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Veröffentlichungen und Texte
Gelegenheitstexte und Varia
Kriminalromane: Persönliche Favoriten
Literaturliste
Kapitel 1: Der klassische Detektivroman
Kapitel 2: Der angelsächsische
Universitätsroman
Kapitel 3: Der Kriminalroman der »schwarzen
Serie«
Kapitel 4: Der regionale Realismus
Kapitel 5: Die Außenseiter
Schreiben und lesen...
In meiner Schulzeit waren
Kriminalromane noch
die "Schmuddelkinder" der
Literatur. Mein Vater
las sie oft (vor allem Edgar
Wallace und Agatha
Christie, die roten
Goldmann-Krimis), aber er
versteckte sie immer in
Zeitungspapier (als
guter Waldorf-Lehrer war er hier
in einer
"moralischen Zwickmühle". Heute
wird immer
deutlicher, dass Kriminalromane
mit der
wichtigste Beitrag des 20.
Jahrhunderts zur
Literaturgeschichte und zum
Lesen eines breiten
Publikums waren. Über meine
Favoriten habe ich
nachfolgend einige Notizen
zusammen gestellt:
Literaturliste
Spektakuläre »Kriminalfälle« sind mit die ersten überlieferten literarischen
topoi, sieht man einmal von den mythischen und religiösen Schriften
ab, bei denen Verrat, Brudermord und das ganze Spektrum menschlicher Bosheit
und Verfehlungen breiten Raum einnimmt als Anlass und Motiv göttlichen
Handelns und religiösen Aufrufs zur Umkehr. Ohne diesen religiösen
Hintergrund sind so die biblischen Schriften ebenso wie babylonische
Keilschriftüberlieferungen anachronistisch heute als »Literatur« zu
lesen – und zu genießen. Kriminalromane sind daher vom sujet her
nichts Neues. »Schuld und Sühne« sind die klassischen Gegenstände der
Literatur bis heute. Doch im 19. Jahrhundert bildet sich vor dem Hintergrund
der zivilisierten bürgerlichen Gesellschaft vor allem in
Großbritannien eine formalisiertere literarische Form der
Detektivgeschichte heraus, die sehr bald vor allem in den USA aufgegriffen
und gesellschaftstypisch weiter entwickelt wurde – wobei einige short
stories von Edgar Allan Poe in den USA zu den direkten inhaltlichen und
formalen Vorläufern diesen Literaturgattung gehören.
Die umfangreiche literaturwissenschaftliche und
gesellschaftswissenschaftliche Literatur über die sozialen Grundlagen der
Kriminalerzählung z.B. in der bürgerlichen Klassengesellschaft, über die
besonderen gesellschaftlichen Rezeptionsmuster des »Krimis«, der in einer
unübersichtlich gewordenen Gesellschaft individualisierte Ansätze zur
Wiederherstellung von Norm und Ordnung anbietet, der bestimmte
Sensationsbedürfnisse der Leser- und beim TV-Krimi Zuschauerschaft
befriedigen kann, soll hier nicht weiter wiedergegeben und kritisiert
werden.
Die abwertende und abschätzige Kategorisierung der Kriminalromane in
Deutschland wäre einer eigenen gesellschaftswissenschaftlichen Untersuchung
Wert, die auch politisch funktionalisierte und aktualisierte
Nationalstereotypen, in extremer Form in der Zeit des
Nationalsozialismus, mit thematisiert und diese entdifferenzierte
Ablehnung auf ein spezifisch deutsches, aus der
romantisch-idealistischen Tradition herrührendes Gesellschafts- und
Literaturverständnis zurückführt, in dem Literatur Erbauungs- und
Affirmationsfunktionen zugeschrieben werden und die Gesellschaft vor
allem als Feld von Harmonisierungs- und damit Tabuisierungs- und
Unterdrückungsstrategien gesehen wird.
So kann eine bewusste positiv-kritische Rezeption der internationalen
Kriminalromanliteratur in Deutschland durchaus eine aufklärerische,
distanzierend-rationale Bedeutung erhalten. Doch jenseits solchen
legitimatorischen Überbaus sollte hier festgehalten werden, dass in der
unübersehbaren Fülle der Kriminalromanliteratur mit allen ihren
Qualitätsunterschieden – wie dies auch für andere literarische Gattungen
gleichermaßen gilt – für die moderne Literatur ein erheblicher Anteil der
besten in unserem Jahrhundert geschriebenen Werke – Romane und
Kurzgeschichten – zu finden sind, ohne die der literarische Reichtum der
Gegenwart gar nicht angemessen eingeschätzt werden kann.
Im Folgenden möchte ich einen ganz subjektiven Einstieg in die Lektüre guter
Kriminalromanliteratur geben, die gerade durch ihre subjektive Auswahl, die
keinen stringenten Kriterien folgt, sicherlich anfechtbar ist, Lücken
aufweist und für andere Leser und Leserinnen vielleicht als nicht so
überragend eingeschätzte Werke mit einschließt. Aber ich denke, dass man genau
so, zuwendung- und wagnisvoll sich auf Literatur einlassen sollte, mit dem
Mut zur Begeisterung und zur vielleicht auch einmal ungerechten Ablehnung
und Abwertung.
Ich unterscheide dabei ohne eigene Präferenzen verschiedene Kategorien von
Kriminalromanen, die regional und zeitlich jeweils Gruppen bilden:
»Klassische« Detektivromane in der Tradition von Sherlock Holmes, in
denen in einem festen gesellschaftlichen Rahmen der Einzelne durch
Kombination und Wissen die Ordnung wiederherstellt, in dem er das Rätsel
löst. Klassiker dieser Gattung sind allseits bekannt und werden hier
nicht mehr eigens aufgeführt. Zu ihnen gehören neben Conan Doyle vor allem
die »Grand Old Dames« der englischen Kriminalliteratur Agatha
Christie, Dorothy Sayers und P.D. James . Hier sollte vielleicht noch
erwähnt werden, dass ich Sayers’ Roman »Der Glocken Schlag« für einen
der besten Kriminalromane überhaupt halte, dessen kunstvolle Faktur, die
kapitelweise den alten kunstvollen englischen Glockengeläutregeln folgt, ein
reines intellektuelles Vergnügen darstellen. Diese Form wird bis heute immer
wieder aufgegriffen und ist zu einer literarischen Form geworden, die sich
von aktuellen gesellschaftlichen Milieus abgekoppelt hat und vor allem mit
literaturgeschichtlichen Bezügen brilliert [Kapitel 1].
