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Gerhard Voigt:
Materialien zu einem Kurs
»Ökonomische und soziologische Probleme des Verkehrs«
Materialanhang zu
»Ökologische Fragen im Unterricht«
A. Die ökonomischen Rahmenbedingungen:
Das Primat betriebswirtschaftlicher Kriterien in der heutigen
Verkehrsplanung
Material 1
Eine Strategie der Selbstverstümmelung
Als am ersten Arbeitstag dieses Jahres (1979) einige
hundert Pendler aus der 3800-Seelen-Gemeinde Grävenwiesbach im
Hintertaunus, 55 Eisenbahnkilometer nördlich von Frankfurt, mit den
ohnehin altertümlichen Schienenbussen der Deutschen Bundesbahn zu ihren
Arbeitsplätzen starten wollten, standen sie im wahrsten Sinne des Wortes
vor verschlossenen Türen. Eben diese, die Türen zu den Schienenfahrzeugen
also, waren eingefroren; Signale und Weichen ebenfalls vor Kälte erstarrt.
Zwar war der Temperatursturz zu den Minusrekorden tagelang vorher
angekündigt und auch anderthalb Tage vorher bereits eingetroffen. Doch
übers Neujahr-Wochenende hatte es niemand bei der Bahn für nötig befunden,
den Start ins neue Arbeitsjahr vorzubereiten; obendrein fehlte es am
nötigen Material. Die Folge: Fünf Züge fielen an diesem Tag ganz aus,
andere fuhren mit weniger Wagen. Eine zufällige Panne? Vielleicht – aber
zumindest auch ein Symptom. Denn die Bahnstrecke
Usingen-Grävenwiesbach-Albeshausen (südlich von Wetzlar) steht auf der
Abschußliste, gehört also zu jenen 6000 Kilometern im Bundesgebiet, die
laut Beschluß der Bundesregierung vom Schienen- auf den Busbetrieb
umgestellt werden sollen.
Am Bedarf dürfte es eigentlich nicht liegen, wenn die
Züge von Grävenwiesbach Richtung Frankfurt (und an zweiter Stelle in
Richtung Wetzlar) leer bleiben. Rund 1100 Auspendler gibt der
Raumordnungsplan 1974 der Regionalen Planungsgemeinschaft Untermain (RPU)
für Grävenwiesbach an (wobei dank einiger Industriebetriebe noch über 500
Einpendler hinzugerechnet werden müssen). Die Zahlen stammen aus dem Jahr
1970 und sind deswegen nur noch nütze, um eine Größenordnung anzudeuten.
»Man kann aber mit Sicherheit annehmen, daß die Auspendler nicht weniger,
sondern eher mehr geworden sind«, kommentiert Dr. Alexander von Hesler,
Leiter der Planungsabteilung des Umlandverbandes Frankfurt. Für den
gesamten Hintertaunus (34.000 Einwohner) nennt die RPU-Statistik von 1970
rund 7500 Auspendler. Dabei sind hier nur die Gemeinden Grävenwiesbach,
Neu-Ansbach, Usingen, Wehrheim und Weilrod (nicht aber Schmitten) gezählt,
weil für sie die Bahnlinie Friedrichsdorf-Usingen-Albeshausen von
Bedeutung ist. 33 Streckenabschnitte stehen in Hessen auf der
Abschußliste, davon sechs in der Planungsregion Untermain. Die
Begründungen der Bahn lauten immer gleich: Mangelnde Rentabilität,
scheinbar »bewiesen« durch eine Gegenüberstellung der Kosten für die
Bahnlinie und eine Kalkulation für die statt dessen vorgesehene
Verstärkung der Busverbindungen. Für das Beispiel Usingen-Grävenwiesbach
sieht das so aus: Nach den Zählungen der Bundesbahn im Winter 1976 fuhren
dort (im Durchschnitt) täglich 25 Züge in beiden Fahrtrichtungen mit 716
Menschen, an guten Tagen auch über 1000. In 19 Bussen waren es auf dem
gleichen Streckenabschnitt 570 Fahrgäste. (Mit zunehmender Nähe zum Raum
Wetzlar steigen die Zahlen bei beiden Verkehrsmitteln.) Die Bundesbahn
zieht daraus in einem Bericht für die unmittelbar betroffenen Gemeinden
entlang der Schiene diese Schlußfolgerungen: »Die Strecke wird im
Personenverkehr nur mäßig stark benutzt ... Im Untersuchungsabschnitt
besteht bereits schienenparalleler Busverkehr.« Daß die Bahn sich mit
dieser Buslinie zwangsläufig Konkurrenz macht, also selbst die
Rentabilität verdirbt, steht nicht in dem Bericht. Weiter im Text der
Bundesbahn: »Fremden- und Ausflugsverkehr wird nur in mäßigem Umfang über
die Strecke abgewickelt.« – Wie sollte er auch, sind doch die Zugfahrten
am Wochenende, also zwischen Sonntagmittag und Montagmorgen schon seit
Jahren eingestellt. Und noch einmal die Bundesbahn: »Für Einkaufs- und
sonstige Fahrten wird der Schienenweg nur wenig benutzt.« Wen wundert’s,
verkehrt doch an Vormittag zwischen 7.15 und 13.18 Uhr ein einziger Zug
in Richtung Frankfurt – und der ist selbst nach den Zählungen der Bahn
noch überdurchschnittlich, an Samstagvormittagen sogar relativ stark
besetzt. »Wenn die Bahn sämtliche 6000 Kilometer ihrer Strecken stillegt,
kann sie maximal 500 Millionen Mark im Jahr sparen, wobei zumindest im
ersten Jahr bis zu 400 Millionen Mark für die Umstellung auf Busse
entgegengehalten werden müssen«, kalkuliert der Bundestagsabgeordnete Dr.
Manfred Langner (Weilburg). »Bei einem jährlichen Defizit von 14
Milliarden Mark ist das allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein. So
jedenfalls läßt sich die Bundesbahn nicht sanieren.« Die Bahn selbst
rechnet freilich anders. Wenn sie den öffentlichen Personennahverkehr
(ÖPNV) zwischen Usingen und Albshausen von der Schiene auf die Straße
verlagern darf, glaubt sie, 1,9 Millionen Mark im Jahr einsparen zu
können. Eine rein betriebswirtschaftliche Berechnung, wie Karl Schaus,
Präsident der Bundesbahndirektion Frankfurt, selbst einräumt. Eine
Berechnung also, die unter anderem von dem Irrtum ausgeht, daß Straßen
sowieso da seien, während Bahngleise gebaut und unterhalten werden müßten.
Vor allem deswegen, weil die Bahn vor dem Vergleich
»Schiene oder Bus«, meist selbst dafür sorgt, daß die Voraussetzungen
nicht mehr vergleichbar sind. Zurück zum Beispiel Grävenwiesbach: In
Friedrichsdorf werden die Reisenden eines ganzen Zuges zum Umsteigen durch
den Tunnel gejagt. Früher hielt der Anschlußzug am gleichen Bahnsteig;
außerdem ist es unzumutbar für die Fahrgäste, daß der Wartesaal im Bahnhof
Anspach nicht beheizt und die Eingangstür seit erheblicher Zeit nicht zu
schließen ist. Zum Schienenbus: Die Wagen sind vorsintflutlich; sie
stukkeln so, daß man kaum lesen, geschweige denn schreiben kann. Obendrein
wurden in den letzten Jahren die Fahrpläne verkürzt, also Züge
eingespart, zugleich aber die Preise für die Fahrkarten in steter
Regelmäßigkeit erhöht. Daß unter solchen Voraussetzungen die
Fahrgastzahlen beim Schienenverkehr sinken, ist zwangsläufig.
Ohne solche Kniffs wäre es freilich nur schwer
möglich, Bahnlinien in solch negativem Licht erscheinen zu lassen.
Moderne Züge fahren nämlich schneller (80 km/h im Frankfurter
S-Bahn-Bereich) und dennoch ruhiger als Busse. Ihre Fahrgäste können
während der Fahrt lesen und eventuell schreiben, die Sitze sind breiter,
der Fußraum länger; Gepäck ist schließlich in den Zügen bequemer zu
transportieren. Moderne Schienenfahrzeuge sind in der Regel pünktlich; sie
bleiben nicht in Staus stecken, sie verkraften einige Zentimeter Schnee
ohne besonderen Aufwand. Verkehrswirtschaftler Bartsch (SPD): »Wollte man
diese Vorteile der Bahn durch einen vergleichbaren Bus ersetzen, müsse man
erstens zwei Busspuren an jeder Straße einrichten und zweitens Busse
bauen, die kein Mensch bezahlen kann.« Schon heute kommt man mit der Bahn
etwa eine Viertelstunde schneller von Grävenwiesbach nach Frankfurt als
mit dem Bus. Dabei sind die Fahrplanzeiten zugrunde gelegt; das Chaos auf
den Straßen also außer acht gelassen.
