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Die Algerienreise 1967
Das zweite Semester im Fach Geographie war als
Wintersemester der Kultur- und Wirtschaftsgeographie gewidmet. Die
zentrale Anfängerübung in diesem Bereich wurde vom Assistenten und
späteren Professor Dr. Gießner durchgeführt – auch mit erheblichen Meriten
zum Forschungsbereich Nordafrika nach einer Dissertation über Tunesien –,
der das Thema in vorzüglicher Weise vermitteln konnte. Die Übungen fanden
in den angemieteten Räumen des Instituts in der Straße »Im Moore« hinter
dem Hauptgebäude der TH statt, da die Hochschule »aus allen Nähten
platzte«. So war das Geographische Institut generell in zwei weit
voneinander entfernten Gebäuden untergebracht, ehe es nach meiner
Studienzeit in das neue »Verfügungsgebäude« Am Schneiderberg 50/51
umziehen konnte. Die Vorlesungen fanden im Großen Hörsaal in der
Brühlstraße statt, wo auch ein Teil der Technik und das Afrika-Institut,
von dem schon die Rede war, untergebracht war.
Im Moore wurden zwei Etagen angemietet von der
Bürowarenfirma Goebelhoff, wobei dieses Gebäude wohl ursprünglich ein
Wohnhaus mit mehreren Wohnungsetagen war mit einem düsteren Treppenhaus
und knarrenden Holztreppen, die wohl heute für solche Zwecke von der
Bauaufsicht und Feuerwehr schnellstens gesperrt worden wären.
Hier waren Seminarräume, die kaum mehr als dreißig
Teilnehmer fassten, Räume der Dozenten und weitere Funktionsräume
untergebracht, jeweils verbunden durch einen relativ engen Flur, der die
ältere Wohnungsform noch erkennen ließ. Hier fand nun die eigentliche
Arbeit des Instituts statt. Der enge Zuschnitt begrenzte damit auch die
Studentenzahl, was aber für diejenigen, zugelassen waren, ein
unbestreitbarer Vorteil war, der von der späteren »Massenuniversität« noch
nichts erkennen ließ.
Die Flure des Instituts wurden genutzt von
wechselnden Ausstellungen vor allem von Studentenabeiten aus den diversen
Seminaren und Übungen, bei denen hochprofessionelle Karten, Schemata und
thematische Übersichten aus den Abschlusssemestern die hohen formalen und
inhaltlichen Standards unserer Ausbildung belegten und damit Wegweiser
gerade auch für die Anfangssemester wurden. Dass diese Arbeiten oft
gleichzeitig ein hoher ästhetischer Genuss waren, sein noch am Rande
bemerkt, was aber für mich, der seit vielen Jahren intimen Kontakt zur
modernen Kunst und zu Kunstmuseen pflegte und selbst immer wieder
künstlerische Versuche absolvierte – ein Kunststudium wäre auch eine
durchaus erwogene alternative Berufswahl gewesen – von erheblicher
Bedeutung für meine Identifikation mit meinem Studienfach war.
In diesem Wintersemester hielt sich Dr. Achenbach
nicht im Institut auf, sondern befand sich auf einer Forschungsreise in
Algerien mit dem alten, saharaerfahrenen VW-Bus des Instituts. Auch die
Sahara-Querung bis zum Hoggar- (Ahaggar-)Gebirge, an der eine Gruppe von
Doktoranden und Dozenten unter der Leitung von Prof. Mensching
teilgenommen hatten, war in die Historie dieses Fahrzeugs eingeschrieben.
Eine genauere Datierung müsste noch einmal eruiert werden. In
Lehrveranstaltungen und späteren Vorträgen zum Beispiel in der
Geographischen Gesellschaft zu Hannover tauchten dann immer wieder
grandiose Diapositive von dieser Reise und von den anderen
Nordafrika-Expeditionen der Institutsangehörigen auf.
Gegen Ende des Wintersemesters kam dann Dr.
Achenbach, der – nacheinander – von Doktoranden des Instituts begleitet
worden war, wieder ins Institut zurück und wurde von uns in Neugier auf
seine Erlebnisse und Forschungsergebnisse begrüßt und ausgefragt.
Er hatte eine große Anzahl von Fotos aus Algerien
mitgebracht. Und der bewährten Tradition des Instituts entsprechend, hatte
er die eindrucksvollsten und geographisch aussagekräftigsten schwarz-weiß
Bilder vergrößern lassen und hängte sie nun mit knappen Erläuterungen zu
Ort, Datum und geographischem Inhalt auf dem Gang vor dem Seminarraum aus.
