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Gerhard Voigt
Thesenpapier:
Polen - Die
historischen und aktuellen Bedingungen des deutsch-polnischen
Verhältnisses:
Von den Schwierigkeiten des politischen und
ökonomischen Wandels unter den Bedingungen der Politischen Kultur und der
Mentalitätsgeschichte
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Die aktuelle Situation: Transformationskrise,
Systemkrise, Strukturkrise?
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Die gesellschaftliche Situation im politischen
Wandel: Universalisierungstendenzen, Wendung nach Europa,
Legitimationskrise
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Polnische Krisenlösung: Erklärungsansätze für
irritierende Beobachtungen
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Der Ursprung der polnischen Gesellschaft
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Etatistische und nichtetatistische
Vergesellschaftung in Europa
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Anachronismen und Widersprüche: Polen und seine
westlichen Nachbarn
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Alltagsverhalten und Krisenbewältigung: Rituale,
Anarchie und revolutionäre Ideen
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Die Situation der Jugend in Polen: Integration in
die »postmoderne Weltzivilisation« – ein Problem für das
Bildungswesen
-
Résumé: Deutschlands »neuer« Nachbar zwischen Skepsis und Kooperation
Daten zur polnischen Geschichte
962-1370 Piastenstaat von Mieszko I. bis Kazimierz
d.G., Westlage Polens, „Ostkolonisation“, Deutscher Ritterorden
1386-1548 Jagiellonen (Wladyslaw
Jagiello bis Zygmunt I. Stary), Union mit Litauen,
Ostexpansion, Aufstieg der Szlachta
1410 Sieg über den Ritterorden (Grunwald)
1572-1795 „Adelsrepublik“ mit Vorherrschaft der
Szlachta, Wahlkönigtum („liberum veto“ und
Konföderationsrecht)
1683 Sieg über die Türken bei Wien durch Jan Sobieski
1764-1795 Stanislaw Poniakowski
versucht der Zerfall des Staates vergeblich durch liberale und aufgeklärte
Reformen aufzuhalten.
1772 Erste Polnische Teilung
1793 Zweite Polnische Teilung
1795 Dritte Polnische Teilung und Auflösung des
Staates
1795-1918 „Noch ist Polen nicht verloren“: Der
Freiheitskampf
1797 Polnische Brigaden unter Dabrowski in Italien
1887 Liga Polska der bürgerlichen Kräfte
1892 Polnische Sozialistische Partei unter Pilsudski
1894 Liga Narodowa unter Poplawski
und Dmowski
1917-1939 Der neue Polnische Staat, Pilsudski;
Wirtschaftskrise
1939-1945 Deutsche Okkupation, 2. Weltkrieg, deutsche
Vernichtungspolitik gegen das polnische Bürgertum, den polnischen
Widerstand und die Juden Vernichtungslager)
1944 Warschauer Aufstand, Vernichtung der Stadt,
erste provisorische polnische Regierung; Bürgerkrieg
1948-1956 Stalinismus (Bierut), 1956 Posener Aufstand
1956-1970 Gomulka;
Industrialisierung, Versorgungsprobleme;
1968-1970 Studentenunruhen, Aufstand in Danzig
7.12.70 Warschauer Vertrag mit der BRD
1970-1980 Gierek; Wirtschaftsreformen,
Konsumorientierung, Auslandsverschuldung; Wirtschaftskrise
1980/81 Streik der danziger Werftarbeiter,
Solidarnosc
1981-1989 Jaruzelski; Konsolidierungspolitik,
Wirtschaftsreformen; Inflation, Verschuldungskrise, soziale
Verelendung;
1989/90 politische Wende, bürgerlich-liberale
Republik
Begriffserklärungen:
Szlachta: polnischer Adel (ursprünglich freies
Großbauerntum), nicht verwandt und vergleichbar mit dem westeuropäisch-
deutschen Hochadel (ehm. „fränkischer Adel“)
liberum veto: das Recht eines Adligen im Sejm
(Parlament), jeden Beschluß durch ein veto („Ich verbiete“)
verhindern zu können
Konföderation: Bündnis von Adligen auch gegen
den eigenen König
politische Kultur: die Gesamtheit der gesellschaftlichen
Verhaltensformen und Werte, die in der Gesellschaft durch
Alltagsverhalten, Familie und Schule tradiert werden
Problemaufriß:
Das Verhältnis der polnischen Gesellschaft
einschließlich ihrer politischen Eliten zur kommunistischen Regierung nach
dem zweiten Weltkrieg war immer problematisch und vielschichtig; das
Regierungssystem war niemals so einfach als „Gewaltherrschaft“ zu
beschreiben, wie es für die Nachbarstaaten DDR und CSSR heute oft üblich
geworden ist. In Dezennien aufeinander folgende Unruhen und – letztlich
gescheiterte – Reformansätze kennzeichnen die polnische
Nachkriegsgeschichte. Damit wurde Polen – neben Ungarn – seit der
Gründung der unabhängigen Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc und den
„Danziger Verträgen“ von 1980, aber unterbrochen von der Zeit des
Kriegsrechts unter Jaruzelski 1981 – 1989, zu einem wichtigen Faktor in
dem Prozeß der sozioökonomischen und politischen Umgestaltung Ost- und
Südosteuropas.
