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Veröffentlichungen und Texte
Publikation von 1993
Rechtsextremismus und Ausländerinnen und Ausländer im Unterricht
Ausgewählte Aspekte der Methodik
und Didaktik
Arbeitsergebnisse aus dem
Verband der Politiklehrer I
Inhalt (Seitenzahlen der
Erstausgabe)
I
Zur Problemstellung 7
II. Zur Einheit von Ausländerpädagogik und Umgang mit
Rechtsradikalismus 11
III. Die
Auseinandersetzung mit dem Faschismus. Zur Rezeption in den westdeutschen
Schulen.17
IV. Zur didaktischen Problemstrukturierung
(a) Die
pädagogische Situation.21
(b)
Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen 26
V.
Umfassendere didaktische Konzepte
(a)..
Allgemeine didaktische Prämissen 37
(b) .
Projektarbeit 38
(c)..
Interkulturelle Erziehung 41
(d) . Das
Konzept der UNESCO‑Schulen 48
VI. Résumé 51
Anmerkungen 53
Impressum der Originalausgabe
I.
Zur Problemstellung
Die Landtagswahlergebnisse im April 1992 haben – wieder
einmal – das Erschrecken der „etablierten Parteien“ vor einem
»Rechtsrutsch« in der deutschen Politik hervorgerufen – wie zuvor bei den
Wahlerfolgen der NPD, bei den europäischen Wahlerfolgen der Neofaschisten
z.B. in Frankreich, oder auch bei den gewalttätigen ausländerfeindlichen
Exzessen der „Skinheads“ und der Neonazis in der BRD seit 1990.
Doch immer wird das Problem mit vordergründigen
Erklärungen verharmlost: „Protestwähler“, Randgruppen, gewaltbereite
Außenseiter – je nach den Wünschen der Politik, ob die betroffenen Gruppen
als Wähler „wieder integriert“ oder als Außenstehende „ausgegrenzt“ werden
sollen; Verharmlosung oder individualisierte Kriminalisierung sind die
üblichen gesellschaftlichen Deutungsmuster. Die Aktuellen Anlässe der
„Parteien‑ und Politikverdrossenheit“ sind dabei unbestritten; Erwin
Scheuch
hat gute Gründe für ein solches Verhalten gefunden!
Aber warum äußert sich in Deutschland Protest
vorwiegend rechtsorientiert oder rechtsradikal, warum nicht revolutionär
und links? Allein mit dem Scheitern der DDR kann das nicht geklärt werden,
denn es entspricht einer viel älteren politischen Tradition, von der
Restauration nach 1849, die von der Mehrheit zustimmend getragen wurde, über
die reaktionären nationalistischen Exzesse der wilhelminischen Zeit, die
Ablehnung der Weimarer Demokratie und der breiten Zustimmung zum
Nationalsozialismus nach 1933; aber auch in der mangelnden öffentlichen
Betroffenheit von den rechtsradikalen Erscheinungen in der BRD, von denen
wir schon gesprochen haben.
Rechtsradikalismus ist eine Grund‑ und
Unterströmung der deutschen Gesellschaftsentwicklung, und, wie wir meinen,
mehr oder weniger auch ein gesamteuropäisches Phänomen. Ein wichtiges Indiz
dafür ist die Tatsache, dass rechtsradikale Deutungsmuster der Realität auch
in den so aufgeregt tuenden „etablierten Parteien“ weit verbreitet sind,
dass der Schritt vom SPD‑ zum DVU‑Wähler gar nicht so groß ist. Die
Äußerungen der CDU/CSU zur Nation, zur deutschen Geschichte und zum Begriff
des Deutschen Volkes sind gelinde gesagt mehrdeutig und zweifelhaft.
Rational‑aufgeklärtes gesellschaftliches Bewusstsein ist hier nicht
anzutreffen. Wir sollten uns hier in aller Deutlichkeit klar machen, dass
rechtsradikales Denken eine nicht sachgerechte, gesellschaftlich
verhängnisvolle Uminterpretation der Realität bedeutet. Wer rechtsradikal
denkt, ist nicht in der Lage, die reale gesellschaftliche Komplexität, die
Vielfalt der Konflikte und Entwicklungen richtig wahrzunehmen, zu
verarbeiten und in politisches Handeln umzusetzen.
Rechtsradikalismus ist eine ideologische
Problemreduktion, die zu falschem Bewusstsein führt. Das hat sicherlich
einerseits individuelle Gründe, die sich in der Unfähigkeit der
individuellen Problembewältigung erkennen lassen, [worauf sich die bislang
wichtigsten Ansatzpunkte zur Erklärung rechtsradikaler Dispositionen
bezogen, z.B. im Konzept des „Autoritärer Charakter“], andererseits gehört
zu einer im psychologischen Sinne „erfolgreichen“ Problemreduktion die
Möglichkeit, Realitätsdeutungsmuster aus der gesellschaftlichen Umwelt zu
gewinnen, auf die „Angebote“ der politischen Kultur zurück zu greifen. Und
hier bieten sich gefährliche Stereotypen und Realitätsdefinitionen an, die
den Kern rechtsradikalen Denkens ausmachen:
-
Nationalismus und metaphysische Überhöhung des
Staates und seiner Symbole;
-
abstrakte Autoritäts‑ und
Institutionsgebundenheit;
-
Legitimierung von Gewalt, Aggression und Krieg
als Kern der Staatsräson;
-
Unterdrückung von Individualität,
Gefühlsäußerung und Sexualität in einer repressiven Moral.
Es ist an dieser Stelle nicht unsere Aufgabe,
Rechtsradikalismus (neu oder erneut) zu definieren, noch einen Überblick
über die Faschismusforschung zu geben. Den didaktischen Zielsetzung dieser
Ausführungen genügt es, auf die psychologische wie die gesellschaftliche
Funktion rechtsradikaler Einstellungen zu verweisen, ihren Charakter als
realitätsverfälschende Ideologie festzustellen, die ethische Problematik
jeder rechtsradikaler Denktradition deutlich herauszustellen und die
Verankerung der Stereotypen und Deutungsmuster des Rechtsradikalismus in
der europäischen politischen Kultur zu betonen. Gerade die individuelle
Dimension der psychologischen Funktion der „Dissonanzverminderung“ ist zwar
wissenschaftlich hoch interessant, führt aber, in das Zentrum der
Überlegungen gestellt, zu gefährlichen Vereinfachungen der Problematik, die
eine kritische Beschäftigung mit den rechtsradikalen Wurzeln der eigenen
politischen Kultur verdrängen kann.
Die problemlose Funktionalisierung der
Scheinproblematik der Asylbewerber und Ausländerintegration durch die
CDU/CSU und auch durch einige SPD‑Kommunalpolitiker („Überfremdung“,
„Ausländerflut“, „Kulturkonflikt“, „Scheinasylanten“), die nur die
tatsächlichen Versäumnisse der deutschen Politik in der Gestaltung der
deutschen Einheit, der defizitären Wirtschaftspolitik, der unsozialen
Wohnungs‑, Arbeitsmarkt‑ und Gesundheitspolitik überlagert und verdrängt,
zeigt, dass hier eine grundlegende gesellschaftliche Bereitschaft zur
Akzeptanz fremdenfeindlicher und rechtsradikaler Realitätsdeutungen
vorausgesetzt und gefunden wird.
Rechtsradikalismus ist nicht das Problem einer
Minderheit, sondern Teil der eigenen, deutschen, mitteleuropäischen
politischen Kultur. Auseinandersetzungen mit den rechtsradikalen Tendenzen
in der Schule beruft sich auf den Verfassungsauftrag der Demokratie, wie er
sich z.B. in der Aufzählung der demokratischen Traditionen Deutschlands im §
2 des Niedersächsischen Schulgesetzes findet:
(1) Die Schule soll im Anschluss an die
vorschulische Erziehung die Persönlichkeit der Schüler auf der Grundlage
des Christentums, des europäischen Humanismus und der Ideen der
liberalen, demokratischen und sozialen Freiheitsbewegungen
weiterentwickeln. Erziehung und Unterricht müssen dem Grundgesetz für die
Bundesrepublik Deutschland und der Vorläufigen Niedersächsischen Verfassung
entsprechen; die Schule hat die Wertvorstellungen zu vermitteln, die diesen
Verfassungen zugrunde liegen... [Hervorhebung G.V.1
Der Erziehungsauftrag ist, wie jede rechtliche
Festlegung, eine normative Setzung, die hier in großer Offenheit und
Liberalität erfolgt und damit gerade auch gegen nationale und kulturelle
Eingrenzungen angeführt werden kann; der Erziehungsauftrag ist aber
keineswegs Beschreibung und Nachvollzug der gesellschaftlichen Realität.
Diese „Kraft des Faktischen“ darf gerade in der Auseinandersetzung mit dem
Rechtsradikalismus keine handlungsleitende Bedeutung erlangen. Dies wäre ein
Verrat an der demokratischen und rechtstaatlichen Verfassungsordnung.
Auseinandersetzung mit dem Faschismus und dem
Neonazismus ist eine permanente Aufgabe der Schule. Doch haben sich
gesellschaftliche Rahmenbedingungen und pädagogische Konzepte im Laufe der
Jahre gewandelt. Die Fachdidaktik hat sich wissenschaftlich intensiv mit
pädagogischen Konzepten für den Umgang mit neofaschistischen Erscheinungen
beschäftigt; doch nur Weniges hat den Weg in die Schulpraxis gefunden. Der
Unterricht auch in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern tendiert eher
dazu, problematische und Konfliktbeladene Themen auszusparen und zu
umgehen.
Der Verband der Politiklehrer e.V., Hannover,
versucht seit anderthalb Jahrzehnten intensiv und permanent mit
Gegenkonzepten, Veröffentlichungen und Unterrichtsmaterialien, aber auch
durch politische Vorstellungen bei den Kultusministern, gerade dieses Thema
im Bewusstsein zu halten und den Schulen entsprechende Hilfestellungen zu
geben. Er ist dafür in den achtziger Jahren heftig angegriffen und als
Störenfried politisch ausgegrenzt worden.
Der Verband der Politiklehrer sieht mit
Sorge, dass auf die schulpolitische Ausgrenzung des Politikunterrichtes und
seine Fesselung in einer konservativen Staatsdidaktik eine Krise des
Selbstverständnisses der Politikdidaktik gefolgt ist. An den Schulen
findet eine politikdidaktisch verantwortete Gestaltung von „Politischer
Bildung“ nicht mehr statt. Die Folgen des Verdrängens eines kritischen
Politikunterrichtes aus den Schulen, vor denen der verband der
Politiklehrer schon vor einem Jahrzehnt eindringlich in der Öffentlichkeit
gewarnt hatte, sind nun in bestürzendem Maße eingetreten: so genannte
„Republikaner“ und Neonazis, Ausländerhatz und Verlust an Liberalität und
Rechtstaatlichkeit gehören zum Alltag unserer „politischen Unkultur“. Hier
Einhalt zu gebieten, Umkehr zu fordern und zu einer Positiven Neubewertung
der politischen Bildung als Grundlage von Demokratie und sozialem
Rechtstaat zu gelangen, sieht der Verband der Politiklehrer als seine
ureigenste Aufgabe an.
II. Zur
Einheit von Ausländerpädagogik und Umgang mit Rechtsradikalismus
Die Schwerpunkte der pädagogischen
Auseinandersetzung mit dem Faschismus und dem Neonazismus haben sich seit
den frühen Jahren der Bundesrepublik verschoben. Das hat gesellschaftliche
wie didaktische Gründe. Vor allem die Einsicht in die grundlegenden
reaktionären Grundstrukturen der politischen Kultur unserer Gesellschaft
macht umfassendere Ansätze der »antifaschistischen Pädagogik« notwendig,
die sich nicht mehr primär an Einzelerscheinungen und Gewalthandlungen
orientiert, sondern die das grundsätzliche Problem des Verstehens des
Fremden, des Anderen, auch des Fremden in uns selbst in das Zentrum der
Überlegungen stellt.
Das verlangt nach fundierteren Einsichten in den
Prozess der Zivilisation selbst, in die Strukturen der politischen Kultur
und des Alltagsverhaltens. Theoretisch ist das Schülerinnen und Schülern
aber auch in der Lehrerausbildung Kolleginnen und Kollegen nur schwer
vermittelbar. Erst muss die notwendige Eigendistanz erzeugt werden.
Das Problem der politischen Kultur ist einmal
durch die Distanzierung, die sich aus der Beschäftigung mit dem „Fremden“
und mit der eigenen Kultur ergibt (der Ansatz von Michel Leiris),
und durch unmittelbare Kommunikation und Interaktion mit dem Fremden (der
Ansatz der interkulturellen Erziehung) pädagogisch zu strukturieren. Daher
ist es heute notwendig, antifaschistische Pädagogik und interkulturelles
Lernen, das heißt also auch: Ausländerpädagogik, als Einheit zu verstehen.
Die Annäherung an die politische Alltagskultur
innerhalb des interkulturellen Lernens deckt Stereotype und Vorurteile auf,
insistiert auf Rationalität und sieht in der politischen Kultur zunächst
einmal im Bereich vor jeglicher Wertung den Ausdruck kollektiver
Erfahrungen in der Geschichte einer Gesellschaft und einer Kultur.
Die deutsche Schule wird hier vor allem mit
einigen sensiblen und belasteten Kulturkontakten konfrontiert werden: mit
der deutschen Vorurteilshaltung gegenüber dem Nachbarn Polen, mit dem
Stereotypenkomplex gegenüber Türken und, diese meist mit einbeziehend, mit
historisch gewachsenen Perspektivverengungen gegenüber dem Nahen Osten und
dem Islam. Es mag interessant sein, als Beispiel einer solchen Reflexion,
die auch im Unterricht nachzuvollziehen ist, einen Text wiederzugeben, in
dem der Verfasser aus Anlass einer Türkeireise auf Konstanten der
türkisch‑orientalischen politischen Kultur und auf Parallelen zur
polnischen Kultur hingewiesen hat:
„Die Auswirkungen historischer Erfahrungen einer
Gesellschaft auf ihre Politische Kultur und ihr Alltagsverhalten, die
sozialpsychologischen Probleme dieses kollektiven Gedächtnisses sind
in den letzten Jahrzehnten Anlass kontroverser wissenschaftlicher Debatten
gewesen. Es bestehen hier noch deutliche Erkenntnisdefizite, obwohl diese
Thematik gerade bei dem Versuch, gesellschaftlich‑historische
Abhängigkeiten aufzudecken, immer wieder ins Blickfeld rückt. Im
Zusammenhang mit den Gesellschaften des Nahen Ostens gibt es daher schon
eine alte, oft eher spekulative Tradition sozialhistorischer
Kategorisierungen von der frühmarxistischen Theorie über eine
»Asiatische Produktionsweise«, die zu spezifischen Formen der
orientalischen Despotie führt (wieder diskutiv aufgegriffen von G.
Leng [1974]
oder durch M. Massarat [1977],
über die These von der »Hydraulischen Gesellschaft« von K. A.
Wittfogel [1938]
bis zu den Untersuchungen über den orientalischen Wirtschaftsgeist
von E. Wirth [1956]
Gegen das marxistische Modell der gesellschaftlichen Entwicklungsphasen
stellt der konservative Geograph H. Bobek [1959] seine These vom
»Rentenkapitalismus«,
der einiges theoretisches Gewicht in der nachfolgenden orientalistischen
Literatur gewinnt.“
Im Zusammenhang mit einer ganz anderen Thematik
hat der Verfasser kürzlich versucht, durch einen
sozialpsychologisch‑historischen Vergleich mit Befunden aus dem Nahen Osten
scheinbar „orientalische“ Verhaltensformen im Alltag einer – desolaten –
europäischen Gesellschaft, in Polen, verständlich zu machen. Diese
Überlegungen können, meine ich, auch zurückweisend auf unsere Thematik
aufschlussreich sein, so dass ich einige Passagen der genannten Arbeit
nachfolgend zitieren möchte.
„Es mag ... interessant sein, nach den
Ausprägungen und Wertorientierungen dieses anachronistischen Verhaltens
(Alltagssubversion, Korruption, Rechtswillkür, Vetternwirtschaft) zu fragen,
denn nur aus unserer eigenen Wertperspektive heraus sind diese
Verhaltensweisen eindeutig negativ gekennzeichnet. [ ... ) Wenn Produktion
und Distribution noch eindeutig dem Handeln konkreter, bestimmbarer Personen
zuzuordnen sind, wenn die einzelne ökonomische Handlung in ihrem
Gesamtzusammenhang noch in ihrer direkten Beziehung zum Lebensunterhalt
der Familie gesehen werden kann, ist die Bedeutung der sozialen Kontakte
noch nicht auf den Waren‑ und Austauschwert reduziert, sondern in ein
soziales Wertgefüge gegenseitiger Verantwortlichkeit eingebunden. Das
hingebungsvolle »Feilschen« im Basar, das von westlichen Touristen fast
immer falsch eingeschätzt wird, ist ein solcher Prozess des
Vertrauensaufbaus und der gegenseitigen Verpflichtung... An die Stelle
staatlicher Regelsysteme, die dazu tendieren, die Handlungsfreiheit des
einzelnen immer stärker einzubeziehen in ein perfektes System der »checks
and balances«, tritt in diesen feudalen, orientalischen oder regressiven
Gesellschaften ein (meist metaphysisch legitimierter) Grundwertkonsens:
Sitte, Tradition, Moral, Ritual oder ein religiöses Menschenbild. Im
islamischen Orient hat sich auf dieser Basis ... ein funktionierendes,
nichtstaatliches Gesellschaftssystem entwickelt, das unter der Klammer des
Wertkonsenses der muslimischen Gemeinschaft ein dezentrales System
persönlicher Verpflichtungskreise und ‑ebenen aufweist. Drei Kategorien
dieser Gruppenloyalitäten sind z.T. bis heute noch anzutreffen (nach
Kippenberg):
– die Familie (Großfamilie,
Verwandtschaft, Stammeszugehörigkeit)
– die Klientel (wirtschaftliche
Verpflichtung, berufliche Gruppenzuordnung [so z.B. die »Bazari«, die
Handwerksinnungen etc.], feudale Abhängigkeiten [Tribute])
– die religiöse Loyalität (gegenüber
dem persönlichen Lehrer, dem Mullah, dem lokalen Schriftgelehrten oder
religiösen Sprecher ... ).