Wenn der ÖPNV Vorrang haben soll, dann müßten bis
Grävenwiesbach zwei Züge pro Stunde fahren, wobei die Elektrifizierung der
Strecke nicht vorgesehen ist. »Nach unseren Berechnungen«, erläutert
Diplom-Ingenieur Herwald Heipp, »werden diese Züge durchaus ausgelastet
sein«, wobei die »Verkehrsuntersuchung Rhein-Main (VURM)« unterstellt, daß
keine Bus-Konkurrenz neben der Schiene herfährt. Das Alternativmodell mit
Vorrang für den Individualverkehr sieht geringere Zugfolgen vor, dafür
aber eine in der Skizze kaum noch übersehbare Anzahl von Straßenneu- und
‑ausbauten in Frankfurt und am Stadtrand sowie eine neue Autobahn über Bad
Vilbel bis Butzbach. Wird der ÖPNV bevorzugt, braucht anstelle der
Autobahn nur noch eine zweispurige Straße gebaut zu werden.
Die Kosten für den Straßenbau sind ohnehin allenfalls
eine Seite der Medaille. Sie geben in der Regel nicht an, wieviel Geld
zusätzlich für die Arbeit der Straßenbauämter und ‑Planer ausgegeben wird.
Und wenn die Straßen erst fertig sind, müssen sie unterhalten und
verwaltet werden. Da sind Schnee und Eis zu räumen, Frostschäden und
Spurrillen zu reparieren, Markierungen und Leitpfosten zu reinigen. Dies
erfordert Material und kostet Lohn – sowohl für die Menschen, die die
Straßenkosmetik ausfahren als auch für diejenigen, die deren Einsatz
organisieren. Auch die Verkehrspolizei kostet Geld, ebenso jeder Unfall
und jeder Verletzte. Ganz abgesehen davon, daß 18.000 Tote auf den
bundesdeutschen Straßen pro Jahr ohnehin jede Kosten-Nutzen-Argumentation
ad absurdum führen. Eine volkswirtschaftliche Berechnung darf auch die
Kosten für Unterhalt und Betrieb des Autos nicht außer acht lassen.
Bezogen auf, die gesamte Bundesrepublik kommen Apel
und Schwarzer vom Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin zu folgenden
Ergebnissen:
»Während der gesamte öffentliche Personenverkehr auf
Straßen und Schienen in der Bundesrepublik einschließlich der U-Bahn- und
S-Bahn-Investitionen knapp 20 Milliarden Mark jährlich kostet, betragen
die volkswirtschaftlichen und sozialen Kosten des Pkw-Verkehrs etwa das
Achtfache.« Das mögliche Gegenargument, den Autoverkehr bezahle
schließlich jeder einzelne aus freiem, privatem Entschluß, zieht im
übrigen auch nicht: »Während der öffentliche Personenverkehr die
öffentlichen Haushalte mit etwa sieben Milliarden Mark pro Jahr (1975)
belastet, tragen die öffentlichen Haushalte und die Allgemeinheit zusammen
nach Abzug der spezifischen Steuerabgaben des Kfz-Verkehrs mehr als 30
Milliarden an sozialen Folgekosten« (Apel/Schwarzer). In die Kalkulation
eingeflossen sind dabei unter anderem Bau, Betrieb und Verwaltung von
Straßen, Verkehrspolizei und Verkehrsbehörden sowie Wohnwertverluste durch
Umweltbelastungen. Die Bevorzugung des Autos in der bundesdeutschen
Verkehrspolitik, volkswirtschaftlich also zumindest fragwürdig, ist
obendrein sozialpolitisch schlicht ungerecht. Denn die These »Fast jeder
hat heute ein Auto« ist falsch: Nur 29 Prozent aller Bürger bzw. 60
Prozent aller Haushalte besitzen einen solchen fahrbaren Untersatz (Rudolf
Menke: Stadtverkehrsplanung, 1975). 40 Prozent aller privaten Autos werden
werktags vom erwerbstätigen Haushaltsvorstand, in der Regel vom Mann,
beansprucht. Kinder und Jugendliche, viele alte Menschen, die meisten
Frauen und die sozial ohnehin schwächer gestellten Familien kommen also
nicht in die so oft zitierten Vorzüge des eigenen Pkws, sondern leiden
unter den Motoren der Minderheit. Sie bezahlen mit an den Kosten, erhalten
jedoch als Gegenwert nur Lärm, Abgase, zerstörte Landschaften und
ruinierte Städte und schließlich noch das schlechter werdende Angebot der
Bundesbahn. Denn dort, wo die Bahn große Summen investiert, für die
Hochgeschwindigkeits-Fernreisezüge nämlich, profitiert wiederum jene
Minderheit, die häufig zwischen den Großstädten hin- und herzureisen hat.
(Günther
Scherf, in: Frankfurter Rundschau, Nr. 48, vom 26. Februar 1979,
Seite 19; gekürzt und leicht überarbeitet.)
Mögliche Arbeitsaufträge zur Auswertung des Artikels
im Unterricht:
1. Stellen Sie betriebswirtschaftliche und
volkswirtschaftliche Bewertungskriterien für die Verkehrsplanung und
-Politik gegenüber (Tabelle).
2. Charakterisieren Sie die offensichtlichen
Interessen der Deutschen Bundesbahn im Bereich des Nah- und
Mittelstreckenverkehrs und beurteilen Sie dabei die verkehrspolitischen
Prioritäten in der BRD.
3. Inwieweit lassen sich auf der Grundlage der
Kritik in diesem Artikel neue verkehrspolitische Leitvorstellungen
formulieren?
Material 2
VÖV (= Verband öffentlicher
Verkehrsbetriebe) fordert Erweiterung des
Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes – Rechnergesteuerte
Betriebsleitsysteme und Fahrzeugbeschaffung fördern!
Die Bundestagsfraktion der CDU/CSU hat vor kurzem den
Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des
Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes vorgelegt. Sein Ziel ist es, die
10%ige Kürzung der für die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse in den
Gemeinden zweckgebundenen Mittel aus dem Mineralölsteueraufkommen, die
mit dem Haushaltsstrukturgesetz 1975 vorgenommen wurde, rückgängig zu
machen. Die Initiative ist zu begrüßen. Einmal ist es in einer Zeit, in
der die öffentliche Hand allenthalben zu neuen Investitionen ermuntert
wird, ein Widersinn, an einer »Investitionsbremse« festzuhalten. Sie
würde zudem ausgerechnet den öffentlichen Personennahverkehr besonders
treffen. Sein Anteil am zweckgebundenen Mineralölsteueraufkommen
verringert sich nämlich ab 1. Januar 1979 auf 50%. Bliebe es bei der
Kürzung, müßte er jährlich auf Zuschüsse in Höhe von rd. 200 Mio. DM
verzichten. Das würde dem erst kürzlich wieder von allen im Bundestag
vertretenen Parteien bekundeten Willen, diesem Verkehrsbereich zu helfen,
widersprechen.
Das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz entspricht
freilich auch noch in anderer Hinsicht nicht mehr den Anforderungen der
Zeit. Obwohl der öffentliche Personennahverkehr sein Verkehrsangebot nur
dann wirksam zu verbessern vermag, wenn auch die Beschaffung von
Fahrzeugen gefördert werden kann, ist das gegenwärtig nicht möglich. Das
gereicht insbesondere den Räumen außerhalb der Verdichtungsgebiete zum
Nachteil, wo der öffentliche Personennahverkehr ebenfalls mit
Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Das »flache Land«, aber auch zahlreiche
Mittelstädte und mittlere Großstädte, die z.T. bereits vor Jahren aus
wohlerwogenen Gründen auf den Schienenverkehr verzichtet haben, gehen
heute bei Fördermaßnahmen weitgehend leer aus, soweit sich nicht die
Länder bereitgefunden haben, insoweit eigene Investitionshilfsprogramme
aufzustellen. Das ist aber bisher nur in Nordrhein-Westfalen,
Rheinland-Pfalz und – vorübergehend – in Niedersachsen der Fall gewesen.
Außerdem hat die Beschränkung des Kreises der nach
dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz förderbaren Vorhaben auf den
Verkehrsanlagenbau dazu geführt, daß wesentliche Möglichkeiten, die der
technische Fortschritt inzwischen erschlossen hat, nicht oder nur
unzureichend genutzt werden können. Das gilt beispielsweise für
rechnergesteuerte Betriebsleitsysteme, mit deren Hilfe der Verkehrsablauf
beschleunigt werden kann.
