die tiefgehende Wirksamkeit der mittel- und westeuropäischen Zivilisierung.

So wird noch einmal die Ambivalenz des Zivilisationsprozesses sehr deutlich, der einerseits der gesellschaftlichen und historischen Notwendigkeit entspringt, damit aber auch dem Einzelnen zunehmend Begrenzungen und Konformitätszumutungen auferlegt. So wird Unsicherheit gegen Selbstzucht eingetauscht.

Der in der klassischen Pädagogik thematisierte Euphemismus des pädagogischen Eros, der nur verschleiert, daß sein antiker Bezugsgegenstand sehr viel unverhohlenere Sexualität meinte, steht einer konkreten Metamorphose zum amour fou auch heute noch offen. Wieviel bedeutet doch die verrückte Liebe zu einer Frau, zu der schlanken, dunkelhaarigen, jugendlich lachenden Abiturientin oder dem jugendlichen Blondschopf vor der Panik des baldigen Niewiedersehens, das immer näher rückt? Die vielen Übertragungen, Ersatzhandlungen und Anspielungen, die gerade nicht verstanden werden sollen, die aber zu einem Selbstgespräch des Sozialwissenschaftlers mit seinem alter ego als Lehrer führt. Alltagserfahrungen, distanzierte Affekte, die umso interessanter werden, als sie für den Politiklehrer nicht naiv erfahrbar sind, sondern im reflektierten und selbstreferentiell überprüften Bedeutungskontext als existentielle Absurdität erfahren wird.

Doch sollte hier nicht in erster Linie das tabuisierte Skandalon thematisiert werden, sondern die grundsätzliche Einsicht, daß Distanz und Zuwendung, wenn diese nicht nur Rolle und angelerntes Verhaltensrepertoire ist, über konkurrierende und sich ausschließende Symbolwelten verfügen und Realität als Dichotomie uneindeutig und damit verunsichernd definieren.

Die Widersprüchlichkeit offenbart sich vor allem in der Nachkriegslehrergeneration, die einerseits mit dem ernstgemeinten Anspruch ihren Beruf ergriffen hat, sich nicht von der alten autoritäreren Schulwelt einfangen zu lassen, sondern Pädagogik aus den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler heraus zu entwickeln, die dabei zunächst freiere, alternative Verhaltensformen zuließen und auch einforderten – bis zum generellen Zulassen des »Duzens“ –, dabei aber eine gewisse emotionale Distanzlosigkeit erzeugten, die der weiterbestehenden funktionalen und strukturellen Distanzforderung der Institution, des institutionellen Lehrens und Beurteilens, zuwider liefen. Lehrerrolle ist widersprüchlich definiert durch Nähe bei gleichzeitiger Distanz, und es wäre zu vordergründig, dies als einen Widerspruch zwischen Pädagogik und Amt definieren zu wollen: es ist ein Grundwiderspruch des intergenerationellen Interagierens, es ist Teil auch der notwendigen Generationenkonflikte.

Oft wird dann die echte Zuneigung und Zuwendung gerade dieser Kolleginnen und Kollegen aus der Interessenlage und der Realitätswahrnehmung der betroffenen Schülerinnen und Schüler als aufgesetzte unechte Maske abgelehnt und als Marotte oder persönliches Alltagsritual disqualifiziert.

Andere Kolleginnen und Kollegen, gerade mit Erfahrungen in der Berufswelt, betonen in ihrer Alltagssymbolik die strukturelle Distanz, auch um gesellschaftliche Klarheit und Differenzierungsfähigkeit zu erzeugen. Frühzeitiges »Siezen« und höflicher Umgangston setzt sich vom traditionellen autoritären Habitus durch gelebtes Ernstnehmen der Schülerpersönlichkeiten ab und repräsentiert wahrnehmbare didaktisch-methodische Zuwendung und Akzeptanz. In diesem Falle wird aber der strukturelle affektive Konflikt in die Persönlichkeit des Lehrers zurückgenommen, „hinter die Kulissen verlegt”, was zu den dargestellten „absurden” double-bind Beziehungen führen kann, aus denen ein verletzungsfreier Ausweg kaum denkbar ist.

