|
Gerhard Voigt:
Geographische
Grundpositionen im Widerstreit
Anregung einer Diskussion über die aktuelle
Situation im Geographieunterricht
1. Kritische Positionen
Daß sich das Schulfach Geographie in der Krise
befindet, ist schon so oft gesagt worden, daß es beinahe zum
Selbstverständnis des Faches gehört. Die Etappen der Krisendiskussion
nachzuzeichnen, ist hier nicht der geeignete Ort. Aus einigen zentralen
Kritikpunkten jedoch Hinweise auf eine didaktische Neubesinnung
abzuleiten, scheint durchaus sinnvoll zu sein. Dabei ist es beabsichtigt,
Positionen und kritische Einwände überscharf zu pointieren, um geforderte
Kurskorrekturen im Geographieunterricht umso deutlicher hervortreten zu
lassen.
Daß das Fach Geographie wie seine Didaktik nicht aus
einer wissenschaftssystematischen Notwendigkeit noch aus einem
evidenten Fachgegenstand hervorgegangen sind, haben W. Schramke und
K. Filipp wissenschaftstheoretisch
und fachkritisch herausgearbeitet. Staatliche, ökonomische und
bildungsbürgerliche Interessenlagen haben das heutige Fach Geographie
im 19. Jahrhundert aus einer Vielzahl von Vorläuferdisziplinen (von der
Kosmogonie, den Reisebeschreibungen, naturkundlichen Studien,
militärischen Kartenwerken bis hin zu den entstehenden
Kolonialwissenschaften) entstehen und zum Universitätsfach werden
lassen. Wissenschaft und vor allem die zugeordnete Fachdidaktik
bleiben dieser vor allem staatlich dominierten Interessenlage verbunden
– bis hin zur faschistischen „Geopolitik“ –, ohne je ein gemeinsames und
verbindliches Selbstkonzept für die Geographie zu entwickeln. Zentrale
Ideologeme, die die Fachentwicklung geprägt haben, sind – in aller Kürze
-:
- Der Landschaftsbegriff,
der tief verstrickt ist in die Konzepte der „ganzheitlichen
Naturbetrachtung“
und der „heilen Welt“, repräsentiert ein zutiefst reaktionäres
Fachverständnis ohne jegliche gesellschaftlichen oder aktuellen
Problembezüge.
- Die affirmative, an der jeweiligen
„Staatsraison“ orientierte
Geopolitik oder Politische Geographie (in der Konzeption
Haushofers zur Handlangerin der NS-Ideologie vom „Volk ohne Raum“
geworden),
findet in der schulpolitischen Vorstellung der Politiker in der alten
BRD (Systemlegitimation durch „Ländervergleiche“ von USA/UdSSR, DDR/BRD
u.a.) wie in der ehemaligen DDR (Geographie der „sozialistischen
Bruderländer“) bis heute immer wieder Anklang und Interesse. (Vgl. aber
als Gegenentwurf dazu die „Geographie als politische Bildung“ im
folgenden Abschnitt dieses Aufsatzes!)
- Der abstrakte Raumbegriff, kleinster
gemeinsamer Nenner sonst nahezu unvereinbarer „Schulen“ der
Geographiedidaktik, ist ein völlig unbrauchbarer „Fachgegenstand“, da die
Geographie tatsächlich die Dinge und die Vorstellungen von den Dingen
(und ihren symbolischen Besetzungen),
wie z.B. Standortbeziehungen, Funktionen, in diesen konkreten Räumen
untersucht und eine davon abstrahierende „geometrische Raumstruktur“
völlig inhaltsleer und belanglos wird. Hier
kann die Gegenthese anknüpfen, die Geographie als
Gesellschaftswissenschaft oder Umweltwissenschaft im Rahmen des
gesellschaftlich-politischen Handlungsfeldes zu verstehen.
