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Dr. Lothar Nettelmann
25 Jahre Rückblick Hannover –
Posen/Poznań
Bilanz und Ausblick einer Schulpartnerschaft
Festvortrag zum 25. Jubiläum
der Schulpartnerschaft in der Bismarckschule Hannover
Ich möchte vor allem das erwähnen, was vielen
nicht bekannt oder geläufig ist. Das, was normalerweise immer gesagt wird,
möchte ich nur kurz streifen.
Es begann vor 25 Jahren – doch eigentlich viel
früher. Im Rückblick sehe ich einen weiten Bezugsrahmen. Für mich, und ich
vermute für viele andere meiner Altersgruppe auch, begann das Interesse bereits
in der Schulzeit der sechziger Jahre. Aus dem Interesse, dem erfahrenen Wissen
um historische Zusammenhänge erwuchs Neugier gegenüber dem bis dato Verborgenen.
Daraus entstanden die Bereitschaft und der Wille zum Engagement.
Mein Lehrer, der mich damals am MCG im Bereich der
Politischen Bildung motiviert hat, war Wolfgang Scheel. Er hatte zuvor sein
Referendariat an der Bismarckschule absolviert und engagierte sich für Israel
und später – als Mitarbeiter und Leiter der Niedersächsische Landeszentrale für
politische Bildung, für Polen. An unserer Schule war er mit dem UNESCO-Gedanken
konfrontiert und vertraut gemacht worden. Dadurch wurde dieses für mich schon
früh zu einem Vorbild-Modell.
Vor genau vierzig Jahren, im August/September
1968, wurde das Interesse für Osteuropa über das Geschehen in der
Tschechoslowakei nachhaltig geweckt. Dass zur gleichen Zeit in Warschau
Studenten von der Polizei niedergeknüppelt worden sind, Studenten, Assistenten
und Professoren aus den Universitäten Polens hinausgeschmissen oder zur
Emigration gedrängt worden sind, wurde hier im Westen nur am Rande wahrgenommen,
zumal auch in den Jahren 1967/68 in den westeuropäischen Städten „einiges los“
war. Leider wird dieses jetzt stigmatisiert und instrumentalisiert; oftmals
von denen, die darüber keine Sachkenntnis haben oder schon damals nicht
verstanden, worum es den jungen Leuten wirklich ging.
Die Systeme des „Ostblocks“, wie man damals noch
sagte, wankten beträchtlich trotz der dortigen Panzer-Armeen und der rostenden
Grenzanlagen. Man benötigte dort neue Feindbilder, deshalb wurde dort wieder
eine antisemitische und antiisraelische Welle erzeugt wie auch eine
antiwestliche, die dann z.B. „antiimperialistisch genannt wurde. Dieses
politische Geschehen, bewirkt durch die Herrschenden in Osteuropa, hat dort
einen ungeheuren Verlust an Politischer Kultur und an Wissenschaft bewirkt.
Ich selbst saß in jenen Wochen ständig vor dem
Fernseher, da ich damals beim „Bund“ auf meiner Stube als Unteroffizier meinen
eigenen Fernseher hatte und nur wenig zu tun hatte. So konnte ich die über das
österreichische Fernsehen weitergeleiteten Sendungen aus Prag verfolgen.
Mein Interesse an Ost-Mittel-Europa war nachhaltig
geweckt. Ich wollte alles über dieses unbekannte Gebiet wissen und folglich
beschäftigte ich mich im Studium mit all dem, was wir unsere jüngste Geschichte
nennen.
Ich erwähne dieses, da ich meine, dass für viele,
die jetzt beginnend zur älteren Generation gehören, ähnliche Weichenstellungen
erfolgt sind und auch jeder seine eigenen Schlüsselerlebnisse gehabt hat, bei
uns und auch in Polen, Ungarn und der damaligen CSSR, sicherlich auch in der
DDR.
Ich sage dieses auch gerichtet an die Jüngeren,
dass der UNESCO-Gedanke eine Leitfunktion für diese Schule hat und eine
moralische Verpflichtung bleiben muss.
