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Gerhard Voigt / Lothar Nettelmann:

Erfahrungen aus der Praxis des Schüleraustausches mit Polen

Ein Beitrag zur interkulturellen Pädagogik
der UNESCO-Schul-Arbeit

Vorbemerkungen zum Thema

Für den Einstieg in die eigene Schüleraustausch-Praxis und das Erkennen erster Erfolge oder Probleme ist ein anderer, reflexiver Praxisbegriff anzulegen. Reisen, Begegnungen, Kontakte und institutionalisierte Schulpartnerschaften zu organisieren, verlangen zunächst und vor allem erst einmal Klarheit über die Zielsetzungen, Informationen über die Situation sowie die Rahmenbedingungen, in denen der Schüleraustausch stattfinden soll. Dazu gehören Kenntnisse der grundsätzlichen Probleme beim interkulturellen Kontakt sowie ein pädagogischer Kontext, der die Kontinuität und Ernsthaftigkeit der Bemühungen absichert. Der Praxisbegriff des Themas kann missverstanden werden.

Wir wollen in diesem Zusammenhang nicht vordergründig Tipps geben über das,  umgangssprachlich als „Praxis“ verstanden wird: Organisationsmodalitäten, Adressen, Unterkunft und Reisemöglichkeiten. Erste Hinweise dazu finden sich z.B. bei Nettelmann/Voigt[1] oder in Heft 4/92 von „Praxis Geographie“[2].

Es sollen aber die notwendigen Kenntnisse und Voraussetzungen angesprochen werden, die in einer reflektierten Praxis des Schüleraustausches gerade in einem sensiblen Nachbarschaftsverhältnis wie dem mit Polen zu berücksichtigen sind: die Hypotheken und Handlungsvoraussetzungen, die sich aus einer problematischen Geschichte zwischen Deutschland und Polen ergeben sowie die Belastungen des Kontaktes, die aus dem unterschiedlichen Verständnis der eigenen historischen Entwicklung entstehen. Dazu gehört auch  die Konfrontation mit der noch nicht aufgearbeiteten eigenen schuldvollen Nationalvergangenheit Deutschlands in der Zeit der Okkupation Polens und des Zweiten Weltkrieges insgesamt. 

 Einen zukunftsorientierten Ansatz zum verantwortungsbewussten Umgang mit der eigenen Geschichte findet das Konzept des interkulturellen Lernens in den UNESCO-Projekt-Schulen[3]. Nun können nicht alle Schulen UNESCO-Projekt-Schulen werden. Doch kann die Praxis der internationalen Begegnung, wie sie in diesen Schulen erprobt, entwickelt und dokumentiert[4] wurde, durchaus als Anregung und Vorbild für entsprechende Aktivitäten in anderen Schulen dienen. Der Schüleraustausch ist ebenso wie das inhaltliche Konzept der UNESCO-Projektschul-Arbeit[5] dem mit den gesellschaftlichen und politischem Wandlungen parallel laufendem pädagogischen und fachlichen Paradigmenwandel unterworfen.

Am Anfang waren diese Aktivitäten, die auf die erste Nachkriegszeit zurückgehen, geprägt von den unmittelbaren und spontanen Reaktionen auf Krieg und NS-Verbrechen – oft auf der Basis von verantwortungsethisch oder religiös bestimmtem moralischen Handeln. Internationale Kontakt wurden dabei – recht idealistisch und oft auch von bildungsbürgerlichem Politikverständnis geprägt – als Weg aus der politischen Sackgasse gesehen, in die Mitteleuropa hineingetrieben worden war.

Auch die Anfänge der europäischen Integrationsbewegung, auf die z.B. das erfolgreiche Deutsch-Französische Jugendwerk seit den sechziger Jahren aufbauen konnte, sind in diesem Zusammenhang zu sehen. Heute erfordert die Konfrontation mit neuen, bedrohlichen internationalen und innergesellschaftlichen Problemen einen Antrieb für eine Erneuerung und Vertiefung der internationalen Kontakte und des Schüleraustausches.

 Erneut aufbrechende Nationalitätenkonflikte im ehemaligen Machtbereich des „real existierenden Sozialismus“, Not und Verelendung weiter Teile der Welt, die zu einer sozialen Dichotomie der Welt und unabsehbaren, vielleicht auch kriegerischen Sozialkonflikten führen können sowie das Erwachen eines interessengeleiteten, diskriminierenden deutschen oder EG-europäischen Nationalgefühls (einer industriestaatlichen „Wagenburgmentalität“?) und in dessen Folge das Anwachsen rechtsradikaler, ausländerfeindlicher Tendenzen in der eigenen Gesellschaft, gespeist u.a. durch den sozialen und politischen Problemdruck nach der deutschen Vereinigung. Die Beispiele finden sich an der Peripherie dieses hochindustrialisierten westlichen Mitteleuropas: der Balkan und der Süden, möglicherweise auch der Westen der zusammengebrochenen Sowjetunion. Die Schule kann hier nur ansatzweise wirksam werden, wenn sie auf eine noch bildungsfähige Schülerschaft stößt und sich selbst als verantwortlicher Teil innerhalb dieser soziokulturellen Konfliktlage begreift.

 Inhaltlich ist dies der abgesteckte Rahmen in dem die Praxis nun ihren Standort, vor allem aber den Standort der Schülerinnen und Schüler bestimmen muss, die von dem Konzept des interkulturellen Lernens angesprochen werden. Nun mag es eine emotionale Belastung sein, sich mit der oft aussichtslos erscheinenden gesellschaftlichen Situation oder den ebenso erschreckenden internationalen Perspektiven auseinandersetzen zu müssen und die eigenen Ziele und Aktivitäten auch noch bewusst in dieses Szenario einpassen zu wollen: Besonders wichtig ist auch hier, die Konflikte und Schwierigkeiten nicht ausblenden zu wollen.

Das Betonen der notwendigen Kenntnisse über die historischen Wurzeln der polnischen Mentalität können durchaus beim Schulpraktiker das Gefühl einer nicht zu leistenden Aufgabe aufkommen lassen: Soll ich dieses umfassende Geschichtsverständnis, diesen Umfang an Kenntnissen und Reflexionen wirklich selbst erst bewältigt haben, ehe ich eine verantwortbare Praxis des Schüleraustausches entwickeln kann?

