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Gerhard Voigt:

Abschied von der Revolution?

Diskussion über einen ‚untauglichen‘ Begriff

Es wirkt leicht anachronistisch, ‚revolutionäres Bewusstsein‘ zu beschwören oder gar evozieren zu wollen und in der ‚Re­vo­lu­tion‘ eine gesellschaftliche Hoffnung zu sehen. Den Historikern billigt man ein paar ab­ge­schlos­sene ‚große Revolutionen‘ – in Frankreich oder Russland – zu, deren ‚re­vo­lu­tio­nä­rer Cha­rakter‘ ohnehin mit guten historischen Gründen in Frage gestellt werden kann, ‚an­ti­ko­lonialistische Re­vo­lu­tionen‘ verändern ihr Bild deutlich, so man sie sub specie der Inkorpo­rationsprozesse des ‚Welt­sy­stems‘, der Herausbildung der sogenannten ‚Semiperipherien‘ und dem Zerfall der Im­pe­ri­al­mäch­te in­terpretiert, die eher aus Veränderungen der Machtbalancen in der sich globalisierenden Welt­wirt­schaft und der inneren Machtstrukturen in den politisch-ökonomischen ‚Zentren‘ selbst zu er­klären sind. In den politisch-ökonomischen Diskursen über den Charakter des heutigen Weltsystems und sei­ner Entstehung und Entwicklung ist der Begriff ‚Revolution‘ als un­tauglich anathematisiert.

In dieser kurzen Begriffsskizze können und sollen keineswegs originelle oder neuartige sozial­wissenschaftliche Ideen verfolgt werden. Es geht einzig darum, sich selbst Gewissheit über die Pro­blematik eines zentralen historiographisch-gesellschaftswissenschaftlichen Begriffes zu verschaffen, welcher in relativ kurzer Zeit mehrfach in widersprüchlicher Weise grundlegende Akzeptanz bzw. Ablehnung erfahren hat und dessen Realitätsgehalt umstritten ist. Dabei ist nun zu berücksichtigen, dassss eine gewisse Parallelität des Akzeptanzwandels der historiographisch-gesellschaftswissenschaftli­chen Kategorie ‚Revolution‘ mit dem Wandel der Dominanz (tages-) politischer Diskurse in unserer Gesellschaft auffällig ist, die es anzunehmen erlaubtdassssß weniger der innerwissenschaftliche Fort­schritt die ‚Moden‘ dBegriffsgebrauchshes prägt, sondern eher vorwissenschaftliche politisch-ge­sellschaftliche Optionen und Einstellungen, die sich in Folge des politischen Wandels in Europa – und darüber hinaus – deutlich erkennbar verändert haben.

Es ist daher kritisch zu überprüfen, ob die heute in den west- und mitteleuropäischen sozialwis­senschaftlichen Diskursen vorherrschende Abwertung der Begriffskategorie ‚Revolution‘ vornehmlich die politische Ablehnung der als überwunden und obsolet geworden verstandenen marxistischen Ge­sellschaftstheorie widerspiegelt, in der dem Revolutionsbegriff eine zentrale Bedeutung zukommt. In diesem Falle wäre es wissenschaftlich notwendig und sinnvoll, den Begriff ›Revolution‹ “neu zu den­ken”1 und seine marxistisch dominierte Prägung und Funktionalisierung historisch-rational zu über­prüfen und gegebenenfalls zu relativieren.2