Der VÖV hat deshalb Ergänzungsvorschläge zur
beabsichtigten Änderung des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes
vorgelegt, die beiden Anliegen Rechnung tragen. Einmal sollen die
rechnergesteuerten Betriebsleitsysteme in den Kreis der förderbaren
Vorhaben aufgenommen werden. Außerdem sollen die Länder in die Lage
versetzt werden, einen bestimmtem Teil der Mittel, die zur Förderung von
Vorhaben des öffentlichen Personennahverkehrs bestimmt sind, auch zur
Beschaffung von Fahrzeugen zu verwenden. Dafür sind zwei Wege vorgesehen.
Zunächst können die Länder 3% der Mittel, die insgesamt für Vorhaben des
öffentlichen Personennahverkehrs zur Verfügung stehen, für diesen Zweck in
Form von Sonderzuweisungen abrufen. Der Anteil des einzelnen Landes
richtet sich dabei nach dem Verteilungsschlüssel, der für Vorhaben des
kommunalen Straßenbaus gilt. Er hat sich bewährt. Ferner sollen die Länder
Mittel, die an sich für den kommunalen Straßenbau bestimmt sind, aber von
ihnen nach Bedarf für das Vorhaben des öffentlichen Personennahverkehrs
»umgewidmet« werden können – z.Z. sind das 10%, ab Januar 1979 15% ihres
jeweiligen Straßenbauanteils für Beihilfen zur Fahrzeugbeschaffung in
Anspruch nehmen können. Der Deutschen Bundesbahn schließlich soll
ebenfalls die Möglichkeit eingeräumt werden, einen Teil der
Investitionzuschüsse, mit deren Hilfe sie Vorhaben zur Verbesserung der
Verkehrsverhältnisse der Gemeinden durchfuhren, für die Beschaffung
Beschaffung von »rollendem Material« zu verwenden.
Bund und Länder sollten diese Vorschläge wohlwollend
prüfen. Für den Bund sind damit Mehrausgaben nicht verbunden. Die Länder
aber wären in Zukunft imstande, flexibler als bisher den Bedürfnissen
Rechnung zu tragen. Damit würde durchaus im Sinne eines
Verfassungsartikels gehandelt, der die Grundlage für das
Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz bildet, nämlich zum Ausgleich
unterschiedlicher Wirtschaftskraft im Bundesgebiet beizutragen. Das gilt
vor allem für die Länder, die sich bisher noch nicht imstande gesehen
haben, selbständige Investitionshilfeprogramme in Angriff zu nehmen.
Material 3
Fahrpreise
Die Verluste des öffentlichen Personennahverkehrs
wachsen immer weiter. Aus dem Ruhrgebiet, durchweg Städte mit einem
engmaschigen Verkehrsnetz, werden Zahlen bekannt, die den Laien in
Erstaunen versetzen. 40, 50 Millionen Mark Verluste im Jahr, das sind
heute keine Ausnahmen mehr. Die Verluste werden meist durch Überschüsse in
der Energieversorgung gedeckt, und durch die öffentliche Hand, die dort
zu geben gezwungen ist, wo auf normalem Wege nichts mehr hereingeholt
werden kann.
Kostendeckende Fahrpreise im öffentlichen
Personennahverkehr sind längst nicht mehr realisierbar. Schuld daran,
wenn man so will, ist die Tatsache, daß solche Betriebe außerordentlich
personalintensiv sind. 60 bis 70 Prozent Gesamtkosten fallen auf den
Personalsektor. Ein paar Prozent Lohnerhöhungen Jahr für Jahr schlagen
sich schnell in der Bilanz mit Millionenbeträgen nieder. Jeder
erwartet, gleich, in welchem Beruf er tätig ist, daß jährlich die
schwindende Kaufkraft durch entsprechende Lohnerhöhungen ausgeglichen
wird und noch ein bißchen mehr.
Nur bei den Fahrpreisen klappt dieses Spiel nicht. So
müssen es die Verkehrsunternehmen hinnehmen, daß sie subventioniert
werden. Nüchtern besehen halten die Fahrpreise jeden Vergleich mit den
Kosten anderer Dienstleistungen gut und gerne aus. Das aber nur, wenn man
sie ohne Emotionen betrachtet. (Aus: »Aachener Volkszeitung«.)
(Bus + Bahn. Herausgeber: Verband öffentlicher
Verkehrsbetriebe [VÖV] Köln, Heft 2/78, S. 112, 16)
Mögliche Arbeitsaufträge:
1. Erörtern Sie die finanzielle und
ökonomisch-rechtliche Situation des öffentlichen Personennahverkehrs aus
der Sicht der Verkehrsbetriebe, des Staates bzw. der Gesellschaft und des
Benutzers und charakterisieren Sie die unterschiedlichen
Bewertungskriterien.
2. Inwieweit lassen sich rechtliche und
wirtschaftliche Bestimmungsfaktoren und Rahmenbedingungen erkennen, die
nicht in der Perspektive der Verkehrsbetriebe erscheinen? Erörtern Sie
dabei auch den verfassungsrechtlichen Aspekt von Verkehr und Versorgung.
3. Erörtern Sie die Möglichkeiten und möglichen
Zielsetzungen einer einheitlichen Verkehrspolitik auf allen
administrativen Ebenen in der BRD. Welche Prioritäten können und
müssen dabei gesetzt werden? Welcher ökonomische Rahmen kann dabei
zugrunde gelegt werden? (Ziehen Sie dabei Materialien 1 bis 3 heran!)
B. Verkehr und Raumordnung: Die
Verkehrsbedürfnisse in ihrer räumlichen Umwelt (Elemente der
sozioökologischen Analyse)
Material 4
Geographische Grundlagen des Stadtverkehrs
Die
zentralen Orte und die Entwicklung der Gemeinden im Versorgungsnahbereich
(Beirat für Raumordnung, a.a.0.)
Gliederung des Textes (Stichworte):
I. Die raumordnungspolitische Aufgabe
»Aufgabe der Raumordnungspolitik ist es, in allen
Räumen des Bundesgebietes eine ausgewogene wirtschaftliche, soziale und
kulturelle Struktur zu fördern. In Gebieten mit derzeit geringer
Bevölkerungsdichte ist eine zunehmende Konzentration erforderlich; eine
höhere Bevölkerungsdichte, vor allem durch Stärkung geeigneter Zentren,
ist anzustreben.«
Landwirtschaft
II. Die räumliche Situation und ihre künftige
Entwicklung
1. Pendler, 2. Landwirtschaftliche Nebenerwerbs- und
Zuerwerbsbetriebe, 3. »Die Tendenz der überdurchschnittlichen Zunahme der
Bevölkerung am Rande der Verdichtungsräume«, 4. Grundleistungen:
wirtschaftliche, soziale und kulturelle Erschließung, 5.
Bevölkerungstausch (Arbeit, Wohnen und Freizeit).
III. Folgerungen für die raumordnerische Praxis
1. Raumordnungsbericht 1966: Gemeinden
zentralörtlicher Bedeutung, Versorgungsnahbereiche, 2. Die zentralen Orte
spielen eine Rolle als »signifikante Versorgungskerne der jeweiligen
Nahbereiche«. Sämtliche Nahbereiche sind zu fördern, 3. »Der
Versorgungsnahbereich ist die unterste sozioökonomische Raumeinheit, in
der sich Grundversorgung und wechselseitige funktionelle Ergänzung des
Daseinsbereichs im Wesentlichen decken.« 4. Räumlicher Rahmen für die
Bauleitplanung, 5. Standörtliche Voraussetzungen der Gewichtigkeit und
Funktionen der Siedlungen, 6. Zusammenarbeit von öffentlicher Hand und
privater Initiative, 7. Verkehrserschließung und entsprechende
Verkehrseinrichtungen, 8. Änderung der Organisation der Verkehrsträger
(z.B. Gebietskonzessionen im ÖPNV); besondere Berücksichtigung des
Schülerverkehrs, 9. Landespflegerische Maßnahmen, 10. »Eine lückenlose
Gliederung des Bundesgebietes in Nahbereiche ist nicht gleichbedeutend mit
der Aufgabe der Förderung von Standorten für Gewerbe und Industrie. Eine
Gliederung in Nahbereiche stellt aber eine besonders wichtige
Voraussetzung für die freie Standortwahl der gewerblichen Unternehmer und
für regionalpolitische Entscheidungen der öffentlichen Hand dar ... «
Mögliche Arbeitsaufträge:
-
Charakterisieren Sie die rechtliche Verankerung und
Reichweite der Raumordnung.