Alle drei Hierarchien können sich in
vielfältiger Weise überschneiden und verknüpfen, immer aber sind es
Beziehungen zu konkreten Personen, die nicht nur als Rollenträger in einer
Institution auftreten. Der Lebensunterhalt dieser sicherlich auch
Herrschaftsfunktionen ausübenden Hierarchiengehörigen wird dabei nicht von
»oben« her garantiert und bestimmt. sondern ist Teil der gegenseitigen
Verpflichtungen. Diese Bezahlung kann freiwillig und aus Überzeugung gewährt
oder auch erzwungen oder erpresst sein. Amtshandlungen müssen, so
will es uns von außen her erscheinen, »bezahlt« werden; abstrakter
Dienst am Menschen oder gar im Interesse der Sache ist
unvorstellbar. immer hat das Verhalten einen konkreten Adressaten der
Mildtätigkeit, der gerechten Behandlung oder auch der
gegenseitigen Verpflichtung. Erst eine spätere Industriegesellschaft
wird dieses Verhalten als korrupt definieren – meist jedoch nicht einmal
aus gewandelten Moralvorstellungen heraus, sondern ganz konkret, um den
»Hilfsorganen der staatlichen Herrschaft« keine materielle Autonomie
zuzugestehen. Antikorruptionskampagnen sind meist nur der Versuch eines
weniger legitimierten Staates, seinen Herrschaftsanspruch zu
verabsolutieren und einen materiell abhängigen Herrschaftsapparat
aufzubauen.“
„Das Fehlen einer verantwortlichen staatlichen
Organisation während der letzten beiden Jahrhunderte osmanischer Herrschaft
im Orient, gekennzeichnet eher durch die Charakteristiken, die oben erwähnt
wurden, führte zu einem grundsätzlichen Rückzug des politischen Bewusstseins
aus der übergeordneten Herrschaftsebene hin auf die lokalen und
gruppenbezogenen Kleinformen gesellschaftlicher Organisation. Solange der
angesprochene Grundkonsens, vermittelt durch die umma muhammadja,
funktionierte, ließen sich Interessenkollisionen zwischen diesen lokalen und
regionalen politischen Gebilden meist vermeiden oder durch religiösen
Schiedsspruch regeln. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass trotz
der geringen Zahl von übergreifenden Konfliktursachen in einer
verkrustet‑immobilen Feudalgesellschaft die Grunderfahrung des Menschen
oberhalb der gesellschaftlichen Ebene, die noch durch die familiäre und
lokale Gruppenzugehörigkeit abgesichert war, das Erlebnis von Unsicherheit
und Gefahr, drohender Gewalt und kriegerischer Konflikte war. Vertrauen
galt nur auf der Ebene der persönlichen Bekanntschaft und familiären
Verpflichtung. Aller darüber hinaus gehender Herrschafts‑, Verwaltungs‑ und
Organisationsanspruch wurde und wird zunächst als suspekt und bedrohlich
abgelehnt.
Diese Einschätzung wird nach dem Zusammenbruch
der osmanischen Herrschaft durch die rein machtpolitisch motivierte
Einflussnahme der europäischen Staaten mit ihren nicht legitimierbaren
Herrschaftsansprüchen und ihrer Mangelnden Vertragstreue nur noch bestätigt.
Diese Perspektive der sozialen und ökonomischen Unsicherheit führt auch im
Alltagsleben zu einer geringeren Zukunftsorientiertheit, zu
Distanzverhalten und zu familiärer Abgeschlossenheit – unterstützt durch
gleichsinnige Wertvorstellungen des Islam –, die der Geograph Eugen Wirth
[1950]
als „orientalischen Wirtschaftsgeist“ bezeichnet. Trotz aller
politikwissenschaftlichen Bedenken gegen sein Theoriekonzept kann in dieser
sozialpsychologischen Perspektive auch ein bedenkenswerter,
realitätsbezogener Kern in Bobeks Beschreibung des
»Rentenkapitalismus«
als nicht‑dynamischer kapitalistischer Wirtschaftsform des Orients liegen.,
in der aus landwirtschaftlichem oder Handelskapital kontinuierlich Renten
abgezogen werden.“
Dieser ausführliche Exkurs über den
»Orient«
hat im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit dem europäischen
Rechtsradikalismus eine mehrfache Funktion:
-
Orientalische Menschen, orientalische Kultur,
die Religionen Islam und Judentum sind primäre Projektionsziele
rechtsradikaler Stereotypien und Aggressionen. Das ist aus der
Geschichte heraus verständlich, definiert sich doch die europäische Kultur
seit dem Zeitalter der Kreuzzüge vor allem in Abgrenzung gegen das
Arabertum und definiert sich das Christentum doch vor allem in aggressiver
Abwehr von Judentum und Islam: der Rechtsradikale braucht diese
Feindbilder der europäischen Geschichte nur zu übernehmen. Der Nachbar
Polen im Osten spielt übrigens eine ähnliche Rolle durch seinen
„uneuropäischen“ Freiheitsbegriff, der die Staatsidentifikation der
mittel‑ und westeuropäischen Politischen Kultur irritiert.
-
Die Erklärung einer Politischen Alltagskultur
ist nur möglich in der Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen
Vergangenheit. Politische Kultur ist das Ergebnis kollektiver
Erfahrungen in der Geschichte; die Herrschaft einer Kriegerkaste
in Europa seit dem Mittelalter, die sich später als Hochadel sakrosankt
macht, das grundlegende Verständnis gesellschaftlicher Realität als
kriegerischer Auseinandersetzung, hat die europäische
Realitätswahrnehmung und die ausgebildeten Möglichkeiten, mit
Konflikten und Problemen umzugehen, grundlegend geprägt.
Interkulturelles Lernen bedeutet daher, sich mit dieser Tradition kritisch
auseinander zu setzen und Alternativen zu suchen.
-
Im Orient (wie in gewisser Weise auch in
Polen) sind gesellschaftliche Alternativen zur etatistisch‑nationalistischen
Gesellschaftsbildung vorgelebt worden; Hauptanliegen der
militaristischen europäischen Kultur war und ist es, Alternativen zum
europäischen Nationalstaatsbegriff weg zu drängen oder als Feind eigener
Identität zu bekämpfen. Gerade rechtsradikales Denken kann
entstaatlichtes und entnationalisiertes gesellschaftliches Zusammenleben
nicht ertragen, entzieht es ihm doch den Boden, auf dem sein
realitätsfernes ideologisches Gerüst der Problemreduktion
und Dissonanzverminderung aufgebaut ist.
-
Beschäftigung mit nicht‑etatistischen
Nationenbildungen ist ein wichtiger Schritt der Relativierung
und Distanzierung gegenüber der eigenen mitteleuropäischen Tradition
und Politischen Kultur und damit Ansatzpunkt bewusster interkultureller
Lernstrategien.
Hier liegt auch der Ansatzpunkt der
Auseinandersetzung mit rechtsradikalen Denkdispositionen und Mentalitäten.
Die kritische Beschäftigung mit den »verinnerlichten Werten«
der eigenen Politischen Kultur setzt immer den Kulturvergleich und die
distanzierte Perspektive von außen voraus. Es gilt dabei, in der
europäischen Tradition verschüttete und verdrängte Unterströmungen der
nicht verstaatlichten Freiheit, Aufsässigkeit, des Ketzertums wieder frei
zu legen und heute wieder daran anzuknüpfen.
Die Vorgehensweise einer interkulturellen
didaktischen Aufbereitung wird sicher deutlich: Verständnis aus der
gesellschaftlichen Erfahrung der fremden Kultur heraus zu entwickeln, in
Kommunikation mit dieser Kultur, mit dem Fremden überhaupt zu
treten! Das bedeutet: antifaschistische Pädagogik wendet sich nicht mehr
primär den äußerlichen rechtsradikalen Symptomen zu, sondern versucht, die
kulturellen Wurzeln des Rechtsradikalismus selbst aufzudecken und
pädagogisch zu bewältigen.
III. Die Auseinandersetzung
mit dem Faschismus
Rezeption in den westdeutschen Schulen
Die Auseinandersetzung mit dem
Nationalsozialismus und dem europäischen Faschismus verlief in der BRD
anders als in der ehemaligen DDR. Das verkrampfte, gekünstelte Verhältnis
zur eigenen Vergangenheit, Zeichen der Unfähigkeit, sich der eigenen Schuld
und Verantwortung offen zu stellen, war in unterschiedlicher Weise aber
wohl doch das Verbindende.
Das Kriegsende wurde in der Gesellschaft der BRD
und damit auch zunächst in den Schulen eingedenk der eigenen Verstrickung
als Niederlage und nicht als Befreiung vom Nationalsozialismus
interpretiert.
Zwar wurde die Demokratie als neue
Herrschaftsform akzeptiert [wie es ja wohl der deutschen Tradition
entspricht, Herrschaftsordnungen zu akzeptieren]; sie legitimierte sich
dann durch ihren ökonomischen Erfolg und durch die restaurative Ordnung der
Adenauer‑Ära, doch gefühlsmäßig wurde sie nicht als das Eigene, das aus der
eigenen Geschichte erwachsene, sondern bestenfalls als ein großherziges
Geschenk oder aber auch als oktroyierte Ordnung der Siegermächte empfunden.
Das hatte natürlich Folgen für den
unterrichtlichen Umgang mit diesem Skandalon: Peinlichkeit,
Vermeidungshaltung, in formale Floskeln erstarrte reeducation. Der
Geschichtsunterricht, seinerzeit alleiniger Ort der schulischen
Auseinandersetzung mit der deutschen Gesellschaft und Politik, tendierte
dazu, „nicht soweit gekommen zu sein“, das Geschichtsbild vieler
Schüler endete dann oft bei Bismarck, bestenfalls bei der Weimarer
Koalition. Ein paar Gedenktage zum (bürgerlichen) Widerstand gegen den
Nationalsozialismus reichten dann sicher nicht aus, Bewusstseinsänderungen
gegenüber den Wurzeln des Faschismus in der deutschen Geschichte zu
bewirken.
Diese Zeit war gekennzeichnet durch Verdrängen
und Tabuisieren einer inhaltlichen und Politischen Auseinandersetzung mit
dem Faschismus; als Alibi diente die allseitige Überzeugung, jetzt
„Musterdemokraten“ zu sein, die ihrer Vergangenheit in Gedenktagen und
verkitschter Widerstandsmythologie begegnete. Der Umbruch geschah in der
Zeit der ersten großen gesellschaftlichen und ökonomischen Krise der BRD
Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, die das traditionelle
bürgerliche Selbstverständnis erschütterte und einen konfliktreichen
Generationenwechsel einleitete. Die fortschrittlicheren
gesellschaftswissenschaftlichen Tendenzen in den Universitäten, über die zu
referieren hier nicht der Ort ist, zeigte zunächst auch Wirkung in der
Schulpolitik (Gesamtschulbewegung, Saarbrücker Rahmenvereinbarungen über
das Integrationsfach Gemeinschaftskunde/Sozialkunde, Entwicklung des
Kursmodells für die Sekundarstufe II, Auseinandersetzung um die Hessischen
Rahmenrichtlinien Deutsch und Sozialkunde ... ), doch regte sich bald
organisierter konservativer Widerspruch. Die Reformbereitschaft des
herrschenden Bürgertums war nur solange politischer Träger der Entwicklung,
als Qualifikationsverbesserungen sich in internationaler
Konkurrenzfähigkeit, technologischer Innovationsbereitschaft und damit
politischer Absicherung des eigenen sozialen Status umsetzen ließen. Eine
kritische Infragestellung der politischen Grundstrukturen der deutschen
Gesellschaft war nicht vorgesehen.
Die politischen Kursänderungen der FDP in der
Geschichte der BRD sind ein sensibler Indikator für die jeweiligen
Interessenschwankungen des Bürgertums; die Gespaltenheit dieser Partei
symbolisiert ebenso die Spannweite und mangelnde Geschlossenheit der
heutigen bürgerlichen Kultur, über deren Zerfall weiter unten noch einiges
zu sagen sein wird.
So drückte sich die Reformpolitik vor allem in
„Formelkompromissen“, in Institutions-Veränderungen anstelle von
inhaltlicher Entwicklung, in didaktischen Optimierungsversuchen recht
technokratischer Natur (Punktsystem, Auflagenschwemme, Einheitliche
Prüfungsanforderungen etc.) aus. Das symbolhaft tabuisierende Verhältnis
zur Vergangenheit wäre hier unzeitgemäß gewesen. Die typischen
Verdrängungsprozesse ließen sich jetzt in formelhaften Lernzielen, im
Erlernen von gängigen Gesellschaftstheorien nachweisen.
Dass sich dennoch hier und da etwas inhaltlich
änderte, lag am Zustrom der jungen Generation von Politiklehrern, die im
Studium mit der kritischen Theorie, mit dem Marxismus, mit der Dritte‑Welt‑
und Imperialismus‑Problematik konfrontiert waren und ihre kritische
Gesellschaftssicht durch die politische Entwicklung bestätigt sahen. Die
schulpolitische Praxis neutralisierte diese unerwünschten Einflüsse bis zu
einem gewissen Grade. Sehr bald – vor allen anderen Lehrergruppen – folgte
ein Einstellungsstopp für Politiklehrer (seit dem Ende der siebziger
Jahre), obwohl Sozialkunde weithin fachfremd unterrichtet wird. Der
Radikalenerlass grenzte politisch extreme Haltungen aus und kriminalisierte
sie (in verfassungsrechtlich bedenklicher Weise); das Grundrecht der freien
Meinungsäußerung wurde durch das Disziplinarrecht weitgehend ausgehebelt
(wozu konservative Elternvertreter oft den Anstoß gaben). Zudem war eine
didaktische Umsetzung der gesellschaftskritischen Einsichten durch die eher
konservative pädagogische Wissenschaft nicht fundiert worden, so dass der
Praxisschock viele junge Kolleginnen und Kollegen hart traf und oft in
Resignation und Opportunismus trieb. Die kritische Auseinandersetzung mit
der deutschen Tradition erfolgte also auch jetzt nur stellenweise,
halbherzig und ängstlich und bewirkte bei der nachwachsenden
Schülergeneration kaum etwas.
Der Wandel von den achtziger zu den neunziger
Jahren ist gekennzeichnet durch eine erneute ökonomisch‑gesellschaftliche
Krise, diesmal aber im Weltmaßstab. Die Krisenlösung sucht die europäische
Mehrheit, deren globale Privilegien sie infrage gestellt und bedroht sieht,
in den Scheinlösungen des Konservativismus und Rechtsradikalismus.
Kritische, vor allem selbstkritische Perspektiven werden aggressiv und
konsequent ausgegrenzt und tabuisiert. Formal sind Parallelen zu den
fünfziger und sechziger Jahren zu erkennen, doch wird deutlich, dass eine
Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nicht nur Verdrängt,
sondern ausdrücklich als anachronistisch abgelehnt wird.
In dieser Ablehnung liegt unreflektiert die
durchaus richtige Einsicht, dass die deutsche Zeitgeschichte ja tatsächlich
nicht durch „Unfälle“ (wie man in den Anfangsjahren der BRD behauptete) aus
der Bahn geworfen war, sondern sich aus den verhängnisvollen Deformationen
der eigenen politischen Kultur durchaus konsequent entwickelt hatte. Der
Faschismus ist kein abgeschlossenes Kapitel sondern eine potentielle
Ausdrucksform der europäischen politischen Tradition.
In den Schulen wird dieses Thema daher immer
problematischer. Indem sich die Realität zunehmend generell als „verfügbar
und funktionalisierbar“ erweist (Bundeskanzler Kohls Umgang mit der
Geschichte erweist das!), sperren sich die Schülerinnen und Schüler, geprägt
durch Elternhaus und öffentliche Medien, zunehmend, mit kritischen
Realitätszugängen konfrontiert zu werden. Die Schulpolitik ist kaum eine
Hilfe. Meist sieht die Politik in der Schule den Ort, generell kurzfristige
gesellschaftliche Probleme zu lösen, ohne die zugrunde liegenden
langfristigen Fehlentwicklungen zu erkennen, geschweige denn kritisch
aufarbeiten zu können. So führt ein AIDS-Fall zu einigen Pflichtstunden
Sexualaufklärung, ein Unfall vor der Schule zu zwei Stunden
Verkehrsunterricht, Unkenntnis einer Kultusministertochter über die Lage
einiger Städte im eigenen Bundesland zu einer selbst gestrickten und per
Eilbrief eingeführten Neufassung von Erdkunderahmenrichtlinien und
schließlich – Neonazistische Ausschreitungen zur Anforderung, durch
geeignete sozialkundliche Unterrichtseinheiten dieses Verhalten zu
verhindern.
Jedes dieser Beispiele zeigt ein grundsätzliches
Missverständnis der Möglichkeiten und Lernvorgänge in der Schule. Die
Schule ist kein Reparaturbetrieb der Gesellschaft, sie kann isolierte
Konflikte nicht durch isolierte unterrichtliche Maßnahmen beheben und sie
kann nicht dort Verantwortung übernehmen, wo alle anderen
gesellschaftlichen Institutionen versagen. Die Schule als
Bildungseinrichtung kann und darf nicht am kurzfristigen Erfolg gemessen
werden, wenn sie nicht zu unverbindlicher Ansammlung einzelner kurzer
Qualifikationskurse werden will (oder soll).
