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Gerhard Voigt:
Abschied von der Revolution?
Diskussion über einen
‚untauglichen‘ Begriff
Es wirkt leicht anachronistisch, ‚revolutionäres
Bewusstsein‘ zu beschwören oder gar evozieren zu wollen und in der ‚Revolution‘ eine
gesellschaftliche Hoffnung zu sehen. Den Historikern billigt man ein paar
abgeschlossene ‚große Revolutionen‘ – in Frankreich oder Russland – zu,
deren ‚revolutionärer Charakter‘ ohnehin mit guten historischen
Gründen in Frage gestellt werden kann, ‚antikolonialistische Revolutionen‘
verändern ihr Bild deutlich, so man sie
sub specie der Inkorporationsprozesse des
‚Weltsystems‘, der Herausbildung der sogenannten ‚Semiperipherien‘ und
dem Zerfall der Imperialmächte interpretiert, die eher aus
Veränderungen der Machtbalancen in der sich globalisierenden
Weltwirtschaft und der inneren Machtstrukturen in den
politisch-ökonomischen ‚Zentren‘ selbst zu erklären sind. In den
politisch-ökonomischen Diskursen über den Charakter des heutigen
Weltsystems und seiner Entstehung und Entwicklung ist der Begriff
‚Revolution‘ als
untauglich
anathematisiert.
In dieser kurzen
Begriffsskizze
können und sollen keineswegs originelle oder
neuartige sozialwissenschaftliche Ideen verfolgt
werden. Es geht einzig darum, sich selbst Gewissheit über die Problematik
eines
zentralen
historiographisch-gesellschaftswissenschaftlichen Begriffes
zu verschaffen, welcher in
relativ kurzer Zeit
mehrfach in widersprüchlicher Weise grundlegende Akzeptanz bzw. Ablehnung
erfahren hat und dessen
Realitätsgehalt
umstritten ist. Dabei ist nun zu berücksichtigen, dassss eine gewisse
Parallelität des Akzeptanzwandels der
historiographisch-gesellschaftswissenschaftlichen Kategorie ‚Revolution‘
mit dem
Wandel der Dominanz (tages-) politischer
Diskurse in unserer Gesellschaft auffällig ist, die es
anzunehmen erlaubtdassssß weniger der
innerwissenschaftliche Fortschritt
die ‚Moden‘ dBegriffsgebrauchshes prägt, sondern eher
vorwissenschaftliche politisch-gesellschaftliche Optionen und
Einstellungen, die sich in Folge des politischen Wandels
in Europa – und darüber hinaus – deutlich erkennbar verändert haben.
Es ist daher kritisch zu überprüfen, ob die heute in
den west- und mitteleuropäischen sozialwissenschaftlichen Diskursen
vorherrschende Abwertung der Begriffskategorie ‚Revolution‘ vornehmlich
die
politische Ablehnung
der als überwunden und obsolet geworden verstandenen
marxistischen Gesellschaftstheorie widerspiegelt, in
der dem Revolutionsbegriff eine zentrale Bedeutung zukommt. In diesem
Falle wäre es wissenschaftlich notwendig und sinnvoll, den Begriff
›Revolution‹ “neu zu denken”
und seine marxistisch dominierte Prägung und Funktionalisierung
historisch-rational zu überprüfen und gegebenenfalls zu relativieren.
Es bedarf einiger komplexerer Überlegungen, um
festzustellen, dass mit dem Begriff der ‚Revolution‘ durchaus
distinktive Realitätsdeutungen verbunden sein können. Dazu ist aber
einerseits der
traditionelle politologische Gebrauch
des Begriffes, andererseits der
ideologisch-politische Gehalt
des Sprachgebrauchs mit zu reflektieren. Seine wichtigste
gesellschaftswissenschaftliche Funktion erhielt der Revolutionsbegriff im
Kontext der marxistischen Geschichts- und Gesellschaftstheorie. Das
historische Bild, das als Erfahrungshintergrund mitgedacht werden muss,
ist die große Französische Revolution und ihre
prägende und polarisierende politisch-kulturelle Wirkung
im 19. Jahrhundert, an der kein Gesellschaftstheoretiker seiner Zeit
vorüber gehen konnte. Aus einer noch nicht differenziert aufgelösten und
analysierten zeitgeschichtlichen Realität heraus musste
eine idealtypisches Muster gesellschaftlichen Wandels und
gesellschaftlichen Verhaltens abgeleitet werden – sei es
vorbildhaft, sei es als ‚Abschreckung‘. Der marxistische wie der
historizistische Revolutionsbegriff des 19. Jahrhunderts – inhaltlich in
der Realitätsdeutung nicht allzu weit voneinander entfernt – ist nur zu
verstehen in seiner funktionalen Einbindung in die politisch-kulturellen
Diskurse des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa. Insofern ist die
epigonale ‚Große russische Oktoberrevolution‘ einerseits
dem
Bild der Französischen Revolution
verpflichtet – bis hin in Strategieüberlegungen und die
Selbstdefinition des ,revolutionären Verhaltens‘ –, andererseits in
ihrem Charakter in der Weltgeschichte etwas inhaltlich durchaus
Unterschiedenes, das ohne die spezifischen Probleme der
ökonomischen Inkorporation Russlands in die weltwirtschaftlichen und
politischen Strukturen nicht zu verstehen ist – vor
allem nicht unter
exklusiver Verwendung von
Erklärungsmustern der marxistischen Geschichts- und Gesellschaftstheorie.
