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Arbeitsschwerpunkt Naher Osten
Orientfahrt 1987

I. / II. Vorwort und Einleitung

"Es wird Zeit, neue Gebiete zu durchforschen. Wir brauchen euch, junge Freunde, euch, die bereit sind, neuen Spuren zu folgen, das Wagnis auf sich zu nehmen, dem Unbekannten die Stirn zu bieten. Abenteuerlust, die in jedem von uns steckt, sie ist das geheimnisvolle erlangen, etwas zu unternehmen, das Leben mit mehr zu füllen als mit dem täglichen Gang vom Haus zur Arbeitsstätte und von dort wieder nach Hause. Sie ist unser eigner Drang, Schwierigkeiten und Gefahren zu überwinden, Verborgenes zu enthüllen, in Gebiete jenseits des Alltags einzudringen. Sie ist der Ruf des Unbekannten, die Sehnsucht nach dem Lande jenseits der Berge, der tief in der Menschenseele wurzelnde göttliche Trieb, der die ersten Jäger neue Bereiche finden ließ, vielleicht der Urquell unserer größten Taten, der beschwingte Gedanke, der seiner Freiheit keine Grenzen setzt. Der Reisende echten Schlages erwägt zwar sorgsam, wählt dann aber eine Straße und hält unbeugsam an ihr fest. Er gelangt an ein Ziel. Für ihn gibt es nur eine Straße, die Straße, die vor ihm liegt und auf der es kein Zurück gibt. Ich sage Ihnen das alles, um Ihnen verständlich zu machen, daß unmöglich erscheinende Dinge geleistet werden können, wenn sie geleistet werden müssen, und daß ein anscheinend sicheres Leben erträglich wird, wenn man ein Ziel vor Augen hat. Allein zu stehen, hat offenbar Vorteile. Man wird unabhängiger im Handeln und läuft weniger Gefahr, von anderen falsch beraten zu werden. Daraus folgt aber nicht, daß jeder, der allein steht, notwendigerweise auch stark ist oder daß man jedes Vorhaben ausführen soll, das von Fachleuten abfällig beurteilt wird. Hüten Sie sich vor Eigensinn und Tollkühnheit! Für den Starken bilden Widerstand und Widerspruch eine große Gefahr. Nur der überlegene Geist läßt sich von der Logik des Gegners überzeugen.“ (Friedjof Nansen)1

I. Vorwort

Die Orientreise in den Sommerferien 1987 ist Teil einer Reisetradition, die die Bismarckschule Hannover seit Jahren aufrechterhält; zu denken ist dabei neben vielfältigen unterrichtsgebundenen Studienfahrten und regelmäßigen Reisen in die VR Polen vor allem an eine große Reise in den Iran 1974, nach Nordafrika 1981, zum Nordkap 1983 und an die Türkeireise im Herbst 1985. Der Versuch, mit der Orientreise 1987 an diese Türkeireise wieder anzuknüpfen und unsere Partnerschule in Istanbul zu besuchen, scheiterte leider an den türkischen Sommerferien. Doch sollte schon hier auf den umfangreichen Reisebericht über die Türkeireise 1985, die über Istanbul hinaus Ankara, Konya, Kappadokien, Pamukkale, Izmir, Pergamon und Troja einschloss, verwiesen werden, der es uns erlaubt, die Beschreibung der türkischen Situation im vorliegenden Reisebericht, vor allem die Darstellung der allgemeinen politischen, geographischen und sozioökonomischen Probleme der türkischen Republik, kürzer zu fassen. Einige Gedanken aus dem Bericht von 1985 wurden auch in die vorliegenden Ausführungen übernommen.[2]

Der vorliegende Reisebericht ist in seinen Hauptteilen vom Herausgeber (und Initiator der Reise) erfasst worden. Einige Beiträge von Gerhard Stünkel, Udo Herges, Dirk Fuhlbohm, Alexander Schulze und Hartmut Grote sind, mit der entsprechenden Verfasserangabe, in den fortlaufenden Text integriert worden, so daß ein weitgehend chronologischer Bericht über die Reise entstanden ist.

Wir sind keine professionellen Reiseschriftsteller. Der Wechsel zischen der Schilderung subjektiver Eindrücke, gemeinsamer Erlebnisse und der Reflexion über die erfahrene Situation in den bereisten Ländern, macht den Charakter dieses Reiseberichtes aus. Dennoch sollte er nicht als wissenschaftliche Analyse missverstanden werden. Es wurde jedoch darauf Wert gelegt, daß es sich nicht nur um einen Erinnerungsbericht für die Mitreisenden selbst handelt und um einen Rechenschaftsbericht für diejenigen, die uns vor und während der Reise in vielfältiger Weise geholfen und unterstützt haben – auch dies ist ein wichtiges Motiv für einen umfassenden Reisebericht! –, sondern daß der Reisebericht von allen mit Gewinn und Verständnis gelesen werden kann, die sich in die Thematik „Orient heute“ einarbeiten oder selbst Reisen – vielleicht sogar mit Schülergruppen – vorbereiten wollen! Kurz nach der Reise wurde, um einem dringenden Bedürfnis an Information nachzukommen, schon ein „Kurzbericht“[3] über diese Reise erstellt und den Reiseteilnehmern vorgelegt. Die dortigen Ausführungen sind, mit leichten Überarbeitungen, in den jetzt fertig gestellten endgültigen Bericht mit aufgenommen worden.

Eine wichtige Ergänzung erfährt der Reisebericht durch einen kenntnisreichen Aufsatz über orientalische Musik, angeschlossen an die Beschreibung des Aufenthalts in Konya, den der Kollege Hans A. Gütte beigesteuert hat, der leider an der Orientreise nicht teilnehmen konnte, aber 1985 die Gruppe der damaligen Türkeireisenden begleitet und dabei selbst in Konya war. Ihm sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt!

Den zahlreichen Dankespflichten können wir hier gar nicht in der gebotenen Ausführlichkeit nachkommen. Das gilt sowohl für Kollegen der Bismarckschule Hannover als auch für Eltern, Bekannte und Freunde der Reiseteilnehmer, für materielle Unterstützung wie auch die Vermittlung von Kontaktadressen, Informationen etc.; vor allem aber danken wir für fachlichen Rat und Kontaktermittlungen dem Kollegen Dr. Schliephake von der Universität Würzburg, der Deutschen Botschaft in Damaskus für Informationen und praktische Hilfen, der Schneller-Schule in Amman, in der wir übernachten konnten und wo sich uns Herr Bairuti mit Rat und freundlicher Begleitung zur Verfügung stellte, Herrn Professor Barham vom geographischen Institut der Universität Amman wie auch den vielen, vielen hilfsbereiten Kontakten in allen bereisten Ländern, die wir, mehr oder weniger durch Zufall kennen lernen konnten und ohne die unsere Reise nicht möglich, zumindest nicht so erfolgreich gewesen wäre. Ihnen allen sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt.

Ich persönlich schließe in den Dank auch die Mitreisenden ein, ebenso wie meine Frau und meine Tochter Natascha als jüngste Teilnehmerin, für die diese Reise neben neuen Erlebnissen auch Anspannungen und Streßsituationen an der eigenen Leistungsgrenze bedeutete. Ich hoffe, daß die äußeren Umstände, die gesundheitliche Situation und das Älterwerden es mir doch noch erlauben, weitere Reisen in ähnlicher Form zu erleben und die liebgewonnenen Regionen, Stätten und Länder noch einmal wieder zu sehen!