Wir möchten ganz im Gegensatz dazu Mut machen, mit dieser pädagogischen Arbeit anzufangen und vertreten die These: internationale Begegnungen zwischen Schülern im Erleben des gegenseitigen Alltags sind leichter als gedacht, wenn einige, einfache Voraussetzungen bei der Vorbereitung bedacht worden sind und wenn die grundsätzliche Bereitschaft zu Lernen nicht nur bei den Schülerinnen und Schülern sondern auch bei den Lehrern vorhanden ist. Dies gilt vor allem dann, wenn bewusst eine Pädagogik gewählt wird, die der Erfahrung des „Fremden“ das Bedrohliche, Angsterzeugende nimmt und auf die natürliche Neugier, die Faszination der Begegnung setzt. Dann wird jeder sehr schnell erfahren können, dass nicht das Fremde, das Befremdliche in der internationalen Begegnung dominiert, sondern die Erfahrung gleicher Lebensinteressen und Alltagsverhaltensweisen und dass Unterschiede in Wahrnehmung und Verhalten erklärbar und nachvollziehbar, verständlich und damit keineswegs „befremdlich“ sondern oft sehr „nahe liegend“ sind. Es ist aufgrund langjähriger Erfahrung festzustellen, dass, je geringer das Maß an wahrnehmbarer Differenz ist, um so interessanter das Erkennen der Graduierung sein kann.

I. Was will der Schüleraustausch?

Aus der Reflexion der Ziele des geplanten Schüleraustausches ergeben sich die grundlegenden Weichenstellungen, die die Austauschpraxis bestimmen. Drei Zieldimensionen stehen dabei immer nebeneinander und müssen in sinnvoller Weise gegeneinander ausgewogen und in ein praktikables Gleichgewicht gebracht werden:

  1. die allgemeinen politischen Optionen in jeweils historischem Kontext,

  2. die Kontaktmöglichkeiten und Intentionen der Gastschule und

  3. die pädagogischen Ziele der eigenen Schule.

Aus der Zusammenfassung der zweiten und dritten Zieldimension ergibt sich die Grundlage für das Konzept des interkulturellen Lernens. Alle drei Dimensionen stehen jedoch in einer unlösbaren Interdependenz und müssen innerhalb dieser sorgfältig abgegrenzt und bestimmt werden. Es erscheint sinnvoll zu sein, die drei Zieldimensionen einzeln etwas genauer zu beleuchten:

Die allgemeinen politischen Optionen beziehen sich nicht nur auf eigene politische Zielvorstellungen, sondern vor allem auf die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, in denen der Kontakt zwischen den Schulen stattfindet und der Schüleraustausch bzw. die Schulpartnerschaft organisiert wird. Gerade in Partnerländern wie Polen oder auch in der Türkei – aber auch in allen Ländern der Dritten Welt – wird auf das Respektieren des offiziellen Rahmens großer Wert gelegt. Die bewußte Berücksichtigung diese Bedingungen erleichtert daher weithin die Realisierung von Schüleraustauschprojekten.

Um aus der eigenen praktischen Erfahrung zu berichten, seien zwei Beispiele aus eigenen Schüleraustauschprojekten genannt. Die Bismarckschule Hannover war eine der ersten Schulen in der BRD, der es gelang, eine offizielle und institutionell abgesicherte Partnerschaft mit einer Schule in Polen, dem V. Lyceum in Poznan, einzugehen. Das gelang nicht ohne Schwierigkeiten. Wichtig wurde dabei die Einbindung in die Städtepartnerschaft zwischen Hannover und Poznan und das Engagement des Oberbürgermeisters von Hannover, Herbert Schmalstieg.

Diese Absicherung, die Anfang der achtziger Jahre bis in das polnische Außenministerium hinein vorgetragen wurde, sicherte dann aber den polnischen Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeiten zur praktischen Durchführung des Schüleraustausches in beiden Richtungen! Diese offizielle Absicherung gab dem Schüleraustausch auch die notwendige Sicherheit. Mitte der achtziger Jahre ergänzte die Bismarckschule Hannover dann ihre interkulturellen UNESCO-Aktivitäten mit der Vereinbarung einer Schulpartnerschaft mit dem Istanbul Lisesi, einer hoch angesehenen Oberschule in der Türkei.

Die offiziellen Widerstände waren bei vorliegender persönlicher Bereitschaft der beteiligten Schulen zunächst sehr groß, bis wir ganz bewusst die offizielle Ebene einschalteten und Kontakt mit dem Ministerium für Nationale Erziehung in Ankara aufnahmen, um der Schulpartnerschaft offiziellen Charakter zu geben. Zweimal konnten wir Gruppen aus Istanbul in der Bismarckschule Hannover begrüßen. Es ist zu erwarten, dass diese Schule zu einem Anstoßgeber für pädagogische Innovationen in der Türkei werden wird. Es wäre nun eine durchaus erwünschte Nebenfolge einer Schulpartnerschaft: voneinander zu lernen und Multiplikatorenfunktionen in der eigenen Gesellschaft zu übernehmen. Die Wechselwirkung zwischen einer deutschen und polnischen Schule ist von diesem Modell etwas abzuheben und weist andere Akzente auf. Es sind dabei insbesondere die zeitgeschichtlichen Aspekte der achtziger Jahre zu sehen.

Zu dem offiziellen bzw. offiziösen Charakter der Schulpartnerschaften gehört auch das Eingehen auf entsprechende Begrüßungsrituale, die in offiziellen Empfängen, einem Geschenkaustausch sowie einer Rede erwartet werden und ihren Ausdruck finden. Einige wohlgesetzte – und nicht in scheinbar »neudeutsch« oder auch »locker« verstandener Umgangssprache – formulierte Sätze zur Begrüßung sollten gut vorbereitet sein. Unser modischer Drang zu so genannten spontanen „ehrlichen Äußerungen von Stimmungen und Gefühlen“ wird im Gastland oft anders verstanden: als Missachtung der Höflichkeitsregeln und damit als Geringschätzung der angesprochenen Menschen. Dies ist für Schüler und Schülerinnen), die dem postmodernen Wertewandel unterliegen, nicht immer leicht nachvollziehbar. Angesichts der aufbrechenden sozialen Spannungsverhältnisse, der Ausprägung neuer sozialer Ungleichheiten im europäischen Rahmen und den auf mehreren Ebenen ablaufenden Prozessen sozialer Divergenz, ist die sich jeweils ergebende Situation genau zu beobachten und neu einzuschätzen.

