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Veröffentlichungen und Texte
Gelegenheitstexte und Varia:
Literarische Reflexionen
Rezensionen - einmal nicht zur
politischen Fachliteratur...
Fragen zu Inhalt und seiner Bedeutung
Inhaltszusammenfassung:
Äsops klassische Fabel spielt in dem sagenhaften Land,
in dem die Tiere sprechen können. Die handelnden Personen sind Tiere: ein
Löwe und eine Maus. Hier kurz eine Zusammenfassung des Inhaltes:
Auf den schlafenden Löwen klettert eine „Bande“ von
übermütigen Mäusen und spielt auf ihm herum, bis er davon aufwacht. Er
schüttelt die Mäuse auf und fängt eine, gerade die vorwitzigste, die zuerst
auf den Löwen geklettert war. Sie fleht den Löwen an, sie am Leben zu
lassen und verspricht, ihm, wenn er einmal in Not geraten würde, auch zu
helfen. Der Löwe, der sich das nicht vorstellen kann, lacht so sehr über
dieses Angebot, daß er die Maus laufen läßt.
Einige Zeit später kommt der Löwe doch in große
Not: Er fängt sich im Netz eines Jägers. Hier kann die Maus ihr Versprechen
wahr machen, indem sie das Netz durchnagt und so den Löwen befreit.
1. Die typischen Merkmale einer Fabel
Eine Fabel ist eine kurze Erzählung, in der die
Handelnden sprechende Tiere sind. Ein Dialog oder ein Konflikt zwischen
diesen Tieren findet meist eine überraschende Auflösung, die eine
verallgemeinerbare Lehre enthält.
Diese Lehre bezieht sich aber nicht auf die Tiere,
wie wir sie aus der Natur kennen, sondern auf menschliche Verhaltensweisen
und Charaktere, die einer moralischen Wertung unterzogen werden.
Es geht nicht um die Darstellung einer realen
Situation sondern um eine Lehre, die der Leser aus der Fabel ziehen soll.
Eine Fabel ist also eine verschlüsselte literarische Aussage.
2. Wann und weshalb sind Fabeln entstanden?
Zur Zeit der klassischen Antike, als Äsop seine Fabeln
schrieb (etwa 600 Jahre vor Christus), war das offene Wort gegen die
Mächtigen und Herrschenden gefährlich, ja lebensbedrohend. Die Moral, die
sich gegen die Herrschenden erheben konnte, mußte so versteckt werden,
daß sie zwar verständlich, aber im Text selbst nicht nachweisbar war.
Dieses versteckende Schreiben ist in vielerlei Form bis heute in Diktaturen
und Gewaltsystemen notwendig geblieben. So finden sich auch später wieder
in der Zeit des römischen Imperiums oder des europäischen Absolutismus
aufgeklärte und zeitkritische Schriftsteller, die die Form der Fabel wählen.
Es läßt sich vermuten, daß in vielen Fabeln von
Äsop nicht nur allgemeine Charakterzüge des Menschen dargestellt und
kritisiert werden, sondern daß auch, wie die Zeitgenossen des Autors wohl
schnell erkannt haben werden, in den Tierfiguren auf konkrete Personen und
Ereignisse des damaligen öffentlichen Lebens angespielt wird. Das dürfte
die Schlagkraft und den Witz der Fabeln erhöht haben und sie als Satiren
auf konkrete Situationen der damaligen Gesellschaft lesbar gemacht haben.
Heute jedoch liegt ihre Aussage allein in ihrer Allgemeingültigkeit, mit
der der menschliche Charakter dargestellt und ironisch kritisiert wird.
3. Warum sind in Fabeln die Handelnden Tiere?
Nun stellt sich die Frage, warum hier die irreale
Situation sprechender Tiere gewählt wird, wie es der Fabel entspricht, wo
es doch sehr deutlich ist, daß nicht Tiere gemeint sind sondern typische
Verhaltensweisen und Charakterzüge des Menschen, die hier auch moralisch
beurteilt werden sollen.
Die sprechenden Tiere verfremden die Situation,
geben das Ernste zunächst dem Gelächter preis – aber nicht, um es damit
abzuwerten, sondern um es eingänglich, einprägsam zu machen. Das
Lehrhafte wird versteckt und maskiert und damit wirkungsvoller als eine
trockene Abhandlung über die Dummheit der Herrschenden – symbolisiert
doch der Löwe seit alters her den „König der Tiere“, die Herrschaft und
Macht an sich. Daß die Form der Fabel heute nicht mehr ganz so wirkt wie in
der Zeit ihrer Entstehung liegt an den veränderten gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen.
Das alte und auch heute noch aktuelle Motiv von
der Selbstüberschätzung des Mächtigen und der zum Überleben notwendigen
Klugheit und Charakterfestigkeit des scheinbar Schwachen wird hier in
die Form der Fabel gebracht.
4. Erkläre das Verhalten der Maus. Wie beurteilst Du ihr Verhalten, als
der Löwe sie gefangen hat?
Die Maus besteht den Konflikt der Fabel siegreich, sie
triumphiert moralisch über den Löwen, obwohl sie, vom Löwen gefangen, in der
Situation des Unterlegenen und Verlierers gewesen ist. Ihre Reaktion auf
diese Situation ist die des Unterlegenen – aber mit einer gehörigen Portion
Mut der Verzweifelung oder auch Dreistigkeit; wie könnte sie sonst dem Löwen
ihre Hilfe anbieten? Oder war es nur Klugheit, die sie die Reaktion des
Löwen richtig voraussehen lies?