Es bedarf einiger komplexerer Überlegungen, um festzustellen, dass mit dem Begriff der ‚Re­vo­lu­tion‘ durchaus distinktive Realitätsdeutungen verbunden sein können. Dazu ist aber einerseits der traditionelle politologische Gebrauch des Begriffes, andererseits der ideologisch-politische Gehalt des Sprachgebrauchs mit zu reflektieren. Seine wichtigste gesellschaftswissenschaftliche Funktion er­hielt der Revolutionsbegriff im Kontext der marxistischen Geschichts- und Gesellschafts­theorie. Das historische Bild, das als Erfahrungshintergrund mitgedacht werden muss, ist die große Französische Revolution und ihre prägende und polarisierende politisch-kulturelle Wirkung im 19. Jahrhundert, an der kein Gesellschaftstheoretiker seiner Zeit vorüber gehen konnte. Aus einer noch nicht differenziert aufgelösten und analysierten zeitgeschichtlichen Realität heraus musste eine idealtypisches Muster gesell­schaftlichen Wandels und gesellschaftlichen Verhaltens abgeleitet werden – sei es vorbildhaft, sei es als ‚Abschreckung‘. Der marxistische wie der historizistische Revolutionsbegriff des 19. Jahr­hunderts – inhaltlich in der Realitätsdeutung nicht allzu weit voneinander entfernt – ist nur zu verste­hen in sei­ner funktionalen Einbindung in die politisch-kulturellen Diskurse des 19. Jahrhun­derts in Mittel­europa. Insofern ist die epigonale ‚Große russische Oktoberrevolution‘ einerseits dem Bild der Fran­zösischen Revolution verpflichtet – bis hin in Strategieüberlegungen und die Selbstde­finition des ,re­volutionären Verhaltens‘ –, andererseits in ihrem Charakter in der Weltgeschichte et­was inhaltlich durchaus Unterschiedenes, das ohne die spezifischen Probleme der ökonomischen In­korporation Russlands in die weltwirtschaftlichen und politischen Strukturen nicht zu verstehen ist – vor allem nicht unter exklusiver Verwendung von Erklärungsmustern der marxistischen Geschichts- und Ge­sellschaftstheorie.

In zwei davon abweichenden Kontexten drängt es sich jedoch wiederum auf, den Begriff einer ‚Re­volution‘ für beide weltgeschichtliche Ereignisse, aber auch für eine Reihe anderer Prozesse zu verwenden, die strukturell-genetisch auffällige Parallelen aufweisen. Dabei sollte zunächst auf die umgangssprachlich nahe beieinander stehenden Begriffe der ‚Revolte‘ und der ‚Revolution‘ hinge­wiesen werden, deren ‚semantische Schnittmenge‘ in dem unmittelbar anschaulichen und erlebbaren ‚Um­­sturz‘ zu finden ist. Gerade von dieser fast sinnlichen Wahrnehmbarkeit eines historischen Vor­ganges sollte sich die gesellschaftswissenschaftliche Begrifflichkeit nicht verabschieden, trotz der Ge­fahr der begrifflichen Unschärfe, der Distinktionsprobleme, denn oft ist in einem solchen ‚naiven‘ Begriff mehr intersubjektiv vermittelbare Realität als in einer ‚entleerten Fachterminologie‘: was letzt­lich das Problem berührt, ob nicht die grundsätzliche Fähigkeit der Empathie Erkenntnis- und Analy­sevoraussetzung bleiben muss Gerade dies wird derzeit in der kritischen Auseinandersetzung z.B. um das sehr abstrakte erkenntnistheoretische Konzept von Popper erneut diskutiert.3 Rationalismus und Methodenkritik des Denkens sind als Grundlage der Wissenschaft zwar nicht relativierbar, wohl aber in der Begründbarkeit wissenschaftlichen Arbeitens und seiner gesellschaftlichen Folgen!

Es ist ein Allgemeinplatz der Geschichte als historischer Sozialwissenschaft, dass Prozesse und Balancen den Ablauf der Geschichte bestimmen und strukturieren, mit der notwendigen Folge, dass das Prinzip des Strukturerhalts, die Kontinuität in der Geschichte, in bestimmten ‚stabilen‘ histori­schen Phasen und Konstellationen4 dominiert, während andere historische Abschnitte gekennzeichnet sind durch beschleunigten politischen und sozialen Wandel, durch Diskontinuitäten und vor allem irreversible Verschiebungen von Machtbalancen.5 Hier nähert sich die Beschreibung dem an, was allgemein als ‚Revolution‘ bezeichnet wird. Und genau diese Irreversibilität der Veränderung der Herrschaftsverhältnisse steht auch begrifflich hinter dem auf Klassenherrschaft und seine Ablösung im Klassenkampf gerichteten marxistischen Revolutionsbegriff.

