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Gelegenheitstexte und Varia: Übersicht

Veröffentlichungen und Texte: Index

   
   

 

     
   

Veröffentlichungen und Texte

Gelegenheitstexte und Varia:
Ein schrecklich spannender Krimi
 - leider unvollendet

Kennen Sie Jean Biskra? Ich auch nicht: entstanden ist der Name vor Jahren aus "Bismarckschule Krimi-AG" (und gleichzeitig bezogen auf die Namensgleichheit mit der algerischen Oase "Biskra". Da der erste Text als Klausur- Text einem Politik-Leistungskurs vorgelegt wurde, war dieser Pseudonym notwendig. Die Auflösung kam dann bei der Erörterung der Ergebnisse: So wurde das nächste Kapitel gemeinsam geschrieben...

Vielleich hat ja jemand eine Idee, den Roman zu Ende zu schreiben?

Jean Biskra: Leben und lieben lassen - Die Frau aus Algier (4. Kapitel)

Jean Biskra: Leben und lieben lassen - Erinnerungen und Trauer (5. Kapitel)

Zivilisation: Liebe und Gewalt im Trivialroman - Interpretierter Schmu

Jean Biskra:

Die Frau aus Algier

Der Sommer kam. Der Tiger Pasquale durchstreifte sein Revier, die engen Gassen der Altstadt, die Bistros und Kneipen, die kleinen Läden, Bäckereien, Schlachtereien, auf der Suche nach Frauen, nach der Frau.

Morgens saß er auf der Terrasse bei Victor’s, trank seinen Kaffee, beruhigte sich nach einer wei­teren einsamen Nacht am Rauschen der Plantanen am nahen Flußufer und beobachtete eine Gruppe von reizvollen Schulmädchen, die hier den Ferienbeginn feierten, lachten, Witze machten und über Leute und Erlebnisse lästerten, die nur sie kannten und verstanden. Das laute Kichern er­freute Pas­quale, dem sie doch keinen Blick gönnten.

Und dann sah er sie. Sie. An einem Tisch in der Ecke der Terrasse. Allein bei einer Tasse Café aux lait. Pasquale hatte sie nicht kommen sehen. Sie war in ihre Gedanken vertieft, eher melancho­lisch, ohne jede hastige Bewegung. Und dann huschte ein zartes Lächeln über ihr Gesicht, das als­bald wieder schüchterner Ruhe wich. In diesem Augenblick verlor für Pasquale alles andere um ihn herum an Wirklichkeit, nur noch sie existierte, nur noch dies eine flüchtige Lächeln.

Pasquale wagte es nicht, sie anzusprechen, kaum anzuschauen. Als sie aufstand, folgte er ihr und verfolgte sie unauffällig durch die Altstadtgassen, bis sie in einem kleinen arabischen Ge­würz­la­den in einer kleinen dunklen Seitenstraße verschwand.

Den ganzen Tag gelang es ihm nicht, sie noch einmal zu sehen. Sie blieb in dem Haus ver­schwunden. Er ließ sich von dem alten Algerier im Gewürzladen, dessen Sprache er kaum folgen konnte, ausführlich über exotische Gewürze und über Cous-Cous-Rezepte aufklären, und er behielt sie doch nicht im Gedächtnis: denn sein Gehirn war leer, nicht aufnahmefähig, nur noch besessen von dieser einen flüchtigen Erscheinung. Von ihr. Von Lucida, wie er sie jetzt nennen wollte. Lucida, diesen Namen wollte er lieben.

Der Abend und die Nacht gingen vorbei, und Pasquale kannte sich kaum selbst wieder, er, der Jahr für Jahr auf Jagd war nach Frauen, nach der Frau, der immer siegreiche Tiger, wie er sich selbst sah, der seine Beute schlug und dann wider fallen ließ... er hatte es nicht gewagt, SIE, LUCIDA die Leuchtende, anzusprechen, nicht einmal unter einem belanglosen Vorwand? Wurde er schon zu alt für sein Spiel?

Der nächste und der übernächste Tag verliefen wie der eben abgelaufene, genauso, ereignislos. Von Victor’s verfolgte er Lucida bis zu diesem geheimnisvollen algerischen Gewürzladen, wo sie verschwand und wo er sich wieder und wieder neue Geheimrezept für Cous-Cous erzählen ließ.

Doch Augen und Gedanken waren nur bei dieser schlanken, fast unwirklichen Gestalt, die Schritte vor ihm den Laden betreten hatte, um in den hinteren Räumen spurlos zu verschwinden. Pasquale wurde ihr Bild nicht Los: die Schultern und Arme leicht nach vorne gebeugt, als Lucida sich unter einer drückenden Wirklichkeit hindurch winden wollte, das Gesicht freundlich verschlos­sen, bis auf ein gelegentliches Lächeln, dessen Anlaß nicht festzustellen war, ebenmäßige Züge, doch nicht von der kalten klassischen Symmetrie und Schönheit, doch ausdrucksvoll, eher etwas kantig und schmal, auf einem langen, biegsamen Hals. Schwarzes langes Haar, schwarzbraune, ausdrucks­volle Augen und eine zarte, fast kindliche und nur leicht dunkel getönte Haut. Dieses Gesicht ver­folgte Pasquale den ganzen Tag und in der Nacht bis in die Träume hinein.

Am vierten Tag, er hatte noch immer kein Wort mit ihr gesprochen, er war sich noch nicht ein­mal klar, ob sie ihn überhaupt bemerkt hatte, obwohl das eine oder andere freundlich, ja fast erschien es ihm verführerische, vielleicht auch etwas belustigte Lächeln ihn auf der Terrasse von Victor’s ge­streift hatte, an diesem vierten Tag geschah es, das Schreckliche, Unfaßbare.