Fünfundzwanzig Jahre Schüleraustausch bedeuten
zweieinhalb Jahrzehnte lang vielerlei gemeinsame Tätigkeiten, Freude,
Gespräche, Kultur, auch: historischen Schutt beiseite zu räumen,
Freundschaften herauszubilden und zu feiern.
Bei uns in Hannover fing alles viel früher an. Es
waren Bürgerinnen und Bürger aus Hannover; aus dem Rat, der Verwaltung, der
Wirtschaft und interessierten Vereinigungen, die nach Polen fuhren, vor allem
nach Posen. Bald versuchte man, den Namen Poznań richtig auszusprechen.
Erste Studienreisen nach Polen, organisiert von
der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung, waren bereits in
den sechziger Jahren durchgeführt worden. Ein Teilnehmer, Lehrer dieser Schule,
Bernhard Buschmann, ein gebürtiger Breslauer, hat für die Bibliothek der Schule
Literatur über Polen angeschafft und das Thema Polen in seinem
Geschichtsunterricht schon sehr früh behandelt. Als zeitweiliger Mitarbeiter im
KM und als Landesfachberater für Gemeinschaftskunde hat er seinen Einfluss
geltend gemacht.
In Posen war das Interesse der Gesprächspartner
deutlich größer, als das offizielle Warschau es zu genehmigen versuchte. Die
Bereitschaft erfasste die in Politik, Wirtschaft und in der Bildung tätigen. Den
Nationalkommunisten und den moskauorientierten Kommunisten bzw. der
Betonfraktion, wie man sie später nannte, war es ein Dorn im Auge. Die SED
versuchte von Anfang an Keile zwischen den sich anbahnenden Prozess der
Annäherung, Zusammenarbeit, Versöhnung und Verständigung zu treiben. Der Osten
benutzte dafür gern den Begriff der Normalisierung – aber das hatte eine andere
Konnotation, es bedeutete nämlich die Anerkennung des Status quo durch den
Westen, also den Versuch, das politische System im Osten zu stabilisieren, was
die Menschen dort, wie sich zunehmend herausstellte, nun gar nicht so gern
hatten.
Zu denen, die Anfang der siebziger Jahre an einer
Studienreise für Lehrer teilnahmen, gehörten u. a. Ulrich Bauermeister, Albrecht
Riechers und die Kulturpolitiker Wolfgang Scheel und Rolf Wernstedt.
Mein eigenes konkretes Engagement begann zufällig
1975, als ich mit meinem ersten LK eine Studienreise unternehmen wollte und mir
privat ein Vertreter der Landeszentrale, Wilfried Wiedemann, den Vorschlag
machte, doch nach Polen zu fahren. Man würde die Fahrt in jeder Hinsicht
unterstützen, was dann auch geschah. Eine zweite und dritte Reise mit Schülern
und einigen Lehrern folgte dann jeweils privat organisiert in den Osterferien
1977 und '79 sowie als Studienfahrt nach Anfrage im Außenministerium in Bonn und
mit persönlicher Genehmigung des Kultusministers im September 1980. Es war die
heiße Phase der Streikaktionen, in der die Verhandlungen in Danzig liefen und
die Solidarność gegründet wurde. Wir – die auf Studienfahrt befindliche Kurse
Homburg und Nettelmann – waren sozusagen Zuschauer im Weltgeschehen.
1979 besuchten wir auf meinen ausdrücklichen
Wunsch eine Schule, die Deutsch als Fremdsprache lehrte, eben das V. Lizeum.
Nach dem Höflichkeitsaustausch, den üblichen Gesprächen über das polnische
Schulsystem und die anderen „Nebensächlichkeiten“, kamen wir zur Sache: Zu
meiner damaligen Überraschung wurde seitens der polnischen Lehrerinnen in aller
Deutlichkeit der innige Wunsch ausgesprochen: „Wir müssen unsere Schülerinnen
und Schüler zusammenbringen!“ Direktor Henicz unterstützte es mit
zurückhaltendem Lächeln – aber eindeutig. Alle schauten uns dabei an und wir
verspürten den tiefen Wunsch, aber auch die Skepsis angesichts der damaligen
Situation, dieses durchführen zu können und andererseits das latente Gefühl von
Ohnmacht. Aber gleichzeitig die Hoffnung: „Ihr könnt und müsst es durchsetzen!“
Und: „Gemeinsam müssen wir dafür kämpfen, dann schaffen wir es!“
1980 wiederholten wir den Besuch. Jetzt konnte ich
schon die Einladung unseres Schulleiters, unterstützt vom Kultusminister
(damals Remmers) und dem Oberbürgermeister überbringen. Ich wollte auch gleich
damit beginnen, die organisatorischen Fragen zu klären. Mir wurde aber bedeutet,
dass es so schnell nicht ginge – und außerdem hatte man wohl noch nicht so
wirklich damit gerechnet.
