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Gerhard Voigt:

Perspektiven der Politischen Bildung in der Gegenwartsepoche

Krisenbefunde und Paradigmenwechsel in der Politischen Bildung

1.   Das Bewusstsein, krisenhafte Umbrüche zu erleben

1.1  Das Ende der Gegenwart

In einer Szene in Shakespeares »König Lear« sagt Gloucester, der geblendet wurde, weil er seinem König treu blieb: „...was Fliegen sind dem müßigen Knaben, das sind wir den Göttern; sie töten uns zum Spaß.“ In diesen Zeilen liegt eine ganze – verstörend genaue – Kosmogonie, die Vision einer von übel wollenden Göttern regierten Welt und von Menschen, die in Nachahmung dieser Götter andere Menschen verstümmeln und umbringen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir die grundlegende menschliche Veranlagung besitzen, Böses zu tun und Schmerz zuzufügen. Ebenso grundlegend ist unsere Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer, es sei denn, wir erkannten uns in ihnen so genau wieder, dass ein Schlag, der sich gegen sie richtet, auch uns träfe. In der überwiegenden Mehrheit werden wir durch Erziehung gezügelt (zu der manchmal die Prägung durch wohlmeinende religiöse Grundsätze gehört) und – sofern wir in stabilen und gut verwalteten Gesellschaften leben – auch durch Gesetze, die Gewalttätigkeit eindämmen und bestrafen.“

Louis Begley: „Ein satanisches Requiem“. Über die Bestie Mensch im 20. Jahrhundert.

Das bevorstehende Jahr 2000 wird in der öffentlichen wie den veröffentlichten Perspektiven sehr deutlich als erwarteter oder befürchteter Einschnitt wahrgenommen, bei dem in einem résumierenden Rückblick auf die »vergangene Gegenwart« diese immer mehr als sich abschließende oder abzuschließende Epoche begriffen wird; diese »Gegenwartsepoche« wird als sich abschließend, zu Ende gehend nicht nur sorgenvoll begriffen sondern in diesem Sinne auch in Medien und in der veröffentlichten Meinung bewusst funktionalisiert.[1] Unabhängig von der grundsätzlichen Skepsis, mit der solche »epochalen Perspektiven« und oft sehr irrationalen Emotionalisierungen der »Einschnitterwartungen« gewertet werden müssen, ist die unmittelbare politische Wirksamkeit dieser Befindlichkeiten nicht zu übersehen. Für die Pädagogik und Didaktik ist es daher notwendig und sinnvoll, sich kritisch-distanzierend in diese Diskurse einzumischen, um entsprechende didaktische und methodische Akzente für die Praxis des Schulunterrichts als Beitrag zur Bewältigung der irrationalen Endzeitängste und damit als Beitrag zur Krisenbewältigung der Politik setzen zu können. Erwartete grundsätzliche Veränderungen können daher auch als Chancen für einen notwendigen Paradigmenwechsel in der Politischen Bildung begriffen werden. Zunächst ist es aber notwendig, die subjektiven Erfahrungshorizonte und Befindlichkeiten in der Öffentlichkeit wie in der Schule kritisch zu durchleuchten. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Krisenbegriff, der eine wertende Verbindung zwischen objektivem gesellschaftlichen Wandel und subjektiv-biographischer gesellschaftlicher Erfahrung herstellt und zentraler Topos in der veröffentlichen Meinung ist: Das »Ende der Gegenwartsepoche«, der Übergang von Moderne zur Postmoderne, zur postindustriellen Gesellschaft – diese Begiffskontexte sind bezeichnend für die vorherrschende Wertung einer Zukunft, die sich weniger durch Neues, als durch Nachfolge auszeichnen wird – wird als Krise, als krisenhafter Umbruch verstanden.

1.2  Zur Psychologie der Krisenwahrnehmung

Die gegenwärtigen Entwicklungen der Gesellschaft, betreffend die innerstaatliche Befindlichkeit, wie auch die sich dramatisch umgestaltenden äußeren Beziehungen, erwecken beim zeitgenössischen Betrachter den nachhaltigen Eindruck, dass hier nicht nur die Wandlungsprozesse aus der frühen Nachkriegszeit oder noch ältere Kontinuitäten fortgeschrieben werden, sondern dass sich epochal neue Lebensbedingungen und Entwicklungstrends andeuten. Dabei ist die Wahrnehmung kontrovers, ob diese Umgestaltung der gesellschaftlichen und politischen Determinanten etwa in den letzten beiden Jahrzehnten zu einem vorläufigen Abschluss kommen und mit der Jahrtausendwende neue Entwicklungsimpulse zu erwarten sind[2], oder ob diese beiden Jahrzehnte der so genannten »Postmoderne« letztlich nur das Präludium sind für eine gerechtere Welt und noch weiter bevorstehende Umwälzungen. Auch wenn eine den gesellschaftlichen Zuständen in höherem Maße entsprechende Kategorisierung erst aus geschichtlicher Distanz heraus möglich sein wird, hat sich in unserem Bewusstsein der Eindruck festgesetzt, dass wir eine qualitativ besondere und gesonderte Gegenwartsepoche durchleben, die eher den Charakter der Krise als den der Konsolidierung trägt.

Diese Wandlungen der gesellschaftlichen Realitäten sozialwissenschaftlich adäquat zu analysieren, stößt derzeit noch auf große Schwierigkeiten und bleibt weitgehend kontrovers, so dass es sicherlich nicht abwegig ist, von der Notwendigkeit eines sozialwissenschaftlichen Paradigmenwandels zu sprechen.[3]

Damit soll auch die im Thema implizierte Begriffsdimension und Realitätsdeutung als »Krise« deutlich und nachdrücklich relativiert werden. Auf den Begriff der »Krise« können wir erst im Zusammenhang mit der subjektiven Wahrnehmung und Bewertung gesellschaftlicher Realitäten eingehen, nicht jedoch mit dem Anspruch, eine objektivierbare Analysekategorie gefunden zu haben.

Wie müssen uns vielmehr damit beschäftigen, die Situation der Politische Bildung in der Schule auszuleuchten und die Anforderungen, die eine veränderte gesellschaftliche Realität an die Politische Bildung stellt, im Sinne eines notwendigen Paradigmenwandels untersuchen.

1.3  Krise, Realitätsdefinition und Wertordnung

Gerade auch für diejenigen, die im Bereich der Politischen Bildung und im Politikunterricht der Schule tätig sind, ergibt sich ein deutlicher Perspektivwandel sowohl betreffend die Gegenstände und Inhalte der Vermittlung als auch die unmittelbaren Lernsituationen, im außerschulischen wie im schulisch-institutionellen Bereich. Zum Teil werden diese Veränderungen von den Lehrkräften in diesem Bereich subjektiv als schmerzlich empfunden, da sie viele Sicherheiten und Orientierungen, bisher bewährte Selbstverständnisse auflösen und ein grundlegendes Überdenken der Berufssituation notwendig machen.

Was kennzeichnet nun die im Thema angesprochene »Gegenwartsepoche« in Hinblick auf die Erfahrungs- und Lebenswelt »Schule und Politische Bildung«?

Zur charakteristischen Berufserfahrung der in der Politischen Bildung Tätigen wird die Konfrontation mit dem Bedeutungsverlust des »Politischen« und dem Legitimationsdefizit[4] der Träger politischen Handelns in der heutigen Gesellschaft. »Bedeutungsverlust« bedeutet jedoch durchaus nicht, dass unter funktionalen Gesichtspunkten Politik überflüssig oder Politisches Handeln obsolet geworden wäre, ganz im Gegenteil! Es handelt sich aus verschiedenen Gründen zunächst einmal um einen Vertrauensverlust gegenüber den politisch Handelnden, den Politikern. Vordergründig wird der Vertrauensverlust der Politiker mit ihren wahrgenommenen oder vermuteten charakterlichen Schwächen, mit der Erfahrung des Versagens und der Unglaubwürdigkeit politischer Aussagen und Versprechen oder mit oft sehr pauschalisierten Korruptionsvorwürfen begründet. Wenn dies auch im Einzelnen zutreffen mag, ist diese Argumentations- und Wahrnehmungsebene nicht ausreichend. Alle diese Vorwürfe sind so alt, wie es Herrschaft und Politik gibt.[5] Sie sind die Perspektive des Beherrschten, des Machtschwächeren, oder die Perspektive des Machtkonkurrenten. Der grundlegende Legitimationsverlust ist demgegenüber strukturell begründet. Die ins Unüberschaubare gewachsene Menge der Entscheidungsnotwendigkeiten in der Politik, in der sich die langen Interdependenzketten[6] der modernen Gesellschaft ebenso widerspiegeln wie die sozioökonomische Verflochtenheit und Vernetzung, korrespondiert mit einem relativen Wirkungsverlust der Einzelentscheidung, mit dem Verlust der Möglichkeit unmittelbarer Erfolgswahrnehmung und sinkender Entscheidungsspielräume und Autonomie der Politiker selbst. Es wächst die Diskrepanz zwischen Entscheidungsdruck, Erfolgserwartung und Gestaltungsspielräumen, die in der Öffentlichkeit als Politikversagen wahrgenommen wird. Eine weitere Begründung des offenkundigen oder auch nur vermuteten Bedeutungsverlustes des »Politischen« liegt in der zunehmenden strukturellen und funktionalen Auseinanderentwicklung der Gesellschaft, in der kein eindeutiges Machtzentrum mehr ortbar ist, sondern nur noch eine große Zahl konkurrierender Machteliten, die unterschiedlichen Funktionsgruppen zuzuordnen sind. Am klarsten, wenn auch in gewissem Sinne einseitig, hat dieses Phänomen Niklas Luhmann herausgearbeitet.[7]

1.4  Zur begrifflichen Bestimmung der Wahrnehmung des »Zerfalls der Gesellschaft« und des »Zerfalls der gültigen Wertnormen«

Zerfallswahrnehmungen liegen im Zentrum der Krisenerfahrung in unserer gesellschaftlichen Realität. Ob es dabei um den zu beklagenden Zerfall einer überkommenen Wertordnung oder um die Orientierungsprobleme in einer unübersichtlicher gewordenen Gesellschaftsstruktur handelt: politisches Handeln und gesellschaftliches Alltagsverhalten wird zunehmend schwieriger, da allgemein anerkannte, konsensfähige Maßstäbe und Orientierungen fehlen. Diese Grundbefindlichkeit wird wissenschaftlich vor allem im Individualisierungsdiskurs aufgenommen und dann sofort mit dem Diskurs über Universalisierungs- und Globalisierungsprozesse konfrontiert. Inhaltlich soll dieser Problemkreis später noch einmal aufgegriffen werden.[8]

Begrifflich sind diese Prozesse nur schwer eindeutig zu fassen. Terminologische Differenzen prägen die wissenschaftlichen und publizistischen Diskussionen über die zunehmende Ausdifferenzierung der heterogener werdenden Gesellschaftsstruktur. Der traditionelle Schichtbegriff reicht für eine genauere Beschreibung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozesse sicher nicht mehr aus. Als Beschreibung bestimmter mittelfristiger Entwicklungen vor allem im Bereich der Migrationsforschung kann man sicherlich noch von »Unterschichtungsprozessen« durch die internationale Arbeitsmigration wie, abgeleitet aus der historischen Perspektive, von »Überschichtungen« durch den Herrschafts- oder auch ökonomischen Hegemonialoktroy sprechen, wobei die betroffenen auszugrenzenden »Schichten« weder von ihrer sozioökonomischen wie von ihrer Statussituation her noch zutreffend als Oberschicht oder Unterschicht klassifiziert werden könnten. Gerade auch in der statusmäßigen Selbstdefinition gibt es erhebliche Abweichungen, die z.B. den traditionellen Oberschichtenbegriff obsolet werden lassen zu Gunsten differenzierter und konkurrierender Macht-, Status- und Wirtschafts- (= auch Konsum-) Eliten. Wenn im internationalen Kontext noch von Oberschichten gesprochen wird, ist hier nicht der klassische Schichtbegriff zu sehen, sondern die verkürzte Beschreibung internationaler Eliten, die oftmals eher an den globalisierten- und universalisierten Kontexten als der regionalen kulturellen Verwurzelung orientiert sind und in ihrem Alltagsverhalten eine »universalisierte Weltkultur« repräsentieren, jedoch nur in dem Maße, in dem es dieser Personengruppe gelingt, diese mit persönlicher Macht und wirksamem Einfluss zu unterfüttern.

Auch die Unterschichten sind in dieser Form nicht mehr als Schicht oder geschlossene Gruppe greifbar; die hier zusammengefassten Lebenssituationen sind hochgradig different und auch in ihren biographischen Chancen und Begrenzungen so unterschiedlich, dass heute ein allgemeines, in der älteren Klassentheorie erwartetes und gefordertes Klassenbewusstsein oder ein Bewusstsein vergleichbarer Schichtinteresse zwischen Arbeitslosen, Obdachlosen, verarmten Familien, ausländischen Arbeitskräften, arbeitslosen Jugendlichen etc. etc. nicht mehr anzutreffen und auch nicht mehr zu erwarten ist.

Die in den fünfziger Jahren entwickelte Deutungsperspektive einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft oder die Subsumption aller Gruppen zu einer gesellschaftlichen Mittelschicht mag zwar im formalen historischen Vergleich zu der Klassengesellschaft des beginnenden Industrialismus und als provokante Gegenthese zu marxistischen Gesellschaftsvorstellung sinnvoll und geltungsrelevant gewesen sein, trifft aber die heutigen Lebensrealitäten und gesellschaftlichen Konflikte nicht mehr. Auch die These vom »Mittelschichtbewusstsein« sollte eher durch die Feststellung induzierter vergleichbarer Verhaltenreaktionen auf eine industrielle Konsumgesellschaft und ihre Individualisierungszumutungen ersetzt werden. Der Schichtdiskurs ist wie der Klassendiskurs in seiner traditionellen Form zu Ende geführt.

Der Versuch, die Heterogenität der Gesellschaft durch die Einführung des Milieubegriffes zu ersetzen, mag einen Schritt weiter führen, evoziert aber auf der Grundlage vorausgesetzter sozialisationstheoretischer Grundannahmen, die unter dem Aspekt der heutigen Kultur- und Zivilisationswissenschaft eher in Frage zu stellen sind, ein harmonisierendes Gesellschaftsbild. Es wird noch problematischer, wenn durch die breite Resonanz von milieugestützten Gesellschaftsmodellen gerade die publizistisch etikettierten Gruppen im Sinne einer self-fulfilling prophecy sich erst ex-post ausdifferenzieren, wie es erkennbarer Weise bei einer Reihe von ausseparierten Jugendkulturen eindeutig der Fall gewesen ist. Jugendliche, in ihrer Orientierungsunsicherheit, verstehen publizistische Milieugruppierungen als Verhaltens- und Identifikationsangebote, mit denen sich erst rekursiv in einer gegenseitigen Wechselbeziehung bestimmte Wertorientierungen und Gesellschaftsbilder verbinden.[9]

Der Verfasser bevorzugt in Kenntnis der semantischen Ambivalenzen zur Bezeichnung dieser Gruppierungsprozesse den durchaus werthaltigen und dynamischen Begriff der »Fraktionierung«, der sowohl das Auseinanderfallen selbst, als auch die Unterschiedlichkeit der zu Grunde liegenden Maßstäbe mit bezeichnen kann. Fraktionen gehen sprachlich auf den Vorgang des Bruches oder des Auseinanderbrechens zurück. Damit bezeichnet dieser Begriff deutlicher als der Begriff der unterschiedlichen Milieus die problematische Spannung zwischen der als Gesamtheit verstandenen Gesellschaft und den (sich) ausdifferenzierenden, ausgliedernden, konfligierenden oder sich auseinander entwickelnden Teilen dieser Gesellschaft. Sowohl in Bezug auf die sozioökonomischen Lebensperspektiven wie auch der Ausdifferenzierung der Wertnormen (bzw. Zivilisationsstandards) und Realitätsbilder der Alltagskultur sind diese Prozesse der Fraktionierung bis hin zur Individualisierung zu beobachten und stehen, wie schon angedeutet, in einem interdependenten dialektischen Zusammenhang[10] mit den Prozessen der kulturellen Universalisierung.

Der Begriff der Fraktionierung ist zu bevorzugen, da er einmal den noch immer wichtigen Blick auf gesamtgesellschaftliche Prozesse und Interdependenzen nicht verstellt, dabei aber das, so die zu Grunde liegende These, tendenziell fortschreitende Auseinanderfallen heterogener Teilgruppen in den Ländern der sozioökonomischen Zentren[11] auch qualitativ als Auseinanderbrechen kennzeichnet, ohne dabei scheinrationalen funktionalistischen Deutungsmuster[12] einerseits oder sehr eingeschränkt erklärungsmächtigen Deutungen der Systemtheorie unterworfen zu werden (Vgl. Fußnote 7). Es wird durch diesen Begriff weder eine stringente gesellschaftliche Hierarchisierung der sich ausdifferenzierenden Gruppen impliziert, noch eine harmonisierende Deutung vermittelt, wie sie klassische Schicht- und Milieutheorien nahe legen.

Begriffsgeschichtlich muss jedoch eine Distanzierung von der ideologischen Konnotation des Begriffs Fraktionierung in den sozialistischen und kommunistischen Parteien der Arbeiterbewegung erfolgen, wo damit oft diffamierend der ideologische Vorwurf der Spaltung der Partei durch parteiinterne Gruppenbildungen bzw. der Verrat an der Klassensolidarität durch ideologisches Abweichlertum gemeint war und dies zur vermeintlichen Schwächung der eigenen Position führen müsse als Folge von schuldhafter Konsensverletzung seitens der Vertreter bzw. Vertreterinnen anderer Auffassungen. Dieser eingeschränkten Begriffsbedeutung folgen wir ausdrücklich nicht und denken, dass diese Funktionalisierung heute geschichtlich so überholt ist, dass eine erneuerte, grundsätzliche gesellschaftswissenschaftliche Verwendung des Begriffes aus den schon genannten Gründen möglich und sinnvoll ist. Wenn dennoch eine kritische semantische Konnotation mittransportiert wird, ist dies aus der Perspektive der Entwicklung der modernen Staatsgesellschaft auch nicht abzuweisen.[13]

1.5  Anmerkungen zu den gegenwärtigen Problemen der Theorie und Rezeption des Krisenbegriffs[14]

Der Krisenbegriff wird in den »westlichen Ländern der sozioökonomischen Zentren«[15] und in den so genannten »Transformationsländern«, den ehemaligen Staaten des »real existierenden Sozialismus« sehr unterschiedlich rezipiert, wie es in Hinblick auf die unterschiedlichen historischen und gesellschaftlichen Erfahrungen schon diskutiert worden ist. Am Rande sei bemerkt, dass der Krisenbegriff in den Ländern der so genannten »Semiperipherien« und den peripheren Regionen der »Dritten Welt« auf Grund stark abweichender Maßstäbe und Zukunftshoffnungen und -befürchtungen wieder anders verstanden und rezipiert wird.[16] Doch das soll hier nicht das Thema sein. Wichtiger ist jedoch, dass der Gebrauch des Begriffes »Krise« in der subjektiv geprägten Alltagssprache ein anderer ist, als in den veröffentlichten Diskursen der Massenmedien oder der wissenschaftlichen Diskussion.[17]

Die theoriegeschichtlichen Ambivalenzen des Krisenbegriffes sind bei einem Anspruch auf begriffliche Vertiefung und Differenzierung nicht ohne ausdrücklichen Bezug auf die marxistische Krisentheorie darzustellen. In wie weit eine ursprünglich marxistische Krisenzyklentheorie Eingang in die »westliche« Volkswirtschaftslehre und die Wirtschaftspolitik von Ländern wie der Bundesrepublik Deutschland oder anderen westeuropäischen Staaten gefunden hat, ist in der Literatur im Blick auf die wechselnde Bedeutung keynesianischer Kategorien und nachfrageorientierter »staatsinterventionistischer« wirtschaftspolitischer Konzepte schon mehrfach angerissen worden.

Doch scheint darüber hinaus eine differenziertere Überlegung notwendig zu sein, um die notwendige begriffliche Klarheit zu schaffen. In der für die politologische Diskussion des Krisenbegriffes wesentlichen marxistischen und neomarxistischen Diskurstradition sind zwei Elemente von besonderer Bedeutung; einmal in der Konsequenz der Basis-Überbau-Thematik zur Bestimmung des »Politischen« die eindeutige wirtschaftliche bzw. sozioökonomische – aus den nationalökonomischen Reflexionen der klassischen marxistischen Schriften hergeleitete – Fundierung des Krisenbegriffes, die die Ebene der subjektiven Rezeption und der daraus erwachsenden gesellschaftlichen Handlungsebenen weitgehend ausblendet[18], zum anderen die Zuordnung des ökonomischen Krisenphänomens selbst zu einer bestimmten, nämlich der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsformation. In dieser, so der Vorstellung des historisch-dialektischen Materialismus entspringend, „historischen Entwicklungsstufe“ ist die »Wirtschaftskrise« Ursache und Agens der Entstehung der geschichtsnotwendigen »revolutionären Situation«, die durch den Klassenkampf zwischen den antagonistischen Klassen der Bourgeoisie und des Proletariates den Übergang zur sozialistischen und damit folgend der klassenlosen kommunistischen Gesellschaft als Endziel der Geschichte führt.

Die »Krise« ist damit historische eindeutig der kapitalistischen Gesellschaft zuzuordnen und sie ist ein objektiver Tatbestand in der kapitalistischen Wirtschaft als Phase der kapitalistischen Konjunkturzyklen[19]. Diese aus der marxistischen Kapitalismusanalyse entwickelte Krisenzyklentheorie ist dabei so detailliert und bindet in überzeugender Weise die ökonomischen Handlungsdeterminanten Gewinnorientierung und Konkurrenz ein, dass es nicht verwundert, dass in wirtschaftsgeschichtlichen Phasen entwickelter Konkurrenz und geringen Staatseinflusses, wie in Mitteleuropa und stärker noch in den USA bis zur Weltwirtschaftskrise die von der Krisenzyklentheorie vorhergesagten und beschriebenen Konjunkturzyklen weitgehend der ökonomisch-gesellschaftlichen Realität entsprachen[20] und damit auch wie schon angesprochen zur Grundlage der wirtschaftspolitischen Konzepte von Keynes wurde. Hofmann[21] leitet aus der Darstellung der Krisenzyklentheorie und der durch diese Konjunkturzyklen verursachte Weltwirtschaftskrise – historisch damit die Überlegungen Keynes teilweise nachvollziehend – den „dauernden Staatseintritt“ in die Wirtschaft (»Staatsinterventionismus«) und schließlich die „Vermachtung der Märkte“ durch Konzentrationsprozesse ab. Letzterer Aspekt wird heute wieder aufgegriffen in der ökonomischen Analyse von Globalisierungsprozessen. Über die keynesianische Rezeption der Krisenzyklentheorie ist der ökonomische Krisenbegriff seiner marxistischen Bedeutungskonnotation entkleidet worden und konnte damit auch in die volkswirtschaftliche Terminologie der kapitalistischen Ökonomien eingehen.

Doch darf der grundlegende Bedeutungs- und Funktionswandel des Krisenbegriffes dabei nicht übersehen werden. Im Gegensatz zur marxistischen und neomarxistischen Tradition überlagert sich der ökonomisch-fachliche Krisenbegriff mit dem subjektivistischen Begriff »Krise« der Umgangssprache[22] und übernimmt damit auch die gesellschaftliche Funktion, als populäre Begriffskategorie zwischen objektiver gesellschaftlicher Erfahrung und wertender Rezeption der eigenen Situation im unüberschaubar werdenden Wirtschaftszusammenhang zu vermitteln und damit gesellschaftlich-affirmativ ökonomische Sachverhalte subjektiv zu legitimieren.[23]

Diese Funktion kann jedoch in anderen wirtschaftsgeschichtlichen und intellektuellen Traditionen nicht in gleicher Weise übernommen werden. Mit dem politisch gewollten und plötzlich vollzogenen Systemwandel in den Transformationsländern Ost- und Südosteuropas musste auch die das vorherige politische System stützende und legitimierende politische Ideologie des Marxismus in seiner damaligen marxistisch-leninistischen Ausprägung beiseite geschoben werden. Gegenwärtig werden diese Erklärungsansätze und Gesellschaftsvorstellungen eher anathematisiert und aus politischen Gründen nicht in die aktuellen Diskurse einbezogen. Die Krisenzyklentheorie als Kernstück der marxistischen Kapitalismuskritik unterliegt damit diesem Verdikt auch. War vor der »politischen Wende« im politischen Selbstverständnis der Länder des »real existierenden Sozialismus« eine Anwendung des Begriffs »Krise« auf die eigene Situation systemfremd und nicht erfolgt, so war eine fundamentale Kapitalismuskritik gerade auch mit den Begriffen aus der marxistischen Tradition in Bezug auf die gewollte und neu übernommene kapitalistisch-marktwirtschaftliche Systementscheidung kontraproduktiv und auch aus Gründen des eigenen Selbstverständnisses nicht möglich.

Bestenfalls, wenn auch nicht durchgängig, wurde die Systemkritik mit einem verallgemeinerten, eher unpolitischen Begriff der »Krise« auf das »überwundene« bisherige sozioökonomische System angewandt und die Transformation gerade als Krisenlösungsstrategie verstanden. Dem können nun aber die Verlierer der Transformation, wie es vor allem bei den Aus- und Umsiedlern aber auch bei breiten Schichten in den Gebieten der ehemaligen DDR zu beobachten ist, nicht folgen, bei denen die subjektiv nachvollziehbare, objektiv aber kontraproduktive und historisch falsche Tendenz zur Idyllisierung der sozialistischen Vergangenheit im Sinne einer rückwärtsgewandten Utopie zu beobachten ist.[24]

So unterscheidet sich der Begriffsgebrauch der Kategorie »Krise« beträchtlich je nach ideologisch-historischer Tradition und Wahrnehmung und Sinngebung der eigenen gesellschaftlichen Erfahrungen. Die Realerfahrung der »Krise im sozialistische System« wie auch »im nachsozialistischen System« ist durch die marxistische oder neomarxistische Krisenzyklen- und Revolutionstheorie des dialektisch-historischen Materialismus nicht hinreichen zu erklären und verständlich zu machen, widerspricht als der eindimensional gerichteten Fortschritts- und Geschichtserwartung oder -hoffnung als gegenläufige Bewegung grundsätzlich. Gesellschaftswissenschaftliche Ansätze in den Transformationsländern haben daher – auch subjektiv in der Lebenssituation der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler begründet – große Schwierigkeiten mit einem differenzierten analytischen Zugang zur eigenen Krisengeschichte, bis hin zur verdrängten und gerade heute diskursnotwendigen Frage, in wie weit das »überwundene« System des »real existierenden Sozialismus« überhaupt sozialistisch – oder wie es die westliche Kritik schon früher formulierte: staatskapitalistisch – gewesen ist und in wie weit die politischen Strategien dieses Systems überhaupt noch auf marxistischen Kriterien und Erkenntnismethoden einer materialistischen Gesellschaftskritik beruhten.

Auch im Westen wird dieser Diskurs nicht geführt, sondern die Phase der Existenz sozialistischer Staaten und Systeme als historisch überholt und damit als politische Modelle und Ideen widerlegt anathematisiert. Eine differenzierte Diskussion des Krisenbegriffes in seiner unterschiedlichen Rezeption in den Transformationsländern und in den Ländern der westlichen sozioökonomischen Zentren, die die historischen Kontexte über den keynesianischen Staatsinterventionismus ebenso wenig ausblendet wie eine differenziertere Untersuchung der Krisenabläufe in den sozialistischen Ländern und den sich aus ihnen entwickelnden Transformationsregionen kann diese Blockierungen in der politisch-theoretischen Aufarbeitung der sozioökonomischen Zeitgeschichte aufzubrechen helfen.

2.   Veränderungen der Situation des Politischen Unterrichtes

2.1  Der Erfahrungshintergrund

Der Verfasser gehört zu der Lehrergeneration, die bewusst und aktiv in der Reformphase in den 70er Jahren versucht haben, pädagogische, das heißt sowohl fachdidaktische wie unterrichtsmethodische Alternativen und Innovationen zu entwickeln, zu erproben und sowohl auf administrativer Ebene, in Rahmenrichtlinien- und Reformkommissionen, als auch in der innerschulischen Situation als neue pädagogische Standards durchzusetzen.

Die Erfahrung der vielfältigen Widerstände, der Rückschläge und gerade in den beiden letzten Jahrzehnten der tendenziellen Rückentwicklung macht eine reflektierende Analyse der zu Grunde liegenden gesellschaftlichen, politischen und schulinstitutionellen Veränderungen und Wandlungen notwendig, auch um die Intention und die Realisierbarkeit dieser reformpädagogischen Intentionen zu überprüfen.[25]

Bei einem Überdenken der Erfahrungen in der konkreten Unterrichts- und Schulsituation sollte von den vor allem im gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld, in den Fächern Politik oder Geographie, leitenden methodischen Innovationen ausgegangen werden, die in den 70er Jahren als zentrale Elemente und Kennzeichen eines veränderten Unterrichts gesehen wurden. So sollte ein »moderner« Unterricht regelmäßig zum Beispiel

  • durch Exkursionen und Geländearbeit,

  • durch Betriebsbesichtigungen in Industrie, Landwirtschaft und Verkehrswesen

  • durch regelmäßige selbständige Projektarbeitsphasen

didaktisch strukturiert und methodisch gestaltet werden. Die heutigen praktischen Erfahrungen damit sind aber eher ernüchternd, ganz abgesehen davon, dass derzeit nur noch eine Minderheit der Kolleginnen und Kollegen vor allen im gymnasialen Bereich überhaupt bereit und in der Lage sind, diese Unterrichtsmethoden regelmäßig und intensiv zu pflegen.

Erstaunlicherweise ergibt sich das Problem gerade heute zu einem Zeitpunkt, da die Fachdidaktik diese methodischen und didaktischen Schwerpunktsetzungen aus dem Ghetto einer angeblichen Reformpädagogik[26] herauszuholen versucht und ihre faktische Beschränkung auf die Didaktik der Primarstufe, wie auch der Schulen im Sekundarbereich I aufheben will und diese methodisch-didaktischen Formen als selbstverständlichen Teil des Fachunterrichte zu akzeptieren beginnt, ist deren praktische Umsetzung im Unterricht durch wachsende Probleme und Inakzeptanz, gar aktive Widerstände, in der Öffentlichkeit, bei den Schülerinnen und Schülern selbst deutlich schwieriger geworden als es die Entwicklung seit den siebziger Jahren erwarten ließ. Entsprechendes gilt in der Folge auch im Rahmen der institutionellen Voraussetzung an der Schule selbst vor allem hier wiederum im Gymnasialbereich.

Im Folgenden sollen dazu einige Faktoren benannt werden, die diese wachsende Schwierigkeit dem Augenschein nach bedingen, ohne an dieser Stelle die Ursachen vertieft zu diskutieren oder didaktische und schulpraktische Auswege vorzuschlagen.

Nicht diskutiert werden kann in diesem Zusammenhang der subjektive Faktor, nämlich dass das Durchschnittsalter der Lehrerinnen und Lehrer in den letzten Jahren an den Schulen permanent angestiegen ist, wodurch neben nachlassender persönlicher Leistungsfähigkeit auch das Risiko des Berufsüberdrusses und der Demotivation in der Lehrerschaft wächst und sich im Verhältnis zur Schülerschaft eine »Großelternperspektive« herausbildet.

2.2  Gesellschaftliche Rahmenbedingungen

2.21  Phasen des Wandels der Zielparadigmen der Politischen Bildung

Die Geschichte der Politischen Bildung ist durch häufige Paradigmenwechsel wie durch kontroverse Vorstellungen von ihrer Bedeutung und Funktion in der Öffentlichkeit und der Schule geprägt. Bis zur Reformphase der 70er Jahre wurde Politische Bildung bzw. die heute der Politischen Bildung zugeordneten Themen und Inhalte in den Fächern Geschichte und Erdkunde fast ausschließlich als Aufgabe für die „Erziehung zum Staatsbürger“ verstanden und dementsprechend im Sinne der jeweiligen Staatsführung bzw. auch der wechselnden politischen Mehrheiten in der Demokratie funktionalisiert.

Es sollte aber betont werden, dass dies allgemein als legitim und notwendig akzeptiert wurde, und dass erst der gesellschaftswissenschaftliche Paradigmenwechsel zu Beginn der 70er Jahre, der zur zeitweiligen wissenschaftlichen Dominanz der »kritischen Theorie« führte, diesen funktionalistischen und affirmativen Kontext des Unterrichts grundsätzlich ideologiekritisch in Frage zu stellen begann und an die Stelle der so genannten »Staatsdidaktik« pädagogische Ziele wie Kritikfähigkeit, Emanzipation oder Widerständigkeit zu setzen wollte.

Dass dies in der Kultuspolitik in der Bundesrepublik Deutschland durchaus noch heute umstritten und kontrovers bewertet ist, zeigt sowohl die emotional geführte Diskussion über die Schulpolitik im Zusammenhang mit Landtagswahlkämpfen, wie auch der unmittelbare Vergleich von Rahmenrichtlinien und schulpolitischen Grundsätzen zwischen den Bundesländern Süddeutschlands, vor allem Bayerns und Baden-Württembergs, mit der Schulpolitik der norddeutschen Bundesländer wie Niedersachsen, Bremen oder Hamburg.[27]

Die kontroversen Paradigmen der Politischen Bildung sollten – idealtypisch – hier nebeneinander und gegeneinander gestellt werden, wobei damit auch im Prinzip eine zeitliche Abfolge der Geltung angedeutet werden kann.

Eine ältere Politische Bildung sieht in der schulischen Erziehung zunächst eine Disziplinierungs- und Anpassungsagentur mit dem Ziel mittelschichtenspezifischer Homogenisierung in der Staatsgesellschaft[28]; dieses ist im engeren Sinne eine »Staatsdidaktik«;

Politische Bildung bedeutet später aber auch: Schule als Ort der generationsspezifisch hierarchisierten Vermittlung und Durchsetzung von strukturstabilisierenden Wert- und Bildungsnormen: Staat, Demokratie, Westorientierung (Gagel, »Mut zur Erziehung«, »Werteerziehung« in der »Grundbildung«). Von einer rational-kritischen wissenschaftlichen Politikdidaktik wird eine solche Politische Bildung aber eher skeptisch betrachtet, obwohl sie den Stimmungen in vielen Kollegien und Elternschaften durchaus entgegen kommt.

Sachlich-pragmatische und schülerorientiert-kritische Ansätze treffen sich in jüngerer Zeit dort, wo Politische Bildung die Schule vorrangig als Funktionsträger der gesellschaftlicher Intellektualisierung versteht. Die gesellschaftlichen Ziele einer solchen Intellektualisierung ist unterschiedlich und politischen Kontroversen unterworfen; sie eignet unter bestimmen Bedingungen vor allem

  • zur beruflichen Qualifikation, wobei die ökonomische Nachfrage nach höherwertigen Schulabschlüssen vorrangig ist – oft recht einseitig auch an den Interessen der Betriebe und Arbeitgeber ausgerichtet – und zu dem zum gesellschaftlichen Konsens gewordenen Postulat »Bildung ist Bürgerrecht« führen konnte;

  • zum Funktionieren von Staat und Gesellschaft, wobei affirmative Konzepte der »Staatsbürgerkunde« neben offenen didaktischen Ansätzen für einen selbstbewussten demokratischen Umgang mit der gesellschaftlichen Realität und den politischen Zukunftsaufgaben steht; in den 70er Jahren differenzieren sich hierbei wesentliche inhaltliche Arbeitsfelder aus, die im methodisch-didaktischen Bereich als Konfliktdidaktik oder emanzipative Pädagogik, im didaktisch-curricularen Bereich als Umweltpädagogik[29], Friedenspädagogik[30] oder Pädagogik der »Dritten Welt«[31] wesentliche Resonanz aber auch heftige politische Auseinandersetzungen gefunden haben;

  • zum Erreichen politischer Ziele; dies dürfte ein sehr umstrittener und mehrfach ambivalenter Ansatz sein, da er wiederum wie auch die konservativen Entwürfe nicht in erster Linie von den Lebensperspektiven der Schülerinnen und Schüler ausgeht, auch nicht einfach affirmativ herrschende staatliche Wertvorstellungen umsetzen will, sondern dezidiert politisches Handeln, nämlich das Eintreten z.B. für Reformen, für gesellschaftlichen Wandel, oder für eine »Revolution« fordert, wobei das Problem der Legitimierung dieser Ansprüche niemals hinreichen zu klären war, es sei denn, objektivistische Gesellschaftsbilder und Geschichtsmythen vermittelten dieser Art von »Gesellschaftslehre« eine Scheinrationalität.

Festzustellen ist die Aufgabe und – zumindest in Kernbereichen – das offensichtliche Scheitern dieser didaktischen Konzeptionen vor dem Hintergrund des eingangs geschilderten gesellschaftlichen Wandels, das Zurückbleiben hinter den durch den »Staat« postulierten Ansprüche, die tendenziell auch als »Staatsversagen« generalisiert werden. In anderem Kontext werden sie viel grundsätzlicher als Scheitern von Nationalstaatskonzepten und der mitteleuropäischen Staatsgesellschaften selbst zu verstehen.

Generell hat sich die Zahl der Außer-Haus-Aktivitäten in den Fächern des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes, insbesondere des Erdkundeunterrichts, in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich erhöht, ohne dass die Zahl der lohnenden Arbeits- und Besichtigungsobjekte in entsprechendem Maße gestiegen ist. Dazu ist gerade auch bei Betrieben und Dienststellen der »Reiz des Neuen« von Besuchen durch Schülergruppen (als sogar Lokalzeitungen noch darüber berichteten!) verloren gegangen. In den Vordergrund der Wahrnehmung tritt für Lehrer und Schüler, teilweise wohl aber auch für die »Gastgeber« und Betreuer in den Betrieben der dafür notwendige Aufwand und die aufzubringende Arbeitszeit. Dies korrespondiert mit einer wachsenden Orientierung vieler Betriebe an kurzfristigen Rentabilitätsüberlegungen. Ein Ausdruck dieses Paradigmenwechsels ist das ›shareholder value‹. Besuche gelten eher als Belastung und Kostenfaktor, denn als Chance für public relations. Einige Betriebe erwarten bei Besuchen von Schülergruppen und anderen Publikumsbesichtigungen von vornherein vorliegende hohe Motivation oder gar eine finanzielle Aufwandsentschädigung, wenn dies auch bislang eher im Ausland zu beobachten ist. Der Vorbereitungsaufwand für eine Betriebsbesichtigung wird für die Lehrkräfte dadurch erheblich größer und die notwendige Langfristigkeit kann einen flexiblen Einsatz dieses Unterrichtsbestandteils möglicherweise verhindern.

Die teilweise schlechte Konjunkturlage (Stahlkrise, Kohlekrise, Werftkrise) veranlasst betroffene Firmen und Branchen, eine restriktive und bedeckte Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Die Betriebe öffnen sich dann weniger gerne Einblicken von außen, was langfristig durchaus kontraproduktiv sein kann. Zugleich wird die gezielte Ansprache von Schülerinnen und Schülern dann ›uninteressant‹, wenn in absehbarer Zukunft im Betrieb oder in der Branche Neueinstellungen und das Angebot von Ausbildungsplätzen nicht zu erwarten ist.

2.22  Veränderungen in der Schülerschaft

Die Schülerschaft hat sich insbesondere in den Zentren der Großstädte in den vergangenen zehn Jahren stark verändert und zwar sowohl generell in Bezug auf das ihr eigene »Generationenschicksal« als auch in Hinblick auf ihre kulturelle und herkunftsmäßige Zusammensetzung, die durch wachsende Heterogenität und Vielfalt der soziokulturellen Prägungen zu charakterisieren ist.

Die biographischen Rahmenbedingungen der derzeitigen Schülergeneration haben sich durch Veränderungen der familialen Sozialisation, durch Veränderungen der politischen Kultur und der öffentlichen Diskurse und Lebenswelten und durch die Veränderungen in den schulischen Curricula wesentlich und generell geändert. In gleicher Richtung wirkte der vor allem subjektiv wahrgenommene, zunehmend aber auch objektiv erweisbare Bedeutungsverlust der schulischen Sozialisation für die Schülerbiographien. Schulische Erfahrung wird durch eine Multiplikation der vor allem medial vermittelten außerschulischen Erlebnis- und Erfahrungswelten zurückgesetzt. Ob sie unter diesen Bedingungen noch in eine sinnvolle Konkurrenz, zu diesen lebensweltlichen Differenzierungen und Fragmentierungen treten kann, zumindest noch als Begleitung und Ergänzung, soll im gegebenen Zusammenhang nicht weiter diskutiert werden, da diese Erfahrungsstrukturen weitaus getreuer die »Fraktionierung der politischen Kultur« widerspiegelt, als es die traditionelle Schulwelt vermag.

Nachdenklichkeit erzeugt jedoch die Beobachtung, dass diese Situation durchaus nicht generell zu größeren Lebenschancen und positiven biographischen Erwartungen bei der Schülergeneration fährt, sondern vielfach Prozesse der nicht bewältigten Dissonanzerfahrungen und Psychotisierungen evoziert, die die Schule als gesellschaftlich verantwortliche Institution durchaus interessieren müsste.

Bezogen auf unser Thema im Bereich der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer, wobei die Geographiedidaktik einmal durch die besondere Bedeutung empirischer Verfahrensweisen, andererseits durch die verhängnisvollen Traditionen eines reflexionsarmen Empirismus besonders gefordert ist, bewirkt die veränderte Lebenssituation der heutigen Schülergeneration jedoch einige didaktische und methodische Probleme und Einengungen:

  • Die Bereitschaft, wie auch zeitliche Fähigkeit, zusätzlichen Engagements in Schulveranstaltungen – wie Studienfahrten, Gelände- und Projektarbeit – außerhalb der üblichen Unterrichtszeiten sinkt.

