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Veröffentlichungen und Texte
Emder
Arbeitskreis
II. Was soll Schule
leisten, was kann unsere Schule
leisten?
Eckart Jander / Gerhard Voigt
(Emder Arbeitskreis)
1. Ein neuer Ansatz der Schulreform
erfordert eine
Überprüfung der Reformbegründungen
Die heutige Situation ist
Ausgangspunkt der
Reformüberlegungen
2.
Lern‑ und Lebensort Schule
2.1 Der Schüler
2.2 Die Schule
3. Die Lernsituation
Impressum
Die Schulreform der
siebziger Jahre ist nicht an ihrem Ungenügen gescheitert, sondern aus
politischen Gründen vom konservativen Interessenbündnis aus Politikern,
bürgerlichen Elternvertretern und Standesinteressen von Gymnasial- und
Hochschullehrern beendet und zurückgedreht worden. Das gilt vor allem für
Gesamtschul- und Ganztagsschulkonzeptionen, Integration allgemein bildender
und beruflicher Bildung, Abkehr vom traditionellen Fächerkanon und für die
Zielsetzung emanzipatorischen Unterrichts.
1. Ein neuer Ansatz der Schulreform erfordert eine
Überprüfung der Reformbegründungen
Fragen
zur Situation der „Schulkritik"
Ist die Schulreform
gescheitert? Ist unsere Schule überhaupt reformierbar? Das Unbehagen an der
Schule ist heute wieder vorhanden wie in Zeiten vor der „Reformphase";
Schulkritik besinnt sich wieder ihrer Aufgabe, Anstöße zur Veränderung zu
geben. Es ist also genauer zu fragen: Was ist an Reformideen gescheitert und
an welchen Widerständen scheitern Veränderungsimpulse. Wir wollen diesen
Fragen von der grundsätzlichen Problematik her beikommen, die aktuellen
politischen „Zufälle" einmal außer Acht lassen.
Ein Neuanfang kann in
der heutigen Situation nicht dabei ansetzen, die „Existenzfrage" zu
stellen, ob Schule als staatliche Institution überhaupt notwendig und
wünschenswert ist. Die gesellschaftliche Realität hat auf lange Sicht dafür
eine pragmatische Antwort gegeben; ein Neuanfang ohne Berücksichtigung
vorhandener Realitäten ist Utopie, zumal wenn die Überlegungen auf
praktische politische Impulse hinzielen.
Reformansätze allein im
pragmatischen Bereich der Stundentafeln‑Arithmetik und der Verschiebungen
von Fachschwerpunkten zwischen gerade modischen oder aktuellen Inhalten sind
ebenso unergiebig, da sie perspektivlos‑kurzatmig bleiben und zentrale
Probleme, mit denen sich die Kritik an der heutigen Schule
auseinanderzusetzen hat, ausklammert.
Es ist also bei der
konkreten Schulkritik anzusetzen und der Blick auf die Realität der Schule
zum Ausgangspunkt von Überlegungen zur Veränderungen der Schule zu machen.
Schon diese eingrenzenden Vorüberlegungen lassen als Motiv einen zentralen
Kritikpunkt an der Schule anklingen: das unausgewogene, gestörte Verhältnis
von Theorie und Praxis, wobei wir hier Praxis vor allem als
gesellschaftliche Praxis verstanden wissen wollen.
Zusammengefasst:
Grundsätzliche Alternativen zur Industriegesellschaft und zum
bürgerlich‑demokratischen Sozialstaat sind nicht zu erkennen. Die
staatliche, institutionalisierte Schule ist daher weiterhin hauptsächliches
Objekt von Reformvorstellungen und politischen Reformversuchen. Schule
darf aber nicht kritiklos verfehlte gesellschaftliche Praxis (Entfremdung,
Persönlichkeitsreduktion, Konkurrenzprinzip, materielle Konsumorientierung
und massenmediengesteuerte Bewusstseinsreduktion, die eben diesen Staat in
seinem gegenwärtigen Zustand kennzeichnen) übernehmen, sondern muss eine
reflektierte, kritische, auch an den Maßstäben der Theoriefähigkeit zu
messende eigene soziale Praxis entwickeln.
Was steht dem entgegen?
Der Charakter der konservativen „Wende" wird oft missverstanden als reines
Machtspiel mit zufälligen Mehrheiten. Dabei wird übersehen, dass parallel
zur politischen Konsolidierung des Konservativismus sich erhebliche
Legitimationsbemühungen im Bereich der Theorie, des Gesellschaftsbildes und
der herrschenden Wertorientierungen vollzogen haben, vor allem auch durch
die „Besetzung von Begriffen" mit konservativen semantischen
Bedeutungsfeldern für die eigene politische Situationsdefinition. Der
Begriff „Wende" selbst gehört zu den Beispielen erfolgreich durchgesetzter
Wertbegriffe. Auf der anderen Seite erfolgt die konsequente Stigmatisierung
von Reformbemühungen und positiven Utopien als „unrealistisch, inkompetent,
den Boden der Gemeinsamkeit der Demokraten verlassend, im Verhältnis zur
Gewalt nicht klar bestimmt". Diese Urteile sind in einem entsprechend
definierten Bedeutungsrahmen eben nicht so ohne weiteres als „falsch" zu
Klassifizieren; was bedeutet, dass der Bedeutungsrahmen selbst wieder
thematisiert werden muss. Diese Evokation von realen Ängsten vor Gewalt und
Unordnung wird mit theoretischem Anspruch von den „Philosophen der Neuen
Rechten", von konservativen Gesellschaftswissenschaftlern und Historikern
wie Schelsky, Nölle-Neumann, Kaltefleitner, Golo
Mann u.v.a.m. legitimiert und von den konservativen Massenmedien
publikumswirksam umgesetzt. Eine wichtige stützende Rolle spielen dabei auch
die neoliberalistischen Wirtschaftstheorien (z.B. der Monetarismus) und
ihre, mit aggressivem Nationalismus und Militarismus verbundene Umsetzung
in den USA oder in Großbritannien. Der Neokonservativismus hat also ein
solides internationales, machtpolitisch gesichertes Umfeld. Die
gesellschaftlichen Folgen lassen sich von der auf aggressive Vorurteile und
Projektionen bauenden Ausländerpolitik über die Medien‑ und
Kommunikationspolitik bis hin zum Versuch (er Entmachtung der
Gewerkschaften verfolgen. hier werden grundlegende Wertverschiebungen in der
politischen Kultur des Landes verankert, die tiefer greifen als es ein
normaler demokratischer Regierungswechsel vermuten ließe. Ein Gegensteuern
gegen diese als schädlich und gefährlich erkannten politischen Tendenzen
muss daher den Bereich der politisch‑gesellschaftlichen
Legitimationsbemühungen mit umfassen. Es reicht sicher nicht mehr, die ‑
aus der eigenen Perspektive – bessere Politik, die funktionstüchtigeren
Umsetzungsmodelle anzubieten, da die politische Auseinandersetzung gar
nicht mehr auf dieser rationalen Ebene geführt worden. Es ist notwendig,
sich der theoretischen Auseinandersetzung zu stellen, eigene
Legitimationsstrategien verantworten zu können. In der Schulpolitik genügt
es daher nicht, das Ungenügen der derzeitigen Situation in den Schulen
aufzuzeigen und organisatorische Alternativen anzubieten, wenn nicht
gleichzeitig die herrschende konservative Gesellschaftsideologie als
Grundlage heutiger Schulpolitik aufgezeigt, in Frage gestellt und
zurückgedrängt wird.
Das Verhältnis von
Theorie und Praxis in der Schule neu bestimmen!
Heutige Schulkritik
stellt die Frage nach dem gestörten Verhältnis von Theorie und Praxis in
der Schule oft mit einer verallgemeinernden Akzentverschiebung, die das
Problem eher verstellt als erleuchtet: „Praxisferne" des Unterrichts
spiegele einen gesellschaftlichen Antagonismus: Schule gleich Theorie,
„Leben" als Praxis, auf die die Schule vorzubereiten habe, ohne sich ihr
selbst zu stellen. Diesen Kritikansatz halten wir für unfruchtbar; das
Theorie‑Praxis‑Problem erhält erst dann die ihm zukommende zentrale Stellung
in der Schulkritik, wenn es sich als ein Problem eines gestörten
Verhältnisses in der Schule selbst versteht.
Schule ist, auch während
sie Theorie vermittelt, für alle Beteiligten, Lehrer wie Schüler, aktuelle
und alltägliche soziale Praxis; Pädagogik selbst ist ein Musterbeispiel
reflektierter sozialer Praxis. Die intuitiv erkannte und kritisierte
Folgenlosigkeit schulischer Sozialpraxis für andere gesellschaftliche
Lebensbereiche, wie die Erkenntnis unterschiedlicher sozialer Regelsysteme
und Wertprämissen in den verschiedenen gesellschaftlichen Teilsystemen,
liegt in bestimmten Prämissen des gegenwärtigen Verhältnisses der
Gesellschaft zur Institution „Schule"; dieses Verhältnis muss kritisch
revidiert werden; allein eine angebliche „Praxisorientierung" der Schule
bedeutet viel zu leicht Kapitulation vor gesellschaftlichen
Fehlentwicklungen.
Die Schule wird als
soziale Ausnahme‑ und Schutzzone definiert, die Folgenlosigkeit geradezu zum
Gütekriterium erhebt. Wird dies so akzeptiert, kann sich soziales Verhalten
allein an den Bedingungen der Innensicht der Schule entwickeln. Ob diese
„Spielwiese" des Sozialverhaltens letztlich nicht zu einem
institutionalisierten „Autismus" der sozialen Gruppen in der Schule führt,
sei hier nur vermutet. Immerhin wird eine solche isolierte Schule kaum
gesellschaftlichen Rückhalt gegen machtpolitische oder ideologische
Einvernahme durch herrschende Gruppen finden. Genau diese „Distanz" zur
Gesellschaft wird aus eben diesen Gründen gefördert und von der Schulkritik
zu vordergründig als „Theorielastigkeit" der Schule beschrieben.
Die Sicht der Schule als
„Spielwiese für Unmündige" verdrängt, dass für einen großen Abschnitt der
Lebenszeit jedes Menschen in unserer Gesellschaft Schule die bestimmende
soziale Umwelt, die reale und drängende soziale Erfahrung bedeutet. Die
Schule muss sich, ganz unabhängig von ihrer auf eine mögliche Zukunft hin
orientierte pädagogische Zielsetzung und ganz unabhängig von den
Zielvorstellungen des Lehrpersonals, als institutionalisierte
gesellschaftliche Realität ernst nehmen und die Wirksamkeit dieser Seite
ihrer Funktion für den Schüler, sei es als Herrschaftsinstrument, sei es
als sozialer Handlungsrahmen, kritisch im Bewusstsein halten, ehe noch
überhaupt über inhaltliche Ziele und Utopien zu sprechen ist.
Das so genannte
„Alltagsleben" außerhalb der Schule ist nicht mehr und nicht weniger soziale
Praxis als die Schule selbst. Negativ ist eher der offensichtliche
Theoriedefizit, der Reflexions‑ und Bewusstseinsdefizit, die mangelnde
Zukunftsorientierung des „alltäglichen Sozialverhaltens" in der
Industriegesellschaft zu bewerten. In der entfremdeten Existenz in der
industriellen Massengesellschaft verdrängen Medieninhalte reale
Erfahrungen. Wir sehen in der Gesellschaft einen gefährlichen
Rationalitätsverlust. Dass diese alltäglichen Grunderfahrungen und
Wertmuster auch en die Schule tangieren, sie vor fast unlösbare
Identitätskonflikte stellt, scheint nur selbstverständlich zu sein.
Die Chance, die sich aus
dieser Umbewertung des Theorie‑Praxis‑Problems für die Schule ergibt, ist
daher gerade, in der Schule eine veränderte soziale Praxis zu erproben, die
bewusst und kritisch erfahrbar gemacht wird. Dies berührt noch einmal die
Forderung, das Rationalitätsprinzip zum zentralen Aspekt der
Lebensbewältigung zu machen. Rationalität, eine durchaus wertbesetzte
Kategorie, bedeutet die Fähigkeit, Distanz zur Realität und zu sich selbst
zu schaffen, um über die spontane Bewertung hinweg zur kontrollierten,
nachvollziehbaren verantworteten Beurteilung einer sozialen Situation zu
gelangen: In gewisser Weise die wichtigste Fähigkeit, die der Mensch in der
Gesellschaft entwickeln kann.
Nicht ein angebliches
Praxisdefizit ist das Problem der Schule, sondern die Unsicherheit darüber,
was soziale Praxis in unserer Gesellschaft bedeutet, wie sie wahrgenommen
wird und wie sie gestaltet und verändert werden kann. Die soziale Praxis in
der Schule ist zwar nicht identisch mit der sozialen Praxis in
gesellschaftlichen Lebensbereichen wie Familie, Beruf oder Öffentlichkeit,
reagiert aber in vielfältiger, oft undurchschauter Weise auf diese Praxis.
Schule kann sich diesen vielfältigen Deformationen des sozialen Umgangs in
den öffentlichen und privaten Lebensbereichen nicht entziehen, sie reagiert
in ihrer institutionstypischen Weise auf die Herrschaftszynismen (Sloterdijk),
auf die Deformation des Leistungsgedankens zur Konkurrenz‑ und
Ellbogengesellschaft, auf die entfremdeten Arbeitsbedingungen, Anonymität
und alltägliche Aggression. Alles dies findet sich als verfehlte soziale
Praxis auch in der Schule wieder. Was wir als Praxisdefizit definieren, ist
die Deformation des Wahrnehmungsvermögens in der Schule selbst, die noch zu
oft meint, anderen als den geschilderten Bedingungen zu unterliegen, ja, die
in Unterrichtsinhalten und Lehrplänen, im Bewusstsein ihrer Lehrer selbst
dazu tendiert, die verfehlte Praxis der Gesellschaft zu negieren oder
idealistisch umzudeuten ‑ im krassen Widerspruch zur außerschulischen
Wahrnehmung des Schülers. Sie erzeugt damit ein deformiertes Bewusstsein,
setzt unlegitimierte Herrschaftsansprüche in die soziale Praxis um und
verhindert gerade durch die Tabuisierung und Umdeutung des Praxisbegriffes
Ansätze zur sozialen Veränderung ‑ in der eigenen Institution wie in der
Gesellschaft überhaupt. In diesem Sinne ist die Schule eine Agentur der
Bewusstseinsdeformation und eine Agentur des sozialen Theoriedefizits der
Gesellschaft. Wie jede Institution ist sie in ihren sozialen Wirkungen aber
ambivalent, sie kann und muss mit anderen Inhalten gefüllt werden und
sollte sich zu einer Agentur der Aufklärung entwickeln. Diesem Ziel dienen
unsere kritischen Reflexionen.