In zwei davon abweichenden Kontexten drängt es sich
jedoch wiederum auf, den Begriff einer ‚Revolution‘ für beide
weltgeschichtliche Ereignisse, aber auch für eine Reihe anderer Prozesse
zu verwenden, die strukturell-genetisch auffällige Parallelen aufweisen.
Dabei sollte zunächst auf die umgangssprachlich nahe beieinander stehenden
Begriffe der ‚Revolte‘ und der ‚Revolution‘ hingewiesen werden, deren
‚semantische Schnittmenge‘ in dem
unmittelbar anschaulichen und erlebbaren
‚Umsturz‘ zu finden ist. Gerade von dieser fast
sinnlichen
Wahrnehmbarkeit eines
historischen Vorganges sollte sich die gesellschaftswissenschaftliche
Begrifflichkeit nicht verabschieden, trotz der Gefahr der begrifflichen
Unschärfe, der Distinktionsprobleme, denn oft ist in einem solchen
‚naiven‘ Begriff mehr intersubjektiv vermittelbare Realität als in einer
‚entleerten Fachterminologie‘: was letztlich das Problem berührt, ob
nicht die grundsätzliche
Fähigkeit der Empathie
Erkenntnis- und Analysevoraussetzung
bleiben muss Gerade dies wird derzeit in der kritischen Auseinandersetzung
z.B. um das sehr abstrakte erkenntnistheoretische Konzept von
Popper erneut diskutiert.
Rationalismus und
Methodenkritik des Denkens
sind als Grundlage der Wissenschaft zwar nicht relativierbar, wohl aber
in der Begründbarkeit wissenschaftlichen Arbeitens und seiner
gesellschaftlichen Folgen!
Es ist ein Allgemeinplatz der Geschichte als
historischer Sozialwissenschaft, dass
Prozesse und
Balancen den Ablauf der Geschichte bestimmen und
strukturieren, mit der notwendigen Folge, dass das Prinzip des
Strukturerhalts, die
Kontinuität in der Geschichte,
in bestimmten ‚stabilen‘ historischen Phasen und Konstellationen
dominiert, während andere historische Abschnitte gekennzeichnet sind durch
beschleunigten politischen und sozialen Wandel, durch Diskontinuitäten und
vor allem irreversible
Verschiebungen von Machtbalancen.
Hier nähert sich die Beschreibung dem an, was allgemein als ‚Revolution‘
bezeichnet wird. Und genau diese
Irreversibilität der Veränderung der
Herrschaftsverhältnisse steht auch begrifflich hinter
dem
auf Klassenherrschaft und seine Ablösung
im Klassenkampf gerichteten marxistischen
Revolutionsbegriff.
Dieser ist somit weniger wegen seines Rekurses auf
die historische
Revolutionserfahrung
und die darauf bezogene
revolutionäre Begrifflichkeit
problematisch, sondern durch den historisch überholten und obsoleten
Klassenbegriff. Die Auswirkungen auf das daraus folgende
Verständnis der gesellschaftlichen Reaktionen auf
Revolutionsvorstellungen sind gravierend. Der
Revolutionsbegriff ist ideengeschichtlich in der
mitteleuropäischen Politischen Kultur verknüpft mit
Fortschritts- und Modernisierungsvorstellungen. Das
unterscheidet diesen Begriff vom Begriff der
‚Revolte‘, der semantisch ‚richtungslos‘ ist. Die
positive Konnotation der politischen ‚Richtung‘ von
Revolutionen – die zu dem wissenschaftlichen
Forschungsschwerpunkt zielt, die (bedauerten oder pessimistisch
hingenommenen – immer aber
bewerteten!)