Damit ist eine andere wichtigere und grundsätzlichere Bedeutungsdimension verbunden: Es ist notwendig, als Gast in einem fremden Land nicht als „Eindringling“ zu erscheinen, der seine eigenen Wünsche und Interessen erfüllen will und damit die Regeln der Gleichwertigkeit und der Gastfreundschaft missachtet. Dieses eher allgemeine Problem des sich permanent ausweitenden Tourismus gilt bei Jugendreisen für unvorbereitete und unzureichend betreute Jugendgruppen.

Zu leicht wird der Besuchte in die Rolle des Objektes, oder gar des wohlwollend bis hilfreich betreuten Fürsorge- und Mitleidsempfängers herabgewürdigt und damit gerade seiner wichtigsten menschlichen Rechte beraubt. Wenn wir als Lehrer aus der Subjekt-Objekt-Beziehung zu den „zu beschulenden Schülerinnen und Schülern“ ganz bewusst heraus wollen hin zur Organisation gemeinsam gestalteter Lernsituationen, so sollte dieses veränderte Paradigma der modernen Pädagogik erst recht in der Beziehung zu ausländischen Kolleginnen und Kollegen, Schulen, Schülerinnen und Schülern Anwendung finden.

Auch der so genannte „sanfte Tourismus“ kann sich nicht ganz aus dieser interessengeleiteten Funktionalisierung und Objektivierung des Gegenübers befreien, was zu einem fast unlösbaren Dilemma für den auf Reisen und Kontakte angewiesenen Geographen oder an internationalen Fragen orientierten Politik- oder Geschichtslehrer werden kann.

Zu jeder Reise gehört eine Einladung. Bedingt können touristische Angebote oder auch zufällige Kontakte im besuchten Land an diese Stelle treten. Auf keinen Fall darf Tourismus, zur neokolonialen Penetration werden, die ohnehin nichts zum Abbau von Vorurteilen und Stereotypen beiträgt. Gerade aus diesem Grunde ist die Schulpartnerschaft der traditionellen Studienfahrt vorzuziehen.

Persönliche Bekanntschaften und Kontakte sind das „Herz“ des Schüleraustausches, der die Anonymität des gegenseitigen Beobachtens aufheben will in der Gemeinsamkeit der Wahrnehmung und der Erfahrung mit allen affektiven und emotionalen Implikationen. Es ist dabei sinnvoll, vorhandene persönliche Beziehungen, Briefkontakte und familiäre Bindungen in die Organisation einer Schulpartnerschaft mit einzubeziehen. Ebenfalls sollte versucht werden, neu geknüpften Beziehungen Dauer zu verleihen und ein möglichst dichtes Geflecht persönlicher Kontakte herzustellen. Dazu ist es notwendig, Schüler und Eltern in die Vorbereitung einzubeziehen. Der inhaltlichen und organisatorischen Vorbereitung ist ein ausreichender Zeitraum (für eine Reise bis zu einem Jahr im voraus) zuzuweisen. Auch persönliche gegenseitige Besuche der an der Organisation der Schulpartnerschaft beteiligten Kolleginnen und Kollegen vor der eigentlichen offiziellen Reise sind sinnvoll und können sehr hilfreich sein.

Die Vorbereitung versucht für die Teilnehmer am Schüleraustausch aus Informationen über die Geschichte und Gegenwart, die soziale und ökonomische Situation und die aktuellen politischen Konflikte im Partnerland, Maßstäbe und Orientierungsmarken zu entwickeln, die zum Verständnis der Alltagswahrnehmung während des Besuches in Polen beitragen können. Dies ist umso wichtiger, als auch hier der Satz gilt: »Man sieht nur das, was man weiß«. Naive, uninformierte Beobachtung trägt nur im seltensten Falle zum Verständnis bei, denn auch Sehen und Wahrnehmen muss erst gelernt sein, sonst leiten uneingestandene Vorurteile und Stereotype die Wahrnehmung und bestätigen und verfestigen sich oft nur selbst.

Die pädagogischen Intentionen des Schüleraustausches, bezogen auf die eigenen Schülerinnen und Schüler, weisen auf das Konzept des interkulturellen Lernens hin. Eine umfassendere Einbindung in das schulische Curriculum, die Herstellung sinnvoller fachlicher Bezüge und die organisatorische Verfestigung durch Verankerung in Lehrplänen und Themenfolgen verweist dann auch auf ein umfassenderes Konzept der interkulturellen Erziehung. Sie ist damit kein zu erlernendes Stoffangebot, sondern ein Vermittlungskonzept und pädagogisches Prinzip, das zunächst von der Situation und der Alltagserfahrung der Schülerinnen und Schüler selbst ausgeht.

Im Gegensatz zur traditionellen „Ausländerpädagogik“, die sich lange Zeit eher als „Reparaturbetrieb“ für Wissens- und Lerndefizite verstand und sich ausschließlich direkt an betroffene Ausländerinnen und Ausländer wandte, versteht die interkulturelle Erziehung kulturell und herkunftsmäßig gemischte heterogen Lerngruppen als positiv bewertete Chancen in für alle Beteiligten fruchtbaren Lernsituationen. In diesem Konzept wird dem Ausländer oder Fremden – beides von außen zugeschriebene Attribute – nicht die Objektrolle des „zu Fördernden“ und auch nicht des „Anschauungsobjektes“ für die Lernziele für die „einheimischen Schülerinnen und Schüler“ zugewiesen. Alle in eine solche Lernsituation einbezogenen Schüler und Lehrer sind stattdessen gleichermaßen an der Erfüllung der Lernziele und der Gestaltung der Lernbedingungen beteiligt. Dadurch wird der adäquate Rahmen für die Vorbereitung und curriculare Einbeziehung des Schüleraustausches in den Schulalltag gegeben. Es setzt andererseits Lernprozesse und Bewusstseinsfortschritte bei den Lehrern selbst voraus.

