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Gerhard Voigt

Polen

Von den Schwierigkeiten des politischen und ökonomischen Wandels in einem osteuropäischen Reformstaat und den Auswirkungen auf das Verhältnis zu Europa

Stichworte und Fragestellungen

  1. Die Polnische Krise 1989-94:

  • Die Polnische Wirtschaft: Daten und Entwicklungen

  • Strukturwandel, Privatisierung und Arbeitslosigkeit

  • Struktur- und Systemkrisen

  1. Was erlebt der Besucher in Polen: Wahrnehmung und Vorurteil

  • Polnische Wirtschaft“: Beispiele und Erklärungen

  • „Alltagsanarchismus“: Die Polen und ihr Staat

  • „Polen im Alltag“: Gastfreundschaft und Höflichkeit

  1. Ein Blick in die Geschichte

  • Polen, Nation und Staat

  • Polen und der Katholizismus

  • Polen und Europa

  1. Probleme des Deutsch-Polnischen Verhältnisses

Problemaufriss:

Das Verhältnis der polnischen Gesellschaft einschließlich ihrer politischen Eliten zur kommuni­stischen Regierung nach dem zweiten Weltkrieg war immer problematisch und vielschichtig; das Regierungssystem war niemals so einfach als „Ge­walt­herrschaft“ zu beschreiben, wie es für die Nachbarstaaten DDR und CSSR heu­te oft üblich geworden ist. In Dezennien aufeinander folgende Unruhen und - letztlich gescheiterte - Reformansätze kennzeichnen die polnische Nachkriegsgeschichte. Damit wurde Polen - neben Ungarn - seit der Gründung der unabhängigen Gewerkschaftsbewegung Solidarność und den „Danziger Verträgen“ von 1980, aber unterbrochen von der Zeit des Kriegsrechts unter Jaruzelski 1981 - 1989, zu einem wichtigen Faktor in dem Prozess der sozioökonomischen und politischen Umgestaltung Ost- und Südosteuropas.

Die besondere Krisendynamik, die sich in Polen beobachten lässt - Verelendungsprozesse, mangelnde Staatsakzeptanz, Zerfall staatlicher Institutionen, Entwicklung eines mafiöse Untergrundes - und die „typisch polnischen Reaktionen“ auf die Krise lassen sich nur vor dem Hinter­grund der besonderen polnischen Ge­­sellschaftsform verstehen, die Produkt der wechselvollen und von den west­euro­­päischen Nationen abweichenden Nationalgeschichte Polens ist.

In Polen hat sich eine besondere Politische Kultur entwickelt, die sich in der in­­dividuellen wie der gesellschaftlichen Reaktion auf Krisen und Konfliktlagen ablesen lässt. Vor allem die Rolle des Staates und seiner Institutionen ist in Polen an­­ders zu bewerten als in Westeuropa, was spezi­fisch polnische Wege der Krisenbewältigung notwendig macht.

Thesen:

  1. Der umfassende Begriff „Krise“ greift zu kurz und differenziert die ge­sell­schaft­­liche Situation zu wenig. Es sind zu unterscheiden:
    Transformationskrisen: Krisenerscheinungen, die sich aus der instabilen Lage beim Über­gang von einer zu einer anderen Wirtschafts- und Staatsordnung er­­geben;
    Systemkrisen: Krisenerscheinungen, die sich aus „Fehlern“ im Steue­rungs­mo­dell eines Wirt­schafts- oder Staatssystems ergeben (rechtliche und öko­no­mi­sche Unvereinbarkeiten, Kom­munikationsbarrieren, konkurrierende Eliten: sol­che Systemkrisen treten regelmäßig in allen Gesellschaftsordnungen auf);
    Struk­turkrisen: Deformationen, Disproportionen und Brüche in der räumlichen und sozialen Struktur einer Gesellschaft, die die Brüche und Krisen der er­leb­ten und erlittenen Geschichte widerspiegeln.

  2. Polen erlitt im Laufe seiner Geschichte mehrfach fundamentale räumliche Ver­schie­bungen nach Osten bzw. nach Westen. Dabei war Ostverschiebung meist mit einer politischen Option für die westlichen Kontakte, Westverschiebung mit der Option für östliche politische Integra­tion verbunden (nach Jer­zy­kie­wicz-Jagemann: „Jagiellonische vs. Piastische Staatskonzepti­on“).

