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Laatzener Lehrer mit sechs Schülern auf PersienreiseNach der ersten Panne bei Kassel ging es zügig dem Ziel entgegenLAATZEN/KONYA. Nach intensiver Planung brachen der Laatzener Studienassessor Gerhard Voigt und die Schüler Jens Trümper aus Laatzen, Peter Ronge aus Rethen sowie Jörg Busch aus Rethen, Harald Hopp, Michael Stolte und Claus Welter aus Hannover kürzlich zu einer Studienfahrt durch Persien auf. Aus Konya in der Türkei kommt der erste Bericht der Reisegruppe: Trotz gründlicher Vorbereitung einer Reise nach Persien mit zwei VW-Bussen und sieben Teilnehmern – wir berichteten über unseren Plan – ist das Risiko doch recht groß. Das merkten wir schon am ersten Tag, als unser einer Bus mit defekter Kupplung auf der Autobahn bei Kassel mitten in einer Baustellenverengung liegenblieb und nach Kassel geschleppt werden mußte. Am nächsten Tage sah es schon wieder sehr viel besser für uns aus. Die Kupplung war ersetzt worden und es ging in zügiger Fahrt nach Österreich. Wir erreichten sogar noch den letzten Zug der Autoverladung von Mallnitz und waren gegen 23 Uhr bei Seeboden am Millstätter See. Ehe wir jedoch eine Unterkunft gefunden hatten, mußte noch schnell eine Zündspule ausgewechselt werden, die durchgebrannt war. Doch konnten wir glücklicherweise noch zu so später Stunde das Grundstück eines Bekannten eines unserer Fahrtteilnehmer, Klaus Kräbber, erreichen und so auf einer Wiese mit idyllischem Blick – wie wir am Morgen sahen – über die Seebodener Tallandschaft campieren. Fahrt durch den BalkanIn Jugoslawien wurden wir durch einen stundenlangen Autostau im Berufsverkehr bei Zagreb zwar aufgehalten, konnten jedoch am nächsten Tag die verlorene Zeit auf der fast leeren Talstraße zwischen Belgrad und Skopje über das berühmte Amselfeld wettmachen. Obwohl wir versuchten, durch die Wahl kurzer und schnell zu befahrender Strecken den Zeitverlust unserer Kasseler Panne wettzumachen, konnten wir doch auf der Fahrt durch Jugoslawien und Griechenland einige der brennenden Probleme dieser Länder zum mindesten am Rande beobachten.
Stadtchaos und LandfluchtIn allen Balkanländern wächst die Bevölkerung recht schnell. Gleichzeitig werden durch Rationalisierung und Spezialisierung der Landwirtschaft auf exportgünstige Produkte wie Obst und Tabak, zum Teil auch Sonnenblumen, immer mehr Arbeitskräfte frei. Zwar versucht man mit großzügigen Industrialisierungsprojekten der Arbeitslosigkeit oder Unterbeschäftigung und der damit verbundenen Armut Herr zu werden, doch fehlen vielfach noch die gesamtwirtschaftlichen und infrastrukturellen Voraussetzungen für den Erfolg dieser Projekte. So ziehen immer mehr Menschen an den Rand der großen Städte wie Zagreb und Belgrad oder auch Saloniki in Griechenland, weil sie sich dort bessere Chancen für Arbeit erhoffen. Um das Entstehen völlig ungeordneter und damit sozial und hygienisch unzumutbarer Slums zu vermeiden müssen die Städte schnellstens Sozialwohnungsviertel errichten. Unter Zeitmangel und Finanznot entstehen dabei Billigsthochhäuser, die den Stadträndern dieser Kommunen den auffällig monotonen und dennoch oft erschreckend brutalen Gesamteindruck verleihen. Soziale Probleme dieser Vorstädte sind ansteigende Kriminalität und oft eine Verwahrlosung der Jugend, die den traditionellen Sozialbindungen des Landlebens entzogen wurden.