  • Die Erwartung, auch aus ambitionierten schulischen Projekten und Lernsituationen neue und persönlich belangvolle, »interessante« Erfahrungen ziehen zu können, sinkt.

  • Die Erwartung, dass sich schulische Bildungsangebote auf eine Verbesserung der Lebenschancen, Berufsperspektiven oder einsehbarer Persönlichkeitsbildung auswirken könnte, sinkt in dem Maße, als schulische Ausbildung zunehmend als Institution zum Erwerb von gesellschaftlich erforderlichen Formalqualifikationen wahrgenommen wird.[32]

  • Die zunehmende Heterogenität der Schülerschaft durch Migranten, Aussiedler und soziale Binnenmigranten bewirkt kontroverse Haltungen zur Schule, die von ausgesprochener Aufsteigermentalität z.B. bei Flüchtlingen aus den Funktionseliten des Nahen Ostens, über statusbezogene Intellektualisierungsstrategien vor allem bei jüdischen Kontingentflüchtlingen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion bis zur völligen Demotivierung von (unfreiwillig in der Familie mitgenommenen) Aussiedlerkindern aus Osteuropa reichen. Aber unabhängig von der Sozialmotivation oder der stärkeren oder fehlenden Aufstiegsorientierung fehlt in der Regel durch eine völlig andere schulische Primär-Enkulturation das Verständnis für die Individualisierungsforderung, die mit emanzipationsorientierten Unterrichtsstrategien verbunden ist.

  • Die – politisch eher konservative – öffentliche Fundamentalkritik an der schulischen Ausbildung, die gerade auch die informellen und »riskanten« Lernangebote trifft, verstärkt diesen Bedeutungsverlust der Schule ebenso wie die zunehmende öffentliche Abwertung der Professionalität des Lehrerberufes. Kritische anzumerken ist auch die häufig unprofessionelle öffentliche Darstellung der Lehrersituation durch die Lehrerverbände. Dieses negative Erscheinungsbild des Lehrerberufes wird vor allem durch die GEW ungewollt gefördert. Die Schülerperspektive spiegelt damit weitgehend den Stand der veröffentlichten Diskurse wider.

  • Die – politisch eher konservative – öffentliche Fundamentalkritik an der schulischen Ausbildung, die gerade auch die informellen und »riskanten« Lernangebote betrifft, verstärkt diesen Bedeutungsverlust der Schule ebenso wie die zunehmende öffentliche Abwertung der Professionalität des Lehrerberufs. Kritisch anzumerken ist die häufig unprofessionelle oder gar dilettantische öffentliche Darstellung der Lehrersituation durch die Lehrerverbände. Dieses negative Erscheinungsbild des Lehrerberufs wird vor allem durch die GEW ungewollt gefördert und evoziert. Die Schülerperspektive spiegelt damit weitgehend den Stand der veröffentlichten Diskurse wider.

Die Gesellschafts- und Sozialordnungen sind weltweit in Bewegung geraten. Die politisch-ökonomischen Transformationsprozesse in den Ländern des ehemaligen RGW-Bereichs sind nur ein Beispiel, das korrespondiert mit tief greifenden gesellschaftlichen Umwälzungen vor allem in den Ländern der Semiperipherien.

Zwar sind die Erscheinungsformen dieser Umwandlungen und Transformationen sehr unterschiedlich, das heißt, den jeweils individuellen historisch-ökonomischen Bedingungen der einzelnen Regionen und Länder entsprechend, doch stehen sie in hohem Grade in einem internationalen Kontext – als Dependenz, zentral-periphere Disparität oder im politisch-kulturellen Einflussbereich der Hegemonialmächte –, der bestimmte Entwicklungstendenzen vorzeichnet und überprägt und damit im Sinne der Globalisierung und Universalisierung vergleichbar macht.

Die wirkt sich bis in die soziale Existenz des Einzelnen, d.h. auch der Schülerinnen und Schüler aus und kann skizziert werden mit folgenden Erscheinungsformen, die die gesamtgesellschaftlichen und ökonomischen Chancen von Globalisierung und Universalisierung zunächst bewusst ausblenden:

  1. Trotz Wirtschaftswachstum und positiven Einkommensentwicklungen in den Mittelschichten wächst der Anteil der Armen und derjenigen, die sich in der gegebenen Gesellschaft als arm, armselig oder chancenlos eingruppieren lassen.

  2. Traditionelle »Armut« wird durch »Verelendungsprozesse« und der Ausbreitung von »Armseligkeit«[33] abgelöst, die die Menschenwürde tangiert und katastrophale psychische Folgen der Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit wie auch das Anwachsen der Gewaltbereitschaft und Radikalisierung nach sich zieht.

  3. Der soziale Halt traditionaler Institutionen und Sozialverbände geht verloren und mit ihr die damit verbundene soziale Kontrolle und sozialpsychologische Stabilisierung. Die Menschen werden zur Freiheit gezwungen, was nur in den ökonomisch stabilen Sozialschichten auch tatsächlich als positiver Wert und Chance für den Erhalt des sozialen Status oder gar weitere Aufstiege wahrgenommen wird.

  4. Die Migrationsströme nehmen weltweit zu und führen zu einer Heterogenisierung und Fraktionierung[34] der Bevölkerungen einerseits und zu gegensteuernder Zunahme von staatlicher Repression andererseits; was letztlich einen sich gegenseitig verstärkenden und bedingenden Prozess darstellt.

Die Schülerschaft, mit der heute die Schule im Allgemeinen und die Politische Bildung im Besonderen konfrontiert werden, ist in mehrfacher Hinsicht von den Auswirkungen der Globalisierungs- und Universalisierungsprozessen betroffen. Dabei stehen materielle und strukturelle Veränderungen, die regional und sozial zu differenzieren sind, mentalen und habitutionellen Entwicklungen und Problemen gegenüber, die vor allem kulturell und identitätsgruppenorientiert zentrifugalen Kräften unterliegen und daher in hohem Maße als »fraktioniert« erscheinen. Daraus entstehen neue, für die Schule gerade auch in den Industriestaaten ungewohnte Konfliktpotentiale und soziale Bruchlinien. Im Vordergrund steht die Beobachtung – oder auch nur die Vermutung – der sozialen und kulturellen Desintegration und mentalen Verunsicherung auch bei den Lehrerinnen und Lehrern selbst. Das mag insofern überraschen, als die Prozesse der Globalisierung und Universalisierung begrifflich und realpolitisch ja zunächst Integrationsprozesse und Angleichungsvorgänge bezeichnen sollen. Doch treten hier die schon erwähnten sozialen und kulturellen Gegenströmungen in den Vordergrund, die für die innergesellschaftliche Wahrnehmung der Folgen der Globalisierung signifikanter zu Tage treten als die ökonomisch-strukturellen Angleichungsprozesse selbst.

Beginnen wir mit der schulischen Wahrnehmung materiell-struktureller Veränderungen. Von vielen Lehrerinnen und Lehrern wird ein Verlust der Homogenität der Schülerschaft wahrgenommen und als Problem für die eigene Unterrichtsführung definiert.[35] Im Hintergrund stehen die regionalen und globalen Migrationsprozesse, die im Rahmen der Herausbildung hoch differenzierter »Sub-Milieus« zu einer ethnisch-kulturellen Fraktionierung der Bevölkerung und damit auch der Schülerschaft führen. Dabei spielen innerschulisch die Migrationsbedingungen und ‑ursachen ebenso wenig eine bedeutsame Rolle wie die qualitativen Unterschiede in den Lernvoraussetzungen und kulturellen Orientierungen der Schülerinnen und Schüler. Inhomogenität als solche und Fremdheit bzw. Distanz werden pauschal und weitgehend undifferenziert als Entitäten und wenig beeinflussbare Existenzvoraussetzungen wahrgenommen. Anstelle einer notwendigen Differenzierung der Unterrichtsstrategien erfolgt tendenziell sogar eine Entdifferenzierung in der Wahrnehmung sozialer und ethnischer Dichotomien.[36] Es ist hier nicht der Ort, die sozialpsychologischen Grundlagen dieser inadäquaten Reaktionen zu untersuchen; die Stereotypien- und Vorurteilsforschung hat dazu ebenso wie die Didaktik der Politischen Bildung seit den klassischen Untersuchungen von Adorno et al.[37] maßgebliches ausgesagt. Die kulturelle Seite dieser Fremdheitswahrnehmung ist auch im Rahmen des tiersmondisme[38] und vor allem der französischen kritischen Ethnologie[39] aufgearbeitet worden.

Untersuchen wir die Ursachen dieser innerschulischen Problemdifferenzierungen, so müssen wir, entgegen der Eigenwahrnehmung in der Schule, gerade die externen Verursachungsfaktoren in den Vordergrund rücken. Migrationswellen, die das heutige Weltsystem maßgeblich bestimmen – was an sich in der Weltgeschichte nichts Neues ist, da auf Veränderungsprozesse und Notlagen immer schon Migrationen und »Völkerwanderungen« sinnvolle und notwendige Reaktionen waren[40] – sind vor allem auch Reaktionen auf sozioökonomische Veränderungen, die durch Globalisierungsprozesse verursacht werden. Das führt nicht zu einer stärkeren regionalen Differenzierung zwischen unerwünschten Migranten und zur Binnenmobilität gezwungenen Arbeitnehmern, sondern auch zu einer Chancendifferenzierung zwischen der an Globalisierungsprozessen und internationaler Mobilität teilhabenden Oberschichten[41] und regional immer stärker staatlich festgelegten Unterschichten. So wird gleichermaßen auch die soziale Hierarchisierung verstärkt und das Spannungsniveau gesellschaftlicher Konflikte deutlich erhöht.

Zweitens führt es in der Schule erfahrbar zu einer stärkeren Ausprägung sozialer Differenzen und zur Vergrößerung des Anteils Armer und Bedürftiger in der Schülerschaft. Dieses ist tendenziell ursächlich mit Globalisierungsprozessen verbunden.

Gegen diese Gruppe richten sich von Seiten der traditionellen Mittelschichten verstärkt ebenso ausgrenzend-aggressive Vorurteile und Ablehnung wie gegen die Gruppe der Migranten insgesamt. So kommt die Schule in eine letztlich von ihr selbst kaum zu lösende Konfliktlage zwischen den Privilegierungsansprüchen der traditionellen Mittelschichten einerseits, die an Bilder von Schule und Unterricht appellieren, die von einer Mehrzahl der Lehrerinnen und Lehrer vor allem in den weiterführenden Schulformen entsprechend ihrer eigenen sozialen Herkunft geteilt werden. Diese Ansprüche kollidieren mit den grundgesetzlich verankerten Bildungs-, Ausbildungs- und Qualifizierungsansprüchen einer neuen Schülerklientel hoher Differenziertheit und kulturell-ethnischer Abgrenzung, die daher oft gar nicht zu einer gemeinsamen und schon gar nicht einer identischen Interessenwahrnehmung und damit zu einer Gegenmacht zu Privilegierungsanmaßungen in der Lage sind.

2.23  Lehrersituation und Schulinstitution

Wesentlichen Anteil an der heutigen Erschwernis, einen projektorientierten Unterricht in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern, vordringlich gerade auch im Erdkundeunterricht, der von der empirischen Arbeit »im Gelände« so abhängig ist wie der Politikunterricht von der realen Erfahrung in der Gesellschaft, als »Normalangebot« der Schule durchzusetzen, liegt aber auch an zunehmend restaurativen Bildungsvorstellungen in der Schulpolitik, unabhängig von der Parteizugehörigkeit der Kultusminister bzw. -ministerinnen, wie das Beispiel Niedersachsen sehr deutlich zeigt.[42]

Primäres Ziel der Bildungspolitik scheint derzeit zu sein, konservativer Schulkritik und vor allem eher gymnasial ausgerichteter Elternvereine und -vertretungen durch politische Spannungen vermeidende und gesellschaftliche Konflikte zu unterlaufende Maßnahmen zuvorzukommen. Im Vordergrund stehen dabei Formalkriterien wie Verminderung des Unterrichtsausfalls (völlig unabhängig davon, wie sinnvoll oder zwangsläufig seine Ursachen auch sein. mögen; dabei soll zudem grundsätzlich die Neueinstellung von Lehrerinnen und Lehrern restriktiv erfolgen).[43]

Ein weiteres Element dieser restaurativen Bildungspolitik ist die scheinbar fortschrittliche Förderung verpflichtender Schulprogramme, die scheinbar und vorgeblich eine erhöhte Vergleichbarkeit zulassen, vordergründig Verantwortung an die Schulen delegieren, tatsächlich aber zu einem wirkungsvollen Instrument pädagogischer und didaktischer Nivellierung und Entdifferenzierung bzw. Homogenisierung[44] werden können, indem pädagogische Experimente durch Mehrheitsvoten und die Persistenz einmal getroffener Entscheidungen blockiert, didaktischer Fortschritt durch Abstimmung verhindert und scheinbar individuell auf die jeweiligen Lerngruppen und Lernsituationen eingehende Unterrichtskonzeptionen zu Gunsten vorgeblicher »fachlicher Vergleichbarkeit« reduziert wird. Gleichzeitig werden solche Schulprogramme, zumindest bei der derzeitigen Zusammensetzung der Lehrerschaft, zu einem zusätzlichen Hemmnis betreffend einer engeren Verzahnung der wissenschaftlichen Didaktik mit der alltäglichen Schulpraxis. Das was der Staat insgesamt nicht mehr als Homogenisierungsleistung durchsetzen kann, soll oder will, wird im Subsidaritätsprinzip an die schulischen Instanzen delegiert und damit doppelt effizient durchgesetzt, an Stelle der eigentlich notwendigen Überlegung, Schuldidaktik prinzipiell zu dynamisieren, an den fortschreitenden gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskursen zu beteiligen und letztlich widerständig zu machen.

3.   Notwendiger Paradigmenwechsel der Politikdidaktik

3.1  Widerständigkeit statt auf Nationsmythen fixierte Affirmation

Wenn das »Politische« selbst, Gegenstand der Politischen Bildung wie des Politikunterrichtes, in unserer Gesellschaft in Frage gestellt wird, ist es nur folgerichtig, von einem Bedeutungsverlust und Legitimationsdefizit der Träger der Politische Bildung zu sprechen. Dies wird in der politischen Öffentlichkeit noch dadurch verstärkt, dass Politische Bildung generell unter inhaltliche Legitimationszwänge gesetzt wird, die an anderer Stelle zu erörtern sind und davon abhängen, dass Politische Bildung in ihrem Selbstverständnis zumeist nicht-affirmative, distanzierende und kritisch-rationale Lernprozesse zu evozieren sucht, die das Fach in Widerspruch zu Legitimationswünschen der institutionellen Politik und der Machteliten in der Gesellschaft bringt.

Bildungstheoretiker sehen die genannten Bedeutungsverluste bezogen auf die Sozialisationsbedingungen des Einzelnen viel grundsätzlicher und beobachten einen Bedeutungsverlust und Legitimationsdefizit der Träger der schulischen Sozialisation. Dies liegt einmal an dem aus unserem ersten Punkt hervorgehenden Eindruck des Bedeutungsverlustes aller staatlichen (politischen) Institutionen, der real unterstützt wird durch die immer größere Distanz zwischen Entscheidungs- und Wirkungsebene im Rahmen der Globalisierungs- und Universalisierungsprozesse; zum anderen an den Veränderungen der individuellen Entwicklungsabschnitte zwischen Kindheit, Adoleszenz, Post‑Adoleszenz und Erwachsensein, wobei immer mehr immer wirksamere nichtfamiliale, unpersönliche und öffentliche Einflüsse immer früher auf den Sozialisationsprozess einwirken und fest gefügte Intimität und Privatheit tendenziell in Frage stellen. Die Sozialisation wird damit in hohem Maße unvorhersehbar und unsteuerbar, was den erzieherischen Einfluss von Elternhaus und Schule – und damit auch die real zu fordernde Erziehungsverantwortung – zurückdrängt und grundsätzlich immer mehr in Frage stellt. Diesen Einschränkungen ist aus denselben Gründen neben der familialen Sozialisation auch die schulische Bildung ausgeliefert, bei der der Bedeutungsverlust im öffentlichen Bewusstsein wie in den Lebenskonzeptionen der Schülerinnen und Schüler noch viel offensichtlicher wird.[45]

Politische Bildung hat sich mit der rational-distanzierten Aufarbeitung der existentiellen und mentalen Folgen dieser veränderten Sozialisationsbedingungen und Lebensperspektiven auseinanderzusetzen.

In dem Maße, in dem schulisch-institutionelle und staatliche Erziehungseinrichtungen und Unterrichtssituationen fragwürdig und einer erneuten Legitimierung bedürftig werden – sowohl gegenüber den Schülerinnen und Schülern selbst, als auch gegenüber der Öffentlichkeit, die zunächst von der Elternschaft repräsentiert wird –, muss das historisch gewachsene staatliche System der Institutionen und Einrichtungen kritisch in das wissenschaftliche und didaktische Blickfeld genommen werden.

Es stellt sich mit Nachdruck die Frage nach der staatlichen Kompetenz und Fähigkeit, Bildungsziele zu setzen und adäquat zu konkretisieren, schulische Unterrichte zu bestimmen. Dass in den neueren Rahmenrichtlinien des Faches Politik von den Lernzielkonzepten oder der inhaltlichen Lehrplanfestlegung zunehmend abgegangen wird zu Gunsten des Konzeptes der Schlüsselprobleme, auf das wir hier inhaltlich unsere Aufmerksamkeit konzentrieren werden, zeigt, dass zumindest an aufgeschlosseneren Kultusministerien der dargestellte aktuelle Problemkontext nicht vorbei gegangen ist.

Doch sind die zu Grunde liegenden Fragestellungen damit noch nicht abschließend geklärt. Claußen (z.B. »politik unterricht aktuell«) und Voigt (1999) stellen diese Frage ganz grundsätzlich und fordern die Distanz zu den »Selbstverständlichkeiten« der Staatsgesellschaft und des Staates („Staatsapologetik“ bei Claußen, Strukturveränderungen politischer Herrschaft, Sozialisation und Politische Bildung: Prospektive Reflexionen über ihren Zusammenhang, politik unterricht aktuell, Heft 2 / 1994. - Claußen, Bernhard, 1993: Von der nationfixierten Systemapologetik zum interkulturellen Lerndiskurs. Historisch-systematisch orientierte Anmerkungen zu Paradigmatischen Wandlungstendenzen in der Politischen Bildung. In: Voigt, Gerhard, Hg., 1993: Interkulturelles Lernen. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, Heft 5. Hannover. S. 55-76. ) sowie des Nationenbegriffes. Damit tendiert Politische Bildung zunächst nicht zu einer grundsätzlichen »Fundamentalablehnung« des Staates – oder gar der Demokratie, wie es ihr konservativerseits manchmal vorgeworfen wird –, sondern fordert ein widerständiges Selbstverständnis und die Erziehung zur Fähigkeit zur eigenen Widerständigkeit, d.h. damit vor allem zur Fähigkeit distanzierten und selbstdistanzierten Denkens, zu Rationalität – aber auch zu Empathie. Dieses kritisch-widerständige Denken begreift Staat und Nation nun nicht mehr als Selbstverständlichkeiten, sondern als historisch-prozessuale Entitäten und Artefakte, die verändernder und entwickelnder politischer Handlung offen stehen. Der Leitbegriff der Nation, wie die Begriffe von Volk und Ethnie werden als machtprozessual in gesellschaftlichen Figurationen verortete Legitimationsmythen begriffen, die einer kritisch-distanzierten Aufklärung bedürfen.

Widerständigkeit[46] der Politischen Bildung und der Politikdidaktik ist daher zuallererst gegen staatsaffirmative, nicht rational fundierte Erziehungskonzepte anzustreben, Kritik an den herrschenden Nationalitäts- und Ethnizitätsmythen, die irrationale »Zusammengehörigkeitsgefühle« als machtprozessuale Homogenisierungsstrategien und -mittel im Prozess des nation building einsetzen, ist die fachliche Grundlage dieses aufklärerischen didaktischen Konzeptes.

3.2  Diskursorientierte didaktische Konzepte

Der Hinweis auf die unterschiedlichen Zeitdimensionen und Zeitvorstellungen gesellschaftlicher Zielvorstellungen und gesellschaftlichen Handels ist notwendig.

Sehr vordergründig ist dies bereits das zentrale Motiv der globalen Ökologiebewegung nach der MIT-Studie des »Club of Rome«.

Philosophisch ist der Blick auf die theoretischen Konzepte von Braudel (»Die lange Dauer«) sinnvoll, oder die interkulturellen Zeitkonzepte bei Wendorff oder aus der Zivilisationstheorie abgeleitet bei Waldhoff (1995).

Aufzugeben ist die Vorstellung, Schule und Politische Bildung könnten Agenturen der zielgerichteten Steuerung politischen und gesellschaftlichen Wandels sein. Dies ist zu vordergründig und widerspricht der Einsicht in die zugrunde liegenden Sozialisations- und Enkulturationsprozesse, die vor allem in der Entwicklung der Vorstellung der Differenz gründen. Politischer Wandel erfolgt über Dissonanz- und Differenzerfahrungen, nicht jedoch durch das Erlernen politischer Ziele.

Abschließend sollten drei mögliche Wirkungsdimensionen der Politischen Bildung angesprochen, charakterisiert und diskutiert werden:

  • Politische Bildung vermittelt die Fähigkeit zur Alternative, d.h. sie hilft bei der Entwicklung einer differenzierten Persönlichkeit; Alternativen haben hierbei sowohl eine wichtige kognitive Fundierung nötig, als auch einen affektiv-emotionalen Rahmen, der als Widerstand oder Blockierung erfahrbar und meist biographisch verortbar ist.

  • Politische Bildung entwickelt durch die systematische Einbeziehung in reflektive schulische und gesellschaftliche Diskurse die Fähigkeit zum distanzierten und selbstdistanzierten Denken, was durchaus im Widerspruch zu traditionellen Forderungen nach emotionaler Geborgenheit und Wärme stehen kann und muss, aber in der Dialektik von Globalisierungszwängen und Individualisierungszumutung notwendige Persönlichkeitsausstattung sein muss.

  • Politische Bildung versteht sich selbst als rekursiver und selbstreferentieller Teil umfassender gesellschaftlicher Diskurse. In diesem Sinne orientiert sich Politische Bildung nicht nur an Schlüsselproblemen der Gesellschaft, sondern trägt zu deren Entwicklung und diskursiven Erhellung bei.

  • Politische Bildung versteht sich als Teil und Agens einer »Zweiten Zivilisation« parallel zur Forderung nach einer »Zweiten Aufklärung«.

Diese Charakteristiken der Politischen Bildung  in didaktische und curriculare Konzeptionen umzusetzen, verlangt inhaltliche Konzeptualisierungen, die von den üblichen Inhalts- und Problemsetzungen durch die Schulbehörde, die Schule oder die Lehrkräfte selbst grundsätzlich abweichen.

  • Zum einen trägt der Gedanke, der Didaktik sei („handwerkliche“) Umsetzung von Wissenschaft, den „Bezugswissenschaften“, in der heutigen gesellschaftlichen und schulisch-institutionellen Realität nicht mehr. Dazu ist der dieser Vorstellung zu Grunde liegende Wissenschaftsbegriff „idyllisiert“ und  mit Wahrheitsansprüchen etikettiert, die einem philosophisch und soziologisch verantworteten Wissenschaftskonzept nicht mehr entsprechen. Realitätserhellung  geschieht nicht (nur) durch Wissensvermittlung, sondern durch situatives Erarbeiten adäquater Realitätsperspektiven höherer Selbstreferenzialität – auch und gerade im Unterricht. Politische Bildung ist daher potentiell immer interdisziplinär und als offener Arbeitsauftrag zur kontinuierlichen Realitätserschließung zu verstehen.

  • Das Problem staatsaffirmativer Grundkonzepte der Politischen Bildung ist schon erörtert und zurückgewiesen worden. Widerständigkeit und gesellschaftlich adäquate Realitätsperspektiven entwickelt Politische Bildung nur durch die diskursive Einbeziehung in die gesellschaftliche Meinungs- und Willensbildungsprozesse und die kritisch-distanzierte Bezugnahme auf die herrschenden kulturellen Wert-, Verhaltens- und Symbolinventare.

  • Unterrichtsinhalte sind keine Entitäten der gesellschaftlichen Realität, sondern sie bilden gesellschaftliche Realität symbolisch ab. Unterricht ist dabei Teil einer symbolischen Interaktion[47], bei der wissenschaftspropädeutische Relevanz- und Realitätskriterien aus der expliziten Thematisierung der Rezeptionsvorgänge selbst im Rahmen eines reflexiv-distanzierten, tendenziell selbstreferenziellen Diskurses gewonnen werden.

Diese Charakteristiken erweisen die zentrale Bedeutung eines didaktischen Ansatzes, der in den gesellschaftlichen Diskursen fundiert ist und sich selbst als integraler Bestandteil eben dieser Diskurse versteht. Der Diskursbegriff selbst müsste in seiner philosophischen und theoriegeschichtlichen Bedeutung eingehender untersucht und kritisch gewürdigt werden. Das kann an dieser Stelle nicht geschehen. Es sollte nur auf den Doppelcharakter des Begriffes hingewiesen werden, der in seiner Konsequenz über den in diesem Aufsatz zu Grunde gelegten pragmatischen Gebrauch des Diskursbegriffes hinausweist. Nach Habermas ist der Diskurs Element eines gesellschaftlich-ethischen Handlungskonzeptes, der Diskursethik. Der »herrschaftsfreie Diskurs« folgt dem anthropologischen Leitbild des freien, verantwortlichen und gleichen Bürgers, der in den selbst gestalteten Diskurs um die gesellschaftlichen Ziele und politischen Handlungsperspektiven eintritt und diese damit letztlich verantwortet. Es ist eine zutiefst demokratisch-egalitäre gesellschaftliche Zielvorstellung, in der Herrschaftsabbau und eine optimistische Anthropologie Fortschritt und Gerechtigkeit in einer Form garantieren, die mit der ökonomistischen Bezeichnung Sozialismus nur unzureichend gekennzeichnet wäre.[48] Wir nehmen die positiven gesellschaftlich-ethischen Konnotationen Diskursbegriffes gerne war, beschränken uns aber auf das Konzept, das im Diskurs die differenzierte und vermittelnde (auch symbolische, auch durch Medien vermittelte) Kommunikation in der Gesellschaft ins Auge fasst und sie auf der einen Seite von der Ebene einer umfassenderen, persistenteren bzw. nur begrenzt aktiven Veränderungs- und Entwicklungsstrategien ausgesetzten Politischen Kultur, in der sich die historische Erfahrung einer Gesellschaft in Wert- und Handlungsoptionen und in verfügbaren Symbolinventaren verfestigt (die dann den aktuellen Diskursen die kommunikative Basis geben), auf der anderen Seite von der Ebene der persönlichen, privaten, in abgeschlossenen intimeren Gruppen ablaufenden Kommunikations- und Interaktionsbeziehungen absetzt. Demgegenüber sind öffentliche Diskurse prinzipiell für alle offen, aber durchaus nicht allen zugänglich. Ein diskursives Konzept der Didaktik der Politischen Bildung zielt nun gerade darauf, solche Diskurse verfügbar und beeinflussbar zu machen und sie als das eigentliche Medium des Politischen zu versehen und als Ebene von politischen Handlungsoptionen zu begreifen. Da aber Schule, Unterricht und Politische Bildung nicht über unbegrenzte Diskursressourcen, sowohl was die Lehrerinnen und Lehrer, die Schülerinnen und Schüler als auch die formal-institutionellen Rahmenbedingungen der Schule angeht, müssen Kriterien der Auswahl, der Entwicklung, der Umsetzung und der Inwertsetzung öffentlicher Diskurse gefunden werden. Unsere These ist es, dass die Diskurse selbst Instrumentarium und Kriterien zur Auswahl und Relevanzprüfung wie zur methodischen Umsetzung bergen, dass als Didaktik einerseits sich als Teil dieser öffentlichen gesellschaftlichen Diskurse verstehen muss, andererseits aber auch gezwungen ist, sich in diesen Diskursen zu behaupten und zu legitimieren. Dieser methodische Zugang zum didaktischen Arbeiten in Diskursen konkretisiert sich derzeit im Konzept der Schlüsselprobleme.

Hier wäre noch kritisch auf das jüngst veröffentlichte Gutachten des Sachverständigenrates Bildung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung „Jugend, Bildung und Zivilgesellschaft“ zur Entwicklung der Bildung in Deutschland einzugehen. Die in diesem Gutachten aufgeführten Zielbestimmungen einer zukunftsorientierten Bildung stehen in der Tradition eines an gesellschaftlicher Verantwortung orientierten Unterrichtsverständnisses und repräsentieren somit ein Menschenbild, das weitgehend auch von unserer Untersuchung geteilt werden kann und weckt die Hoffnung, dass damit die in dem Text selbst angesprochenen, aber durch den Verantwortungsbegriff eingegrenzten emanzipatorische Diskurse in der Öffentlichkeit wieder breiteren Raum gewinnen können: „Leitbild der Bildung ist der freie Mensch, der aus eigenem Interesse sein Leben in Verantwortung für sich selbst wie für andere Menschen und für die Gesellschaft gestaltet, nicht das von jeder Verpflichtung ‚emanzipierte‘ Individuum. ... Das Lehrerbild darf sich nicht nur an der individuellen Unterrichtsgestaltung orientieren, sondern muss auch auf die kooperative Gestaltung des pädagogischen Gesamt‚kunstwerks‘ Schule ausgerichtet sein; deren Eigenverantwortung ist der Rahmen für die Arbeit der einzelnen Lehrerin, des einzelnen Lehrers...“ Es sind hier zwei bezeichnende Textstellen ausgewählt worden, die für die wenig konkrete Argumentationsstruktur des Gutachtens ebenso typisch sind wie für einige widersprüchliche Denk- und Werttraditionen der gewerkschaftlichen Linken. Die Formulierungen bleiben ausdeutbar und sind von einer für ein Gutachten eigentlich zu großen interpretatorischen Beliebigkeit, deren Didaktisch-methodische Umsetzung nicht unmittelbar aus den Argumentationskontexten herleitbar ist. Zum weiteren ist das Bildungskonzept, das letztlich aus der Arbeiterbewegung heraus sich entwickelt hat, uneindeutig in der nur leerformelhaften Verklammerung individualistischer, emanzipatorischer Wertbestimmungen und ihrer Einbindung in das Verantwortungskonzept, das hier in der Tradition kollektivistischer Traditionen steht, die letztlich aus dem revolutionären Egalitätspostulat herzuleiten ist.

Es fehlt hier ein philosophisch-methodischer Ansatz, der diese Denkpolarität dynamisiert und „zum Tanzen bringt“. Der Bildungsbegriff bleibt statisch-normativ und widerspricht damit moderneren auf (symbolische) Interaktion und (kulturelle) Kommunikation aufbauenden prozessualen Gesellschaftsvorstellungen. Die Folge wäre letztlich ein moralisierendes Bildungsverständnis, dessen Problematik wir schon erörtert haben. Hier könnte die bewusste Einbeziehung des Diskurskonzeptes, u.U. gerade in Erfüllung der deutlichen Wertdimensionen des Gewerkschaftspapiers rekurrierend auf HabermasDiskursethik, Missverständnisse und Folgenlosigkeit abwenden helfen.

Mit diesen Charakteristiken ist das Papier des Sachverständigenrates trotz aller bedenkenswerten Überlegungen und Argumente noch keine gültige Antwort auf die Krisenanalyse, von der wir in unseren eigenen Überlegungen ausgegangen sind. Denn es widerspricht damit auch der hieraus entwickelten Vorstellung, dass Werte und gesellschaftliche Handlungsoptionen nicht postuliert, sondern in einer offenen, kulturell sich fraktionierenden postmodernen Gesellschaft nur in diskursiven Prozessen, das heißt nur vermittels Interaktion und Kommunikation in den gegebenen und sich entwickelnden gesellschaftlichen Figurationen handlungsleitend werden können; ansonsten bleiben sie, ganz im Sinne eines säkularen Laizismus Privatangelegenheit des Einzelnen. Damit wird auch deutlich, wie eine Gegenposition zu dem Gewerkschaftspapier Aussehen könnte, gerade wenn dessen Intentionen zu akzeptieren sind: als diskursorientiertes didaktisches Konzept.

3.3  Das traditionelle Beharrungsvermögen im Selbstverständnis von Fachlehrerinnen und Fachlehrern

Sucht mach nach tiefer liegenden Ursachen der Persistenz überkommener und zunehmend obsolet gewordener pädagogischer und fachdidaktischer Strukturen und Konzepte, so sind Begründungszusammenhänge in grundlegenden Verfestigungen innerhalb der Politischen Kultur unserer Gesellschaft zu sehen, vor allem was die Verankerung der schulischen Bildung in den weitgehend unumstrittenen Wertvorstellungen angeht. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn ähnliche kritische Perspektiven nicht nur für die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer aufgezeigt werden können, sondern dass diese eigentlich in allen Sektoren unseres Bildungswesens Gültigkeit beanspruchen können.

In der konkreten schulischen Situation zeigt sich das vor allem in der immer wieder zu beobachtenden Hemmnis, sich – das eigenen überkommenen Selbstverständnis infrage stellend – mit innovativen Fachkonzepten einzulassen, kritische und selbstbezügliche wissenschaftliche Entwicklungen aufzugreifen und umzusetzen und überhaupt Veränderungen der gesellschaftlichen Bedeutungskategorien auch nur anzudenken.

Dafür ist das Fach Erdkunde ein besonders auffälliges Beispiel. Besonders deutlich wird diese »Scheuklappensicht« der fachlichen Perspektiven auch im Fach Geschichte. Es mangelt der Mehrzahl der als Schuldidaktiker tätigen Historikerinnen und Historiker an der Bereitschaft, tradierte Methoden des Geschichtsunterrichtes prinzipiell in Frage zu stellen. Hier nimmt z.B. das fiktive »historische Kontinuum« einen ähnlich unumstößlichen und inadäquaten Platz ein wie in der Geographie das Ideologem vom »räumlichen Kontinuum«. In beiden Fällen werden daraus didaktische Konsequenzen in Richtung auf fachliche Sequenzialität und fachintern zu bestimmenden »Vollständigkeitskonzepte« eines herkömmlichen Grundbildungsverständnisses gezogen, die sowohl einerseits die lernpsychologisch zu begründenden unterrichtlichen Rezeptionssituationen, die als Interaktions- und Kommunikationsorte zu definieren sind, als auch andererseits die gesellschaftlichen Diskurse ausblenden. Dass daraus nur herkömmlicher Vermittlungsunterricht zu entwickeln ist, dürfte klar daraus hervorgehen.[49]

Gerade der Mangel an fachlicher und gesellschaftlicher Diskursorientierung ist dann auch ein Hemmnis, im Fach Geschichte die komplexeren Ansätze z.B. der historischen Soziologie, der Zivilisationsforschung oder der Ansätze der Geschichte der Politischen Kulturen aufzugreifen und umzusetzen. Das Unverständnis, mit dem auch angesehene Fachhistoriker in ihrer Rolle als »gelernte Historiographen« Werken der historischen Soziologie begegnen, ist auffällig und zu bedauern.[50]

In der Geographie wäre es ebenfalls an der Zeit, intensiver in die kultur- und wirtschaftsgeographischen Analysen Ansätze der Zivilisationsgeschichte und z.B. der Weltsystem‑Theorie Wallersteins mit einzubeziehen, auch um die in ihrem Realitätsgehalt – nicht in Fragestellung und Motivation! –zunehmend fragwürdig werdenden Kategorien und Begriffsmuster der »Dritte-Welt«-Forschung oder der »Entwicklungstheorien« neu zu überdenken – oder wie Wallerstein formuliert: „Unthinking Social Sciences“![51] Diese kritischen Perspektiven bleiben jedoch noch immer weitgehend im universitären Raum und dringen auch dort nur langsam zu den Didaktikern durch. Dabei wäre eine permanente fachliche Neuorientierung gerade in den Schulen dringend notwendig. Hier besteht unmittelbarer Handlungsbedarf!

Ein möglicher Ansatz, diese Situation aufzubrechen, wäre, die z.T. in den gültigen Rahmenrichtlinien angeführten Ansätze der didaktischen Orientierung an »Schlüsselprobleme«[52] inhaltlich ernst zu nehmen und als Diskurs- und Dynamisierungsangebote und ‑potentiale zu begreifen. Dazu müsste aber eine intensive Förderung einer diesbezüglichen Lehrerfortbildung und ein Eingehen der Hochschulen auf diese Qualifikationsdefizite erfolgen. Die derzeitige Schul- und Wissenschaftspolitik steht dem, z.B. durch die zeitliche und finanzielle »Austrocknung« der Lehrerfortbildung diametral entgegen.

Das Résumé dieser Thesen und Überlegungen ist somit eher pessimistisch: Ansätze zu einer grundlegenden Verbesserung der Rahmenbedingungen für eine Erneuerung der Geographiedidaktik in der Schulpraxis sind m.  E. gegenwärtig nicht erkennbar, es gilt aber, einen dementsprechenden öffentlichen Diskurs anzustoßen.

4.   »Schlüsselprobleme« als gesellschaftliche Diskursfelder

4.1  Probleme der curricularen Eignung des Konzeptes der »Schlüsselprobleme«

Das Konzept der »Schlüsselprobleme« geht auf Klafki[53] zurück und hat sowohl in der Fachdidaktik wie in neueren Rahmenrichtlinien vor allem des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes Resonanz gefunden. »Schlüsselprobleme« zu formulieren ist zunächst einmal ein Versuch, von der engen thematisch-inhaltlichen Formulierung von Richtlinien und Fachcurricula weg zu kommen, deren normativer Charakter einen konsensfähigen Bildungs- oder Allgemeinbildungsbegriff voraussetzen würde, der in dieser Form in unserer Gesellschaft weder in der Öffentlichkeit noch bei Schulpolitikern noch existiert. Dies gilt insbesondere, wenn in der Publizistik immer wieder methodisch recht oberflächliche und im Ergebnis untaugliche Versuche gemacht werden, solche »Bildungsstandards« in einem fiktiven Bildungskanon zu fixieren und zu behaupten.[54] Dass Klafkis Intentionen selbst eher auf eine Rettung des traditionellen Allgemeinbildungsbegriffes hinauslaufen, zeigen spätere Aufsätze (Klafki 1990).

Diese öffentlichen inhaltlich fixierten Allgemeinbildungsdiskurse eignen aber letztlich nur für tagespolitische Auseinandersetzungen zwischen den Parteien und politischen Strömungen und – in bedenklicher Weise – dazu, die Institution Schule in inadäquate Rechtfertigungszwänge für ihr scheinbares Ungenügen in der Wissensvermittlung zu bringen, die eine unabhängige oder gar widerständige Pädagogik zunehmend verunmöglichen und daher Teil des schon erörterten pädagogisch-didaktischen Rückschritts sind. Das liegt nun durchaus im kurzfristigen politischen Interesse einer inhaltlich eigentlich völlig ratlosen Schul- und Bildungspolitik, die damit ihr eigenes Versagen kaschieren kann, nicht jedoch im Interesse einer zukunftsoffenen Innovation der Didaktiken und der schulischen Curricula.

So ist das »Schlüsselproblemkonzept« zunächst einmal pragmatisch zu begründen und dennoch durch seine immanenten diskursiven Strukturen ein Fortschritt gegenüber älteren Lehrplänen und Rahmenrichtlinienkonzepten, ein Fortschritt, den die Fachdidaktik um so deutlicher zur Umsetzung und Realisierung einfordern kann. Der tatsächliche Wert der Formulierung von »Schlüsselproblemen« erweist sich aber erst in ihrer methodischen Herleitung und wissenschaftlichen Fundierung, die erst zeigt, ob der Anspruch, mehr und qualitativ Anderes zu sein als nur eine neue Verbrämung von verbindlichen Themenvorgaben, eingehalten werden kann.

Dazu muss vor allem verhindert werden, dass diese »Schlüsselprobleme« wieder als Themata ausformuliert und administrativ festgeschrieben werden. »Schlüsselprobleme« müssen in ihrer inhaltlichen Umsetzung grundsätzlich offen sein und ein dynamisches, diskursives Vorgehen bei der Findung und Gestaltung konkreter Unterrichtsprobleme und unterrichtlicher Vermittlungssituationen nicht nur ermöglichen sondern herausfordern. Gerade diese Forderung stellt sich dann aber als grundlegendes Problem bei der Aufnahme des »Schlüsselproblem-Konzeptes« der Rahmenrichtlinien in den Schulen heraus.

Die ersten Erfahrungen mit den neuen Rahmenrichtlinien auf der Grundlage von »Schlüsselproblemen« – in Niedersachsen ohnehin durch die parallel verbindlich gemachten Rahmenthemen im Sinne eines administrativen Formelkompromisses in ihrer direkten Wirkungsweise konterkariert – zeigen, dass eigentlich keine dem Verfasser bekannte Schule, vor allem keine Schule des Gymnasialbereiches, ernsthaft versucht hat, diese »Schlüsselprobleme« tatsächlich und konsequent aufzunehmen und umzusetzen. Die pädagogischen Potentiale des Konzeptes sind schlichtweg nicht erkannt worden, oder werden als belastende Neuerung unterlaufen und verdrängt. Soweit Lehrerinnen und Lehrer ohnehin noch traditionellen Grundbildungsvorstellungen verhaftet sind, ist es ihnen ohnehin wohl kaum möglich, die Bedeutung des alternativen diskursiven Konzeptes der »Schlüsselprobleme« zu ermessen und zu akzeptieren. Hier wäre nun eine wichtige Aufgabe der Hochschuldidaktik, in die Öffentlichkeit und in die Schulen wirkende innovative didaktische Diskurse zu initiieren. Bislang werden »Schlüsselprobleme« vorwiegend als Rahmenthemen mißverstanden und in traditioneller Weise didaktisch-methodisch umgesetzt.