Als Lucida eben die Tür des Gewürzladens durchschritten hatte, sah Pasquale von der anderen Straßenseite her, als sich sein Blick an das Dunkel des gegenüber liegenden Ladens gewöhnt hatte, wie sie abrupt, wie erschrocken, stehen blieb, ehe noch die Tür wieder geschlossen werden konnte. Ihr trat ein junger, kräftiger, bärtiger Araber gegenüber, der nun heftig auf Lucida einredete. Es war kein richtiger Streit, doch eine ängstliche, aggressive Situation. An der Debatte beteiligte sich auch der alte Gewürzhändler, der nun einige Papiere, ein Bündel Geldscheine und eine kleine schwarze Leder­tasche, in der Pasquale unwillkürlich eine Pistole vermutete, unter dem Ladentisch hervorholte. Das Gespräch wurde heftiger, bis Lucida, wie es schien, einlenkte. Sie schrieb zwei Briefe.

Pasquale, der näher aber unbemerkt an das Schaufenster heran getreten war, sah von der Seite ihre langen schmalen Hände in vollendeter Grazie schreiben, erst von rechts nach links – arabisch, dann auf dem zweiten Blatt von links nach rechts – französisch. Eine Welle von Glück und Mitgefühl – wofür eigentlich? – überschwemmte Pasquale bei diesem Anblick. War die vielleicht der Vertrag, mit dem Lucida ihre Seele verkaufte?

Die Papiere wurden in einer Kassette eingeschlossen, Lucida griff nach dem Geldbündel, der junge Algerien nach der Pistolentasche, die noch geschlossen war, als im Hintergrund eine Tür auf­gerissen wurde und zwei junge Araber mit Maschinenpistolen in den Laden stürmten und auf den jungen Bärtigen zielte, dessen Gesicht zerfetzt war und der zusammenbrach, ehe Pasquale noch die Schüsse gehört und wahrgenommen hatte. In sekundenschnelle verbreitete sich am Boden eine Blut­lache, in die Lucida ohnmächtig oder verletzt sank. Die beiden Mörder verloren keinen Augenblick, griffen Arme und Beine des Toten und schleiften ihn durch die Ladentür, um ihn mit einem Schwung auf einen offenen Camion zu werfen. Ohne den versteinert dastehenden Pasquale auch nur eines Blicks zu würdigen, fuhren sie mit Höchstgeschwindigkeit davon.

Der Alte war hinter dem Ladentisch verschwunden und Lucida lag im Blut auf dem Boden. Pas­quale wagte nicht näher zu treten. Sehr bald kam die Polizei, der Alte tauchte, bleich aber unverletzt, wieder auf, konnte sich aber anscheinend an nichts mehr erinnern, verstand auch nichts mehr und wurde schließlich im Polizeiwagen mitgenommen. Nach mehreren Stunden hatten Polizei und Spu­ren­sicherung ihre Arbeit beendet. Pasquale war es gelungen, sich jeder Befragung zu entzie­hen und sich in die Gruppe der ahnungslosen Gaffer einzureihen, die sich wieder verliefen, als der Laden leer, aber unverschlossen im Dunklen zurück blieb. Lucida? Sie war verschwunden, spurlos ver­schwun­den.

Pasquale konnte sich von diesem Ort des schrecklichen Geschehens nicht trennen. Nachmittags, Abends, bis tief in die Nacht, schlenderte er durch die Gasse, schlich zum Ladenfenster, versteckte sich im Dunkel der anderen Straßenseite, suchend, grübelnd, erschrocken.

Wann hatte er es zum ersten Mal gehört? Es wußte es nicht mehr. Ein leises Weinen und Schluchzen wurde hörbar, als die Nacht leise wurde. Es erreichte ihn weniger durch das Ohr als durch ein leichtes Frösteln im Rücken. Woher kam dieser Laut? Erst nach geraumer Zeit wurde ihm klar, daß das Schluchzen von oben, von den offenen Dachluken des Schreckenshauses drang. Das Weinen einer Frau. Lucida? Noch geraumer Zeit bedurfte es, bis Pasquale sich bewegen konnte: Neugier? Mitleid? Sehnsucht? Was war es, das ihn nun leise den Laden betreten und die Tür zum rückwärtigen Gebäudeteil betreten ließ?

Er stieg eine, steile Holztreppe zwei Stockwerke bis unter das Dach hoch. Aus einer kleinen Dachkammer dran nun ganz deutlich das Weinen und Schluchzen. Pasquale trat leise ein. Auf einem zerwühlten Bett, dem einzigen Möbelstück im Raum, lag, zusammengerollt wie ein ungeborenes Kind, die weinende Lucida, deren Tränen das Kopfkissen schon völlig durchnäßt hatten.

Ob sie Pasquale bemerkte, wurde ihm nicht sogleich klar; aber er zog sich nicht wieder zurück, sondern setzte sich vorsichtig auf den Bettrand neben sie und begann tröstend und liebevoll auf sie einzusprechen, während er durch ihr langes Haar streichelte. Lange saß er so da, bis das Schluchzen etwas leiser wurde und ein ganz leichtes Lächeln über ihre Züge glitt und ihr den Ausdruck eines trauernden Engels gab. Sie blickte Pasquale an und flüsterte: „Ich habe auf Dich gewartet.“

Minuten vergingen. Jetzt erst fielen ihm die unregelmäßigen dunklen Flecken auf ihrem braunen Wollpullover und auf ihrer eng anliegenden braunen Hose auf. Sie bemerkte diese musternden Blicke und ein Schauer Durchfuhr ihren Körper: „Blut. Mein Bruder.“ Kaum vernehmbar unter erneuten Tränen geflüstert. Pasquale neigte seinen Kopf über ihr Gesicht und begann, den geliebten Zügen die Tränen wegzuküssen. Sie bemerkte es wohl kaum. Sie stieß ihn nicht zurück und ließ es geschehen. Vielleicht war auch dies ein Trost.

