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Veröffentlichungen und Texte

Gelegenheitstexte und Varia:

Lyrische Versuche

Jeder der berufsmäßig mit Sprache umzugehen hat, sei es mit gesprochener Sprache im Unterricht oder in Seminaren und Vorträgen, sei es als wissenschaftlicher Autor in Büchern und Aufsätzen, wird ab und zu auf der Versuchung erliegen, sich mit künstlerischen Ausdrucksformen zu beschäftigen. Auch wenn dies vorwiegend rezeptiv und als Liebhaberei geschieht, reizt es immer wieder zu eigenen Fingerübungen. Dass hier kein große Literatur entsteht, ist klar, etwas Spaß habe ich dabei gehabt und hoffe, etwas davon meinen Freunden vermitteln zu können.

Lyrische Versuche aus dem Notizbuch

Düster am Abend

Sprache Sprechen Verstehen

Der Abend dunkelt

Verständnis heischend

Tausend Jahre sind wie ein Tag

Das Wort und immer das Wort

Jahre wie Worte

Durch die düsteren Gassen

Schritt Abraham

Ich verlasse dich

Ich ziehe weiter

Gott versteht mich

Jahre wie Worte

Das Opfer wurde gefordert:

Tod

Ich verstehe ich verstehe ich verstehe:

Tod

Eine Spur Blut im weißen Sand wird die Sonne bald dunkeln:

Tod

Blut versickert am heiligen Stein ich ziehe weiter ich verlasse dich:

Tod

Das Opfer wurde gegeben

Opfer in Susa

Opfer in Babylon

Opfer in Jerusalem

Das Heilige fordert das Opfer

Das Wort und immer das Wort

Worte wie Jahre

Der Gott sprach

Dunkel am Abend

Menetekel das Unheil naht

Ein Tag wie tausend Jahre

Wir verstehen Sein Wort nicht mehr

Worte wie Jahre

Abraham

Wohin hast du uns geführt

15.10.1988

Brüssel

Pfingsten 1988

*

Breughel

der Ort deines Grabes bei der Kapellekerk

ist nicht bekannt

ein massiger Turm

wohlproportionierte gotische Kreuzgewölbe

wachen

über geduckte und schlichte

Handwerkerhäuser

der Marolles

Breughel

war Handwerker

in der Hoog Straat

gründest du eine Familie der Maler

zünftig und sittsam

die Regeln einhaltend

und doch öffnetes du

das Tor zur Hölle

*

diese Angst

diese Apokalypse der Bilder

Grauen und Verderben

du wußtest es

und malst

unter dem sittsamen Sterbebett

den Schlund der Hölle

unter dem Prunk von Krönung und Apotheose

den geduldig wartenden Satan

Höllenbreughel

*

dein Sohn bestellte

für dein Grabmal in der Kapellekerk

bei Meister Rubens ein frommes Bild

die Kirche verkaufte es

als sie in Geldnot geriet

heute ist das Bild eine Kopie

wie deine Bilder

die die Kirche schmücken

ihr hättet es verstanden

Handwerker und Maler

die ihr zeitlebens

für euren Unterhalt

und den eurer Familien zu sorgen hattet

*

Rubens' Haus in Antwerpen

gutbürgerlich ja reich

ein wohlsituierter Herr und Lebemann

wohnte hier mit seiner Saskia

malte Fleisch und Völlerei

Suff und Liebe

und die hohen Herren der Stadt

seine Bilder wurden immer größer

riesige Fleischberge

die Fleischeslust wächst sich aus

ins Entsetzen

und du malst das Abschiedsbild für Breughel

nicht nur ein Auftrag

du wußtest

ob der Hölle des Handwerkers aus der Hoog Straat

sind doch deine Fleischkaskaden

ein Wall gegen den Blick in den Abgrund

nur weil deine Lebenslust

ein Seilakt über dem Grauen und dem Ekel bleibt

wir spüren es vor deinen Bildern

werden deine Werke

nicht seicht und banal

Höllenrubens?

*

das lebenslustige

pulsierende und menschliche Brüssel

hat ein Tor zu Hölle

Massaker und Gewalt

Grausamkeit der Herren

Aufstand und Niederlage

Lebenslust

weil das Leben

so kurz und gefährdet ist

Hieronymus Bosch, Breughel, Rubens, Ensor

Höllenbrüssel

Lebensort

*

die reformierte Nüchternheit

der abgefallenen sieben Provinzen

ist leichter zu entschlüsseln

eindeutiger

zielgerichteter

Angst wird zur Vernünftigkeit

*

Brüssel

das ist nicht deine Art

weltoffene Provinz

Zentrum und geistige Peripherie

barocker Formenüberschwang

und Traurigkeit

Schlamperei Verfall

Undeutlichkeit

Höllenbrüssel

*

wir wissen es nicht mehr

wo dein Grab ist

bei der Kapellekerk

Meister Breughel

01.06.88

Erben

Was hinterlasse ich meinen Erben?

Viel habe ich nicht angehäuft.

Gedanken vielleicht -

Wer wird sie beerben?

Ich weiß es nicht!

Gedanken sind ein leichtes Erbe.

Vielleicht: Bücher, geraffte Gedanken

und Sammlungen von Ideen - Leben -

Erklärungsversuche, Scheitern, Hoffnungen,

die Last von Generationen, festgehalten auf Papier.

Gedanken sind eine bittere, schwere Last.

Die Vervielfältigung von Leben im Buch,

parallele Biografien, Duplikationen, Biografie der Biografien -

Unsterblichkeit im Wort?

Arroganz des Intellekts, dem das Wort mehr ist als die Tat,

vergebliche Hoffnung auf fremdes Sein -

Gedanken sind ein leichtes Erbe,

Gedanken sind eine bittere Last.

