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"Der neue Unterricht 2003"
Kontrolle statt Erziehung zur Selbstverantwortung
Notizen zum Wandel der pädagogischen Grundkonzepte -
erlebt und erfahren in der eigenen Schulpraxis
Unterricht wird zunehmend als technizistische Methode der
Inhaltsvermittlung und – als Rest der früheren zentralen und umfassenden
Aufgabe der Politischen Bildung: der Entwicklung von Sozialkompetenz
– der Disziplinierung der Schülergeneration im Stile des 19.
Jahrhunderts verstanden. Schulpolitik und Schulleitungen wollen eine
affirmative „Anpassungspädagogik“, in der abzähl- und abfragbare
Kenntniskataloge das Maß des schulischen Erfolgs ausmachen – eine
missverständliche und in die falsche Richtung gehende Interpretation und
Rezeption der Ergebnisse der PISA-Studien. Das Prinzip der
Abprüfbarkeit dominiert.
Zur Illustration Bilder aus dem Schul(leiter)alltag des
Jahres 2003: In vielen Schulleitungen hat sich die Überzeugung
festgesetzt, dass Schulschwänzen grundsätzlich der Beginn einer
kriminellen Karriere sei – der ehemalige niedersächsische
Justizminister Christian Pfeiffer (SPD) gilt als „Papst“ dieser These, die
von den tatsächlich „kaputten Biographien“ junger Straftäter auf die
Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler schließt, bei denen
„Schulschwänzen“ zu den ganz normalen „Mutproben“ des Älterwerdens, der
pubertären Reifungsprozesse ist. So sollen die Jugendlichen durch
ständige Kontrollen und unnachsichtige Sanktionen „auf den rechten Weg“
zurückgebracht werden, ohne zu erkennen, dass damit die „Schulordnung“
zur „Gefängnisordnung“ degeneriert und zudem Protest- und
Verweigerungshaltungen evoziert, die vorgeblich bekämpft werden sollen.
Von Seiten des Schulleiters, der hier als Beispiel dient, werden vor allem
die von ihm panisch gefürchteten Tendenzen zum „Chaos“, zur „Anarchie“
oder (hochgestochener formuliert) „Anomie“in der Schule wahrgenommen – dies ist wohl
auf seine intensive Beschäftigung mit der problematischen
Individualisierungshypothese zurück zu führen, auf die wir in
dieser Arbeit im Kapitel 4 bei der Beschäftigung mit den Diskursfeldern
eingegangen sind. Mit Bezug auf den Aufsatz von Hans Joas,
Wertevermittlung in einer fragmentierten Gesellschaft, führen wir in
einer Anmerkung dazu aus: Zu der viel diskutierten
Individualisierungshypothese von Beck schreibt Joas: „Beck ist allerdings
zweideutiger; er gebraucht den Begriff der Individualisierung für diesen
Wandel der sozialen Integrationsformen teils im Sinne eines Gewinns an
Entscheidungsautonomie auf Seiten der Individuen, teils im Sinne
anomischen Orientierungsverlusts (Hervorhebung G.V.), der
Vereinzelung und Verunsicherung. – Konsequenzen dieser Befürchtungen
werden mit der Einrichtung bürokratischer Kontrollsysteme in mehreren
Schulen Hannovers, die durch Los bestimmt worden sind, gezogen: Morgens
steht zumindest zeitweilig der Schulleiter höchstpersönlich an der Tür
und notiert die Zuspätkommenden mit der entsprechenden Minutenzahl, dies
wird von der Schulleitung mit den Verspätungseintragungen im Klassenbuch
verglichen, womit gleichzeitig ein Kontrollmechanismus gegenüber der
Lehrerschaft eingerichtet ist. Die Erststunden-Lehrerinnen und
-Lehrer notieren derweil alle fehlenden Schülerinnen und Schüler auf
einem Formblatt, das umgehend im Sekretariat abzugeben ist. Die
Sekretärinnen gleichen die Meldungen mit schriftlich oder telefonisch
eingegangenen Entschuldigungen ab. Wenn diese nicht vorhanden sind,
werden die Eltern (gegebenenfalls auch am Arbeitsplatz) angerufen. Dass
Fehlstunden im Zeugnis zu vermerken sind, ist ohnehin durch Erlass
geregelt. Drei Verspätungen ergeben dann eine Nachsitzstunde, für die der
Klassenlehrer eine schriftliche Aufgabe bereit zu stellen hat. Dass
seither die Entschuldigungen immer phantasiereicher werden und Lehrerinnen
und Lehrer immer geneigter sind, diese zu akzeptieren, um sich
ihrerseits selbst Bürokratie und Ärger zu ersparen, ist fast
zwangsläufig. Zumindest bei einem Teil der Lehrkräfte entsteht so eine
unausgesprochene Solidarität mit den Schülerinnen und Schülern, das
institutionalisierte Zwangssystem zu unterlaufen, dessen Nutzen kaum
vermittelbar ist. Die Vorstellung von einer offenen Schule als
akzeptiertem Lebens- und Sozialraum, in dem selbstregulierende
Kommunikation Konflikte löst und Verhaltensabweichungen zu den normalen
sozialen Erfahrungen zählt, ist wohl verloren gegangen. Illich Forderung
nach einer „Entschulung der Gesellschaft“ ist auf der Ebene einer „Entschulung
der Schule“ aktueller denn je.
Dass aus diesen internationalen Kontexten allein die kognitiven Defizite
in den so genannten „Kernfächern“ wahrgenommen und zum Handlungsanlass
genommen werden, nicht aber die für die tatsächlichen pädagogischen
Defizite ursächlichen Integrationsmängel und Inkompetenzen in der Sozialen
und Politischen Bildung, beweist ein rein kognitives Lern- und
Pädagogikverständnis, das den sozialen Problemen der heutigen
Schülergenerationen auch nicht annähernd gerecht wird. Eine Pädagogik, die
ihren Ausgangspunkt von der konkreten Unterrichtssituation her versteht
und die offen für die aktuellen gesellschaftlichen Diskurse ist, wird
nicht verstanden. Die Kernforderungen der vorliegenden Arbeit können
sicher unter den derzeit gegebenen schulpolitischen Rahmenbedingungen
auch nicht individuell und ansatzweise umgesetzt werden.
Doch auch in den Schulen selbst ändert sich das soziale Klima zusehends.
Diskursschwerpunkte sind heute Gewaltprävention und Abwehr von
Verhaltensauffälligkeiten. Als nahezu einzige Lösung dieser tatsächlich
vorhandenen, aber in ihrem Umfang weit überschätzten Probleme, wird nahezu
ausschließlich auf Repression, Kontrolle und systematisiertes
Verhaltenstraining und die Zusammenarbeit mit den Sicherheitsorganen des
Staates gesetzt. Die negativen Folgen für das Lernklima für die große Zahl
der Lernwilligen und Lernfähigen wird in diesem Zusammenhang kaum
beachtet. Das bedeutet aber auch das Ende der Liberalität gegenüber den
Unterrichtskonzepten der Lehrerinnen und Lehrer, die zunehmend als
Kontroll- und Instruktionsorgane missbraucht werden.
Vgl. dazu die
Stellungnahme des Verbandes der Politiklehrer e.V., Hannover, in »politik
unterricht aktuell«, Heft 2002/1, S. 46-49 (auch im Internet unter
http://www.politiklehrerverband.org).
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