Schule in diesem Sinne
ist ein sozialer Ort, in dem sich die Chance einer erneuerten sozialen
Praxis ergibt, die die Reflexionsfähigkeit erhöht. Andererseits kann sicher
eine Veränderung der Schule allein keine Veränderung der verfehlten sozialen
Praxis in der Gesellschaft bewirken; der Prozess muss in ein umfassendes
gesellschaftspolitisches Konzept einbezogen werden. Von der Realität
abhebende Schulutopien können als auf Breitenwirkung angelegte politische
Konzepte sich gerade einer solchen geforderten politischen Integration der
Schulreform sperren. Sich mit der Praxis in der Schule zu befassen,
bedeutet, die Theoriefähigkeit der Schule zu erhöhen. Dabei setzen wir die
Prämisse, dass Theoriefähigkeit wesentlicher Bestandteil der
Lebensfähigkeit ist; je komplizierter und unüberschaubarer die sozialen
Makrostrukturen werden, je schneller sich die erfahrbare Umwelt des
einzelnen ändert, desto weiter muss die Fähigkeit zur rationalen Distanz
entwickelt werden. Freiheit des Denkens ist keine anthropologische Vorgabe
oder gar grundgesetzlich verordnete Tatsache sondern Folge und Ziel
bewusster Gestaltung der sozialen Praxis, aus der heraus sich erst eine
Zukunftsorientierung der Schule legitimieren lässt.
Schule ist für
Schüler da:
Die Schule muss in Umgangsform und in ihren Inhalten von der der
Lebenssituation und von den Lebensperspektiven der Schüler
ausgehen. Daraus leiten wir folgendes Postulat ab: Nur schülerzentrierter
Unterricht und schülerzentrierte Schulorganisation hat die Berechtigung,
vom Schüler Lebenszeit einzufordern.
Soziale Bedürfnisse des
Schülers, denen sich die Schule noch vor allen Vermittlungsansprüchen zu
stellen hat, sind:
-
das Leben des Schülers
in einer für ihn oft undurchschaubaren, anonymen, als feindlich
empfundenen Massengesellschaft; Orientierungsprobleme und Entfremdung;
-
das Ausgesetztsein einer
nicht reflektierten, manipulativen Medienrealität: das „langsame
Entschwinden der Realität";
-
die
Generationskonflikte, die heute vor allem durch Sprachlosigkeit der
Beteiligten und durch geschwätzige Assimilation und Manipulation in der
„öffentlichen Meinung" gekennzeichnet sind: Jugendsubkulturen,
Perspektivlosigkeit, Wertkonflikte;
-
die
Jugendarbeitslosigkeit, Jugendfeindlichkeit der sozialen Umwelten;
-
die strukturelle und
personale Aggressionserfahrung.
Es kann nicht Aufgabe
der Schule sein, diese negativen sozialen Erfahrungen zu leugnen. Schule,
vor allem staatserhaltende Schulpolitik, neigt dazu, der Schule diese
Aufgabe der Verdrängung sozialer Realität und Wahrnehmung zu stellen, die
Akzeptanz des Staates und seiner Organe, schließlich der gesellschaftlichen
Ordnung selbst, zu erhöhen durch ein entsprechendes „Ausblenden" und Leugnen
von Konflikten und politischen Krisen; Legitimationskonflikte sollen vor
dem Schüler verschleiert werden.
Wo dies nicht erreicht
werden kann, tritt an die Stelle der politischen Bewusstseinsmanipulation
die resignative Strategie „auszuklammern und auszusitzen": Die Schule muss
aber negative Erfahrungen aufarbeiten, in Handlungsbereitschaft umsetzen, Widerstandspotentiale aktivieren. Wir fassen diese Wertentscheidung in
folgendes Postulat:
Ohne Mut zur Wahrheit
ist Schule eine Todsünde am Schüle.
Die soziale Praxis in der Schule muss dein Schüler positive
Erfolgserlebnisse vermitteln, seine Persönlichkeitsentwicklung
stabilisieren und ihn als Subjekt des Lernens und nicht als Objekt von
„Beschulungsversuchen" ernst nehmen. Dabei hat die Förderung des Schülers
Vorrang vor Auslese und Elitedenken. Das hat auch merkliche Auswirkungen auf
die Zensierungspraxis. Die Schule muss zum geeigneten gesellschaftlichen
Ort werden, an dem der Schüler sein Verhalten als relevante soziale Praxis
erfahren und ihre Bedeutung für die gegenwärtige Situation erkennen kann.
Die schulische Praxis orientiert sich zunächst an der Gegenwart und der
Situation des Schülers.
Die heutige Situation
ist Ausgangspunkt der Reformüberlegungen
Unbehagen an der
Institution Schule, wir wiederholen es, ist eine Aufforderung, auch von
Seiten der Pädagogik her Grundsatzprobleme im Bewusstsein zu behalten.
Ungute soziale und individualpsychologische Folgen der Schule wie
Leistungsdruck, negative Ausleseprozesse, Entsozialisierung des
Schülerverhaltens, verdeckte Curricula, Verrechtlichung und Anonymisierung
ergeben berechtigte Kritikpunkte, bei denen nicht abzusehen ist, wieweit
sie durch eine Reform innerhalb des Bestehenden zu beheben sind.
Grundsatzkritiken wie die von Illich, aber auch positive Reformbeispiele
aus dem „freien Schulwesen» können nicht übergangen werden. Das sind Fragen,
denen sich unsere Gesellschaft noch eindringlicher wird stellen müssen. Doch
sind dies keine Folgen einer Theorielastigkeit der existierenden Schulen,
sondern Folgen der verfehlten sozialen Praxis in der Schule, die ein
Spiegelbild der verfehlten sozialen Praxis in der Gesellschaft ist. Die
heutige Institution „staatliche Schule" ist als gesellschaftliche Realität
gegeben. Ohne sie wäre, bei allen verbliebenen Vorbehalten, zu befürchten,
dass die offensichtlichen gesellschaftlichen Defizite eher verstärkt würden.
Wir gehen daher bei unseren Überlegungen davon aus, dass es auch in
absehbarer Zukunft eine Schule gibt, in der – als Regelform – organisiertes
Lernen in festen Institutionen unter staatlicher Kontrolle betrieben wird.
Und in dieser bestehenden Gesellschaft sehen wir auch viele Gründe, an
dieser Form der Schule festzuhalten (was keinen Verzicht auf Schulversuche
bedeutet): eine Schule, die öffentlich und staatlich ist, die nach
durchschaubaren Kriterien Jedem gleiche Ausbildungschancen anbietet, die
nicht verfügbar gemacht wird den einzelnen Interessengruppen der Wirtschaft,
der Kirchen, der Parteien und anderer partikularer Interessenverbände.
Demokratische Kontrolle wird in unserer Gesellschaft noch am ehesten durch
den Staat und unter staatlicher Kontrolle verwirklicht werden können.
Über die staatlichen
Schulen der Bundesrepublik unter den gegebenen Bedingungen nachzudenken,
lohnt sich; für Verbesserungen und Änderungen im Bundesland Niedersachsen
sehen wir durchaus Chancen und Spielräume.

Schema in größerem Format
Perspektivische
Begründungsansätze für eine Schulreform
Die Überlegungen zum neu
formulierten Theorie‑Praxis‑Problem führen dazu, Schule nicht zuerst
theoretisch-normativ zu definieren, sondern als veränderbare soziale Praxis
zu beschreiben. Normative Vorstellungen, auf die die Gesellschaft sicher
nicht verzichten kann, treten dabei zum einen als Beurteilungsmassstäbe bei
der Beschreibung der Realität immanent zutage, das lässt sich nicht
vermeiden, werden aber explizit erst auf der Ebene der Inhalte, d.h. der
Beschreibung der sozialen Praxis nachgeordnet, angesprochen. Es entsteht so
eine kritisch wertende Dialektik zwischen der Realität sozialer Beziehungen
in der Schule und der Gesamtheit der normativen Vorstellungen und Ziele, die
von den an Schule Beteiligten in die Institution eingebracht werden. Dabei
unterscheiden sich aus ihrer jeweiligen Interessenlage heraus Schüler‑ und
Lehrerperspektiven deutlich. Mit einem Primat der Schülerperspektive
verfolgen wir ganz bewusst eine Aussage über die gewünschte Funktion der
Schule in der Gesellschaft. Wir wählen zudem einen situativen Ansatz, bei
dem bestimmte Situationen aus dem Bereich Schule dargestellt und auf ihre
Wünschbarkeit und politische Veränderungsfähigkeit hin überprüft werden
sollen. Utopie und Realität sollten damit als in der konkreten Situation
dialektisch miteinander verbunden verstanden werden. Auch die Situation ist
keine vollständig objektivierbare Kategorie. Wir versuchen eine klare
Entscheidung voranzustellen, indem wir die schulische Situation des Schülers
aus seiner eigenen Perspektive, seiner Wahrnehmungsfähigkeit und
Interessenlage heraus beurteilen. In einer schematischen Darstellung soll
nun versucht werden, die vielfältigen Einschränkungen des Bereiches, über
den wir überhaupt zu sprechen in der Lage sind, zu verdeutlichen: Der
überwiegende Teil sowohl der Analysefelder der „gesellschaftlichen
Realität" als auch der „normativen Zieldiskussion" bleiben notwendigerweise
ausgespart.
Die These vom Primat der
Schülerperspektive ist nicht problemlos. Wir schreiben aus der Sicht des
Lehrers, des erwachsenen Bürgers heraus, der sich nicht unmittelbar zum
Sachwalter von Schülerinteressen machen kann. Unser Ansatz muss daher auch
sein, Schülerperspektiven aus unserer Sicht kritisch zu hinterfragen und
vor allem der Frage nach zu gehen, was sich in manifestem Verhalten von
Schülern ausdrückt an vielleicht selbst nicht durchschauten Problemen und
Zwängen, an gesellschaftlichen Situationen, auf die die Schule in
spezifischer Weise reagieren muss.
Wir gehen nicht von der
Annahme aus, dass Schülerverhalten und Schülermeinung unkritisch als gut und
richtig zu bewerten sind; sie sind es genauso wenig wie irgendein anderes
Verhalten in unserer Gesellschaft. Aus der Schülerperspektive heraus zu
argumentieren, heißt demgegenüber, den Schüler als integres Subjekt seiner
eigenen sozialen Erfahrungen ernst zu nehmen und ihm nicht die entwürdigende
Objektrolle aufzudrängen, die so typisch ist für unsere entfremdeten
sozialen Verkehrsformen: und damit auch für die sozialen Erfahrungen und
Erwartungen des Schülers selbst. Das darf uns nicht irritieren. Dieser
kulturelle Kontext der Schülersituation ist inhaltlich zu ergründen. Drei
Leitfragen (orientiert an Anregungen von Th. Ziehe) sollen helfen, diesen
Kontext zu erschließen:
1. Wo drücken sich im
Schülerverhalten präformierte, eventuell persönlichkeitsfremde Haltungen
aus? Was bedeuten sie für die Persönlichkeitsentwicklung des Schülers?
2. Welche subjektiven
Probleme hat der Schüler mit der Schule? Projiziert der Schüler u.U. tiefer
liegende persönliche Probleme auf seine sozialen Beziehungen in der Schule?
3. Wie geht der Schüler
mit der Schule um? Gibt es dabei auch Verhaltens‑ und Haltungstraditionen,
die intersubjektiv vermittelt sind, affirmative wie aggressive
Ritualisierungen; wo entwickelt der Schüler eventuell selbst gegenüber der
Schule ein deformiertes Bewusstsein?
Eine Bestimmung des
kulturellen Kontexts darf nicht übersehen, dass sich die Bedeutung der
Schule für den Schüler in den letzten Jahrzehnten erheblich verändert hat.
Es findet eine deutliche Enttraditionalisierung statt; an die Stelle
personal gebundener Wertevermittlung in Elternhaus und Schule tritt immer
stärker die medial vermittelte „öffentliche Kultur", die Lebensstile,
Werthaltungen und Gruppendefinitionen anbietet und die subjektiven
Umsetzungen bis ins intime Detail hinein beeinflusst. Parallel dazu nimmt
der biographische Stellenwert der Schulzeit trotz ihrer objektiven
Verlängerung immer mehr ab. Eine Auseinandersetzung mit den Inhalten dieser
„öffentlichen Kultur" ist heute Voraussetzung didaktisch‑pädagogischer
Reflexion, da sich erst vor der Folie der medial vermittelten
Bedeutungsmuster individuelle Wertentscheidungen und Ausdrucksstile, ja
ganze Verhaltensrepertoires erschließen lassen. Zu fragen ist, inwieweit die
Schule eine Chance hat, sich einer nahtlosen Einbeziehung in die
Vermittlungsbeziehungen dieser Medien‑ und Vergnügungskultur zu entziehen.
Zunächst sollen jedoch banalere Erfahrungswelten des Schülers angesprochen
werden: Der Schüler sieht die schulische Situation aus folgenden
Perspektiven heraus:
• materielle
Erfahrungen (bauliche Umwelt, Naturbezüge)
• institutionelle
Erfahrungen (Zeiteinteilung, Organisationsraster)
• soziale Kontakte und
Interaktionen (Ungleichheit, Herrschaft, Konflikte, Kooperation, Vorbilder,
Spiel, Kommunikation, Widerstand...)