Erlebnisse in der TürkeiFast noch deutlicher werden diese Erfahrungen in der Millionenstadt Istanbul. Für den mitteleuropäischen Touristen drängt sich jedoch zuerst einmal ein Teilproblem auf: der Straßenverkehr. Die Überfüllung der Straßen dieser Stadt ist grotesk; gleichzeitig hat das Fahrverhalten der Istanbuler nur wenig ähnliche Züge mit dem unserer Großstädte, das heißt, das Chaos ist komplett. Natürlich machte es einigen unserer führerscheinbesitzenden jungen Reiseteilnehmer Spaß, vielleicht auch verbunden mit einem gewissen sportlichen Ehrgeiz, sich an die Verkehrsgewohnheiten Istanbuls anzupassen. Und wir schafften es auch — was nicht jeder Istanbulreisende von sich behaupten kann – die zwei Tage unseres Aufenthalts in dieser Stadt ohne einen einzigen Kratzer an unserem Wagen zu absolvieren. Moderne und TraditionWährend in Istanbul besonders die moderne Problematik im Vordergrund stand, konnten wir bei unserem nächsten Reiseziel, Konya, sehen, wie tief in der Geschichte das türkische Leben verankert ist. Die Besichtigung der Grabmoschee Mevlana Djelladdin Rumis deutet auf eine wichtige geistige Tradition nicht nur der Türkei, sondern des gesamten islamischen Bereichs hin. Neben den großartigen naturwissenschaftlichen und Zivilisatorischen Errungenschaften des islamischen Mittelalters, in vielem Anreger unserer westeuropäischen Zivilisation, steht, auf die gleichen geistigen Wurzeln zurückzuführen, die spekulative, sinnliche oder asketische Tradition des islamischen Mystizismus – immer auf einer erstaunlich hohen intellektuellen Stufe der Reflexion und Ausdrucksfähigkeit. NLP: Donnerstag, 25. Juli 1974, Seite 3.
Laatzener Lehrer und sechs Schüler nach Persien unterwegsDer Gouverneur reinigte die WindschutzscheibenLAATZEN/GÖREME. Sehr erlebnisreich verläuft die Studienreise eines Laatzener Lehrers mit sechs Schülern aus Laatzen und Hannover. Heute schildert Studienassessor Gerhard Voigt, wie die Gruppe von einem türkischen Gouverneur empfangen wurde und wie einer der Jungen auf Käferjagd ging. Sein Bericht kommt aus der Gegend um Göreme/Nevsehir. In den letzten Jahren hat sich die touristische Situation in der zentralen Türkei wesentlich verbessert. Ein Vergleich mit einer Reise 1970 zeigt besonders Verbesserungen des Verkehrsnetzes und der Unterkunftmöglichkeiten. Das jedoch auch privates Engagement den Touristen beeindrucken kann, zeigt der folgende Bericht. Sultanhani, unsere Station bei Aksaray in der Provinz Nigde ist eine zerfallene Karavanserei aus der Zeit der Seldschukenherrscher an der alten transanatolischen Handelsstraße zwischen Mittelmeergebiet und Asien. Hier übernachteten die Handelskarawanen, einzelne Reisende machten hier Station. Auf dem Weg von Konya nach Göreme sagten wir uns: Schauen wir uns doch kurz die Ruine an, um uns dann einen Platz für die Mittagspause zu suchen. Das Gebäude – ein großer Innenhof mit seitlichen Schlaf- und Küchenräumen, Warenlagern und Wirtschaftsräumen in der Mitte eine kleine Moschee für die regelmäßigen Gebete der Reisenden, an der Rückfront mächtige, massive und daher kühle Stallungen für die Kamele – wird augenblicklich restauriert, fast möchte man sagen: wieder aufgebaut. Man will hier ein Museum einrichten. Es blieb nicht bei Tee„Kommen Sie doch bitte in unser Touristenbüro zu einem Glas Tee“, wurden wir begrüßt, als wir den Wagen auf dem staubigen Vorplatz der Karvanserei abgestellt hatten. Und es blieb nicht bei einem Glas Tee. Wir wurden gründlich informiert über die Geschichte des Bauwerkes und hatten eine lange Unterhaltung mit dem Leiter des Touristenbüros, Herrn Hamza Öztürk. Nach der gründlichen Besichtigung der Karawanserei stellte uns Herr Öztürk den