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Gerhard Voigt:

Kultursprünge in den Wüsten des „Fruchtbaren Halbmondes“

Die Wüstenlandschaft provoziert eine Frage: Warum entstand unsere Kultur gerade hier und nicht in den fruchtbareren, klimatisch weniger extremen Breiten?

Dazu müssen wir doch etwas tiefer in die Geschichte und Geographie einsteigen. Die Frage ‚warum hier?’ ist dabei zu trennen von der anderen Frage, warum nicht dort, nämlich in Mitteleuropa? – Letztere Frage ist einfacher zu beantworten: In Mitteleuropa endete vor zehntausend Jahren, als die Kulturentwicklung in Vorderasien schon vehement einsetzte, erst die letzte Eiszeit mit der stufenweise Wiederbesiedlung der Region mit erst spärlichen Buschgehölzen und später dichter werdenden Wäldern. Die Region war feucht, sumpfig, mit undurchdringlichen Auewäldern, Strauchwerken und Unterhölzern überzogen; winters machten Frost und Schnee Vorankommen und Jagd fast unmöglich. Die natürlichen Potentiale reichten gerade für eine spärliche Nutzung durch einige wenige Jäger und Sammler aus, deren Lebenserwartung nur gering war; Unfälle, Frost, Hunger und Krankheiten rafften immer wieder ganze Familien und Gruppen dahin. An ein Sesshaftwerden war bei diesem Nahrungsmangel nicht zu denken. Und woher sollte hier die Idee, die Anregung zum Ackerbau kommen? Wir sehen, landwirtschaftliche Gunst nach heutigen Maßstäben gibt keinen Aufschluss über die Nutzungspotentiale für ganz andere Gesellschaftsformen in früheren Zeiten. Gunst ist daher geographisch kein festes Attribut einer Landschaft sondern ein Ergebnis der Fähigkeit zur Inwertsetzung des Raumes durch eine konkrete Gesellschaft. So ist auch die heutige scheinbare Ungunst der nahöstlichen Siedlungsräume kein Maßstab für ein Urteil über die Nutzungspotentiale in vor- und frühgeschichtlicher Zeit.

Mehrere raumtypische Faktoren bestimmen die relative Gunst des Nahöstlichen Raumes für die „erste landwirtschaftliche Revolution“, die Erfindung des Ackerbaus, die Kulturpflanzenentwicklung und das Sesshaftwerden. Auch die „zweite landwirtschaftliche Revolution“, die Herausbildung von größeren Gesellschaften, die Entwicklung städtischer Siedlungen, das Entstehen von Grundherrschaft und das Aufkommen erster differenzierter religiöser Systeme und Kulte, findet im Nahen Osten seinen geeigneten Nährboden. Beginnen wir mit den natürlichen Voraussetzungen:

  1. Geeignete Pflanzen stehen für die Kulturpflanzenentwicklung zur Verfügung. Gräser sind die Grundlage der Getreideentwicklung (Emmer, Einkorn etc.), Rosazeen bilden, nicht nur im Nahen Osten, die Ausgangspflanzen für Obst und Früchte.

  2. Ein optimaler Artenreichtum für die Auswahl von geeigneten Pflanzenstämmen ist daher vorhanden, daß es sich hier um ein so genanntes „Mannigfaltigkeitszentrum“ (VAVILOV 1926) handelt, in dem ein besonders differenzierter Genbestand anzutreffen ist; das hat drei Gründe: zum einen überschneiden sich in Vorderasien die mediterranen, irano-turanischen und saharo-sindischen Florenreiche (FISHER 19716), zweitens hat der eiszeitliche, im Nahen Osten pluviale (feuchtzeitliche) Klimawandel die vorderasiatischen, klimatisch begünstigten Randgebirge (Taurus, nordsyrisches Hügelland, Zagros) zu Rückzugsgebieten weiter im Norden verdrängter Arten gemacht, und drittens ist das klimatisch reich differenzierte Gebiet an der Trockengrenze mit seiner Vielzahl klimatischer und edaphischer Besonderheiten geeignet, eine größere Anzahl regional eng begrenzter „ökologische Nischen“ für evolutionäre Sonderwege bereit zu halten, die auch nicht von einer aggressiv-dominanten dichten Leitvegetation beeinträchtigt werden. Zusammengefasst also: wir finden hier bei relativ geringer pflanzlicher Individuenzahl ein Maximum an Artenvielfalt und damit beste Voraussetzungen für (in der Frühzeit) eher zufällige oder (in der späteren Zeit) planmäßige Herausbildung geeigneter, ertragreicher Nutzpflanzen.

  3. Kurzfristige Klimaschwankungen, klimatische Grenzsituationen und lokal extreme biologische Lebensbedingungen verstärken den evolutionären Selektionsdruck auf die Pflanzenwelt und erhöhen damit die Geschwindigkeit der Artenentwicklung; ein Vorgang der die schon erläuterte Artenvielfalt noch erhöht und die Zuchtvoraussetzungen verbessert. Außerdem liefern diese natürlichen Bedingungen anschauliche Muster für die Auswirkungen von Lebensbedingungen auf das Pflanzenwachstum, die vom frühen Menschen, z.B. bei der „Erfindung“ der Bewässerung, leicht imitiert und genutzt werden konnten.