Um einen Einblick in die administrative Umsetzung des »Schlüsselproblemkonzeptes« zu geben, soll noch einmal auf das Beispiel Niedersachsen zurückgegangen werden. In den Rahmenrichtlinien Politik[55] für die Sekundarstufe II wird das Schlüsselproblemkonzept folgendermaßen eingeführt: „Die skizzierten Herausforderungen lassen sich in sechs Schlüsselprobleme fassen, deren Lösung für die Menschen der heutigen und der zukünftigen Generationen im Interesse ihres Überlebens und ihrer Sicherheit von herausragender Bedeutung ist:

  • Frieden und Gewalt

  • Ökonomie und Umwelt

  • Technologischer Wandel

  • Soziale Ungleichheiten

  • Verhältnis der Geschlechter und der Generationen

  • Herrschaft und Politische Ordnung

Der Begriff des Problems verdeutlicht, dass grundsätzlich von einer zukunftsoffenen politischen Situation ausgegangen wird.

Didaktisch eignen sich diese Schlüsselprobleme als Ausgangspunkte für die Auswahl und Legitimation von Unterrichtsinhalten und als Orientierung für die Strukturierung von Unterrichtsthemen. Die über die Schlüsselprobleme gewonnenen Inhalte und Strukturierungen werden bei der weiteren Planung des Unterrichts durch die fachwissenschaftlichen Dimensionen und Politikdimensionen ergänzt und differenziert.“ Die einzelnen Schlüsselprobleme werden dann in einzelnen Abschnitten inhaltlich und in Bezug auf ihre gesellschaftlich-politische Relevanz erläutert.

Zwei argumentative Defizite, die wohl in Rahmenrichtlinien als administrativ-normativen Vorgaben (»Setzungen«) nicht zu vermeiden sind, haben aber mit zur Folge, dass ein umsetzungsfähiges Schlüsselproblemkonzept für die Schule wie für die einzelnen Kolleginnen und Kollegen nicht erkennbar und nachvollziehbar wird: Die Begründung der Schlüsselprobleme in den Rahmenrichtlinien erfolgt allein mit dem Argument der gesellschaftlichen Relevanz, die bei den genannten Schlüsselproblemen ja durchaus einsichtig, in ihrer Abgrenzung und Vollständigkeit von einer gewissen »Willkürlichkeit« behaftet ist, nicht jedoch mit Hinweis auf die diskursive Methode, in der die Besonderheit des Schlüsselproblemkonzeptes begründet liegt. Die Unterscheidung der Schlüsselprobleme von gesellschaftlichen Themenschwerpunkten wird nicht deutlich.[56] Zum andern ist die durchaus sinnvolle Erläuterung der didaktischen Eignung von Schlüsselproblemen „als Ausgangspunkte für die Auswahl und Legitimation von Unterrichtsinhalten und als Orientierung für die Strukturierung von Unterrichtsthemen“ viel zu offen und unverbindlich, um ohne vorherige intensive Beschäftigung mit diesem didaktischen Konzept überhaupt zu sinnvollen unterrichtspraktischen Umsetzungen zu gelangen.

Dies deutet wieder einmal darauf hin, die Frage zu stellen, ob es nicht Zeit ist, nach der Ersetzung von Richtlinien und Lehrplänen durch Rahmenrichtlinien in den 70er und 80er Jahren, einen weiteren Schritt zu wagen, und auch die Rahmenrichtlinien zu ersetzen durch aktuellere und angemessenere Formen der Bestimmung und inhaltlichen Ausgestaltung schulischer Unterrichtssituationen. Diese Forderung ist aber sicherlich zu verknüpfen mit grundlegenden Reformimpulsen in der Lehrerausbildung wie mit einer Neukonzeption von Lehrerfortbildung und Lehrerweiterbildung, die als permanente dienstliche Verpflichtungen verstanden werden müssen und entsprechend ihrer Bedeutung und ihrem notwendigen Zeitaufwand Eingang in die Arbeitszeitvorgaben und Stundenpläne der Lehrerinnen und Lehrer finden müssen. In diesem Falle ist ein sinnvolles Schlüsselproblemkonzept umsetzbar und kann zu einer grundlegenden Erneuerung des Unterrichts vor allem auch in der Politischen Bildung beitragen.

Ohne an dieser Stelle ein positives Konzept der Entwicklung und Umsetzung von Schlüsselproblemen versuchen zu wollen, ist doch abschließend auf einige notwendigerweise zu berücksichtigende und zu diskutierende Determinanten des Schlüsselproblemkonzeptes hinzuweisen. Das Ziel, das mit einem Schlüsselproblemkonzept verfolgt wird, bedeutet, inhaltliche Entscheidungen für den Schulunterricht, vor allem in unserem Falle für den Politikunterricht, von administrativen, konventionellen und affirmativ-normativen Vorgaben und Plänen abzukoppeln, aus der Einsicht heraus, dass heute weder ein (fach-) wissenschaftliches oder (fach-) didaktisches Konzept in der Lage ist, unumstrittene und gültige Kriterien zur Auswahl von Lernstoffen anzubieten, noch dass in der (politischen) Öffentlichkeit davon ausgegangen werden kann, dass auch nur ansatzweise konsensfähige und praxistaugliche Vorstellungen über Bildungsziele, Lernschwerpunkte und Unterrichtsinhalte – ja noch nicht einmal über die zu unterrichtenden Fächer und ihre Stundenanteile im Gesamtcurriculum! – gefunden werden können. Curriculare Entscheidungen von dieser biographischen und gesellschaftlichen Bedeutung sind daher weitgehend von kurzfristigen politischen Setzungen der Kultusministerien und Landtage mit ihren wechselnden politischen Mehrheiten ebenso zu lösen, wie von Konsens vorspiegelnden Formalkompromissen und inhaltsleeren Zielbeschreibungen.

Der Ansatz, Schlüsselproblemkonzepte zu entwickeln, liegt in der Einsicht, dass es möglich sein kann, die für die Gesellschaft überlebensnotwendigen und zukunftsoffenen Problemfelder in Diskursen zu erfahren und in der Beobachtung der öffentlichen Diskurse temporär einzugrenzen.

Notwendige Voraussetzung einer solchen diskursorientierten Problemdefinition ist jedoch, den Zugang zu diesen Diskursen so weit wie möglich offen zu halten, um so kontroverse Realitätssichten und Interessenlagen ebenso einzubeziehen können wie Fachkompetenz und wissenschaftliche Diskurse. Das setzt eine offene, liberale und in ihrem Selbstverständnis demokratische Öffentlichkeit voraus. Ein pädagogisches Schlüsselproblemkonzept kann daher auch nur unter diesen strukturellen Voraussetzungen gültig sein und ist daher wie alle pädagogischen Konzepte nicht ahistorisch und von den konkreten gesellschaftlichen Voraussetzungen abstrahierend zu verstehen. Gerade dies ist aber der erste, fundamentale Diskurs, ob diese politisch-strukturellen Voraussetzungen gegeben und als Werte zu akzeptieren sind. Daher ist es durchaus sinnvoll und im Sinne eines Diskurskonzeptes richtig, das frühere »Lernfeld Politik / bzw. Demokratie« durch das Schlüsselproblem »Herrschaft und Politische Ordnung«[57] zu ersetzen, denn politisch-strukturelle Fragen sind, so der Diskursbeitrag der politischen Wissenschaften, niemals Unabhängig von Machtprozessen und Herrschaftsformen zu verstehen und zu behandeln.

Letztlich führt also ein Schlüsselproblemkonzept zu einer permanenten Curriculumreform, in die auch die Schulen selbst und die Lehrerinnen und Lehrer direkt und aktiv einbezogen sind. Schule wird somit zu einem integralen Bestandteil und nicht nur zu einem Objekt öffentlicher und fachlicher Diskurse und »pädagogische Diskurse« sind in die allgemeinen gesellschaftlichen Diskurse zu integrieren.

4.2  Zum Theorie-Praxis-Problem

Die Diskussion um die »Schlüsselprobleme« in den Schulen wird oft unter dem subjektiven Eindruck geführt, dass hier durch die »praxisfremden Theoretiker« an den Hochschulen ein überzogenes »theoretisches Konstrukt« der »Schulpraxis« und den »Schulpraktikern«, nämlich den Lehrerinnen und Lehrern, aufgezwungen wird. Der Vorwurf ist dann nicht weit, dass diese Theoretiker nun mal „von den realen Problemen der Praxis keine Ahnung“ haben und „intellektuelle Spielereien“ betreiben.

Diese innerschulische Problemsicht fügt sich in einige dominante Urteilsstrukturen, die nicht nur in den Schulen, sondern auch in weiten Teilen der Öffentlichkeit präsent sind, nämlich der Hochschätzung der »Praxis« und der ablehnenden Skepsis gegenüber den »lebensfremden Intellektuellen«. Diese ideologischen Topoi haben gerade in Deutschland einerseits einen ideengeschichtlichen Hintergrund, der auch von den »Intellektuellen« selbst kaum je realisiert wird, als auch einen sozialen Kontext in der staatsgesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland, die gerade in diesem Bereich deutlich anders als in Frankreich abläuft, wie es Norbert Elias in seinen Untersuchungen zur französischen Civilité im Unterschied zur deutschen Kultur sehr detailliert darstellt[58].

Die Theorie-Praxis-Dichotomie wird letztlich auch als oft berechtigter Vorwurf von denen akzeptiert, die davon sozial getroffen werden, nämlich Wissenschaftlern und Hochschulangehörigen, die, gerade wenn sie ihre eigene gesellschaftliche Funktion kritisch zu überdenken bereit sind, die angebliche „Praxisferne“ der Hochschullehre sowie der Forschung beklagen und eine stärkere „Praxisorientierung“ der universitären Ausbildung fordern.[59] In dieser positiven Sicht der Theorie-Praxis-Problematik richtet sich das Augenmerk vor allem auf Struktur- und Kommunikationsprobleme zwischen Schule und Hochschule.

Die These von der Theorie-Praxis-Dichotomie sollte aber grundsätzlich viel kritischer gesehen werden. Es ist anzunehmen, dass sie zur Problembeschreibung selbst eher nicht mehr taugt. Die Behauptung und Wahrnehmung eines Theorie-Praxis-Gegensatzes ist heute eine ideologische Revitalisierung veralterter Theorie-Dichotomien, von denen die »Natur-Kultur-Dichotomie«, in den Politikwissenschaften die »Gesellschaft-Gemeinschafts-Dichotomien« repräsentativ sind (vgl. Schramke 1975 oder Filipp 1987 für die Geographiedidaktik). Die angesprochene Problematik der mangelnden Kommunikation zwischen Hochschule und Schule ist weniger unter den Stichworten »Praxisferne« und »Kontrollfurcht« zu subsumieren, als auf eine grundsätzlich andere sozialpsychologische Fundierung des Unterrichtens, nämlich aus der individuell erfahrenen, aber niemals systematisch reflektierten Situation heraus; dabei erfüllen dann Didaktik und Pädagogik bestenfalls ex post legitimatorische Funktionen. Die Sprachlosigkeit ist daher auch nicht durch eine bessere Fachdidaktik oder Gesprächsinitiativen der universitären Fachdidaktiker aufzuheben, sondern nur durch eine grundlegende Veränderung der institutionellen Situation von Schule – es wär unter Umständen hier Ivan Illich (1971) zu folgen: durch eine »Entschulung der Gesellschaft«. Von der anderen, universitären Seite her wäre das durch die kritische Untersuchung der Situation und Motivation der Fachdidaktiker selbst zu untermauern, von denen zu vermuten ist, dass die Arbeitsmotivation primär nicht aus den inhaltlich-didaktischen Problemlagen erwächst, sondern aus der eigenen Einbindung in universitäre Diskurse, in Arbeitsplatz- und Statussorgen und den Publikationszwang. Es wäre also notwendig, nicht Schule oder Hochschule als solche zu verändern und zu verbessern, sondern die bisher induzierten Diskurse zusammenzuführen und in der politischen Öffentlichkeit den pädagogischen Diskurs neu zu eröffnen, der die institutionellen Verengungen überwinden hilft.

Die »Sprachlosigkeit« zwischen Universität und Schule ist weniger in den inhaltlichen und methodischen Defiziten der betreffenden Fachdidaktiken bzw. der Erziehungswissenschaften zu suchen, als in institutioneller Fremdheit, die sich am gesellschaftlichen Ort der Institution ebenso festmachen lässt, wie an der biographischen und funktionalen Separation von beruflichen Lebensabschnitten. Dies zu überwinden verlangt eine stärkere funktionale Verklammerung (vom Ideal des »lebenslangen Lernens« ganz zu schweigen).

Für die Politiklehrerschaft können in einem biographiezentrierten Ansatz, der vor allem auch konkrete gesellschaftliche und politische Zeiterfahrungen thematisiert, Gründe für ihre heutige »Sprachlosigkeit«, um nicht zu sagen: Gedankenferne, gefunden werden.[60] Die in diesem Zusammenhang oft beklagte »Abkoppelung der Hauptschule« kann der Verfasser als Gymnasiallehrer nicht letztgültig beurteilen. Es mag auch auf die universitäre Situation bezogen sein. In der Praxis der Lehrerfortbildung ist jedoch zu sehen, dass die Bereitschaft, sich überhaupt auf Pädagogik einzulassen, überwiegend im Grund- und Hauptschulbereich, und dann folgend auch noch im Real-, Gesamtschul- wie Berufsschulbereich zu finden ist, kaum je aber im Gymnasialbereich. So genannte »pädagogische Diskussionen« gibt es im Gymnasium nur, wenn die Schülerzahlen sinken oder Mittel gekürzt werden, was ein wirkliches Einlassen auf diese Probleme jedoch nicht ermöglicht. Die Entpädagogisierung der Kultuspolitik tut ein übriges dazu. Das neue »progressive« Instrument der Schulprogramme ist dann auch primär als schulpolitisches Druckmittel zu sehen, in den Schulen pädagogische Minderheitenpositionen mundtot zu machen, pädagogische und didaktische Diskurse zu unterbinden und notwendigen fachdidaktischen Paradigmenwandel unmöglich zu machen. Im gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld könnte man sich als Ergebnis der Abstimmungen über ein Schulprogramm folgendes vorstellen: die Rückkehr im Fach Politik zur normativen Wertbindung (z.B. nach Gagel 1990 oder Sutor 1992) und zur Institutionenkunde bei Ausschluss kritischer Ansätze aus dem Bereich der Sozialpsychologie, der Zivilisationstheorie (Elias) wie auch den Konzepten der »Dritte-Welt-Theorie« und der Weltsystem‑Theorie (Wallerstein).[61] Im Fach Erdkunde würden allein die Positionen der Konservativen im Schulgeographenverband dominieren. Geographie als »Politische Bildung« wäre dann tabu und die Landschaftskunde wieder Zentrum des Unterrichts.[62]

Übereinstimmung besteht zwischen kritischen Lehrerinnen und Lehrern und Hochschulangehörigen jedoch sicherlich in der Forderung, dass ein didaktischer Paradigmenwandel stattfinden muss, der gerade auch Selbstverständnis und gesellschaftliche Stellung der Fachdidaktik umfassen sollte und das Wahrnehmungsproblem einer Theorie-Praxis-Dichotomie in einen größeren fach- und theoriegeschichtlichen Zusammenhang stellt.

Dieser Hintergrund kann hier nur angedeutet werden und harrt einer umfassenderen zivilisationsgeschichtlichen Untersuchung und Darstellung. Die Theorie-Praxis-Dichotomie ist geschichtlich in den Rahmen der abendländischen Entwicklung dichotomer Realitätsbilder zu stellen, die zwar gesellschaftlich-politisch an die mittelalterliche Lehre von den »Zwei Reichen« anknüpfen konnte, allgemeine Bedeutung aber erst durch den Prozess der Säkularisierung erlangte, in dem der Glaube–Welt–Gegensatz sich transformierte zur These der Dichotomie von Geist und Natur. Die gesamte Staatsentstehung in der mittel- und westeuropäischen Soziogenese basiert auf der dualen Sichtweise, dass außerhalb des Menschlichen Geistes eine objektiv sinnvolle Natur existiert und wirkt. „Der Mensch ist frei geboren, doch überall ist er in Ketten“: Dieser Einleitungssatz des Contrat Social von Rousseau war das Fanal der Vorstellung von einem allgemein gültigen Naturrecht des Menschen, und leitet in seinem zweiten Satzteil den darauf aufbauende Natur-Kultur-Widerspruch ein. Im 20. Jahrhundert leitet sich aus eben diesem Widerspruch die These von der Theorie-Praxis-Dichotomie ab. Erst in der Gegenwart wird in der Philosophie mit den Thesen vom Kulturrelativismus[63], den Konstruktivismus (Solipsismus)[64] und dem Dekonstruktivismus[65] die Gegenthese wieder größeres Gewicht erhalten.[66]

Auf der anderen Seite ist, und hierin ist Elias zu folgen,[67] der soziologische Hintergrund der dichotomen Realitätsvorstellungen von wesentlicher Bedeutung. Es geht um die soziale Stellung der Intellektuellen in der Gesellschaft, um die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Rolle, die diese Wissenschaftler, Hochschullehrer und Autoren von ihrer Funktion in der Gesellschaft haben. Es wurde schon angedeutet, dass diese Wahrnehmungsperspektiven in Deutschland und in Frankreich, wo diese Schicht recht früh als Funktionsträger in die höfischen Hierarchien integriert worden sind, recht unterschiedliche Züge aufweisen.[68]

Die deutsche Intelligenz verstand sich als benachteiligter Widerpart der herrschenden Adelsschicht, die selbst wenig Neigung zur eigenen Intellektualisierung zeigte, wie die bis heute auffällige Dummheit und Borniertheit des funktionslosen »Hochadels« noch jetzt zeigt, was sich entweder durch servile Affirmation oder durch meist aber in der gesellschaftlichen Praxis folgenloses »revolutionäres Bewusstsein« äußerte, jeweils aber völlig abgekoppelt von der realen gesellschaftlichen und idustriegschichtlichen Entwicklung und von dieser auch nicht verstanden. Hier schon zerbrach eine mögliche innergesellschaftliche Kommunikation und die Integration der Intelligenz in die Geschichte: die soziale Unterfütterung der Theorie-Praxis-Dichotomie.

4.3  Diskurs »Gerechtigkeit, Ungleichheit, Wertewandel«[69]

Ausgangspunkt der Behandlung von Themen im Bereich der »Sozialen Ungleichheit« ist die Einsicht, dass soziale Ungleichheit zunächst einmal ein wahrgenommenes und mit oft widersprüchlichen Wertvorstellungen behaftetes Problem ist. Inhalt und Vermittlung der Wahrnehmung sowie die handlungsleitenden Wertoptionen, die sich um den zentralen Wert der Gerechtigkeit gruppieren lassen, bestimmen die Verhaltensweisen des Einzelnen, seine Einstellungsoptionen und politischen Handlungspotentiale. Soziale Ungleichheit ist gleichermaßen ein materielles wie ein Vermittlungs- und Wahrnehmungsproblem. Die Situationsdefinition »Soziale Ungleichheit« impliziert ein bestimmtes Gesellschaftsbild und die daraus abzuleitenden Handlungsspielräume. Eingangs wurde schon darauf hingewiesen, wie sehr die traditionellen Schicht- und Klassenvorstellungen vom gesellschaftlichen Wandel überholt worden sind, so dass heute in den Industriestaaten weder im klassischen Sinne noch von Oberschichten noch von einer in sich auch nur ansatzweise homogenen Unterschicht gesprochen werden kann. dass damit ein scheinobjektiver antagonistischer Klassenbegriff ebenso deutlich von den Realitäten weg führt, wie die für die erste Nachkriegszeit in der Bundesrepublik Deutschland so bezeichnende These von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, ergibt sich daraus zwangsläufig. Soziale Ungleichheit muss als Diskurs daher auf eine andere begriffliche und theoretische Grundlage gestellt werden und muss ausgehen von der Ungleichheitswahrnehmung, von den realen Machtprozessen und den historischen Kontexten, die einerseits die Gesellschaftsentwicklung zur modernen Staatsgesellschaft, andererseits die Einbindung in Globalisierungs-, internationale Interdependenz- und Universalisierungsprozesse ansprechen.

Es kann nicht Aufgabe einer didaktisch orientierten Überlegung sein, einen Überblick über die Theorien des sozialen Wandels zu geben. Das würde letztlich bedeuten, eine Geschichte der Soziologie schreiben zu wollen, ist doch die Frage nach dem sozialen Wandel seit Beginn des Nachdenkens über Gesellschaft die zentrale Frage der Sozial-, Politik- und Staatswissenschaften überhaupt. In unserem Kontext kann es nur darum gehen, den Ansatz selbst zu problematisieren und damit die Urteilsperspektiven zurecht zu rücken, um diejenigen Theoreme, die derzeit zu jenen gesellschaftlichen Prozessen, die die Problemdimension der heutigen Gesellschaft bestimmen, erklärend herangezogen werden und die sich noch nicht zu umfassenderen gesellschaftlichen Theorien zusammenfügen lassen, die aber zu zentralen Elementen der heutigen Politischen Bildung geworden sind, kritisch in Frage stellen zu können. Es ist dabei zu fragen, inwieweit diese aktuellen Theoreme hilfreich sind, didaktisch aufzubereitende Perspektiven zu entwickeln.

Geht das Gesellschafts- und Menschenbild der Sozialwissenschaften auch primär von relativ verfestigten Struktur- und Identitätskonzepten aus, ist die Problem- und Fragestellung der Soziologie jedoch seit jeher auf den sozialen Wandel gerichtet, der zu untersuchen und zu verstehen ist. Aus der unmittelbaren Lebenserfahrung heraus ist dieses Konzept sofort nachvollziehbar. Fragen, Aufgaben und Probleme entstehen im Alltagsleben wie in der Wissenschaft zumeist aus der Wahrnehmung von Veränderungen, im gesellschaftlichen Bereich wie aus der Wahrnehmung von Veränderungen in der sozialen Umwelt. Das gilt nun vor allem für Sozial- und Politikwissenschaftler als forschende und lehrende Personen mit jeweils individueller Wahrnehmungsperspektive. Für die Didaktik ist diese auf Veränderungen und Wandel gerichtete Aufmerksamkeit Ansatz der pädagogischen Neugier, der Motivation, die dem Fragenden zu Grunde liegt. Darauf gründet vor allem die Politische Bildung und das politische Lernen, z.B. im Sinne der Konzepte der Konfliktdidaktik und der Problemorientierung des Unterrichts, um daraus Grundlagen für die Fähigkeit zum politischen Handeln legen zu können. Doch wird auch hier wiederum die Ausgangsperspektive deutlich, dass der erwartete Normalzustand ebenso der erhoffte oder erwartete »Endzustand« einer gesellschaftlichen Entwicklung die gesellschaftliche Stabilität ist. Politisches Handeln motiviert und rechtfertigt sich durch seine Orientierung auf ein Ziel, auf eine finale Perspektive. Sehr tief liegt hier verankert und verborgen eine auf absolute Endgültigkeiten gerichtete, letztlich transzendentale Hoffnung auf ein zu erreichendes Ziel gesellschaftlicher Entwicklungen, wenn nicht eine letztlich eschatologische Perspektive.

In welcher Weise nun lässt sich das Problemfeld »Soziale Ungleichheit und Gerechtigkeitsvorstellungen« als gesellschaftlichen Diskurs in das Konzept der Schlüsselprobleme einbinden und damit didaktisch in Wert setzen? Schlüsselprobleme sind Erfahrungs- und Realitätsbereiche, die das Leben und die Zukunftsplanung des einzelnen wesentlich bestimmen und die Grundlage für politisches Handeln sind. Sie sind nicht Teil eines bestimmten Faches sondern müssen interdisziplinär bedacht werden. Jede curriculare und didaktische Umsetzung bezieht sich in ihrer Konzeption im Wesentlichen auf die Einsicht, dass umfassende gesellschaftliche Diskurse in verschiedene Aspekte, Perspektiven oder Unterrichtsschwerpunkte aufzugliedern sind. Damit kommen wir zu einem dynamischen Begriff der »Schlüsselprobleme«, denen eine zentrale Bedeutung für die Gestaltung der Zukunft zukommen, und die unter anderem diskursiven Kontext zu Neuabgrenzungen untereinander dependenter und vernetzter »Schlüsselprobleme« geringerer zeitlicher und gesellschaftlicher Reichweiteführen können. Hier seien, nur stichwortartig, solche Problemfelder aufgeführt, die notwendigerweise einem »Schlüsselproblem ›Soziale Ungleichheiten‹« – so in den niedersächsischen Rahmenrichtlinien – oder einem »Schlüsselproblem ›Gerechtigkeit, Ungleichheit, Wertewandel‹« – wie wir es aus dem fachlichen Diskurs erweitert ablesen – zu- und unterzuordnen sind:

  • Gewalt und Frieden

  • Soziale Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit

  • Lebensformen, Selbstfindung und die Erwartungen der Gesellschaft

  • Politische Realität und mediale Vermittlung

Aus soziologischer Sicht[71] geht es bei dem Thema »Soziale Ungleichheit« um das entscheidende Problem der Soziologie schlechthin – nämlich um die „Hobbes’sche Frage“: Was hält die Gesellschaft überhaupt zusammen? Oder: Wie werden Menschen dazu gebracht, sich so zu verhalten, dass eine dauerhafte Gesellschaft entsteht? Das Thema gewährt demgemäß Zugang zu grundlegenden Theorien der Soziologie.

Die grundsätzlichen Positionen in dieser Frage haben bereits Hobbes und Rousseau bezogen. (Dazu auch: Dahrendorf, 1968, S. 164.) Die Soziologie des 20.Jahrhunderts hat mit dem »Funktionalismus« eine erste Antwort versucht, wobei Talcott Parsons – der „Mentor des Funktionalismus“ – von Rousseau’s Vorstellungen eines allgemeinen Konsensus ausging.

Seit Mitte der sechziger Jahre kann die funktionalistische Theorienbildung als überholt gelten zu Gunsten eines Erklärungsansatzes aus den Begriffen »Macht« und »Herrschaft« heraus, der auch über die Gedanken von Marx zur sozialen Ungleichheit hinausgeht. Die Stationen dieser Diskussion sind nachgezeichnet worden von Wiehn (1968) und, besonders in Hinblick auf das Verhältnis zum Marxismus, von Bottomore (1967).

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass auch die traditionell funktionalistische amerikanische Soziologie diesen Ansatz revidiert und nach neuen Frageansätzen sucht, wie z.B. Robert K. Merton (1957). Entwicklung und Niedergang des amerikanischen Funktionalismus stellt Heinz Hartmann (1973) in seinem Reader „Moderne amerikanische Soziologie“ dar.

Aber auch ausgehend von traditionell funktionalistischen Problemstellungen gelangt soziologische Theorie in allerjüngster Zeit zu Ergebnissen, die sich denen der genannten »Herrschaftstheorie« weitgehend angenähert haben und in den Werken der »Systemtheorie« dargelegt werden. [Vgl. dazu die Ausführungen von Niklas Luhmann 1975, später auch 1986.]

Besondere Bedeutung hat jetzt nicht mehr nur die Frage nach Macht und Herrschaft schlechthin, sondern nach den Bedingungen für die Durchsetzung und Aufrechterhaltung von Herrschaft – oder umgekehrt: nach den Voraussetzungen für Aufhebung von Herrschaftssystemen.

Dazu scheint eine kurze Erläuterung notwendig: Der genannte theoretische Ansatz geht davon aus, dass das Handeln des Menschen weitgehend abhängig ist von der – gesellschaftlichen – Situation, in der es sich vollzieht. Da eine solche Situation aber selten unmittelbar und quasi ›objektiv‹ erfahrbar ist, sondern vielmehr unterschiedlich interpretiert werden kann, ist es möglich, dass der eine der Beteiligten gegenüber den anderen Beteiligten in einem Kommunikations- und Interaktionsverhältnis seine »Definition der Situation« durchsetzen kann.[72] Er gewinnt Einfluss auf das Verhalten des anderen, indem die mit einer Situation verbundenen, unendlich vielen Handlungsmöglichkeiten reduziert und die zulässigen und unzulässigen Handlungsmöglichkeiten und Motive sowie das gemeinsame Sinnverständnis des Handelns festgelegt werden. Es zeigt sich nun, dass diese Fähigkeit zur Situationsdefinition keineswegs gleich verteilt ist, sondern dass einige Partner immer wieder in der Lage sind, die Handlungsmöglichkeiten einseitig festzulegen. Die Fähigkeit zur Situationsdefinition wird so zum Instrument für die Durchsetzung eines Herrschaftsverhältnisses und soziale Ungleichheit ist demzufolge das Ergebnis eines solchen Definitionsprozesses.

Die weitere gesellschaftswissenschaftliche Diskussion im Übergang von den achtziger und den neunziger Jahren knüpft an die Erfahrung an, die schon Popitz in seinem Aufsatz „Prozesse der Machtbildung“ als „absurde Situation“ gekennzeichnet hatte. Die stringenten Kategorien des »Herrschaftsansatzes« erscheinen angesichts „absurder gesellschaftlicher Entwicklungen“ teilweise als zu formal, zu wenig inhaltlich bestimmt: Wie sehen denn die gemeinsamen Sinnverständnisse inhaltlich aus, wie werden die Situationen im Herrschaftsverband inhaltlich definiert, sind nicht formal gleichwertige Situationsdefinitionen in unterschiedlichen kulturellen Kontext unvereinbar, konflikterzeugend? Der scheinbare Rückfall in überwunden geglaubte Sinnverständnisse, die auf Gewaltbereitschaft, Irrationalität, Staatsraison, Primat militärischer Souveränität, religiösen Ordnungsvorstellungen abheben, lässt eine theoretische Wendung in historische, kultur- und sozialanthropologische Fragestellungen mit stärker vergleichenden und auf längerfristige Prozess- und Kontinuitätsdichotomien zielende Forschungsperspektiven aktuell werden. Die ethnographische Perspektive wurde vor allem in Frankreich gesucht (Lévy-Strauss, Leiris) und wurde für die kritische Dritte-Welt-Forschung wichtig. In Deutschland wird mit dem Konzept der »Politischen Kultur« und der Rezeption des Ziviliationsbegriffes Norbert Elias ›wiederentdeckt‹ und zum Ausgangspunkt historisch-kritischer sozialwissenschaftlicher Studien.[73] Herrschaft, so zeigte es sich nun, ist stärker als bisher angenommen, an symbolische Traditionen gebunden und in staatlichen Institutionen verwurzelt. Die etatistische Vergesellschaftung Westeuropas prägt immer noch Reichweite und Grenzen von Gruppenautonomien und politischen Durchsetzungschancen, ist durch das von Westeuropa geprägte Völkerrecht zum absolutierten Ordnungsmaßstab auch für fremde Länder und Kulturen geworden – auch hier eine herrschaftserhaltende Situationsdefinition, die internationale soziale Ungleichheit verfestigt.

Die Auswahl von Unterrichtsmaterialien zur didaktischen Umsetzung im Bereich des Schlüsselproblems »Soziale Ungleichheiten« orientiert sich sicherlich daran, die heute aktuellen und gültigen »tragenden Konzepte« der Fachwissenschaft zu vermitteln, die zu kennen erst ein kritisches Verstehen der komplexen sozialen Realität ermöglicht. Als »Tragende Konzepte« sind dabei wissenschaftliche Diskurse zu verstehen, die – in einem ersten auswählenden Ansatz – mit folgenden Stichworten zu benennen sind:

  • Symbolischer Interaktionismus

  • Prozess der Zivilisation

  • Politische Kultur

  • Weltsystemtheorie, internationale Disparitätren und Peripherien

  • Das Entschwinden der Realität

Die Fortsetzung dieser durchaus didaktisch-unterrichtspraktisch zu verstehenden Vorschläge zum pädagogischen und wissenschaftlichen Verständnis des »Schlüsselproblems« Soziale Ungleichheit legt einen Übergang zu folgenden Konzepten nahe, die jedoch sinvollerweise im Zusammenhang mit den weiteren Diskursen und »Schlüsselproblemen« umzusetzen sind, was die immanenten Interdependenzen der »Schlüsselproblemdiskurse« hervorhebt:

  • Strukturelle Gewalt

  • Ethnozentrismus‑Kritik

  • Authentizitäts‑Postulat

  • Interkultureller Politik- und Kultur‑Vergleich (komparative Kultur- und Sozialanthropologie)

Zur Rezeption des Problembereiches Soziale Ungleichheit sind abschließend einige zusätzliche Ausführungen zu machen[74]: Soziale Ungleichheit wird in der eigenen Gesellschaft wahrgenommen als unterschiedliche Chance, soziale Positionen, materielle Güter, Einflussmöglichkeiten, Ansehen oder berufliches Fortkommen zu erhalten; zumeist wird soziale Ungleichheit als Zwang und Beschränkung, als Schicksal oder als Versagen erlebt. Daher ist bei der diskursiven Aufnahme des Schlüsselproblems Soziale Ungleichheit zunächst der Zusammenhang von Sozialer Ungleichheit und staatlicher Herrschaft und gesellschaftlicher Macht zu thematisieren.

Schon die verbreiteten, grundlegenden Definitionen von »Macht« und »Herrschaft« von Weber oder Strzelewicz[75] zeigen recht unterschiedliche Möglichkeiten, sich dem Thema »Macht und Herrschaft« zu nähern: entweder über die abstrakte Beschreibung dessen, wie Macht wirkt und an welchen Wirkungen sie zu erkennen ist und welche besondere Form der Macht durch Herrschaft charakterisiert wird, oder aber über die gesellschaftliche Funktion, die Macht und Herrschaft einnehmen und wie sie Grundlage gesellschaftlicher Differenzierung, d.h. also Sozialer Ungleichheit sind.

Dieser Ansatz führt zu der Einsicht, dass die Herrschaft darauf angewiesen ist, der Sozialen Ungleichheit einen gesellschaftlichen Sinn zu geben. Die kritisch-distanzierte Betrachtung der gesellschaftlichen Diskurse zur Problematik der »Sozialen Ungleichheit« zeigt, dass eine erhebliche Diskrepanz besteht zwischen einer rational-angemessenen Beschreibung der Gesellschaft, in der Machtprozesse und Soziale Ungleichheiten – wenn auch, wie wir schon diskutiert haben, nicht mehr geordnet nach den Mustern eindimensionaler Schicht- und Klassenmodelle, sondern im Sinne einer zunehmenden »Fraktionierung« der gesellschaftlichen Lebensbereiche bis hin zur Individualisierung – im Mittelpunkt stehen werden, und den gesellschaftlichen Wahrnehmungsperspektiven und Realitätsdefinitionen in einer breiteren Öffentlichkeit, in der funktionalistische Ordnungsvorstellungen[76] (Leistungsideologie, Gemeinschaftsideologien und teilweise auch noch biologistische Erklärungsmodelle, z.B. was die rassistisch motivierte Diskriminierung von »Ausländern« und anderen »Fremden« angeht) vorherrschen.

Wichtig ist im didaktischen Zusammenhang, dass erkannt wird, dass es für die gesellschaftliche Handlungsfähigkeit und die eigenen politischen Optionen und Ziele durchaus nicht egal ist, welche Erklärung für die Soziale Ungleichheit für zutreffend genommen wird, sondern dass mit der Entscheidung für bestimmte Gesellschaftsbilder ganze Lebenskonzepte – Aufstiegsorientierung, politische Konfliktbereitschaft, soziale Verantwortung, Gewaltakzeptanz, Toleranz oder Ausgrenzungs- und Diskriminierungsbereitschaft – verbunden sind.

Inwieweit gesellschaftliche Traditionen – die »Politische Kultur« – und individuelle biographische Erfahrungen – Enkulturations- und Akkulturationsprobleme – dabei eine Rolle spielen, muss sowohl in der Diskussion der Schlüsselprobleme selbst, wie in geeigneter didaktischer Umsetzung auch mit den Schülerinnen und Schülern als den von diesen Problemen unmittelbar betroffenen erörtert werden. Hier soll abschließend auf das äußerst problematische Selbstbild unserer gegenwärtigen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft als »Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft« im Sinne einer »funktionalistischen Schichtungstheorie« verwiesen werden. Die Vorstellung von »sozialen Schichten« und dem »Statusaufbau« unserer Gesellschaft ist längst Allgemeinplatz des öffentlichen Bewusstseins geworden und muss daher genauer und kritisch untersucht werden.[77] Ein diskursives Aufarbeiten des Schlüsselproblems »Soziale Ungleichheit« kann dazu beitragen, diese Verengungen der Wahrnehmung und Deutung der gesellschaftlichen Realitäten aufzubrechen und bei den Schülerinnen und Schüler eine erhöhte eigene Diskursfähigkeit zu erreichen. Gerade daher ist für den Politikunterricht dieses Schlüsselproblem von entscheidender Bedeutung.[78]

4.4  Diskurs »Individualisierung, Gewalt, Soziabilität«

Der Diskurs »Individualisierung, Gewalt, Soziabilität« wird in der Öffentlichkeit vor allem in einem Teilaspekt, der Diskussion der Inneren Sicherheit und der Jugendgewalt wahrgenommen. In dieser Form tritt er auch in massiver Form an die Schule und an die Politische Bildung heran. Im Vordergrund steht dabei jedoch nicht Wunsch und Erwartung nach gesellschaftlicher Erhellung und Erklärung, sondern die Forderung nach affirmativen, angstreduzierenden Erziehungskonzepten.

Es ist kein Zufall, dass der Diskursaspekt der »Individualisierungsprozesse« vor allem im Diskurssegment der Intellektuellen und Lehrkräfte der Politischen Bildung thematisiert und aufgegriffen wird. Der Wunsch nach Verständigungsmustern zu dem bedrückenden Problem wird dabei deutlich, aber auch die Funktionalisierung der Individualisierungshypothese zur allgemein kulturkritischen Selbstentlastung. Die soziologischen und zivilisationstheoretischen Hintergründe von erweisbaren Individualisierungsprozessen und „Individualisierungszumutungen«[79] werden dabei jedoch nicht bewusst und rational in den Diskurs eingeführt.

Es sind zwar einige bemerkenswerte sozialpsychologische Studien über Jugendgewalt und Rechtsextremismus vorgelegt worden[80], für den Unterricht auch brauchbare Materialsammlungen und Unterrichtsentwürfe[81], doch ist es bisher nicht gelungen, umfassendere rational-analytische wissenschaftliche Ansätze für die Öffentlichkeit rezipierbar und für die Politikberatung brauchbar zu machen. In den allgemeinen öffentlichen Diskursen herrschen stereotype Ursachenvermutungen und allgemeine kultur- und politikkritische Perspektiven und Sinngebungen vor. Gerade das aber ermöglicht es der Politischen Bildung, an die öffentlichen Diskurse anknüpfend, auf rational-distanzierte Diskursmodelle zu insistieren und diese zur Grundlage diskursiver Unterrichtssituationen zu machen.

Einige sehr interessante und reflektierte Beiträge zu diesem Diskursfeld »Individualisierung, Gewalt, Soziabilität« haben jedoch über aufgeschlossene Massenmedien wie DIE ZEIT oder die Frankfurter Rundschau[82] lassen die Hoffnung auf eine Versachlichung der öffentlichen Diskurse zu diesem zentralen Thema gesellschaftlicher Kontroversen in Deutschland aufkommen, bei denen die einzelnen Konfliktfelder überaus differenziert und »fraktioniert« wahrgenommen werden: Fragen der Bildungsmüdigkeit der Jugend, Gewalt und Ausländerfeindlichkeit, Gewalt durch Medien etc. Damit überlagert sich dieser Kurs mit zentralen Diskursfeldern aus dem Bereich »Soziale Ungleichheit« mit der zentralen Armuts- und Diskriminierungsthematik, aus dem Bereich »Globalisierung und ökonomischer Wandel« wie aus dem Bereich Staat und Staatsversagen – dem Ausgangspunkt unserer »Krisenanalyse«. Als theoretisch-analytischen Integrationsbegriff dieses Diskursfeldes wählen wir zivilisationstheoretischen Perspektiven folgend den Prozess der Individualisierung, den wir in die Prozessdichotomie von Integration und Differenzierung einordnen wollen.

Prozesse der »Individualisierung« gelten als bezeichnend und prägend für die Politische Kultur der so genannten »Industrieländer« d.h. der Länder der sozioökonomischen Zentren. Die Leitvorstellungen von der Individualisierung sind – oft als Ideologeme wie »Freiheitliche Ordnung«, »Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft« formuliert – Teil heutiger Universalisierungsprozesse im Kontext der ökonomisch-politischen Globalisierung. In diesem Kontext wird die theoretische und gesellschaftliche Problematik dieses Individualisierungsprozesses besonders deutlich.

Die gesellschaftlichen Konflikte in den so genannten Transformationsländern, d.h. denjenigen vor allem ost- und südosteuropäischen Ländern, die Anfang der 90er Jahre den politisch-gesellschaftlichen und sozioökonomischen Wandel vom »real existierenden Sozialismus« als Mitgliedstaaten des RGW und der Warschauer Pakt-Organisation zum kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Staats- und Gesellschaftsmodell Westeuropas vollzogen haben, was weltpolitisch das Ende des vierzig Jahre dominierenden West-Ost-Konfliktes bedeutete, thematisieren vor allem auch den Wandel der Beziehungen des Einzelnen zur Gesellschaft. Herkömmliche Kollektivvorstellungen der sozialistischen Gesellschaften wurden im Transformationsprozess aufgegeben; an ihre Stelle treten gerade auch in den ideologischen und kulturellen Kontexten die Forderungen und Wertvorstellungen des Individualismus.

Ökonomisch wird dieser Prozess als Konsequenz des Privatisierungstheorems verstanden, das im wirtschaftlichen Strukturwandel dieser Länder eine leitmotivische Rolle einnimmt.

dass diese Privatisierungsthematik volkswirtschaftlich und gesellschaftswissenschaftlich weitaus problematischer und differenzierter ist, als es das politische Postulat gelten lassen will, zeigen – hier nur ganz kurz angerissen – folgende Aspekte:

  1. Der Begriff »Privatwirtschaft« ist nicht eindeutig, sondern umfasst sowohl die firmenrechtlichen Kategorien (GmbH, AG; also neben dem mittelständischen Selbstunternehmer alle Formen der Kapitalgesellschaften, unabhängig davon, ob die realen Eigentümer Personen, Institutionen oder auch der Staat sind), wie auch die Bezeichnung einer eigenverantwortlichen Unternehmertätigkeit, vor allem in den so genannten mittelständischen Betrieben.