Diese individuellen
Segmente seiner Realität verdichten sich im Laufe der Zeit zu dem Erlebnis
einer „Unterrichtssituation" mit Regeln, Normen, Freiräumen und
Überraschungen; erst in diesen Bezügen wird der Schüler befähigt,
(intendierte?) Unterrichtsinhalte als ihn selbst betreffende
Realitätselemente wahrzunehmen.
Das scheint eine
ausreichende Rechtfertigung dafür zu sein, uns der Frage nach dem Sinn der
Schule nicht über die Diskussion von Inhalten sondern über die Frage zu
nähern, was der Schüler als Gesamtpersönlichkeit in der Schule erlebt, wie
er in ihr Lebenszeit verbringt und wie diese Lebenszeit als Gesamterfahrung
für seine Lebensentwürfe nutzbar gemacht werden kann.
Erst im Rahmen dieses
Gesamtbildes gelangen wir zu der Frage, wie konkreter, möglicher und
wünschenswerter Unterricht auch in Bezug auf die Zukunftsperspektiven des
Schülers auszusehen hat; hier erst kann eine sinnvolle Lern‑Zieldiskussion
beginnen.
Aber der Schüler erfährt
auch, dass es in der Institution Schule Erfahrungsmöglichkeiten und
Erlebnisbereiche gibt, die den wünschenswerten Entwicklungen und
Verhältnissen nicht entsprechen oder zuwiderlaufen. Er wird mit der
Unvollkommenheit der Realität konfrontiert. Auch das darf bei unseren
Überlegungen nicht ausgespart bleiben:
Die Schule muss als
Lernort dem Schüler ermöglichen, mit negativen Situationen und
Sozialerfahrung in einer Weise fertig zu werden, die einer stabilisierenden
Persönlichkeitsentwicklung dient.
2.
Lern‑ und Lebensort Schule
2.1
Der Schüler
Subjekt und Situation
Der Schüler geht nicht
als „Mann ohne Eigenschaften" in die Schule, sondern er bringt eine
verwirrende Vielfalt von Verhaltensmöglichkeiten, Erwartungen und Ängsten,
ambivalenten Haltungen und eindeutigen Festlegungen mit. Indem wir die oben
schon einmal angesprochenen Fragen nach dem kulturellen Kontext der
Situation des Schülers in der Schule aufgreifen, wollen wir in einigen
Stichworten zu mindestens andeutungsweise das Problemfeld inhaltlich
anreißen, um einen Eindruck von der Vielfalt der möglichen sozialen
Beziehungen des Schülers in der Schule zu vermitteln und vor zu einfachen
Schulpolitischen Lösungen zu warnen. Auf die sozialpsychologischen oder gar
tiefenpsychologischen Hintergründe der Problemfelder können wir dabei nicht
eingehen.
Der soziale Kontext
Der soziale Kontext ist
individuell verschieden, ob es sich nun um ein Schuleinzugsgebiet in einem
Arbeiterviertel mit hohem Ausländeranteil oder um ein Mittelschichtgebiet
mit wohl situiertem familiärem Hintergrund handelt. Je nachdem werden
bestimmte soziale Erfahrungen und Vorurteile, Einblicke in die Arbeitswelt
oder Haltungen zur eigenen sozialen Position eine unterschiedliche Rolle
spielen. Gemeinsam ist jedoch diesen Umwelten, dass sich in ihnen
Ablösungsprozesse vom Elternhaus und Bemühungen um die eigene
Positionsbestimmung vollziehen. Dieses Orientierungsbedürfnis des Schülers,
das eine individualpsychologische gleichwie eine soziale Seite hat, muss in
der Schule wahrgenommen werden. Gleichzeitig bleibt der Schüler in seiner
Schülerrolle in materieller Abhängigkeit vom Elternhaus und seiner sozialen
Umwelt, die ihn als Persönlichkeit minderen sozialen Ranges einstuft. Diese
Dissonanzerfahrungen zwischen Selbst‑ und Fremdbild wirken sich in der oft
ablehnenden Haltung zur Schule aus. (These von der besonderen Bedeutung der
Phase der „Postadoleszenz" in unserer „verschulten" Gesellschaft!) Vieles an
Ablehnung der eigenen sozialen Umwelt, der Verhaltensunsicherheit und
Aggression, der Ablehnung von Verantwortung, an Wertrelativismus und
Zynismus ist aus dieser besonderen Schülerrolle besonders in den oberen
Klassenstufen heraus zu erklären.
Verhaltensrepertoir
Das Verhaltensrepertoire
wird immer stärker durch die Massenmedien geprägt. Die Bereitschaft, Gewalt
als Losung sozialer Konflikte zu akzeptieren, wird dabei ebenso vermittelt
wie die Definition der sozialen Umwelt als feindlich, gewalttätig und
letztlich undurchschaubar. Es ist ein interessanter Widerspruch, dass zur
gleichen Zeit, in der die klassische familiare „autoritäre Sozialisation"
(z.B. nach Adornos „F‑Skala") an gesellschaftlicher Bedeutung
gegenüber neuen Sozialisationsformen verliert, gerade die klassischen Züge
der autoritären Persönlichkeit, Projektivität, Gewaltverherrlichung,
autoritäre Aggression oder ich-fremde Sexualfixierung, in der medialen
Umwelt dominant werden und über diese sekundäre Sozialisationsinstanz
gesellschaftlich präsent und wirksam bleiben. Kann man hier an einen Zufall
glauben? Der prononcierte, oft aggressive Individualismus jugendlicher
Attitüden ist da ebenso als psychische Abwehrreaktion verständlich wie die
im dialektischen Widerspruch dazu stehende Flucht in die exklusive
Geborgenheit von Partnerbeziehungen oder starren Jugendkulturen. Wie
drücken sich Harmoniebedürfnisse aus, die letztlich die Unfähigkeit der
Konfliktbewältigung symbolisieren. Wir glauben, dass die Schule, in aller
Behutsamkeit, an diesen Konflikten und Bedürfnissen des Schülers nicht
achtlos vorüber gehen darf. Doch wird die Rolle der Schule, die keineswegs
therapeutische Funktionen übernehmen kann oder darf, immer stärker in
Extrembereiche gedrängt und damit für die Lehrer zumindest immer
problematischer.
Öffentliche Kultur
Die öffentliche Kultur,
die kaum noch im positiven sinne als „politische" Kultur bezeichnet werden
kann, hat deutlich Surrogatcharakter, indem sie von existentiellen Problemen
ablenkt, Realitätsdeutungen, abgehoben von der persönlichen Erfahrbarkeit,
anbietet, Werthaltungen als Attribute der materiellen Umwelt festlegt und
nur noch unterschwellig vermittelt und letztlich ein zynisches Verhältnis
zur Realität aufbaut, das von den Kategorien der Verfügbarkeit,
Zufälligkeit, Schicksalhaftigkeit und Belanglosigkeit ausgeht, schließlich
die Weit nur noch als Kulisse und Inhalt ihrer medialen Verarbeitung
begreifen kann (McLuhan, Postman); politische Willensbildung
findet nicht mehr statt, argumentatives Vorgehen wird als Schwäche
verstanden ebenso wie das Bemühen um Überzeugung und Konsens und nur der
Herrschaftserhalt, mit welchen Mitteln auch immer, gilt noch als
vertretbares gesellschaftliches Ziel. Parallelen sieht man in der Schule
durchaus auch auf Lehrerseite, wenn bestimmte Unterrichtsinhalte oder
Zensurenvorstellungen allein formal legitim durchgesetzt werden sollen.
Das Bild mag hier sehr
negativ gezeichnet sein; gibt es doch in unserer Gesellschaft auch viele
positive Ansätze, unkonventionelle Gegen‑ und Unterströmungen, die noch
Hoffnungen wecken können; doch das Verhalten der politischen Eliten wird
geprägt von einem unausgesprochenen Einverständnis mit den dargestellten
Deformationen unserer öffentlichen Kultur; wo nicht Einverständnis, dort
doch resignatives Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit, diesen
Herrschaftszynismen des Aussitzens von Skandalen und unethischem Verhalten
nichts Wirksames entgegensetzen zu können. Kann die Schule hier noch
Positive Gegenbilder entwerfen, wenn sie doch von den Herrschenden für ihre
Zwecke in Anspruch genommen werden soll? Bei aller sonstigen Bedenklichkeit
liegt hier ein zentrales Argument für eine Entstaatlichung der Schule.
Lebensentwürfe
Zunächst sind
Lebensentwürfe, subjektive Perspektiven, etwas ganz Eigenes, Intimes, nicht
öffentlich Verfügbares, das nicht ohne Not der Erörterung anheim gestellt
werden darf. Doch sind Lebensentwürfe nichts desto weniger nicht zufällig,
sie reagieren auf Erfahrungen. Sinngebungen, Situationsdefinitionen. Als
Reaktionen auf gesellschaftliche Situationen sind sie auch ein Element der
Fremdbestimmung und der Manipulation des Menschen und als solche Gegenstand
der pädagogischen Reflexion.
Eine Grunderfahrung
prägt das Zukunftsbild der derzeitigen Schülergeneration maßgeblich: die
Persönliche Unsicherheit in beruflicher und privater Hinsicht:
Arbeitslosigkeit, soziale Ausgrenzung, drohende Flucht in den Alkoholismus
und soziale Diskriminierung sind ganz reale, im Anfang schon in der
Schulzeit selbst erfahrende Perspektiven, mit denen sich heute sehr viele
Jugendliche auseinandersetzen müssen. Uneingestanden steht dahinter auch
die, gar nicht so abwegige, Überzeugung, dass bisherige mit der
erfolgreichen Schullaufbahn verknüpfte Zukunftsversprechen und Privilegien
aufgehoben sind. Auch Jugendliche aus bürgerlichen Kreisen leiden subjektiv,
bei sicher objektiv besseren Zukunftschancen, an dem Verlust bisher sicherer
Privilegien einer bürgerlichen Karriere. Für die Schule ist es ein Problem,
dass subjektive Perspektivlosigkeit und objektiver Chancenverlust kaum
noch real aufeinander bezogen sind; die subjektive Hilflosigkeit hat oft
auch ein Element der pauschalen Realitätsverleugnung und ideologischen
Umdeutung in sich, die den Jugendlichen in manchen Fällen anfällig für die
rechtsradikale Realitätsverleugnung macht. Die Alternative
Aufstiegshoffnung oder Ausstiegsversuch wird akut. Da diese Unsicherheit
der Lebensentwürfe, die auch mit der Enttraditionalisierung der
öffentlichen Kultur zusammenhängt, aber andererseits auch zu einer
Entwertung des gesellschaftlichen Attributs Jugendlichkeit führt,
individuell oft nicht zu bewältigen ist, endet sie in einer „Kultur der
Unverbindlichkeit". Auch Schule wird zum Ort der Unverbindlichkeit, der
Folgenlosigkeit. Inwieweit ein Gegensteuern gerade im Interesse der
Jugendlichen auch bedeuten kann, das Besondere, Befremdliche und
Unverwechselbare der schulischen Situation zu betonen, wäre zu überlegen.
Allein ein „öffnen" der Schule zur gleichermaßen unbewältigten wie
unverbindlichen „öffentlichen Kultur", der Kultur der
Surrogatbefriedigungen, Ablenkungen und der medialen Entfremdung, kann kein
pädagogisches Konzept mehr begründen.
Altersstufenproblematik
Die Situation der
Schüler ist gekennzeichnet durch die Spannung zwischen individuellen
Erfahrungs‑ und Entwicklungsprozessen und gesellschaftlicher
Rollenzuschreibung und Situationsdefinition. Dass Kindheit und Jugend als
umrissene Altersstufen und Lebensformen keine biologische Stationen sondern
Kategorien einer historisch zu verortenden Sozialanthropologie sind, haben
u.a. Ariés und Illich nachgewiesen. Das heißt nicht, dass
nicht altersstufentypische Konflikte regelhaft in unserer Gesellschaft
auftreten und auch die schulische Situation des Schülers bestimmen, den
Einfluss der schulischen Umwelt überlagern oder in neuer Weise deuten.
Dieser Lernprozess: die Erfahrung der Fremdheit neuer sozialer Umwelten, die
Ablösung vom Elternhaus, die Versuche, sexuelle Partnerschaften zu begründen
und die eigene geschlechtliche Identität zu ergründen, ist die Grundlage der
schulischen Verhaltensrituale. Problematisch wird das Verhalten der Schule
dann, wenn sie sich unbefragt das Recht auf Steuerung und Manipulation
dieser Persönlichkeitsentwicklung, die nur zum geringsten Teil in der
Schule begründet ist. herausnimmt, wenn sie angeblich Selbstreflexion
fordert, tatsächlich aber Intimität und Individualität zur Schau stellt,
entpersönlicht und entfremdet ‑ was gar nichts zu tun hat mit einer
positiven Objektivierung von Sachverhalten. Soziales Lernen kann nur heißen,
vom Anderen keine geistige Selbstentblößung zu verlangen, Schutzzonen zu
respektieren und sozialen Voyeurismus zu verhindern. „Betroffenheit" kann
nur ganz behutsam durch den Betroffenen selbst erkannt und akzeptiert
werden. Unsere Gesellschaft muss wieder viel stärker ein Sensorium für
Peinlichkeiten entwickeln, um Persönlichkeitsautonomie und unaggressive
gesellschaftliche Umgangsformen zu entwickeln. Das Bewusstsein der
Altersstufenproblematik in der Schule kann einen Beitrag zu einer solchen
Veränderung des öffentlichen Bewusstseins leisten.
Integrative
Persönlichkeitsbilder
Der Schüler, wie er in
die Schule kommt, ist eine Individualität, deren Persönlichkeitsrechte, wie
sie sich auch im Leitbild des Grundgesetzes ausdrücken, für die Schule
unverletzlich bleiben müssen. Der Prozess der Kritik am Schülerverhalten,
der Beeinflussung von Haltungen und der Erweiterung des verfügbaren Wissens
– kurz: Schulzeit – muss als intersubjektiver Kommunikationsvorgang so
zurückgenommen werden,
– dass die persönliche
Integrität nicht verletzt wird,
– dass Angst abgebaut
und persönliche Identifikation ermöglicht wird,
– dass Realitätsbezug
und gedanklich‑analytische Klarheit auf der einen Seite auf der anderen
Seite durch Einsicht in die Grenzen der psychischen Belastbarkeit, durch
Verantwortung für die Befindlichkeit des Gegenübers, des Schülers,
abgefedert wird.