Widersprüche von
‚Motiv‘ bzw.
‚gesellschaftlichem Ziel‘ auf der einen und dem
‚Realgeschehen‘ und den
‚problematischen Folgen und Wirkungen‘ der
Revolutionsabläufe aufzudecken und zu erklären
– ist Teil der mitteleuropäischen Politischen Kultur und
topos des gesellschaftlichen Selbstverständnisses.
Im Sinne der prozessorientierten
gesellschaftswissenschaftlichen Vorstellung, dass sich Gesellschaft in
Balancen und
Interdependenzen
zwischen machtstärkeren und machtschwächeren Gruppen ausdrückt und
verwirklicht, ist es nur selbstverständlich, dass Revolutionen nicht nur
zu Machtverschiebungen zwischen
Gegnern in der
Gesellschaft führen, sondern dass sie auch auf der kulturellen Ebene
ambivalent konnotiert sind. Vor allem auch die
kulturelle Folie der Fortschritts- und
Modernisierungsvorstellungen ist sozial uneinheitlich verankert und wird
durch permanente Unter- und Gegenströmungen in Frage gestellt, was sich
seit dem 19. Jahrhundert als
Kultur- und Zivilisationskritik
äußert, literarisch umfangreich repräsentiert ist und
keineswegs nur mit dem
politischen Konservativismus verbunden ist. Das legt
gerade bezogen auf die Bewertung des ‚Revolutionsbegriffes‘ einen
Exkurs über den Konservativismus nahe.
Eine erste wichtige Korrektur am ‚Revolutionsbegriff‘
ergibt sich daraus, dass er nicht zwangsläufig und widerspruchsfrei in
ein parteipolitisch definiertes ‚Rechts-Links-Schema‘ einzuordnen ist.
Diese allseits bekannte, aber kaum sozialwissenschaftlich reflektierte
Tatsache des
völligen Ungenügens
des parteipolitisch besetzten ‚Rechts-Links-‘ oder auch
‚Konservativ-Liberal-Sozialistisch (=Fortschrittlich?)-Schemas‘ bedarf
einer grundlegenderen Reflexion, die ein bezeichnendes Licht wirft auch
auf das
Ungenügen des tagespolitisch
verstandenen Revolutionsbegriffs.
Die genannten politischen Einordnungsschemata sind
Kategorien, die der deutschen, in differenzierter und
sinngemäß modifizierter Weise auch der mitteleuropäischen (kaum jedoch der
US-amerikanischen)
Politischen Kultur typisch
und damit
wirkungsmächtig sind.
Sie stehen aber im Rahmen des
‚kollektiven Gedächtnisses‘
der Gesellschaft, das die intergenerationell vermittelte und
tradierte Kultur mit ihrem Wert- und Zeichenvorrat darstellt, in
hochkomplexer, verflochten-interdependenter Konkurrenz zu einer großen
Zahl abweichender oder alternativer
Kategorisierungen
und
Zuordnungspotentiale und -angebote.
Dieser Prozess der Entwicklung von Interdependenzen
von Politischer Kultur und Gruppen- und Individual-Identitäten kann hier
nicht sozialpsychologisch thematisiert werden. Es sei als Beispiel –
pars pro toto – hier festzuhalten, dass z.B. das
Selbstbild des Konservativen (seine ‚konservative
Identität‘, die ohnehin nicht ungebrochen und widerspruchsfrei ausgebildet
sein muss!) abhängt von den von der Politischen Kultur angebotenen
Symbolen, Zeichen und Realitätsdefinitionen für “konservative Werte”,
“konservatives Verhalten” und “konservative Selbstdarstellung”.
Dazu gehört auch die
Vorgabe von kulturell
vordefinierten Gegnerschaften und Feindbildstereotypen.
Gerade die inhaltliche und gesellschaftliche
Diffusität des
Konservativismus
erzeugt nun geradezu die
Uneindeutigkeit dieser
‚konservativen Identität‘, welche
-
sowohl in Hinblick auf
ihre in der gesellschaftlichen Wirkungen,
-
oder in der politischen
Interdependenz von Machtbalancen und auch
-
in ihrer Affinität zu
rückwärts gewandten
Renaissance-Vorstellungen
–
die, wie die historische Erfahrung zeigt, sehr oft realgesellschaftlich
als ‚Motor‘ von Modernisierungsprozessen und Begründung von
‚Revolutionen‘ wirken! –
in gegebenen gesellschaftlichen Kontexten
durchaus und wirkungsvoll Modernisierungsschübe und
gesellschaftliche Veränderungen,
vulgo als
‚Fortschritte‘, einfordern und einleiten können. Somit ist der Begriff der
‚konservativen Revolution‘ durchaus kein ‚Widerspruch in
sich selbst‘, sondern eine reale Möglichkeit, die kontextuellen sozialen
und politischen Widersprüche und kulturellen Brüche und Disparitäten in
politisches Handeln umzusetzen.
