Zu
den inhaltlichen Kontexten der Studienfahrtplanung
Ausschlaggebend
für die ökonomische Entwicklung Europas und die
wirtschaftsgeographische Standortentwicklung ist die Lösung der
grundlegenden Strukturdisparitäten und Entwicklungskonflikte in den Ländern
Ost- und Südosteuropas und des an Europa angrenzenden
Mittelmeergebietes. In der Vorbereitung der Studienfahrt nach Polen wird
die wirtschaftsgeographische und historisch-geographische Entwicklung
der durch ihre inneren Probleme und ihre Randlage zu Europa verbundene
Region von Rußland bis zum Nahen Osten untersucht, wobei im Erdkunde-
und Politikunterricht neben den allgemeinen wissenschaftlichen Erklärungsmodellen
vor allem auch regionale Beispielräume, z.B. Polen, Ukraine und die Türkei
exemplarisch bearbeitet werden.
Die
aktuellen weltpolitischen Krisen bis hin zu eskalierenden Gewaltakten
sind eng mit den politischen und gesellschaftlichen Problemen der Region
der Transformationsländer und der sogenannten Semiperipherien verknüpft.
Semiperiphere Regionen wie die Türkei oder der Nahe Osten wurden früher
meist als „Schwellenländer“ bezeichnet. Dies implizierte aber die
Erwartung, das diese Länder in einem
letztlich sich problemlos vollziehenden Übergang an der „Schwelle des
Industriestaates“ befinden würden. Die weitere Entwicklung zeigte
jedoch, daß die Region weitgehend zu den „Modernisierungs- und
Globalisierungsverlierern“ zählt und die eigene soziale Figuration
als diskriminierte sowie die eigene Situation als oktroyiert wahrnimmt.
Die Skepsis gegenüber dem „westlichen Zivilisations- und
Staatsmodell“ hat stetig in dem Maße zugenommen, als sich die
Industrieländer nicht in der Lage sahen bzw. in ihren Eliten nicht
gewillt waren, die fundamentalen Probleme dieses Raumes auch nur
ansatzweise zu verstehen, geschweige denn realisierbare Lösungen zu
erarbeiten. So kommt es zunehmend auch zu innenpolitischen Krisen, bei
denen sich westlich orientierte Eliten, die tendenziell zu den ökonomischen
Modernisierungsgewinnern zu zählen sind, von den verarmenden Massen
entfremden, die ihrerseits keine Chance zur Teilhabe an modernen
Wirtschafts- und Lebensformen für sich erkennen und daher oft Schutz
suchen in traditionalen und religiösen Ordnungsvorstellungen.
Wenn
auch der aktuelle Blick diese Entwicklung vor allem in den
semiperipheren Regionen des Nahen Ostens wahrnimmt und dies daher fälschlicherweise
mit arabischen oder islamischen Wurzeln gleichsetzt, bestehen in den
ost- und südost-europäischen Transformationsländern ähnliche
Tendenzen und Gefahren, da auch hier die Kluft zwischen herrschenden,
industrielle und globalisierte ökonomische Modernisierungsschübe anstoßenden
Eliten und der Masse der „Modernisierungsverlierern“ zunimmt. Die
bis jetzt noch als gescheitert anzusehende oder aber zumindest als mit
zu großen menschlichen Opfern erkaufte Transformation des ehemaligen
Jugoslawiens ist ein andauerndes Beispiel für die Krisenthese. Aber
auch die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, nur oberflächlich
ökonomisch verbunden als GUS-Staaten, zeigen gesellschaftliche Auflösungs-
und Destabilierungstendenzen, die sich dezentral-regionalisierten
Herrschafts- und Machtverbänden, mafiösen Strukturen und partieller
Anomie fokussieren und sich lokal – wie in Tschetschenien – auch
analog zu den „jugoslawischen Erbfolgekriegen“ in sich
ethnifizierenden Separations- und Bürgerkriegen ausprägen.
In
Europa selbst sind Weißrußland und die Ukraine Staaten, deren
Gesellschafts- und Herrschaftssystem sich noch weit weniger den europäischen
Standards angenähert haben als die ostmitteleuropäischen
Transformationsländer Polen, Tschechien oder Ungarn. In diesen beiden
ehemaligen Teilstaaten der UdSSR spitzen sich politische und ökonomische
Krisenlagen zu, auch wenn die Ukraine offiziell vor allem eine ökonomische
Annäherung an Mittel- und Westeuropa, d.h. also auch an die EU, wünscht
und anstrebt. Auf lange Sicht gesehen können diese Länder, vor allem
wenn die baltischen Staaten Schritt für Schritt in die Europäische
Union einbezogen werden und wenn Polen nach seinem vollzogenen
NATO-Beitritt auch Vollmitglied der EU wird, nicht aus den europäischen
ökonomischen und politischen Kontexten ausgeschlossen bleiben, was
sonst zu einer gefährlichen Destabilisierung Gesamteuropas führen könnte.
Hier sind Wege zu erproben, wie die innerstaatlichen Krisenerscheinungen
der europäischen GUS-Staaten einschließlich Rußlands ohne
„jugoslawische Verhältnisse“ und in Berücksichtigung der Brisanz
der Radikalisierungs- und Anomierungs-Gefahren durch Massen von
„Modernisierungsverlieren“ gelöst werden können. Ähnliches gilt
übrigens auch für die Türkei, deren innere Strukturproblematik wohl
nur in gesamteuropäischen Kontexten gelöst werden kann, auch wenn eine
Vollmitgliedschaft in der EU heute noch als realisierbar erscheint.
Um
diese innereuropäischen Disparitäten vor Ort begreifen und bearbeiten
zu können, hatten wir die Absicht, in der Studienfahrt am regionalen,
grenzüberschreitenden Beispielsraum „Galizien“ polnische und
ukrainische Verhältnisse zu vergleichen und neben Krakau (Kraków) in Südost-Polen
auch Lemberg (Lvov/Lviv) in der westlichen Ukraine zu besuchen. Aus
organisatorisch-finanziellen Gründen, die vor allem durch kurzfristige
starke Preiserhöhungen bei den Eisenbahnen und in der Ukraine bedingt
waren, konnten wir den zweiten Teil unserer Planungen leider nicht
realisieren und mußten uns auf Krakau beschränken. In der inhaltlichen
Vorbereitung und in der Gestaltung eines publikationsfähigen
gemeinsamen Abschlußberichtes spielt der polnisch-ukrainische Vergleich
jedoch weiterhin eine zentrale Rolle.
Dabei
kann eine verständnisorientierte Beschäftigung mit dem Kulturraum
Galizien nicht bei einer aktualistischen Perspektive stehen bleiben.
Galizien war immer ein Übergangs- und Durchgangsraum, wenn auch immer
wieder in der Peripherie seinerzeitiger Machtzentren. Dennoch gehört
Galizien zu den exemplarischen und wichtigen Räumen des historischen
ost-mitteleuropäischen Raumes im Schnittpunkt von Herrschaftsinteressen
Polens, Rußlands und des Deutschen Reiches, später in der Zeit der
Polnischen Teilungen zwischen dem Zarenreich, der k.u.k.-Monarchie
Habsburgs und Preußen. An den Bezeichnungen der Reiche wird schon hier
deutlich, daß für die Geschichte Galiziens wie insgesamt
Ost-Mitteleuropas moderne nationalstaatliche Bezeichnungen nicht adäquat
sind, sondern kulturell und sprachlich differenzierte und strukturell
disparate Reiche, später oft ‚Vielvölkerstaaten‘ genannt, das Bild
bestimmten.
