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Arbeitsschwerpunkt Naher Osten
Orientfahrt 1987

X. Ägypten

1. Sinai und Nildelta

Kaum größere Gegensätze auf engem Raum sind denkbar als die zischen den gebirgigen Wüsten der Sinai-Halbinsel und den grünen, fruchtbaren Flächen des Nildeltas, die wir nun durchfahren. Doch weiß der Geograph, daß beide Landschaftsformen Ausprägungen der gleichen klimatischen Landschaftszone sind, des Trockengürtels, der in Höhe der Wendekreise, von den alten Seeleuten „Rossbreiten“ genannt, die Erdkugel im Norden wie im Süden umspannt: Wüsten- und Steppengebiete, von denen wir schon weiter oben ausgesagt haben, daß sie Ursprungsort der menschlichen Kultur gewesen sind. In der Niloase Ägyptens stoßen wir nun auf die wohl berühmteste der uralten Kulturen des alten Orients, auf eine typische „hydraulische Kultur“, über Jahrtausende abhängig von der jährlichen Nilüberschwemmung, die die kulturelle Phantasie der alten Ägypter reizte und sie zur Entwicklung eines der intensivsten Bewässerungsgebiete der frühen Zeit befähigte. Auch heute noch ist der Nil die „Lebensader“ Ägyptens (wie es die Schulbücher immer wieder formuliert haben); der Sadd-el-Ali Hochdamm, der den alten Assuan-Staudamm vor dem „ersten Katarakt“ ersetzt und den Nasser-Stausee bis weit in den Sudan hinein aufstaut (wertvolle altägyptische Denkmäler wie Abu Simbel mussten vor den steigenden Fluten gerettet und erlegt werden), ist das größte technische Modernisierungsprojekt Ägyptens in diesem Jahrhundert.

Daß sich die Erwartungen, die sich an diesen Bau geknüpft hatten, nicht alle erfüllt haben – Wasserabfluß und Verdunstung waren nicht richtig berechnet, das Fehlen der jährlichen Überschwemmungen und der insgesamt verringerte Abfluß führen heute zu ausgedehnten Versalzungen im Nildelta und im Randbereich der Niloase und zu einer ungehemmteren Ausbreitung der Bilharziose –, ist eines der großen Probleme des Staates Ägypten. Die schlimmen sozialen und ökonomischen Auswirkungen wurden uns bei unserer Reise durch das Nildelta und bei unserem Besuch in Kairo immer deutlicher vor Augen geführt.

Ägypten ist, mehr als alle anderen von uns besuchten Regionen, ein Entwicklungsland. Ernährungsprobleme, Bevölkerungswachstum, mangelnde Infrastruktur in den ländlichen Gebieten, Probleme der hygienischen Versorgung (Trinkwasser, Abwässer- und Müllbeseitigung, medizinische Grundversorgung), insgesamt zu geringe eigene agrarische Nahrungsspielräume und schließlich das fast unlösbare Problem der Magapolis Kairo sind Kennzeichen einer Situation, die Ägypten mit vielen anderen Ländern der so genannten „Dritten Welt“ teilt. Doch sollte dieses, sicherlich realistische Katastrophengemälde nicht den differenzierenden und auf den Menschen bezogenen Blick versperren. Strukturelle Defizite und Probleme sind „Metaphänomene“, deren Auswirkungen auf den Alltag erst genauer überprüft werden müssen – selbstverständlich, ohne sie verharmlosen zu wollen. Ich befürchte nur immer, daß in der Konzentration auf diese so genannten „Metaphänomene“, die sich im einzelnen eigentlich nur durch Statistiken oder typisierende, zusammenfassende Abstraktion der Fülle der realen Erfahrungen erkennen und verifizieren lassen, der Blick für die Besonderheiten der Schicksale der einzelnen Menschen, ihre Subjektivität verloren gehen kann. Objektive Situationsanalyse hat als Kehrseite die Gefahr, den Menschen zum Objekt der Beurteilung und der Planung zu machen, wobei das Subjekt des Beobachters dazu neigt, eigene Überlegenheitsvorstellungen zu entwickeln und die personale würde seiner „Objekte“, ihre eigenen Sinndeutungen und Lebenskonzepte aus dem Auge zu verlieren.

Das müssen wir uns bei unserem notwendigerweise flüchtigen Blick auf die ägyptische Armut, die uns durch Schmutz am Rande der Straßen, durch die Konfrontation mit Bettlern, Kranken und verstümmelten schmerzhaft bewußt wurde und auf die mit Ablehnung und Distanz zu reagieren leichter ist, als sie mit Verständnis auffassen zu können, immer wieder klar machen. Die Probleme, vor die sich Ägypten gestellt sieht, sind, das sei hier ausdrücklich betont, keine Folgen unfähiger Verwaltungen (die es natürlich auch gibt und gab) oder gar der „Unfähigkeit“ der Bevölkerung selbst – wenn man als unfähig nicht die durch äußere Zwangslagen verursachte Verhinderung von Lösungsperspektiven erstehen will. Es ist hier nicht der Ort, ein Colloquium über die Verursachung von Unterentwicklung einzuschieben. Dazu haben wichtige Autoren das wesentliche schon gesagt. Unser Blick soll daher wieder gelenkt werden auf die eigentliche Erfahrung, auf unsere Erlebnisse, auf die subjektive Seite unserer ägyptischen Abenteuer.

Ägypten war, so wollten es die Erwartungen aus der Zeit unserer Reisevorbereitung, vor allem das Erlebnis der altägyptischen Kultur bei den Pyramiden von Giza, Zakkara und Abusir, den Denkmälern in Memphis und im Ägyptischen Museum in Kairo. Darüber wird noch zu berichten sein. Drei andere Erfahrungsschichten wurden aber bei unserem Aufenthalt bloßgelegt: unter den offensichtlichen Problemen des heutigen Ägyptens, von denen eingangs berichtet wurde, die zeitgeschichtlich – außenpolitische Dimension vor allem des Nahostkonfliktes, mit dessen Zeugen wir bei unserer Durchquerung des Sinai konfrontiert wurden, und, noch eine Schicht darunter – und im westeuropäischen Bewusstsein oft zu wenig wahrgenommen oder auch verdrängt – die prägende islamische Kultur dieses Landes, der wir durch die Besichtigung wichtiger Moscheen in Kairo auf die Spur kommen wollten. Zunächst aber begeben wir uns auf den Sinai, um die zweite, die zeitgeschichtliche Dimension erfahren zu können; aber wir werden sehen, daß auch hier die geschichtliche Tradition viel weiter zurückgreift, das die Wurzeln der Bedeutung des Sinai, wir Wissen es, bis tief in biblische Zeiten reichen.

Schon die komplizierte Anreise nach Ägypten ist eine unmittelbare Folge des Nahostkonfliktes, der eine Durchreise durch Israel von Jordanien aus unmöglich macht. Zar ist von Amman aus ein Besuch der Heiligen Stätten in Jerusalem mit jordanischen Touristenbussen und, mit gewissen Einschränkungen, auch mit dem PKW möglich (und von dort aus die von Jordanien nicht zur Kenntnis genommenen Möglichkeit der Weiterreise auf eigentlich israelisches Territorium), doch für ausländische LKW, für Kleinbusse und Motorräder verweigert Israel auf der Jordanbrücke ebenso die Einreise wie für einen Transit durch Eilat am Roten Meer auf dem – unter anderen Umständen schon wieder möglichen – Weg von Aqaba’ nach Ägypten. Zum Zeitpunkt der Redaktion dieses Textes, Winter 1988/89, ist noch anzumerken, daß dieses labile Gleichgewicht der Beziehungen und Reisemöglichkeiten durch den Palästinenseraufstand, die Intifada, und durch den staatsrechtlichen Verzicht Jordaniens auf das Westjordanland gestört worden ist, so daß kaum absehbar ist, wie in Zukunft Grenzübertritte zischen den Nahoststaaten praktisch realisiert werden können. Unter diesen Umständen ist es sinnvoll – auch für diejenigen arabischen Reisenden, z.B. ägyptische Gastarbeiter in Jordanien, denen der Weg durch Israel nicht möglich oder nicht opportun ist –, daß die ägyptische Staatsreederei eine Fährverbindung zischen Aqaba’ und der am mittleren Küstenabschnitt liegenden Fährstelle Nuweiba – von einer Stadt und einem Hafen kann man hier noch längst nicht sprechen – eingerichtet hat. Die Buchung der Passage war reichlich umständlich. Bei einem Reisebüro in Aqaba’ hatten wir noch am Abend des Ankunfttages unseren Auftrag erteilt, um am nächsten Morgen die entsprechenden Fahrzeugpapiere nachzureichen und die Überfahrt mit noch einzutauschendem Geld zu bezahlen. Doch hier verzögerte sich alles. Auch die Ausstellung im Reisebüro zog sich träge hin, so daß wir dann am Mittag erst recht spät zur Zollabfertigung am Fährhafen angelangt sind. Die Komplikationen dieser Abfertigung sind kaum korrekt wiederzugeben. Mal fehlte hier noch ein Stempel, mal war dort ein notwendiges Papier spurlos verschwunden; immer bedeutete es für uns, Hafenpolizei, Zoll und Hafenkapitän erneut aufzusuchen, zu verhandeln, zu erklären, zu bitten und zu drängen. Und schließlich waren zwei Busse schon auf dem Schiff, das am frühen Nachmittag abfahren sollte, als uns die Lademannschaft das Ende der Zufahrt signalisierte; auf unser Drängen hin vermisste der Lademeister dann bei einem der noch draußen wartenden beiden Busse wieder ein Papier, und weiter ging es mit der Bürokratie wie oben geschildert. Die beiden vorgeeilten Busse setzten im letzten Augenblick noch zurück, und nun fuhr das Schiff ohne uns ab.