Schon darin, daß die handelnde Maus der Fabel
gerade diejenige ist, die zuerst auf den Löwen kletterte, wird ihr Mut aber
auch die Gefahr des Übermutes angedeutet; ihr Dialog mit dem Löwen zeigt
dann noch ihren Witz und ihre Klugheit, dem der Löwe nichts als
Selbstüberschätzung und Gelächter entgegenzusetzen hat. Erst das Ende
der Fabel zeigt den positiven Charakter der Maus deutlicher: sie hält ihre
Versprechungen und befreit ihren ehemaligen Feind und Gegner; sie zeigt
Dankbarkeit.
5. Welche Eigenschaften hat der Löwe in dieser Fabel? Warum läßt er die
Maus laufen?
Der große starke Löwe kann in seinem Hochmut nicht
erkennen, daß er auf die Hilfe des Kleinen und Schwachen angewiesen ist, der
ihm höchstens zum Auslachen dient. Er muß sich eines besseren belehren
lassen, nämlich daß alle seine Kraft, Stärke und sein Hochmut ihn nicht
davor bewahrt in Not und Hilflosigkeit zu geraten, aus der er sich nicht
selbst befreien kann und daß er gerade hier auf die Klugheit und
Verläßlichkeit des Kleinen und Schwachen angewiesen ist, der seine
Versprechungen nicht vergißt. Der Löwe symbolisiert hier also ein
überhebliches und charakterlich anfechtbares Verhalten, dem die Klugheit
und Verläßlichkeit und die charakterliche Stärke des eigentlich Schwachen
und scheinbar Hilflosen gegenüber gestellt wird. Der Klugheit der Maus hat
er nur Dünkel und Selbstüberschätzung entgegenzusetzen. Daß er die Maus
frei läßt, ist somit keine positive Tat, sondern eine weitere Willkür des
Mächtigen.
6. Übertrage die Lehre auf eine Lebenssituation!
„Der Löwe und die Maus“. Eine Interpretation
Äsops klassische Fabel spielt in dem sagenhaften Land,
in dem die Tiere sprechen können. Die handelnden Personen sind Tiere: ein
Löwe und eine Maus. Hier kurz eine Zusammenfassung des Inhaltes:
Auf den schlafenden Löwen klettert eine „Bande“ von
übermütigen Mäusen und spielt auf ihm herum, bis er davon aufwacht. Er
schüttelt die Mäuse auf und fängt eine, gerade die vorwitzigste, die zuerst
auf den Löwen geklettert war. Sie fleht den Löwen an, sie am Leben zu lassen
und verspricht, ihm, wenn er einmal in Not geraten würde, auch zu helfen.
Der Löwe, der sich das nicht vorstellen kann, lacht so sehr über dieses
Angebot, daß er die Maus laufen läßt.
Einige Zeit später kommt der Löwe doch in große Not:
Er fängt sich im Netz eines Jägers. Hier kann die Maus ihr Versprechen wahr
machen, indem sie das Netz durchnagt und so den Löwen befreit.
Was ist nun die Kernaussage dieser Fabel? Es geht
nicht um die Darstellung einer realen Situation sondern um eine Lehre, die
aus der Fabel gezogen werden soll. Der große starke Löwe kann in seinem
Hochmut nicht erkennen, daß er auf die Hilfe des Kleinen und Schwachen
angewiesen ist, der ihm höchstens zum Auslachen dient. Er muß sich eines
besseren belehren lassen, nämlich daß alle seine Kraft, Stärke und sein
Hochmut ihn nicht davor bewahrt in Not und Hilflosigkeit zu geraten, aus der
er sich nicht selbst befreien kann und daß er gerade hier auf die Klugheit
und Verläßlichkeit des Kleinen und Schwachen angewiesen ist, der seine
Versprechungen nicht vergißt. Der Löwe symbolisiert hier also ein
überhebliches und charakterlich anfechtbares Verhalten, dem die Klugheit
und Verläßlichkeit und die charakterliche Stärke des eigentlich Schwachen
und scheinbar Hilflosen gegenüber gestellt wird. Schon darin, daß die
handelnde Maus der Fabel gerade diejenige ist, die zuerst auf den Löwen
kletterte, wird ihr Mut aber auch die Gefahr des Übermutes angedeutet; ihr
Dialog mit dem Löwen zeigt dann noch ihren Witz und ihre Klugheit, dem der
Löwe nichts als Selbstüberschätzung und Gelächter entgegenzusetzen hat. Daß
er die Maus frei läßt, ist somit keine positive Tat, sondern eine weitere
Willkür des Mächtigen.
Das alte und auch heute noch aktuelle Motiv von der
Selbstüberschätzung des Mächtigen und der zum Überleben notwendigen Klugheit
und Charakterfestigkeit des scheinbar Schwachen wird hier in die Form
der Falbel gebracht.
Dabei stellt sich die Frage, warum hier die irreale
Situation sprechender Tiere gewählt wird, wo es doch sehr deutlich ist, daß
nich Tiere gemeint sind sondern typische Verhaltensweisen und Charakterzüge
des Menschen, die hier auch moralisch beurteilt werden sollen.
Die sprechenden Tiere verfremden die Situation,
geben das Ernste zunächst dem Gelächter preis - aber nicht, um es damit
abzuwerten, sondern um es eingänglich, einprägsam zu machen. Das Lehrhafte
wird versteckt und maskiert und damit wirkungsvoller als eine trockene
Abhandlung über die Dummheit der Herrschenden - symbolisiert doch der Löwe
seit alters her den „König der Tiere“, die Herrschaft und Macht an sich. Daß
die Form der Fabel heute nicht mehr ganz so wirkt wie in der Zeit ihrer
Entstehung liegt an den veränderten gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen.
