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Gerhard Voigt / Lothar Nettelmann:

Stichworte zu den Determinanten der Unterrichtssituation

Die wechselseitige Wahrnehmung von Unterrichtenden und Lernenden als interdependenter Subdiskurs

Im Folgenden soll für den generellen Einstieg in grundsätzlichere und ausführlichere didaktische Überlegungen eine Skizze angelegt werden. Hierfür werden die folgenden Stichworte formuliert:

Es ist davon auszugehen, dass das Instruktionsmodell in der Schuldidaktik überholt ist. Wir haben es seit den Reformdiskussionen der sechziger Jahre mit einer asymmetrischen Kommunikation zu tun, mit einem hohen nonverbalen und ritualisierten Verhaltensanteil, der »symbolischen Interaktion«.

Die Situation ist geprägt von Erwartungen und präzipierenden Gegenerwartungen. Anteile von Selbstbezüglichkeit liegen vor. Es besteht eine Abhängigkeit Selbstbild/Fremdbild. Elemente einer self-fulfilling prophecy liegen vor.

Situationsdefinitionen sind abhängig von der »Politischen Kultur«, dem »Zivilisationsprozess«, den aktuellen Diskursen. Zu unterscheiden sind: »öffentliche Diskurse« in den Medien und der Politik von »Gruppendiskursen«. Hinzu kommt die Selbstbefindlichkeit und Rollenzufriedenheit der Lehrerschaft. Biographische Determinanten liegen vor sowie Erfahrungen des subjektiven Wandels.

Es erfolgt eine psychologische Weiterung in Übertragung und Gegenübertragung. Zu beachten sind die emotionale Sphäre, fehlende Einheitlichkeit der Situationswahrnehmung in der Schule. Dissonanzerfahrungen liegen auf beiden Seiten vor. Es erfolgen Umdeutungen von Realitäten sowie die Einbeziehung von Stereotypien.

Es ist von einer Segmentierung der Schülerschaft auszugehen. Dabei ist zu prüfen, ob Veränderungs- und Fremdheitswahrnehmungen (Differenzorientierungen) dominieren oder Kontinuitätserfahrungen und Erfahrung von Nähe, gar von Intimität? Es kann durchaus eine Konsonanzorientierung vorliegen.

Es besteht auch eine Abhängigkeit vom pädagogischen Selbstverständnis. Gilt die Pädagogik als zielorientierte (definierende) Erziehung oder ist die Pädagogik als Moderation von Lernsituationen zu verstehen im Sinne einer Prozessorientierung?

Zu Individualität und Gruppe:

Es erfolgt eine Komplexitätsreduktion durch Wahrnehmung von Schülergruppen. Sie tendiert zu übernommenen, stereotypen Gruppendefinitionen. Konsequenzen sind z.B. die Herausbildung von Nationalmythen und Ethnifizierungsprozesse. Diese korrespondieren mit Differenzorientierungen.

Als pädagogisches Ziel gilt das Erreichen von sozialem Verständnis sowie Empathieforderungen. Konsens sollte sein eine Abwehr von pädagogischen Homogenisierungsstrategien.

Im historischen Kontext steht der »Zivilisationsprozess«. Dazu gehören das Erlernen von »Sekundärtugenden«, die Bewusstwerdung der Gewaltdimension, das Erlernen von ethischen Kontexte und gesellschaftlichen Zielvorstellungen wie Widerstandfähigkeit.

Eingebunden ist alles in den Spannungsrahmen »Moderne – Postmoderne«. Dazu gehören auch die Wahrnehmung des Wandels sowie eine Krisenwahrnehmung.

Zu »Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit«:

»Sekundärtugenden« haben eine nachhaltige Gesellschaftliche Funktion. Diese steht im historischen Kontext.

Der Wandel der Gesellschaft bildet einen äußeren Rahmen: Flexibilitäts- und Spontanitätszumutung, marktanaloge bzw. marktspezifische Ausdifferenzierungen von Verhaltensalternativen.

»Dezivilisierungsprozesse« sind oftmals dominant. Habitusänderungen sind als grundlegend im materiellen und sozialstrukturellen Wandel anzusehen. Sie werden nicht individuell verursacht und sind gruppenintern nur sehr begrenzt beeinflussbar; durch die Schule kaum. Sie sind kein Ergebnis ethnischer Differenzierungen.

Zum Bedeutungsverlust der Schule:

»Sekundärtugenden« sind nur im Rahmen von funktionaler oder sozialer Wertgebung vermittelbar. Sie müssen jeweils situativ ausgehandelt werden. Es gibt bestimmende Leiterfahrungen durch das Sozialverhalten. Aushandeln bedeutett nicht »setzen«! Dieses ist zweifellos ein schmerzhafter lang andauernder sozialer Prozess.

Erst sekundär wirken akkulturationsbedingte Verstärkungen z.B. durch die Zeiterfahrungen wie auch das Zeitverhalten von Angehörigen der semiperipheren Kulturen. Sie verlaufen im Prinzip parallel zu dezivilisierenden Tendenzen, z.B. durch »Fraktionierungen« in der autochthonen Gesellschaft.

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Erstfassung: Arbeitspapier vom 10.06.1999 (unveröffentlicht)
Internetausgabe, grundsätzlich überarbeitet und erweitert: 22.12.2009 / Überarbeitung Lothar Nettelmann
Verantwortlich: Gerhard Voigt, Kontakt siehe Impressum
Alle Rechte vorbehalten

   
   

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Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 25.12.2008

Letzte Bearbeitung: 22.12.2009

   
   

 

     
   

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Texte aus der der Verbandszeitschrift »politik unterricht aktuell« unter www.pu-aktuell.de
Info über die Verbandstätigkeit unter: http://www.politiklehrerverband.org