Gerhard Voigt:
Industrialisierung in
England und Algerien
Das Vergleichen von
Entwicklungen
Zu den schwierigsten und problematischsten
Versuchen, durch regionale Vergleiche in Wissenschaft und Unterricht
geographische Aufschlüsse zu gewinnen, gehört der Vergleich von Ländern
der „Dritten Welt“ mit den „entwickelten Industrieländern“.
Raumvergleiche gehören zwar zum Standardrepertoire des
Geographieunterrichts und haben damit auch Eingang in die gültigen
Rahmenrichtlinien und nachfolgend auch in Geographiebücher gefunden;
aus gutem Grunde aber finden sich in der wissenschaftlichen Geographie
nahezu keine ernstzunehmenden vergleichenden Ansätze. Die nachfolgende
Unterrichtsskizze schildert daher bewusst eine Folge missglückter
Vergleichsversuche und drückt im schließlich gewählten Vorgehen eine
tiefe Skepsis gegenüber dem Instrument des Raumvergleichs überhaupt aus.
Darüber hinaus soll der Versuch unternommen werden, aus den
wissenschaftlichen Bedenken didaktische Konsequenzen zu ziehen und den
verbreiteten Optimismus zu dämpfen, dass die Methode des Raumvergleichs
wesentliche und abgesicherte Erkenntnisse vermitteln könnte. Ob die
methodische Problematik selbst in einem Geographiekurs der S II, wie
geschehen, thematisiert werden kann, sei dahingestellt. Das wichtigste
Ergebnis einer solchen kritischen Erprobung ist das Erarbeiten einer
kritischen Haltung gegenüber geographischen Stereotypen und
Pauschalurteilen.
Entwicklungsland – Industrieland
Es herrscht nicht nur bei Schülern eine große
Unsicherheit darüber, ob Entwicklungsländer und
Industrieländer als qualitativ verschieden oder nur graduell
unterschiedlich entwickelte Räume angesprochen werden müssen. Die
Methode des Raumvergleichs bietet sich daher unmittelbar an. Wie ist
aber zu entscheiden, ob unter dem Begriff Industrialisierung
eventuell ganz unterschiedliche sozioökonomische Prozesse subsumiert
werden?
Zur Klärung dieser Ausgangsfrage werden zwei Länder
ausgewählt, die nach unseren Maßstäben zeitlich klar abzugrenzende
Industrialisierungsprozesse in unterschiedlichen historischen
Situationen durchlaufen haben. Aus dem Rahmen fallende Randbedingungen
in Größe, politischem System oder in extremer Ungleichausstattung mit
Ressourcen sollten dabei vermieden werden.
Unsere Wahl fiel auf England als dem klassischen
Land der Industriellen Revolution und auf Algerien, wo, in
unmittelbarer Nachbarschaft Europas, der Beginn der Industrialisierung,
von unerheblichen älteren Vorläufern in der Kolonialzeit abgesehen, mit
dem Ende des Befreiungskampfes und dem Gewinn der Unabhängigkeit in den
Verträgen von Evian 1962 zusammenfällt.
Vergleich: 1. Versuch
Vorgehensweise: Die Schüler sammeln aus
länderkundlichen Werken, Schulbüchern und Atlanten Informationen über
beide Länder und ordnen sie synoptisch. Das Vorgehen entspricht
weitgehend der Anfertigung eines Tafelbildes. Ein erster Entwurf könnte
so aussehen, wie ihn M1 vorgestellt.
Kritik: Die Übersicht (M1)
stellt Nichtvergleichbares nebeneinander; die Auswahl der Fakten ist
zufällig bzw. entspricht einem nicht reflektierten Vorverständnis. Die
Darstellung neigt zur Überspitzung der Unterschiede; z. B. sind die
„Raumwirkungen“ in der notierten Form nicht richtig gesehen, aber aus
dem Vorverständnis heraus korrekt abgeleitet worden. Die Ursachen der
gesellschaftlichen Prozesse werden nicht klar.
Typ des Vorgehens: Üblicher, unkritischer
phänomenologischer Vergleich ohne Vergleichskategorien.
Grundsätzlicher Einwand: Das Vorgehen
bestätigt das vorgegebene Erklärungs- und Verständnisschema, wirkt also
affirmativ. Neue Erkenntnisse sind kaum daraus zu gewinnen. Das
Verfahren hat keinen wissenschaftlichen Erkenntniswert, denn es fehlt
jeglicher einsichtige Vergleichsmaßstab. Die Fiktion, dass Realitäten
unmittelbar vergleichbar seien, wird nicht angetastet.
Relativierung: Aus pädagogischen Gründen
kann ein solches Vorgehen dennoch nützlich sein, wenn damit das
Interesse fur die Fragestellung erst geweckt und selbständige
Materialarbeit geübt werden soll.
Vergleich: 2. Versuch
Was verändern wir? Die große,
unstrukturierte Materialmenge soll reduziert werden, indem der Lehrer
ausgewählte Materialien vergibt, z. B. zwei historische Karten, zwei
Wirtschaftskarten und statistische Kurven über die Entwicklung von BSP
(und andere Größen), Einkommen und Versorgung. Quellen: Schulatlas,
Geschichtsatlas und, z. B., Hobsbawn, Industrie und Empire
(statistischer Anhang) bzw. der länderkundliche Kurzbericht „Algerien“.