Später lagen sie nebeneinander, eng aneinander gepreßt auf dem Bett, nur noch ein leises trä­nen­loses Schluchzen war immer wieder zu hören, das dann durch einen langen heftigen Kuß auf die fei­nen, schmalen Lippen gedämpft wurde. Durfte Pasquale den Kummer und die Verzweiflung, das Trost- und Anlehnungsbedürfnis dieser schönen Frau so mißbrauchen? Doch diese Gedanken ver­drängte er sofort wieder und spürte umso heftiger die Wärme des an ihn gedrängten und geschmieg­ten Körpers. Seine Hand glitt unter ihren Pullover und streichelte ihre kleinen festen Brüste, deren Knospen alsbald hart wurden. Auch ihre Umarmung wurde heftiger. Seine Hand begann auf den Perlen ihres Rückgrats langsam und beharrlich den Rosenkranz der Zärtlichkeit zu beten, bis sie zwi­schen ihren warmen Schenkeln verschwand. Sehr sehr vorsichtig schob er ihre Kleidung nach unten, und er begann, ihren Körper zu küssen. Sie drückte sein Gesicht erst zärtlich und erregt zwischen ih­re Brüste und dann zwischen ihre Beine. Ein erster Höhepunkt durchfuhr ihren Körper, dem weitere, immer leidenschaftlichere Vereinigungen in dieser seltsamen Liebesnacht folgten.

Immer noch hatte sie nichts weiter gesagt. Nicht einmal ihren Namen kannte Pasquale. So däm­merten sie, schwer, erschöpft und glücklich dem Morgen entgegen.

Als die ersten Sonnenstrahlen durch die Dachluke auf Pasquale trafen, durchstieß die Erinne­rung an die schrecklichen Ereignisse des Vortages das dumpfe Gewebe aus Lust und Begehren und brachte das Entsetzen zurück. Konnte denn Lucida, die noch nicht einmal Zeit gefunden hatte, sich das Blut des Bruder abzuwaschen, überhaupt so etwas wie Liebe zu Pasquale, zu einem Fremden, empfinden? War die körperliche Lust nicht nur ein berauschendes Betäubungsmittel, um den Blick in den dunklen Tod zu verdrängen?

Eine Antwort fand Pasquale nicht. Wieder war Lucida spurlos verschwunden. Er war allein. Vorsichtig, um nicht gesehen zu werden, schlich er aus diesem Haus des Schreckens und der Lust. Er ging zu Victor’s. Tag für Tag saß er nun wieder auf der Terrasse. Doch das Rauschen der Planta­nen beruhigte ihn nicht mehr, andere Frauen interessierten ihn nicht. Denn Lucida blieb verschwun­den.

Zuletzt schrieb er einen Brief an die Adresse des arabischen Gewürzladens. „An die junge Frau (aus Algier?), deren Bruder in Ihrem Laden ermordet wurde. Liebste Lucida, denn so muß ich Dich nennen, weil ich Deinen Namen nicht weiß. Ich weiß, daß wir zusammen keine Zukunft haben. Zu unterschiedlich sind Alter und Lebensort, zu sehr belastet eine schreckliche Vergangenheit die Erin­ne­rung. Doch die Stunden mit Dir, sind das, was mir noch Hoffnung und Lebensmut gibt. Doch soll diese eine Begegnung ohne Worte alles gewesen sein? Ich denke immer an Dich. Ich möchte wissen, wer Du bist und welche Zukunft Du hast.“

Eine Antwort erhielt Pasquale nicht.

[Quelle: Jean Biskra: Leben und lieben lassen. Kapitel 4.]

Jean Biskra:

Erinnerungen und Trauer

Pasquale verlor immer mehr seine Orientierung. Kaum nahm er seinen Alltag und die Welt um sich noch wahr. Schmerz und unsägliche Sehnsucht zerfraßen seine Seele. Irgend einmal mußte er sich aufraffen, etwas zu tun, sein Leben zu ändern, dem Geschehen auf den Grund gehen. Immer deutli­cher wurde ihm auch die unrühmliche Rolle eines Feiglings und Nutznießers einer grauenvollen Si­tuation. Konnte er damit auf Dauer leben? Er mußte zunächst mit sich selbst ins Reine kommen. Und so begann er, seine Erinnerungen zu ordnen, zu überprüfen. Und natürlich begann er das mit Lucida, mit der Frau. Seite um Seite füllte er ein kleines Heft mit Aufzeichnungen, ohne weitere Ansprüche, nur für sich selbst. Seine Erinnerungen.

„Es ist seltsam: erinnere ich mich kaum an Lucida, als sie nackt auf ihrem Bett lag und ich ihren schönen Körper betastete, streichelte, liebte. Immer mehr tritt das in den Hintergrund. Lucida auf der Terrasse, Lucida auf der Straße, wie sie vor mir geht, wie sie in dem dunklen Gewürzladen ver­schwindet, Lucida beim Schreiben des Vertrages im Laden, Lucida, wie sie ohnmächtig auf den Bo­den sinkt, als ihr Bruder erschossen wurde.

Doch vieles weiß ich ja tatsächlich nicht. War es denn ein Vertrag, den Lucida schrieb und den die drei Personen unterzeichneten, war es wirklich ihr Bruder, der wie ein elender Kadaver auf den camion geworfen und ‚beseitigt‘ wurde, wer war Lucida wirklich? Weiß ich denn auch nur ahnungs­weise, was diese Frau dachte und fühlte, was sie durchgemacht hatte? Nein. aber es wird das Ziel meines Lebens sein, dies zu erfahren. Und mein Verlangen in echte Liebe zu verwandeln, um sie ihr zu gestehen!

Doch bis jetzt kenne ich nur das Äußere, ihr Gesicht, ihre Kleidung, ihren Gang und ihren Kör­per. Und ich darf ihn nicht vergessen. So will ich das, was sich in meinem Gedächtnis befindet, auf den nächsten Seiten sorgfältig festhalten und sowohl vor dem Vergessen wie vor einer falschen Idea­lisierung bewahren.