Daß diese Widersprüchlichkeit nicht nur theoretisches Konstrukt der Selbstbespiegelung von Lehrern ist, zeigt vor allem die Beobachtung der tiefgreifenden Verunsicherung von Schülerinnen und Schülern, die – auch im Sinne einer problembeladenen mehrfachkulturellen Akkulturation – Schulsysteme sowohl im Ausland, vor allem in den Ländern der Semiperipherien und der Transformationsstaaten Ost- und Südosteuropas mit ihren höher standardisierten und formalisierten Alltagsritualen und dem offenen Machtanspruch persönlicher Hierarchien kennen gelernt und durchlaufen haben, bei der Konfrontation mit Lehrerverhalten, das in ihren Augen nicht konsistent ist: ernstgemeinte Kritik zu äußern, verhaltenssteuernd einzugreifen und gleichzeitig meist nonverbal Zuwendung und persönliche Akzeptanz zu vermitteln, bleibt gleichermaßen unverständlich wie das gegenteilige Verhalten, verbal pädagogische Überzeugungen der Zuwendung und Gerechtigkeit zu übermitteln und dabei wiederum nonverbal Vorurteile, Ablehnung und affektive Distanz sichtbar werden zu lassen. Letzteres ist leider die dominierende Erfahrung unserer aus Osteuropa stammenden Schülerinnen und Schüler...

Gesellschaftliche Umbrüche und Generationserfahrungen

Die Mehrzahl der deutschen Politiklehrerinnen und Politiklehrer ist in den siebziger Jahren an den Universitäten ausgebildet worden und hat mit den Examina ihre Politikfakultas erworben. Schon Ende der siebziger Jahre werden die Ausbildungskapazitäten der ersten wie der zweiten Phase der Lehrerausbildung wieder eingeschränkt und das Fach wird gegen die Intentionen der »Saarbrücker Rahmenvereinbarung«, die der Politischen Bildung eine zentrale Integrationsfunktion in den Schulen zuwiesen, wieder zu einem Nebenfach, in vielen Bundesländern den »klassischen Fächern« des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes Erdkunde und Geschichte nicht nur neben-, sondern untergeordnet.

Das umfassende Konzept einer Politischen Bildung hatte sich ohnehin im Schulalltag nicht durchsetzen können; und seither werden Politiklehrerinnen und Politiklehrer fast ausschließlich wegen ihres zweiten oder ihrer weiteren Fachbefähigungen, nicht jedoch wegen ihrer Fakultas im Fach Politik von den Schulen gesucht und in den Schuldienst übernommen. Ein erheblicher Teil des Unterrichtes, der der Politischen Bildung dienen soll, wird fachfremd von Historikern und Geographen erteilt. Das heißt letztlich, daß heute viele Schulen (fast) ohne ausgebildete Politiklehrerinnen und Politiklehrer auskommen und die Kolleginnen und Kollegen mit der Fakultas Politik überwiegend in anderen Fächern eingesetzt werden. Damit verbunden ist auch die Erfahrung einer Umprofessionalisierung der Politiklehrerinnen und Politiklehrer selbst zu verweisen. Der Begriff des Selbstverständnisses ist jedoch grundlegend zu relativieren, obwohl die Frage nach dem Selbstverständnis zu den am häufigsten diskutierten Themen in der Politiklehrerschaft gehört. Es kann kein kollektives Selbstverständnis einer Berufsgruppe geben!

Eine dazu entwickelte Fragestellung bedürfte aber noch einer eingehenderen Bearbeitung: Wie wirkt sich die gegenüber allen anderen Fächern auffällige Geschlossenheit und Einheitlichkeit der Generations- und Berufserfahrung der Politiklehrerinnen und Politiklehrer auf deren Politik- und Gesellschaftsverständnis, ihre Realitätswahrnehmung und ihr Selbstbild aus? Welche Konsequenzen hat das für das öffentliche Erscheinungsbild des Faches Politik, seine schulischen Wirkungsmöglichkeiten und seine gesellschaftliche Akzeptanz?

