Die Partnerschaft der
Bismarckschule und des V. Liceum ist mehr als ein Schüleraustausch zwischen
deutschen und polnischen Schülern.
Sie ist einbezogen in
die Städtepartnerschaft der beiden Messestädte Hannover und Poznań. Übrigens ist diese Städtepartnerschaft
entstanden aus dem Kontakt hannoverscher Besucher (Aussteller, Vertreter der
Stadtverwaltung und des Rates sowie insbesondere des Oberbürgermeisters) in
Posen und der entsprechenden polnischen Gäste in Hannover. Aus geschäftlichen
wurden freundschaftliche Kontakte. Der Warschauer Vertrag vom 7. Dezember 1970
wurde damit durch Bürger der Städte Hannover und Pozna
umgesetzt und ein wichtiges Stück Aussöhnung
und Normalisierung praktiziert.
Die Idee, eine Städtepartnerschaft
zu vereinbaren, wurde schon Anfang der siebziger Jahre entwickelt. Sie reifte
– oder besser: es galt, eine ungeheure Zahl von kleinen Fragen und großen
Problemen zu klären und zu bewältigen. Im Jahre 1979 konnte dann der Vertrag
unterzeichnet werden. Gleichzeitig wurde in Hannover eine Deutsch-Polnische
Gesellschaft gegründet, der auch wir eng verbunden sind. Auch sie setzte sich
die Aufgabe, zur Aussöhnung und Verständigung mit Polen beizutragen.
Die
Schulpartnerschaft ist nun nicht durch eine konsequente Planung
zustandegekommen. Sie ist vielmehr die logische Entwicklung, die 1975 in
gewisser Weise zufällig begann.
Für einen
Leistungskurs bot sich die Gelegenheit einer Studienfahrt nach Polen. Für
alle Beteiligten war es die erste Begegnung mit Polen. Aus dieser
erfolgreichen Reise mit ihren überwältigenden Eindrücken entstand sofort
der Wunsch, für das Jahr 1976 wieder eine Reise mit einem Leistungskurs zu
planen. Inzwischen hatte sich aber aufgrund der Ölpreiskrise und des überraschenden
Regierungswechsels in Niedersachsen eine neue Situation ergeben. Die
Landesregierung genehmigte keine Studienfahrten ins Ausland mehr –
ausgenommen nach Rom oder Griechenland für die Altsprachler. Es entsprach dem
pädagogischen Selbstverständnis des Fachlehrers, auch einer gewissen
Oppositionshaltung gegenüber schulbürokratischen Hemmnissen, nach Ersatzlösungen
zu suchen. Wir knüpfen dabei an die Praxis der Fahrten in die USA oder die
Niederlande zu unseren damaligen Partnerschulen an. In diese Reisen wurden
jeweils die Osterferien einbezogen. Diese Reisen in die Länder USA,
Niederlande, England und Frankreich
waren schon in den fünfziger
Jahren Ausdruck des Selbstverständnisses dieser UNESCO-Schule am Maschsee,
der Bismarckschule. In diesem Zusammenhang wurde eine für 1976 geplante und
abgesagte Reise dann im März/April 1977 während der Osterferien durchgeführt.
Diese weder durch die Schulbehörde noch durch die Schulgremien
genehmigungspflichtige Reise – sie war rechtlich eine Privatreise unter der
Leitung und der Verantwortung des Lehrers – stand unter der ausdrücklichen
Unterstützung der Schulleitung und fand positive Resonanz im Kollegium. Im
nachhinein kann festgestellt werden, daß hierbei der Charakter als
UNESCO-Schule deutlich wurde, ohne daß das damals besonders reflektiert oder
auch nur hervorgehoben wurde.
Aufgrund dieser zunächst
gegebenen organisatorischen Rahmenbedingungen wurde eine Konzeption
entwickelt. Sie gilt bis heute für unsere nach wie vor in den Ferien – z.T.
unter Einbeziehung von Unterrichtstagen – durchgeführten Studienreisen nach
Polen und in die Türkei. Aus beiden haben sich dann die Austauschkonzeptionen
entwickelt. An den Reisen sollen Schüler und Schülerinnen der gesamten
Oberstufe und eventuell ab Klasse 10 sowie einige Lehrer und Lehrerinnen
teilnehmen können. In einer besonderen Arbeitsgruppe werden die Reisen
organisatorisch und inhaltlich vor- und nachbereitet; wenn möglich wird eine
Reisedokumentation angefertigt. Der fehlende Bezug zu einer Kursthematik und
den entsprechenden Lernzielen wird ersetzt durch eine eindeutig starke
Motivation während der Teilnahme, eine individuelle Öffnung für andere
Wahrnehmungen. Dieses Prinzip, das im hohem Maße auch außerschulisches
Lernen bedeutet, wird beim Schüleraustausch noch verstärkt und soll bei
diesem Thema dann besprochen werden.
Die Reise 1977
verlief so erfolgreich, daß auch für 1978 sofort eine weitere Reise geplant
wurde, die dann aber bis 1979 verschoben werden mußte. Bei dieser Reise kam
durch die Vermittlung des polnischen Jugendreisebüros JUVENTUR ein Kontakt
mit unserer späteren Partnerschule zustande. Die Schule empfing uns sehr
herzlich, und spontan wurde beiderseits die Frage eines Schüleraustausches erörtert.
Zunächst war es wohl mehr ein Wunsch, ohne die Realisierbarkeit überhaupt
abschätzen zu können.
Zum entscheidenden
Faktor wurde dann der Abschluß des Partnerschaftsvertrages zwischen Hannover
und Pozna
sowie auch die Gründung der
Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover, der mehrere Kollegen und Kolleginnen
der Bismarckschule angehören. Es ist jetzt müßig, all die Bemühungen und
Ansätze nachzuzeichnen, die dann zum Abschluß des Partnerschaftsvertrages
der beiden Schulen führten. Wesentlich aber war – und dies ist ein immer
wieder zu beobachtender Faktor in der Zusammenarbeit mit einem sozialistischen
und in hohem Maße bürokratisierten Land – ein außergewöhnliches Maß an
Durchsetzungsvermögen und Hartnäckigkeit unsererseits. Glücklicherweise ist
die Situation im Jahre 1989 sehr stark erleichtert; einige wichtige
Problemebenen sollen aber skizziert werden:
Die bestehenden
Hemmnisse sind im wesentlichen politischer Art. Es waren sowohl innen- als
auch außenpolitische Gründe, die die polnischen Behörden bewegten, äußerst
zurückhaltend in Fragen eines Schüleraustausches zu sein. In den siebziger
Jahren hatte es bereits einige wenige Ansätze gegeben, daß auch polnische
Schülergruppen die Bundesrepublik besucht hatten. Zumeist handelte es sich
aber um einmalige Angelegenheiten. In einem Falle wurde die Polenreise einer
Hamburger Schule, die an sich sehr erfolgreich war, von einer begleitenden
Journalistin nachträglich aber in einer Illustrierten völlig instinktlos,
unqualifiziert und sogar mit – möglicherweise ungewolltem –
revanchistischem Unterton beschrieben. Der Bericht wurde uns in Polen gezeigt,
und es wurde uns klar gemacht, daß man sich das keinesfalls bieten lassen könne.