Kulturelle
Kontakte und regionale kulturelle Ausformungen bestimmen das Bild dieses
Raumes ebenso wie wechselnde migrationsbedingte Über- und
Unterschichtungen und wechselndes Herrschaftsoktroy. Geschichtsbewußtsein
und eine differenzierte Betrachtung der Wurzeln heutiger
gesellschaftlicher wie raumstruktureller Gegebenheiten verlangt über
die Staatsgeschichte Polens und der Ukraine hinaus eine Beschäftigung
mit dem historischen Konzept „Mitteleuropa“, dem sich zunehmend
Angehörige der politischen und kulturellen Eliten dieses Raumes
verpflichtet fühlen und das auf das positive Erbe der Habsburger
Monarchie ebenso rekurriert wie auf die jüdischen Kulturtraditionen
Ost-Mitteleuropas, die so wichtig für die kulturelle und
zivilisatorische Entwicklung Europas gewesen sind und durch die Shoa
bzw. dem Holucaust durch Okkupation und Nazi-Terror von 1939 bis 1945
ein abruptes tragisches Ende gefunden hat. Heutige Rekonstruktionen mögen
nostalgischen oder auch touristischen Charakter haben wie die
Wiederbelebungen von Klezmer-Musik und jiddischen literarischen
Traditionen. Doch sollte dies nicht abgewertet werden, da es letztlich
ein Teil des gesellschaftlichen Gedächtnisses bewahrt und wieder belebt
und auch dringend notwendige Trauerarbeit an der eigenen Geschichte über
das unwiederbringlich Verlorene ermöglicht.
Der
Blick in die Zukunft in diesem Raum ist spannend. Neben den Gefahren und
Risiken, von denen schon die Rede war, eröffnen sich gerade in Krakau
faszinierende und neue Perspektiven. Stadterneuerung, ökonomischer
Aufschwung und reges gesellschaftliches und kulturelles Leben sind
zukunftsoffen und von erstaunlich optimistischer Grundstimmung, die sich
von oft negativ getönten Befindlichkeiten in den Neuen Bundesländern
der Bundesrepublik Deutschland erstaunlich absetzt. Daher ist eine über
die Stadt hinaus reichende Einordnung in ökonomische und politische
Strukturen und Kontexte gerade in der Auswertung der Studienfahrt
notwendig. Dabei wird die Problematik wachsender regionaler Disparitäten
nicht nur in geographischer Hinsicht immer stärker in den Vordergrund rücken.
Nach
1990 gehört die Region Ost-Mitteleuropa zu den sogenannten
Transformationsländern, in denen wichtige und interessante
Umgestaltungen des politischen, ökonomischen und sozialen Systems zu
beobachten sind, die Kernpunkt der Kursthematik der beteiligten Kurse
sind. Ausschlaggebend für die ökonomische Entwicklung Europas und die
wirtschaftsgeographische Standortentwicklung ist die Lösung der
grundlegenden Strukturdisparitäten und Entwicklungskonflikte in den Ländern
Ost- und Südosteuropas und des an Europa angrenzenden
Mittelmeergebietes. In diesem Raum, dessen Ökonomie auf den europäischen
Markt ausgerichtet ist und auch politisch besonders enge Beziehungen zur
EU bis hin zum Wunsch nach Teilhabe an der europäischen Integration
hat, überlagern sich zwei Entwicklungsprozesse, die jeweils für sich
genommen schon politisch-ökonomische und soziale Konfliktpotentiale
aufweisen, in Verbindung miteinander aber gefährliche regionale und
soziale Disparitäten und Entwicklungen verursachen: einmal der Prozeß
der Systemtransformation der ehemaligen RGW-Länder Ost- und Südosteuropas,
zum andern die Peripherisierungs-Prozesse, die mit der zunehmenden
Inkorporation ökonomischer Peripherien durch die industriellen Zentren
vor allem im Prozeß der gegenwärtigen Globalisierung zu begründen
sind.
Der
Schwerpunkt der praktischen und pädagogischen Einbindung des
Studienfahrt-Themas in den Unterricht liegt beim Erdkunde-Leistungskurs,
für den die Gesamtthematik abiturrelevant ist und von den wenigen nicht
an der Studienfahrt teilnehmenden Schülerinnen und Schülern in
geeigneter Weise ebenfalls bearbeitet wird. Das Ergebnis der
Studienfahrt wird publiziert und soll auch über das Internet verbreitet
werden. Dies wird zu einem zentralen methodischen Ansatz der
Studienfahrt-Vor- und Nachbereitung, die in hohem Maße auf Eigenaktivitäten
und selbständiges thematisches Engagement ausgerichtet ist.
Die
länderkundliche Arbeit in der schulischen Bearbeitung der
Studienfahrt-Thematik ist notwendigerweise interdisziplinär angelegt
und erstreckt sich neben geographischen Fachanteilen auch auf
zeitgeschichtliche, politische und gesellschaftswissenschaftliche Erklärungsansätze.
Einige Länder, vor allem Polen, die Ukraine und die Türkei, müssen
dabei in intensiver Materialarbeit exemplarisch bearbeitet werden.
Studienfahrt, selbständige Informationsbeschaffung und
Materialrecherche sowie traditionelle Unterrichtsarbeit gehen dabei eine
unlösbare Verbindung ein. Dies geschieht unter intensiver Nutzung neuer
Medien im Rahmen des Projektes »InfoSCHUL« im Schulverbund mit zusätzlichen
Veranstaltungen. Letztlich lassen sich die Arbeitsschritte im
Zusammenhang mit Vorbereitung und Auswertung wie folgt aufführen:
-
Allgemeine länderkundliche Übersicht über den Raum Ost- und Südosteuropas (Atlas und Texte).
-
Transformationsprozesse in Polen und der Ukraine: Privatisierung,
Wirtschaftspolitik
-
europäische Integration (Datenbank- und Internetarbeit,
Studienfahrt-Integration).
-
Peripherisierungskonflikte in der Türkei: Südostanatolien-Projekt
(GAP), regionale
Disparitäten
(Textarbeit).
-
Transformation in Osteuropa (Referate im Zusammenhang mit der
Studienfahrt-
-
Auswertung,
-
Dokumentation in Schriftform und als
Internet-Publikation).
Die
Studienfahrt ist eingebunden in das von der Bismarckschule Hannover
getragene Konzept, im Rahmen der organisatorischen Möglichkeiten den
Schülern der Kursstufe eine an ihre Leistungskurse pädagogisch
angebundene Studienfahrt anzubieten. Dazu wird ein gemeinsamer
Studienfahrt-Termin ausgewiesen. Die Fächer Politik und Erdkunde gehören
dabei zu denjenigen Fächern, aus denen heraus sich besonders tragfähige
und in den Unterricht zu integrierende Studienfahrten entwickeln lassen.
Es liegt dabei nahe, eine personelle und fachliche Erweiterung der
Reisekonzeption dadurch zu erreichen, daß Kurse dieser verwandten Fächer
zu einem integrativen fachlich-didaktischen Angebot zusammengeführt
werden und eine solche Studienfahrt gemeinsam durchführen und mit ihren
jeweiligen fachspezifischen Schwerpunkten versehen.
Zusammengefaßt
sollte gesagt sein, daß es bei einer Studienfahrt in den Integrationsfächern
Erdkunde und Politik nahe liegt, die interdisziplinären historischen,
politischen und wirtschaftsgeographischen Fachaspekte in den Mittelpunkt
der inhaltlichen Planung zu stellen und das Programm vor allem auf die
Erkenntnis komplexer gesellschaftlicher Probleme und Transformationen
hin zu auszurichten. Das legte eine Zielwahl nahe, in der aktuelle
politische und historische Determinanten offensichtlich verflochten und
nur in überfachlicher Perspektive zu verstehen sind. Unter diesem
Gesichtspunkt wie unter Berücksichtigung der aktuellen fachlichen
Problematik ist eine Reise in die alte mittel-osteuropäische
Kulturregion Galizien besonders interessant, nicht zuletzt wegen der
alten jüdischen Tradition dieses Raumes, dem Zentrum des Ostjudentums
in der europäischen Neuzeit und den katastrophalen Einschnitten, die
die Geschichte des 20. Jahrhunderts bedeutete: die Reorganisation der
ost-mitteleuropäischen Staatenwelt nach dem Ersten Weltkrieg mit der
Auflösung des Habsburgerreiches und der Oktoberrevolution in Rußland,
mit der deutschen Okkupation im Zweiten Weltkrieg und dem gerade in
Galizien schwerpunktmäßig stattfindenden Genozid am Judentum und
Teilen der nicht-jüdischen osteuropäischen Bevölkerung, und schließlich
der Einbeziehung der Region in den kommunistischen, von der Sowjetunion
dominierten „Ostblock“ nach 1945.