Raum seines Touristenbüros für unser improvisiertes Mittagessen zur Verfügung. Dieser Raum das wurde deutlich, ist durch viel eigene Arbeit von einer Art Barackenraum zu einem ansprechenden Aufenthaltsraum umgestaltet worden. Er dient nicht nur als Büro, sondern als Treffpunkt der hier eintreffenden Reisenden. Und wieder wurde frischer Tee serviert. Als wir baten, die kleine Küche zum Abspülen unseres Geschirrs benutzen zu dürfen, ließ es sich Herr Öztürk nicht nehmen, beim Abwasch gründlich und sachkundig mitzuwirken. Aus unserem kurzen Abstecher nach Sultanhani war nun ein vierstündiger Aufenthalt geworden, an den wir wohl immer gerne zurückdenken werden. Als wir aber nach den Kosten für Eintritt und Tee fragten, wurden wir energisch abgewiesen – er, Öztürk, sei schließlich nicht nur Leiter des Touristenbüros, sondern Gouverneur und Landrat der Gegend; Bezahlung käme nicht in Frage. Wir trugen uns noch in das Gästebuch ein, in dem in vielen Sprachen das Lob der Gastfreundschaft in Sultanhani gesungen wurde. Nach einem Austausch der Adressen und einem herzlichen Abschied kam Herr Öztürk im letzten Augenblick, als wir schon in unsere Wagen eingestiegen waren, mit einem Eimer Wasser zurück und wusch uns unsere Windschutzscheiben – damit wir sicher weiterfahren konnten. Nicht überall kann Touristik-Service so persönlich und gastfreundschaftlich gepflegt werden wie bei Herrn Öztürk, das verbietet schon der Massenverkehr der großen Touristenzentren. Doch überall spürt man das Bemühen, die Türkei für den Tourismus zu erschließen. Moderne „Mocamps“ für den motorisierten Camper haben nichts mehr von der früher der Türkei nachgesagten „Schmuddeligkeit“ an sich, sondern sind gepflegte, meist gut ausgerüstete und dennoch sehr preiswerte Unterkunftsmöglichkeiten. Die Straßen zu den Touristenzentren, besonders im westlichen Teil des Landes, sind neu trassiert und asphaltiert und durchaus für den schnellen Verkehr ausgebaut. Diese Landschaft, das alte Kappadokien, konnten wir noch ausgiebig durchstreifen und besichtigen. Aus den riesigen Ablagerungsflächen von Tuffen und Laven des „Kappadokischen Olymps“ bei Kayseri hat die Erosion phantastische Kerben und Täler, zuckerhutförmige Tuffkegel und Steilabfälle herausmodelliert. In diese einzigartige ,,Mondlandschaft“ haben seit der byzantinischen Zeit christliche Mönche auf der Suche nach der Einsamkeit für ihre Meditationen, später auch auf der Flucht vor dem vordringenden Islam, Höhlen in den weichen Tuff gegraben. Jens auf KäferjagdNicht nur die Besichtigung wichtiger kulturhistorischer Denkmäler steht auf unserem Programm, sondern auch spezielle Hobbies. „Jens!! hier ist einer!“ Das bezog sich auf einen dicken, schwarzen Käfer, der sich gerade durch das Gras davonschleichen wollte. Gebannt beobachtet unsere Gruppe wie sich Jens dem schwarzen Käfer nähert und ihn mit schnellem, sicheren Griff in die hohlen Hand nimmt, ohne ihm auch nur einen Fühler zu verletzen. Ein Wattebausch mit Chloroform in einem Einweckglas, den Käfer vorsichtig hineinlassen und das Glas verschließen – und schon ist wieder ein „Beutestück“ für die Heimreise verstaut, Es lohnt sich hier im Orient auf die Kleinlebewelt zu achten: Käfer und andere Insekten gibt es in Größen und oft auch in farbigen Musterungen und auffallender Zeichnung, von denen man sich in Deutschland kaum eine Vorstellung machen kann. Daß diese günstigen Lebensbedingungen für Insekten natürlich auch die Zahl der uns Menschen unangenehmen Tiere schlagartig erhöht, wird deutlich,, wenn man im Freien die Fliegen und Mückenschwärme, in geschlossenen Räumen die Scharen von Schaben, Wanzen und ähnlichem „Ungeziefer“ beobachtet. Daran muß sich der Orientreisende gewöhnen, wie er sich an die ihm ungewohnten Temperaturverhältnisse erst nach einiger Zeit voll einstellen kann. NLP: Sonnabend/Sonntag, 27./28. Juli 1974, Seite 1