Heute sind solche Überlegungen angebracht zur
Einordnung und Erschließung von u.U. als ‚revolutionär‘ zu
kennzeichnenden Phasen und Abschnitten im – immer stärker globalisierten –
Transformationsprozess
der randeuropäischen
Semiperipherien
oder in Hinblick auf die Umbrüche in den globalen Semiperipherien z.B. in
der Islamischen Revolution in Iran.
Es ist schwer, bestimmte ‚Umstürze‘ in der
staatlichen und gesellschaftlichen Machtbalance dieser Länder zu
charakterisieren, ohne auf die Begriffskategorie ‚Revolution‘ zu
rekurrieren. Dies verstärkt sich noch dadurch, dass die Protagonisten
z.B. in Iran, z.T. auch in Polen und Ungarn die gesellschaftlichen
Transformationen in ihren Ländern als ‚Revolution‘ verstehen, auch wenn
sie sich
dezidiert vom
marxistischen
Revolutionsverständnis
und vom
marxistischen ‚revolutionären
Klassenbewusstsein‘ absetzen – und in Ost- und
Ostmitteleuropa ja gerade gegen Regime gekämpft haben, die sich selbst
zumindest deklamatorisch als dem Marxismus verpflichtet darstellten.
Was sind aber die begrifflichen und inhaltlichen
spezifica, die es in einer kritischen Relativierung
marxistischer Revolutionsvorstellungen zu Grunde zu
legen gilt und wie sie Marx nach dem Bilde der Französischen Revolution
entwickelt hat und wie sie die russischen Sozialisten und Kommunisten in
der Großen Oktoberrevolution umzusetzen versuchten?
Zunächst einmal ist im Rahmen derzeitiger
sozialwissenschaftlicher Diskurse der
finalistische
(auch, bei methodischer Skepsis gegenüber der ‚dialektischen‘ Methode, als
deterministisch misszuverstehende) Charakter der marxistischen
Geschichtsphilosophie des dialektischen Materialismus nicht mehr ernsthaft
zu akzeptieren. Der ‚Glaube‘ an die
Sinngebung der Geschichte
als einer Geschichte von Klassenkämpfen ist obsolet geworden; ebenso aber
auch
Fukuyamas
triumphierende Gegenthese
vom »Ende der Geschichte«, die gleichermaßen dem wissenschaftlichen
Rationalitätspostulat nicht standhält. Beide Konzepte sind
politischer Natur und auf
politische Wirksamkeit hin angelegt.
Der Marxismus
interpretierte den
politischen Kampf der Französischen Revolution ebenso wie die These von
der Geschichte als
Geschichte der Klassenkämpfe
als dem
politisch-ethischen Ziel des
Egalitarismus zu- und untergeordnet und steht damit in
der (‚revolutionären‘?) Tradition der klassischen Europäischen
Staatsphilosophie eines Rousseaus oder des in die Französische Revolution
einmündenden Jacobinismus. Der
Egalitarismus ist kein
analytischer, sozialwissenschaftlicher Begriff sondern eine
Wertnorm bzw. ein politisches
Handlungsziel. Als sozialwissenschaftlicher Begriff
würde er ebenso wie als
realpolitisches Programm mit
Ausschließlichkeitscharakter – wie es ‚revolutionäre
Programmatik‘ oft charakterisiert – ohnehin in logische Paradoxien bzw.
praktische Widersprüche führen.
Die
Renaissance zentraler
Wertnormen als
politischer Leitideen
– im 19. Jahrhundert mit
Marx die Ideen der
Gerechtigkeit und der
Gleichheit, parallel zu den
proklamatorischen Zielen der Französischen Revolution ›Liberté, Égalité,
Fraternité‹, – ist weder zufällig noch allein an den
zentralen
Protagonisten der
theoretischen und politischen Entwicklung fest zu machen. Sie entspricht
Entwicklungen im Zivilisationsprozess, in denen gesellschaftliche
Figurationen interdependent Verschiebungen der gesellschaftlichen
Machtbalancen begleiten.