Hinfahrt
nach Kraków
Die
Fahrt nach Kraków am Mittwoch, 19.09.2001, erfolgte mit der Bahn. Daß
der vorgesehene Zug (ICE nach Berlin, Abfahrt Hannover Hbf. ab 18:00
Uhr) zunächst mit einer Stunde Verspätung angekündigt wurde, sorgte
zunächst für einige Aufregung, bis die Bahn mit den ursprünglichen
Fahrzeiten einen Ersatz-Intercity-Zug einsetzte, für den zwar unsere
Reservierungen nicht vorgemerkt waren, der uns aber dann doch pünktlich
nach Berlin / Bahnhof Zoologischer Garten brachte, wo kurz danach auf
dem selben Gleis der Nachtzug nach Kraków mit unseren
Liegewagen-Reservierungen bereit gestellt wurde. Es war gut, daß wir
hier reserviert hatten, dann der Zug war mit Schülergruppen nach Kraków
vollständig besetzt.
Kontakte
zwischen der Gruppen ergaben sich am Abend auch im polnischen
Speisewagen zwanglos. Die Lehrkräfte kamen miteinander ins Gespräch,
wobei interessante Themen über Bildungspolitik mit einem Kollegen vom
Fach Wirtschaftslehre in Hessen und seine Vorbereitung der Polenfahrt
angesprochen werden konnten. Ein Kollege aus dem westniedersächsischen
Raum war sogar in der Deutsch-Polnischen Gesellschaft tätig, so daß über
zukünftige Programmplanungen und Kooperationen gesprochen werden
konnte.
Nach
problemloser Fahrt kamen wir dann am Donnerstag, 20.09.2001, um 06:36
Uhr in an Kraków Glowny an. Am Bahnhof wurde Geld gewechselt und es
wurden Fahrkarten für den Nahverkehr in der Stadt für alle
Teilnehmerinnen und Teilnehmer gleich für die ganze Woche erstanden.
Mit
dem Bus fuhr die Gruppe zum Studentenhotel „Hotel Letni »Bydgoska 19«“,
wo bis zum Mittag dann die Zimmer eingenommen und eine kurze Ruhepause
ermöglicht wurde. Da das Eintreffen im weiteren Sinne noch Frühstückszeit
war, und bis zum Freiwerden der Zimmer etwas Zeit überbrückt werden mußte,
nahmen wir auf der Restaurant-Terrasse beim Hotel Kaffee zu uns. Für
die Organisation war es notwendig, Kontakt mit Prof. Dr. Bronislaw
Kortus (em. Wirtschaftsgeograph der Jagiellonen Universität Kraków)
aufzunehmen, der dann zu uns stieß. Die Lehrer besprachen dann die
Programmgestaltung des Aufenthalt und fuhren mit dem Taxi zu einem
Reisebüro, um für den letzten Tag einen Bus für den Tagesausflug nach
Lancut anzumieten.
20.
– 26. September 2001: Aufenthalt in Kraków
Donnerstag,
20. September: Stadtrundgang
Der
Donnerstag Nachmittag wurde genutzt durch einen Rundgang durch die
Krakauer Altstadt. Der Marktplatz, Rynek Glówny, mit den Tuchhallen, im
13. Jahrhundert erbaut und im Renaissancestil erneuert, war das erste
Ziel. Für die Gruppe der Schülerinnen und Schüler war vor allem auch
das touristisch akzentuierte Angebot in den Buden und Verkaufsständen
in den Tuchhallen interessant und attraktiv. Daß dabei nicht versäumt
wurde, den Funktionswandel des Marktes vor seiner historischen, in das
Mittelalter zurück gehenden Bedeutung und seine Einbindung in das
mittelalterliche System der Stadtrechte anzusprechen, versteht sich von
selbst.
Eine
ausgiebige Besichtigung der Marienkirche und die Begegnung mit dem
Altarwerk von Veit Stoß, dem Hauptwerk seiner Krakauer Zeit, nachdem er
aus Nürnberg hierher übergesiedelt war, beschloß dann die gemeinsame
Veranstaltung.
Vor
dem Abendessen im Hotel stand dann noch genügend Zeit für eine
individuelle Erkundung der Innenstadt zur Verfügung; nach dem
Abendessen wurde Freizeit für die Schülerinnen und Schüler gewährt.
Die Lehrer machten sich auf im Vorgriff auf das vorgesehene Programm am
Montag, den in Rekonstruktion befindlichen Stadtteil Kazimierz zu
erkunden und im „Klezmer Haus“ bei einem koscheren Imbiß den Abend
zu beschließen.
Freitag,
21. September: Fachgespräche über Polen, Besichtigung des Wawel
In
den Räumen des Geographischen Instituts der Universität Krakau waren
wir zu Gast bei Professor Kortus, dem wir seit Jahrzehnten freundschaftlich verbunden sind. Zwei Themen standen im
Vordergrund. Der Politologe, Prof. Dr. Ciomer, referierte in anregender
und übersichtlicher Weise über die Wandlungen des deutsch-polnischen
Verhältnisses bis in die heutige Zeit der Wandlungen und
Systemtransformationen. Dieses Thema wurde auch deshalb so engagiert
behandelt, weil der Referent aktiv in der Polnisch-Deutschen
Gesellschaft Krakau am Ausbau der deutsch-polnischen Beziehungen
mitwirkt.
Prof.
Kortus konzentrierte sich dann auf die Transformationsprozesse Polens
und legte auf unsere Fragen hin besonderen Wert auf die Darstellung der
Veränderungen der regionalen Disparitäten in ökonomischer und
sozialer Hinsicht, wobei sich ein differenziertes, z.T. auch widersprüchliches
in seiner Gesamttendenz aber eher optimistisches Bild für die
Entwicklungen in Polen ergab.
Für
die Besichtigung des Schloß- und Kirchenkomplexes auf dem Wawel ab 14
Uhr war eine Führung vereinbart worden. Die Schloß- und
Kirchenbesichtigung vermittelte viele bleibende Eindrücke und
detaillierte Einsichten in die polnische Geschichte, besonders auch im
Zusammenhang mit den Königsgräbern der Jagiellonen sowie anderer
bedeutender Persönlichkeiten der polnischen Geschichte, wovon an
anderer Stelle ausführlicher zu berichten sein wird.
Interessant
war auch die Person des Begleiters selbst, der als sehr alter Mann für
diese Aufgabe ein bemerkenswertes Engagement zeigte. Auf Rücksprache
sagte er, daß er als studierter Jurist früher als Museumsleiter und in
der staatlichen Museumsverwaltung tätig gewesen war und jetzt als
Rentner die kargen Einkünfte nach der politischen »Wende« durch
Wawelführungen aufbesserte. Sein umfassendes historisches und
literarisches Wissen machten seine Erläuterungen besonders interessant,
da er auch auf detaillierte Rückfragen keine Antwort schuldig blieb.
Daran zeigte sich wieder, daß auf Studienfahrten in der »originalen
Begegnung« nicht nur das geplante Programm für den Erfolg wichtig ist,
sondern gerade die zufälligen Begegnungen und Kontakte, Gespräche und
überraschenden Beobachtungen sichern die Eindringlichkeit und Realitätshaltigkeit,
die üblichem theoretischen und schulischen Zugang „am grünen
Tisch“ so oft versagt bleibt. Wahrnehmungsfähigkeit kann nur durch
die Chance zur Wahrnehmung selbst herbeigeführt werden.