Gerhard Voigt berichtet aus TabrizAuf Karl Mays Spuren: Durchs wilde KurdistanLAATZEN/TABRIZ. Der türkisch-iranische Grenzraum Azarbeidjan und Kurdistan ist seit Vorzeiten Durchzugsraum für Reisende und ganze Völkerstämme zwischen Zentralasien und dem Mittelmeergebiet. Doch war diese Landschaft bis vor kurzer Zeit nur unter größten Strapazen und Gefahren zu durchqueren. Aus dieser wildromantischen Gegend kommt der heutige Bericht des Laatzener Studienassessors Gerhard Voigt, der sich mit sechs Schülern aus Laatzen-Rethen und Hannover auf einer Studienreise durch die Türkei und Persien befindet. Paßfahrten in Ostanatolien sind immer ein besonderes Erlebnis. Bevor der Reisende die iranischen Hochflächen, in denen große Städte wie Teheran und Tabriz oder Esfahan liegen, erreicht, durchquert er eine fast „treppenartig“ ansteigende Folge von Beckenlandschaften und großen, eingetieften Talbereichen, wie die des oberen Euphrat (Furat). Nachdem wir die mittelanatolischen Hochflächen, die oft völlig eben und nur in der Ferne von Gebirgsketten gesäumt erscheinen, durchquert hatten – wir berichteten schon aus Konya darüber –, kamen wir in der Gegend von Sivas wieder ins Gebirge. Uralte KulturspurenIn der zentralen Türkei siedelten Menschen schon lange bevor die heutigen Türken das Land eroberten. Bei Kayseri konnte die Ausgrabungsstätte des hethitischen Kültepe – oder wie es in der Antike genannt wurde: Kanesch – besichtigt werden. Die Archäologen der Universität Ankara geben sich viel Mühe, die verschütteten Spuren der oft nur aus leicht zerfallenden Lehmziegeln errichteten Häuser, Paläste und Kulturstätten freizulegen. Sieben übereinander liegende Fundamentschichten konnten so ausgegraben, vermessen und dokumentiert werden. Dabei wurde eine überraschende Entdeckung gemacht: Das Grabungsfeld von Kültepe umfaßt zwei unterschiedliche, direkt aneinanderstoßende Siedlungsteile, die bei genauerer Betrachtung deutlich verschiedene bauliche und strukturelle Züge aufweisen. Es konnte entschlüsselt werden, daß es sich bei der neu entdeckten Siedlung neben Kanesch um die gleichaltrige assyrische Handelskolonie mit dem antiken Namen Carum handelt. Trockenheit und HitzeWir fahren weiter in den Osten. Die ersten Pässe, über die die Europastraße nach Sivas–Erzurum–Iran führt, sind leicht zu bewältigen. Die Landschaftsform wird schroffer, der Wald tritt immer mehr zurück. auch der Ackerbau muß langsam der reinen Weidewirtschaft weichen. Hier beginnen die eigentlichen Problemgebiete der Türkei. Weder das osmanische Sultanat vor dem ersten Weltkrieg, noch die türkische Republik seit den Reformen Atatürks seit den zwanziger und dreißiger Jahren haben es vermocht, die zum Teil noch nomadisch oder zum mindesten halbnomadisch lebenden Bewohner Ostanatoliens in Staat und Wirtschaft zu integrieren. Wirtschaftliche Not und kaum vorstellbare Armut stehen einem bewußten und unbeugsamen Festhalten der Bevölkerung an überkommenden Lebensformen gegenüber. Orientalische RuheOhne Kudistan tatsächlich bereist zu haben, hat Karl May mit seinem Bericht über die abenteuerliche Durchquerung Kurdistans zum erstenmal eine breitere Öffentlichkeit an diesem Raum interessiert. Von all den