Es mag hilfreich sein, darauf hinzuweisen, dass die eingeleitete Rahmenrichtlinienrevision im Niedersachsen die pädagogischen Innovationen ausdrücklich fördert, die mit dem Konzept des interkulturellen Lernens verbunden sind. Neben der inhaltlichen Schwerpunktsetzung im interkulturellen Bereich und der verbesserten Förderung von Auslandsaktivitäten der Schulen, denen die desolate Finanzsituation u.a. des Landes Niedersachsen leider immer noch enge Grenzen setzt, sind vor allem die Ergebnisse einer fächerübergreifenden Reformkommission bestimmend, die als Vorgaben für die Erarbeitung neuer Rahmenrichtlinien für alle Fächer verbindlich gemacht werden sollen. Der Ansatz der curricularen Rahmensetzung soll in Zukunft nicht mehr der normativ definierte Stoffkanon sein und auch nicht eine Liste mehr oder weniger legitimierbarer Lernziele, sondern der Bezug auf die grundlegenden Lebenssituationen von Schülern, wie sie sich in »Schlüsselproblemen« (KLAFKI) artikulieren lassen.

Lerngegenstand und -inhalt ist die Auseinandersetzung mit diesen Schlüsselproblemen auf der Grundlage kritischer Realitäts-Erkenntnis und der Arbeit mit »leitenden theoretischen Konzepten«. Schlüsselprobleme wie »tragende Konzepte« sind dabei nicht auf Dauer festzuschreiben, sondern im Prozess der gesellschaftlichen Entwicklung wie des mit ihr verbundenen theoretischen Paradigmenwandels fortzuschreiben und kritisch zu revidieren.

Ein zentrales Schlüsselproblem in der heutigen Gesellschaft ist die Wahrnehmung und Verarbeitung der »Sozialen Ungleichheit«. Dies gilt sowohl in der eigenen Gesellschaft wie im internationalen bzw. globalen Rahmen. Tragende Erklärungskonzepte finden sich hier z.B. im Zentrum-Peripherie-Modell, in der Beobachtung von Peripherisierungs- und Marginalisierungsprozessen: »Dritte Welt«, »Osteuropa«, »neue Bundesländer«, »Zweidrittelgesellschaft« etc.

In diesem in verschiedenen Fächern aufzuarbeitenden Erklärungskontext lassen sich auch die Rahmenbedingungen und Zieldimensionen der Schulpartnerschaften ebenso einbinden wie die interkulturellen Lernsituationen in der eigenen Schule. Eine Vielzahl von über den Fachunterricht hinausgehenden Veranstaltungen ermöglichen den inhaltlichen Zusammenhalt der curricularen Ansätze. Die werden – zumindest auf absehbare Zeit – weiterhin in den traditionellen Schulfächern verankert bleiben.

Auch wird die Dominanz der Fächer Geschichte, Geographie, Sozial- und Politikwissenschaften und der Kulturwissenschaften [Sprachen, Kunst und Musik] wohl kaum in der Vorbereitung und Durchführung des Schüleraustausches aufzuheben sein. Arbeits- und projektorientierte Austauschformen können diese auf Unterrichtsfächer bezogenen Einschränkungen durch die Bearbeitung gemeinsamer Problemstellungen lockern. Dies kann z.B. im Bereich der Ökologie und der Naturwissenschaften, oder durch gemeinsame sportliche Aktivitäten geschehen.

II. Organisationsformen des Schüleraustausches

Auch in diesem Abschnitt ist es wichtig, Organisationsformen nicht äußerlich als Alternativen z.B. im Transport, der Unterbringung oder der Programmgestaltung zu verstehen sondern diese als übergreifende pädagogische Alternativen zu begreifen, die je nach äußeren Rahmenbedingungen, Möglichkeiten im Gastland Polen und pädagogischer Funktion in der Schule gewählt und erprobt werden können. Gleichwohl ist es notwendig, auch diesbezüglich für das konkrete Vorhaben sinnvolle Lösungen zu finden.

Der „klassische Schüleraustausch“ stellt den Aufenthalt in der Gastschule, die Teilnahme am dortigen Schulunterricht sowie die Unterbringung in Familien in den Vordergrund. Nur auf der Basis strikter Gegenseitigkeit kann diese Form der Schulpartnerschaft über einen längeren Zeitraum hin aufrecht erhalten werden. Gerade der Schulbesuch verlangt dabei in der Regel eine offizielle Absicherung, die der Schulpartnerschaft einen institutionellen Rahmen gibt. Diese Festigkeit und Kontinuität der Beziehung, die längerfristig vereinbarte pädagogische Konzeption, die zwischen den Schulen vereinbart wird, und das Lernen von den schulischen Erfahrungen der Partnerschule sind der wesentliche Vorteil dieser Organisationsform.

Inzwischen ist auch dieses Problem Historie geworden, da es kein Politikum aufgrund seiner (früheren) Instrumentalisierung im früheren System politischer Herrschaftsausübung mehr darstellt. Damals wurden die organisatorischen Probleme und die – zweifellos vorhandenen – relativ beengten Wohnverhältnisse vorgegeben. Realiter betrachtet, waren sie niemals ein echtes Problem. Die polnischen Familien haben alle Unterbringungsfragen hervorragend gelöst. Die am Anfang der achtziger Jahre polnischerseits vorgegebene Bedingung zur Unterbringung in Jugenheimen o.ä waren Ausdruck politisch motivierten Abgrenzungsverhalten und offensichtlich eine politische Konzession an die »Betonfraktion« in Warschau.

Dem stehen einige Probleme gegenüber, die sorgsam bedacht sein sollten: Einmal ist die finanzielle und wirtschaftliche Lage der Partner nicht gleich; Hilfe darf nicht „fürsorglich“ angeboten werden, sondern muss sich strukturell aus der Vorbereitungssituation heraus ergeben. Eine Verbesserung dieser Situation wird in diesem Zusammenhang – hoffentlich – das Deutsch-Polnische Jugendwerk ermöglichen, das diese Aufgabe am 1.1.1993 übernehmen wird. Während der deutschen Seite bislang noch trotz aller finanziellen Beschränkungen einige Förderungsmöglichkeiten offen standen, muss die polnische Schule ohne größere finanzielle Hilfe aus dem eigenen Lande auskommen und den Schüleraustausch damit in der Regel selbst finanzieren.