Für
die Lehrer rundete sich der Abend in ähnlicher und freundschaftlicher
Weise ab durch die persönliche Einladung bei Professor Kortus. Es wurde
ein langer interessanter Abend, der viele Anregungen zum Nachdenken und
Weiterdenken gab.
Samstag,
22. September: ganztägige Fahrt zur Gedenkstätte Auschwitz
Nur
eine Bahnstunde von Kraków entfernt liegt am Rande des Oberschlesischen
Industriereviers (GOP) die alte Industriestadt Oswiecim, die in der Zeit
der deutschen Nazi-Okkupation eine schreckliche Bedeutung als Ort des größten
Vernichtungslagers der nationalsozialistischen Mordmaschinerie erlangte.
Gerade vor den Schrecken der Gegenwart ist es wichtig, die Erinnerung an
diesen größten staatlichen Massenmord, den Holcaust bzw. die Shoa wach
zu halten, um die Prägungen zu verstehen, die dieses Ereignis
unwiderruflich auf die deutsche, die polnische, die jüdische wie die
Weltgeschichte hervorgerufen hat, auch um sich wieder und wieder zu
verdeutlichen, was Menschen den Menschen antun können, und daß kein
Verbrechen ein anderes rechtfertigen oder legitimieren kann und darf.
Norbert
Elias schrieb: „Menschen sind nicht in der Lage, den Tod abzuschaffen.
Aber sie sind ganz gewiß in der Lage, das gegenseitige Töten
abzuschaffen.“ Aber menschliche Gesellschaften verdrängen es zu oft
aus ihrem Bewußtsein, daß auch sie das Töten noch nicht überwunden
haben. „Der Tod wird mit heimlicher Schläue und mit listigen Ausflüchten
eingeführt – und die Sprache von Schlauheit und List erfordert eine
sorgfältige Untersuchung, falls wir jemals Bedingungen der Moderne auf
den Begriff bringen wollen“ (Michael Geyer). Der Hannoversche
Soziologe Peter R. Gleichmann fragt daher betroffen: „Sind Menschen in
der Lage, das gegenseitige Töten abzuschaffen?“ Gerade wenn die Welt
wie heute wieder aufgeschreckt wird durch massenhaftes Töten in Terror
und Bürgerkriegen, wenn die größte Militärmacht der Welt zur eigenen
Verteidigung wieder weltweit auf militärische Optionen setzt, muß es
berechtigt sein, sich Gedanken über das massenhafte Töten wie die
Chancen seiner Überwindung zu machen.
„Etwas
nüchterner suchen historisch geschultere Köpfe vorzugehen, die im
Gegensatz zu ihren Vorvätern das massenhafte Töten um sich herum nicht
erlebt haben. Sachlich stützen sie sich dabei auf die Quellen. Doch sie
haben meist sozialwissenschaftlich auch gelernt, daß bei dem
gesellschaftlich Extrem tabuierten Geschehen wie dem Töten das soziale
Verhalten und die sozialen Normen selten noch schriftlich fixiert sind.
Das Realgeschehen läßt sich aus den traditionellen Quellen meist gar
nicht mehr hinreichend erschließen. Und in ihren Gesellschaften wachsen
allmählich die Abscheu vor dem Töten und zugleich das Interesse, darüber
doch mehr zu erfahren.
Da
werden nicht mehr in der Sprache des Krieges umschreibend ‚die militärischen
Verluste‘ oder ‚die Gefallenen‘ gezählt (R. Overmans, 1999),
sondern es wird immer direkter die schließlich ungehemmte ‚Eskalation
des Tötens in zwei Weltkriegen‘ (B. Ziemann, 1998) sorgsam analysiert
und präzise auch ausgesprochen. Doch auch: Auf welche Weise die Sprache
das Töten festhält, wird von den Jüngeren nun immer unmittelbarer
notiert. ‚Wie direkt sprechen Soldaten vom Tod, wie nahe treten sie an
ihn heran?‘ fragt eine Analyse von Feldpostbriefen (K. Latzel, 1998;
besonders: 227-283). Die sozio-psychische Distanz zu den Menschen, die
das legitime Gewaltmonopol praktisch ausüben, wird immer größer;
diese historischen Forscher vermögen schließlich den Opfermythos
kriegerischen Tötens immer direkter als solchen auch zu benennen (Th. Kühne,
1998, 1999, 2000), als Mythos eben. Und dann werden die ersten umfänglicheren
Studien des ‚Dahinschlachtens‘ vorgelegt (J. Bourke, 1999). Das
offenere Sprechen vom gewaltsamen und massenhaften Töten beginnen
Menschen bereits zu lernen. Und schließlich werden die ersten
systematischen Studien ‚Vom Töten‘ vorgelegt; so ist der Kern einer
grundlegenden Studie (D. Grossman, 1995: 332) der Versuch nachzuweisen,
daß es in den Menschen eine Macht gibt, die sie gegen das Töten
rebellieren läßt sogar um den Preis ihres eigenen Lebens. ‚Diese
Macht bestand in der Menschheit durch ihre gesamte Geschichte hindurch;
und die Militärgeschichte kann als der Versuch der Menschheit gedeutet
werden, den Widerstand ihrer Mitglieder gegen das Töten in der Schlacht
gründlicher zu überwinden.‘ ... ‚Wir müssen verstehen, wo diese
seelische Abzugssicherung sich befindet, wie sie funktioniert und wie
sie wieder zurückgestellt wird. Das ist das Ziel der Wissenschaft vom Töten
(killology) und das war das Ziel dieses Buches‘.“ (Alle Zitate aus:
Peter R. Gleichmann: Sind Menschen in der Lage, das gegenseitige Töten
abzuschaffen? Aspekte zivilisierter Staatsgesellschaft. In: Gerhard
Voigt, Hg.: ›Staatsgesellschaft‹. Historisch-sozialwissenschaftliche
Beiträge zur Diskussion von Entwicklungen, Problemen und Perspektiven.
Hannover 2002 [in Vorbereitung; dort auch weitere Literaturangaben].)
Eine
Besichtigung der Gedenkstätte Auschwitz ist eindringlich und bedrückend
wie eh und je. Kaum eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer nimmt keine
bleibende Eindrücke und Fragen mit. Doch je mehr die Ereignisse der
Nazi-Zeit und des Zweiten Weltkrieges Geschichte und nicht mehr familiär
authentisch Erinnertes werden, umso mehr muß sich die »Gedenkstättenpädagogik«
Gedanken über neue und adäquate Zugänge zu dem eigentlich
Unvorstellbaren machen. Eine junge Generation von Begleitern und
Begleiterinnen durch die Gedenkstätte tut sehr bewußt und angemessen
das ihre, durch ein ausgewogenes Maß an objektivierender historischer
Distanz und Informiertheit und stiller Betroffenheit und dem Versuch,
Ansätze zur Empathie zu vermitteln, den jungen Schülerinnen und Schülern
bleibende Einsichten zu vermitteln.
Neben
dem moralischen wie auf die Opfer bezogenen empathischen Zugang der
jungen Besuchergeneration ist die zeitgeschichtliche Bezugsetzung als
Rahmen notwendig. Letzteres kann aber ein ‚ferner‘
Gerschichtsunterricht nur begrenzt leisten.
Ein
wissenschaftlich-theoretischer Zugang, der sich dem „Warum?“ nicht
verschließt sondern sich daran versucht zu „erschlüsseln“,
erscheint unter dem Gesichtspunkt übergeordneter Lernziele der Schule
in interdisziplinärem Zugang geboten. Diese Chance, die z.B. im
Unterricht über Werte und Normen vertieft werden kann, bietet der
zivilisationstheoretische Zugang der Soziologie.