Dieser ist somit weniger wegen seines Rekurses auf die historische Revolutionserfahrung und die darauf bezogene revolutionäre Begrifflichkeit problematisch, sondern durch den historisch überholten und obsoleten Klassenbegriff. Die Auswirkungen auf das daraus folgende Verständnis der gesell­schaftlichen Reaktionen auf Revolutionsvorstellungen sind gravierend. Der Revolutionsbegriff ist ideengeschichtlich in der mitteleuropäischen Politischen Kultur verknüpft mit Fortschritts- und Mo­dernisierungsvorstellungen. Das unterscheidet diesen Begriff vom Begriff der ‚Re­vol­te‘, der seman­tisch ‚richtungslos‘ ist. Die positive Konnotation der politischen ‚Richtung‘ von Revolutionen – die zu dem wissenschaftlichen Forschungsschwerpunkt zielt, die (bedauerten oder pessimistisch hingenom­menen – immer aber bewerteten!) Widersprüche von ‚Motiv‘ bzw. ‚ge­sell­schaft­li­chem Ziel‘ auf der einen und dem ‚Realgeschehen‘ und den ‚problematischen Folgen und Wirkungen‘ der Revolutions­abläufe aufzudecken und zu erklären6 – ist Teil der mitteleuropäischen Politischen Kultur und topos des gesellschaftlichen Selbstverständnisses.

Im Sinne der prozessorientierten gesellschaftswissenschaftlichen Vorstellung, dass sich Gesell­schaft in Balancen und Interdependenzen zwischen machtstärkeren und machtschwächeren Gruppen ausdrückt und verwirklicht, ist es nur selbstverständlich, dass Revolutionen nicht nur zu Machtver­schiebungen zwischen Gegnern in der Gesellschaft führen, sondern dass sie auch auf der kulturellen Ebene ambivalent konnotiert sind. Vor allem auch die kulturelle Folie der Fortschritts- und Moderni­sierungsvorstellungen ist sozial uneinheitlich verankert und wird durch permanente Unter- und Ge­genströmungen in Frage gestellt, was sich seit dem 19. Jahrhundert als Kultur- und Zivilisationskritik äußert, literarisch umfangreich repräsentiert ist und keineswegs nur mit dem politischen Konservati­vismus verbunden ist. Das legt gerade bezogen auf die Bewertung des ‚Re­vo­lu­tions­be­griffes‘ einen Exkurs über den Konservativismus nahe.

Eine erste wichtige Korrektur am ‚Revolutionsbegriff‘ ergibt sich daraus, dass er nicht zwangs­läufig und widerspruchsfrei in ein parteipolitisch definiertes ‚Rechts-Links-Schema‘ einzuordnen ist. Diese allseits bekannte, aber kaum sozialwissenschaftlich reflektierte Tatsache des völligen Ungenü­gens des parteipolitisch besetzten ‚Rechts-Links-‘ oder auch ‚Konservativ-Liberal-So­zia­li­stisch (=Fort­schrittlich?)-Schemas‘ bedarf einer grundlegenderen Reflexion, die ein bezeichnendes Licht wirft auch auf das Ungenügen des tagespolitisch verstandenen Revolutionsbegriffs.

Die genannten politischen Einordnungsschemata sind Kategorien, die der deutschen, in differen­zierter und sinngemäß modifizierter Weise auch der mitteleuropäischen (kaum jedoch der US-ameri­kanischen) Politischen Kultur typisch und damit wirkungsmächtig sind. Sie stehen aber im Rahmen des ‚kollektiven Gedächtnisses‘ der Gesellschaft, das die intergenerationell vermittelte und tradierte Kultur mit ihrem Wert- und Zeichenvorrat darstellt, in hochkomplexer, verflochten-interdependenter Konkurrenz zu einer großen Zahl abweichender oder alternativer Kategorisierungen und Zuord­nungspotentiale und -angebote.