Gefahren sind für den modernen Touristen nur noch die Beschwerlichkeiten einiger nicht asphaltierter Gebirgspässe die nicht nur an den Fahrer einige Anforderungen stellen, sondern auch den Wagen arg strapazieren. Dennoch bewältigten wir die Strecken ohne Panne. Die Grenzabfertigung unserer beiden Wagen erfolgte an der türkisch-iranischen Grenze nach meinen eigenen Orienterfahrungen zu urteilen recht zügig und zuvorkommend. Dennoch mußte einige Zeit in den beiden Abfertigungsgebäuden verbracht werden. So waren die übrigen Teilnehmer, die das Gebiet zum ersten Male bereisten schockiert über die „orientalische Ruhe“ mit der die Grenzbeamten ihren Dienst versahen – verschärft durch eine Überbürokratisierung mit Formularen und Stempeln. Überhaupt bereitet diese Reise allen Teilnehmern einige Anpassungsschwierigkeiten, sowohl an die veränderten äußeren Lebensumstände zwischen fahren und campen, als auch an das Zusammenleben auf engstem Raum mit den übrigen Gruppenmitgliedern. Latente Konflikte, die sich aus unterschiedlicher Mentalität und unterschiedlichen Interessen ergeben, kommen leichter zum Ausbruch als in heimatlich-gewohnter, distanzierterer Umgebung. Doch bisher konnte die Gruppe diese Probleme, die wohl bei jeder solcher Fahrt auftreten, noch immer gut meistern. Besonders die im Orient erforderliche Geduld mit den Umständen und den Menschen ist nicht die Sache jedes jungen Menschen aus Europa. Erst langsam wird deutlich, mit wieviel Menschlichkeit diese scheinbaren „Mängel“ des Orients in Wirklichkeit aufgewogen werden. NLP: Donnerstag, 1. August 1974, Seite 1 Gerhard Voigt berichtet aus GorganFür fünf Mark machten fünf Mechaniker den Wagen wieder flottLAATZEN/GORGAN. Nicht so erfreulich wie bisher der größte Teil der Persienreise des Laatzener Studienassessors Gerhard Voigt und seiner sechs Schüler aus Laatzen-Rethen und Hannover umfassenden Gruppe verlief eine Etappe im Nordostiran, die wir heute wiedergeben. Nach der Panne bei Kassel – wir berichteten darüber – traten hier gleich mehrere Ärgernisse auf, die aber die jungen Reisenden selbstverständlich nicht entmutigen konnten. Tabriz, die Hauptstadt der nordwestpersischen Provinz Azerbeidjan und zweitgrößte Stadt des Irans mit einem erstaunlichen industriellen Wachstum in den letzten Jahren, besichtigten wir an einem Freitag, dem islamischen „Sonntag“. Das Leben einer persischen Stadt kommt an diesen wöchentlichen Ruhetag zwar nicht ganz zu erliegen – auch einige Läden bleiben geöffnet – doch alle wichtigeren Stellen haben ihren Ruhetag, wie bei uns am Sonntag. Regen im persischen SommerSchon nach unserem Grenzübertritt bei Maku empfing uns der erste iranische Regenschauer – für Persien im Juli eine gänzlich ungewöhnliche Erscheinung, vielleicht aber noch durch die Höhenlage von über 1000 Meter im Gebirge zu „entschuldigen“. Doch das Wetter blieb weiter regnerisch und die Luft feucht, ein Phänomen, das, wie man uns sagte, schon seit Jähren nicht mehr aufgetreten ist. Das schlechte \Vetter bekamen wir insbesondere bei der Überquerung des Elburzgebirges über Ardebil nach Astara zu spüren. Die nicht asphaltierten Straßen der beiden Pässe, die bis auf 2700 Meter ansteigen, waren aufgeweicht und glitschig, besonders in den engen Kurven und Steilstellen, darüber lag in den höheren Lagen eine dichte Nebeldecke mit Sichtweiten teilweise unter zehn Metern. Ein erster Unfall ereignete sich in Ardebil. Wir sind zwar schon orientalische Verkehrsverhältnisse und unbedachte Verhaltensweisen gewohnt und auf schnelle Reaktionen