Diese Vorgehensweise entspricht einem begrenzten Arbeitsauftrag, wie er
z. B. für Klausuren oder Abiturprüfungen benötigt wird.
Kritik: Das Ergebnis dieses Vorgehens ist
deprimierend. Zwar werden die Schüler mit diesem gewohnten Aufgabentyp
recht schnell fertig, doch originelle Ergebnisse konnten nicht
entstehen, da sie vom Aufgabentyp geradezu verhindert wurden. Die
Qualität der Arbeiten richtete sich erstens nach den über das Material
hinaus vorhandenen (z.T. zufälligen) länderkundlichen Kenntnissen,
zweitens nach formalen Argumentationsmustern („Intelligenzritualen“),
die inhaltlich irrelevant sind, und drittens nach der Einschätzung der
Lehrererwartung durch den Schüler. Was in keinem Falle durch diesen
Aufgabentyp erreicht werden kann, sind selbstgefundene geographische
Erkenntnisse oder gar wissenschaftlich haltbare Einsichten. Wer hier in
Prüfungsaufgaben angeblich „selbständige Arbeit“ vorfinden will, die
sich tatsächlich auf die Materialien bezieht, lügt sich selbst etwas
vor. Der erkenntnissuchende Arbeitsanteil wird zugunsten
reproduktiver Arbeitsformen unterdrückt.
Typ des Vorgehens: Begrenzte Materialarbeit;
Prüfungsaufgabe.
Grundsätzlicher Einwand:
Geographieunterricht und Geographieprüfung haben andere als die hier
angesprochenen Ziele und sollten sich doch an den Minimalforderungen
der Wissenschaftlichkeit orientieren.
Vergleich: 3. Versuch
Was andern wir? Wir haben bei den ersten
beiden Versuchen erkannt, dass Vergleiche notwendig Vergleichsmaßstäbe
voraussetzen. Die Fragestellung muss präzisiert und ein
Bedeutungsmaßstab muss angelegt werden. In unserem Beispiel könnte – in
einem zunächst inhaltlich begrenzten Arbeitsschritt – nach den
Industrialisierungsphasen, nach den ökonomischen Resultaten dieser
Phasen und nach der benötigten Zeit der Industrialisierungsprozesse
gefragt werden. (M2)
Kritik: Dieses Vorgehen ist auf dem
richtigen Wege. Die Ergebnisse sind überprüfbar und können tatsächlich
verglichen werden. Zu Problematisieren ist aber der Weg, in dem die
Maßstäbe gefunden und operationalisiert werden. Gängig, aber
problematisch sind dabei die ,,finalen Konzepte“: Hierbei dient als
Vergleichsmaßstab eine aus Erfahrung oder normativem Kalkül abgeleitete
Definition eines optimalen Zustandes oder Entwicklungszieles. Der
Vergleich soll in erster Linie Defizite aufdecken.
Modernisierungstheoretische Ländervergleiche zum Thema „Dritte Welt“
bedienen sich gerne dieses Vorgehens und finden auch Wege der exakten
Quantifizierung (Geographische Rundschau 81/1, 83/ 7 u.a.). In
der politischen Praxis mag ein solches Vorgehen gerechtfertigt sein (z.
B. in der UN-Definition der LLDCs (Least Developed Countries);
doch auch hier meldet u. a. die „Brandt-Kommission“ Bedenken an), soweit
ein politischer Zielkonsens herzustellen ist. Die eigentliche
wissenschaftliche Problematik liegt jedoch gerade in der ausgesparten
Frage, wie wir denn überhaupt zu konsensfähigen Vergleichsmaßstäben
gelangen können. Genau diese Frage sollte aber unseren
Erdkundeunterricht leiten!
Typ des Vorgehens: Normativer bzw. „finaler“
Vergleich; politisch-ökonomische Kategorisierung.
Vergleich:
4. Versuch
Was ändern wir? Das Problem des
Vergleichsmaßstabs rückt jetzt in den Vordergrund, Maßstäbe sollen durch
die auf ein Land bezogene Arbeit selbst gewonnen werden. Das verlangt,
daß vor dem Vergleichen das empirische Material geordnet und in
strukturelle Zusammenhänge gebracht wird, d.h., daß ein abgegrenztes
Modell von der Realität erstellt und auf seinen Erklärungswert hin
überprüft wird. So entsteht ein vernetztes System funktionaler
Wechselwirkungen, die in unterschiedlicher Intensität,
qualitativ-typisierend oder quantitativ-analytisch verglichen werden
können.
Vorgehensweise: Zunächst werden für die
beiden Länder getrennt Materialien gesammelt (ähnlich wie beim 1.