- Die additive Länderkunde mag zwar
enzyklopädisches, sicher oft interessantes Wissen zu vermitteln, ist
aber in der kritischen Diskussion des „Hettnerschen Schemas“
schon vor einem halben Jahrhundert als wissenschaftlicher
Erkenntnisansatz und als gültiges Mittel, Realitäten didaktisch zu
erschließen, ad acta gelegt worden. Daß dieser Zugang überhaupt noch
erwähnt werden muß, liegt an anachronistischen Vorgaben, die seitens
Politik und Öffentlichkeit derzeit Rahmenrichtlinienkommissionen und
Schulbuchverlagen gemacht werden.
- Der länderkundliche Zugang und die „länderkundlichen
Vergleiche“ führen
notwendig zu einer meist unkritischen Anwendung der Maßstäbe und
Erfahrungen in der eigenen Lebensumwelt auf die fremden Räume,
Gesellschaften und Kulturen. Merkmal dieser „Geographischen
Durchgänge“ durch das fiktive „Geographische Kontinuum“ (das die Utopie
einer Gesamterkenntnis der Erde impliziert; so auch wieder in den neuesten
Rahmenrichtlinienentwürfe für die gymnasialen Klassenstufen 7 bis 10 im
Bundesland Niedersachsen), ist in der Regel – weil strukturell evoziert
– der mehr oder minder ausdrückliche Germano- oder Eurozentrismus.
Dieser kurze, leicht zu erweiternde Überblick macht
die Ungleichgewichtigkeit der vorgestellten Fachkonzepte deutlich,
zeigt auch, daß die Reflexion über den „Raumbegriff“ (zum Beispiel in der
strukturalistischen Theoriebildung) oder über länderkundliche
Darstellungskonzepte durchaus fruchtbar und notwendig sein kann, wenn auch
der herrschende Theoriestandard der Schuldidaktik des
Geographieunterrichtes in diesen Bereichen kläglich und anachronistisch
erscheint, während landschaftskundliche Ansätze oder die Geopolitik (ganz
im Gegensatz zur aktuellen und weiterführenden „Geographie als
Politische Bildung“)
von der Fachgeschichte her als überholt und widerlegt gelten können.
Fachgrundlage der Geographiedidaktik kann ebensowenig
die Umsetzung eines ohnehin unklaren und widersprüchlichen universitären
Fachverständnisses der Geographie oder die Vorbereitung auf ein
Geographiestudium sein. Ein Rückzug auf den „neutralen“ Begriff der
Allgemeinbildung ist kaum noch sinnvoll, da der gesellschaftliche
Konsens über die Allgemeinbildung, ihre inhaltliche und fachliche Füllung
und ihren Symbolcharakter für den „gebildeten Menschen“ längst verloren
gegangen ist und in der gesellschaftlichen Umbruchsituation im vereinten
Deutschland noch weiter an Bedeutung verlieren wird und muß. Dabei ist zu
bedenken, inwieweit sowohl in der vorherigen BRD wie in der ehemaligen DDR
„Allgemeinbildung“ in der jeweils vorgeschriebenen Form der Durchsetzung
von Ideologien und der Loyalität gegenüber der „Staatsraison“ diente.
Eine systematische Fachbegründung gelingt uns nicht;
daher fragen wir: Ist eine solche überhaupt notwendig? Ich denke, daß die
Fachgeschichte als solche, rein pragmatisch gesehen, eine solche Fülle an
Problemstellungen, Erkenntnissen, Fachmethoden und Kompetenzen
angesammelt hat, daß so viele gute und kritische Fachgeographen
ausgebildet worden sind und daß diese Ausbildungsinfrastruktur trotz
aller Reformbedürfnisse noch erhebliche Ressourcen birgt, daß die weitere
Nutzung dieses Reservoires an Lernchancen und Problemzugängen in der
heutigen problematischen gesellschaftlichen Entwicklung Legitimation
genug für die Weiterentwicklung der geographischen Fachdidaktik ist,
ohne daß Scheinprobleme wie Fachzuordnungen oder -abgrenzungen eine
wichtige Rolle spielen sollten. Realitätsbewältigung ist heute ohnehin
nur noch interdisziplinär denkbar.