Zur Mehrdeutigkeit des gesellschaftlichen Umbruchs in den siebziger Jahren als Primärerfahrung der heutigen Politiklehrerinnen und Politiklehrer

Die Politiklehrerschaft, die vornehmlich heute in den Schulen aktiv ist, die aber auch maßgeblich an der Entwicklung der Richtlinien für das Fach beteiligt war, hat ihre politische Sozialisation in den sechziger und siebziger Jahren erfahren und Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre die politischen und gesellschaftswissenschaftlichen Deutungsmodelle und Paradigmen erlernt, die noch heute maßgeblich die Schulpraxis des Politikunterrichts bestimmen, während der fachfremd erteilte Politikunterricht sich sehr viel häufiger an älteren Gesellschaftstheorien und funktionalistischen »Alltagstheorien« über die Gesellschaft orientiert.

Ende der sechziger Jahre war – so jedenfalls die eigene Erinnerung an das damalige Politikstudium – die doppelte Auseinandersetzung mit den zeitgeschichtlich-politischen Brüchen und ihren gesellschaftlichen Ursachen und Folgen zentrale politikwissenschaftliche Fragestellung und Studienschwerpunkt: Wie konnte es zu der – durchaus von einem strikt moralisch wertenden Ansatz her gesehen – Katastrophe des Nationalsozialismus in Deutschland und zum Weltkrieg kommen, und, das ist die zweite Perspektive, wie ist die deutsche Gesellschaft nach dem Krieg mit der Erfahrung des Nationalsozialismus und des Krieges umgegangen? Grunderfahrung auf der subjektiven Ebene der Studienmotivation und des damit untrennbar verbundenen politischen Engagements – was die Politologie in Teilen der politischen Öffentlichkeit und erst recht in der akademischen Gesellschaft von Anfang an suspekt machte und ihr den Vorwurf der Subversivität und der anarchistischen Aufsässigkeit einbrachte – war der Vorwurf, daß die deutsche Gesellschaft eben nichts aus diesen Erfahrungen gelernt hätte, was die aktuellen Bezüge auf die restaurativ-verkrusteten Strukturen der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit der »Wiederaufbaujahre« hinreichend plausibel machte, war aber auch der ethisch wertende Bezug auf die neu in die öffentlichen Diskurse tretenden Desaster der Situation der »Dritten Welt« und schließlich die moralische Dissonanzerfahrung des Vietnam-Krieges zwischen Demokratiepostulat der »Freien Welt« und unverhüllter militärischer Durchsetzung von Hegemonialansprüchen durch die USA.

Ein wissenschaftliches Mittel, diese Dissonanzerfahrungen aufzuarbeiten, wurde in der Rezeption der »Kritischen Theorie« und der neomarxistischen »Neuen Linken« gesehen, die die studienleitenden Paradigmen an den meisten politikwissenschaftlichen Lehrstühlen darstellten. Die didaktischen Modelle, die sich darauf beziehen oder daraus mehr oder weniger überzeugend ableiten ließen, stellen als Grundkategorien den Konfliktbegriff, die Emanzipationsforderung und das Egalitätspostulat in den Mittelpunkt des Politikunterrichtes. Wie wenig das in der Öffentlichkeit verstanden oder gar akzeptiert wurde, zeigte die hochgradig emotionalisierte und in der Machtauseinandersetzung wenig rational funktionalisierte Diskussion um die noch nach heutigen Maßstäben innovativen und pädagogisch interessanten Rahmenrichtlinien-Entwürfe in Hessen und in geringerem Maße auch in Nordrhein-Westfalen oder auch die Geschwindigkeit, mit der unmittelbar nach dem Wechsel der Landtagsmehrheit in Niedersachsen 1978 die bisherigen Kursentwürfe und Unterrichtsmodelle, für die Reformierte Sekundarstufe II (Gymnasiale Oberstufe) »in der Versenkung« verschwanden – sehr zur Freude vieler Schulen, die sich dieser didaktischen Herausforderung nur ungern gestellt hatten, wie der Verfasser aus vielen Beratungsgesprächen an niedersächsischen Schulen im Auftrage des Kultusministeriums erfahren mußte.

Das grundsätzliche Problem, das sich im weiteren Verlauf der didaktischen Umsetzung und Begründung immer deutlicher zeigte, war, daß die genannten Postulate zwar in einer altehrwürdigen philosophischen Tradition stehen – das anthropologische Erziehungsmodell Rousseaus scheint in der Retrospektive deutlicher durch, als es den überwiegend marxistisch überzeugten Protagonisten seinerzeit selbst bemerkbar war –, ein theoretischer didaktischer oder fachlicher Kontext zwischen diesen Kategorien völlig unterschiedlichen Charakters ließ sich damals und läßt sich wohl auch heute nur schwer herstellen. Es handelt sich letztlich um politische Leitvorstellungen und nicht um politikwissenschaftliche Analysekategorien.