  3. Die räumlichen Verschiebungen drücken sich in strukturellen Deformationen und Disparitä­ten aus, die unmittelbar hemmenden Einfluss auf die wirt­schaft­li­che Entwicklung haben (defizitäre Infrastruktur, labile außenwirtschaftliche Ver­flechtungen).

  4. Die polnische Transformationskrise wird vor allem durch den plötzlichen und unvorbereiteten Wegfall des RGW gekennzeichnet mit dem Verlust von Aufträgen (Schwerindustrie, Schiffbau, Maschinenbau), Rohstoff- und Energielieferungen (Erdöl, Strom, Eisenerz, Buntmetalle) und ausstehenden Zahlungen für schon erbrachte Leistungen.

  5. Der polnische Staat ist traditionell schwach; die nationalstaatliche Iden­ti­fi­ka­tion mit zentra­len Staatsinstitutionen hat sich in Polen nicht in dem Maße her­ausbilden können, wie in den Gebieten Westeuropas, deren politische Ge­schich­te sich seit dem Mittelalter auf Staatskonsolidierung und militärische Staats­raison konzentriert hatte (fränkische Grafschaftsordnung, imperiale Reichs­idee, später Absolutismus und bürgerlicher Nationalstaat). In Polen erfolgte eine nichtetatistische Gesellschaftsentwicklung vom freien Bauerntum über das Wahlkönigtum und die Szlachtagesellschaft (Adelsrepublik) mit ihren Freiheitsrechten des liberum veto und des Konföderationsrechtes.

  6. Die sich daraus entwickelnde Politische Kultur Polens steht jeder staatlichen Machtfülle skeptisch bis ablehnend gegenüber („Alltagsanarchismus“), was sich in der Identifikation mit Gegenmacht repräsentierenden Gruppen aus­drückt (Kirche, Familie, Klientel). Staatsgewalt wird in der neueren Ge­schich­te vor allem als Oktroi fremder Interessen erlebt (Polnische Teilungen, preußische Polenpolitik, russische Unterdrückung, nazideutsche Okkupation, stalinistische Abhängigkeit der Volksrepublik von der Sowjetunion); das bestätigt und verfestigt die ohne­hin vorhandene Staatsferne der Politischen Kultur.

  7. Die aktuelle Krise unterscheidet sich für Polen von früheren sozioökonomischen Krisen dadurch, daß die traditionellen Krisenlösungskonzepte sich plötzlich als ungeeignet zur Krisenlösung erweisen und Verarmung, Verelendung und Machtlosigkeit nicht abwenden; die tradi­tionellen Verhaltensweisen sind gekennzeichnet durch das Unterlaufen staatlicher Maßnahmen, privatistische Überlebensstrategien, Verhalten im Untergrund, Basisloyalitäten. Die da­r­aus folgende subjektive Perspektivlosigkeit ist eine neue Erfahrung für Polen, die zu Resignation oder Aggression führt. Eine Entfremdung von der eigenen Geschichte wird als Orientierungslosigkeit erlebt, was gemeinsame staatliche Krisenlösungen noch erschwert.

  8. „Zentrum-Peripherie-Modell“: geographisch-sozialwissenschaftlicher Erklärungsansatz für räumliche und soziale Disparitäten, die dadurch entstehen, daß ein höher entwickeltes Zentrum die wichtigsten Wirtschaftsaktivitäten und Machtfunktionen (Eliten, Politik, Kultur) auf sich zieht und das Umland bzw. Randgebiet „marginalisiert“ (d.h. in die Bedeutungs- und Chancenlosigkeit verweist). Leitvorstellung für den globalen Nord-Süd-Konflikt (Entwicklungsländerproblematik), zunehmend aber auch auf die Länder Ost- und Südosteuropas angewandt. Im kleinen Maßstab aber auch innergesellschaftlich zwischen Anwachsen des Reichtums und Verarmung von Un­ter­­schich­ten nachzuweisen („Zweidrittelgesellschaft“, „Reagonomics“ in den USA).

Daten zur polnischen Geschichte:

962 - 1370

Piastenstaat von Mieszko I. bis Kazimierz d.G., Westlage Polens, „Ostkolonisation“, Deutscher Ritterorden

1386 - 1548

Jagiellonen (Wladyslaw Jagiello bis Zygmunt I. Stary), Union mit Litauen, Ostexpansion, Aufstieg der Szlachta

1410

Sieg über den Ritterorden (Grunwald)

1572 - 1795

„Adelsrepublik“ mit Vorherrschaft der Szlachta, Wahlkönigtum („liberum veto“ und Konföderationsrecht)

1683

Sieg über die Türken bei Wien durch Jan Sobieski

1764 - 1795

Stanislaw Poniatowski versucht der Zerfall des Staates vergeblich durch liberale und aufgeklärte Reformen aufzuhalten.