2. Tragfähige didaktische Grundkonzepte
Die Tragfähigkeit didaktischer Konzepte erweist sich
nicht aus ihrer fachsystematischen Struktur sondern aus ihrer Eignung,
für konkrete Lerngruppen geeignete Lernsituationen zu strukturieren und
adäquate fachliche Methoden zur Bewältigung der anstehenden
gesellschaftlichen Aufgaben und Probleme bereit zu stellen.
Die Heterogenität heutiger Schülergruppen, die
Unübersichtlichkeit des zur Verfügung stehenden Wissensstoffes, die
Komplexität der heutigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des
Lernens machen es erforderlich, nicht mit einem einzigen, allgültigen
didaktischen Konzept zu arbeiten, sondern eine Mehrzahl von Zugangswegen
und Arbeitsformen bereit zu halten und situativ angemessen einzusetzen.
Grundforderungen an tragfähige geographiedidaktische
Grundpositionen lassen sich stichwortartig wie folgt zusammenfassen:
1. Nicht Wissensvermittlung sondern
praxisbezogene Aneignung von Kenntnissen und Erklärungskonzepten und
Erprobung und Überprüfung ihrer Anwendungsmöglichkeiten in der
gesellschaftlichen Realität ist Aufgabe des Unterrichtes.
2. Projektorientierte Arbeitsformen
entsprechen den geographischen Fragestellungen und Fachmethoden am
meisten; sie sind weitgehend ergebnisoffen, auf die Entdeckung von
Realitäten und ihre kritische Wahrnehmung und Beurteilung ausgerichtet
und je nach der Problemlage interdisziplinär anzulegen.
3. Die Gestaltung von Unterrichtssituationen und
Lernfeldern geschieht nicht durch Deduktion aus der Fachsystematik heraus
sondern in einem Kommunikationsprozeß, der die Lerngruppe
einschließt und gemeinsames Arbeiten und Lernen zu Ziel hat.
Auf der Grundlage dieser Prämissen sollen die
Grundkonzepte vorgestellt und charakterisiert werden, die in den letzten
Jahren für die didaktische Diskussion eine wachsende Bedeutung erlangt
haben, aber durchaus noch kontrovers beurteilt werden.
Sozialwissenschaftliche Geographiedidaktik
Die Analyse sozialer Strukturen und Konflikte
konzentriert sich in der Geographie auf zentral-periphere Disparitäten,
die sowohl innergesellschaftlich erarbeitet werden können
(strukturschwache Räume, „Zweidrittelgesellschaft“, Migration) als auch
im übernationalen Maßstab vor allem für die Behandlung von
„Dritte-Welt-Problemen“, wie für die Beurteilung der Strukturkrisen im
ehemaligen RGW-Bereich konstituierend sind.
Über die Feststellung dieser disparaten Strukturen
hinaus führt die sozialwissenschaftliche Fragestellung notwendig in
den Bereich der Realitätswahrnehmung und der „self-fulfilling
prophecies“,
durch die strukturelle Disparitäten gefestigt und verstärkt werden
können. Ein deutlich handlungsbezogener politischer Fachaspekt
spielt in diesen Ansatz hinein.
Aktuelle Untersuchungen thematisieren das Verhältnis
von Umweltwahrnehmung, symbolischen Räumen und
Raumbedeutungen, Orientierungsfähigkeit in der räumlich-gesellschaftlichen
Situation mit dem gesellschaftlichen Prozeß der Situationsdefinitionen
und der Machtprozesse in der Gesellschaft. Aus dieser wissenschaftlichen
Problemdefinition heraus lassen sich leicht Lernfelder für die Schule
entwickeln, die bisher vernachlässigt wurden, und schülernahe
Unterrichtsmethoden erproben.
Interdisziplinäre Aspekte dieses Ansatzes machen
schon in der Grundkonzeption soziologische und sozialpsychologische
Kompetenz erforderlich (symbolischer Interaktionismus,
Wahrnehmungspsychologie, soziale Kommunikation). Je nach
Themenkonkretisierung werden für einzelne Arbeitsschritte Beiträge aus
der Kommunikationstheorie / Ästhetik, Stadtplanung / Architektur, Ethik
/ Naturphilosophie, vor allem aber aus der Politikwissenschaft und der
Volkswirtschaftslehre einzubeziehen sein.