Laatzen, Sommer 1988 

 Gerhard Voigt

II. Einleitung

1. Rückblick

Ein Jahr ist seit der großen Orientreise vergangen. Die Aufregungen, Eindrücke und Sensationen sind Erinnerung geworden. Es ist Zeit, die Erinnerungen zu fixieren, ehe sie zu Träumen geworden sind. Es war auf der Rückfahrt, nachts, an Deck der „Paloma“. Die Reiseerlebnisse rundeten sich und trieben ihrem Abschluß entgegen. Über uns ein hoher, dunkler Sternenhimmel. Klare, frische Meeresluft, erholsam nach Wochen brütender Hitze in orientalisch gedrängten Städten mit ihren tausendfachen Düften und Gerüchen, dem Lärm der Menge und erhaltenen Fetzen von Musik aus Häusern und Läden, nach schneidend heißem Wüstenwind, Staub und der erdrückenden Stille der Wüstennächte; jetzt geruhsame drei Tage Seefahrt in der billigen Decksklasse, und die Nächte auf See. Die meisten Mitreisenden schlafen schon auf den Holzbänken, in Schlafsäcken oder auf Matten auf dem grün gestrichenen Metallboden. Das sanfte Rauschen der Wellen am Schiffsrumpf tief unten wird begleitet von einem unaufdringlichen vibrieren und Brummen der Schiffsmaschinen. Das milde Sternenlicht konkurriert mit der Neon-Nachtbeleuchtung der Decks. Wir steuern Limassol an, den Heimathafen der „Paloma“, übrigens in jüngeren und besseren Tagen als Ostseefähre eingesetzt; Zypern, Heimat der Europa; dann Rhodos – hic Rhodos, hic salta –: aber wir brauchen nicht zu springen, unser Schiff wartet ja nach dem Landgang auf uns, um uns weiter nach Tinos, zur wunderwirkenden Madonna im Kloster auf dem Berge zu bringen; die Prozession mit hohen Kerzen und Fackeln, Weihrauchdüften und den Gesängen der orthodoxen Mönche; Menschenmengen im Klosterhof: weiße Mauern, eine barocke und doch schlichte Fassade, dunkle Zypressen und die dunklen Portale, in die die Gläubigen in das Halbdunkel hineingezogen werden, zur Gnade der Madonna, zum Gebet. Und wieder artet das Schiff, an dem provisorischen Kai vertäut – einen richtigen Hafen hat Tinos nicht –, um uns weiter nach Piräus und damit zur letzten langen Landetappe unserer Heimfahrt zu bringen. In den Nächten kreisen die Gedanken noch einmal um die vielfältigen Erlebnisse der letzten Wochen, wollen Ordnung und Ruhe hineinbringen. Wie hat es doch angefangen? Was waren die Überlegungen, als der Plan der Orientreise reifte, als wir ein Jahr lang regelmäßig zusammenkamen, Pläne erörterten, Bedenken zerstreuten, uns Klarheit über unsere Ziele zu erschaffen versuchten?

Einige Gedanken, wie Stichworte aufgereiht, drängen sich auf:

Reisen.

Wir suchen im Fremden uns selbst. Wir erstehen im Unbekannten das Bekannte. Wir entdecken im Neuen das Bleibende. Der Rhythmus von Aufbruch und Wiederkehr, Heimkehr, ist der Rhythmus unserer eigenen Biographien, ein Rhythmus, den wir zu einem geringen Teil auch selbst gestalten können.

Aufbruch.

Der Abreise voraus geht die Zeit der Vorbereitung, der Vertiefung in die zunächst, so scheint es, unbegrenzte Zahl der Möglichkeiten; Auswahl, Prüfung, Suche nach dem richtigen Weg und den richtigen Reisegefährten, Angst vor dem Scheitern und Sehnsucht nach der Ferne. Und dann fahren wir tatsächlich los. Ein Element der Überraschung bleibt bestehen. Aber nun wird es sich zeigen, ob unsere Überlegungen der Realität standhalten – oder ob alles doch ganz anders wird.

Schule.

Auch Reisen kann Schulung sein – Schulung der Persönlichkeit, indem es die eigenen Schwächen unbarmherzig aufdeckt, die Grenzen der Leistungsfähigkeit und der Erlebnisfähigkeit markiert. Es bietet aber auch die Chance, über alte Grenzen – innere wie äußere – hinweg zu schreiten, sich zu verändern und Neues in sich aufzunehmen. Wie viel wichtiger sind solche Erfahrungen als alles, was in unserer institutionalisierten Schule sonst geboten wird!

Orient.

Der Orient ist ein Produkt unserer eigenen, westlichen Vorstellungswelt. Diese Aussage ist ganz materiell gemeint und bezieht sich nicht nur auf unser „Bild vom Orient“, sondern, hierin den historischen Untersuchungen Saids[4] folgend, auf die tatsächliche gesellschaftliche Entwicklung in den Ländern des Nahen Ostens. Über lange Zeit hinweg wurde dieser Raum im „westlichen Interesse“ funktionalisiert – wir werden auf diese Tatsache in unserem Bericht noch zurückkommen – und spiegelt in seinem heutigen Erscheinungsbild unter anderem auch das Ergebnis unserer eigenen geschichtlichen Aktivitäten, Zielsetzungen und Vorstellungen. Doch wird diese ungleiche Beziehung in unserer eigenen politischen Kultur verschleiert und umgebogen – und damit für uns selbst brauchbarer, akzeptabler gemacht. Dadurch entsteht unser „Bild vom Orient“, das sich angesichts der geschilderten Zusammenhänge in der „naiven Betrachtung“ dieser Länder bestätigt. Aber vergessen wir nicht: Exotik und Abenteuer sind Erwartungen, die unsere eigenen Erlebnisdefizite widerspiegeln. Eine Reise in den „Orient“ muß über diese selbstbezogene Vorstellungswelt hinausgehen und die Realität ergreifen, die ungleich differenzierter und interessanter ist, als es stereotype Vorurteile jemals wahrhaben wollen. Das bedeutet: genaues Hinsehen, Geduld, Selbstkritik und die Fähigkeit zum Gespräch, zum menschlichen Kontakt. Das bedeutet aber auch: gewohnte Maßstäbe der Heimat hinter sich zu lassen, eigene Wertvorstellungen in Frage stellen zu können und, vor allem, Überlegenheitsvorstellungen abzubauen. Die Lebensformen und -möglichkeiten in fremden Regionen erhalten ihren Wert aus sich selbst heraus. Veränderungen können sich nicht an unseren gesellschaftlichen Zielvorstellungen orientieren, sondern müssen sich ebenfalls aus der eigenen geschichtlichen Erfahrung heraus ergeben. Wenn wir dies erkannt haben, sehen wir auch plötzlich das Gemeinsame menschlicher Existenzformen, Wünsche und Sehnsüchte in den unterschiedlichen Kulturen, in uns selbst: das scheinbar Fremde ist doch nur die ungewohnte Einkleidung des Vertrauten. Im Orient wird dies noch deutlicher, wenn wir erkennen, daß die Wurzeln dieser Kultur auch unsere eigenen sind: die drei monotheistischen Weltreligionen sind ebenso gemeinsames kulturelles Erbe wie die Vorstellungen und Ausdrucksformen, die sich vom alten Orient, der klassischen Antike wie vom Kulturkontakt (und -konflikt) zischen Islam und Christentum im Mittelalter herleiten lassen. Dieses Erlebnis der Gemeinsamkeit kann zu einem Erkenntnisziel der Orientreise werden.

2. Zielsetzungen und Vorüberlegungen

Im Herbst 1985, nach der Heimkehr von der damaligen Türkeireise, die uns so viele neue Einsichten und Anregungen, aber auch offene Fragen hinterlassen hatte, entwickelte sich der Plan einer Orientreise mit Schülern der Bismarckschule Hannover. Der Impuls entstand aus dem Bedürfnis einer erweiterten Beschäftigung mit den Problemen des Nahen Ostens, hervorgerufen nicht nur durch die Erfahrungen beim Aufbau einer Schulpartnerschaft mit dem Istanbul Lisesi, sondern auch in Anbetracht der bedeutenden und kritisch betrachteten Rolle, die dieser Raum in der Weltpolitik wie im Bewusstsein unserer Mitbürger spielt. Die Gespräche in unserer Partnerschule und im Ministerium für Nationale Erziehung in Ankara warfen so viele Fragen auf, die über die Situation in der Türkischen Republik hinauswiesen, daß der unmittelbare Kontakt mit den vorderasiatischen Nachbarländern zu einem immer dringenderen Wunsch wurde. Diese Türkeiaktivitäten, die hilfreiche Unterstützung sowohl von türkischen Dienststellen wie vom Niedersächsischen Kultusministerium fanden, entwickelten sich parallel zu den jährlich anempfohlenen Schwerpunktthemen für die UNESCO-Schulen, zu denen auch die Bismarckschule Hannover gehört. Erwähnt sei hier der schon etwas weiter zurückliegende Projekttag „Islam“ zum gleichlautenden Schwerpunktthema, bei dem die Beschäftigung mit Kultur und Gesellschaft der islamischen Welt über den kleinen Kreis speziell interessierter Kollegen hinaus zu einem permanenten Unterrichtsgegenstand unserer Schule gemacht werden konnte.