-
An welchen Stellen der raumordnerischen Praxis
können kontroverse gesellschaftspolitische Leitvorstellungen die
Entscheidungen beeinflussen bzw. verändern? Wieweit gehen konkrete
Vorstellungen über gesellschaftliche Bedürfnisse in die Zielsetzungen
der Bundesregierung für die Raumordnung ein?
-
Beurteilen Sie die Bedeutung der Verkehrsplanung
und der Verkehrspolitik auf dem Hintergrund raumordnerischer
Zielvorstellungen.
Material 5
Die zentralen Orte und ihre Rangordnung
gemäß Beschluß der »Ministerkonferenz für Raumordnung" (Stand 1971)
(aus: Klaus
Temlitz: Stadt und
Stadtregion. Westermann-Colleg Raum + Gesellschaft Band 1. Braunschweig,
1975, S. 52)
Arbeitsaufträge zum Thema Zentralität:
(Vgl. auch
Christaller, 1933, und
Schöller, 1972)
-
Von welchen Vorstellungen über das
Wirtschaftssystem geht das Modell der zentralen Orte aus? Hat es in
anderen ökonomischen Systemen gleichfalls Gültigkeit?
-
Welche wissenschaftliche und praktische Bedeutung
hat eine Modellbildung, wie sie Christaller vornimmt?
-
In welcher Weise können die Erkenntnisse aus der
Untersuchung zentraler Orte die Zielvorstellungen der Raumordnung
beeinflussen?
-
Welche Faktoren des zentralörtlichen Systems
beeinflussen Verkehrsbedürfnis und Verkehrsaufkommen?
-
Untersuchen Sie das zentralörtliche System Ihrer
Heimatstadt.
-
Versuchen Sie, mögliche Verkehrsnetze für den ÖPNV,
z.B. auf der Grundlage von Raumstrukturnetzen, wie sie Christaller, S.
66, 71 oder 80, postuliert, zu entwickeln, indem Sie die
Verkehrsbedürfnisse, Tagesganglinien (vgl. u.a. Temlitz, S. 51) und
raumordnerische Zielvorstellungen verbinden mit Überlegungen für einen
ökonomisch sinnvollen Einsatz von Verkehrswegeinvestitionen (vgl.
Stellungnahmen des VÖV, u.a. in Material 2 und 3) und »rollendem
Material«. (Stadtverkehr und Stadtentwicklung: Das Beispiel Hannover
– Die Veränderung der städtischen Umwelt durch den Verkehr (sozioökologische
Fallanalyse)
Material 6
Hauptverkehrsstraßennetz der
Landeshauptstadt Hannover 1947 und 1964

(Hannover aus der Sicht seiner Bevölkerung.
Ergebnisse einer Repräsentativerhebung 1969170. Landeshauptstadt Hannover,
Referat für Stadtentwicklung, S. 25. – Mit Erläuterungen auch in: Fritz
Jonas, Probleme der Stadt
und Aufgaben der Stadtpolitik, Berlin 1973, Velhagen & Klasing und Hermann
Schroeder, S. 27)
Mögliche Arbeitsaufträge:
Benutzen Sie dazu als Vergleichsmaterial die
Atlaskarten Diercke (neu) S. 9, I-Ill, und/oder Alexander S. 129, 1, und
einen neuen Stadtplan von Hannover. Eine Übertragung auf Material aus der
eigenen Heimatstadt ist grundsätzlich möglich. –
-
Erörtern Sie an Hand der Karten die Entwicklung des
Individualverkehrs seit dem zweiten Weltkrieg und beurteilen Sie die
dadurch initiierten Veränderungen in der Konzeption des
innerstädtischen Straßenbaus.
-
Inwieweit wird durch die veränderten
Straßennetzvorstellungen die weitere städtebauliche Entwicklung einer
Großstadt beeinflußt? Was wird dabei aus der Leitvorstellung
»autogerechte Stadt« der 50er Jahre?
-
Erläutern Sie die Auswirkungen der Veränderungen im
Individualverkehrsverhalten und im Straßenbau auf die Bedeutung des
ÖPNV.
Material 7
Die Entwicklung des Straßenbahnnetzes in
Hannover
1. Die ursprüngliche Anlage des Verkehrsnetzes
Innerhalb der heutigen Grenzen des Stadtgebietes von
Hannover lebten im Jahre 1848 53.017 Einwohner. Sie verteilten sich mit
31.900 Personen auf die Altstadt, die Calenberger Neustadt und das seit
1843 entstandene Bahnhofsviertel. Dieses Gebiet mißt nur 102 ha; doch
lebten auf diesen 0,5% der Stadtfläche 60% der Einwohner in einer Dichte
von 313 Personen je ha. Das ganze übrige Stadtgebiet erreichte dagegen
nur eine Bevölkerungsdichte von einer Person je ha ...
Der industrielle Aufschwung ist gekennzeichnet durch
eine Entmischung des Nutzflächengefüges. Die technische Produktion
benötigt große Flächen und zur Erzeugung von Dampfkraft außerdem Standorte
am Wasser. Für die Wohngebiete wurden der Rand der Leinetalaue und der
Eilenriedewald zur Baugrenze. Das Fehlen von Nahverkehrsmitteln führte zu
einer sehr kompakten Entwicklung der Wohngebiete um den historischen
Stadtkern, den Bahnhof und die Industrieanlagen. Die ersten
Pferdebahnlinien konnten diese Struktur wegen zu geringer Fahrleistungen
nicht auflockern. Erst die ab 1893 einsetzende Elektrifizierung der
Straßenbahn vergrößerte den täglichen Aktionsradius und ermöglichte die
strahlenförmige Entwicklung der Stadt in die Fläche ...
Solange die Eisenbahn noch zu ebener Erde durch das
Stadtgebiet führte und die Stadtentwicklung nach Osten erschwerte,
konzentrierte sich die Erschließung auf die Leinetalachse. Am 14.9.1872
wurde eine Pferdebahnlinie vom Steintor zum Döhrener Turm eröffnet. Sie
führte in der Hildesheimer Straße auf einem Damm über die im selben Jahr
eröffnete Altenbekener Bahn. Der technische Aufwand dürfte auf die in sie
gesetzten Verkehrserwartungen hinweisen. Einen Monat später wurde die
Strecke vom Steintor bis zum Königsworther Platz und im Jahr darauf bis
zum Großen Garten in Herrenhausen verlängert. Wenige Jahre später wurde
der Altenbekener Bahnhof, der heutige Südbahnhof, durch eine weitere
Pferdebahnlinie an den Aegidientorplatz angeschlossen. Der
schienengebundene Nahverkehr hatte damit eine Streckenlänge von 8,3 km
erreicht ...
1879 wurden die Strecken zum Zoo und zum Pferdeturm
eröffnet. 1880 folgten die Gleise zum Vahrenwalder Platz und über die
Celler Straße zur Burckhardtstraße (Lister Turm). Über die Ihme führte nur
die 1877 vom Steintor über den Goetheplatz zum Schwarzen Bär verlegte
Pferdebahn.
Als letzte Innenstadtstrecke quer durch die Altstadt
entstand 1892 die Pferdebahnlinie in der Karmaschstraße. Sie konnte erst
gebaut werden, nachdem der Straßendurchbruch, den G. Laves geistig
vorbereitet hatte, von F. Wallbrecht ab 1880 begonnen wurde. Aber erst mit
dem Bau der Markthalle um 1890 konnte der Durchbruch bis zur Leine
vollendet werden. Er ermöglichte eine zweite Straßenverbahnverbindung nach
Linden und wurde zur entscheidenden Voraussetzung für die Planung und den
Bau des gegenwärtigen Straßenbahnnetzes in Hannover. Alle Strecken endeten
innerhalb des 3-km-Ringes um den Stadtmittelpunkt »Kröpcke«. Sie sind
eine direkte Folge der Bevölkerungsentwicklung; denn die einzelnen
Strecken wurden von privaten Firmen betrieben und waren in der Hoffnung
auf Gewinn eingerichtet worden. Von 1848 bis 1871 hatte Hannover, bezogen
auf die heutigen Stadtgrenzen, um 66.150 (= + 130%) auf 117 000 Einwohner
zugenommen. Hiervon entfiel der größte Anteil auf die der Stadtmitte am
nächsten gelegenen Gebiete der Nordstadt, Oststadt, Südstadt und Lindens.
Die jährliche Wachstumsrate betrug 2850 Personen...