Dem Ansatz zugeordnete Methoden finden sich vor allem
im erfahrungsorientierten Unterricht, in Projekten und Spielen.
Schüler erleben diesen Unterricht als eine Suche nach der
gesellschaftlichen Identität in der gestalteten und wahrgenommenen
Umwelt. Das gemeinsam anzusteuernde Ziel ist das ökologische Denken im
konkreten gesellschaftlichen Kontext.
Geographie als Politische Bildung
Politikverdrossenheit, eine der zentralen Gefahren
für unsere gegenwärtige Demokratie, ist vor allem auch mangelnde
Politikkompetenz bis hin in unsere Führungseliten, mangelnde Fähigkeiten
der Konfliktbewältigung und mangelnde Sozialkompetenz.
Schon im letzten Abschnitt wurde deutlich gemacht,
daß soziales Handeln einen konkreten Ort hat und von den Raumbedeutungen
und Raum-/Situations-Definitionen abhängt. Politikkompetenz, vom Ansatz
der Geographie her entwickelt, bedeutet den Anspruch auf Gestaltung und
Veränderung der gesellschaftlich-räumlichen Lebensumwelten, das
Erkennen der in den räumlichen Strukturen und der räumlichen Symbolik
ausgedrückten Macht- und Herrschaftsverhältnisse, der
Institutionalisierungen der Umwelt und der diesen
Institutionalisierungen zugeordneten Verhaltensrollen.
Geographie als Politische Bildung bedeutet somit
keineswegs, politische Konzepte und Machtansprüche mittels der
Geographie durchzusetzen und zu legitimieren, sondern diejenigen
analytischen Kompetenzen zu entwickeln, die veränderndes und
gestaltendes Eingreifen in die gesellschaftliche Realität, die sich in den
herrschenden räumlichen Strukturen und Bedeutungen ausdrückt, möglich
machen. Unterrichtsbeispiele finden sich seit Fichten/Schramke/Strassel
(1978) und
dem Metzler Handbuch für den Geographieunterricht (1982) vielfach,
vor allem angelehnt an die geographiedidaktischen Arbeiten an den
Universitäten Oldenburg, Osnabrück und der Gesamthochschule Kassel, auch
wenn gerade dieser Ansatz bei konservativen Schuldidaktikern oft als
suspekt gilt. W. Schramke faßt die Grundzüge der Geographie als
politischer Bildung wie folgt zusammen: „Zum einen haben wir... die
Forderung aufgestellt, daß politisches Lernen die Struktur der
gegenwärtigen gesellschaftlichen Realität erschließen soll, und daß
solches Lernen sinnvoll anhand von zentralen gesellschaftlichen
Widerspruchs- und Konfliktfronten geschehen könnte. Zum anderen haben
wir... gefordert, daß in diesen Prozessen politischen Lernens im
Geographieunterricht die Schülererfahrung verarbeitet werden
müsse. Es liegt nahe, diese beiden Forderungen zu vereinen. Gegenstände
von politisch erziehendem Geographie-Unterricht sollten dann Feldern
entstammen, in denen Schüler Gesellschaft erfahren. Und da die von
uns formulierten Bedingungen politischen Lernens ja nicht auf ‚politische
Einsichten‘ oder ‚Erkenntnis an sich‘ zielen, werden diese
Gegenstandsfelder in der Regel identisch sein mit jenen, in denen die
Schüler jetzt oder später, einzeln oder kollektiv, politisch handeln
können sollen.“
Interdisziplinäres Arbeiten ist notwendig. Eine
Vielzahl von sinnvollen Fachbezügen eröffnen sich am konkreten
Gegenstand. Politikwissenschaft, Kommunikationswissenschaft,
Soziologie und Volkswirtschaftslehre sind vor allem geforderte
Kompetenzen. Doch spielen regelmäßig auch historische und ethische
Fragestellungen in die Themenbearbeitung hinein.
