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Gerhard Voigt:
Über den Zusammenhang
zwischen Politikdiskurs und Selbstbild von Politiklehrerinnen und
Politiklehrern
Bernhard Claußen verkörpert die Ausnahme und nicht
die Regel als Politiklehrer – ich darf ihn so ansprechen, auch wenn sein
Arbeitsbereich die Universität und die Lehrerausbildung ist. Weder zieht
er sich zurück in den »wissenschaftlichen Elfenbeinturm«: er nimmt
Stellung, mischt sich politisch ein und ist sich der Wirkungen seiner
Arbeit für die Entwicklung des Schulfaches »Politik« bewusst. Noch
beschränkt sich sein Wirken auf politischen Aktionismus: es ist den
strengen Postulaten des rationalen Diskurses und der wissenschaftlichen
Verantwortbarkeit verpflichtet.
Diese persönlich gehaltene Vorbemerkung erscheint mir
notwendig, wenn ich ein kritisches Bild über Selbstverständnis und
Wirkungsmöglichkeiten der heutigen Politiklehrerschaft zeichnen möchte.
Die persönliche Erfahrung als Vorsitzender des Verbandes der
Politiklehrer, als Beteiligter an Lehrerfortbildungsmaßnahmen, in
Rahmenrichtlinien-Kommissionen und schließlich selbst als Politiklehrer
in einem Gymnasium legt den Eindruck nahe, dass das Fach »Politik« –
Gemeinschaftskunde, Sozialkunde, Gesellschaftslehre – in einer »Krise«
ist.[1]
Politik in der Schule: Ein Fach, das nur wenige
ernst nehmen...
Es ist zu fragen, welche Ursachen die »Krise« des
Politikunterrichts und der Politischen Bildung hat, Ursachen, die in der
sozialen und biographischen Situation der Politiklehrerinnen und
Politiklehrer, ihrer beruflichen Bindung und ihrem Selbstverständnis
liegen mögen oder in einer »Krise« des Politischen in der Gesellschaft und
in den öffentlichen Diskursen, die selbst noch näher bestimmt und
qualifiziert werden müssten.
Die subjektive Perspektive bietet sich nicht nur
wegen der geringen Distanz des Verfassers zum Thema, sondern auch durch
die langjährige fruchtbare gemeinsame Arbeit mit Bernhard Claußen im
Vorstand des Verbandes der Politiklehrer an, wegen der gemeinsam
entwickelten Zukunftsperspektiven und den Plänen, Verbandsarbeit als
einen Ausweg aus der »Krise des Faches« zu begreifen (Claußen 1993a: 1-9;
Claußen 1993b: 55-78; Claußen 1994: 3-25; Claußen 1995: 3-15). So sind
meine Thesen vor allem auch Fragestellungen, die einer
wissenschaftlich-empirischen Überprüfung bedürfen und als Beiträge,
vielleicht auch Einreden, im innerfachlichen Diskurs zu verstehen sind.
Zurück zum Einleitungssatz: Leider ist die
Arbeit von Bernhard Claußen exzeptionell; die Krise des Schulfaches ist
nur zu überwinden, wenn mehr vom Mut zur Innovation, Mut zur
Kritik und Mut zum rationalen und reflexiven Diskurs in die
Schulpraxis des Politikunterrichts ausstrahlen würde, wenn der
Vorbildlichkeit der Arbeit Bernhard Claußens zur Praxiswirksamkeit
verholfen werden könnte...
Mitte der 70er Jahre arbeiteten in Niedersachsen die
Kommissionen für die Reform der Sekundarstufe II. Für das Fach
Gemeinschaftskunde wurde in der Kommission B für das
gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld, den Saarbrücker
Rahmenvereinbarungen folgend, eine zentrale und integrative, d.h. auch
in Hinblick auf die Bezugswissenschaften offene und
interdisziplinäre entwickelt, die sich so genannten
Pflichtauflagen für die Politische Bildung ausdrückten. Konsequenz
dieser Konzeption war, dass das Kursthema den fachlichen
Schwerpunkt determinieren sollte – z.B. ein Kurz zum Thema Soziale
Ungleichheit sollte schwerpunktmäßig soziologische Fachbezüge
aufgreifen – und nicht das Fachinteresse bzw. das vorgegebene
Fachcurriculum. Die Kurse sollten abgeschlossen, fachlich
voraussetzungslos und in der Lernsequenz beliebig kumulier- und
zusammenstellbar sein, woraus sich für jeden Kurs
Mindestanforderungen zur Vermittlung von Allgemein- und
Orientierungswissen ebenso wie von instrumentellen Qualifikationen
ergaben. Um diese Anforderungen und didaktischen Konzeptionen praxisnah
vorzustellen und in den Schulen handhabbar zu machen, wurde für nahezu
alle Fächer der allgemeinbildenden Schulen Modellkurse für die
Sekundarstufe II (Oberstufe) entwickelt und publiziert
(Handreichungen 1972 ff).