IV. Zur
didaktischen Problemstrukturierung
(a) Die pädagogische Situation
Die pädagogisch‑didaktische Ausgangslage ist
nicht leicht zu beschreiben. Zu sehr überdeckt die Nähe zum Gegenstand und
die Diffusität der Einzelerfahrungen die Klarheit der Gründe und Ursachen
für offensichtliche Wandlungen in der Effizienz der schulischen Arbeit wie
auch der Möglichkeit der kritischen Selbstreflexion. Auch wenn wir damit
etwas vom engeren Thema einer schulischen Bearbeitung der Probleme des
Rechtsradikalismus abweichen müssen, scheint es mir doch sinnvoll und
notwendig, die allgemeineren Rahmenbedingungen schulischen Lernens in
einigen. vielleicht auch etwas subjektiv gefärbten Thesen zu beleuchten.
Neuartige Unterrichtserfahrungen werden
zunehmend zu einem Problem der Politikdidaktik. Politiklehrer klagen über
mangelnde Resonanz auf politische Problemstellungen; das
„Betroffenheitsprinzip“ greift nur noch selten, Konzepte des
„schülerorientierten Unterrichtes scheitern. Bei Schülern zeigt sich im
gymnasialen Bereich oft unerwartet die Rückkehr zu sehr traditionellen
Formen der Leistungsorientiertheit, die eine fortschrittliche Didaktik
schon längst für obsolet erklärt hatte, offensichtlicher Konventionalismus
konzentriert sich wieder auf die viel geschmähten „Sekundärtugenden“ und
bürgerlichen Werte. Und daneben unvermittelt biographische Brüche und
Abstürze bei einer zunehmenden Zahl von Schülern, von denen sich Lehrer
schlicht überfordert fühlen. Doch ist diese Schulwelt im traditionellen
Sinne „wieder in Ordnung“, wie vielleicht mancher älterer Kollege meinen
könnte? Nein, die Jugend‑ und Adoleszenzproblematik ist unvermindert eine
Aufgabe und Herausforderung für Schule und Politikunterricht; doch muss eine
neue Sensibilisierung der Wahrnehmungsfähigkeit erfolgen, um die neuen
Ausdrucks‑ und Erscheinungsformen adäquat beschreiben zu können. Die
Politikdidaktik muss ihre Postulate und Fragestellungen vor dem Hintergrund
neuartiger Erfahrungen überprüfen.
Ehe diese „Beobachtungen“ aber Anlass zu einer
solchen Revision politikdidaktischer Paradigmen werden, sollten sie selbst
einmal kritisch befragt und infrage gestellt werden. Tatsache ist jedoch
offensichtlich, dass die subjektive Befindlichkeit sich selbst als
politisch „fortschrittlich“ verstehender Kollegen deutliche Einbrüche
erfahren hat und dass sie gerade in ihrem Kontakt zu den Schülern
Akzeptanzverluste hinnehmen mussten.
Fragen an den kritisch beobachtenden Lehrer.
(1) Hat er sich selbst geändert, schlagen
persönliche Frustrationen und die (nicht positiv verarbeitete?) Erfahrung
des Älterwerdens auf seine Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber dem Verhalten der
Jugendlichen durch?
(2) Hat er sich selbst zu sehr an den äußeren
Ausdrucksformen des „Politischen“ orientiert und sieht dadurch nicht den
politischen Kern der Konflikte und Interessenlagen der nachrückenden
Generation, die sich ihre eigenen Ausdrucksweisen und Symbolsprachen
entwickelt? Ist der Vorwurf der „Politikunfähigkeit“ schlicht ein Ausdruck
der gestörten symbolischen Kommunikation? (Die auch in der Gegenrichtung
ebenso gestört sein kann!)
An der Hochschule zeigen sich Parallelen, wenn
die häufigen professoralen Vorwürfe, die heutige Abiturientengeneration sei
weniger gut auf das Studium vorbereitet als die vorhergegangenen
Studentenjahrgänge (übrigens ein durch die Jahrhunderte laufender
Dauervorwurf gegen die jeweils nachrückenden Generationen), kritisch unter
die Lupe genommen werden. Meist stellt sich dann heraus, dass der
eigentliche Vorwurf gar nicht konkreten Wissensdefiziten oder
Lernfähigkeiten gilt (die ja schnell ausgeglichen werden könnten), sondern
der so genannten „Arbeitshaltung“, d.h. dem offeneren Ausdruck von
Unlustgefühlen, von lässigen Sozial‑ und Kommunikationsformen, die als
Unfähigkeit zu konzentriertem wissenschaftlichem Arbeiten interpretiert
werden; die heutige Studentengeneration unterwirft sich nur noch bedingt
den formalen Aufmerksamkeits‑ und Wissenschaftsritualen und wird daher
nicht in ihren tatsächlichen Lernleistungen gewürdigt.
Ist die Kritik von Lehrern an heutigen Schülern
nicht häufig auch nur eine Kritik an unverstandenen oder falsch
interpretierten Kommunikationsstilen, die so gar nicht zu unserem
herkömmlichen Bild der „politischen“ Auseinandersetzung passen?
„Das langsame Entschwinden der Realität“
– ein Charakteristikum einer gesellschaftlichen Situation, die mit
unterschiedlicher Berechtigung als „postmodernes Bewusstsein“ oder „neue
Unübersichtlichkeit“ bezeichnet wurde, ist längst auch bezeichnend für die
Schule und gerade auch für den Politikunterricht geworden. Beobachtungen,
die diesen Befund stützen, sind unter anderem:
-
ganze Schülergruppen verweigern sich dem
rationalen Diskurs, weichen aus in subjektivistische oder aktionistische
Weltbilder;
-
die Erklärungsmuster für die Realität, die vom
Unterricht angeboten werden, sind scheinbar von der Realität selbst
widerlegt – das Versagen einer rationalen Politikberatung bei Fragen der
Wirtschaftsprognostik, zu den ökologischen Gefahren, der Krise der Dritten
Welt, der schlagartige Zusammenbruch des »real existierenden
Sozialismus«, mit dem niemand gerechnet hatte.
Akzeptieren beamtete Planer in Industrie‑ und
Entwicklungsländern ebenso wie die beteiligten Wissenschaftler diesen
Machtverlust?
Ein erprobtes Konzept, diese Widersprüchlichkeit
politikdidaktisch zu organisieren, existiert noch nicht; die Aufgabe, ein
solches entwickeln zu müssen, überfordert die „Privatdidaktiken“ des
unterrichtenden Politiklehrers. Es gibt kritische Fragestellungen, z.B. im
Bereich der Geographiedidaktik bei Filipp, aber keine erprobten
Unterrichtsmodelle.
So sieht die tatsächliche Situation des Politikunterrichtes in den Schulen,
wenn er überhaupt von Fachlehrern unterrichtet wird und in der Oberstufe
noch nicht „ausgetrocknet“ wurde, sehr uneinheitlich aus. Veraltete
inhaltliche Curricula und didaktische Umsetzungen werden tradiert. wobei der
Realitätsverlust mit dem schon genannten sozialpsychologisch fundierten
Realitätsverlust beim Schüler korrespondiert. Zwar finden diese Inhalte
kaum noch Interesse, aber auch keinen Widerstand – sie werden schlicht
irrelevant. Und hier möchte ich behaupten: so irrelevant, wie schulische
Inhalte überhaupt für den Schüler geworden sind. Der Politikunterricht muss
wieder beim Schüler ansetzen und wahrnehmen, dass die
sozialanthropologischen Grundannahmen über die heutige Schülergeneration
nicht einfach aus der eigenen Schul- und Hochschulerfahrung abgeleitet
werden dürfen (Roth, Correll oder Klafki reichen als
psychologische Grundlegung des heutigen Politikunterrichtes sicher nicht
mehr aus, wenn sie es überhaupt je taten...), sondern dass eine erneute
Gesellschaftsanalyse gleichzeitig Bewusstseinsanalyse sein muss und als
solche die Wahrnehmungs‑ und Kommunikationssituation der Schüler zum
Ausgangspunkt der Unterrichtsplanung machen muss.
Sehr schnell wird dabei einsichtig, dass das
nicht Aufgabe der Politikdidaktik alleine sein kann, sondern dass die
Schule selbst neu gesehen und neu definiert werden muss. Dies nimmt seit
einigen Jahren der „Emder Arbeitskreis“ zum Anlass, über einen Neubeginn
der Schulreform in Niedersachsen zu reflektieren. Der
Verband der Politiklehrer hat
1988 eine grundsätzliche Schrift aus diesem Arbeitszusammenhang
veröffentlicht, aus der abschließend noch einmal einige Sätze zitiert
werden sollen: „Es ist also bei der konkreten Schulkritik anzusetzen und der
Blick auf die Realität der Schule zum Ausgangspunkt von Überlegungen zur
Veränderung der schule zu machen. Schon diese eingrenzenden Vorüberlegungen
lassen als Motiv einen zentralen Kritikpunkt an der Schule anklingen: das
unausgewogene Verhältnis von Theorie und Praxis, wobei wir hier Praxis vor
allem als gesellschaftliche Praxis verstanden wissen wollen.
...Grundsätzliche Alternativen zur
Industriegesellschaft und zum bürgerlich‑demokratischen Sozialstaat sind
nicht zu erkennen. Die staatliche, institutionalisierte Schule ist daher
weiterhin hauptsächliches Objekt von Reformvorstellungen und politischen
Reformversuchen. Schule darf aber nicht kritiklos verfehlte
gesellschaftliche Praxis (Entfremdung, Persönlichkeitsreduktion,
Konkurrenzprinzip, materielle Konsumorientierung und
massenmediengesteuerte Bewusstseinsreduktion, die eben diesen Staat in
seinem gegenwärtigen Zustand kennzeichnen) übernehmen, sondern muss eine
reflektierte, kritische, auch an den Maßstäben der Theoriefähigkeit zu
messende eigene soziale Praxis entwickeln...
Schule ist, auch während sie Theorie vermittelt,
für alle Beteiligten, Lehrer wie Schüler, aktuelle und alltägliche soziale
Praxis; Pädagogik selbst ist ein Musterbeispiel reflektierter sozialer
Praxis. Die intuitiv erkannte und kritisierte Folgenlosigkeit schulischer
Sozialpraxis für andere gesellschaftliche Lebensbereiche, wie die
Erkenntnis unterschiedlicher sozialer Regelsysteme und Wertprämissen in den
verschiedenen gesellschaftlichen Teilsystemen, liegt in bestimmten
Prämissen des gegenwärtigen Verhältnisses der Gesellschaft zur Institution
»Schule«; dieses Verhältnis muss kritisch revidiert werden; allein eine
angebliche Praxisorientierung der Schule bedeutet viel zu leicht
Kapitulation vor gesellschaftlichen Fehlentwicklungen.“
Ausgangspunkt einer notwendigen Reform muss die
Besinnung auf die grundlegenden Zielbestimmungen der Schule sein, die
politisch vertreten und politisch verantwortet werden müssen. Drei
Erfahrungen belegen die Notwendigkeit einer grundlegenden und weit
reichenden Reform:
1. Jeder pädagogische Kongress erweist in
seinen Klagen über „schwierige Schüler“, über das schwieriger
werdende „Geschäft des Unterrichtens“, über die mangelhafte
Vermittlung der gewünschten Unterrichtsziele und Lerninhalte, dass die
Schulen ebenso wenig wie die Lehrer der heutigen gesellschaftlichen
Situation noch gewachsen sind. Die Ursachen sind aus den Überlegungen zu den
veränderten sozialanthropologischen Prämissen der heutigen
Schülergeneration leicht verständlich. Es wäre seltsam, wenn der Befund
anders wäre.
2. Die Institution Schule verliert gegenüber
konkurrierenden sozialen Umwelten und gegenüber neuen, dominanten
Sozialisations‑ und Bildungsfaktoren der Massengesellschaft weitgehend ihre
prägende biographische Bedeutung und wird weniger als Lebensort denn als
mehr oder weniger zu nutzendes Konsumangebot unter anderen wahrgenommen, nur
negativ geprägt als repräsentativer Ort staatlicher Repression. Dies ist
vor allem in der ohnehin problematischen Altersstufe der Sekundarstufe I
eine Voraussetzung, mit der die Schule bisher nicht fertig wird – auch
nicht in ihrem eigenen Selbstverständnis. Gerade hier aber entwickeln sich
die Verhaltensmuster der Schüler gegenüber Gesellschaft und Staat, gerade
hier muss die politische Bildung einsetzen. Der biographische Erfolg
rechtsradikaler Orientierungen erweist sich gerade in dieser
Altersstufe und in der Auseinandersetzung mit der schulischen Umwelt. Es
ist erforderlich, die Stellung der Schule in der Gesellschaft ebenso
radikal zu überdenken wie die Stellung des Schülers in der Schule.
3. Die Bildungspolitik in der BRD verliert
sich in Dilettantismus und persönlichen Profilierungssüchten von
Kultusministern und Verwaltern der Schulmisere. Jeder neue
Rahmenrichtlinienentwurf für die Sekundarstufe I erweist diese Inkompetenz
in pädagogischer wie fachlicher Hinsicht aufs Neue, so dass eine
länderübergreifende Nivellierung auf unterstem Niveau bald erreicht sein
wird: ist das der Vorteil des Kulturföderalismus? Dass von dieser Seite kaum
fruchtbare Anregungen zum Umgang mit rechtsradikalen Orientierungen und zur
inhaltlichen Gestaltung interkulturellen Lernens zu erwarten sind, liegt auf
der Hand.
Die inhaltliche Reform der Schule allgemein und
des Politikunterrichtes im Besonderen muss sich zunächst ihrer zugrunde
liegenden Paradigmen bewusst werden; deren konkrete Ausformung und
Umsetzung in die Praxis erfordert dann aber mehr als nur die Überlegungen,
Zweifel und Fragen eher zufällig mit der Reform befasster Wissenschaftler
und Schulpraktiker.
1. Die Schule muss sich an den
unbewältigten Zukunftsaufgaben der Gesellschaft orientieren, die nicht mehr
den traditionellen Fächern und erst recht nicht einem diffusen
Allgemeinbildungsbegriff zuzuordnen sind, in ihrer Gesamtheit aber einen
neuen, gültigen Bildungsbegriff evozieren. Stichworte wie Umwelt, Frieden,
Kommunikation, globale Gerechtigkeit ete. charakterisieren nur ganz knapp
die Denkrichtung, ohne damit schon gültige inhaltliche Konzepte
vorzuformen.
2. Die Schule kann nicht mehr von der
willkürlichen „Formbarkeit“ des Schülers ausgehen, sondern muss die
„Entfaltung der Persönlichkeit“ (früher sagten wir dazu Emanzipation!) zum
Ziel haben, wobei diese Persönlichkeit als soziales Wesen mit Biographie und
Geschichte zu verstehen ist – und damit notwendig mit den Problemen der
ersten Zielbestimmung konfrontiert wird.
Die Dialektik dieser beiden Zielbestimmungen
macht das Wesen der Schule aus; sie kann nicht in ein „Entweder‑Oder“ und
auch nicht in ein „Erst-und‑Dann“ aufgelöst werden. Beides zusammen ist die
Grundlage unseres Anspruches, Schule zunächst und vorrangig als gemeinsamen
Lebens‑ und Zusammenlebensort aller an der Schule beteiligten Personen zu
verstehen, wie es in der genannten Publikation des „Emder
Arbeitskreises“
ausgeführt worden ist. Daraus ergeben sich aber auch negative Paradigmen
für eine Schulreform, die sicherlich in der Praxis Kontroversen auslösen
werden:
3. Die Schule muss ihre gesellschaftliche
Auslesefunktion letztlich aufgeben, was gleichbedeutend mit einer tief
greifenden Gesellschaftsreform sein wird und die Funktion des „gegliederten
Schulwesens“ infrage stellt. Das Phantom „Hochschulreife“, ohnehin heute nur
noch eine Fiktion, muss neu überdacht und definiert werden. Eine stärkere
institutionelle Verklammerung der verschiedenen Bildungseinrichtungen könnte
zu einer Entpauschalisierung der formalen Abschlüsse führen, was wiederum
positive Lebensperspektiven öffnet.
4. Die Schule muss den traditionellen
Fächerkanon aufgeben und sich neu legitimierten Inhalten und Arbeitsformen
öffnen, was weit reichende Konsequenzen für die Lehrerausbildung, für die
Entwicklung und Erhaltung der Fachkompetenz der Lehrer und für die
Darstellung der schulischen Leistungen in der Öffentlichkeit hat.
5. Die Schule darf sich nicht als Ort der
Vermittlung von Lernzielen an die Schüler verstehen („Der Schüler soll...“),
sondern hat ihre Aufgaben als gemeinsame Zielbestimmung von Lehrern,
Schüler und gesellschaftlicher Institution anzunehmen („In der Schule
soll...“).
(b) Die
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
Alte Erklärungsmodelle des Rechtsradikalismus
und des Neonazismus sind in ihrer Erklärungsreichweite defizitär oder auch
von der heutigen gesellschaftlichen Entwicklung überholt. Vor allem gilt
das für die in der Pädagogik vorherrschenden individual‑ oder
sozialpsychologisch argumentierenden Modelle. Als Erklärungen für
rechtsradikale Dispositionen sind diese Ansätze, die sich der
tiefenpsychologischen Anthropologie (Freud, Adler, Reich)
verpflichtet wissen, auch heute noch aufschlussreich und wissenschaftlich
fruchtbar.
Die F‑(=Faschismus‑)Skala
von Adorno hat in ihrer Rezeption durch die ersten wissenschaftlich
ausgebildeten Politiklehrer neben den Theorien von Kühnel erheblichen
Einfluss auf die politikdidaktische Annäherung an das Faschismusproblem
seit den siebziger Jahren gehabt. was sich in einer Reihe von Schulbüchern
und Unterrichtsmaterialien spiegelt.