Und schon die ersten Überlegungen zeigen mir, daß meine ersten spontanen Eindrücke und Be­schreibungen einer kritischen Erinnerung nicht standhalten. Oder sind diese Abweichungen schon erste Veränderungen, die sich über das ursprüngliche Bild von Lucida legen? Umso dringender wird es, möglichst alles genau in diesem kleinen Heft festzuhalten, als Grundlage für mein weiteres Leben.

Ich beginne mit einer Art Steckbrief, mit dem Versuch, Lucidas Gesicht zu beschreiben. Was ich auf den ersten Blick auf der Terrasse als ‚eckige, kantige‘ Gesichtsform wahrnahm, ist wohl eher ei­ne Folge der deutlich und ausdrucksvoll geschnittenen Gesichtspartien, die eine Einmaligkeit des Aus­drucks nach sich ziehen. Eigentlich ist das Gesicht oval. Die Wangenpartie ist deutlich betont. Zarte Grübchen auf den Wangen werden vor allem beim Lächeln sichtbar. Scharfe, beschattete Fur­chen trennen Wangen- und Mundpartie wie senkrechte Serifen an den Enden der Lippen. Der Mund zieht sich immer wieder lächelnd, ironisch oder auch nur als freundlicher Reflex und auch beim Spre­chen seitlich nach oben, was die scharfen Gesichtslinien noch ausdrucksstark betont.

Die Lippen sind entgegen dem ersten Eindruck voll und weich. Doch ihre helle Tönung und der Verzicht auf grelle Lippenstiftfarben lassen sie zu einem harmonischen Bestandteil der Gesichtszüge werden. Die Oberlippe ist ganz wenig stärker betont als die zumindest bei gewissen Gesichtsaus­drücken etwas nach unten gerollte Unterlippe. Zusammen mit einem zurücktretenden, aber mit einem ausgeprägten Knubbelchen gekrönten Kinn entsteht eine S-förmige Kinnpartie, in die wie in einer Arabeske die lange, geschwungene Halslinie, in der sich als Echo der Kinnpartie eine nur eben flüch­tig angedeutete Idee eines Doppelkinns erkennen läßt, endet.

Der einprägsame, fast künstlerisch geschnittene Gesichtsausdruck wird noch betont durch eine gerade, schmale Nase, deren Form dennoch alles andere als hart oder scharf, sondern weich, jugend­lich gezeichnet erscheint. Von den Nasenflügeln, die ebenfalls wie ihr Mund von seitlichen Serifen begrenzt werden, habe ich schon geschrieben.

Wenden wir uns den anderen Partien des Gesichtes zu. Die Stirn ist hoch und rund und von lan­gem, rechts gescheiteltem Haar wechselnd bedeckt oder enthüllt. Das Haar ist dunkelbraun, auch wenn es bei bestimmten Beleuchtungen, so wenn die Sonne schräg auf es fällt, fast schon schwarz erscheint; die Färbung ist so lebendig je nach Tageszeit, daß sie kaum zu beschreiben ist. Das Gesicht wird von der Einrahmung durch die langen Haare noch betont. Ist es ein bewußtes Spiel mit den viel­fältigen Ausdrücken, die sich durch den Haarfall arrangieren lassen, wenn Lucida immer wieder mit ihrer feingliedrigen Hand durch ihre Haare streicht, sie hinter das Ohr versteckt und gleich darauf wieder frei über die eine Wange fallen zu lassen? Oder es mit einer graziösen Kopfbewegung nach hinten wirft?

Die Ohren sind fein geformt und stehen gerade in idealer Weise ab, um sich am dauernden Spiel mit dem Haar versteckend oder hervorlugend zu beteiligen. Doch ich merke es, daß ich den eigentli­chen Reiz dieses Gesichtes nicht beschreiben kann. Keines der einzelnen Elemente vermag für sich die Schönheit zu erklären, die nicht nur durch die Gesichtszüge selbst, sondern durch ihr Lächeln, durch ihren Ausdruck, durch ihre Bewegungen bedingt wird. Nur eines habe ich absichtlich bis jetzt nicht beschrieben, nicht beschreiben können, das sind ihre Augen. An diesen dunklen, ausdrucksstar­ken Augen hängt ihr Lächeln, hängt alles das, was ich nicht mehr aus meinem Gedächtnis verbannen kann.“

An dieser Stelle unterbrach Pasquale die lange, mühsame Arbeit an seinen Notizen. Er war es nicht gewohnt, sich schriftlich zu äußern, zu formulieren, auf die Bedeutung der Worte und der Sätze sorgfältig zu achten. Es war anstrengend, ermüdend, und wenn er das Ergebnis las, unbefriedigend. Er war gar nicht zufrieden mit dem, was er geschrieben hatte; es war leblos, unbeweglich. War doch seine Erinnerung voller Leben und Bewegung.

Sein Leben hatte immer Ziele, Wünsche, Pläne. Wie sie ihm nach seinem Erlebnis immer mehr abhanden kamen, so nahm sein Leben auch immer mehr die kalte, tote Ausdrucksform dessen an, was er noch aus seiner Erinnerung zu Papier zu bringen vermochte. Irgend etwas mußte ihn aus die­ser selbstbezogenen und selbsthassenden Erstarrung aufrütteln. Aber immer noch sah er nur die Pa­pierseiten seines Notizbuches vor sich, fordernd und drohend und doch mit einem ganz leisen Ver­sprechen, dem Tod Dauer zu geben.