Diese, vor allem vom damaligen niedersächsischen
Kultusminister Peter von Oertzen persönlich initiierte und
vorangetriebene Schulreform gab für die sozial- und
politikwissenschaftliche Didaktik ebenso Grund zu Hoffnungen wie für
die damals in den Schuldienst tretenden Politiklehrer. Die erste
Praxiserfahrung diese Generation war dann jedoch der massive
Widerstand der Schulen gegen diese Reform, die sich bald konzentrierte
auf den Widerstand gegen die umfassenden Bildungsziele der
Politischen Bildung. Dagegen gestellt wurden zwei Prinzipien, die es
in den Reformkommissionen gerade zu überwinden galt: das Fachprinzip
und die Sequenzialität des schulischen Curriculum.
Politisch blieb diese Gegenbewegung siegreich.
Schon in Zeiten der Reformkommissionen traten neben die integrativen
Kursangebote die – zunächst noch als rein ergänzend gedachten –
reinen Fachkurse, mit denen vor allem die noch nicht integrativ
qualifizierten älteren Fachlehrer ›beruhigt‹ werden sollten. Doch,
ausgehend vom Aufgabenfeld C, drang auch die Forderung nach der Festlegung
verbindlicher Kursfolgen, die inhaltlich aufeinander aufbauen
sollen, in den Vordergrund und haben sich dann auch im
gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld in den später entwickelten
Rahmenrichtlinien wieder durchgesetzt.
Diese Entwicklung wurde von den jungen Politiklehrern
›der ersten Generation‹ als Verrat an den Bedingungen, unter denen sie
angetreten waren wahrgenommen. Gleichzeitig zeigte es sich, dass in den
Kollegien und in der Öffentlichkeit gerade diese Politiklehrer
verantwortlich und haftbar gemacht wurden für all das ›Übel‹, das
die Schulreform über die Schulen gebracht hatte, mit der Konsequenz, dass
schon in der zweiten Hälfte der 70er Jahre kaum noch eine Schule Bedarf
an Politik- (Gemeinschaftskunde- und Sozialkunde-) Lehrern geltend
machte. Diese Gruppe war die erste Lehrergruppe, die nicht mehr
damit rechnen konnten, eine Arbeitsplatzgarantie im öffentlichen
Schulwesen zu besitzen.
Die erste Reaktion noch in den 70er Jahren war der
Versuch, der vor allem von den betroffenen Studienseminaren in Hannover
ausging, das Einstellungsinteresse öffentlich zu artikulieren, die
inhaltlichen Forderungen zur Politischen Bildung politisch zu vertreten
und vor allem die feste Verankerung des Politikunterrichtes in den
Stundentafeln zu fordern, um damit sichere Einstellungschancen zu
erwirken.
dass damit von Anfang an ein Zielkonflikt entstand,
nämlich dass die Einstellungsforderung auf dem strikten
Fachprinzip basieren muß, während die inhaltliche Schulreform
dieses im Sinne der Politischen Bildung gerade zu überwinden suchte, ist
ein nie ausgeräumtes Problem der politischen Interessenvertretung
der Politiklehrerschaft geworden. Zunächst wurde jedoch der Verband der
Politiklehrer e.V., Hannover, gegründet, dessen Vorsitzender ich wurde,
da ich im Kreise vor allem von Mitgliedern, die noch Referendare oder
Assessoren waren, einer der wenigen beamteten Lehrer war und nicht
gleichzeitig Vorgesetztenfunktionen als Fachleiter im Studienseminar
auszuüben hatte. dass ich das bis heute, mit einer Unterbrechung von etwa
fünf Jahren in den 80ern, bin, zeigt vor allem die zurückgegangene
Bedeutung der Verbandsarbeit in den Lebensentwürfen der Kolleginnen
und Kollegen, also in der mangelnden Bereitschaft, institutionalisierte
Verbandsarbeit noch selbst zu leisten.
