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Gerhard Voigt:

Projekt „Südliche Leineaue“ [Hannover/Laatzen/Hemmingen]

Unterrichtsprojekt S II 1993

1. Kontinuität und Kontext der erdkundlichen Projektarbeit

Mit Schülern der Bismarck­schu­le Hannover wurde im vergan­genen Jahrzehnt eine thema­tisch zusammenhän­gende Fol­ge von unterrichtsin­tegrierten Projektvorhaben in der südli­chen Nachbarstadt Hannovers, in Laatzen (ca. 35.000 Einwoh­ner), unter­nommen.

Den Beginn machte ein in­terdisziplinäres Projektse­me­ster, an dem Biologie- und Geo­graphiekurse der Klas­senstufe 12 beteiligt waren. Dieses Pro­jekt soll in diesem Aufsatz nä­her dargestellt werden. In den folgenden Jahren wurde ein Projekt zum Thema Stadtöko­logie und Begrünung, dann ein Projekt zum Thema Woh­nungspla­nung, Wohnumfeld und Ver­kehrsberuhigung und schließ­lich 1993 ein Projektse­me­ster durchgeführt, das sich mit den kommunalpolitischen Ent­scheidungsprozessen in Laat­zen im Vorfeld der geplan­ten hannoverschen Weltausstel­lung „Expo 2000“, die direkt an der Grenze zu Laatzen stattfin­den soll und planerisch weit in das laatzener Stadt­gebiet hin­eingreifen soll, befasst hat.1

Jedes dieser kursbezo­ge­nen Projekte – jeweils in der Klassenstufe 12 – schloss mit einem umfangreichen schriftli­chen Abschlussbericht, der auch einer interessierten lo­kalen Fachöffentlichkeit und den bei der Planung und Durchführung der Projektar­beit in hervorra­gender Weise behilflichen Laatzener Verwal­tungsstellen ein­schließlich Bürgermeister und Stadtdirek­tor und Ratsgremien zur Ver­fügung gestellt wurde.

Es erscheint mir nach die­sen Erfahrungen sinnvoll, fachorientierten Projektunter­richt nicht nur als isolierte Ein­zelveranstaltungen zu konzipie­ren, sondern in län­ger­fristige lokale und themati­sche Zu­sammenhänge ein­zubinden, mit denen auch Erfah­rungen, Kon­takt- und Informationsmöglich­keiten und Arbeitsformen wei­terge­geben, weiterentwickelt und kritisch befragt werden kön­nen. Als Element der Arbeits­moti­vierung ist es ebenso wich­tig, darauf zu achten, dass die Arbeitsergebnisse nicht einfach im Schularchiv ver­schwinden, sondern in der betroffenen Öffentlichkeit Wir­kungen und Auseinanderset­zungen erzeu­gen.

2. Die südliche Leineaue als Planungs- und Konfliktraum

Das Ziel der Projektarbeit in der südlichen Leineaue war es, den Charakter dieses Landschafts­schutzgebietes, das in kleineren Teilen auch als Naturschutzge­biet aus­gewiesen ist, zu be­stimmen, um daraus die entste­henden divergierenden Raumansprüche zwischen Natur­schutz (vor allem Vogelschutz), Ge­wässerschutz und Was­ser­wirtschaft (Wasserge­winnungs­ge­lände, Überschwemmungs­schutz), Naherho­lungsgebiet für Laatzen und ökonomisch und städtebau­lich interessanter Einstufung als offener Verfü­gungsfläche (Fischzucht, Verkehrswegebau, randliche Erweiterung der Wohnbebau­ung) erkennen und beurteilen zu können.

Die südliche Leineaue umfasst als regelmäßiges Über­schwemmungsgebiet die Flussaue der Leine und die Niederter­rasse der Weichse­leiszeit als Zweig des Aller-Urstromtal-Systems und sei­ner Verbindung zu dem kalt­zeitlichen Abflusssystem des Harzes. Daher findet sich hier eine überbreite fossile Talform, die durch die Beson­der­heit geprägt ist, dass der Grundwasserabfluss im Schot­terkörper der Terrasse den oberflächli­chen Abfluss durch die Leine übertrifft und dass Hochwässer und Über­schwemmungen z.T. nicht durch die Leine selbst, son­dern durch das Ansteigen des Grundwasserspiegels über die Bodenoberfläche hinaus ver­ursacht wird. Dadurch entsteht ein breites, vom Innerste-Einfluss bei Sarstedt bis ins Zen­trum Hannovers reichendes Band von Feuchtwiesen und Resten von Auevegetation, wie z.B. im Na­turschutzgebiet, das, bei stark nachlassendem landwirt­schaftlichen Interesse an die­sem Raum, ideale Vor­ausset­zungen als Vogelbrut­gebiet bietet.