An der Bismarckschule fand 1978 eine von Gerhard
Voigt organisierte Polnische Woche statt in Zusammenarbeit mit dem Freizeitheim
Linden. Die Veranstaltung war ein großer Erfolg. Die Medien berichteten darüber,
zumal ein polnischer Experte, den die Botschaft in Köln vermittelt hatte, an
einer Podiumsdiskussion teilnahm.
In vielen Schulen Niedersachsens gab es einen
vergleichbaren Beginn solcher Aktivitäten. Es waren zumeist Projektwochen zur
Vorbereitung von Studienfahrten. In Bremen, Göttingen und Hamburg begannen
ebenfalls die Schüleraustausche. Gerhard Voigt führte dann in den 80er und 90er
Jahren Studienreisen nach Polen unter unterschiedlichen Aspekten durch.
Die 70er Jahre waren die Zeit des beginnenden
Wandels durch Annäherung. Man hoffte auf die Reformbewegungen im Osten. Insofern
gab es Unterstützungen durch Land und Stadt für kulturelle Partnerschaften.
Nicht zu vergessen das wirtschaftliche Motiv: Der Osthandel entwickelte sich
positiv und davon profitierte der Westen in hohem Maße.
Die Entwicklung zur Schulpartnerschaft verlief
dramatisch. Unserer beiderseitige Euphorie, die in entsprechenden Anträgen
mündete, folgte die Akzeptanz bzw. die entsprechenden engagiert vorgetragenen
dortigen Verfahren in Schul- und Stadtverwaltung.
Bald folgten die Verhinderungsversuche: der eisige
Gegenwind aus Warschau, wobei immer wieder Ost-Berlin als Verursacher der Misere
genannt wurde. Bezüglich Moskau wurde immer wieder die substanzielle Angst vor
dem „großen Bruder“ spürbar. Letztlich erfuhren wir alles, was im Hintergrund
ablief, nicht von den Betroffenen, die sich ja nicht äußern durften, aber von
polnischen Journalisten und anderen Menschen, die Einblick in Partei und
Administration in Warschau hatten. Ja, es gab dort qualifizierte und engagierte
Menschen, die alles taten, um zu Sinn und Vernunft zu kommen und die Doktrinen
eines abgewirtschafteten Systems unterliefen. Dazu gehörten Wissenschaftler und
hochrangige Mitarbeiter in der Kultusbürokratie. Dies war beeindruckend und
ermutigend. In der DDR wäre es undenkbar gewesen. Die Polen hatten ein
substanzielles Interesse an kulturellen wie wissenschaftlichen neben den
wirtschaftlichen Kontakten. Die BRD war für sie der entscheidende Weg um aus der
Misere und Sackgasse des östlichen „Realsozialismus“ herauszukommen.
Eine erste schriftliche Einladung unsererseits an
die Partnerschule erfolgte für September 1981. Das V. Lizeum bat dann um eine
Verschiebung auf 1982. Inzwischen war am 13. Dezember 1981 der Kriegszustand
ausgerufen worden. Sämtliche Kontakte wurden in Polen „auf Eis gelegt“. Die
tiefe Krise führte zu einer Agonie in der polnischen Gesellschaft. Aus Hannover
half man auf vielerlei Weise, aber das ist jetzt nicht das Thema.