1772

Erste Polnische Teilung

1793

Zweite Polnische Teilung

1795

Dritte Polnische Teilung und Auflösung des Staates

1795 - 1918

„Noch ist Polen nicht verloren“: Der Freiheitskampf

1797

Polnische Brigaden unter Dabrowski in Italien

1887

Liga Polska der bürgerlichen Kräfte

1892

Polnische Sozialistische Partei unter Pilsudski

1894

Liga Narodowa unter Poplawski und Dmowski

1917 - 1939

Der neue Polnische Staat, Pilsudski; Wirtschaftskrise

1939 - 1945

Deutsche Okkupation, 2. Weltkrieg, deutsche Vernichtungspolitik gegen das polnische Bürgertum, den polnischen Widerstand und die Juden Vernichtungslager)

1944

Warschauer Aufstand, Vernichtung der Stadt, Erste provisorische polnische Regierung; Bürgerkrieg

1948 - 1956

Stalinismus (Bierut), 1956 Posener Aufstand

1956 - 1970

Gomulka; Industrialisierung, Versorgungsprobleme;

1968 - 70

Studentenunruhen, Aufstand in Danzig

7.12.70

Warschauer Vertrag mit der BRD

1970 - 1980

Gierek; Wirtschaftsreformen, Konsumorientierung, Auslands­verschul­dung; Wirtschaftskrise

1980/81

Streik der Danziger Werftarbeiter, Solidarność

1981 - 1989

Jaruzelski; Konsolidierungspolitik, Wirtschaftsreformen; In­fla­tion, Ver­schul­dungskrise, soziale Verelendung;

1989/90

politische Wende, bürgerlich-liberale Republik

Begriffserklärungen:

Szlachta:

polnischer Adel (ursprünglich freies Großbauerntum), nicht verwandt und vergleichbar mit dem westeuropäisch-deutschen Hochadel (ehm. „frän­ki­scher Adel“)

liberum veto: 

das Recht eines Adligen im Sejm (Parlament), jeden Beschluß durch ein veto („Ich verbiete“) verhindern zu können

Konföderation:

Bündnis von Adligen auch gegen den eigenen König

politische Kultur:

die Gesamtheit der gesellschaftlichen Verhaltensformen und Werte, die in der Gesellschaft durch Alltagsverhalten, Familie und Schule tradiert wer­den

Literatur zum Thema Polen:

Feo Jernsson: Polen im Widerspruch. Eine geistig-politische Landschaftsbeschreibung. München 1987 (Olzog)

Enno Meyer: Grundzüge der Geschichte Polens. Darmstadt 19903 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)

Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt: Polen - Nation ohne Ausweg? Eine Einführung in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Umwelt (Geschichte und Staat Band 274). München 1986 (Olzog)

- dieselben: Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienreisen. Schriftenreihe des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Masch­see, Bismarckschule Hannover, e.V., Hannover 1990

Gotthold Rhode: Geschichte Polens. Ein Überblick. Darmstadt 19803 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)

Hans Roos: Geschichte der polnischen Nation 1918-1985. Stuttgart 1986 (Klett)

Gerhard Voigt: Schülerreisen nach Polen. Praxis Geographie 4/92, S. 44 f.

Weitere grundlegende Literatur vgl. Praxis Geographie, Themenheft Polen, 4/92 (We­stermann) und

"Politik Unterricht Aktuell", 1/93, Die Wandlungsprozesse in Osteuropa am Beispiel Polens [Verband der Politiklehrer, Hannover]

Ewa Kobylinska, Andreas Lawaty und Rüdiger Stephan, Hrsg.: Deutsche und Polen. 100 Schlüsselbegriffe. München 1992 (Serie Piper 1538) [Sehr empfehlenswerte Essays gerade zur Geschichts- und Gesellschaftsphilosophie und der Politischen Kultur Polens und Deutschlands!]

Dokument Information:

Bismarckschule Hannover, OStR Geographie und Politik, 28.09.94 (PL-BBS1.DOC

   
   

Verantwortlich für diese Seite

Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand:28.09.1994

Letzte Bearbeitung: 15.10.2011

   
   

 

     
   

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