Über den eigentlichen Kriminalroman hinaus geht hier eine, nicht weiter
dokumentierte, aber ebenfalls spannende Literaturgattung der historischen
Kriminalromane, die sich vor allem auf die explizit intellektualistischen
Romane von Umberto Eco zurückführen lassen. Hier wäre eine eigene
empfehlende Literaturliste angebracht. Eine Gattung sollte aber in unserer
Literaturliste sehr wohl vertreten sein, zumindest in ihrer Abart als
Kriminalroman: der angelsächsische Universitätsroman. Anspielungsreichtum,
Ironie und Witz, Präsenz literaturgeschichtlicher Bezüge zeigen ein
intellektuelles Klima, das nur in der sozial abgeschlossenen Welt des
angelsächsischen Campus entstehen konnte. Schon Dorothy Sayers hat
großartige Romane aus diesem Milieu geschrieben. [Kapitel 2].
Das pessimistische Gegenstück zu dieser Tradition der englischen
Detektivgeschichte entwickelt sich in den USA seit der Zeit der
Weltwirtschaftskrise die Tradition des Privatdetektivs als »einsamen Wolf«
in einer grausamen, kalten und korrupten urbanen Welt, die letztlich nicht
zu heilen ist, in der es schon ein Erfolg ist, zu überleben und den eigenen
Anstand bewahrt zu haben. Die Identifikationspotentiale und die affektive
Potenz dieser oft lakonischen Erzählungen ist gewaltig. Sie begründen eine
eigene Literaturrichtung, die exemplarisch für das 20. Jahrhundert ist. In
meiner Liste führe ich die verehrten Klassiker wie Chandler und
Hammet nicht mehr auf, sie gehören zur »ewigen Bestenliste«, und beschränke
mich auf heutige Autoren [Kapitel 3].
Sicher ist es kein Zufall, dass als Gegenstück zum universalisierenden
Anspruch einer Weltliteratur heute verstärkt wieder der
Regionalismus eine wachsende Rolle spielt. Wenn dies nicht nur
sprachlich verstanden wird, liegt hier eine äußerst fruchtbare Wurzel für
eine Literatur, die verstärkt die Konkretheit des Ortes der Handlung und das
konkrete soziale Milieu mit einbezieht oder sogar zum Handlungsmittelpunkt
und thematischen Agens macht. Abgesehen davon, dass für Leserinnen und
Leser dadurch gesteigertes Interesse, vielleicht durchaus im Rahmen einer
gewissen Exotikmotivation, erreicht wird, stellt diese Konkretheit
die anspruchsvollen Romane dieser Kategorie auch in die jeweiligen
innergesellschaftlichen Diskurse hinein; die Romane werden politisch,
auch wenn sie vordergründig keine politische Motivation tragen. Sie helfen
zu einer klareren gesellschaftlichen Orientierung. Dabei sind durchaus
Überschneidungen mit und Anknüpfungen an die Gattungen des Kriminalromans
der letzten Kategorien zu verzeichnen: Hauptcharakteristikum dieser
regional-konkreten Werke ist selbstverständlich ihre inhaltliche und Formale
Vielfalt. Besonders spannend wird es, wenn in Romanen z.B. von
Vásquez Montalbán Barcelona oder von Ignacio Taibo II Mexico City
als urbane Milieus selbst Handlungsträger und Thema geworden sind. Es
ist daher durchaus kein Zufall, wenn dieses Kapitel das längste in meiner
Literaturliste geworden ist [Kapitel 4].
Ein eigenes Abschlusskapitel bilden dann Romane, die sich nicht
widerstandslos in die vorherigen Kapitel einordnen lassen, weil sie
besondere Erzählmotive in den Vordergrund stellen oder soziale Segmente
thematisieren, durchaus auch mit dem Anspruch, hier zu vermitteln und zu
lehren. Dazu gehören die Romane um den Rabbi Small, in denen viel von
jüdischem Denken und Selbstverständnis mitgeteilt wird, oder die Romane aus
dem Milieu der Pferderennen und des Turfs des ehemaligen
Jockeys Dick Francis [Kapitel 5].
Zur Sortierung und den bibliographischen Angaben ist anzumerken, dass die
Romane erfahrungsgemäß mit wechselnden Titeln recht häufig den Verlag
wechseln. In der folgenden Liste wurde versucht, an Hand der Angaben im
Impressum Originaltitel und Erscheinungs- oder Copyright-Jahr anzugeben. Ob
dies auch das Jahr der Erstausgabe war, ist nicht immer ohne weiteres
ersichtlich, tiefer gehende bibliographische Recherche wurde nicht
getrieben. Als Erscheinungsjahr der deutschen Ausgabe wurde das Jahr des
ersten Drucks der mir jeweils vorliegenden Ausgabe angegeben. Ob dieses mit
den angegebenen Taschebuch-Reihennummern immer übereinstimmt, ist ebenfalls
nicht sicher. Geordnet wurden die Bücher eines Autors in der Regel nach dem
angegeben Erscheinungsjahr der fremdsprachigen Originalausgabe. Ein Anspruch
auf Vollständigkeit der jeweiligen Reihen ist nicht erhoben worden: ich
nehme das auf, was mir gerade besonders gefallen hat.
Kapitel 1: Der klassische Detektivroman
Es gibt
literarische Kriminalromane, die spielen zwar in der Gegenwart, sind aber
in einer literarischen Welt angesiedelt, in der die Muster der klassischen
englischen Kriminalerzählungen z.B. der »drei großen Damen des
Kriminalromanes« wieder aufzuerstehen scheinen, in der das erzählerische
Vergnügen den Anspruch an Aktualität und Zeitgemäßheit völlig
zurückdrängt. Eine solche großartige und seltsame völlig eigene englische
Kriminalwelt vor allem auch im dörflichen und ländlichen Bereich
angesiedelt, legt die amerikanische Autorin Martha Grimes seit den
achtziger Jahren mit ihren Inspektor Jury - Romanen vor. Ein
reines, spannendes Lesevergnügen, mit der Martha Grimes zur vierten
»Grand Old Lady of Crime« avanciert. Intelligente
Handlung(-sverwicklungen), viele literarische Anspielungen und ein
profundes Sachwissen in den Bereichen, in denen die Handlung spielt,
erweisen die literarische Qualität der Bücher.