Die besondere Krisendynamik, die sich in Polen
beobachten läßt – Verelendungsprozesse, mangelnde Staatsakzeptanz,
Zerfall staatlicher Institutionen, Entwicklung eines mafiösen
Untergrundes – und die „typisch polnischen Reaktionen“ auf die Krise
lassen sich nur vor dem Hintergrund der besonderen polnischen
Gesellschaftsform verstehen, die Produkt der wechselvollen und von den
westeuropäischen Nationen abweichenden Nationalgeschichte Polens ist.
In Polen hat sich eine besondere Politische Kultur
entwickelt, die sich in der individuellen wie der gesellschaftlichen
Reaktion auf Krisen und Konfliktlagen ablesen läßt. Vor allem die Rolle
des Staates und seiner Institutionen ist in Polen anders zu bewerten
als in Westeuropa, was spezifisch polnische Wege der Krisenbewältigung
notwendig macht.
Thesen:
1. Der umfassende Begriff „Krise“ greift zu kurz und
differenziert die gesellschaftliche Situation zu wenig. Es sind zu
unterscheiden:
Transformationskrisen: Krisenerscheinungen,
die sich aus der instabilen Lage beim Übergang von einer zu einer anderen
Wirtschafts- und Staatsordnung ergeben;
Systemkrisen: Krisenerscheinungen, die sich
aus „Fehlern“ im Steuerungsmodell eines Wirtschafts- oder
Staatssystemes ergeben (rechtliche und ökonomische Unvereinbarkeiten,
Kommunikationsbarrieren, konkurrierende Eliten: solche Systemkrisen
treten regelmäßig in allen Gesellschaftsordnungen auf);
Strukturkrisen: Deformationen,
Disproportionen und Brüche in der räumlichen und sozialen Struktur einer
Gesellschaft, die die Brüche und Krisen der erlebten und erlittenen
Geschichte widerspiegeln.
2. Polen erlitt im Laufe seiner Geschichte mehrfach
fundamentale räumliche Verschiebungen nach Osten bzw. nach Westen. Dabei
war Ostverschiebung meist mit einer politischen Option für die westlichen
Kontakte, Westverschiebung mit der Option für östliche politische
Integration verbunden (nach Jerzykiewicz-Jagemann:
„Jagiellonische vs. Piastische Staatskonzeption“).
3. Die räumlichen Verschiebungen drücken sich in
strukturellen Deformationen und Disparitäten aus, die unmittelbar
hemmenden Einfluß auf die wirtschaftliche Entwicklung haben (defizitäre
Infrastruktur, labile außenwirtschaftliche Verflechtungen).
4. Die polnische Transformationskrise wird vor allem
durch den plötzlichen und unvorbereiteten Wegfall des RGW gekennzeichnet
mit dem Verlust von Aufträgen (Schwerindustrie, Schiffbau,
Maschinenbau), Rohstoff- und Energielieferungen (Erdöl, Strom,
Eisenerz, Buntmetalle) und ausstehenden Zahlungen für schon erbrachte
Leistungen.