Ich muss gestehen, dass ich fasziniert war und nach
kurzer Zeit mit einer Reihe geographischer Fragen zu einzelnen Bildern mit
Dr. Achenbach ins Gespräch kam. Der gute und fachlich betonte Kontakt aus
dem ersten Semester war sofort wieder hergestellt.
Und dann kam der kurze Dialog, der schon einleitend
zu meinen Studienerinnerungen zitiert wurde und mit dem meine erste große
geographische Studienreise begann, die dann gleich auch Teilnahme an einem
umfangreichen und schon längere Zeit laufenden Forschungsprojekt, der
Arbeit an dem DFG-Afrika-Kartenwerk bedeutete...
Mir war bewusst, dass diese spontan eröffnete Chance
ein unwiederholbarer Glücksfall für mich bedeutete und für meine
geographische Ausbildung entscheidend werden konnte. Daher mussten alle
vielleicht noch auftretende Zweifel und Fragen völlig zurückgestellt
werden, um einer begeisterten Freude an dieser Planung Platz zu machen,
auch wenn Achenbach mir schon vom nächsten Tag bei einer Vorbesprechung an
alles auf den Tisch legte, was an kritischen Fragen auch von meiner Seite
her vorgebracht werden könnte. Da keine Kosten auf mich zukommen würden,
war auch eine kritische Sicht durch meine Eltern nicht zu erwarten - zudem
war ich ja volljährig und war schon einige Jahre lang berufstätig gewesen.
Also musste ich mich dieser Zukunftsperspektive in bewusster
Professionalität zuwenden...
Die nächsten Wochen waren auf der einen Seite für
mich Warten auf den Aufbruch, auf der anderen Seite aber auch die
Notwendigkeit, das Semester erfolgreich zu Ende zu bringen. Viel ist mir
aus dieser Zeit nicht konkret in der Erinnerung geblieben.
Der VW-Bus stand zeitweise beim Institut. Aber mich
schon einmal eine Fahrprobe in Hannover zu machen, war für Achenbach ein
zu großes Risiko (wohl auch wegen der nicht geklärten Haftungsfrage beim
Institutsbus). Dabei kamen mir selbst doch noch einige Fragen und Zweifel.
Sicher erwartete Dr. Achenbach von seinem unerfahrenen Begleiter vor allem
technische Hilfe und Ablösung beim Fahren im Gelände. Wie er mir später
erzählte, hielt er viel vom Fahren lernen unter »harten Bedingungen« auf
Pisten und am Berg. Er selbst hatte mit uralten Fahrzeugen zunächst in
Nordafrika Fahren gelernt; noch während unserer Fahrt hatte er sich nicht
ganz daran gewöhnt, dass unser VW-Bus ein vollsynchronisiertes Getrieben
hatte; er gab vor allem beim Schalten in den zweiten Gang gerne noch
Zwischengas.
Obwohl ich gut ausgebildeter Straßenbahnfahrer
gewesen war und mir große Fahrzeuge zu fahren, keine Mühe bereitete, hatte
ich meinen PKW-Führerschein erst hinterher gemacht und die Prüfung erst
mit vierundzwanzig Jahren kurz vor unserer Abreise nach Nordafrika
bestanden – ich war also in dieser Hinsicht durchaus ein »Frischling«.
Dabei merkte ich, dass mir das Autofahren eigentlich
gar keinen Spaß machte und ich immer noch die erhöhte Position des
Straßenbahners vermisste. Das merkte natürlich später auch Achenbach, der
das – wie einige andere meiner Eigenheiten – nicht recht verstehen konnte,
da der ein begeisterter Autofahrer war und die Herausforderung auf beinahe
unpassierbaren Pisten und in trockenen Wadi-Tälern liebte, auch wenn wir
dann mal im Sand stecken blieben und nur mit Hilfe eines herbeigerufenen
Traktors eines Nomadenstammes aus dem Oued el Zeribet befreit werden
konnten. Aber davon später bei den folgenden Reiseberichten...
Ob ich damit für Achenbach wirklich die erwartete
Hilfe gewesen bin, kann ich heute bezweifeln, auch wenn er sich in dieser
Hinsicht niemals geäußert hat. Seine Höflichkeit und seine guten
Umgangsformen auch im Gelände kamen mir sehr entgegen, auch wenn sie eine
gewisse Distanz bedeuteten, die den Statusunterschied bewusst machte. Im
Gegensatz zu anderen Geländeerfahrungen war es nie ein Thema, vom
höflichen »Sie« zum Duzen über zu gehen, wie es bei späteren Fahrten mit
Schülergruppen von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern doch auch von mir
erwartet wurde, auch wenn ich keineswegs der »kumpelhafte Typ« bin. So war
ich mit den Umgangsformen mit Dr. Achenbach durchaus einverstanden, ohne
das jemals thematisieren zu müssen. Aber unsere Arbeitsteilung veränderte
sich im Aurés dann sehr bald.