2. Bevölkerungsentwicklung der Stadt Hannover und die
Erweiterung des Straßenbahnnetzes
Bevölkerungsentwicklung der Stadt Hannover im
Jahresmittel verschiedener Zeitabschnitte (Gebietsstand 1970)

1892, im Jahrzehnt der Stärksten jährlichen
Bevölkerungszunahme der Stadt, wurden die einzelnen Pferdeomnibus- und
Pferdebahnbetriebe zur »Straßenbahn Hannover AG« zusammengefaßt. Bereits
ein Jahr später fuhr auf der seit 1873 betriebenen Pferdebahnstrecke der
erste elektrische Triebwagen mit Oberleitung vom Königsworther Platz nach
Herrenhausen.
Das zu erwartende Wachstum wurde von der »Straßenbahn
Hannover AG« so hoch eingeschätzt, daß in nur 8 Jahren bis 1901 ein Netz
von 300 km Gleislänge entstand. Mit 5 Überlandlinien nach Barsinghausen,
Großburgwedel, Sehnde/Haimar, Pattensen und Hildesheim übernahm die
Straßenbahn eine Erschließungsfunktion entsprechend den jüngsten
Strecken der Neben- und Privatbahnen, die zur Bedienung der von den
Hauptstrecken nicht erfaßten Sektoren gebaut worden waren. Die
Hannoversche Straßenbahn entwickelte sich vorübergehend zu Deutschlands
größter Güterstraßenbahn. Im Jahre 1911 wurden mehr als 400.000 t Fracht
befördert. Transportgüter waren vor allem Kohle aus Barsinghausen,
Zement, Kali, Kies, Zuckerrüben, Milch, Stückgut und Post. Im Stadtgebiet
gab es zahlreiche Gleisanschlüsse zu Industriebetrieben. Hervorzuheben
sind der Anschluß der ehemaligen Molkerei in der Hildesheimer Straße und
der Güterbahnhof im Bereich des heutigen Theaters am Aegi. Zeitweise waren
die Einnahmen aus dem Güterverkehr auf den Anschlußstrecken höher als aus
dem Personenverkehr. Entscheidend wichtig für die Entwicklung im Raum
Hannover war die Orientierung dieses regionalen Straßenbahnnetzes auf die
Stadtmitte und nicht – wie sonst bei Privatbahnen – auf periphere Bahnhöfe
am Stadtrand. Die Außenstrecken jenseits des 3-km-Ringes um Kröpcke
bestimmten die Siedlungsentwicklung und wurden nicht zum nachträglichen
Erschließungselement....
3. Die Veränderungen in der Verkehrsplanung
In (einer) Denkschrift zum Aufbau der Stadt Hannover
von 1949 (S. 60) wurde auch schon eine in ferner Zukunft notwendige
Entlastung der Innenstadt erwogen und an eine teilweise
Unterpflasterführung der Straßenbahn in der Stadtmitte gedacht. Die
notwendigen Flächen für die Ab- und Auffahrtsrampen sollten freigehalten
werden. In einem vom Stadtvermessungsamt 1957 herausgegebenen Plan ist
dieses von den Verkehrsbetrieben entwickelte Netz enthalten....

Fester Bestandteil aller Planungen ist die seit G.
Laves betriebene Querverbindung durch die Stadt (Karmaschstraße,
Bahnhofstraße, Raschplatz). Die älteste veröffentlichte
Unterpflasterplanung bringt jedoch kein Schienenkreuz am Kröpcke, sondern
drei Kreuzungsbahnhöfe am Aegi, Ernst-August-Platz und der Markthalle
sowie eine nebeneinander viergleisige Station Steintor. Die damalige
Planung sah aus Kostengründen eine kürzestmögliche unterirdische
Streckenführung vor. Der innerstädtische Schwerpunkt hätte nach diesem
Konzept zweifellos am Steintor gelegen. Sekundäre Gewichte wären an den
drei Kreuzungsbahnhöfen entstanden. Die Verkehrsbedeutung des
Stadtmittelpunktes Kröpcke hätte zweifellos eine Abwertung erfahren.

Vergegenwärtigen wir uns die städtebauliche
Situation 1957: Der Wiederaufbau war im vollen Gange. Das Schienennetz
der Straßenbahn gab der Innenstadt eine klare Gliederung in Haupt- und
Nebenstraßen und den Betrieben eine sichere Standorteinschätzung. Die
Geschäfte waren jedoch noch nicht so massiv zusammengewachsen, wie es
heute der Fall ist. Vor allem aber stand die Motorisierung erst am
Anfang. Die Denkschrift von 1949 (S. 54) rechnete langfristig mit rd. 10
Einwohnern je Pkw. In Hannover waren 1957 erst 16,5 Einwohner je Pkw
erreicht. Es gab deshalb in den Hauptverkehrszeiten noch nicht die
schwerwiegenden Behinderungen der Straßenbahn. Deshalb glaubte man noch,
mit nur kurzen Unterfahrungsstrecken in der Innenstadt auskommen zu
können.
Das Bild änderte sich jedoch in nur wenigen Jahren.
Bis Ende 1962, in nur 5 Jahren, nahm der Pkw-Bestand um das 2,3fache auf
76.900 Einheiten zu. Die Arbeitsstättenzählung von 1961 hatte für alle
Großstädte eine erhebliche Zunahme der tertiären Arbeitsplätze in den
Innenstädten nachgewiesen.
Entwicklung der Industriebeschäftigten (Jahresmittel)
im Raum Hannover 1970-1976 (Gebietsstand 1.3.1974)

Quelle: Industrieberichterstattung des
Landes Niedersachsen (Betriebe mit 10 und mehr Beschäftigten, ohne
Bauindustrie)
Entwicklung der Industriebeschäftigten in 4 deutschen
Großstädten 1970-1975

Quellen: Statist. Jb. Deutscher Gemeinden 59
(1972), Industrieberichterstattung Niedersachsen 63 (1976).
(Tabellen eingefiigt aus: Arnold,
a.a.O., S. 160)
K. Müller-Ibold (1962, S. 7) wertete die
Untersuchungen von J. Fourastié (1954) als Beweis für die auf die
Stadtmitte zukommende und zwingend zu erwartende Verdichtung von
Arbeitsplätzen des Dienstleistungssektors. Hannover war 1962 die erste
deutsche Großstadt mit Bevölkerungsverlusten. Man vermutete hinter dieser
Umkehr zunächst wirtschaftliche Ursachen, bis der Auflockerungsprozeß der
Wohnbevölkerung allgemein als wohlstandsbedingter Prozeß erkannt wurde.
Dieselbe Entwicklung – natürlich verstärkt durch wirtschaftliche
Notwendigkeiten – betraf dann auch die Arbeitsplätze. Zur selben Zeit kam
die Diskussion um die Stadtregionen in Gang. Am 1.1.1963 wurde der Verband
Großraum Hannover gegründet....
Der Ausbau des städtischen Nahverkehrsnetzes war in
der City begonnen worden. Die ursprünglichen Wachstumserwartungen für die
Region Hannover ließen es geboten erscheinen, das unterirdische
Streckennetz U-Bahn-mäßig zu trassieren und auszubauen. Die Notwendigkeit,
auf den oberirdischen Strecken jedoch mit straßengängigen Fahrzeugen zu
fahren, ließ aus der U-Bahn eine Stadtbahn werden. Der begriffliche
Unterschied liegt darin, daß eine Stadtbahn die Vorteile der U-Bahn (hoher
Bahnsteig, unabhängiger Fahrweg, Schnelligkeit, Pünktlichkeit) mit den
Vorteilen der Straßenbahn (Mitbenutzung des vorhandenen Streckennetzes und
der sonstigen Betriebsanlagen) verbindet.
Mit einer Stadtbahn, die nicht auf eine völlige
Unabhängigkeit ihres Gleiskörpers angewiesen ist, läßt sich das
Streckennetz leichter in die Fläche verlängern. Die Auflockerung der
Bevölkerung und zahlreiche Standortverlagerungen von Betrieben führen
immer wieder zu der Frage, ob man den Zug in die Fläche bevorzugt durch
die Schiene einholen kann oder Omnibusse als Zubringer einsetzen soll.
Trotz der geplanten Streckenverlängerungen (Langenhagen, Sahlkamp,
Roderbruchgebiet/Misburg, Anderten, Ahlem, Garbsen) scheint die steigende
Diskrepanz zwischen den hohen Ausbau-, Betriebs- und Folgekosten für die
Stadtbahn gegenüber dem Omnibus eher auf eine Ausweitung des
Zubringerverkehrs als auf eine Verlängerung des Schienennetzes
hinzudeuten. Die Entscheidungen betreffen in hohem Maße die Kernrandzone
der Stadt Hannover beiderseits der Stadtgrenze. In diesem Entwicklungsraum
vollzieht sich die stärkste Bevölkerungszunahme. Hier und weiter im Umland
schlagen Fahrzeitverluste gegenüber dem Pkw besonders stark ins Gewicht.