Ein völlig anderes Problem liegt darin, dass bei mangelhafter Vorbereitung und mangelnder Möglichkeit der kontinuierlichen Betreuung während das Aufenthaltes im Gastland, die Schüler oft recht unvermittelt in soziale Situationen in den Gastfamilien hineinkommen, die sie nicht verstehen und nicht bewältigen können. Die daraus entstehenden »Fremdheitsgefühle« können u.U. in aggressive Ablehnung oder in Desinteresse an der Fortsetzung der Kontakte umschlagen und damit die Zielsetzungen des Schüleraustausches konterkarieren.

Die Vorbereitung eines Aufenthaltes in polnischen Familien muss daher sensibilisieren für die möglichen Erfahrungen im Alltagsverhalten, die befremdlich wirken könnten oder als Teile einer unverständlichen fremden Alltagskultur wahrgenommen werden könnten. Kenntnisse der historischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge, der Herkunft von Empfindlichkeiten oder unerwarteter Realitätsdeutungen müssen vorab vermittelt werden. Wichtig ist es aber auch, während des Aufenthaltes Möglichkeiten der Zwischenbilanz, des Gespräches und des Erlebnisaustausches in der Schülergruppe einzuplanen.

Andererseits sollte die „Gefahr“ dieser Befremdlichkeiten auch nicht überschätzt werden und keinenfalls als Argument gegen den Schüleraustausch an sich benutzt werden. Zum einen ist jede schulische Aktivität, jedes pädagogische Vorhaben mit dem Risiko des Misserfolges behaftet. Der Schüleraustausch ist als wesentlicher Ausdruck einer funktionierenden Schulpartnerschaft durch die Menge der Lernmöglichkeiten, durch die Besonderheit der Situationswahrnehmungen und durch die Attraktivität des Lernens außerhalb des „normalen“ Unterrichtes eine der erfolgversprechendsten Unternehmungen, die eine Schule durchführen kann.

Misserfolge sind nach aller Erfahrung selten und bestimmen keinesfalls die heutige Realität der Schulpartnerschaften mit Polen. Dass eingespielte Schulpartnerschaften auch beendet werden können, dass Partnerschulen wechseln oder dass neue pädagogische Schwerpunkte gesetzt werden, z.B. weil die beteiligten Personen wechseln oder neue Ideen und pädagogische Innovationen ältere als überholt an den Rand drängen, sollte nicht als Misserfolg sondern als normale Entwicklung im Leben einer Schule akzeptiert werden.

Die Erfahrung der „Befremdlichkeiten“ im Kontakt zwischen Jugendlichen sind vor allem in den europäischen Ländern, zu denen hier sogar noch Randbereiche wie die Türkei oder Israel zählen, immer seltener zu beobachten. Die Interessen- und Erfahrungsidentität der Jugendlichen dominiert weitgehend. Ob man es nun positiv oder kritisch sieht: die „Weltkultur“ der Medien und der Konsumgesellschaft dominiert immer mehr gegenüber den traditionellen regionalen, ethnischen und nationalen Verhaltensrepertoires. Es ist dabei keineswegs als Widerspruch zu werten, dass im Protest gegen diese kulturelle Nivellierung, in der sich ja auch politische Hegemonie und ökonomische Disparität ausdrückt, gerade die Berufung auf die Traditionen und Regionalismen neue politische Sprengkraft erwerben und Konfliktmuster in vielen Teilen der Welt bestimmen.

Dennoch ist zumindest die Kenntnis der „jugendorientierten Konsumkultur“ überall vorauszusetzen. Sie sind also auch Grundlagen ihres Alltagsverhaltens bei denjenigen Schülerinnen und Schülern, die aktiv am Schüleraustausch beteiligt sind. Wo es etwas zu welchen Preisen zu kaufen gibt, wo die besten Diskos sind oder welche Freizeitangebote gerade „in“ sind, interessiert Jugendliche in den beteiligten Ländern in der Regel gleichermaßen.

Aber auch die Kenntnis der historischen Perspektive erleichtert den Zugang zum Verständnis der polnischen Alltagskultur. Auffälligkeiten im polnischen Alltagsleben werden dadurch verständlich und ihrer oft aus deutscher Sicht negativen Etikettierung entkleidet. Das gilt vor allem für das ja tatsächlich beobachtbare distanzierte Verhältnis der polnischen Gesellschaft zum eigenen Staat, die ganz andere Bewertung von „subversivem“ Verhalten sowie – aus deutscher Sicht – „Querulantentum“, für das daraus resultierende scheinbare „Chaos“ der „polnischen Wirtschaft“ und das kaum je reibungslose Funktionieren der polnischen Verwaltung.

Konkrete Beispiele sind an anderer Stelle veröffentlicht worden. Leider sind Presseberichte oft ungeeignet, diese Charakteristiken adäquat als „typisch für Polen“ darzustellen. Dadurch entsteht  leicht ein negativ verzerrter Eindruck der Mentalitäten innerhalb der polnischen Gesellschaft. Dabei sind erklärende Ansätze nahe liegend: Es gilt für die historischen Erfahrungen, die die polnische Nation mit der fast durchweg oktroyierten Staatsmacht, mit fremden Dynastien, polnischen Teilermächten, mit der deutschen Okkupation 1939 und dem stalinistischen Regime von Gnaden der Sowjetunion machen musste.

Kennzeichnend sind in diesem Zusammenhang die notwendigen durch Subversion und Kampf geprägten Überlebensstrategien im Untergrund, vor allem während der Zeit der Aufstände. Während einer Phase von fast zwei Jahrhunderten wäre Vertrauen in den jeweiligen Staat – mit Einschränkungen – verderblich gewesen wäre. Man kann aber auch noch viel weiter in die Geschichte zurückgreifen: den von West- und Mitteleuropa abweichende Staatenbildungsprozesse! Aus den Wurzeln einer Bauerngesellschaft, die nie der mittelalterlichen fränkischen Grafschaftsordnung und dem römischen Reichsgedanken unterworfen wurde, hat sich keine etatistische sondern eine korporative Gesellschafts- und Nationenbildung vollzogen, in der Regionalismus, Unabhängigkeitsgarantien der zu Adligen gewordenen Bauern gegenüber allen zentralistischen Instanzen und ein ritualisiertes und austariertes Machtgleichgewicht der adligen Gentes (Clane) entwickelte. Ihre extremste Ausprägung erfolgte in der durch „liberum veto“ und „Konföderationsrecht“ paralysierten polnischen Adelsrepublik, der »Szlachta-Gesellschaft«.