Besondere Probleme er­geben sich durch die vom Was­serwirtschaftsamt strec­ken­weise vorgenommene Siche­rung des Flussverlaufes und der Befestigung der Ufer­böschung – auch auf drängen der Landwirte, die die Leine­aue, wenn auch recht ex­tensiv, als Weidegebiet nut­zen – durch die so genannte „Auskofferung“; dieser Pro­blemkreis soll in den beigefüg­ten Materialien in seinen Fol­gen exemplarisch für die Er­gebnisse der Projektarbeit im Bereich der südlichen Leine­aue vorgestellt werden.

Doch muss dieser zu schützende Charakter immer wieder ins öffentliche Bewusstsein gebracht werden. So erfolg­ten in den letzten Jahren we­sentliche Einschnitte in den Landschaftscharakter und den ökologischen Haushalt vor al­lem durch den Aus­bau von Verkehrswegen, wie der neuen Schnellbahntrasse der Bahn (die im Projekt­bericht themati­siert wird), durch den hochwas­sersicheren Ausbau der B 443 in Richtung Patten­sen und durch die Befestigung des Net­zes an Spazier- und Wander­wegen, welches ver­bunden ist mit dem Ausbau des Stadtba­des an der Grenze der Leine­aue, der Vogelwarte und des „Wiesen-“ und „Grasdachhau­ses“ beim Luft­bad inmitten dieses Erho­lungsgebie­tes.

Planungskontroversen er­gaben sich, so stellt der Pro­jektbericht fest, vor allem in der beabsichtigten Verdich­tung der westlichen Leine­randbebauung mit Einfamilien­häusern, öffentli­chen Einrich­tungen und Frei­zeitmöglich­keiten (Rodelberg).

3. Der Projektablauf

Da Kurse verschiedener Fä­cher beteiligt waren, musste schon in der Phase der Kurs­angebote eine Koordination und Abspra­che der beteiligten Kollegen erfolgen. Die an­fängliche fachli­che Vorberei­tung und Einfüh­rung erfolgte getrennt in den einzelnen Kursen. Eine gemein­same Exkursion in des Untersu­chungsgebiet diente der Ori­entie­rung und der Festlegung der konkreten empirischen Untersuchungsorte (Vegetations-, Fauna-, Boden- und Wasserun­tersuchungen; Funktionskartie­rungen).

Die weitere Arbeit erfolg­te, wechselnd begleitet von den Fachlehrern, in Gruppen selbst­ständig. Die Teilergebnis­se wurden zunächst in den Kursen vorgestellt und fach­lich geprüft – bei einigen The­men mit auch im Detail inter­disziplinären Vorge­hen na­türlich auch in beiden Fä­chern! -, sodann in gemein­samen Treffen (sozusagen „im Plenum“) erörtert; dabei wur­den dann zusätzliche Fragen und Arbeitsaufträge, aber auch gewünschte Ergänzun­gen und Korrekturen der bis­herigen Arbeitsergebnisse, beschlos­sen. Während die eigene empi­rische Arbeit bei den meisten Gruppen an­fänglich dominierte, mussten – ihren Themen ent­sprechend – einige Gruppen von Be­ginn an, die anderen später, um zusätzliche Einblicke gewin­nen zu können, Dienst­stellen, Gesprächspartner und Betrie­be aufsuchen. Die Ergebnisse aus diesen Gesprä­chen (über Pla­nungen, rechtliche Einstu­fun­gen, technische Abläufe und ökonomische Ansprüche) wur­den dann sowohl in die einzel­nen Gruppenberichte eingear­beitet, als auch im Plenum be­sprochen und aus­gewertet.

Wichtig als allgemeines Lernziel jeder Projektarbeit war vor allem, die Fähigkeit zu ent­wickeln und zu fördern, selbst­ständige Fragestellungen zu entwickeln, die ent­weder durch eigene empirische Ar­beit oder durch die Auswahl geeigneter Informati­onsmög­lichkeiten zu beantworten sind, und dabei geeignete Arbeitsverfahren zu entwic­keln und zu erproben und diese auf Grund der erreichten Ergebnisse kritisch zu über­prüfen und ggf. zu verändern.