Das ist generell zu problematisieren und in den
zeitgeschichtlichen Kontext zu stellen. Zunächst sei hier erinnert, dass
die erste Krise sich schon Anfang der 80er Jahre ankündigte, als die
Mehrheiten in Niedersachsen sich geändert und eine Folge von
Kultusministern aus der CDU von der Politiklehrerschaft vornehmlich als
Gegner wahrgenommen werden konnten. Eigentlich alles, was der
›Reformaufbruch‹ in den 70er Jahren mühsam erarbeitet und scheinbar in
vielschichtigen Kompromißpaketen ›ausdiskutiert‹ und, wie man meinte,
konsensfähig gemacht hatte, wurde ohne Diskussion grundsätzlich in Frage
gestellt oder einfach stillschweigend zu den Akten gelegt. Den letzten
Kursentwürfen der ›Kommission B‹, Psychische Probleme Jugendlicher in
der Pubertät (Schatteburg/Ziehe 1980) und Soziale Ungleichheit
(Wolf/Voigt 1978), wurden die Druckgenehmigungen versagt, und nur weil
die Verfasser und Verfasserinnen dieses Verfahren nicht stillschweigend
hinnehmen wollten, wurde vernichtende externe Gutachten
herangezogen, die das Publikationsverbot begründen sollten, was sogar zu
einer empörten Anfrage im Landtag durch die SPD führte. Beide Kurse
konnten dann privat doch veröffentlicht werden und haben sich seither in
der Unterrichtspraxis bewährt. Interessant ist hier aber gerade, welche
Unterrichtsthemen aus grundsätzlichen politischen Erwägungen in den
Schulen anathematisiert werden sollten!
Ein zweiter Konflikt, nun direkt aus der
Verbandsarbeit herrühren, wurde durch ein Flugblatt provoziert, das einen
politischen Zusammenhang mit den Anfang der 80er Jahren an die
Öffentlichkeit tretenden neonazistischen Provokationen und Exzessen
und der gleichzeitigen, dann aber nicht umgesetzten, Forderung aus dem
Kultusministerium, die Stundentafeln für Sozialkunde und
Gemeinschaftskunde drastisch zu reduzieren, herstellte. Daraus folgte ein
mehr als fünfjähriges Disziplinarverfahren gegen die Vorstandsmitglieder
des Verbandes, das Anfangs auch einige Öffentlichkeit und damit
Werbewirksamkeit für den Verband nach sich zog und daher von den in keiner
Hinsicht kompromissbereiten Kolleginnen und Kollegen immer weiter
verzögert und in die Länge gezogen wurde – mit juristisch exzellenter
Hilfe unseres Verbandsjustitiar Gerhard Schröder –, dann aber
schlicht eingestellt und aus den Personalakten getilgt wurde.
Danach war aber die Belastungsfähigkeit des damaligen
Vorstandes erschöpft, der auseinanderbrach. Eine erste Austrittswelle
aus dem Verband fiel zusammen mit dem Aufkommen alternativer
Lebenskonzepte zwischen Umweltorientierung und New Age,
jedenfalls definiert als Abwendung von traditionellen Politikformen.
Gerade frustrierte Politiklehrerinnen und Politiklehrer waren von
diesen eskapistischen Tendenzen bedroht.
Damit mündet die Analyse der Krisenerfahrung
in der Verbandsarbeit notwendig in eine Analyse der veränderten
Politikwahrnehmung in der Gesellschaft, in veränderten politischen
Artikulationsformen und Verwerfungen in der Politischen Kultur nicht nur
der Bundesrepublik Deutschland. In diesen Veränderungen spiegeln sich
sowohl reale Veränderungen in den innergesellschaftlichen Machtbalancen,
für die die Deutsche Einheit ebenso wie die europäische
Integration die äußeren Rahmenbedingungen markieren, als auch die
Erfahrungen einer Generation von Politiklehrerinnen und Politiklehrer und
ihrer Umsetzung in Lebensziele und Unterrichtsstrategien.
Die Mehrzahl der deutschen Politiklehrerinnen und
Politiklehrer ist in den 70er Jahren an den Universitäten ausgebildet
worden und hat mit den Examina ihre Politikfakultas erworben. Schon Ende
der 70er Jahre werden die Ausbildungskapazitäten der ersten wie der
zweiten Phase der Lehrerausbildung wieder eingeschränkt – der Zustrom
junger Kolleginnen und Kollegen zum Verband stagniert, das Thema
»Einstellungssituation« wird zum »Dauerbrenner« der Verbandsarbeit und
der Demarchen bei den Kultusministerien (Battmer u.a. 1979: 7-10) – und
das Fach wird gegen die Intentionen der »Saarbrücker Rahmenvereinbarung«,
die der Politischen Bildung eine zentrale Integrationsfunktion in den
Schulen zuwiesen, wieder zu einem Nebenfach, in vielen
Bundesländern den »klassischen Fächern« des
gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes Erdkunde und Geschichte
nicht nur neben- sondern untergeordnet.