Dieser Prozess der Entwicklung von Interdependenzen von Politischer Kultur und Gruppen- und Individual-Identitäten kann hier nicht sozialpsychologisch thematisiert werden. Es sei als Beispiel – pars pro toto – hier festzuhalten, dass z.B. das Selbstbild des Konservativen (seine ‚konservative Identität‘, die ohnehin nicht ungebrochen und widerspruchsfrei ausgebildet sein muss!) abhängt von den von der Politischen Kultur angebotenen Symbolen, Zeichen und Realitätsdefinitionen für “kon­ser­vative Werte”, “konservatives Verhalten” und “konservative Selbstdarstellung”. Dazu ge­hört auch die Vorgabe von kulturell vordefinierten Gegnerschaften und Feindbildstereotypen.

Gerade die inhaltliche und gesellschaftliche Diffusität des Konservativismus erzeugt nun gerade­zu die Uneindeutigkeit dieser ‚konservativen Identität‘, welche

  1. sowohl in Hinblick auf ihre in der gesellschaftlichen Wirkungen,

  2. oder in der politischen Interdependenz von Machtbalancen und auch

  3. in ihrer Affinität zu rückwärts gewandten Renaissance-Vorstellungen

die, wie die historische Erfahrung zeigt, sehr oft realgesellschaftlich als ‚Motor‘ von Mo­dernisierungsprozessen und Begründung von ‚Revolutionen‘ wirken! –

in gegebenen gesellschaftlichen Kontexten durchaus und wirkungsvoll Modernisierungsschübe und gesellschaftliche Veränderungen, vulgo als ‚Fortschritte‘, einfordern und einleiten können. Somit ist der Begriff der ‚konservativen Revolution‘ durchaus kein ‚Widerspruch in sich selbst‘, son­dern eine reale Möglichkeit, die kontextuellen sozialen und politischen Widersprüche und kulturellen Brüche und Disparitäten in politisches Handeln umzusetzen.

Heute sind solche Überlegungen angebracht zur Einordnung und Erschließung von u.U. als ‚re­vo­lu­tionär‘ zu kennzeichnenden Phasen und Abschnitten im – immer stärker globalisierten – Transformationsprozess der randeuropäischen Semiperipherien7 oder in Hinblick auf die Umbrüche in den globalen Semiperipherien z.B. in der Islamischen Revolution in Iran8.

Es ist schwer, bestimmte ‚Umstürze‘ in der staatlichen und gesellschaftlichen Machtbalance die­ser Länder zu charakterisieren, ohne auf die Begriffskategorie ‚Revolution‘ zu rekurrieren. Dies ver­stärkt sich noch dadurch, dass die Protagonisten z.B. in Iran, z.T. auch in Polen und Ungarn die ge­sellschaftlichen Transformationen in ihren Ländern als ‚Revolution‘ verstehen, auch wenn sie sich dezidiert vom marxistischen Revolutionsverständnis und vom marxistischen ‚revolutionären Klassenbewusstsein‘ absetzen – und in Ost- und Ostmitteleuropa ja gerade gegen Regime gekämpft haben, die sich selbst zumindest deklamatorisch als dem Marxismus verpflichtet darstellten.

Was sind aber die begrifflichen und inhaltlichen spezifica, die es in einer kritischen Relativierung marxistischer Revolutionsvorstellungen zu Grunde zu legen gilt und wie sie Marx nach dem Bilde der Französischen Revolution entwickelt hat und wie sie die russischen Sozialisten und Kommunisten in der Großen Oktoberrevolution umzusetzen versuchten?