Dies ist nur möglich,
wenn die Schule sich dafür wirklich interessiert, welche konkreten Schüler
welche Erfahrungen und Wahrnehmungen in der Schule aufnehmen und zu
verarbeiten haben. Das bedeutet auch, dass Schule nicht nur „treuhänderisch"
für die „wohlverstandenen Interessen" der Schüler eintreten muss, sondern
dass sie vor allem Anderen den gegenwärtigen Schülern mit alt seiner
Individualität und Widersprüchlichkeit, mit all seinen Problemen und Kanten,
Ängsten und Wünschen ernst nehmen muss, ihn in den „Prozess Schule" aktiv
einbeziehen und zum Mitwirken an der Gestaltung seiner eigenen sozialen
Umwelt befähigen muss. Die Institution muss sich dafür ändern, die Lehrer
müssen sich dafür ändern, die Unterrichtssituation muss neu bestimmt werden.
2.2 Die Schule
Die Schule ist nach den
vorangehenden Ausführungen ein Lern‑ und Lebensort, an dem Schüler und
Lehrer viele Jahre hindurch große Teile des Tages verleben. Gar nicht hoch
genug einzuschätzen ist deshalb die Bedeutung der Rahmenbedingungen für den
Schulalltag. Die drei folgenden Faktoren lassen sich in Ihren entscheidenden
Auswirkungen auf Schüler und Lernprozesse beschreiben.
Die Gebäude mit ihren
Räumlichkeiten und Anlagen
Die gestaltete Umwelt
wird als ästhetisches und soziales Signal wahrgenommen, und zwar auch dann,
wenn der in ihr Lebende sie noch nicht bewusst analysieren und bewerten
kann. Das wird beispielhaft sichtbar an vielen trutzigen Gymnasien der
Jahrhundertwende. Funktionale Zweckbauten der sechziger Jahre vermitteln
Anonymität und Sachlichkeit, befriedigen schwerlich den Bedarf an
Geborgenheit. Unser Beurteilungsmaßstab kann auch in dieser Frage nur der
Schüler sein. Für ihn gilt ohne Einschränkung das humanistische
Wertpostulat von der Würde des Menschen. Es lässt sich eine angemessene
Konzeption denken für Schulbauten zwischen erdrückender Großartigkeit und
beengender Intimität. Hieraus lassen sich einige konkrete Hinweise für
Schulplaner ableiten:
Schulgebäude sollten
differenziert, erlebnisorientiert, kleinräumig gegliedert sein; Zonen der
Intimität wechseln mit gradueller Öffnung zur Schulöffentlichkeit. Die
sozialen Gruppierungen der Schule sollen sich in der Raumstruktur
widerspiegeln; regelmäßige Aktivitäten sollte: ebenso regelmäßig ihre
räumliche „Heimat" finden. Eine Verbindung zur Umwelt und zur Natur muss
gegeben sein; Fenster, Grünanlagen etc. sind notwendiger Bestandteil des
Schulraumes; aber als sozialer Raum muss „Schule" auch räumlich definierbar
sein, muss Übersichtlich bleiben und in seinen Grenzen erfahrbar sein (nicht
nur aus äußerlichen Gründen von Aufsicht und Haftung). Vermieden werden soll
dagegen die architektonische Anonymität und reproduzierbare Beliebigkeit
Von „Verfügungsräumen"; die Architektur muss Charakter besitzen.
Dabei wird jede einzelne
Schule ihre jeweils eigene räumliche und soziale Umwelt spiegeln.
Selbstverständlich muss eine Großstadtschule anders gebaut werden als eine
ländliche Mittelpunktschule. Es ist vom Planer zu verlangen, dass er sich
eine genaue Kenntnis des real Vorhandenen in der Umgebung der Schule
verschafft. Die Bezüge zur Umwelt muss er definieren können, Schüler und
Lehrer, die die Schule benutzen werden, muss er kennen. Das führt letztlich
zur Forderung der Demokratisierung des Planungsvorgangs selbst. Die
beteiligten Gruppen sollen ihre Schule selbst entwickeln und bauen. So wird
der Planer und Architekt in den sozialen Vorgang des gemeinsamen Planens
als Mitglied und Fachmann einbezogen und sieht seine Aufgabe vor allem
darin, bei den Betroffenen zur Sensibilisierung von Bedürfnissen
beizutragen und zu helfen, die richtigen Folgerungen aus der Realitäts‑ und
Interessenerkenntnis zu ziehen. Die Voraussetzungen für einen solchen
Planungsablauf sind in Richtlinien, Erlassen und Finanzierungsvorgaben zu
schaffen.
Die bewusste Gestaltung
der räumlich‑materiellen Welt, des Schulraumes, ist Voraussetzung für eine
schülergerechte Schule. Zurückgehende Schülerzahlen lassen die Chance
entstehen, die beengenden Grenzen der Raumknappheit zu überwinden und
behutsam die Schulen den pädagogischen Bedürfnissen anzupassen. Ein
umfassendes Programm „Verbesserung der Schulräume" ist einzuleiten.
Die Vorstellungen mögen
utopisch erscheinen, wenn der Leser sie auf eine Ihm gerade bekannte Schule
anwenden will. Die Gedenken sind aber eher ein Signal für die Defizite
bisheriger sozialer Praxis an den meisten heutigen Schulen. Häufig fehlen
Lehrern ermutigende Erfahrungen mit eigener Planung und mit zuständigen
Behörden und Gremien. Gilt doch gelegentlich bereits eine selbst bemalte
Klassenzimmerwand entweder als Triumph der Eigeninitiative oder als
unzulässiger Eingriff In die Zuständigkeit des Stadtbauamtes. An dieser
Stelle zeigt sich erneut ein Zielkonflikt, der In der Überschrift des
Kapitels angedeutet ist: Schule als Lernort und Lebensart. Noch krasser
wird diese Spannung sichtbar beim zweiten hier ausgewählten Faktor:
Die Planung und
Organisation des Schultages und des Schuljahres, das räumliche, zeitliche
und inhaltliche Neben‑ und Nacheinander
Jedem Lehrer und jedem
Schüler sind die starren organisatorischen Voraussetzungen der
institutionalisierten Schule gegenwärtig und vielfach auch suspekt; dass
das starre Schuljahr mit seinen festgelegten Abitur- und
Versetzungsterminen der wechselnden äußeren und inneren Anspannung von
Lehrern und Schülern, dass die alles zerhackende 45‑Minuten‑Stunde, auf der
sich ein rein formales Geflecht von Lehrer‑, Raum‑ und Fachwechseln
aufbaut, ohne dass daraus normalerweise so etwas wie ein Erlebnis von
Zusammenhängen, von sinnvollen Arbeitsrhythmen entstehen würde, dal also
diese starre Zeitorganisation den natürlichen Bedingungen von Lernen, von
Aufnahmebereitschaft und Aktivität meist zuwider läuft, wird dem kritisch
beobachtenden Teilnehmer an „Schule" schmerzlich bewusst.
Ein Ausbruch aus diesem
„Sachzwängen" erscheint nur schwer denkbar. Doch sollte nach Ansätzen
gesucht werden. Das Aufeinanderstoßen konkurrierender, oft gegensätzlicher
Interessen zwischen den an Schule beteiligten Personen und Gruppen wird
immer wieder organisatorische Verfestigungen nach sich ziehen. Doch darf
das Problembewusstsein dabei nicht erschüttet werden. Es gilt, die Kunst des
Kompromisses zu kultivieren.
Auf Landesebene sind
pädagogische Schulversuche zu initiieren, die alternative Fachvorstellungen
und Unterrichtsformen erproben können. Mit Praktikern besetzte Kommissionen
bereiten solche Versuche vor, begleiten sie und werten sie in zugänglichen
Publikationen aus. Wichtig sind ein sehr enger Kontakt und auch ein
wechselseitiger, regelmäßiger Austausch zwischen solchen Kommissionen und
den Teams, die an den Schulen selbst die Modelle In der Praxis erproben.
Hier haben sich bei vielen groß angelegten Versuchen der Reformzeit
Unterlassung und in der Phase der Wende Verhinderungen schädlich
ausgewirkt. Gerade die Nahtstelle zwischen der „Praxis vor Ort" und
orientierender Begleitung ist wesentlich. Überhaupt sollte vor landesweiten
Erlassen mit neuen Auflagen den einzelnen Schulen ein größerer Spielraum
gewährt sein, mit Beteiligung von Eltern und Schülern Versuche zu riskieren,
die die traditionelle Unterrichtsorganisation auflösen. Dazu gehören
Möglichkeiten wie:
• fächerübergreifende
Blockveranstaltungen, team-teaching
• epochale
Unterrichtsformen
•
Projektveranstaltungen unterschiedlicher Dauer, z.B.
externe
Unterrichtsveranstaltungen, abweichend vom derzeit gültigen „Wandererlass"
und seinen Einschränkungen oder den Bestimmungen für Landheimaufenthalte:
Gruppen Exkursionen, Seminare, längere Experlmental‑ und Empirikprojekte;
Kooperationen mit Institutionen und Gruppen außerhalb der Schule müssen
dafür möglich sein. Bewährte Vorhaben sind als Unterrichtsmöglichkeiten in
die Rahmenrichtlinien etc. auf zu nehmen.
Die ersten beiden
Verfahren würden bereits ansatzweise die starre Zeitorganisation aufbrechen,
Schüler und Lehrer an reue Formen der Zusammenarbeit und des Lernens
gewöhnen. Die letzten beiden Verfahren gehen darüber hinaus. Mit Projekten,
Feiern und Erkundungen außerhalb der Schule sowie mit Praktika wurden an
vielen Schulen in den letzten Jahres lehrreiche Erfahrungen gesammelt.
Immer von neuem gilt es dabei zu Überprüfen, welche Alternativen zur
Stundenabfolge im herkömmlichen Fachstundenplan sich als sinnvoll erweisen
und welche Rücksichtnahme aus guten Gründen geboten bleibt. Das
Grundproblem einer neuen Fachdidaktik wird weiter unter gesondert
aufgegriffen.
Spontaneität aus
situativen sozialen Bedürfnissen heraus sollte nicht grundsätzlich
unterbunden werden. Obwohl sich hier immer wieder voneinander unabhängige
Abläufe Überschneiden und potentielle Konfliktsituationen entstehen, gilt
die grundsätzliche Forderung, diese flexibleren Zeiträume gegenüber den
starren Zeitrastern auszuweiten. Grundsätzlich muss über dieses Problem
nachgedacht werden, wie überhaupt die innerfachliche didaktische
Zielreflexion beginnen kann. Das bedeutet eine Umkehr der traditionellen
didaktischen Prioritäten, ohne damit gleich die üblichen Fachansprüche ganz
abzuwerten.
Es ist wohl klar, dass
hiermit große Anstrengungen verbunden sein werden: Ein hohes Maß an
Engagement der am Schulleben Beteiligten, ein hohes Maß an Verantwortung
auch bei der Schulleitung, eine rationale Verständigung über das Niveau
gymnasialer Schulausbildung und über die Vergleichbarkeit von Leistungen.
Die Mittelinstanz erhält neue, produktive Aufgaben.
Ebenso dringlich wird es
sein, die Tätigkeit des Lehrers neu zu beschreiben.
Das Auftreten und
Verhalten des Lehrers
Der Lehrer tritt dem
Schüler als Gesamtpersönlichkeit entgegen. Wenn wir das nicht nur als
idealistische Forderung aufstellen wollen, sondern ein Bewusstsein der
Elemente dieses Auftretens für notwendig und auch erlernbar halten, werden
wir einige grundlegende Kompetenzen vom Lehrer erwarten dürfen, die über
seine fachliche Ausbildung hinaus reichen. Sinnvoll ist das im Rahmen
unserer Überlegungen nur, wenn dem eine bestimmte Wertprämisse
vorausgestellt wird:
Der Lehrer hat den
Schüler als Subjekt der Schule wahrzunehmen und darf ihn nicht in die
Objektrolle des zu Beschulenden abdrängen. Es gibt folglich keine gültige
Zieldefinition für Schule und Unterricht ohne Kenntnis und Berücksichtigung
der Person das Schülers und der konkreten Situation, in der der Unterricht
stattfindet. Die bewusst eingenommene Schülerperspektive darf uns hier aber
nicht dazu verleiten, die Interessenlage und Wahrnehmungsperspektive des
Lehrers zu vernachlässigen.
Was für die
persönlichkeitsstabilisierenden sozialen Bedingungen der Schülerexistenz in
der Schule gesagt wurde, muss insofern auch für den Lehrer gelten, wenn
nicht vergessen wird, dass seine Fähigkeit zur Interessendurchsetzung,
seine Sozialkompetenz, sagen wir es ruhig deutlich: seine Macht größer ist
als die des Schülers, der daher institutionellen Schutz eher beanspruchen
sollte als der Lehrer. Auf der anderen Seite kann ein seiner Existenz und
Arbeitswelt entfremdeter Lehrer, ein Lehrer, der selbst in seiner
Persönlichkeitsstruktur verletzt oder gefährdet ist, kann wenig beitragen zu
einer Schule im Sinne und Im Interesse des Schülers. Bewusste
Interessenvertretung des Lehrers, auch als kollektives Eintreten für
gemeinsame Ziele, beispielsweise im Rahmen gewerkschaftlicher
Kampfmaßnahmen, ist positiver Bestandteil einer sozialen Praxis in der
Schule, die sich obrigkeitsstaatlicher Bewusstseinseinschränkung
entledigt. Wir erwarten vor allem die Ausbildung und Weiterentwicklung von
vier Kompetenzen:
Sozialkompetenz:
Ein Lehrer sollte wissen, welche Fähigkeiten, Bedürfnisse,
Wahrnehmungshorizonte und Konflikte ein Schüler in bestimmten Altersstufen
hat, um damit umgehen zu können.