Unser erklärter Wille war es, das Eis zu
durchbrechen und zu Tauwetter und Frühling zu kommen, um diese osteuropäischen
Begriffe der Hoffnung zu nennen, die der jungen Generation inzwischen
wahrscheinlich unbekannt sind. „Nun erst recht“! Wir waren überzeugt, es zu
schaffen. Aus Polen kamen viele Signale: „Ihr müsst dieses leisten und nur Ihr
habt die Möglichkeiten dazu!“
Mit dem Kriegszustand war eine Welle von Hoffnung
auf einen friedlichen Wechsel zu Frieden und Wohlstand zusammengebrochen.
Mutlosigkeit hatte das ganze Land erfasst. Auch für uns, die wir unsere innere
Verbindung mit den Menschen in Polen durch Tragen des Solidarność-Abzeichens
hier in der Schule zum Ausdruck brachten, war es deprimierend.
Ob der damalige Kriegszustand Schlimmeres
verhinderte oder ein Verbrechen am eigenen Volk bedeutete, wird nie geklärt
werden. Er war mit Sicherheit aber als Zeichen für ein letztes Aufbäumen eines
maroden Systems.
Nach dem letzten Schock war klar, wir, im sicheren
Westen, müssen jetzt besonnen bleiben und klug handeln. Dieses konnte und musste
vor allem in den Bereichen menschlicher Verständigung erfolgen.
Die Polnische Botschaft in Köln lud bald danach
Vertreter Deutsch-Polnischer Gesellschaften zu einem Gespräch ein um Lösungen
in dieser nahezu ausweglosen Situation zu suchen. Aus diplomatischen Gründen
hatte man keine Vertreter aus der Politik eingeladen. Man setzte auf die
ehrenamtlichen Träger des Verständigungsprozesses. Wir kamen überein alles zu
tun, was auf menschlicher Ebene möglich war. Ich hatte die Ehre, an diesem Tage,
an dem niemand außer uns in Köln „arbeitete“, anwesend zu sein. Es war der
Rosenmontag 1982.
Der Austausch konnte 1981 wegen der schwierigen
und unsicheren wirtschaftlichen Lage in Polen nicht beginnen, 1982 nicht wegen
des Kriegszustandes. Nach den ersten Lockerungen, die zugleich das Entgleiten
der Macht der herrschenden Partei in Polen signalisierte, war der nächste
mögliche Termin dann der September 1983.
Ich erwähne dieses, weil es für die heutige
Generation zu einer kaum noch vorstellbaren und wohl bald vergessenen Geschichte
geworden ist. Irgendwann wird es zu einer vergangenen und uninteressant
gewordenen Geschichte geworden sein, mit der sich nur noch wenige Fachhistoriker
beschäftigen, die zudem noch der Gefahr einer politisch-aktuellen und
längerfristigen Instrumentalisierung ausgesetzt sind.
Im September 1983 gelang dann mit vielerlei
Hilfestellung der Durchbruch: Oberbürgermeister Schmalstieg, Stadtpräsident
Wituski, der Vizerektor der Mickiewicz-Universität, Prof. Orłowski. Besonders
Letzterer hat viel Positives bewirkt. Bildungspolitiker bei uns und in Warschau
haben das für sie Mögliche getan, immer aus voller Überzeugung!
In Bonn hatte es schon früh eine Hilfestellung
durch Herbert Wehner gegeben, der über einige Drähte verfügte. Auf einer Tagung
in Loccum hatten Ulrich Bauermeister und ich Jochen Vogel, der ebenfalls über
Kontakte verfügte, um Hilfestellung gebeten. Auch Peter Glotz, ein ehemaliger
Bismarckschüler, war aktiv. In Warschau setzte sich Mieczysław Rakowski ein, den
Beton und das Eis in Politbüro und Außenministerium zu brechen.
Nachdem wir zweimal alles vorbereitet hatten,
erfolgte jetzt die Einladung zum ersten wunderschön verlaufenenen und emotional
tiefgehenden Besuch in unserer Partnerschule in Posen im September 1983. Ein
Bericht wurde in den Arnoldshainer Texten, Bd. 23, veröffentlicht.