Die nächste Fähre wurde gegen Abend erwartet. Die Zollprobleme waren bald gelöst und die Zeit untätigen Wartens, teils bei den Bussen auf der großen schattenlosen Abstellfläche vor der Zollhalle, teils auf den Holzbänken im riesigen, etwas kühleren Warteraum der Abfertigungshalle, wo sogar etwas Schlaf möglich war, begann. Ein Eisverkäufer machte gute Geschäfte, ebenso wie die Kühlautomaten für Trinkwasser, ein kostenloser Service der Hafenbehörde, für erquickende Labsal sorgten. Und schließlich konnten wir dann auf die „Mekka I“ (registriert, man staune, in Panama!) fahren, und die Überfahrt in der hereinbrechenden Dunkelheit begann. Noch ein Blick auf den kleinen Hafen von Aqaba’, auf die arabische Wüstenküste und das tiefblaue Wasser des Golfes von Aqaba’ und dann fuhren wir nach Ägypten.

Die hundert Kilometer wären eigentlich in kurzer Zeit zu bewältigen gewesen, doch ankerten wir noch stundenlang vor der Anlegestelle in Nuweiba, bis die Grenzpolizei an Bord ihre Passkontrollen abgeschlossen hatte und wir gegen elf Uhr nachts von Bord kamen. Wenn wir aber gedacht hatten, daß nun die Zollabfertigung wenigsten beschleunigt wäre, hatten wir uns getäuscht. Die Schikanen des Zolls – abladen, aufladen – sind kaum zu beschreiben. Die Fahrzeuge bekamen neue Autokennzeichen. Eine halbstündige Verhandlung mit dem obersten Polizeioffizier führte nicht zum Erlass des Zwangsumtausches, der uns als Schülergruppe vom ägyptischen Generalkonsulat in Hamburg zugesichert worden war (übrigens wurde dieser Zwangsumtausch nur wenige Monate später generell aufgehoben). Beim Umtausch kam es in der „Bankschlange“ dann noch zu einer Schlägerei. Diese Grenzabfertigung mitten in der Nacht war nun sicher kein ermutigender Beginn unseres Ägyptenaufenthalts! Erst gegen vier Uhr morgens konnten wir das Zollgelände erlassen und dem Sinai in der einbrechenden Morgendämmerung entgegenfahren. Die erste Nacht auf dem Sinai war eine kurze Rast im Morgengrauen, dort wo sich die neue Durchgangsstraße von Nuweiba nach Abu Rudeis im großen Bogen von der Küste löst und zischen den kahlen Berghängen des Sinaigebirges verschwindet. Zischen den beiden Fahrbahnen legen wir uns auf unsere Matten und sind bald eingeschlafen. Straßenverkehr stört uns nicht in diesem abgelegenen und erlassenen Teil der Welt. Später fährt ein Bus noch einmal zurück in Richtung Nuweiba, um die notwendige Verpflegung einzukaufen. Obst, Fladenbrot, Eier und Joghurtbecher sind unsere Ausbeute, also unser tägliches Essen. Groß angekündigt wird in Nuweiba das neue Touristencamp mit Bungalows und Gärten, Badestrand und Gaststätten. Doch noch macht die Anlage, etwas abseits der wenigen Hütten des alten Dorfes Nuweiba einen unvollständigen, erlassenen Eindruck. Wird man hier wirklich ein neues Touristenzentrum etablieren können? Die Landschaft hat große Reize für den Liebhaber von Wüsten und malerischen Gebirgsgegenden. Der Blick von der ansteigende Straße entlang des ocker-, gelb und beigefarbigen Gebirges, das in der Morgensonne durch tiefbraune Schattenfurchen und rotglühende Felswände gescheckt wird, bleibt wie gebannt hängen auf dem unvergesslichen Bild des fast weißen Sandstrandes, auf den in sanften Bögen die leuchtendblaue Wasserfläche des Golfs von Aqaba’ aufläuft; und ganz klein sehen wir auf der tiefblauen Fläche den einsamen, weiß-blauen Fleck der „Mekka I“, die immer noch draußen vor Nuweiba an dem weit in den seichten Golf hinauszeigenden Anleger festgemacht ist.

Die Straße über den Sinai ist neu und sehr gut zu befahren – eine nachdenklich stimmende Folge der kriegerischen Auseinandersetzungen zischen Israel und Ägypten in diesem Wüstengebirge. Als Aufmarsch- und Rückzugsgebiet der Panzer und Truppen beider Seiten, begleitet von rührigen Pionierbataillonen, die die störenden Felsbarrieren wegsprengten, wurde der Sinai infrastrukturell erschlossen, so daß nach den Kriegshandlungen die zivilen Straßenbaubehörden nur noch den gängigen Asphalt aufzutragen, Leitlinien aufzuzeichnen und die zivilisationsbegleitenden Verkehrsschilder aufzustellen hatten – Warnung vor Kuren, Kreuzungen, Kamelen und Sand, aber auch mit dem erbot, die Straßen zu erlassen, da abseits der eingefahrenen Wege noch immer Minen, scharfe Munition und militärischer Schrott aus jahrelangem Krieg das friedliche Bild der Täler erheblich stören. Auch Schützengräben und Panzersperren begleiten, wenn auch heute nicht allzu auffällig, die Straße. Der Sinai – Symbol für den verbissenen Kampf um die Zukunft des Nahen Ostens, vielleicht auch, nach dem Friedensschluss zischen Ägypten und Israel, neues Symbol für mögliche Wege aus dem Desaster? Die Zukunft wird es zeigen. Die Hoffnung auf die Zukunft lässt uns aufs Neue die Vergangenheit befragen. War doch die Sinaihalbinsel seit altbiblischer Zeit, seit den Gesetzestafeln, die Moses auf dem Sinaigipfel von Gott empfing, Schauplatz der religiösen Einkehr, Rückkehr, Offenbarung und Zuflucht.

Das Katharinenkloster auf der Hälfte unseres Weges über die Halbinsel war an dem Tage unseres Besuches nicht zu besichtigen. Doch auch von außen war die Klosteranlage, eine grüne Insel im Tal vor dem Djebel Musa, dem Mosesberg, aus mächtigen Natursteinmauern errichtet, ein eindrucksvoller Ort; vor allem war die trutzige und doch zurückgezogene Lage, die Kleinheit zischen den hoch aufragenden kahlen und dunklen Felsmassen auf beiden Seiten des Klosters, eine bewusste Wahrnehmung Wert. Prägt doch, verwurzelt in der Erinnerung an biblische Überlieferung, die Einbindung in diesen weltabgewandten Ort die religiöse Bedeutung des Klosters für die christlichen Mönche, die sich hier schon sehr früh in der Nachfolge biblischer Vorbilder in die Wüste zurückgezogen haben. Für Theologen mag dieser Ort noch eine ganz spezifische Bedeutung und Anziehungskraft haben; für den sonstigen, etwas für Orte sensibilisierten Reisenden ist vor allem die Einheit von Gebirgsland und urtümlicher Klosteranlage, von Alltagsabgewandtheit und unvorstellbar tiefer historischer Rückendung zu den Quellen des Glaubens ein Eindruck, der in der Erinnerung vielleicht stärkeres Gewicht noch gewinnt als er beim ersten Besuch ermitteln konnte. Das Kloster ist so auch ein Symbol für die Begrenztheit, Gefährdung und Oasenhaftigkeit menschlicher Existenz überhaupt, aus der auszubrechen Ziel und Motiv religiöser Empfindungen und der Erlösungslehren der Religionen ist.

Dies wird in einer Landschaft augenfällig, in der menschliche Lebensräume ganz materiell und konkret Oasen sind. Auf unserer Orientreise haben wir viele Orte besucht, die nach geographischen Gesichtspunkten Oasen sind. In Syrien haben wir uns über die Lebensbedingungen in den Trockenräumen Gedanken gemacht. Hier auf dem Sinai treffen wir nun auf die in unserer Vorstellung klassische Form der Oase, die kleine, quell- und brunnengespeiste Dattelpalmoase.

In einem idyllischen, schattigen Palmenhain der für ihre Fruchtbarkeit berühmten Oase Feiran machen wir Mittagsrast, umgeben von neugierigen Kindern, ehe wir zum Golf von Suez weiterfahren und in den Sandfeldern, in Sichtweite der Abfackelflammen dieses einzigen größeren Erdölfeldes von Ägypten, Abu Rudeis, nächtliche Rast finden. Der nächste Tag, Montag, 20. Juli, führt uns durch den neuen Suezkanaltunnel, der auf Wegweisern seit Nuweiba avisiert worden war, bei Ismailia in das feuchte, grüne Ackerland des Nildeltas. Diese plötzliche Umstellung von Wüstenlandschaften auf das tiefe, satte Grün dieses fruchtbaren und seit Urzeiten dicht besiedelten Kulturlandes wirkt wie ein Schock. Die Fahrt führt vorbei an urtümlichen Wasserrädern, die von ständig im Kreis herumtrottenden Rindern in Bewegung gehalten werden und das Wasser aus dem dichten Netz der Kanäle auf die Felder heben, vorbei an armseligen, aus Holz und Laub geflochtenen Hütten wie an alten, langsam zerfallenden Gutshäusern einer ausgestorbenen ländlichen Oberschicht, vorbei an hohen Taubenschlägen aus Lehm – Taubenfleisch dient in vielen ägyptischen Gerichten als Delikatesse – und an in den Buschhecken und an den Kanalböschungen weidenden Ziegen und Schafen.