Schwierigkeiten in der pädagogischen Umsetzung,
eher schon eine Barriere gegenüber der üblichen schulischen Kommunikation
war die wissenschaftlich zentrale Betonung der Sexualpathologie der
faschistisch‑autoritären Gewalttäter. Zu Adornos F‑Skala
wird dabei z.B. als ein Charakteristikum des „autoritären Charakters“
exemplarisch ausgesagt:
… (1) „Sexualität. übertriebene Beschäftigung
mit sexuellen »Vorgängen«„: Hier geht es um die Messung ich-fremder
Sexualität, um die Neigung, das Sexualleben anderer anzuschnüffeln und zu
verwerfen. Menschen mit dieser Tendenz sprechen sich für harte Bestrafung
bei der Verletzung der herrschenden sexuellen Normen aus. Unnachsichtig
richten sie ihre Abscheu und Verfolgungslust vor allem gegen Teilnehmer an
sexuellen Orgien, Homosexuelle und Sexualverbrecher. Derartige
Sexualfeindschaft lässt darauf schließen, „dass die eigenen sexuellen
Triebe des Individuums unterdrückt werden und in Gefahr sind, seiner
Kontrolle zu entgleiten“.
Das Zitat zeigt auffällige aktuelle Bezüge zu
neonazistischem Verfolgungswahn z.B. im vergangenen Jahr in Dresden!
Doch gerade diese Thematik in der Schule – durch nicht eigens
sexualpädagogisch ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer und oft gegen
massiven Widerstand von konservativen Kollegien und Elternschaften –
adäquat aufzubereiten, stößt an meist unüberwindliche Kompetenzhürden.
Hier stellt sich das für die Beschäftigung mit dem Neonazismus grundlegende
Problem, wieweit überhaupt die Schule in der Lage sein kann (und darf),
individualpsychologisch verankerte Problemlagen und Charakterdeformationen.
die auch anwesende Schülerinnen und Schüler unmittelbar berühren können,
aufzugreifen und zu thematisieren.
Für die Binnenorganisation neonazistischer
Gruppen, die deutlich differenziertere Züge trägt, als es das klassische
Erklärungskonzept des „autoritären Charakters“ erwarten lässt, hat Thomas
Ziehe in seinem Narzissmuskonzept interessante und aufschlussreiche
Ansätze gefunden und auch in didaktische Entwürfe umgesetzt – wenn auch in
einem breiteren psychologischen Zielrahmen, der nicht auf das
Faschismusproblem hin konzentriert ist. Die ausschließlich
individualpsychologisch orientierte Erklärungsrichtung zeigt sich z.B. in
folgendem Zitat:
„... Die derart im Unbewussten aufbewahrte
Erinnerung an den (narzisstisch‑oralen) Glücks‑ und Lustzustand ist fortan
entscheidender Richtpunkt für das eigene glücks‑ und lustorientierte
Verhalten. Die betreffende Persönlichkeit ist eigentlich ständig „auf der
Suche“ nach der Wiederherstellung der ursprünglichen narzisstisch‑oralen
Erfahrung, ohne dass dieses Ziel dem Bewusstsein ohne weiteres zugänglich
wäre. Die Beziehung zu anderen Menschen werden also in diesem Fall
durch narzisstisch-orale Sehnsüchte geprägt‑ Man will ständig „Nähe“
erfahren, bleibt dabei aber stets auf sich selbst bezogen. Man ist
„unersättlich“ in den Bedürfnissen an die anderen, will aber dabei stets
nur die eigene „Größe“ bestätigt finden.“
Deutlich wird schon auf den ersten Blick, dass
diese psychische Problemsituation heute weit verbreitet, wenn nicht typisch
für die postindustrielle Gesellschaft ist und von den klassischen Konzepten
des autoritären Charakters stark abweicht. Doch die Beobachtung
narzisstischer Charakterzüge in Neofaschistischen Gruppen ist durchaus
signifikant. Nimmt man das Apathiekonzept von Roloff zur Erklärung
antidemokratischer Einstellungen mit hinzu, ergibt sich eine Fülle
verwirrender und undeutlicher psychologischer Zuordnungen.
Es ist daher sicher nicht voreilig, den
psychologischen Erklärungsansatz insgesamt skeptisch und in seiner
Reichweite als nicht ausreichend zu betrachten. Das betrifft beide
Betrachtungsweisen: Die genannten psychologischen Konzepte haben keine
hinreichende Trennschärfe, da sie größere Teile der Bevölkerung kennzeichnen
als nur die rechtsradikalen Gruppen oder auch nur potentiell rechtsradikale
Wähler; zudem sind verwirrende psychologische Überschneidungen zwischen
autoritärer Disposition, Narzissmus und politischer Apathie zu verzeichnen,
die die exklusive Realität des gemeinten Signifikats zweifelhaft werden
lassen. Andererseits finden wir, und das ist hinreichend sicher erwiesen,
in neonazistischen, rechtsradikalen und gewalttätigen Gruppen Personen mit
weit auseinander fallenden psychischen Dispositionen ebenso wie auch die
soziale Herkunft kaum noch eindeutige Präferenzen zum Rechtsradikalismus
erkennen lässt.
Das einzige, was allgemein ausgesagt werden
kann, ist die Tatsache, dass wohl alle radikalen und gewaltbereiten
Rechtsradikalen biographische Verletzungen und Verformungen erlitten haben
und in ihrer politischen oder gruppenbezogenen Orientierung einen Weg der
individuellen Problem‑ und Konfliktlösung, einen Weg aus Ängsten und
Unsicherheiten suchen. Dabei ist der ideologische Hintergrund nur insofern
wichtig, als er in der Lage sein muss, Psychische Entlastungen und
Projektionen anzubieten.
Die genannten Ansätze sind einerseits durch ihre
individualistische Sichtweise problematisch für eine didaktische Umsetzung
in der Institution Schule, die kein Psychotherapeutikum für Schülerinnen
und Schüler, für Einzelne also, sein kann und darf, sondern kollektive
Lernsituationen und gruppendynamische Interaktionsformen anzubieten hat, auf
der anderen Seite wird ihr analytischer Wert über die konkrete Fallanalyse
hinaus zur Aufdeckung gesamtgesellschaftlicher Zusammenhänge, vielleicht
auch angesichts des tief greifenden gesellschaftlichen Wandels, immer
fragwürdiger.
Wir sehen uns also gezwungen, nach
gesamtgesellschaftlichen Erklärungskonzeptionen zu suchen, die uns die
aufgezeigten Widersprüche verständlicher machen können. Der primäre Ansatz
ist dabei die Erkenntnis. dass die Wahrnehmung der Alltagsrealität und die
gesellschaftlichen Realitätsdefinitionen sich in den letzten Jahrzehnten
schnell und grundlegend geändert haben. Das hat unmittelbare Folgen für die
politische Kultur einer Gesellschaft, ebenso wie für die Einschätzung der
eigenen Situation in der sozialen Umwelt. Die Schule hat dabei einen immer
bedeutungsloser werdenden Anteil an den grundlegenden
Enkulturationsprozessen der Jugendlichen.
Dazu kommt die Beobachtung, dass die
dominierenden Vorstellungsinhalte heute von Medienfiktionen, fiktionalen
Leitbildern, Werbestereotypen des Konsums durchdrungen sind, dass diese
Vorstellungsinhalte bereits maßgeblich das Sozialverhalten und die
Wertfindung bestimmen (dass dies früher durch Glaubenserzählungen, Literatur
und Erziehung Parallelen hatte, ist unbestritten; die qualitative
Andersartigkeit der heutigen Bewusstseinsbildung ist jedoch in der
Literatur, z.B. bei Postman,
hinreichend nachgewiesen worden)...
Wichtig in unserem Zusammenhang ist jedoch, dass
dieser Befund eine wirkungsmächtige Realität bezeichnet und nicht nur ein
„falsches Bewusstsein“ aufdeckt. Dazu führen Lissmann u. a.
Grundsätzliches aus: „Die spezifische Differenz zwischen Ideologie und
realer Struktur der Gesellschaft, aus der die bürgerliche Ideologiekritik
von Bacon über Helvétius und Holbach bis Nietzsche
und Karl Kraus ihr Pathos zog, ist immer mehr im Schwinden. Ideologie
wird zur Verdoppelung der Realität (Adorno). Diese Einbeziehung der
ideologischen Formen in die gesellschaftliche Totalität hat zwei
Konsequenzen: Zunächst lässt sie das Konzept der Konfrontation von
Ideologie und Realität obsolet werden. Es schwindet die Möglichkeit der
Ableitung ideologischer Formen unmittelbar aus der Konfrontation mit der
Realität.“ Die Behandlung von Situationsdeutungen als bloßes Anhängsel
materieller Faktoren wird... zu einem „Symptom von Vulgärmarxismus“. Auf der
anderen Seite aber wächst der Ideologiekritik eine neue Dimension zu:
dadurch, dass Ideologie und Realität immer mehr zu zwei Seiten des
gleichen gesellschaftlichen Wesens oder Unwesens werden. „weil [...]
Ideologie und Realität derart sich aufeinander zu bewegen; weil die Realität
mangels jeder anderen überzeugenden Ideologie zu der ihrer selbst wird,
ist Ideologiekritik zugleich Kritik der Realität.“
Es wird für den Politikunterricht angesichts
dieser Situation immer schwerer, sein didaktisches Potential, dass er aus
der klassischen Ideologiekritik zieht, umzusetzen und zu rechtfertigen.
Bleibt doch diese Kritik weitgehend folgenlos. Eine Umsetzung kritischen
Denkens in der gesellschaftlichen Praxis findet kaum noch statt.
Sloterdijk zieht daraus eine überraschende Konsequenz: „Zynismus
ist das aufgeklärte falsche Bewusstsein.“
„Es ist das modernisierte unglückliche
Bewusstsein, an dem die Aufklärung zugleich erfolgreich und vergeblich
gearbeitet hat. Es hat seine Aufklärungs‑Lektion gelernt, aber nicht
vollzogen und wohl nicht vollziehen können. Gut situiert und miserabel
zugleich fühlt sich dieses Bewusstsein von keiner Ideologiekritik mehr
betroffen; seine Falschheit ist bereits reflexiv gefedert. ... Logisch
handelt es sich um ein Paradox, denn wie könnte und dürfte aufgeklärtes
Bewusstsein noch ein falsches sein. Genau darum geht es hier.
Handeln wider besseres Wissen ist das globale
Überbauverhältnis heute; es weiß sich illusionslos und doch von der »Macht
der Dinge« herabgezogen. So erscheint in der Realität als Sachlage, was in
der Logik als Paradox, in der Literatur als Witz gilt; das formt eine neue
Stellung des Bewusstseins zur »Objektivität«... Ohne Sarkasmus kann es kein
gesundes Verhältnis heutiger Aufklärung zu ihrer eigenen Geschichte geben.“
Einem sarkastischen Politikunterricht stehen
entwicklungspsychologische Einsichten entgegen; bleibt nur noch die
Resignation? Oder findet der Politikunterricht neue Kraft aus einem
immanenten, didaktisch umgesetzten Sarkasmus, mit dem er einen neuen Blick
auf seine Inhalte wirft und Kraft zu grundsätzlichem Perspektivwechsel
findet? Die klassischen Ansätze der Politik‑ und
Gesellschaftswissenschaften machen es ihm nicht leicht. Im Bereich der
Wissenschaft ist die Skepsis gegenüber dem Realitätsgehalt unserer
politischen Paradigmen viel größer, als es die Politikdidaktik meist wahr
haben will. Dazu zwei Beispiele: Die 1988 verstorbene Nestorin der
keynesianischen Wirtschaftstheorie, Joan Robinson,
Cambridge, schreibt über den Zustand der heutigen Volkswirtschaftslehre:
„Nicht allein die Wirtschaftskrise hat den
Bankrott der akademischen wirtschaftstheoretischen Lehre deutlich gemacht.
Die Gedankenstrukturen, die sie vermittelt, hatten sich schon lange vorher
als hohl erwiesen. Sie bestanden aus einer Reihe von Annahmen, die kaum zu
der Struktur und der Entwicklung der Wirtschaft, die sie abbilden sollten,
in Beziehung standen... Die sachlich dringendste Frage ist: Weiches ist das
Merkmal eines privatwirtschaftlichen Systems, das die reichste Nation, die
die Welt gesehen hat, dazu verdammt, einen erheblichen Teil ihrer
Bevölkerung in dauernder Ignoranz und Elend zu halten?
Die Professionellen Ökonomen richten einen
Nebelvorhang von »Theoremen«, »Gesetzen« und »Austauschbeziehungen« auf,
der verhindert, dass solche Fragen gestellt werden. Diese Situation ist
‑glaube ich‑ unvermeidlich. in jedem Land werden Bildungsinstitutionen im
Allgemeinen und die Universitäten im besonderen direkt oder indirekt von
den etablierten Mächten unterstützt, und ihre erste Pflicht, ob in Chicago
oder in Moskau, ist, ihre Schüler vor dem Kontakt mit gefährlichen
Gedanken zu bewahren.“
Unsere kritische Situationsdeutung kann nun,
folgen wir Lissmann u.a.,
nicht damit schließen, hier wiederum der Ideologiekritik Robinsons
zuzustimmen und allein nach einer neuen Theorie zu verlangen; darüber geht
die Abschlussfrage des Aufsatzes von Robinson ja schon deutlich
hinaus, wenn auch noch das klassische Interpretationsmuster der
Ideologiekritik, die Interessenaufdeckung, hervor scheint. Es sind
kritische Überlegungen zur Realität selbst zu machen. Und schon wieder kommt
der politologische Blick in Zweifel, zieht er eine durchaus positive
Chancen aufzeigende Analyse unserer „postindustriellen“ Gesellschaft durch
Offe, den ja gerade kritisch‑linke Perspektiven auszeichnen, heran:
„Der Übergang von einer kapitalistischen zu
einer postkapitalistischen Gesellschaft, die möglicherweise mit dem
übereinstimmt, was wir uns unter einer sozialistischen Gesellschaft
vorstellen, könnte ähnlich strukturiert sein: Nämlich, dass gerade diese
Maßnahmen, die abgestimmt sind auf die Kontinuitätssicherung der
gegenwärtigen Gesellschaft, Strukturverschiebungen mit sich bringen im
Zusammenwirken von Krise und Klassenkonflikt, die sich dann hinterher als
etwas herausstellen, das nicht eindeutig der kapitalistischen
Produktionsweise mehr zuzurechnen ist. Dies geschieht nicht als ein
unbeabsichtigtes Hineinschlittern in die Alternative, sondern es geschieht
– so könnte ich mir das vorstellen und so könnte ich es mir auch als eine
politisch relevante Perspektive vorstellen – als ein bewusstes Aufgreifen
von Möglichkeiten, die im Gesamtzusammenhang des ökonomisch‑politischen
Systems in Krisensituationen aufkommen... Es könnte sein, dass genau jene
krisenunterdrückenden oder krisenregulierenden oder die Krisen am
unkontrollierten Sich‑Auswachsen hindernden Steuerungsversuche ihrerseits zu
einer Repolitisierung des Produktionsverhältnisses führen, so dass, was man
gar nicht im Blick auf eine neue Gesellschaft getan hat, sondern gerade
getan hat, um die bestehende Gesellschaft im ganzen funktionsfähig zu
halten, sich unterderhand und wider Willen auswächst zu einer so
wesentlichen Modifikation der Produktionsverhältnisse, dass man, nachdem
das passiert ist, nicht mehr davon sprechen kann, dass es sich noch um die
alte Gesellschaft handelt.“
Diese Perspektive verdüstert sich jedoch bald,
wenn im Weltmaßstab argumentiert wird. Als Ergebnis einer hochkarätigen
entwicklungspolitischen Tagung in Tunis fasst der Würzburger Geograph Konrad
Schliephake prägnant zusammen:
„Die klassischen, aus den Industrieländern
stammenden Entwicklungstheorien haben sich als Instrumente nicht bewährt.
Neue einheitliche (ökonomische) Ansätze gibt es nicht, vielmehr müssen auf
der Basis interdisziplinärer Forschung (unter Einbeziehung
geographisch/ökologischer Gesichtspunkte) kleinräumliche Analysen und
Lösungsansätze erarbeitet werden. ...Die internationale Entwicklung
beeinflusst durch den Verfall der Rohstoffpreise, Stagnation der Finanzhilfe
(auch durch arabische Erdölförderländer) und Abschluss der Arbeitsmärkte
den Maghreb negativ. Über mögliche theoretische Ansätze und praktische
Schritte zur Lösung der Situation herrscht bei Wissenschaftlern und
Politikern Uneinigkeit. Während die Mehrheit des Plenums den Monetarismus
der Weltbank (Kosten‑Nutzen‑Denken z.B. im Bereich Erziehung und
Gesundheit) ablehnt, ist man sich einig, dass die private Initiative (z.B.
der Bauern und Handwerker) stärker gefördert werden muss ...“
Die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse, die
wir zur Fundierung einer gesellschaftsadäquaten Didaktik befragt haben.
führen zu verwirrenden Einsichten: Die Gesellschaftswissenschaften stehen
in einer Krise und Umbruchsituation, traditionell bewährte Theorien und
fachliche Selbstverständnisse versagen angesichts einer sich wandelnden
gesellschaftlichen Realität sowohl im innergesellschaftlichen wie im
internationalen Bereich, die Unübersichtlichkeit und komplexe Verwobenheit
der Prozesse und Wirkungsgefüge vermindert den Prognosewert der
wissenschaftlichen Aussagen erheblich.
Neuere sozialwissenschaftliche Zugänge können
dennoch helfen, Kontinuitäten und Brüche bzw. Diskontinuitäten in der
derzeitigen Entwicklung zu unterscheiden und zumindest die Problembereiche
zu skizzieren, mit denen sich die Pädagogik konfrontiert sieht. Bestimmte
Bereiche der Politischen Kultur wirken fort und prägen Bewusstsein und
Alltagsverhalten:
-
die verstaatlichte Nationenbildung, die sich
als Globalstruktur durchgesetzt hat (Elias);
-
die Gleichsetzung von militärischer Potenz,
Bereitschaft zur Kriegsdrohung und nationaler Souveränität (Staat als
Träger der militärischen Macht, Krippendorff).