Versuch), mit denen die Industrialisierungsvoraussetzungen und die
treibenden Interessen analysiert werden können. Auf der Grundlage
leitender Fragestellungen (M3) werden die Fakten zeitlich
geordnet und inhaltlich durch das Aufzeigen von Kausalitäten und
Interdependenzen vernetzt. Für das schulische Arbeiten wird nun die
jetzt notwendig folgende Operationalisierung, die intensivere
empirische Arbeit und zumindest in Ansätzen Quantifizierungen der
Zusammenhänge erfordert, reduziert auf die Entwicklung je eines
graphisches Modells der Industrialisierungsabläufe in jedem der Länder
(MS/6). Die empirische Absicherung erfolgt durch Materialarbeit,
geleitet durch einige strukturierende Thesen, die aus den Modellen
abgeleitet werden (M4).
Kritik: Auch dieser Ansatz, wenn wir ihn
auch als brauchbar klassifizieren, muss auf Einschränkungen seiner
Brauchbarkeit hin untersucht werden. Zunächst einige grundsätzliche
Probleme. Nicht hinreichend können in einem solchen Modellvergleich
-
der interkulturelle Ansatz,
-
die sozialanthropologische Perspektive (political
culture)
-
und die Konfliktanalyse betrieben werden; hierfür
versagt wohl der Raumvergleich grundsätzlich. Diese zentralen
Urteilsansätze, an denen die geographische Entwicklungsländerforschung
nicht vorbeigehen darf, müssen in der Fallanalyse an einzelnen
Kulturräumen entwickelt werden.
Konsequenz: Auch Modellvergleiche, die zu
wissenschaftlich ergiebigen Ergebnissen führen können, dürfen im
Unterricht nicht isoliert außerhalb eines übergreifenden curricularen
Zusammenhanges angeboten werden. Der Vergleich selbst, soll er zu
Ergebnissen führen, benötigt einige Unterrichtszeit vor allem für die
selbständigen Lernschritte. Drei bis vier Doppelstunden mit häuslicher
Literaturarbeit sind auch dann anzusetzen, wenn grundlegende
historische Fakten (Industrielle Revolution, algerischer
Befreiungskrieg) nicht eigens vermittelt werden müssen.
Fazit
Das Unterrichtsmodell des Ländervergleichs hat sich
als ein äußerst problematisches und anspruchsvolles Instrument
geographischer Arbeit herausgestellt, dessen wissenschaftliche Relevanz
noch nicht zweifelsfrei gesichert ist (z. B. durch die Problematik des
Modellbegriffes und der Definition der Vergleichsmaßstäbe). Gescheitert
ist vor allem der Versuch eines »naiven« Zugangs über die klassische
Materialarbeit, wenn man von anspruchslosen Motivations- und
Orientierungsphasen einmal absieht. Vor allem aber der vorstrukturierte,
durch Materialauswahl verkürzte Vergleich, wie er für Prüfungsaufgaben
typisch ist, kann – und ich verallgemeinere hier die am Beispiel
gewonnenen Einsichten – nicht den geringsten fachlichen Ansprüchen
genügen. Die Konsequenz sollte sein, auf vergleichende Aufgaben z. B. im
Abitur zu verzichten, dagegen können anspruchsvolle Unterrichtsvorhaben,
die der geographischen Theoriebildung und Reflexionsfähigkeit dienen,
durch das Element der Modellvergleiche, abgeleitet aus der
länderkundlichen Analyse von Prozessen, sehr bereichend wirken.
Fortsetzung des Vergleichs durch parallele
Fallstudien
Die Industrialisierungsthematik müßte nun vertieft
werden, indem folgende Fragestellungen an den gewählten oder neu
hinzutretenden Länderbeispielen erörtert werden:
-
begriffliche und fachliche Einordnung der
gesellschaftlichen Wechselwirkungen über den geographischen Fachansatz
hinaus (Ökonomie, Politik);
-
Beschreibung und Bewertung der
Strukturdeformationen in Algerien als Hypothek der Kolonialzeit
(regionale und soziale Marginalisierungsprozesse);
-
Hinblick auf ihre politischen Intentionen und
Interessen;
-
subjektive Sinnverständnisse: Was erlebte oder
erlebt der Engländer oder Algerier innerhalb seiner eigenen
kulturellen Umwelt als Wirkungen des Industrialisierungsprozesses.
Literatur
Arnold,
A.: Die industrielle Entwicklung Algeriens. In: Institut für
Auslandsbeziehungen, Zeitschrift für Kulturaustausch, Heft 20, Stuttgart
1970.
Mensching/Wirth:
Nordafrika und Vorderasien. Fischer Länderkunde Band 4. Frankfurt
1973.
Hobsbawn,
E. J.: Industrie und Empire. Britische Wirtschaftsgeschichte seit
1750. Band 1 und 2. Frankfurt 1969.
Hubatsch,
W.: Die englischen Freiheitsrechte. Hannover 1962.
(Der Vergleich England/Algerien wurde mit
anderer Zielsetzung erstmals publiziert in:)
Voigt/Fuchs/Eilers:
Sozioökologie. Gesellschaftliche Probleme in einer sich wandelnden
Umwelt. Leistungskurs Geographie. In: Der Niedersächsische
Kultusminister, Handreichungen für den Sekundarbereich II für das
gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld, Folge B 4, Band I.
Hannover 1977, S. 89 – 208.