Grimes,
Martha, 1987: Inspektor Jury schläft außer Haus. Reinbek bei
Hamburg, rororo 5947 {The Man With a Load of Mischief. 1981}.
Grimes,
Martha, 1988: Inspektor Jury sucht den Kennington-Smaragd. Reinbek
bei Hamburg, rororo 12161 {The Anodyne Necklace. 1983}.
Grimes,
Martha, 1988: Inspektor Jury küßt die Muse. Reinbek bei Hamburg,
rororo 12176 {The Dirty Duck. 1984}.
Grimes,
Martha, 1992: Inspektor Jury lichtet den Nebel. Reinbek bei
Hamburg, rororo 13580 {Help the Poor Struggler. 1985}.
Eigentlich sollte R. Austin Freeman als klassischer Autor aus der ersten Jahrhunderthälfte nicht mehr hier zu erwähnen sein, doch ist er gegenüber
den anderen »Klassikern« recht unbekannt geblieben. Daher hier noch einmal
der ausdrückliche Hinweis auf eine der ersten Romanfolgen, die einen
Gerichtsmediziner, Dr. Thorndyke, und damit das
naturwissenschaftliche Untersuchen von Indizien zur Überführung eines
Täters in den Mittelpunkt stellt.
Freeman,
R. Austin, 1972: Der rote Daumenabdruck. München, Heyne 1499 {The
Red Thumb Mark. 1907}.
Freeman,
R. Austin, 1976: Der Tote im Teich. München, Heyne 1753 {The
D’Arblay Mystery. 1926}.
Freeman,
R. Austin, 1976: Das Geheimnis der Juwelen. München, Heyne 1708 {The
Penrose Mystery. 1036}.
Baynard Kendrick schuf in den vierziger Jahren eine klassische Gestalt der
Detektiv-Literatur, den blinden Duncan Maclain, der mit nahezu
unglaublichen Sinnesleistungen, Wissen und Kombinationsfähigkeit seine
Blindheit ausgleicht und daher »im Dunkeln sehen kann«, was die gesuchten
Verbrecher dann sehr hilflos Aussehen läßt. Eine spannende und
originellen, von Handlung und Psychologie her aber sehr traditionelle
Reihe guter Kriminalromane.
Kendrick,
Baynard, 1976: Der pfeifende Henker. München, Heyne 1766 {The
Whistling Hangman. 1937}.
Im
klassischen Sinne mysteriös, etwas gruselig, spannend, aber sonst
harmlos...
Kendrick,
Baynard, 1973: Der Trick des binden Mannes. München, Heyne 1549 {Blind
Man’s Bluff. 1943}.
Kendrick,
Baynard, 1976: Außer Kontrolle. München, Heyne 1704 {Out of
Control. 1945}.
Englische Motive, die eine tiefschürfende Kenntnis des britischen
Rechtssystems erkennen lassen, klassische Kriminalsituationen, wie die der
eingeschlossenen Gruppe der Verdächtigen, Scharfsinn und Kombinationsgabe
und Respekt vor den gesellschaftlichen Traditionen und Konventionen machen
die Kriminalromane von Cyril Hare zu Kabinettstücken britischer
Gesellschaftsliteratur. Der Autor schrieb unter Pseudonym. 1958
verstorben, war Gordon Clark Richter, und er entwickelte luzides
psychologisches Einfühlungsvermögen und, in ihrer jeweiligen
gesellschaftlichen Position glaubwürdige Porträts aus der britischen
Gesellschaft der Jahrhundertmitte.
Hare,
Cyril, 1964: Mord – made in England. Reinbek bei Hamburg, rororo
2041 {An English Murder}.
Ruth
Rendell, nicht nur durch ihre Kriminalromane um den Detective Chief
Inspector Reginald Wexford bekannt, schreibt in profunder Einfühlung
über »psychische Abgründe«, bei denen, in leicht ironischer Perspektive,
vor allem auch feministische Sichtweisen eine wichtige Rolle spielen. Der
Inspektor ist das Gegenteil des allwissenden und erfolgreichen Detektivs
und geht in einem letzten Werk dieser Serie auch psychisch an seinem Beruf
zugrunde. Die Autorin gehört zu den wichtigsten englischen
Romanschriftstellerinnen der Gegenwart.
Rendell,
Ruth, 1987: Mord ist ein schweres Erbe. Reinbek bei Hamburg, rororo
2789 {A New Lease of Death. 1969}.
Rendell,
Ruth, 1988: Die Tote im falschen Grab. Reinbek bei Hamburg, rororo
2874 {Murder Being Once Done. 1972}.
Rendell,
Ruth, 1986: See der Dunkelheit. Reinbek bei Hamburg, rororo 2974 {The
Lake of Darkness. 1980}
Rendell,
Ruth, 1984: Durch das Tor zum Himmlischen Frieden. Reinbek bei
Hamburg, rororo 2684 {The Speaker of Mandarin. 1983}.
Inspector Wexford auf Urlaubsreise durch China. Die kriminalistischen
Fernwirkungen zeigen sich jedoch erst wieder daheim in Kingsmarkham...
Rendell,
Ruth, 1986: Die Grausamkeit der Raben. Reinbek bei Hamburg, rororo
2741 {The Unkindness of Ravens. 1985}.
Ein
besonders dichter und fesselnder Roman, der explizit feministische
Perspektiven einbezieht.
Die
Kriminalromane um Detective Chief Inspector E. Morse von Colin Dexter spielen in Oxford. In der Tradition des klassischen englischen
Detektiv-Romans stehen, geben sie ein einfühlsames Bild der Dependenzen
zwischen sozialen Konflikten und traditionellen Normen und den
individuellen Lebensentwürfen und Leidenserfahrungen, ohne dabei
vordergründig zu psychologisieren. Literarisch sauber gearbeitet und
spannend.