Gerade
wenn es gelingt, über die allgemeinen Fragen nach Gewalt, Genozid und
Massenmord hinausgehend die Einsicht zu vermitteln, daß die Tatsache,
daß unvorstellbare Gewalt die Menschheitsgeschichte begleitet und auch
heute die Frage, ob und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen
Menschen in der Lage sind, das gegenseitige Töten abzuschaffen, nicht gültig
beantwortet ist, keines der einzelnen Verbrechen ethisch legitimiert
oder in seinen Wirkungen aufheben oder relativieren kann. Ein Aufrechnen
der Vergangenheit mit der Gegenwart ist in keiner der beiden Richtungen
möglich. Die politische und gesellschaftliche Perspektive muß sich in
Kenntnis der Geschichte und in distanzierter Würdigung der Gegenwart
auf die Zukunft richten, um ihr die erfahrenen und erlittenen Schrecken
der Geschichte vielleicht ersparen zu können. Aber historische
Erinnerung hat ein grundsätzliches Problem: Geschichte wird von den Überlebenden
geschrieben...
Für
die europäische Geschichte ist das Bewußtsein von Auschwitz ein
notwendiger Bestandteil der Politischen Kultur. Aber Auschwitz wird in
seiner ganzen Tragweite erst erkennbar, wenn deutlich gemacht werden
kann, daß mit dem Mord an den Menschen eine ganze Kultur vernichtet
wurde und eine jahrhundertelange jüdische Geschichte in Galizien und
Osteuropa, in der Gesamtheit der Shoa auch im größten Teil
Mitteleuropas abgebrochen ist und unwiederbringlich verloren ging. Daran
wird das Programm am Montag im Krakauer Stadtviertel Kazimierz und am
Dienstag mit unserer Fahrt durch das südostpolnische Galizien nach
Lancut anknüpfen.
Als
Lehrer konnten wir in Vorbereitung unseres Besuches in Kazimierz das
Thema der Begegnung mit der jüdischen Tradition Krakaus am gleichen
Abend noch vertiefen. Wir trafen uns mit den beiden Hannoveranern –
und Pensionären – Karin Wille und Michael Meynecke, die als
Vorstandsmitglieder der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover ihre
Polenkontakte durch regelmäßige längere Aufenthalte in Kraków und
ihre Teilnahme an einem Projekt zur Erforschung der jüdischen
Geschichte der Stadt vertiefen konnten. Aus dem Besuch von polnischen
Sprachkursen in den vergangenen Jahren heraus wurde der Kontakt zu einer
Arbeitsgruppe in Krakau geknüpft, die sich planerisch-konzeptionell mit
der Restaurierung und Wiederbelebung des Stadtviertels Kazimierz befaßt.
In weiten Teilen ist dies auch Spurensuche nach der jüdischen Kultur
der Stadt und des Stadtviertels, das in den letzten Jahren wieder eine
neue, alte Gestalt annehmen konnte und zu einem städtebaulichen
Schmuckstück zu werden verspricht. Die Gespräche an diesem Abend
drehten sich dann um den Sinn und die Schwierigkeiten einer solchen auch
für den Tourismus wertvollen Rekonstruktion ohne originäres jüdisches
Leben im Stadtviertel.
Sonntag,
23. September: Busfahrt zum Salzbergwerk Wieliczka (Museum)
Als
der Prinzessin Kinga, die spätere Heilige Kunigunde, ihr Verlobungsring
überreicht wurde, der in einer salzigen Quelle in Wieliczka wieder
gefunden wurde, nachdem sie ihn in einem Brunnen in ihrer Heimat Ungarn
verloren hatte, wußte sie, daß Gott es so wollte, daß sie den
polnischen König ehelichen und das Christentum im Osten verbreiten
sollte. Und Wieliczka begann, seine Salzreichtümer abzubauen und teufte
die älteste Salzmine Osteuropas ab.
Seit
Jahrhunderten wird in der Staatlichen Salzmine Wieliczka Salz abgebaut:
Acht Abbausohlen mit einer Gesamtteufe von über vierhundert Metern und
mehreren tausend Abbauorten, „Kammern“ sind dabei entstanden. Unser
Bergwerksführer nannte die Salzkörper, die im tauben Gestein verstreut
liegen die „Rosinen“ – aber nicht im „Kuchen“, sondern im
„Schweizer Käse“, als die die durchlöcherte Bergwerksregion
Wieliczka heute erscheint.
Die
für Touristen erschlossene Strecke beginnt nach einem Abstieg über
eine hölzerne Treppe – wohlgemerkt viel sicherer und bequemer als die
mittelalterlichen, senkrecht am Schacht stehenden hölzernen
Treppenfahrten als eine Arte Treppenhaus eingerichtet – in ca. 93 m
Tiefe in der dritten Sohle und führt über Gänge und Treppen bis auf
ca. 115 m Tiefe mitten in das Salz. Die Sehenswürdigkeiten dieses
Bergwerk sollen an dieser Stelle nicht eingehender beschrieben werden:
Auf dem fast zwei Kilometer langen Weg kommen wir zu Kapellen, ins Salz
geschlagen, wo die Bergleute vor Jahrhunderten bei flackerndem
Kerzenlicht ihre Angst aus der Seele beteten, zu in Salz gehauenen
Diaramen aus der Geschichte Wieliczkas, die seit dem 19. Jahrhundert
entstanden und heute zur Veranschaulichung der harten Arbeit der
Bergleute vor Ort showmäßig mit Ton und Licht „zum Leben erweckt
werden“, und schließlich in die beeindruckend große Kapelle der
Heiligen Kinga, in der auch heute noch für das Sprengel Wieliczka sonntägliche
Gottesdienste abgehalten werden. Doch das ist nicht alles, was unter
Tage zu bewundern ist. Abgesehen einmal von den touristischen
Einrichtungen 120 m unter der Erdoberfläche: Souvenierläden,
Verkaufsstände und einem Restaurant, befindet sich hier eine regelmäßig
bespielte Sportarena mit Zuschauertribünen und ein, derzeit nicht
bespieltes Kino.
In
einigen Kammern bzw. Kavernen, erreichbar durch eine eigene
Schachtfahrt, suchen Lungenkranke Linderung und Heilung.
Noch
eine Sohle tiefer in ca. 130 m Tiefe befindet sich in neunzehn weiteren
„Kammern“ ein Bergwerksmuseum, in das nur besonders interessierte
Besucher hineinfinden, in unserem Falle nur die beiden Lehrer, die sich
die Ausstellung von dem Bergwerksführer noch genauer erklären lassen
konnten. Hier finden sich eine Vielzahl von originalen Bergwerksgeräten,
Modellen und weiteren Genre-Darstellungen, Orts- und Bergwerks-Modelle
und vor allem Dokumente aus der Geschichte des Bergbaus in Polen, Karten
und geologische Darstellungen. Besonders beeindruckend ist auch die
Sammlung von Salzmineralien sowohl aus Wieliczka wie aus anderen
Fundstellen vor allem in Polen.
Dem
Bergwerksführer, einem jüngeren Physiklehrer am Gymnasium in
Wieliczka, gelang es vorzüglich, das Gesehene zu erläutern und
lebendig zu machen, Fragen sachgerecht und doch interessant zu
beantworten und das Bergwerk auch für die Schülerinnen und Schüler
lebendig zu machen. Wir wünschten uns auch für unsere Schule einen
solch engagierten und pädagogisch wie fachlich über die Scheuklappen
einer einengenden Didaktik hinausblickenden naturwissenschaftlichen
Unterricht, der ebenso kompetent die praktischen Anwendungen wie die
gesellschaftlichen und historischen Kontexte aufzuzeigen vermag und
Interesse für den Gegenstand wecken kann!
Während
nach vierstündigem Programm die Schülerinnen und Schüler am frühen
Nachmittag wieder mit dem Linien-Kleinbus – nach der Art des türkischen
‚Dolmus‘ – für 2 Zl. pro Person nach Krakau zurückführen,
nutzten die beiden Lehrer die Gelegenheit zu einem privaten Besuch in
Wieliczka. Diese privaten Kontakte sind Ausdruck früherer Begegnungen.