Die darauf folgende Schwerpunktthematik „Arbeitsmigration in Europa“ spiegelte sich in einer vertieften Beschäftigung mit Geschichte und Gegenwart der Türkei wider. Die Aufnahme einer Schulpartnerschaft mit der Türkei – parallel zu weiteren wichtigen Kontakten und Partnerschaften unserer Schule, z.B. zu Poznan [Polen], Livonia [USA], Kempele [Finnland] und mehr oder weniger kontinuierlich zu Schulen in England und Frankreich und der Beteiligung an überschulischen internationalen Austauschprogrammen – war ein weiterer Baustein zu unserem Selbstverständnis als aktive UNESCO-Schule. Am Ergebnis dieser Arbeit haben viele Kollegen und Fächer aktiv mitgewirkt!

Was ist nun das Besondere an einer UNESCO-Schule? Dazu hier noch einige kurze Bemerkungen. An dem Modellschulprogramm der UNESCO sind über 1500 Schulen in 80 Ländern beteiligt. UNESCO-Schulen sind Schulen, die sich im besonderem Maße dem Erziehungsziel der internationalen Zusammenarbeit und Verständigung verpflichtet fühlen. Das Engagement einer UNESCO-Schule realisiert sich durch eine bevorzugte Behandlung internationaler Themen und Problemstellungen im Unterricht sowie in zusätzlichen Schulaktivitäten wie z.B. Ausstellungen, internationalen Veranstaltungen, Studienfahrten, Austauschprogrammen, Partnerschaften und ähnlichen Aktionen. Darüber hinaus zeichnet sich die Arbeit der UNESCO-Schulen dadurch aus, daß sie meist einmal jährlich ein fächerübergreifendes Unterrichtsprojekt durchführen, in dem ein ausgewähltes internationales Thema schwerpunktmäßig erarbeitet wird. Die Bismarckschule Hannover gehört zu den 21 UNESCO-Schulen in der Bundesrepublik, von denen sich vier in Niedersachsen befinden. Einen besonderen Scherpunkt ihrer UNESCO-Arbeit sieht die Bismarckschule Hannover im Aufbau von Schulpartnerschaften, z.B. zum . Liceum in Poznan (Posen) in der R Polen oder zum Istanbul Lisesi in Istanbul/Türkei. Um die vielfältigen internationalen Kontakte besser koordinieren zu können, gründete die Bismarckschule Hannover 1986 als rechtsfähigen Verein den UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover e.V., der auch die Orientfahrt im Sommer 1987 betreut hat.

3. Pädagogische Überlegungen

Eine Reise, die mit Schülern und Lehrern im engen Zusammenhang mit einer schulischen Konzeption geplant und durchgeführt wird, ist etwas anderes als eine übliche Abenteuer- und Erholungsfahrt. Es ist daher notwendig, sich über die Ermittlungsbedingungen für die Reiseteilnehmer selbst und – in der Folgezeit – für die Schulöffentlichkeit Klarheit zu erschaffen. Eine in Form und Anspruch so aufwendige Reise, auch wenn sie in der Ferienzeit stattfindet, steht im Scheinwerferlicht des schulischen Interesses, ja des Interesses einer Öffentlichkeit, die über den engen Kreis der Bismarckschule Hannover hinaus reicht; ein erhöhter Legitimationsdruck ist die Folge. Seit langem wird an unserer Schule den Auslandsstudienfahrten eine besondere pädagogische Aufmerksamkeit zugemessen. Neben den Studienfahrten der Oberstufe, die an die inhaltliche Arbeit der Leistungskurse geknüpft sind, finden seit langem regelmäßige Erkundungsfahrten zu verschiedenen wichtigen Zielen statt. Im Vordergrund stehen dabei Reisen nach Polen, die als Ferienfahrten fast regelmäßig zweijährlich in den Osterferien und als Schüleraustauschfahrten nach Posen im Wechsel mit Reisen von Schülern unserer Partnerschule nach Hannover, eingebunden in die Städtepartnerschaft zischen Poznań und Hannover, durchgeführt werden. Es ist unmöglich, hier auch nur annähernd ein vollständiges Bild der internationalen Aktivitäten unserer Schule geben zu wollen, die damit zu einem wichtigen Erfahrungsbereich für unsere Schüler werden.

Die Begegnung mit einer Region, die gemeinhin als exotisch angesehen oder mit dem Etikett „Dritte Welt“ ersehen wird, erlangt intensive inhaltliche Vorbereitungen. Nicht alle Perspektiven konnten dazu, so wie es wünschenswert gewesen wäre, den Schülern ermittelt werden; zu fremd, zu neuartig war der bereiste Raum, waren die anzusprechenden Themen. Doch die Grundidee erwies sich als durchaus tragfähig: das „Lernen durch Erfahrung und Anschauung“. Lernen durch Erfahrung ist vor allem ein Konzept zur Bewältigung und Durchdringung des Alltagslebens und der persönlichen sozialen Umwelt. Wesentliche Bereiche der Wertfindung in unserer politischen Kultur – Weltbilder, Urteile über Fremdgruppen, weltpolitische Stereotype, rassische und kulturelle Vorurteile und Herrschaftslegenden – sind im Alltag wirksam, aber nur unzureichend durch persönliche Erfahrungen zu begründen oder abzubauen. Jede bewusste und kritische Ausweitung der persönlichen Erfahrung durch das Herausgehen aus der Schule und die Begegnung mit fremden Kulturkreisen ist daher eine nötige Ergänzung und Erweiterung des „Erfahrungslernens“ in Bereiche hinein, die sonst nur über Medien ermittelt werden. Konventionelle Ansätze der „Dritte-Welt-Didaktik“ stützen sich vor allem auf ein bildungsbürgerliches Konzept von „Weltläufigkeit“, weltpolitischer Kategorisierungsfähigkeit und allgemeinen „Grundwissenskonzepten“ – ob konservativer oder „linker“ Prägung, sei dahingestellt. Alternativ dazu steht der Ansatz über „Mitleid und Solidarität“. Beide Konzepte sind zwar in ihren Intentionen positiv zu bewerten, stoßen aber in der Unterrichtspraxis schnell an Grenzen, die in der – gesellschaftlich bedingt – nur begrenzten Rezeptionsfähigkeit des Schülers liegen. „Dritte Welt“ ist eben doch „exotisches Wissen"! Über diese Grenzen hinaus gelangt die Dritte-Welt-Didaktik nur, wenn sie in die Lage ersetzt wird, unmittelbare Erfahrungsbereiche des Schülers anzusprechen, und wenn sie zum anderen ihre Bildungsaufgaben im Einfluss auf die herrschende politische Kultur sieht. Auf jeden Fall muß eine Reflexions- und Brechungsstufe mehr erreicht werden als im traditionellen Materialunterricht zur Entwicklungsländerthematik.

4. Die Situation im Nahen Osten

Im Vordergrund stand der Wunsch, eine Region kennenzulernen, die weltpolitisch als Krisenherd zu bezeichnen ist und deren Situation und Entwicklung unmittelbar auf unsere eigene Gegenwart und Zukunft einwirkt. Ziel der Reise war, die ökonomischen und politischen Entwicklungen in diesem Raum aus eigener Anschauung heraus besser beurteilen zu lernen und die Urteilsfähigkeit durch spontane und von Deutschland aus vorbereitete Gesprächskontakte, die wir in den bereisten Ländern hatten, zu vertiefen. Gespräche in der Deutschen Botschaft in Damaskus, mit Professor Barham in Jordanien und mit John Bairuti von der Schneller-Schule in Amman waren vereinbart und brachten uns wichtige neue Einsichten. Die ebenfalls vorgesehenen Gespräche im Istanbul Lisesi, mit Professor Mahli in Damaskus und in der Deutschen Botschaft in Amman mußten aus verschieden Gründen (Ferien, Umzug, Zeitdruck) ebenso ausfallen wie das Angebot eines Kontaktes zur deutschen archäologischen Kommission in Jordanien, deren Adresse und Kontaktmöglichkeit nicht mehr rechtzeitig vor unserer Abreise eingeholt worden war.