Die Motorisierung hatte im Großraum Hannover Mitte 1979 339 Pkw auf 1000
Einwohner erreicht.
(Johann Karl
Rippel, Stadtentwicklung und Nahverkehr in Hannover seit der Mitte
des vorigen Jahrhunderts, S. 114-123 [Auszüge] und dazu aus: Adolf
Arnold, Die
Industriestruktur im Wirtschaftsraum Hannover – ihre Entwicklung und
aktuelle Problematik, S. 1 60 (Tabellen in 5); – beide in: Hannover und
sein Umland. Festschrift zur Feier des 100jährigen Bestehens der
Geographischen Gesellschaft zu Hannover. Herausgegeben von Wolfgang
Eriksen und Adolf
Arnold. Jahrbuch der
Geographischen Gesellschaft zu Hannover, Hannover 1978.)
Mögliche Arbeitsaufträge (kurze Auswahl!):
-
Überprüfen Sie, inwieweit die postulierten
Auswirkungen von Frage 3, Mat. 6 ihren Niederschlag in der Entwicklung
des ÖPNV in Hannover gefunden haben.
-
Erörtern Sie die Chancen, von der Zielsetzung der
»autogerechten Stadt« (die in Hannover in den 50er-Jahren eine
bedeutende Rolle gespielt hat) zum Vorrang des ÖPNV zu gelangen und
kennzeichnen Sie die städtebaulichen und kommunalpolitischen Folgen
dieser Neuorientierung.
-
Inwieweit kann mit Verkehrspolitik eine
städtebauliche Entwicklung initiiert werden, kann Verkehrsplanung
insofern aktive Gesellschaftspolitik sein, oder vollzieht
Verkehrspolitik auftretende und geäußerte Bedürfnisse?
-
Warum hat der Planungs- und Verkehrsverbund
Großraumverband Hannover und der Großraumverkehr Hannover eine
entscheidende struktur- und regionalplanerische Bedeutung erlangt und
aus welchen politischen und ökonomischen Interessen heraus wird
derzeitig (1979/80) von der niedersächsischen Landesregierung eine
Auflösung bzw. drastische Kompetenzeinschränkung dieser
kommunalpolitischen Körperschaft erwogen? (Dazu sollten aktuelle
Berichte und Parteiveröffentlichungen herangezogen werden!)
D. Der Planungskonflikt -
Verkehrspolitik und Bürgerbeteiligung: Konflikte bei der Gestaltung der
eigenen Umwelt (Elemente der politischen Ökologie) - Projektphase
Material 8
Planung und Bürgerbeteiligung: Allgemeine
Grundlagen und Fallbeispiel »Döhrener Turm«
Unter Zusammenarbeit mit der ÜSTRA wurden die Pläne
für das Stadtbahnkonzept erstellt. Die fertigen Pläne reichte das UBB als
Repräsentant der Stadt Hannover für das Planfeststellungsverfahren beim
Regierungspräsidenten ein. Das Planfeststellungsverfahren wird
entsprechend SS 28, 29 BBG durchgeführt ...
Die vorhergehenden Ausführungen befaßten sich mit dem
Ablauf der Planung allgemein. Im folgenden sollen einige Problemfelder
einer solchen Planung an Beispielen aufgezeigt werden:
Ein wichtiger Punkt bei derartigen Planungen ist mit
Sicherheit die Bürgerbeteiligung, da die angestrebten Neuerungen die
Bürger direkt betreffen. Aus diesem Grunde wird auch von der rechtlichen
Seite durch das Planfeststellungsverfahren für eine Bürgerbeteiligung
gesorgt.
Bei der Planung der Linie B im Bereich Döhren, im
besonderen im Bereich Döhrener Turm, geschah die Beteiligung der Bürger
entsprechend einem neuen Modell, das erstmalig in Frankfurt ausprobiert
wurde. Dem Modell liegt die Meinung zugrunde, daß nur informierte und
»geschulte« Bürger in der Lage sind, die Planungen eines Planungsamtes
wirkungsvoll und gezielt zu kritisieren. Ihnen müssen die Argumente
bekannt sein, die zu dem Plan geführt haben. Die Aufgabe als »Informant«
und »Ausbilder« übernimmt bei diesem Modell ein Volkshochschulkurs, der
von einem Architekten und/oder einem Stadtplaner geleitet wird. In
Hannover fand die Auftaktveranstaltung zu diesem VHS-Kurs am 24.10.1977
statt. Bei dieser Veranstaltung wurden die interessierten Bürger über Ziel
und Zweck des Kurses informiert. In den kommenden Veranstaltungen
untersuchte der Kurs die vorliegenden Planungen der Stadt hinsichtlich
der ihnen zugrunde liegenden Argumente und fertigte im Anschluß daran
Alternativplanungen an, die an das Stadtplanungsamt bzw. an das UBB
weitergereicht wurden. Diese Art und Weise, Bürger an der Planung zu
beteiligen, ist zweifellos effektiver als die oft rein emotionalen
Einwände nicht informierter Bürger bei der Durchführung des
Planfeststellungsverfahrens ohne einen VHS-Kurs. Zum anderen gibt dieser
Kurs den Beteiligten auch die Möglichkeit, ernstzunehmende
Alternativvorschläge auszuarbeiten. ...
Gegenüberstellung der aktuellen Planungen von dem
Stadtplanungsamt und dem Volkshochschulkurs:
Nachdem man sich dafür entschieden hatte, den Tunnel
der Stadtbahn-Linie B-Süd auf der Höhe der Elkartallee enden zu lassen,
geriet die Diskussion um die Trassenführung am Döhrener Turm in den
Mittelpunkt der Auseinandersetzungen. Die Stadtbahn sollte in diesem
Abschnitt unbedingt einen eigenen Gleiskörper besitzen, wodurch der
Döhrener Turm als »Hindernis« auftauchte. Nach langem Ringen, vor allen
Dingen auch mit dem Stadtplanungsamt, kam man zu dem Ergebnis, den
Döhrener Turm vom Straßenverkehr umfahren zu lassen (es standen außerdem
eine Verschiebung oder Beibehaltung der bisherigen Streckenführung zur
Diskussion), so daß er auf einer grünen Insel neben den Gleisen der
Stadtbahn stehen wird. Infolgedessen geht es im Moment in der
Auseinandersetzung des VHS-Kurses mit dem Stadtplanungsamt nur noch um
die Breite der Insel und um Detailfragen. Die Hannoversche Allgemeine
Zeitung berichtete darüber: »Der Volkshochschulkurs ›Döhren wird
verändert‹ hat dem Stadtplanungsamt eine Verkehrsführung am Döhrener Turm
vorgeschlagen, die gegenüber dem städtischen Entwurf Vorteile aufweist.
Danach soll die stadtauswärts führende Fahrbahn der Hildesheimer Straße im
Zusammenhang mit dem Bau des Stadtbahn-Gleiskörpers die Form eines
gestreckten Doppel-S erhalten. Effekt: Der Abstand zwischen der Fahrbahn
und dem Döhrener Turm auf der Mittelinsel wächst von sieben auf zehn
Meter. Der Plan der Kursusteilnehmer hätte außerdem zur Folge, daß die
Urnenabteilung des Engesohder Friedhofs gänzlich unangetastet bliebe und
daß ein Wohnhaus sowie ein Transformatorenhaus mit Toilettenanlage
stehenbleiben könnten. Der Arbeitskreis beziffert die dadurch möglichen
Einsparungen gegenüber der Lösung des Stadtplanungsamtes auf 250.000 Mark.
Außerdem verspricht man sich von der gebogenen Straßenführung eine
Dämpfung der Fahrgeschwindigkeit auf diesem Abschnitt. Verkehrstechnisch,
so erläutert Bezirksplaner Jürgen Eppinger vor dem Bauausschuß, gebe es
gegen den Vorschlag keine Einwendungen. Er wies allerdings darauf hin,
daß der Mittelstreifen im Bereich des Turms zwar breiter, in Höhe der
Einmündung Alte Döhrener Straße aber schmaler werde, so daß dort keine
Bäume gepflanzt werden könnten. Das Konzept des Arbeitskreises werde
demnächst im Detail untersucht. Stadtbaurat Hanns Adrian bringt dieser
Lösung Sympathien entgegen.« In einem anderen Artikel schreibt die HAZ:
»Der Döhrener Turm soll bei dem bevorstehenden Ausbau der Hildesheimer
Straße auf einer breiten Mittelinsel stehen bleiben und nicht verschoben
werden. Diesen Beschluß faßte der Bauausschuß gestern mit 7 : 4 Stimmen.