Die nächste Nacht konnte er nicht schlafen. Geräusche und Schatten bedrängten ihn, die er vor­her nie erlebt, nie wahrgenommen hatten. Schatten mit Maschinenpistolen, Geräusche von abfahren­den camions, Rufe, Schreie, Weinen, Schluchzen... Die Welt war voller Gewalt und Trauer. Kurz vor dem Morgen klopfte es an seiner Tür. Er wagte sich kaum zu bewegen. Wieder klopfte es. War es nicht doch vielleicht ein Rabe am Fenster? Aber keine Büste der Pallas befand sich über seiner Zimmertür, nimmermehr... Wieder klopfte es und mit einem durchdringenden Kreischen öffnete sich ganz vorsichtig die Tür. In fast undurchdringlichem Dunkel stand Lucida im Türrahmen, in einem langen schwarzen Kleid und mit blutigen Händen. Die Frau in Schwarz flüsterte, röchelte ihm zu: „Kehre um, du bist auf dem falschen Weg. Zu sehr quält Gewalt und Tod...“ Als sie einen weiteren Schritt auf ihr zu trat sah er die blutende Wunde an ihrem Hals, aus der das Blut in ihr schwarzes Kleid rann. Sie streckte ihm ihre blutigen Arme entgegen, um ihn zu umarmen. „Ich habe auf dich gewartet!“ Ein scharfer Schmerz Durchfuhr seine Stirn und er sank in ohnmächtige Dunkelheit auf sein Kissen zurück.

Als der Morgen kam, wagte Pasquale kaum, die Augen zu öffnen. Erst als die Sonnenstrahlen durch das Fenster auf sein Bett schienen und sein Gesicht wärmten, blinzelte er voller Angst. Die Panik der Nacht war nicht verschwunden. Pochender Schmerz erfüllte seine Stirn, der Magen brann­te, als ob ein Geschwür entstanden sei und seine Beine krümmten sich schmerzhaft in Wadenkrämp­fen, so daß er verzweifelt aufschrie. Schnell schloß er die Augen wieder und streckte seine Beine ge­gen den Schmerz und begann, die Muskeln am Gegenlager des Fußbrettes seines Bettes zu über­deh­nen. Nach und nach gelang es ihm auch. Er hatte kein Gefühl mehr dafür, wie lange er nun schon halbwach in seinem Bett lag, wie spät es nun schon geworden war.

Und dann kam die Furcht, die Panik wieder. Erneut öffnete er die Augen. Keine Frau in Schwarz. Doch er hörte noch immer ihre röchelnde Stimme. „Kehre um, du bist auf dem falschen Weg. Zu sehr quält Gewalt und Tod...“ Ja, auch er hatte auf sie gewartet. Aber wieder war sie ver­schwunden.

Was war mit dem Blut? Nein, keine Spur fand sich auf dem Bett, auf dem Boden. Vorsichtig brachte er seine noch immer schmerzenden Beine auf den Boden. Nach dem dritten Versuch gelang es ihm, soweit wieder stabil zu werden, daß er aufstehen und vorsichtige Schritte durch das Zimmer machen konnte. Er ging zur Tür. Sie war verschlossen, so wie er sie am Abend zuvor geschlossen hatte. Er öffnete sie. Und dort war dann doch etwas, was ihn in neue Panik versetzte: ein braunes Kuvert, ohne Anschrift, ohne Name.

Leise schloß er die Tür und schwankte zum Tisch. Das Kuvert in der zitternden Hand. Er brauchte Minuten, bis er die verklebte Lasche geöffnet hatte und den Inhalt entnehmen konnte. Es war ein schlichter weißer Briefbogen, beschrieben mit blauer Tinte in einer grazilen, elegant ge­schwungenen Handschrift, die eher auf eine Frau als Schreiberin zu verweisen schien. War es von Lucida? Und das Schreckliche, was der Umschlag noch enthielt: einen roh herausgerissenen Fetzen braunen Stoffes. Als er ihn in die Hand nahm, bemerkte er dunkle Flecken, wie er sie schon einmal gesehen hatte. „Blut. Mein Bruder.“ Er hatte ihre Stimme noch im Ohr. Unwillkürlich zuckte seine Hand zurück und ließ die schauerliche Reliquie auf den Tisch fallen. Ohne Zweifel war das Blut alt, fest eingetrocknet. War es Blut von ihrem Bruder? War es ihr Blut? Neue Ängste und Zweifel stie­gen in ihm auf. Wer war in der Nacht an seiner Tür gewesen? Wer wollte ihm etwas mitteilen. Nur nach langem Zögern konnte er sich überwinden, den Brief zu lesen. Es war kein Brief. Es war ein Geständnis. Aber für wen? Sicher nicht, wie er bald erkannte, für ihn geschrieben. Aber was sollte er mit diesem Geständnis anfangen? Der Text begann abrupt und endete ohne Zusammenhang; es war zu erkennen, daß es sich um eine mittlere Seite eines mehrseitigen Textes handelt. Namen der betei­ligten Personen  und die Daten der erwähnten Ereignisse waren nicht zu entnehmen. Das Ganze war mehr als rätselhaft.

„die Treppe hinauf. Wir waren uns unseres Auftrages bewußt. Hinter der uns bezeichneten Tür hörten wir Lachen und fröhliches Reden. Uns war gesagt worden, daß sich zu diesem Zeitpunkt die Gruppe treffen sollte, in der der Sprengstoff und die Waffen verteilt und die Durchführung der Aktion geplant werden sollte. Wir wußten, daß A. darauf dringen würde, uns ebenfalls umzubrin­gen, da wir den mörderischen Terror nicht mitmachen wollten. Aber A. wollte die Gewalt. Wir hat­ten uns vorher an einen vertrauenswürdigen Freund gewandt, dessen Name hier nicht hereingezo­gen wer­den soll, und der uns die Möglichkeit zum Ausstieg aus der Aktion ebnen sollte. Als dann am näch­sten Tag B. vor unseren Augen entführt wurde, war uns klar, daß wir verraten worden waren und daß unser Leben nichts mehr Wert war, solange A. und seine beiden Freunde lebten. Unser Vater beschwor uns, nur einmal unser Recht in die eigene Hand zu nehmen und A. zu töten. Dies sei für uns und unser Land notwendig. Von unserem Freund konnte er im Vertrauen Informa­tionen über das geplante Treffen, seinen Ort und Zeitpunkt erhalten. Wir gestehen, daß das ein tödlicher Fehler war. Denn als wir die Tür aufrissen und ohne lange zu zaudern in den Raum schossen, fielen zwei nackte Körper zurück in  das offene Bett, auf dem sich das junge Liebespaar, das wir niemals zuvor gesehen hatten, vorher vergnügt hatte und dann nun zur blutigen Totenbahre wurden. Voller Panik rannten wir zurück aus dem Haus, wo uns keiner außer den Opfern gesehen hatte. Wer waren die beiden, die wir sinnlos umgebracht hatten? Diese Schuld“