-
Infrage gestellt wird im westeuropäischen
Alltag jedoch immer häufiger zumindest von einzelnen Sozialgruppen vor
allem auch im Bereich der »Jugendkulturen« das zivilisatorische
Selbstverständnis:
-
der »Prozess der Zivilisation« (Elias)
scheint brüchig zu werden auch was die Rituale und Routinen des
Alltagsverhaltens angeht (eine Erniedrigung der „Peinlichkeitsschwellen“,
Aufgabe „höflicher“ Umgangsformen), was zu erhöhten, unkalkulierten
Konflikten in der Massengesellschaft führt;
-
das staatliche Gewaltmonopol wird immer
häufiger infrage gestellt oder negiert, seine friedensstiftende Funktion
wird nicht mehr geglaubt und der Gewaltcharakter deutlicher empfunden.
Andere (für die herrschenden Eliten noch
existente) Leitstrukturen der Gesellschaft haben sich jedoch schon
weitgehend aufgelöst. Ulrich Beck in seinem Werk über die
„Risikogesellschaft“
sieht die klassischen Sozialstrukturen in der Folge des Wandels in der
Arbeitswelt und forciert durch die „Informationsgesellschaft“ mit ihren
neuen Leitbildern und Verhaltensangeboten (vgl. dazu auch wieder Postman)
abgelöst durch die gesellschaftliche Individualisierung:
„Der Motor der Individualisierung läuft auf
vollen Touren, und es ist insofern nicht erkennbar, wie neue, dauerhafte
soziale Lebenszusammenhänge, vergleichbar mit der Tiefenstruktur sozialer
Klassen, überhaupt gestiftet werden können. Im Gegenteil dürften gerade in
den kommenden Jahren zur Bewältigung der Arbeitslosigkeit und zur
Ankurbelung der Wirtschaft soziale und technologische Innovationen in Gang
gesetzt werden, die Individualisierungsprozessen neue Dimensionen eröffnen.
Dies gilt für die Flexibilisierung von Arbeitsmarktbeziehungen und
insbesondere die Einführung neuer Arbeitszeitregelungen; dies gilt aber
auch für die Einführung neuer Informations‑ und Kommunikationsmedien. Wenn
diese Einschätzung zutrifft, entsteht ein eigentümliches Übergangsstadium,
in dem verbliebene oder sich verschärfende Ungleichheiten zusammentreffen
mit Elementen einer enttraditionalisierten und individualisierten
»Nachklassengesellschaft«, die nichts mit den Visionen einer klassenlosen
Gesellschaft im Sinne von Marx zu tun hat...“
Dies hat bedeutsame Folgen für die Orientierung
des Einzelnen in seiner sozialen Umwelt. Die Codes der symbolischen
Interaktion sind brüchig geworden, das Alltagsverhalten wird kaum noch
normiert durch die Selbstverständlichkeiten von Familie, Klasse und Beruf
(wobei auch hier wieder die herrschenden Oberschichten und Eliten weitgehend
ausgenommen werden müssen). Orientierung bieten Zweckbündnisse und gewählte
Sozialgruppierungen, fernseh‑vermitteltes Verhalten oder auch Moden:
„Die Menschen sind auch hier zur Bewältigung
gesellschaftlicher Problemlagen zu sozialen und politischen Koalitionen
gezwungen. Diese müssen aber nicht mehr nach einem Schema, etwa dem
Klassenschema, erfolgen. Die Isolation der gegeneinander verselbständigten
Privatexistenzen kann vielmehr durch verschiedenartigste Ereignisse und
Entwicklungen gesellschaftlich‑politisch durchbrochen werden. Entsprechend
werden Koalitionen punktuell, situations‑ und themenspezifisch und durchaus
wechselnd mit unterschiedlichen Gruppen aus unterschiedlichen Lagen
geschlossen und wieder aufgelöst“ schreibt Beck und folgert daraus,
dass: „...situations‑ und personenabhängige Zweckbündnisse im individuellen
Existenzkampf auf den verschiedenen gesellschaftlich vorgegebenen
Kampfschauplätzen“ an die Stelle von kollektiven und politischen
Interessenvertretungen getreten sind.“
Der Autoritätsverlust aller
parlamentarisch‑demokratischer Staatssysteme im Bereich der Industrieländer
gerade zu dem Zeitpunkt, da sich diese gesellschaftliche Organisationsform
anschickt, ein globales Monopol zu beanspruchen, zeigt, dass die alten
gesellschaftlichen Fronten nicht mehr wahrgenommen werden. Dennoch sind die
sozialen Ungleichheiten nach wie vor real vorhanden und wirkungsmächtig. Das
hat gravierende Folgen für den Politikunterricht, wenn das
Schlüsselproblem »Soziale Ungleichheit« zum Verständnis
gesellschaftlicher Realitäten unabweisbar zu bearbeiten ist
(Zweidrittelgesellschaft, Arbeitslosigkeit, Nord‑Süd‑Konflikt,
Zentrum‑Peripherie‑Prozesse: alle diejenigen Themen. die erst eine
kritisch‑rationale Aufarbeitung z.B. des Rechtsradikalismus möglich machen!),
aber von der Lerngruppe gar nicht als gesellschaftliche Realität
wahrgenommen wird, sondern als persönliches Schicksal. Hier liegt auch eine
der neueren gesellschaftlichen Ursachen für die wachsende Verbreitung
rechtsradikaler Realitätsdeutungen bei Jugendlichen, die ihrer eigenen
gesellschaftlichen Zukunftsperspektive nicht sicher sind. Beck führt
dazu aus:
„Dauerhafte Konfliktlinien entstehen mehr und
mehr entlang »zugewiesener« Merkmale, die nach wie vor mit
Benachteiligungen verbunden sind: Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, ethnische
Zugehörigkeit (Gastarbeiter), Alter, körperliche Behinderungen. Derartige
»quasi‑naturvermittelte« soziale Ungleichheiten erhalten unter Bedingungen
fortgeschrittener Individualisierung besondere Organisations‑ und
Politisierungschancen aufgrund ihrer Unentrinnbarkeit, ihrer zeitlichen
Konstanz, ihrer Widersprüchlichkeit zum Leistungsprinzip, ihrer Konkretheit
und direkten Wahrnehmbarkeit und der damit ermöglichten
Identifikationsprozesse. Zwei epochale Themen treten dabei in den
Vordergrund: Die Gefährdungslagen der (Welt)Risikogesellschaft ( ... ) und
die bislang in der Familie zusammengebundenen Gegensätze zwischen Männern
und Frauen.“
Das lässt erkennen, wie sich die Auswahl der
Aggressionsopfer. der Sündenböcke gesellschaftlich determiniert. Ausländer,
Schwache, Andersartige, Behinderte etc. sind einmal im klassischen Sinne
Projektionsopfer für „Sündenbockverhalten“, auf der anderen Seite auch
Wertprovokationen gegenüber den internalisierten Werten der
Leistungsgesellschaft, die, uneingestanden, ja gerade die Ursache der
eigenen Perspektivlosigkeit ist. Die gesellschaftliche Tradition
Mitteleuropas bietet hier als gesicherten Teil der eigenen, kollektiv
bewahrten und akzeptierten politischen Kultur rechtsradikale und
nationalistisch‑aggressive Realitätsdeutungsmuster an, die der jugendliche
Neonazi ja nicht eigens erfinden muss sondern aus dem gelernten und
internalisierten Verhaltens‑ und Deutungsrepertoir übernehmen kann. Die
gewandelte binnengesellschaftliche Situation der individualisierten
„Risikogesellschaft“ nutzt damit die Kontinuität der militärisch
dominierten und aggressiven politischen Kultur des europäischen
Nationalstaates. Diese Tradition Europas, die auf Antike,
Völkerwanderungszeit und Mittelalter zurückzuführen ist, bezeichnet
Krippendorff
als kulturelle Leistung Europas: den Krieg und das Militär als
gesellschaftliche Grundlage, als „wertfreies I Mittel der Politik, als
nicht an der individuellen Moral zu messendes staatliches Verhalten
etabliert zu haben. Die verstaatliche Nation gewinnt damit metaphysische
Züge: „...der Staat, dem zu dienen die Staatsraison verpflichtet,
verdinglicht Religion als Erinnerung und ständige Mahnung an seinen sich im
Kriege beweisenden essentiell militärischen Charakter.“
Lebensverachtung und Aggression,
Ausgrenzung und Stigmatisierung von zu verachtenden Feinden, auch
wenn die entsprechende Wertvermittlung heute indirektere Formen wie zum
Beispiel bei der Kriegsberichterstattung über den Falkland‑ oder den
Golfkrieg angenommen hat, gehört zu den von der Gesellschaft angebotenen
Verhaltens‑ und Deutungsmustern:
„Im Militär als Institution, in der politischen
Sozialisation zu Einsatz und Opfer des eigenen Lebens und im Krieg als
legitimem Mittel der Politik (auch wenn »nach Möglichkeit« zu vermeiden)
enthüllt sich darum in letzter Instanz das Wesen von Staatlichkeit als
Unvernunft.“
„Es handelt sich – und darum der hier in
Anknüpfung an Musil wissenschaftlich verwendete Begriff der
»Verdummung« – um die im historischen Verlauf sehr komplexe Herausbildung
von Ersatzwirklichkeit mit ihrer eigenen und in ihren besten Ausformungen
und Denkschulen höchst intelligenten Logik. Diese kritisch zu durchbrechen
ist eine fast unlösbare Aufgabe.“
„Indem man das Recht des Staates (der
Staatsräson) über das seiner Angehörigen stellt, ist das Grauen potentiell
schon gesetzt“ sagt Theodor Adorno in seinem Vortrag
„Erziehung nach Auschwitz“. Diese Zurechtrückung der Realitätssicht
muss Ausgangspunkt und Leitlinie der antifaschistischen Pädagogik sein und
bleiben – und indem das nicht berücksichtigt wurde, musste auch das
antifaschistische Konzept des SED‑Staates scheitern.
Eine didaktisch‑pädagogische Auseinandersetzung
mit rechtsradikalem Denken muss daher unabdingbar anknüpfen an der
kritischen Aufarbeitung des europäischen Nation‑ und Staatsbegriffes, an
der verhängnisvollen, kriegsgesteuerten etatistischen Nationenbildung. Nicht
nur die Exzesse des Nationalismus sind grundsätzlich infrage zu stellen,
sondern das Prinzip der nationalstaatlichen und militärischen Souveränität
überhaupt. Dieses Staats- und Gesellschaftskonzept führt sich selbst in der
Gegenwart ad absurdum:
In der internationalen Politik dadurch, dass die
Vielzahl heutiger Kriege und bewaffneter Bürgerkriege definitionsgemäß nur
dadurch entstehen konnte, dass die nationalstaatliche Organisationsform die
einzige international anerkannte Form kultureller und gruppenorientierter
Selbstbestimmung, der demokratischen Partizipation geworden ist.
Jahrhunderte lang konnten ethnische Gruppen wie Kurden, Basken,
Tschetschenen, Turkmenen etc. relativ frei und von staatlicher Repression
unbeeinflusst leben, vielleicht von lokalen Nachbarschaftskonflikten, die
zeitlich und regional begrenzt waren oder auch einmal abgesehen von
durchziehenden Erobererheeren militärischer Usurpatoren, die letztlich auf
Dauer an Lebensform und kultureller Autochthonie kaum etwas veränderten,
ehe der nationalstaatliche Monopol‑ und Hegemonialanspruch den
Dauerkonflikt um Selbstbestimmung und Autonomie evozierte.
Nicht‑nationalstaatliche gesellschaftliche Organisationsformen sind im
europäischen Imperialismus konsequent unterdrückt und vernichtet worden:
Europa als Kontinent des Krieges und des Militärs, Europa deshalb auch als
Geburtsstätte der paramilitärischen Sozialisation und des Faschismus.
Binnenstaatlich ist diese gesellschaftliche
Organisationsform jedoch ebenfalls in eine Existenzkrise geraten, da die
ideologischen Leitideen und religiösen oder pseudoreligiösen Hierarchien an
Wirkungsmacht und Steuerungspotenz verloren haben. Die Gesellschaft
zerfällt zusehends in dysfunktional nebeneinander existierende Subsysteme,
deren eindimensionale Binnenlogik jeweils nur innersystemliche
Problemlösungen möglich macht, die meist nach einem „binären Code“ (»ja«
oder »nein« – vgl. Luhmann)
zu Entscheidungen gelangen (Wirtschaft: Gewinn oder Verlust. Politik:
Machterhalt oder Machtverlust, Pädagogik: Abschluss oder Versagen, Justiz:
Recht oder Unrecht ... etwas Drittes kann es nicht geben, auch wenn es
sozialadäquat und sinnvoll wäre). wie die Entscheidungen in einem System
auf das Funktionieren des anderen Subsystems wirken, kann kaum vorhergesagt
werden und ist für die Entscheidung selbst auch kaum bedeutsam und
bedenkenswert. Eine verantwortliche Steuerung des Gesamtsystems fehlt. die
Politik und der Staat haben sich in der herrschenden Parteiendemokratie und
angesichts des Vertrauensverlustes aus dieser Funktion zwangsläufig
abmelden müssen. Die Gesellschaft treibt durch ihre funktionalen
Zufälligkeiten auf soziale, internationale und ökologische Krisen zu, die
ihre Regelungspotentiale hoffnungslos überfordern. Das stellt die
Verbindung zur Analyse von Beck zur Risikogesellschaft her.
Die Schule kann jedenfalls nicht der Ersatz für
mangelnde gesellschaftliche Krisenlösungskompetenz sein: damit wäre sie
hoffnungslos überfordert. Ebenso wenig wie punktueller Verkehrsunterricht
das Rowdytum auf den deutschen Straßen beheben wird, einige Stunden
AIDS‑Unterricht diese Seuche stoppen werden, wird auch ein alibihafter
antifaschistischer Unterricht das Problem der rechtsradikalen Traditionen in
Deutschland bewältigen können. Die Schule hat nur die Chance, im
Zusammenwirken mit anderen gesellschaftlich verantwortlichen Gruppen die
Tendenzen der Rationalität, des Antimilitarismus zu stärken, Schülern
gesellschaftliche Perspektiven, Verhaltensalternativen und soziale
Fähigkeiten zu vermitteln und Verantwortung zunächst einmal für die eigene
Lerngruppe zu übernehmen. Diese Perspektive ist zwar beschränkt und
bescheiden, aber wohl die einzige. die eine verantwortliche pädagogische
Wissenschaft heute anzubieten hat.
V. Umfassendere didaktische
Konzepte
(a) Allgemeine didaktische Prämissen
Für die Unterrichtspraxis sind einige konkrete
Konsequenzen aus der umfänglichen Situationsanalyse zu ziehen. Es ist
zunächst festzuhalten, dass es nicht möglich und sinnvoll sein kann, eine
spezielle „pädagogische Sonderbehandlung“ für Schülergruppen mit
rechtsradikalen Mentalitäten zu entwickeln, ebenso wenig wie es noch
vertretbar ist, eine aussondernde spezielle „Ausländerpädagogik“ zu
betreiben. Beides führt zu zwanghaften Außendefinitionen der betroffenen
Gruppen, die schlimmstenfalls zu dauernder Stigmatisierung, Ausgrenzung und
damit Verfestigung des Bewusstseins einer gesonderten Gruppenexistenz
führt. Absondernde und zu Aggressivität neigende Verhaltensweisen werden
dabei gefördert.
Das Ziel muss es sein, eine integrative, für
alle Schülerinnen und Schüler sinnvolle didaktische Konzeption zu finden.
Die Aussagen über die Unübersichtlichkeit, Fraktionierung und
bewusstseinsmäßige Verfremdung der Realität in der modernen Gesellschaft,
in der die bisherigen Ordnungskategorien Klasse, Familie, Berufsstatus oder
Parteien‑ und Verbandszugehörigkeit ihre orientierende und prägende Funktion
zunehmend verlieren und in der der funktionale Kontext der
gesellschaftlichen Systeme verloren gegangen ist und funktionale
Wirkungsprognosen kaum noch möglich sind (die Krise der wissenschaftlichen
Politikberatung erweist es), kann die Schule nicht die verloren gegangene
Position eines Steuerungs‑ und Werterhaltungszentrums einnehmen, sondern
muss sich in ihren Ansprüchen und Erfolgserwartungen beschränken und auf
die konkrete Schülerpopulation der eigenen Lerngruppe konzentrieren.
Die normative Festlegung eines Wissens‑
oder Grundbildungskanons erscheint unsinnig und vergeblich,
die traditionellen Fächerbezüge und Stundenkontingente haben vor allem
traditionellen Wert und sind primär durch die Lehrerausbildung und
Unterrichtskompetenz festgeschrieben. Langfristiges Ziel muss es sein,
dieses enge strukturelle Korsett aufzubrechen, um fähigkeits‑ und
problemorientierten Vermittlungsformen näher zu kommen. Das System der
»Schlüsselprobleme« nach Klafki erscheint dafür ein
akzeptabler Ansatz zu sein.
Zieldimensionen eines didaktisch erneuerten
Unterrichtes über die Fächergrenzen hinweg (und tatsächlich im Prinzip in
allen Fächern zu realisieren) sind:
1. Primat der Kommunikationsfähigkeit:
Miteinander Sprechen lernen, Sprechen über das
Sprechen (Metakommunikation), Verständigung und Verständnis suchen,
Chancen der formalisierten Sprachen der Naturwissenschaften und der Technik
nutzen, eine gemeinsame, auch inhaltlich fundierte Semantik der
Verständigung zu finden.