Reis, Gemüse, Weizen, Obstbäume und Dattelpalmen fallen uns immer wieder auf. In der Umgebung der größeren Ortschaften findet eine rege Bautätigkeit statt. Große Wohnblocks aus Betonplatten sehen wir hier und auch die im ganzen Orient verbreitete Form des selbstgebauten Einfamilienhauses, das als kubische Stahlbetonpfeilerkonstruktion begonnen und von einer Betonplatte abgedeckt wird, und in das die Außen- und Zwischenwände mit gebrannten oder ungebrannten Ziegeln, jedenfalls immer in Handarbeit mit ortsüblichen Materialien individuell eingezogen wird. Wächst die Familie oder wird die Einrichtung einer Werkstatt oder eines Ladengeschäftes geplant, wird das Haus einmal oder mehrmals in gleicher Konstruktionsweise aufgestockt, wobei die Treppenaufgänge oft nachträglich an der Außenseite angefügt werden. Diese erweiterungsfähige Konstruktion, durchaus kein ästhetisch ansprechender Baustil, hat sich bei der Armut und dem Zwang zur ständigen Improvisation in der Regelung der eigenen Lebensverhältnisse durchaus bewährt. Da aus der Deckenplatte, in weiser Voraussicht, die Enden der Stahlgeflechte und -drähte nach oben herausragen – und so einen Weiterbau leicht ermöglichen –, sehen diese Häuser immer wie Baustellen oder Ruinen aus.

Auf schmalen Straßen, ein paar Mal auch etwas desorientiert, überqueren wir die Kanäle und Nebenarme des östlichen Nildeltas, bis wir auf die Autobahn Kairo – Alexandria, die „Agricultural Road“ stoßen. Die Einfahrt nach Alexandria führt uns entlang einer völlig verkommenen Bahntrasse durch ärmste Slumviertel in die Innenstadt hinein. Da es Abend wird suchen wir bald den Weg nach Abukir (Historikern ist dieser Ort bekannt), wo angeblich in einem besseren Wohnviertel ein annehmbarer Campingplatz sein soll. Doch das war ein Gerücht. Bei der Anmeldung auf dem Gelände einer staatlichen Jugendferienkolonie, nach üblichem stundenlangen Warten auf den zuständigen Direktor werden wir gegen 23 Uhr auf einen Platz etwas außerhalb begleitet, der sich bei näherem Hinsehen als größerer, baumbestandener Vorgarten eines Wohnhauses herausstellt, ohne sanitäre Einrichtungen (bis auf die Mauerecke im anschließenden Ödlandgrundstück) und ohne Waschmöglichkeiten (bis auf einen Schlauch und eine Abwassertonne an der Seite des Hauses – wo wir in der Dunkelheit nacheinander „Primitivduschen“ probten). Eine zweite Nacht, wie wir es ursprünglich geplant hatten, hielt es uns hier nicht. Morgens ließen wir uns das zuviel gezahlte Geld herausgeben, erledigten unsere Angelegenheiten in Alexandria und fuhren noch am gleichen Tage nach Kairo weiter.

Unsere Angelegenheiten in Alexandria: wir wollten uns hier bei den Reisebüros nach Fährmöglichkeiten in Richtung Piräus oder in die Türkei erkundigen. Wir trafen zwar überall auf höfliche und freundliche Beratung, doch eine geeignete Passage zu finden, war gar nicht so leicht und erlangte – hin- und hergeschickt – den Besuch mehrerer recht weit voneinander entfernter Reisebüros: in der Tasche immer die Schecks und Wagenpapiere zur Hand. Unsere Fahrzeuge hatten wir auf einem beachten Parkplatz im Zentrum abgestellt, was bei der drangvollen Enge und der Überfülle an Fahrzeugen in der Stadt gar nicht so leicht war.

Schließlich fanden wir auch ein geeignetes und preisgünstiges Angebot auf einem russischen Schiff; doch der für uns entscheidende Einwand kam zuletzt: bezahlt werden mußte in Devisen, in Dollar, um genau zu sein. Unser durch Zwangsumtausch überreichliches Guthaben an ägyptischen Pfunden nützte uns hier überhaupt nichts. Nach kurzer Beratung verzichteten wir dann auf eine Buchung in der Hoffnung, in Haifa in Israel noch ein günstigeres Angebot zu finden. Wenn alles schief gehen sollte, würde eben eine Rückreise wieder nach Alexandria oder gar eine Heimreise auf dem Landwege notwendig werden – mit der zweiten Garnitur unserer Pässe für Israel, denn Rückreisevisa hatten wir für Jordanien und Syrien ja vorsichtshalber schon eintragen lassen. Und unser überschüssiges ägyptisches Geld? Auch wenn die Versuchung groß war, noch ein paar Luxustage einzulegen – einige Gaststättenmahlzeiten waren dann auch für die Gruppe möglich –, siegte die Sparsamkeit und damit die Spekulation auf illegale finanzielle Transaktionen. Wir hatten ja vorsichtshalber in Nuweiba vergessen, eine Devisenerklärung abzugeben. Aber davon in einem anderen Kapitel mehr!

2. Bei den Pyramiden

Dienstag, 21. Juli. Ich glaube, viele aus unserer Reisegruppe hatten besondere Erwartungen an die Begegnung mit dem alten Ägypten, mit den Pyramiden von Giza geknüpft. Gibt es doch kaum einen Ort auf unserer Reise, der als Bild so weit verbreitet, so sehr Allgemeingut in den Vorstellungen zumindest europäischer Menschen geworden ist. Es ist eine offene Frage, ob hier das persönliche Erlebnis noch unmittelbarere und weiterführende Erfahrungen hinzufügen kann, ob das Vorstellungsbild denunziert oder überhöht, ergänzt oder bestätigt wird. Die Antworten dürften wohl sehr unterschiedlich ausfallen. Daß durchaus intensive, bleibende Eindrücke ermittelt worden sind, zeigen die durchweg bemerkenswerten emotionalen Reaktionen unserer Reisegruppe. Doch zunächst zur ersten Begegnung mit den Pyramiden.

Nachmittags waren wir von Alexandria losgefahren. Eigentlich wollten wir die direkt nach Giza führende, schnellere und bequemere „Desert Road“ nehmen, doch im Straßengewirr und bei einer nicht sehr eindeutigen Wegeführung auf den Ausfallstraßen haben wir uns völlig verfranzt. Schließlich konnten wir uns über den Weg nicht einigen, es gab sogar etwas Streit; ich muß gestehen, daß meine Orientierung völlig versagte und auch, was sonst sehr selten vorkommt, völlig in die Irre ging. Nachdem wir dann einem anderen Bus die Konvoiführung abgetreten hatten, führte uns dieser auch auf die „Agricultural Road“, auf der wir schon einen Tag zuvor das letzte Stück unserer Fahrt von Ismailia her zurückgelegt hatten. Diese Strecke durch das dicht besiedelte Ackerland des Nildeltas, mit seinen dichten Baumbeständen, Reis- und Gemüsefeldern, Wasserschöpfwerken an den vielen Kanälen und Nebenarmen des Nils, aber auch mit armseligen ländlichen Siedlungen und Hütten, ist sicher für die heutige Situation Ägyptens das typischere Erlebnis.

Der Verkehr auf der Agricultural Road, die im Prinzip recht gut und autobahnähnlich ausgebaut ist, erscheint uns chaotisch und zeitweise riskant. Lokaler Personen- und Güterverkehr, zum Teil auf technisch gerade noch fahrfähigen und oft völlig überladenen Fahrzeugen mischt sich mit überschnell passierenden Luxuslimousinen auf der Fahrt zischen den beiden ägyptischen Metropolen und einer endlosen Folge großer Fernlaster, die heute das Rückgrat des ägyptischen Güterverkehrs bilden. In den Siedlungen entlang der Straße wuseln dann Fußgänger, Kinder, Lastenträger, alte Menschen in ständiger Lebensgefahr zischen dem unablässigen Strom der Fahrzeuge. Vor Kairo erfrischen wir uns noch einmal an einem „Mirinda“-Stand, den kleine Jungen mit drei Flaschenkästen und einem großen Wassereimer zum Kühlen improvisiert hatten. Fotos werden gemacht, die hinzueilende Mutter zeigt gestenreich ihren Stolz über die Englischkenntnisse ihres Sohnes; mit gemeinsamen Bemühungen wird die Adresse aufgeschrieben, um nach der Reise Fotos nach Ägypten schicken zu können; Gerhard Stünkel übernimmt dann diese Aufgabe; ob die Bilder richtig angekommen sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Durch das Gewühl der Metropole Wagen wir uns dann doch nicht ohne Führung, da wir auf der anderen Nilseite die Ausfallstraße nach Giza finden müssen – nach einer vollständigen Stadtdurchquerung. Mein Versagen einige Stunden zuvor in Alexandria mache ich durch den „genialen“ Vorschlag wett, ein Taxi anzuheuern, das unseren Konvoi durch die Hauptstadt führt. Das funktioniert reibungslos, und schon bald haben wir die Nilbrücke hinter uns und sind auf der Fahrt nach Giza.