  2. Die Verteilung von Staatseigentum (unabhängig von der geltenden Rechtsform), genossenschaftlichen Eigentumsverhältnissen (die staatskontrolliert wie in der DDR, staatsnah wie in der VR Ungarn oder rein privatrechtlich wie in der Bundesrepublik Deutschland sein konnten) und Privatunternehmungen war auch zur Zeit des West-Ost-Konfliktes nie so eindeutig den jeweiligen politischen Konkurrenten zugeordnet, wie es aus der politischen Ideologie zu erwarten gewesen wäre; so hatten Frankreich und Italien Mitte der 80er Jahre höhere staatswirtschaftliche Sektoren als zu der Zeit Polen und Ungarn, wenn Industrie und Landwirtschaft zusammen gesehen werden; nach der Privatisierung bleiben demgegenüber in Polen und Ungarn, viel mehr aber in den GUS-Ländern, weite Teile der Industrie trotz privatrechtlicher Firmenverfassung im Eigentum des Staates. Auch in der Bundesrepublik Deutschland ist der Sektor wirtschaftlichen Staatseigentums noch immer erheblich. Privatisierungen sind also nicht exklusives Thema der Transformationsländer.

  3. Überhaupt nicht thematisiert wird in diesem Zusammenhang der heute in der Volkswirtschaftslehre kritisch diskutierte Prozess, dass traditionelle persönliche Eigentumsformen weitgehend abgelöst werden durch anonyme Kapitaleigentumsverhältnisse – Holdings, Fonds, Bankenkapital, gegenseitige Kapitalverflechtungen –, dass also eindeutige persönliche Eigner kaum noch auszumachen sind und erst recht keinen verantwortlichen Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen nehmen. Die klassische Unternehmerfunktion wird daher zunehmend durch die Entscheidungskompetenzen eines angestellten Managements ersetzt, die unternehmerische Entscheidung vom Eigentum abgekoppelt.[83]

Hier tut sich ein deutlicher Widerspruch zwischen der »kapitalistischen« Gesellschaftsutopie, die Erbe der bürgerlichen Revolution und der Aufklärung ist und die das »selbstverantwortliche Individuum« und dadurch auch die autonome Unternehmerpersönlichkeit, die auf einem freien Markt nach rationaler Überlegung die volkswirtschaftlichen Prozesse bestimmt, als Leitbild postuliert, und der Realität der tendenziell bist in die globale Dimension eingebundenen anonymen und strukturell-interdependenten, vernetzten Entscheidungs- und Machtstrukturen, die die reale Autonomie des Einzelnen immer mehr einschränken.

Der reale Prozess ist durch die zivilisationstheoretischen und historisch-soziologischen Analysen aufzuhellen und verständlich zu machen. Die schon angesprochenen Verlängerungen der Interdependenzketten, in denen der Einzelne steht,[84] die kulturellen Homogenisierungsprozesse[85] bezeichnen den für die europäische Gesellschaftsentwicklung bezeichnenden Prozess der sozioökonomischen und politisch-kulturellen Integration von der Feudalgesellschaft über die bürgerlich und national orientierte Staatsgesellschaft (vgl den Diskurs »Zivilisation, Gesellschaft, Staat« in Abschnitt 4.5) der Neuzeit hinzu den schon angesprochenen Globalisierungsprozessen, deren Ergebnis noch nicht deutlich genug abzusehen ist.

Die Widersprüchlichkeit dieser Gesellschaftsvorstellungen in Bezug auf die hier thematisierten Individualisierungsprozesse ergibt sich bei der Betrachtung der diesen Prozessen parallelen aber gegenläufigen Ausdifferenzierungen der gesellschaftlichen und ökonomischen Funktionen und sozialen Positionen. Dies ist keine zufällige Widersprüchlichkeit, sondern sie ist funktionaler Bestandteil des zu Grunde liegenden historischen Ablaufes. Die ökonomische Differenzierung ermöglicht erst die sozioökonomisch und politische Integration und die Herausbildung immer größerer Überlebenseinheiten von der Subsistenzwirtschaft, der ›Ökumene des Ganzen Hauses‹ über die städtischen Handels- und Handwerkergesellschaften in zunehmender Arbeitsteilung und beruflich-sozialer Aufgliederung und Stratigraphierung, über die Phasen der Fabrikkultur der Industriellen Revolution, die Rationalisierung und Automatisierung, die eine Industriegesellschaft repräsentiert, die auf der einen Seite maximale Spezialisierung und berufliche Differenzierung, auf der anderen Seite eine Integration der Märkte bis hin zur Globalisierung erforderlich macht.

Parallel kann auch das Sektorenmodell nach Fourastié zur Beschreibung dieses Prozesses herangezogen werden, das die epochale Verschiebung von einer Wirtschaftsform, die vor allem auf dem Primären Sektor (Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Fischfang, Bergbau) beruht, über die Industriegesellschaften des Sekundären Sektors (produzierendes Gewerbe) hin zur Dienstleistungsgesellschaft mit Beschäftigten hauptsächlich im Tertiären Sektor postuliert.[86]

Die europäische Geschichte, der so genannte »Zivilisationsprozess« ist gekennzeichnet von der Gleichzeitigkeit und funktionalen Interdependenz von Integrations- und Differenzierungsprozessen, die in den einzelnen Phase der Geschichte mit unterschiedlicher Stärke und Dominanz sichtbar werden.

Für die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Umwelt des Einzelnen bedeutet das, dass mit zunehmender institutioneller und anonymer werdenden sozioökonomischer und politischer Abhängigkeit von Staat und Wirtschaft der unmittelbar erfahrbare Schutz einer gesellschaftlichen Nähe in der kleinen Gruppe oder Familie weitgehend verloren geht und dass an die Stelle äußerer Verhaltensselbstverständlichkeiten und Verhaltenssteuerungen die sich im Zivilisationsprozess entwickelnden inneren Verhaltenskontrollen und internalisierten Verhaltensstandards treten müssen. Dies hat Norbert Elias als das Hinter-die-Kulissen-Verlegen der persönlichen Lebensäußerungen, das Errichten von inneren Scham- und Peinlichkeitsschranken beschrieben. Auf der persönlichen Wahrnehmungsebene kann dies auch der Erfahrung des Auf-sich-selbst-Gestelltseins oder der Individualisierungszumutung verstanden werden, des äußersten Grades der gesellschaftlichen Differenzierung, in der Handlungsmotivationen allein in der individuellen Persönlichkeit zu suchen sind, was aber dem objektiven Eingebundensein in »lange Interdependenzkletten« widerspricht.

Der »real existierende Sozialismus« ist wohl auch an dem Anachronismus und dem inneren Widerspruch gescheitert, dass er einerseits die modernen Integrationsprozesse der sozioökonomischen Entwicklung bewusst vorantreiben wollte, da er sich als die fortschrittlichste Gesellschafts- und Wirtschaftsform verstand, die parallelen, der ökonomischen Basisentwicklung interdependenten kulturellen und gesellschaftlich-politischen Differenzierungsprozesse aber negierte oder abkoppeln wollte, um sie durch eine utopische Gemeinschaftsideologie unter einem emotionalisierten Solidaritätspostulat und durch kollektivistische Lebensentwürfe ersetzen wollte, die letztlich wieder auf eine historisch überholte Außensteuerung des Verhaltens hinauslaufen.

Und hier werden die Absurditäten gewisser Züge der beobachteten Transformationsprozesse besser verständlich. Die kollektivistische Außenlenkung des individuellen Verhaltens wird als »Unfreiheit«, »Gängelei«, Belastung empfunden, weil sie, wie es der Einzelne eher intuitiv erfasst, einen Anachronismus in  der Entwicklung der Staatsgesellschaft, in der auch der Sozialismus steht, darstellt – der zunächst in Ländern der Semiperipherien wie Russland besser durchzusetzen war als in den Ländern der sozioökonomischen Zentren Mittel- und Westeuropas – und objektiv disfuktional zur ökonomischen Entwicklung ist.

dass dies verstärkt wurde durch den naiven, die gesellschaftlichen Hintergründe oft nicht verstehenden Vergleich mit den »offensichtlichen westlichen Lebensformen«, wobei diese »westlichen Leitbilder« ja oft nicht mit der realen Situation übereinstimmten, hat das Gefühl der Dissonanz und des eigenen Ungenügen nur verstärkt und zur Einleitung der Transformationsprozesse beigetragen.

Nach der Systemtransformation erfährt der Einzelne nun den »Zwang zum Individualismus«, die Zumutung einer Individualisierungsforderung, auf die er nur ungenügend biographisch vorbereitet worden ist. Die Dissonanzerfahrungen erneuern sich unter umgekehrtem Vorzeichen. Dies erklärt dann die mit zeitlichem Abstand zunehmende »Kollektivismus-Nostalgie«, in der die unfreien Lebensformen nicht mehr als bedrückend und entmündigend, sondern als schützend und emotional bergend erinnert werden.

Soziologisch gesehen weist das darauf hin, dass es der »westlichen Gesellschaft« nicht gelungen ist, den Menschen in den Transformationsgesellschaften ein genügendes Maß an »Ordnungssicherheit« zu vermitteln[87], da die »westliche Ordnung« eben nicht voraussetzungslos übertragbar ist – das zeigt sich auch an den fundamentalen Problemen und Konflikten von »Verwestlichungsstrategien« in den Ländern der Semiperipherien und der »Dritten Welt« –, sondern einen im Prozess der Staatenbildung und der Herausbildung der Staatsgesellschaft historisch definierten Enkulturationstyp und die mit ihm verbundene, institutionalisierte gesellschaftliche Figuration voraussetzt, die sich durch den Eigensinn ihrer Ordnungs- und Wertvorstellungen als Politische Kultur kennzeichnen lässt. 

Zunehmend wird aber auch für die Menschen der »westlichen« sozioökonomischen Zentren die Dichotomie von Integration und Differenzierung, d.h. auch: die Individualisierungszumutung zum existenziellen Wahrnehmungs- und Wertproblem.

Die sich verstärkende soziostrukturelle[88] und sozioökonomische Differenzierung, die Dynamisierung der Arbeitsmärkte, zerstört die Sicherheiten der biographischen Perspektiven. Die gesellschaftlich-kulturelle Fraktionierung der Gesellschaft bewirkt eine ebensolche Fraktionierung der Lebensläufe, die Zunahme der so genannten »patchwork biographies«[89], die auch die erwartete Ordnungs- und Zukunftssicherheit und damit den Investitionswert der eigenen Gesellschaft tendenziell aufheben.

Das verlangt neue Sozialisations- und Enkulturationstypen, denen sich die Schule und insbesondere die Politische Bildung stellen muss: eine noch nicht in ihren Umrissen klar erkennbare Aufgabe, die viel zur derzeitigen Rollenunsicherheit in der Lehrerschaft beiträgt. Ordnungssicherheit kann zukünftig immer weniger von der äußeren, gesellschaftlichen Realität erwartet und eingefordert werden. Wie im Laufe des Zivilisationsprozesses die Verhaltenssteuerung muss in einer neuen Entwicklungsphase auch die Orientierungssicherheit internalisiert, also hinter die gesellschaftlichen Kulissen verlegt werden. Das ist nicht unproblematisch und gemessen an den Bildungszielen auch immanent widersprüchlich. Letztlich zielt es auf eine völlig in die Person verlegte Identität, die sich immer mehr von den Realitäten abkoppelt, abkoppeln muss: ein Aspekt des »langsamen Verschwindens der Realität«. Die Identität wird im hohen Maße virtuell und damit auch beliebig. Der Individualisierungsprozess erzeugt damit den Hedonismus und die Selbstbezüglichkeiten der unverantwortlichen Ellebogengesellschaft.[90] Die Kehrseite dieses gesellschaftlichen Prozesses ist dann auch die tendenzielle Umkehr eines der Kernentwicklungen der europäischen Zivilisations- und Staatenbildungsgeschichte: der Durchsetzung des Gewaltmonopols des Staates. Das geht einher mit dem Funktionsverlust des klassischen westeuropäischen Nationalstaates und den vielfältigen Erfahrungen des Staatsversagens. Damit schließt sich ein Bogen unserer Eingangs angesprochenen Krisendiagnose der Gegenwartsepoche. Das Entwicklungsziel ist noch nicht hinreichend erkennbar, die gesellschaftlichen Widersprüchlichkeiten und Risiken stehen im Vordergrund, die Individualisierung, die den Kern der bürgerlichen Freiheitsbemühungen seit dem 18. Jahrhundert und der Durchsetzung der Menschenrechte war, wird zunehmend als Individualisierungszumutung wahrgenommen; Freiheit und Menschenrechte verlieren damit ihre immanente gesellschaftlich-positive und fortschrittliche Konnotation. Dies entsprich auch der originären Wahrnehmung des freiheitlichen Kernbestandes der europäischen Politischen Kultur durch die Gesellschaften eines Teils der Länder der sozioökonomischen Semiperipherien, die darin eher europäisches Oktroi denn Modernisierungschancen für die eigene Existenz erkennen können. Doch sollte dies auch aus unserer Sicht nicht zu einem interesse- und engagementlosen Kulturrelativismus führen, der ahistorisch ist, da er für die eigene Geschichte außer acht lässt, dass diese zentralen Rechte ja in einem langwierigen und z.T. blutigen Kampf gegen die Herrschaft und gegen überlebte Traditionen erkämpft worden sind.[91]

Indem sich gesellschaftliche Verhaltensformen strukturell und funktional ausdifferenzieren, fraktionieren sich zunehmend die gesellschaftlichen Orte[92] – Orte der Kommunikation, Interaktion und der gesellschaftlichen Symbole – und die individuellen und sozialen Verhaltensformen in differenzierten sozialen Milieus, die sich durch kohärente symbolische Interaktionsformen beschreiben und bis zu einem gewissen Grade auch gegeneinander abgrenzen lassen.

Dabei wird es zunehmend auch zu einer innerpsychischen und mentalen »Fraktionierung« der individuellen Persönlichkeiten kommen, die die These von der personalen Identität und ihrer zeitlichen und situativen Persistenz grundsätzlich Frage stellen kann und unsere grundlegenden psychologischen Überzeugungen und damit auch pädagogischen Konzepte tendenziell erschüttert. Der Einzelne durchläuft in seiner Biographie viel deutlicher sichtbar als früher nicht nur konsistente Entwicklungsphasen, sondern immer schneller differenzierende Situationen, die zudem im gesellschaftlichen Kontext immer widersprüchlicher werden. Nach Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim (1990) ist „das Idealbild der arbeitsmarktkonformen Lebensführung der oder die vollmobile Einzelne, der ohne Rücksicht auf die sozialen Bindungen und Voraussetzungen seiner Existenz und Identität sich selbst zur fungiblen, flexiblen, leistungs- und konkurrenzbewussten Arbeitskraft macht, stylt, hin und her fliegt und zieht, wie es die Nachfrage und Nachfrager am Arbeitsmarkt wünschen“.[93]

dass in der Eingebundenheit in solche »patchwork-Identitäten« von konsistenten, haltbaren Wertorientierungen und Realitätssichten nicht mehr ausgegangen werden kann, bestätigt die gesellschaftliche Analyse der medial vermittelten »virtuellen Welten«, in denen sich gerade auch Jugendliche existenziell eingebunden und geborgen fühlen und die damit zu einem Ersatz für die mangelnde Sicherheit der äußeren Realität werden, in denen Lara Croft mehr Schutz und Orientierung verspricht als Gerhard Schröder. Es sollte hier aber nicht das Missverständnis auftreten, dass diese Jugendlichen nicht mehr tatsächlich die verschiedenen Stufen von Realität und Virtualität unterscheiden könnten, das ist durchaus der Fall. Es liegt also keine Intellektuelle Verwirrung oder Verdummung vor, sondern eine Verschiebung der kulturellen Symbolinventare und der Symbole für Verhaltensnormen, Verhaltensoptionen und Wertsichten in Bereiche, die sich zunehmend gesellschaftlicher und damit sowohl familialer wie schulisch-institutioneller Kontrolle entziehen.

Dieses Thema wird hier nur als Perspektive des notwendigen Diskurses über »Individuum, Gewalt, Soziabilität« angerissen und muss in sozialisationstheoretischer, medien-(kommunikations-)wissenschaftlicher und kulturwissenschaftlicher Hinsicht vertieft und empirisch verfestigt werden. Es zeigt aber, dass das gesellschaftliche Diskursfeld »Individualisierung« sehr enge Verflochtenheiten zur Existenz und Befindlichkeit sowohl der Lehrerschaft wie der Schülerinnen und Schüler aufweist und durch den daraus hervorgehenden hohen Betroffenheits- und Emotionalitätsgrad besondere Anforderungen an die didaktische und methodische (Vor-) Arbeit für den Unterricht stellt, dafür aber auch große Chancen birgt, sich selbst auch aus der Situation der Schule heraus in die öffentlichen Diskurse einzuschalten. Die Qualifikationsanforderungen für die Lehrerausbildung und eine permanente Lehrerweiterbildung in diesem Bereich sind offensichtlich.

Über den Individualisierungs- und Differenzierungsansatz eröffnen sich dabei auch weitere argumentative Möglichkeiten, über das Thema »Gewalt« als gesellschaftliche Verhaltensoption zu sprechen und die Gewaltthematik nicht ausschließlich in der Alternative des moralisierenden Diskurses oder der psychologisierenden Gewaltprophylaxe zu sehen und zu bearbeiten. Beide Ansätze greifen zu kurz, da sie den Bezug zu den übergreifenden gesellschaftlichen Prozessen und Veränderungen ausblenden und damit selbst in die »Falle der Individualisierung« argumentativ herein geraten. Gewalt muss als pädagogisch verantwortetes Thema aber weniger in seinen – dem Stand der Wissenschaft nach teilweise recht kontroversen und spekulativen – psychologisch-anthropologische Kontexten, dafür aber mehr im Zusammenhang der Gewalt als zentraler Topos des Zivilisierungsprozesses gesehen werden. Auch hier steht der Prozess zivilisatorischer Integration – abzulesen an dem Grad der erreichten verinnerlichten Soziabilität – den gegenläufigen desintegrativen Differenzierungs- und Individualisierungsprozessen entgegen, der potentiell eine Infragestellung des Gewaltmonopols des Staates bedeutet.

Eine Fortführung dieses Diskurses wird damit die über die staatsgesellschaftlichen Urteilskategorien heraus weisenden Interdependenzen und Einwirkungen durch den Prozess der Globalisierung zu thematisieren haben, dessen universelle Integration wiederum den grundlegenden Aussonderungs- und Differenzierungsprozessen vor allem in den Ländern der globalen Peripherien und Semiperipherien entgegensteht.

Hier befinden wir uns schon im nachfolgenden Diskursfeld »Zivilisation, Gesellschaft, Staat«, wenn die grundsätzlichen Widersprüchlichkeiten des Zivilisationsprozesses zwischen Integration und Desintegration in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit Rücken und als zentrales Problem zu begreifen sind, das unmittelbare Auswirkungen auf die Grundlegungen einer gesellschaftsorientierten Politikdidaktik gewinnt.

4.5  Diskurs »Zivilisation, Gesellschaft, Staat«

4.51  Die Problematik eines »unübersichtlichen Diskurses«

Der Diskurs zu »Zivilisation, Gesellschaft, Staat« zeigt besonders deutlich die inneren Divergenzen und die über den Diskursgegenstand hinausweisenden Verflochtenheiten einer inhaltlich bestimmten Konzeption von »Schlüsselproblemen«, die im Gegensatz zu traditionellen Rahmenthemen für den Unterricht sich nicht im Prozess einer thematischen Reduktion, sondern nur durch die Teilnahme an den Diskursen selbst realisieren. Schlüsselprobleme tendieren daher einerseits zur thematischen Entgrenzung, andererseits zur schrittweise fortschreitenden Ausdifferenzierung von Diskussionsschwerpunkten und Problemdefinitionen.

Umso wichtiger ist es einzusehen, dass nur innerhalb des Diskurses selbst Kriterien für exemplarische und für situations- und rezipientenorientierte Komplexitätsreduktion, wie sie unter didaktischen Gesichtspunkten für den Schulunterricht unabdingbar sind, gefunden werden können.

Die auch in der öffentlichen Diskussion  zu verfolgende Entgrenzung des in Frage stehenden Diskurses kann im Extrem dazu führen, dass letztlich das gesamte Problem- und Realitätsfeld Politik und Gesellschaft undifferenziert und amorph in den ausufernden Diskurs einbezogen wird. Gerade unter dieser mangelnden Eindeutigkeit und fehlenden Distinktivität der kommunizierten Diskussionsbeiträge leidet auch der öffentliche Meinungsaustausch über dieses »Thema« – wie wir es derzeit an Stelle einer Klassifizierung als Diskurs wohl eher bezeichnen müssen – Staat und Gesellschaft: es ist tatsächlich nicht viel mehr als ein Meinungs-Austausch oder auch eine gesellschaftlich folgenlose Meinungs-Konfrontation, die rationaler und diskursiver Strukturen mangelt.

Einen solchen entgrenzten und umfassenden Realitätsbereich als notwendigen und möglichen Diskurs zu postulieren, setzt die Hoffnung auf eine wachsende Diskursfähigkeit der Gesellschaft voraus. Diese Hoffnung fällt zusammen mit den Zielen einer erneuerten Politikdidaktik und ist ohne die Einbeziehung der gesellschaftswissenschaftlichen Kompetenz nicht denkbar.

Dort wo dem »freien Diskurs« in der Öffentlichkeit rationalen Strukturen mangeln, wo Meinungsaustausch zu Beliebigkeit oder Banalität der Auseinandersetzungen führt, muss verstärkt Wissenschaftlichkeit eingefordert und Sach- und Fachkompetenz zur leitenden und strukturierenden Diskursintegration geführt werden.

Das Diskursfeld »Zivilisation, Gesellschaft, Staat« ist gerade dadurch so amorph und uneindeutig, weil die fachliche Fundierung vage, umstritten und teilweise von wissenschaftsgeschichtlichen Zufälligkeiten bestimmt ist, wie wir es für die Politikdidaktik und den Politikunterricht als Teil der Beschäftigung mit dem Problemfeld ›Staat und Politik‹ eingangs schon nachgewiesen haben.

An dieser Stelle kann nun der intensive wissenschaftliche Diskurs der Gegenwart nicht aufgearbeitet oder auch nur ansatzweise referiert werden. Es genügt der Hinweis auf aktuelle Forschungs- und Diskursgegenstände, die den Interdependenzcharakter der differenzierten Aspekte des Diskursfeldes »Zivilisation, Gesellschaft, Staat« exemplarisch verdeutlichen. Der semantisch allgemeingebräuchliche Begriff Staat wird nicht nur in seiner konkreten Ausgestaltung einmal unter dem Problemfeld des »Staatsversagens« und zum anderen durch seine Relativierung durch allgegenwärtig wahrgenommene Globalisierungs- und Universalisierungsprozesse zunehmend in Frage gestellt sondern zunehmend auch unter historisch-soziologischer Perspektive begrifflich und als konkrete Entität auf die heutige Staatsform der »westlichen Staatsgesellschaft« reduziert. Er trennt sich damit im Sinne einer konkreten begrifflichen Ausdifferenzierung von abweichenden Herrschaftsformen und -verbänden, von nichtstaatlichen Gesellschaftsstrukturen. Das macht die Frage nach dem Entstehen des modernen Nationalstaates ebenso aktuell und dringlich wie die Frage nach dem Entstehen unseres Allgemeingültigkeit beanspruchenden Staatsbegriffes und seiner historisch-gesellschaftlichen Funktion. Norbert Elias in seiner Zivilisationstheorie und Immanuel Wallerstein mit seiner Welt-Systemtheorie nähern sich dieser Frage in neuer und origineller Weise und werden dadurch zum Ausgangs- und Anknüpfungspunkt heutiger gesellschaftswissenschaftlicher Arbeiten, die sich dann auch mit aktuellen Politikfeldern wie »Globalisierung, Migration und Multikulturalität«[94] befassen, Themen, die einer rational-diskursiven Erhellung mit den »klassischen« Theoremen der Politikwissenschaft bislang erhebliche Schwierigkeiten bereiteten. Damit wird aber die grundsätzliche Interdisziplinarität der diskursiven Arbeit mit Schlüsselproblemen wieder verdeutlicht.

4.52  Die aktuelle Bedeutung des Diskurses über Zivilisation und Höflichkeit
4.521 Zivilisation und Alltagsverhalten – Das Alltägliche und das Besondere«

Verhaltensweisen unseres Alltags, die uns selbstverständlich erscheinen, sind einem auffälligen historischen Wandel unterworfen. dass man im Mittelalter anders lebte, aß, trank, spuckte, liebte, kämpfte... als heute, ist nun keineswegs ein »kurioser Zufall«, sondern Ergebnis eines nachvollziehbaren gesellschaftlichen Wandels, den wir als Zivilisationsprozess bezeichnen. Die zivilisatorischen Normen sind durch Erziehung, Sozialisation und ›Enkulturation‹ tief in der eigenen Persönlichkeit verankert, habitualisiert, was dadurch erkennbar wird, dass eigene oder fremde Verstöße gegen das ›zivilisierte Verhalten‹ mehr oder weniger ausgeprägt mit Ekel, Unbehagen, Scham oder Peinlichkeitsgefühlen abgewehrt oder mit einem »moralischen Verdikt« belegt werden.

Dabei ist die eigene Zivilisation im Bewusstsein der Menschen immer die richtige, die selbstverständliche Zivilisationsform, obwohl sie weder historisch unveränderbar und sicher ist, noch von den Nachbarvölkern geteilt wird. Gerade dieser aktuelle Problembezug macht den Diskurs über die Zivilisation so aktuell und auch exemplarisch für den Umgang mit dem Konzept der Schlüsselprobleme. Einige differenzierte Ausführungen sollen dabei zeigen, dass zentrale Diskurse in den öffentlichen Bereichen durchaus differenziert und oft sehr eingeschränkt wahrgenommen werden. Eine analytische Rationalisierung belegt, dass der Diskurs über gesellschaftliche Schlüsselprobleme auf verschiedenen Ebenen geführt wird, so z.B. der Ebene der unmittelbaren gesellschaftlichen Alltagswahrnehmung, die dann didaktischer Ausgangspunkt sein wird, der Ebene der interessengeleiteten Deutungen und Realitätssichten, die vor allem politisches Verhalten begründen und strukturieren, sowie die wissenschaftliche Diskursebene, die durchaus nicht naiv mit größerer »Wahrheit« oder Realitätshaltigkeit gleichgesetzt werden darf – obwohl sie am ehesten über das distanzierend-rationale Instrumentarium einer sachlichen Realitätsnäherung verfügen –, sondern oft eher die personalen und institutionellen Probleme, Strukturen und Konflikte im Wissenschaftsbetrieb nachzeichnen.

Die Ebene der unmittelbaren Erfahrung spiegelt sich in der Wahrnehmung des Alltagsverhaltens, vor allem der Formen der „Höflichkeit“. Dabei spielt nicht nur die innergesellschaftliche Perspektive eine Rolle, sondern die interkulturelle Perspektive tritt zunehmend in den Wahrnehmungsvordergrund. Viele Alltagsverhaltensweisen weichen sogar in so eng verwandten und historisch verknüpften Nachbarvölkern wie Frankreich, England, Polen oder Ungarn, von unserem deutschen Verhalten ab: Quell für Missverständnisse, Peinlichkeiten und Vorurteile.

Es ist faszinierend und auch didaktisch ergiebig, den historischen Erfahrungen der anderen Völker[95] nachzugehen, um damit die unterschiedlichen Verläufe des Zivilisationsprozesses erkennen und erklären zu können.

In diesem Zusammenhang lässt sich der ›ZivilisationsProzess‹ eines Volkes erkennen und erklären als verarbeitete und mit gesellschaftlichem Sinn versehene Erfahrung in der Begegnung mit dem ›Fremden‹ – Freund oder Feind – und dem ›Eigenen‹ – in Schutz oder Herrschaft –. Verallgemeinernd lässt das fragen nach der Bedeutung von Kulturkontakten für den Zivilisationsprozess. Soziologische und sozialpsychologische Erklärungsansätze helfen zum Verständnis von Enkulturations- und Akkulturationsprozessen, die Voraussetzung der gesellschaftlichen Verarbeitung der Fülle individueller Erfahrungen und Biographien sind.

Der Zivilisationsprozess muss damit immer eine Balance zwischen dem durch den gesellschaftlichen Wandel und den technisch-ökonomischen Fortschritt forcierten Individualisierungsprozess und der Universalisierung und Globalisierung der materiellen gesellschaftlichen Lebens- und Herrschaftsbedingungen finden – Weltökonomie, Universalitätsanspruch des wissenschaftlichen Weltbildes, Globalisierung der Kommunikation und der medial vermittelten Leitbilder, Entdifferenzierung des Sprachgebrauchs, Internationalisierung der Herrschaftszentren erzwingen Normierungen und Einschränkungen der individuellen und gruppenbezogenen Differenzen, die im krassen Widerspruch zur Zumutung der individuellen Freiheit und Verantwortlichkeit erlebt werden; oder reduziert sich die humane Freiheit auf die Freiheit der Konsumentscheidung, ersetzen materielle Komfortversprechungen den »psychischen Reichtum« von Kreativität und sozialer Kompetenz?

Das deutet auch die Notwendigkeit an, Diskurse und Schlüsselprobleme grundsätzlich nicht abgeschlossen und primär disktinktiv, sondern interdependent verwoben und als Näherungen an eine komplexe gesellschaftliche Realität zu verstehen. Aufgabe der Didaktik ist dabei gerade, die der Lernsituation, der Lerngruppe und der Altersstufe entsprechende Komplexitätsreduktion zu entwickeln, die ein Höchstmaß der gesellschaftlichen Komplexität zu vermitteln sucht, ohne dass diese Komplexität zum unüberwindlichen Motivations- und Rezeptionshemmnis wird. Schülerinnen und Schüler sind im Lernprozess schrittweise an diese gesellschaftliche Komplexität und Verflochtenheit heranzuführen, wobei Distanz und Differenzierungsfähigkeit neben motivationaler Nähe unabdingbare pädagogische Leitlinien sein müssen. Dabei ist die gesellschaftliche Erfahrung der Schülerinnen und Schüler und ihre außerschulische Eingebundenheit in öffentliche und private Kommunikationsprozesse Ausgangspunkt der didaktischen Problemstrukturierung, wie das nachfolgend noch angedeutet werden soll.

Als Krisensymptome erlebt unsere Gesellschaft den offensichtlichen Verfall der alltäglichen Selbstverständlichkeiten, wie Gewaltfreiheit, höflicher Umgang, Respekt vor dem Fremden und seinem Eigentum... Doch es verstoßen immer nur die Anderen, der Jugendliche, der Ausländer, dagegen, nie die eigene Gesellschaft, die eigenen Bekannten und Kolleginnen und Kollegen ...

Ob die westliche Zivilisation diesen Spagat zwischen individualisiertem Menschenbild, Individualisierung als Vereinsamung in der Massengesellschaft und den wachsenden Vereinheitlichungszwängen bewältigen kann, soll mit der Frage erörtert werden: Wie viel Zivilisation braucht der Mensch, welche Zivilisationsstandards sollen unserer Gesellschaft erhalten bleiben?

4.522 Didaktische Zwischenbemerkungen

Nachfolgend sollten in einer tabellarischen didaktischen Aufbereitung wesentliche Arbeitsschwerpunkte in Form einer thematischen Gliederung vorgestellt werden, die eine erste unterrichtlich-didaktische Umsetzung bedeuten könnte und auf die eigene Unterrichtspraxis des Verfassers zurückgeht:

  1. Begegnung mit der fremden Alltagskultur: Das Bazargespräch[96]

  2. Der Zivilisationsprozess in Europa

  1. Textarbeit (Norbert Elias: Zivilisationstheorie)

  2. Rollenspiele und Berichte: Essen, Schlafen, Spucken, Kämpfen im Wandel der Zeit

  1. Das ›Eigene‹ und das ›Fremde‹

  1. Texte zum Kulturkontakt

  2. Referate über die Alltagskultur der europäischen Nachbarländer: Wie verhält man sich in verschiedenen Situationen gegenüber dem Fremden und gegenüber dem Freund?

  1. Ist unsere Zivilisation gefährdet?
    Individualisierungsprozesse in der Massengesellschaft und Universalisierung von Kommunikation und Problemsituationen

  2. Diskussion: Ist unsere Schule noch in der Lage, Zivilisationsprozesse zu fördern, zu fordern und zu ermöglichen?

Die Auseinandersetzung mit Zivilisationsprozessen ist immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und mit den eigenen Selbstverständlichkeiten, die nur durch Distanz und Verfremdung, durch den Blick in den Spiegel des Fremden, rational bewältigt werden kann. Deshalb müssen im Unterricht bezogen auf die jeweils konkrete Lerngruppe ganz unterschiedliche Arbeitsformen von verschiedener Seite her ein differenziertes Problembewusstsein ermöglichen. Einiges Gewicht wird in der gymnasialen Sekundarstufe II z.B. in den Fächern Politik, Geschichte oder den so genannten »Wertefächern« sicherlich die Textarbeit z.B. mit Quellentexten des »Klassikers der Zivilisationstheorie«, Norbert Elias, haben. Daneben treten aber mehrere Phasen selbständigen Arbeitens. Schon am Anfang eines Kurses im Bereich des Diskursfeldes Zivilisation sollte die Geschichte von Elementen des Alltags zwischen Mittelalter und Moderne entdeckt und in Berichten und Rollenspielen verdeutlicht werden. Wie wir uns grüßen, wie wir essen, wie wir lieben, wie wir hassen und unsere Aggressionen verarbeiten wird kaum durch die »Zehn Gebote«, sehr wohl aber durch die Zivilisationsnormen bestimmt, ist daher auch zwischen den Völkern und den Zeitaltern sehr unterschiedlich geregelt: die wichtigste Voraussetzung für ein »Interkulturelles Lernen«!

Einerseits stellen die ökonomisch mächtigen Nationen des »Westens« des Anspruch, ihre Alltagswerte als verbindlichen und unbezweifelbaren Lebensstil zu »universalisieren«, d.h. global durchzusetzen – und rufen damit oft Verachtung, Entrüstung und Haß bei den abhängigen Völkern der Peripherien hervor (der so genannte »Krieg der Kulturen« nach Huntington) –, andererseits zerfällt die Verbindlichkeit dieser zivilisatorischen Regeln in den Industriestaaten selbst im dominanten Prozess der ökonomisch begründeten und durch Medien durchgesetzten Tendenz zur Individualisierung. Diese Widersprüchlichkeiten des Zivilisationsprozesses besser begreifen zu können und Folgerungen für unsere eigenen Verhaltensnormen zu ziehen, wird Aufgabe dieses Unterrichts sein.

  1. Geschichte des Essens und der Tafelsitten

  2. Geschichte des Bades und der Körperpflege

  3. Geschichte des Arbeitstages

  4. Geschichte des Schneuzens, Spuckens und Rülpsens...

  5. Geschichte der Angriffslust und der Alltagsgewalt

  6. Geschichte der Liebe und der Sexualität

Der interkulturelle Kontakt verlangt nicht nur den historischen Blick und die zeitliche Verfremdung, sondern auch die Begegnung mit dem Alltags des Fremden. Dazu könnten im zweiten Teil eines solchen Kurses[97] Referate gehalten werden über die Selbstverständlichkeiten unserer europäischen Nachbarn. Vielleicht können hier auch eigene Erfahrungen und Erlebnisse mit eingebracht werden?

  1. Höflichkeit, Alltag und Gesellschaft in Frankreich

  2. Höflichkeit, Alltag und Gesellschaft in England

  3. Höflichkeit, Alltag und Gesellschaft in Polen

  4. Höflichkeit, Alltag und Gesellschaft in Russland

  5. Höflichkeit, Alltag und Gesellschaft in ... ... ...

Die Frage nach der Zukunft der Zivilisation führt zu der Frage nach der Zukunft der Schule als Instanz der Wertevermittlung und der Enkulturation, der Einführung in die zivilisatorischen Standards... Wie ist dann dieses – pessimistische? – Statement zu beurteilen: »Die Zivilisation ist nicht gefährdet, die Zivilisation ist schon beendet!« Stimmt das mit dem eigenen Gesellschaftsbild überein? Diese Selbstbezüglichkeit ist bei der Behandlung von »Wertethemen« und in den eigentlichen »Wertefächern«, die wesentliche Wirkungen im Bereich der Politischen Bildung evozieren, besonders wichtig.

Zu erkennen ist im Unterricht zunächst einmal, dass »Zivilisation« die Summe der »selbstverständlichen« Verhaltensregeln, Sichtweisen und Realitätsdefinitionen des Alltags ist, die ein Zusammenleben der Menschen ermöglichen sollen, fernab der hohen Werte, der religiösen, moralischen und philosophischen Normen. Zivilisation ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Produkt der Geschichte des gesellschaftlichen Zusammenlebens, der Konflikte und kollektiven Erfahrungen, vor allem aber auch der Prozesse der Machdurchsetzung und der Herrschaftsansprüche, die über Sprache, Höflichkeit, Umgangsformen und Tabus bestimmen wollen.

4.523 Die Zivilisation im Staatenbildungsprozess: Ein problematisches Wahrnehmungsfeld

„Der Staat“ (als nicht besonders zutreffende Übersetzung auch für das altgriechische Gebilde „Polis“ ebenso gebraucht wie für antike und mittelalterliche „Reiche“ oder ethnische Stammesverbände oder die modernen „Nationalstaaten“) ist eine gedankliche Kategorie, die eine Vielheit historisch differenzierter Formen organisierten oder institutionalisierten, machtgeordneten menschlichen Zusammenlebens subsumiert. Staatstheorien sind daher viel weniger Erklärungen zum Verständnis vorfindbarer Realitäten – diese werden von den historischen Sozialwissenschaften erarbeitet – als Versuche, offensichtliche Probleme und Defizite im gesellschaftlichen Zusammenleben durch ordnende gedankliche Konzepte zu begreifen und politisch handhabbar zu machen. Die Inhalte dieser Konzepte, Kategorien oder Utopien, sind daher unmittelbar abhängig von den anthropologischen Grundannahmen und Überzeugungen – z.B. über die Befähigung des Menschen zum Zusammenleben und die Ursachen der Sozialen Ungleichheit – der Gesellschaft bzw. der Philosophie, als auch von den ethischen Prämissen und Wertvorstellungen, von denen das ordnende Denken des Philosophen ausgeht – Gerechtigkeitspostulat, Freiheitspostulat, Individualitätspostulat etc. – .

An exemplarischen Beispielen – Platon, Rousseau/Hobbes, Staatsgesellschaftstheorien/Communitarismus – können im Bereich der Diskurse zum Schlüsselproblemfeld »Zivilisation, Gesellschaft, Staat« einmal philosophisch-geschichtliche Marksteine für die anthropologische und ethische Fundierung des Staatsgedankens im historisch-gesellschaftlichen Wandel gesetzt werden, andererseits sind mit diesem Vorgehen grundsätzliche Einsichten in die historisch-sozialen Bedingtheiten des Denkens zu vermitteln.[98]

4.53  Zur heutigen sozialgeschichtlichen Problematik der Soziogenese der „Höflichkeit“

Norbert Elias hat mit Blick auf die mitteleuropäische Geschichte die Interdependenz der Entwicklung der „Staatsgesellschaft“ in den entstehenden europäischen Nationalstaaten mit der fundamentalen Habitusentwicklung vom „mittelalterlichen Menschen“, der vom Leben in der Feudalgesellschaft bestimmt war, zur „modernen Zivilisation“ als komplexen und an Verschiebungen von gesellschaftlichen Machtbalancen geknüpften Prozess dargestellt und historisch belegt. Die innere Differenzierung und Spannweite dieses Prozesses konnte er durch den Vergleich der unterschiedlichen Entwicklungen in Frankreich und Deutschland, den Vergleich französischer „civilté“ und deutscher „Kultur“ darstellen.

Die nachfolgenden Ausführungen sollen deutlich machen, dass der wissenschaftliche Diskurs zum Schlüsselproblem »Zivilisation, Gesellschaft, Staat« zunächst einen anderen Charakter zeigt als die unmittelbare gesellschaftliche Wahrnehmung z.B. des »höflichen Verhaltens« und der interkulturellen Wahrnehmungsdifferenzen der Alltagskultur. So ist zum einen die innere, gesellschaftliche Einheit dieses Diskurses zu erweisen und dann zu erarbeiten, dass dieser Diskurs grundsätzlich interdisziplinär zu führen ist und im Ergebnis offen ist. Es ist nicht von einem abgeschlossenen Ergebnis der zivilisationstheoretischen Realitätserschließungen auszugehen, sondern wesentliche neue, gerade auch diskursfeldübergreifende Fragestellungen ergeben sich gerade im Rahmen der Rezeption der bahnbrechenden Arbeiten von Elias und Wallerstein. Diese Diskurse sollen hier nicht inhaltlich weitergeführt werden; es genügt in einem Aufsatz über die Konsequenzen der Krise der Politik und der Krise der Politischen Bildung mit seiner deutlichen didaktischen Akzentuierung, diese offenen Frageperspektiven anzudeuten, um damit die Bedeutung des öffentlichen Diskurses für den notwendigen Paradigmenwechsel in Politik und Politischer Bildung zu verdeutlichen und damit auch die Notwendigkeit der inhaltlichen Offenheit von Schlüsselproblemen im geforderten Prozess der permanenten curricularen Revision zu betonen. Es erscheint aber dennoch sinnvoll, noch einmal eine Zusammenfassung der wichtigsten Elemente zivilisationstheoretischer Fragestellungen zu formulieren, soweit sie Grundlage für eine didaktische Umsetzung sind, wie wir sie vorstehend, von der unmittelbaren gesellschaftlichen Wahrnehmung ausgehend, versucht haben zu formulieren.