Kommunikationsfähigkeit:
Nicht nur mit den ihm
anvertrauten Lerngruppen sollte ein Lehrer umgehen können; auch zwischen
den Lehrern eines Kollegiums und einer Fachgruppe ist ständiger Austausch
nötig. Das erfordert Bereitschaft zur Arbeitsteilung und Interaktion.
Soziale
Organisationsfähigkeit:
Der Lehrer muss fähig
sein, mit den Schülern und Ihren Problemen umgehen zu können; er muss in der
Lage sein, sich mit verschiedenen Gruppen und Gremien seiner Schule
abzustimmen. Selbstverständlich muss ein Lehrer nicht nur sensibel sein in
der Wahrnehmung der Schüler und seiner Probleme, er muss auch in der Lage
sein, daraus Konsequenzen zu ziehen, Lernprozesse und
Kommunikationsprozesse zu organisieren. Die hier genannte Kompetenz ist ein
zentraler Bereich der Professionalität des Lehrers.
Fachkompetenz:
Die bisher
aufgeführten Kompetenzen sind nicht ohne Absicht vorangestellt worden. Wir
halten freilich ohne jede Einschränkung solide wissenschaftliche Kenntnisse
für die unabdingbare Voraussetzung eines guten Fachlehrers. Eine neue Form
der Lehrerfortbildung muss dafür sorgen, dass früher erworbene Kenntnisse
nicht nur aufgefrischt, sondern dass die facheigenen Verfahren geübt und
neue Erkenntnisse und Methoden der Wissenschaft nachvollzogen werden. Das
Prinzip der Rationalität sollte ein Lehrer nicht nur in seinem Fach, sondern
auch im sozialen Umgang gelten lassen.
Dass die angeführten
Faktoren – das Gebäude, die Organisation das Schulalltags und die Kompetenz
des Lehrers – in besonderer Weise den Lern‑ und Lebensart Schule für den
Schüler prägen, liegt wohl auf der Hand. Es kann In diesem Punkt vermutlich
mit einem großen öffentlichen Interesse gerechnet werden, wenn es um
Forderungen geht, diese Bereiche so günstig wie nur Irgend möglich zu
gestalten bzw. phantasievoll umzugestalten. Wenn die materiellen und
sozialen Voraussetzungen als eine Einheit gesehen werden, die den Ort
bestimmen, an dem der Schüler Einen beträchtlichen Teil seiner Lebenszeit
verbringt, wird auch eher einleuchten, dass der Lernprozess selbst vor einer
Zersplitterung In beschränkte Einzelfächer und beziehungslose Situationen
bewahrt bleiben muss. In einer so verstandenen Schule kann der Schüler neben
fachlichen Qualifikationen Wichtiges lernen, wie bereits im Abschnitt
„Theorie und Praxis" gefordert und später u.a. im Abschnitt „Kompetenzen"
ausgeführt wird:
• Formen des sozialen
Umgangs
• Vertrauen und
Kritikbereitschaft
• Sensibilität für
seine Umwelt
Erst nach diesen
grundlegenden Überlegungen, die für uns schon wesentliche Zielbestimmungen
beinhalten, können wir uns auf die eigentliche Unterrichtssituation
konzentrieren. Das Problem der Rechtfertigung der traditionellen Fächer
wird danach noch einmal gesondert aufzugreifen sein.
3. Die Lernsituation
Fremdheit und Angst
Der Schüler kommt in die
Schule in eine neue räumliche und soziale Umwelt, in der er sich
orientieren muss. Diese Umwelt kann sehr unterschiedliche Züge tragen und
den Schüler in unterschiedlicher Weise ansprechen. Die Schule tritt dem
Schüler gegenüber mit dem Anspruch, als sinnvolle, zielgerichtete
Institution akzeptiert zu werden, die berechtigt ist, an ihn, den Schüler,
Forderungen zu stellen, von ihm Lebenszeit einzufordern. Zunächst wir er
kaum diesen Anspruch in Frage stellen. Die Grunderfahrung der Hierarchie
und des sozialen Gegenübers leiten sich aus diesem Anspruch ab. Es hängt
von vielerlei einzelnen Faktoren ab, wie der Schüler diese Grundbestimmung
verarbeitet und im eigenen Verhalten umsetzen kann. Drei Aspekte sollen hier
diskutiert werden, die sich begründen aus dem Aufeinandertreffen von
Schülererfahrungen und ‑verhaltensweisen auf der einen Seite und dem
Selbstverständnis der Institution „Schule", sinnvoll und
zielbewusst-rational zu handeln, auf der anderen Seite:
Dissonanzerfahrungen, Angst und die Konfrontation mit der Fremdheit des
Unterrichtsgegenstandes.
a.
Dissonanzerfahrungen.
Die Definition der
Schule als sinnvoll und zielgerichtet stößt sich bald an der Erfahrung des
Schulalltages. Nur selten gelingt die Legitimierung des
Unterrichtsgeschehens aus einer dem Schüler erkennbaren Zielsetzung. Fächer
und Fachcurricula laufen unverbunden nebeneinander her, wo sie – auf eine
finale Perspektive hin – sich ergänzen und stützen müssten.
Unterrichtsstile der Lehrer orientieren sich weit mehr an
Augenblickssituationen, als an übergreifenden Zusammenhängen. Kurz: der
Anspruch, Zukunft vorzubereiten, wird konterkariert von der Erfahrung der
Gegenwartsorientierung der schulischen Sozialbeziehungen. Die soziale
Realität dominiert die Legitimation aus der Zielbestimmung heraus.
Verstärkt wird diese
Dissonanzerfahrung noch durch den schon angesprochenen Perspektivverlust
der heutigen Schülergeneration und den Trend zur „Unverbindlichkeit" und
damit Entfinalisierung sozialen Handelns. Wenn diese
„Gegenwartsorientierung" noch vor einigen Jahrzehnten vor allem als
Unterschichtphänomen untersucht worden ist, wird sie mehr und mehr zum
Bestandteil der „öffentlichen Kultur", vor allem aber der – durchaus in den
generellen kulturellen Trend integrierten – „Jugendkulturen". Die
Primärerfahrung der Unterrichtssituation ist für den Schüler daher durch die
grundsätzliche Dissonanz von Anspruch (Ideologie und Forderung) und
Erfahrung (und persönlicher Perspektive) gekennzeichnet.
b. Angst.
Fremdheit kann Neugier
hervorrufen, Orientierungsversuche provozieren, also Lernen begründen.
Fremdheit kann aber auch bedrohlich erscheinen, Angst erzeugen. Angst
verhindert sinnvolles Lernen. Zumindest darf die Schule nicht selbst
angsterzeugend wirken; im Gegenteil: sie soll Wege aus der Angst weisen
können. Die Realität sieht aber noch anders aus. Vielfach beruht der
Zusammenhalt der Institution Schule heute noch auf Angst (wobei hier von den
oft zugrunde liegenden Ängsten der Lehrer, Ängsten vor der unbewältigten
Unterrichtssituation, vor den Schülern und vor der Hierarchie der
vorgesetzten Institutionen, gar nicht thematisiert werden soll, sondern auf
die Angst der Schüler abgehoben wird): Zensurenangst, Versetzungsangst,
Versagensangst. Diese Angstpotentiale (die beängstigenden Schülerselbstmorde
belegen die Bedeutung dieser Thematik) sind weniger an objektiv untragbaren
Folgen festzumachen – meist lassen sich sinnvolle materielle Auswege finden,
wenn Fixierungen an bestimmte notwendige Schulabschlüsse nicht allzu
dominierend sind –. sie sind vor allem begründet in der stigmatisierenden
Wirkung im schulischen Sozialverband selbst, vor allem, wenn das Elternhaus
die schulischen Wertkategorien nahtlos übernimmt. oder gar vorwegnimmt und
verstärkt, so dass hier kein Gegengewicht vorhanden ist. Dies ist ein
zentraler Moment dessen, was oben schon als „verfehlte soziale Praxis" der
Schule kritisiert worden ist.
Durch eine subjektive
und objektive Veränderung der Bedeutung und Erstellung der
„Leistungsüberprüfungen" in der Schule muss – das ist für eine Schulreform
unabdingbar – erreicht werden, den stigmatisierenden, abwertenden,
persönlichkeitsreduzierenden und auslesenden Charakter dieser Prüfungen und
Zensierungen zurückzudrängen gegenüber der orientierenden und fordernden
Funktion pädagogischer Beurteilungen. Wo dies nicht möglich ist, sollte ein
vollständiger Verzicht auf Zensuren sorgfältig erwogen werden.
Aber nicht nur die
Zensierungspraxis als solche ist angsterzeugend, vielmehr oft auch das
Auftreten und Rollenverständnis des Lehrers, der – notwendige – soziale und
psychologische Distanz als Herrschafts‑ und Strafbefugnis missversteht und
vor allem an der Durchsetzung seiner Überlegenheitslegende interessiert ist.
In erster Linie ist es aber die dem Schüler auferlegte Objektrolle des „zu
Beschulenden", der nach der Elle von Lernzielen gemessen und reduziert wird,
es ist die Entfremdung von seinen eigenen Bedürfnissen und Werten, die
angsterzeugend wirkt. Hier in der Grundhaltung der Schule ändernd zu wirken
ist auch der erste Schritt zur Revision der angsterzeugenden
Zensierungspraxis und Auslesefunktion der Schule.
Leistungsforderung als
solche ist nicht angsterzeugend. Sinnvolle Leistungserwartungen sind sogar
in hohem Masse motivierend. Es ist erstaunlich, zu welchen Leistungen
Schüler fähig und bereit sind, wenn sie ohne Zensurendruck an einem als
sinnvoll erkannten Projekt arbeiten! Voraussetzung ist aber, dass die
gesamte Unterrichtssituation für den Schüler legitimiert und sinnhaltig ist;
dass zudem die äußeren Situationsbedingungen Lernen möglich machen. Lernen
ist dann keine verlangte oder erzwungene Tätigkeit mehr, getrieben durch
Druck und Angst, sondern das sinnvoll und unwillkürliche Ergebnis der
schulischen Sozialsituation, der sozialen Interaktion in der Schule selbst.
Daher die Grundforderung: Die Lernsituation muss grundsätzlich angstfrei
sein.
c. Fremdheit des
Gegenstandes.
Charakteristisch für die
Schule ist die Möglichkeit für den Schüler, neue, fremde, überraschende
Realitäten wahrnehmen und erkennen zu lernen. Schule ist dabei nicht der Ort
einer Reduplikation von Alltagserfahrungen. Diese grundsätzliche
Besonderheit des schulischen Lernens gründet in der Metaebene der
Vermittlungspotentiale der sozialen Situation Schule –
Wahrnehmungsfähigkeiten, Handlungsmotivationen, Wertorientierungen
Reflexionsfähigkeiten –. die diesem Lernort seinen spezifischen Wert
geben. Gleichzeitig ist die Besonderheit, wenn sie dem Schüler selbst als
Sonderung deutlich wird, Chance, das Potential der Neugier und des
Wissenwollens des Schülers zu erschließen.
Der grundsätzliche
Konflikt, der sich damit auftut, ist aber nicht so leicht zu lösen und tritt
uns in doppelter Gestalt vor Augen:
• ist nicht oft gerade
das banale Alltägliche das gesellschaftlich Wirkungsvolle, das es zu
entbanalisieren und zu durchschauen gilt, und
• wie kann der
tatsächliche Wert der Beschäftigung mit dem Entlegenen, mit dem subjektiv
„exotischen", abgeschätzt werden?
Wir glauben, dass es
notwendig ist, dort, wo der Begriff der Objektivität der Erkenntnis
fragwürdig geworden ist, wo zudem kein sicherer Wissenskanon das Lernen
strukturiert, das „Distanzschaffen", das Erzeugen und bewusste Reflektieren
von Perspektiven an diese Stelle treten muss. Neben die banale Innenwelt der
eigenen Situation muss die perspektivische Außenwelt treten: das erst führt
zur Entbanalisierung.
Hier könnte sich z.B. –
um ein fachdidaktisches Problem heranzuziehen – eine Lösung zur
Legitimation der „Dritte‑Welt"‑Thematik im Politikunterricht ergeben, die
zu Recht umstritten ist, da sich aus ihr so ohne weiteres keine politischen
Handlungsperspektiven für den Schüler ableiten lassen und, im Gegenteil,
sogar die Gefahr einer Verhärtung von eurozentrischen Vorurteilen und
Interessenfestschreibungen besteht. Politik aber als kulturanthropologische
Perspektivsuche, als Außensicht einer politischen Kultur, das „ganz Andere"
als „Archimedischer Punkt" der Selbsterkenntnis und Selbstrevision – das
könnte ein sinnvoller Ansatz sein, wenn die entsprechenden Fach‑ und
Problemkompetenzen beim Lehrer vorhanden sind. Und da liegt ein wichtiges
Problem: Wie erreichen wir es, dass eine Unterrichtssituation, die durch die
Suche nach der Distanz und Fremdheit strukturiert wird, nicht den Bezug zur
überprüfbaren Realität verliert und letztlich selbst wieder Teil der
Unverbindlichkeit der „öffentlichen Kultur" wird, Teil der unüberprüfbaren,
vermittelten und perspektivlosen Medienrealität? Ein Ausweg ist uns nicht
ohne weiteres vorstellbar.