eingestellt; doch wenn ganz plötzlich ein junger Mann vor den einen unserer Wagen springt, nutzen auch gute Bremsen nichts. Er wurde von der Stoßstange erfaßt und zu Boden geworfen. Doch er kam mit dem Schrecken davon; da er dann noch den versammelten Zorn persischer Auto- und Busfahrer für sein unbedachtes Verhalten auf sich zog, verschwand er, zwar schimpfend aber doch recht schnell um die nächste Ecke. Daß im übrigen am gleichen Tage auch ein Hund auf der Landstraße überfahren wurde, ist für persische Verhältnisse nichts Besonderes. Kein Mensch kümmert sich hier um die überfahrenen Hunde, die meist sowieso halbwild leben. Kaum waren wir dann glücklich über das Gebirge in Astara an der iranisch-sowjetischen Grenze angekommen, folgte die nächste Panne: der andere Bus blieb mit Kabelschaden und dem damit verbundenen Ausfall der gesamten elektrischen Anlage von der Zündung bis zur Beleuchtung liegen. Als wir versuchten, den Schaden genauer zu lokalisieren und gerade zu der Überzeugung gelangt waren, daß wir mit Bordmitteln hier nicht viel ausrichten könnten, hielt neben uns ein großer Mercedes. Einer der Insassen fragte uns in Englisch, ob wir Hilfe brauchten. Als wir unsere Situation geschildert hatten, meinte ein anderer der vier in ausgezeichneten Französisch, seinem Verhalten nach offensichtlich der „Boß“, er könne uns helfen und wir sollten ihm folgen. Wir nahmen den Havaristen in Schlepp, und er geleitete uns zu einer ganz kleinen Werkstatt in Astara. Auch dort hatte seine Anordnung Gewicht: Man ließ alles andere stehen und begann sofort mit der Reparatur und hatte tatsächlich den Wagen in einer halben Stunde wieder flott. Kurz vor Ende der Reparatur kamen die vier noch einmal vorbei. Kaum war ihr französischsprechender Boß – wir nannten ihn nachher dankbar respektlos den „Dorfscheich von Astara“, da er offensichtlich aus einer der führenden Familien stammen mußte, nach Auftreten und Bildung zu urteilen –, kaum war er also wieder in Sicht, ging eine nahezu hektische Aktivität durch die Werkstatt Fünf Mechaniker arbeiteten gleichzeitig an unserem Wagen, und da der „Boß“ gesagt hatte, in fünf Minuten wäre der Wagen fertig, war der Wagen auch in fünf Minuten fertig. Die Reparatur kostete umgerechnet etwa fünf Mark – und dann wurden wir noch ernsthaft gefragt, oh es uns nicht vielleicht zu teuer wäre! Danke. Dorfscheich von Astara! Gorgan im RegenWir konnten nun abends doch noch die Hafenstadt Bandar Pahlavi erreichen und fanden zur späten Stunde noch einen recht gut ausgerüsteten Campingplatz direkt am Ufer des Kaspisees. Am nächsten Tage führte uns die Fahrt dann die ganze Küste entlang bis in die erste Provinz Nordostirans, Gorgan. Der ungewöhnliche Regen in Gorgan war so stark gewesen, daß ein kleiner Bach neben dem Campingplatz über die Ufer getreten war, und alles unter Wasser stand. Sogar die Zufahrten waren so aufgeweicht, daß sie unpassierbar geworden waren. Ein solches Wetter hat der Iran im Juli seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt. Wir mußten uns so, etwas außerhalb der Ortschaften einen halbwegs trockenen Behelfscampingplatz suchen und unsere Zelte in der Dunkelheit aufstellen, froh darüber, überhaupt noch untergekommen zu sein. NLP: Dienstag, 6. August 1974, Seite 3 Bei dieser Reiseetappe gab es eine böse Überraschung.Ein Wagen blieb als Schrott im Iran zurückLAATZEN/TEHERAN. Pistenfahrten, Alltägliches im persischen Fahreralltag, haben etwas Heimtückisches: kleine Defekte, wie sie an einem alten Wagen immer mal wieder auftreten