Diese Ereignisse hatten zum Abbruch des Schüleraustausches geführt. Die
Warschauer Behörden erteilten unter diesen Umständen keine Genehmigungen
mehr.
Ein weiteres
Hindernis war der offenkundige Druck auf das polnische
Volksbildungsministerium sowie das Außenministerium, der durch die DDR ausgeübt
wurde. Es gab in den siebziger Jahren umfangreiche Austauschprogramme zwischen
Polen und der DDR auf vielen Ebenen. Der DDR waren die sich anbahnenden
Kontakte mit uns ein Dorn im Auge, und sie versuchte mit allen Mitteln, diese
zu hintertreiben.
In der polnischen
Staats- und Parteiführung dominierten damals noch die sogenannten „Betonköpfe“,
die keinerlei Interesse an den Kontakten Jugendlicher mit der Bundesrepublik
hatten. Sie fürchteten sicherlich um ihren Einfluß, ja Machterhalt; die Bestätigungen
haben sich dafür ja in den vergangenen Jahren ergeben. Die Denkkategorien des
„Kalten Krieges“ dominierten noch.
Andererseits gab es
in Polen Kräfte, die, als Fachleute hochqualifiziert, aus unterschiedlichen
Motiven heraus eine Hinwendung zum Westen als notwendig erachteten. Es waren
Technologen, Ökonomen, Geisteswissenschaftler, Journalisten – vor allem
diejenigen, die an Reformentwürfen arbeiteten. Sie hatten die
Reformdiskussionen in der Bundesrepublik studiert und erkannt, daß nur durch
qualitative Reformen eine positive Entwicklung möglich wäre. Der persönliche
Kontakt zu diesen Fachleuten, die an wichtigen Entscheidungsprozessen
mitwirkten, entwickelte sich sehr kollegial
und zum Teil auch privat sehr herzlich. Gleiches ist zum Beispiel auch
von den Teilnehmern der Schulbuchkonferenzen zu sagen.
Da sämtliche uns
betreffenden Entscheidungen aber auf höchster Ebene fielen, das heißt im
Politbüro und der Parteispitze, konnten sich die zuständigen Fachleute in
den Ministerien und weiteren nachgeordneten Behörden der Schulbürokratie
nicht durchsetzen.
Es war für uns ein
glücklicher Umstand, daß 1979 nach Abschluß des Partnerschaftsvertrages
Hannover-Pozna
ein Austausch- und gemeinsames
Arbeitsprogramm der beiden Städte beschlossen wurde. In dieses erste Programm
wurde nun der Schüleraustausch der Bismarckschule mit dem V. Liceum
einbezogen. Dies geschah durch die besondere Unterstützung von Oberbürgermeister
Schmalstieg (Hannover) und Stadtpräsident Sleboda (Pozna
). Vorausgegangen waren direkte Gespräche des
Schulleiters der Bismarckschule Hannover mit dem Leiter der Partnerschule und
dem dortigen Kurator (Oberschulrat) sowie mit dem Vizepräsidenten der
Stadtverwaltung in Pozna
.
Ein gravierendes
Problem war die Unterbringung. Es wurde vereinbart, daß die Gruppen jeweils
in einer Jugendherberge oder einem Jugendheim wohnen sollten. Dies war damals
unumgänglich, da die Unterbringung der deutschen Schüler von der polnischen
Seite aufgrund der oft zu kleinen Wohnungen als schwierig angesehen wurde. Der
eigentliche Grund waren aber die starken grundsätzlichen Vorbehalte einiger
politischer Kreise in Polen, die durch die Unterbringung im Jugendheim
beschwichtigt wurden. Unser Ziel war aber von Anfang an der echte Austausch,
das heißt: auch das Wohnen in den Familien der gastgebenden Schule.
Da dies vorerst nicht
möglich war, reservierten wir in Hannover in einem Jugendheim, in dem auch
eine Beköstigung erfolgen konnte, die entsprechende Anzahl Zimmer für den
vorgesehenen Zeitraum im Juni 1981. Ein Plan für den zwölftägigen
Aufenthalt wurde erstellt. Wir gingen dabei von folgenden Gesichtspunkten aus:
-
Die polnischen Schüler sollten so oft wie möglich am Unterricht in
der Bismarckschule teilnehmen. Diese Schüler, die Deutsch als zweite
Fremdsprache mit sechs Wochenstunden erlernen, sollten natürlich in erster
Linie Deutsch sprechen und hören. Dies war der primäre Wunsch der polnischen
Lehrer. Diesem Wunsch konnte aber nur durch die Teilnahme auch an allen Fächern
der Aufgabenfelder B und C entsprochen werden. Gerade die sogenannten Sachfächer
eignen sich aufgrund ihrer im hohem Maße beschreibenden Sprache sowie der
Verwendung der – bekannten – Symbolsprachen sehr gut. Da in Polen Russisch
erste Pflichtfremdsprache ist und diese Fremdsprache auch an der
Bismarckschule als zweite Pflichtfremdsprache unterrichtet wird, wurde auch
dieser Unterricht [und teilweise auch der Englischunterricht] besucht. Die
polnischen Schüler nahmen dann auch an fast allen Unterrichtsfächern teil.
-
Es sollte ein Programm erstellt werden, um nach landeskundlichen
Kriterien Hannover und seine Umgebung kennenzulernen. Wir entschieden uns für
eine Besichtigung eines Industriebetriebes (VW-Werk), den Besuch einiger
Stadtteile sowie einen Ausflug in die Nachbarstadt Hildesheim. Ein Empfang
beim Oberbürgermeister und ein Gespräch über die Kommunalpolitik wurden
ebenfalls eingeplant.
-
In weiteren Veranstaltungsbesuchen sollten die Gäste Hannovers vielfältiges
Kulturprogramm kennenlernen.
-
Es sollte – trotz der organisatorischen Hemmnisse – ein intensiver
Kontakt der Gäste mit den Schülern und Schülerinnen der Bismarckschule und
ihren Familien möglich sein. Zu diesem Zweck erklärten sich interessierte
Schülerinnen und Schüler der Bismarckschule bereit, die Betreuung von
jeweils einem polnischen Schüler oder einer Schülerin zu übernehmen. Dies
bedeutete, daß alle außerschulischen Aktivitäten und Programmpunkte mit der
polnischen Gruppe und einigen hannoverschen Schülern gemeinsam abliefen.
Daneben gab es ausreichend Freizeit, bei der die Schülerinnen und Schüler
nach eigenem Ermessen ein Programm erstellten, die Stadt besuchten oder die Gäste
einzeln oder in kleinen Gruppen privat einluden.