In jener Nacht, da Lully zur Unsterblichkeit

erhoben wurde in den Klängen von Couperin,

In jener Nacht, als Gilgamesch aufstand,

den Strand von Dilmun zu suchen,

vorbei an der Insel der grünen Frau;

Enkidu: erkläre mir meine Sterblichkeit -

ist das Meer sterblich, ist die Sonne sterblich,

Ist Jericho, die Alte, die Dauernde, sterblich?

Hischams Palast ist zerstört, ehe er noch vollendet:

die Erde bebt, Jericho erzittert...

Die Idee der Gerechtigkeit. Die Demokratie als die

beste Form der schlechten Staatsverfassungen:

Sokrates - nimm den Schierlingsbecher.

Platon beerbt dich, Aristoteles beerbt dich,

wir beerben dich, das Erbe ist leicht -

Ischuschinak, Gott von Susa, du bist tot,

tot wie die persischen Kinder im Sumpf von Basra,

Kinder des Ischuschinak: Opfere dein totes Blut,

opfere der Vergänglichkeit, erkläre mir

meine Sterblichkeit: die Idee der Gerechtigkeit.

In jener Nacht, da die Schatten aufstanden,

Gedanken, undeutlich und unerklärlich, alt und böse,

In jener Nacht, als die Bücher tausendfach

Leben spielten, Klänge, Erinnerung, Erweiterung,

der sterbliche Augenblick der Unsterblichkeit -

Enkidu, Ischuschinak, Plato, Lully -

lebt in den ungedachten Gedanken -

Erklärungsversuche, Scheitern,

Hoffnungen, festgehalten auf Papier:

Gedanken sind ein leichtes Erbe, eine schwere Last:

Nächstes Jahr in Jerusalem!

Ich weiß nicht -

Nein

Ich weiß nicht

Wohin der Zeiger weist

Nauplia Athen Korinth

Der Zeiger Zeit und Kompaß

Zukunft in Ruinen

Ist Heute die Zukunft

Gestern nur geträumt

Nein

Ich weiß nicht

Wohin der Zeiger weist

Nur Oasen

Wir sind Oasen im Unverstand

Wir nähren uns selbst

Aus den Quellen

Die aus der Tiefe kommen

Doch manchmal

Sinkt der Spiegel des Wassers

Not bricht über uns herein

Not, die aus der Tiefe kommt

Oasen wurzeln in der Tiefe

Kleine Bezirke des Verstehens

Am Tage des Lichtes

Vor der Nacht in der Tiefe

Die Oasen verdorren

Keine Herden und kein Überfluß

Am heißen Tag des Verstehens

Sinken wir verdurstend in die Tiefe

Schlachtgemälde,
Panorama,
Waterloo

die Pferdekadaver am Hang des Feldherrnhügels:

dekorativ

Schlachtgetümmel

im Süden bricht die Sonne durch die Wolken

bescheint friedlich das Gemetzel

und Napoleon und sein Stab nähern sich:

sind sie noch zuversichtlich?

*

kein Laut

kein Staub

keine Gerüche -

nicht diese Angst, diese Panik, das Bedrängende:

längst vorbei

*

die Fotos von der Schlacht gibt es nur hier drinnen

sie sind sonst nirgends zu erhalten

greifen Sie zu

eine einmalige Chance

hier dieses Kunstwerk

in vielen Stunden mit Hilfe kompetenter militärischer Berater

gemalt

die Pferdekadaver geformt:

die Schlacht ist vorbei

die Schlacht ist Nostalgie

Panoramen der Geschichte

*

auch draußen scheint die Sonne

grüne Wiesen

leicht hüglige Landschaft

auf den Äckern reift das Getreide

die Schlacht ist vorbei

Ruhe eingekehrt

fünfzigtausend Menschen brachten sich hier in einem Tage zu Tode

für fünfzigtausend Helden stehen die Gedenksteine

der Belgier, der Engländer, der Hannoveraner,

der Braunschweiger, der Preussen,

der Franzosen

ewige Liebe

ewiger Dank

ewiges Heldentum

*

wir sind ja nur so froh,

daß wir nicht diese Helden waren

wir leben

die Helden wurden betrogen

um Glück, um Leben, um Zukunft

eine unüberschaubare Last der zerbrochenen Träume

häuft die Geschichte auf die Schultern von uns Lebenden

Betrug der Geschichte

Falschmünzerei des Heldentums

*

so leicht war es gar nicht

fünfzigtausend Menschen in den Tod zu befördern

Mühe, Schweiß, Anstrengung, Blut

einen Tag dauerte es

das Blut tränkte die Äcker

doch die Äcker blühen wieder

friedlich

*

der Löwe von Waterloo

tonnenweise geschmolzenes

Erz

-doch besser als in den Kanonen-

wird von einer Ziegelsäule getragen,

die im Erdhügel versenkt ist

er ist Sinnbild

wofür?

er blickt über die Schlachtfelder

über die Büsche und Äcker

über die hunderttausend Touristen

wer erinnert sich noch der Toten?

der Löwe ist aus

Erz

ohne Gefühl und Erinnerung

*

was brauchen wir Helden?

*

wir wollen keine Helden sein

wir haben Angst vor diesem Tod

Waterloo

Flandern, Verdun, Pearl Harbour, Hiroshima

die Menschen rationalisieren den Tod

doch die Toten

die Helden

bleiben auf ewig die Betrogenen

*

wir brauchen keine Helden

Frieden braucht kein Waterloo

Anmaßung

Arroganz

Herrschaft

Tod:

dafür steht der Löwe von Waterloo

01.06.88

 

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Bearbeitungsstand: 25.12.2008
Letzte Bearbeitung: 12.12.2009

   
   

 

     
   

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