können, werden zu spät bemerkt und ziehen weitere Schäden nach sich. Diese Erfahrung mußte der Laatzener Studienassessor Gerhard Voigt mit seiner sechs Schüler umfassenden Gruppe machen. Die Reise der jungen Leute aus Laatzen, Rethen und Hannover, über die wir bereits mehrfach berichteten, nahm eine Wende, die niemand voraussehen konnte. Der Tag begann eigentlich in recht guter Stimmung, wenn auch reichlich übermüdet, was das Interesse an dem großartigen Grabturm von Gunbad-e-Kabus reichlich minderte. Doch nun ging es ja in Richtung Teheran, hin zum guten, trockenen Wetter, hin zu den gut befahrbaren Straßen, hin zu zivilisierteren Verhältnissen – wie wir meinten. Doch das einschneidendste Erlebnis stand uns erst noch bevor Paßfahrt im NebelDie Strecke von Gorgan nach Shahrud ist nicht besonders häufig befahren, besonders nicht von Touristen, die entweder der Küstenstraße nach Teheran über den Paß von Chalus folgen oder direkt in den Osten nach Meshed und Afghanistan weiterfahren. Die Querverbindung bleibt so ziemlich unbeachtet, obwohl diese Strecke zu den Hochflächen über die Ausläufern des Elbrus zum Kopet-Dagh-Gebirge hin landschaftlich besondere Reize birgt, wegen derer wir diesen Weg ja auch gewählt hatten. Voigt saß während dieser Strecke im ersten Wagen, den gerade turnusmäßig Klaus Kräbber lenkte und war erfreut und überrascht, mit welcher Ruhe er alle kritischen Fahrsituationen meisterte. Besonders unangenehm war der dauernde Nieselregen, der die Lehmpiste in eine einzige „Rutschbahn“ verwandelt hatte. In der Paßhöhe, die wieder bei etwa 3000 Metern lag, gelangten wir in ein ausgedehntes Wolkenfeld und mußten fast ohne Sicht im Schrittempo fahren. Erstaunlich ist immer wieder der Eindruck den eine Paßfahrt hervorruft wenn der Gebirgskamm gleichzeitig Wetterscheide ist; in unserem Fall markiert die Paßhöhe sogar abgezirkelt scharf die Grenze zwischen dem subtropisch-feuchten Kaspigebiet und der riesigen Wüstenzone Innerpersiens. Auf wenige Meter genau konnten wir diese Grenze auf der Paßhöhe beobachten: plötzlich endete der Nebel und der Blick weitete sich über ein leicht abfallendes Hochplateau mit fast alpiner Mattenvegetation, über das nur noch einige, vom Wind mitgerissene, sich rasch auflösende Nebelfetzen getrieben wurden Die Talfahrt abwärts nach Shahrud verlief problemlos auf gut asphaltierten Straßen, so daß wir uns schon beinahe in Teheran wähnten und uns Zeit ließen, die umgebende Landschaft mit ihren beginnenden Wüstenböden, die am Horizont in weißen Streifen in die Ausläufer der riesigen Salzflächen der großen Kawir übergehen, zu betrachten. Zwei menschliche Bauwerke interessierten uns besonders: einmal ein unterirdischer Bewässerungskanal, ein Qanat, der in etwa 40 Metern Tiefe, vom Gebirgshang kommend, unter der Straße hindurch zu einer mehrere Kilometer entfernten Oase führt und sie mit frischem Wasser versorgt. Zum anderen erhob sich dicht bei der Straße ein alter Totenturm der Zarathrustra-Anhänger, denen es ihre Religion verbietet, die Toten der Erde zu überlassen, und die darum früher ihre Verstorbenen auf künstlichen Lehmbergen, welche mehrfach ummauert waren, aussetzten und sie dem Fraß der Geier überantworten. GetriebeschadenNach Shahrud begann wieder eine lange Pistenstrecke, eine „Wellblechpiste“. So wurden Fahrgestell und Wagenkasten einer langandauernden und brutalen „Vibrationsmassage“ ausgesetzt, bei der sich alle Teile lösten, die sich nur irgend lösen können. Der Anfang vom Ende des einen Wagens war, daß sich auch die Schrauben vom