Nun sollten wir auch darüber nachdenken, warum wir
das alles in großer Gemeinsamkeit gemacht haben. Nicht erwähnen möchte ich jetzt
alle diejenigen Kolleginnen und Kollegen, in Hannover und Poznań, die im Laufe
der Jahre beteiligt waren. Ein großer Teil ist anwesend und weiß das sowieso. Es
liegt mit aber am Herzen, zwei exzellente Deutschlehrerinnen, Frau Brudło und
Frau Sziłajtis zu erwähnen. Unser erster Eindruck war, sie seien sehr strenge um
es in der Diktion von Ernst Beiße und Edgar Kalthoff zu sagen. Diese beiden
Kollegen haben sich auf ihre Weise bei uns an der Bismarckschule engagiert.
Leider sind sie und Frau Sziłajtis schon verstorben.
Auch die jeweiligen Botschafter und andere
Mitarbeiter der Botschaft der VR Polen bzw. seit 1990 der Republik Polen und die
langjährige für die Kulturkontakte zuständige Botschaftsrätin, Frau Mg. Kempa,
setzten sich nachdrücklich ein.
Zuerst waren es sicherlich in erster Linie
Gefühle, die uns Lehrer leiteten. Bei den Schülerinnen und Schülern war es eher
die Erwartung des Neuen, des Unbekannten, des Fernen.
Viele von ihnen bekamen in ihren Familien, von
Freunden und Bekannten vor der Abfahrt Meinungen und Äußerungen zu hören, die
für sie unerwartet waren. Sehr viele Menschen in Deutschland haben ihre Wurzeln
im Osten und ihre eigenen Erfahrungen mit der jüngsten Geschichte. Über Vieles
wurde mit ihnen als Kinder vorher kaum gesprochen. Manche Teilnehmer bekamen die
früheren Adressen von Familien, die einmal in Posen gewohnt haben.
Die Wahrnehmungen unserer Schülerinnen und Schüler
in den Familien der Gastgeber waren noch eindringlicher. Es waren generell
mehrere Familienangehörige, die sie begrüßten. Oftmals zeigte der Großvater,
wie gut er Deutsch sprach. Oder er benutzte das holprige Deutsch, das er in der
Zwangsarbeit im „Reich“, wie man lange noch in Polen sagte, gelernt hat. Bei
unserem ersten Besuch war bereits die Zeit einer ganzen Generation ins Land
gegangen.
Und dann kam der Großvater oder die Großmutter,
die im „Reich“ zwangsverpflichtet waren, in einer der vielen von Deutschen
geleiteten Rüstungsbetriebe im sog. „Warthegau“ oder auch dem
„Generalgouvernement“ gearbeitet haben oder auch in einem der
Konzentrationslager gelitten haben, auf dem Bauernhof arbeiten mussten oder im
Moor des Emslandes schufteten, wie z.B. Prof. Czubiński als Vierzehnjähriger. Er
hat als Leiter des Westinstitutes in Posen unser gemeinsames Projekt
unterstützt. Als überzeugter Kommunist hat er mit dem Christdemokraten Werner
Remmers, einem Emsländer, angeregt diskutiert. Beide haben sich ihrer
gegenseitigen Hochachtung versichert.
Auf diese Weise kamen unsere Jugendlichen gar
nicht zu dem, was sie eigentlich wollten: gemeinsam Musik hören, über das ihre
Generation Bewegende zu quatschen, und die Freizeit gemeinsam auf ihre Weise zu
verbringen, wie das Jugendliche so tun.
Jeder Hannoversche Schüler oder Lehrer hatte auf
unterschiedliche Weise seine eigenen Wahrnehmungen zu verarbeiten. Die Summe all
der vielen Eindrücke waren für alle nicht zu bewältigen. Neben der Schule kamen
dann die Museen auf uns zu und vor allem das Angenehme: das Baden im See, die
Eisdiele für die Schüler und das Café am Stary Rynek für die Lehrer, schräg
gegenüber dem Renaissance-Rathaus mit den Ziegenböcken um 12.00 Uhr.
Abends erfolgten die Einladungen. Trotz der Krise
der achtziger Jahre war die polnische Gastfreundschaft überwältigend, manchmal
am Abendbrot-Tisch schwer zu „verkraften“.