Das umfassende Konzept einer Politischen Bildung
hatte sich ohnehin im Schulalltag nicht durchsetzen können; und
seither werden Politiklehrerinnen und Politiklehrer fast ausschließlich
wegen ihres zweiten oder ihrer weiteren Fachbefähigungen, nicht jedoch
wegen ihrer Fakultas im Fach Politik von den Schulen gesucht und in den
Schuldienst übernommen. Ein erheblicher Teil des Unterrichtes, der der
Politischen Bildung dienen soll, wird fachfremd von Historikern und
Geographen erteilt. Das heißt letztlich, dass heute viele Schulen (fast)
ohne ausgebildete Politiklehrerinnen und Politiklehrer auskommen und die
Kolleginnen und Kollegen mit der Fakultas Politik überwiegend in anderen
Fächern eingesetzt werden. Es ist hier nicht der Ort, eine
quantifizierende Darstellung dieses Prozesses zu referieren, die im Kern
unbestritten ist (Harms/Breit 1990: 13-167; Witsch-Rothmund 1990:
168-187), sondern auf die damit verbundene Erfahrung einen
Umprofessionalisierung der Politiklehrerinnen und Politiklehrer selbst
zu verweisen. Der Begriff des Selbstverständnisses erfährt jedoch
bei Nettelmann (1997: 29) eine grundlegende und notwendige
Relativierung: „Die Frage nach ihrem Selbstverständnis gehört zu den am
häufigsten diskutierten Themen von Politiklehrer/innen. Es kann kein
kollektives Selbstverständnis – im engen Sinne verstanden – innerhalb der
Mitgliedschaft eines Verbandes geben. Gemeint ist beim Formulieren
dieses Ansatzes zumeist die Vorstellung mehrerer Individuen, innerhalb
eines Sektors gesellschaftspolitischer Vorstellungen identische Ziele
zu erreichen. Inwieweit individuelle Wert- und Zielsetzungen im Sinne
eines eigenen, individuellen Selbstverständnisses definiert werden können,
ist abhängig vom Standort desjenigen selbst, der versucht, diese
vorzunehmen.“
Eine dazu entwickelte Fragestellung bedürfte aber
noch einer eingehenderen Bearbeitung – vielleicht ein Desiderat für
künftige Examensarbeiten oder Dissertationen? –: Wie wirkt sich die
gegenüber allen anderen Fächern auffällige Geschlossenheit und
Einheitlichkeit der Generations- und Berufserfahrung der
Politiklehrerinnen und Politiklehrer auf denen Politik- und
Gesellschaftsverständnis, ihre Realitätswahrnehmung und ihr
Selbstbild aus? Welche Konsequenzen hat das für das öffentliche
Erscheinungsbild des Faches Politik, seine schulischen
Wirkungsmöglichkeiten und seine gesellschaftliche Akzeptanz? dass hier
noch Forschungsbedarf Ausschnitt, zeigt z.B., dass die an die schon
genannte empirische Situationsdarstellung des Faches Politik (Harms/Breit
1990: 13-167) anknüpfenden Aufsätze, unter denen sich auch bemerkenswerte
Studien von Bernhard Claußen befinden (Claußen 1990a: 277-283; Claußen
1990b: 328-338; Claußen 1990c: 339-366), die zwar Probleme des
Politikunterrichts, sehr viel weniger aber die Situation der
Politiklehrerinnen und Politiklehrer thematisieren.
Da diese Fragestellung aber erhebliche Konsequenzen
für die Beurteilung der Chancen haben dürfte, welche innovativen Ziele
der Politischen Bildung in der Schulrealität heute überhaupt noch
umzusetzen sind, wäre eine fundierte empirische Arbeit zu den fachlichen
und beruflichen Werdegängen, zum Selbstverständnis und zur
Arbeitsmotivation einer repräsentativen Zahl von Politiklehrerinnen und
Politiklehrer notwendig. In diesem Aufsatz können daher zunächst nur
einige Thesen und Fragestellungen skizziert werden, die einer empirischen
Überprüfung bedürfen, in einem Ansatz, dessen kontextuellen Fundierungen
sich in den allgemeinen Reflexionen über Strukturveränderungen
politischer Herrschaft, Sozialisation und Politische Bildung von
Bernhard Claußen finden lassen könnten (Claußen 1995: 3-15).