Das
Problem „Zukunft"
Der Umgang mit der
Zukunft ist für die Schule ein ungelöstes Problem. Die übliche Legitimation
von Schule leitet sich aus zwei teilweise divergierenden
Zukunftsperspektiven ab: Vorsorge für die individuellen Lebenschancen des
Schülers und Vorstellungen über in der Gesellschaft erforderliche
Qualifikationen. Die persönliche Lebensperspektive des Schülers ist Anliegen
einer Pädagogik, die aus einer Position des „Besserwissens" heraus Lehr‑ und
Lernziele definiert und in ihrer Begründung zwischen den Erkenntnissen der
pädagogischen Psychologie und normativen Setzungen schwankt. In den dagegen
stehenden gesellschaftlichen Vorstellungen über zukünftig geforderte
Qualifikationen drücken sich die auf die Schule einwirkenden
gesellschaftlichen Interessen aus. Inwieweit so verstandene individuelle
und kollektive Zukunftsvorstellungen harmonisieren, ist vor allem eine Frage
der zu Grunde liegenden pädagogischen bzw. gesellschaftlichen
Anthropologie, d.h., es ist die Frage, inwieweit die pädagogische
Anthropologie eigene Interessen der Schule und der pädagogischen
Realitätssicht repräsentiert oder sich stärker zum Sachwalter
gesellschaftlicher Interessen macht. Die Rolle des Lehrers wird sich heute
immer stärker des Konfliktes bewusst, unter gesellschaftlich‑politischem
Druck zu stehen und gleichermaßen in der eigenen pädagogischen Verantwortung
gefordert zu sein. In diesem Konflikt drückt sich die Problematik einer
unsicher gewordenen Zukunft aus. Eine konsensfähige Aussage darüber, welche
Zukunftsrolle der einzelne Schüler sinnvoller weise wird spielen können,
wir unmöglich; gesellschaftliche Zielvorstellungen werden immer
kurzfristiger; das bisherige System der treuhänderischen Zukunftsverwaltung
durch die Schule und den Pädagogen wird suspekt. Dieser „geschlossene"
Zukunftsbegriff wird abgelöst von offeneren Zukunftsperspektiven.
Die offene Zukunft wird
als eine in der Situation der Gegenwart schon erkennbar werdende
Möglichkeit gesehen. Die Zukunft liegt im Schüler selbst und der Schule
kommt vor allem die Aufgabe zu, den Schüler darin zu unterstützen, seine
eigenen Potentiale zu erkennen und zu nutzen. Es wird notwendig für den
Lehrer, den Schüler in seiner Situation, d.h. in seiner jeweiligen Gegenwart
zu erkennen und zu fördern. Dies kann kein einfacher Psychologismus sein:
die Situation des Schülers gewahrt sich durchaus als gesellschaftliche
Situation. Die Situation verändert sich, aber der Schüler verändert sich
mit ihr: Schule ist Lebenszeit.
Wir beobachten in der
Schule gewisse Regelmäßigkeiten der Altersentwicklung des Schülers,
der Entfaltung seiner Fähigkeiten, dem Aufbrechen gewisser Konflikte und der
Entwicklung von Intelligenz und Lernfähigkeit. Mit der Sozialwissenschaft
ist sicher die grundsätzliche Frage nach den Ursachen dieser
Regelmäßigkeiten zu stellen (z.B. mit Ariés); doch für unsere
praktischen Überlegungen spielt die Frage nach der historischen Verankerung
des Kindheitsprozesses ebenso wenig eine ausschlaggebende Rolle wie die
Überlegung, wieweit anthropologische Konstanten auszumachen sind. Die auf
lange Sicht hin Allgemeingültigkeit der Lebensumstände der industriellen
Gesellschaft Mitteleuropas für unsere Schule und für unsere Schüler lässt
die genannten Erfahrungen als Regelmäßigkeiten wahrnehmen, von denen wir
auszugehen haben.
Wichtig ist es für uns
aber, dass die Entwicklung des Schülers Teil seiner Persönlichkeit ist,
Teil seiner Integrität. Wir dürfen als Lehrer oder Schulpolitiker
altersstufenspezifische Bedingungen nicht nur als hemmende oder fördernde
Faktoren unserer eigenen Intentionalität verstehen; auch hier gilt wieder
die Prämisse, den Schüler als Subjekt seines Lebens wahrzunehmen und zu
akzeptieren.
Der Schüler ist so wie
er uns begegnet, in seinen alterstypischen Bezügen und Bedürfnissen,
Subjekt der schulischen Situation. Soll Schule also nur Defizite des
natürlichen Prozesses ausgleichen? Wer aber entscheidet hier über die
Qualität eines angeblich „natürlichen" Prozesses? Aus diesem Dilemma kommen
wir nur, wenn wir wieder auf abstrakte normative Setzungen verzichten und
normative Vorstellungen zunächst bei uns selbst zu verwirklichen suchen, was
uns zu einem schülerzentrierten Versuch führt, Lebenssituationen zu erkennen
und fördernd zu begleiten.
Hier sind unserer
Reflexion zunächst Grenzen gesetzt; nur ein paar Stichworte noch zum
Verständnis der altersbezogenen didaktischen Begründung:
-
Ein Zehnjähriger braucht
(in unserer Gesellschaft) nicht „selbstständig" zu sein.
-
Ein Sechzehnjähriger
braucht bereits eine ausgeprägte Sozialkompetenz, Politikfähigkeit
womöglich mehr als Erkenntnisfähigkeit (ausgeprägte soziale Konflikte sind
hier alterstypisch; das Problem der Berufswahl trifft ihn mit ganzer Härte...).
-
Ein Gymnasiast wird
andere Kompetenzen üben (benötigen?) als ein in der Lehre stehender
Gleichaltriger.
-
Ein Schüler der
Kursstufe bewegt sich wieder in anderen Bezügen als der Sechzehnjährige.
-
Problemkreise. die dabei
auftreten und für die eine schulische Berücksichtigung und Thematisierung
notwendig zum Erwerb einer sinnvollen Kompetenz ist, sind z.B.:
-
fortschreitende
Selbstständigkeit,
-
Ablösung vom Elternhaus,
-
Kenntnis von
Alternativen zur Schule,
-
Abnahme der
Schüler‑Lehrer‑Konflikte,
-
Bezug zur möglichen
universitären Ausbildung bei Abiturienten,
-
„Weltläufigkeit",
-
…
-
…
Lernen findet daher in
einem Spannungsverhältnis zwischen Zielgerichtetheit, d.h. auch
Lebensperspektive und Lernsituation, d.h. auch soziale Konfliktlage, statt.
Durch die grundsätzliche Forderung der Perspektivhaltigkeit schulischen
Lernens unterscheidet sich die Schulsituation von anderen gesellschaftlichen
Zusammenhängen, vor allem von der Üblichen „Beschäftigung" in der Freizeit
und im Medienkonsum, die für den Einzelnen gegenwartsbezogene Stimulantien
darstellen. Da unsere „öffentliche Kultur" immer stärker das Individuum von
der verantworteten Gestaltung eigener Zukunftsperspektiven ausschließt, wird
der Schule notwendigerweise ein kritisches Potential zueigen, dessen sie
sich noch nicht ausreichend bewusst ist, das sie in ihrem heutigen Zustand
oft auch gar nicht wahrnehmen will. Die massiven politischen Pressionen auf
Schule, der Versuch, Schule wieder an indoktrinierende normative
Gesellschaftsperspektiven zu binden, zeigt die Angst der Herrschenden, dass
sich Schule ihrer selbst bewusst werden könnte.
Die
Kategorie „Intensität"
Wir haben bewusst in den
beiden letzten Abschnitten das Besondere der schulischen Lernsituation
hervorgehoben, weil wir nur in dieser Sonderung die gesellschaftliche
Berechtigung von Schule zu erkennen vermögen. Gleichzeitig wurde uns aber
auch deutlich, dass der Lehrer damit an die Grenzen seiner
Leistungsfähigkeit gelangt. Dies wird besonders deutlich bei der Frage, wie
denn dieses „Besondere" tatsächlich umgesetzt werden kann, tatsachlich zu
gutem Unterricht wird. Einer Anregung von Th. Ziehe folgend
charakterisieren wir dieses gelungene Unterrichtsgeschehen, das typisch
für schulisches Lernen sein sollte, mit dem Begriff der „Intensität". Die
Intensität, die Faszination des Lernens beschreibt den Augenblick, an dem
Unterricht nicht mehr nur unverbindlich oder vordergründig belangvoll ist,
sondern ein Lernbedürfnis des Schülers unmittelbar anspricht, vielleicht
könnte man etwas altertümlich auch sagen: eine existentielle Frage anrührt.
Dies ist mehr als die rationale Einsicht, etwas zu Lernendes gebrauchen zu
können, es ist mehr als ein einfaches „Reden von sich selbst" (worin sich
die unsägliche Banalität heutigen Beziehungsgeschwafels erschöpft), es ist
das plötzliche Übereinbringen individueller Motivationen in einem
kollektiven Lernprozess, die Erkenntnis der Übereinstimmung von
Perspektiven, in der Distanz sich selbst wieder zu finden. Lernen wird
dabei zu einem sinnlichen, ästhetischen Erlebnis.
Diese Kategorie der
„Intensität" oder „Faszination" entzieht sich weitgehend einer
pragmatischen Planbarkeit; sie beschreibt ein wünschenswertes Ereignis,
dessen Zustandekommen doch immer wieder überrascht und beglückt. Im Rahmen
unserer Überlegungen ist dafür Sorge zu tragen, dass keine Festlegungen
getroffen werden, die diese „Intensität" des Lernens unmöglich machen würde.
Zu vermeiden ist vor allem:
• die Herrschaft
normativer, gesellschaftlicher Zukunftsperspektiven,
• die Banalität und
Alltäglichkeit der Unterrichtssituationen,
• die Projektion der
Ängste und Glücksvorstellungen des Lehrers auf die Schüler,
• aber auch Inkompetenz
und Verdrängungen gegenüber dem Gegenstand durch den Lehrer.
Zudem müssen die äußeren
Lernbedingungen der schulischen Situation, die im vorherigen Kapitel
diskutiert worden sind, der Gestaltung der Lernsituation dienlich sein,
Lernen erst ermöglichen.
Wahrnehmung der Realität
Die Wahrnehmung
verbindet die Person mit ihrer Umwelt; Realitäten, Ideen und Emotionen
Anderer werden wahrgenommen und müssen verarbeitet, beurteilt, in eigenes
Handeln umgesetzt werden. Darum ist die Entwicklung geeigneter
Wahrnehmungsfähigkeiten gegenüber den verschiedenen Bereichen der
natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt Voraussetzung der Entwicklung der
eigenen Identität. Wahrnehmungsfähigkeit hat auf der einen Seite etwas mit
der inneren Disposition des Wahrnehmenden, mit seinen Gedanken und
Gefühlen, seinen Kenntnissen und seiner Physis zu tun, auf der anderen Seite
ist sie die Brücke, auf der die Herausforderungen der Realität das
Individuum erreichen. es ansprechbar machen. Wahrnehmung geschieht in der
sozialen Situation, in unserem Falle am sozialen Ort Schule – sie bezieht
sich aber auf Inhalte, Realitäten. Wir sehen hier durchaus die Nahtstelle
zu einer neuen Begründung der Fachdidaktik; dennoch lassen sich aus
den Kategorien der Wahrnehmungsfähigkeit keine Fachzuordnungen ableiten.
Diese Kategorien stehen „quer" zum fachdifferenzierenden Ansatz; sie sollen
die fachübergreifende Klammer bilden, um nicht zur Beantwortung der
Ausgangsfrage nach den Zielen von Schule letztlich doch wieder banal auf die
traditionellen Fachinhalte zurückgreifen zu müssen. Ob damit das Fachprinzip
selbst obsolet wird, sei hier noch dahingestellt, obwohl einiges in diese
Richtung deutet. vielleicht muss diese Frage letztlich ganz pragmatisch
gelöst werden. Im konkreten Lernprozess lassen sich die drei folgenden
Dimensionen der Wahrnehmungsfähigkeit und des Lernens, die als analytische
Konstrukte verstanden sind, nicht trennen; sie bedingen, verstärken oder
behindern sich gegenseitig. Diese Interdependenzen aufzudecken und im Sinne
des Schülers fruchtbar zu machen, ist dann Aufgabe einer neu begründeten
Fachdidaktik.
Wahrnehmen ist nicht nur
ein sensualistisches Phänomen, sondern ein Phänomen der bewussten
Verarbeitung der eigenen Bezüge zur Umwelt, das soll auch heißen: Wahrnehmen
ist das „für wahr Nehmen", ist die eigene Orientierung in der Realität:
1. Wahrnehmen in Bezug
auf Rationalität und Realität.
Auf diese
Wahrnehmungsdimension beziehen sich folgende Lernzielbereiche:
• Wissenschaftliche
Erkenntnisse, Empirik.
• Philosophische
Reflexion über Erkenntnisfragen.
• Wertfragen in ihrem
Bezug zum wahrgenommenen Sachverhalt.
• Befähigung zur
kritischen Theoriebildung.
2. Wahrnehmen der
emotionalen Begründung von Handeln.
• Auf diese
Wahrnehmungsdimension beziehen sich folgende Lernzielbereiche:
• Erfahrungen sammeln
im Leben in der Gesellschaft.
• Gesellschaftliche
Abhängigkeiten erleben.
• Berücksichtigung der
Folgen eigenen Verhaltens für Andere.
• Partnerschaft,
Vertrauen und Zuneigung erleben.
• Politikfähigkeit
entwickeln.
3. Wahrnehmen der
ästhetischen Dimension.
• Auf diese
Wahrnehmungsdimension beziehen sich folgende Lernzielbereiche:
• Wahrnehmungsfähigkeit
für künstlerischen Ausdruck und für Gestaltungen.
• Ermutigung der
eigenen Gestaltungsfähigkeit.
• Praxisorientierung in
der technischen und künstlerischen Dimension.
• Gestaltungs‑ und
Veränderungswillen.
• Bereitschaft zur
positiven Utopie.
An dieser Stelle soll
darauf hingewiesen werden, dass sich unser Wahrnehmungsbegriff rein
funktional aus dem Erörterungszusammenhang bestimmt; er hat durchaus
vorläufigen Charakter. Die Sozialpsychologischen, anthropologischen und
philosophischen Bezüge, die Sich über den Wahrnehmungsbegriff öffnen und
ihn sehr relativieren wurden von uns bedacht, dann aber als in unserem
Zusammenhang nicht hilfreich absichtlich ausgespart. Daraus ergibt sich ein
neuer Rückbezug auf das eingangs dargestellte Theorie‑Praxis‑Problem, das
durch die Brechungen eines konziseren Wahrnehmungsbegriffes eine neue
Problemdimension hinzu gewinnen wird; aber: Ist dies noch unmittelbar in
Impulse zur Veränderung der Schule umzusetzen?