5. Der polnische Staat ist traditionell schwach; die
nationalstaatliche Identifikation mit zentralen Staatsinstitutionen
hat sich in Polen nicht in dem Maße herausbilden können, wie in den
Gebieten Westeuropas, deren politische Geschichte sich seit dem
Mittelalter auf Staatskonsolidierung und militärische Staatsraison
konzentriert hatte (fränkische Grafschaftsordnung, imperiale Reichsidee,
später Absolutismus und bürgerlicher Nationalstaat). In Polen erfolgte
eine nichtetatistische Gesellschaftsentwicklung vom freien Bauerntum über
das Wahlkönigtum und die Szlachtagesellschaft (Adelsrepublik) mit ihren
Freiheitsrechten des liberum veto und des
Konföderationsrechtes.
6. Die sich daraus entwickelnde Politische Kultur
Polens steht jeder staatlichen Machtfülle skeptisch bis ablehnend
gegenüber („Alltagsanarchismus“), was sich in der Identifikation mit
Gegenmacht repräsentierenden Gruppen ausdrückt (Kirche, Familie,
Klientel). Staatsgewalt wird in der neueren Geschichte vor allem als
Oktroy fremder Interessen erlebt (Polnische Teilungen, preußische
Polenpolitik, russische Unterdrückung, nazideutsche Okkupation,
stalinistische Abhängigkeit der Volksrepublik von der Sowjetunion);
das bestätigt und verfestigt die ohnehin vorhandene Staatsferne der
Politischen Kultur.
7.
Die aktuelle Krise unterscheidet sich für Polen von früheren
sozioökonomischen Krisen dadurch, daß die traditionellen
Krisenlösungskonzepte sich plötzlich als ungeeignet zur Krisenlösung
erweisen und Verarmung, Verelendung und Machtlosigkeit nicht abwenden;
die traditionellen Verhaltensweisen sind gekennzeichnet durch das
Unterlaufen staatlicher Maßnahmen, privatistische
Überlebensstrategien, Verhalten im Untergrund, Basisloyalitäte. Die
daraus folgende subjektive Perspektivlosigkeit ist eine neue Erfahrung
für Polen, die zu Resignation oder Aggression führt. Eine Entfremdung
von der eigenen Geschichte wird als Orientierungslosigkeit erlebt, was
gemeinsame staatliche Krisenlösungen noch erschwert.
Literatur zum Thema Polen:
Marek Dutkowski und Gerhard Voigt:
Werftkrise: Krisendynamik und Raumwirksamkeit. Zeitschrift für
Wirtschaftsgeographie. Jg.33, Heft 3, 1989, S. 136-150
Feo Jernsson: Polen im Widerspruch. Eine
geistig-politische Landschaftsbeschreibung. München 1987 (Olzog)
Enno Meyer: Grundzüge der Geschichte Polens.
Darmstadt 19903 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)
Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt:
Polen – Nation ohne Ausweg? Eine Einführung in Politik, Gesellschaft,
Wirtschaft, Kultur und Umwelt (Geschichte und Staat Band 274). München
1986 (Olzog)
– dieselben: Junge Deutsche und Polen begegnen sich.
Schüleraustausch und Studienreisen. Schriftenreihe des UNESCO-Club für
die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Hannover
1990
Gotthold Rhode: Geschichte Polens. Ein
Überblick. Darmstadt 19803 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)
Hans Roos: Geschichte der polnischen Nation
1918-1985. Stuttgart 1986 (Klett)
Gerhard Voigt: Schülerreisen nach Polen.
Praxis Geographie 4/92, S. 44 f.
– derselbe: Die Praxis des Schüleraustauschs mit
Polen im Rahmen der interkulturellen Erziehung. Politik Unterricht
Aktuell. Mitteilungen aus dem Verband der Politiklehrer e.V., Hannover
1992, Heft 2/92
Gerhard Voigt und Marek Dutkowski: Die
Danziger Werft: Symbol der Krise und der Erneuerung. Praxis Geographie
4/92, S. 26-30
Weitere grundlegende Literatur vgl. Praxis
Geographie, Themenheft Polen, 4/92 (Westermann)
Dokument Information
Thesenpapier ("Handout") zu einem Vortrag am
28.09.1992 der Niedersächsischen Landeszentrale für Politische Bildung.
Ort: Göttingen. Leitung: Michael Spatzker. Vorbereitungsseminar für eine
Polenreise der NLZfPB 1992.
Gerhard Voigt Bismarckschule Hannover
OStR Geographie und Politik
Internetpublikation: 17.12.2009
Verantwortlich: Gerhard Voigt, Kontakt vgl.
Impressum.
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