Zur Zeit der klassischen Antike, als Äsop seine
Fabeln schrieb, war das offene Wort gegen die Mächtigen und Herrschenden
gefährlich, ja lebensbedrohend. Die Moral, die sich gegen die Herrschenden
erheben konnte, mußte so versteckt werden, daß sie zwar verständlich, aber
im Text selbst nicht nachweisbar war. Dieses versteckende Schreiben ist in
vielerlei Form bis heute in Diktaturen und Gewaltsystemen notwendig
geblieben.
Das läßt uns vermuten, daß in vielen Fabeln von Äsop
nicht nur allgemeine Charakterzüge des Menschen dargestellt und kritisiert
werden, sondern daß auch, wie die Zeitgenossen des Autors wohl schnell
erkannt haben werden, in den Tierfiguren konkrete Personen des damaligen
öffentlichen Lebens erscheinen. Das dürfte die Schlagkraft und den Witz der
Fabeln erhöht haben und sie als Satiren auf konkrete Situationen der
damaligen Gesellschaft lesbar gemacht haben. Heute jedoch liegt ihre
Aussage allein in ihrer Allgemeingültigkeit, mit der der menschliche
Charakter dargestellt und ironisch kritisiert wird.
9.5.1992 [für
Martin Eilers]
Zu Günther Grass’ „Unkenrufe“
Die Erzählung »Unkenrufe« von Günther Grass ist in der
literarischen Öffentlichkeit, wie nahezu alle seine neueren Erzählungen und
Romane, kontrovers und eher kritisch aufgenommen und beurteilt worden. Im
Kontext, in dem diese Rezension steht – aus der Perspektive des literarisch
interessierten Sozialwissenschaftlers und Politikdidaktikers – sind
literarische Beurteilungskriterien nur insoweit bedeutsam, als sie dem
gesellschaftlichen Verständnis als Rezeptionsstandards oder -blockaden
dienen können oder die Intentionalität der literarischen Fiktion
verständlich machen.
Günther Grass stellt sich der Gegenwart, ohne
literarisch verkappte politische Essays zu schreiben. Die erzählerischen
Formen, die sein Werk bestimmen, sind die Formen von Erzählung und Roman,
sind Literatur. Auch wenn diese Aussage tautologisch wirkt, ist sie
notwendig, um maßstabsfremde politische Erwartungen und Anmaßungen abwehren
zu können, die das Verständnis des Werkes verstellen könnten. Aus der
Erzählung sind keine geschlossenen politischen Urteilskategorien, sind keine
deduzierten Handlungskonzept abzuleiten. Dennoch ist das Werk durchzogen von
einer politischen Moral, die alles andere als einfach, umsetzbar oder
anwendbar erscheint, sondern fiktionale wie politisch-gesellschaftliche
Realitäten distanziert, fragwürdig macht und eben diese Fragen provoziert.
Die in Erzählhaltung und erzählerischem »Ich« uneindeutige, opalisierende
literarische Form unterstützt diese Rezeption des Uneindeutigen,
Distanzierenden und Moralisierenden und gibt gerade dadurch Anlaß zu
Mißverständnissen und literarischer oder politischer Kritik.
Die Handlung ist einfach und verworren zugleich. Eine
Erzählebene ist die zarte Liebesgeschichte des alternden deutschen Witwers
Alexander, der beim Besuch seiner Geburtsstadt Danzig die etwa gleichaltrige
polnische Witwe Alexandra trifft, die der Krieg aus ihrer Heimatstadt Wilna
ins polnische Gdansk verschlagen hat. Alexander sucht die Gräber seiner
Familie in Danzig, Alexandra erinnert sich ihrer Vorfahren, die in Vilnius
begraben liegen. Parallelen des persönlichen, sehr subjektiven und
moralisch-emotionalen Erlebens, die die zweite, die politisch-moralische
Handlungsebene der Erzählung begründen. Warum können die in der Fremde
Gestorbenen nicht wenigstens im Tode in heimatliche Erde zurückkehren? Hier
spielt die Erzählung scheinbar unzeitgemäß mit den ambivalenten subjektiven
Dimensionen des Heimatsgefühls und der Herkunftsverbundenheit, die in
gewisser Weise das Werk von Grass in seiner Fixierung auf Danzig und die
Kaschubei schon seit der »Blechtrommel« durchziehen. In dieser Hinsicht ist
der Autor sehr subjektiv, unintellektuell, anachronistisch.
In der zweiten Erzählebene wird die »moralische
Konsequenz« in dem Projekt eines »Versöhnungsfriedhofes« in Danzig
fortentwickelt. Eine »Versöhnung über den Gräbern« soll nicht nur leere
pathetische Nachkriegsphrase sein, sondern praktisches moralisches Handeln,
das in seiner politische-praktischen Absurdität durch umso realistischere
Detailtreue was Organisation, Ort und Anlage in Gdansk angeht – für den
Ortskundigen leicht nachzuvollziehen – aufgewogen wird und so
Glaubhaftigkeit gewinnen kann.
Die dritte Erzählebene ist die ironisch-politische
Darstellung des – notwendigen – Scheiterns des Projektes gerade an seinem
ökonomischen Erfolg. Daraus gewinnt Grass brillante Ansätze für den
ironischen Blick auf gesellschaftlich-politische Fehlentwicklungen der
Nachwendezeit, über das alles vereinnahmende und zu Geld machende
Vermarktungsprinzip, das auch vor der Moral nicht Halt macht, über die
politische Vereinnahmung und Funktionalisierung von Geschichte und
Zeitgeschichte und über die demoralischen Erfolgszwänge des politischen und
ökonomischen Managments, die Menschlichkeit durch funktionalistische
Effizienz ersetzen.