Die Unterbringung, das war die administrative
Bedingung, musste zuerst in einem Jugendheim erfolgen, in Poznań im
Studentenheim und in Hannover in einem Jugendgästehaus. Aber das war auch bald
vorbei und die Gäste wurden mit Selbstverständlichkeit in den Familien
beherbergt.
Gegenwind kam 1984 von der „Betonfraktion“ in
Warschau – auf Druck aus Ost-Berlin, wie wir später erfuhren. Direktor Henicz
musste uns den Vorschlag machen, das Ganze in eine Art Jugendfreizeit
umzuwandeln, z.B. an den Masurischen Seen.
Wir kamen gemeinsam bei dem Abschiedsessen in
einem Restaurant auf die glückliche Idee, den Austausch mit der Schule und einer
sinnvollen Feizeitbeschäftigung zu verbinden. Das hieß: einige Tage Schule mit
den obligatorischen Besichtigungen und dann einige Tage Segeln. Vor allem
letzteres wurde ein voller Erfolg, ein richtiger „Knüller“. Die Unterbringung
erfolgte in Zelten, die Morgenwäsche im See. Das Essen wurde gemeinsam
organisiert. Letztlich eine gelungene phantastische Sache. Bei uns wurde es dann
der Surf-Kurs am Steinhuder Meer.
Die weiteren Stadien: Es wurden z.B.
Gesichtspunkte der Ökologie bearbeitet: Wasseruntersuchungen draußen – etwas,
das den polnischen Kollegen in dieser Form vorher nicht möglich war. Wir
ergänzten die fehlenden Geräte und Materialien. Auf diese Weise gelangte ein
Messgerät, das ich von der Chemie-Industrie „besorgt“ hatte, als Dauerleihgabe
zu unserer Partnerschule, d.h. zum Verbleib für spätere Aufgaben.
Die Grundidee wurde weiterentwickelt, z.B. durch
gemeinsame Exkursionen nach Breslau, Thorn (Kopernikus) und Warschau, die Tatra,
Hamburg, Bremen, Goslar und die Weser-Renaissance, der Kölner Dom.
Ein wichtiger weiterer Aspekt bildete sich heraus,
nämlich weitere Kolleginnen und Kollegen einzubeziehen. Es reisten mehrfach
Lehrerinnen und Lehrer anderer Fächer an, um didaktische und methodische Ansätze
an der Bismarckschule kennen zu lernen. Die Fächer Russisch und Englisch boten
sich an, aber auch Biologie und Erdkunde. Die weiteren Stadien, der
Lehreraustausch, verlief dann eher zurückhaltend: die Option ist aber
geblieben.
Das dritte Standbein, das zunächst eingerichtet
wurde, war eine Partnerschaft zwischen den Germanisten der Uni Hannover und
denen der Mickiewicz-Universität in Posen. Leider verlief es im Sande, weil die
Hannoveraner nicht an Deutsch als Fremdsprache interessiert waren, was für die
Posener zwangsläufig im Vordergrund stand und sich andererseits das Seminar für
Deutsche Sprache einen wissenschaftlichen Schwerpunkt auf die linguistische
Erforschung afrikanischer Sprachen legte, was für die Erhaltung des
Weltkulturerbes sehr sinnvoll ist.
Seit Jahren steht nun der Begegnungsaspekt im
Vordergrund. Die Planung durch die jeweils gastgebende Schule und die
Selbstorganisation der primär betroffenen Schülerinnen und Schüler hält sich
die Waage. Man nutzte z.B. die Highlites wie die Expo 2000 in Hannover oder ein
Weltjugendtreffen in Poznań.
Welche Wirkungen gab es noch? Ich kann aus
Hannoverscher Sicht dazu etwas sagen, vermute aber, dass in Poznań auf
unterschiedlichen Ebenen Ähnliches erfolgte. Es ist das, was man mit
Folgewirkungen beschreibt, mit Auswertungen der begleitenden Erfahrungen, mit
Umsetzung in der Schule, im regulären Unterricht oder in Projektphasen. Es ging
dabei vor allem um die langfristige Aufarbeitung.