Im Zentrum der Habitusentwicklung steht eine grundlegende Verhaltensänderung und eine Änderung der gesellschaftlichen und individuellen Realitätssichten und Wertorientierungen, die zunächst gekennzeichnet sind durch die zunehmende Zentralisierung und Orientierung auf den „Hof“ hin, welcher Anerkennung und Praktizierung von „höfischen Verhaltensstandards“ verlangt, ein Prozess, der und am Vorabend der Französischen Revolution seinen Höhepunkt erreicht hat, dann aber in einem lang andauernden Internalisierungsprozess und einer sozialhierarchischen Durchsetzung von „Zivilisationsstandards“ und „Habitusformen“ genereller und allgemein verbindlicher durchgesetzt wird. Dies geschieht auch im Sinne einer machtbezogenen kulturellen „Homogenisierung“, die eng verknüpft ist mit der Entstehung und Durchsetzung des Bildes der Nation, des Volkes und der Ethnie. Diese Durchsetzung erfolgt in einem asymmetrischen Prozess „von oben nach unten“, vom Hof über das aufsteigende Bürgertum hin letztlich auch in die Arbeiterschaft und die Arbeiterbewegung.[99]

Elias erklärt damit ein wesentliches Element der gesellschaftlichen Entwicklung Europas und der Habitusunterschiedes des „mittelalterlichen Menschen“ und des „modernen Staatsbürgers“. Das entspricht wissenschaftsgeschichtlich der historisch-soziologischen Forschungsmotivation, bei der die Biographie von Elias und anderen bedeutenden Sozialwissenschaftlern sicher erhellend herangezogen werden kann, vor dem Hintergrund des traumatischen Erlebnisses des Zusammenbruchs der als gültig geglaubten Zivilisationsstandards in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland und im Zweiten Weltkrieg, die bisherige „Selbstverständlichkeiten“ fragwürdig und erneut erklärungsbedürftig werden ließen.

Es wäre aber ein Missverständnis, diesen Forschungsansatz einfach „umdrehen“ zu wollen und als allgemeine Beantwortung der Frage nach der gesellschaftlich-historischen Entstehung von „höflichen Habitusformen“ verstehen zu wollen. Gerade in einem heute über Deutschland und Europa hinausblickenden Forschungsinteresse ist deutlich zu machen, dass das, was wir in Mitteleuropa als „höfliches Verhalten“, als Internalisierung, Habitualisierung und Ritualisierung von sozialen „befriedenden“ Umgangsformen verstehen, auch in anderen Kulturen und unter abweichenden soziogenetischen und psychogenetischen Bedingungen seinen Platz hat und für Erhalt und Selbstverständnis dieser Kulturen eine zentrale Bedeutung einnimmt.

Gerade der unter Heranziehung der Ansätze der „Weltsystemtheorie“ nach Immanuel Wallerstein aktuell gewordenen Forschungsrichtung, die sich auf das Entstehen regionaler und globaler zentral-peripherer Disparitäten konzentriert und dabei die „schillernde und ambivalente“ gesellschaftliche und sozioökonomische Situation in den „Semiperipherien“ in den Vordergrund rückt, zeigt nur zu deutlich, dass hier ein auf die europäische Geschichte reduzierter Habitusbegriff der „Höflichkeit“ nicht ausreicht. „Höflichkeit“, bleiben wir trotz semantischer Bedenken bei diesem Begriff, spielt nicht nur eine psychogenetische Schlüsselrolle in der Herausbildung der modernen Staatsgesellschaft, sondern kann geradezu in gegenteiliger Funktion zur Stabilisierung von machtschwachen Gruppen beitragen. Gerade das Fehlen des institutionalisierten Nationalstaates macht die stabilisierende Funktion von internalisierten kollektiven Wertbegriffen und ritualisierten Alltagsverhaltensweisen, die uns in hohem Maße als „zivilisiert“ und „höflich“ erscheinen wollen, notwendig.

Solche Begriffe, die auch in der europäischen Gesellschaft vor der Herausbildung der Staatsgesellschaften eine wichtige Rolle spielten, sind z.B. der zentrale Begriff der „Ehre“, im engeren Sinne vor allem der „Familienehre“, aus dem das Verhalten der Blutrache, der „Vendetta“, abzuleiten ist – das dann wieder vor dem Hintergrund der modernen europäischen Durchsetzung des „Gewaltmonopols“ des Staates als „unzivilisiert“ und „anachronistisch“, gar als Verstoß gegen die „Menschenrechte“ erscheint und wahrgenommen wird –, oder das Rechtsgebot der „Gastfreundschaft“, das durchaus nicht aus religiösen Geboten abzuleiten ist, sondern der Pazifizierung und Stabilisierung einer nicht staatsgeordneten Gesellschaft dient.

Gerade Staaten, die durch innere und äußere historische Faktoren erst spät eine Transformation zur modernen Staatsgesellschaft eingeleitet haben, die z.T. bis heute nicht widerspruchsfrei abgeschlossen ist, wie z.B. Polen oder die Türkei, die beide den schillernden Begriff der „Semiperipherien“ und der „Transformationsgesellschaft“ illustrieren, zeigen bis heute nichtstaatsgesellschaftliche Höflichkeitsformen und habitualisierte Verankerungen in traditionellen Verhaltens- und Wertstrukturen. Dies sollte der Ansatz sein, über Elias hinausgehend, den Zivilisationsbegriff in historisch-kultureller Hinsicht zu erweitern und neu zu reflektieren.

Es wird nicht leichter, dass auch in diesen Semiperipherien über gewisse historische Zeiträume echte höfische Kulturen entstanden sind, wie der Sultanshof des Osmanischen Reiches oder die Magnatenhöfe der Szlachta-Gesellschaft in Polen, deren nostalgisch-romantisierende Reminiszenz im 19. Jahrhundert sich noch im so genannten Sarmatismus wieder fand. Doch waren diese Perioden keineswegs Auftakt zur Herausbildung nationaler Staatsgesellschaften wie in Westeuropa.

Der Sarmatismus als „anachronistische“ Bewegung, der sich Vertreter des alten, entmachteten Szlachta-Adels ebenso zuordneten wie national-romantische Dichter und Intellektuelle, die in überkommenen Lebensstilen und Habitusorientierungen Halt und Sinngebung gegen die allgemeine Entwicklung der Gesellschaft suchten, ist eine ebenso typische und für Polen und Länder der Semiperipherien in der Neuzeit bezeichnende Funktionalisierung des „höflichen Habitus“, der jetzt aber nicht vom Machtzentrum, vom „Hof“ ausgeht, sondern als gegenläufiger Prozess den eingeleiteten Verschiebungen der innergesellschaftlichen Machtbalancen entgegengesetzt wird. Das Festhalten an einem längst nicht mehr real existenten Macht- und Kulturzentrum des „Hofes“, seine völlige Internalisierung in der Alltagskultur, ist der unbewusste Versuch, notwendige gesellschaftliche Modernisierungsschübe aufzuhalten, ist Ausdruck einer „Angst vor der Moderne“.

dass diese anachronistische Habitusorientierung sehr häufig religiös motiviert und legitimiert wird, basiert auf dem Unvermögen, sich bewusst Antimodernismus oder, in einer polemischeren Auseinandersetzung „reaktionäre Gesinnung“ einzugestehen und zuschreiben zu lassen. Religion wird in diesem Sinne gesellschaftlich funktionalisiert. Das geschah im Sarmatismus in Polen mit dem Katholizismus, der erst als „Bollwerk gegen die Moderne“, später im 20. Jahrhundert aber auch als „Gegenmacht“ gegen den als Oktroi wahrgenommenen (vor allem den sozialistischen) Staat funktionalisiert wurde.

Im Osmanischen Reich des 19. Jahrhunderts formierte sich in ähnlicher Weise eine sich religiös definierende antimodernistische Bewegung, in der sich die ihren Einfluss verlierenden Hodschas (türk. hoca, ländlichen Religionslehrer[100]) und die nicht zur geistigen Elite zählenden Ulemas (islamische Theologen) mit traditionalistischen Großgrundbesitzern (Feudalherren, Aǧas) und ländlich-regionalen Funktionsträgern und Honoratioren der Feudalgesellschaft gegen die von westlichen Intellektuellen vor allem in der Hauptstadt Istanbul eingeforderte grundlegende Modernisierung der Türkei formierten. In halbherziger Form schloss sich der Sultanshof zeitweise der Einsicht in diese Modernisierungsnotwendigkeit an und leitete die Phase der tanzimat-Reformen ein; vor allem aber das Militär, geschockt durch eine Reihe von Niederlagen, wurde zum Bannerträger eines westlich orientierten Modernismus, wie es sich vor allem seit der Zeit der Jungtürkischen Revolution zeigte, und wurde damit zum entschiedenen Gegner religiöser, regionalistischer und ländlicher traditionalistischer separatistischer Bewegungen. Die heutige Situation und Machtverteilung in der Türkischen Republik schließt sich nahezu bruchlos an die damals herausgebildeten Gruppierungen und Machtrivalitäten in der Gesellschaft an.

In einer zivilisationstheoretischen Überlegung ist es dabei von besonderem Interesse, dass innerhalb der genannten Gruppen jeweils rivalisierende Machteliten herausgebildet werden, die sich in jeweils sehr ähnlicher Form gleicher psychogenetisch zu verstehender zivilisatorischer Durchsetzungsprozesse bedienen, inhaltlich dabei in gleicher Weise traditionell sind. „Höflichkeit“ als ritualisiertes und formalisiertes, der Konfliktvermeidung dienendes Alltagsverhalten, ist beiden Seiten zu eigen.

Vier unterschiedliche zivilisatorische Formen und Funktionen der „Höflichkeit“ können daher zunächst einmal verglichen und nebeneinander gestellt werden. Einmal in der Form des traditionellen west-mitteleuropäischen Zivilisationsprozesses, der vom Hof ausgeht und gleicherweise eine Machtzentralisierung durch die Durchsetzung des Gewalt- und Steuermonopols, eine kulturelle „Homogenisierung“ und die Durchsetzung des Nationenbegriffes umfasst und damit die Entwicklung des modernen Nationalstaates wie der „Staatsgesellschaft“ begleitet und ermöglicht. Diese von Elias vor allem untersuchte Form des Zivilisationsprozesses ist typisch für die späteren Länder der globalen sozio-ökonomischen Zentren, wobei später dazu stoßende Räume wie die USA und erst recht nach dem 2. Weltkrieg Japan noch gesondert untersucht werden müssen. In beiden Ländern sind gemessen am Maßstab westeuropäischer staatsgesellschaftlicher Zivilitätsvorstellungen auch heute noch erhebliche Defizite festzustellen. Japan hat zwar eine westlich orientierte ökonomische Funktionselite herausgebildet, doch sind vorherrschende Lebensmodelle und wichtige Züge der Politischen Kultur, die sich z.B. auch im autoritär-hierarchischen Bildungswesen ausdrücken, eher traditionalistisch und tragen gewisse Charakterzüge einer vormodernen »geschlossenen Gesellschaft«. In den USA ist auch das Gewaltmonopol des Staates weitaus weniger durchgesetzt als in Europa, was sich am verfassungsmäßigen Recht, Waffen zu tragen und einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz der Selbstverteidigung ablesen lässt. Auch die Zivilitätsmerkmale des europäischen Wertekanons, Egalitätsvorstellungen, soziale Verantwortung des Staates, Ablehnung der Todesstrafe, haben sich in den USA nicht in dieser Weise durchgesetzt.[101] Ob dies nun grundsätzlich als Modernitätsdefizit zu werten ist, oder ob die europäischen Zivilitätsvorstellungen relativiert werden müssten, um auch Zivilisationsmodelle der Moderne, die bewusst stärker auf Dezentralität, Subsidarität und kommunitaristische Ordnungsvorstellungen bauen, als gültige Alternativen verstehen zu können, sei dahingestellt; es berührt aber die grundsätzliche Problematik der Übertragbarkeit gesellschaftlicher Wertvorstellungen und dem alternativen Konzept des Kulturrelativismus und hat damit unmittelbare Folgen auf Wertungs- und Einordnungsmöglichkeiten auch gegenüber Kulturen außerhalb der sozio-ökonomischen Zentren, wie z.B. des Kulturkreises des Islam. Das leitet zu einem weiteren Zivilitätskonzept über, das hier angesprochen werden soll.

Neben den europäischen Zivilitätsvorstellungen sollten auch hochritualisierte Zivilitätsformen mit einem ausdrücklichen „Höflichkeitshabitus“ nicht ausgespart bleiben. Elias selbst kommt z.B. beim Darstellen der Zivilisationsprozesse bei Alltagsverrichtungen wie dem Essen auf chinesische Speiserituale und -sitten als Beispiel hoch entwickelter Formen des „Hinter-die-Kulissen-Legens“ des Persönlichen, Gewaltsymbolhaften, Intimen zu sprechen. Diese Höflichkeit als »Höfischkeit«, die von den Feudalhöfen ausgeht, ist bei einer interkulturellen Zivilisationsgeschichte von außerordentlicher Bedeutung, auch wenn die west-mitteleuropäische historische Komponente der Entwicklung des Nationalstaates und der modernen Staatsgesellschaft hier vollständig fehlt. Der persische Hof gehört zu diesem Typus seit Jahrhunderten dazu ebenso wie das mittelalterliche islamische Kalifat von Damaskus und Baghdad; ebenso alte Hofkulturen in Indien, Südostasien, Afrika und dem vorkolumbianischen Amerika. Es ist fraglich, ob es hier historisch ausreicht, von Vormoderne oder im gesellschaftlichen Prozess „unabgeschlossenen Zivilisationsprozessen“ zu sprechen, oder ob eher der west-mitteleuropäische Weg vor dem Hintergrund der ökonomischen Modernisierung seit dem Zeitalter des Imperialismus als der weltgeschichtliche Sonderweg auch in Hinblick auf die Zivilisationsprozesse gewertet werden muss.

Der dritte davon abweichende Zivilisationsprozess konzentriert sich auf das Festhalten an überkommenen Höflichkeits- und Zivilitätsvorstellungen beim drohenden Einflussverlust durch Modernisierungsprozesse und konzentriert sich auf älterer Ober- und Funktionsschichten. Die Wortführer so genannter „fundamentalistischer“ religiöser Schichten gehören in diese Gruppe.

Habitualisierte „Höflichkeit“ ist aber auch ein Mittel und ein Symbol der Widerständigkeit machtarmer Schichten, die sich in ihrer Formung nicht an konkretem höfischem Verhalten, sondern an unreflektiert überkommenen Verhaltensmustern und mythischen Realitätsdeutungen orientiert. Verharrung und Abwehr gegenüber Veränderungs- und Modernisierungszumutungen sind die gesellschaftliche Funktion dieser gruppenorientierten Form traditionalistischen Verhaltens, wie es in ruralen Gesellschaften die Regel ist. Gerade diese Verhaltensrituale sind heute in Ländern der Semiperipherien wichtigste Widerstände gegen sozio-ökonomische Modernisierungsschübe und staatsgesellschaftliche Entwicklungen, wie es die Genese des Südostanatolienkonfliktes sehr deutlich zeigt.[102] Gerade hier zeigt sich aber auch die grundsätzliche Ambivalenz zivilisatorischer Prozesse, die zum einen durch Angst vor der Moderne, Widerstand gegen Veränderungs-, Homogeniserungs- und Integrationszumutungen[103] motiviert sein können, zum anderen aber auf Symbol- und Kategorierepertoires zurückgreifen (müssen?), wie der Entwicklung von nationalen und ethnischen Herkunfts- und Zusammengehörigkeitsmythen.

Aus der Sicht einer interkulturell orientierten historischen Soziologie differenziert sich also das Bild der Zivilisationsprozesse deutlich und wirft letztlich mehr Fragen auf, als die theoretischen Ansätze bislang an historischen Realitäten erklären können. Doch zeigt eine aktuelle Fortführung des historisch-soziologischen Diskurses sehr bald, dass heute auch wissenschaftlich neben die Frage nach Herkunft und Entwicklung der Zivilisation die Frage nach dem »Ende der Zivilisation« und nach den »zivilisatorischen Alternativen« tritt.

4.54  Das Problem der Dezivilisierung

Zivilität ist keine »Einbahnstraße«, sondern ein permanenter gesellschaftlicher Kampf um die Durchsetzung und Gültigkeit zivilisatorischer Verhaltensstandards. Diese zivilisierenden gesellschaftlichen Ziele sind aber, wir haben es angedeutet, immer in Machtprozesse eingebunden, mit Verschiebungen in den Machtbalancen verbunden und daher nicht unwidersprochen. Verhaltensmächtige gegenläufige Prozesse lernen wir im Diskurs »Individualisierung, Gewalt, Soziabilität« kennen. „Die Zivilisation, so wird man nach alldem sagen müssen, ist nicht bedroht. Sie ist schon vorbei“ schreibt Stefan Breuer 1993. Wesentliche materielle Gründe für diese wahrgenommene und beklagte Dezivilisierung finden sich in den sozio-ökonomischen Kontexten des Diskurses »Universalisierung, Globalisierung, Ökonomisierung«. Doch verlangt die Diagnose »Dezivilisierung« einer differenzierteren Sichtweise, die über den reinen Moralismus und die millenniaren Ängste hinausweist.

Doch ist diese Wahrnehmung, in einer zunehmend gewalttätigen Welt zu leben, eine gültige Grundbefindlichkeit, die wesentlichen Einfluss sowohl auf das innergesellschaftliche Zusammenleben wie auf die über die nationalen Grenzen hinausblickenden Perspektiven und interkulturellen Werturteile nimmt. Louis Begley, den wir schon Eingangs zitiert haben, faßt diese Wahrnehmung in folgende Worte: „Straftaten einzelner in nie da gewesener Brutalität und Häufigkeit sind ein weiteres Symptom für die Ausbreitung des Virus Gewalt. Jack the Rippers Prostituiertenmorde in London am Ende des vorigen Jahrhunderts sind zahm im Vergleich zu den Serienmorden mit Folter und Kannibalismus, die in den letzten Jahren in den Vereinigten Staaten begangen wurden, dem Gemetzel von Männern, die mit automatischen Waffen in Menschenmengen feuern, der lautlosen Grausamkeit von Heckenschützen, die sich auf einem friedlichen Universitätscampus Opfer herauspicken, oder dem Giftgasanschlag in der U-Bahn von Tokio.“

Unabhängig davon, ob wir der Diagnose folgen wollen, dass damit tatsächlich eine Gewaltzunahme bezeichnet werden kann, oder ob nicht verbesserte Tötungsmittel und bessere Kommunikationsmittel ein verändertes Bild der Gewalt erzeugen, ist die Wahrnehmung einer Gewaltzunahmen real und verhaltenswirksam[104]. Gewalt interessiert in diesem diskursiven Kontext aber weniger als psychologische Problem denn als Ursache oder Folge von Dezivilisationsprozessen. Gleichmann (1995) paraphrasiert im Titel eines sehr anrührenden Aufsatzes eine Aussage von Norbert Elias, wenn er die Frage stellt: „Sind Menschen in der Lage, vom gegenseitigen Töten abzulassen?“

Weit über die individuelle Gewalt zielt diese Frage auch und zuerst auf die staatliche Gewalt, auch die Gewalt der Kriege und in den Kriegen. Entsteht doch hier im west-mitteleuropäischen Zivilisationsprozess ein Verständniswiderspruch, wenn die Durchsetzung des Gewaltmonopols durch die entstehenden Nationalstaaten gleichzeitig die Identität von Staatssouveränität und Staatsräson mit der Fähigkeit und Bereitschaft zur Kriegführung gleichzusetzen ist. Kulturkritische Perspektiven können hier durchaus sinnvoll die Frage nach der Gewichtung der Leidpotentiale innergesellschaftlicher individueller Gewalt zur staatlichen Gewaltausübung in Kriegen, in Diktaturen, letztlich im Holocaust stellen. Oder evoziert staatliche Gewalt letztlich sogar zusätzliche individuelle Gewalt, wenn sie zum Beispiel in Kriegssituationen im Sinne der Kriegsführungsfähigkeit die Tötungsbarrieren herabsetzt, weg erzieht durch militärische Institutionalisierung[105], die im zivilen Leben gültigen Zivilisationsstandards temporär und situativ außer Kraft setzt, und nicht nur dies, sondern  die zivilen, als »natürlich« empfundenen Affekte und Emotionen unterdrückt oder verbietet: Mitleid, Empathie, Angst, Todesfurcht, Tötungshemmung und dagegen setzt: Entpersonalisierung, Hass, Aggression, Gehorsam.[106]

Wie sehr dies Thema, dieser bedrückende Sachverhalt auch heute an gesellschaftliche Emotionen rührt, zeigt die emotionalisierte kontroverse, z.T. äußerst aggressiv geführte öffentliche und private Auseinandersetzung um die verdienstvolle Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht, die 1998 in vielen deutschen Großstädten gezeigt wurde und von sehr vielen Besuchern, darunter auch vielen Schulklassen aufgesucht worden ist.

Birgit Beck (1998) ist in diesem Zusammenhang der Frage nachgegangen, inwieweit ein solch »persönliches Verbrechen« wie die Vergewaltigung von Frauen im Zweiten Weltkrieg Teil einer bewussten Kriegsstrategie gewesen ist. Auch wenn dies für die Befehlsebene der Armeen nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann, ist doch zumindest die Duldung der Vergewaltigung von Frauen – auch Kindern und jungen Mädchen! – des Feindes als Massenphänomen, wenn nicht ein unausgesprochenes Fördern dieses Verhaltens an der rechtlichen Beurteilung und Behandlung der Täter deutlich erkennbar. Die Grenze der Gewalt, die Schamgrenze und die Tötungshemmung der Zivilisation werden sehr weit weg geschoben. „Im Hinblick auf die Verantwortung der militärischen und politischen Führung und die Einordnung von Notzuchtverbrechen als Mittel der Kriegführung bietet sich hier vor allem der Rückgriff auf interne Mitteilungen an. So wurden durch Wehrmachtstellen dem Reichssicherheitshauptamt Informationen über Ausschreitungen von SS-Angehörigen in den besetzten Ostgebieten übermittelt. In einem Schreiben des Wehrmachtamtes im Oberkommando der Wehrmacht an den SS-Obergruppenführer Wolff wurde beklagt, dass ‚die Zahl von Vergewaltigungen ... groß‘ sei. Durch die Geheime Feldpolizei konnten 18 Fälle von Notzuchtverbrechen ermittelt werden, wobei in 12 Fällen die Täter Angehörige der Waffen-SS waren und bei den übrigen Beteiligten die Gruppenzugehörigkeit nicht mehr nachgewiesen werden konnte.[107] Über die Zustände in Rogosjanka meldete der Chef des Allgemeinen Wehrmachtamtes ‚Viehdiebstähle, Verprügeln der Einwohner, Vergewaltigungen der Frauen und Mädchen‘.[108] Bei den meisten dieser Straftaten soll es sich um Gruppenvergewaltigungen gehandelt haben, die häufigste Art von Sexualdelikten in Kriegen, da sich die Männer zumeist in kleineren Verbänden und Gruppen aufhalten. Bei dieser Form von Vergewaltigung spielt das Motiv, vor den Mittätern seine Männlichkeit beweisen zu wollen, eine wichtige Rolle.[109] Auffällig sind die in dem Schreiben erwähnten Bestrafungen der Täter. In einem ‚besonders. krassen Fall von Vergewaltigung einer über 70 Jahre alten Frau und deren Tochter durch neun SS-Männer‘ wurden die beiden Rädelsführer lediglich ‚strafweise versetzt‘, und auch die versuchte Vergewaltigung von zwei Frauen durch einen SS-Angehörigen wurde mit drei Tagen Arrest sehr milde geahndet.[110]

Die sozialpsychologische Dimension wird aber dann noch deutlicher, wenn die Aufmerksamkeit verstärkt nicht nur auf den Krieg und das Kriegsgeschehen selbst fällt, sondern auf die Kriegsvorbereitung. Ehe ein Feind bekämpft wird, muss er erst als Feind definiert werden. Das Themenfeld der Fremdheitswahrnehmung als zentraler Diskurs in unserer heutigen Gesellschaft wie auch als zentrales Thema der Sozialwissenschaften wurde schon angesprochen

4.6  Diskurs »Universalisierung, Globalisierung, Ökonomisierung«

Globalisierung ist in den Medien seit einiger Zeit ein »ubiquitäres Thema«, dessen Aussagekraft, Bedeutung und Abgrenzung immer unschärfer und ungenauer wird. Es ist in dieser Form vor allem für politisch und ökonomisch informierte und interessierte Teilnehmer an öffentlichen Diskursen ein Modethema geworden. Kein Wunder, dass sich Widerstand gegen dieses Thema sowohl in der Fachwissenschaft (z.B. beim Soziologen Michael Vester, der die Globalisierungsthese als eine „Phantomtheorie“ bezeichnet[111]), bei ökonomischen Interessengruppen (wie den Gewerkschaften, die den Verweis auf die „Zwänge der Globalisierung“ zunehmend als unredliches »Schlagtot-Argument“ wahrnehmen) und vor allem auch bei Angehörigen vieler derjeniger Länder, die in der Globalisierung eine neue, ökonomistisch verbrämte Form des »westlichen Imperialismus«[112] sehen wollen und die hinter den ökonomischen Globalisierungsprozessen politische und kulturelle Hegemonialansprüche Europas vermuten.

Diese Ambiguitäten machen den Diskurs »Universalisierung, Globalisierung, Ökonomisierung« geeignet, grundlegende Bedenken gegen das diskursive Konzept der Schlüsselprobleme zu artikulieren und zu diskutieren. Öffentliche Diskurse bilden Realitäten immer in mehreren, oft auch unüberschaubar vielen Ebenen ab. Aus einer Diskursebene heraus lassen sich zwar konkrete Diskussionsanstöße, auch in didaktischer Hinsicht, ableiten, jedoch weder ein umfassenderes, treffenderes Realitätsverständnis im Sinne des leitenden Diskurses noch eine adäquate Formulierung oder Strukturierung eines »Schlüsselproblems« herleiten.

Die Konsequenz ist widersprüchlich, verlangt sie doch einen distanziert-überblickenden Zugang zu den gesellschaftlichen Problemen, die dem zu Grunde gelegten innerdiskursiven Realitätsverständnis zuwider läuft und damit »sinnvollen Umgang« mit gesellschaftlichen Schlüsselproblemen und Diskursen wiederum abhängig macht von distanzierenden Qualifikationen, die zu einer Hierarchisierung der innergesellschaftlichen Auseinandersetzung und damit wieder zu einer machtorientierten Funktionalisierbarkeit führen. Dieser Widerspruch ist logisch kaum aufzuheben. Mangels sinnvoller Alternativen, auch im Sinne der erforderlichen grundsätzlichen Widerständigkeit der Politischen Bildung und ihrer Didaktik, bleibt dennoch das Insistieren auf diskursiver Realitätserschließung eine Chance, affirmative Bildungsmodelle zu überwinden und auch im Bereich der Politischen Kultur die grundlegenden Partizipationsforderungen ohne zu Grunde liegende formalistische Institutionalisierungen »auf den Weg zu bringen«.

Der Diskurs »Universalisierung, Globalisierung, Ökonomisierung« sollte daher eigentlich, ausgehend von den genannten Kritikfeldern, differenzierter erörtert und aufgefächert werden. Doch kann in diesem Kontext keine umfassende Übersicht über die umfangreiche Literatur zu diesem Thema gegeben werden; die Ausführungen sind nicht nur notwendigerweise exkursorisch, sondern auch nur als Diskussionsanstöße für eine didaktisch orientierte Diskussion und Erarbeitung zu verstehen.

Globalisierung ist zunächst einmal unmittelbar auf die Entwicklung der Wirtschaft und zwar zunächst auf betriebswirtschaftlicher Ebene zu beziehen und bezeichnet die zunehmende internationale und interregionale Kapitalverflechtung, die wachsende Flexibilität bei internationalen Investitionen und die zunehmende Kurzfristigkeit von Investitionsentscheidungen, die eine schnellere Anpassung auf Veränderungen der Teilmärkte auch im internationalen Kontext ermöglicht. Voraussetzungen dafür sind einmal der Abbau staatlicher Investitionshemmnisse (Zölle, Ein- und Ausführbeschränkungen, Investitionskontrollen, Subventionspraktiken), wie sie zunächst der GATT, heute die WTO betreibt. Voraussetzung ist aber auch der Aufbau einer geldwirtschaftlichen internationalen Infrastruktur, die durch die Internationalisierung des Bankwesens ebenso wie durch den Aufbau der technischen Kommunikationsnetze begründet ist. Die bedrohlichen Konsequenzen sieht Horst Afheld, ehemals Wissenschaftler am Starnberger Institut zur Erforschung globaler Strukturen und Krisen, in schon heute existierenden Strukturen:

  • In den USA leben Unterschichten bereits in Dritte-Welt-Slums, „ohne sich freilich mit tropischen Sonnenuntergängen oder Familienzusammenhalt trösten zu können“.

  • Swissair lässt sein Buchungssystem in Indien bearbeiten, Siemens seine Informationssysteme auf den Philippinen; französische Anwälte beziehen juristische Texte von der afrikanischen Elfenbein-Küste.

  • Auch in Deutschland haben Billiglöhne für polnische oder portugiesische Bauarbeiter zum Konflikt geführt. Und ebenso wie in den USA wachsen in Europa Wohlstandssiedlungen, durch Mauern, Wassergräben und Wachdienste abgeschottet.“ (Sagolla 1996)

Afheld plädiert hier für eine deutlich wirksame politische Gegenmacht, die er derzeit noch in den existierenden Nationalstaaten sieht. Schutzzölle und Regulierungen, als letztlich auch staatsinterventionistische Konzepte, sollten die Phase der bedingungslosen Deregulierung im Interesse sozialverträglicher Entwicklungsprozesse ablösen. Doch vertritt er hier, wie im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung mit Gewerkschaftlern und Europapolitikern in Hannover, politische Thesen abseits vom mainstream, die jedoch durchaus über den sozialpolitischen Ansatz hinausweisen und auf die grundsätzliche historisch-soziologische Fragestellung verweisen, wie ökonomische Ausweitung und die Inkorporation weiterer Regionen in sozioökonomische Interdependenzsysteme von einer Ausweitung gesellschaftlich-politischer Macht begleitet werden kann.

Zur Beurteilung der ökonomischen Globalisierungsprozesse sind aber vor allem die über die reine ökonomische Beurteilung hinausweisenden  Kontexte und Folgerungen zu untersuchen. Und erst hier wird die Globalisierungsthematik zu einem Diskurs, der wesentlich auch die Politische Bildung berührt. Ganz grundsätzlich und mit erheblicher theoretischer und politikkonzeptueller Bedeutung sind die Verschiebungen der Aktivitäts- und Einflussbalancen zwischen den traditionellen Nationalstaaten und den wirtschaftenden Subjekten. Gerade hier aber setzen auch schon kritische Stimmen ein, die die öffentliche Aufmerksamkeit, die sich auf die aktuelle Fusionswelle z.B. im Automobilsektor, im Banken- und Versicherungswesen wie in den Verkehrs- und Kommunikationsmärkten richtet, als eine Verfälschung der tatsächlichen Gewichte in den ökonomischen Abläufen einschätzen, welche durch den Primat der mittelständischen und kleineren Unternehmungen, von noch immer primär auf den Binnenmarkt ausgerichteten Produktions- und Distributionssektoren auf das Entstehen der Wirtschaftsleistung und die Entwicklung der Beschäftigungssituation mehr gekennzeichnet ist als durch die sicherlich spektakulären ökonomischen Macht- und Marktgewinne der internationalen Großkonzerne und »Oligopole«.[113]

Auf der anderen Seite wird die politische und soziale Auswirkung der genannten ökonomischen Globalisierung vor allem für die Länder der so genannten Semiperipherien, aber auch für die Transformationsländer Ost- und Südosteuropas in weitaus höherem Maße aktuell und brisant, da hier die in den Ländern der ökonomischen Zentren vorhandenen traditionelle, ausgewogeneren Wirtschaftsstrukturen als Gegengewichte gegen die Machtdominanz der Oligopole weitgehend fehlen.

Dennoch stellt sich hier das Thema nach einer Neubestimmung und Neugewichtung des traditionellen Nationalstaates nach westeuropäischem Muster ganz massiv. Außerhalb der ökonomischen Zentren finden sich zwar eine Vielzahl von Nationalismen und Ethnifizierungsprozessen, aber Prozesse des nation building im Sinne einer Entwicklung zur modernen »Staatsgesellschaft« finden sich kaum in den Ländern der Peripherien und Semiperipherien. Auch in den Transformationsländern ist diese Entwicklung trotz der ganz bewussten und auch weitgehend von der Bevölkerung getragenen ökonomischen und gesellschaftlichen Annäherung an west- und mitteleuropäische Staats- und Gesellschaftsformen, oftmals verstanden als Anknüpfung an eigene autochthone Entwicklungsansätze vor der Zeit der realsozialistischen Herrschaft, nicht problemfrei und von Strukturdisparitäten und gesellschaftlichen Konflikten begleitet. Hier ist eine eingehendere Diskussion nur im Kontext mit den Diskursfeldern  »Zivilisation, Gesellschaft, Staat« und »Gerechtigkeit, Ungleichheit, Wertewandel« sinnvoll zu führen. Der vorläufige und interdisziplinär fließende Charakter des Versuches, gesellschaftliche »Schlüsselprobleme« zu formulieren, wird hier sehr deutlich.

Wichtig ist aber noch ein anderer Bedeutungskontext des Diskurses über die Globalisierungsprobleme. Ökonomischer Austausch und ökonomische Verflechtungen, die auch mit sich intensivierenden persönlichen und personellen Kontakten ebenso verbunden sich, wie die Erschließung internationaler Märkte mit Konsumprodukten, die zumindest ansatzweise auch die Lebensformen, Symbolwelten und Konsumgewohnheiten, das heißt als die Werte und gesellschaftlichen symbolischen Interaktionsformen des Produkt-Herkunftslandes mit transportieren und zunehmend nivellierend gegenüber regionalen und lokalen Besonderheiten und Sinnverständnissen wirken müssen, bedeutet letztlich, auch wenn es ungewollt sein sollte, kulturellen Universalismus.

Dies kann sehr unterschiedlich rezipiert werden und wirkt damit politisch-gesellschaftlich in höchst unterschiedlicher Weise. Solange internationale Produkte als Erweiterung der materiellen Konsumchancen wahrgenommen werden, tritt das immanent Fremde nicht in den Vordergrund des Bewusstseins und der Wirkung. Dabei muss im Bewusstsein bleiben, dass überregionaler Warenaustausch, Fernhandel die Menschheitsgeschichte vom Kupferhandel der Bronzezeit, über den Seehandel der altorientalischen Reiche bis zur Seidenstraße und Marco Polo begleitet hat und unverzichtbares Element gesellschaftlicher Entwicklungen, Innovationen und auch kulturellen Fortschritts gewesen ist. Kaum ein Land verschließt sich heute dem internationalen Warenaustausch. Doch dann, wenn neue Konsumgewohnheiten mit traditionellen Lebensformen in Konflikt geraten, tritt ein politischer Dissens über die Folgen der Globalisierung ebenso in den Vordergrund, wie in den vielen Fällen, wo von den ökonomischen Zentren ausgehende politische Macht zur Durchsetzung von Marktöffnungen und Konsumstrategien eingesetzt wird, wenn also nicht die üblichen Folgen des ökonomischen Wandels im Vordergrund stehen, sondern die Durchsetzung politischer Macht zum Erhalt ökonomischer Machtdifferenziale.

Wie sich die Folgen der Globalisierungsprozesse im Zusammenhang mit den sozioökonomischen Transformationen und den daraus resultierenden Migrationsbewegungen auf die heutige Schülerschaft  auswirken, wird schon in der einleitenden Krisenanalyse angesprochen (vgl. Seite 12). Didaktische Ansätze in diesem Diskursfeld stehen daher zwischen der sehr konkreten Reaktion auf die Situation der eigenen Schülerschaft, in der sich die Auswirkungen der Globalisierungs- und Universalisierungsprozesse existenziell wirksam festmachen lassen und diese Prozesse und die mit ihnen verbundenen Konflikte in der Schule abbilden und als Unterrichtssituationen wahrgenommen werden, und der gesellschaftlichen Relevanz und Diskursivität in den politischen Auseinandersetzungen, wie sie uns in den Medien entgegentreten und wie sie als neue Forschungsgegenstände in ihrer tief greifenden Umstrittenheit an Breite und Aktualität gewinnen.

5.   Anmerkungen zu den Konsequenzen für die Unterrichtspraxis

Die bisherigen Überlegungen gerade auch zur Theorie-Praxis-Problematik haben gezeigt, dass »Konsequenzen für die Unterrichtspraxis« nicht in erster Linie als Tipps für die »erfolgreiche« Vermittlung vorbestimmter Wissensinhalte verstanden werden dürfen, sondern sich auf die didaktischen Denk- und Herangehensweisen beziehen, die dann der unmittelbaren unterrichtlichen Umsetzung breiten Spielraum lassen.

Die Diskussion des Konzepts der »Schlüsselprobleme« geht von der Vorstellung aus, dass erfolgreicher und zukunftsoffener Unterricht nicht in der »Weitergabe« von Stoffen und Inhalten gesehen werden darf, sondern dass die Verantwortung für den Unterricht bei den Lehrern und Lehrerinnen als Gestalter der Unterrichtssituation und Bezugspersonen der Schülerinnen und Schüler liegt und liegen muss. Das erstreckt sich damit letztlich auch auf die Verantwortung für die Inhalte und ihre konkrete Legitimation. Diese Verantwortung kann aber nur dann übernommen werden, wenn einerseits die institutionellen Voraussetzungen dafür gegeben sind, andererseits die Qualifikation der Lehrerinnen und Lehrer auch diese Verantwortungskompetenz auszufüllen erlaubt. Dies hat unmittelbare und wohl auch einschneidende Konsequenzen sowohl für die Lehrerausbildung an den Hochschulen, wie auch für die Lehrerfort- und -weiterbildung in Verantwortung der Kultusministerien.

Ein erster Schritt, die Einbeziehung der Schulen und der Lehrerschaft in die Verantwortung für die Unterrichtsinhalte und -stoffe zu ermöglichen, ist die Neukonzeption von Rahmenrichtlinien für die einzelnen Fächer auf der Grundlage des Konzeptes der Schlüsselprobleme, die zwar ansatzweise in einzelnen Bundesländern, aber wohl noch recht ›halbherzig‹ erfolgt ist. Im curricularen und methodischen Bereich muss diese didaktische Neuorientierung verstärkt ergänzt werden um die im folgenden Abschnitt angesprochenen Ansätze von Interdisziplinarität und projektorientiertem Lernen.

Doch ist dieses Konzept der Schlüsselprobleme erst die eine Seite eines zu fordernden umfassenderen Innovations- und Modernisierungsprozesses für die Schulbildung. So wie in der fachdidaktischen Diskussion die Schlüsselprobleme als Teil und Ergebnis von Diskurszusammenhängen konzipiert und verstanden werden, muss die Schule und die Lehrerschaft mehr noch als die allgemeine politische Öffentlichkeit bewusst und andauernd in diese konzeptionellen Diskurse einbezogen werden, um die einzelne Lehrkraft zu befähigen, im diskursiven Kontext verantwortliche und begründbare didaktische Entscheidungen zu treffen.

Schule muss sich daher wieder als Ort der pädagogischen Diskurse verstehen und auch auf dieser Ebene die viel zitierte Öffnung zur Gesellschaft vollziehen. Damit wird für das konkrete Individualcurriculum ein Kommunikations- und Interaktionszusammenhang maßgeblich, dessen primäre Protagonisten Schülerinnen und Schüler auf der einen Seite – in ihrer konkreten aktuellen und biographisch geprägten Situation – und der betreffende Fachlehrer bzw. die Fachlehrerin – eingebunden in die Gruppe der Fachkonferenz wie der Klassenlehrerschaft – auf der anderen Seite jeweils zu beziehen sind auf die gesellschaftlichen Diskurse. Damit wird die traditionelle Fachabgrenzung, die auf herkömmlichen Fachselbstverständnissen beruht, zumindest ergänzt wenn nicht langfristig abgelöst durch individuelle Fachprojektdifferenzierungen, die sowohl auf der augenblicklichen Interaktions- wie Diskussituation als auch auf der konkreten Fachkonferenz der Unterrichtenden beruht. Damit kann in verstärktem Maße Biographie im Unterricht wirksam werden. Sinnvoll sind dabei natürlich verstärkte, in der Ausbildung zu erwerbende Kompetenzen der gesamten Lehrerschaft in den Bereichen der Kulturwissenschaften, gerade unter dem Aspekt der dauernden Konfrontation mit interkulturellen Situationen, der symbolischen Interaktion, gerade um das nonverbale und situative Unterrichtsgeschehen entschlüsseln und verstehen zu können, wie der Sozialisationsforschung, gerade um einen verantworteten Umgang mit Schülerbiographien zu erlernen. Interesse, Neugier und Flexibilität muss zuvörderst von der Lehrerschaft selbst erwartet werden.

In diesem Konzept ist die Einbindung in Diskurse dominierendes Strukturierungsprinzip der curricularen und didaktischen Arbeit. Erst so wird aus Schlüsselproblemen Unterricht, erst so entstehen immer neu revidierte Schlüsselproblemverständnisse. Das traditionelle Konzept des exemplarischen Lernens geht in das diskursive Lernen ein und ist notwendiger Bestandteil der Arbeit an den konkreten Stoffen und Inhalten. Dabei sollte an dieser Stelle noch einmal deutlich gemacht werden, dass der Verfasser die mehrfach diskutierten Ansätze der 70er Jahre, Lernen als abstrakte Struktur zu verstehen, bestenfalls methodisch als Lernen des Lernens zu verstehen, für nicht tragfähig und auch lernpsychologisch nicht hinreichend begründbar hält. Lernen ist immer konkret, Problemlösungsvermögen setzt den Umgang mit konkreten Problemen voraus, Metalernen in Strukturen und »Mustern« setzt eine inhaltliche Wissensbasis voraus. Ohne Lerninhalte kein Lernen! Das Problem ist also nicht, wie Reformvorstellungen zeitweilig mutmaßten, von inhaltlichem Lernen abzurücken, sondern die Frage, wer bestimmt die Inhalte, welche konkrete, situative Bedeutung, Funktion und Rechtfertigung finden die Lerninhalte und wie können über das Punktuelle Lernen hinaus Kontexte hergestellt und Verständnisse entwickelt werden. These dieses Aufsatzes ist es, dass hier der Begriff des diskursiven Lernens vorrangig eignet.