Mehrmals lagen die kulturellen Wurzeln unserer eigenen „westlichen“ Zivilisation in Nahost; sei es in altgeschichtlicher Zeit, als Kultur und Schrift, Philosophie und Kosmogonie aus Mesopotamien den ganzen mediterranen Raum ergriffen; sei es in hellenistischer und frühchristlicher Zeit, als Judentum und Christentum in Auseinandersetzungen mit dem griechisch-antiken Erbe die monotheistischen Grundlagen der europäischen Kultur schufen; sei es im 8. bis 14. Jahrhundert, als die arabisch – islamische Kultur in Europa letztlich den Kulturfortschritt hin zu den Naturwissenschaften, zur Säkularisierung und zur Handelsgesellschaft anregte: ermittelt durch Kreuzfahrer, über Sizilien unter arabischer, normannischer und Staufischer Herrschaft und über die arabisch geprägte, in der Reconquista für die christliche Herrschaft zurückeroberte iberische Halbinsel. Wir finden unsere eigenen Wurzeln im Nahen Osten wieder. In Aleppo und Palmyra, Damaskus und Petra, Kairo und Jerusalem: Orte unvorstellbarer historischer Tiefe, Orte auch der subjektiven Sinnfindung und der Frage nach der eigenen Stellung in der Geschichte und ihrer kulturellen Überlieferung.

Drei zentrale Probleme fallen bei einer Beschäftigung mit den Ländern des Nahen Ostens vor allem ins Auge:

1.    Staatliche Instabilität. Die politischen Verhältnisse sind unsicher und wenig dauerhaft. Die bestehenden Staatsgrenzen sind entweder „zufällig“ zustandegekommen oder durch ausländische Mächte nach der Auflösung des Osmanischen Reiches nach eigenen Interessen festgelegt worden (Curzon, Sykes, Picot). Viele Länder leiden unter Terror und staatlicher Gewalt.

2.    Wirtschaftliche Entwicklungsdefizite. Nach europäischem Maßstab – in vielen orientalischen Ländern vergleicht man sich mit Europa – sind die meisten Länder des Nahen Ostens wirtschaftlich rückständig und gelten als Entwicklungsländer.

3.    Gesellschaftliche Zersplitterung. Es fällt auf, daß es sehr viele geschlossene Gruppen innerhalb der orientalischen Gesellschaften gibt: ethnische Minderheiten, Religionsgemeinschaften, religiöse Sekten, politisch-regionale Gruppierungen und „Familienclans“. In Syrien gibt es z.B. sechs muslimische und elf christliche Religionsgemeinschaften, die gleichzeitig abgeschlossene soziale Einheiten sind.

Erklärungsversuche fallen in dieser komplexen und differenzierten Situation nicht leicht; sie werden wohl nur vorläufigen Charakter tragen. Aber Überlegungen, die offensichtlichen Probleme der Länder, die wir bereisen, besser erstehen zu können, sind dennoch nicht müßig. Einige historische Wurzeln der heutigen sozialen Konflikte können durchaus verständlich gemacht werden.

Alle Länder des Nahen Ostens wurden über Jahrhunderte hin von den Türken, vom Sultanat des Osmanischen Reiches beherrscht. Im Laufe des letzten Jahrhunderts konnten sich nach und nach der Balkan, Griechenland und auf der anderen Seite der Maghreb und Ägypten von der osmanischen Herrschaft befreien. Für die europäischen Staaten ist dieser Akt der Befreiung durchaus konstituierend für die Entstehung eines eigenen Nationalbewusstseins geworden und ein Teil der kollektiven Erinnerung dieser Völker, auch wenn andere, europäische Abhängigkeiten, z.B. vom Habsburgerreich, die neu gewonnene Unabhängigkeit stark einschränkten. In den nordafrikanischen Staaten war dieses Phänomen noch viel deutlicher zu spüren, ersetzte doch französischer, italienischer und englischer Kolonialismus die zurückgedrängte osmanische Herrschaft. Die Bildung echter Nationen war so noch nicht möglich, es mußte noch einige Zeit bis zu einer tatsächlichen nationalen Souveränität ergehen. Diese konnte dann erst gleichzeitig mit den bis zum Ersten Weltkrieg unter türkischer Herrschaft verbliebenen Territorien des Nahen Ostens – Palästina, Syrien und Mesopotamien – errungen werden: aus der Erbmasse des Sultanats und gegen den Versuch der europäischen Mächte, zischen den Weltkriegen noch einmal imperialistische Interessen durchzusetzen. Das Machtgefüge im nahöstlichen Raum vor dem Zeiten Weltkrieg war äußerst unübersichtlich. England und Frankreich suchten Interessensphären gegeneinander abzugrenzen, die einzelnen Bruchstücke des Osmanischen Reiches hatten zwar gemeinsam die Fremdherrschaft erlebt, aber keine gemeinsame Konzeption für einen staatlichen Neuanfang nach dem Zusammenbruch entwickeln können. So zogen sich die Bevölkerungsgruppen auf vielfältige, widersprüchliche, historisch begründete Staats- und Gesellschaftsvorstellungen zurück, die zischen den Ethnien, regionalen Gruppen und Religionsgemeinschaften durchaus differierten. Die Europäer spielten keine konstruktive Rolle bei der Suche nach einer neuen gesellschaftlichen Identität. Die nach dem Motto „teile und herrsche“ konzipierte Ordnungspolitik Großbritanniens zum Beispiel konnte gleichzeitig den islamischen Panarabismus stützen, wenn er im ersten Weltkrieg dem Kampf gegen die Türkei nütze: Lawrence von Arabien!, und, aus der innereuropäischen Problemlage heraus verständlich, dem jüdischen Bankier Rothschild und damit der zionistischen Bewegung in der Balfour-Declaration eine „nationale Heimstätte“ in Palästina zusichern, um dabei gleichzeitig wirtschaftliche Interessenpolitik ohne jegliche Beteiligung der einheimischen Bevölkerung im Nahen Osten zu betreiben: Erdölausbeute in Iraq und Iran, Suezkanal-Politik, strategische Inwertsetzung Palästinas. An den dadurch erzeugten Konflikten und Strukturbrüchen in Wirtschaft und Gesellschaft leidet der Nahe Osten noch heute. Doch seine offensichtliche Unfähigkeit, mit den aktuellen Konflikten, jedenfalls bis heute, konstruktiv und zukunftsweisend umzugehen (aber dafür bieten ja auch die europäischen Staaten keine besonders positiven Beispiele!), ist historisch schon früher angelegt und durch die chaotische Phase der Auseinandersetzung mit der europäischen Penetration zischen 1918 und der Mitte dieses Jahrhunderts nur verfestigt worden.

Die Ursachen liegen zu einem Teil in der Situation der Spät- und Zerfallsphase des Osmanischen Reiches begründet, die sich, nach der Niederlage vor Wien, über zwei Jahrhunderte erstreckte. Vielleicht können die Wurzeln aber auch noch tiefer in die Geschichte hinein erfolgt werden. Schon der Zerfall des arabischen Reiches am Ende des Abbasidenkalifats von Baghdad ab dem zwölften Jahrhundert und die nachfolgende Kriegs- und Fremdherrschaftszeit bot für die Länder des Nahen Ostens kaum Möglichkeiten, eine gesellschaftlich-politische Integrität zu entwickeln; unter vielfältigen, mehr oder weniger mächtigen oder abhängigen, territorial zersplitterten oder sich zu Reichen mit außerhalb des Raumes liegenden Herrschaftszentren zuordnenden Dynastien – Ilkhane, Fatimiden, Seldjuken, Timuriden – konnte sich keine stabile Staats- und Gesellschaftsordnung entwickeln. Das Osmanische Reich setzt hier nur die Tradition der Abhängigkeit und des gesellschaftlich-kulturellen Verfalls fort. Diese wertende Beurteilung sei hier erlaubt, da sie auch mit der Perspektive der Historiker dieser Länder selbst übereinstimmt. Das negative Urteil über die Zerfallsphase des Osmanischen Reiches führte in der Türkei so offensichtlich zu den politisch-gesellschaftlichen Umwälzungen von den Jungtürken des letzten Jahrhunderts bis zur Gründung der Türkischen Republik durch Atatürk, daß eine Kontroverse darüber wohl müßig ist.

Charakterisieren wir die Situation des späten Sultanats mit ein paar Schlagorten: Dieser Staat hatte eine nur noch auf persönlichen Beziehungen aufbauende spätfeudale Verwaltung, die die Änderungen der politischen und weltpolitischen Rahmenbedingungen nicht mehr aufnehmen konnte; die Regierung war durch und durch korrupt und bis hoch zum Sultan selbst nur auf persönliche Bereicherung und Machtentfaltung aus. Hauptziel der Politik auch in den abhängigen Staatsgebieten des Nahen Ostens war es, möglichst viele Steuern herauszupressen und für die Fülle der privilegierten Paschas regionale Pfründe abzusichern.