Dexter,
Colin, 1985: Der letzte Bus nach Woodstock. Reinbek bei Hamburg,
rororo 2718 {Last Bus to Woodstock. 1975}.
Dexter,
Colin, 1986: Eine Messe für all die Toten. Reinbek bei Hamburg,
rororo 2764 {Service of all the Dead. 1979}.
Dexter,
Colin, 1986: Die Toten von Jericho. Reinbek bei Hamburg, rororo
2782 {The Dead of Jericho. 1981}.
Dexter,
Colin, 1988: Hüte dich vor Maskeraden. Reinbek bei Hamburg, rororo
2805 {The Secret of Annexe 3. 1987}.
Aus
Dänemark kommen einige Kriminalromane von Poul Ørum, bei denen die
kriminalistische Aufklärung durch Kriminalassistent Jonas Mørck den
klassischen Detektivregeln folgt, bei denen das Interesse des Autors
jedoch mehr auf den psychologischen und sozialen Hintergründen der Tat
liegt, die einen großen Teil des Umfangs der Romane einnehmen.
Ørum,
Poul, 1985: Nach Einbruch der Dunkelheit. Reinbek bei Hamburg,
rororo 2724 {Hejmkomst til Drab. 1970}.
Ørum,
Poul, 1981: Stumme Zeugen. Reinbek bei Hamburg, rororo 2576 {Tavse
Vidner. 1976}.
Auch die
Romane von Nicolas Freeling, die eher Polizei- als Detektivromane sind,
lassen sich schwer einordnen, könnten ebenso in die Kategorie der
regionalen Romane als auch der Außenseiter fallen. Hauptperson ist der
Inspektor der Kriminalpolizei Amsterdam – diese Stadt scheint literarisch
ein besonders gutes Pflaster für Kiminalhandlungen zu sein, was wohl auch
an der dichten Atmosphäre und der multiethnischen Bevölkerung der
Metropole und ihren weltläufigen Verbindungen liegen mag – van der Valk.
Doch nachdem er im Dienst umgekommen ist, führt der Autor mit einem
gewissen zeitlichen Abstand die Romanserie fort, bei der nun van der
Valks Witwe Arlette in Straßburg als Soziologin ebenfalls
wieder in soziale Konflikte und Kriminalfälle verwickelt wird. In einer
späteren Romanserie tritt der französische Kriminalbeamte Henri Castang
als Hauptperson auf in Romanen, die noch dunkler, politischer und
psychologisch tiefgründiger sind. Die Romane des weltläufigen Autors –
geboren in London, aufgewachsen in Frankreich, Studium der
Literaturgeschichte in Dublin, lange Jahre Aufenthalt in den Niederlanden
und dann wieder Rückkehr nach Frankreich – beginnen in der Form
klassischer, oft sogar etwas routiniert wirkender Kriminalerzählungen,
werden aber im Laufe der Zeit literarisch ambitionierter und auch im
Gesellschaftsbild differenzierter. Immer aber interessiert er sich für die
Existenz der Außenseiter und Randständigen; lebendige und glaubwürdiger
Charakterschilderungen paaren sich mit detaillierter Ortskenntnis und
einem sauberen, stilistisch ansprechenden Handlungsaufbau.
Freeling,
Nicolas, 1973: Liebe in Amsterdam. Frankfurt am Main/Berlin,
Ullstein 1564 {Love in Amsterdam. 1962}.
Freeling,
Nicolas, 1974: Van der Valk und der Schmuggler. Frankfurt am
Main/Berlin, Ullstein 1588 {Gun Before Butter. 1963}.
Freeling,
Nicolas, 1974: Van der Valk und der tote Maler. Frankfurt am
Main/Berlin, Ullstein 1622 {Criminal Conversation. 1965}.
Freeling,
Nicolas, 1980: Inspektor van der Valks Witwe. München, Goldmann
4897 {The Widow. 1979}.
Freeling,
Nicolas, 1982: Ein verdammtes Ding nach dem anderen. München,
Goldmann 5225 {One Damn Thing After Another. 1981}.
Freeling,
Nicolas, 1981: Castangs Stadt. München, Goldmann 5221 {Castang’s
City. 1980}.
Freeling,
Nicolas, 1982: Wolfsnacht. München, Goldmann 5231 {Wolfsnight.
1982}.
Freeling,
Nicolas, 1984: Keine Schuld an ihrem Tod. München, Goldmann 5257 {No
Part in Your Death. 1984}.
Kapitel 2: Der angelsächsische
Universitätsroman
Nicholas
Blake, Pseudonym für den Lyriker Cecil Day Lewis, schreibt typische
englische, »sophisticated« Universitätsromane aus dem Verleger-,
Schriftsteller- und Literaturwissenschaftler-Milieu um den Privatdetektiv
Nigel Strangeaways. Besonders gelungen sind die Charakterskizzen
der oft recht exzentrischen und psychisch unter Druck stehenden Personen
der Romane, wobei die Nebenfiguren genauso aufmerksam und sorgfältig
gestaltet werden wie die Hauptfiguren.
Blake,
Nicholas, 1962: Schluß des Kapitels. Reinbek bei Hamburg, rororo
2842 {End of Chapter}.
Blake,
Nicholas, o.J.: Tat auf Tat. München, Goldmann 3159 {There’s
Trouble Brewing}.
Blake,
Nicholas, 1981: Der Morgen nach dem Tod. München, Goldmann 5217 {The
Morning After Death. 1966}.
Wohl
der beste Roman von Blake, bei dem Strangeaways als Gast des
amerikanischen Cabot-Colleges tief in die akademischen Rivalitäten und
Intrigen hineingezogen wird und in dem gleichermaßen ein Hohelied auf die
alte amerikanische Ostküstenliteratur, Emily Dickinson etc., vorgelegt
wird.
Der
britische Komponist und Organist Montgomery schrieb 1944 bis 1953 und noch
einmal seit 1977 unter dem Pseudonym Edmund Crispin mehrere
hochliterarische, ironisch gebrochene und sich der Literaturgeschichte bewusster Kriminalromane, in der der Hobbydetektiv Gervase Fen,
Literaturwissenschaftler in Oxford, sich allein für die Aufklärung
mysteriöser Mordfälle interessiert, und seine Freunde von der
Kriminalpolizei vorwiegend literarische Interessen haben. Handlung und die
dichte und anspielungsreiche, oft selbstbezüglich verschiedene
Bedeutungsebenen nutzende Faktur sind »very sophisticated«.