Nachdem ich einige Male in Schwierigkeiten beim
Fahren über Pisten gekommen war – die Hinfahrt auf der Route National von
Algier aus erledigte Dr. Achenbach ohnehin ganz alleine – und er
eigentlich mehr mit dem Fahren als mit der Kartierung beschäftigt war,
übernahm er das Steuer und gab mir auf dem Beifahrersitz die
Kartierungsunterlagen. Und hier begann es dann, auch mir wieder
außerordentlich Spaß zu machen. Jetzt, wo er selbst das Fahren erledigte,
konnte er sich auch wieder auf die Kartierungsaufgaben konzentrieren, die
ich dann mit Stift und Karte fest hielt.
Interessante Gespräche wurden in der Frage der
Typisierung der Kartierungsinhalte geführt: Welche Typen von Maccien oder
Garrigue
konnten wir an den Berghängen sehen, wie war ihre Exposition und wie
passten sich die Vegetationsformen an die Geländeformen an.
Doch davon später mehr in meinem Reisebericht.
Nur kurz zu unserer Fahrt nach Algier. Am Freitag, 3.
März, war für uns beide Abfahrttag, aber zunächst noch getrennt. Dr.
Achenbach fuhr mit dem Bus zunächst nach Weidenau bei Siegen in seine
Heimatstadt, während ich mit dem Zug nach Wiesbaden zu meiner Großmutter
fuhr und dort übernachtete. Am nächsten Morgen trafen wir uns dann am
Wiesbadener Hauptbahnhof, um dann auf direktem Weg nach Frankreich zu
fahren. Viel ist dabei nicht zu berichten bis auf einen kurzen Stopp in
der Nougat-Stadt Montélimar und eine Pause im südfranzösischen Maccie, wo
uns ein überwältigender Duft der Aromen der mediterranen Kräuter wie
Rosmarin und Thymian entgegen kam. Die Übernachtung erfolgte dann in einem
Hotel in Aix-en-Provence. Ganz am Rande: ich war das französische Bett
nicht gewohnt und fiel des nachts aus dem Bett, wobei ich mir an dem
Fußbrett des Bettes noch einen blutigen Striemen an meinem Rücken holte…
Sonntag, 5. März 1967.
Morgens schifften wir uns auf der „Président de
Cazalet“ der traditionsreichen französischen Reederei ‚Compagnie de
Navigation Mixed‘ ein zur Überfahrt nach Algier.
Die Fahrt durch die Innenstadt von Marseille auf
engen, überfüllten Straßen zum Hafen herunter war chaotisch. Dabei kannte
ich ja noch nicht den Straßenverkehr in den orientalischen Städten, den
ich später intensiv kennen lernen konnte und für den letztlich Algier in
den nächsten Tagen einen – auch eher harmlosen – Vorgeschmack geben würde.
Nun also Marseille. Camions, Lieferwagen, PKW ohne
erkennbare Verkehrsregeln, Lastenträger und Handkarren – alle hoffnungslos
überladen – machten ein Durchkommen zum Hafen recht beschwerlich. Prompt
kam es auch direkt vor uns zu einem Zusammenstoß zwischen einem Camion und
einem Karren, der übervoll mit Apfelsinenkisten beladen war, die nun über
die Straße gestreut wurden und den Verkehr zum Erliegen brachten.
Nun also durch die Apfelsinen weiter zum Hafen. Die „Président
de Cazalet“ war ein altes Passagierschiff wohl aus den ersten Jahren des
Jahrhunderts, traditionell von der roten Wasserlinie ab schwarz und weiß „gemalen“
– wie es die deutsche Matrosensprache einmal nannte. Natürlich war es noch
kein modernes Fährschiff, auf das die Fahrzeuge durch eine Bug- oder
Heckklappe direkt auf das Parkdeck fahren konnten. Die Beladung der „Président
de Cazalet“ erfolgte ganz traditionell mit Kränen über den Ladeluken.