Letztere Aussagen
beziehen sich aber noch nicht auf das Jahr 1981. Nachdem nämlich im April
1981 bei einem Besuch in Pozna
noch zugesichert worden war, daß die Gruppe
im Juni kommen könne, erfolgte wenige Wochen vor dem vereinbarten Termin die
Absage. Die Krise hatte sich in Polen verschärft, und die mündlich
zugesagten Genehmigungen wurden in
Warschau zurückgezogen.
An diesem und dem
folgenden Beispiel wird die Einbeziehung der innerpolnischen Problematik wie
auch der deutsch-polnischen Konfliktbereiche deutlich.
Die Ausrufung des
Kriegszustandes am 13. Dezember 1981 hieß für uns zunächst einmal, die
Hoffnung aufzugeben, in absehbarer Zeit den Schüleraustausch zustande zu
bringen. Nach wenigen Monaten ergaben sich aber schon wieder einige Kontakte.
Die Drähte zwischen den beiden Stadtverwaltungen waren ohnehin nicht
abgerissen und nur durch das Kappen der Telefonleitungen erschwert. Auch der
Kontakt zur Polnischen Botschaft in Köln war für die Hannoveraner weiterhin
sehr gut. Es sei an dieser Stelle die sehr kollegiale Zusammenarbeit mit der
Botschaft der Volksrepublik Polen hervorgehoben. Man bemühte sich dort in außerordentlicher
Weise, den eingeschlagenen Weg der Normalisierung fortzuführen und tat für
uns alles, was im Rahmen der Situation möglich war.
Im April 1982 bekamen
wir bereits die Nachricht, daß der 1981 um ein Jahr verschobene Schüleraustausch
auch im Juni 1982 stattfinden könne. Die polnischen Schülerinnen und Schüler
würden kommen. Trotz gewisser Skepsis liefen alle Vorbereitungen an. Leider
erfolgte wieder eine Absage, deren Begründung mit den Schwierigkeiten der
gegebenen Situation von uns nachvollzogen werden konnte.
Während die
Bedingungen des Kriegszustandes nach und nach gelockert wurden – bis zur
endgültigen Suspendierung am 22. Juli 1983 – und nun polnischerseits die
Voraussetzungen wieder gegeben waren, verschlechterten sich jedoch die
deutsch-polnischen Beziehungen im Laufe des Jahres 1983. Die Kontakte der
beiden Partnerstädte und der beiden Partnerschulen blieben davon unberührt.
In mehreren Gesprächen wurde ein Vertrag zwischen den beiden Schulen
abgeschlossen. Der Vertrag sieht einen Austausch von Schülern und Lehrern,
aber auch die kontinuierliche Förderung des Deutschunterrichts in Pozna
durch Lehrmittel und Medien vor, die aus
einem Spezialfond des Fördervereins der Elternschaft der Bismarckschule
finanziert werden. Außerdem sollte die Lehrerausbildung an beiden Schulen mit
einbezogen werden.
Auch der Kontakt der
Lehrer und Lehrerinnen von Hannover und Pozna
hat sich als sehr fruchtbar erwiesen.
Zunächst waren die
Deutschlehrerinnen aus Pozna
beteiligt, dann aber auch die Fachlehrerinnen
für die Fremdsprachen Russisch, Englisch und Französisch. In diesen
Fachbereichen – wie überhaupt überwiegend in Polen – unterrichten an
unserer Partnerschule nur Frauen. Den Fremdsprachlerinnen ging es vor allem um
die modernen Methodiken
im Unterricht der deutschen Schulen. Aber auch andere Fachlehrer aus Pozna
haben von der Begegnung mit der
Bismarckschule profitiert. Andererseits haben gleich viele Kolleginnen und
Kollegen der Bismarckschule das V. Liceum besucht und ihrerseits vom
Meinungsaustausch hohen Gewinn gehabt. Zur Zeit lehrt erstmals an einer
polnischen Schule eine Lehrerin aus der BRD durch unsere Vermittlung an
unserer Partnerschule in Pozna
für mindestens zwei Jahre als „Assistent
Teacher“ das Fach Deutsch. Auch diese Seite der UNESCO-Arbeit ist wesentlich
und muß hervorgehoben werden.
Eine weitere Ergänzung
erfuhr die Schulpartnerschaft zwischen dem Seminar für Deutsche Literatur und
Sprache der Universität Hannover und dem Institut für Germanische Philologie
der Adam-Mickiewicz-Universität (UAM) in Pozna
. Dies war vor allem für die polnischen
Partner wichtig, da die Lehrerausbildung dort in der zweiten Phase im Kontakt
zwischen der Ausbildungsschule und der Universität erfolgt.
Beim Zustandekommen
des Austausches 1983 waren die Germanisten der UAM sehr behilflich.
Insbesondere der damalige Institutsdirektor, Professor Or
owski, hat sich in entscheidender Weise
eingesetzt und organisatorisch geholfen.
Im September 1983
reiste nun eine Schülergruppe für zwölf Tage nach Pozna
. Die Unterbringung erfolgte im Studentenheim,
die Beköstigung aber in der Schule. Alles war kompliziert und für unsere
Verhältnisse mühevoll. Teilweise wurde es mit Humor, teilweise aber auch mit
Beklemmung aufgenommen – lernten wir doch, in Ansätzen zumindest, den
polnischen Alltag kennen.
Die Zielsetzungen der
polnischen Kollegen waren nicht deckungsgleich mit unseren. Beides stand aber
in gewisser Beziehung zueinander! Die polnischen Gastgeber stellten uns eine
gut funktionierende Schule vor. Daß der Schulbesuch dort in der Regel in zwei
Schichten abläuft, sei nur am Rande erwähnt. Schulraumknappheit wegen des
starken Bevölkerungswachstums erzwingt dies.
Wie üblich wurde uns
die ganze Schule gezeigt, auch das Zahnarztzimmer, um dessen Tür die
polnischen Schülerinnen und Schüler immer einen großen Bogen machten. Die
Schule ist für polnische Verhältnisse modern ausgestattet und bietet auch für
die Freizeitgestaltung sehr viel. Uns wurde nichts vorenthalten, und wir
nahmen jeweils in kleinen Gruppen am Unterricht teil. Nachmittags war dann ein
umfangreiches Besuchsprogramm vorgesehen, das aber auch bei bester physischer
Konstitution nicht durchgehalten werden konnte. Hinzu kamen nämlich die
Einladungen am Abend. Die Gastgeber
rissen sich geradezu darum, die
deutschen Gäste, jeweils in kleinen Gruppen, privat einzuladen. Auch in
diesem Zusammenhang ergaben sich eine Fülle von Eindrücken und Erfahrungen.
Näheres dazu ist einer gesonderten Darstellung vorbehalten. Posen wurde uns
als Stadt der Kultur dargestellt und als eine Stätte, die zusammen mit Gnesen
bis zu den historischen Wurzeln des polnischen Staates zurückzuführen ist.
Der gesamte Aufenthalt war einschließlich seiner Vor- und Nachbereitung für
Schüler und Lehrer die praktische Umsetzung und Erfüllung des
UNESCO-Gedankens.
Es lassen sich
verschiedene Problemebenen herausarbeiten und zum Teil weiter untergliedern.