Anspielungen zwischen Crispin und Blake durch bestimmte Namen und
Handlungsschlenker weisen auf die Freundschaft dieser beiden Autoren aus
Oxford hin.
Crispin,
Edmund, 1976: Mord vor der Premiere. München, Heyne 1720 {The
Case of the Gilded Fly. 1944}.
Crispin,
Edmund, 1983: Schwanengesang. München, Goldmann 5238 {Swan Song.
1947}.
Crispin,
Edmund, 1984: Der Pfarrer und sein Poltergeist. München, Goldmann
5248 {Buried for Pleasurde. 1948}.
Crispin,
Edmund, 1983: Giftbriefe. München, Goldmann 5245 {The Long
Divorce. 1951}.
Crispin,
Edmund, 1980: Der Mond bricht durch die Wolken. München, Goldmann
5205 {The Glimpses of the Moon. 1977}.
Crispin,
Edmund, 1982: Seht das Motiv und nicht die Tat. München, Goldmann
5226 {Holy Disorders. 1977}.
Kapitel 3: Der Kriminalroman der »schwarzen Serie«
Detroit
ist eine harte, unbarmherzige Stadt, die der Niedergang der amerikanischen
Automobilindustrie zu einem sozialen Brennpunkt und zu einer Stadt des
Verbrechens gemacht hat. Ganz in der Tradition der »schwarzen Tradition«
des amerikanischen Kriminalromans, den Chandler und Hammet in Los Angeles
spielen lassen und wo der ehrliche und unbestechliche Detective als Rad
Guy gegen den Sumpf von Korruption und Bedrohung steht –
zeitgeschichtlich und in Hinblick auf die zivilisatorische Entwicklung des
amerikanischen Alltagsbewusstseins und des schwarzen Gesellschaftsbildes
als Gegenstück zum »American Dream« ein hochinteressantes Phänomen!
–, hat in den siebziger und achtziger Jahren Loren D. Estleman eine Reihe
von sehr harten, realistischen und im Kern psychologisch »schwarzen«
Kriminalromane aus der zusammenbrechenden Metropole Detroit
geschrieben. Sein Detektiv Maos Walker löst seine Fälle weniger
intellektuell als durch Unbestechlichkeit, Härte und Überlebensfähigkeit.
Sorgfältig konstruierte Handlung und harter, »amerikanischer«, manchmal
auch schwer erträglicher (literarischer) Realismus kennzeichnen die
Qualität dieser Bücher.
Estleman,
Loren D., 1984: Detroit Blues. Frankfurt am Main/Berlin, Ullstein
10256 {Motor City Blues. 1980}.
Estleman,
Loren D., 1985: Die Straßen von Detroit. Frankfurt am Main/Berlin,
Ullstein 10338 {The Glas Highway. 1983}.
K. C.
Constantine siedelt seine psychologisch und sozial sauber und spannend
konstruierten Polizeiromane um den Kleinstadt-Polizeichef Mario Balzic
in der kleinen Bergwerksstadt »Rocksburg« in Pennsylvania an. Ort
und handelnde Personen sind so liebevoll und realistisch geschildert, dass
seit Erscheinen dieser Romane, deren Autor unter Pseudonym schreibt,
darüber gerätselt wird, in wie weit ein bestimmter Ort nachgezeichnet
wird. Für die Leserinnen und Leser ist jedoch das Typische dieses
Kleinstadtlebens, in dem wie in einem Mikrokomos alle menschlichen
Konflikte und Tragödien auftauchen und vom Autor verständlich gemacht
werden, wichtiger. Doch ist das Gesellschaftsbild, bei dem Brutalitäten
einer weniger zentrale Rolle spielen wie bei Estleman, pessimistisch und
durchaus in der Tradition der dunklen Kriminalromane.
Constantine, K. C., 1987: Eine abgekartete Sache. Reinbek bei
Hamburg, rororo 2817 {A Fix Like This. 1975}.
Constantine, K. C., 1984: Tomaten von unten. München, Goldmann 5250
{The Man who Likede Slow Tomatoes. 1982}.
Constantine, K. C., 1988: Eine schöne Bescherung. Reinbek bei
Hamburg, rororo 2811 {Upon Some Midnights Clear. 1985}.
Constantine, K. C., 1989: Joeys Ende. Reinbek bei Hamburg, rororo
2918 {Joey’s Case. 1988}.
Schwarz und gewalttätig ist vor allem das Leben in den schwarzen Ghettos
der amerikanischen Großstädte. Drogen und Gangs sind der tägliche Umgang
der beiden Polizisten Grave Digger Jones und Coffin Ed Johnson,
die mit dem Gesetz der Straße, weniger aber mit den offiziellen Gesetzen
in den Straßen von Harlem leben. Die Romane von Chester Himes
schildern das Leben und Sterben am untersten Ende der gesellschaftlichen
Hierarchie mit zynischem Witz und makabrem Humor, der nicht leicht
verdaulich ist. Politische Konsequenzen müssen Andere daraus ziehen...
Himes,
Chester, 1988: Die Geldmacher von Harlem. Reinbek bei Hamburg,
rororo 2859 {The Five-Cornered Square/For Love of Imabelle.
1959/1965}.
Himes,
Chester, 1986: Fenstersturz in Harlem. Reinbek bei Hamburg, rororo
2746 {The Crazy Kill. 1959}.
Himes,
Chester, 1976: Harlem dreht durch. Reinbek bei Hamburg, rororo 2388
{All Shot Up. 1960}.
Himes,
Chester, 1968: Lauf, Nigger, lauf! Reinbek bei Hamburg, rororo 2490
{Run Man Run. 1966}.
Meinen
Vorlieben entsprechend finden sich in dieser Liste kaum ausgesprochene
»Psychokrimis«. Doch ein äußerst spannender Roman von Robert Marasco, der
auch literarisch strengen Qualitätsanforderungen genügt und letztlich dann
doch eine Auflösung in der klassischen Weise der Detektivromane findet,
soll hier seinen Platz finden:
Marasco,
Robert, 1981: Verbotene Fragen. München, Goldmann 5223 {Parlor
Games. 1979}.