Hier brach das Dokument ab. Lange saß Pasquale grübelnd über dem Papier. Es mußte doch ei­ne besondere Bedeutung haben, daß ihm dieser Brief zugespielt wurde. Warum war er aber dann nicht vollständig? Was hatte er denn mit der ganzen Sache zu tun? War das die Strafe für seine Schuld, die er durch Gier und Feigheit vor einigen Tagen auf sich geladen hatte? Noch weniger konnte er jetzt ohne Zögern auf die nackte, liebende, hingegebene Lucida denken. Wenn es tatsäch­lich ihre Schrift war, konnte es ein Teil des Briefes sein, den sie in dem Gewürzladen kurz vor dem Mord an ihrem Bruder geschrieben hatte? Doch auch hier kam seine Erinnerung wieder durcheinan­der. Waren es nicht zwei Briefe von jeweils nur einer Seite, ein Brief in arabischer, ein Brief in latei­nischer Schrift? Oder hatte er in seiner Traumversunkenheit von der Straße gar nicht bemerkt, wie umfangreich diese Dokumente geworden waren? Er merkte, daß ihm, seit er Lucida das erste Mal gesehen hatte, immer mehr das Zeitgefühl, ja der Realitätsbezug verloren ging. Die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit wurde durchlässig, vage. Er lebte wie in einem bedrohlichen und doch verheißungsvollen Nebel.

Wieder wollte er seine Erinnerung zwingen, die Gestalten in feste Formen gießen, Lucida wie­der zur lebenden Realität werden lassen. Er dachte zurück an die Szene in dem kleinen Gewürzladen, die so rätselvoll begann und so gewalttätig und tragisch endete. Waren Lucida und ihr Bruder die schul­dig-unschuldigen Mörder des Liebespaares, von dem in dem Bekenntnis die Rede war? Haben sie dieses Dokument verfaßt, um sich der Schuld zu stellen und die Wahrheit aufzudecken? Sollte er jetzt diese Aufgabe übernehmen, als Anerkenntnis seiner Schuld, als Preis für seine Liebe?

So schritt Lucida an jenem verhängnisvollen Tag vor ihm durch die Gassen zu dem dunklen Gewürzladen. Schlank, mit langen wohlgeformten Beinen und einer festen, vielleicht sogar etwas aufreizenden Hüftpartie, die von der engen, braune Hose – wie kann ich nur die schrecklichen Blutflecken aus dieser Erinnerung heraushalten? – betont werden. Lucida trägt dunkelblaue Lei­nen-Turnschuhe mit weißen Plastiksohlen, die vom täglichen Gebrauch eingedunkelt sind. Eine beson­dere Eleganz läßt ihre Kleidung nicht erkennen, eher eine jugendliche Nonchalance, die sich mit geschmackvoller Unauffälligkeit verbindet. Doch zeigt ihr Gang auf der Straße wenig Selbstbe­wußt­sein in Auftreten und Gestik, eher scheue Zurückhaltung, die durch ein leichtes Vorbeugen des Oberkörpers und einen meist gesenkten Blick vermittelt wird.

Als sie in den Laden eintritt, legt sie ihre jeansblaue Jacke mit dem dunkelblauen Besatz über eine Stuhllehne und stützt sich auf die Verkaufstheke. Der weite, beige-braune Pullover – und schon wieder drängt sich das Bild der Blutflecken in die Erinnerung – betont die Figur keineswegs; weich schwingt er über die Schultern und nur bei ihren Bewegungen scheint die zierliche und jugendlich-attraktive Figur durch. Sicher ist das eine Erinnerung, die vom eigenen Hinsehen, von der Neugier auf diese Frau geprägt wurde. Sie ist aber auch ein Teil einer Realität dieses Augenblicks.

Lucida schreibt konzentriert, fast etwas verkrampft, indem sie den Tintenstift ganz unten, nahe dem Papier festhält und die Buchstaben flüssig und aufmerksam konzentriert formt, den Zeigefinger etwas eingedrückt, von der Daumenkuppe bedeckt. Mittelfinger und Ringfinger überkreuzen sich immer wieder, wenn der Text, so scheint es, besondere Anspannung oder Überlegung erfordert. Die linke Hand hält seitlich den Kopf, das lange Haar, immer wieder mit einem Kopfschwung oder einer flüchtigen Handbewegung nach hinten geworfen, fällt ständig wieder auf das Papier und verdeckt seitlich die Gesichtszüge. Gelehnt an die Verkaufstheke, überkreuzt Lucida ihre Unter­schenkel; die Spitze des rechten Fußes berührt nur leicht den Boden. Doch scheint der Fuß immer in Bewegung zu sein; ein Zeichen der Anspannung, Angst oder Nervosität?

Pasquale löst sich von dieser Erinnerung und blickt auf das Blatt Papier vor sich. Er wird jetzt nicht mehr quälende Erinnerungen in sein Heft schreiben; das was auf dem Dokument geschrieben ist, wird für ihn realer, wichtiger werden. Er wird das Rätsel lösen. Er wird Lucida finden.

[Quelle: Leben und Lieben lassen. 5. Kapitel]

Politik Leistungskurs 416,
4. Semester, Schuljahr 1997/98, 2. Halbjahr.
Wandel der Politischen Kultur und Krise der Zivilisation

1.. Klausur am 4.5.98

Diskussionspapier zu den möglichen Bearbeitungsergebnissen

Zivilisation: Liebe und Gewalt im Trivialroman

Zum Text von Jean Biskra: Die Frau aus Algier.
[aus: Leben und lieben lassen. Kapitel 4.]