2. Orientierung an Interaktionsmodellen:
Aus der Kommunikation muss das gesellschaftliche
Miteinander folgen. gesellschaftliche Existenz ist Interaktion. In der
Schule bedeutet das Abgehen von lehrerzentrierten Unterrichts‑ und
Interaktionsformen zu Gruppen‑ und Partnerarbeit, „round‑tabel“‑Arbeitsformen,
zum gemeinsamen Abstecken der Lern‑ und Arbeitsziele.
3. Entwickeln gemeinsamer Sinnverständnisse:
Indem Lernen und gesellschaftliche Interaktion
nicht als etwas strukturell Verfestigtes, auf starre Gruppennormen
Bezogenes Verstanden wird, eröffnet sich die Einsicht, dass
Realitätswahrnehmung und Sinnverständnis nicht fest vorgegeben sind (im
Sinne „ewiger Wahrheiten“) sondern im gesellschaftlichen Prozess und im
rational begriffenen Konflikt erarbeitet werden müssen. Perspektivwechsel,
Neugier und Identifikation mit dem jeweiligen Anderen sind Voraussetzungen,
Sinnverständnisse zu entwickeln, die die Dissonanzerfahrung von Individuum
und gesellschaftlicher Umwelt verständlich, erträglich und politisch
beeinflussbar machen. Die gemeinsame Arbeit an Sinnverständnissen fördert
die Sozialfähigkeit des Individuums.
Drei „Modelle“ der Umsetzung dieser Einsichten
sollen im Folgenden kurz angerissen werden:
1. das „Modell Projektarbeit“, durch das
innerhalb des traditionellen Fachunterrichts wie im außerfachlichen
Bereich [Projekttage, Projektwochen) der methodische Zugang zur
Problembearbeitung erneuert werden soll,
2. das „Modell interkulturelles Lernen“,
durch das inhaltlich und didaktisch neue Stoff‑ und Problemzugänge gefunden
werden sollen, bei denen Selbstdistanz und kommunikative Reflexivität in den
Mittelpunkt gestellt werden,
3. das „Modell UNESCO‑Projekt‑Schule“, durch
das eine neue Zielorientierung für eine ganze Schulgemeinschaft gefunden
werden kann, die die innovativen pädagogischen Ansätze gemeinsam umzusetzen
versucht, ob nun im Rahmen der offizielle UNESCO‑Schulen, in einem Konzept
der „school in community“ oder in eigendefinierten Profilen.
(b) Projektarbeit
Im Rahmen unseres thematischen Ansatzes – einer
neu definierten antifaschistischen Pädagogik, die sich dem Konzept des
interkulturellen Lernens verpflichtet weiß – kommt der Projektarbeit im
weitesten Sinne eine zentrale Bedeutung zu, die nicht nur als methodisches
Instrument zu begründen ist, sondern neue, auch die Inhalte anders
strukturierende Lernformen ermöglicht. Projektarbeit orientiert sich an den
Forderungen des Primates kommunikativer und interaktiver Arbeitsformen, die
die traditionelle lehrerzentrierte Wissensvermittlung ablösen sollen.
Theoretischer Hintergrund ist der Rekurs auf
eine zentrale pädagogische Wertsetzung: Schülerinnen und Schüler nicht als
zu beschulende Objekte, als Empfänger der Wissensvermittlung zu begreifen,
sondern als Subjekt ihrer eigenen Biographie und als mitverantwortlich für
die Gestaltung der sozialen Gestalt, die dem Unterricht zugrunde liegt.
Projektunterrichtsformen gehen von einem
Menschenbild aus, in dem jedes menschliche Verhalten und jede menschliche
Affektäußerung zunächst als begründbar und als ernstzunehmende Realität
wahrgenommen wird. Manipulative Vermittlungsformen („Gehirnwäsche“ und
„Indoktrination“) werden als zulässige pädagogische Formen grundsätzlich
abgelehnt.
Wo kann Projektunterricht nun eingesetzt werden
und wie sieht Projektunterricht aus? Zunächst ist die Spannweite der
möglichen Arbeitsformen hervorzuheben: von am Projektarbeiten orientierten
einzelnen Unterrichtsphase im konventionellen Fachunterricht, über längere
Projektphasen im Fachunterricht der Klasse oder des Kurses, vielleicht sogar
mit interdisziplinärem Ansatz oder im team teaching, bis hin zu
gesonderten Projektveranstaltungen als Projekttage oder Projektwochen –
die einer besonderen Beachtung entsprechender länderspezifischer Erlasse
voraussetzen – kann Projektarbeit wirkungsvoll werden, ganz abgesehen von
der noch utopischen Perspektive einer Schulreform, die vom klassischen
Stoff‑ und Fächerkanon grundsätzlich abgeht und das Arbeiten in thematischen
Projekten zum Ausgangspunkt des Schulauftrages macht.
Projektunterricht ist grundsätzlich in allen
Fächern und Altersstufen einzusetzen. Um Einwänden zuvor zu kommen:
Bestimmte Bereiche der grundlegenden Kulturtechniken und manche Formen
repetiven Lernens stehen sicherlich außerhalb des eigentlichen
Projektlernens und erfordern die individuelle Auseinandersetzung mit
Lernanforderungen. Doch können diese auch, wie die Grundschulpädagogik
erwiesen hat, in lockerer, spielerischer, z.T. auch partnerbezogener Form
sozial eingebunden und interaktiv ausgestaltet werden. Damit ist aber
keineswegs gemeint, Unterricht seines grundsätzlichen Ernstes zu berauben –
dazu ist der Respekt vor der aufgewendeten Lebenszeit der Schülerinnen und
Schüler zu groß! – und zu einer an Medienvorbildern orientierten
Unterhaltungsveranstaltung oder Show verkommen zu lassen, was Postman
zu Recht scharf kritisiert!
Folgende Charakteristiken kennzeichnen die Projektarbeit:
-
Projektarbeit ist ergebnisoffen,
-
Projektarbeit ist produkt‑ (ergebnis‑)orientiert,
-
Projektarbeit wird von der Lerngruppe
gemeinsam geplant, strukturiert und in ihrem Erfolg (laufend) überprüft
und kontrolliert,
-
Projektarbeit greift über Fächergrenzen
hinaus, wenn dies zum Erreichen des gesetzten Zieles erforderlich ist,
-
Projektarbeit nutzt vielfältige Formen
des Realitätszuganges. der Empirik und der in die Schule von der
Lerngruppe selbst hereingebrachten Informationsmaterialien und Medien und
richtet sich nicht nach einer vorgegebenen Materialsammlung oder
Unterrichtsstruktur,
-
Projektarbeit fordert vom Lehrer, sich
in die Lernprozesse der Gruppe mit einzubeziehen und seine Kompetenz zum
Gelingen des Projektes zur Verfügung zu stellen.
Eine wichtige Aufgabe des Lehrers ist es, die
oft noch nicht hinreichend entwickelten instrumentellen Fähigkeiten der
Schülerinnen und Schüler im Auge zu behalten und zu helfen,
Gruppenarbeit, Partnerarbeit, Diskussionen und Gespräche, Materialzugänge,
Bibliotheksarbeit, Gespräche mit Außenstehenden... sinnvoll zu planen,
zu erproben und weiter zu entwickeln.
Umfassendere Projektveranstaltungen wie
Projektwochen können dann sehr unterschiedlich strukturiert sein. Eine im
Thema »offene Projektwoche« hat das Ziel, in gemeinsamer
Planungsarbeit eine Vielzahl von Themen und Arbeitsformen zu projektieren,
die in der sonstigen Schulroutine zu kurz kommen, die Schülergruppen
ansprechen, deren Lebensrealität von der Schule in der Regel nicht adäquat
angesprochen wird, die deutlicher dem Aktualitätsprinzip folgen, als beim
„normalen“ Unterricht sonst üblich ist. Das bietet bei einer entsprechenden
Projektstrukturierung die Chance, ausgegrenzte oder sich ausgrenzende
Gruppen anzusprechen. zu interessieren und manchmal erstmalig wirklich in
gemeinsame Kommunikations‑ und Interaktionszusammenhänge mit
einzubeziehen. Das gilt sowohl für rechtsradikale Gruppen wie auf der
anderen Seite für Gruppen mit Enkulturations‑ und
Akkulturationsschwierigkeiten. Es gilt dabei der Satz von Rosenstein:
„Dem Schüler bis auf die Ebene der Waffentechnik folgen!“ Das bedeutet
natürlich nicht: dort auch stehen bleiben, sondern: ihn dort „abzuholen“,
seine Interessen ernst zu nehmen und ihre Integration in umfassendere, d.h.
auch „kritischere“ Realitätszusammenhänge anzustreben! Die Themenwahl sollte
dabei sehr ernst genommen werden: eine Veränderung der Schule durch den
Aufbau neuartiger Interaktionsformen, durch neue Zugänge zu sozialem
Lernen soll angestrebt werden. Alte ausgrenzenden, partikularistischen
Sonderinteressen sollten keinen Zugang finden: die Projektwoche ist ein
Teil sozialintegrativen, und das heißt auch interkulturellen,
Lernens.
Eine andere Form der Projektwoche ist die
themengebundene Veranstaltung, bei der ein integrativ bedeutsames
Rahmenthema gefunden wird („Veränderung unserer Schule“, „Europa und die
Welt“, „Armut und Reichtum“, „Religionen in der gegenwärtigen Welt“ usw.),
zu dem die verschiedenen Arbeitsgruppen aus unterschiedlichen Perspektiven
und Themenzugängen heraus beitragen.
Der Abschluss einer Projektwoche ist eine
Schulveranstaltung, bei der die Arbeitsergebnisse vorgestellt werden und von
den einzelnen Arbeitsgruppen im Gespräch oder in einer Präsentation
erläutert werden können Ausstellung im Schulgebäude, Theater‑, Kabarett‑
oder Musikdarbietung, Podiumsdiskussion mit (prominenten?) Gästen,
gemeinsame Aktionen (Spiele, Rätsel, Mitmachveranstaltungen). Die Eltern
sollten dazu eingeladen werden. Den abendlichen Abschluss können ein
Schulfest, ein Fest der Völker, ein gemeinsam zubereiteter Abendimbiss oder
andere festlichere Zusammenkommensformen bilden.
Alles dies sind nur Anregungen, um die
Reichweite des Projektgedankens zu skizzieren. Es wäre aber zu wenig, wenn
nur eine erfolgreiche Projektwoche durchgeführt würde und der Rest des
Jahres in Schulroutine erstickt. Die Anregungen (thematischer oder
sozialintegrativ‑methodischer Art), die die Projektwoche vermittelte, müssen
im Unterricht aufgegriffen und fortgeführt werden. Vieles an neuartigen
Unterrichtsformen kann in projektorientiertem Fachunterricht zum
Alltagsrepertoir werden.
(c) Interkulturelle
Erziehung
Interkulturelle Erziehung – respektive
interkulturelles Lernen – ist etwas anderes als die klassische
„Ausländerpädagogik“. Ausländerpädagogik wendet sich an eine definierte
Zielgruppe und versteht sich als kompensatorische Minderheitenförderung,
die sich an spezifischen Sprach‑, Integrations‑, Orientierungs‑ und
Sachwissensdefiziten misst. In einer Einführungsphase hat eine solche,
besser aber in besonderen Kursen zu absolvierende Förderung ihre Bedeutung,
um grundlegende Verständnisbarrieren zu überwinden, z.B. in einem deutschen
Sprachkurs. Als dauerndes Angebot ist Ausländerpädagogik aber sowohl vom
Ziel wie von der Funktion her problematisch, und zwar aus zwei sich formal
scheinbar widersprechenden, tatsächlich aber dialektisch aufeinander
bezogenen Gefahren:
Das Ziel der Integration ist
problematisch, da auf der einen Seite längerfristig Integration aus
deutscher Perspektive als (Zwangs‑)Germanisierung buchstabiert wird. Das
widerspricht aber der Menschenwürde und dem Verfassungsgebot des
weltanschaulich neutralen Staates. Auf der anderen Seite fördert das
dauernde Zusammenfassen und Herausnehmen von Ausländergruppen aus einer
normalen schulischen Lernumwelt Außenseiterbewusstsein, Stigmatisierungen
und Versagenskomplexe, die die von der Gesellschaft zugedachte
Sündenbockrolle der Ausländer geradezu heraufbeschwört. Ein Primat der
Ausländerpädagogik kann also gerade zu den abzuwehrenden
Faschistisierungstendenzen in der Gesellschaft beitragen.
Gesellschaftliche Einbeziehung bei
grundsätzlicher Wahrung der kulturellen Identität, soziale
Chancengleichheit bei Freiheit der kulturellen Lebensäußerungen und der
Gestaltung der eigenen sozialen Interaktionsumwelten sind die Leitlinien
der schulischen Behandlung von Ausländern. Interkulturelle Erziehung macht
nun die Kommunikation zwischen den Kulturen, sozialen Welten und
Sinnverständnissen zum Ausgangspunkt einer verbindenden gemeinsamen
Pädagogik.
Dennoch sollte, um den praktischen Kontext
zwischen konkreter Ausländerarbeit in der Schule und der Fundamentierung
eines umfassenderen Konzeptes interkulturellen Lernens deutlich zu machen,
zunächst noch einiges über die Chancen dieser Arbeit in der heutigen Schule
– nach niedersächsischen Maßstäben formuliert – angeführt werden. Der
Aufbau der interkulturellen Erziehung als leitendes Unterrichtsprinzip wird
sicher in mehreren Stufen vollzogen werden. Aus der Schulpraxis ergeben
sich dabei folgende Voraussetzungen.
-
Die Förderung „ausländischer“ Schülerinnen und
Schüler darf nicht nach einem Nationalitätenkriterium sondern nach
bestimmten Defizittypen organisiert werden, was eine individuelle
Beurteilung der Bildungsvoraussetzungen voraussetzt, bei der auch
Selbsteinschätzung, Bildungswunsch und Motivationsrichtung angemessen
berücksichtigt werden müssen. [Förderung z.B. auch bei Bildungsdefiziten
wegen des individuellen sozialen Hintergrundes unabhängig von nationaler
Zuordnung; Berücksichtigung von Mehrfachbenachteiligungen, wie sie sich
aus der schwierigen „Muttersprach-Situation“ z.B. von Kurden türkischer
Nationalität, die in Deutschland aufwachsen, beobachten lassen.]
-
Motivation und Bildungszielorientierung sind
für den Schul‑ (Ausbildungs‑ und Berufs‑)erfolg wichtiger als
festgestellte „objektivierbare“ Wissensdefizite. Hier darf keinen falls
ein starrer, summativer Bildungsbegriff zugrunde gelegt werden!
Allgemeinbildung und Studierfähigkeit lassen sich nicht durch einen
festgeschriebenen Kanon von Kenntnissen und instrumentellen Fähigkeiten
bestimmen, sondern ergeben sich aus einer pädagogischen Gesamtbeurteilung,
die individuell sehr unterschiedlich inhaltlich untermauert sein kann.
-
Förderung darf nicht zur Aussonderung und
Stigmatisierung fuhren, d.h.: es müssen fließende Grenzen zwischen
geförderten und „normalen“ Lerngruppen gefordert werden; Förderung hat das
Ziel, dem persönlichen Charakter‑ und Begabungsbild des Schülers bzw. der
Schülerin angemessene Chancengleichheit für die Existenz in der deutschen
Gesellschaft zu sichern.
-
Integration und Chancengleichheit beziehen
sich auf die Rechte und die tatsächlichen Chancen, alle soziale Positionen
in unserer Gesellschaft anstreben und einnehmen zu können; Integration
bedeutet aber nicht, die eigene kulturelle und religiöse Herkunft
verleugnen oder aufgeben zu müssen: Niemand darf zu einem
„Zwangsdeutschen“ erzogen werden! Das Bewahren der eigenen
herkunftsmäßigen kulturellen Identität gehört zu den verfassungsmäßigen
Grundrechten jedes Menschen in unserer offenen und pluralistischen
Demokratie.
-
Aus dieser notwendigen Pluralität der
individuellen Lebensentwürfe, die von unserer Gesellschaft und Verfassung
gleichwertig nebeneinander akzeptiert werden, geht die für den
Gymnasialunterricht bislang noch nicht allgemein akzeptierte Forderung
hervor, dass es nicht primäres Ziel des Fachunterrichtes sein darf, dass
die Schülerinnen und Schüler inhaltlich unbedingt das Gleiche zu lernen
haben, sondern, allein gemessen am gesamtcurricularen Stellenwert:
Vergleichbares und Gleichwertiges, dass also eine viel stärkere
inhaltliche Binnendifferenzierung in allen Fächern notwendig wird.
-
Das hat fundamentale Folgen für die
Bewertungsschemata, in denen Leistungsalternativen eingebaut werden
müssen, und eine Substitution üblicher sprachlicher Ausdruckskriterien
durch vergleichbare formale, fachsprachliche, nonverbale oder in anderen
verbal‑strukturellen Kontexten stehende Äußerungsformen ermöglicht werden
muss.
Die Diskussion in der Schule über die Situation
der ausländischen Schülerinnen und Schüler und die Möglichkeiten ihrer
Förderung und gleichberechtigte Einbeziehung in die schulische Arbeit führt
dabei schnell zur zentralen Frage, wie die aufgewendeten Energien zur
Verbesserung der Schule insgesamt eingesetzt werden können, wie Integration
nicht nur in einer Richtung sondern als gegenseitiger Interaktionsprozess
verstanden werden kann. Dabei wäre eine schulinterne fachlich‑pädagogische
Lehrerfortbildung mit erfahrenen Referenten sicher sinnvoll. In der
Diskussion um die praktischen Handlungsspielräume ergeben sich dann z.B.
folgende mögliche Grundtypen der praktischen Förderung von ausländischen
Schülerinnen und Schülern, die dann auch zu gemeinsamen Angeboten für alle
Schüler ausgebaut werden können:
-
„Förderband“: Eine Folge von fördernden
Maßnahmen über einen längeren Zeitraum hinweg, wobei am Anfang sicher das
Sprachtraining steht, dem dann eine spezialisiertere fachliche und
individualisierte Förderung folgt. Hier sollten prinzipiell alle Fächer
über ihre Fachbereiche angesprochen werden. Fachliche Förderung wird
vorzugsweise interdisziplinär‑aufgabenfeldbezogen z.T. mit wechselnder
Lehrerbetreuung zu unterrichten sein. Die beteiligten Lehrer sollten in
einer speziellen Förderkonferenz ihre Ziele erarbeiten und den Erfolg
überprüfen. Dabei ist die Teilnahme an speziellen
Lehrerfortbildungsmaßnahmen empfehlenswert.