Der erste Blick auf die Pyramiden erfolgt dramatisch. Die Straße nach Giza, gleichzeitig Hauptstraße dieser Stadt und Verbindungsstraße zur „Desert Road“, ist breit und übersichtlich, über weite Strecken eine Allee mit Baumreihen auch in der Mitte zischen den Fahrspuren. Nach unseren Reiseführerangaben wollen wir einen empfohlenen Campingplatz ansteuern, der links an einer der nach Süden führenden Straßen an einem schnurgeraden Wasserkanal liegen soll. Offensichtlich sind wir zunächst vorbeigefahren; die Straße biegt, schon als Ausfallstraße vom Zentrum weg führend, nach rechts, nach Norden, ab. Links hinter den Häuserreihen, undeutlich noch in der Dämmerung, sehe ich Schatten, die wohl die Pyramiden sein werden. Minuten später wir dann das Flutlicht eingeschaltet; aber da sind sie schon wieder hinter den Häusern verschwunden. Wir wenden, nach einer kurzen Wegenachfrage, und fahren einige hundert Meter zurück. Hier werden wir morgen dann die Auffahrt zu den Pyramiden hochfahren. Vor einer Straßenkreuzung müssen wir kurz abbremsen.

Da hören wir hinter uns ein blechernes Scheppern. Ist mit den uns folgenden Bussen etwas passiert? wir halten und steigen aus und sehen das Malheur: Stefans Wagen ist auf Tills Campingbus hinten aufgefahren, die Stoßstangen sind eingedrückt. Erleichterung, daß keine schweren Schäden oder Verletzungen zu beklagen sind, aber auch Ärger über die unnötigen Reparaturen, die nun nach unserer Rückkehr noch bevorstehen. Was war denn geschehen? Wir hören jetzt die ganze Geschichte. Rechts neben uns zwischen den Häusern leuchten nun die angestrahlten Pyramiden in ganzer Pracht. Und einer der Mitreisenden in diesem Bus hatte sie nun zum ersten Male entdeckt und lauthals gerufen „Die Pyramiden“; alles schaut nach rechts, der Fahrer, sein Name sei hier nicht genannt, ist überrascht und abgelenkt von diesem großartigen Bild und sieht nicht den Stopp vor der Kreuzung – und schon hat es geknallt. Künstlerpech!

Nun zum Campingplatz. Die Wegebeschreibung ist nicht genau genug, den Platz ohne Hilfe zu finden, doch wir haben ja, als wir das letzte Mal nach dem Wege fragten, einen hilfsbereiten „Vorreiter“ im PKW gefunden, der uns zu unserem Ziel führte, dem Campingplatz, der in unserem sonst recht hilfreichen Campingführer als der einzige anständige Platz Ägyptens gelobt wird (die Informationen scheinen, wie wir schon in Alexandria feststellen mussten, nicht ganz auf dem neuesten Stand zu sein): ein dunkles, völlig unbenutztes Wäldchen, eine verkommene Holzhütte am Eingang, dahinter eine nicht gerade einladende Toilette mit einem Wasserhahn, aber angeblich – tagsüber – mit Pyramidenblick. Nur mit Mühe können wir eine verschlafene ältere Frau heraus klopfen, die zwar bestätigt, daß wir hier unsere Zelte aufschlagen könnten, doch große Anstrengungen, uns dazubehalten, macht sie nicht.

Da sprang dann unser „Pilot“ ein, der uns auf einen anderen Platz, nur einen Kilometer weiter, hinwies: mit sauberen Waschanlagen, Restaurant und viel Leben – privat und gut geführt. Wir sehen bald, daß dies kein uneigennütziger Hinweis war, sondern daß er selbst der Besitzer war. Doch war seine Beschreibung durchaus zutreffend, so daß wir einige angenehme und von der Verpflegung her recht komfortable Tage in Giza erbringen konnten.

Gemeinsame Abendessen unter romantisch beleuchtetem Stoffzelt mitten in der Gartenanlage des Campingplatzes, ägyptische Spezialitäten, Tee und (aus Dosen) Mangosaft, waren für unser vieles zwangsumgetauschtes ägyptisches Geld eine angenehme Verwendung. Der Campingplatzbesitzer, der noch für die Zukunft große Hotel- und Restaurationspläne hatte, war tatsächlich „vom Fach“ und hatte in der Schweiz seine gastronomische Ausbildung erhalten. Bei vielen lockeren und informationsreichen Gesprächen über Land und Leute, Wirtschaft und Politik wollte er uns auch dafür interessieren, ihm von Deutschland aus professionell als Reisveranstalter Gäste zuzuführen; Tricks und Kniffe, bis hin zur Umgehung von Zoll und Gebühren für die einreisenden Busse, schlug er uns vor. Daß wir nicht ganz dieselbe orientalische Schlitzohrigkeit und ökonomische Raffinesse hatten, ist ihm wohl nicht klar geworden. Aber gute Tips für Israelreisen hatte er – wenn auch strikt aus palästinensischer Sicht: seine, als Köchin und guter Geist des Betriebes aktive, äußerst attraktive Ehefrau ist Palästinenserin aus einer Hoteliersfamilie in – wenn ich recht erinnere – Hebron. Andere Verwandte wurden als mögliche Kontaktpersonen überall in den arabischen Siedlungsgebieten Israels und in den von Israel besetzten Gebieten des Westjordanlandes benannt.

Am nächsten Tage konnten wir dann wirklich zu den Pyramiden fahren. Etwa vierzig Meter über dem grünen Niltal, durch einen Steilabfall getrennt, liegt die Wüstenplatte, in die sich der Nil hinein geschnitten hat. Hier wächst kein Baum; nur eine schier endlose gelbglänzende Sandfläche erstreckt sich bis zum Horizont. Hitze ist das erste bedrängende Gefühl, wenn man die drei und vier weitgestreckten Kurven der Zufahrtsstraße hinter sich gebracht hat und auf dem Parkplatz am Fuße der riesigen Steinbauwerke aus dem Wagen steigt.

Nur wenige Schritte ist es bis zum Rand der Wüstenplatte, von wo aus der Blick über die Palmenhaine von Giza und, in der Ferne, das Häusermeer von Kairo streift, dort, wo in der Mitte dieses sich hier schon auf rund hundert Kilometer ausweitende Tal der Nil fließt und beginnt, sich zum Delta zu verzweigen. Fast das ganze Tal ist, auch wenn die hohen Palmen in den Gärten der wohlhabenderen Stadtviertel hier in Giza das nicht so augenfällig machen, schon städtisches Siedlungsland geworden. Kairo ist so zu einer der größten und am schnellsten wachsenden städtischen Metropolen geworden, mit all den anscheinend unlösbaren wirtschaftlichen, infrastrukturellen und sozialen Problemen, die die Städte der „Dritten Welt“ charakterisieren.

Wenden wir uns um, und blicken wir auf die Pyramiden. Der altägyptische Zugang und damit die Perspektive, für die sie gebaut waren, lag woanders: beim nur noch aus spärlichen Überresten rekonstruierbaren Taltempel, von dem aus der Prozessionsweg, der die leichte Schrägung einer natürlichen Erosionsrinne im Steilhang nutzt, zum oberen Tempel führt, hinter dem sich frontal die Pyramide in das dunkle Blau des Himmels erhebt. Dieser Weg wird bewacht von der Sphinx, an der gerade der Smog der letzten Jahre eine neue, vielleicht endgültige Phase der Zerstörung eingeleitet hat. Stellt man sich vor, wie die alten Ägypter, eingebettet in eine religiöse Zeremonie, diesen Weg zur mit Steinplatten glatt und glänzend überzogenen Pyramide schritten, so wird uns klar, daß die Pyramide hier, optisch und psychologisch nicht als massives steinernes Bauwerk erschien, sondern als völlig abstrakte, maßstabslose dreieckige leuchtende Fläche vor dem dunkelblauen Wüstenhimmel: immaterielles Zeichen und Symbol.

Über die religiösen Empfindungen und Erfahrungen der Beteiligten dieser Zeremonie kann man heute wohl wenig aussagen, doch gerade die Zeichenhaftigkeit, die auch heute noch, verdeckt von der materiellen Sensation dieser riesigen Bauwerke, eher unbewusst die Rätselhaftigkeit und Befremdlichkeit bewirken – und damit das Bild der Pyramiden unauslöschlich einprägen –, macht die heutige Art des Zuganges unbefriedigend, inadäquat, vielleicht auch enttäuschend.