Dieser antistaatliche, in extremer Form auch destruktive, Freiheitsbegriff und der darin wurzelnde Selbstbehauptungswille hat zwar in den polnischen Teilungen zum Untergang des polnischen Staates beigetragen, andererseits aber das Überleben der polnischen Nation ermöglicht: »Noch ist Polen nicht verloren« wurde zum Symbol des Widerstandes und eines bis heute den polnischen Alltag prägenden Freiheitsbegriffes. Dieser schließt Subversivität, Widerstand gegen Autoritäten und Primat der persönlichen Beziehungen vor Loyalität gegenüber Institutionen ein.

Das skizzierte Verhalten  hatte seinen historischen Erfolg und ist damit zum Bestandteil der polnischen politischen Kultur geworden, was vor diesem Hintergrund weit weniger unverständlich erscheint.

Die genannten Verhaltensmuster werden gegenwärtig reproduziert und sind in der sozialen Umbruchphase Polens erkennbar. Sie prägen die sozioökonomischen Zukunftsperspektiven und müssen in jede politischen Prognose mit einbezogen werden!

Ein „projektorientierter Austausch“ bietet Chancen, Antworten auf einige der genannten Probleme zu finden. In dieser Organisationsform vereinbaren beide Seiten des Schüleraustausches gemeinsame Arbeitsphasen an einem Projekt, das sich in die Arbeit beider Schulen einfügt. Dabei ist es möglich, über die implizierten Fachanteile, andere Schulfächer und deren Lehrkräfte aktiver als sonst an der Vorbereitung und Durchführung der Schulpartnerschaft zu beteiligen.

Ansatzpunkte bieten z.B. die regelmäßigen Schwerpunktthemen der UNESCOSchulen, die international ausgeschrieben werden, wie z.B. das UNESCO-Projekt „Ostsee“, in dem Schüler aus allen Anrainerstaaten der Ostsee die ökologische Gefährdung dieses Randmeeres untersuchen und damit zu einem übernationalen Bewusstsein über die gravierenden ökologischen Problemsituationen dieses Raumes beitragen können.

Aber auch die gemeinsame Teilnahme an mathematischen oder naturwissenschaftlichen Wettbewerben, die Auseinandersetzung mit neuen Technologien, Informationsmedien und dem Computerzeitalter, mit Projekten zum Landschaftsschutz oder zur Altstadtsanierung, können eine Faszination ausstrahlen, die mit der Beendigung des Besuches nicht abgeschlossen sind sondern auf vielfältige Weise bis hin zu privat organisierten Besuchen weiter verfolgt werden. Ein solcher Wettbewerb sollte aber bitte niemals „Schule gegen Schule“ durchgeführt werden. Ein solches Vorhaben verkehrt – gemessen an den Zielen des interkulturellen Lernens – seine Intentionen ins Gegenteil! 

Ein besonderer Vorteil eines projektorientierten Austausches ist auch die größere Außenwirkung und die Werbewirksamkeit für interkulturelle Veranstaltungen überhaupt. Dass mit solchen Projekten auch dem Austausch selbst über die Kontakte und die pädagogischen Ziele hinaus für die Teilnehmer eine weitere Sinnebene geschaffen wird, mit der sie sich identifizieren können, ist nur positiv zu bewerten.

Schwierigkeiten hat bisher bei den ersten Versuchen mit dieser Organisationsform, wie sie die Bismarckschule Hannover zusammen mit dem V. Lyzeum in Poznan erprobt hat, vor allem die polnische Seite, da sie bisher kaum Erfahrungen mit projektorientierten Unterrichts- und Lernformen hatte und diese zunächst einmal in der eigenen Schule und mit den eigenen Schülern erproben muss. Auch sind die administrativen Rahmenbedingungen für Projektveranstaltungen in Polen [aber auch in anderen Ländern wie z.B. der Türkei] mit einem eingeengteren und zentralistischer verwalteten Schulsystem und der weniger wissenschaftlich ausgerichteten Lehrerausbildung ungünstiger als in Deutschland (in den alten Bundesländern). Ob die Öffnung in Richtung auf ein privates Schulsystem in Polen auch pädagogische Innovationsschübe erhoffen lässt, ist gegenwärtig nicht abschätzbar.

Die Vorbereitung eines projektorientierten Schüleraustausches verteilt sich auf mehr Kollegen als beim „klassischen Schüleraustausch“, der sich in der Regel auf ein oder zwei verantwortliche Initiatoren konzentrierte. Die jeweiligen Fachkonferenzen werden dabei in die Vorbereitung und damit auch bewusst die pädagogische Verantwortung einbezogen. Das bedeutet auch, dass in der Vorbereitungsphase deutlicher nach der unterrichtlichen Einbindung und die Beziehungen zu den üblichen Unterrichtsinhalten gefragt werden muss. Diese Organisationsform betont daher die Frage nach der bewußten curricularen Einbindung des interkulturellen Lernens und des Schüleraustausches.

Austauschbezogene Studienfahrten sind meist zusätzliche Kontaktmöglichkeiten zu den üblichen Veranstaltungen im Schüleraustausch. Ein Studienfahrtprogramm, wie es in den meisten Schulen schon erprobt wurde, wird ergänzt und abgerundet durch einen zeitlich kürzeren Besuch bei der Partnerschule[6].

Auch in diesem Zusammenhang ergeben sich reizvolle Perspektiven und Alternativen. Ein Austausch mit „exotischeren“ Zielen als Polen, wo zu erwarten ist, dass die Teilnehmer nur wenige Chancen zur Verlängerung und Vertiefung des Landesaufenthaltes und zum Ausbau der unmittelbaren Landeskenntnisse haben werden, kann die austauschbezogene Studienfahrt gar zum Regelfall des Schüleraustausches werden lassen. 

In ihrem Türkei-Kontakt ist die Bismarckschule Hannover diesen Weg mit Erfolg gegangen. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass bei dieser Konzeption nicht nur Fahrtdauer und organisatorischer Aufwand größer werden, sondern auch die Kosten, da während des Studienfahrtanteiles kaum je eine Familienunterbringung gewährleistet werden kann. Eine Reise zu historisch und landeskundlich wichtigen Orten mit ortsüblichen Verkehrsmitteln oder mit einem im Lande selbst angemieteten Fahrzeug bietet aber wieder  ein umfassendes und unvergessliches Erlebnis, das den Zielen der Schulpartnerschaft[7] nur dienlich sein kann. Voraussetzungen sind eine ausreichende inhaltlichen Vorbereitung, die Begleitung durch einen ausgewiesenen Landeskenner sowie die Möglichkeit von Gesprächskontakten. Diese können durch Empfehlungen leicht hergestellt werden.