Das Ergebnis war dann die gemeinsam besprochene und redigierte Zusammen­stellung der einzelnen Prokjektgruppenberichte zu einem kopierfähigen Gesamtbe­richt, der schließlich mit einem Um­fang von ca. 110 DIN A 4-Sei­ten für den eingangs genann­ten Kreis (auf eigene Kosten) vervielfältigt, und in einer zweiten Auflage durch die Stadt Laatzen als Vorlage für die Stadtverwaltung und die Ratsgremien ei­ner breiteren Öffentlichkeit zugänglich ge­macht wurde.

Aufgaben zu den Materialien:

  1. Erstellen Sie bitte, z.B. mit Hilfe Ihres Biologielehrers, eine Liste der Tier- und Pflanzenarten, die das Öko­system „Flussaue“ und „Überschwemmungswiesen“ ausmachen und Kennzeich­nen Sie dabei die gefährde­ten Arten. [M 2]

  2. Analysieren Sie die ökologi­schen Wandlungen und Ge­fährdungen, die eine Flussregulierung bringt. [M3/5]

  3. Erörtern Sie die Interessen­konflikte der unterschiedli­chen Nutzer des Aue- und Wiesengebietes und disku­tieren Sie dabei die kommu­nalpolitischen Handlungs­spielräume für einen sinn­vollen Interessenausgleich. [M 2-4]

  4. Suchen Sie in der Region Ihres Schulstandortes ver­gleichbare sensible Feucht­gebiete und überlegen Sie, inwieweit Sie durch eine ei­gene Projektarbeit zu ver­gleichbaren Ergebnissen kommen können. [M 1, M 6]

Materialien

M 1 Südliche Leineaue

[Karte: entweder amtliche Topographische Karte 1:25.000 oder Kartographie aus dem Internet]

M 2 Vogelschutz = Naturschutz

In der südlichen Leineaue nisten viele Vogelarten, die sonst in Niedersachsen nur noch selten zu finden sind. Vor allem Bodenbrüter, Wasservögel und solche Vogelarten, die auf Feuchtbiotope, Bruch- und Auwaldvegetation und dichte, feuchte Busch- und Unterholzvegetation angewiesen sind, finden sich in reicher Zahl in der südlichen Leineaue zwischen Laatzen und Hemmingen.

Durch die temporäre Austrocknung der flachen Teiche im Bereich der Altarme der Leine, die für die Vogelwelt weit wichtiger sind als die große Zahl der Kiesteiche in der südlichen Leineaue, wurde zeitweilig der Vogelbestand arg gefährdet. Die Gründe für dieses sommerliche Austrocknen war umstritten. Einerseits wurde absichtliches Zuschütten durch die landwirtschaftlichen Nutzer vermutet, wenn auch nicht nachgewiesen, andererseits wurde vermutet, dass durch Absinken des Grundwasserhorizonts und stellenweises Aufreißen der abdichtenden Grundtonschicht das Wasser einfach abgeflossen wäre. Dies konnte im Rahmen unserer Untersuchungen nicht mehr eindeutig geklärt werden.

Die Konsequenz ist jedoch, dass es Aufgabe des Natur- und Landschaftsschutzes ist, gerade solche sensiblen Indikatoren des ökologischen Haushaltes wie flache Teiche und Altarme von Flüssen sorgfältig und dauernd zu beobachten.

Die Zahl der (unter Anleitung des Vogelschutzbundes) beobachteten Vogelarten war dennoch beeindruckend:

  • Haubentaucher

  • Zwergdrommel

  • Knäkente

  • Löffelente

  • Tafelente

  • Turmfalke

  • Wasserralle

  • Flussregenpfeifer

  • Bekassine

  • Rotschenkel

  • Schafstelze

  • Teichrohrsänger

  • Braunkehlchen

  • Gartenrotschwanz

Quelle: Projektbericht und Unterlagen des Vogelschutzbundes Laatzen

M 3 Uferbefestigung ist notwendig!

Bauer [A] beklagte sich bei unserer Befragung heftig darüber, dass die Uferbefestigung der Leine nicht vorankommt. Von Jahr zu Jahr verliert er einige Quadratmeter Weide- und Wiesenfläche durch Böschungsabbrüche.

Einige Bäume am Uferrand sind schon umgestürzt und in den Fluss gerutscht und werden beim nächsten Hochwasser fortgeschwemmt, um dann bei Brücken oder am Leinewehr in Hannover-Döhren Schäden anzurichten.