Im Zentrum der Arbeitsformen und Unterrichtsmethoden
steht auch hier wieder die Projektarbeit; politisches Urteilen verlangt
aber auch kritischen Zugang zu allgemeineren Erklärungskonzepten, die
durch methodologisch-kritisches Arbeiten mit Texten, Quellen und Medien
erarbeitet werden müssen. Geographische und sozialwissenschaftliche
Empirik greift auf die entsprechenden wissenschaftlichen Fachmethoden
zurück, die ein Einarbeiten in die herrschenden Planungs- und
Entscheidungsstrukturen verlangen und ggf. durch Planspiele simuliert
werden können (zum Beispiel zu Fragen der Stadtplanung, Raumordnung,
Standortbewertung, Kommunalpolitik u.a.).
Angewandte Geographie
Ähnlich im didaktische Ansatz geht auch die
angewandte Geographie vor, die vor allem von D. Neukirch in Gießen
entwickelt worden ist. Doch ist der methodische Zugang anders. Nicht
aus der Erfahrung der gesellschaftlichen Konfliktbereiche heraus wird
die geographische Arbeit entwickelt, sondern aus dem unmittelbaren
Vorgang des Konzipierens und Planens. So stehen die planerischen
Fachmethoden stärker im Vordergrund. Positiv für die Arbeit mit den
Schülern ist dabei der unmittelbar einsichtige Praxisbezug, die
Möglichkeit, aus der Schule in die räumlich-gesellschaftliche Realität
herauszugehen und letztlich die Chance, den Widerspruch von Lernen und
Lebenspraxis aufzulösen.
Schwieriger wird demgegenüber die kritische Reflexion
der Arbeitsergebnisse und die kritische Wertung der gesellschaftlichen
Relevanz der Untersuchungs- und Planungsvorhaben, die sich in erster Linie
über die Methodenkritik entwickeln muß. Eine Verbindungen mit den
Ansätzen der „Geographie als Politische Bildung“ ist hier naheliegend.
Im Nahraum lassen sich vor allem Projekt der angewandten Geographie
durchführen: Verkehrsplanung und Verkehrsberuhigung,
Wohnumfelduntersuchungen, Zentralitätsentwicklungen,
Standortbeurteilungen und ökologische Risikoabschätzungen von
Gewerbegebieten, Untersuchungen zur Naherholung und zum Natur- und
Landschaftsschutz. Arbeiten von Schülern können hier, wie vielfache
Beispiele zeigen, unmittelbares öffentliches Interesse beanspruchen und
sogar in kommunalpolitische Entscheidungsprozesse mit einbezogen werden.
Sicherlich kann hier kein inhaltlich-kognitiv
fixiertes Curriculum entwickelt werden, da der methodische Zugang im
Vordergrund steht und die inhaltliche Konkretisierung an den
verschiedenen Schulorten sehr unterschiedlich erfolgen wird (städtische
und ländliche Räume, alte und neue Bundesländer, Sonderprobleme wie
Grenzen, Militäranlagen, Naturschutzgebiete, Gebirgsregionen etc.); doch
liegen die schulischen Vermittlungsdefizite häufig gerade im
methodologischen Bereich. Die Kompetenz und Phantasie der Lehrer
wird durch dieses Vorgehen ebenso angeregt wie die Motivation der
Lerngruppen.
Über den örtlichen Zugriff hinausgehende
gesellschaftlich relevante Themenkomplexe (zentral-periphere
Disparitäten in Deutschland, in Europa oder global:
Dritte-Welt-Problematik, regionale Konflikte, „Naturkatastrophen“,
großräumliche Regionalplanung und Raumordnung) müssen über vermittelnde
Medien erarbeitet werden und in einen sinnvollen Kontext zur Arbeit im
Nahraum gesetzt werden, was mit den vorher genannten Ansätzen zu
realisieren ist.
Interdisziplinäre Aspekte der angewandten Geographie
ergeben sich aus der zur Problembearbeitung notwendigen Methodenwahl.
Hierbei sind neben den Gesellschaftswissenschaften auch
schulunterrichtsfremde methodische Aspekte zum Beispiel der Raumplanung,
der Bautechnologie und der angewandten Naturwissenschaften bei
ökologischen Fragestellungen zu integrieren. Da liegt es nahe, Fachleute
aus dem außerschulischen Bereich in die Arbeit mit einzubeziehen und ihre
Kompetenz für die eigene Problembewältigung zu nutzen.