Zunächst einmal ist im Rahmen derzeitiger sozialwissenschaftlicher Diskurse der finalistische (auch, bei methodischer Skepsis gegenüber der ‚dialektischen‘ Methode, als deterministisch misszuverstehende) Charakter der marxistischen Geschichtsphilosophie des dialektischen Materialismus nicht mehr ernsthaft zu akzeptieren. Der ‚Glaube‘ an die Sinngebung der Geschichte als einer Geschichte von Klassenkämpfen ist obsolet geworden; ebenso aber auch Fukuyamas triumphierende Gegenthese vom »Ende der Geschichte«, die gleichermaßen dem wissenschaftlichen Rationalitätspostulat nicht stand­hält. Beide Konzepte sind politischer Natur und auf politische Wirksamkeit hin angelegt9.

Der Marxismus interpretierte den politischen Kampf der Französischen Revolution ebenso wie die These von der Geschichte als Geschichte der Klassenkämpfe als dem politisch-ethischen Ziel des Egalitarismus zu- und untergeordnet und steht damit in der (‚revolutionären‘?) Tradition der klassi­schen Europäischen Staatsphilosophie eines Rousseaus oder des in die Französische Revolution ein­mündenden Jacobinismus. Der Egalitarismus ist kein analytischer, sozialwissenschaftlicher Begriff sondern eine Wertnorm bzw. ein politisches Handlungsziel. Als sozialwissenschaftlicher Begriff würde er ebenso wie als realpolitisches Programm mit Ausschließlichkeitscharakter – wie es ‚re­vo­lu­tio­näre Programmatik‘ oft charakterisiert – ohnehin in logische Paradoxien bzw. praktische Wi­der­sprü­che führen.10

Die Renaissance zentraler Wertnormen als politischer Leitideen – im 19. Jahrhundert mit Marx die Ideen der Gerechtigkeit und der Gleichheit, parallel zu den proklamatorischen Zielen der Fran­zösischen Revolution ›Liberté, Égalité, Fraternité‹, – ist weder zufällig noch allein an den zentralen Protagonisten der theoretischen und politischen Entwicklung fest zu machen. Sie entspricht Entwick­lungen im Zivilisationsprozess, in denen gesellschaftliche Figurationen interdependent Verschiebungen der gesellschaftlichen Machtbalancen begleiten.

Mit Elias sind als zentrale Momente dieses Prozesses zu nennen die ‚Durchsickerung‘11 zivilisa­torischer Normen (in seinem Hauptwerk exemplifiziert an den ‚höfischen Verhaltensweisen‘), die zu­nehmende gesellschaftliche und machtstrukturelle Differenzierung und Fraktionierung, die das Ziel machtpolitischer Integration und Homogenisierung virulent werden lässt – in Europa verbunden mit dem Prozess der Herausbildung der modernen Staatsgesellschaften –, die Zunahme der Bevölke­rungsdichte, die die Formalisierung und Institutionalisierung gesellschaftlicher Kommunikations- und Interaktionsbeziehungen fordert – Grundprinzip auch der Verrechtlichung der mitteleuropäischen Gesellschaften – und schließlich die Herausbildung des Habitus des ‚modernen Staatsbürger‘ – was in anderen theoretischen Kontexten als Verbürgerlichungsthese auftritt.

Aß sich im 19. Jahrhundert mit dem zentralen Begriff der Klasse auch der Blick auf das Phä­nomen der Masse herausbildet, ist weder als aperçu gedacht, noch als zufällig abzuwerten. Es ent­spricht einer neuen gesellschaftlichen Wahrnehmung, einem paradigmatischen Perspektivwechsel der sozialen Theorie, der sich an den Erfahrungen und der Interpretation der politischen Veränderungen ihrer Zeit entzündet.