Lernen
Wir haben uns jetzt
unvermittelt auf bestimmte Vorstellungen vom Charakter des Lernens selbst
eingelassen, die sich einer unmittelbaren Ableitung aus der vorherigen
Situationsbeschreibung widersetzen, da normative und semantische Bezüge
hinzugetreten sind; doch entspricht das dem absichtlich gewählten Vorgehen:
normative Vorstellungen nur insofern einzubringen, als sie sich sinnvoll in
die Orts‑ und Situationsdarstellung einbeziehen lassen und zur Erhellung der
schulischen Situation beitragen, – keinen falls aber zu versuchen,
„stringente" Ableitungen aus Setzungen vorzunehmen. Das heißt für uns, den
Übergang von der Situationsanalyse zur politisch verantworteten
Situationsdefinition zu finden. Unter dieser behutsamen Prämisse wollen wir
Lernen zunächst ganz allgemein verstehen als „wahrnehmen und erkennen, was
sich uns als Realität darstellt", und als Entwickeln der Fähigkeit, mit
Realitäten umgehen zu können. Präziser auf den Schüler bezogen bedeutet
das auch das Entwickeln von Ziel‑ und Lebensperspektiven, das Erkennen
eigener und fremder Interessen, die Einsicht in die vielfältigen
Verschränkungen der Lebensentwürfe in einer Gesellschaft, letztlich also
die Entwicklung von Soziabilität. Diesem Begriff vom Lernen, der auf einer
entwickelten Wahrnehmungsfähigkeit fußt, ordnet sich eine Schule zu, die
sich als Ort und Umwelt begreift, in denen Lernsituationen zur
Realitätserkenntnis hinführen, als Ort, der die geeigneten institutionellen
Hilfen bietet, sich diesen Realitäten zu stellen.
In einer „guten" Schule
kann ein Lehrer den Unterricht nicht nur von vorgegebenen Richtlinien und
Normen her organisieren. Er hat die vielfältigen Voraussetzungen und
Bedingungen der am Lernprozess Beteiligten zu berücksichtigen; besser:
Normen und Richtlinien sollen von vornherein diese Berücksichtigung
ausdrücklich fordern. Dabei ist nicht an eine „elegante" und
verständnisvolle Eliminierung von „Störfaktoren" durch eine optimierte
Unterrichtstechnologie gedacht! Unterrichtsform und Unterrichtsstil müssen
den Zielen des Lernens im weitesten sozialen Sinne entsprechen. Ein
differenziertes Verständnis der Lernsituation und ihrer angemessenen
Nutzung sind bestimmend für den Erfolg des Lernprozesses. Lernende und
Lehrende begegnen sich in der Schule nie in gleichrangigen Rollen. Alter,
Reife, Wissensgefälle und institutionalisierte Macht errichten Hürden, die
nicht wegzureden sind. Der menschliche Bezug kann trotzdem sehr direkt sein.
Diese Lernsituation ist von institutionellen Vorgaben, wie der Abfolge von
Fächern und Themen, Tages‑ und Jahreszeit und der Dauer der Arbeitsphasen,
ebenso abhängig wie von den individuellen Voraussetzungen, wie z.B. den
bisherigen gemeinsamen Erfahrungen der Lerngruppe, der Kontinuität der
Sozialbeziehungen, ihrer Erfolge und Konflikte; auch den Interessen und
Bedürfnissen sowohl der sozialen Gruppe der Schüler als auch der
konfrontierten Lehrer. ihrer Individualität und ihrer Erfahrungen.
Motivationen des Lernens
Motivation wird von
Lehrern meist sehr rational und materiell verstanden. Unterrichts-Planungen
gehen oft von einem kurzschrittig an die einzelnen Lernabschnitte
gebundenen, klar beziehbaren extrinsischen oder intrinsischen
Motivationsbegriff aus; das übersieht, dass Lernen im ganz überwiegenden
Teil eher unwillkürlicher Nebeneffekt der Teilnahme an sozialen
Lernsituationen ist. Das, was der Schüler als „Lernen" empfindet, ist zu
einem großen Teil gewohnheitsmäßiges oder ritualisiertes Verhalten, über
dessen biographische oder psychologischen Hintergründe sich keiner der
Beteiligten klar ist – vielleicht auch nicht klar sein darf, um Schule als
angeblich rationale, zielgerichtete Veranstaltung nicht grundsätzlich aus
den Angeln zu heben. Die angebliche Rationalität des Schüler‑ und
Lehrerverhaltens, seine scheinbar erkennbare Motivation bis hin zum
behaupteten Zensurenkalkül, ist weitgehend eine nachträgliche,
verhaltenslegitimierende Rationalisierung tatsächlich nicht verstandener
Verhaltensformen. Gerade daher ist es so wichtig, in der Beschreibung der
schulischen Lernsituation nicht auf diese vordergründige Rationalität des
Schülerverhaltens zu vertrauen, sondern beschreibend und verstehend, die
gesamte Realität der Schule als Lernort, Lernsituation und
Lebensperspektive im Auge zu behalten.
Sich Gedanken Über die
Motivation des Schülers zu machen kann also nur an ganz untergeordneter
Stelle bedeuten, „Motivationsinstrumente" zur Vermittlung abgegrenzter
Lernschritte zu entwickeln. Die behavioristische Lernpsychologie mag für
die Planung eng abgegrenzter, lehrgangähnlicher Lernprozesse brauchbare
Aufschlüsse geben, die Lernsituation in der Schule zu erfassen, die lange,
im schulischen Kollektiv verbrachte Lebenszeit des Schülers richtig zu
verstehen, ist sie keineswegs geeignet. Dazu fehlt dem schulischen Lernort
die in dieser Lernpsychologie vorausgesetzte Rationalität,
Zielgerichtetheit und Abgegrenztheit der Lernsituation. Dagegen steht in
unserer Vorstellung der Schüler als Person, als bewusst wahrnehmendes und
emotional berührtes Wesen im Mittelpunkt; für ihn bedeutet Motivation die
Gestaltung der Schule in einer Weise, dass sie seiner gegenwärtigen sozialen
Situation und seiner subjektiven Lebensperspektive gerecht werden kann. In
dieser Aussage fassen sich die schon genannten Aspekte von Fremdheit und
Angstvermeidung, von Zukunfts‑ und Gegenwartsorientierung, von der
Intensität des Unterrichtsaugenblicks wie von der Wahrnehmung der Realität
zusammen.
Die Schule hat dabei mit
der Schwierigkeit zu kämpfen, dass sie auf der einen Seite als
gesellschaftliche Institution selbstverständlich akzeptiert ist, ihr
inhaltliches Selbstverständnis, ihre Vorstellungen über ihre eigentlichen
Aufgaben aber immer fragwürdiger werden. Hatte die Schule in der Zeit des
Aufstieges des Bürgertums das unbestrittene Privileg, einen Kanon von
„Erwachsenenwissen" zu vermitteln, der erst den Status des Erwachsenen und
die Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft definierte (die Politische
evozierte „Grundbildungsforderung" ist eine anachronistische Reminiszenz an
diese bürgerlichen Vorstellungen durch konservatives Bewusstsein), ist diese
Funktion heute weitgehend verloren gegangen. Ein großer Teil der relevanten
Wissensvermittlung gerade im Bereich moderner Alltagsfähigkeiten
(Führerschein, EDV, Medienumgang, sportliche Fitnessvorstellungen,
Gesundheitserziehung) geht heute an der Schule vorbei oder wird in der
Schule nur mit reduzierter Kompetenz aufgegriffen. Das liegt nun nicht an
einer veralteten Struktur schulischen Lernens – die Forderung, all dies nun
schnellstens in die Schule hereinzunehmen, ist zumindest zu vordergründig –,
sondern ist zurückzuführen auf ein gewandeltes Verhältnis des Individuums
zu diesen Lerngegenständen, die individuell angeeignet werden (müssen) und
auch nur individuell in Wert gesetzt werden. Weder ist ein übergreifender
gesellschaftlicher Konsens über den Stellenwert dieser „neuen" Inhalte (die
als „private" Fähigkeiten durchaus auch schon in früheren Zeiten im
außerschulischen Bereich lebenswichtige Vorläufer hatten, vor allem in der
musischen Bildung im „gesellschaftlichen" und hauswirtschaftlichen Bereich
und schon damals im Sport) zu erzielen, da dieser Stellenwert für den
Einzelnen zu unterschiedlich und für die Gesellschaft zu wechselnd und
differenziert erscheint, noch sind die, meist lehrgangsmäßig knapp zu
bewältigenden Vermittlungsprozesse am Lernort „öffentliche Schule" sinnvoll
untergebracht. Da sich Berufschancen und soziale Wertschätzung aber immer
mehr auf diese spezialisierteren Kompetenzen stützen, führt das zu einem
deutlichen sozialen Funktionsverlust der Schule, auch wenn, wie wir
Eingangs betont haben, grundsätzliche Alternativen zu dieser Institution
noch nicht in Sicht sind. Mit der reduzierten biographischen Bedeutung der
schulischen Lerninhalte wird die Legitimation der Schule als soziale Instanz
und Lebensort immer dringlicher. In dem Masse, in dem sich Schule daher
immer mehr auf dieser Metaebene des Lernens legitimieren muss, fallen
vordergründige kulturelle Motivationen fort und Schule beweist ihre
Berechtigung durch ihre erfolgreiche Existenz aus sich selbst heraus. Das
Motivationsproblem fällt damit zusammen mit dem Legitimationsbedürfnis von
Unterrichtssituationen. Pädagogische Psychologie muss sich somit vorrangig
um die anthropologischen Kategorien der Neugier, des
Orientierungsbedürfnisses, der sozialen Wert‑ und Ordnungsvorstellungen der
Schüler kümmern.
Die Problematik der
schulischen Motivationen wird sehr deutlich in der Ambivalenz der Rezeption
der einzelnen Fächer. Besonders merkwürdig ist es z.B., dass eine
Gesellschaft, die sich selbst als technisch‑naturwissenschaftlich definiert,
in der naturwissenschaftliche Kenntnisse vielfältig präsent sind und mit
Erfolg außerschulisch vermittelt werden (Beweis dafür ist der Anklang
populärer technisch‑wissenschaftlicher Sendungen im Fernsehen oder der
Bestsellererfolg von Hofstadter’s „Gödel, Escher, Bach"), dass also in
dieser Gesellschaft, die günstige Motivationsvoraussetzungen für den Umgang
mit den Naturwissenschaften bietet, in der Schule die Fächer Mathematik und
Naturwissenschaft typische Angst‑ und Auslesefächer geworden sind (was für
den Außenstehenden aus den facheigenen Inhalten und Stoffen nicht erklärbar
wird). Hier muss doch eine Fachdidaktik, eine Lehrerausbildung, das
Motivationsproblem gründlich missverstanden haben! Die Rolle des eigenen
Faches im schulischen Kontext ist sicherlich falsch bestimmt. Aber auch
andere Fächer, z.B. Sprachen und Gemeinschaftskunde, haben ähnliche Probleme
mit ihrem Selbstverständnis und mit ihrer Schüleransprache. Wir sehen
damit, dass die angeblichen Motivationsprobleme vieler Fächer vor allem
Orientierungsprobleme im schulischen Selbstverständnis ausdrücken und
Defizite in der Definition geeigneter Lernsituationen ausweisen. Eine neue
Begründung der Fachdidaktik, jetzt übergreifend für den Kanon der
Schulfächer gedacht, ist die notwendige Konsequenz aus diesen Überlegungen
und der Zielsetzung einer grundsätzlichen Neubestimmung der Schule in
unserer Gesellschaft.
Allgemeinbildung
Wir halten den Wunsch
nach einer Form der Allgemeinbildung durchaus für legitim, wenn damit
gemeint ist, eine Abwehr verspielter Verzettelung und eine Barriere gegen
die Manipulierbarkeit blinder Spezialdisziplinen. Hinter dem Streit um die
Allgemeinbildung steht durchaus ein echter Widerspruch. Sowohl das
oberflächliche Sammeln von Erkenntnissen aus allen wichtig erscheinenden
Bereichen ohne ordnenden Zusammenhang wie auch die gewaltsame Zusammenschau
mit Hilfe eines Metafaches oder einer Lehre bleiben fragwürdig.
Der Streit um die
Gemeinschaftskunde beispielsweise liegt noch gar nicht so lange hinter uns.
Die heute in Niedersachsen, dem Bundestrend folgend, wieder verordnete
Zersplitterung der Oberstufenkurse und der integrativen Fachansätze in der
Orientierungsstufe in Einzelfächer gestattet dem Schüler nur in glücklichen
Ausnahmefällen eine „Zusammenschau" historischer, ökonomischer,
politischer, geographischer oder psychologischer o.ä. Kenntnisse und
Erklärungsansätze für das Verständnis komplexer Ereignisse und Prozesse im
so genannten „gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld".
Eine vernünftige
Konzeption der Gemeinschaftskunde könnte die Sichtweisen koordinieren, den
Zusammenhang, in dem der jeweilige Unterrichtsgegenstand mit der Welt um uns
steht, für den Schüler erhalten und ihm Orientierung geben für forschendes
Interesse und für begründetes politisches Handeln. Die Gemeinschaftskunde
dürfte sich nicht anmaßen, ihrerseits ein die Welt enträtselndes und dem
Schüler den richtigen Weg zum Handeln weisendes Fach zu sein! Ein anderes
Beispiel ist der immer wieder laut werdende Wunsch, einem Fach in der
Schule die alles Übrige ordnende und wertende Rolle zuzuschreiben, etwa
künftig dem Fach Deutsch oder einem Fach Philosophie/Werte und
Normen/Ethik. In unserer Pluralistischen Gesellschaft können Konfessionen
und auch politische Ideologien nur Angebote, und damit selbst Gegenstand
der Analyse sein, nie leitende und verpflichtende Klammer für ein Fach
oder gar die Gesamtheit der Fächer.