Aus der – heute obsoleten – Überzeugung heraus, daß das »Theorie-Praxis-Modell« ein geeignetes dialektisch strukturiertes Instrument zur Erhellung von Lernprozessen sei und daß, davon ausgehend, ein Syntheseschritt zur »Einheit von Theorie und Praxis« möglich wäre – was sich realiter unter dem Druck des Mißerfolges dieses Modells aber immer stärker zu einer tatsächlichen Theoriefeindlichkeit von »Schulpraktikern« entwickelte, die heutige Probleme unreflektierter Emotionalität, Entzivilisierung, Rationalitätsskepsis und schließlich der Durchsetzung irrationaler Weltbilder des New Age vorbereiten half – entwickelte sich ein handlungsleitendes Gesellschaftsbild, das sich immer weniger eignete, tatsächliche gesellschaftliche Prozesse und Veränderungen real wahrzunehmen und adäquat zu beschreiben und zu analysieren.

Aus dem ethisch-moralisch motivierten Ansatz eines kritischen Politikstudiums und der Überzeugung, politische Veränderungen bewirken zu müssen und zu können, entwickelten sich bei einer Vielzahl von Politiklehrerinnen und Politiklehrer, die in den siebziger Jahren in den Schuldienst eintraten und heute noch die Mehrzahl der aktiven Politiklehrerinnen und Politiklehrer stellen, gesellschaftliche Leitvorstellungen und Realitätsdeutungen, die immer weniger geeignet sind, die realen gesellschaftlichen Prozesse und Veränderungen adäquat aufzuarbeiten. Die strukturellen und lernsituativen Ursachen sind dabei gewiß noch nicht umfassend genug dargestellt worden oder überhaupt schon darzustellen, so daß hier die kurzen Thesen dazu genügen müssen; wichtiger ist aber, daß diese Realitätsdistanz sich als weitgehend unreflektierte oder ideologisch verschobene Dissonanzerfahrung bei den Kolleginnen und Kollegen in mangelnder Berufsmotivation, Frustrationen und oft irrational strukturierten »Widerstandshaltungen« negativ auf ihre Unterrichtspraxis und damit ihre Erziehungserfolge auswirkt – oft im Sinne einer self-fulfilling prophecy. Damit wird dieses Problem über die individuelle Bedeutung hinaus zu einer gesellschaftsrelevanten Rahmenbedingung für die weitere Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung.

Die »Reform« des Faches Politik?

Mitte der siebziger Jahre arbeiteten in Niedersachsen die Kommissionen für die Reform der Sekundarstufe II. Für das Fach Gemeinschaftskunde wurden in der Kommission B für das gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld, den Saarbrücker Rahmenvereinbarungen folgend, zentrale und integrative, d.h. auch in Hinblick auf die Bezugswissenschaften offene und interdisziplinäre Curricula entwickelt, die sich sogenannten Pflichtauflagen für die Politische Bildung ausdrückten. Konsequenz dieser Konzeption war, daß das Kursthema den fachlichen Schwerpunkt determinieren sollte – z.B. ein Kurs zum Thema Soziale Ungleichheit sollte schwerpunktmäßig soziologische Fachbezüge aufgreifen – und nicht das Fachinteresse bzw. das vorgegebene Fachcurriculum. Die Kurse sollten abgeschlossen, fachlich voraussetzungslos und in der Lernsequenz beliebig kumulier- und zusammenstellbar sein, woraus sich für jeden Kurs Mindestanforderungen zur Vermittlung von Allgemein- und Orientierungswissen ebenso wie von instrumentellen Qualifikationen ergaben.