Mit
Elias sind als zentrale Momente dieses Prozesses zu nennen die
‚Durchsickerung‘
zivilisatorischer Normen (in seinem Hauptwerk exemplifiziert an den
‚höfischen Verhaltensweisen‘), die zunehmende gesellschaftliche und
machtstrukturelle Differenzierung und Fraktionierung, die das Ziel
machtpolitischer
Integration und
Homogenisierung virulent werden lässt – in Europa
verbunden mit dem Prozess der Herausbildung der modernen
Staatsgesellschaften –, die Zunahme der Bevölkerungsdichte, die die
Formalisierung und
Institutionalisierung
gesellschaftlicher Kommunikations- und Interaktionsbeziehungen fordert –
Grundprinzip auch der
Verrechtlichung der
mitteleuropäischen Gesellschaften – und schließlich die Herausbildung des
Habitus des ‚modernen Staatsbürger‘ – was in anderen
theoretischen Kontexten als
Verbürgerlichungsthese
auftritt.
Aß sich im 19. Jahrhundert mit dem zentralen Begriff
der
Klasse auch der Blick
auf das Phänomen der
Masse herausbildet,
ist weder als
aperçu gedacht, noch
als
zufällig abzuwerten.
Es entspricht einer
neuen gesellschaftlichen Wahrnehmung,
einem paradigmatischen Perspektivwechsel der sozialen Theorie, der sich an
den
Erfahrungen und der
Interpretation der politischen Veränderungen ihrer Zeit
entzündet.
Vor allem das Ungenügen der bisherigen
Weltsicht, dass gesellschaftliche Vorgänge
grundsätzlich Ergebnis personalisierbarer und zielgerichteter Handlungen
Einzelner, vor allem der Herrscher, seien, wurde in der
sich herausbildenden
Massengesellschaft
sichtbar und in der Französischen Revolution evident. Zum ersten Mal
wurden explizit
soziale Phänomene
wahrgenommen und als Lebensvoraussetzungen der Gesellschaft erkannt.
Dennoch blieben traditionelle
Wahrnehmungsmuster
gültig: die neu entdeckte
Masse, die in ihrer
sozialen Lage auch zur
Klasse performiert,
bleibt ‚gesichtslos‘, kollektive Entität. Der komplexe Zusammenhang von
Individualität, individuellen Identitäten und gesellschaftlichen
Figurationen scheint noch nicht auf. Diese ‚Gesichtslosigkeit‘ ist
letztlich Spiegelbild der Gesellschaftswahrnehmung des
Herrschers auf die
Beherrschten, oder
wie in einer Untersuchung des Gesellschaftsbildes der amerikanischen
Südstaatenoberschicht formuliert wurde, der
“nobody” bzw.
“No’ count lot”.
Diese ‚Gesichtslosigkeit‘ ist sicherlich auch schon ein zentrales
Problem für gesellschaftswissenschaftliche Theoretiker und
Gesellschaftsphilosophen des 19. Jahrhunderts. Diesem Wertdilemma entgeht
die Theorie mit dem Rekurs auf den
Egalitarismus, wobei
‚Gesichtslosigkeit‘
Charakter, Bedingung und Folge der
‚Gleichheit‘ und ‚Masse‘ die kollektive ‚Macht‘,
Egalität herzustellen, bedeutet.
Deutlich wird das in Gesellschaftsutopien nicht nur
im Marxismus selbst, sondern auch, z.B. städtebaulich angewandt bei
Le
Corbusiér oder in der idealen Gesellschaft der “Großen Hoffnung des
20. Jahrhunderts” bei
Fourastié (1954). Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war
gesellschaftsphilosophisch geprägt durch die Auseinandersetzung mit dem
Phänomen den
Masse (Elias
Canetti,
Ortega
y
Gasset) und auf der politischen Linken mit dem Entstehen von
Klassenbewusstsein (Georg
Lukács). Viel untergründige Irritation und Widersprüchlichkeit wird
in diesen Schriften erkennbar, die nicht zufällig eher eine literarische
Interpretation der Realität denn eine gültige
wissenschaftliche Analyse und Erklärung der
dargestellten Phänomene bieten.