Beim Besuch der polnischen Partnerschule ergibt sich die grundsätzliche Frage, inwieweit die polnischen Schülerinnen und Schüler in das Ergänzungsprogramm mit einbezogen und wie sie selbst dafür vorbereitet werden können. Aber auch bei polnischen Schülern, die die deutsche Partnerschule besuchen, müsste die Alternative einer zusätzlichen Rundreise geprüft werden, um zusätzliche Informations- und Erlebnismöglichkeiten zu schaffen. Die Finanzierung, die bislang zumeist von deutscher Seite durch Zuschüsse gewährleistet werden musste, stellt sich zunehmend als gravierendes Problem dar. Hier sei fallbezogene Phantasie empfohlen! Die Vorbereitung kann hier wieder in Klassen oder themenorientiert in Kursen erfolgen. Bessere Erfahrungen wurden jedoch mit Arbeitsgemeinschaften gemacht, in denen die Reiseteilnehmer sowohl gemeinsam die inhaltliche als auch die organisatorische Vorbereitung leisten. Diese AG übernimmt dann auch nach der Reise die Ergebnissicherung.

Ein wesentlicher Vorteil dieser Organisationsform ist die Möglichkeit, über den (wichtigen!) privaten und familiären Kontakt und das Kennen lernen der schulischen Alltagswelt hinaus, die für das Gastland wichtigen und symbolträchtigen Orte kennen zu lernen sowie mit ausgewiesenen Fachleuten Gespräche über Polen, über polnische Gegenwart und Geschichte führen zu können.

Kontakte zu Gesprächspartnern vermitteln ggf. die Deutsch-Polnischen Gesellschaften in Deutschland oder die entsprechenden Gesellschaften Deutschland-Polen in den wichtigsten polnischen Städten, deren Adressen z.B. in Praxis Geographie 4/92 oder, bei Adressenänderungen, kontinuierlich in DIALOG[8], zu finden sind. Hilfe bei der Vorbereitung aller Schüleraustauschfahrten und Polenkontakte leisten darüber hinaus fallweise die jeweiligen Landeszentralen für politische Bildung. Es ist auch zu empfehlen, sich  z.B. an das Gesamteuropäische Studienwerk Vlotho zu wenden. Kontakte mit örtlichen Bundes- und Landtagsabgeordneten, mit dem kommunalen Schulträger (vor allem wenn eine Gemeindepartnerschaft mit Polen schon besteht) oder auch mit den Kirchengemeinden, katholischen wie evangelischen, können wichtige Beziehungen aufbauen helfen und entscheidende Tipps und Hinweise vermitteln.

III. Vor- und Nachbereitung des Schüleraustausches

Die abschließenden Abschnitte dieser Ausführungen können knapper gehalten werden, da die Zielsetzungen und Rahmenbedingungen hinreichend ausführlich in den beiden vorangegangenen Kapiteln entfaltet worden sind und sich Aspekte der Vor- und Nachbereitung wie auch, abschließend, der Einbindung in übergeordnete didaktische Konzepte aus diesen Ansätzen heraus leicht entwickeln und ablesen lassen können.

Grundidee jeder Vor- und Nachbereitung ist es, über das unmittelbare, möglichst eindringliche Erlebnis hinaus, Kontinuität der Lernerfahrung bei den beteiligten Schülerinnen und Schülern, Kontinuität der Schulpartnerschaft als institutionalisierter Veranstaltungsform, und damit Kontinuität der Verwirklichung des interkulturellen Lernens in der Schule zu stiften.

Außerunterrichtliche pädagogische Veranstaltungen wie Arbeitsgemeinschaften und Projekttage spielen dabei eine entscheidende Rolle. Dass dazu zunächst ein zumindest formaler und anschließend ein tragender Konsens im Kollegium sowie in der Gesamtkonferenz hergestellt werden muss, dürfte selbstverständlich sein. Je mehr Kolleginnen und Kollegen von Anfang an in den Schulkontakt mit einbezogen werden können, um so besser sind die Chancen, die Schülerschaft zu motivieren und der Schulpartnerschaft die notwendige Sicherheit und Kontinuität zu geben.

Um eine Identifikation mit geplanten Schulpartnerschaften bei Schülerinnen und Schülern wie auch bei Kollegen und Eltern zu erreichen, sind einleitende Projektveranstaltungen bewährt. Themenbezogene Projekttage z.B. zum Thema „Polen“ können in klassenübergreifenden Gruppen die Rahmenbedingungen entwickeln, in denen der Schüleraustausch stattfinden kann. Dazu könnten Einladungen an Kolleginnen und Kollegen der vorgesehenen Partnerschule, und möglichst an Zeitzeugen und Kommunalpolitiker bzw. Vertreter des kommunalen Schulträgers etc. die notwendige inhaltliche Vertiefung bieten.

Eine Podiumsdiskussion über Schüleraustausch oder über die deutsch-polnischen Beziehungen, deren Moderation ggf. in die Hände der örtlichen Deutsch-Polnischen Gesellschaft gelegt wird sowie ein abschließendes „Polnisches Fest“ in der Schule, mit polnischem Imbiss, Volkstanz, polnischer Musik und vor allem – wenn in der Schule vorhanden – bewusster Integration von Aussiedlerkindern und deren Eltern, geben ein ausgewogenes Verhältnis von Information, Kommunikationsanreizen und affektiv ansprechendem Rahmen. Eine Informationsausstellung über die vorgesehene Partnerschule, über Geographie und Geschichte Polens (Karten, Stadtpläne, Fotos) und über die konkreten Austausch- und Reisepläne halten das Austauschprojekt in der Schule präsent.

Darüber hinaus ist es aber nicht nur sinnvoll sondern notwendig, das Thema Polen in die Klassen hineinzutragen durch Unterrichtseinheiten (z.B. in Sozialkunde, Geschichte, Erdkunde, Werte und Normen bzw. Ethik, Religion oder Deutsch). Die Klassenlehrer sollten unbedingt einbezogen werden. Geeignete Schülerinnen und Schüler sollten man direkt ansprechen. Wenn zunächst eine Gruppe aus Polen erwartet wird, kann ein Junktim oder zumindest eine „Vorrang-Beziehung“ zwischen der Aufnahme polnischer Gäste (wenn es familiär möglich ist!) und der eigenen Beteiligung an einer Polen-Reise hergestellt werden.