Diese, vor allem vom damaligen niedersächsischen Kultusminister Peter von Oertzen persönlich initiierte und vorangetriebene Schulreform gab für die sozial- und politikwissenschaftliche Didaktik ebenso Grund zu Hoffnungen wie für die damals in den Schuldienst tretenden Politiklehrer. Die erste Praxiserfahrung dieser Generation war dann jedoch der massive Widerstand der Schulen gegen diese Reform, die sich bald konzentrierte auf den Widerstand gegen die umfassenden Bildungsziele der Politischen Bildung. Dagegen gestellt wurden zwei Prinzipien, die es in den Reformkommissionen gerade zu überwinden galt: das Fachprinzip und die Sequenzialität des schulischen Curriculums.

Politisch blieb diese Gegenbewegung siegreich. Schon in Zeiten der Reformkommissionen traten neben die integrativen Kursangebote die – zunächst noch als rein ergänzend gedachten – reinen Fachkurse, mit denen vor allem die noch nicht integrativ qualifizierten älteren Fachlehrer ›beruhigt‹ werden sollten. Doch, ausgehend vom Aufgabenfeld C, drang auch die Forderung nach der Festlegung verbindlicher Kursfolgen, die inhaltlich aufeinander aufbauen sollen, in den Vordergrund und haben sich dann auch im gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld in den später entwickelten Rahmenrichtlinien wieder durchgesetzt.

Diese Entwicklung wurde von den jungen Politiklehrern ›der ersten Generation‹ als Verrat an den Bedingungen wahrgenommen, unter denen sie angetreten waren. Gleichzeitig zeigte es sich, daß in den Kollegien und in der Öffentlichkeit gerade diese Politiklehrer verantwortlich und haftbar gemacht wurden für all das ›Übel‹, das die Schulreform über die Schulen gebracht hatte, mit der Konsequenz, daß schon in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre kaum noch eine Schule Bedarf an Politik- (Gemeinschaftskunde- und Sozialkunde-) Lehrern geltend machte. Diese Gruppe war die erste Lehrergruppe, die nicht mehr damit rechnen konnten, eine Arbeitsplatzgarantie im öffentlichen Schulwesen zu besitzen.

Das Interesse der Politiklehrerinnen und Politiklehrer muß wieder auf die Erneuerung ihres Faches geleitet werden

Soweit ist dieser Prozeß als »Scheitern der 68er Generation« schon oft, wenn auch selten analytisch überzeugend und vor allem nicht auf die Berufsgruppe der Politiklehrerinnen und Politiklehrer bezogen, dargestellt worden. Die bisherige Darstellung ist daher in einem gewissen Sinne auch banal. Doch stellen sich mir einige Fragen, die von der zeitgeschichtlichen Situation verallgemeinernd abheben und auf eine mögliche Erneuerung der didaktischen Paradigmen abheben. Als Selbstbetroffener wähle ich hier wieder diese subjektivistische Perspektive.

Das Motiv, Politik zu studieren, war in unserer Generation, wie schon erwähnt, vorwiegend durch ethisch-moralische Dissonanzerfahrungen geprägt. Beim Verfasser war es, mir sei diese persönliche Reminiszenz hier erlaubt, nach einem abgebrochenen ersten Studienabschnitt einer mehrjährigen Berufstätigkeit als Straßenbahnfahrer, die den ersten biographischen Kontakt zur Arbeitswelt darstellte, und immer stärker die Frage nach Ursachen und Funktionen sozialer Ungleichheit, nach betrieblicher und staatlicher Herrschaft und nach der Berechtigung oft schwierigster Arbeitsbedingungen wachsen ließ, zunächst mit der praktischen Konsequenz der gewerkschaftlichen Organisation und dann, als folgerichtig so empfunden, dem Eintritt in die SPD. Dann erst kam die berufliche Umorientierung und die Entscheidung, aus eben diesen Gründen Politikwissenschaften zu studieren.

Das wissenschaftliche Selbstverständnis des »sine irae et studio«, das ohnehin ein gesellschaftlich kritisch zu hinterfragendes Ideologem ist, taugt zur Begründung und Handlungsleitung eines so motivierten Studiums nicht.