Getriebegehäuse lösten und das Getriebeöl ausfloß. Das Getriebe lief heiß, und die Schaltung wurde immer weniger exakt führbar. Daß der Schaltvorgang schwieriger wurde, Gänge klemmten oder gar während der Fahrt heraussprangen, hätte auf glatter Strecke eindeutiges Warnsignal sein können: bei Pistenfahrten geschieht es jedoch oft auch bei intakten Getrieben. So verschlimmerte sich der Schaden so weit, daß das Schalten unmöglich wurde und bei eingelegtem Gang die hinteren Räder blockierten, weil die Zahnräder des Getriebes sich unlösbar verkeilt hatten. Auch der Versuch eines hilfsbereiten Lastwagenfahrers, der sich bemühte, wenigstens einen provisorischen fahrbereiten Zustand des Getriebes herzustellen, schlug wegen der Schwere des Schadens fehl. So mußten wir nun den Wagen über 200 Kilometer bis Teheran abschleppen. Daß uns dabei nur ein Abschleppseil riß, ist fast schon als Wunder zu bezeichnen. Doch war es keine angenehme Fahrt: etwa acht Stunden Fahrzeit benötigten wir für die Strecke. Wir übernachteten noch einmal vor Teheran im Gelände und stellten dann am nächsten Morgen fest, daß durch die Pistenschleppfahrt Vorderachse, Lenkung und Bremsen schwer gelitten hatten. In Teheran ließen wir den Havaristen erst einmal am Stadtrand stehen, um den Campingplatz zu suchen, die verschiedenen Informationen über den formalen Gang der zollamtlichen Löschung zu sammeln und das Gepäck zu verstauen. Abends schleppten wir den Wagen dann in abenteuerlicher Fahrt durch den chaotischen Stadtverkehr der persischen Hauptstadt – viel schlimmer noch als in Istanbul – bis zum Hauptzollamt, das wir auch erst nicht fanden, so daß wir während der Hauptverkehrszeit auf einer belebten Ausfallstraße einen defekten Wagen schiebend wenden mußten. Kurz vor der Einfahrt zum Zollamt riß uns noch das zweite Abschleppseil, doch schnell geknotet hielt es noch die letzten hundert Meter. – Doch: das Hauptzollamt hatte schon zu. Wir ließen den Wagen neben dem Einfahrtstor stehen und fuhren erst einmal zum Campingplatz zurück. Am nächsten Morgen konnten wir dann endlich alle Formalitäten, wie Löschung im Paß und im Carnet, zwar zeitraubend, aber endgültig, hinter uns bringen und den Wagen dem iranischen Zoll zur Verschrottung dalassen. Jetzt muß er nur noch nach unserer Rückkehr abgemeldet werden. Weitere PläneEs ergab sich jetzt notgedrungen die Frage nach dem weiteren Ablauf der Reise mit nur noch einem Wagen. Hier ergaben sich dann in der Gruppe zwei divergierende Vorstellungen: Drei Teilnehmer meinten, daß ein wesentlicher Teil der Reiseziele schon erfüllt sei, und daß nach einer etwas ausgiebigeren Beschäftigung mit Teheran die Heimreise angetreten werden konnte, während die übrigen vier nicht gerne auf eine kurze Rundreise durch die Südprovinzen Isfahan und Schiras verzichten wollten. So kam man dann zu der Lösung, daß Klaus Kräbber, Peter Ronge und Jens Trümper nach Abschluß der Teheranbesichtigung die Heimreise mit Bus und Bahn durch die Türkei antraten, während die übrigen vier mit dem verbliebenen Bus vor dem Verlassen des Iran noch die Rundfahrt Isfahan, Schiras und Erdölprovinzen am Persischen Golf unternehmen wollten. NLP: Mittwoch, 14. August 1974, Seite 2 [1] Redaktion: 3 Hannover, Goseriede 10, Telefon (0511) 171, Apparat 290. (1974) [heute 2005: Leine-Nachrichten. Tägliche Beilage der Neuen Presse (Hannover) und der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Redaktion: Albert-Schweitzer-Str. 1, D 30880 Laatzen. (Stand 1974) |
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