Die Politiklehrerschaft, die vornehmlich heute in den
Schulen aktiv ist, die aber auch maßgeblich an der Entwicklung der
Richtlinien für das Fach beteiligt war, hat ihre politische Sozialisation
in den 60er und 70er Jahren erfahren und Ende der 60er, Anhang der 70er
Jahre die politischen und gesellschaftswissenschaftlichen Deutungsmodelle
und Paradigmen erlernt, die noch heute maßgeblich die Schulpraxis des
Politikunterrichts bestimmen, während der fachfremd erteilte
Politikunterricht sich sehr viel häufiger an älteren
Gesellschaftstheorien und funktionalistischen »Alltagstheorien« über
die Gesellschaft orientiert.
Ende der 60er Jahre war – so jedenfalls die eigene
Erinnerung an das damalige Politikstudium – die doppelte
Auseinandersetzung mit den zeitgeschichtlich-politischen Brüchen und
ihren gesellschaftlichen Ursachen und Folgen zentrale
politikwissenschaftliche Fragestellung und Studienschwerpunkt: Wie
konnte es zu der – durchaus von einem strikt moralisch wertenden
Ansatz her gesehen – Katastrophe des Nationalsozialismus in Deutschland
und zum Weltkrieg kommen, und, das ist die zweite Perspektive, wie
ist die deutsche Gesellschaft nach dem Krieg mit der Erfahrung des
Nationalsozialismus und des Krieges umgegangen? Grunderfahrung auf
der subjektiven Ebene der Studienmotivation und des damit untrennbar
verbundenen politischen Engagements – was die Politologie in Teilen der
politischen Öffentlichkeit und erst recht in der akademischen
Gesellschaft von Anfang an suspekt machte und ihr den Vorwurf der
Subversivität und der anarchistischen Aufsässigkeit einbrachte – war
der Vorwurf, dass die deutsche Gesellschaft eben nichts aus diesen
Erfahrungen gelernt hätte, was die aktuellen Bezüge auf die
restaurativ-verkrusteten Strukturen der bundesrepublikanischen
Öffentlichkeit der »Wiederaufbaujahre« hinreichend plausibel
machte, war aber auch der ethisch wertende Bezug auf die neu in die
öffentlichen Diskurse tretende Desaster der Situation der »Dritten Welt«
(didaktische Probleme durch diese Spannung zwischen »Nichtbetroffensein«
und verletzter »moralischer Norm« werden thematisiert bei Voigt 1982 und
Voigt 1993: 27-54) und schließlich die moralische Dissonanzerfahrung des
Vietnam-Krieges zwischen Demokratiepostulat der »Freien Welt« und
unverhüllter militärischer Durchsetzung von Hegemonialansprüchen durch die
USA.
Ein wissenschaftliches Mittel, diese
Dissonanzerfahrungen aufzuarbeiten wurde in der Rezeption der »Kritischen
Theorie« und der neomarxistischen »Neuen Linken« gesehen, die die
studienleitenden Paradigmen an den meisten politikwissenschaftlichen
Lehrstühlen darstellten. Die didaktischen Modelle, die sich darauf
beziehen oder daraus mehr oder weniger überzeugend ableiten ließen,
stellen als Grundkategorien den Konfliktbegriff, die
Emanzipationsforderung und das Egalitätspostulat in den Mittelpunkt des
Politikunterrichtes. Wie wenig das in der Öffentlichkeit verstanden oder
gar akzeptiert wurde, zeigte die hochgradig emotionalisierte und in der
Machtauseinandersetzung wenig rational funktionalisierte Diskussion um
die noch nach heutigen Maßstäben innovativen und pädagogisch
interessanten Rahmenrichtlinien-Entwürfe in Hessen und in geringerem Maße
auch in Nordrhein-Westfalen (Haller 1982), oder auch die Geschwindigkeit,
mit der unmittelbar nach dem Wechsel der Landtagsmehrheit in Niedersachsen
1978 die bisherigen umfangreichen »Handreichungen«, d.h. Kursentwürfe und
Unterrichtsmodelle, für die reformierte Sekundarstufe II (gymnasiale
Oberstufe) »in der Versenkung« verschwanden – sehr zur Freude vieler
Schulen, die sich dieser didaktischen Herausforderung nur ungern gestellt
hatten, wie der Verfasser aus vielen Beratungsgesprächen an
niedersächsischen Schulen im Auftrage des Kultusministeriums erfahren
mußte.