Einschub: Wir hatten 1988 die Ehre, den
zuständigen Kurator (Oberschulrat) begrüßen zu dürfen. Er wollte unser
Schulsystem kennen lernen. Neben Höflichkeitsbesuchen im Rathaus und
Ministerium, die Ulrich Bauermeister für ihn organisiert hatte, standen die
Unterrichtsbesuche. Ich begleitete ihn auf seinen Wunsch zu zwei Schulen. Zum
einen war es die damals neue Stötzner-Sonderschule in Buchholz, deren
Ausstattung und Arbeitsweise ihm sehr imponierte. Zum anderen war es die IGS
Roderbruch, wo ihn der damalige Leiter Bernd Ritter empfing.
Mit dem Herrn Kurator hatten wir vereinbart,
einmal über unterschiedliche Erziehungsstile zu diskutieren. Er hatte ein sehr
großes Interesse daran. Er versprach, seine vielfältigen positiven Eindrücke dem
Minister in Warschau mitzuteilen und auf dieser Basis Reformvorschläge
auszuarbeiten. Es gab damals in Polen schon viele Anregungen und
Schubladenentwürfe für diverse Reformideen und konkrete Vorhaben.
Leider ist es auf Grund der Entwicklung in Polen
nicht mehr zu einer weiteren Begegnung gekommen. Die Systemüberwindung war nur
noch eine Frage der Zeit und letztlich verband jedermann seine Hoffnung mit dem
Bevorstehenden, mit Verbesserungen und grundlegenden Reformen.
Zu dem vielfältigen späteren Geschehen, ab 1990,
möchte ich mich an dieser Stelle nicht äußern, insbesondere zu
Meinungsäußerungen der polnischen Kollegen dazu, dass Veränderungen oftmals
nicht auf dem Rat und den Erfahrungen in langen Jahren Fachpraxis qualifizierter
Menschen aus Fachdidaktik, Praxis und Wissenschaft beruhen, in Polen und
anderswo möglicherweise auch.
Eine große Chance war für uns als Lehrer gegeben
und bleibt bestehen: durch das Kennenlernen und das gemeinsame Arbeiten
Vorurteile als solche zu erkennen und auch ob ihres jeweiligen Zustandekommens
zu analysieren. Nur so kann man Missverständnisse beseitigen, Vorurteile
aushebeln und Spannungen beseitigen und dadurch eine Ebene gegenseitiger
Freundschaft herbeiführen.
Es gibt diese Problematik nämlich noch. Dazu zwei
Beispiele:
Ein Vorurteil hebelt sich gegenwärtig von selbst
aus, nämlich das vom faulen und unzuverlässigen polnischen Arbeiter. Überall
in Westeuropa werden gegenwärtig tüchtige und motivierte Handwerker und
Gelegenheitsarbeiter aus Osteuropa, Männer und Frauen, nachgefragt und
beschäftigt, und zwar weil sie gute und zuverlässige Arbeit leisten. Und warum?
Weil sie angemessen und immer besser bezahlt werden.
Zwei Gründe für die Entstehung dieser
Negativstereotype: Erstens (sozialpsychologisch abgeleitet): In Ländern der
Semiperipherie steht die Loyalität im Familienverband sehr hoch – andere
Verpflichtungen sind dann nachrangig. Zweitens (politisch-ökonomisch
betrachtet): Eine Bevölkerung, die in hohem Anteil für fremde Herrschaft oder
Besitzer oder auch für eine schmarotzerhaft lebende Oberschicht für ein geringes
Entgelt arbeiten muss, verweigert sich, wo immer sie es kann. Dies führt hin bis
zu Elementen nachhaltiger nationaler Widerstandsformen. In diesem Zusammenhang
ist auch die (früher) sehr enge Beziehung zwischen polnischer Nationalidentität
und Katholizismus zu sehen.
Andererseits: Ein Posener Wissenschaftler, mit dem
ich freundschaftlich verbunden bin und mit dem ich (früher) manchen Wódka
getrunken habe, immer zum „Wohle der sowjetischen Kriegsmarine: „Do dna!“ Ich
verstand es beim ersten Mal nicht. Es bedeutet im doppelten Sinne: „Auf Grund!“
Dies ist eines der bitteren Stereotype gegenüber den Russen, gegenüber „dem
Großen Bruder“, wie man es lange angstvoll und zugleich widerständig nannte.