Der diskursorientierte Ansatz hat grundlegende Auswirkungen auf die traditionellen Organisationsformen von Unterricht und Schule. Wenn der Diskurs über die Ziele und Inhalte von der administrativen Ebene in die Schule selbst hineingezogen wird – wenn auch in der Einbindung in die die Schule übergreifenden gesellschaftlichen Kommunikatons- und Diskursstrukturen und Vernetzungen, nicht also im Sinne einer absoluten Autonomie der Schule –, muss eine Öffnung der curricularen Vorbestimmungen und Bindungen erfolgen, bei der die Orientierung am Konzept der Schlüsselprobleme ein erster Schritt ist, in dem dann aber die Fachdisziplinarität als Strukturierungsgrundlage des schulischen Lernens in Frage gestellt und die (wissens) vermittelnde Unterrichtsform in eine erarbeitende, projektorientierte Arbeitsform überführt werden muss.

Im Gegensatz zu den Lernzielkonzepten der 70er Jahre muss festgestellt werden, dass gesellschaftliche Diskurse viel weniger formal-abstrakt, sondern im Prinzip politisch-konkret geführt werden. Es geht als durchaus um Inhalte. Hoch abstrahierte, anthropologisch fundierte Lernzieldimensionen, wie sie auch in der schon herangezogenen Denkschrift des Sachverständigenrates Bildung der Hans-Böckler-Stiftung, 1999, dominieren, sind in diesem Ansatz nicht normativ vermittel- und umsetzbar, sondern können bestenfalls als noch zu konkretisierende Diskursbeiträge verstanden und aufgegriffen werden und befürchtend auf die curricularen Auseinandersetzungen  wirken.

Interdisziplinarität und projektorientiertes Lernen können als solche zwar in üblicher pädagogisch-methodischer Weise bestimmt und beschrieben werden. Doch auch in dieser Stufe der Überlegungen muss das diskursive Denken darauf insistieren, »Projekte« als Ergebnis des pädagogischen Agierens, als Erfahrung und Erfahrungsauswertung und nicht als normative Vorgabe zu verstehen. Die Projektorientierung ist die pragmatische Konsequenz aus diskursivem, interdisziplinärem Denken und pädagogischer Erfahrung; das Projekt selbst konkretisiert sich jedoch erst in der unterrichtlichen Situation selbst. Mit jedem Projekt sollte einerseits das Wissen darüber, was ein Projekt ist und sein kann, erweitert und vertieft werden, sollte andererseits auch die Variationsbreite des projektorientierten, interdisziplinären Unterrichtshandelns erweitert werden.

Ein grundsätzliches Problem tritt hier zu Tage, das in den hohen Qualifikationsanforderungen an die Lehrerschaft liegt. Das hat einerseits, auch bei einer pragmatischen Beschränkung auf den Bereich der Politischen Bildung – wenngleich unsere Überlegungen im Grundsatz die gesamte schulische Bildung betreffen –, wesentliche Auswirkungen auf die Anforderungen an die Lehrerausbildung, Lehrerfortbildung und innerschulische Supervision. Andererseits folgt daraus aber auch  die notwendige Beschränkung auf realistische Reformziele, für die die konkreten Menschen in der Schule und nicht das Leitbild einer idealen oder utopischen Schule Entwicklungsmaßstab sind. Das bedeutet, dass Fachdisziplinen, in denen Lehrerinnen und Lehrer ihre Qualifikation erwerben, auch in Zukunft zumindest eine Grundlage der Organisation der schulischen Curricula bleiben werden.

Dabei muss an dieser Stelle das Verständnisproblem angesprochen werden, dass Lernen grundsätzlich ein weiteres Themenfeld ist, als es im Rahmen dieser didaktischen Reflexion zur Politischen Bildung thematisiert werden kann, ohne dass dadurch eine breitere Auseinandersetzung mit den dadurch aufgeworfenen Fragen möglich erscheint. Lernen umfasst einen unüberschaubaren Komplex von letztlich genetisch fundierten Reaktionen des Menschen auf Umweltreize und die Reaktionen des Organismus darauf. Diese Fragen werden zunächst im Rahmen der Biologie, insbesondere der Verhaltensbiologie und der Gehirnforschung untersucht und in äußerst kontroverser Weise diskutiert. Darauf baut nun die allgemeine Lernpsychologie auf. Schon in diesem Bereich, mehr noch im Bereich der Reaktion der Pädagogik auf die biologischen Befunde, vor allem bei der »IQ-Forschung«, beginnt dann die begriffliche Verwirrung, dass je nach anthropologische Option[114] auf der einen Seite die schicksalhafte Verhaftung an die »Begabung«, die als genetisch vorgegeben verstanden wird, auf der anderen Seite die soziale Herkunft als ausschlaggebend für die Lernchancen und den Lernerfolg angesehen werden. Dabei wird die Komplexität des Lernens und seine hohe Selbstbezüglichkeit übersehen. Lernen ist kein eindimensionaler Vorgang oder eine schlichte Konditionierung, sondern ein mit allen Lebens- und Erfahrungsbereichen interdependenter Prozess. Auf der anderen Seite sind Lernerwartungen, d.h. die ehemaligen Lernziele, immer nur analytisch bzw. ergebnisorientiert zu formulieren als erwartete Qualifikationen. Diese Lernerwartungen sind folglich nicht nur nicht identisch mit den zugrunde liegenden oder evozierten Lernprozessen, die grundsätzlich ganzheitlich, komplex, situativ und mit der Person wie ihrer Umwelt interdependent prozesshaft verbunden sind, sondern in vielen Fällen kaum noch in eine rationale, geschweige denn vorhersehbare Kausalitäts- und Begründungsbeziehung zu bringen.

Auch wenn  die pädagogische Wissenschaft auf lerntheoretischen Grundlagen und Erkenntnissen fußt, ist sie letztlich doch in erster Linie eine Sozialwissenschaft, die aus den gesellschaftlichen Kontexten heraus zu vermitteln hat zwischen der empirisch-analytischen Fragestellung, welche Lernprozesse in der konkreten Situation tatsächlich regelhaft oder exemplarisch vorfindlich sind, und der Prüfung und Rationalisierung bzw. Distanzierung normativer gesellschaftlicher Lernansprüche. Pädagogik ist daher im Gegensatz zur Lerntheorie inhaltlich orientiert und fragt nicht nur, wie gelernt wird, sondern vor allem auch was gelernt wird. Dies ist die kulturwissenschaftliche Dimension der Pädagogik, die ihre Stellung in den Science Wars gegen behavioristische und objektivistische philosophische Grundpositionen definiert, damit aber auch die Problematik des wissenschaftlichen Legitimitätsanspruches deutlich kennzeichnet.

Lehrerinnen und Lehrer müssen sich dieses Dilemmas bewusst sein, um verantwortlich didaktisch-curricular arbeiten zu können; Hilfestellung dazu hat die wissenschaftliche Pädagogik und Didaktik in der Lehrerausbildung wirre der Lehrerfortbildung zu geben. Es ist an der Zeit, Wissenschaftlichkeit der Lehrerausbildung weniger als fachwissenschaftliche Kompetenz – die ohnehin vorausgesetzt werden muss –, denn als einen höheren intellektuellen Anspruch an das Selbstverständnis der Lehrerinnen und Lehrer, höhere Reflexions- und Distanzfähigkeit, letztlich als: Diskursfähigkeit zu stellen.

Ein rational-differenzierter Blick auf die tatsächlichen bestimmenden Lernprozesse in unserer Gesellschaft zeigen ein höheres Maß an Differenziertheit – und, anknüpfend an unsere gesellschaftsanalytische Einleitung: eine zunehmende »Fraktionierung« –, als es der Universalitätsanspruch der schulischen Ausbildung in seiner traditionellen Ausprägung wahrnimmt. Dies hat, um es als Résumé gleich vorweg zu nehmen, wesentliche Auswirkungen auf die Konzeption und Abgrenzung der traditionellen Schulfächer, die in keiner Weise mehr den gesellschaftlichen Strukturen und den kulturellen Entwicklungen entspricht, was sich am deutlichsten beim Konzept der so genannten Haupt- oder Zentralfächer nachweisen lässt, das derzeit vor allem in Bezug auf die sich in einer äußerst kritischen didaktischen Situation befindlichen Fächer Deutsch und Mathematik eine unerwartete Renaissance erfährt.[115]

Das zentrale Problem dieser überkommenen Bildungsvorstellungen liegt darin, dass notwendige Differenzierungen und Entdifferenzierungen im Bereich der Pädagogik von der gesellschaftlichen Logik her und nicht vom Subjekt der Lernenden aus getrennt werden; gesellschaftliche Logik ist zunächst einmal die durch die kulturelle Symbolik definierte Realitätssicht nach Fächern und konventionellen und professionalisierten Differenzierungskategorien, die das Weltbild der Politischen Kultur ausmachen. Diese Differenzierung wird jedoch gelernt und anerzogen gegen die subjektiven Prozesse des Lernens selbst. Hier geht, innerhalb der Fächer, das allgemeine pädagogische Grundverständnis von einer Einheitlichkeit des Lernens, von einem innerfachlichen Totalitätsanspruch aus, der sich in einer möglichst konsistenten Fachsystematik ausdrückt. Nur dort, wo die Fachsystematik nun wirklich nicht unmittelbare Grundlage schulischer Vermittlung sein kann, modifiziert die wissenschaftliche Fachdidaktik diese zu curricular-didaktischen Systematiken.[116]

Dabei vereinen diese Fächer immanent widersprüchliche Lernanforderungen, widersprüchliche Realitätskonzepte und widersprüchliche Tätigkeitsanforderungen, ohne den Lernenden die notwendigen kritischen und realitätsorientierten Differenzierungsinstrumente an die Hand zu geben. Die These von der Einheit des Lernens ist zwar richtig, bezieht sich aber gerade nicht auf Fächer und gesellschaftliche Realitätskategorien, sondern auf Probleme und Realitäten der Wahrnehmung des Lernenden, die sich nichts weniger verstehen lassen als gerade fachgebunden zu sein. Die Einheitlichkeit des Lernens erfüllt sich gerade darin, traditionelle Fächer und Realitätskategorien zu überschreiten und interdisziplinär und projektorientiert zu lernen.

Die Differenzierung des Lernens aus der Wahrnehmungsperspektive des Lernenden leitet sich nun aus den Lebens- und Erfahrungssituationen und der biographisch-psychologischen Bedeutung der mit dem Lernen verbundenen Realitätsanforderung ab. Hier ist durchaus deutlich zu unterscheiden – auch in Hinblick auf die darauf bezogenen Lernmethoden und Lernstrategien, soweit dieses Lernen überhaupt bewusst-strategisch geleitet werden muss – zwischen den verschiedenen zunächst lebensalterbestimmten Lernstufen.

Grundlegend ist zunächst das Erlernen der Lebensgrundfunktionen, das mit der Geburt beginnt und zunächst noch eng einem genetischen Programm unterworfen ist, jedoch das gesellschaftliche Gegenüber in Mutter, Eltern, Familie usw. zur Ausdifferenzierung notwendig benötigt und daher bewusster Förderung durchaus offen ist. In einer nächsten Stufe folgt dann das Erlernen der kulturellen Grundfähigkeiten, die eine Orientierung und Behauptung in der eigenen Lebensumwelt ermöglicht, wobei gerade hier Defizite noch sehr deutlich als Schulprobleme auftreten, denen das traditionelle fächerorientierte moderne Schulprinzip weitaus hilfloser gegenübersteht als frühere pragmatischen und oft völlig unreflektiert-autoritären Erziehungsstrategien, bei denen Erziehungserfolg eher die Persönlichkeit und Vorbildlichkeit des Lehrers als durch bewusste Lehrfähigkeiten und -methoden garantiert war (vgl. Fußnote 120).

Die Schule ist zunächst Ort des Erlernens der in unserer Gesellschaft notwendigen Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Fremdsprachen beherrschen, Umgang mit grundlegenden Alltagstechniken wie heute vor allem der Informationstechnologie usw. Dieser Bereich ist eine zentrale Aufgabe der Schule; sie wird vor allem deshalb mangelhaft bewältigt, weil die Schule und die Gesellschaft ihre Vermittlung gering achtet, ihre Beherrschung aber voraussetzt. Unter dem hier nicht adäquaten Leitbild der Einheitlichkeit des Lernens wird das Vermitteln der Kulturtechniken zu einem Nebeneffekt eines sich verwissenschaftlichen Fachunterrichts, der seine Aufgabe vor allem in den komplexeren sozial determinierten Bildungszielen sieht. Das hat unter Umständen für Schülerinnen und Schüler verhängnisvolle Folgen: mangelhafte Beherrschung von bestimmten Kulturtechniken, wie z.B. Sprach- und Schreibkompetenz bei Schülerinnen und Schüler nichtdeutscher Herkunft oder aus „bildungsfernen“ Sozialschichten, führt zum Versagen bei den umfassenderen Bildungszielen. Umgekehrt kann wie auch immer begründetes und motiviertes Versagen gegenüber den allgemeinen Fachzielen, z.B. bei biographischen Brüchen, Akkulturationsproblemen oder schlicht auch veranlagungs- oder sozialhintergrundsbedingten Begabungs- und Leistungsschwächen das Erlernen der genannten Kulturtechniken grundlegend behindern. Es scheint daher dringend notwendig zu sein, in der Schulpraxis, gerade im Prozess der verstärkten Orientierung der fachlichen und überfachlichen Bildungsziele, wie sie auch in den Postulaten der Politischen Bildung ihren Ausdruck finden, am Konzept von diskursiv sich fortentwickelnden Schlüsselproblemen, eine grundsätzliche Entkoppelung der Bildungsfächer und der verpflichtenden Lernangebote für die grundlegenden Kulturtechniken und damit eine fundamentale Neubestimmung der Fachselbstverständnisse vorzunehmen, die die Stundentafeln des Schulunterrichts sehr stark verändern werden.[117]

Wie schon Illich (1971) exemplarisch ausgeführt hat, ist unser Schulsystem denkbar ungeeignet, die Anforderungen an den Erwerb von Lebenstüchtigkeit, Lernvermögen und Kulturtechniken auch nur einigermaßen rational und erfolgreich zu erfüllen. Sein freies Lern- und Ausbildungskonzept in Cuernavaca hat modellhaft gezeigt, wie die Aufgabe von konstruierten Lerngesamtheiten der Fächer und Professionalitäten erst zu einer echten Einheitlichkeit des Lernens selbst führen kann. Doch wie schon von Hentig (1971) wohlwollend-kritisch ergänzt, hat die Schule in hoch differenzierten Industriegesellschaften umfassendere, sozial determinierte Bildungsaufgaben, die durch das strikt dezentrale Lernkonzept von Cuernavaca, durch eine „Entschulung der Gesellschaft“, nicht hinreichend erfüllt werden kann.

Bildung ist mehr als der Erwerb definierter Kulturtechniken und Kenntnisse; Bildungserwerb ist soziale Praxis eines bestimmten Lebensabschnittes, der nicht nur propädeutisch definiert, sondern zunehmend in die gesellschaftlichen Interdependenzen mit einzubeziehen und in Wert gesetzt werden muss. Es muss also ein Entschulung der Schule erfolgen. Diesem Ziel können die neuen Verklammerungen von Schule und Öffentlichkeit, die sich aus dem Schlüsselproblemkonzept zwangsläufig ergeben, dienen. Zentrale Aufgabe ist es daher, das traditionell statische Fächerprinzip der Schule mittelfristig aufzubrechen, ohne die hohen auch fachlichen Kompetenzanforderungen an die Lehrerschaft aufzugeben, und auf der einen Seite strikt erfolgsorientierte, nicht auf Auslese oder Leistungsdifferenzierung abhebende Lernangebote zu den grundlegenden Kulturtechniken während der ganzen Schulzeit zu entwickeln[118], auf der anderen Seite anspruchsvolle, an Schlüsselproblemen orientierte und methodisch interdisziplinär-projektorientierte Bildungsangebote zur zentralen Aufgabe der Schule zu machen, in denen Schülerinnen und Schüler in identitätsstiftenden und die Soziabilität fördernden Lernsituationen in die gesellschaftlichen Diskurse eingeführt werden.

6.   Anmerkungen zu den Konsequenzen für die Ausbildung und Qualifikation der Politiklehrerschaft

6.1  Modellvorstellungen für die universitäre Lehrerausbildung

Mehrfach führten unsere bisherigen Überlegungen schon zu dem Schluss, dass eine Schlüsselrolle für eine Innovation der Politischen Bildung in den Schulen und des geforderten Paradigmenwechsels in der Didaktik des Politikunterrichts der Veränderung und Modernisierung der universitären Lehrerausbildung sowie einer deutlichen Neuorientierung des wissenschaftlichen Selbstverständnisses zukommt.

Dabei kann hier nur aus der Sicht der Schule  und im Interesse des Politikunterrichtes argumentiert werden. Konkrete Umsetzungen und Veränderungen setzen eine Resonanz an den Hochschulen und einen entsprechenden Diskurs der betroffenen Fachbereiche und der in ihnen arbeitenden Kolleginnen und Kollegen voraus.

In den universitären Diskursen, so sie überhaupt innovationsorientiert geführt werden, steht noch immer die Diskussion der angeblichen Praxisdefizite, bzw. die Probleme einer Theorie-Praxis-Dichotomie im Vordergrund, die wir schon grundsätzlich und ideologiegeschichtlich kritisch beleuchtet haben. Dabei wird übersehen, dass ein scheinbar „praxisorientierter“ didaktischer Ansatz, wenn er nicht platt „rezepthaft-methodisch“ verstanden wird sondern den Kriterien wissenschaftlicher Rationalität und Reflexivität folgt, oft erst die geeigneten Fragen aufwirft, nicht nur fachdidaktische, sondern auch fachwissenschaftliche Probleme neu zu überdenken, und damit neue Forschungsansätze zu erschließen.

Im traditionellen dichotomen Wissens- und Arbeitsverständnis wird nur zu sehr übersehen, dass Forschung selbst ein Rezeptions- und Verständigungsvorgang und damit ganz wesentlich immanenten didaktischen Problemstrukturen unterworfen ist; eine Wissenschaftssoziologie wird sich sehr weitgehend didaktischer Verständigungsmuster zu bedienen haben. So ist auch die universitäre Trennung von Fachwissenschaft und – in der Wertschätzung oft nachgeordneter – Fachdidaktik nicht sachadäquat und Ausfluss des schon kritisch benannten dichotomen Theorie-Praxis-Verständnisses. In einem zeitgerechten Problemverständnis kann hier durchaus an die spezifisch deutsche Universitätstradition der Einheit von Lehre und Forschung angeknüpft werden, wenn nicht, wie es zu häufig geschieht, in diesem Kontext Lehre nur noch als nachgeordneter Forschungsbericht verstanden, sondern wenn Forschung selbst als didaktisch konzipierter Kommunikations-, Rezeptions- und Diskursvorgang verstanden wird.[119] Das ist sicherlich aber auch ein charakterliches und habituelles Moment der Lehrenden und Forschenden selbst, das sich vordergründiger Anforderung entzieht und nur durch eine entsprechende geistige und politische Kultur, durch eine bewusste Auseinandersetzung mit der kulturellen Tradition ermöglichen lässt.[120]

Die Schule erwartet Fachlehrerinnen und Fachlehrern, die in die zentralen Diskurse der Gesellschaft, wie sie schon im Zusammenhang mit dem Thema der Schlüsselprobleme erörtert worden sind, eingeführt sind und in ihnen eigenständige Positionen vertreten, erarbeiten und vermitteln können. Diese inhaltlich-diskursive Ausbildung muss von Anfang an rezeptiv-umsetzungsorientiert strukturiert sein, ohne auf eine banale »Anwendungsdidaktik« reduziert zu werden.

Eine Vorlesungs- und Seminarabfolge sollte daher, parallel zu den »klassischen« Einführungsveranstaltungen in die Bezugsfächer – die Beschränkung der Politischen Bildung auf die Politologie wäre aus Sicht der Schule und des Politikunterrichts verhängnisvoll – projekt- und diskursorientierte Semesterschwerpunkte anbieten, deren methodische Ausgestaltung den Diskursstrukturen der Politischen Bildung, wie sie schon erörtert worden sind, adäquat zugeordnet werden.

Ein, sicherlich hochschuldidaktisch noch nicht angemessen durchformulierter und strukturierter Vorschlag einer Folge inhaltlich-didaktisch bestimmter Semesterschwerpunkte über einen Zeitraum von zwei Jahren, soll, orientiert an den Qualifikations- und Ausbildungsbedürfnissen des Schulunterrichts nachfolgend konzipiert werden. Dabei wird, ohne sich streng an den universitären Usus zu halten, jeweils eine Kernveranstaltung formuliert, die Elemente der Vorlesung und des Seminars vereint und zur Einführung in die zu Grunde gelegten Diskurse dienen soll, der dann eine stärker auf Selbstarbeit und Projektlernen zielende Übungsveranstaltung als verpflichtende Ergänzung beizuordnen ist. Diese Gliederung ersetzt die überkommene Dichotomie von fachwissenschaftlicher Einführung und didaktischen Praxisbezügen, die dem schon eingehend problematisierten herkömmlichen Theorie-Praxis-Widerspruch verpflichtet bleibt.

Sehr bewusst wird ausgehend von den beruflichen Bedürfnissen von Politik-Lehrerinnen und -Lehrern auch eine kritische Revision universitärer Vermittlungstraditionen und Lehrveranstaltungsschemata zu fordern sein, ohne dabei in das bei Schul- und Universitätskritikern verbreitete und im Motiv durchaus nachvollziehbare Lamento einer angeblichen Praxisferne des Studiums einzustimmen, in dem sich zu leicht Elemente eines idyllisierenden Antirationalismus einmischen.[121]

Wissenschaftssoziologisch sind diese Zielkonflikte jedoch weitaus tief greifender, als sie äußerlich in Erscheinung treten und projizieren philosophisch sehr ernst zu nehmende Konflikte um die Bedeutung des Postulats der Wissenschaftlichkeit der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung, wie sie in einem spannenden philosophischen Diskurs als »science wars« in den letzten Jahren transatlantisch thematisiert worden sind. In Deutschland hat sich die Themenseite Forum Humanwissenschaften der Frankfurter Rundschau um die Ausbreitung dieses Diskurses seit einem Jahr erhebliche Verdienste erworben.[122] Da diese Diskussion gut dokumentiert ist, soll hier auf ein Referat ihrer Ergebnisse verzichtet werden. Für uns ist es interessant zu beobachten, wie und wie weit zeittypische intellektuelle Konflikte sich zu fundamentalen Diskursen zunächst noch beschränkt auf die »science community« vertiefen und damit die Chance bekommen, über den wissenschaftlichen Disput hinaus zu einem grundlegenden diskursiven Paradigmenwechsel beizutragen. Vordergründig berührt das unser Thema auch dadurch, dass einmal unwillkürliche, unreflektierte Spiegelungen und Referenzen in der Alltagspraxis von Forschung und Lehre aufkommen – wie die Wiederbelebung der Theorie-Praxis-Diskussion –, die bewusst aufgegriffen werden sollten, zum anderen dadurch, dass sich in der intellektuellen Referenz die Eingangs thematisierten Krisenerfahrungen unserer Politischen Kultur ausdrücken, was Ansätze einer möglichen Krisenbewältigung aufscheinen lässt. Daher muss es eine grundlegende Forderung sein, dass nicht nur der Politikunterricht in die existenziellen Diskurse durch eine Orientierung am Konzept von Schlüsselproblemen eingebunden werden muss, sondern dass sich auch die universitären Sozialwissenschaften unter Einbeziehung der Fachdidaktik ihrer selbst wieder kritisch bewusst werden und eine erhöhte Selbstreferenzialität entwickeln, um so die gesellschaftlich notwendige Schlüsselrolle in der rational-distanzierten Steuerung der gesellschaftlichen Diskurse übernehmen zu können: nur auf dieser Ebene und nicht im kurzschrittigen pragmatischen »Praxisdenken« ist auf Dauer eine sinnvolle und nachhaltige Politikberatung durch die Sozialwissenschaften und ihre Didaktik möglich.

Semesterschwerpunkt »Gerechtigkeit, Ungleichheit, Wertewandel«

Hauptveranstaltung: »Macht und Herrschaft«

  • Geschichte der Herrschaftstheorien

  • Entwicklung der Staatsgesellschaft

  • Symbolischer Interaktionismus, medium range theories

  • Situationsdefinitionen und Selbstkonzepte, Kultur und Wertorientierungen

Übung:

Projektarbeit zum Thema »Außenseiter, Randgruppen, Diskriminierungen, Stigmatisierungen« mit empirischen Arbeitsanteil (begleitend: Methodenlernen der empirischen Sozialforschung)

Semesterschwerpunkt »Individualisierung, Gewalt, Soziabilität«

Hauptveranstaltung: »Sozialisation und Enkulturation«

  • Geschichte der Sozialisationsvorstellungen und ihre Bedeutung für die Pädagogik

  • Kultur, Politische Kultur, Symbolinventare mit regionalen Beispielen (Zentrum-Peripherie-Modelle)

  • Interaktionistische Bildungsvorstellungen, Lebenswelten, Biographie und Milieu

  • Neuere Diskurse zum Thema Individualisierung

Übung:

Umgang mit der Gewalt – Ursachen der Gewalt. Entwicklung von didaktischen Vorstellungen; mit Erprobungsphase in der Schule oder der außerschulischen Bildungsarbeit

Semesterschwerpunkt »Zivilisation, Gesellschaft, Staat«

Hauptveranstaltung: »Die Zivilisation Mitteleuropas im Zeitalter der Globalisierung«

  • Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias

  • Die These vom »Ende der Kultur« und dem »Ende der Geschichte«

  • Krise oder Staatsversagen? Konfliktmodelle und Partizipationsvorstellungen

  • Kommunitarismus, Entstaatlichung und sozialer Paradigmenwandel

Übung:

Rollenspiele mit Konzeption, Dokumentation und Auswertung: Staaten, Konflikte, Kriegsvermeidung nach dem Modell der THIMUN-Programme („The Hague Model United Nations“)

Semesterschwerpunkt »Universalisierung, Globalisierung, Ökonomisierung«

Hauptveranstaltung: »Die Zukunft in einer „Weltkultur“? Chancen und Bedrohungen«

  • Einführung in die Medien- und Kommunikationswissenschaften

  • Technischer Wandel und Bewusstseinsveränderungen mit regionalen Vergleichsbeispielen

  • Die kulturelle Ambivalenz des Modernismus und antimodernistische Bewegungen in den Semiperipherien

  • »Krieg der Kulturen« oder »multikulturelle Gesellschaftsmodelle«?

Übung:

Forschungsaufträge zur Minderheiten- und Migrationsproblematik.

6.2  Permanente Fort- und Weiterbildung

Das Thema Lehrerfortbildung könnte in unseren Überlegungen zu einem Paradigmenwandel im Bereich der Politischen Bildung und im Politikunterricht eine entscheidende Rolle spielen und in einer integrativen Sichtweise im Zusammenhang mit der universitären Lehrerausbildung ein inhaltliches und didaktisches Koordinatensystem herstellen, in dem sich didaktische Innovation und diskursiv fundierte Unterrichtspraxis sinnvoll einordnen können.

Diese Vorstellung ist von der bedrückenden Realität so weit entfernt, dass eine ernsthafte und ausführliche inhaltliche Auseinandersetzung mit solchen positiven Perspektiven illusorisch erscheint und für die in unserem Rahmen angesprochenen Ziele eines rational-kritischen Umgangs mit politischen und didaktischen Krisensituationen oder auch Krisenwahrnehmungen unerheblich bleibt.

Lehrerfortbildung und Lehrerweiterbildung wird weder von den Kultusministerien ernst genommen – sonst wäre Lehrerfortbildung nicht der erste Bereich, in dem massive Einsparungen und Programmausdünnungen durchgesetzt worden wären und Lehrerfortbildung würde nicht zunehmend als nur noch »moralisch erwünschte« Eigeninitiative der Lehrerinnen und Lehrer verstanden, für die Dienst- bzw. Unterrichtszeit nur noch in Ausnahmefällen zur Verfügung gestellt werden soll und die in Folge dessen vorwiegend in den Schulferien stattfinden wird (mit entsprechend geringer Resonanz und Motivation) –, noch als besonders wichtig von den Kolleginnen und Kollegen selbst eingeschätzt wird. Deren Erwartungen im Rahmen des Angebotes an Lehrerfortbildungskursen richten sich in erster Linie

  • auf Kurse, die der »Einübung« von Rechtsvorschriften (Rahmenrichtlinien, Abituranforderungen, Aufgaben der schulischen Funktionsträger und Koordinatoren) oder der institutionellen Abläufe (Prüfungen, Zensierungen, leistungsrelevante Pflichtarbeitsformen wie Facharbeit oder Praktika, Verkehrsunterricht etc.) dienen, deren »Wichtigkeit« vom »Dienstherren« wie von der Lehrerschaft kaum je angezweifelt wird;

  • auf Kurse, die der Vermittlung »erprobter Unterrichtsmodelle« zu den in den Richtlinien vorgesehenen Pflichtthemen dienen, wobei die Erwartung vor allem den Materialien gilt, die mit nach Hause genommen werden können und dann noch unmittelbar »unterrichtstauglich« sind;[123]

  • auf Kurse im Bereich der Lehrerweiterbildung (Vermittlung zusätzlicher fachlicher Formalqualifikationen), um in den Neuen Fächern (Werteerziehung, Informatik etc., so wie vor etwa 30 Jahren für das neue Fach Politik eine erste Fachlehrerschaft ebenfalls durch Weiterbildung von Geschichts- und Erdkundelehrern auf den Fachunterricht vorbereitet wurde) eine »kleine Fakultas« und damit die Abiturprüfungsberechtigung zu erlangen.

Der Gesamtbereich der Lehrerfortbildung, meist von Landesinstituten[124] getragen, teilweise aber auch an Fremdanbieter delegiert[125], wirkt daher mehr als sachlich notwendig und auch unter liberal-demokratischen Prämissen politisch vertretbar »systemstabilisierend« in Bezug auf schulische Institutionen und Hierarchien sowie die didaktischen Grundstrukturen und inhaltlich daher staats-affirmativ. Eine Unterstützung und Begleitung eines notwendigen Paradigmenwandels ist hier nicht abzusehen.

Drei inhaltliche Bereiche, bei denen ihr Charakter als Diskursfelder nicht eindeutig zu bestimmen sind, auch wenn die öffentliche Aufmerksamkeit ebenso wie ihre politisch-gesellschaftliche Funktionalisierbarkeit eher dafür 6sprechen[126], fallen zunächst einmal in der Betrachtung der Lehrerfortbildungsprogramme aus dieser restriktiven Perspektive als eher überrepräsentiert heraus. Es sind kontroverse Themenbereiche unbestreitbarer sachlicher Bedeutung, die auch für die staatliche Politik relevant und handlungsbestimmend geworden sind, da sich hier durch den entsprechenden Druck artikulierter, etablierter und organisierter politischer Interessen, vor allem der politischen Parteien und großen Verbände, zunehmend die Machfrage stellt. Damit werden hier, den politischen Mehrheiten entsprechend, durchaus gesellschaftlich kontroverse Themenangebote in die Lehrerfortbildung aufgenommen, ohne dass dies aber die grundsätzliche kritische Einschätzung der Lehrerfortbildung als ihrem Charakter nach vorwiegend staatlich-affirmativ in Frage zu stellen in der Lage wäre. Diese regelmäßig in der Lehrerfortbildung auftretenden Themenfelder sind:

  • Fragen der Umwelt und der Ökologie (auch Gesundheitserziehung und Alternative Lebenskonzepte),

  • Frauenfragen (feministische Realitätsdeutungen und politische Konzepte),

  • Gewalt und Interkulturalismus (auch Jugendgewalt, Drogen und politischer Radikalismus).

Zu diesen Themen sind inhaltlich einige kritische Anmerkungen angebracht. Das Thema Gewalt und Interkulturalismus ist als problemorientierter Diskurs aus den Programmen fast schon wieder verschwunden. Vor allem Interkulturalismus wird mit der pauschalen Banalisierung eines »Multi-Kulti« als unseriös diskreditiert, die internationalen Perspektiven (Dritte-Welt-Pädagogik, Friedenspädagogik, Schulpartnerschaften und Schüleraustausch als zentrale Themen der 70er und 80er Jahre) gelten als überholt und auch für Schülerinnen und Schüler zunehmend uninteressant. Die interkulturellen Ansätze im Bereich der Politischen Bildung und des Schulunterrichts entstanden unter dem Eindruck weltweiter Bürgerrechtsbewegungen, des Antikolonialismus der Nachkriegszeit und der gesellschaftlichen Umwertung des Pazifismus in den 70er Jahren und gingen zunächst von den Hochschulen aus. So ist eine ganze Generation von Politik-Lehrerinnen und -Lehrern von der Auseinandersetzung mit diesen Themen geprägt, ohne das es gelang, sie als Selbstverständlichkeiten den nachfolgenden jüngeren Kolleginnen und Kollegen hinreichend nahe zu bringen gar entsprechende öffentliche Diskurse nachhaltig anzustoßen. Im Gegenteil: die Entwicklung der Politischen Kultur in der Bundesrepublik Deutschland geht zunehmend in die entgegengesetzte Richtung: erneute Betonung der nationalen Interessen, Paradigmen der Staatlichkeit, Volk als Kultur- und Wertegemeinschaft.[127] Gerade dieser Prozess ist ein Teil der Krisendefinition, von der die Argumentation in diesem Aufsatz ausgeht; die Situation und Entwicklung in der Lehrerfortbildung klang dabei als symptomatisch aufgefasst und als Indiz für verpasste Chancen eines notwendigen gesellschaftlichen Paradigmenwechsels gesehen werden.

Der kulturelle mainstream in Deutschland wie auch international geht zunehmend an den Themen der interkulturellen Kontakte und Beziehungen vorbei; Abgrenzung und Identifikations- (Identitäts-) Forderungen treten in der derzeitigen Macht- und Konfliktsituation wieder in den Vordergrund. Damit wird auch Gewalt nicht mehr als universelles gesellschaftliches Problem wie in den 70er und teilweise noch in den 80er Jahren verstanden, wie es das Konzept der Strukturellen Gewalt von Johan Galtung entwickelt hat, oder wie es sich im internationalen Kontext in der Thematisierung von strukturell gewalttätigen ökonomisch-politischen Dependenzen oder in Penetrationsprozessen des Kulturimperialismus verstanden worden ist; die Gewaltdiskussion polarisiert sich zunehmend in konventionell nationalstaatlicher Perspektive auf die Frage der legitimen staatlichen (oder überstaatlichen) Gewalt, die sich in erwünschtem militärischen Interventionismus ausdrücken soll, und dagegen der Frage nach der deliquenten individuellen Gewalt, die als ein Angriff auf das Gewaltmonopol des Staates verstanden wird und unter Einsatz massiver Machtmittel abgewehrt werden soll. Dieser Themenansatz determiniert heute didaktische Konzepte der Gewaltprävention bei Schülerinnen und Schülern, die im Spannungsfeld von Kriminalisierung und Psychologisierung angedacht werden[128], sowie auf der anderen Seite die Verengung weltpolitischer Perspektiven auf multinationales (militärisches) Krisenmanagement und die (positive) Darstellung der NATO- und Bundeswehr-Aktivitäten und -Strategien.

Kaum noch Interesse finden Konzeptualisierungen von Schüleraustauschprogrammen, die als praktischer Beitrag zur Völkerverständigung schon in der ersten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt und im Kontext westeuropäisch-integrativer Politikverständnisse (»Westbindung«[129]) erheblichen Beitrag zur Öffnung der deutschen gesellschaftlichen Perspektiven beigetragen hat. Zentrales Moment war dabei die deutsch-französische Aussöhnung, die ihren Niederschlag sehr bald in den lange Zeit pädagogisch äußerst lebendigen Impulsen des Deutsch-Französischen Jugendwerks fand. Auch die Niederlande und Großbritannien wurden recht früh schon in diese Austausch- und Begegnungskonzepte einbezogen.

Erst sehr viel später, im Rahmen des außenpolitischen Paradigmenwechsels der »Neuen Ostpolitik« folgten zunächst gegen große Widerstände auf allen Seiten und eher zaghaft die Versuche, auch die Osteuropäischen Länder in den Gesprächs- und Austauschsprozess einzubeziehen, zunächst vor allem Polen, wo sich die Begegnungsthematik auch aus der bewussteren pädagogischen Aufbereitung der Geschichte des Nationalsozialismus mit dem Okkupationskrieg und den deutschen Vernichtungslagern des Holocaust auf polnischem Territorium – heute Gedenkstätten – als unabdingbare pädagogische und politische Aufgabe herleiten ließ. Doch waren hier die innergesellschaftlichen Widerstände auch aus den Reihen der Vertriebenen erheblich. In dieser Zeit konnten aber die Kultusministerien[130] einiger Bundesländer, darunter auch Niedersachsens, das im deutsch-polnischen Kontakt teilweise eine Vorreiterrolle einnahm, und die Institute für Lehrerfortbildung wie die Landeszentralen für politische Bildung eine wichtige und fortschrittliche Rolle spielen. Hier wären zeitgeschichtliche Anknüpfungspunkte für eine inhaltliche Revitalisierung der Konzepte der Lehrerfortbildung in reicher Auswahl zu finden.

Zur Behandlung der Frauenfrage im Rahmen der Lehrerfortbildung will der Verfasser (als Mann) hier nicht ausführlicher Stellung nehmen, bis auf die Anmerkung, dass er die Konzeptualisierung dieses politisch durchaus aktuellen und faszinierenden Themenbereiches unter den Perspektiven der »Selbstfindung«, »Abgrenzung einer eigenen Frauenrealität« oder »Selbstverwirklichung«[131] auf der Verarbeitungsstufe einer Halbintellektualisierung ebenso für bedenklich und einem notwendigen diskursiven Paradigmenwandel abträglich hält, wie überhaupt jedes rein handwerklich-methodische oder praxisverliebte Kursangebot. Interessant wäre es hier soziologisch und sozialpsychologisch genauer zu untersuchen, wie reale soziale und berufliche Benachteiligungen oder zumindest die Wahrnehmung einer solchen sich verfestigt zu einer Nischenintellektualität mit oft sektiererischem Charakter, der zur realen Verringerung von Benachteiligungs- und Diskriminierungsstrukturen keineswegs beiträgt. Letztlich dienen diese Selbstinszenierungen real zur Öffnung neuer und gesicherter beruflicher Perspektiven, die sich in einem Netz von Quoten, Absicherungen und Gegendiskriminierungen stabilisieren. Der Diskurs, in den in dieser Perspektive die Behandlung der Frauenfrage einmündet, ist der Diskurs der political correctness, der im universitären Milieu der USA heute schon dominierenden bewusstseinsbildenden Charakter einnimmt, aus verschiedenen Gründen in Europa aber nur sehr partiell wahrgenommen und rezipiert wird. Haselbach hat 1997 in einem grundlegenden Aufsatz die Grundlagen und sozialen Folgerungen der political correctness thematisiert. Die Aufnahme dieser kritischen Thesen könnte helfen, die Frauenfrage in der Lehrerfortbildung wie im universitären und Verwaltungsbereich zu objektivieren und als wesentlichen Bestandteil der schon erörterten Diskursfelder zu erkennen. Damit wäre seine vordergründige politische Besetzung aufgehoben und stände einer intensiveren selbstrekursiven Arbeit nicht mehr im Wege.

Fragen der Umweltpädagogik treten tendenziell in der Schulpraxis ebenfalls zurück, obwohl »ökologisches Bewusstsein« und »Verantwortung für die Umwelt« zunehmend zu einem fest internalisierten Lebenskonzept einer ganzen Lehrergeneration, eng verbunden mit einem sich als fortschrittlich verstehenden intellektuell-schulischen Milieu, geworden ist. dass aber daraus die Bereitschaft und das Interesse an einer gezielten Weiterbildung in diesem Problembereich erwächst, ist nur vereinzelt und individuell zu beobachten.[132]

Auf der anderen Seite gibt sich auch die Schülerschaft häufig »überfüttert« mit »Umweltthemen«. Das deutet weniger auf eine tatsächliche falsche Gewichtung der Unterrichtsschwerpunkte gemessen an den Lebensrealitäten der Schülerinnen und Schüler hin, auch nicht auf eine notwendige Neubewertung der objektivierbaren gesellschaftlichen Bedeutung der Ökologie – ganz im Gegenteil –, sondern auf das falsche pädagogische Konzept einer moralisierenden »Umweltethik« als Ersatz für eine rationale und handlungsorientierte Erarbeitung der ökologischen Probleme selbst. Hier liegen also beträchtliche Defizite im didaktischen Selbstverständnis der Lehrerschaft selbst.[133]

Es wäre für die Lehrerfortbildung schon viel gewonnen, wenn zunächst diese drei letztlich öffentlich akzeptierten Themenbereiche erneut aktiv aufgegriffen und in den Kursangeboten umgesetzt und sich dazu einer bewußteren wissenschaftlichen Begleitung stellen würden. Diese permanente Evaluation könnte mittelfristig eine Brücke zu den Innovationskonzepten in der universitären Lehrerausbildung herstellen.