Die vielfältigen Erfahrungen einer Generation, die die Umbrüche und Verschiebungen der Machtbalancen in der Gesellschaft nicht hat verarbeiten und positiv umsetzen können – wobei sich hier die Schuldfrage nicht stellt, sondern das Verständnis der Wirkungsfaktoren Desiderat bleiben muß, führten zu einer Moralisierung und Ethifizierung des Berufsbildes, das es möglich machte, daß wieder obsolete Grundpostulate wie die Frage nach der Grundbildung und der Werteerziehung in den Vordergrund traten und die rationalen und emanzipativen Ansprüche der Politischen Bildung in den Hintergrund drängten. Aus den recht subjektiven Anmerkungen dieses Aufsatzes sollte zumindest deutlich geworden sein, welche Erfahrungen und biographische Orientierungen zu diesem Verlust an politischer und wissenschaftlicher Rationalität geführt haben und wie wenig allein das Betrauern dieses Verlustes politisch wirksam sein kann.

Anmerkungen:

*      Gekürzt und aktualisiert aus: Gerhard Voigt, Hrsg.: Ein Jahrzehnt Türkeipartnerschaft. Ein Bericht über die Partnerschaft der Bismarckschule Hannover mit der Istanbul Lisesi 1985 bis 1996 im Rahmen der Arbeit einer UNESCO-Projekt-Schule. Mit dem Reisebericht der Türkei-Studienfahrt der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule im Frühjahr 1996 (11.-28.05.96). Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 9, Hannover 1997.

[1]      vgl. den Bericht von Rainer Gusky über seinen Aufenthalt in der Familie Türkoğlu in dem Heft »Ein Jahrzehnt Türkeipartnerschaft«, a.a.O.

[2]      Bezug: die Klassenfahrt der 11c v. 16. - 21. 02. 1998; Berichte dazu sind in der Schulzeitung der Bismarckschule unter der Überschrift ‘Leipzsch un Dräsdn’ erschienen. Die Aussagen und Thesen beziehen sich u.a. auf offizielle Gespräche, z.T. auf persönliche Informationen sowie anderweitig vermittelte subjektive Eindrücke. Es handelt sich nicht um eine vollständige Darstellung des Programms der Klassenfahrt.

[3]      Dieses stellt angesichts der an Schlüsselthemen orientierten neuen Methodik kein wesentliches Problem dar, es entgegnet nur der Überfrachtung von Detailwissen. Nur Touristenführer (die ehemaligen ‘Stadtbilderklärer/innen’) meinen, dass es sinnvoll sei, etwas über August den Starken wissen zu müssen.

[4]      LEIPZIG – TOURISTISCHER STADTFÜHRER; Hrsg.: Fremdenverkehrsverein Leipzig, Auflage 10/1995, Punkt 29

[5]      Ein mögliches neues Unwort für Arbeitsplätze als ABM oder auf 610/520-DEM-Basis.

[6]      Im Unterschied zu den Schulen hat man die Universitäten und Hochschulen geschlossen und ‘neu’ gegründet.

[7] Das Elias’sche Fremdzwang-/Selbstzwangmuster bietet sich zur Interpretation an.

[8] vgl.: Engler, Wolfgang: Die zivilisatorische Lücke. Frankfurt/M, 1992

[9]      Man denke an die primitiven Verhaltensweisen von in kommunistische oder faschistische Machtzirkel diffundierten Angehörigen der proletarischen oder kleinbürgerlichen Milieus. Nicht umsonst hat man die Verhaltensweisen der alten preußischen Oberschicht, der ‘Krautjunker’, nachgemacht: Hermann Göring wie Erich Honecker als die obersten Jägermeister der Schorfheide.

[10]    Als ein Beispiel dafür kann die der deutsch-polnischen Verständigung dienende Zeitschrift DIALOG gelten, deren verdienstvolles Wirken seit vielen Jahren anerkannt wird. Insbesondere seitens der polnischen Autoren werden ‘schöngeschriebene’ kulturell-historische Begebenheiten dargelegt. Die Gefahr der Suggestion des ehemals (scheinbar) Positiven, der oft spannungsgemilderten Darstellung, ist evident. Symptomatisch ist, daß die Problemphasen der gemeinsamen Geschichte zwar bewußt einbezogen werden, in der Regel aber moralisierend und mythisch erdrückend präsentiert werden. Kritisch-analytische Ansätze der Geschichtsforschung sind tabu, zumindest nicht gelitten. Eine Synthesebildung in der Moderne auf der Basis des Historischen ist dadurch sehr erschwert, vermutlich ohne daß dies den Beteiligten in letzter Konsequenz bewußt ist. Die Wellen des Neuen überdecken einfach das Geschehene. Unsere Aufgabe in Westeuropa ist es, die sich bietenden Chancen der analytischen Aufarbeitung - in engagierter Distanz – zu nutzen als entscheidende Voraussetzung für Bewältigungsprozesse. Insofern enthalten unsere kleinen Schritte, sofern sie bewußt durchgeführt und begleitet sind, eine nicht zu unterschätzende und gering zu wertende Dimension.