Da sind zunächst einmal die politischen Rahmenbedingungen, die bis dato eine
wesentliche Rolle spielten und deshalb auch zu Beginn der Skizzierung des
Zustandekommens dieser Partnerschaft erwähnt wurden. Für uns war es dabei
ein wesentliches Ziel, die Schüler zur Wahrnehmung solcher politischer
Zusammenhänge und ihrer sozialen Auswirkungen zu sensibilisieren.
Ansatzpunkte ergaben sich genügend und sind mit Sicherheit auch in der
Zukunft zu erwarten, wenn auch mit gewissen Verlagerungen. Es ergibt sich die
Konfrontierung mit der DDR, da sie im Transit mit der Eisenbahn durchfahren
werden muß. Die sich ergebenden Fragen können aber nur skizziert werden.
Gleichwohl war und ist es Aufgabe des Lehrers, dann beim Geschehen sozusagen
vor Ort Erklärungen zu geben oder Problematisierungen vorzunehmen.
Grenzkontrollen,
Visa, die Spannungen angesichts der „Kontrollorgane der DDR“, die damals
zwar korrekt auftraten, aber noch unangenehm wirkten. Man kann davon ausgehen,
daß die Transitreisenden alle schon diese Erfahrungen gemacht haben.
Interessant waren trotzdem die Fragen der „Kontrollorgane“, warum man denn
nach Polen führe. Im Tonfall schwang unverkennbar eine gewisse Herablassung
mit. Durchfahrt durch Berlin mit langem Warten und Blick auf die Mauer und die
weiteren Grenzanlagen. Dann in Frankfurt/Oder wieder die bewachte Grenze
seitens der DDR.
In Polen ergaben sich
Berührungspunkte zur Politik in geringerem Maße. Man muß aber sagen, daß
in diesem Zusammenhang die Sensibilisierung eine wesentliche Rolle spielt.
Die polnischen Schüler
informierten uns natürlich über die damals verbotene Solidarność
und den wenige Monate zuvor erfolgten
Papstbesuch: ein Politikum ersten Ranges – gewollt und auch verstanden.
Die Versorgungsmängel
ergaben zwangsläufig Diskussionen über die Wirtschaft beider Länder. Die
oft neidlose Anerkennung und Bewunderung durch junge Polen kann Beklemmungen
hervorrufen und muß in intensiven Gesprächen durch den Lehrer aufgefangen
werden.
Der politische oder
sozio-ökonomische Gesichtspunkt sollte auf keinen Fall in der Erwartung des
Lehrers überbewertet werden. Bei allen Begegnungen stellt sich nämlich
heraus, daß es sich bei den Schülern und Schülerinnen dieser beiden Länder
um Jugendliche handelt, die völlig identische Probleme, Wünsche, Sorgen und
Wertvorstellungen haben. Dieser Gesichtspunkt aber, bei dem am Ende der
Begegnung die Erkenntnis der „Normalität“ und der individuellen Sympathie
oder auch Antipathie steht, ist doch das, was wir mit dem UNESCO-Gedanken als
allererstes erreichen wollen. Der Versuch, politisch zu diskutieren, sollte
vom begleitenden Lehrer sehr behutsam und zurückhaltend umgesetzt werden. Auf
der anderen Seite ergeben sich nämlich eine Fülle von Individualerfahrungen,
die ihrerseits durchaus gesellschaftspolitisch interpretiert werden können.
Es genügt dabei, die Summe der Schülererfahrungen zu sammeln und in Ruhe zu
besprechen.
Ein Beispiel: Einer
unserer Schüler wollte gern eine „Prawda“ haben. Am Kiosk konnte er keine
bekommen. Er bat also seinen am Abend zuvor gewonnenen Freund, ihm eine bei
einem Kiosk zu besorgen. Der polnische Schüler reagierte eisig und wollte um
keinen Preis diesen kleinen Dienst leisten. Nach massiven Bitten tat er es
doch. Eine Verkäuferin am Kiosk kramte dann den Stapel der druckfrischen
„Prawda“ hervor; man erkannte, daß offensichtlich monatelang kein
Exemplar verkauft worden war und die Zeitungspakete ungeöffnet dem Altpapier
zugeführt worden waren. Unser Schüler klemmte sich die „Prawda“ unter
den Arm und schritt fröhlich von dannen. Mehrere Passanten haben ihn
angerempelt und beschimpft. Die polnischen Schüler, die ihn begleiteten,
haben nicht alle polnischen Schimpfworte übersetzen wollen oder können.
Eine Episode am
Rande, aber doch typisch. Die polnischen Schüler diskutierten nicht über die
Sowjetunion. Auf dieses brisante Thema ging man nur mit abfälligen Witzen und
aggressiven Bemerkungen ein oder man schwieg bewußt.
Über die
innerpolnischen Probleme wurden aber ungeniert die Meinungen ausgetauscht, und
man erzählte ohne jegliche Hemmungen. Ein Politikum erfuhren unsere Schüler
über das Verhältnis der polnischen Jugend zur Kirche. Eine Reflexion würde
jetzt den Rahmen sprengen. Es ist aber völlig anders als das oberflächliche
oder kritisch-distanzierte Verhältnis der großen Mehrheit unserer Schüler
zu den Kirchen.
Ein wichtiges
Politikum ist die Begegnung mit der Geschichte, und zwar mit der eigenen
deutsch-polnischen Vergangenheit.
Es sind zwei Epochen
der gemeinsamen Geschichte, die von wesentlicher Bedeutung sind: Die Zeit der
Teilungen, also der Nichtexistenz des polnischen Staates von 1795 bis 1919,
und die Zeit der Okkupation von 1939 bis 1945. Beide stehen in einem inneren
Zusammenhang, bedeuteten sie doch den Abwehrkampf der Polen um die Existenz
ihres Staates und ihrer Nation. Es ist nun unbedingt nötig, in einer
Vorbereitungsphase die Rolle und Praxis der preußisch-deutschen Politik, vor
allem nach der Reichsgründung 1871, zu klären. Es sei hier erinnert an die
Germanisierungspolitik unter Bismarck, die Ansiedlung und Privilegierung von
Deutschen und die Unterdrückungsmaßnahmen gegenüber den Polen in ihrer
eigenen Heimat.
All diese Dinge sind
den polnischen Schülern sehr wohl bekannt. Sie reagieren mit völligem
Unverständnis, wenn sich in Gesprächen auch historische Bezüge im
Spannungsfeld zwischen Polen und Deutschen ergeben und manche unserer Schüler
kaum wissen, wer Friedrich der Große war, oder wenn sie die ehemaligen preußischen
Provinzen mangels ausreichender Kenntnisse nicht bezüglich dieses
deutsch-polnischen Problems sehen.