Das grundsätzliche Problem, das sich im weiteren
Verlauf der didaktischen Umsetzung und Begründung immer deutlicher zeigte,
war, dass die genannten Postulate zwar in einer altehrwürdigen
philosophischen Tradition stehen – das anthropologische Erziehungsmodell
Rousseaus scheint in der Retrospektive deutlicher durch, als es den
überwiegend marxistisch überzeugten Protagonisten seinerzeit selbst
bemerkbar war –, ein theoretischer didaktischer oder fachlicher Kontext
zwischen diesen Kategorien völlig unterschiedlichen Charakters ließ sich
damals und lässt sich wohl auch heute nur schwer herstellen. Es handelt
sich letztlich um politische Leitvorstellungen und nicht um
politikwissenschaftliche Analysekategorien.
Aus der, heute obsoleten, Überzeugung heraus, dass
das »Theorie-Praxis-Modell« ein geeignetes dialektisch strukturiertes
Instrument zur Erhellung von Lernprozessen sei, und dass, davon ausgehend,
ein Syntheseschritt zur »Einheit von Theorie und Praxis« möglich wäre –
was sich realiter unter dem Druck des Misserfolges dieses Modells aber
immer stärker zu einer tatsächlichen Theoriefeindlichkeit von
»Schulpraktikern« entwickelte, die heutige Probleme unreflektierter
Emotionalität, Entzivilisierung, Rationalitätsskepsis und schließlich
der Durchsetzung irrationaler Weltbilder des New Age vorbereiten
half – entwickelte sich ein handlungsleitendes Gesellschaftsbild, das
immer weniger eignete, tatsächliche gesellschaftliche Prozesse und
Veränderungen real wahrzunehmen und adäquat zu beschreiben und zu
analysieren.
Aus dem ethisch-moralisch motivierten Ansatz eines
kritischen Politikstudiums und der Überzeugung, politische
Veränderungen bewirken zu müssen und zu können, entwickelte sich bei
einer Vielzahl von Politiklehrerinnen und Politiklehrer, die in den 70er
Jahren in den Schuldienst eintraten und heute noch die Mehrzahl der
aktiven Politiklehrerinnen und Politiklehrer stellen, gesellschaftliche
Leitvorstellungen und Realitätsdeutungen, die immer weniger geeignet sind,
die realen gesellschaftlichen Prozesse und Veränderungen adäquat
aufzuarbeiten. Die strukturellen und lernsituativen Ursachen sind dabei
noch sicher nicht umfassend genug dargestellt worden oder überhaupt schon
darzustellen, so dass hier die kurzen Thesen dazu genügen müssen;
wichtiger ist aber, dass diese Realitätsdistanz sich als weitgehend
unreflektierte oder ideologisch verschobene Dissonanzerfahrung bei den
Kolleginnen und Kollegen in mangelnder Berufsmotivation, Frustrationen
und oft irrational strukturierten »Widerstandshaltungen« negativ auf
ihre Unterrichtspraxis und damit ihre Erziehungserfolge auswirkt – oft
im Sinne einer self-fulfilling prophecy. Damit wird dieses Problem
über die individuelle Bedeutung hinaus zu einer gesellschaftsrelevanten
Rahmenbedingung für die weitere Lehrerausbildung und
Lehrerfortbildung.
Eine eher marginale Folge lässt sich auch in der
Arbeit des Verbandes der Politiklehrer ablesen, wenn z.T. wütende
Proteste auf die Veröffentlichung von grundsätzlichen didaktischen
Aufsätzen in der Verbandszeitschrift folgen mit dem Vorwurf „damit nicht
mehr die Interessen der Mitgliedschaft zu vertreten“. Die psychischen
(psychotischen?) Ursachen dieser Angst, sich kritisch mit der eigenen
Unterrichts- und Fachbegründung rational auseinandersetzen zu müssen – und
nicht autoritär mit unterrichtsverwertbaren Häppchen abgespeist zu
werden – werden nach unseren Überlegungen zwar etwas verständlicher,
bleiben aber weiter grundsätzlich inakzeptabel und für die Akzeptanz und
Bedeutung des Faches Politik in der Öffentlichkeit eine Katastrophe.
Soweit ist dieser Prozess als »Scheitern der 68er
Generation« schon oft, wenn auch selten analytisch überzeugend und vor
allem nicht auf die Berufsgruppe der Politiklehrerinnen und Politiklehrer
bezogen, dargestellt worden. Die bisherige Darstellung ist daher in einem
gewissen Sinne auch banal. Doch stellen sich mir einige Fragen, die von
der zeitgeschichtlichen Situation verallgemeinernd abheben und auf eine
mögliche Erneuerungen der didaktischen Paradigmen abheben. Als
Selbstbetroffener wähle ich hier wieder diese subjektivistische
Perspektive.