Ein Anreiz zur Identifikation mit schulischen Partnerschaftsprojekten ist auch die bewusste Herstellung von Öffentlichkeit durch Information der örtlichen Presse oder des Rundfunks. Schülerinnen und Schüler empfinden dies meist als Bestätigung ihrer Aktivitäten und damit als Anreiz, bewusst weiterzumachen.

Wenn der Schüleraustausch funktioniert, ist es sehr sinnvoll, die vorangegangenen Teilnehmer nicht nur in die Organisation gemeinsamer Schulveranstaltungen, wie z.B. einen „Polen-Nachmittag“ mit polnischem Imbiss, Ausstellung und Diavortrag einzubeziehen. Sinnvoll ist die Herausgabe einer Dokumentation über die gemeinsamen Aktivitäten. Man sollte bedenken, diese aber nicht nur für die Schulöffentlichkeit zu publizieren.

Die Kopier- und Herstellungskosten sind zumeist relativ gering und können in der Regel von vornherein in den Reisepreis einkalkuliert werden. Gleiches gilt für die Kosten für das Anfertigen vorher verteilter Informations- und Programmaterialien wie z.B. eines individuellen „Reiseführers“ mit Informationen, Plänen und Adressen. Auf einer „Werbetour durch die Klassen“, können die Mitschülerinnen und Mitschüler informiert und direkt zur Teilnahme aufgefordert werden.

Auf keinen Fall reicht ein „Rundbrief“ des Schulleiters an Schüler und Eltern aus oder gar nur ein Aushang am „Schwarzen Brett“ als einzige Vorstellung des geplanten Austauschprogrammes. Die Ansprache muss direkter, persönlicher, differenzierter und längerfristig erfolgen. Nur dann ist eine ausreichende Resonanz zu erwarten – zumindest zu erhoffen.

Die tatsächlich vorhandenen negativen Stereotype gegenüber Polen, das mangelnde Interesse an unseren östlichen Nachbarn sind in unseren Schulen, wie Kollegen bestätigen, weit verbreitet. Um so intensiver muss die Ansprache sein. Unabdingbar bleibt dabei aber die didaktische und curriculare Einbindung der inhaltlichen Seite des Polenkontaktes in möglichst viele Fächer der Schule.

Wenn auch nicht zu verkennen ist, dass gegenwärtig ein höherer pädagogischer Einsatz als vor 1989 zur Motivation der Schüler(-innen) erforderlich ist – stellen wir uns gemeinsam dieser uns verbindenden Aufgabe!

Autoren:

Gerhard Voigt, Oberstudienrat i.R. (seit 2009);  Vorsitzender des Verbandes der Politiklehrer e.V., Hannover;

Lothar Nettelmann, Oberstudienrat i.R. (seit 2009); stellv. Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover

Anmerkungen

[1]     Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienreisen. Herausgegeben von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Hannover 1990; s.a.:

        Thomas Handrich (Hg.): Leitfaden für den deutsch-polnischen Schüleraustausch. Glienicker Berichte, Arbeitshilfen für die Praxis, Heft 9 und:

        Institut für europäische Partnerschaften und internationale Zusammenarbeit e.V. (Hg.): Arbeitshilfe Deutsch-Polnische Jugendbegegnungen; Bonn 1991.

[2]    Gerhard Voigt: Schülerreisen nach Polen; in: Praxis Geographie, Westermann Verlag, Braunschweig, Heft 4, April 1992, S. 44 ff.; s.a.: K.-W. Grünewälder: Literatur zum Thema, S. 48 ff. So wichtig die Verfügbarkeit solcher Informationen und der Erfahrungsaustausch darüber ist – eine zentrale „Börse“ zum Erfahrungsaustausch und zur Dokumentation von Publikationen und ansprechbaren Adressen wäre gerade bei der Vielzahl paralleler „Polen-Aktivitäten“ sinnvoll und sollte schulbezogen auf breiterer Basis beim Kultusministerium oder bei einer Landeszentrale für Politische Bildung eingerichtet werden. 

[3]     vgl. Deutsche UNESCO-Kommission, Bonn [Hg.]: Handreichung für den interkulturellen Schüleraustausch. Aus der Arbeit von UNESCO-Projektschulen. Bonn 1991.

[4]     z.B. in Reiseberichten und Projektveröffentlichungen, an denen auch Schüler beteiligt sind und die daher besonders aufschlussreich für die Wahrnehmungsperspektiven junger Reisender erscheinen.  Sie können Grundlage sein für die didaktische Konzeption eigener Reisen mit Schülern! Über die Erfahrungen mit dieser Organisationsform vgl.: Gerhard Voigt / Lothar Nettelmann: Die Arbeit einer UNESCO-Schule: z.B. Schulpartnerschaften mit Polen und der Türkei; Oldenburger Vor-Drucke, Heft 98/90, [Hg.]: Zentrum für pädagogische Berufspraxis der Universität Oldenburg, Oldenburg 1990.

[5]     vgl.: Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt [Hg.]: Internationale Herausforderungen. Die Bismarckschule Hannover stellt ihre UNESCO-Arbeit vor. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs der Bismarckschule Hannover e.V., Hannover 1992.

[6]     entsprechende Vorschläge sind in Praxis Geographie 4/1992 veröffentlicht; vgl. Fußnote 2.

[7]     vgl. Heft 98/90 der Oldenburger Vor-Drucke; s. Fußnote 4.

[8]     DIALOG –  Magazin für Deutsch-Polnische Verständigung erscheint vierteljährlich; Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft für Deutsch-Polnische Verständigung e.V. – bundesweiter Zusammenschluss deutsch-polnischer Gesellschaften, Sitz Bonn; 2000 Hamburg 13, Mittelweg 13.

Manuskript: 20.02.93. - Internetpublikation: 15.08.2011

   
   

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Bearbeitungsstand:20.02.1993 / 15.08.2011

Letzte Bearbeitung: 13.03.2012

   
   

 

     
   

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Info über die Verbandstätigkeit unter: http://www.politiklehrerverband.org