Zeugen des
Abwehrkampfes des polnischen Bürgertums gegenüber Preußen kann man in Posen
ausreichend finden: Das kleine, damals polnische Theater in der Nähe des größeren,
ehemals deutschen Theaters; die Raczynski-Bibliothek, ein schöner, im
klassizistischen Stil errichteter Bau; dann die Cegielski-Werke, die von dem
damaligen Gymnasiallehrer für Griechisch und Latein Cegielski als Konkurrenz
zu den deutschen und jüdischen Firmen gegründet wurden; ferner das frühere
Palais des Kronprinzen und dann die vielen Villen und zum Teil protzigen Häuser
aus der preußischen Zeit.
Neben diesem
Abwehrkampf, der zur Jahreswende 1918/19 zum sogenannten „Großpolnischen
Aufstand“ führte,
ist es dann der Widerstandskampf während der Okkupationszeit. Es war ein
Kampf gegen die physische und psychische Vernichtung des polnischen Volkes.
Leider sind die Kenntnisse unserer Schüler über den begonnenen polnischen
„Holocaust“ zumeist sehr gering. Da im Schulunterricht bezüglich des
Zweiten Weltkrieges im Rahmenthema Nationalsozialismus in der Regel andere
Akzente gesetzt werden, ist das Wissen der Schüler oft Anekdotenwissen der
Eltern und Großeltern und manchmal gar die unverfälschte Reproduktion der
Vorurteile, die einmal von der Nazipropaganda geprägt worden sind.
Es ist nötig, auch
diese Dinge anzusprechen, denn in jeder polnischen Stadt gibt es Zeugen dieser
Zeit, mit denen die Schülerinnen und Schüler konfrontiert werden.
Ich nenne nur die
wenigsten: in Warschau das Pawiak-(Gestapo-)Gefängnis, das Ghettodenkmal und
den Wiederaufbau der systematisch zerstörten Altstadt, in Danzig die
Westerplatte, in
ód
die Gedenkstätte des „Kinder-KZ“ und das
Gestapo-Gefängnis „Radegast“, in Lublin das KZ Majdanek; und die anderen
KZ mit ihren Gedenkstätten: Stutthof auf dem Gebiet des ehemaligen
Freistaates Danzig, Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Sobibor und Belzec, Kulmhof,
an der Europastraße zwischen Warschau und Posen gelegen, und Groß Rosen östlich
von Breslau.
In jeder Stadt gibt
es Gedenktafeln für ermordete Bürger und Widerstandskämpfer. Man muß die
Schüler unbedingt auf diese Dinge vorbereiten. Sie müssen vorher Zeit haben,
über die Begriffe Schuld, Verantwortung und Versöhnung nachzudenken und zu
sprechen. Die gesamte Problematik kann ihnen erst bewußt werden, wenn sie
dann in Posen auf dem Gelände der ehemaligen Festung stehen, von den
Tausenden Gefallenen erfahren und die Grabreihen sehen.
Diese schockartige
Konfrontation mit der Geschichte ist zugleich, so makaber es klingt, ein
didaktisch sinnvoller Ansatz, über die Problematik der Geschichte und auch über
Geschichtsbewußtsein zu sprechen. Zusammen mit der Nachbereitung ergeben sich
dann erst die tiefgehenden Eindrücke und der Lernerfolg.
Wir haben bezüglich
der Begegnung mit der Geschichte die günstige Möglichkeit, weite Bereiche
der deutschen und polnischen Geschichte deutlich zu machen. Gleichzeitig
ergibt sich aber auch die zwingende Notwendigkeit zur intensiven Vor- und
Nachbereitung.
Es wären nicht nur
vertane Chancen: es wäre eine Brüskierung von Gastgebern, mit
unvorbereiteten Jugendgruppen nach Polen zu reisen. Solche Reisegruppen, die
aus vielen Ländern anzutreffen sind, gewinnen leider zu oft falsche und für
uns peinliche Eindrücke und nehmen dann leicht diese falschverstandenen
Erkenntnisse mit nach Hause. Bei diesen Jugendlichen spielt das „Ghetto“
des billigen Luxushotels [da es einfach zu wenige einfache Unterkunftsmöglichkeiten
für die vielen Jugendreisegruppen gibt] und der billig zu erwerbende Alkohol
eine Rolle.
Gerade in den Berührungspunkten
zur Geschichte wird deutlich, daß die UNESCO ja nach dem Kriege gegründet
wurde, um im internationalen Erziehungsprozeß der Jugend mit Hilfe von
Begegnungen die Probleme der Völkervernichtung und des Hasses zu bewältigen
und die Weichen für die Zukunft eines friedlichen Miteinanders zu stellen.
Diesem zentralen Anliegen der UNESCO kann in Polen vor allem auch für uns
Deutsche wie kaum in einem anderen Lande, vielleicht mit Ausnahme noch von
Israel und der Sowjetunion, Rechnung getragen werden.
Die pädagogischen
Probleme, die im Bereich einer polnischen Schule sichtbar werden, sollen nur
kurz angesprochen werden. Das Schüler-Lehrer-Verhältnis ist eher als
traditionell anzusehen. Direktor, Lehrer und Lehrerinnen gelten als
Respektspersonen und werden auch mit „Herr Direktor“ oder „Frau
Professor“ angeredet. Der Unterricht läuft in hohem Maße als
Frontalunterricht ab. Ansätze zu einer Mitbeteiligung der Schüler an der
Unterrichtsplanung und -gestaltung gibt es kaum. Die Reformdiskussion der
sechziger und siebziger Jahre in Westeuropa ist an der Schulwirklichkeit in
Polen spurlos vorübergegangen, und es hat keine Versuche zu einer
entsprechenden Reform gegeben. Gleichwohl wurden alle Reformen von
Expertengremien beobachtet und ausgewertet. Das Problem der Nichtumsetzung lag
in der Starrheit des bürokratischen Systems, des politischen Dogmatismus bzw.
der eindeutigen Reformunfähigkeit des realen Sozialismus. Alle wesentlichen
politischen und sozialen Reformen in Polen mußten ertrotzt werden, und das
gelang nur in Schwächephasen des Staates.
Andererseits muß man
die ungeheuer schwierigen Aufbauphasen nach dem Kriege sehen. Polen hatte das
Problem, überhaupt ein leistungsfähiges Bildungssystem zu entwickeln, und
das ist im wesentlichen gelungen! Die Frage nach Reformen wird denn auch nicht
als so gravierend angesehen.
Hinzu kommt, daß die
einzige wesentliche oppositionelle Kraft, die katholische Kirche, in ihrem
Wesen als stockkonservativ gilt und unter allen katholischen Kirchen in Europa
wohl eher als reformfeindlich einzustufen ist. Aber auch dieses hat wiederum
Gründe, die aus der spezifischen Geschichte des Landes abzuleiten sind.
Bei aller
berechtigten Kritik muß man in Polen sehr vorsichtig sein mit Werturteilen,
die westliche Maßstäbe zum Vergleich anlegen! Aber auch dies gehört zu den
Erfahrungen, die in Polen gemacht werden. Das bedeutet bei Schülerreisen nach
Polen für den begleitenden Lehrer ein hohes Maß an Aufnahmebereitschaft und
sehr viel Geschick, die Schülerinnen und Schüler zu sensibilisieren.