Aber: wie eingehend schon ausgeführt, so eindeutig, so
direkt moralisch ablesbar ist die Erzählung nicht, die kein politisches
Essay sein will und kann. Aus der Mehrschichtigkeit des Erzählens entsteht
die notwendige Rückfrage, wovon soviel Nachwendezeit-Unmoralismus denn
abhängt, entstanden ist. Die hinfahre kritisch-ironische Beschreibung ist
dazu viel zu undifferenziert. Liegen Fehlentwicklungen vielleicht schon
strukturell in dem naiven Geschichtsmoralismus des Konzeptes eines
»Versöhnungsfriedhofes« begründet, der die Last der Versöhnung von den
Lebenden abwälzen und den umgebetteten Toten, die in immer größerer Zahl in
der Erzählung nach Danzig »transferiert« werden, aufbürden will, so daß die
Lebenden unbelastet ihrer gegenwärtigen Geschäftsgier nachkommen können?
Liegen heutige Fehlentwicklungen begründet in den Menschen selbst, die nicht
rechtzeitig ihre »Lektion« aus der Geschichte gelernt haben und utopischen
oder gefühlsmäßig retrograden Vorstellungswelten anhängen?
Die Literarische Perspektive ist von solcher
Uneindeutigkeit, daß sie gerade dieses Offenlassen der Bedeutung und der
Begründung des Erzählten rezeptionell verstärkt. Die zeitliche Fixierung des
Erzählzeitpunktes in einer – noch – Zukunft als Blick zurück in die
Gegenwart, wird erst im Laufe der Erzählung deutlich, wenn sich die
Erzählung des Scheiterns und der Distanz benötigenden ironischen Reflexion
in den Vordergrund schiebt.
Die zarte Liebesgeschichte, die die subjektive Basis
für das moralische Empfinden darstellt, von der aus das Versöhnungsprojekt
seinen Ausgang nimmt, scheint dem Leser zunächst noch sehr gegenwärtig zu
sein, wobei aber das erzählende Ich als dezenter Chronist sich einer
Innensicht der Protagonisten Absichtsvoll verschließt und damit
psychologistische Interpretationen der Erzählung von Anfang an abwehrt: was
sehr wichtig ist, wenn die Frage nach der geschichtlichen Moral ernsthaft
gestellt werden soll.
Im weiteren Verlauf der Erzählung tritt die Form der
Chronik und der sachlichen Darstellung immer mehr in den Vordergrund, das
Abgeschlossensein des – moralisch – gescheiterten Projektes – oder
der moralisch gescheiterten »Wende« insgesamt: der bestehende rein
materielle Erfolg legt diese symbolische Parallele ja nahe – wird zum
Erzählprinzip und ermöglicht die ironische Distanzierung, vor der die
Protagonisten in all ihren menschlichen Schwächen und Glaubwürdigkeiten,
durch ihre fast liebevolle Einführung im ersten Teil der Erzählung aber
weitgehend ausgespart bleiben.
Überlegen wir abschließend, dem Kontext der Rezension
folgend, welche Anstöße diese Erzählung dem Sozialwissenschaftler und
Politikdidaktiker über die literarische Beschäftigung hinaus geben kann, so
wird der philosophische Ansatz sicher wichtig werden, Wirkung und die
Ambivalenz einer nicht-metaphysischen Moral über den
erklärend-zivilisationstheoretischen Ansatz hinaus als Bewußtseinsinhalt
und Handlungswert des Menschen verstehen zu lernen und mit der nötigen
kritisch-ironischen Distanz ernst zu nehmen, ihn als subjektiven, aber als
solchen gültigen Wertmaßstab an eine lächerliche und gefährlich sich
fehlentwickelnde politisch-ökonomische Realität anzulegen. Doch dies alles
ohne eine eindeutige Moral.
Gerhard Voigt, 4.5.97 für "politik
unterricht aktuell"
Gerhard Voigt:
Zu Christoph Ransmayr, „Morbus Kitahara“[1]
Was wäre gewesen, wenn 1945 die amerikanische Politik
von Senator Morgenthau bestimmt worden wäre? Diese spekulative Frage mag
am Anfang der Überlegungen gestanden haben, die zum Roman „Morbus
Kitahara“ von Christoph Ransmayr führten. Doch diese Frage
wird in dem Roman nicht beantwortet, kann nicht beantwortet werden, weil es
sich sonst nicht um ein Werk der Literatur, sondern um eine
politologische Spekulation oder besser um eine zeitgeschichtliche
Modellanalyse handeln würde.
Christoph Ransmayr geht durch das
Erzählen eines Romans der spekulativen Fragestellung selbst auf den Grund.
Die Betroffenheit der Leser ist von Beginn an und im Verlauf der Lektüre
immer stärker zwiespältig, gerade, da das Exposé anfangs der
zeitgeschichtlichen Spekulation den Rang einer Erwartungshaltung zuweist,
die dann sowohl erfüllt und gleichzeitig enttäuscht wird.
Merkwürdig vertraut ist die fremde Welt, in der der
„Hundekönig“ im Auftrag der amerikanischen Militäradministration in einer
fiktiven abgelegenen und fast hermetisch abgeschlossenen alpenländischen
Gebirgswelt namens „Moor“ den Steinbruch eines ehemaligen KZ – in dem er
selbst als Häftling gefoltert worden war – als permanente Mahnung, Strafe,
Gedenkstätte und gleichzeitig immer noch nahezu einziger über die
Subsistenz hinausweisenden Einnahmequelle und Arbeitsstätte der Bewohner von
Moor verwaltet, sich den technisch begabten Schmied des Ortes, geboren zum
Zeitpunkt des Kriegsendes und des „Oranienburger Friedens“, zum Fahrer,
Leibwächter und technischen Famulus heranzieht, und schließlich dreißig
Jahre nach dem Krieg die Räumung des ganzen Tals, das nun, nachdem die ganze
Welt nach einer unabsehbaren Folge von Kriegen und Friedensschlüssen der
pax americana unterworfen ist, von der amerikanischen Armee als
Reparation als Manöver- und Bombenabwurfplatz benötigt und eingefordert
wird, veranlassen muß.