Le „Président de Cazalet“, de la Compagnie de
Navigation Mixte, route Oran-Port-Vendre-Marseille. Ce navire est le
"sister ship" du "Sidi-Bel-Abbès" (SGTM) – Photo: Charles Galiana auf
http://home.nordnet.fr/~jcpillon/piedgris/bateaux.html
Länge:
122,48 m
Breite: 16,25 m
Tonnage: 5 912 t
Erbaut: 1948 bei Swan Hunter & Wigham Richardson, Wallsend-on-Tyne,
Newcastle, England
Geschwindigkeit: 21 Knoten (39 km / h)
Passagiere: 899
Reederei: Cie de Navigation Mixte bis 1967, Compagnie Générale
Transatlantique von 1967 bis 1969, nach Griechenland im Jahr 1969
verkauft.
Eingesetzt zunächst unter dem Namen „El Kantara II“ (zusammen mit ihrem
„Zwilling“, der ursprünglichen „Président de Cazalet“ und von seinem neuen
Käufer, der Reederei General Transméditerrannée, umbenannt wurde in
„Sidi-Bel-Abbès“) wird es vor der Auslieferung an die Compagnie de
Navigation Mixte in „Président de Cazalet“ umbenannt.
Nach
dem Verkauf umbenannt in „Méditerranée“ (1967), und „Arcadi“ (1969)
Schiffsdaten aus: http://martin.michel47.free.fr/genealogie/documents/president_de_cazalet.htm
So wurde unser VW-Bus auf ein festes Netz gefahren
und in ihm wie in einer Tüte mit dem Kran in den Laderaum bugsiert –
nachdem wir schon vorher Geld und wichtige Ersatzdokumente in der
Türverkleidung versteckt hatten. Dies wird uns am nächsten Tag in Algier
noch einige unerwartete Schwierigkeiten bereiten.
Das Schiff betraten wir ganz klassisch über die
Gangway und wurden vom Stewart begrüßt und zu unserer Kabine geleitet, wo
wir mit leichtem Handgepäck eintrafen – unsere Ausrüstung war ja im Bus
verstaut.
Die Nacht in der Kabine, Innenseite in der Nähe der
Maschine, war nicht gerade komfortabel; eng, schwül und laut durch das
Stampfen und Vibrieren der Motoren.
So blieb anderes, das wichtigste in der Erinnerung an
diese Schiffspassage: Der Blick über das Meer vom Deck aus mit seinen
gegen Abend und am nächsten Morgen wechselnden Farben und Spiegelungen;
und auch Gruppen – Schulen – von Delphinen, die aus dem Wasser sprangen
und das Schiff auf seiner Fahrt begleiteten.
Und dann natürlich die Mahlzeiten – das Wichtigste an
Bord! Wenn man französisch stilvoll genießen wollte, blieb nicht mehr viel
Zeit zwischen den Mahlzeiten – zwischen dem üppigen Hauptmenü, den
Zwischenmahlzeiten, den Kaffeepausen, dem Abendessen … unterbrochen von
einer nicht allzu langen Nachtpause – dem Frühstück, bis dann schon der
afrikanische Kontinent am Horizont auftauchte.
In traditioneller Weise saß man am weiß eingedeckten
Tisch mit edlem Schiffsgeschirr und -besteck, mit zuvorkommender Bedienung
und viel Ruhe und Zeit zum Genießen.
Einige der Gerichte waren für mich, der Frankreichs
Lebensart noch nicht vertraut, etwas ungewohnt. Eher abstoßend blieb mir
die Pastete in Erinnerung, in der sich eine weiße, glibbrige, nach nichts
schmeckende Füllung befand, die wohl erst durch Pfeffer und Salz
schmackhaft gemacht werden sollte – wie ich dann von Dr. Achenbach erfuhr:
Lammhirn. Habe ich Küchenbanause angewidert stehen gelassen, sehr zum
Erstaunen meines Begleiters. Heute, nach den Erfahrungen mit der
Traberkrankheit bei Schafen wird dieser französische Leckerbissen wohl nur
noch selten serviert.