Sie dienen zunehmend dazu, in die informelle Ebene der polnischen
Gesellschaft einzudringen. Durch diese privaten freundschaftlichen Bande
können neue Kontakte geknüpft, Informationen beschafft und
gegebenenfalls organisatorische und andere Probleme gelöst werden.
Bei
unserer diesjährigen Fahrt nach Polen ist ein wesentlicher Teil unseres
geographischen Programmes, des Besuches in der Universität und der
fachlich-geographischen Problematisierung des Themas Krakau und Galizien
unseren freundschaftlichen Kontakten zu Prof. Kortus zu danken, über
die wir schon berichtet haben.
Der
Sonntag-Abend bot uns Gespräche über die heutige gesellschaftliche
Situation in Polen und damit vor allem Einblicke über die aktuellen
politischen Veränderungen. Besonders spannend war es hier, im
polnischen Fernsehen den Wahlabend mit den einlaufenden Ergebnissen der
Wahl zum Sejm, dem polnischen Parlament, zu verfolgen. Die
Wahlergebnisse waren für Außenstehende sensationell, da das bisher
regierende konservative Wahlbündnis, das es nicht vermocht hatte, sich
zu einer funktionierenden Partei zusammenzuschließen, unter die 8
%-Sperrklausel fiel und die aus den „Postkommunisten“
hervorgegangenen Sozialdemokraten die Mehrheit errangen.
Montag,
24. September: Besichtigung von Kazimierz (Synagogen, jüdischer
Friedhof)
Die
in unserem Programm besonders wichtige Besichtigung des in Restauration
befindlichen Stadtviertels Kazimierz stand unter keinem guten Stern: die
wolkenbruchartigen Regenfälle machten eine ausgiebigere Begehung fast
unmöglich, so daß sich die Gruppe in zwei zu besichtigende
restaurierte Synagogen flüchten mußte.
Die
beiden schon erwähnten Freunde, Frau Karin Wille und Herr Michael
Meynecke, waren bereit, die Gruppe durch den Stadtteil zu führen und
aus ihrem umfassenden historischen Wissen die notwendigen Erläuterungen
zu geben. Doch dies war dann trotz dankenswerter Bemühungen nur
ansatzweise möglich. Die durchnäßte Kleidung und der unaufhörliche
Regen dämpften Interesse und Aufmerksamkeit verständlicherweise doch
sehr. Dennoch sei beiden hier ein ganz herzlicher Dank ausgedrückt.
Der
Vormittag war für die Gruppe frei, um noch auf eigene Faust Krakau
besichtigen zu können und das ersehnte „shopping“ zu ermöglichen.
Das war auch darum nötig, weil der ganze nächste, letzte Tag mit der
Fahrt nach ºancut ausgefüllt war. Die Lehrer hatten noch
organisatorische Aufgaben im Reisebüro und nahmen dann mit einem
kleinen Rundgang „Abschied von Krakau“.
Schon
das Treffen an der Hauptpost um 14 Uhr fand in strömendem Regen statt.
Am Marktplatz von Kazimierz verschwand das eigentlich idyllische, sorgfältig
restaurierte Stadtbild hinter grauen Regenschleiern. Unter der
Baumgruppe in der Mitte des Platzes, deren Äste kaum Schutz vor dem
Regen boten, konnte nur eine kurze Orientierungshilfe gegeben werden.
Erst in der alten Synagoge am Rynek von Kazimierz, der einzigen, die
noch aktiv betrieben wird, konnten wir uns erste Eindrücke vom jüdischen
Leben in Kraków vermitteln lassen.
Kazimierz
wurde im 14. Jahrhundert von König Kazimierz Wielki („der Große“,
1333-1370) als eigene Stadt für jüdische Händler unterhalb des Wawel
gegründet und mit Stadtrechten versehen. In dieser Zeit versuchten die
polnischen Könige und Adligen, deren Lebensbasis das Land und die
Bauernschaft war, durch Förderung der Immigration von Städtern aus
Westeuropa und Deutschland und durch Privilegierung jüdischer Händler,
die in den Osten kamen auch um Pogromen in Westeuropa zu entkommen,
Anschluß an die gesellschaftliche und ökonomische Moderne und Zugang
zu neuen materiellen Ressourcen zu gelangen, ohne die eigene Lebensform
der Szlachta-Gesellschaft aufgeben zu müssen.
Die
Folge war eine über mehrere Jahrhunderte andauernde Stadtgründungs-Periode,
der alle heutigen polnischen Großstädte entstammen. In der deutschen
Geschichtsschreibung wird diese Zeit oft als „Ostkolonisation“
tituliert, eine mißverständliche Begrifflichkeit, da der Anstoß für
diese Migration eher in Polen und in den Interessen der Szlachta selbst
zu suchen ist (als sogenannte „Pull Faktoren“ der
Migrationsgeographie) als im originären Wanderungsbedürfnis der
mitteleuropäischen Siedler, geschweige denn in systematischem Entschluß
deutscher Fürsten zu einer so gar nicht stattfindenden „kolonialen
Erschließung“ wie sie gegenüber außereuropäischen Räumen
Jahrhunderte später von Westeuropa ausging.
Wenn
wir von „Kolonisierung“ sprechen wollen, dann höchstens im alten
Sinne von „colon“, dem Siedler. Doch war es grundsätzlich eine städtische
und keine ackerbürgerliche Migration, da dieser Bereich den polnischen
Einwohnern und Adligen vorbehalten war und ihren in der Szlachta
artikulierten Interessen. Im Sinne dieser „polonitas“ war das adlige
Landleben, der Gutsbesitz, dem Leben und der Arbeit der Städter
kulturell und ethisch überlegen. Ein Stadt-Land-Gefälle in den Wertschätzungen
der politischen Kultur war durchaus noch mittelalterlich und den
neuzeitlichen Vorstellungen entgegengesetzt. Die Disparitäten zwischen
Stadt und Land waren daher in Polen anders strukturiert als in Mittel-
und Westeuropa und sie markierten deutliche kulturelle und sprachliche
Unterschiede, verbunden mit der Tatsache, daß die originären
Machtzentren in den ländlichen Adelssitzen und nicht in den Städten zu
finden waren.
Eine
Besonderheit der Stadtgründungen und urbanen Privilegierungen in Polen
war die aus gegebenen Machtbalancen in der Szlachta-Gesellschaft herrührende
Parallelität und Mehrkernigkeit der Stadtanlagen fast aller heute groß
gewordener Städte. Warszawa, Gda½sk und auch Kraków haben mehrere städtische
Siedlungkerne, die im Mittelalter mit unterschiedlichen Stadtrechten
ausgestattet und wie in Warschau sogar durch Befestigungsanlagen (Barbakan)
voneinander getrennt wurden, wobei die Bezeichnungen Altstadt und
Neustadt mißverständlich sind, da bei de Stadtgründungen in der
gleichen Periode erfolgten. In Nordpolen wurde bei Stadtgründungen
vorzugsweise das Lübische Recht der Hansestädte angewandt, in Mittel-
und Südpolen wurde Kulmer und Bamberger Recht bevorzugt. Doch findet
sich in der Geschichte der Stadtgründungen in Polen eine sehr
differenzierte und vielgestaltige rechtliche Situation.