  1. Typische Merkmale eines Trivialtextes, der das problematische Spannungsverhältnis zwischen Alltagskultur und »political correctness« verdeutlichen kann und dessen Orientierung an einem übli­chen Rezeptionsver­hal­ten des durchschnittlichen Lesers interpretierbar ist.

  1. Elemente der »Alltagskultur«, die vorfindlich und dargestellt sind und im Widerspruch zu den Normvorstel­lun­gen der »political correctness« stehen:

  • Soziale Situationen und Handlungsfelder werden primär durch Männer definiert und von Frauen ak­zep­tiert.

  • Emotionale Reaktionen treten in der Öffentlichkeit in männlicher Interpretation auf.

  • Der Rückkoppelungsprozeß, daß die Frau männliche Realitätsdefinitionen übernimmt und damit bestä­tigt und öffentlich verstärkt, wird erkennbar.

  • Das männliche Welt- und Selbstbild erlebt sich exklusiv in der Subjektrolle; Frauen werden in einer Ob­jektrolle angesprochen. Andere Männer treten dabei als Konkurrenten, Gegner auf, denen potentiell ag­gressiv begegnet wird.

  • Soziale Situationen werden als »Spiel«, soziales Verhalten als »Rollenspiel« verstanden, wobei sich die Rollenzuweisung an den männlichen Realitätsdefinitionen orientiert. Dem entspricht in den Sozialwis­sen­schaften die zeitweilige Dominanz der Rollentheorie.

  • Das geschlechtsspezifische Sozialverhalten wird noch verstärkt, durch die Zuweisung der weiblichen Be­nachteiligungsrolle zu einer Frau aus einer darüber hinausgehenden ethni­schen Minderheitengruppe, in der zudem das familiale Rollenverständnis noch stärker an pa­triarchalischen Gesellschaftsstrukturen ori­entiert ist und die »freiwillige« Unterordnung weiblichen Sozialverhaltens zu den primären Soziali­sations- und Erziehungszielen gehört. Damit wird ein offenes Ausbrechen des latenten Rollenkonfliktes zuverläs­sig verhindert.

Weiterführende Probleme für die Interpretation der angesprochenen Zusammenhänge:

  • Rollen- und Realitätsdefinitionszuweisungen sind ein Aspekt der innergesellschaftlichen Macht­balan­cen; ohne eine realitätsbezogene Herrschaftsanalyse bleibt eine ge­sell­schaft­li­che Analyse unter dem Aspekt der »political correctness« moralisierend und rea­li­täts­fern.

  • Für einen großen Teil der Gesellschaftsmitglieder (d.h. auch: Leser, z.T. auch Autoren eines trivialen Textes) ist die dargestellte asymmetrische Sozialsituation erlebt und bestätigte Realität. Die Diskussion über die »political correctness« kann daher nicht normativ geführt werden, da ihre Inhalte nicht als Realität nachvollzogen werden können, sondern muß Teil eines übergreifenden öffentlichen Diskurses über die Ethik des Sozialverhaltens sein.

  • Es ist nicht selbstverständlich, daß von außen kritisch wertende Sozialhypothesen (zur Opfer- und Be­nachteiligungsrolle) im konkreten Fall bei den Betroffenen dem subjektiven, biographisch erworbenen Selbstbild entspricht und ohne Schaden an der eigenen Identität übernommen werden kann (Unterlegenheitslegenden, subjektive persönliche »In­ve­sti­ti­o­n­en« in das benachteiligende Sozialsy­stem).

  1. Kritische Ansätze einer Textinterpretation im Sinne der »political correctness«:

  • Die Kritik der geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen kann festgemacht werden:

  1. an dem dargestellten Rollenverhalten der Figuren im Text,

  2. an den Inhalten der Realitätsdeutungen der männlichen Hauptperson (Perspektive),

  3. an dem zwiespältigen, ambivalenten Rezeptionsangebot an den Leser (affektive Identifi­kationsan­gebote, nachvollziehbarer Realitätsgehalt, kritische Distanz).

  • Die Gewaltproblematik ist im Sinne der »political correctness« kritisch zu interpretieren:

  1. wegen des Fehlens eines gesellschaftlich begründenden Handlungszusammenhanges (Mo­tivati­ons­defizite, individuelle Gewalt ohne erkennbare psychologischen Rahmen),

  2. wegen der impliziten Unterstellung interkultureller Ursachenwahrnehmung- und -wahr­neh­mungs­vermutung im primär stereotypen Bereich, wobei diese durch die Rezeption der Geschichte sich selbst wieder verstärkt (Algerier = Gewalttäter; islamistische, auf die Ak­tualität spekulie­rende Be­gründungsvermutungen werden ebenso evoziert wie ein möglicher Gewaltgrund in der patriarchali­schen Gesellschaft),

  3. wegen der Funktionalisierung der Gewalt zur Vorbereitung sexueller Aktion und Darstel­lung (= spannungs- und affekterzeugender erzähltechnischer Kunstgriff, also ein innerlite­rarisches Aus­drucksmittel).

  • Die Realitätsperspektive wird nicht nur durch die Hauptperson, sondern auch durch die Er­zähltechnik vermittelt; eine Rollendistanz des Autors zum dargestellten Text ist nicht er­kennbar (also bedeutet Tri­vialität entweder Naivität oder Zynismus):

  1. ein inhaltlich überzeugender und begründeter Kontext der Handlungsabschnitte wird über die Chronologie hinaus nicht angeboten, dieser erzählerische Defizit wird aber auch nicht selbst lite­ra­risch in Wert gesetzt,

  2. als affektiver Subtext ist in dem Text aber eine als Identifikationsangebot an den Leser zu verste­hende Erregungskurve mit einem kalkulierten Höhepunkt der Handlung zu interpretie­ren,

  3. ein Ansatz verallgemeinerbarer Erfahrungsangebote findet sich im Trivialtext nicht; ty­pisch für den trivialen Kommunikationszusammenhang ist die affektiv unterfütterte unmit­telbare Vertrau­lichkeit mit den spontanen, nicht reflektierten Leserbedürfnissen; das kann »echt«, aber aus der Perspektive des Autors auch rein spekulativ sind,

  4. die Charakterisierung von Personen und Affekten erfolgt mit stereotypen, »vor­ge­fer­tig­ten« Sprach- und Ausdrucksmustern, die das »Wiedererkennen« der entsprechenden trivia­len Seman­tik garan­tiert, damit aber eine wichtige kommunikative und soziale Funktion er­füllt.