Diese Politik führte zu massiven Ungerechtigkeiten und materiellem Elend unter großen Teilen der Bevölkerung. So bildeten allein die vorhandenen religiösen und ethnischen Gruppen den notwendigen gesellschaftlichen Schutzraum, der dem einzelnen das Überleben möglich machte. Kollektive Sicherung auf lokaler Ebene zischen gegenseitig sich verpflichtet fühlenden Mitgliedern von Wertkonsensgruppen, im Islam ebenso wie in den alten Nomadengesellschaften Arabiens eine altehrwürdige und bewährte Tradition, ersetzte staatliches Handeln oder neutralisierte dieses nach Bedarf.

Das Vorbild war die Familie, die als unterste Ebene sozialer Organisation in ihrer Autonomie bei innerfamiliäre Angelegenheiten bestärkt wurde. Soziale Gruppen und die familiäre Organisation der Gesellschaft sicherten die sozialen Grundbedürfnisse. Das bedeutete aber auch, daß sich diese Organisationsform ganz grundsätzlich gegen den Staat, gegen jede überregionale Abhängigkeit enden mußte und damit für die Organisation einer modernen, industrialisierten Massen- und Wirtschaftsgesellschaft europäischen Zuschnitts untauglich wurde. Die sozialen Gruppen waren einerseits zu schwach, den Staat tatsächlich abzulösen, um andere übergreifende gesellschaftliche Organisationsformen entwickeln zu können – wofür sich historisch die Ideen der muslimischen „umma“ und des Panarabismus angeboten hätten und von den Literaten und Intellektuellen auch immer wieder in dieser Weise postuliert worden sind –, aber sie waren andererseits auch zu stark – und im ganzen Reich ubiquitär –, um vom Staat zerschlagen, in ihrer Funktion abgelöst oder beherrscht zu werden. Viele dieser Gruppen und auch die Neigung, in Konfliktfällen diese gesellschaftliche Organisationsform zu suchen, bestehen auch nach dem Ende des Osmanischen Reiches weiter.

Der korrupte Staat, vor dem man sich schützen muß, die „orientalische Despotie“, ist also eine historische Erfahrung der Menschen im Nahen Osten. Vieles, was sich uns heute, im positiven wie im negativen Sinne, als „typisch orientalisch“ darstellt, ist Ausdruck menschlichen Verhaltens eingedenk dieser geschichtlichen Hintergründe, deren Bewertung vom Osmanischen Reich auf die neuen Staaten übertragen wurde. Durch die allgemeine Ablehnung des Staates kann dieser kaum innenpolitische Erfolge erzielen, wodurch sich das Misstrauen der Bevölkerung gegen den unfähigen Staat wieder bestätigt. Nur zu verständlich ist dann, wenn Staaten zum eigenen Machterhalt die Probleme nach außen projizieren, internationale Sündenböcke suchen müssen, um ihr Versagen vor der eigenen Bevölkerung zu rechtfertigen – und die eigene Macht zu erhalten. Es ist tragisch, daß oftmals kriegerische Auseinandersetzungen den gesellschaftlichen Fortschritt mehr befördern als die Kette innenpolitischer Misserfolge in Friedenszeiten.

Ein Beispiel dafür ist Algerien, das im Befreiungskampf gegen Frankreich tatsächlich eine eigene und auf eigener Erfahrung aufbauende nationale Identität entwickeln konnte, die in vieler Hinsicht die gesellschaftliche und innenpolitische Situation stabiler und für den einzelnen erträglicher erscheinen lässt als in anderen vergleichbaren arabischen Staaten. Zurück zum Nahen Osten. Die Regierungen der neuen Staaten werden, aufgrund eigener historischer Erfahrung und auch gedrängt von den Erwartungen der misstrauischen Bevölkerung, eingefangen in Verhaltensmuster politischen Handelns, die in der osmanischen Zeit angelegt wurden. Auch sie werden – Ausnahmen bestätigen die Regel – wieder korrupt, wenn sie überhaupt die Herrschaft behalten wollen: niemand erwartet ja etwas anderes von ihnen! Das Misstrauen der Bevölkerung bestätigt sich, der Alltagsanarchismus konterkariert auch positive Intentionen der Herrschenden, die jetzt zynisch und durch Gewaltanwendung ihre Herrschaft durchzusetzen versuchen. Einen Ausweg scheint es – jedenfalls kurzfristig – nicht zu geben. Wenn eine Regierung eines nahöstlichen Staates innenpolitisch tatsächlich etwas durchsetzen will, muß sie sich Bündnispartner suchen, von denen sie an der Macht gehalten wird und die dafür auch Gegenleistungen erwarten: jede Regierung hat in der Bevölkerung eine Klientel. Das können sowohl soziale Gruppen sein als auch andere Staaten oder überstaatliche Organisationen, wie z.B. die PLO. Das Bündnis hält so lange, wie der Widerstand anderer Bevölkerungsgruppen nicht bedrohlich groß wird. Dann isoliert sich das Land oder die Regierung bis zu dem Zeitpunkt, zu dem die sozialen oder wirtschaftlichen Probleme so groß werden, daß unbedingt Maßnahmen erfolgen müssen. An dieser Stelle muß sich die Regierung, wenn sie nicht gestürzt werden will, neue Bündnispartner suchen. So kann natürlich keine kontinuierliche Politik gemacht werden!

a. Die Sonderstellung Israels

In Israel gibt es durch die aus Europa und Amerika eingewanderten Juden europäische Staatsvorstellungen; deshalb hat dieses Land einen gewissen Vorteil, was die Herausbildung einer eigenen staatlichen Identität nach europäischem Muster angeht. Andererseits leben in Israel auch viele orientalische Juden, die – neben den Palästinensern, die sich vor allem in den besetzten Gebieten der „Westbank“ und des „Gazastreifens“ als alteingesessene Bevölkerung konzentrieren – die gleiche historische Erfahrung verinnerlicht haben wie die anderen Bewohner der orientalischen Nachbarländer Israels. Der Staat Israel setzt sich also aus zwei – oder mehr – „Staaten“ zusammen: einem europäischen Staat mit „perfekter“ Verwaltung und Bürokratie und westlich-nationalstaatlicher Politik, und immer größer erdenden gesellschaftlichen Bereichen, in denen Staatsvorstellungen nach orientalischer Art zur Leitlinie des gesellschaftlichen Verhaltens im Staat – und gegen den Staat – wirksam werden. Die orthodoxen Juden in Israel sind ein Beispiel für eine soziale Gruppe, die sich in der Zeit der osmanischen Herrschaft ausgesondert und abgeschlossen hat, um sich vor staatlichen Eingriffen in ihr religiös-soziales Leben zu schützen und um allein einem eschatologischen Messianismus zu folgen; sie übertragen heute ihre Ablehnung auf den in ihren Augen verweltlichten und illegitimen Staat Israel. Ihre fundamentalistische Glaubensüberzeugung, nicht aber ihre völlige Ablehnung staatlicher Organisationsformen, zeigt durchaus Parallelen zur theokratischen Herrschaft in der Islamischen Republik Iran. 

b. Der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und die moderne Türkei.

Der Zusammenbruch des Sultanats mit dem Ende des Ersten Weltkrieges ist ein Schlüsseldatum für den Nahen Osten, vor allem weil er eine neue republikanisch-laizistische Staatsauffassung in der Türkei ermöglichte, die für viele Politiker des Raumes mehr oder weniger Vorbild wurde. Der Vorgeschichte des Zusammenbruches gerecht zu werden, bedarf es auch, neben dem Aufzeigen der inneren Schwächen des Sultanats, des Hinweises auf die gegen türkische Interessen gerichtete Politik der europäischen Großmächte. Gefühlsmäßig wurden die Türken in den europäischen Staaten als Muslime und historische Gegner abgelehnt. Ihr Auftreten auf dem Balkan wurde allein unter der Perspektive der Bedrohung Europas gesehen, deren Höhepunkt die Belagerung Wiens gewesen war. Daß das Osmanische Reich zu dieser Zeit gar nicht in erster Linie expansive Ziele in Europa erfolgte, sondern tief in die Koalitionen und Intrigen Südosteuropas verstrickt war [und z.B. vor Wien erschienen als Verbündete ungarisch-siebenbürgener Fürsten, die ihre Unabhängigkeit von Habsburg sichern wollten und eine Tributpflicht gegenüber dem Sultan als weniger drückend empfanden] ist vom europäischen Geschichtsbewusstsein erst noch aufzuarbeiten. Die Türkei war eine europäische Großmacht geworden, die von den anderen Großmächten zwar in ihre Intrigen und Bündnisse aus Eigennutz einbezogen, aber nicht als gleichwertig und gleichberechtigt anerkannt wurde. Dazu war sie als immer präsente Gefahr und als Erzfeind viel zu nützlich. Vertragsbrüche waren zwar immer schon ein übliches Mittel der europäischen Politik, gegenüber der Türkei bemühte man sich aber kaum, diese auch nur ansatzweise zu vertuschen oder gegenüber der politischen Öffentlichkeit zu legitimieren. Reiner Machtnutzen war Rechtfertigung genug gegenüber den eigenen „moralischen Normen"! Der innenpolitischen Strukturschwäche des Sultanats standen so außenpolitische Korruption und Machtintrige gegenüber. An dem langsamen Niedergang des Osmanischen Reiches hatten die europäischen Großmächte, vor allem England und Habsburg, gut verdient.