Viele zu verallgemeinernde Fragen drängen sich auf,
in dieser realistischen Welt des Nirgendwo: Fragen nach Sinn, Dauer und
Wirkung verordneter Buße, Trauer, Reue; Fragen nach
Herrschaftslegitimation, Dienst, Freude an der Gewalt und Entstehen von Haß;
Fragen nach den Traum- und Wunschbildern des kaum erreichbaren „Anderswo“,
Fragen nach dem Entkommen und dem Ende.
Realistisch sind die politischen Rahmenbedingungen,
ihre Wirkungen und Widersprüchlichkeiten beschrieben; realistisch treten
auch die gebrochenen, zwiespältigen und resignierten oder getriebenen
Bewohner von Moor auf, glaubhaft gerade deswegen, weil sich der Verfasser
der psychologisierenden Innensicht erhält, Motive aus den Handlungen
erahnbar, aber nie ins vorgeblich Eindeutige gedrängt werden.
Doch dieser Realismus entsteht in einer völlig
fremden Welt, deren Elemente gerade durch ihre Vertrautheit so erschreckend
wirken. Es ist keine Modifikation, Abart oder fiktionale Umgestaltung
unserer Welt und noch weniger das science fiction eines fremden
Universums: Moor und der Frieden von Oranienburg, die amerikanische
Herrschaft von Senator Stellamour, sind eine Parallelwelt
unserer eigenen Welt, unsere Welt in einem Konjunktiv, der erahnen läßt,
daß unendlich viele Parallelwelten existieren könnten, der erahnen
läßt, daß letztlich unsere Existenz selbst eine Emanation des
Konjunktivs ist.
Diese Grunderfahrung, die sich dem Leser von „Morbus
Kitahara“ aufdrängt, ist bis in die Feinstrukturen der Erzählung
durchgehalten. Die erzählten Biographien des „Hundekönigs“, der seinen
Namen erhält von seinem Nachkriegsrefugium in einer alten verwilderten
Villa, in dem sich in der ersten Nachkriegszeit ein Rudel verwilderter,
bösartiger Hunde ansiedelte, mit denen der Steinbruchverwalter eine
autoritatives Zusammenleben erzwingt, des „Schmiedes“, der als technisches
Genie und sozialem Kretin, immer an der Grenze zur offensichtlichen
psychischen Abnormität, als der „Vernünftigste“ in der Bewältigung des
Lebens in Moor erscheint, die biographischen Momentaufnahmen der
Randfiguren sind glaubhaft, immer nachvollziehbar, aber nie im literarischen
Sinne zwingend – sie sind ebenso kontingent wie der
Gesamtentwurf dieser Parallelwelt, es sind Parallelbiographien,
genau real wie zufällig, folgerichtig wie willkürlich, eben in gewissem Maße
ebenso uninteressant wie unsere eigene kontingente Biographie.
Die Studie über die Kontingenz, als die sich
der Roman lesen läßt, belegt sich auch durch die Metaphern und Bilder, die
zunächst als erklärend und bedeutungshaltig gelesen und verstanden werden,
im Kontext der Handlung aber immer deutlicher ihre eigene Kontingenz
erfahren lassen. Das trifft auch auf die titelgebende Krankheit des „Morbus
Kitahara“ zu, einer teilweisen, vorübergehenden Erblindung, bzw. des
beeinträchtigten Blicks durch „schwarze Löcher“ in der Netzhaut. Weder ist
es aber eine „Erblindung vor der Realität“, die als psychosomatische
Reaktion auf biographische Abstürze gerade auch zum Kriegsende real
existierte, was ein starkes, aber unfragwürdiges Bild für die dargestellte
Nachkriegssituation in Moor und die moralischen Defizite, die offensichtlich
werden, gewesen wäre, noch ist diese Krankheit mit Sicherheit heilbar – auch
das wäre ein zu eindeutiges Bild –; so ist der endgültige Verlauf der
Krankheit bis zum Tod des „Schmiedes“ in Brasilien ungeklärt, wo er einen
zunächst ebenfalls symbolisch erscheinenden, dann aber schlicht zufälligen
aber wiederum aus der Situation heraus nachvollziehbaren Unfalltod erleidet,
ohne daß die das Buch durchziehende Traumperspektive „Brasilien“ irgendeine
erzählerische Bedeutung erlangen konnte: Kontingenz als Realitätsprinzip,
Parallelwelten als Bild für den existentiellen Konjunktiv.
Hier ist es interessant, dieses Buch im Kontext mit
dem früheren Roman von Christoph Ransmayr, „Die letzte Welt“[2],
zu lesen, in dem ebenfalls die Infragestellung der Realitätssicherheit in
einer grandiosen erzählerischen Paraphrase zu Ovids Metamorphosen
zentrale Leseerfahrung wird.
Im Gegensatz zu „Morbus Kitahara“ erscheinen
also, Ovid folgend, die Metamorphosen der Gestalt und der Realität
aus dem innersten Wesen der Existenz heraus nach außen zu dringen, die
Zwangsläufigkeit der Vielfalt verdeutlichend, den ewigen Wandel des
unwandelbaren Seins darstellend: eine antike philosophische Figur, der
Christoph Ransmayr zwar folgt, sie aber schon hier vorsichtig
ironisiert und – vielleicht könnte man sagen: – erzählerisch „überdehnt“.