Man sollte das
intensive Gespräch mit den polnischen Kollegen und Kolleginnen suchen. Übrigens
unterrichten kaum Männer in den Schulen. Bei den Gesprächen sind die
gegenseitigen Erwartungen und Wünsche nicht deckungsgleich. Für die
polnischen Lehrerinnen und Lehrer steht die Information im Vordergrund. Sie möchten
von der moderneren Methodik und den Erfahrungen in unseren Schulen
profitieren. Dem sollte man unbedingt durch Bücher über Didaktik und
Methodik der einzelnen Unterrichtsfächer als mitzubringende Geschenke
Rechnung tragen. Für uns bundesdeutsche Lehrer steht dann oft die Diskussion
über eine bestimmte uns sichtbare Problematik im Vordergrund. Dieser Ansatz
zu einer kritischen Reflexion hat aber in der Ausbildung und Praxis des
Lehrerberufes in Polen nicht den gleichen Stellenwert wie bei uns. Konkret: Über
die Anweisung des Herrn Direktors wird eben nicht diskutiert, sondern im
Lehrerzimmer geschimpft. Einen Personalrat gibt es natürlich auch nicht.
In den Jahren 1980/81
hatte die
Solidarność-Gruppe einer
Schule eine gewisse Kontrollfunktion wahrgenommen. Nach Zerschlagung dieser
unabhängigen Gewerkschaft blieb alles wieder beim Alten. Es ist ungeheuerlich,
welche Chancen das kommunistische System stalinistischer Prägung in diesem
Zusammenhang nicht nur vertan, sondern sogar zerschlagen hat. Diese Zerstörung
einer politischen Kultur, die in der Zeit der Aufklärung begann und neu in den
sozialen und politischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts
weiterentwickelt wurde, wird erst jetzt wieder durch Basisbewegungen
reaktiviert. Die Chancen, die der reale Sozialismus gehabt hat, sind auf
Generationen vertan.
Dies muß man wissen,
um Reaktionen von Lehrern und Schülern, Meinungsäußerungen etc. richtig
verstehen zu können. In diesem Zusammenhang steht auch die geradezu verklärte
Betrachtung des Westens und die totale Verdammung alles Eigenen. Jahrelange,
zum Teil primitive Propaganda hat das genaue Gegenteil dessen bewirkt, was sie
eigentlich erreichen wollte. Dies führte aber nicht nur zu einer
Nichtreflexion, sondern sogar zu einer emotionalen Ablehnung all dessen, was
irgendwie mit dem Staat und dem politischen System zusammenhängt. Das hat zur
Konsequenz, daß auch
unbestritten positive Leistungen, die Aufbauleistungen in diesem am
schwersten durch den Krieg betroffenen Land, von den Bürgern nicht mehr
wahrgenommen oder gar „in Grund und Boden verdammt“ werden. All diese
Irrationalitäten sind Ausdruck und Mitverursacher der Sozialpathologie. Die
Verfahrenheit der gesamten Situation, die nach ökonomischen Kriterien totale
Hoffnungslosigkeit und andererseits die gegenwärtige völlig irrationale
Euphorie machen dieses Land immer wieder interessant.
Es ist zu empfehlen,
in Auswertungsgesprächen die Schüler längere Phasen erzählen zu lassen.
Nicht nur, um manche Sachverhalte zu klären, sondern auch, um den Hang
unserer Schüler zur Überheblichkeit – ein seit Jahren sich entwickelndes
bundesdeutsches Phänomen – einzudämmen. Die Überheblichkeit aufgrund der
westdeutschen ökonomischen Stärke erscheint uns zusammen mit der neuen
Reproduktion klassischer deutscher Vorurteile das entscheidende Problem der
gegenwärtigen jungen Generation im Zusammenhang mit den östlichen Nachbarländern
der BRD, vor allem in Bezug auf Polen, zu sein. Übrigens gibt es bei
Jugendlichen aus der DDR gegenüber Polen ähnliche Erscheinungen. Wir können
jedoch aufgrund unserer langjährigen Erfahrung in diesen skizzierten
Problembereichen von positiven Ergebnissen sprechen – aber: die Problematik
muß uns Lehrern bewußt sein.
Nun zum Gegenbesuch der
polnischen Schüler: Vorab müssen wir feststellen, daß uns ein riesengroßer
Stein vom Herzen fiel, als wir hannoverschen Kollegen die polnischen Schüler
und Lehrer und den Herrn Direktor am Bahnhof in Helmstedt im Empfang nahmen,
um gemeinsam mit dem Bus nach Hannover zu fahren.
Die polnischen Gäste
konnten nämlich nicht, wie geplant und abgesprochen, ein Jahr später – im
September 1984 – nach Hannover kommen! Zunächst schlug die sogenannte
„Wende“ in Bonn aufgrund gewisser Sonntagsreden, die wohl die
Dauermobilisierung des Potentials der Vertriebenenverbände zum Ziel hatten,
voll durch. Die politischen Fronten verhärteten sich, obgleich die
innenpolitischen Voraussetzungen in Polen durch den zunehmenden
Liberalisierungs- und Demokratisierungsprozeß an sich sehr positiv waren für
unsere gemeinsame UNESCO-Arbeit.
Die vorläufig
zugesagten Genehmigungen wurden in Warschau zurückgezogen, obwohl das
Volksbildungsministerium sich für die Fahrt ausgesprochen hatte; dort saßen
viele Reformer, die die gemeinsame Arbeit weiterhin selbstverständlich
unterstützen wollten. Im Außenministerium gab es eine positiv eingestellte,
starke Fraktion, vor allem im Bereich der Westexperten. Verhindert hat dann
die Fortführung des Schüleraustausches das sogenannte
Administrationsministerium, das während des Kriegszustandes gebildet worden
war und in dem die „Betonfraktion“ dominierte. Inwieweit Druck aus der DDR
zur Verhinderung unserer Kontakte erfolgte, ist von dieser Stelle aus nicht zu
beurteilen. Man muß aber davon ausgehen, daß dieser permanent erfolgt,
wenngleich alle relevanten politischen Kräfte in Polen den Weg der Unabhängigkeit
von der Sowjetunion und der DDR in bezug auf die Westpolitik beschritten und
beschreiten.
Ab 1985 haben dann
alle am Zustandekommen Beteiligten politisch gekämpft, um diesen Schüleraustausch
nicht durch das dumme und unverantwortliche Gerede gewisser Sonntagspolitiker
in der Bundesrepublik und der Betonfraktion in Warschau kaputt gehen zu
lassen.
Politische Amts- und Funktionsträger, vor allem in der
Sozialdemokratischen Partei und der F.D.P., setzten sich für uns ein. Auf
polnischer Seite verdanken wir eine wichtige Unterstützung dem damaligen
stellvertretenden Ministerpräsidenten Rakówski. Der Oberbürgermeister von
Hannover und der Stadtpräsident von Pozna
setzten sich ebenfalls nachdrücklich ein.