Voraussetzung ist aber, dass die Kultusministerien sich von populären Sparvorstellungen freimachen und die Kosten des gesamten Bildungswesens einmal rational kalkulieren; das ließe sich dann abseits jeder Flickschusterei öffentlich und offensiv vertreten, auch wenn »Modelle der Sparsamkeit« die materielle Ausstattung der Bildung eventuell weiter und vielleicht noch mehr als bisher limitieren müssen. Es geht daher in erster Linie um organisatorische, curriculare und didaktische Innovationen, die sich dem geforderten Paradigmenwechsel für eine »Politik in der Krise« bewußt stellen.[134]

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Anmerkungen

[1]      dass diese Zukunftsangst in den USA erneut panikartige »Weltuntergangsbewegungen« Resonanz finden lässt, ist einerseits eine Besonderheit der US-amerikanischen Politischen Kultur und steht damit in einer alten irrational-frömmlerischen, fundamentalistischen Tradition dieses Landes; andererseits durch die enge Medienverbundenheit Europas mit den USA verstärken diese amerikanischen Massenpsychosen auch in Europa vorfindliche Zukunftsängste, die sich nicht nur auf das durch die Medien hochstilisierte »Jahr-2000-Problem« in der Computerbranche konzentrieren. Vielleicht ist aber der, hoffentlich dann noch vorhandene, pragmatische Optimismus für Mensch, Natur und Technik auf der Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover ein angemessenes Gegengewicht gegen das befürchtete Armageddon.

[2]      Diese Millenniumsbefindlichkeit drückt sich in Ängsten und Hoffnungen, zumindest aber in einem Wechsel von Leitbildern und einer wachsenden Instabilität bisher gefügter politischer Optionen und Orientierungen aus.

[3]      So oft dies auch von unterschiedlichen Positionen her gefordert wird, krankt die derzeitige universitäre Sozialwissenschaft zumindest in Deutschland daran, dass inhaltliche Kontroversen nicht zum Ansatz der Eröffnung innovativer Diskurse sondern oftmals als Waffen in persönlichen Rivalitäten genutzt werden. Das ist um so bedauerlicher, als gerade in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs eine wache und innovativ-kritische Sozialwissenschaft dringend zur Politikberatung und zur neuen Grundlegung der Politischen Bildung erforderlich ist. Doch wird dies wohl gerade dadurch verhindert, dass die zu untersuchenden Umbrüche in der Hochschulrealität zu einer dramatischen Verschlechterung der akademischen Berufsperspektiven und der Arbeitsmöglichkeiten geführt haben, und viele Sozialwissenschaftler und Sozialwissenschaftlerinnen nur schwer noch die Kraft finden, diese Selbstbezüglichkeit des Forschungsgegenstandes in der notwendigen Selbstdistanz wahrzunehmen und zu reflektieren.

[4]      Es ist notwendig, den Gebrauch des Begriffes »Legitimation«, der in der Literatur und vor allem im philosophischen Kontext uneinheitlich ist, zu präzisieren. Im Kontext dieser Ausführungen soll »legitimieren« im Sinne von »rechtfertigen« ohne weiterführende positive Wertannotation gemeint sein. Legitimationsprozesse meinen somit Prozesse, die die Hinnahme von Machtungleichgewichten und erfolgten Entscheidungsprozessen bzw. einzelner Akte der ausgeübten Herrschaft durch die Beherrschten ermöglichen, weil sie verbunden sind mit strukturellen, erfahrbaren Vorteilen (Ordnungssicherheit, Orientierungssicherheit, Planbarkeit der eigenen Alltagszukunft, Ermöglichung von Selbstgewissheiten). Nicht gemeint ist dabei kurzfristig-opportunistisches Verhalten; ebenso wenig die Notwendigkeit einer, letztlich in transzendentale Ordnungsvorstellungen zielende affektive Zuwendung zur Herrschaftsordnung oder den Maßnahmen der Herrschaft, wie sie in religiösen oder vorstaatsgesellschaftlichen Legitimationsvorstellungen zum Ausdruck kommen. Staatlicherseits ist dies am grundsätzlichen Widerspruch zwischen den alternativen Legitimationsmodellen für unseren Staat herauszuarbeiten, in denen »Verfassungstreue« gegen »Verfassungsloyalität« zu stellen ist.

[5]      „The Strongest Poison ever known, Came from Cesar’s Laurel Crown.“ William Blake: Auguries of Innocence.

[6]      Vgl. Fußnote 23.

[7]      Niklas Luhmann (1986) schreibt dazu: „Die Analyse der drei Funktionssysteme Wirtschaft, Recht und Wissenschaft hat ergeben, dass in allen diesen Fällen eine durch einen Code geschlossene autopoietische Selbstreproduktion Bedingung der Offenheit des Systems ist, also Bedingung der Resonanzfähigkeit und ihrer Grenzen... Nach alter Tradition wird auch heute noch für Politik eine Ausnahmestellung beansprucht... Die Funktion der Politik wurde in der Struktur gesellschaftlicher Differenzierung an eine bestimmte, einzigartige Systemstellung geknüpft. In der Corpus-Metaphorik wurde sie mit dem Kopf oder mit der Seele identifiziert... Solche Zuordnungen hatten ihre Plausibilität aufgrund vorherrschender Formen struktureller Differenzierung des Gesellschaftssystems... In Wirklichkeit hat auch das politische System sich unter einem Spezialcode ausdifferenziert und damit die Geschlossenheit des eigenen Operationsmodus und eine Offenheit durch Umweltreferenz und Wechsel politischer Programme erreicht. Der Code ist mit der staatlichen Zentrierung politischer Macht gegeben.“ (S. 167, 168, 169.) Typisch ist die in sich stringente funktionalistisch Systemzentrierung der Darstellung des »Politischen«, in der von der subsystemübergreifenden, oft mehrdeutigen Handlungsmotivation des einzelnen Menschen und einzelner Gruppen abstrahiert wird. Diese in der Systemtheorien notwendige Komplexitäts- und Ambivalenzreduktion ist jedoch für eine didaktische Forschung wenig hilfreich, ermöglicht jedoch ein vertieftes Verständnis für die oft beklagten unvorhergesehenen und unvorhersehbaren Reaktionen in den gesellschaftlichen Teilsystemen auf einleuchtend motivierte und begründete gesellschaftliche Aktivitäten und Anstöße.

[8]      An dieser Stelle genügt der Hinweis darauf, dass dieser Diskurs, ausgehend auch von der Zivilisationstheorie, selbstreferenziell-distanziert geführt wird z.B. bei Oskar Negt und in anderen Aufsätzen der betreffenden Festschrift für Peter Gleichmann mit dem für die Situation der Soziologen und der Soziologie bezeichnenden Titel »Distanzierte Verstrickungen« (Barlösius u.a. 1997), der auch die existenzielle Grundbefindlichkeit des im Bereich der Politischen Bildung Unterrichtenden kennzeichnen kann.

[9]      Näher zu untersuchen ist dies im Kontext mit dem Begriff der Mode wie allgemeiner mit dem Problem der Rezeption der Massenmedien. Zu den Jugendgruppen, die allein sich durch mediale Vermittlung haben entwickeln und konstituieren können, gehören die an Musikstilen orientierten Gruppierungen, »Yuppies« und »Popper«, »Skins« und – entgegen ihrem Selbstidentifikationsmythos auch – »Punks«.

[10]    Wenn eine solche begriffliche Zusammenstellung entgegen philosophischer Stringenz hier erlaubt sei!

[11]    Eine auch im Folgenden weiter verwendete Begriffsbildung, die sich an den Modellen der »Weltsystemtheorie« von Immanuel Wallerstein orientiert.

[12]    Diese spielen aber z.B. in Form der Leistungsideologie im öffentlichen Diskurs noch eine große Rolle; zu den Missverständnissen des Funktionalismus vgl. u.a. Bolte 1974, S. 20-22 und 96-99; diese Texte sind auch für ideologiekritisches Arbeiten im Politikunterricht gut zu verwenden und wurden daher auch aufgenommen in den Unterrichtsentwurf »Soziale Ungleichheit«, Wolf / Voigt 1978.

[13]    In der didaktischen Perspektive sind diese Problemdiskussionen wieder aufzugreifen bei der Erörterung der vier zentralen Diskurse, mit denen weiter unten das didaktisch-curriculare Konzept der »Schlüsselprobleme« vorgestellt werden soll.

[14]    Diese Diskussion gewinnt aktuelle Bedeutung vor allem in der Diskussion über die Situation in den Transformationsländern, wo aus noch darzustellenden Gründen die fachliche Verwendung des Krisenbegriffs auf Probleme stößt. Diese Ausführungen sind auch eine ergänzende Reaktion zu einem Aufsatz von Lothar Nettelmann über die Krise in Polen 1999, in: Claußen, Bernhard / Donner, Wolfgang / Voigt, Gerhard, Hrsg., 2001: Krise der Politik – Politische Bildung in der Krise? Diskurse im Kontext von Globalisierung und Ost-West-Perspektiven. Materialien aus der Zusammenarbeit zwischen der Akademie für Wirtschaft, Politik und Kultur Mecklenburg-Vorpommern und dem Verband der Politiklehrenden. Demokratie und Aufklärung: Kritische Sozialwissenschaften und Politische Bildung im Diskurs – Materialien –, Band 1. Galda + Wilch Verlag. Glienicke/Berlin / Cambridge/Massachusetts.

[15]    Zur Begrifflichkeit vgl. die Ansätze von Wallerstein, vgl. Fußnote 11. Für eine inhaltliche Neuorientierung der Politikdidaktik an zentralen, diskursiv gegründeten Schlüsselproblemen ist es notwendig, vor allem die Entwicklungen in diesen Ländern der sozioökonomischen Semiperipherien (z.B. Türkei, Naher Osten, Südasien und Lateinamerika) und den so genannten Transformationsländern (z.B. die Länder der ehemaligen Sowjetunion und ehemalige Mitgliedstaaten des RGW wie Polen, Ungarn), oder Regionen, in denen sich beide Kategorien überschneiden wie in Südosteuropa (ehemaliges Jugoslawien) als »Krisenregionen« in den Vordergrund zu stellen. Gerade die Beschäftigung mit diesen semiperipheren Regionen, deren politisch-gesellschaftlichen Realitätsperspektiven und Selbstdefinitionen oft fundamental von unseren Einordnungskategorien unterscheiden, ermöglichen die Relativierung und Überprüfung unserer politiktheoretischen »Selbstverständlichkeiten« und damit auch unseres eigenen Selbstbildes, wie es sich gerade an der unterschiedlichen Rezeption des »Krisenbegriffes« deutlich machen lässt.

[16]    Diese selbstreferenzielle Begriffsrezeption kann didaktisch von Bedeutung sein, wenn in schulischen Lerngruppen zunehmend Schülerinnen und Schüler aus den globalen Semiperipherien (Türkei, Naher Osten, Iran) oder den Transformationsländern des ehemaligen »Ostblocks« zu finden sind, in denen schon die Kategorisierung ihrer Herkunftsländer in dem Begriffsraster der Weltsystemtheorie in sozioökonomische und politische Zentrums-Peripherie-Vorstellungen als stigmatisierend empfunden und dementsprechend zurückgewiesen wird. Hier ist pädagogisch nach Strategien zur Erzeugung von Distanz und Selbstdistanz zu fragen, die wiederum im Rahmen zivilisationstheoretischer Konzepte zu fundieren sind.

[17]    Vgl. dazu Nettelmann / Voigt 1996, S. 24-38

[18]    So die heutige gesellschaftswissenschaftliche Kritik, die in der »Neuen Linken« z.B. von Papcke aufgegriffen bzw. zeitlich gesehen wohl schon vorweggenommen wurde! (Vgl. Papcke 1974, S. 11-32).

[19]    Dieser wird, auch für schulische Zwecke gut verwendbar, dargestellt bei Hofmann 1969, v.a. S. 90 ff. Im zeitgeschichtlichen Zusammenhang vgl. dabei auch die Unterrichtseinheit von Battmer/Rischmüller/Voigt 1980/1981.

[20]    Vgl. die Darstellung bei Autorenkollektiv 1974, S. 91 – Auch wiedergegeben bei Battmer/Rischmüller/Voigt 1979 S. 81/83.

[21]    Hofmann 1969; vgl. Fußnote 19.

[22]    “Ich glaub’ ich krieg ‘ne Krise!”

[23]    Vgl. dazu wieder die historisch-soziologischen Analysen von Elias und Wallerstein. Vor diesem Hintergrund spricht Waldhoff (1996) von den länger werdenden »Interdependenzketten«, in denen der Einzelne mit der Entwicklung der Moderne hineingestellt wird, und die die eigenen Abhängigkeiten unüberschaubarer und unverständlicher machen.

[24]    Die sozialpsychologischen Hintergründe erörtert Engler 1992 in seinem „Versuch über den Staatssozialismus“ am Beispiel der DDR.

[25]    Ein Teil der allgemeinen wie der gesellschaftswissenschaftlichen Fachdidaktik versteht diese Überprüfung und Revision auch von Seiten der Hochschule her als erste und permanente Aufgabe der wissenschaftlichen Arbeit in pädagogischen und didaktischen Zusammenhängen. Doch sind Autoren wie von Hentig, Hilligen oder heute Bernhard Claußen im universitären Arbeitsbereich in der Minderheit geblieben, was auch Anstöße für Veränderungen in den Hochschulen aus der Sicht der Schule heraus umso dringlicher erscheinen lässt!

[26]    Diese Reformpädagogik ist dann oft privaten Initiativen und Schulversuchen überlassen geblieben, z.B. den Montessori-Schulen, der Glocksee-Schule in Hannover u.a., was dann zwangsläufig die Gefahr birgt, sektiererhafte Züge anzunehmen, die einer ernsthaften Rezeption in der pädagogischen Öffentlichkeit entgegenstehen.

[27]    Wobei durchaus auch hier im letzten Jahrzehnt deutliche pädagogische Rückentwicklungen zu beobachten sind; doch existiert dieses Nord-Süd-Gefälle nicht nur zwischen den unterschiedlichen politischen Mehrheiten, sondern auch in den Parteien selbst. Inwieweit das auf kultur- und zivilisationsgeschichtliche Wurzeln der unterschiedlichen Entwicklung der Staatsgesellschaft und ihrer Politischen Kultur – gekennzeichnet z.B. auch durch die unterschiedliche konfessionelle Prägung – sei zwar als Fragestellung formuliert, kann hier aber nicht weiter vertieft werden.

[28]    Die Terminologie leitet sich aus der Zivilisationstheorie ab und bezieht sich auf Norbert Elias und begrifflich auf Hans-Peter Waldhoff (vgl. Fußnote 23); nur durch diese Zuordnung kann der verwendete Begriff der »Homogenisierungen« vor Missverständnissen bewahrt bleiben; er meint hier die mit der Entwicklung der modernen westlichen Staatsgesellschaft, gekennzeichnet durch die Institutionalisierung des Flächenstaates wie der zumindest weitgehenden Durchsetzung des Gewaltmonopols und der Steuerhoheit des Staates, einhergehende Reduzierung kultureller regionaler Vielfalt und Dezentralität, die Einführung einer verbindlichen Staats- und »Hoch«-Sprache wie die Durchsetzung eines egalisierenden Rechts- und Pflichtensystems in der Gesellschaft. dass dies in der europäischen Neuzeit teilweise nur unter erheblichem Zwang geschah, zeigt die französische wie die spanische Nationenwerdung (»nation building«); vgl. Ivan Illich 1982: „Vom Recht auf Gemeinheit“, wo er vor allem die Nationsbildung und Durchsetzung der kastilischen Sprache als »Spanisch« nach der Reconquista darstellt. Verallgemeinernd vgl. auch bei: Voigt 1999 (i.V.) und Nettelmann / Voigt u.a. 1999 (i.V.). Das Problem der Staatsgesellschaft auch für die Grundlagen der Didaktik zeigt besonders prägnant Gleichmann in seinen Neun Thesen zur „Zivilisierung Deutschlands“ (1989): „Wenn wir von Staatsgesellschaften sprechen, geschieht dies, um die fortschreitende Verschmelzung von »Staaten« und »Gesellschaften« besser zu kennzeichnen. Die Grenzen von »Nationen« bleiben dagegen meist unscharf oder fiktiv. Und diese besondere Durchdringung der Gesellschaften durch den Staat unterscheidet die meisten Staaten Europas auch deutlicher von anderen Gebieten der Erde. Nahezu jegliche Lebensäußerung des einzelnen Menschen ist von »staatlichen« Maßnahmen, Zwängen mitbestimmt. Es ist kaum mehr möglich, von separaten Entitäten auszugehen, wie sie den Denkern des 18. und 19. Jahrhunderts. selbstverständlich dünkten. Eine Ursache für das raschere Entstehen von Staatsgesellschaften besteht in der Tatsache, dass die Gesellschaften – wenigstens der zentralen Teile – Europas niemals über sehr lange Zeiträume unter die rücksichtsloseste Fremdherrschaft gerieten; das Vertrauen in sämtliche »staatlichen« Einrichtungen konnte hier niemals derart grundsätzlich und langfristig zerstört werden, wie es etwa in Lateinamerika oder weiten Teilen Asiens geschehen ist. Die Prozesse einer innergesellschaftlichen Zivilisierung prägen auch die seelischen Antriebs- und Empfindensmuster des einzelnen Menschen. Die Deutschen haben die Fähigkeit des Einzelnen, sich selbst steuern zu lernen, sich »individueller« zu verhalten, sicher »später« als einige benachbarte »Nationen« erworben, blickt man etwa auf die Niederlande, England oder Frankreich: ihre Staatsbildung ist auch vergleichsweise stärker von Diskontinuitäten bestimmt. Diese Vorgänge lassen sich an zentralen Zwangsinstanzen, die von vielen oder allen Menschen durchlaufen werden, gut ablesen. Sozialisation und Individuation sind zwei verschiedene Ausdrücke für diesen Vorgang des GeprägtWerdens durch bestimmte seelische Verhaltensmuster. Die Herausbildung einer staatlichen Erziehung ist einer der wichtigsten Prozesse geworden, wenn auch noch im 20. Jahrhundert mit dem Wort von der »Schule der Nation« keine Einrichtung des Schulwesens bezeichnet worden ist. Vor allem Militärdienst, Schulen, viele staatliche »Anstalten« und besonders alle Einrichtungen der Menschen zu Naturkontrollen, heute meist »technologische« genannt, prägen die Antriebsmuster des einzelnen bis in die unscheinbarsten Nuancen hinein. Veranschaulicht wird dies auch durch die Einrichtungen des »Sozialstaates« mit seinen besonderen Tendenzen zur Bürokratisierung, Monetarisierung, und Zentralisierung sämtlicher seiner Leistungen. Die »Fabrik« und gegen Ende des 20. Jahrhunderts dazu das »Büro« sind zu beinahe universalen Prägeinstanzen geworden; wobei zu den Struktureigentümlichkeiten des östlichen deutschen Staates zählt, dass hier die Staatsspitze, das Politbüro, sich darüber hinaus auch faktisch zum »zentralen Arbeitsherrn« der Gesellschaft gemacht hat. - Die Zivilisierung einer großen Zahl von Personen ist auf einigen Gebieten besonders für das 19. Jahrhundert von Geschichtsforschern unter der Bezeichnung »Sozialdisziplinierung« untersucht worden (W. Schulze). Die eigentlichen »Modernisierungsleistungen« der Zivilisierungsinstanzen, die zunehmende Fähigkeit der einzelnen, sich genauer selbst zu steuern, sind dabei weniger beachtet worden. Doch im realgeschichtlichen Verlauf des inneren gesellschaftlichen und staatlichen Ausbaus der »inneren Staatsbildung« wie die Geschichtsforscher meist sagen, gehören beide Prozesse zusammen“ (These 4, S. 395).

[29]    Ein aktueller Sammelband, herausgegeben von Claußen und Wellie (1996) gibt einen guten Überblick über die Façetten und Entwicklungen dieses wichtigen didaktischen Bereiches.

[30]    Vgl. Gronemeyer in GEW – Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Landesverband Niedersachsen, 1997: Zur Funktion der Politischen Bildung in Schule und Gesellschaft.

[31]    Schmidt-Wulffen, Wulf D., 1979: Theorien der Unterentwicklung. In: GEW – Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Landesverband Niedersachsen, 1997 – Vgl. Fußnote 38 und 39.

[32]    Diese Erklärung trifft vor allem die deutsche Durchschnittsschülerschaft und gilt in dieser Form nicht für alle Migranten. Die dort z.T. zu beobachtenden im nächsten Punkt angesprochenen Formen eines dezidierten Aufstiegsverhaltens lässt unter zivilisationstheoretischen Gesichtspunkten die Frage nach einer eventuellen Phasenverschiebung im Habitus (vergleichbar mit deutschen »Nachkriegsorientierungen« in den 50er/60er Jahren) aufkommen. Dies soll jedoch hier nicht vertieft werden.

[33]    Vgl. dazu die Ausführungen von Nettelmann zur Entwicklung in Polen in: Nettelmann / Voigt 1986, S. 78 ff.

[34]    Vgl. Abschnitt 1.5

[35]    Ein Problem besteht sicherlich darin, dass einem Großteil der Lehrerinnen und Lehrer die Problematik sehr wohl bewußt ist, sie aber sich gegenüber der Komplexität der Problematik hilflos gegenüber sehen. Gegenüber notwendigen Lösungen sehen sie sich als überfordert.

[36]    Hier ergeben sich, auch begründet in Unkenntnis und mangelnder Wahrnehmungsdistanz, in der unterrichtlichen Situation ganz erhebliche Probleme, wenn z.B. in einer Lerngruppe ›Türken‹ und ›Kurden‹ nicht unterschieden, ›Ukrainer‹, aus Russland stammende Juden und Russlanddeutsche differenzlos unter die (Sprach-) Kategorie »Russen« subsumiert werden. Die soziologische Einsicht der Historizität der Ethnogenese und der Problemhaltigkeit dieser Eigenwahrnehmungen als Angehörige ethnischer Gruppen rechtfertigt es pädagogisch keinenfalls, diese von vorne herein kategorial wegzudefinieren. Dies wird subjektiv als Aggression und Geringschätzung durch die deutsche Schule wahrgenommen – mit den entsprechenden Selbstausgrenzungs- und Abwehrreaktionen dieser Schülerinnen und Schüler. Eine Aufarbeitung der Problematik dieser selbst erlebten Gruppenidentitäten und nationalen Zugehörigkeiten kann nur durch eine behutsame pädagogische Förderung der Entwicklung von Ich-Stärke und Selbstdistanzierungsfähigkeit erfolgen. Der Respekt vor mitgebrachten und biographisch verankerten Identitätsvorstellungen und Selbstbildern muss oberste Maxime pädagogischen Verhaltens sein. Vgl. Demirkan (1998): „Respekt statt Integration“!

[37]    Klassische Einführungen in die Thematik z.B. bei Adorno u.a. 1973, S. 46-61, Gottschalch 1977, S. 35 ff., Battmer / Rischmüller / Voigt 1981, S. 47-54; schulbezogene Studien und Unterrichtshilfen z.B. Bade 1992, S. 9-49 und Materialteil, Heitmeier 1992,  insbes. S. 18-19 und Materialteil, Voigt 1993, Rechtextremismus: passim.

[38]    Literatur dazu z.B. Bitterli 1982. – Fohrbeck / Wiesand / Zahar 1971. – Fohrbeck / Wiesand, 1983. – Voigt 1982.

[39]    Leiris 1977, Memmi 1980, Lévi-Strauss 1978, Said 1981.

[40]    Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass wahrgenommene und problematisierte Migrationen heute als Folge zweier Weltkriege durch die vorgegebene Lage staatlicher Grenzziehungen in Europa und dem Vorderen Orient definiert sind, wie Rufin 1993 sehr klar herausgearbeitet hat. So ist z.B. der Umzug eines Texaners nach Maine in den USA eine übliche, z.T. sogar erwünschte Reaktion auf Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, die Migration des Mexikaners wenige Kilometer weiter in die USA aber eine meist illegale, kriminalisierte Grenzverletzung! Das Gleiche wird in Zukunft zunehmend zur Unterscheidung von Wanderungen in der EU und in die EU hinein beitragen.

[41]    Vgl. die Ausführungen zum Schicht- und Differenzierungsbegriff im Abschnitt 1.4. Zur allgemeinen didaktischen Bedeutung des Schichtbegriffes vgl. die Ausführungen zum »Schlüsselproblem« Soziale Ungleichheit im Diskurs »Gerechtigkeit, Ungleichheit, Wertewandel« im Abschnitt 4.3. Der Begriff der Oberschicht darf in diesem Zusammenhang nicht im traditionelle Sinne gebraucht werden, auch wenn als soziale Reliktformen solche traditionellen Oberschichten vor allem in den Ländern der Semiperipherien und globalen Peripherien noch eine soziale und politische Rolle spiele, wobei ihre Funktion meist als Widerpart zu heute anstehenden Modernisierungsschüben zu beschreiben ist. Im Kontext der Globalisierung bilden sich jedoch über vorhandene Staats- und Volkstumsgrenzen hinweg »neue Oberschichten« heraus, die zunächst einmal aus den ökonomischen, kulturellen, teilweise auch militärischen und politischen Funktionseliten der einzelnen Staaten hervorgehen, deren Verhaltens-, Ziel- und Wertoptionen aber in stärkerem Maße Universalisierungstendenzen unterliegen, wie sie hier angesprochen werden. Gerade durch das zumindest graduelle Absetzen vom nationalstaatlich fixierten Habitus der bisherigen Mittelschichten, aus denen sie sich zumeist heraus entwickeln, kann von einem neuen Habitustyp einer internationalen Oberschicht gesprochen werden.

[42]    Zum Beispiel wurden 1976 beim Wechsel von einer SPD-geführten Landesregierung zu einem CDU-Kultusminister zwar verbal grundlegende Änderungen angekündigt, letztlich blieben aber sowohl die umstrittene Orientierungsstufe wie die bestehenden Gesamtschulen bestehen, wie auch die Struktur der Rahmenrichtlinien und ihre Erstellung in Kommissionen sich nur graduell veränderte. Nur der groß anlegte Versuch einer Reform der Sekundarstufe II (Kursstufe) musste sehr wesentliche Rückentwicklungen erfahren (gravierende Einschränkungen in den Kursangeboten, Beendigung der Arbeit an den so genannten »Handreichungen«, d.h. zur Erprobung vorgelegter Kursentwürfe [vgl. Kursentwurf »Soziale Ungleichheit« von Wolf / Voigt 1978], Einschränkung von freien Lernangeboten (Projekten, Orientierungskursen, kursunabhängigen Facharbeiten etc.). Aber auch die Rückkehr einer SPD-Landesregierung im Jahre 1990 fand keinen Weg zurück in die Reformphase der 70er Jahre. Andererseits blieb der Interessengegensatz in der Kultusministerkonferenz mit den süddeutschen Ländern allen niedersächsischen Landesregierungen erhalten, was bis zum Streit um die bayrische Anerkennung Niedersächsischer Abiturzeugnisse zur Zeit eines CDU-Kultusministers in den 80er Jahren ging.

[43]    Das Problem einen mangelhaft konzeptualisierten Schul- und Bildungspolitik wird – ohne dass sich dabei gewisse Schärfen in der politischen Beurteilung vermeiden lassen werden – am Ende dieses Aufsatzes im Zusammenhang mit der Erörterung der verpassten Chancen in der Lehrerfortbildung angesprochen werde.

[44]    Zum Begriff der Homogenisierung vgl. die Ausführungen weiter oben.

[45]    Die den traditionellen Erziehungsvorstellungen verhaftete Politik reagiert angesichts der immer offensichtlicher werdenden Nichtsteuerbarkeit der Wert- und Verhaltensvermittlung zwischen den Generationen und dem damit verbundenen drohenden weiteren Einflußverlust der Politik und des Staates und anderen institutionellen Trägern panisch. Es kann unter diesen Umständen nur als purer Zynismus verstanden werden, wenn Vorstellungen, die an Sippenhaftung grenzen gegenwärtig wieder diskutiert werden, wie z.B. in der von einigen gesellschaftlichen Gruppen gewünschten Ausweisung von Ausländern bei Delinquenz ihrer Kinder oder der Streichung von Sozialhilfe in einem entsprechenden Fall bei deutschen Staatsbürgern. dass diese Vorstellungen zumeist gegen ohnehin benachteiligte und ausgegrenzte machtarme Unterschichtgruppen gerichtet sind, ist bezeichnend für das Gesellschaftsbild und das Demokratieverständnis der so argumentierenden Politiker. Ein Verständnisproblem, aber kein grundsätzlicher Widerspruch zu diesen Ausführungen ist der allgemeinere Verweis auf die im mitteleuropäischen Rechtsverständnis verankerte grundsätzliche Schadenshaftung der Eltern für ihre Kinder. Diese gilt natürlich auch für Mittelschichtenangehörige als Eltern von Kindern, die z.B. durch Farbsprays Sachbeschädigungen verursacht haben. Die geforderte, geplante und praktizierte Durchsetzung finanzieller Forderungen stellen erhebliche finanzielle Belastungen dar. Doch wird diese Haltung begrenzt, wenn die Einsichtfähigkeit der Kinder rechtlich vorausgesetzt werden kann; in diesem Falle bleibt die Schadenshaftung einer späteren Regulierung durch die erwachsen werdenden Deliquenten als Schuldtitel vorbehalten. Die Schadenshaftung ist aber sicher nicht substantiell zu vergleichen mit strafrechtlich motivierten Maßnahmen, die ansonsten nur bei eigener Straffälligkeit greifen, wie z.B. die Ausweisung. dass damit sippenrechtliche Vorstellungen der türkischen Bevölkerungsminderheit in Deutschland, die den Ehrkodices ihres Heimatlandes entsprechen (vgl. Waldhoff 1995 oder Tan / Gomani 1997), reflektiert und verstärkt werden, ist ein zusätzliches faktisches Integrationshemmnis und widerspricht den grundrechtlich orientierten Vorstellungen einer deutschen Integrationspolitik.

[46]    Vgl. den entsprechenden Aufsatz von Voigt in: Claußen, Bernhard / Donner, Wolfgang / Voigt, Gerhard, Hrsg., 2001: Krise der Politik – Politische Bildung in der Krise? Diskurse im Kontext von Globalisierung und Ost-West-Perspektiven. Materialien aus der Zusammenarbeit zwischen der Akademie für Wirtschaft, Politik und Kultur Mecklenburg-Vorpommern und dem Verband der Politiklehrenden. Demokratie und Aufklärung: Kritische Sozialwissenschaften und Politische Bildung im Diskurs – Materialien –, Band 1. Galda + Wilch Verlag. Glienicke/Berlin / Cambridge/Massachusetts.

[47]    Vgl. zum wissenschaftlichen Konzept des Symbolischen Interaktionismus die von Steinert 1973 herausgegebene Aufsatzsammlung; didaktisch in Wert gesetzt wird dieser Ansatz z.B. bei Treuheit / Otten (1986 und 1993) oder bei Brumlik (1973).

[48]    Man verzeihe diese bildhaft-konkretistische Umsetzung des Konzeptes von Habermas, das weitaus abstrakter und philosophisch-formaler entwickelt wird; hier soll nur die gesellschaftliche Dimension herausgestellt werden, die als Wertoption zwar unseren Vorstellungen nicht widerspricht, aber bei unserer Verwendung des Diskursbegriffes nicht mitgedacht ist. dass in der Folge in der Philosophie der Diskursbegriff vor allem auch erkenntnistheoretisch-methodisch verwendet kritisiert wird, zeigen – ohne dass dies weitere Folgen für unsere eigenen Überlegungen haben könnte – Lumer 1997 in seiner Kritik an Habermas’ Diskursethik und Renn / Webler 1996 in ihrem Konzept eines kooperativen Diskurses.

[49]    Der Widerspruch zwischen lernpsychologischen Kategorien und einer immanenten Fachsystematik wird besonders deutlich, wenn „klassische“ didaktische Postulate wie das lange Zeit in der Erdkunde dominierende »Vom Nahen zum Fernen« kritisch auf ihre tatsächliche Bedeutung hinterfragt werden. In diesem Beispiel mit der Überlegung, dass in einer Gesellschaft, die zunehmend weniger von unmittelbaren Realerfahrungen geprägt wird – zumindest im Vergleich zur Menge der dem Einzelnen verfügbaren und handlungsrelevant werdenden Informationen und indirekten Realitätsvermittlungen – und deren personale Mobilität zunimmt, ist räumliche Nähe nicht gleichzusetzen mit psychologischer Erlebnisnähe. Pädagogisch ist daher Nähe nicht am Maßstab räumlicher (z.T. auch zeitlicher) Distanz sondern wurzelt zumeist in der medialen Präsenz (Kriege, Katastrophen; virtuelle Welten), biographischer Bedeutung (Herkunft, Migration; Urlaubseindrücke) oder emotionalen Affinitäten (vermittelt durch Sprache, Kultur, Religion; Literatur, Leitbilder, Moden). Ein »Anknüpfen an Nahes« bedeutet nicht mehr wie früher, intime Kenntnis des Wohnortes und der (räumlich) näheren Umgebung vorauszusetzen oder voraussetzen zu können, sondern muss situativ differenzierend die Orte und Situationen der affektiven Nähe bei den Schülerinnen und Schülern aufspüren und in allem Respekt ansprechen. Der aktuelle Wohnort ist häufig nur biographisches Intermezzo, oft sogar noch als fremd und fern und mit emotionaler Distanz wahrgenommen. So kann es einen Hauch ungeahnter »Exotik« gewinnen, mit einer Schülergruppe den eigenen Wohn- und Schulort erkundend für sich zu »erobern«.

[50]    Vgl. die unter Verständnisproblemen leidende Rezension von Immanuel Geiss (1996) über Elçin KürȘat-Ahlers Untersuchung der frühen zentralasiatischen Staatenbildungen, einer historisch-soziologischen Studie in der Tradition von Norbert Elias. Als Erwiderung hat der Verfasser ebenfalls in den Historische Mitteilungen der Ranke Gesellschaft eine Replik vorgelegt unter dem für unseren Zusammenhang interessanten Titel „Ontologisierte Geschichte: Über das Geschichtsbild des Historikers“ (Voigt 1996a).

[51]    Wallerstein 1995: »Unthinking Social Science«.

[52]    »Schlüsselprobleme« setzen zudem die Bereitschaft zu einem an ›exemplarischen Lernen‹ orientierten methodischen Neubestimmung und die Fähigkeit zu einem erhöht distanzierten Wissenschafts- und Didaktikverständnis. Vor allem das Defizit an letzterem scheint dem Berufsalltag immanent. Bisherige Versuche einer Kompensation durch Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen waren nur sehr wenig Erfolg versprechend. Es scheint, dass auch die mit der psychosozialen Situation von Lehrerinnen und Lehrern und ihren zurückliegenden Berufsentscheidungen bisher zu wenig erforschte Ursachen darstellen. Die Abwehrhaltung beamteter Fachdidaktiker darf dabei nicht unterschätzt werden. Hinzu kommen strukturelle Rahmenbedingungen, die nach wie vor Hemmung und Verweigerung begünstigen. Ein weiteres mentales Hemmnis stellt die Abwehrhaltung der ›didaktischen Praktiker‹ gegenüber den ›universitäten Theoretikern‹ dar, verbunden mit Unterstellungen, dass letztere aus Profilierungsmotivationen heraus ‘exotische Neuansätze’ propagieren und deren Umsetzung seitens der ›Praktiker‹ kritiklos erwarten, die ihre Rolle subjektiv als ‘Versuchskaninchen’ von Hochschuldidaktiker/innen bzw. verbunden mit einer Rolle der Schule als Spielwiese der Politik missbraucht sehen und die daran leiden.

[53]    Vgl. u.a. Klafki, Wolfgang 1994: Schlüsselprobleme als inhaltlicher Kern internationaler Erziehung. In: Seibert, Norbert, Serve, Helmut J. (Hg.), Bildung und Erziehung an der Schwelle zum dritten Jahrtausend. Multidisziplinäre Aspekte, Analysen, Positionen, Perspektiven. München: 135-161. – Klafki, Wolfgang, 1990: Allgemeinbildung für eine fundamental-demokratisch gestaltete Gesellschaft. In: Cremer, Will / Klein, Ansgar, Hg., 1990: Umbrüche in der Industriegesellschaft. Herausforderungen für die politische Bildung. Opladen. S. 297-310. – Breit, Gotthard, Hg., 1994: Globale Schlüsselprobleme im Politikunterricht. Stuttgart.

[54]    In diese Kategorie fällt z.B. die ländervergleichende Wissensumfrage der Illustrierten »DER STERN« im Januar 1999.

[55]    Niedersächsisches Kultusministerium: Rahmenrichtlinien für das Gymnasium – gymnasiale Oberstufe, die Gesamtschule – gymnasiale Oberstufe, das Fachgymnasium, das Abendgymnasium, das Kolleg. Gemeinschaftskunde (1994). Herausgegeben vom Niedersächsischen Kultusministerium im Schroedel Schulbuchverlag GmbH, Hannover 1994. – Die Umbenennung des bisherigen Oberstufenfaches Gemeinschaftskunde – in der Sekundarstufe I galt die Bezeichnung »Sozialkunde« – in »Politik«, der Bezeichnung, die jetzt durchgängig für alle Schulformen und -stufen gilt, erfolgte erst drei Jahre später in der Revision des niedersächsischen Schulgesetzes. Die Rahmenrichtlinien bleiben aber gültig.

[56]    Dabei wird dieser Eindruck noch dadurch verstärkt, dass die genannten Schlüsselprobleme »ergänzt« und damit unterlaufen werden durch verbindliche Rahmenthemen im letzten Hauptabschnitt [3.] der Rahmenrichtlinien, die in der verbindlichen Abfolge der Schulhalbjahre der Klassenstufen 11 bis 13 auch noch den Schlüsselproblemen in einer Tabelle verbindlich zugeordnet werden: „Die Ziele und Dimensionen politischen Lernens werden im Unterricht in Auseinandersetzung mit Inhalten realisiert, die politisch bedeutsam für das heutige und zukünftige Leben sind. Diese werden in sechs Rahmenthemen gefaßt, die durch den Bezug zu den Schlüsselproblemen und die verbindlichen Intentionen didaktisch strukturiert werden. Die Übersicht zeigt, welchem Schlüsselproblem das jeweilige Rahmenthema verbindlich zugeordnet ist. Die inhaltlichen Schwerpunkte zu den Rahmenthemen zeigen, wie sich durch Bezug auf weitere Schlüsselprobleme zusätzliche Fragestellungen für den Unterricht ergeben. Diese Schwerpunkte zeigen jeweils verschiedene Möglichkeiten der unterrichtlichen Konkretisierung sowie die Spannweite des Rahmenthemas auf. Neben Beispielen für Unterrichts- bzw. Kursthemen werden schließlich verschiedene Vorschläge zum Methodenlernen gemacht.

Schlüsselprobleme

Rahmenthemen

Frieden und Gewalt

Ökonomie und Umwelt

Technologischer Wandel

Soziale Ungleichheiten

Verhältnis der Geschlechter und der Generationen

Herrschaft und politische Ordnung

1 Arbeit und Strukturwandel

 

 

X

 

 

 

2 Politik und Wirtschaft der EU

 

X

 

 

 

 

3 Demokratie in Deutschland

 

 

 

 

 

X

4 Modernisierungsprozesse in Gesellschaften

 

 

 

X

 

 

5 Internationale Politik und globale Verantwortung

X

 

 

 

 

 

6 Zukunftsentwürfe: Individuum und Gesellschaft

 

 

 

 

X

 

 x = verbindliches Schlüsselproblem“ – Auch diese Rahmenthemen werden anschließend in einzelnen Abschnitten in Hinblick auf ihre gesellschaftlich-politische Relevanz begründet und ansatzweise didaktisch erläutert.

[57]    In unserer nachfolgenden, eher unterrichtspraktisch motivierten Konzeption von Diskursen und Schlüsselproblemen soll versucht werden, den integrativen Charakter von gesellschaftlichen Diskursen mit Einbeziehung sozialwissenschaftlicher Kriterien für Diskurskonzepte dadurch zu betonen, dass zunächst eine Reduzierung und Konzentration auf vier umfassende Diskursfelder erfolgt, die in der didaktischen Auffächerung, Konkretisierung und Umsetzung dann durchaus wieder gegliedert und unterteilt werden müssen. Das Schlüsselproblem »Herrschaft und Politische Ordnung« wird dabei in das Diskursfeld »Zivilisation, Gesellschaft, Staat« einbezogen.

[58]    Elias 1936/1976, ab S. 1, insbes. S. 65 ff. – Im Staatenbildungsprozess in Deutschland wird im Gegensatz zu Frankreich die »bürgerliche Intelligenzschicht« weder in die entstehende Staatskonzeption funktional einbezogen, da sie auch in der deutschen höfischen Kultur nicht oder nur am Rande präsent war, noch ökonomisch im Bürgertum integriert. Das führte zu distanzierten und distanzierenden Figurationen, bei denen teilweise auch diskriminierende zugeschriebene Minderheitenrollen z.B. der (»zersetzenden«) jüdischen Intelligenz maßgeblich auf der einen Seite Furcht vor den revolutionären Intellektuellen, auf der anderen Seite die Erfahrung des Ausgeschlossenseins vermittelten und damit auf Dauer die Distanz Deutschlands zur Intelligenz festigte (vgl. Marx, Heine).

[59]    Der Verfasser folgt in seinen Gedankengängen hier einer interessanten Diskussion mit einem befreundeten Hochschullehrer, der sich intensiv gerade um eine stärkere Orientierung an der Schulpraxis in seinem Fach, der Geographiedidaktik, bemüht und der gerade auch aus der Sicht unserer Politikdidaktik zu den aufgeschlossenen und gesellschaftlich verantwortungsbereiten Schulgeographen in Deutschland gehört.

[60]    Vgl. die Ausführungen in: Voigt 1998a/b/c und 1999a in diesem Band S. 