„Morbus Kitahara“ gibt diese letzten
Bindungen auf und überantwortet Realität, Geschichte und Erzählung der
Kontingenz. Damit ist dieses Buch auch eine erzählerische Antwort auf
grundlegende philosophische Diskurse der Erkenntnistheorie und
Geschichtsphilosophie und als solche in diese Diskurse auch didaktisch
einzubeziehen.
[1] Christoph
Ransmayr, Morbus Kitahara. Roman. Frankfurt am Main 1995 (440 S.
– S. Fischer Verlag).
[2] Christoph
Ransmayr, Die letzte Welt. Roman. Mit einem Ovidschen Repertoire.
Frankfurt am Main 1988 (S. Fischer Verlag; Fischer Taschenbuch 9538).
Gerhard Voigt:
Zwischen Moral und »political correctness«: Anmerkungen zum Bestseller »Primary
Colors«
Mit aller Macht: Ein mißverständlicher Titel
Mit aller Macht«
– so der deutsche Titel von »Primary Colors« – ist zwar der Roman
des Kampfes um die Macht in den – fiktiven – Vorwahlkämpfen (primaries)
der Democratic Party für die Präsidentschaftskandidatur in den USA –
und als solcher situativ an eine Besonderheit des Wahlsystems in Amerika
gebunden, der in der BRD nichts Entsprechendes entgegensteht –, es ist
inhaltlich aber eher ein Roman über die Grenzen des Machterwerbs, die
Bedingtheit der Machtmittel von den politischen und gesellschaftlichen
Substrukturen und von dem Wechselspiel – der Machtbalance – der
Interessen- und Funktionsgruppen in der us-amerikanischen Gesellschaft, bei
der vor allem deren Fragmentierung und Segmentierung ins Auge fällt: und von
dem Versuch, diese Machtbalance durch Einfluß auf die öffentliche Meinung
durch Propaganda, aber auch durch Indiskretionen und Manipulationen zum
eigenen Gunsten zu verschieben.
»Primary Colors« soll ein Schlüsselroman über den
Präsidentschaftswahlkampf Bill Clintons sein und Indiskretionen über die
Person und das Verhalten des heutigen Präsidenten enthalten. Der Verfasser
– Anonymus, dessen Identität bis heute nicht aufgedeckt werden konnte
– muß wohl über intime Kenntnisse aus dem Umkreis Clintons und über die
politischen Interna Washingtons verfügen. Doch kann dies der Rezensent weder
überprüfen, noch interessiert ihn diese Perspektive sonderlich, die in den
USA sicherlich zum Bestseller-Erfolg des Buches beigetragen hat. Es geht in
dieser Besprechung um eine andere als die personenbezogene »Authentizität«
und Plausibilität des Romanes, es geht um die Frage, ob das Buch im Sinne
eines wachen Beobachters gesellschaftlicher und politischer Prozesse
aufschlußreich und nachdenkenswert ist und damit über den
konkreten Fall hinaus exemplarische Einsichten in den Wandel der
heutigen postmodernen politischen Kultur vermitteln kann, die auch in
der gesellschaftlichen und politischen »Landschaft« der Bundesrepublik
Deutschland von Interesse sein könnten.
Quelle: Rezension für "politik
unterricht aktuell", 1996/1
Eine Interpretation
1. Im Abschnitt 7 des Stückes Die Zeit und das
Zimmer von B. Strauß reduziert sich der Dialog auf die beiden Hauptpersonen
Olaf und Julius.
Aufschlüsse über diese Figuren (wie es generell
für alle Figuren in diesem Stück gilt) gibt allein ein Dialog , der nur
ausnahmsweise erzählende und berichtende Elemente enthält. Die
Charakteristik der Personen und ihrer Beziehungen geschieht über die
Sprache, über die Ausdrucksform, sprachliche Versatzstücke und im
semantischen Sinne oft widersprüchliche Aussagefragmente. Es kann daher
nicht wie bei einer Erzählung von einer berichteten und pointierten
Handlung, einem „plot“ gesprochen werden. Das Verständnis des Stückes
erschließt sich daher über die Sprach- und Dialoganalyse. Dies wird in
Abschnitt 7 besonders deutlich. Eine solche Analyse wird etwas erschwert
dadurch, dass die Aufgabenstellung eine Entwicklung der Argumentation aus
dem Kontext des Stückes heraus nicht vorsieht.
Eine detaillierte Gesprächsanalyse bezieht sich
sowohl auf Sprachniveau und -duktus, in denen sich u.U. soziale oder
regional-kulturelle Kontexte und Umfelder erschließen können, auch die
Verwendung vorgegebener sprachlicher Wendungen und Floskeln, die sowohl in
Hinblick auf die Sprach- und Denkfiguren einer der Personen (das wäre
letztlich ein sozial-psychologischer Ansatz) als auch auf die
sozio-kulturelle Befindlichkeit der gesellschaftlichen Bezüge in die das
Stück hineingestellt wird, Aussagen erlauben, als auch schließlich auf die
Kategorien einer formalrhetorischen Analyse, die auch das semantische
Zeichenarsenal mit einbezieht. In einem so kurzen Stück wie dem Abschnitt 7
der hier in Frage steht, sind solche Analysen jedoch nur ansatzweise zu
verwirklichen und die Unsicherheit bleibt bestehen, ob die
Analyse-Ergebnisse in dem größeren Kontext des gesamten Stückes Bestand
haben. Gerade weil die Hauptpersonen O. und J. in den übrigen Szenen in
einem gewissen sprachlich-argumentativen Kontrast stehen als die z.T. nur
sporadisch auftretenden übrigen Figuren kund als Personen stärker
„personalisiert“ sind als die übrigen, eher anonymisierten Figuren, die oft
allein als Träger eines bestimmten, im Stückzusammenhang funktionalisierten
Sprachklischees eingesetzt werden, sind bestimmte Charakteristiken von O.
und J. aus dem Stückganzen heraus zu konkretisieren bzw. zu bestätigen.