Die Botschaft der Volksrepublik Polen hat unser Bemühen ebenfalls sehr
wohlwollend unterstützt. Den entscheidenden Durchbruch hat dann aber eine
Intervention des ehemaligen Bremer Bürgermeisters Hans Koschnik als
Vorsitzender des interfraktionellen Polenausschusses im Bundestag beim
ZK-Sekretär für Auswärtiges im Politbüro im Dezember 1985 während der
Brandt-Reise nach Warschau zu unseren Gunsten verursacht.
Mit zwei Jahren Verspätung
– das deutsch-polnische Verhältnis hatte sich nach der Rede des Bundespräsidenten
zum Gedenktag des 8. Mai 1945 und dank der Bemühungen des deutschen Außenministers
und jetzt auch aller im Bundestag vertretenen Parteien merklich entspannt –
konnten wir die polnischen Gäste im September 1986 empfangen. Kleinere Pannen
bei der Vorbereitung gehören zum polnischen Alltag und sollen nicht extra erwähnt
werden.
Die politische
Hintergrundproblematik wurde aber skizziert, um deutlich zu machen, daß
fruchtbare UNESCO-Arbeit in diesem europäischen Entspannungsprozeß mit
deutschen und polnischen Jugendlichen nur innerhalb der gegebenen
Rahmenbedingungen ablaufen kann.
Leider ist ein
Hemmschuh, der aufgrund bundesdeutscher Kulturquerelen entstandene
Kompromißbeschluß der Kultusministerkonferenz von 1982, die
„Perlenkette“, d.h. die sogenannte Grenze von 1937, auch auf physischen
Landkarten für den Schulgebrauch zu verzeichnen, noch immer nicht beseitigt.
Die auch jetzt, 1989, am Vorabend zum fünfzigsten Jahrestag des
Kriegsbeginnes wieder hochgespielte unselige Grenzdiskussion hat zur Folge, daß
das Kulturabkommen mit Polen nach wie vor auf Eis liegt und der Wunsch des
Bundeskanzlers, noch zu seiner Amtszeit ein Deutsch-Polnisches Jugendwerk zu
gründen, als etwas zu optimistisch einzustufen ist. Wir müssen akzeptieren,
daß Polen seine Prinzipien hat und diese trotz wirtschaftlicher Depression
beibehält. Die Selbstachtung der Polen läßt es nicht zu, daß sie sich
verkaufen!
Also auch in diesem
Bereich spüren wir die Grenzen der UNESCO-Arbeit! Das bedeutet aber nun
nicht, daß die Arbeit behindert wird. Man muß sagen, daß alle anstehenden
Probleme einvernehmlich in sinnvollen Kompromissen geklärt werden konnten.
Der Schüleraustausch
von 1986 kann kurz skizziert werden: An mehreren Tagen erfolgte vormittags
gemeinsamer Unterricht in der Bismarckschule. Daneben wurde ein gemeinsames
Besichtigungsprogramm abgewickelt. Zum offiziellen Teil gehörte auch ein
Empfang beim Oberbürgermeister, der unsere gemeinsame Arbeit würdigte. Die
Kultur kam ebenfalls nicht zu kurz, und außerdem gab es intensive persönliche
Kontakte. Am Abschluß der zwölf Tage waren alle Beteiligten erschöpft aber
glücklich. Wir hatten die Hoffnung, 1987 ohne Probleme den Besuch erwidern zu
können. Plötzlich kam aber von polnischer Seite der Vorschlag, aus dem Schüleraustausch
eine gemeinsame Ferienaktion deutscher und polnischer Schüler an der Ostsee
zu machen. Offensichtlich hatten die gemeinsamen Gegner in der polnischen
Politik wieder einen Versuch gestartet, uns aus der Schule herauszudrängen
und damit die langjährige Arbeit zu blockieren. Wir sahen es so! Gemeinsam
mit den polnischen Partnern fanden wir einen sinnvollen Kompromiß: Wir
vereinbarten, daß der Schüleraustausch fortan themenorientiert ablaufen
sollte, und zwar beim Besuch und Gegenbesuch. Dies bedeutete, daß im
September 1987 die hannoversche Gruppe zunächst vier Tage gemeinsam mit den
polnischen Schülern an einem See bei Posen (im Warthe-Netze-Bereich) einen
Segelkurs machen und auch im Zeltlager gemeinsam wohnen sollte. Der enge
Kontakt und die bewußt primitive Unterbringung am See wurden als sehr positiv
aufgenommen. Anschließend fuhr man nach Pozna
zum ersten Schultag nach den polnischen
Sommerferien. Dort liefen Unterrichts- und Begleitprogramm entsprechend ab.
Unsere Schüler erlebten noch eine sehr schöne Jubiläumsfeier in den
gemeinsamen Tagen. Die Unterbringung erfolgte dort in der Jugendherberge.
Beim Gegenbesuch 1988
fand zunächst – im Rahmenthema Sport – ein gemeinsames Zeltlager am
Steinhuder Meer statt, bei dem man Surfen und Segeln lernen konnte. Anschließend
kamen die Schüler in die Bismarckschule. Das etwas verkürzte Programm
entsprach dem vorhergehenden. Die Unterbringung erfolgte in der Jugendherberge
am Maschsee, so daß die polnischen Schüler zu Fuß die Bismarckschule
erreichen konnten. Das Maschseefest bildete einen Höhepunkt. Für die Lehrer
und Schüler an der Bismarckschule war der Schüleraustausch mit Polen zu
einem Stück Normalität und Routine geworden. Die Anstrengungen und
Belastungen hatten sich gelohnt.
Die für die Jahre
1989 und 1990 geplanten Fahrten stehen unter dem thematischen Aspekt
Geographie. Dies bedeutet, daß innerhalb der vorgesehenen zwölf Tage ein
gemeinsamer viertägiger Besuch der „Dreistadt“ Gda
sk-Sopot-Gdynia stattfindet. Dort sollen
gemeinsam Studien unter stadtgeographischen, ökologischen und ökonomischen
Gesichtspunkten erfolgen. Wissenschaftler der Universität Danzig haben sich
gern zur Hilfestellung bereit erklärt.
Die restliche Zeit
wird wieder gemeinsam in Pozna
verbracht. Novum ist, daß nun endlich die
Unterbringung in den Gastfamilien erfolgt. Damit ist in diesem Zusammenhang
unser Ziel erreicht und auch hier ein Stück Normalität unter Freunden
hergestellt.
Die Details des
Gegenbesuches sind noch nicht konzipiert. An dieser Stelle sei auch die hohe
Unterstützung durch die Stadt Hannover erwähnt, ohne die unter den gegebenen
Umständen der Schüleraustausch nicht hätte durchgeführt werden können.
Dank gebührt insbesondere dem Oberbürgermeister und den Kollegen im
Kulturamt der Stadt Hannover, das für die Kontakte mit Pozna
zuständig ist.