Vor allem das Ungenügen der bisherigen Weltsicht, dass gesellschaftliche Vorgänge grundsätz­lich Ergebnis personalisierbarer und zielgerichteter Handlungen Einzelner, vor allem der Herr­scher, seien, wurde in der sich herausbildenden Massengesellschaft sichtbar und in der Französischen Revolution evident. Zum ersten Mal wurden explizit soziale Phänomene wahrgenommen und als Le­bensvoraussetzungen der Gesellschaft erkannt. Dennoch blieben traditionelle Wahrnehmungsmuster gültig: die neu entdeckte Masse, die in ihrer sozialen Lage auch zur Klasse performiert, bleibt ‚ge­sichts­los‘, kollektive Entität. Der komplexe Zusammenhang von Individualität, individuellen Identi­tä­ten und gesellschaftlichen Figurationen scheint noch nicht auf. Diese ‚Gesichtslosigkeit‘ ist letztlich Spie­gelbild der Gesellschaftswahrnehmung des Herrschers auf die Beherrschten, oder wie in einer Un­tersuchung des Gesellschaftsbildes der amerikanischen Südstaatenoberschicht formuliert wurde, der “nobody” bzw. “No’ count lot”12. Diese ‚Ge­sichts­lo­sig­keit‘ ist sicherlich auch schon ein zentra­les Pro­blem für gesellschaftswissenschaftliche Theoretiker und Gesellschaftsphilosophen des 19. Jahrhun­derts. Diesem Wertdilemma entgeht die Theorie mit dem Rekurs auf den Egalitarismus, wo­bei ‚Ge­sichts­losigkeit‘ Charakter, Bedingung und Folge der ‚Gleichheit‘ und ‚Mas­se‘ die kollektive ‚Macht‘, Egali­tät her­zu­stellen, bedeutet.

Deutlich wird das in Gesellschaftsutopien nicht nur im Marxismus selbst, sondern auch, z.B. städtebaulich angewandt bei Le Corbusiér oder in der idealen Gesellschaft der “Großen Hoffnung des 20. Jahrhunderts” bei Fourastié (1954). Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war gesell­schaftsphilosophisch geprägt durch die Auseinandersetzung mit dem Phänomen den Masse (Elias Canetti, Ortega y Gasset) und auf der politischen Linken mit dem Entstehen von Klassenbewusstsein (Georg Lukács). Viel untergründige Irritation und Widersprüchlichkeit wird in diesen Schriften erkennbar, die nicht zufällig eher eine literarische Interpretation der Realität denn eine gültige wis­sen­schaftliche Analyse und Erklärung der dargestellten Phänomene bieten.

Es ist nun notwendig, den Begriff der Masse als wissenschaftliche Kategorie zu entzaubern, denn die Masse ist keineswegs eine Entität, sondern ein Mythos. Wie wichtig für Gesellschaftsutopien und vor allem für chiliastische Orientierungen der ‚Mythos‘ ist, ist in der Literatur hinreichend ge­klärt. Aufgedeckt werden muss der reale Kern dessen, was als Masse bezeichnet wird. Sehr nüchtern stellt sich heraus, dass es sich um ein sogenanntes ‚Metaphänomen‘ handelt, ein begriffliches Kon­strukt, das metatheoretisch das Geflecht kultureller und kommunikativer Interdependenzen bezeich­net, welche nach außen hin gleichsinniges oder besser paralleles aber auch explizit gemeinsames Verhalten zusammenfasst. Der politisch-philosophische Kunstgriff, der den mythologischen Charak­ter des Massenbegriffs ausmacht, ist nun, dieser strukturellen – niemals aber vollständigen und wider­spruchsfreien – Übereinstimmung in Verhalten und Werten ein eigenes kollektives Subjekt zuzuord­nen und ihm eine eigene, unauflösliche Entität zuzuschreiben.

Ohne mythologische Überhöhung lassen sich Parallelen dieses sozialwissenschaftlichen Kon­strukts mit den sozialen Konstrukten der Systemtheorie ziehen (vgl. Luhmann), die ebenfalls als Me­tatheorie von den Individualitäten absieht, aber keineswegs genötigt ist, fiktive kollektive Handlungs­subjekte zu postulieren. Aufgabe der theoretischen Würdigung wäre es letztlich, grundsätzlich das Verhältnis metatheoretischer Theorie- und Kategoriebildung zur empirischen Realität zu klären, ihre Reichweite und Aussagefähigkeit zu prüfen und sie kritisch der Prüfung auf immer drohende Mythi­sierungen zu unterziehen.