Eine etwas präzisere
Definition des Begriffs Allgemeinbildung wäre also sehr hilfreich! Weder der
„flache Generalist" noch der „neue Mensch" mit dem unbeirrbar richtigen
Bewusstsein kann der Im erhofften Sinne „Gebildete" sein. Nach der eher
bescheiden gemeinten Vorgehensweise unseres Papiers wäre zunächst einfach
festzustellen: Wir denken an einen Schüler, der zunehmend Sicherheit darin
gewinnt, sich, seine Fragen und Thesen zu artikulieren. Informationen und
Problemstellungen zu verstehen, mit sich und anderen Menschen sensibel und
entschieden umzugehen, der Erfordernisse der Zukunft und des Augenblicks
erfasst und Zum Handeln in der Laue ist, der aber auch verlässliche
Kenntnisse über Vergangenes und Bestehendes besitzt und über vielfältige
Verfahren der Analyse und des Folgerns verfügt. Der angerissene
Grundkonflikt wird dadurch nicht aufgehoben, und wir selbst setzen
Prioritäten, wenn wir weiter unten relevante Bildungserlebnisse zu
begründen versuchen. Die verbindliche Allgemeinbildung oder Bildung kann es
nicht geben; wir gehen ohnehin davon aus, dass mündige Schüler später selbst
um Bildungsprioritäten streiten werden.
Die Einzelfächer haben
Ihre unterschiedlichen Geschichten und Traditionen; sie haben in unserem
Kulturbereich auch eine gemeinsame wissenschaftliche Grundorientierung seit
der Aufklärung. Diese Traditionen reichen mit vielen Wurzeln weiter zurück
In Antike und Mittelalter, bereichert durch die Begegnung mit dem Islam.
Es wäre allerdings naiv,
einer abendländischen Wissenschaftstradition noch unkritisch zu vertrauen.
Aber es scheint legitim, die Ausgangsfragen wissenschaftlicher
Teilbereiche, also auch der Fächer, aufzugreifen bei der Begegnung des
Schülers mit der zu durchdringenden Umwelt in der Schule. Es bedeutet
durchaus keine Entwürdigung der Wissenschaft und der Fächer, in den
Ausgangsfragen heranwachsender Menschen, die immer wieder von Jahrgang zu
Jahrgang, von Generation zu Generation neu und frisch sich stellen, viele
tradierte Fragen vergangener Bemühungen von geschulten Menschen wieder zu
erkennen.
Kinder, Jugendliche und
Erwachsene, die noch nicht resigniert haben, fragen: „Was ist das?" – „Warum
ist das?" – „Inwiefern betrifft das mich und uns?"
Es ist unsere
Behauptung, dass alle Fächer, die alten und neuen Disziplinen, von der Welt
um uns und der Welt in uns handeln. Alle haben eine Tradition mit
kognitivem Schwerpunkt des Fragens, Überprüfens und Folgerns entwickelt.
Diese Vorleistungen gilt es zu nutzen. Hier liegt bis heute die Würde der
Fächer.
Kompetenzen
Die früheren
Ausführungen zum. Theorie‑Praxis‑Problem, zum Lehrerverhalten und zu den
Lernsituationen hinsichtlich der Wahrnehmungen in rationaler, emotionaler
und politischer sowie ästhetischer Hinsicht berühren diesen Zusammenhang
bereits.
Die geforderten
Kompetenzen gelten für Lehrer und Schüler gleichermaßen.
Es kann eigentlich nur
so sein, dass die Fächer dazu beizutragen haben, diese Kompetenzen zu
fördern. Insofern hat jedes Fach, jede Fachgruppe darzulegen, was sie von
der Welt wahrnimmt, und zu erklären zu versuchen, was ein Verfügenkönnen
über die gerade In diesem Fach vermittelten Kompetenzen leisten kann für den
lernenden Menschen. Es liegt nahe, von unserem Konzept her besonders das
Erfahrungslernen zu fordern. Die Fächer In ihrer Didaktik haben verstärkt
darauf zu achten, wie sie Schülern Erfahrungen vermitteln und zu verarbeiten
helfen.
Der Gedanke des
politischen Lernens ist nicht als Entwertung des Faches oder der
Wissenschaft gemeint, auch nicht als Aufhebung der ausdrücklich betonten
kognitiven Disziplin, wie häufig auch kluge Fachvertreter argwöhnen. Er
entspringt der Erkenntnis der politischen Relevanz allen Wissens und gerade
der Benutzung allen Wissens, der sich niemand verschließen kann. Er
berücksichtigt die politische Dimension des Lernens überhaupt in Schule und
Gesellschaft weltweit (siehe Zusammenhang Sozialkompetenz).
Natürlich haben auch die
so genannten Kulturtechniken Ihren Rang in jedem Fach oder neben allen
Fächern. Politisches Lernen kann sich jedoch nicht erschöpfen in einem mehr
oder weniger umfangreichen Fundus an einzelnen Fähigkeiten, d.h. den
genannten Kulturtechniken, und Kenntnissen, den Ergebnissen dessen, was die
Fachwissenschaften bereitstellen. Beides, Fähigkeiten wie Kenntnisse, sind
nur Voraussetzungen und Begleitung des übergeordneten Zieles, umfassende und
kritisch‑distanzierte Erfahrungen mit der eigenen Lebenssituation zu
sammeln und diese Erfahrungen sinnvoll und gestaltend in politisches
Handeln umzusetzen. Dabei ist das immanente Problem der Sinngebung und
Zielsetzung auf gesellschaftlicher wie auf individueller Ebene mit
einbezogen, ohne hier als normative Setzung isoliert werden zu können.
Letztlich handelt es sich hier um dialektische Widersprüche, die in der
Lebenssituation aufgelöst werden müssen: dem Widerspruch von Erfahrung und
Gestaltung, oder, auf die Schule bezogen, den Widerspruch von Erfahrung und
Kompetenz. Widerspruch im dialektischen, auf Synthese zielenden Sinne
bedeutet hier: Erfahrung erfährt ihre Sinngebung, ihre bewusste Wahrnehmung
erst durch die Kompetenz, den erfahrenen Sachverhalt zu distanzieren,
relativieren oder auch zu verändern; Kompetenz zur Veränderung aber wird
erst durch Erfahrung erworben. Das Eine setzt also nicht das Andere logisch
und zeitlich voraus, sondern bedingt sich aus der Existenz des Anderen.
Schule muss also
gleichzeitig und aufeinander bezogen Erfahrung vermitteln und Kompetenz
erwerben lassen. Beide Kategorien sind bislang noch sehr abstrakt und
übergeordnet; Ihr semantisches Feld umfasst eine Vielzahl von Bedeutungs‑
und Wahrnehmungsfaçetten:
|
Erfahrung |
Kompetenz |
|
Konflikte werden
erduldet oder ausgetragen. |
Lebensziele müssen
gesetzt und revidiert werden. |
|
Realismus entwickelt
sich aus der Erfahrung der materiellen Umwelt. |
Utopien und Ideen
können den Realismus konterkarieren oder auch als Sinngebung
erträglich machen. |
|
Macht und Herrschaft
in der Gesellschaft werten und definieren, strukturieren und verändern
die Situationen des eigenen Lebens. |
Alternativen des
sozialen Handelns reagieren auf Herrschaftsansprüche und eröffnen
Möglichkeiten zur Veränderung der eigenen Situation. |
Aus diesen Spannungen
und Widersprüchen leiten sich die Ansätze des Lernens ab, ist das
Lernbedürfnis erst zu erklären. Letztlich Ist auch hier wieder der Bogen
zurück zur einleitenden graphischen Übersicht zu schlagen:
Aus der Erkenntnis
der Grundlagen des Lernens lassen sich Aussagen über die Notwendigkeit des
Lernens ableiten.
Lernen Ist Methode
und Gegenstand zugleich.
Diese
„Selbstbezüglichkeit" von Schule genauer kritisch zu untersuchen, wäre
sicher reizvoll.
Die Fächer haben
Erklärungsmuster entwickelt. Sie sind neu zu überprüfen; sie sind von den
Schülern, da wo es lohnt, einübend nachzuvollziehen und in der Anwendung zu
erproben für den selbständigen Gebrauch.
Folgerungen
Das heißt also, dass
nach den vorangehenden Überlegungen neue kritische Selbstreflexionen
innerhalb der Fächer zu verlangen sind. Ihr möglicher Stellenwert müsste
definiert werden; es sind hierbei durchaus kontroverse Positionen zu
erwarten auch und gerade unter vernünftig Argumentierenden.
Ein neuer Versuch,
Maßstäbe für das Lernen In Schulfächern zu klären, sollte gewagt werden.
Welche Qualifikationen vermittelt ein Fach, welche gelten für mehrere oder
alle Fächer? Die schwierige Diskussion der zurückliegenden Oberstufenreform
in Niedersachsen und in der Bundesrepublik – zu früh abgebrochen – müsste
aufgearbeitet und mit kritischem Neubeginn fortgeführt werden.
Ausgehend von
verschiedenen denkbaren neuen Ansätzen von Reformbestrebungen, von
unterschiedlichem Mut, sich tatsächlich grundlegenden Veränderungen des
gesellschaftlichen Ortes „Schule" zu stellen, von der Ebene des Ansatzes
der Reformbemühungen auf Landes‑, Schul‑ oder Unterrichtsebene, lassen sich
hinsichtlich der Forderungen an die Weiterentwicklung der Schulfächer drei
Optionen denken:
Prägend für den
Schulunterricht Ist von vornherein das fächerübergreifende Konzept. Es
werden also interdisziplinäre Verfahren angewandt und dem
Projektunterricht Priorität eingeräumt. Voraussetzung dazu wären erst recht
höchstqualifizierte Fachleute für die Ausarbeitung von Modellen und
Curricula.
– Der Vorteil wäre u.a.,
dass tatsächlich von einem ganzheitlichen Ansatz her gedacht und mit den
Schülern gearbeitet wird, dass erst nachfolgend eine Spezialisierung, ein
geschärftes Wahrnehmen der „Spezialforscher" einsetzt, orientiert an
übergeordneten Phänomenen und Leitfragen.
Die Fächer bleiben
zunächst so, wie sie sind, unterrichtet von Lehrern mit den vorhandenen
Kompetenzen. Sie reflektieren die hier ausgeführte Problematik, sie
sprechen sich ab über ihre traditionellen Grenzen hinweg. Was haben unsere
traditionellen jeweiligen Fächer miteinander zu tun, was steht In Beziehung
zueinander – auch den bisherigen Richtlinien zufolge?
– Ein solchermaßen
pragmatisches Vorgehen führt zu begrenzten Abstimmungen auf der Ebene der
einzelnen Schule, zu sich ergänzenden Teilprogrammen, die ohne fundamentale
Änderungen der Schulstruktur schon realisierbar erscheinen.
Sollten aber die Fächer
administrativ daran gehindert werden, auch nur begrenzt miteinander zu
kooperieren – und curriculare Entwürfe und RRL z.B. für Geschichte und
Erdkunde lassen befürchten, dass hier Berührungsängste bewusst kultiviert
werden sollen –, müsste die Option darin bestehen, dass die Fachlehrer einer
Schule, denen unsere Perspektive einleuchtet, sich den übergreifenden Fragen
öffnen, um ihren Fachbeitrag als Teilperspektive zu begreifen mit der
Konsequenz, im Fach selbst das übergeordnete Ganze mit zu entfalten, zu
vermitteln und zu repräsentieren.
Für alle drei Ansätze
gibt es Vorüberlegungen und Annebote in der fachdidaktischen Literatur nicht
weniger Fächer. Die Schulpolitik arbeitet restriktiv eher In die unserer
Ansicht nach falsche Richtung:
Sie unterstützt
verschwommene Vorstellungen von der Heilsamkeit einer allgemein gebildeten
Schuljugend und sie unterstützt die isolierten Ausleseverfahren beschränkter
traditioneller Fächer und Abschlüsse.
Hier liegt ein großes
Maß unseres Zornes begründet.
Zurück zum ersten Aufsatz:
I.
Bildung ‑ ein Kernproblem der inneren Schulreform
Impressum:
TEILNEHMER DES „EMDER ARBEITSKREISES"
(1987)
Ulrich Bauermeister,
OStD, Hannover
Peter Domann,
OStD, Hannover
Dr. Eckart Jander,
OStD, Laatzen
Wilhelm Leeker,
OStD, Emden
Dr. Edigna Schrembs,
RD', Hannover
Werner Stapp,
OStD, Hameln
Gerhard Voigt,
StR, Laatzen
Jürgen Wolf,
StD, Braunschweig
Zur ersten Auflage:
Als Manuskript in einer
Auflage von 40 Exemplaren gedruckt im Juni 1987 in Hannover
Herausgeber und
verantwortlich im Sinne des Presserechts:
Gerhard Voigt [heutiger Kontakt vgl.
Impressum].
Alle Urheber‑ und
Verwertungsrechte sind von den Autoren vorbehalten. Verwendung nur mit
ausdrücklicher Genehmigung der Autoren der Aufsätze. Die Rechte der nicht
signierten Teile des Heftes liegen beim Herausgeber i.V. des „Emder
Arbeitskreises“
Zur zweiten Auflage:
Nachdruck zum Gedenken
an die kürzlich verstorbene Kollegin Dr. Edigna Schrembs, die den „Emder
Arbeitskreis" initiiert hatte und mit ihm die Traditionen der
Oberstufenreform in Niedersachsen am Leben halten wollte.
In diesem Sinne wirkte
sie auch im Verband der Politiklehrer e.V., Hannover, mit, der beauftragt
worden war, die erste Auflage dieses Heftes zu publizieren.
Der Verband der
Politiklehrer e.V., Hannover, rechnet es sich als Ehre an, diese
„klassischen Texte“ erneut zunächst im Internet unter
http://www.politiklehrerverband.org
und später als Sonderheft der Verbandszeitschrift »politik unterricht
aktuell« im Jahr 2004 zu veröffentlichen.
Hannover im November
2003
Verband der
Politiklehrer e.V., Hannover,
Vorsitzender: Gerhard Voigt
eMail:
bismarckschule.voigt@gmx.de
Internet-Präsenz:
http://www.voigt-bismarckschule.de
Informationen zum
Emder
Arbeitskreis |
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