Kapitel 4: Der regionale Realismus
Léo
Malet schrieb in den fünfziger Jahren eine Serie von Kriminalromanen um
den Außenseiter-Privatdetektiv Nestor Burma, deren Bände je in
einem anderen Arrondissement von Paris spielen und in lebendiger Weise
urbanen Geist, Stadtbild und vor allem die jeweilige soziale Struktur
dieses Viertels aufscheinen lassen. Im Anhang der Bände befindet sich
jeweils ein Nachgang des Übersetzers Peter Stephan durch das
Viertel in der Mitte der achtziger Jahre. Auch Stadtpläne sind jeweils
beigefügt.
Malet,
Léo, 1996: Tödliche Pralinen. Reinbek bei Hamburg, rororo 12968 {Nestor
Burma et le monstre. 1946}.
Malet,
Léo, 1991: Bilder bluten nicht. Reinbek bei Hamburg, rororo 12592 {Les
Nouveaux Mystères de Paris: 1. Arrondissement. Le Soleil naît derrière le
Louvre. 1956}.
Malet,
Léo, 1991: Wie steht mir Tod? Reinbek bei Hamburg, rororo 12891 {Les
Nouveaux Mystères de Paris: 10. Arrondissement. 1956}
Malet,
Léo, 1994: Das Stille Gold der alten Dame. Reinbek bei Hamburg,
rororo 12920 {Les Nouveaux Mystères de Paris: 16. Arrondissement.
1956}.
Malet,
Léo, 1993: Ein Clochard mit schlechten Karten. Reinbek bei Hamburg,
rororo 12919 {Les Nouveaux Mystères de Paris: 15. Arrondissement.
1957}.
Manuel
Vázquez Montalbán ist einer der bekanntesten katalanischen Schriftsteller,
in dessen Kriminalromanserie um den Privatdetektiv José »Pepe«
Carvalho eigentlich die Stadt Barcelona die Hauptrolle spielt.
Carvalho lebt die wechselvolle Geschichte Spaniens in
ironisch-pessimistischer Distanz. Als republikanischer Kämpfer gegen das
Franco-Regime, später CIA-Agent in den USA, dann später Privatdetektiv mit
tiefstem Mißtrauen gegen die Reichen und Mächtigen, mit grundsätzlicher
Ablehnung politischen Engagements, obwohl alle seine Fälle in der
korrupten Gesellschaft des heutigen nachfrancistischen Spaniens im Kern
durch und durch politisch sind. Er lebt mit seinen Freunden, dem
Ex-Zellengenossen und heutigem Faktotum und Koch – das Essen und die
richtige spanische und katalanische Küche, dazu die richtigen Weine,
nehmen einen großen Raum in den Romanen ein – Biscuter, seiner
Freundin, dem auch älter werdenden Edelcallgirl Charo und dem vor
allem gutem Essen zugewandten Anwalt Fuster sowie vielen Originalen
von den Ramblas in eine trübe Zukunft hinein. Er heizt seinen Kamin
täglich an mit einem Buch, das er danach auswählt, wieviel es ihm früher
einmal bedeutet hat: Philosophen, Klassiker, Gesellschaftstheoretiker...
Vázquez
Montalbán, Manuel, 1984: Carvalho und der tote Manager. Reinbek bei
Hamburg, rororo 2680 {La soledad del manager. 1977}.
Vázquez
Montalbán, Manuel, 1985: Tahiti liegt bei Barcelona. Reinbek bei
Hamburg, rororo 2698 {Los mares del Sur. 1979}.
Meiner Meinung nach der Beste Roman von Vázquez Montalbán, in dem die
sozialen Zwänge und die Korruption in der Klassengesellschaft konfrontiert
werden mit persönlichen Ausstiegsträumen und -versuchen, die, natürlich,
gewalttätig Scheitern müssen...
Vázquez
Montalbán, Manuel, 1985: Carvalho und der Mord im Zentralkomitee.
Reinbek bei Hamburg, rororo 2717 {Asesinato en el Comité Central.
1981}.
Vázquez
Montalbán, Manuel, 1987: Die Vögel von Bangkok. Reinbek bei
Hamburg, rororo 2772 {Los pájaros de Bangkok. 1983}.
Vázquez
Montalbán, Manuel, 1989: Zur Wahrheit durch Mord. Drei
Carvalho-Stories. Reinbek bei Hamburg, rororo 2930 {Historias de
política ficción. 1987}.
Vázquez
Montalbán, Manuel, 1994: Krieg um Olymia. Reinbek bei Hamburg,
rororo 3166 {Sabotaje olímpico. 1993}.
Bisher letzter Carvalho-Roman: Furiose ironische Apotheose des
Olympia-Wahns, in dem zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Psychose und
science fiction durchaus nicht mehr zu unterscheiden ist...
In
Mexico City ist alles möglich... Im Jahre 2020 wohl die größte
Stadtagglomeration der Welt, versinkt diese Stadt auch heute schon in
einen unabsehbaren Strudel ökologischer Katastrophen, sozialer
Kleinkriege, Kriminalität... aber es ist letztlich die Stadt selbst, die
leidet, lebt, überlebt... und in ihr der »irisch-baskisch-mexikanische«
Privatdetektiv Héctor Belascoarán Shayne, einer »guten Familie« von
Schmugglern, Bürgerlichen, Gewerkschaftlern etc. entflohen, mit einem
zerlumpten Zahnarzt, einem Abwasseringenieur, einem Polsterer Zimmer und
Büro im Tageszeitenschichtbetrieb gemeinsam nutzend, eher erfolglos,
ironisch... immer auf der Jagd nach den Mythen und Wahnideen dieser Stadt
und dieser Gesellschaft. Auch Zapata findet er, na: vielleicht, vielleicht
war es es ja auch nicht... Und in dem vorletzten Roman kommt er in den
Strudel mafiös-plitischer Kämpfe und wird erschossen, um Jahre später dann
doch wieder überlebt zu haben. Paco Ignacio Taibo II ist einer der
bekanntesten mexikanischen Autoren und Fernsehjournalisten.