Die von der CDU erhobene Forderung nach einer Fuß- und Radwegüberführung
über die verkehrsreiche Straße und das gesonderte Üstra-Gleisbett fand
ebenfalls keine Mehrheit. Stadtbaurat Hanns Adrian hatte dem Bauausschuß
mitgeteilt, daß auch die Teilnehmer einer Arbeitsgruppe der
Volkshochschule, die am Thema ›Zukunft des Döhrener Turmes‹ gearbeitet
hatte, keine Bedenken mehr gegen eine Beibehaltung des bisherigen
Standortes geäußert hätten. Der Turm soll auf einer 23 Meter breiten
Mittelinsel zwischen den Fahrbahnen stehen. Neben ihm werden die beiden
Üstra-Gleise auf einem besonderen Bahnkörper vorbeigeführt. Der
beschlossene Plan sieht jeweils zwei Fahrbahnen in beiden Richtungen der
Hildesheimer Straße vor. Weiter sollen Fußgänger durch Ampelsicherungen
über die Fahrbahnen geleitet werden, in die jedoch die Üstra-Gleise nicht
eingeschlossen sind. Hier wird der Fußgänger nach der Planung einen Umweg
um den Turm herum in Kauf nehmen müssen. CDU-Ratsherr Rudolf Wedekind
vermutete, Eilenriedebeirat und VHS-Teilnehmer seien von falschen
Voraussetzungen ausgegangen. Er kritisierte, daß offenbar auch die
Verwaltung ihre dem Ausschuß vorgelegten Alternativen – Verschiebung oder
Beibehaltung des Turmes am augenblicklichen Standort nicht ausreichend
vorbereitet habe. Mit allem Nachdruck machte Wedekind deutlich, daß nur
eine Brücke ausreichenden Schutz für die Fußgänger geben könne, da der
starke Verkehr auf den Üstra-Gleisen vor allem zu Messe-Zeiten zu
lebensgefährlichen Situationen führen würde. Für eine Verschiebung des
Turmes an die Straßenseite, was etwa eine halbe Million Mark kosten
würde, spräche nach Wedekinds Auffassung auch die Tatsache, daß der Turm
›schon seit 500 Jahren immer an der Straßenseite gestanden hat und nicht
in der verkehrsumbrandeten Mitte‹. Für die SPD erklärte Ratsherr
Klaus-Peter Beck dagegen, seine Fraktion halte von einer
Brückenkonstruktion nichts. Sie würde nach Adrians Aussagen eine
Gesamtlänge von etwa 170 Metern haben.«
(Djuren,
Kobus,
Lutz,
Stöter: Planungsprobleme bei
neuen Verkehrstechnologien [U-Bahn]: Rechtliche, ökonomische und
geographische Kriterien. In: Probleme des öffentlichen Nahverkehrs in
Hannover. Arbeitsergebnisse eines Erdkundekurses der Bismarckschule
Hannover im Sommersemester 1979, zusammengestellt von Gerhard Voigt)
Mögliche Arbeitsaufträge:
Vorrangig ist hier die zusammenfassende und
bewertende Diskussion, ggf. durch ein Plan- oder Rollenspiel, das die
beteiligten Planungsinteressen stärker zum Ausdruck bringen kann als eine
nachvollziehende Textanalyse. Dabei stellen sich sicher folgende Fragen:
Wie wird aus einem Planungsvorhaben ein politischer Konflikt? Werden die
politisch sich äußernden Interessen von dem amtlichen
Planfeststellungsverfahren adäquat abgedeckt? Ist eine organisierte
Planungsbeteiligung, z.B. im Rahmen der VHS, ein allgemein anwendbares
Konzept der Bürgerbeteiligung und wo findet es seine Grenzen? Können
privat sich bildende Bürgerinitiativen Bürgerinteressen besser zum
Ausdruck bringen? Wodurch wird »die Öffentlichkeit« eigentlich auf die
Bedeutung und ihre Betroffenheit bei einer bevorstehenden Entscheidung
aufmerksam, warum gehen viele Planungen »reibungslos«, während an anderen
sich emotional aufgeladene Konflikte entzünden? Also: wie ist das
Verhältnis von Öffentlichkeit, veröffentlichter Meinung (siehe die
HAZ-Berichte!) und tatsächlichen (objektiven?) Bürgerinteressen? Wie ist
das Verhältnis von Rechtssicherheit, Einheitlichkeit der Verwaltung und
Bürgerbeteiligung im Planungsverfahren?
Kommentiertes Literaturverzeichnis
-
Beirat für Raumordnung: Empfehlungen.
Herausgegeben vom Bundesminister des Inneren. Bonn, 1968.
Abgedruckt in Schöller, a.a.O., S. 468-471
Grundlage für eine sozialstaatliche Umorientierung der Raumordnung.
-
Bundesminister für Forschung und
Technologie: Neue Ideen für Transport und Verkehr. Bonn, 1979.
-
ders.: Nahverkehrsforschung ‘79. Statusbericht
Vl. Bonn, 1979.
Beide Hefte geben die notwendigen technischen Informationen für neue
Verkehrstechnologien und sind kostenlos beim BFT, Bonn, zu erhalten.
Insbesondere in der Projektarbeitsphase wichtig!
-
Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen
und Städtebau: Raumstrukturelle Wirkungen der Stillegung von
Eisenbahnstrecken. 06.022. Bonn, 1978.
Wichtige Vertiefung zu Kursphase A., mit den gleichen Arbeitsaufträgen
zu bearbeiten. Kostenlos beim BRBS zu erhalten (Gesamtverzeichnis der
Schriften des BRBS anfordern: Deichmanns-Aue, 5300 Bonn 2).
-
Bundesminister für Verkehr: Kurt
Gscheidle, Verkehrspolitik in der Mitte der 8. Legislaturperiode. Bonn,
1979.
Ergänzung zu Kursphase D; kostenlos erhältlich beim BMVK. Vgl. ÖTV!
-
Christaller, Walter: Die zentralen Orte
in Süddeutschland. Eine ökonomisch-graphische Untersuchung über die
Gestzmäßigkeiten der Verbreitung und Entwicklung der Siedlungen mit
städtischen Funktionen. Jena, 1933 (Reprographischer Nachdruck,
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1968).
Hier insbesondere s. 72 f. – Grundlegende Untersuchung zum Thema
Zentralität. Die Thesen von Christaller sollten in Kursphase B.
ausgewertet werden.
-
Eriksen, Wolfgang und Adolf Arnold, Hrsg.:
Hannover und sein Umland. Festschrift zur Feier des 100jährigen
Bestehens der Geographischen Gesellschaft zu Hannover 1878-1978. Hannover,
1978 (Jahrbuch der GGH, Schneiderberg 50, 3000 Hannover 1 – Geogr. Inst.
d. Univ. Hannover).
Für die geographische Analyse Hannovers ein unverzichtbarer Sammelband
mit reichhaltigem Kartenteil. Auszüge finden sich in Mat. 7. 8.
-
Fourastié, J.: Die große Hoffnung des
zwanzigsten Jahrhunderts. Köln, 1954 (frz. Originalausgabe: Paris, 1949).
Das klassische Werk der demographischen Prognostik, inhaltlich z.T.
überholt, aber als Grundlage der Planungserwartungen (vgl. Mat. 7) als
vertiefendes Material (z.B. durch Referate!) zu gebrauchen.
-
Großraumverband Hannover: Regionales
Raumorientierungsprogramm Großraum Hannover 1975 (Bearbeiteter Text).
-
ders.: Nahschnellverkehr im Großraum Hannover.
Funktion – Planung – Ausbauprogramm. Hannover, o. J. (1980).
-
ders.: Entwicklung und Funktion des Großraumes
Hannover. Positionspapier – Thesenpapier. Hannover, o. j. (1980).
-
ders.: Großraum-Verkehr Hannover
1970–1980. Hannover, 1980.
Grundlageninformationen und planerische Konzeptionen des Raumes
Hannover; als Arbeitsmaterialien für die Projektphase wichtig, ebenso für
die politische Auswertung nach Phase D, da das Planungselement
Großraumverband zunehmend in die politische »Schußlinie« der konservativen Kräfte gelangt
ist. Vgl. dazu die Materialien BMVK und der ÖTV (dort auch
Arbeitsaufträge!).
-
Jonas, Fritz: Probleme der Stadt und
Aufgaben der Stadtpolitik. Materialien für die Sekundarstufe 11.
Geographische Verlagsgesellschaft Velhagen & Klasing und Hermann
Schroedel, Berlin, 1973.