Ist es doch nicht die bautechnische oder sportive Sensation, die den Charakter und die Bedeutung der Pyramiden ausmacht, sondern der uns nur noch fremde religiöse Bedeutungsgehalt[1]. Ich muß gestehen, daß die tatsächliche Begegnung mit den Pyramiden für mich kaum zusätzliche Erlebnispräsenz, Erweiterung der Vorstellung oder dieses rätselhafte Affinitätsgefühl beim direkten materiellen Kontakt mit einem Gebäude oder Gegenstand, der längst in der Phantasie und Vorstellung mit Bedeutung geladen ist, ermittelte, welche bei anderen architektonisch-plastischen Sehenswürdigkeiten unserer Reise oft so überwältigend wirkten. Die Pyramiden sind zu sehr Idee, transzendente Erfahrung, als daß ihre materielle Repräsentation zusätzliche Aufschlüsse über ihre Wirkung oder Bedeutung ermitteln könnte. Der einzige Weg wäre die des meditativen Nachvollzugs der alten religiösen Erlebnisse; doch dies ist für einen eher unreligiösen Betrachter scher nachzuvollziehen und wird durch den schlechten Erhaltungszustand noch zusätzlich gehindert.[2] 

Der Besuch bei den großen Pyramiden von Giza sollte daher eher Anlass zur Selbstprüfung sein, zur Reflexion über die eigene Erlebnisfähigkeit und die Sinngebung der Erfahrungen, die eine solche Reise bietet. Gerhard Stünkel ist diesen Gedanken im Zusammenhang mit dem Besuch im Ägyptischen Museum am folgenden Tage nachgegangen und hat darüber einen kurzen Essay niedergelegt:

„Nofretete – Tutenchamun. Das ist etwas zum Ansehen und Staunen – und alle Welt tut es. Was soll man da schreiben? Reiner Systemzwang, den Bildern Kommentare beizufügen. Jedenfalls will ich nicht beschreiben oder Gelesenes abschreiben. Es ist kein Paar, aber mit jeweils beispiellosem künstlerischem Rang und gleicher Repräsentanz für das alte Ägypten sind sie dessen Inbegriff. Hier ist es mir peinlich, eine wie gute Bekannte die Nofretete auch als Original schon ist, denn hierher gehört auch die Berliner Skulptur. Dagegen ist es mir zwar bewußt, nicht aber bedauerlich, daß Tutenchamuns Grabkammer Museumsbestandteil ist. Ich finde es gut, daß der Totenkult als Schatz und als Kunst und in der Form von Menschenbildnissen uns erreicht. Und die Konstruktion des aufwendigen Grabes macht es möglich, sogar Mumie und äußeren Sarg im Grab zu belassen. Was ich am meisten bestaune, weiß ich nicht, zumal alles zur Einheit geworden ist: Sinn und Geschichte, Reichtum und Pracht der Materialien, den Ausdruck, die Pracht und Abstimmung der Farben? Und schließlich denke ich auch über die Nähe nach, die uns ja wichtig ist. Ich bin sicher, daß mich ein gutes Video informativer mit dem Ägyptischen Museum und auch mit Tutchenchamun und Nofretete bekannt gemacht hätte, als der Besuch es tat. Also spekulieren wir auf ein Mehr, das durch die Gegenwart geschieht. Aber fassen lässt es sich scher.

Sicher ist, daß oft die Begegnung mit Großem und Ersehntem banal ist. Es kann passieren, daß man Schlange stehen muß, daß nur ein Blick auf ein Bauwerk, auf einen Menschen, auf ein Bild geworfen werden kann, was alles uns trotzdem auch hinterher die Mühe langer Anwege Wert ist. Tatsächlich sehe ich mir aber z.B. die Nofretete heute genauer an als vor der Vitrine. Vielleicht ist ja meine Beziehung zu ihr zu eng, als daß ich mich auf deren Wahrnehmung einlasse, wenn ich durchs Museum wimmele. Ich gebe zu, daß mich fasziniert, wie mit den unterschiedlichsten Materialien, Techniken und Formaten schon die ganze Herrscherfamilie dreitausend Jahre in einem unglaublichen „Fotoalbum“ lebendig geblieben ist.

Und bei der Nofretete ist es nicht zu glauben, wie mir in einem Stück braunem Granit individueller Charme, sinnliche Schönheit begegnen, die ich ja nicht zugeben mag, wenn meine Reisekumpane mal wieder gegenseitig über Abhaken, Belegfotos fürs Dagewesensein witzeln. Aber ich weiß, es geht nicht nur mir so – hoffentlich allen!“

Doch noch einmal zurück zu den Pyramiden. Die großen Pyramiden stehen ja nicht allein, sie sind Endpunkt einer religiösen und architektonischen Entwicklung. Nach der, für viele durch Hitze und lange Wege ermüdenden und beschwerlichen Pyramidenbesichtigung – der Blick in die engen Gänge der Cheopspyramide brachte für mich keine besonderen zusätzlichen Eindrücke –, nachdem Karsten alter, unser Sportas, es sich nicht nehmen ließ, verbotenerweise und vor dem beobachtenden Teleobjektiv meiner Kamera, die Mykerinospyramide zu besteigen, nachdem beim Polizeirevier an der Hauptstraße auch die notwendige fremdenpolizeiliche Anmeldung mit viel Geduld vollzogen war und nachdem der Rest der Gruppe beim Campingplatz abgeladen worden war, ließ es sich ein unermüdlicher Rest nicht nehmen, noch einmal den Spuren der alten Ägypter zu folgen mit einer gar nicht so weiten Fahrt in Richtung Zakkara und Memphis, wo die ältesten Pyramiden der Menschheitsgeschichte zu finden sind. Auf dem Weg dorthin nahmen wir in einer kleinen Gaststätte an der Straße noch eine Erfrischung zu uns. Das war darum so erinnernswert, weil sich die Gasträume in einem alten, hölzernen ägyptischen Bürgerhaus, besser: bürgerlichen Landhaus, mit Schnitzereien an Türdurchgängen und Fenstern und mit idyllischem Blick auf eine alte Gartenanlage befanden; doch leider hatte der Zahn der Zeit und die heutige Armut vieles von dem ursprünglichen Charme dieses Hauses schon zerstört, wo heute abblätternde Farbe und zerfallende Wände, modrig werdendes Holz das heutige ländliche Ägypten charakterisieren.

Erste Station war Abusir, eine Gruppe sehr zerfallener, kleiner Pyramiden, bei denen die Ausgrabungen noch nicht abgeschlossen sind. Durch den zufälligen Kontakt mit einigen Ausgräbern hatten einige von uns die Gelegenheit, die Ausgrabungen auch im Inneren der Pyramide in Augenschein zu nehmen, was, bei der Fülle der gefundenen Reliefs und Hieroglypheninschriften ein besonders nachhaltiges Erlebnis war. Die Abenddämmerung brach nun herein. Vor einer roten Sonne glühte nun die Stufenpyramide von Zakkara auf: ein unvergessliches Bild, gerade, weil im Vordergrund das dunkle Grün der Palmen einen fast unwirklichen kontrastreichen Rahmen abgab. Zu besichtigen war das Pyramidengelände zu dieser Abendstunde nicht mehr.

Schließlich warfen wir noch einen Blick auf die spärlichen Zeugnisse der ältesten ägyptischen Metropole, auf Memphis, wo in einem kleinen Museumsgarten noch eine ältere Sphinx zu bewundern war. Doch damit, unter dichten Palmenhainen entlang eines in Süd-Nord-Richtung verlaufenden Bewässerungskanals, kam es auch zum Abschluss unserer altägyptischen Erkundungen und zur Rückkehr in das Ägypten von heute, wo auf unserem Campingplatz schon ein reichhaltiges Abendessen wartete.

3. Alte Kultur und heutige Probleme: Die letzten Tage in Ägypten

Die Reise geht nun sichtbar ihrem Ende zu. Wir denken schon an die bevorstehende Rückfahrt. Die Zeit wird knapp, wenn wir überlegen, wie viele Ziele und Sehenswürdigkeiten aus unserer Planung noch nicht erreicht sind. Nach den Misserfolgen in Alexandria ist es uns klar, daß wir die Fährüberfahrt zurück in Israel, in Haifa, buchen müssen; auch das wird zeitlich knapp werden. Am meisten schmerzt, daß wir einige weltberühmte altägyptische Fundstellen wohl nur noch schwerlich erreichen können: das Tal der Könige, Luxor, Assuan. Es gibt ernsthafte Überlegungen für einen Eintagesflug nach Luxor, die sich dann jedoch vor allem deshalb zerschlagen, weil nicht genügend Plätze für die ganze Gruppe zu buchen sind, aber auch, weil Zeitaufwand und zusätzliche Kosten nur scher in ein vernünftiges Verhältnis zu bringen sind.

Wir hatten schon in der Vorbereitung der Reise nach langem Hin- und Herrechnen feststellen müssen, daß sich unser Ägyptenbesuch aus zeitlichen Gründen auf Kairo und das Nildelta beschränken müsse, daß die Fahrt nilaufärts nicht unterzubringen sei. Wie es scheint, haben einige Ägyptenfans in der Gruppe, für die ich viel Verständnis habe, diese Erkenntnis innerlich nicht ganz akzeptiert und ersucht – auch durch eine, zeitweilig fast unverständlich erscheinende Hetze in den zuvor durchfahrenen Ländern –, doch noch einen überraschenden Weg zum Trip nilaufwärts zu finden. Ganz ohne Schärfe und kontroverse Diskussionen in der Gruppe ging schließlich diese „Sonderplanung“ doch nicht über die Bühne. Hier war ein energisches Wort notwendig: Wenn es eine realistische Möglichkeit für ein Sonderprogramm nach Oberägypten gäbe, sollte es nur dann in Anspruch genommen werden, wenn allen Interessierten – auch auf Kosten der Gruppenkasse – die Gelegenheit zur Mitreise geboten würde. Bedenklich für andere war dabei, damit eventuell auf die Besichtigung von Kairo und Jerusalem zugunsten Altägyptens zu verzichten; ein Verzicht, der aus meiner Sicht indiskutabel gewesen wäre und aus unserer Reise zwei „Essentials“ herausgebrochen hätte. Bei Rückfrage im Reisebüro stellte sich schnell heraus, daß auch für diesen Inlandflug die Bezahlung nicht mit den reichlich vorhandenen ägyptischen Pfund, sondern nur in Devisen möglich war und daß ohnehin nicht genügend Plätze kurzfristig zu buchen gewesen wären. So zerschlug sich dieser Plan.