Typisch für den Dialog in Abschnitt 7 ist das
Fehlen eines vordergründig erkennbaren „roten Fadens“, sowohl was die
Dialogführung, als was die Handlung angeht. Dies ist nun sicher nicht als
Defizit zu beschreiben, sondern zentrales Element der Aussage dieses
Stückes, wie in der 2. Aufgabe noch näher auszuführen sein wird. J . und O.
übernehmen unterschiedliche und spezifische Sprachrollen aus gleichen
sprachlichem Niveau. Sie werden also weder sozial noch in ihren
sozio-kulturellen Kontexten unterschieden, sondern als
Sprachverhaltensrollen begriffen. Dies kann in einem Zitat als dem letzten
Dialogfeld von O. auch zitatmäßig belegt werden, wenn er sagt (S.144):“ Es
ist viel wichtiger von Dir aus geschieht etwas , du gibst alle
erdenkliche Mühe, mich einerseits zu schonen und mich andererseits im
unklaren zu lassen oder vielmehr im klaren darüber, dass du mir ein Zeichen
gibst, eine kleine Aufmerksamkeit, ein bisschen So Tun Als Ob, dass es
zwischen uns eine gewisse Federung gibt...“
Wesentliche Elemente des Dialogs werden hier
explizit ausgesprochen: Die Dialogimpulse gehen von J. aus, O. ist
Rezipient; es geht nicht um ausdrückliche Handlungen, sondern um Zeichen.
Ihr Verhältnis ist also letztlich ein Verhältnis des semantischen bzw.
semiotischen Spiels. „...wenn ich das nur annähernd spüre sind Lüge und
Sachverhalt mit nichts aus der Welt geschafft (ibid) : noch einmal wird
ausdrücklich die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass Zeichen und Sprache
nicht für eine Wirklichkeit stehen, sondern in Brechung der Realität
Wirklichkeit sind und Wirklichkeit ersetzen, das letztlich also unsere
Wirklichkeit eine Wirklichkeit der Sprache und der Zeichen ist.
Auch wenn beide über einen Dritten, Ansgar,
parlieren, geht es um Worte: “O.: Warum hat er nicht ein einziges Wörtchen
für mich übrig?“ Für O. besteht die Realität, d.h. seine Existenz aus der
Wahrnehmung von Zeichen, Symbolen und Worten. „Ein vergessener Gruß ist u.U.
das Zünglein and er Waage!“
J. verweigert sich verbal diesen Anforderungen.
„O:...es wäre eine Frage des Feingefühls gewesen. Eine Geste. J .: So etwas
tue ich nie. O.: Das ist eben deine Art Aufrichtigkeit, die keine Rücksicht
auf den Mitmenschen nimmt.“
Der Topos dieser Dialogfragmente ist in der
Dramatik durchaus nicht neu. Sie verweist auf eine Tradition, die bis auf
Molieres Menschenfeind zurückgeht, aber im Laufe der Theatergeschichte
ethisch-moralisch (Moliere und andere Klassiker) oder
sozial-gesellschaftskritisch (vgl. die Auseinandersetzungen mit einem
relativierten Wahrheitsbegriff bei B. Brecht) verstanden worden ist,
während der Kontext bei B. Strauss semantisch sprachlich erscheint. Diese
mehrfache Brechung der Bedeutungsebenen, die das inhaltlich Entleerte
sprachlicher Figuren, denen jegliche Originalität mangelt, ist je nach
Bedeutungskontext als skeptizistischer Zugang zu einem positiven
philosophischen Wirklichkeitsbegriff oder als ironische Brechung in der
Wahrnehmung der kulturellen Umwelt zu verstehen.
Zwei Themen scheinen in diesem Dialog
regelmäßig auf :“ Die Begegnung („J: Also man hat das Gefühl: du suchst die
Begegnung, du willst den anderen kennen lernen, du interessierst dich
ernsthaft für ihn - „, S. 140) und die Reflexion pessimistischer
unglücklicher Gefühlslagen, die dem Protagonisten O. zugeordnet wird
Der erste Topos eröffnet die Szene und wird von
J. in den Dialog eingebracht wie eben schon zitiert wurde. O. wehrt diese
Zumutung ab und setzt die Unglücksthematik dagegen.
Für die Dialogführung
ist hier ein Bruch mit klassischem Dialogregeln auffällig. Wenn in älteren
Dramen Personen „aneinander vorbeireden“, so sollen Missverständnisse
gezeigt werden, die entweder die Personen und ihre Handlungen
charakterisieren, oder die Handlung pointieren und vorantreiben sollen. Auch
das systematisierte „Aneinander Vorbeisprechen“ im absurden Drama (Becket,
Ionescu) hat eine eindeutige, wenn auch hier philosophisch, z.T. auch
zynisch-ironische Bedeutung für den Handlungsverlauf. Beides fehlt dem
Dialog von J. Und O., sogar die Eindeutigkeit des Missverstehens. Auf einer
niedrigeren Sprachebene wäre es ein relativ unverbindliches Quatschen; doch
das Sprachniveau verbietet eine solche Interpretation. Die rein sprachliche
Charakteristik von O. und J. werden auch in ihren Erwähnungen außen
liegender Realitäten verstärkt, die damit charakterisierende und
symbolisierende Bedeutung gewinnen (O.: die Weihnachtsbäume liegen im
Februar noch am Straßenrand...“ usw., womit ein Motiv aus dem !. Akt
aufgegriffen wird; S. 141).