In
Kraków war zunächst die Wehrsiedlung auf dem Wawelhügel, die später
zum Königsschloß ausgebaut wurde, unabhängig von der Bürgerstadt um
den Rynek G»ówny. Zwischen beiden lag umfangreicher Kirchenbesitz
entlang der »Kanoniker Straße« bis hin zur Grodzka, der nicht zum
Stadtgebiet der Bürgerstadt gehörte. Wie schon erwähnt, wurde der
Stadtteil Kazimierz als unabhängige Stadt zu Füßen des Wawel von
seinem Namenspatron König
Kazimierz Wielki („der Große“, 1333-1370), dem letzten Sproß der
mittelalterlichen Piastendynastie gegründet. Der zu seiner
Regierungszeit nicht günstig verlaufende permanente Kampf mit dem in
Nordpolen liegenden „Ordensstaat“ des Deutschen (Ritter-)Ordens –
in der polnischen Diktion wird fälschlicherweise oftmals vom Deutschen
Kreuzritter-Orden gesprochen – veranlaßte Kazimierz zur Suche nach
neuen materiellen Machtressourcen. „Es beginnt, im Rahmen der aus
deutscher Sicht als ‚Ostkolonisation‘ bezeichneten spätmittelalterlichen
Siedlungs- und Städtegründungsphase, eine Belebung der Stadtkultur; städtische
Privilegien, ein neues Stadtrecht und Förderung des Handels finden
ihren Höhepunkt in der Gründung der Krakauer Akademie (Collegium majus),
der Vorgängerin der späteren Jagiellonen-Universität...
in dieser Zeit entstehen große gotische Kirchenbauten, Schlösser
und Burgen“ (aus: Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt: Polen – Nation
ohne Ausweg? Eine Einführung in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft,
Kultur und Umwelt. Geschichte und Staat Band 274. München 1986 (Günter
Olzog Verlag), S. 227). Zu den erwähnten Gründungen gehörte auch die
Stadt Kazimierz, die später in den Stadtbereich Krakaus als
Stadtviertel einbezogen wurde.
Die
jüdische Händlerschaft war im Mittelalter nicht nur im
Mittelmeer-Gebiet sondern auch in Mittel- und Osteuropa ein beachtlicher
Wirtschaftsfaktor, wenn auch auf der Basis äußerster
gesellschaftlicher Unsicherheit und oft willkürlich gesetzter
Handelsprivilegien. Händler waren im rural geprägten Früh- und
Hochmittelalter eine nicht integrierte und oft ebenso verachtete wie benötigte
soziale Gruppe; selten rekrutierte sie sich in dieser Zeit aus
Einheimischen, erst recht nicht aus dem Stand der Adligen, häufiger
jedoch waren Händler „Fremde“, zunächst vor allem aus dem Nahen
Osten und dem Mittelmeergebiet. Über die großen Ströme kamen sie vom
Schwarzen Meer auch in die slawischen Gebiete Rußlands und Polens. Münzfunde
in ganz Europa belegen diese alten Handelswege.
Erst
mit dem Wachstum der europäischen Städte entstanden europaweit
agierende Städtebünde, wie die Oberitalienischen Städte oder die
Hanse, und einheimische Handelshäuser mit Kontoren in ganz Europa, wie
die Medici aus Florenz – in deren Gefolge sich der Florentiner
Goldgulden über Europa verbreitete und im holländischen Gulden [HFL =
Holländischer Florentiner] oder im ungarischen Forint seine Reminiszenz
findet – oder die Fugger aus Augsburg, die auch in Warschau ein Kontor
unterhielten aus dem in der Neuzeit ein bekanntes Restaurant wurde [„Fukier“].
Die jüdischen und arabischen Händler kamen in dieser Entwicklung unter
Druck und verloren ihre Märkte teilweise an die neuen städtischen
Handelshäuser. So war es für sie von einiger Bedeutung, wenn ihnen mit
der Gründung von Kazimierz herrschaftlicher Schutz, Religionsfreiheit
und die Möglichkeit zum Handeltreiben gewährt wurde. Kazimierz wurde
zu einem Zentrum der jüdischen Kulturentwicklung in Galizien. Ergänzt
wurde dieses durch die Gründung von Kazimierz Dolny am Mittellauf der
Weichsel.
Zunächst
hatte Kazimierz auch eine eigene Stadtbefestigung. In die Befestigung
von Krakau ist der Stadtteil nie einbezogen worden. Wie bei jeder
Handelsbürgersiedlung steht ein Marktplatz – mit einem eigenen
Rathaus – in der Mitte, der heute auch wieder Zentrum der
Restaurierungen ist. Aber an dem Platz findet sich keine christliche
Kirche, wie z.B. in Krakau am Rynek die Marianska, die Marienkirche,
sondern eine Synagoge – eben die, in die wir uns dann bald vor dem
Regen geflüchtet hatten. Doch die katholische Kirche ließ dieses jüdische
Siedlungszentrum nicht auf sich beruhen. Schon in der Gründungsphase gründete
sie zwei Klosterkirchen am Rand Kazimierz, um eigene Macht und
Suprematur in Polen zu demonstrieren und wohl auch in der meist
vergeblichen Hoffnung auf Bekehrungserfolge. Gegen dieses Vorgehen
konnte auch der katholische König Kazimierz Wielki als Patron der Stadt
nichts einwenden...
So
stand jüdische Kultur auch hier unter ständigem Abgrenzungs- und
Legitimationsdruck, wenn auch in diesen frühen Zeiten vor Pogromen und
Verfolgungen sicherer als in den oft aggressiv antisemitischen
christlichen Regionen Deutschlands, aus denen Juden nach Osteuropa
flohen. Die Tragik der jüdischen Existenz in West-Mitteleuropa erschließt
sich schon in literarischen Dokumenten z.B. bei Heinrich Heine in der
Erzählung Der Rabbi von Bacherach.
Noch
mehrere andere Synagogen sind in Kazimierz zu finden. Die
Isaak-Synagoge, die wir auch besichtigen konnten, wird heute nicht mehr
für den Kultus genutzt, ist aber ein jüdisches Museum, in dem die von
den Nazis verursachten Zerstörungen in der Inneneinrichtung
dokumentiert sind. Auf einer Leinwand werden originale Dokumentarfilme
vom jüdischen Leben in Kazimierz 1938 und vom Abtransport der jüdischen
Bevölkerung ins Ghetto in der Zeit der Nazi-Okkupation gezeigt. In
Nebenräumen befindet sich eine Foto-Dokumentation über das Schicksal
der Juden in Polen im 20.
Jahrhundert.
Die
Juden von Kazimierz wurden während der Zeit der Nazi-Okkupation mit
Gewalt in ein auf der anderen Seite der Weichsel eingerichtetes
abgesondertes Ghetto getrieben, wovon die Filmdokumente in der
Isaak-Synagoge berichten. Von diesem Ghetto aus wurden sie in mehreren
Transporten in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gebracht und
dort ermordet. Dies ist auch der Hintergrund der Geschichte des Buches
und des Filmes „Schindlers Liste“, den Steven Spielberg größtenteils
im Stadtviertel Kazimierz gedreht hat. So entsteht die für das späte
20. Jahrhundert typische und nichtsdestoweniger bedrückende Situation,
daß das historische Bild der jüdischen Kultur in Kraków und Kazimierz
weniger durch die verblassende gesellschaftliche Erinnerung und durch
originale Dokumente, wie sie in der Isaak-Synagoge gezeigt werden, geprägt
wird, als durch eine fiktionale Rekonstruktion, die zwar verdienstvoll
ist, da sie gegen das historische Vergessen wirkt, andererseits
notwendigerweise die filmische, hollywoodeske Perspektive vermittelt und
vermitteln muß. So gibt es heute Besuchergruppen, die weniger an der
eigentlichen jüdischen Geschichte Kazimierzs als an der Besichtigung
der Drehorte zu „Schindlers Liste“ interessiert sind. Wird so
letztlich ein Stadtviertel zur Rekonstruktion einer Filmkulisse? Von den
ursprünglichen Bewohnern des Stadtviertels lebt wohl kaum noch einer
von den wenigen, die noch rechtzeitig ins Exil fliehen konnten. Vom
Ghetto der Besetzungszeit sind höchstens noch marginale Spuren und
Gedenkstätten erhalten. Auch Kazimierz selbst ist eher Rekonstruktion
denn als Restauration tatsächlich erhaltener Bausubstanz aus der
Vorkriegszeit einzuordnen. Die Synagogen mußten in den letzten Jahren
aus unkenntlich machenden Um- und Anbauten erst herausgeschält und
wieder sichtbar gemacht werden. Die Frage nach den authentischen Wurzeln
historischer Erinnerung stellt sich hier sehr deutlich und ist nur
schwer endgültig zu beantworten.