Außerdem haben wir
wesentliche Hilfe und Unterstützung vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt
erhalten: Herr Dedecius hat sich persönlich dafür eingesetzt, daß wir aus
dem Fond des Herrn Bundespräsidenten von Weizsäcker erhebliche Mittel für
Ausflüge, Konzerte und Lehrmaterial als Starthilfe zur Verfügung gestellt
bekamen.
Man sollte möglichst
jede nach Polen reisende Jugendgruppe gut vorbereiten; für Schüleraustauschgruppen
ist dies aber unabdingbar. Nähere Ausführungen dazu sind in einem Aufsatz
von meiner Kollegin Eva Helms und mir enthalten.
Wesentliche Punkte sind die Sensibilisierung für das Alltägliche sowie die
Bewußtmachung des „bei uns“ Selbstverständlichen. Es ist wichtig,
bekanntes Wissen über Polen aus dem Geschichts- und Erdkundeunterricht zu
wiederholen. Weiterhin muß vorher und hinterher über die Problematik des
vorurteilsbesetzten Wissens gesprochen werden. Da in Polen „alles anders ist
als in der DDR“, sollte man versuchen, die Schüler zur Aufnahme des Neuen
aufzuschließen bzw. spontane Schüleräußerungen während des Aufenthalts zu
sammeln und möglichst darüber zu sprechen.
Ein delikates Problem
sind die Fragen nach den Gastgeschenken. Schüler weigern sich oft, Schokolade
und Kaffee mitzunehmen, da sie nicht „Weihnachtsmann“ spielen wollen.
Man muß ihnen dann
sagen, daß jemand sich riesig und auch wirklich echt über ein solches
Mitbringsel freut, weil er es sich gegen Landeswährung nicht kaufen kann und
gegen US-Dollar nur zu horrenden Preisen! Wenn demnächst alle Waren,
abgesehen von den allernötigsten Grundnahrungsmitteln, nicht mehr
subventioniert werden und der Verkauf auch in Landeswährung möglich ist,
dann werden mit Sicherheit alle Preise über dem bundesdeutschen Niveau
liegen. Auch an diesen Beispielen kann man die Bitternis des völlig
abgesunkenen Lebensstandards deutlich machen.
Beim Besuch
polnischer Jugendlicher sollte man versuchen, z.B. im Rahmen einer
alternativen Stadtführung wie in Hannover, bei der auch die Stätten der KZ
und die Gräber ermordeter polnischer und russischer Zwangsarbeiter besucht
werden, oder auch durch eine gemeinsame Fahrt zur Gedenkstätte Bergen-Belsen,
eine spezifische Form der Betroffenheit angesichts der Teilnahme von Angehörigen
der Opfernation zu erreichen. Wir haben z.B. 1986 zusammen mit den polnischen
Austauschschülern und gleichzeitig anwesenden amerikanischen Austauschschülern
Bergen-Belsen besucht; eine vollständige Darstellung und Auswertung kann
jetzt nicht vorgenommen werden. Nur eines: Wir waren am Ende des Rundganges,
als wir uns vor der Gedenkstätte trafen, völlig unfähig, Worte für die
Eindrücke und Gedanken zu finden. Wir haben geschwiegen. Hier mußte dann der
Lehrer das Schweigen angemessen durch wenige Sätze beenden. Ich muß sagen,
daß ich selten unter einer solchen Spannung schweigend verharrt habe.
Ein Anfangsproblem
sollte noch erwähnt werden: Für die polnischen Schüler bedeutet es eine
sehr hohe Auszeichnung, in die Bundesrepublik fahren zu dürfen. Die Auswahl
stellt in der Regel eine Belohnung für sehr gute Leistungen dar. Alle Schülerinnen
und Schüler werden aber vorher eindrücklich ermahnt, ihre Schule, ihre Stadt
und ihr Land würdevoll zu vertreten. Die polnischen Lehrerinnen legen dann
– zumindest solange man sich noch nicht so gut kennt – sehr viel Wert auf
vorbildliches und diszipliniertes Verhalten ihrer „Zöglinge“. Man sollte
also bei gemeinsamen Veranstaltungen, bei denen es darum geht, gemeinsame
Regeln aufzustellen und einzuhalten oder auch das Ende einer abendlichen
Veranstaltung festzulegen, recht behutsam vorgehen. Wir hannoverschen Lehrer
haben in solchen Fällen vorgelebt, wie wir kollegiale Entscheidungsprozesse,
auch zusammen mit dem Schulleiter, durchführen und umsetzen. Hier hat sich
aber inzwischen ein völlig problemloses kollegiales Miteinander und Lernen
voneinander ergeben. Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt ist der Konsens im
eigenen Kollegium. Ein Schüleraustausch, vor allem in diesem sensiblen
Bereich, ist nur möglich, wenn er von einer breiten Mehrheit des Kollegiums
und auch der Elternschaft getragen wird. Außerdem gibt es an der
Bismarckschule den Konsens, den Schüleraustausch auf möglichst viele
„Schultern“ zu verteilen. Bisher sind jeweils andere Kolleginnen und ein
anderer Kollege zur Begleitung mitgefahren. Gleiches gilt für den parallel
ablaufenden Lehreraustausch, bei dem pro Jahr eine kleinere Delegation von
Lehrern und Lehrerinnen fährt oder bei uns zu Gast ist. Diese wenige Tage
dauernden Besuche dienen außerdem jeweils der Vorbereitung des dann folgenden
Besuches mit der Schülergruppe. Wir erkennen inzwischen, daß vor allem im
Zusammenhang mit den sinkenden Schülerzahlen und den dadurch kleiner
werdenden Schulen die Belastung steigt. Dies hat zur Folge, daß wir die
„Ermüdungen“ spüren. Die Frage, ob und inwieweit man alle Aktivitäten
im vollen Umfange aufrecht erhalten kann, ist nicht grundsätzlich zu klären.
Neben Stundenentlastungen für besonders belastete Kollegen und Kolleginnen
bietet sich auf anderer Ebene eine Kooperation mit einer anderen Schule an,
die vielleicht noch keinen Austausch praktiziert.
Bezüglich
unseres Türkeiaustausches kooperieren wir z.B. mit dem Gymnasium Bad
Nenndorf.
Solche Regelungen sind gegebenenfalls zu erörtern. Auf keinen Fall aber
sollte man angesichts der für die Zukunft zu erwartenden sozialen Spannungen
in Europa und des Wachsens von Vorurteilspotentialen in der Bevölkerung von
einer sinkenden Bedeutung der UNESCO-Arbeit ausgehen. Noch ein Hinweis: In der
Bismarckschule wird gegenwärtig erwogen, Erfahrungsberichte über alle Ansätze
der UNESCO-Arbeit und auch über die frühere Arbeit seit den fünfziger
Jahren zusammenzustellen und zu veröffentlichen.
Zu nennen wären Aktivitäten bezüglich japanischer und afrikanischer
Gruppen, ein Austausch mit den USA sowie ein amerikanisch-europäisches
UN-Projekt in Den Haag (THIMUN), der laufende Finnlandaustausch und die
Englanderfahrungen.
Lothar
Nettelmann