So wurde die Türkei immer als minderwertig behandelt und ausgebeutet, aber sie wurde nie militärisch vernichtet, was den Interessen an einem machtpolitischen Vakuum und Verfügungsraum im Nahen Osten zischen den konkurrierenden europäischen Großmachtinteressen nicht entsprochen hätte. Deshalb trat die Türkei im Ersten Weltkrieg auf die Seite der Mittelmächte, weil das Deutsche Reich machtpolitisch noch wenig im Nahen Osten engagiert war – und betont türkeifreundlich auftrat, wie der Besuch Kaiser Wilhelms II. in Konstantinopel / İstanbul und in Jerusalem ebenso zu zeigen schien wie die deutsche Beteiligung am Bau der Baghdadbahn – und daher nicht als imperialistische Gefahr eingeschätzt wurde. Der Sultan hatte, wie die Geschichte zeigte, keine realistische Vorstellung von den europäischen Kräfteverhältnissen – darin Kaiser Wilhelm II. nicht unähnlich! – und von der militärischen Stärke seines Landes. Daß nur ein einziges Scharmützel mit türkischer Beteiligung im Ersten Weltkrieg für das Sultanat erfolgreich verlief – die Schlacht von Gallipoli am Marmarameer unter der Heerführung von Mustafa Kemal Pascha, dem späteren Atatürk, der hier schon auf dem Wege zum „Volkshelden“ war –, zeigt diese tragische Verkennung der Situation durch das Osmanische Reich sehr deutlich.

Als das Osmanische Reich besiegt war, hatten die Alliierten vor, das Gebiet der heutigen Türkei nach polnischem Muster zu teilen. Das gelang jedoch nicht, weil die aufständische türkische Armee unter Führung des Gallipoli-Siegers Mustafa Kemal Pascha nach einem spektakulären Marsch von der Schwarzmeerküste, wo sie sich auf Geheiß des Sultans ergeben sollte, nach Ankara im inneren Anatoliens, wohin die militärische Macht der Westmächte nicht gedrungen war, den Kampf wider alles Erwarten der Europäer fortsetzte und – gegen kriegsmüde und demotivierte Gegner – einen Sieg nach dem anderen errang und damit den Bestand der staatlichen Einheit der Türkei sicherte. Die Zeche bezahlen mussten vor allem die in Westanatolien siedelnden Griechen, die sich in der Hoffnung auf einen Anschluss an Griechenland auf die Seite der Westalliierten geschlagen hatten und nun zum ersten Nationalfeind der neu proklamierten türkischen Republik wurden. Sie mussten unter Leiden und tragischen Verlusten ihre angestammte Heimat erlassen und wurden von Griechenland aufgenommen. Die Wunden dieses Konfliktes sind, wie die gegenwärtigen mühsamen Annäherungsschritte zeigen, bis heute nicht verheilt. Der Führer des Aufstandes gegen die kapitulationsbereite Sultansherrschaft, der spätere Staatschef Kemal Atatürk, errichtete von Ankara aus einen neuen, säkularen Nationalstaat und erreichte ein Friedensabkommen mit den ehemaligen Weltkriegsgegnern.

Die arabischen Gebiete des ehemaligen Osmanischen Reiches wurden von England und Frankreich untereinander aufgeteilt. Nach dem Sykes-Picot-Geheimabkommen von 1916 standen Palästina, das nun für jüdische Einwanderer offen stand, Jordanien und der Iraq unter englischem, Syrien und der Libanon dagegen unter französischem Mandat. Während des Krieges, an dem sich auch Araber auf der Seite der Alliierten beteiligt hatten, hatte man den arabischen Völkern unabhängige Staaten versprochen. Diese entstanden aber erst nach dem Zeiten Weltkrieg.

5. Islam

Bisher haben wir die Probleme des Raumes vor allem in politisch-historischer Perspektive gesehen und dabei den Islam als gesellschaftliches und historisches Phänomen nur am Rande gestreift. Im Selbstverständnis der Menschen des Nahen Ostens nimmt der Islam als Religion, Wertmaßstab und gesellschaftliches Ordnungssystem aber eine solche überragende Rolle ein, daß wir die Situation dieser Länder noch einmal von dieser Seite her beleuchten müssen, ohne hier eine Einführung in die Lehren und Entwicklungen dieser Weltreligion geben zu wollen.[5]

Schwieriger als die aktuelle Problematik war auf der Fahrt selbst die Auseinandersetzung mit dem Islam zu ermitteln. Hier zischen der sozialen und zeitgeschichtlichen Oberfläche und der geistigen Substanz islamischer Wertordnungen zu unterscheiden, erlangt nach einer längeren und vertieften Beschäftigung mit diesem Themenkreis, die in der Reisevorbereitung nicht zu leisten war und wohl auch Schüler überfordert hätte. So ist nur zu hoffen, daß die soziale Realität nicht nur voreilig beurteilt wird, sondern Anlass zum vertieften Nachfragen wird. Wo immer es möglich war, z.B. bei den erschütternden Eindrücken von Not und Verelendung, mit denen wir in Ägypten konfrontiert waren, habe ich ersucht, Anstöße für eine solche Reflexion zu ermitteln. Sicher aber ist jedem Reiseteilnehmer durch eine fast erdrückende Fülle kultureller Zeugnisse aus allen geschichtlichen Perioden deutlich geworden, daß wir uns im „Orient“ in einem Gebiet von hoher historischer und kultureller Dichte und Intensität befinden.

Die Folgen der „Islamischen Renaissance“, die wir mehrfach im erhalten der Bevölkerung beobachteten, für die soziale und politische Zukunft des Nahen Ostens und für uns selbst können wir bei unserem gestörten Selbstverständnis als Träger „westlicher Werte“ nur scher abschätzen. Erst wenn wir die Motive einer „islamischen Revolution“, des islamischen Sozialismus oder des islamischen Fundamentalismus in der eigenen gesellschaftlichen Umgebung erfahren, führt das zu einer Überprüfung unserer eigenen kulturellen Mythen und Überlegenheitslegenden, kann es auch zu einer neuen „europäischen Bescheidenheit“ führen. Der Nahe Osten stand immer in einem besonderen Verhältnis zu Europa: als Ursprung, Anreger und Kontrahent. Die scheinbare Einheitlichkeit des geographischen Raumes mediterraner und arider Prägung löst sich aber beim näheren Hinsehen in eine Vielzahl deutlich unterschiedener geographischer und kulturhistorischer Teilräume auf, deren Individualität die Vielfalt der kulturellen und politischen Anregungen bewirkte, die wir diesem Raum zu verdanken haben.

Heute ist die kulturelle Prägung durch den Islam dominant, wenn sie auch nicht alleine das Bild bestimmt, denken wir einmal an Israel, an die christlichen Bevölkerungsanteile vom Libanon bis nach Ägypten und auch an die unterschiedlichen Ausprägungen des islamischen Impulses vom islamischen Sozialismus nationalarabischer Ausprägung in Syrien bis zum konservativen neofeudalen Islam in Jordanien. Die arabische Dominanz wird modifiziert durch zwei überlagernde Prägungen: einmal durch die über Jahrhunderte währende Zugehörigkeit des Nahen Ostens zum Osmanischen Reich mit deutlichen Elementen der kulturellen Turkifizierung, durch die bestimmte Rechtsformen entstanden sind, politische und soziale Strukturen und Handelsformen, durchaus abweichend von orthodox-islamischen und alt-arabischen Traditionen, die ihre Wirksamkeit bis heute nicht verloren haben. Zum anderen folgte nach dem Zusammenbruch der türkischen Herrschaft eine Zeit intensiver europäischer Penetration, die noch in unserem Jahrhundert Abhängigkeiten vor allem von Großbritannien und Frankreich aufgebaut und ein Staatsmodell europäischen Zuschnitts, bei oft willkürlichen Grenzfestsetzungen, ermöglicht hat.