Wohin aber mit dem überzähligen ägyptischen Geld? Vorsichtshalber hatten wir ja bei der Einreise die Devisenerklärung „vergessen“ – was bei der Ausreise zu peinlichen Befragungen führte, letztlich aber unsere Handlungsfreiheit im Lande selbst erhöhte –; eher durch Zufall trafen wir bei den Pyramiden einen illegalen Devisenhändler, der uns ein akzeptables Rücktauschangebot, das unsere Verluste verringern konnte, machte, auf das wir, bei einem erneuten Kontakt abends nach dem Pyramidenbesuch – in den engen Gassen des Suqs unterhalb der Pyramiden in Giza, unter Anwendung einer ganzen Reihe von Sicherheitsvorkehrungen – zurückkamen: Zunächst wurden hier etwa tausend Mark wieder in Dollar und DM zurückgewechselt; am nächsten Tag folgte dann noch einmal eine „Rücktauschaktion“ über ca. zweitausend Mark. So macht staatlicher Devisendirigismus sogar gutwillige und gesetzestreue Bürger und Touristen zu Gesetzesbrechern und Schwarzhändlern. Und dann der ärgerliche Clou: nur wenige Tage nach unserer Rückkehr nach Hannover lesen wir, daß Ägypten auf den Zwangsumtausch verzichtet hat.

Und doch sollten diese gesetzlichen devisenrechtlichen Bestimmungen nicht nur aus der Sicht des betroffenen Touristen gesehen werden. Etwas Verständnis dafür bekommt man doch, wenn man die katastrophale wirtschaftliche Lage und Handelsbilanz Ägyptens und seine desolaten Währungsverhältnisse betrachtet und einsieht, daß hier ein Land aus Not jeden Strohhalm ergreift, seine wirtschaftliche Talfahrt aufzuhalten. Es ist daher eher ein Kalkül, ob Devisenzwangsbewirtschaftung und Zwangsumtausch bei ohnehin einreisenden Touristen die notwendigen Ausgaben im Lande sichern oder ob diese Maßnahmen den Touristenstrom stärker bremsen, als es die zusätzlichen Einnahmen erlauben würden. Der Druck, die Zwangsmaßnahme aufzuheben, geht ja vor allem von den großen Reiseunternehmen Europas und der USA aus, die jetzt versprechen, größere Touristenkontingente auch nach Ägypten zu bringen. Und dabei sind viele Einnahmen des Landes und seiner Unternehmungen ohnehin fixiert und pauschalisiert, wenn auch ein guter Teil der Gewinne wieder in die Heimatländer der Touristikbranche zurückfließen.

Donnerstag, 23. Juli. Kairo. Wir mieten mit Hilfe des Campingplatzbetreibers zwei größere Kleinbusse für unsere Gruppe, da wir mit unseren eigenen Fahrzeugen nicht durch Kairo fahren wollen und, insbesondere, die Fahrzeuge nicht irgendwo in der Stadt unbeaufsichtigt parken möchten. Zunächst steht das islamische Kairo auf unserem Programm. Über Jahrhunderte war Kairo ein geistiges Zentrum dieser Weltreligion, Sitz mächtiger Herrscherdynastien – so der Fatimiden und der Mamluken – und ist bis heute Sitz der für islamische Theologie und Philosophie maßgeblichen Al Azhar-Uniersität. Mehrere Moscheen und Medresen in Kairo gehören zu den wichtigsten und interessantesten islamischen Großbauten überhaupt und sind stilbildend geworden; sie gehören heute zum architektonischen Menschheitserbe. Zwei dieser Bauten wollen wir eingehender besichtigen.

Zunächst fahren wir, wenn auch nach einigen Verständigungsproblemen mit den Fahrern, zur berühmten Sultan-Hasan-Moschee, die eigentlich Medrese und Grabmoschee für Sultan Hasan in einem ist. Der hohe, massive Bau steht in einem größeren Moschee- und Palastkomplex vor allem aus mamlukischer Zeit, zu erkennen an den waagerechten Streifenmustern der Gebäude, ragt aber vom Volumen und der architektonischen Vollkommenheit aus seiner Umgebung heraus. Die beiden Minarette sind in ihrer typischen, stark verzierten und grazilen Kairoer Art Wahrzeichen der Stadt geworden. Eines ist mit 86 Metern Höhe das höchste Minarett der Stadt, die über vierhundert Minarette zählt. Ursprünglich sollte die Sultan-Hasan-Moschee vier Minarette erhalten, doch beim Bau, 1356-1362, stürzte das dritte beim Bau ein und begrub dreihundert Kinder in einem angrenzenden Waisenhaus unter sich. Aus Trauer über dieses Unglück blieb es dann bei den beiden Minaretten, die wir heute bewundern dürfen. Durch ein hohes Portal betreten wir einen reich geschmückten Eingangsraum, wo wir zur Besichtigung des Gebäudes saubere Riemenschuhe überziehen.

Ein dunkler Weg durch Seitenhallen, von dem Durchgänge zu Nebenräumen der Moschee abzweigen, führt uns plötzlich in den lichten, monumentalen Moscheehof, der, von der Grundidee mit den persischen Moscheen verwandt, aber höher, enger, in seiner architektonischen Präsenz eindrücklicher wirkend, von vier hohen Liwanen, mit Kuppelkalotten oben abgeschlossenen Scheintoren oder Bogenkonstruktionen, umgeben ist. Durch den rückwärtigen Bogen gelangt man zunächst, durch ein erhöhtes Steinpodest vom Hof, in dem sich natürlich auch der polygone Brunnen für die Waschungen befindet, getrennt, in die mit Teppichen ausgelegte Gebetshalle, die an der Rückwand, der Qibla-Seite durch das reich verzierte, große Mihrab abgeschlossen wird. An der Seite dieser and findet sich aber doch noch ein weiterer Durchgang, der uns in den Grabraum von Sultan Hasan führt, genauso hoch wie der Gebetsraum, von einer mächtigen Kuppel überwölbt.

War dieses Gebäude eine Einführung in architektonische Monumentalität, führte uns unser nächster Weg zu einem Gebäude lichter Weite und Grazilität, Ruhe und proportionierter Ausgewogenheit: der ältesten Großmoschee Kairos, der Ibn-Tulûn-Moschee. Kurz nach dem Bau der Kalifenmoschee von Samarra errichtet von Ahmed Ibn Tulûn in den Jahren 876 bis 879, kopiert sie diese bis hin zum Spiralbau des Minarett-Turmes. Sie ist von der Fläche her, die vor allem von dem weiten Hof eingenommen wird, die drittgrößte Moschee der Welt überhaupt. Ziegelmauerwerk bestimmt Farbe und Faktur der allseitigen Säulen- und Gebetshallen, gekrönt durch einen umlaufende ornamentalen Zinnenfries. Vor dem Eingang zur Moschee befindet sich ein Vorhof, der das Bauwerk noch einmal vor dem Lärm und dem Trubel des städtischen Lebens abschirmt. Durch eine Seitentür gelangen wir in ein altes Kairoer Bürgerhaus, das, in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts von einem englischen ägyptophilen Kaufmann gekauft, sorgfältig restauriert und zur Aufnahme seiner reichen Sammlung islamisch-ägyptischer Möbel und Kunstgewerbeexponate hergerichtet, später als Gayer-Anderson-Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Hier erleben wir die Lebensumstände des reichen ägyptischen Kaufmanns, blicken durch die engen Holzgitter des Harems auf das Leben auf der Straße und können vom gegen den Blick vom Nachbarhaus sorgfältig abgeschirmten Dach noch viel weiter in dieses städtische Gewühl hineinschauen. Luxus und Bequemlichkeit, aber auch verfeinerter Geschmack in Dekor und Wandschmuck zeichnen dieses Leben aus, das immer nur ein Leben der Oberschicht gewesen ist, aber zum Ideal und Lebensmaßstab einer hohen arabischen Kultur wurde, in der Reichtum durch Bildung und Lebensart ergänzt worden ist.