Es ist nun notwendig, den Begriff der
Masse als wissenschaftliche Kategorie zu
entzaubern, denn die Masse ist keineswegs eine Entität,
sondern ein
Mythos. Wie wichtig
für Gesellschaftsutopien und vor allem für
chiliastische Orientierungen der ‚Mythos‘ ist, ist in
der Literatur hinreichend geklärt. Aufgedeckt werden muss der
reale Kern dessen, was als
Masse bezeichnet wird. Sehr nüchtern stellt sich heraus,
dass es sich um ein sogenanntes
‚Metaphänomen‘
handelt, ein
begriffliches Konstrukt,
das
metatheoretisch das
Geflecht kultureller und kommunikativer
Interdependenzen bezeichnet, welche nach außen hin
gleichsinniges oder besser paralleles aber auch explizit
gemeinsames Verhalten zusammenfasst. Der
politisch-philosophische Kunstgriff, der den
mythologischen Charakter des Massenbegriffs ausmacht,
ist nun, dieser strukturellen – niemals aber vollständigen und
widerspruchsfreien – Übereinstimmung in
Verhalten und Werten ein eigenes
kollektives Subjekt zuzuordnen und ihm eine eigene,
unauflösliche Entität zuzuschreiben.
Ohne
mythologische Überhöhung
lassen sich Parallelen dieses sozialwissenschaftlichen Konstrukts mit den
sozialen Konstrukten der Systemtheorie ziehen (vgl.
Luhmann), die ebenfalls als Metatheorie von den Individualitäten
absieht, aber keineswegs genötigt ist,
fiktive kollektive Handlungssubjekte
zu postulieren. Aufgabe der theoretischen Würdigung wäre es letztlich,
grundsätzlich das Verhältnis
metatheoretischer Theorie- und
Kategoriebildung zur empirischen Realität zu klären,
ihre Reichweite und Aussagefähigkeit zu prüfen und sie kritisch der
Prüfung auf immer drohende
Mythisierungen zu
unterziehen.
Genau das ist nun das
Problem der sinnvollen oder weniger sinnvollen Anwendung des
Revolutionsbegriffes als sozialwissenschaftlicher Kategorie: wieweit ist
er von
falschen Mythologemen
zu befreien, inwieweit ist er als
metatheoretisches Konstrukt
aussagefähig und realitätsadäquat?
Halten wir abschließend thesenhaft die Ergebnisse
unserer Reflexion fest:
-
Der
Revolutionsbegriff
ist aus dem marxistischen Kontext zu lösen und nicht zu spezifizieren
auf konstruierte
Phasen eines Klassenkampfes
im marxistischen Geschichtsmodell, dessen
finalistischer und
chiliastischer Charakter
es als
politisches Konzept
erweist und als
sozialwissenschaftliche Theorie
diskreditiert.
-
Der
Revolutionsbegriff
ist nur in konkreten Phasen der mitteleuropäischen
Gesellschaftsentwicklung mit dem
politischen Ziel des Egalitarismus
verbunden; immer kennzeichnet er jedoch zeitlich konzentrierte
Umsturzphasen, in
denen bisher
machtschwächere
Sozialgruppen bisherige
herrschenden Gruppen
ablösen und entmachten.
-
Der
Revolutionsbegriff
enthält grundsätzlich eine
Bedeutung im Sinne einer politischen
Gerichtetheit, die, allgemein gesprochen, mit dem
Begriff der
Modernisierung einer
Gesellschaft bezeichnet werden kann, was jedoch rückwärts gerichtete
Utopien im Sinne von ‚Renaissancevorstellungen‘
bei den revolutionären Protagonisten nicht ausschließt.
-
Der
Revolutionsbegriff
bezeichnet nicht nur den
politischen Machtwechsel
oder die mehr oder weniger erfolgreiche
Revolte, um Macht zu
erwerben; er kennzeichnet immer
irreversible strukturelle
Verschiebungen in den grundlegenden Machtbalancen einer Gesellschaft,
die sich in allen Bereichen der Gesellschaft ausdrücken und sowohl
politische Herrschaft ablösen, gesellschaftliche Figurationen neu
konstituieren als auch den zivilisatorischen Habitus der
gesellschaftlichen Gruppen langfristig und nachhaltig beeinflussen.
Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, sollte auch
heute historisch-sozialwissenschaftlich und politikwissenschaftlich von
‚Revolutionen‘ gesprochen werden, da bessere alternative Begriffe nicht
eingeführt sind und hier tatsächlich
Vergleichbares vergleichbar
gemacht wird.
Anmerkungen
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Textfassung »politik unterricht aktuell«
Heft 1997-1/2
Internetpublikation revidiert: 22.12.2009
Verantwortlich: Gerhard Voigt, Kontakt siehe
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