Die Zielrichtung einer verwestlichten Entwicklungsdynamik konkurriert somit mit den Entwicklungsmodellen islamischer Provenienz. Diese Vielzahl der Einflüsse und die sehr unterschiedlichen lokalen und regionalen Gesellschafts- und Verkehrsformen bewirken nun die noch nicht gelösten Probleme und nicht beseitigten Strukturdisparitäten, die bis heute immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen und zu Revolten und Bürgerkriegen geführt haben.

Der Islam besinnt sich auf seine historische Bedeutung und gesellschaftliche Macht, je mehr das europäische Entwicklungsmodell verblasst und an seinen inneren Widersprüchen zu zerbrechen droht. Umweltkatastrophen und Weltkriegsgefahr, Großmachthegemonie und Neokolonialismus, Massenarbeitslosigkeit und das Umsichgreifen psychischer Defekte in der modernen Massengesellschaft, Vereinsamung und Entfremdung sind Gefahren, die, nach Teilen der intellektuellen Eliten in den arabischen Ländern, immer weitere Bevölkerungskreise erkennen und fürchten. Die Antwort des Islam ist, wir deuteten es bereits an, nicht einheitlich. Jahrhunderte theologischer Stagnation und Unfruchtbarkeit, Unterordnung unter feudale Despotien, lassen sich nicht in wenigen Jahrzehnten überwinden und aufarbeiten.

Welche historischen Erfahrungen des Islam sind tragfähig zur Gestaltung von Gegenwart und Zukunft? Wieweit muß sich der Islam gegenwärtigen gesellschaftlichen Veränderungen öffnen? Findet er übertragbare Gesellschaftsmodelle in der Blütezeit des Kalifats, wie es manche Traditionalisten glauben, oder gar in den Lebensformen der Zeitgenossen Muhammads, wie es manche fundamentalistische Vorstellung für sinnvoll hält? Gerade weil er neu gefordert ist, steht der Islam vor einer historischen Zerreißprobe. Bassam Tibi untersucht diese „Krise des modernen Islam“ und plädiert, gegen alle fundamentalistischen Ideen, für eine Individualisierung der religiösen Praxis, für eine Säkularisierung des Islam in einer Weise, wie sie das Christentum zu Beginn der Neuzeit durchgemacht hat. Aber ist der heutige Bedeutungs- und Glaubwürdigkeitsverlust des Christentums für islamische Kreise nicht gerade ein Gegenargument gegen die Forderungen von Tibi?

6. Alltagsverhalten und politische Kultur

Die Auswirkungen historischer Erfahrungen einer Gesellschaft auf ihre politische Kultur und ihr Alltagsverhalten, die sozialpsychologischen Probleme dieses „kollektiven Gedächtnisses“ sind in den letzten Jahrzehnten Anlaß kontroverser wissenschaftlicher Debatten gewesen. Es bestehen hier noch deutliche Erkenntnisdefizite, obwohl diese Thematik gerade bei dem Versuch, gesellschaftlich-historische Abhängigkeiten aufzudecken, immer wieder ins Blickfeld rückt. Im Zusammenhang mit den Gesellschaften des Nahen Ostens gibt es daher schon eine alte, oft eher spekulative Tradition sozialhistorischer Kategorisierungen von der frühmarxistischen Theorie über eine „Asiatische Produktionsweise“, die zu spezifischen Formen der orientalischen Despotie führt[6], über die These von der „Hydraulischen Gesellschaft“[7] bis zu den Untersuchungen über den „Orientalischen Wirtschaftsgeist“ von E. Wirth [1956]. Gegen das marxistische Modell der gesellschaftlichen Entwicklungsphasen stellt der konservative Geograph H. Bobek [1959] seine These vom „Rentenkapitalismus“, der einiges theoretisches Gewicht in der nachfolgenden orientalistischen Literatur gewinnt. Im Zusammenhang mit einer ganz anderen Thematik habe ich kürzlich ersucht, durch einen sozialpsychologisch-historischen Vergleich mit Befunden aus dem Nahen Osten scheinbar „orientalische“ Verhaltensformen im Alltag einer – desolaten – europäischen Gesellschaft, in Polen, verständlich zu machen. Diese Überlegungen können, meine ich, auch zurückweisend auf unsere Thematik aufschlussreich sein, so daß ich einige Passagen der genannten Arbeit nachfolgend zitieren möchte[8]. Im Vergleich dazu mag auch noch mein Aufsatz „Über das Handeln und Verhandeln“ im schon erwähnten Reisebericht Türkei ‘85 (UNESCO-Club) interessant sein.

„Es mag als Exkurs interessant sein, nach den Ausprägungen und Wertorientierungen dieses anachronistischen Verhaltenes (Alltagssubversion, Korruption, Rechtswillkür, Vetternwirtschaft) zu fragen, denn nur aus unserer eigenen Wertperspektive heraus sind diese Verhaltensweisen eindeutig negativ gekennzeichnet. Wenn Produktion und Distribution noch eindeutig dem Handeln konkreter, bestimmbarer Personen zuzuordnen sind, wenn die einzelne ökonomische Handlung in ihrem Gesamtzusammenhang noch in ihrer direkten Beziehung zum Lebensunterhalt der Familie gesehen werden kann, ist die Bedeutung der sozialen Kontakte noch nicht auf den Waren- und Austauschwert reduziert, sondern in ein soziales Wertgefüge gegenseitiger Verantwortlichkeit eingebunden. Das hingebungsvolle ‚Feilschen‘ im Bazar, das von westlichen Touristen fast immer falsch eingeschätzt wird, ist ein solcher Prozess des Vertrauensaufbaus und der gegenseitigen Verpflichtung. An die Stelle staatlicher Regelsysteme, die dazu tendieren, die Handlungsfreiheit des einzelnen immer stärker einzubeziehen in ein perfektes System der ‚checks and balances‘, tritt in diesen feudalen, orientalischen oder regressiven Gesellschaften ein (meist metaphysisch legitimierter) Grundwertkonsens: Sitte, Tradition, Moral, Ritual oder ein religiöses Menschenbild. Im islamischen Orient hat sich auf dieser Basis ein funktionierendes, nichtstaatliches Gesellschaftssystem entwickelt, das unter der Klammer des Wertkonsenses der muslimischen Gemeinschaft ein dezentrales System persönlicher Verpflichtungskreise und -ebenen aufweist. Drei Kategorien dieser Gruppenloyalitäten sind z.T. bis heute noch anzutreffen (nach Kippenberg [1981], S. 222 f.):

  • die Familie (Großfamilie, Verwandtschaft, Stammeszugehörigkeit)

  • die Klientel (wirtschaftliche Verpflichtung, berufliche Gruppenzuordnung [z.B. die ‚Bazari‘, die Handwerksinnungen etc.], feudale Abhängigkeiten [Tribute])

  • die religiöse Loyalität (gegenüber dem persönlichen Lehrer, dem Mullah, dem lokalen Schriftgelehrten oder religiösen Sprecher).