Genau das ist nun das Problem der sinnvollen oder weniger sinnvollen Anwendung des Revolu­tionsbegriffes als sozialwissenschaftlicher Kategorie: wieweit ist er von falschen Mythologemen zu befreien, inwieweit ist er als metatheoretisches Konstrukt aussagefähig und rea­li­täts­ad­äquat?

Halten wir abschließend thesenhaft die Ergebnisse unserer Reflexion fest:

  • Der Revolutionsbegriff ist aus dem marxistischen Kontext zu lösen und nicht zu spezifizieren auf konstruierte Phasen eines Klassenkampfes im marxistischen Geschichtsmodell, dessen finalisti­scher und chiliastischer Charakter es als politisches Konzept erweist und als sozialwissen­schaftliche Theorie diskreditiert.

  • Der Revolutionsbegriff ist nur in konkreten Phasen der mitteleuropäischen Gesellschaftsentwick­lung mit dem politischen Ziel des Egalitarismus verbunden; immer kennzeichnet er jedoch zeit­lich konzentrierte Umsturzphasen, in denen bisher machtschwächere Sozialgruppen bisherige herrschenden Gruppen ablösen und entmachten.

  • Der Revolutionsbegriff enthält grundsätzlich eine Bedeutung im Sinne einer politischen Gerich­tetheit, die, allgemein gesprochen, mit dem Begriff der Modernisierung einer Gesellschaft be­zeichnet werden kann, was jedoch rückwärts gerichtete Utopien im Sinne von ‚Re­nais­sance­vor­stel­lungen‘ bei den revolutionären Protagonisten nicht ausschließt.

  • Der Revolutionsbegriff bezeichnet nicht nur den politischen Machtwechsel oder die mehr oder weniger erfolgreiche Revolte, um Macht zu erwerben; er kennzeichnet immer irreversible struk­tu­relle Verschiebungen in den grundlegenden Machtbalancen einer Gesellschaft, die sich in al­len Bereichen der Gesellschaft ausdrücken und sowohl politische Herrschaft ablösen, gesell­schaftliche Figurationen neu konstituieren als auch den zivilisatorischen Habitus der gesellschaft­lichen Gruppen langfristig und nachhaltig beeinflussen.

Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, sollte auch heute historisch-sozialwissenschaftlich und politikwissenschaftlich von ‚Revolutionen‘ gesprochen werden, da bessere alternative Begriffe nicht eingeführt sind und hier tatsächlich Vergleichbares vergleichbar gemacht wird.

Anmerkungen

1    Im Sinne von Wallerstein: Unthinking Social Science”.

2    In diesem Zusammenhang muss aber noch darauf verwiesen werden, dass keineswegs die Absicht besteht, auch den kruden, wissenschaftlich banalen und unbrauchbaren »Revolutionsbegriff« des Faschismus und des Nationalso­zialismus ebenfalls hier zu thematisieren!

3    So schreibt Eberhard Döring, Nicht immer die reine Bescheidenheit [Frankfurter Rundschau, Nr. 155, Dienstag, 8. Juli 1997, S. 16. Forum Humanwissenschaften]: »Eine rastlose Forschung muss gar nicht ausschließlich nach logi­schen Kategorien vorgehen, zu­mal ihr ästhetische und damit außerrationale Entscheidungen vorausgehen, wie dies die Verfechter des Kritischen Rationalismus zunächst bei Kant, dann aber auch bei Popper selbst hätten finden kön­nen: “Es zeigt sich also, dass die rationalistische Einstellung keinesfalls auf Argumente oder auf Er­fah­rungen gegrün­det werden kann und dass ein umfassender Rationalismus unhaltbar ist ... – wir kön­nen es einen irrationalen Glauben an die Vernunft nennen”«