Angewandte Geographie ist immer Projektarbeit.
Ergänzend dazu – und in das Projekt eingearbeitet – ist Medien- und
Quellenarbeit notwendig (Kartographie, Bodenkunde, Standortdaten,
Planungsrecht, Statistik). Zur praktischen Projektarbeit muß in einem
anderen Veröffentlichungszusammenhang sicher noch einiges ausgeführt
werden.
Interkulturelles Lernen
Zu den zentralen Aufgaben der
gesellschaftswissenschaftlichen Fächer in der Schule, somit also auch der
Geographie, gehört das Erkennen und kritische Aufarbeiten verzerrter und
inadäquater, realitätsverfälschender Wahrnehmungsmuster und
Stereotypen, zu denen in erster Linie ethno- und eurozentrische
Vorurteile und aggressive Abwehrhaltungen dem Fremden gegenüber
gehören.
Es wäre falsch und gefährlich, in diesen Stereotypen,
die ja durchaus auch unsere eigenen Unterrichtsmaterialien prägen,
individuelles Fehlverhalten oder gar „Schuld“ sehen zu wollen. Daher kann
Interkulturelles Lernen, für das die Lehrerfortbildung einiger
Bundesländer, so zum Beispiel im Bundesland Niedersachsen, eigene
schulformunabhängige Fachreferenten eingesetzt haben, als generelle
Zielsetzung der Schule begriffen werden, der sich alle Fächer zuzuordnen
haben.
Doch gerade das Fach Geographie ist durch seine
weltoffenen und auf Welterkenntnis gerichteten Ziele und Potentiale
besonders für einen aktiven Beitrag zum Interkulturellen Lernen
prädestiniert. Nur darf hier nicht an die verkrustete traditionelle
Schulerdkunde gedacht werden, sondern an eine
kommunikationsorientierte, die Fächergrenzen überschreitende
schülerzentrierte Geographie, die die eigene Weltsicht und die
geographischen Medien selbstkritisch und fachkritisch durchleuchtet und
den geographischen Erkenntnisprozeß selbst zum Unterrichtsthema macht.
Mit einem bekannten Buchtitel wird hier an einem zentralen Gegenstand
Interkulturellen Lernens das Erkenntnisproblem aufgerissen: „Die Dritte
Welt beginnt bei uns“ –
sowohl in den materiellen Ursachen der globalen Verelendung als
auch in der Sicht auf die „Entwicklungsproblematik“ in unseren eigene
Köpfen.
Interkulturelles Lernen in der Geographie bedeutet
zweierlei: einmal die Auswahl von Themen und regionalen Beispielen, die
nicht im Sinne der traditionellen Länderkunde bearbeitet werden, sondern
in Hinblick auf die eigene Problemrezeption didaktisch strukturiert
werden, wobei gerade Konfliktthemen im Vordergrund zu stehen haben (zum
Beispiel Polen, Türkei, Sahel, Zentralafrika), und zum andern der Zugang
über die Situation in der konkreten Lerngruppe, wobei spezielle Ansätze
und Anlässe sich in konkreten interkulturellen Konflikten am Ort, in der
multikulturell zusammengesetzten Lerngruppe wie in manifesten
Vorurteilsstrukturen bei den Schülerinnen und Schülern selbst gefunden
werden.
Der methodisch-didaktische Ansatz läuft über
kommunikationsorientierte Unterrichtsschritte, wobei von der Lehrkraft
zumindest Grundkenntnisse der Enkulturations- und
Akkulturationsproblematik erwartet werden. Interdisziplinäre Aspekte,
die den Ansatz strukturieren helfen, finden sich in den
Kommunikationswissenschaften/Medientheorie,
Soziologie/Sozialpsychologie,
Ethnographie/Kulturwissenschaften/Ästhetik,
Religionssoziologie/Ethik/Politik.