Alle drei Hierarchien können sich in vielfältiger Weise überschneiden und verknüpfen, immer aber sind es Beziehungen zu konkreten Personen, die nicht nur als Rollenträger in einer Institution auftreten. Der Lebensunterhalt dieser sicherlich auch Herrschaftsfunktionen ausübenden Hierarchieangehörigen wird dabei nicht von ‚oben‘ her garantiert und bestimmt, sondern ist Teil der gegenseitigen Verpflichtungen. Diese Bezahlung kann freiwillig und aus Überzeugung gewährt oder auch erzwungen oder erpresst sein. ‚Amtshandlungen‘ müssen, so will es uns von außen her erscheinen, ‚bezahlt‘ werden; abstrakter ‚Dienst am Menschen‘ oder gar im ‚Interesse der Sache‘ ist unvorstellbar. Immer hat das erhalten einen konkreten Adressaten der Mildtätigkeit, der gerechten Behandlung oder auch der gegenseitigen Verpflichtung. Erst eine spätere Industriegesellschaft wird dieses erhalten als korrupt definieren – meist jedoch nicht einmal aus gewandelten Moralvorstellungen heraus, sondern ganz konkret, um den ‚Hilfsorganen der staatlichen Herrschaft‘ keine materielle Autonomie zuzugestehen. Antikorruptionskampagnen sind meist nur der Versuch eines weniger legitimierten Staates, seinen Herrschaftsanspruch zu verabsolutieren und einen materiell abhängigen Herrschaftsapparat aufzubauen.“

Das Fehlen einer Verantwortlichen staatlichen Organisation während der letzten beiden Jahrhunderte osmanischer Herrschaft im Orient, gekennzeichnet eher durch die Charakteristiken, die oben erwähnt wurden, führte zu einem grundsätzlichen Rückzug des politischen Bewusstseins aus der übergeordneten Herrschaftsebene hin auf die lokalen und gruppenbezogenen Kleinformen gesellschaftlicher Organisation.

Bis zu welcher gesellschaftlichen Fraktionierung dieser Prozess historisch treiben kann, werden wir in dem Abschnitt über Syrien, im Zusammenhang mit der Thematik des Libanonkonfliktes, erörtern. Solange der angesprochene Grundkonsens, ermittelt durch die „umma muhamadja“, funktionierte, ließen sich Interessenkollisionen zischen diesen lokalen und regionalen politischen Gebilden meist vermeiden oder durch religiösen Schiedsspruch regeln. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß trotz der geringen Zahl von übergreifenden Konfliktursachen in einer verkrustet-immobilen Feudalgesellschaft die Grunderfahrung des Menschen oberhalb der gesellschaftlichen Ebene, die noch durch die familiäre und lokale Gruppenzugehörigkeit abgesichert war, das Erlebnis von Unsicherheit und Gefahr, drohender Gewalt und kriegerischer Konflikte war. Vertrauen galt nur auf der Ebene der persönlichen Bekanntschaft und familiären Verpflichtung. Aller darüber hinaus gehender Herrschafts-, Verwaltungs- und Organisationsanspruch wurde und wird zunächst als suspekt und bedrohlich abgelehnt. Diese Einschätzung wird nach dem Zusammenbruch der osmanischen Herrschaft durch die rein machtpolitisch motivierte Einflussnahme der europäischen Staaten mit ihren nicht legitimierbaren Herrschaftsansprüchen und ihrer mangelnden Vertragstreue nur noch bestätigt. Diese Perspektive der sozialen und ökonomischen Unsicherheit führt auch im Alltagsleben zu einer geringeren Zukunftsorientiertheit, zu Distanzerhalten und zu familiärer Abgeschlossenheit – unterstützt durch gleichsinnige Wertvorstellungen des Islam –, die der Geograph Eugen Wirth [1956] als „orientalischen Wirtschaftsgeist“ bezeichnet. Trotz aller politikwissenschaftlichen Bedenken gegen sein Theoriekonzept kann in dieser sozialpsychologischen Perspektive auch ein bedenkenswerter, realitätsbezogener Kern in Bobeks Beschreibung des ‚Rentenkapitalismus‘ als nicht-dynamischer kapitalistischer Wirtschaftsform des Orients liegen, in der aus landwirtschaftlichem oder Handelskapital kontinuierlich Renten abgezogen werden.

7. Orient

Auf unserer Reise hatten wir uns mit dem Begriff „Orient“ auseinanderzusetzen. Wichtig ist es für uns gewesen, zu erkennen, daß unser Begriff vom „Orient“ nicht einer realen Beschreibung von Sachverhalten entspricht, sondern weitgehend Projektionen eigener europäischer Wahrnehmungsperspektiven und Überlegenheitsmythen seine Existenz verdankt.[9]

In einem komplizierten Rückkoppelungsprozeß[10] haben die Völker des Orients das europäische Orientbild, das seit dem 15. Jahrhundert, in einzelnen Zügen sogar seit den Kreuzzügen, entwickelt wurde, partiell akzeptiert und übernommen: sie wurden zu „Orientalen“ gemacht[11]. Die Belege über sozialpsychologische Deformationen durch den Kolonialismus sind erdrückend; vor allem die französische Sozialanthropologie hat sich eingehend mit ihnen befasst (Fanon, Memmi, Leiris, Lévi-Strauss u. a.).

Ich möchte unsere Reise auch deshalb gerade in diese Tradition gestellt wissen, weil ich seit einiger Zeit selbst ein Forschungsprojekt betreue, bei dem untersucht werden soll, wie „Dritte-Welt-Stereotypen“ bei niedersächsischen Schülern kennzeichnend für die herrschende politische Kultur unseres Landes sind. Unsere Reise kann in ihren Auswirkungen auf lange Sicht hin, wenn sie unsere eigene Wahrnehmungsfähigkeit mit reflektiert, vielleicht auch ein Beitrag zur Erkenntnis der Beziehungen zischen Wahrnehmung und Realität, zischen Ideologie und Erfahrung werden. Vielleicht lässt sich der eine oder der andere Reiseteilnehmer nach der Fahrt auf der Grundlage der persönlichen Erlebnisse auf ein neues, kritisches und differenziertes Orientbild ein, abweichend von den üblichen, herablassenden Vorstellungen des „industrialisierten Westens“ gegenüber dem Nahen Osten!

[1]     Zitiert nach: alter Bauer, Fridtjof Nansen. Humanität als Abenteuer. Frankfurt/M. 1981. S. 250 ff. [Fischer Taschenbuch 5091] {München 1956 [Kindler]}

[2]     beim UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., zu erhalten!

[3]     Restexemplare des „Kurzberichtes“ stehen weiterhin für Informationszecke des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover e.V., zur Verfügung.

[4]     Zu den Literaturangaben vgl. Literaturhinweise im Anhang

[5]     Im Zusammenhang mit einigen Reflexionen über die Bedeutung der Omayyadenmoschee in Damaskus werden wir noch einmal etwas tiefer in die Geschichte des Islam eintauchen müssen; darauf sei hier schon verwiesen!

[6]     Wieder diskutiv aufgegriffen von G. Leng [1974] oder durch M. Massarat [1977].

[7]     Ein von K. A. Wittfogel [1938] geprägter Begriff.

[8]     Aus: Nettelmann/Voigt [1986] S. 67f.

[9]     Vgl. dazu Max Webers Konzept der „Herrschaftslegenden“, das u.a. von H. Popitz [1968] reflektiert und sozialpsychologisch interpretiert wird.

[10]   „Self-fulfilling prophecy“ nach Merton [1949].

[11]   Im Prozess des „Orientalismus“, vgl. E.. Said [1981] und U. Bitterli [1976].

Inhalt

I. Vorwort
II. Einleitung
1. Rückblick
2. Zielsetzungen und Vorüberlegungen
3. Pädagogische Überlegungen
4. Die Situation im Nahen Osten
a. Die Sonderstellung Israels
b. Der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und die moderne Türkei.
5. Islam
6. Alltagsverhalten und politische Kultur
7. Orient

Zu den übrigen Aufsätzen des Bandes:

  1. Vorwort

  2. Einleitung

  3. Vorbereitungen

  4. Résumé

  5. Der Aufbruch

  6. Türkei

  7. „Beim Hören die Finger in die Ohren gesteckt“

  8. Syrien

  9. Jordanien

  10. Ägypten

  11. Israel

  12. Verwendete Literatur

  13. Anhang

  1. Ein kurzes Reisetagebuch

  2. Teilnehmerliste der Orientfahrt  

Gerhard Voigt: Tradition oder Umbruch? Erlebnisse im Nahen Osten. Bericht über eine Studienreise in die Türkei, nach Syrien, Jordanien, Ägypten und Israel im Sommer 1987 mit Schülern der Bismarckschule Hannover im Rahmen der Arbeit einer UNESCO-Projekt-Schule. – Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [An der Bismarckschule 5 D 30173 Hannover] / Gerhard Voigt. Mit Textbeiträgen von Dirk Fuhlbohm, Hartmut Grote, Hans A. Gütte, Udo Herges, Gerhard Stünkel und Alexander Schulze. – Hannover: UNESCO-Club, 1997. Druck der Erstauflage 1988: ISBN 3-930307-00-6

   
   

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Bearbeitungsstand:
25. 07 2005.
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