[11]    Wenn, dann ist sie leicht zu beantworten: Warum fährt ein zur Pensionierung anstehender Kollege mit seinem schnellen Wagen nach Italien – doch nicht, weil er dort die Sprache und Kultur, mit der er sich seit Jahren beschäftigt, schon umfassend kennt?

[12]    vgl.. Brokmeier, Peter: Institutionen als Organon des Politischen. In: Göhler, Gerhard (Hrsg.): Die Eigenart der Institutionen, Baden-Baden 1994, S. 167ff. [13]    Man vergleiche die jüngste Aufarbeitung und die Diskussionen um den Fall Maharens.

[14] Ein anderes Beispiel ist die versuchte Neubelegung des ‘Solidaritäts’-Begriffes.

*      Unter Verwendung eines Aufsatzes in Wellie / Hufer: Sozialwissenschaftliche und bildungstheoretische Reflexionen. Glienicke/Berlin und Cambridge/MA 1998.

[15]    Taschenbuchausgabe S. 108/109.

[16]    Siehe den Beitrag in diesem Heft auf S. 50

[17]    Als Formel übernommen aus dem Titel von: Cas Wouters: Konformitätsdruck und Profilierungszwang. Zwischen Identifikation und Individualisierung: Ambivalenzen des Affektmanagements. Frankfurter Rundschau, Nr. 8, 11.01.94, S. 10; Forum Humanwissenschaften.

[18]    Stuttgart 1985 (Klett-Cotta).

[19]    Vgl. die Gegenüberstellung der Begriffe Gesellschaft und Gemeinschaft bei Tönnies oder auch das vor allem in der deutschen Politischen Kultur als Widerspruch verstandene Begriffspaar Zivilisation und Kultur, das von Elias eingehender analysiert worden ist.

[20]    die sich jedoch gut aus der universitären Tradition heraus erklären und ableiten läßt, in der die Fächer zu unterschiedlichen Zeitpunkten und aus unterschiedlichen, wissenschaftlichen wie politischen Interessen heraus konstituiert und in den universitären Bildungskanon einbezogen worden sind.

[21]    Quelle: Frankfurter Rundschau, Nr. 87, 13. April 1996, Seite 16. Dokumentation

[22]    gl. Fußnote 17.

Autoren (Stand 1998):

Bellersheim, Uwe: Lehrer an der Bismarckschule

Brudńo, Ludwika: Lehrerin des V. Lizeums in Posen

Büthe, Till: Lehrer an der Bismarckschule

Haase, Wilfried: stellv. Schulleiter der Bismarckschule

Helms-Scholz, Eva: beurlaubte Lehrerin der Bismarckschule

Henicz, Roman: Direktor des V. Lizeums in Posen

Jander, Dr. Eckhart: Direktor der Tellkampfschule

Kronig, Michael: Lehrer an der Bismarckschule

Lippelt, Gerburg: Lehrerin an der Bismarckschule

Nettelmann, Dr. Lothar: Lehrer an der Bismarckschule

Orłowski, Prof. Dr. Hubert: Adam- Mickiewicz-Universität Posen

Riechers, Albrecht: Leiter des Studienseminars Hannover III

Schlömer, Dr. Rolf: Lehrer an der Bismarckschule

Sielenkämper, Thomas: Lehrer an der Bismarckschule

Stünkel, Gerhard: Lehrer an der Bismarckschule

Szińajtis, Danuta: Lehrerin des V. Lizeums in Posen

Voigt, Gerhard: Lehrer an der Bismarckschule

Wehking, Ulrich: Lehrer an der Bismarckschule

Wernstedt, Prof. Rolf: Präsident des Niedersächsischen Landtages

Wichńacz, Małgorzata: ehemalige Schülerin des V. Lizeums in Posen

Inhaltsverzeichnis:

Rolf Wernstedt:

Ulrich Bauermeister

Wilfried Haase

Einleitung

Rolf Schlömer

Sehr geehrter Herr Bauermeister!