4    Eine inhaltliche Analyse wird zeigen, dass diese ‚Stabilität‘ vor allem mit dem soziologischen Instrumentarium der Analyse von Herrschaftsprozessen und mit systemtheoretischen Ansätzen z.B. unter dem Aspekt der Institutionali­sierung von Machtbeziehungen oder der modernen Herausbildung von Staatsgesellschaften zu fassen sein wird. Dabei sei auf die Klassizität dieser Problemstellung in der sogenannten Hobbes’schen Frage hingewiesen, auf die bezogen z.B. Popitz von der ›Absurdität der gesellschaftlichen Stabilität‹ spricht!

5    Vgl. Hans Trümpy: Kontinuität – Diskontinuität in den Geisteswissenschaften. Darmstadt 1973. Darin besonders bezeichnend: Christian Meier: Kontinuität – Diskontinuität im Übergang von der Antike zum Mittelalter. Ebd. S. 53-94.

6    »Die Revolution entlässt ihre Kinder«, »Die neue Klasse« ...

7    Nettelmann 1997 reflektiert dies am Beispiel Polens für 1980/81.

8    Vgl. z.B. Gholamasad 1996.

9    Eschatologischer Endzeit- und Erlösungsglaube ist ja auch nicht intersubjektiv-rational zu vermitteln!

10  Dies führt z.B. schon Mühlmann 1994: 408-411 in seiner Revolutionstheorie, die auf Untersuchungen des Chilias­mus gründet, überzeugend aus, übersieht jedoch gerade die von uns getroffene Unterscheidung von analytischen und Wertkategorien. Insoweit sind seine Schlussfolgerungen ‚banal‘, da letztlich auf alle Wertnormen anwendbar, die grundsätzlich keine widerspruchsfreien politischen Konzepte begründen können. Der politische Ausweg liegt auf dem Prozesscharakter gesellschaftlicher Situationen (dem klassischen Prinzip des panta rhei verwandt). Sicherlich liegt im politischen Egalitarismus ein chiliastischer Kern. Doch gehört die zu Grunde liegende Vorstellung der Gerechtigkeit zu den zentralen Wertnormen, die mehr als andere ein ‚Weltethos‘ begründen können und zum Grundbestand der Wertordnung auch der europäischen Kultur gehört – was nichts über tatsächliche oder potentielle Umsetzungs- und Realisierungschancen aussagt, aber eine grundsätzliche Zurückweisung dieser Wertnorm als außer­halb der kulturellen Traditionen stehend und im Sinne der Menschenrechte als ‚zynisch‘ charakterisieren kann.

11  Dies ist ein hochkomplexer Vorgang, der aus der Sicht der machtstärkeren Oberschichten als Machtmittel und Mittel gesellschaftlicher Integration und Homogenisierung benutzt wird, sich funktional in Prozessen der Erlernung und der Verfestigung von Verhaltensformen äußert, von machtschwächeren Gruppen auch als Chance des Aufstiege oder der Machtpartizipation begriffen werden kann, wie dies Elias am Beispiel der Beziehungen zwischen der höfischen Eliten und dem aufsteigenden Bürgertum in Frankreich dargestellt hat.

12  Allison Davies, Burlight B. Gardner, and Mary R. Gardner: Deep South: A Social-Anthropological Study of Caste Hand Class. In: J.A. Kahl, The American Class Structure. New York 1957: 31.

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Textfassung »politik unterricht aktuell« Heft 1997-1/2
Internetpublikation revidiert: 22.12.2009
Verantwortlich: Gerhard Voigt, Kontakt siehe Impressum
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Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 1997 / 22.12.2009

Letzte Bearbeitung: 12.10.2011

   
   

 

     
   

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Info über die Verbandstätigkeit unter: http://www.politiklehrerverband.org