Der nächste Abschnitt
des Dialogs S. 142/143 reagiert auf den Anruf eines Ansgars, an den sich die
Kontroverse um Grüße und Höflichkeit, die oben schon thematisiert wurde,
entzündet. Dies führt immer konzentrierter zu den Begriffen der Lüge und der
Wahrheit, bei denen abschießend sich O. auf die Forderung des sozial
motivierten „ein bisschen so tun als ob“ zurückzieht. „Nur darum geht es.“
Das ist der letzte Satz dieser Szene und damit gerade wieder eine, den
Zusammenhang nicht treffende Leerformel.
2. Lt.
Kritiker
Die Aufgabenstellung
gibt die Kategorie einer „Poesie von komischer Trauer“ vor. Es erscheint
durchaus sinnvoll, diese Kategorie auf den in Frage stehenden Text
anzuwenden. Die Einordnung als Poesie verweist auf die Dominanz der
sprachlich zeichenhaften Ebene, die sich der Naivität des Anspruches eine
Wirklichkeit als wirklich darstellen zu wollen, konsequent entzieht. Es ist
daher nur nahe liegend, dass die Rezeption eines solchen Textes genauso
wenig eindeutig ungebrochen sein kann, wie die Faktur des Textes selbst eine
solche Eindeutigkeit aufweisen könnte, die dem modernen Realitätsbegriff
nicht mehr gerecht werden würde.
Es wäre sinnvoll, hier
einen kultur- und geisteswissenschaftlichen Kontext herstellen zu wollen,
der die Realitätswahrnehmung selbst als historisch gewordene Kategorie
begreift. Aus diesem Grundverständnis heraus legitimieren sich Zuordnungen
von Texten zu einer Moderne oder Postmoderne wie sie in der Aufgabenstellung
mit der Fragestellung nach der „Grundbefindlichkeit des modernen Menschen“
angesprochen wird. Doc muss das an dieser Stelle so exkursorisch stehen
bleiben, da der in Frage stehende Text letztlich nur fragmentarischen
Charakter aufweist und sich damit einer umfassenderen
gesellschaftswissenschaftlichen oder philosophischen Einordnung ohne
Heranziehung zusätzlichen Materials nur unvollkommen erschließt,.
Die Rezeption des Textes
als von „komischer Trauer“ geprägt, beinhaltet eine gewollte begriffliche
Paradoxie. Die Sperrigkeit des Verständnisses des Textes entspricht nun rein
subjektiv genau der Distanz , die eine solche emotionale affektive Zuordnung
zu einer paradoxen Befindlichkeit erwarten lässt. Naive Reaktionen auf den
Text würden ihn Etikettierungen wie banal, aussageleer, unverständlich oder
überflüssig zuweisen. B. Strauss erwartet also nicht den naiven unbefangenen
Theaterzuschauer, es sein denn um ihn zu erschrecken, ihn zu verwirren,
sondern eine verständnisvolle Rezeption verlangt das Einbezogensein in die
künstlerisch dramatischen Diskurse der Moderne.
Damit muss auf die Frage
nach der Grundbefindlichkeit des modernen Menschen wie sie in der
Aufgabenstellung angesprochen wird, nicht nur eine inhaltliche Antwort
gegeben werden, sondern zunächst einmal auf die Uneinheitlichkeit,
Uneindeutigkeit und Veränderlichkeit auch der Antwortversuche selbst
verwiesen werden. Eine Grundbefindlichkeit für den einzelnen Menschen kann
es über die subjektive Ebene hinaus, nicht mehr geben. Auch die alten
vereinheitlichenden kulturellen Muster, die Halt und Orientierungssicherheit
garantieren könnte, existieren nicht mehr. Fraktionierungen und
Individualisierung müssten als Grundkategorien eines Versuchs gelten,
Grundbefindlichkeiten als soziale und kulturelle Größe zu bestimmen. Damit
ist auch die Individualisierung der Realitätswahrnehmung und des
Realitätsbegriffes verbunden für die, die nicht absurde und nicht pointierte
Nicht-Kommunikation der Protagonisten J . und O. steht. Vor dem Hintergrund
der Kenntnis des Diskurses der Moderne entsteht natürlich tatsächlich so
etwas wie situative und semantische Komik, deren philosophische Tiefe nicht
im Text selbst angelegt ist, sondern als aktiver Prozess der rezeptiven
Aneignung beim Zuschauer entstehen kann. Diese #Reaktionen sind natürlich
genauso individualisiert wie die Individualisierung der Kommunikation
Voraussetzung des Aneinandervorbeiredens der Figuren bei B. Strauss sind.
Gerade weil den Personen jegliche soziale und psychologische Tiefe und
Charakteristik fehlt, sind sie kontextlos auf die Semantik ihrer Sprache
reduziert. Wie weit dies auch symbolisch für eine gesellschaftskritische
oder kulturkritische Analyse sein kann, muss aus dem Gesamtwerk von B.
Strauss abgeleitet werden. Der Kontrast zur üblichen Personen-Wahrnehmung
erzeugt eine komische Spannung, die in der bildenden Kunst z.B. einen
„seriösen“ Komik zueigen sein kann: Die Flachheit selbst wird
Bedeutungsträger. So stellt sich abschließend die Frage: Ist die Flachheit
und Reduziertheit B. Strauss'scher Figuren (Figurinen?) bedeutungsvoll
symbolisch, ironische Brechung einer gebrochenen modernen Wahrheit,
evokative Provokation des Zuschauers sich mit Flachheit und
Kommunikationslosigkeit der Moderne auseinanderzusetzen, oder sind sie
schlicht flach und banal, weil sie nichts anderes sind.
Quelle: Konzept entwickelt am 17.12.97.
Für Eilers
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