Roman Henicz

Organisator und Diplomat

Eva Helms-Scholz

Für Ulli B.

Gerhard Stünkel

St an Ba

Uwe Bellersheim / Thomas Sielenkämper

Gewerkschaftsarbeit an der Bismarckschule – anno dunnemals

Gerburg Lippelt

Aus dem Porzellanladen der interkulturellen Pädagogik

20 Jahre Schülerinnen und Schüler aus Mittel- und Osteuropa an der Bismarckschule

Albrecht Riechers

Ulrich Bauermeister – eine dreißigjährige Beziehungsgeschichte

Hubert Orłowski

Die Drewenz ist ein Fluß in Polen …

Danuta Sziłajtis

Ein Mann mit Profil

Ludwika Brudńo

Es gab mal eine Idee

Schüleraustausch mit Poznań

Małgorzata Wichńacz

Internationale Jugendkontakte

Michael Kronig:

Polen im Herbst. Begegnungen und Impressionen

Ulrich Wehking:

Reiseeindrücke von der Austauschfahrt nach Poznań im September 1995

Ohne Datum:

Mittwoch, 20.09.95:

Donnerstag, 21.09.95:

Freitag, 22.09.95:

Samstag, 23.09.95:

Sonntag, 24.09.95:

Montag, 25.09.95:

Dienstag, 26.09.95:

Mittwoch, 27.09.95:

Donnerstag, 28.09.95:

Eckhart Jander

Schulkrise und Schulreform: Ein Mitstreiter fehlt

Reform der gymnasialen Oberstufe: Ist das nicht sehr ferne Vergangenheit?

Gerhard Voigt

Ein Jahrzehnt Türkeipartnerschaft*

Lothar Nettelmann

… einige Anmerkungen zu den projekt- und studienfahrtorientierten Klassenreisen im 11. Jahrgang

Lothar Nettelmann

Bilanz im Politischen – Schule im Bereich internationaler Aktivitäten

1. Zum Osteuropa-Engagement – wie es zustande kam

II. Zur Rechtfertigung von pädagogischem Engagement – eine Legitimierung internationaler Aktivitäten im Bereich von Schule

III. Zur Wechselwirkung von pädagogischer und gesellschaftspolitischer Dimension

IV. Schlußbetrachtungen

Gerhard Voigt

Politik in der Schule?

Über den Zusammenhang zwischen öffentlichem Politikdiskurs und Selbstbild von Politiklehrerinnen und Politiklehrern: Erfahrungen an der Bismarckschule Hannover*

Lehrerdasein zwischen »Konformitätsdruck und Profilierungszwang«

Über die fünf absurden Antagonismen im Leben des Politiklehrers

1. Distanzierte Verwicklung: Die Politik

2. Distanzierte Verwicklung: Die Schule

3. Intellektualisierungsprozesse und Affirmation

4. Indirekte Sehnsucht nach der Tat

5. Distanzierte Erotik.

Gesellschaftliche Umbrüche und Generationserfahrungen

Zur Mehrdeutigkeit des gesellschaftlichen Umbruchs in den siebziger Jahren als Primärerfahrung der heutigen Politiklehrerinnen und Politiklehrer

Die »Reform« des Faches Politik?

Das Interesse der Politiklehrerinnen und Politiklehrer muß wieder auf die Erneuerung ihres Faches geleitet werden

Autoren

Impressum:

Druckausgabe: Schriftenreihe des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.

Heft 10

ISSN 0945-1536

Reform – vom Gedanken zur Praxis. Für Ulrich Bauermeister / Herausgegeben von Michael Kronig, Lothar Nettelmann, Gerhard Voigt und Ulrich Wehking

Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [An der Bismarckschule 5, D 30173 Hannover], 1998  (Schriftenreihe des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 10)

ISBN 3-930307-09-X

   
   

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bismarckschule.voigt@gmx.de
Bearbeitungsstand:
25. 07 2005 / 06.01.2011.
Letzte Bearbeitung: 06.05.2012 (Durchsicht)

   
   

 

     
   

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Info über die Verbandstätigkeit unter: http://www.politiklehrerverband.org