Insbesondere S. 26-29 und 32/33. Als Unterrichtsmaterial neben Temlitz,
a.a.O., und Wenzel, a.a.O., durchgängig verwendbar, wenn auch in einzelnen
Punkten veraltet.
-
Kapp, K. William: Soziale Kosten der
Marktwirtschaft. Frankfurt, 1979 (Fischer Taschenbuch alternativ 4019.
Originalausgaben. 1950/1963)
Das klassische Werk der Umweltökonomie; als
Unterrichtsmaterial oder Referatergänzung für die ökonomische Bewertung
der Verkehrspolitik bedeutsam. Im Kapitel »Duplikation, Überkapazität und
Sozialkosten« weist Kapp nach, daß diese Überkapazitäten nicht den
notwendigen »fluktuierenden« Überkapazitäten des produzierenden Gewerbes
entsprechen, sondern durch Parallelinvestitionen in konkurrierende Systeme
entstehen, die dann alle nicht hinreichend ausgelastet sind und durch
ihren hohen Fixkostenanteil dem Benutzer keinen Vorteil bringen, im
Gegenteil, volkswirtschaftlich bedenklich sind, da der Konkurrenz keine
mögliche Bedarfsausweitung folgen kann, die einzelnen Systeme aber
untereinander unabgestimmt bleiben; dadurch wird eine koordinierte
Verkehrspolitik auf lange Zeit zum Schaden der gesamten Volkswirtschaft
verhindert. Kapp belegt das am Beispiel der Entwicklung und des
Niederganges des amerikanischen Eisenbahnwesens als Musterbeispiel
privatwirtschaftlicher Konkurrenz.
Mögliche Arbeitsaufträge:
-
Erörtern Sie die volkswirtschaftlichen
Leitvorstellungen von Kapp und charakterisieren Sie die Unterschiede zum
ordnungspolitischen Konzept der in der BRD ausgeprägten Form der
Marktwirtschaft.
-
Inwieweit lassen sich die in Material 1 dargestellten
Verhältnisse und Planungen aus dem Erklärungssatz von Kapp heraus
erklären?
-
Erörtern Sie den Zusammenhang von
Marktwirtschaft, Überkapazität und der Konzeptionslosigkeit
übergeordneter Verkehrspolitik.
-
Wieweit können die neuen verkehrspolitischen
Leitvorstellungen, die zu Material 1 entwickelt wurden, durch die
Aussagen des Textes von Kapp bestätigt, korrigiert oder ergänzt werden?
Lassen sich die an der Situation in den USA entwickelten Vorstellungen von
Kapp insofern auf die BRD übertragen?
-
Welche praktischen Konsequenzen könnte die
bundesrepublikanische Verkehrspolitik aus dem Akzeptieren der Kritik von
Kapp und aus Mat. 1 ziehen?
-
Müller-Ibold, K.:
Städte verändern ihr
Gesicht. Neues bauen – neues wohnen, Bd. 2, Stuttgart 1962.
ÖTV (Gewerkschaft Öffentliche Dienste,
Transport und Verkehr): »Die Politik muß öffentliche Verkehrsmittel
vorrangig fördern«: Thesen der ÖTV zur Verkehrspolitik. ÖTV, 1979, und
Frankfurter Rundschau, Nr. 143, 23. 6. 1979, S. 14 (Auszüge).
-
Im Anschluß an Phase D ist die politische Diskussion um die
Verkehrspolitik aufzuarbeiten. Als Einstieg eignen sich dazu insbesondere
die ÖTV-Thesen, die von den Texten des BMVK und des Großraumverbandes
Hannover ergänzt werden. Anmerkungen zu den ÖTV-Thesen: Forderungen nach
einer neuen Gesamtkonzeption der Verkehrspolitik: an
Arbeitnehmerinteressen orientiert, mit humanen Arbeitsbedingungen, Vorrang
der öffentlichen Aufgaben vor privaten Gewinninteressen, Vorrang des
öffentlichen Personennahverkehrs in den Ballungsräumen, soziale
Tarifgestaltung, Koordinierung von Schiene und Straße, keine
Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen.
Mögliche Arbeitsaufträge:
-
Die einzelnen Forderungen und Beurteilungen
im ÖTV-Text sind auf Schlüssigkeit, Übereinstimmung mit den bisherigen
Arbeitsergebnissen und auf ihren Kontext untereinander hin zu untersuchen
und zu bewerten.
-
Wieweit ist das politische Gesamtkonzept
schlüssig und den Interessen der Gesellschaft entsprechend?
-
Gibt das ÖTV-Konzept eine brauchbare
Grundlage für eine neue Verkehrspolitik, die die Kritik aus den bisherigen
Materialien berücksichtigt? Welche Aspekte fehlen noch (z.B.
Bürgerbeteiligung)?
-
Schöller, Peter (Hrsg.):
Zentralitätsforschung. Wege der Forschung Bd. CCCI. Darmstadt, 1972
(Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Sammelband zur Vertiefung des Themas »Zentralität«.
-
Schramke, Wolfgang und Jürgen Strassel:
Wohnen und Stadtentwicklung. Ein Reader für Lehrer und Planer.
Geographische Hochschulmanuskripte (GHM) Heft 7/1 und 7/2. Oldenburg,
1979.
Kritik der traditionellen didaktischen Ansätze zum Thema »Stadt« im
Geographieunterricht wie kritische Untersuchungen zu stadtgeographischen
»Selbstverständlichkeiten«; für die Unterrichtsvorbereitung des Lehrers
ein maßgeblicher kritischer Einstieg, insbes. S. 125-196, S. 376-388 in
Bd. I und S. 345-392 in Bd. II.
-
»Technologie und Politik«. Das Magazin zur
Wachstumskrise. Bd. 14: Verkehr in der Sackgasse – Kritik und
Alternativen. Reinbek, 1979 (rororo Aktuell 4531).
-
Temlitz, Klaus: Stadt und Stadtregion.
Westermann-Colleg Raum + Gesellschaft Bd. 1. Braunschweig, 1975.
Für die geographische Grundinformation gut zu
gebrauchen, insbesondere im Vergleich mit den Materialien bei Jonas,
a.a.O., und Wenzel, a.a.0. Insbesondere in der Kursphase B sollte Temlitz zum Thema der
Verkehrsbedürfnisse in ihrer räumlichen Umwelt herangezogen werden: So
entwickelt Temlitz »Tagesganglinien« des innerstädtischen Verkehrs (S.
51), getrennt nach Fahrtzweck und Verkehrsmittel, und versucht daraus die
Regionen (City Stadtrand) und Zeiten (»rush hour«) der Verkehrsspitzen
festzustellen, die einen Maßstab für Kapazitäten und Investitionsbedarf im
Verkehrswesen darstellen.
Mögliche Arbeitsaufträge:
-
Erörtern Sie Möglichkeiten und Grenzen einer
Optimierung von Verkehrsnetz und Wageneinsatz eines kommunalen
Verkehrsbetriebes zur Erfüllung der räumlich gebundenen
Verkehrsbedürfnisse.
-
Ist die Definition des öffentlichen
Personennahverkehrs als Massenverkehrsmittel in Spitzenzeiten
hinreichend? (Ziehen Sie dazu die Materialien 1 bis 3 zum Vergleich
hinzu.)
-
Welche Beurteilungsgrößen werden in einer
geographischen Analyse nicht oder nur am Rande berücksichtigt?
-
Urbanek, Axel:
Dem spurgebundenen Verkehr
gehört die Zukunft. Verlag für fortschrittliche Verkehrspolitik.
Großhelfendorf, 1974.
Material für Referate und die Projektionsphase.
-
Wenzel, Hans-Joachim und Hans-Jörg
Schulze-Goebel: Umwelt Raum – Gesellschaft. Arbeitsbuch zu
Umweltfragen und Stadtentwicklung für die Sekundarstufe 1.
Schülerarbeitsbuch und Lehrerband. Stuttgart 1978, J. B. Metzler.
Vom Ansatz her das brauchbare geographische
Begleit- und Grundlagenbuch für den Kurs, bis auf die eher hinderliche
Orientierung auf die Sek. I. Hier sollte auch der Lehrerband als
Schülerarbeitsmaterial in den Kursunterricht der Sek. II eingeführt
werden.
[Quelle: Politische Didaktik. Zeitschrift für
Theorie und Praxis des Unterrichts. Heft 2/1980: Natur – Mensch – Technik.
Herausgegeben von E.-A. Roloff.
Stuttgart, Juni 1980 (J.B.Metzler). S. Anhang 20 - 43] - Durchgesehene
Neuausgabe 14.08.2011
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