Eine weitere Rundfahrt durch das alte Kairo führte uns zur Zitadelle, die wir nur en passant zur Kenntnis nehmen – und wo wir an Verkaufsständen „original handgedruckte“ Reproduktionen altägyptischer Grabmalereien, annonciert als „Papyri“, erstehen –, und zu den berühmt-berüchtigten Mamluken- oder Kalifengräbern. Hier, in den Slumvorstädten zerfallen eine große Anzahl architektonisch äußerst interessanter Grabbauwerke zischen den provisorischen Lehmbauten einer immer dichter erdenden Vorstadtbevölkerung. Auf die südlichen Mamlukengräber werfen wir nur einen Blick im vorbeifahren von der Straße aus. Hier ist die Not und die Armut so groß, daß es Touristen nicht zu empfehlen ist, auf eigene Faust hindurch zu streifen. Aber auch Diskretion und Takt sollten das erbieten. Im Zentrum der nördlichen Kalifengräber – tatsächlich sind es Grabbauten reicher Kairoer Bürger und Hofbeamten der Mamlukenzeit und Grabmoscheen gelehrter islamischer Theologen, die hier als Heilige verehrt werden – stehen einige größere Grabmoscheen, die auch für die Besichtigung eingerichtet sind. Besonders schön. mit zwei reich verzierten Minaretten und zwei der typischen, steilen, gerippten Kuppeln ist die Sultan-Barkuk-Moschee, die nicht nur Mausoleum des tscherkessischen Sultans, sondern auch Klostermoschee des religiösen Ordens, dem der Sultan angehörte, war. Andere Besucher verirren sich kaum in diese zerfallende Vorstadt unterhalb der Zitadelle. Tiefer Frieden liegt über dem Moscheehof, in dem ein kleines Bäumchen durch den Steinboden gebrochen ist und sein eigenes Leben führt. Am Rande des Hofes übermannt viele von uns der Schlaf nach einer anstrengenden, an neuen Eindrücken reichen Stadtbesichtigung in Hitze und staubiger, dreckiger Luft, während ich noch die Umgebung durchstreife und weitere interessante Grabbauten finde, die alle die steinerne Riffelkuppel tragen.

Doch ist dies noch nicht das Ende des Tages. Die Besichtigung des Ägyptischen Museums ist die Krönung unseres Besuches in Kairo. Es erübrigt sich hier, die Schätze dieses Museums zu beschreiben. Weiter oben haben die Zeilen von Gerhard Stünkel ja schon erste Reminiszenzen wecken können. Vieles ist ja, als Objekt der Neugier, uns Besuchern aus den großen Ausstellungen in Hildesheim und Hannover bekannt. Vor diesem Hintergrund enttäuscht dann die Ausstellungsform im Ägyptischen Museum, nachdem wir die didaktisch und ästhetisch überragende Präsentation in den Sonderausstellungen gewohnt sind. Das Nationalmuseum hier in Kairo ist noch in erster Linie Magazin der überreichen Funde und Schätze, eine gedrängte Ansammlung und Dokumentation, wie sie zu Beginn unseres Jahrhunderts in allen Großstädten üblich war. Auch den Grabfunden Tutenchamuns begegnen wir hier wieder. Eine Reihe von Photos, nach Zahlung der Fotolizenz, dokumentiert für uns die verschiedenen Scherpunkte der Sammlung.

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Uns ist bewußt, wie vieles wir in dieser Großstadt nicht haben sehen können. Mich schmerzt vor allem, daß ich keinen Blick auf die Sammlungen des islamischen Museums habe werfen können. Aber auch das Innere der Zitadelle oder die Al-Azhar-Moschee hätten einen Besuch gelohnt, wie auch ein Bummel am Nilufer und eine Überquerung der Nilbrücken zu Fuß lohnende zusätzliche Erlebnisse gewesen wären. Den großen Bazar wollten wir noch besichtigen; doch Verständigungsschwierigkeiten mit unserem ägyptischen Fahrer brachten uns dann plötzlich zu den Suqs von Giza in der Nähe unseres Campingplatzes.

Alle diese Versäumnisse lassen den Wunsch nach einer späteren Ägyptenfahrt aufkommen, vielleicht diesmal als Charterflug und anschließende Rundreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, vielleicht mit einer Schiff-Fahrt auf dem Nil? Hercule Poirot lässt grüßen! Organisatorisch und finanziell, auf drei bis vier Wochen beschränkt und mit Übernachtungen in low-standard Hotels ließe sich dieser Plan auch mit Schülern realisieren, wie entsprechende, ebenso „ungeplante“ Unternehmungen in der Türkei bewiesen haben. Drei Reiseabschnitte würden dann aufeinander folgen: Eine Woche Kairo, eine Schiff-Fahrt nach Luxor und Assuan mit der Besichtigung des Tals der Könige und der nubischen Tempel und schließlich eine Busrundfahrt durch das Nildelta, die in Alexandria endet, von wo aus dann der Rückflug nach Deutschland angetreten werden kann. Aber ich träume und plane ja schon wieder, ohne daß ich mir über die Mitreisenden, über den Zeitpunkt und, nicht zuletzt, über die Finanzierungsmöglichkeiten Gedanken gemacht habe. Daher zurück zum Bericht über die vergangene Ägyptenreise, zu den Erlebnissen im heutigen Ägypten.

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Nach diesem erlebnisreichen Tag in Kairo kam ja schon wieder der Zeitpunkt der Weiterreise, aus Ägypten in Richtung Israel. In Gesprächen auf dem Campingplatz wurden wir vor der langen, anstrengenden Fahrt in das Nachbarland gewarnt. Zwei Tage hätten wir einzuplanen. Dementsprechend planten wir die Rückfahrt zeitlich großzügig und waren überrascht, schon am späten Nachmittag in Al Arish kurz vor der israelischen Grenze angekommen zu sein. Als wir dann noch erfuhren, daß täglich Linienbusse an einem Tage von Kairo nach Jerusalem fahren, kam uns unsere Vorsicht in der Zeitplanung doch etwas überflüssig vor. Doch in Anbetracht der Unkenntnis über Grenzabfertigungsmodalitäten und Öffnungszeiten des Grenzüberganges haben wir uns dann doch noch zu einer Übernachtung in Ägypten, in Al Arish, entschlossen.

Diese Rückfahrt fasste uns wie in einem Hohlspiegel die Fülle der ägyptischen Probleme auf kleinstem Raume zusammen. Die Fahrt durch Kairo führte noch einmal über die Nilbrücke, wo der Blick auf den supermodernen Hochhäusern internationaler Firmen und Hotels am repräsentativen östlichen Nilufer hängen blieb, vorbei am Trubel der Innenstadt, in der westlich strukturierte Einkaufs- und Citystraßen, mit soliden Geschäftshäusern aus allen Zeitabschnitten unseres Jahrhunderts, sich abwechseln mit dunklen, aber von Leben pulsierenden Suqs und traditionellen Wohnvierteln, die stellenweise noch den ehemaligen Luxus und Reichtum hinter bröckelnden Fassaden durchschimmern lassen. Vorbei auch noch einmal an den Slums um die Mamlukengräber herum, in sich schon ein Symbol für ehemalige Macht und heutigen Zerfall dieser Stadt, der nur an anderer Stelle gestoppt und aufgefangen werden kann. Dann durch die endlos wirkenden, gesichtslosen Vorstädte, in denen Wohnbebauung und Gewerbe, Handwerk und Kleinhandel eine unüberschaubare Melange eingegangen sind, durchzogen nur durch die völlig vom Verkehr überlasteten Ausfallstraßen, auf denen, wir haben es selbst erlebt, mit einem Male eine gemächlich dahintrottende Kamelkarawane den Autoverkehr ungerührt aufhielt.

Kairo, eine Stadt der Extreme, unübersehbare Bemühungen um Modernisierung und westliche Anpassung, aber auch unvorstellbares Elend in den Slumgebieten. Insofern ist Kairo schon eine typische Stadt der „Dritten Welt“, wie viele andere Städte mit ähnlichen Problemen in Afrika, Asien und Südamerika eine der noch unlösbaren Menschheitsaufgaben, die über weiter bestehen oder Kollaps einer friedlichen Menschheitszukunft entscheiden können.

Auch die Weiterfahrt bringt zwiespältige Eindrücke. Das Ackerland auf der Fahrt bis Ismailia ist fruchtbar, eine Hoffnung für das volkreiche Ägypten, im Gegensatz zu den öden und versalzenen Wüstengebieten auf dem Sinai, die wir anschließend durchfahren. Doch Siedlungsdichte und Bevölkerungswachstum drehen die Problemlagen einfach um. Das fruchtbare Land des Niltales kann heute kaum noch die Einwohnerschaft ernähren, geschweige denn genug produzieren, um den Moloch Kairo am Leben zu halten. Die überall sichtbare Armut auf dem Lande beweist das ebenso wie die fehlende Infrastruktur, die katastrophale Folgen bei der Entsorgung von Müll und Fäkalien nach sich zieht, Krankheiten, Seuchen, Unterernährung und geringere Lebenserwartung; die Lebensverhältnisse am Rande der Wüste sind, bei sehr viel geringerer Bevölkerungsdichte, weitaus weniger belastet als in den Kernsiedlungsräumen Ägyptens.

Der Suezkanal, Hoffnung Ägyptens auf eine moderne industrielle Entwicklung des Landes, durch Industrieareale bei Ismailia, bei Suez und bei Port Said, die die Devisen zur Modernisierung auch der großen Problemgebiete einbringen sollen, wird von uns diesmal auf der Autofähre bei El Kantara überquert mit Blick auf die Großtanker, die, vielleicht gerade aus dem Krisengebiet des Persischen Golfes kommend, Erdöl durch das Mittelmeer nach Europa bringen. Die Einbindung in die internationalen Konfliktlagen, die die Rahmenbedingungen auch für die ägyptischen Entwicklungsperspektiven bilden, wird hier augenfällig.