B. Weiterführende funktionale Diskussionsfelder:[1]

  1. Die soziale Funktion von Trivialliteratur ist mehrdeutig, jedoch im öffentlichen Diskurs fest ver­ankert; neben der ökonomischen Bedeutung fällt der Trivialliteratur durch konforme und tradi­tionelle Realitätsdeutungen eine systemstabilisierende Rolle zu; diese kann jedoch auch genutzt werden zu gegenläufigen oder unter­strömigen Kommunikationskontexten (Simmel). Triviale Kommunikation vermittelt ein Grundgerüst von Ordnungssi­cherheiten (z.B. im Kriminalroman).

  2. Die psychologische Funktion von trivialer Kommunikation ist von zentraler Bedeutung und ent­spricht der Rolle vom Klatsch bei Norbert Elias oder eröffnet Artikulations-, Anpassungs- oder Identifikationsangebote an Außenseiter; Trivialität kann psychologisch Ich-stabilisierend wirken. Arrogante Fundamentalkritik muß da­bei folgenlos bleiben.

  3. Der Komplex Sex und Gewalt ist sowohl soziologisch als auch psychologisch ambivalent und wird wissen­schaftlich kontrovers behandelt. Das Thema ist gesellschaftlich im Rahmen der Deu­tungs­muster der »political correctness« nicht hinreichend und adäquat zu behandeln; es ist fest­zu­halten, daß die soziale und psychologi­sche Bedeutung trivialer Diskurse die Gesellschaft stär­ker formt und zentraler verortet ist, als das von Intellek­tuellen getragene Konzept der »political cor­rectness«. »Politisch korrekte« Unterhaltung dürfte ein Wider­spruch in sich selbst sein, denn Trivialeliteratur vermittelt Identifikationsmuster und keine kriti­sche Aufklärung.

  4. Der Mensch ist von Affekten abhängig. Affekte, vor allem Sex und Liebe, haben ein wesentliches anarchi­sches Element in sich, daß sich jeder verbindlichen Regulierung und vor allem morali­schem Rigorismus wie der »political correctness« sperrt. Welche gesellschaftlichen und psycho­logischen Gratwanderungen, welche Lebensrisiken damit notwendig verbunden sind, ist ein un­endlicher Diskussionsstoff. Ist hier eventuell der tri­viale Diskurs realistisch?

  5. Gerade in der Darstellung starker Affekte (Sex, Gewalt) ist die Grenze zwischen Trivialität und Hoch­literatur nur schwer zu ziehen; viele bedeutenden Schriftsteller, erst recht bildende Kün­ster, scheuen sich nicht vor »Aus­flügen ins Triviale« bis hin zur Pornographie und Ge­walt­ver­herr­lichung. Wie ist das zu interpretieren?

[1]        Vgl. auch: Voigt, Gerhard, 1981: »Krimi«-Rezeption: Veränderung sozialer Werturteile? Vorüberlegungen zu einem di­daktischen Konzept. Politische Didaktik 3/81. S. 18-36 und im Beiheft: Zu einem Pro­jektkurs der Sekundarstufe II zum Thema »Frieden« mit einer Schwerpunktphase »Innergesellschaftliche Gewalt – Untersuchung von Fern­seh­krimis« [Materialien]. S. 9-35.

Interpretierter Schmu

»Die Frau aus Algier«: ein trivialer Klausurtext im Fach Politik

Anmerkungen zur Klausursituation

Beiliegend zur Erheiterung das schon mündlich erwähnte Trivial-Elaborat – ohne daß ich wüßte, wie es weiter gehen sollte.

Wichtiger dabei ist als Unterrichtsergebnis in meinem damaligen Politik-Leistungskurs nach Rück­gabe der Klausur, die den ersten Text zu interpretieren aufgab, die gemeinsame Interpretation unter den Gesichtspunkten Alltagskultur und political correctness.

Interessant vielleicht auch das Rezeptionsverhalten im Kurs, gemessen an den Klausurergebnis­sen, das in seiner Deutlichkeit von mir nicht erwartet war:

  1. Die männlichen Schüler konnten mit dem Text zumindest auf der Artikulationsebene nichts an­fangen, ihre Interpretationen blieben rein formal und distanziert; Wertungen waren kaum er­kennbar; die Motive »korrekten Denkens« blieben weitgehend verschlossen.

  2. Von den Schülerinnen reagierten vier mit osteuropäischer Herkunft nahezu euphorisch und formulierten, daß »die Geschichte schön sei« und daß sie »der Realität entspräche«.

  3. Die aus Deutschland stammenden Schülerinnen reagierten vorwiegend ablehnend, z.T. mit emotional akzentuierten Äußerungen. Eine Schülerin brachte eine äußerst scharfe, feministisch pointierte Ablehnung zur Geltung, blieb aber argumentativ schwach.

  4. Nur eine Schülerin strukturierte ihre Interpretation strikt argumentativ-analytisch und entwic­kelte ein überzeugendes kritisch-distanziertes Bild des Textes. Diese Schülerin war ohnehin lei­stungsmäßig die beste Schülerin des Kurses; sie war deutsch-serbischer Herkunft. Ihr gelang es als einzige auch, den Aspekt diskriminierender Kulturkontakte mit einzubeziehen.

  5. Stilistisch-sprachliche Argumentationsansätze fehlten weitgehend, obwohl sie ergiebig gewesen wären.

Viel Spaß!

Gerhard Voigt

   
   

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Bearbeitungsstand: 25.12.2008

Letzte Bearbeitung: 06.12.2009

   
   

 

     
   

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