Nach
der Besichtigung der Isaak-Synagoge zerstreute sich die Gruppe der
Teilnehmerinnen und Teilnehmer, entweder um unter dem Regen zur Straßenbahn
zu laufen und ins Hotel zurück zu fahren, oder in einem der vielen
kleinen Cafés auf ein Nachlassen der Wolkenbrüche zu warten. Der Abend
stand zur freien Verfügung. Die Lehrer nutzten ihn stilvoll mit einem
kosheren Abendessen in Kazimierz.
Dienstag,
25. September: Exkursionsprogramm in Ostpolen: Lancut
Die
Polnische Geschichte ist die Geschichte des polnischen Adels, der
Szlachta, und seiner Entwicklung vom mittelalterlichen freien Bauerntum
zur Herrschaft der Großgrundbesitzer, der Magnaten, als zuletzt, wenn
ich die Angaben richtig erinnere, rund 20 % des Landes im Besitz von nur
neun Magnaten-Familien und ca. 80 % im Besitz des Adels insgesamt war.
Die Existenz dieser Magnatenschicht war in gewisser Weise widersprüchlich.
In der Hand der Radziwill, der Lubomirski, der Czartoriski, der Potocki
oder der Zamoyski und der übrigen großen Familien befanden sich unermeßliche
Reichtümer und Ländereien, in denen die Majoratsherren nahezu unbeschränkte
Macht in ihren Gebieten hatten.
Andererseits
war dies eine vormoderne Herrschaft, allein auf Besitz an Boden und den
darauf arbeitenden Menschen gegründet. Die neuzeitliche ökonomisch-gesellschaftliche
Entwicklung ging an den Magnaten weitgehend vorbei. Das erklärt manche
gesellschaftliche Disparitäten und kulturelle oder ökonomische
Anachronismen, die die polnische Geschichte charakterisieren und
teilweise bis heute beeinflussen.
Die
Land- und Anbaustruktur auch der Magnatengüter war durch ein Pächtersystem
weiterhin kleinbäuerlich und kleinräumlich strukturiert. Dies gilt vor
allem für den Osten des heutigen Polens, da das Jagiellonische Polen
durch die Personalunion mit Litauen und durch den Verlust von Pommern
und Schlesien schon während der vorangegangenen Piastenzeit eine
Ostverschiebung durchgemacht hat, die erst als Ergebnis des Zweiten
Weltkrieges und des Potsdamer Abkommens wieder rückgängig gemacht
worden ist. So durchzieht das heutige Polen auch landwirtschaftlich eine
Strukturgrenze von Nord nach Süd, bei der im Westen im ehemals
deutschen Bereich der »Landjunker« großflächiger Anbau dominiert.
Der
Osten war Magnatenland und landwirtschaftlich wie allgemein ökonomisch-gesellschaftlich
zunehmend rückständig, ein Prozeß der sich unter Zaristischer bzw.
Habsburger Herrschaft während der „Polnischen Teilungen“ nur noch
verstärkte. So besteht bis heute ein deutliches west-östliches
Entwicklungsgefälle in Polen, das im östlichen Grenzbereich deutliche
sozioökonomische Binnenperipherien verursacht. Dieser strukturschwache
Raum Galiziens östlich von Kraków war Ziel und Thema unserer letzten
Tagestour, für die wir eigens einen kleineren Reisebus beim Krakauer
Reisbüro Radtur angemietet hatten, der uns um 8 Uhr morgens vom Hotel
abholte. Charakteristisch für die Transformationssituation Polens ist,
daß alle Busse der Firma Radtur und ihrer „Subunternehmer“ aus
westeuropäischer Produktion stammen, unabhängig von der nicht äußerlich
erkennbaren Produktionsstätte der Fahrzeuge. Diese ökonomischen
Verflechtungen, die sich für Außenstehende wenig bemerkt schon lange
vor der „politischen Wende“ angebahnt hatten, sind ein eigenes
gewichtiges Thema, um die Transformationsprozesse Ost- und
Ost-Mitteleuropas verstehen zu können und perspektivisch in die
derzeitigen Globalisierungsprozesse einzubinden.
Im
Bus besprachen wir die erwähnten Besonderheiten der polnischen
Geschichte, sprachen über die Rolle der Szlachta in der Adelsrepublik
und die Bedeutung der Magnatenherrschaft. Gleichzeitig sollte vom Bus
aus die heutige ökonomische und strukturelle Situation des Gebietes
beobachtet und interpretiert werden, die heute durch die
Transformationsprozesse und durch die wachsenden zentralräumlichen
Disparitäten um den Agglomerationsraum Kraków herum gekennzeichnet
ist. Ziel war das heute für den Tourismus erschlossene Magnatengut
Lancut, das als ländliches Schloß mit einer großen Parkanlage, aber
auch begleitet von Wirtschaftsgebäuden, vor allem prächtigen Pferdeställen
und Kutschenremisen, zu charakterisieren ist. Gegründet von der Familie
der Lubomirski gehörte Lancut zuletzt zum Besitz der Potocki; doch
waren durch Heirat und Verschwägerung eigentlich alle Magnatenfamilien
mit einzelnen Herrschaftspersonen unter den Bewohnern Lancuts zu finden.
Der
Abend galt der Freizeit in Kraków bis zu einem Abschiedsessen für die
Reisegruppe, das von den Schülerinnen und Schülern selbst in einem
italienischen Restaurant „Da Pietro“ am Rynek Glowny organisiert
worden war.
Rückfahrt
nach Hannover
Am
Mittwoch, 26. September 2001, ab Kraków 09:12 Uhr ging es mit dem
IC 42 zur Rückfahrt nach Hannover. Umsteigen in Berlin Ost 18:32
in den ICE 842 und Ankunft in Hannover um 20:57 Uhr. Die Fahrt verlief
reibungslos und pünktlich.
Die
Fahrt wurde zu einem Pauschalpreis des Reisebüros Partner-Reisen, zu
dem in Polen noch die Fahrt nach Wieliczka und die Busfahrt nach Lancut
kamen für ca. 775,- DM für Bahnfahrt, Unterbringung in Doppelzimmern,
Halbpension (Frühstück und Abendessen), Exkursionen nach Wieliczka und
Auschwitz, Eintrittskosten, Fahrscheine für den ÖPNV, Veranstaltungen
etc. für alle Schülerinnen und Schüler angeboten. Eine detailliertere
Abrechnung wird für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch erstellt.
Zusätzlich
fielen Visumgebühren für Polen nur für nicht-deutsche Staatsbürger
an.
Für
zusätzliche Verpflegung zur Halbpension, Getränke und persönliche
Ausgaben war noch mit einem gewissen Taschengeld zu rechnen. Die relativ
große Kaufkraft beim Eintausch in polnische Zloty erleichterte das
Auskommen mit den angesetzten Finanzen.
Adresse
des Reisebüros (mit einer entsprechende Empfehlung):
Partner-Reisen
Thomas Hübner & Katarzyna Potrykus GbR
Alte
Ziegelei 4, D 30419 Hannover
Tel.-
0511-797013, FAX 0511-797016, eMail <Partner-Reisen@t-online.de>
Adresse
des Hotels in Krakau:
Hotel
Letni „Bydgoska 19“ (früher Studentenheim und im Sommer
Studentenhotel)
ul.
Bydgoska 19, PL 30-056 Kraków, Tel. (4812) 6368000, FAX (4812) 6387788
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