Die Landschaften des Sinais kennen wir schon von unserer Hinfahrt. Doch hier, in Küstennähe, ist das Gelände weniger gebirgig, dafür treffen wir aber auf äußerst reizvolle Sandlandschaften und Dünenfelder, unterbrochen von Salzpfannen und austrocknenden Küstenlagunen, an deren Ufern strahlend weiße Salzausblühungen dem Landschaftsbild einen ganz besonderen Reiz geben. In Al Arish, wo wir, wie gesagt, früher als angenommen eintreffen, haben wir zunächst einige Schwierigkeiten, eine Unterkunft zu finden. Das einzige Zeltareal war längst zu einem festen und völlig verschmutzten Zelt- und Nissenhüttenslum geworden, in den wir uns kaum einquartierten konnten. Das andere Extrem war ein hochmodernes Bungalowhotel, das unsere finanziellen Möglichkeiten weit überstieg. Und sonst? Schon beim arbeitsteiligen Einkauf von Viktualien ebenso wie bei der mühsamen Suche nach einer Tankstelle hatten unsere Busse den kleinen Ort nach allen Richtungen hin mehrfach durchquert und sich dabei auch aus den Augen verloren, was zusätzliche Suchfahrten nach sich zog. Dann durchquerte unser gesamter Konvoi den Ort dreimal in der Längserstreckung hin und zurück auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit: wir sahen es an den neugierigen Blicken, daß wir langsam zur heutigen Ortssensation wurden; auch der einsame Verkehrspolizist an der Hauptkreuzung, der die etwas unübersichtliche Lichtzeichenanlage von einem verglasten Podest aus steuerte, blickte uns suspekten Personen zunehmend misstrauischer nach. Diese örtliche Sensation sprach sich bald herum, und wir wurden angesprochen und mit Hilfsangeboten bedacht. Undurchsichtige Verhandlungen und widersprüchliche Angebote führten aber schließlich doch zu einem Ergebnis: In drei strandnahen Bungalows unter Palmen konnte sich unsere Gruppe einquartieren und bei Benutzung der Küchen auch Abendbrot und Frühstück zubereiten. Die Legalität der Einquartierung schien nicht ganz sicher (wem sollten wir eigentlich nicht sagen, daß wir die Nacht hier verbrachten?). Wir haben zudem den erdacht, daß zumindest in dem einen Bungalow eine ganze Familie gegen ein kleines Trinkgeld kurzerhand ausquartiert worden war zu einer Zeltübernachtung am Strand, aber die nach unseren Maßstäben geringen Entgelte und Trinkgelder waren Anreiz genug, uns diese Übernachtungsmöglichkeit zu beschaffen. Der Abend wurde dann noch etwas durch Darmaffektionen bei einigen Teilnehmern überschattet, doch ansonsten war die Nacht in „richtigen“ Betten eine erfreuliche Abwechslung in unserem bisherigen Zeltalltag.

Das Baden im nahen Mittelmeer war nur noch in der kurzen Zeit bis zur Dämmerung möglich, da das ägyptische Gesetz Nachtbaden erbietet und die Strände bei Dunkelheit polizeilich gesperrt werden. Dies wurde durch regelmäßige Patrouillen tatsächlich überprüft. Schmuggel und Spionageinfiltration sind wohl die Befürchtungen, die die Behörden zu dieser Maßnahme veranlasst haben. Doch die Verhandlungen und Diskussionen bei unserer Suche nach Quartier führten auch zu persönlicheren, vertraulicheren Gesprächen. Als Abschluss dieses Kapitels soll die Schilderung eines solchen Kontaktes, der anrührende Züge trug, durch Gerhard Stünkel stehen:

El Arish: Hierher hat uns ein nicht sehr attraktiver Weg geführt. Nach dem Übersetzen über den Suezkanal endlose flache Wüste. Gelegentlich weiße Landpartien, wo es weggetrocknete Lagunen oder Wasserlachen gab. Am Straßenrand bei einer Pause ein Hund: steif, unverwest, verledert wie die Tiermumien im Ägyptischen Museum. er sich dort übrigens für Mumien interessiert hatte, war enttäuscht: Sadat hat viel für den Frieden getan. Was das bedeutet, ist uns in diesen Wochen sehr bewußt. Aber er hat auch den Toten der Gräber und Pyramiden die Totenruhe wiedergegeben.

Es gibt keine Mumie mehr zu besichtigen in Ägypten. Einige waren enttäuscht, aber alle hatten Respekt vor dieser Geste der Pietät. Ja – und nun die Bilder, die sich uns auf dem Sinai auftun: Noch müssen wir an den Resten des „Sechs-Tage-Krieges“ 1967 und der darauf folgenden langdauernden Gefechte am Suezkanal und auf dem Sinai vorbei: den Bergen von leeren Spritfässern, den letzten nicht geräumten Panzerwracks.

Denk’ nicht an Idylle bei dem hübschen, sonnigen Strand gleich neben der Straße: Eine Woche nach unserer Heimkehr wurde auf dieser „offenen Straße“ der Polizeipräsident des Gazastreifens erschossen, der einmal von der Grenze in die Stadt gekommen war. Die friedliche Landschaft täuscht. Der Tourist ist ein harmloser Gast, wenn er die Verwicklungen nicht berührt. Wir lassen uns gerne mit dem allerorts herzlichen „You’re welcome“ begrüßen, das uns schon als kosmopolitisch erscheinen mag und -nebenbei- uns vorgaukelt, da könne jemand so etwas wie Englisch.

Dennoch habe ich an diesem Ort ein sehr schönes Erlebnis mit einem „Touristenpolizisten“. Ein großer Titel für einen ärmlichen Job! Die Geschichte ist länger, aber das Ende ist, daß ein sehr fremder Mensch, der traurig ist, allein und für uns sehr hilfreich, wenn er auch absolut nicht die Wahrheit gesagt hat über die Tricks seiner Quartiersuche für uns. Dieser kleine Mann also fragt mich, wie ich als Christ so durch muslimische Gegenden reisen und mit muslimischen Menschen auskommen könne. Ich stellte die Gegenfrage, wenigstens im zweiten Punkt. Er: „But the Truth?!“

Ich war ganz platt. Mit meinem Superenglisch habe ich ihm dann die Ringparabel geradebrecht. Es war gut, daß wir auf einer dunklen Treppe saßen und abseits, denn er war zu Tränen gerührt. Ich wollte ihm den Text schicken. Er teilte mir aber erst einmal mit, daß er Englisch allenfalls etwas sprechen könnte. Buchstaben kennt er nur die arabischen. Schade. Was er noch erzählt hat: El Arish hat zwei Kirchen. Sie erinnern an die Rast der Heiligen Familie auf der Flucht nach Ägypten und auf ihrem Rückwege.“

[1]     Vgl. dazu die einfühlsamen und kenntnisreichen Ausführungen von Frank Teichmann, 1978, der sich der Deutung der Pyramiden als zentraler religiöser Plätze des alten Ägyptens nicht nur aus der verkürzenden Perspektive als Begräbnisplätze, sondern in umfassenderer religiös-kultischer Bedeutung nähert. Seine Ausführungen scheinen mir sehr hilfreich und einleuchtend.

[2]     Zur Einführung in den Forschungsstand über die Probleme der ägyptischen Kunst und Kultur empfiehlt sich neben den umfangreichen Katalogen der verschiedenen großen Ägyptenausstellungen in Hildesheim und Hannover vor allem die mit weiterführenden Bibliographien ersehenen Standardwerke von Eberhard Otto, 1966, Walther Wolf, 1971, und Max Hirmer / Eberhard Otto, 1967.

Inhalt

X. Ägypten
1. Sinai und Nildelta
2. Bei den Pyramiden
3. Alte Kultur und heutige Probleme: Die letzten Tage in Ägypten
Wunsch nach einer späteren Ägyptenfahrt
In Al Arish kurz vor der israelischen Grenze - Résumé der Probleme

Zu den übrigen Aufsätzen des Bandes:

  1. Vorwort

  2. Einleitung

  3. Vorbereitungen

  4. Résumé

  5. Der Aufbruch

  6. Türkei

  7. „Beim Hören die Finger in die Ohren gesteckt“

  8. Syrien

  9. Jordanien

  10. Ägypten

  11. Israel

  12. Verwendete Literatur

  13. Anhang

  1. Ein kurzes Reisetagebuch

  2. Teilnehmerliste der Orientfahrt  

Gerhard Voigt: Tradition oder Umbruch? Erlebnisse im Nahen Osten. Bericht über eine Studienreise in die Türkei, nach Syrien, Jordanien, Ägypten und Israel im Sommer 1987 mit Schülern der Bismarckschule Hannover im Rahmen der Arbeit einer UNESCO-Projekt-Schule. – Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [An der Bismarckschule 5 D 30173 Hannover] / Gerhard Voigt. Mit Textbeiträgen von Dirk Fuhlbohm, Hartmut Grote, Hans A. Gütte, Udo Herges, Gerhard Stünkel und Alexander Schulze. – Hannover: UNESCO-Club, 1997. Druck der Erstauflage 1988: ISBN 3-930307-00-6

   
   

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25. 07 2005.
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Web-Fassung: 31.01.2006 / rev. 13.05.2012- Verantwortlich: Gerhard Voigt <bismarckschule.voigt@gmx.de>
Texte aus der der Verbandszeitschrift »politik unterricht aktuell« unter www.pu-aktuell.de
Info über die Verbandstätigkeit unter: http://www.politiklehrerverband.org