Ignacio
Taibo II, Paco, 1981: Die Zeit der Mörder. München, Goldmann 5222 {D¯
as de Combate. 1976}.
Ignacio
Taibo II, Paco, 1982: Eine leichte Sache. München, Goldmann 5229 {Cosa
Facil. 1977}.
Dieser Roman taucht tief in die Mythen Mexicos ein. Belascoarán Shayne
soll einen Erpressungs- und Entführungsfall im Filmmilieu aufklären, einen
Mord in einer bestreikten Fabrik und dann dem Gerücht nachgehen, dass
Emiliano Zapata, 1919 erschossener Revolutionsheld, doch noch leben
solle... Dass er diese Aufträge äußerlich und innerlich nicht unbeschadet
übersteht, ist zu erwarten.
Ignacio
Taibo II, Paco, 1984: Das nimmt kein gutes Ende. München, Goldmann
{No Habra Final Feliz. 1981}.
Korruption, Politik und Gewalt nehmen überhand. Belascoarán Shayne geht
darin unter.
Ignacio
Taibo II, Paco, 1991: Comeback für einen Toten. Reinbek bei
Hamburg, rororo 3019 {Regreso a la misma ciudad y Abo la Iluvia.
1989}.
Die
Kriminalromane um den kleinen, unscheinbaren, von seinen Vorgesetzten
immer wieder ausgenutzten und geduckten Inspector Ghote des
englischen Autors H.R.F. Keating spielen in Bombay. Dieser Stadt-Moloch mit
seinen Gegensätzen zwischen den Superreichen und Supergangstern, den
Berühmten und Korrupten der Filmstadt »Bollywood« und den Massen
der Armen, Obdachlosen, Kleinganoven und Taschendieben ist das Leben von
Ghote und der Inhalt dieser atmosphärisch dichten, detailreichen und
spannenden Roman von hohem Rang.
Keating,
H.R.F., 1975: Inspector Ghote reist 1. Klasse. Reinbek bei Hamburg,
rororo 2545 {Inspector Ghote goes by Train. 1971}.
Keating,
H.R.F., 1975: Geben Sie’s auf, Inspector Ghote! Reinbek bei
Hamburg, rororo 2343 {Inspector Ghote Trusts The Heart. 1972}.
Keating,
H.R.F., 1976: Inspector Ghote sucht die undichte Stelle. Reinbek
bei Hamburg, rororo 2378 {Bats Fly Up for Inspector Ghote. 1974}.
Keating,
H.R.F., 1978: Inspector Ghote geht zum Film. Reinbek bei Hamburg,
rororo 2460 {Filmi, Filmi, Inspector Ghote. 1976}.
Keating,
H.R.F., 1982: Tod einer hochgestellten Persönlichkeit. Reinbek bei
Hamburg, rororo 2583 {The Murder of the Maharaja. 1980}.
Keating,
H.R.F., 1983: Inspector Ghote und der Guru in L.A. Reinbek bei
Hamburg, rororo 2620 {Go West, Inspector Ghote. 1981}.
Exotisch
wirken die Romane aus dem australischen outback von Arthur W. Upfield (geb. 1888) um den kleinen Inspektor Napoleon Bonaparte,
genannt »Bony«, der als halber origines über Fähigkeiten in
der Wildnis verfügt, die über das Spurenlesen in merkwürdig, scheinbar (?)
irrationale Bereiche hinausgehen und seine angelsächsischen Kollegen immer
wieder verblüffen. Darüber hinaus wird in diesen Romanen aber die Härte
des Lebens in den inneraustralischen Wüsten uns Steppen, die sozialen und
rassischen Vorurteile gegenüber den origines sehr deutlich und
nachvollziehbar beschrieben: eigentlich eine bessere Werbung für Interesse
an Australien, als es alle touristischen Prospekte vermitteln können. Man
sollte sich jedoch hüten, die nach diesen Romanen gedrehten Fernsehfilme
für adäquate Umsetzungen zu nehmen.
Upfield,
Arthur W., 1989: Der Kopf im Netz. München, Goldmann 167 {The
Mystery of Swordfish Reef. 1943}.
Upfield,
Arthur W., 1985: Der sterbende See. München, Goldmann 6209 {Death
of a Lake. 1954}.
Der
wohl atmosphärisch dichteste und literarisch geschlossenste Roman dieser
Serie.
Upfield,
Arthur W., 1984: Ein glücklicher Zufall. München, Goldmann 1044 {The
Sands of Windee. 1958}.
Upfield,
Arthur W., 1978: Bony kauft eine Frau. München, Goldmann 4781 {Boyen
Buys a Woman. 1958}.
Upfield,
Arthur W., 1963: Fremde sind unerwünscht. München, Goldmann 1230 {Bony
and the Kelly Gang. 1960}.
Was
wissen wir über Hongkong – in der Zeit als Kronkolonie –, über chinesische
Mythen und Aberglauben, über die chinesische Unterwelt, über korrupte
Polizisten, und schließlich über den Taifun, der eine ganze Stadt lahm
legen kann? Hier spielen William Marshalls Romane über das Revier Yellowthread. Mit viel Lokalkolorit und spannender, oft auch brutaler
Handlung wird hier eine für uns exotische Welt als hart, dunkel und
gewalttätig entlarvt – abseits aller idyllischer Touristenträume von
Hongkong und China.
Marshall, William, 1982: Die Katze frißt den Schmetterling.
München, Goldmann 5234 {Perfect End. 1981}.
Kapitel 5: Die Außenseiter
Janwillem van de Wetering, 1931 in Rotterdam geboren, ist ein Sonderfall
unter den heutigen Krimalromanautoren, der Bücher von hohem literarischen
Anspuch schreibt, in dem sozialer Realismus, differenzierte Beobachtungen
des sozialen und des landschaftlichen und städtischen Milieus in seiner
oft zeitlich weit zurückreichenden Fundierung verbunden wird mit einer an
meditativen Erfahrungen des Zen-Buddhismus geschulten Weltsicht. Zentrale
Figur ist der Commissaris von der Amsterdamer Kriminalpolizei, ein
sehr alter und lebenserfahrener Mann, der von Rheuma geplagt wird
und eine weise Distanz zur Welt entwickelt. Im Laufe der Romanreihe
vermittelt sich von dieser Haltung immer mehr auf den Adjutant
Grijpstra, der vom Leben und der Familie immer wieder enttäuscht wird,
und den jüngeren tatkräftigen und spontanen Kollegen Brigadier de Gier.