[61]    Dabei möchte der Verfasser anfügen, dass seine eigene Praxis des Politik-Unterrichts gerade diese Ansätze in den Vordergrund stellt und interdisziplinär mit Erdkunde und Geschichte vor allem Themen aus den so genannten »Semiperipherien« (Türkei, Naher Osten) und den »Transformationsräumen« (Polen, Ungarn, Russland) behandelt und dabei auch Reisen und Studienfahrten in diese Länder anbietet (1998 z.B. nach Sankt Petersburg) oder Schulpartnerschaftsprogramme (z.B. mit der Istanbul Lisesi in der Türkei) initiiert und betreut.

[62]    Ein Erlebnis aus der Erdkunde-Fachkonferenz an der Schule des Verfassers soll diesen Überlegungen noch eine gewisse anekdotisch-persönliche Note geben: Von einer Elternvertreterin ist der Verfasser kürzlich in verletzender Weise diskreditiert worden – wobei der rechtswidrige Antrag auf Ausschluss aus der Fachkonferenz und auf ein Redeverbot noch das Harmloseste war –, weil er angesichts sinkender Schülerzahlen wagte, gegen eine (jetzt erst in diesem Gymnasium erfolgte) zusätzliche Einführung eines Erdkunde-Leistungskurses zu votieren. Unterstützung bei Fachkollegen fand diese seltsame Konferenzvertreterin jedoch bei der Auffassung, stattdessen den Politik-Leistungskurs zu streichen (was nicht erfolgen wird) und das Fach Erdkunde von »fachfremder Politisierung« zu befreien (was der Verfasser als Erdkunde- und Politiklehrer jedoch verhindern wird)!

[63]    Die aktuelle Menschenrechtsdebatte zeigt, dass gerade zu diesem Paradigma einfache Antworten schwer möglich sind. Zu sehr überschneiden sich hier sprachlich-semantische Probleme unterschiedlicher Realitätsdefinitionen (so, wenn im Arabischen die wörtliche Übersetzung von »Menschenrecht« eindeutig negativ konnotiert ist, weil in ihr, ebenfalls in einer dichotomen Weltsicht – wenn auch wie im Christentum mit monistischer Endzeitperspektive –, eine Polemik gegen Gottesrecht und Recht der »umma«, der Gemeinschaft der Gläubigen notwendig in das Verständnis eingeschlossen ist), Identitäts- und Integrationsforderungen wie unterschiedliche kollektive geschichtliche Erfahrungen, die in den Wertordnungen der jeweilige Politischen Kultur ihren Ausdruck finden.

[64]    Diese im Grunde eher als skeptizistisch und agnostisch zu kennzeichnende Denktradition findet in den Naturwissenschaften zunehmen Resonanz, vor allem auch in der Biologie und der Gehirnforschung. Vgl. dazu Gerhard Roth 1998.

[65]    Hier soll der Verweis auf eine kritische Weiterführung des Dekonstruktivismus und dem Versuch seiner Zusammenführung mit psychoanalytischen wie hermeneutischen Denktraditionen bei Pierre Legendre (u.a. 1983; 1988). „Diese industrielle Moderne erhebt in Legendres Augen immer noch Anspruch auf Führung der gesamten Menschheit, sie operiert immer noch unter dem dogmatischen Design, das die juristischen Meisterdenker des ausgehenden Mittelalters entworfen haben: Sie ist immer noch ein System, das die Menschen an ihren unreifen Stellen packt: am sterblichen Körper, an der sozialen Abhängigkeit und am Unbewussten. Also doch auch Freud! Aber was Legendre aus dem Verdrängten der modernen Gesellschaft, nämlich aus ihren alten Akten zieht, das sind nicht Triebe, Begehren, Inzest, die nur allzu bekannten Ungeheuer der schlafenden Vernunft: Es ist das Gesetz. Die industrielle Kultur und die Wissenschaftskultur der Moderne oder Hypermoderne, wie Legendre gerne sagt, arbeiten Hand in Hand. Sie formen, bilden, steuern die Menschen nach harten, auf Selbsterhaltung ausgelegten Prinzipien. Ihre Wissenschaften beschreiben das Ergebnis dieser Dressur als Verhalten. Legendres Bücher sind daher erfüllt von Groll und Gelächter über die Social Behavioural Sciences unserer Tage. Auf sie berufen sich die Führer, Politiker, Manager, Richter. Die Menschenwissenschaften rücken in die Position der absoluten Referenz, wo doch eben unsere Referenz nur ein mythischer Name sein kann, ein Name, der das Nichts versiegelt. Das Nichts, aus dem wir kommen und wohin wir als unsterbliches Protoplasma, wie Freud sagte, gehen. Die Wahrheit und die Wirklichkeit der sprechenden Tierchen, die wir tatsächlich sind, finden sich allein durch institutionelle Systeme organisiert. Menschen kommen in der Natur nicht vor, sondern nur in kulturellen Milieus, die sich in der Moderne selbst für Natur halten. Kann man die Seele des Löwen beim Pfötchengeben studieren? Der wahre, natürliche Mensch ist das phantastisch zurechtgestutzte Zirkustier der Aufklärung, phantastischer als der Gott, den sie stürzte.“ Schneider 1998.

[66]    Ergänzend ist anzumerken, dass die erneute philosophische Problematisierung der traditionellen erkenntnistheoretischen und historischen Dichotomien nicht nur ideengeschichtliche Gründe hat, sondern dass der Übergang vom Konstruktivismus zum höchst problematischen Dekonstruktivismus und der philosophische Diskurs darüber seine realgesellschaftliche Parallele im politischen Scheitern des Marxismus – verbunden mit dem »Scheitern« der gesellschaftswissenschaftlichen wie philosophischen Dialektik – findet, wobei Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ (1992) in der politischen Umbruchsituation unserer Zeit wurzelt. Der vehemente und berechtigte Protest gegen diese säkulare Endzeitthese, die mit der Eingangs angesprochenen Milleniumsbefindlichkeit korrespondiert, sollte hier mit Eduardo Galeano seinen Ausdruck finden: „Ende der Geschichte. Die Zeit geht in Rente, die Welt hört auf, sich zu drehen. Morgen ist ein anderer Name für heute. Der Tisch ist gedeckt; die westliche Welt verweigert niemandem das Recht, die Reste zu erbetteln. Ronald Reagan erwacht und sagt: ‚Der Kalte Krieg ist zu Ende. Wir haben gewonnen.‘ Und Francis Fukuyama, ein Mitarbeiter des State Departments, gelangt plötzlich zu Erfolg und Ruhm, indem er entdeckt, dass das Ende des Kalten Krieges das Ende der Geschichte ist. Der Kapitalismus, der sich liberale Demokratie nennt, ist der Ankunftshafen aller Reisen, ‚die endgültige Form der menschlichen Regierung‘. Stunde des Ruhmes. Der Klassenkampf existiert nicht mehr, und im Osten gibt es keine Feinde mehr, sondern Alliierte. Der freie Markt und die Gesellschaft des Konsums erobern die weltweite Zustimmung, die sich durch den historischen Umweg der kommunistischen Fata Morgana verzögert hatte. So wie es die Französische Revolution gewollt hat, sind wir jetzt alle frei, gleich und brüderlich. Und alle Besitzer. Königreich der Habsucht, weltliches Paradies. So wie Gott hat der Kapitalismus die beste Meinung über sich und zweifelt nicht an seiner eigenen Unvergänglichkeit.“ (1990). – Vgl. Fukuyama 1992 (in deutscher Übersetzung); als Gegenposition dazu auch Fuller 1995, aber auch die These vom „Krieg der Kulturen“ von Huntington 1996/1998; im Diskurs besonders aufschlussreich das Frankfurter Rundschau-Gespräch von 1996.

[67]    Vgl. Fußnote 58 / Literaturverweis.

[68]    Vgl. Fußnote 58 / Anmerkungen zur Situation der Intelligenzschicht.

[69]    Dieser Abschnitt folgt einleitend in überarbeiteter Fassung dem allgemein-didaktischen Teil des Soziologie-Leistungskurses „Soziale Ungleichheit“, Wolf / Voigt 1977. Der Kursentwurf „Soziale Ungleichheit“ wurde 1976/77 im Auftrage des Niedersächsischen Kultusministers im Rahmen der Reform der gymnasialen Oberstufe als Leistungskurs Soziologie entwickelt, nach dem Regierungswechsel in Niedersachsen und der Auflösung der bisherigen Reformkommissionen Anfang 1977 aber nicht mehr veröffentlicht. Im Juli 1977 hat die GEW Niedersachsen das Manuskript des Kurses als „Sonderdienst 12/77. Nicht veröffentlichter Kurs für Handreichungskurse der Sekundarstufe II“ vorgelegt. Dieser Unterrichtsentwurf kursiert seither in unterschiedlichen Bearbeitungen und Aktualisierungen für das Fach Politik und zeigt damit, entgegen der damaligen Behauptung des Kultusministers, der die Veröffentlichung dieses Kursentwurfs grundsätzlich ablehnte, dass sowohl das fachliche und didaktische Konzept seine Bewährungsprobe besser bestanden hat, als viele andere veröffentlichte »Handreichungskurse«, die ohnehin oftmals besser waren als die Mehrzahl der Verlagspublikationen seither, als auch, dass ein fundamentales Bedürfnis, dieses Thema in der Schule zu behandeln, existiert, wie es heute ja das Kultusministerium mit der Übernahme des Schlüsselproblemkonzeptes nachträglich bewiesen hat. Es wäre Zeit, eine sorgfältig redigierte und aktualisierte Fassung dieses Kursentwurfs erneut zu publizieren.

[70]    Vgl. Seite 3.

[71]    Diese fachlichen Überlegungen folgen weitgehend Ausführungen von Jürgen Wolf in Wolf / Voigt 1977.

[72]    „Wenn die Menschen Situationen als real definieren, so sind auch ihre Folgen real.“ Thomas / Thomas 1928, zitiert nach Steinert 1973, S. 334. – Der Herausgeber des Werkes von Thomas und Thomas, E. H. Volkart, merkt dazu an: „Dieser in der Literatur häufig zitierte Satz wird neuerdings Znaniecki zugeschrieben. Vgl. Howard Becker, Interpretative Sociology Hand Constructive Typologie, in: Georges Gurvich und Wilbert E. More (Hg.), Twentieth Century Sociology. New York 1945, S. 80, Anm. 21. Die Beweise für diese Auffassung sind sehr dürftig, weil der Satz entgegen der Behauptung Beckers in The Polish Peasant nicht vorkommt“ (Steinert, ibid., S. 335, Anm. 2).

[73]    Bemerkenswert auch für eine didaktische Umsetzung sind dabei die Studien in Krippendorff: Staat und Krieg (1985).

[74]    Vgl. Fußnote 69.

[75]    Max Weber 1960, S. 42 f.; Willy Strzelewicz 19723, S. 27.

[76]    Bolte u.a. 19743, S. 15 f., 20-22, 114-117. Diese Textstellen eignen sich auch für den Einsatz im Politikunterricht. – Dazu auch: Offe 1970; Seyfarth 1969; Steinkamp 1971.

[77]    Vgl. Seite 3 ff.

[78]    Dem entspricht in der niedersächsischen Rahmenrichtlinien-Konzeption, dass in etwas modifizierter Formulierung dieses Schlüsselproblem eine zentrale Bedeutung nicht nur im Fach Politik, sondern auch in anderen Schulfächern, wie z.B. Geschichte und Erdkunde erhält, wo die fachliche Umsetzung sich jedoch vor allem auf die Erörterung regionaler Disparitäten bezieht.

[79]    Ziehe 1991, Engler 1993.

[80]    Zum autoritären Charakter: Gottschalch 1977; zu Individualisierung und Gewalt: Heitmeyer et al. 1989 und 1991; zur gesellschaftlichen Funktion der Individualisierung: Ulrich Beck: Individualisierte „Gesellschaft der Unselbständigen“. In: Beck, 1986, S. 157 ff. oder diverse empirische Studien wie die mehrfach erstellten SHELL-Jugendstudien; zur didaktischen Umsetzung: Claußen 1991, Voigt 1993.

[81]    Bade 1992; Battmer / Rischmüller / Voigt 1981.

[82]    Formen der Individualisierung. Unspektakuläre Zivilisationsgewinne. Auch Individualisierung kann „kommunitär“ sein. [Ziehe 1991] – „Vereinigungslust“ als „Kunst der Freiheit“. Individualisierung und Gemeinschaft VI: Kommunitaristische Anleihen bei Tocqueville. [Albers 1992]. – „Konformitätsdruck und Profilierungszwang. Zwischen Identifikation und Individualisierung: Ambivalenzen des Affektmanagements“. [Wouters 1994]

[83]    Es würde den sozialen und ökonomischen Interessen der Managementklasse und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung aber sicher nicht gerecht werden, hier von deiner schleichenden »Selbstsozialisierung« des Kapitals zu sprechen wie es Claus Offe 1977 vorschlägt. Er sagt dabei einen wachsenden Staatsinterventionismus voraus, der den derzeitigen Deregulierungsansätzen der Globalisierung nicht entspricht.

[84]    Vgl. Fußnote 23.

[85]    Vgl. Fußnote 28

[86]    dass dieses Modell aus der Mitte dieses Jahrhunderts für die Charakterisierung der aktuellen Situation wie für eine Übertragung auf die Länder der Peripherien und Semiperipherien nicht differenziert genug  ist, zeigt die Ambivalenz der inhaltlichen Füllung des Begriffes Tertiärer Beschäftigungssektor. Dies meint, im Sinne von Fourastié, sowohl die modernen, hoch differenzierten Dienstleistungsberufe in Forschung, Lehre, Entwicklung und Produktionsüberwachung, daneben auch den spezialisierten Service und Reparaturdienstleistungen, auf denen nach Fourastié 1949 die »Hoffnung des 20. Jahrhunderts« beruht, als auch, vornehmlich in den Transformations- und den Entwicklungsländern, die Sektoren der »verdeckten Arbeitslosigkeit« (Schuhputzer, ambulante Straßendienstleistungen, unqualifizierte Aushilfstätigkeiten), wie der Sektor der »Schattenwirtschaft« (Müllwirtschaft, illegaler Handel, Kriminalität, Prostitution; aber auch unbezahlte Hauswirtschaft), bei derem ökonomischen Vorherrschen das Wachstum des Tertiären Sektors als gravierendes Krisensymptom gewertet werden kann. Entgegen den Vorstellungen des »common sense« ist auch das Vorherrschen des Tourismus in einer Region ein Indiz für sozioökonomisch-strukturelle Defizite und Entwicklungsrückstände, da dieser Bereich wenig Wachstumspotentiale, die in andere Wirtschaftsbereiche ausstrahlen, impliziert und Teile der Unternehmensgewinne ins Ausland transferieren muss.

[87]    Vgl. Fußnote 4 und die Ausführungen zum Diskurs »Soziale Ungleichheit«.

[88]    Im Sinne der schon erörterten »Fraktionierung« von Gesellschaft und Politischer Kultur.

[89]    Sommermeyer 1994: „Patchwork-Biographien werden uns eine völlig veränderte Realität bescheren“.

[90]    Ohne tiefere historisch-soziologische Fundierung beschäftigen sich gerade in letzter Zeit ernstzunehmende und für die Didaktik maßstabsetzende Diskurse mit diesem Problemkreis, wie z.B. die »Magdeburger Erklärung« [Ostendorf 1999] oder die Auseinandersetzung mit den Folgen der Individualisierung bei Peter F. N. Hörz 1999.

[91]    Auch aus der Sicht der Semiperipherien ist der Rückzug auf den Kulturrelativismus nicht schlüssig und ebenfalls ahistorisch, wie die Überlegungen von Dursun Tan 1998 zur Frage der Menschenrechte in den islamischen Ländern sehr deutlich erweisen.

[92]    Damit wird dieses Thema auch interessant für raumwissenschaftliche und stadtsoziologische Ansätze. Es sei hier auf grundlegende Arbeiten hingewiesen, die das Bild der Stadt wahrnehmungs-soziologisch deuten (Kevin Lynch 1968) oder Stadtgeographie aus den Ansätzen des symbolischen Interaktionismus heraus neu bestimmen (Werner Durth 1977).

[93]    Sommermeyer 1994 schlussfolgert aus diesem Zitat: „Der Mensch wird also nur noch soviel wert sein, wie sein augenblicklicher Job – eine Garantie für die Zukunft wird es nicht mehr geben. Schon heute kennen wir aus den USA die Fälle der freigesetzten älteren Physiker, die ihre unzureichende Altersversorgung durch einen Job bei McDonalds aufbessern müssen. Durch das Primat der Ökonomie und des Wettbewerbs wird der Arbeitsmarkt zunehmend zu einem Ort, an dem sich ein immer rücksichtsloserer Sozialdarwinismus breit machen wird. Dies vor allem dann, wenn weiterhin soziale und rechtliche Korsettstangen unter dem Vorwand geopfert werden, die Wettbewerbsfähigkeit und die Wohlstandssicherung fördern zu wollen.“

[94]    So der Titel einer von Elçin KürȘat-Ahlers, Dursun Tan und Hans-Peter Waldhoff 1999 herausgegebenen Aufsatzsammlung, die auf den Vorträgen eines internationalen soziologischen Colloquiums 1998 in Mersin/Türkei beruht.

[95]    Der Begriff Volk wird hier ohne analytische Trennschärfe pragmatisch-beschreibend gebraucht. Im weiteren Verlauf der Analyse wird gerade unter zivilisationstheoretischen und historisch-soziologischen Perspektiven der Begriff Volk in eine historische Reihe mit den Begriffen Ethnie und Nation zu stellen sein, mit denen die im Prozess des nation building zur Herstellung einer ausschließenden Gruppenidentität sich im Machtprozess entwickelnden Bewusstseinsinhalte und Selbstdefinitionen zu kennzeichnen sind.

[96]    Literaturhinweis für den Unterricht: Weiss / Westermann, 1994.

[97]    Auch wenn diese didaktischen Konkretisierungen exemplarisch am Beispiel von Kursmodellen der gymnasialen Oberstufe entwickelt werden, lassen sich die Grundüberlegungen leicht auf andere Schulformen und -stufen übertragen, wobei natürlich viel genauer die historischen Kenntnisvoraussetzungen und die eigenen gesellschaftlichen Lebenssituationen in der Lerngruppe berücksichtigt und thematisiert werden müssen. Als Kursabläufe sind diese Vorschläge in der Praxis erprobt.

[98]    Weitere Ausführungen zu diesem Thema finden sich in Voigt 1999b und Nettelmann / Voigt u.a. 1999.

[99]    Die zentrale Rolle von „Arbeiterbildungsvereinen“ und einer inhaltlich sehr deutlich von den genannten Zivilisationsvorstellungen geprägten „Arbeiterkultur“ in der sozialistischen Arbeiterbewegung bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, zeigt dies sehr deutlich. Der Versuch, eine „eigene sozialistische Kultur“ zu definieren war in größerer historischer Perspektive doch nur der Abschluss der Durchsetzung der Zivilisation der „Höflichkeit“ und des Habitus des modernen Staatsbürgers.

[100]  Nasreddin Hoca ist in der Türkei eine Schelmenfigur der Volkserzählungen und Anekdoten – etwa wie in Deutschland Till Eulenspiegel –, die diesen mit Bauernschläue, Naivität und mangelnder Bildung charakterisiert und dies als Grundlagen des Witzes nimmt, darüber aber auch einiges über Ansehen und soziale Stellung dieser ländlichen Hodschas aussagt.

[101]  Rechtsgutachten belegen, dass die USA nach Maßstab ihres Rechtssystems und der Einhaltung der Menschenrechte nicht Mitglied des Europarates sein könnten.

[102]  Vgl. Voigt 1995

[103]  Genau dies ist auch die Funktion traditionalistischer und islamistischer Entwicklungen und Selbstverständnisse unter den türkischen Migranten in Deutschland.

[104]  Vgl. dazu den schon zitierten Satz: „Wenn die Menschen Situationen als real definieren, so sind auch ihre Folgen real“ mit den Ausführungen weiter oben (zur Quelle dieses Satzes vgl. Fußnote 72).

[105]  Dazu ist der philosophische Ansatz interessant heranzuziehen, der die humanitas als eine unmittelbare und ausschließliche Folge des vitam instituere, der institutionalisierten Existenz begreift. In den letzten Jahren hat vor allem der Rechtshistoriker und Psychoanalytiker Pierre Legendre (1983, 1988) in seiner Kritik der Beliebigkeit des postmodernen Dekonstruktivismus diesen antiken Gedanken wieder aufgegriffen (vgl. auch Schneider 1998: „Was ist damit gesagt? Der versuchte Vatermord stellt nicht die Frage nach dem Geisteszustand des Täters. Er stellt vielmehr die Frage nach den Fundamenten der Verbote. Diese Frage wieder zu entdecken, ist die Mission Legendres. Aber um sie zu verstehen, muss man ein Projekt des Fortschritts liquidieren, nämlich die Liquidation des Gesetzes.“).

[106]  Dabei stellt sich wohl kaum die anthropologische Frage nach der Geschichte dieser habitualisierten Affektausstattungen, die Kernfrage der Zivilisationstheorie ist. Wirksam ist, was gegenwärtig ist. Anknüpfen kann diese Uminstitutionalisierung des Menschen an sein ursprüngliches Bedürfnis nach »Ordnungssicherheit« (vgl. die Ausführungen zur Soziologie der »Sozialen Ungleichheit«) und an die psychischen Strukturen des »Autoritären Charakters«, den Adorno diskutiert hat; vgl. dazu u.a. die Untersuchungen von Strzelewicz 1972 und die Anmerkungen im Text; zur Literatur vgl. Fußnote 37.

[107] Zit. nach Sander/Johr (Helke Sander/Barbara Johr (Hg.): BeFreier und Befreite. Krieg, Vergewaltigungen, Kinder, München 19922. Siehe auch die Kritik an diesem Titel von G. Koch: Blut, Spermia, Tränen. BeFreier und Befreite – ein Dokumentarfilm von H. Sander, in: Frauen und Film, Jg. 54/55, 1994, S. 3-14), S. 67, Abb. 14: Auszug aus dem Schreiben des Chefs des Allgemeinen Wehrmachtamts im OKW an SS-Obergruppenführer Wolff vom 2.8.1943. [Anm. B. Beck.]

[108] Zit. nach ebd., S. 67. [Anm. B. Beck.]

[109] Vgl. dazu Brownmiller (Susan Brownmiller: Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft, Frankfurt/Main 1980 (Originalausgabe New York 1975)), S. 151, sowie Ruth Seifert, Krieg wird Vergewaltigung. Ansätze zu einer Analyse, in: Stiglmayer (A. Stiglmayer: Vergewaltigungen in Bosnien-Herzegowina, in: dies. (Hg.), Massenvergewaltigungen. Krieg gegen die Frauen, Freiburg/Breisgau 1993, S. 109-216), S. 85-107, hier S. 87f. [Anm. B. Beck.]

[110] Sander/Johr (Helke Sander/Barbara Johr (Hg.): BeFreier und Befreite. Krieg, Vergewaltigungen, Kinder, München 19922.), S. 67, Abb. 14: Auszug aus dem Schreiben des Chefs des Allgemeinen Wehrmachtamts im OKW an SS-Obergruppenführer Wolff, 2.8.1943. [Anm. B. Beck.]

[111]  In einem Gespräch mit der Hannoversche Allgemeine Zeitung. Vgl. Stief 1996: „Für Vester hat die Globalisierung weiterhin nationale Grenzen. Geklagt werde über hohe Löhne und Kosten; doch auch nach Meinung der Bundesanstalt für Arbeit kämen diesem Posten im Reigen aller Standortfaktoren gerade einmal 26 Prozent des Gewichts zu. Nach wie vor gebe es eigenständige Warenkreisläufe. Innovationen seien nicht nur in kapitalintensiven Weltmarktbranchen, sondern auch in arbeitsintensiven Branchen möglich. Sie würden jedoch blockiert. Und nicht zuletzt sei auch die Staatsverschuldung durch eine andere Politik zu korrigieren.“

[112]  Vgl. Oran 1999 („Bedeutet Globalisierung Imperialismus?“); Ahlers 1999.

[113]  Im übrigen ist auch hier noch eine zumindest partielle Einbeziehung der schon angesprochenen klassischen Erklärungsansätze über Wirtschaftskrisen und die »Vermachtung der Märkte« durch Hofmann 1969 möglich und auch didaktisch sinnvoll (Vgl. Fußnote 19).

[114]  Die Kontroverse zwischen Milieu-Theoretikern und Behaviouristen oder Soziobiologen, den die genetische Prägung alleiniger Erklärungsrahmen für menschliches Verhalten ist, zieht sich durch die Wissenschaftsgeschichte und hat heute wieder erkenntnistheoretische Brisanz in den Science Wars erhalten, in denen die Wissenschaftlichkeit als solche zwischen Humanwissenschaften und Naturwissenschaften gegenseitig in Frage gestellt wird. dass hier teilweise Scheinkontroversen geführt werden, die in der Subjekt-Objekt-Dichotomie als Teil des abendländischen dichotomen Denkens wurzeln und letztlich auf unterschiedliche begriffliche Entdifferenzierungen zurück zu führen sind, sei nur am Rande angemerkt.

[115]  Wenn gesellschaftliche Prozesse nicht grundsätzlich mehrschichtig und komplex wären, würde sich sicher mit einer gewissen Berechtigung die vordergründige Erklärung aufdrängen, dass mit dem Fach Deutsch ausgrenzende, einem renationalisierten Bewusstsein verpflichtete politische Bestrebungen zu Grunde liegen und dass mit dem Fach Mathematik eine Mischung zwischen »Ehrfurcht und Schauer« vor Fähigkeiten, die in der Öffentlichkeit kaum begriffen oder nachvollzogen werden (die Legende eigener Schulerfahrungen, dass eben gute mathematische Leistung angeblich den »guten Schüler« ausmachen würden), und dem Wunsch nach elitärer Ausgrenzung gegenüber neuen Aufsteigerschichten. Die Ironie liegt daran, dass Mathematik als formalisierte Sprache oft Ausländern oder vor allem Aussiedlern aus Osteuropa, die den so genannten Ober- oder Intelligenzschichten entstammen, besondere Chancen zum Ausgleich von noch vorhandenen allgemeinen Sprachdefiziten gibt. Schichtunabhängig ist diese traditionelle Definition von »Hauptfächern« aber niemals, im Gegenteil, sie läuft dem Konzept emanzipativer und fördernder Erziehung zuwider.

[116]  Diese den Lehrerinnen und Lehrern vor allem aus der Referendariatszeit wohlbekannten didaktischen Schemata brauchen hier nicht mehr eigens diskutiert zu werden, da sie für ein diskursives Konzept einer erneuerten Politikdidaktik keine Bedeutung mehr haben. Sie sind heuristische und pragmatische Modelle, deren lernpsychologische Relevanz ebenso fragwürdig ist wie ihr praktischer oder fachlicher Nutzen. Schlagwörter wie „vom Nahen zum Fernen“ wurden  schon ideologiekritisch angesprochen; die anthropologischen Stereotypien die hinter Leitvorstellungen wie „Sequenzialität“ „Säulen-, Spiral- oder Schichtcurriculum“, „Stufencurriculum“ stehen, bedurften einer eingehenderen kritischen Würdigung. Ihr wissenschaftlicher Wert ist grundsätzlich in Frage zu stellen.

[117]  In der politischen Analyse ist noch eine weitere Dimension zu berücksichtigen. Die traditionelle Einheitlichkeit des Lernens in den Fächern und die Vernachlässigung separater Lernangebote für die grundlegenden Kulturtechniken vor allem in der weiterführenden Schulausbildung bevorzugt massiv diejenigen Schülerinnen und Schüler, deren familiare Sozialisation und durchlaufene Schulbiographie dem traditionellen Mustern des „deutschen Bildungsbürgertums“ entspricht, das selbst dieses Fachprinzip im Schulwesen durchgesetzt hatte. Die Aufstiegs- und Integrationsbarrieren, die das institutionelle Gerüst der Schule vor allem weniger integrierten Sozialgruppen in den Weg legt, ist Teil des „Verdeckten Curriculum“ der Schule und Teil eine sozialen Privilegierung; ob dieses so gesellschaftlich oder politisch gewollt, hingenommen oder als grundsätzliches Problem verstanden wird, dürfte in der Gesellschaft sehr kontrovers gesehen werden. Unsere Überlegungen sollen dazu beitragen, die Folgen solcher institutioneller struktureller Barrieren abzubauen.

[118]  Erfolgreiche Muster für solche Angebote finden  sich heute vor allem bei Einführungs- und Fortgeschrittenenkursen im Bereich Computernutzung und Neue Medien (z.B. Internet); es wäre nicht ausgeschlossen, Rechnen, Rechtschreibung, Rhetorik und andere Techniken als verpflichtende aber zeitlich individuell zu staffelnde Kursangebote bis in die gymnasiale Oberstufe hinein ähnlich wie Instrumentalunterricht in der Musik oder leistungsdifferenzierte Sportkurse anzubieten. Das es organisatorisch und didaktisch möglich ist, ist erwiesen. Es setzt nur ein Umdenken z.B. in den Fächern Deutsch und Mathematik voraus, die einerseits wesentlich „entschlackt“ werden, andererseits aber in Bezug auf ihre angebliche Vorrangstellung in Begründungsschwierigkeiten kommen dürften. Und hier liegt das Problem der praktischen Umsetzung dieser Vorschläge.

[119]  Philosophisch ist hier auf eine immanente Relativierung der Subjekt-Objekt-Beziehung zu verweisen, bei der zum einen ein erweiterter Kommunikationsbegriff zu verwenden ist, in dem jegliche Hinwendung des Erkenntnissubjekts zu seiner Außenwelt – die im Sinne der Kulturwissenschaften oder Legendres nur im Rahmen existentieller Institutionalisierungen überhaupt bewusst wahrgenommen werden kann, wobei soziale und materielle Umwelt qualitativ nicht unterscheidbar sind, sondern immer als gesellschaftlich vermittelte Entitäten auftreten  – als Kommunikation zu begreifen ist, und innerhalb der zum andern die Hinwendung des Erkenntnissubjekts zu seiner Außenwelt strukturell und notwendig Selbstbezüglichkeit voraussetzt und wiederum neu evoziert: letztlich die klassische didaktische Problemstellung.

[120]  „Es gibt keine Lehrer mehr. Jene Lehrer, auf die man sich bezieht, wenn man für oder gegen ein Kunstwerk, eine wissenschaftliche Theorie, eine politische Entscheidung plädiert, sind offensichtlich zu historischen Figuren geworden. ... Bedarf es, um zu lernen, was Welt ist, nicht eines korrigierenden, eingreifenden, präsenten Lehrers oder wenigstens des geduldigen Lesens, Hörens, Begreifens von in schriftlichen Dokumenten, in Bildern und Tonaufzeichnungen festgehaltenen Ideen bereits verstorbener Lehrer? Mit Computer-Disketten, CD-ROM, Videos, Internet-Surfen wird das Wissen über die Zusammenhänge der Welt um gigantische Dimensionen erweitert. Aber wird damit der Lehrer in personam überflüssig, von dem man lernen kann oder sich durch eigene Arbeiten emanzipieren kann? Gegen den man fluchen oder für den man demonstrieren kann?“ Carl Wilhelm Macke: Nachruf auf den Lehrer. Frankfurter Rundschau

[121]  Es ist zu erwarten, dass Praktiker und »Routiniers« des Politikunterrichts ebenso wie die Fachleiter der zweiten Ausbildungsphase in den Studienseminaren diesen kritischen Zustandsbeschreibungen und den geforderten didaktischen Auf- und Umbrüchen kaum zu folgen bereit sein werden, da sie sich einer scheinbar gesicherten Unterrichtspraxis verpflichtet wissen, die im Sinne einer pragmatischen Methodenoptimierung die Dimension des Selbstverständnisses und der gesellschaftlich-diskursiven Grundlagen curricularen Denkens ausklammern müssen und letztlich für wenig praxisrelevant halten. Diese Summierung von Innovationshemmnissen und Blockierungen gegenüber einem notwendigen grundlegenden Paradigmenwechsel sind nur vor dem Hintergrund einer Analyse der biographischen Kontexte und Brüche der Politik-Lehrerinnen und -Lehrer zu verstehen. Vgl. zu dieser Thematik u.a. Voigt 1998a, S. 237 ff. und ders. 1998b und 1998c.

[122]  Dazu u.a. Hagner 1999, Scharping 1999

[123]  Dies zeigt aber auch eine tiefe Unsicherheit der Lehrerschaft gegenüber dem eigenen Rollenverständnis und gegenüber einer zunehmend als unübersichtlich wahrgenommenen sich ändernden gesellschaftlichen Realität!

[124]  Z.B. das NLI in Hildesheim für Niedersachsen, das organisatorisch im Kultusministerium zusammengefasst worden ist mit der weiter bestehenden Landeszentrale für Politische Bildung in Hannover.

[125]  Vor allem an Akademien in der konfessioneller Trägerschaft wie den evangelischen Akademien in Tutzing oder Loccum, oder in gemeinnützigen, daher oft thematisch spezialisierten Häusern, wie der Bildungsstätte des Internationalen Arbeitskreises Sonnenberg in St. Andreasberg im Harz. Andere Häuser werden für die staatliche Lehrerfort- und Weiterbildung angemietet oder auch organisatorisch beteiligt wie das katholische Ludwig-Windthorst-Haus in Lingen (Ems).

[126]  In unserer auf die Formulierung diskursiver Schlüsselprobleme hin orientierten Auffassung von öffentlichen Diskursfeldern spielt zusätzlich und mit erheblichen Gewicht auch die Vorstellung von Mehrschichtenmodellen der Realität und der gesellschaftlichen Kommunikation eine Rolle, die eine Reduzierung auf sehr viel eingeschränktere Problemdefinitionen und Themenstichworte eigentlich ausschließt. Doch sollte der Diskursbegriff selbst ebenfalls im diskursiven Kontext konzeptualisiert werden, so dass die Grenzen zwischen realen öffentlichen Diskursen und innergesellschaftlichen Problemfelddefinitionen durchaus fließen sein können und unter einer breiteren sozialen Einbeziehung sich auch zu Diskursen in unserem Sinne ausweiten lassen. Die drei nachfolgend kurz erörterten gesellschaftlichen Problemfelder »Ökologie«, »Feminismus« und »Gewalt und Interkulturalismus« weichen durch ihre sehr stark eingeengte und tagespolitisch fest gruppenspezifisch zugeordnete Bedeutungswahrnehmung, die die Aufmerksamkeit eher auf das Problem ihrer Funktionalisierbarkeit im Prozess der Machtauseinandersetzungen lenken als auf ihren diskursiv erschließbaren gesellschaftlichen Problemgehalt, von den umfassenden und offenen Diskursvorstellungen ab, die Distanz und Rationalität erfordern und erst so ihre didaktische und curriculare Relevanz zur Begründung von gültigen Schlüsselproblemen erfahren.

[127]  Die Peinlichkeiten der Auseinandersetzungen um ein dringend erforderliches neues Staatsbürgerschaftsrecht für die Bundesrepublik Deutschland Ende 1998 / Anfang 1999, eine populistische und von verfälschenden und unangemessenen Argumenten gestützte, aber in der unaufgeklärten und angstgeleiteten Bevölkerung äußerst erfolgreiche Unterschriftendaktion der CDU/CSU gegen den so genannten »Doppelpass«, d.h. gegen die (auch heute in gewissen Fällen ja schon durchaus mögliche) doppelte Staatsangehörigkeit, und der schließlich von der Koalition und Teilen der FDP getragene und verabschiedete, jedoch inkonsistente und völlig unzureichende »Kompromiss« zeigen, dass sich in der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland eine Übereinstimmung der Volks- und Nationsvorstellungen des politisch konservativen Teils der politischen Eliten unabhängig von der konkreten Parteizugehörigkeit und eines großen Teils der Öffentlichkeit gibt, dass es sich also um herrschende Vorstellungen handelt. Das dürfte wiederum eines der Krisensymptome unserer Thematik sein, die der Krise auch der Politischen Bildung zu Grunde liegt.

[128]  Lehrerfortbildungskurse in diesem Bereich verengen sich zunehmend auf den Versuch, Rezepte zum Umgang mit »gewalttätigen« Schülerinnen und Schülern vorzustellen und die psychologische und rechtliche Bedeutung von Disziplinarmaßnahmen zu erörtern. Gesamtgesellschaftliche Perspektiven werden hier nicht entwickelt.

[129]  In den 50er Jahren für die Bundesrepublik Deutschland sicherlich legitim und als Reaktion auf noch nicht verarbeitete zeitgeschichtliche Erfahrungen sinnvoll und gesellschaftlich fortschrittlich, wirkt das Konzept einer »Westorientierung« und Wertbindung an eine westliche Wertegemeinschaft als didaktische Leitidee der Politischen Bildung z.B. bei Gagel heute merkwürdig anachronistisch und letztlich obsolet. Das Notwendige ist bei Claußen 1997 gesagt worden, auch wenn Gagels Replik (1998) ehrenhaft und durchaus nachvollziehbar erscheint.

[130]  Konnten in den 70er und 80er Jahren besonders motivierte Schulen z.B. im Rahmen der UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit ein wichtiges internationales »Netzwerk« der Begegnungen und des Austausches aufbauen, das Dritte-Welt-Paten- und Partnerschaften ebenso umfasste wie aktiv betriebene Schulpartnerschaften mit Ländern, gegenüber denen in der deutschen Öffentlichkeit besonders verhängnisvolle Negativstereotypen vorherrschten und wohl auch noch heute vorhanden sind, wie z.B. mit Polen oder der Türkei (vgl. die Berichte von Nettelmann und Voigt zu diesen Programmen – hier am Beispiel der UNESCO-Projekt-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover – im Literaturverzeichnis), finden sich heute kaum noch Lehrkräfte oder wirklich motivierte Schülerinnen und Schüler, die dieses Konzept inhaltlich nachvollziehen und aktiv tragen wollen. Sogar schrecken heute Schulleitungen davor zurück, Polen- und Türkei-Kontakte öffentlich werbend einzusetzen aus sehr ängstlichen Befürchtungen, gewisse Elternkreise damit vor einer Entscheidung für den Schulbesuch ihrer Kinder in diesen Schulen abzuschrecken. Einmal werden im Bezug auf die genannten Vorurteilshaltungen damit in der Öffentlichkeit Prozesse der self-fulfilling prophecy evoziert, zum anderen dürfte diese Art der vorurteilsaffirmativen Ängstlichkeit ein verhängnisvolles Signal für das pädagogische Selbstverständnis einer UNESCO-Schule sein (oder auch generell eines Schulwesens in einer weltoffenen und liberalen Demokratie, die auf die Zivilcourage ihre Bürgerinnen und Bürger angewiesen ist).

[131]  Dies würde der Verfasser spiegelbildlich auch unter »männlichen Vorzeichen« genauso kritisieren, da er in ihnen die notwendige Distanzfähigkeit und philosophische Rationalität einer interpersonalen Vermittelbarkeit grundsätzlich vermisst und diese Arbeitsansätze nicht für Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen für zulässig hält.

[132]  Deutliche sozialpsychologische Hemmschwellen sind hier auszumachen, da dieses »Umweltbewusstsein« zu einem moralisierten und moralisierenden Lebenskonzept gehört, das einer rational-distanzierten Infragestellung nicht offen ist. Generell ist hier das Problem des »Moralismus« anzusprechen, der eine denkbar schlechte Grundlage für ein pädagogisches Selbstverständnis abgibt. Das ist jedoch nicht misszuverstehen mit einer Ablehnung einer ethischen Bindung der eigenen Lebensführung, die sich mit rationalen, distanzierten und auf Empathie und Toleranz ausgerichteten pädagogischen Leitvorstellungen im Gegensatz zu einer moralistischen Perspektivverengung durchaus vereinbaren lässt.

[133]  Es soll darauf hingewiesen werden, dass die unterrichtlichen Probleme vieler Kolleginnen und Kollegen mit »Umweltthemen« nicht auf mangelnde Verfügbarkeit von geeigneten Unterrichtskonzepten zurückzuführen ist, die die genannten Voraussetzungsprobleme erkennen und bewältigen helfen könnten; auch die Lehrerfortbildung hat hier durchaus positive und aufklärerische Leistungen erbracht, auch wenn davon heute nur noch wenig nachgeblieben ist. Dabei soll auf den umfangreichen Sammelband zur Umweltpädagogik von Claußen und Wellie 1996 hingewiesen werden, in dem auch der Verfasser mit einem didaktischen Konzept für die Sekundarstufen vertreten ist.

[134]  Die stereotype »Lehrerbeschimpfung« durch führende Politiker führt sicherlich im Bildungsbereich – vice versa – zu einer ebenso stereotypen und irrationalen »Politikverdrossenheit«, die letztlich das Ende einer innovativen Politischen Bildung sein kann. Inhaltlich ist sie genaues haltbar und interessant wie eine Schornsteinfegerverdrossenheit...

Dokument Information

Überarbeitete und sprachlich revidierte Veröffentlichung einer Manuskriptfassung von Voigt, Gerhard, 2001g: Perspektiven der Politischen Bildung in der Gegenwartsepoche: didaktische und methodische Akzente für die Praxis als Beitrag zur Krisenbewältigung der Politik. In: Claußen, Bernhard / Donner, Wolfgang / Voigt, Gerhard, Hrsg., 2001: Krise der Politik – Politische Bildung in der Krise? Diskurse im Kontext von Globalisierung und Ost-West-Perspektiven. Materialien aus der Zusammenarbeit zwischen der Akademie für Wirtschaft, Politik und Kultur Mecklenburg-Vorpommern und dem Verband der Politiklehrenden. Demokratie und Aufklärung: Kritische Sozialwissenschaften und Politische Bildung im Diskurs – Materialien –, Band 1. Galda + Wilch Verlag. Glienicke/Berlin / Cambridge/Massachusetts: 331-462. Verwendung mit Genehmigung der Rechteinhaber. - Internetausgabe 11.07.2011. Parallelausgabe als Sonderheft von Politik Unterricht Aktuell 2011 in der Internet-Version auf http://www.pu-aktuell.de
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