-
Wenn ein entsprechender Versuch genehmigt und
durch die Zuteilung entsprechender Lehrkräfte ermöglicht wird, wäre ein
Einstieg in die Bilingualität in einer ausgewählten Sprache sinnvoll.
wobei z.B. Mathematik und eine Naturwissenschaft in der betreffenden
Fremdsprache erteilt werden. An diesem Unterricht sollten auch deutsche
Schüler teilnehmen können. Das setzt die vorherige Einführung der
betreffenden Sprache als Fremdsprache wie, in einem begrenzten Rahmen in
den unteren Klassen, für den muttersprachlichen Unterricht voraus.
-
Die fachliche Binnendifferenzierung verlangt
von den Fachkonferenzen eine Sichtung des Lehrstoffes in Hinblick auf
variable Schwerpunktsetzungen, parallele Lernwege und Einbeziehung
fremdkultureller Unterrichtsstoffe und Erfahrungshintergründe in den
eigenen Unterricht (fallbezogene Themenschwerpunkte z.B. in
türkischer/polnischer Geschichte, Politik und Länderkunde, oder auch
entsprechender literarischer, künstlerischer oder philosophischer Inhalte
unter strikter Einbeziehung der davon direkt betroffenen Schülerinnen und
Schüler). Die Flexibilisierung der Bewertungsschemata (die in der
Mittelstufe durch die erlassmäßige pädagogische Zensierung ohnehin
gefordert ist) muss in den Fachkonferenzen auch inhaltlich besprochen
werden (Vergleichbarkeit statt Gleichheit der Anforderungen). Über
spezifische fachliche Hilfen (Sprachglossare, übersetzungs‑ und
Verständnishilfen, Veranschaulichungen) sollte Einverständnis erzielt
werden. Dazu zum Beispiel: Mathematik und Naturwissenschaften können
gerade durch ihre formalisierten „Sprachen“ – wenn sie auf ein elitäres
Fachbewusstsein verzichten – zu „Rettungsankern“ für Schüler mit
Sprachdefiziten werden; das erfordert aber den weitgehenden Verzicht auf
umgangssprachliche „Einkleidung“ der Anforderungen und Aufgaben. Auch in
den deutschsprachlichen Fächern ist beim Umgang mit älteren Quellen ein
Umdenken erforderlich. Viele heute nicht mehr gebräuchliche Ausdrücke (die
auch deutschen Schülern und Lehrern fallweise Verständnisschwierigkeiten
bereiten) gehören sicher nicht zum unbedingt erforderlichen Grund‑ und
Fachwissen (und sind gerade ausländischen Schülerinnen und Schülern, wenn
sie noch so begabt sind und intensiv Deutsch gelernt haben, niemals
begegnet – und daher von ihnen keinesfalls zu verlangen, auch wenn sie im
Unterricht eventuell einmal beiläufig aufgetaucht sind!); sie sind
fallweise oder auf Nachfrage auch im Rahmen einer Klausur (!) vom Lehrer
zu erläutern. Auch alte, gebrochene Schrifttypen können nicht ohne weitere
Vorübungen verstanden werden.
-
Ein inhaltlicher Schwerpunkt der sprachlichen
Integrationsbemühungen ist nicht nur das Sprachtraining, sondern vor
allem das „Sprechen über das Sprechen“ (metasprachlicher
Diskurs) mit der besonderen Betonung des sprachlichen Umganges
zwischen Deutschen und Ausländern. Vorurteilshaltungen,
Missverständnisse und die eigene sprachliche Identität werden hier bei
deutschen wie bei ausländischen Schülern bewusst gemacht (z. B. in den
Fächern Deutsch, Sozialkunde und in den Wertfächern).
-
In Zusammenarbeit mit dem Schulträger (massive
Forderungen werden dabei wohl notwendig sein!) sind spezielle
Hilfsmittel anzuschaffen:
-
Wörterbücher und Fachwörterbücher für alle
vertretenen Sprachen,
-
ausländische Schulatlanten,
-
ausländische Schulbücher,
-
ausländische Handlexika,
-
länderkundliche und populärgeschichtliche
Bücher für alle Regionen, aus denen Schüler an der Schule vertreten sind.
Diese Werke können als Hilfsmittel im
Unterricht, für Hausaufgaben und in Klausuren von den Schülern verwendet
werden.
Bis dahin haben wir noch unbefangen mit dem
Begriff der Integration operiert. Unter der Perspektive einer
interkulturellen Erziehung – wir haben es einmal kurz mit der Gefahr einer
(Zwangs‑)Germanisierung gekennzeichnet – erhält dieser Begriff aber eine
zwiespältige Bedeutung. Es stellt sich die Frage: Akkulturation oder
Integration? Diesen zentralen Begriff der Akkulturation, des
Sozialisationsprozesse, die beim Übergang von einer kulturellen Umwelt in
eine andere auftreten, zu klären, wurde in einem Seminar zur
interkulturellen Erziehung in Loccum
in einem Grundsatzreferat von W. Treuheit ein sozialwissenschaftlich
und pädagogisch begründetes Modell der interkulturellen Erziehung
entwickelt, das im Folgenden kurz referiert werden soll, wobei einige
umfangreichere Textzitate aus dem genannten Referat zitiert werden sollen.
Auch hier ist der Kontakt mit Ausländern selbst
Ursprung der Entscheidung für eine interkultureile Erziehung, die als eine
politische Option verstanden wird und sich sowohl einerseits gegen den
totalen Integrationsanspruch germanozentrischer Weltbilder als auch
andererseits gegen Ausgrenzung und Ghettoisierung von Ausländern wendet.
Pluralität der Lebensentwürfe ist ein verfassungsmäßig gesichertes
Grundrecht.
Kulturkontakt und kulturelle Vielfalt werden als
fruchtbar und wünschenswert angesehen – auch und gerade im eigenen
kulturellen Lebensbereich, der dadurch lebenswerter und offener werden
kann. Dabei stehen die Schulen im Zentrum einer fruchtbaren interkulturellen
Begegnung.
„Während die Akkulturationsvorgänge in der
Arbeitswelt aber weitgehend darwinistisch verlaufen und zum Teil tiefe
Wunden hinterlassen, eröffnet sich in den Schulen die Chance, diese
Vorgänge pädagogisch gestaltend zu begleiten und vielleicht positiv zu
beeinflussen. Dies zumal, weil bei Kindern und Jugendlichen, bei den hier
Geborenen. bezüglich kultureller Werte‑Bildung ungleich größere
Bereitschaften vorausgesetzt werden können als bei deren Eltern.“ (Treuheit)
Das „Erlernen“ der Kultur ist ein
Sozialisationsprozess, der zwar seinen Schwerpunkt in der (frühen) Kindheit
hat, der aber im Prinzip lebenslang sich vollzieht und auch als dauernde
Auseinandersetzung mit den Werten und Verhaltensmustern der aktuellen
sozialen Umwelt zu verstehen ist. In diesem Sinne durchläuft jeder Mensch
seine Enkulturation, während der er diese Normen,
Sinnverständnisse und gesellschaftlichen Orientierungen Internalisiert und
im Laufe seines Lebens verfestigt, bestätigt oder revidieren muss. Diese
Enkulturation prägt die Persönlichkeit und geht nicht verloren. Ein Wechsel
der kulturellen und gesellschaftlichen Umwelt bringt Dissonanzerfahrungen,
Anpassungsdruck und den Zwang zur Revision eigener Verhaltensgewohnheiten.
Dass das nicht schmerzlos gelingt, dürfte offensichtlich sein. Es hängt
sowohl von der eigenen Enkulturation wie von den Lebensbedingungen, der
Offenheit, Kommunikations‑ und Interaktionsbereitschaft der aufnehmenden
Gesellschaft ab, inwieweit die nun erfolgenden Akkulturationsprozesse
erfolgreich verlaufen. Dabei werden gegenseitig Ansprüche gestellt und
Kommunikationsangebote gemacht. Dies zu lernen – von beiden Seiten her zu
lernen – ist die Grundlage der interkulturellen Erziehung. Die
nationalstaatlich verfestigten europäischen Gesellschaften haben größere
Probleme, sich dieser interkulturellen Herausforderung zu stellen als
andere, z.B. südostasiatische oder afrikanische Kulturen. Die Fremdenangst
und das Abgrenzungsverhalten erschwert ein eigentlich positives und
zukunftsoffenes Ansinnen: miteinander zu leben und voneinander zu lernen.
Daraus „ergibt sich, dass wir Akkulturation als
spezifischen Sozialisationsvorgang begreifen müssen. Welche Vorstellungen
wir vom Prozess der Sozialisation haben, bestimmt, welche pädagogischen
Einwirkungen wir planen und vornehmen können, diesen Prozess im positiven
Sinne zu beeinflussen.“ (Treuheit)
Bei der Konzeption pädagogischer Initiativen
sind dann einige Bestimmungen zu berücksichtigen. So ist es nicht
sachgerecht, von starren Gegensatzmodellen auszugehen wie: individuelle und
gesellschaftliche Bedingungen der Akkulturation, Herkunftsumwelt und neue
Gesellschaft als polaren Gegensatzpaaren – die Bedingungen sind
vielschichtig und differenziert, die Gesellschaften selbst sind, wir haben
es oben schon ausgeführt, hochgradig differenziert und fraktioniert.
Ebenfalls ist das menschliche Bewusstsein, wie es sich als Summe der
Erfahrungen und Enkulturationsprozesse darstellt, nicht konsistent und
widerspruchsfrei! Gerade Widersprüchlichkeit, Inkonsistenz und
Mehrdeutigkeit sind die grundlegenden menschlichen Verhaltens‑ und
Wahrnehmungskategorien. Aber erst diese Mehrdeutigkeit, Wandelbarkeit und
Anpassungsfähigkeit erlaubt es den Menschen zu überleben und miteinander zu
leben. Situationen neu zu definieren, Wahrnehmung und Kommunikation auf die
Symbole eines gemeinsamen Sinnverständnisses hin zu begreifen: das
soziologische Konzept des symbolischen Interaktionismus bietet
Erklärungsmodelle für die Entstehung kollektiver Realitätsverständnisse
aus der gemeinsamen gesellschaftlichen Erfahrung heraus.
„Dem Paradigma eines (potentiell) seine
Geschicke mitbestimmenden sozialen Subjektes entspricht die Annahme, dass
die subjektiven Ergebnisse von Akkulturation offen sind. Wenn wir
konsequent weiterdenken, so sind auch die Ergebnisse offen, die
Akkulturation als Auseinandersetzung zwischen Trägern verschiedener
„Kulturen“ bei den Einheimischen zeitigen werden, z.B. bei den deutschen
Mitschülern.
Wie könnte man sich nun interkulturelles Lernen
in der Schule vorstellen, das diesen Anforderungen gerecht wird? ... Erste
Bedingung erfolgreichen interkulturellen Lernens ist, die Vielfalt der von
nationalen kulturellen, sozialen und politischen Wurzeln und Traditionen
beeinflussten Einstellungen und Verhaltensweisen zutage zu fördern, ins
Bewusstsein der Schüler zu bringen. Verschiedenheit ist ja der reale
Ausgangspunkt der Bildungsbemühungen, also muss sie von Stereotypen
befreit rational zur Geltung gebracht werden. (Z.B. von Einzelnen oder
Gruppen darstellen lassen, was aus der Tradition heraus zu welchem
Sachverhalt gemeint, gedacht, sich verhalten wird, etc.).
Der zweite Schritt muss darin bestehen, die
Schüler zu motivieren, sich mit den Hintergründen und Ursachen dieser
Erscheinungen zu befassen, sie »erklären« zu wollen. Wenn Unterschiede
verstanden werden sollen, muss man sich in die Kontexte der jeweiligen
kulturellen/nationalen Zusammenhänge hineindenken. (Z.B. Einzelnen oder
Gruppen die Bearbeitung der jeweils fremden Hintergründe zu übertragen,
wodurch bei der Präsentation auch der unvermeidliche Ethnozentrismus als
»prinzipielles Missverständnis« zum Thema wird.)
Diese einleitende intersubjektive Verständigung
muss auch die personale Ebene erreichen. Die Fähigkeit zur Rollendistanz
(beim vorangegangenen Punkt hieße dies Einsicht in die gradweise
Determiniertheit eigener Wertvorstellungen und Verhaltensweisen) ist auch
persönlichkeitsbedingt. Wie kann Einstellungsänderung oder auch nur ‑relativierung
erreicht werden, ohne die Person zu tangieren? Natürlich liegt hier die
Gefahr nahe, in gruppendynamisch heikle Situationen abzugleiten;
andererseits wird deutlich, dass ohne emotional positive Rahmenbedingungen,
in denen Schüler »mal was riskieren können«, ohne sich »bloßzustellen«,
diese wichtige personale Ebene nicht oder allenfalls im negativen Sinne
erreicht wird.
Zwischen dem Grad, zu dem dies gelingt, und dem
interkulturellen Lernerfolg besteht eine direkte Korrelation. (Z.B.
Mitbeteiligung der Schüler an Themenauswahl und Methoden des
Lernen/Arbeitens; Eingehen auf Sprachprobleme etc.)“ (Treuheit).
So wird schließlich die Lebensumwelt der
Schülerinnen und Schüler selbst zum thematischen Ansatzpunkt des Lernens
gemacht. Wichtigstes gesellschaftliches Erfahrungs‑ und Ausdrucksmittel ist
die Sprache, die Kommunikation. Es versteht sich von selbst, dass gerade
die Beschäftigung mit der Kommunikation, mit dem Sprechen,
unterrichtsleitendes Prinzip wird: Metakommunikation als Ansatzpunkt
interkulturellen Lernens. Es ist zu thematisieren, wie wir miteinander
sprechen können und wollen, wie und was wir bezeichnen und verstehen können
und wollen, schließlich: wie wir miteinander leben können und wollen.
Hieraus entwickelt sich die Fähigkeit, im gemeinsamen Diskurs Sachverhalte
zu entwickeln, Probleme zu beschreiben und zu lösen, zu lernen...
Treuheit benennt als
sozialpsychologisches Konzept dieses kommunikativen Lernprozesses gerade
das, was üblicherweise als „Schwierigkeit“ definiert wird: die
Befremdlichkeit des Neuen, die Infragestellung des Verfestigten: „Dadurch
können Gräben noch vertieft werden: Der Umgang mit neuen Fakten,
Erkenntnissen hat ja immer ein Stückchen den Charakter einer
Entstrukturierung der eigenen Ansichten... Jede Interaktion ist auch der
Gefahr des Scheiterns ausgesetzt bezüglich ihrer pädagogischen Intention.
Jedoch: Ohne Konfrontation kann sie auch nicht gelingen. Auch hier kommt es
wieder entscheidend darauf an, Inhalt und Art dieser notwendigen
Auseinandersetzung in einer Weise zu gestalten, die den Einzelnen
»betroffen macht, ohne zu erschrecken, und konkret sein muss, ohne
konkretistisch zu sein« (Schülein).“
(d) Das Konzept der
UNESCO‑Schulen
Zum Abschluss unserer Überlegungen soll der
Gedanke angeführt werden, dass eine Schule, die gemeinsam interkulturelles
Lernen zum Leitprinzip ihrer Arbeit machen will, auch eine gewisse plakative
programmatische Etikettierung nötig hat, um eine Konzentration der Kräfte,
die Integration der Einzelbestrebung wie auch die Überzeugung der
Öffentlichkeit vom Schulträger bis hin zur Eltern‑ und Schülerschaft zu
erreichen. Dabei mag der erste, jetzt schon fast klassisch zu bezeichnende
Versuch, Schule für interkulturelles Lernen zu begeistern ehe überhaupt
noch dieser Begriff gefunden war, modellhaft vorgestellt werden: die
internationale Vereinigung der UNESCO‑Projekt‑Schulen. Das soll nicht
heißen, dass nun jede Schule Deutschlands UNESCO‑Schule werden könnte oder
sollte, doch der Ansatz, ein gemeinsames und auch nach außen hin vertretenes
pädagogisches Konzept und Profil zu bilden, mag dennoch vorbildhaft sein
und zu eigenen Überlegungen Anreiz bieten.
Die internationale Organisation der
„UNESCO‑Projekt‑Schulen“ (früher „UNESCO‑ Modellschulen“) ist eine
typische Gründung der ersten Nachkriegszeit und in vielerlei Beziehung von
ihrer Entstehungszeit geprägt worden. Sie steht neben den nationalen
„Gesellschaften für die Vereinten Nationen“, neben der idealistischen
Europabewegung und den verschiedenen bilateralen Jugendwerken. Die Ziele
waren direkt und unmittelbar geprägt von der Erfahrung des Krieges und der
nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Das „Nie Wieder“ reichte zunächst
als Zielbestimmung aus, eine Zielbestimmung, die vor allem ethisch und
moralisch motiviert und in der praktischen Umsetzung eher unpolitisch war.