Das Motiv, Politik zu studieren, war in unserer
Generation, wie schon erwähnt, vorwiegend durch ethisch-moralische
Dissonanzerfahrungen geprägt. Beim Verfasser war es, mir sei diese
persönliche Reminiszenz hier erlaubt, nach einem abgebrochenen ersten
Studenabschnitt eine mehrjährige Berufstätigkeit als Straßenbahnfahrer,
die den ersten biographischen Kontakt zur Arbeitswelt darstellte und
immer stärker die Frage nach Ursachen und Funktionen sozialer
Ungleichheit, nach betrieblicher und staatlicher Herrschaft
und nach der Berechtigung oft schwierigster Arbeitsbedingungen
wachsen ließ, zunächst mit der praktischen Konsequenz der
gewerkschaftlichen Organisation und dann, als folgerichtig so
empfunden, dem Eintritt in die SPD. Dann erst kam die berufliche
Umorientierung und die Entscheidung, aus eben diesen Gründen
Politikwissenschaften zu studieren. Diese sehr handfeste
Erfahrung setzt aber die persönliche Biographie ab von der Mehrzahl
der Kommilitonen, deren Schlüsselerlebnisse medial vermittelte
Erfahrungen waren, in der der handlungsleitenden
Dissonanzerfahrungen als Widersprüche in der Selbstdarstellung der
Gesellschaft und als ethisches Problem wahrgenommen wurden, die sich dann
in dem gesellschaftlichen Sonderraum Hochschule erstmals praktisch
manifestierten. Es ist dann doch ein Unterschied, ob der so genannt
Praxisschock der ersten Unterrichtserfahrungen aus den
Hierarchie- und Protesterfahrungen der Universität begründet, oder
aus dem Vergleich mit der Arbeitswelt im Schichtdienst und der
Konfrontation mit Fahrgästen herzuleiten ist. Die mangelnde
gesellschaftliche Erfahrung vieler Kolleginnen und Kollegen ist ein Grund
für das Scheitern innovativer Veränderungen in der Schule und ebenso
ein Grund für das widersprüchliche und realitätsfremde Selbstbild
der Politiklehrerinnen und Politiklehrer.
Das wissenschaftliche Selbstverständnis des »sine
irae et studio«, das ohnehin gesellschaftlich kritisch zu
hinterfragendes Ideologem ist, taugt zur Begründung und Handlungsleitung
eines so motivierten Studiums nicht.
Die vielfältigen Erfahrungen einer Generation, die
die Umbrüche und Verschiebungen der Machtbalancen in der Gesellschaft
nicht hat verarbeiten und positiv umsetzen können – wobei sich hier
die Schuldfrage nicht stellt, sondern das Verständnis der
Wirkungsfaktoren Desiderat bleiben muß, wüten zu einer Moralisierung
und Ethifizierung des Berufsbildes, das es möglich machte, dass
wieder obsolete Grundpostulate wie die Frage nach der Grundbildung
und der Werteerziehung in den Vordergrund traten und die
rationalen und emanzipativen Ansprüche der Politischen Bildung in den
Hintergrund drängten. Aus den recht subjektiven Anmerkungen dieses
Aufsatzes sollte zumindest deutlich geworden sein, welche Erfahrungen
und biographische Orientierungen zu diesem Verlust an
politischer und wissenschaftlicher Rationalität geführt haben und wie
wenig allein das Betrauern dieses Verlustes politisch wirksam sein
kann.
Auf die Ebene der Generationserfahrungen
gestellt, sollte abschließen mit einem Zitat von Nettelmann (1997:
43) auf der ethifizierten Diskursebene der heutigen Politiklehrerinnen und
Politiklehrer geantwortet werden: „
Dieses Problem, die Wahrnehmung einer zunehmend
komplexer werdenden und sich verschärfenden Problematik, die
Bewusstwerdung der eigenen Einbeziehung in die Komplexität, die
Notwendigkeit ihrer distanzierten Betrachtung und engagiert-distanzierte
Behandlung erfordert Kraft.[2]
Diese aufzubringen müssen wir leisten. Es ist nur leistbar durch
Rückbesinnung auf Tugenden wie Kollegialität, Loyalität, Solidarität und
Toleranz. Der Prozess der Erosion dessen muß gestoppt und umgekehrt
werden.