Ein anderes Stereotyp aus dem Posener Raum –
Stereotype sind oft Abwehr-Aggressionen (!) – verriet er mir, nachdem wir uns
schon lange kannten: Da seine Eltern früh verstorben waren, wuchs er bei seiner
Großmutter auf, die ihn sehr liebte. Wenn sie aber mal sehr böse mit ihm war,
dann sagte sie zu ihm: „Du Luther!“ Ein altes Negativstereotyp der Posener Polen
gegenüber den die Herrschaft ausübenden und über Besitz verfügenden
protestantischen Deutschen.
Ich habe Beispiele genannt. Die Vielfalt des in
der Literatur, den Liedern oder der Volksmeinung und vor allem in
geschichtlichen Dokumenten enthaltenen aufzuarbeiten, kann und muss die Aufgabe
europäischer Schulen weiterhin sein. Und das haben wir alle – so denke ich – im
Rahmen unserer Möglichkeiten in angemessener Weise immer wieder versucht.
{nur mündlicher freier Vortrag}
Zum Schluss meiner 35-jährigen Tätigkeit an der
Bismarckschule gestatten Sie bitte mir noch drei persönliche Gedanken:
Erstens: Ich bitte alle Schülerinnen und
Schüler um Nachsicht für all die Fälle, in denen ich mal zu laut gesprochen habe
und wenn ich in der Wahl der Formulierungen „daneben“ gelegen habe.
Zweitens: Ich habe sehr gern an dieser
Schule mit den Schülerinnen und Schülern und den Kolleginnen und Kollegen
zusammengearbeitet. Ich kann mir kaum einen schöneren Beruf als den unseren
vorstellen.
Drittens: Ich möchte all den Kollegen, die
diese Schule bereits – ich hoffe zu Recht sagen zu können – mit erhobenem Haupte
– verlassen haben und auch denen, die es in der nächsten oder ferneren Zukunft
tun werden, ein Zitat von Lord Nelson mitgeben.
Nelson, wer es nicht weiß: er war derjenige, der
bei Trafalgar 1806 die französisch-spanische Flotte vernichtete und damit den
Weg Englands zur Seemacht ebnete und der jetzt am Trafalgar Square in London auf
dem Sockel steht und auf dessen Haupt sich die Tauben ausruhen.
Er hat sich als Kapitän eines Linienschiffes
einmal über die klare Weisung der Admiralität hinweg gesetzt und nicht, wie
befohlen, die gegnerischen Schiffe im Seegefecht in paralleler Linie
angegriffen.
Stattdessen segelte er senkrecht zur gegnerischen
Marschrichtung zwischen zwei spanischen Schiffen hindurch und versenkte die
Gegner mit zwei Breitseiten, einmal nach Steuerbord in Richtung dessen Bug und
gleichzeitig von Backbord aus den anderen in Richtung dessen Heck. Von Bug und
Heck aus waren die Schiffe nicht geschützt. Sie wurden mit je einer Breitseite
so stark beschädigt, dass sie sanken.
Nelson war also ein strategischer Querdenker.
Als die Admiralität ihn vor ein Kriegsgericht
stellte und wegen Befehlsmissachtung anklagte, sagte er: „Wer Erfolg gehabt hat,
der hat auch vorher nichts falsch gemacht - [der konnte auch vorher nichts
falsch gemacht haben].
Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihr
geduldiges Zuhören.
Impressum für diese Seite
Festvortrag zum 25.
Jubiläum der Schulpartnerschaft zwischen der Bismarckschule Hannover und dem V.
Lyceum in Poznań im September 2008
Textfassung:
Festvortrag_080917_Endfassung.doc
Autor: Dr. Lothar
Nettelmann (OStR Bismarckschule Hannover).
Verantwortlich für die
Internetpublikation: Gerhard Voigt, OStR i.R.
Bismarckschule.Voigt@gmx.de
http://www.Bismarckschule.de
Alle Urheberrechte
vorbehalten. Freie Verwendung für Zwecke der Bildung und Ausbildung in Schulen
und Hochschule ist zugestanden.
Für die Internetpublikation
revidiert am 6.08.2009 und 07.07.2011
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