Ziel des Interkulturellen Lernens ist das
Kennenlernen und Erkennen der Pluralität möglicher Lebensentwürfe, das
korrespondiert mit der Herstellung einer Pluralität von Lernsituationen
und Lernerfahrungen. Metakommunikative Ansätze führen über die
sprachliche Vermittlung hinaus zu komplexeren Lernformen wie
Gruppenarbeit, Planspiel und Rollenspiel.
Didaktische Entscheidungsprozesse
Abschließend soll noch einmal betont werden, daß mit
der Vorstellung von 4 didaktischen Grundstrategien keine völlig
neuartigen Unterrichtsformen propagiert werden, sondern daß der Versuch
unternommen wurde, auf der Grundlage einer Fachkritik, die seit
Jahrzehnten schon in der Fachliteratur nachzulesen ist, die aber
seltsamerweise nur sehr zögerlich im tatsächlichen
Geographieunterricht ihre notwendigen Auswirkungen entfaltet, und
angesichts von neueren Rahmenrichtlinienentwürfen (zum Beispiel im
Bundesland Niedersachsen) und Lehrplänen (zum Beispiel im Bundesland
Baden-Württemberg), die diese Fachdiskussion „souverän“ ignorieren und
auf didaktische Modelle der ersten Jahrhunderthälfte zurückfallen,
endlich zeitgemäße Konsequenzen in den Schulen einzufordern.
Das wird erleichtert dadurch, daß anwendbare
didaktische Konzepte längst zur Verfügung stehen und in der
wissenschaftlichen Fachdidaktik (von der in diesem Aufsatz nur ein
kleiner Ausschnitt herangezogen werden konnte) auch mit erprobten
Unterrichtsmodellen zur praktischen Umsetzung bereit stehen (vgl. zum
Beispiel die Arbeiten von Schmidt-Wulffen!
)
Besonders erschreckend ist es, in der heutigen
Bundesrepublik Deutschland zu beobachten, wie systematisch
zukunftstaugliche Diskussionen ignoriert oder anathematisiert werden
(Dritte-Welt-Thematik, Ökologie, Militarismuskritik) und mit
nationalstaatsorientierten Parolen, die geistig aus dem letzten
Jahrhundert stammen, übertönt werden. Es ist an der Zeit, vehement auf
die Modernisierung der Lehrpläne und Curricula zu drängen – auch und
gerade von der Basis her und auf der Grundlage einer soliden Fachkritik.
Die didaktischen Entscheidungsprozesse müssen
komplexer strukturiert und verstärkt in die Schulen hereingeholt werden.
Eine Öffnung der Schule muß gerade auch aus den Fachinteressen der
Geographie heraus in beiden Richtungen möglich sein (und ideologisch
gescheiterter Mißbrauch aus Zeiten der DDR sollte das grundsätzliche Ziel
nicht infrage stellen): das englische Modell der „school in community“
betont die gegenseitige Verantwortung von Schule und Gesellschaft und
ermöglicht es, Lernprozesse in Projekten verstärkt aus der Schule in den
gesellschaftlichen Erfahrungsraum heraus zu verlegen. Die Lerngruppe
selbst sollte als Subjekt des Lernens erkannt und in ihrer
individualtypischen Situation (zum Beispiel ihrer kulturellen und
sozialen Zusammensetzung) zum Maßstab der Vermittlungs- und
Arbeitsinteressen und der darauf aufbauenden Themenauswahl gemacht
werden.
Quelle: Zeitschrift für den
Erdkundeunterricht, PZV-Verlag, Berlin, 1.8.94 (Überarbeitung 28.10.99 /
14.08.2011)
Dokument Information:
Revidierte Neuausgabe
von:
Voigt, Gerhard, 1994b: Geographische
Grundpositionen im Widerstreit. Anregung einer Diskussion über die
Situation im Geographieunterricht. Zeitschrift für den
Erdkundeunterricht 46, Berlin, 11/94. S. 436-440.
Internetpublikation 06.01.2011 aus dem Manuskript.
Herausgegeben vom Verband der Politiklehrer e.V., Hannover
Vorsitzender: Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009). Potsdamer Str. 20, D
30952 Ronnenberg / Region Hannover
Alle Rechte vorbehalten.
|