Aber auch von der Seite der menschlichen Lebensbedingungen sind einige wichtige Gunstfaktoren zu nennen, die historisch wirksam geworden sind.

  1. Die offenen Landschaften am Rande des späteren „fruchtbaren Halbmondes“ (schon dieser Begriff zeigt, daß diese Region sehr lange noch als Gunstgebiet angesehen worden ist!) erhöhten die Mobilität der zunächst noch nicht sesshaften Gruppen, erhöhten die Bereitschaft, sich zu größeren Gruppen zusammenzuschließen. Nach der „ersten landwirtschaftlichen Revolution“ konnte schon sehr früh ein erster Warenaustausch entstehen, der dann die „zweite Kulturrevolution“ begleitete und prägte.

  2. Die Lebenserwartung in diesen Räumen war höher als in den winterkalten mitteleuropäischen Sumpf- und Waldgebieten (Rodungstechniken waren damals ja noch ebenso wenig bekannt wie Trockenlegungen von Sumpfländereien).

  3. Bevölkerungswachstum führte dann zu dem Zwang, neue, ertragreichere Subsistenzformen zu finden und drängte zur Nutzung der oben genannten landwirtschaftlichen Gunstvoraussetzungen. So finden wir die ersten Spuren sesshafter Bevölkerung mit planmäßigem Pflanzenanbau an den Hängen der vorderasiatischen Randgebirge. Doch schon bald, wohl den Flüssen folgend, nutzen Menschen, vor über zehntausend Jahren, die Steppen und Halbwüsten am Fuße der Berge, indem sie die Bewässerungswirtschaft erfinden und Quellen und Flusswasser, nur wenig später auch selbst gegrabene Brunnen nutzen. Seitdem dreht sich die Lebensvorsorge der frühen Kulturen in erster Linie um das Wasser, seinen Gewinn, seine Speicherung und Nutzung, seine gerechte Verteilung (GRÜNERT 1981)

  4. Das ist die Voraussetzung dafür, daß sich, unter dem Zwang wachsender Bevölkerungszahlen und der steigenden Ansprüche an eine planmäßige Daseinsvorsorge, immer größere Menschengruppen zusammenschließen, um die Bewässerungssysteme zu verbessern, Kanäle und Stauanlagen zu bauen, Brunnen anzulegen und Instanzen zu schaffen, die die rechtmäßige Verteilung des knappen und kostbaren Wassers kontrollieren (MEDER 1992). Dies ist sicher eine der wesentlichen Wurzeln, daß sich, nach historischen Maßstäben, schon so bald nach der Sesshaftwerdung des Menschen übergeordnete gesellschaftliche Organisationsformen, staatliche Institutionen, Königreiche und Priesterkönigtümer, Militär und hierarchische Verwaltungsformen entwickelten: die altorientalischen Reiche waren geboren, auf deren Kulturerrungenschaften auch unsere Kultur noch letztlich aufbaut. WITTFOGEL nennt dies, wir haben es in der Einleitung schon erwähnt, die „hydraulische Kultur“.

Literatur:

Amiran, D.H.K.: Effects of Climatic Change in an Arid Environment von Land-Use Patterns. Arid Zone Research XX. UNESCO, Paris, 1963, pp. 437-442. [Changes of Climate: Proceedings of the Rome Symposium, organ. by UNESCO and WMO, Rome, 2.-7. Oct. 1961] (gekürzt und in eigener Übersetzung aus dem Englischen)

Butzer, K.W.: Changes of Climate During the Late Geological Record. Introductory Remarks. Quelle siehe: Amiran, pp. 203-221 [vgl. folgenden Textauszug (11.)]

Fisher, W.B.: The Middle East. A Physical, Social and Regional Geography. London 19716 [Methuen]

Grünert, H. und Autorenkollektiv: Geschichte der Urgesellschaft. Berlin (DDR) 1982 [Verlag der Wissenschaften]

Meder, O.: „Ein Unglück kommt selten allein!“ Ausgewählte Beispiele von Umweltzerstörung und gesellschaftlichen Krisen in der Geschichte – wissenschaftliche Diskussion und Didaktische Reflexion. Urbs et Regio, Bd. 56. Kassel 1992 [darin eine Unterrichtseinheit zu  Altmesopotamien, S. 31-78]

Vavilov, N.J.: Studies on the origin of cultivated plants. Leningrad 1926

Wittfogel, K.A.: Die Theorie der orientalischen Gesellschaft. In: Zeitschrift für Sozialforschung, Hg. im Auftrag des Instituts für Sozialforschung von Max Horkheimer. Jahrgang VII/1938, S. 90-122 [Libraire Felix Alcan, Paris] {reprographischer Nachdruck: München 1970 [Kösel] und München 1990 [dtv]}

Dokument Information

Gerhard Voigt: Tradition oder Umbruch? Erlebnisse im Nahen Osten. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Hannover 1988, S. 89 f. (redaktionell ergänzt)
Kultursprünge in den Wüsten des „Fruchtbaren Halbmondes“

   
   

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25. 07 2005.
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