Wetering,
Janwillem van de, 1977: Outsider in Amsterdam. Reinbek bei Hamburg,
rororo 2414 {Outsider in Amsterdam. 1975}.
Wetering,
Janwillem van de, 1986: Der Tote am Deich. Reinbek bei Hamburg,
rororo 2451 {The Corpse on the Dike. 1976}.
Wetering,
Janwillem van de, 1978: Tod eines Straßenhändlers. Reinbek bei
Hamburg, rororo 2464 {Death of a Hawker. 1977}.
Wetering,
Janwillem van de, 1979: Ticket nach Tokio. Reinbek bei Hamburg,
rororo 2483 {The Japanese Corpse. 1977}.
Wetering,
Janwillem van de, 1983: Der Commissaris fährt zur Kur. Reinbek bei
Hamburg, rororo 2653 {Streetbird. 1983}.
Wetering,
Janwillem van de, 1986: Rattenfang. Reinbek bei Hamburg, rororo
2744 {De Ratelrat. 1984}.
Wetering,
Janwillem van de, 1987: Der Feind aus alten Tagen. Reinbek bei
Hamburg, rororo 2797 {De zaak Ijsbreker. 1985}.
Weltruhm
haben schon die Kriminalromane von Harry Kemelman um den Rabbi David
Small aus der jüdischen Gemeinde der amerikanischen Kleinstadt
Barnard’s Crossing erfahren, doch dürfen sie in der Liste meiner
»Lieblingsromane« keinenfalls fehlen. Doch zähle ich hier nur einige der
in einem ersten Zyklus von sieben Romanen nach Wochentagen benannten
Bücher auf; die folgenden sind genauso lesenswert, wenn Rabbi Small
profunde Menschenkenntnis, von jeglicher äußerer Ablenkung und
Rücksichtnahme freien Distanz und Nüchternheit und mit ausdrücklich
talmudisch geschulter Intelligenz hinter den Kriminalfällen die Menschen,
ihre Verstrickungen und Nöte erkennt und über die Aufklärung des »Falles«
hinaus die soziale Ordnung und den Frieden in der Gemeinde wieder
herstellen kann. Daß dabei noch einiges vermittelt werden kann an
jüdischen Glaubensvorstellungen, religiösen Überzeugungen und
Richtungskämpfen, aber auch von den Selbstverständlichkeiten des Alltags,
ist vom Verfasser ausdrücklich gewollt und in sehr sympathischer Weise
verwirklicht worden. In gewisser Weise, nicht nur durch die lebendige
Schilderung der kleinbürgerlichen und kleinstädtischen
Ostküstengesellschaft der USA, sondern auch durch die aufscheinenden
Werthaltungen, Motive und Ordnungsvorstellungen sind diese Romane aber
auch sehr amerikanisch im positiven Sinne für den gespannten Leser.
Und gut geschrieben sind sie allemal!
Kemelman,
Harry, 1966: Am Freitag schlief der Rabbi lang. Reinbek bei
Hamburg, rororo 2090 {Friday the Rabbi slept late. 1964}.
Kemelman,
Harry, 1967: Am Samstag aß der Rabbi nichts. Reinbek bei Hamburg,
rororo 2125 {Saturday the Rabbi Went Hungry. 1966}.
Kemelman,
Harry, 1973: Am Sonntag blieb der Rabbi weg. Reinbek bei Hamburg,
rororo 2291 {Sunday the Rabbi Stayed Home. 1970}.
Kemelman,
Harry, 1974: Am Montag flog der Rabbi ab. Reinbek bei Hamburg,
rororo 2304 {Monday the Rabbi Took off. 1972}.
Kemelman,
Harry, 1975: Am Dienstag sah der Rabbi rot. Reinbek bei Hamburg,
rororo 2346 {Tuesday The Rabbi Saw Red. 1973}.
Kemelman,
Harry, 1977: Am Mittwoch wird der Rabbi naß. Reinbek bei
Hamburg, rororo 2430 {Wednesday The Rabbi Gott Wet. 1976}.
Kemelman,
Harry, 1985: Eines Tages geht der Rabbi. Reinbek bei Hamburg,
rororo 2720 {Someday the Rabbi Will Leave. 1985}.
Kemelman,
Harry, 1988: Ein Kreuz für den Rabbi. Reinbek bei Hamburg, rororo
2860 {One Fine Day the Rabbi Bought a Cross. 1987}.
Kemelman,
Harry, 1969: Quiz mit Kemelman. Kriminalstories. Reinbek bei
Hamburg, rororo 2175 {The Nine Mile Walk. 1967}.
Wenn
Pferde lesen könnten, würde Dick Francis wohl nur für sie schreiben...
Thriller aus der Welt des Pferdesports zeigen die Menschen wie sie sind:
brutal, korrupt, macht- und geldgierig. Sie bleiben charakterlich oft
etwas schemenhaft. Dagegen sind die Jockeys – Dick Francis war früher
selbst aktiv –, wenn sie sich um ihre Pferde kümmern und für die sorgen,
einfühlsam und detailliert beschrieben; aber die eigentlichen
Hauptpersonen sind die Pferde, denen die Liebe des Autors gilt. Seine
profunde Kenntnis dieser in sich recht abgeschlossenen Welt des
Pferdesports und der Pferdzucht in England verhilft ihm zu spannenden, detailreichen und glaubwürdigen Handlungen, die gerade durch ihre
thematische Beschränkung aber auch durch sorgfältigen Aufbau und sauberen
Stil literarische Qualität erlangen. Man muss kein Reiter sein, um an
diesen Büchern Gefallen zu finden.
Francis,
Dick, 1974: Grand-Prix für Mord. München, Goldmann 3269 {Blood
Sport. 1967}.
Francis,
Dick, 1977: Die ganze Palette des Todes. Frankfurt am Main/Berlin,
Ullstein 1830 {In the Frame. 1976}.
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