Das soll nun nicht als fundamentale Kritik
verstanden werden; der moralische Anspruch war damals so richtig und
wichtig, wie er es heute noch ist. Doch stießen diese aus den frühen
fünfziger Jahren herrührenden internationalen politischen Initiativen
schnell an die Grenzen ihrer Wirksamkeit; „Kalter Krieg“ und imperiale
Großmachtpolitik drängten die idealistischen Ansprüche bald an den Rand des
öffentlichen Interesses und der öffentlichen Wirksamkeit. Eine politisch
wirksame Massenbewegung wurde die UNESCO‑Schularbeit nie, konnte sie nie
werden, und zwar gerade durch das seit der Gründung bestehende Defizit an
politischem Gehalt und politischer Institutionalisierung.
Die heutige Generation von Lehrern und Schülern
in den jetzt bestehenden UNESCO‑Schulen kann kaum noch an unmittelbare
Erfahrung und Augenzeugenschaft der Kriegs‑ und ersten Nachkriegszeit
anknüpfen. Sie muss sich den heutigen gesellschaftlichen und politischen
Bedingungen und Problemlagen stellen, muss eine zeitgenössische
UNESCO‑Arbeit betreiben und Ziele und Inhalte dieser Arbeit neu überdenken.
Die erstaunlichen politischen Umwälzungen der
letzten Jahre, die Bewegung, die in das Ost‑West‑Verhältnis gekommen ist,
das wieder wachsende internationale Ansehen der Krisenlösungsbemühungen der
Vereinten Nationen in Namibia. Nahost, Angola oder in Südost‑Asien
erleichtern es, den UNESCO‑Gedanken neu und nun auch politisch zu fassen.
Es ist ein günstiger Moment, UNESCO‑Schulen zu Erprobungsstätten einer neu
überdachten politischen Bildung, zu Multiplikatoren für die Erfahrungen mit
interkulturellem Lernen zu machen...
Die UNESCO ist eine Sonderorganisation der UN.
und die Abkürzung steht für „United Nations Educational, Scientific and
Cultural Organization“. Der Sitz dieser internationalen Organisation ist
Paris, sie hatte im Jahr 1984 bereits 161 Mitgliedsstaaten. Die UNESCO ist
1945 zum Zwecke der internationalen Zusammenarbeit auf den Gebieten der
Erziehung, der Wissenschaft und Kultur gegründet worden. Innerhalb dieser
Organisation haben sich nun Schulen zu so genannten „UNESCO‑Schulen“
zusammengeschlossen. An dem Modellprogramm der UNESCO sind über 1500 Schulen
in über 80 Ländern beteiligt. UNESCO‑Schulen sind Schulen, die sich in
besonderem Maße dem Erziehungsziel der internationalen Zusammenarbeit und
Verständigung verpflichtet fühlen. Das Engagement einer UNESCO‑Schule
realisiert sich durch eine bevorzugte Behandlung internationaler Themen und
Problemstellungen im Unterricht sowie durch zusätzliche Schulaktivitäten
wie z.B. Ausstellungen, internationale Veranstaltungen, Studienfahrten.
Austauschprogramme, Partnerschaften und ähnliche Aktionen. Darüber hinaus
zeichnet sich die Arbeit der UNESCO‑Schulen dadurch aus. dass sie meist
einmal jährlich ein fächerübergreifendes Unterrichtsprojekt durchführen,
in dem ein ausgewähltes internationales Thema schwerpunktmäßig erarbeitet
wird. über diese Projekte werden Dokumentationen angefertigt, die anderen
Lehrern als Anregung für eigene Projekte dienen sollen. Mit der Erarbeitung
derartiger Unterrichtsprojekte wollen die UNESCO‑Schulen, bewusst abhebend
von einer zu theoretischen Curriculumentwicklung, einen praxisnahen Beitrag
zur Behandlung internationaler Problemstellungen in der Schule leisten. In
den letzten Jahren waren dies beispielsweise die Themen „Ausländer in
unserer Stadt“, „Kinder unserer Welt“, 'Wie wir morgen leben wollen“,
„Dritte Welt“. „Islam“, „Gastarbeiter“ und „Jahr des Friedens“. (Frei nach
Dr. H.‑W. Risson, Deutsche UNESCO‑Kommission.) An den genannten
Schwerpunktthemen ist zu erkennen, wie stark UNESCO‑Arbeit jetzt auch in
aktuelle innen‑ und gesellschaftspolitische Themen eingreifen muss, wenn
sie sich weiter ihren internationalen Zielen verpflichtet fühlen will.
Die positive Auseinandersetzung mit den heute
innergesellschaftlich zum Problem gewordenen Beziehungen zwischen
Angehörigen verschiedener Nationalität und kultureller Herkunft in einer
Gesellschaft, mit den Ansprüchen auf kulturelle Identität von Minderheiten,
mit dem Erkennen und Anerkennen von erworbenen Wohn‑ und Heimatrechten ohne
Rekurs auf traditionelle Staatsangehörigkeiten, mit dem Begreifen von
Akkulturationsproblemen und Integrationsvorstellungen bestimmt nun die
dominanten Inhalte. da internationale Konflikte zumindest in Europa weniger
auf dem außenpolitischen Felde denn als innergesellschaftliche Problemlagen
zu verstehen sind. Das alte UNO‑Konzept einer „Weltinnenpolitik“ erlangt
dadurch problematische neue Aktualität, der sich die UNESCO‑Schulen stellen
müssen.
Die – für Europa so überaus positiven –
internationalen Veränderungen sind eine Chance, direkt und mit politischer
Kraft die Jugendprobleme der heutigen Gesellschaft zu bewältigen zu
versuchen. Den Zusammenhang zwischen der individuellen Sozialerfahrung und
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu erkennen und pädagogisch
umzusetzen, ist eine Forderung, der sich das traditionelle Schulwesen mit
seinem bürgerlich‑individualistischen Pädagogikverständnis noch viel zu
wenig geöffnet hat. Schulpolitisch relevant wird so die auf diesem Kontext
basierende UNESCO‑Schularbeit, da sie modischen konservativen Trends der
Schulpolitik widerspricht.
Praktische UNESCO‑Schularbeit ist immer nur ein
Kompromiss mit den schulorganisatorischen Möglichkeiten, mit den
verschiedenen innerschulischen Auffassungen und Interessen, zwischen den
heterogenen Impulsen und Angeboten der UNESCO‑Arbeit selbst, die sich im
Laufe der Jahre entwickelt haben. Der Erprobungscharakter von
UNESCO‑Projekten sollte dabei ganz deutlich in den Vordergrund gestellt
werden. Es wäre vermessen zu fordern, die UNESCO‑Schulen sollten „völlig
andere“, vielleicht sogar „bessere“ oder gar „neue“ Schulen sein. Das ist
weder vom Ansatz her noch im gegebenen Rahmen der Realisierung möglich.
UNESCO‑Schulen haben die gleichen Probleme wie andere Schulen der
entsprechenden Schulformen: Konflikte zwischen Schülern und Lehrern,
Auseinandersetzungen um pädagogische Konzepte, Leistungsdruck und
Schulangst, Einschränkungen durch Schulverwaltung und Schulaufsicht. viele
große Enttäuschungen und Misserfolge bei einigen kleinen Erfolgen, die die
Schule erst rechtfertigen. UNESCO‑Arbeit ist eine zusätzliche Aufgabe, die
aber die Chance beinhaltet, in den Unterrichtsalltag auszustrahlen, neues
Interesse an schulischen Inhalten zu wecken und Ansätze einer sozialen
Integration der Schule zu sein. Kein einzelnes UNESCO‑Projekt kann nur an
einer UNESCO‑Schule durchgeführt werden; im Gegenteil, die auf öffentliche
Wirkung angelegte UNESCO-Schularbeit lebt ja gerade aus der Hoffnung,
Anstöße vermitteln zu können, die auch an anderen Schulen Wirkungen zeigen,
vielleicht sogar einmal zum allgemeinen Bestand von Schule zu werden. Das
wichtigste Charakteristikum einer UNESCO‑Schule ist, dass sie sich Gedanken
über die UNESCO‑Arbeit macht, dass sie die vielfältigen möglichen
Initiativen und Projekte als Schule diskutiert, verantwortet und auch in
der Öffentlichkeit vertritt.
VI. Résumé
Um noch einmal die wichtigsten didaktischen
Konsequenzen zusammenzufassen: Eine neu bestimmte antifaschistische
Pädagogik, orientiert an dem Konzept der interkulturellen Erziehung, darf
den gesellschaftlichen Wandel nicht vernachlässigen, der durch den Verlust
der sicheren Gruppenzuweisungen, des konsensfähigen Bildungskanons, die
Unübersichtlichkeit und Unvorhersehbarkeit der komplexen gesellschaftlichen
Funktionalität, den Funktionsverlust der staatlichen Politik und die
Dominanz virtueller medienvermittelter Realität gekennzeichnet ist.
Dies liegt einer neuen Bestimmung der Ursachen
neonazistischer, rechtsradikaler und faschistischer Tendenzen in unserer
Gesellschaft zugrunde, die das traditionelle individual‑ oder
sozialpsychologische Erklärungskonzept als nicht hinreichend ansieht. Die
Phänomenologie des rechtsradikalen Denkens ist dabei konsensfähig:
rechtsradikale (nationalistische, aggressive, ausländerfeindliche...)
Realitätsdeutungen dienen einer Dissonanzminderung zwischen individuellen
(oder durch die Enkulturation geprägten) Lebensentwürfen, internalisierten
Werten und Sinnverständnissen und einer (z.T. nicht einmal bewusst) als
bedrohlich, unübersichtlich, überkomplexen gesellschaftlichen Realität, die
rational mit den entwickelten Wahrnehmungsfähigkeiten nicht mehr adäquat
verstanden und bewältigt werden kann. Es entsteht eine Erlebniswelt, die
durch Feindseligkeit, Bedrohung und Kampf um die soziale Position bzw. um
die Stellung in der Bezugsgruppe gekennzeichnet ist. Es bildet sich eine
Ersatzrealität der Stärke, Überlegenheit und Aggression gegen alles
Schwache. Fremde, Auszugrenzende; es entsteht das bekannte
Sündenbockverhalten.
Rechtsradikalismus ist also im Kern
Realitätsverleugnung und aggressive Abwehr der Rationalitätszumutung. Doch
ist die Ausprägung dieses Denkens in der Disposition noch nicht inbegriffen.
nicht deterministisch aus den psychologischen Deformationen abzuleiten,
sondern ist geformt durch gesellschaftlich vorgeprägte und verfügbare
Verhaltens‑ und Realitätsdeutungsmuster. Die Rationalitätszumutung der
europäischen Aufklärung wird von der europäischen Tradition und politischen
Kultur ebenso aggressiv und feindlich abgewehrt wie auf der individuellen
Ebene vom Rechtsradikalen selbst.
Nur in wenigen Fällen ist hier noch die „List
der Vernunft“ erfolgreich, verführt die Einsicht zu einer adäquateren
Realitätswahrnehmung. Rechtsradikalismus ist institutionalisierte
Verdummung. Kognitive „Überzeugungsversuche“, Widerlegungen und
Beweisführungen werden in der Regel gar nicht kommunikativ aufgenommen
sondern als feindliche Zumutungen. abgewehrt; rationale Zugänge zum
Rechtsradikalismus sind auch in der Schule kaum möglich und als pädagogische
Konzepte erfolglos. Bestärkt wird der Rechtsradikale in dieser aggressiven
Abwehr auch durch den Rückhalt in der Gruppe Gleichgesinnter.
Wenn sich dieses Denken mit manifester
Gewalttätigkeit und individueller Aggressivität verbindet, ist die Schule
als Institution der kollektiven Lernsituationen hoffnungslos überfordert.
Der Einsatz gesellschaftlicher Gegengewalt durch Disziplinarmaßnahmen bis
hin zum Einsatz der Polizei wird zum Schutz der übrigen Schülerinnen und
Schüler notwendig. Dass diese Situation, die die Handlungsperspektiven
des staatlichen Gewaltmonopols und der etatistischen
Gesellschaftsstruktur ja gerade bestätigt und festigt, eine
Bankrotterklärung der Aufklärung und einer aufgeklärten Schule ist,
dürfte offensichtlich sein. Pädagogisches Wirken muss früher einsetzen, muss
im Vorfeld rechtsradikaler Verfestigung wirken.
In unserer Untersuchung haben wir aber versucht
nachzuweisen, dass diese Bankrotterklärung nicht zufällig ist, sondern die
zwangsläufige Konsequenz aus der unfriedlichen,
nationalistisch‑militaristischen Politischen Kultur Mitteleuropas. Die
Probleme, die der Rechtsradikale mit der adäquaten Realitätswahrnehmung hat,
löst er, indem er auf Deutungs- und Verhaltensmuster der eigenen
kulturellen Tradition zurückgreift und sich damit eine Identifikationsbasis
schafft: er versteht sich als der bessere Repräsentant der „wahren Werte“
seiner Gesellschaft, als mutiger Vorkämpfer dessen, was er als inneren Wert
der Gesellschaft wahrgenommen zu haben meint.
Unsere pädagogische Konsequenz aus dieser
Einsicht ist, dass vor dem Hintergrund der nationalistischen Staatsräson
Europas, die sogar das Staats‑ und Verfassungsrecht Deutschlands
durchtränkt, eine pädagogische Definition des Rechtsradikalen als
Außenseiter und neofaschistische Tendenzen als gesellschaftliche Devianz
nicht sachgerecht und verharmlosend ist. Eine individualpsychologisch
ausgerichtete antifaschistische Pädagogik ist daher realitätsfremd und
entsprechend wirkungslos. Angemerkt sei hier aber noch kurz, dass das
marxistische Gegenmodell, Faschismus allein als politisch‑ökonomische
Konsequenz des bürgerlichen Kapitalismus und Imperialismus zu begreifen,
und in der Veränderung der Eigentumsverhältnisse das Erfolg versprechende
antifaschistische Konzept zu sehen, greift ebenfalls zu kurz und übersieht
die historische Tiefe des nationalistisch‑militaristischen
Zivilisationsprozesses. Dass gerade diese Züge der europäischen politischen
Kultur nahezu unreflektiert in das Gesellschaftsverständnis der Staaten des
Realsozialismus Eingang gefunden hatten, zeigt sowohl die
Wirkungsmächtigkeit dieser Zivilisation als auch die Verkürzungen der
marxistisch‑leninistischen Gesellschaftsvorstellungen. Die rechtsradikalen
und aggressiv‑ausländerfeindlichen Unterströmungen, die seit Jahrzehnten
in der damaligen DDR wie in anderen realsozialistischen Staaten zutage
traten und durch eine Politik des Verschweigens und Verdrängens, manchmal
aber auch der klammheimlichen Solidarität, nicht bewältigt werden konnten
und die jetzt nach dem Ende der sozialistischen Staatsform ungebremst und
feindselig an die Oberfläche kommen bis hin zu nationalistischen „Bürger“-kriegen
und Bandenauseinandersetzungen in Ost‑ und Südosteuropa, beweisen das
Versagen der antifaschistischen Erziehungskonzeption in diesen Staaten, über
deren moralische Grundlegung sicherlich differenzierter zu urteilen ist.
Die schulischen Möglichkeiten sind somit
begrenzt. Antifaschistische Pädagogik hat, so versuchten wir zu
entwickeln, nur eine Chance in einem didaktischen Konzept, das sich
kritisch mit den eigenen Traditionen auseinandersetzt und sich in eine
umfassendere interkulturelle Erziehung einbeziehen lässt.
Das bedeutet, dass nicht mehr einzelne
Schülergruppen gesondert pädagogisch betreut oder „beschult“ werden können
und dass ein an Inhalten festzumachendes Grundbildungsangebot nicht mehr
funktioniert. An die stelle dieser „klassischen“ Schulkonzeptionen tritt
der sozial‑ und problemintegrative pädagogische Ansatz, dessen Leitmotive
in der Entwicklung der inhaltlich an den Realitäten und gesellschaftlichen
Schlüsselproblemen festgemachten Kommunikationsfähigkeit, in der
Entwicklung zielorientierter und sozialintegrativer Interaktionsformen und
in der Entwicklung gemeinsamer gesellschaftlicher Sinnverständnisse liegt.
Methodisch fundiert sind diese innovativen
Konzeptionen in der Betonung projektorientierter Arbeits‑ und
Unterrichtsformen, didaktischer Schwerpunkt ist das interkulturelle Lernen,
das nicht mit einer gesonderten Ausländerpädagogik verwechselt werden darf,
sondern als gemeinsame Bildungschance für Schülerinnen und Schüler
unterschiedlicher sozialer, regionaler und kultureller Herkunft verstanden
werden soll.
Eine notwendige interkulturelle Erziehung
profitiert von multikulturellen Lerngruppen und entwickelt im Sinne der
ausgeführten Zielsetzungen gerade in dieser Lernsituation bessere und
fundiertere Erfolge als in „homogenen“ Gruppen, die einem
anachronistischen Erziehungsverständnis zuzuordnen sind. Erst der
interkulturelle Kontakt, interkulturelle Kommunikation und interkulturelle
Interaktion macht in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation
Schülerinnen und Schüler fähig, die wachsenden Aufgaben und Probleme einer
sich wandelnden Welt erfolgreich zu bestehen.
Anmerkungen
Impressum der Originalausgabe:
Die
Deutsche Bibliothek – CIP‑Einheitsaufnahme
Voigt,
Gerhard:
Rechtsextremismus und Ausländerinnen und Ausländer im Unterricht:
ausgewählte Aspekte der Methodik und Didaktik Gerhard Voigt, – Hamburg:
Krämer, 1993
(Politik –
Wissenschaft – Bildung; H. 12) (Arbeitsergebnisse aus dem Verband der
Politiklehrer; 1) ISBN 3‑926952‑70‑9
NE: 1 –
GT, Verband der Politiklehrer: Arbeitsergebnisse aus dem ...
©
Verlag Dr. R. Krämer, Hamburg 1993
Alle Rechte vorbehalten
Printed in
Germany
ISBN 3‑926952‑70‑9
Internetausgabe mit freundlicher Genehmigung des
Krämer-Verlages. |
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