Wenn wir über ein mögliches ›Selbstverständnis‹
sprechen wollen, dann müssen wir auch die gegebenen
Spannungskonstellationen in den eigenen Handlungsfeldern offen legen.
Individuelles wie kollektives Verdrängen führt zu negativen
Sublimierungsphänomenen und ist leider allzu oft beobachtbar.
Phänotypisch ist weiterhin ein gewisser Zynismus als Gradmesser für die
eigene Unzulänglichkeiten, für Frust etc. – zu konstatieren.“
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Interkulturelles Lernen. Eine Antwort der Gesellschaftswissenschaften auf
den Realitätsverlust der politischen Kultur Mitteleuropas, Schriftenreihe
des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule
Hannover, e.V., Heft 5, Hannover, 27-54.
Witsch-Rothmund, Franz J., 1990:
Professionalisierungsdefizite an rheinland-pfälzischen Hauptschulen am
Beispiel der Sozialkunde. Ergebnisse einer Umfrage, in: Cremer,
Will/Commichau, Imke (Hrsg.): Zur Theorie und Praxis der politischen
Bildung, Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung Band
290, Bonn, 168-187.
Wolf, Jürgen/Voigt, Gerhard, 1978: Soziale
Ungleichheit. Leistungskurs Soziologie. Nichtveröffentlichter
Handreichungskurs. Materialdienst GEW Landesverband Niedersachsen.
Hannover.
Anmerkungen
[1] Die
Kategorie »Krise« ist sicherlich recht unspezifisch und auch kritisch
zu beurteilen (vgl. dazu schon Voigt 1981: 1-3); ich selbst habe dabei
den subjektivistischen Charakter des Begriffes hervorgehoben – genau
so wie er jetzt auch verstanden werden soll (Nettelmann/Voigt 1996:
35-37)
[2] Erforscht
wird das Phänomen kaum. Man denke zudem an die Vielfalt
psychosomatischer Störungen. Vielleicht wird in der Medizin darüber
befunden. Man vergleiche in diesem Zusammenhang auch die
ethnographische Aussage, dass psychische Störungen ‘haben zu können’,
bereits eine gesellschaftliche Privilegierung darstellt [vgl. dazu die
Bemerkung von Lee Rainwater,
Work and Identity in the Lower Class, 1965, S. 3: „Verglichen mit den
Identitätsproblemen der Angehörigen der Unterschicht ist die ‚Suche
nach der Seele‘ (heute würden wir vielleicht formulieren: ‚die
Aufmerksamkeit gegenüber psychischen Problemen‘! Anm. d. Verfasser)
der Jugendlichen und Erwachsenen der Mittelschicht demonstrativer
Konsum von psychischen Reichtümern.“ – Siehe auch: Elliot
Liebow, Tally’s Corner.
Boston 1967, S. 60-65.] Das an der Oberfläche als ›burnout‹
beschriebene und gefühlte Syndrom – das im wesentlichen das
Missverhalten zwischen fremd- wie selbst gefordertem Leistungsanspruch
ausdrückt und zugleich die Diskrepanz zwischen Zielen, Wünschen,
Illusionen und Utopiedenken sowie den Grenzen des Handelns in der
Physis andererseits.
Inhalt
Politik in der Schule: Ein Fach, das nur wenige
ernst nehmen...
Erinnerungen zur Geschichte des Verbandes
der Politiklehrer
Gesellschaftliche Umbrüche und
Generationserfahrungen
Zur Mehrdeutigkeit des gesellschaftlichen
Umbruchs in den 70er Jahren als Primärerfahrung der heutigen
Politiklehrerinnen und Politiklehrer
Das Interesse der Politiklehrerinnen und
Politiklehrer muß wieder auf die Erneuerung ihres Faches geleitet werden
Literatur
Dokument Information
Revidiert nachgedruckt
aus: Voigt, Gerhard, 1998: Über den Zusammenhang zwischen öffentlichem
Politikdiskurs und Selbstbild von Politiklehrerinnen und Politiklehrern.
In: Hufer, Klaus-Peter / Wellie, Birgit, Hg., 1998:
Sozialwissenschaftliche und bildungstheoretische Reflexionen:
fachliche und didaktische Perspektiven zur politisch-gesellschaftlichen
Aufklärung. Festschrift für Bernhard Claußen. Gal da + Wilch Verlag.
Glienicke/Berlin / Cambridge/Massachusetts. S. 237-249.
Internetpublikation auf http://www.voigt-bismarckschule.de am 02.12.2011
und auf
http://www.unesco-club-hannover.de am 02.12.2011
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