Bauer [A] meint in Übereinstimmung mit dem Wasserbauamt, dass diese wirtschaftlichen Schäden auch unter den Zielen des Landschaftsschutzes nicht einzunehmen sind und dass eine durchgängige Uferbefestigung durch „Auskofferung“ dringend notwendig ist.

Quelle: Interviews im Rahmen der Projektarbeit

M 4 Mäuse- und Kaninchenplage

Naturschützer, Grundstückseigner und Jäger in Laatzen klagen übereinstimmend über eine „Nagetierplage“. Die Populationen vor allem von Feldmäusen und Kaninchen haben sich extrem vergrößert, so dass Feldmäuse schon in Wohnungen der Obergeschosse der Blockbebauung, Kaninchen in allen Gärten und auf allen Grünanlagen das ganze Jahr über anzutreffen sind. Die Laatzener Jagdpächter veranstalten jährlich eine organisierte Kaninchenjagd mit großer Strecke.

Diese Entwicklung deutet auf grundlegende ökologische Ungleichgewichte hin. Die Zunahme der Feldmäuse hängt sicher auch mit der geringeren Dauer der jährlichen Überschwemmungen im Hochwassergebiet der Leine hin, die früher als natürliches Regulativ nicht nur der Zunahme der Mäuse, sondern auch anderer Kleinlebewesen fungierte.

Quelle: Projektbericht „Südliche Leineaue“

M 5 Auskofferung

Die „Auskofferung“ von Flussbetten ist eine gesetzlich geregelte Maßnahme der Sicherung klassifizierter Flüsse durch die jeweiligen Wasserbaubehörden. Sie erfolgt nach folgendem Schema:

Auf Drängen der Stadt Laatzen und der Naturschutz -Verbände bei der zuständigen Wasserbaubehörde wurde die Auskofferung im Landschaftsschutzgebiet gestoppt. Doch der Interessenkonflikt zwischen Amt und Landwirten auf der einen Seite und den Naturschützern auf der anderen ist damit noch nicht beseitigt.

Vor allem die beobachteten Veränderungen in den jährlichen Hochwasserkurven deuten auf hydrologische Gefahren auch für den Erhalt des Grundwasserkörpers, der die Grundlage der Trinkwassergewinnung im Wasserwerk Grasdorf ist, hin.

Nicht nur die Auskofferung, sondern auch die großräumige Flussregulierung z.B. durch die Wasserrückhaltebecken flussaufwärts bei Nordstemmen und – so wird vermutet – die Regulierungen im Zusammenhang mit dem Bau der Schnellstrecke der DB greifen in das Abflussverhalten der Leine ein.

Die jährlichen Hochwasser sind kürzer, z.T. dafür aber höher geworden; die Abflussgeschwindigkeit steigt an. Während früher ein Teil der Überschwemmungen durch das allmähliche Steigen des Grundwasserhorizonts über die Bodenoberfläche charakterisiert war, so in Senken und an den Altarmen der Leine, was eine Austrocknung der flachen Wiesenteiche verhinderte, dominiert jetzt das „Über-die-Uf er-Treten“ der Leine. Dies zeigen folgende Abflussdiagramme vor und nach der Flussregulierung:

Impressum für diese Seite:

Erstveröffentlichung in erweiterter Form als Projektbericht für die Stadt Laatzen. Als Manuskript vervielfältigt Herbst 1993.
Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover. Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, heutiger Kontakt vgl. Impressum
Vorliegende Textfassung aus dem Manuskript erstellt, gekürzt und überarbeitet für eine Veröffentlichung in »Praxis Geographie« 1994. Textfassung nicht identisch.

Internetausgabe:

Neuveröffentlichung auf http://www.voigt-bismarckschule.de - Bearbeitungsstand 21.12.2009 mit Korrekturen.

Zur Textgestaltung und zur rechtlichen Distanzierung
von "gelinkten" Seiten vgl. Impressum.

Alle Rechte Vorbehalten

   
   

Verantwortlich für diese Seite

Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 25.12.2008

Letzte Bearbeitung: 06.12.2009

   
   

 

     
   

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Web-Fassung: 31.01.2006 / rev. 13.05.2012- Verantwortlich: Gerhard Voigt <bismarckschule.voigt@gmx.de>
Texte aus der der Verbandszeitschrift »politik unterricht aktuell« unter www.pu-aktuell.de
Info über die Verbandstätigkeit unter: http://www.politiklehrerverband.org