{Beim Erzählen stolpere ich immer wieder über
mögliche thematische Abschweifungen, wie hier bei der Erwähnung der
Traberkrankheit. In der Erinnerung tauchen Ausführungen aus dem von
mir besonders geschätzten Buch von Douglas R. Hofstadter, (Gödel,
Escher, Bach, ein Endloses Geflochtenes Band), in dem die ältere
These vertreten wird, dass diese Krankheit vor allem durch Aufnahme von
Hirn und Markgewebe von einem ähnlichen Lentivirus übertragen wird wie die
gefürchtete BSE bei Rindern und im Verdacht steht, auch auf den Menschen
übertragen werden zu können, bei dem mit ähnlichen Symptomen die
Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auftreten kann. Die Unsicherheit über
diesen Zusammenhang provoziert dann doch eine kleine Recherche, die schon
bei zugänglichen Informationsmedien wie der Wikipedia-Enzyklopädie zur
Erkenntnis führt, dass die Wissenschaft für diese Gehirnkrankheiten neue
und noch viel rätselhaftere Ursachen entdeckt hat, indem die
übertragbaren
Transmissible spongiforme Enzephalopathie (TSE)
– zu denen auch BSE gehört (Bovine
spongiforme Enzephalopathie – von fehlgebildeten Eiweißen (Prionen)
übertragen werden. In den Stichworten Scrapie und Lentiviren
finden sich neben den Grundinformationen auch weiter führende
Literaturangaben zu diesem faszinierenden wie erschreckendem Thema.
Wieweit diese schwammförmigen Fehlbildungen im Gehirn strukturell verwandt
sind mit verschiedenen Formen der Demenz und der Alzheimer-Krankheit regt
Spekulationen an, denen ich mangels Fachkenntnissen hier nicht weiter
nachgehen kann.}
So kann ich auf eine, wenn auch kleine, klassische
Schiffspassage aus der guten alten Zeit zurückblicken, die im Zeitalter
der Autofähren im Linienverkehr kaum noch anzutreffen ist. Ein
erinnerungswerter Anachronismus – auch heutige Kreuzfahrtschiffen fehlt
oft diese Distinguität und Zivilisiertheit gegenüber der heutigen Spaß-
und Event-Gesellschaft. Autofähren habe ich in der Folgezeit vielfach
nutzen können oder müssen, auf dieser Reise schon auf der Rückfahrt von
Algier nach Marseilles mit der ‚Corse‘ der Co
Générale Transatlantique – viel moderner aber völlig stillos – mit der
Übernachtung auf ‚Couchettes‘ im „Schlafdeck“.
Montag, 6. März 1967
Von den Inseln, die wir nachts passierten, haben wir
nichts gesehen. Erst am nächsten Vormittag tauchte der afrikanische
Kontinent vor uns auf.
Für mich begann dieser Tag mit wachsender Spannung
und Aufregung: eine neue Welt tat sich vor mir auf, die Dr. Achenbach ja
schon so häufig bereist hatte, seitdem Tunesien und Algerien seine
zentralen Forschungsregionen geworden waren und übe die er sich bald
darauf auch habilitieren sollte. Vieles hat er mir in den folgenden Wochen
erzählen und erklären können, was für meine eigene weitere Arbeit, meine
Interessen und meine spätere Berufstätigkeit als Erdkundelehrer von großer
Bedeutung war.
Das Einlaufen in den Hafen von Algier war nichts
Besonderes. Die Kaianlage und viele alte, nicht sehr gepflegt aussehende
Schuppen könnten in vielen Häfen der Welt stehen. Nur über diesen Schuppen
war andeutungsweise das weiße „Amphitheater“ der Stadt zu sehen, die sich
um die Bucht von Algier in einem großen Bogen auf den Berghängen hinzieht
und ihr wie auch anderen mediterranen Städten den Namen „Weiße Stadt“
eingetragen hat.
Ihren Namen, arabisch El Djezair („auf den
Inseln“), hat sie aus ihrer früheren Zeit, als sich in der osmanischen
Zeit Seeräuber auf den Inseln, die verbunden mit Kaimauern, auch heute
noch einen Teil der Bucht umsäumen, einnisteten und von hier aus zu ihren
Beutezügen aufbrachen. Bald wuchs dann auch auf dem Festland die Siedlung,
die dann später zur Hauptstadt des Landes wurde, das heute insgesamt
Algerien heißt.
Kurz vor dem Verlassen des Schiffes kam dann die
unangenehme Überraschung. Wegen eines Feiertages, von dem wir nichts
geahnt hatten, konnten zwar die Passagiere von Bord gehen und einreisen,
doch die Ladung musste bis zum nächsten Tag im Laderaum des Schiffes
bleiben – und damit unser Fahrzeug mit Gepäck und dem Wichtigsten: unserem
Geld.
Die Nacht auf dem Schiff zu verbringen war nicht
möglich; so mussten wir uns in Hafennähe ein billiges Hotel suchen – und
so eines fanden wir dann auch – im Rotlichtviertel der Hafenstraßen,
inklusive der roten Laterne vor der Tür.
Als Verpflegung konnten wir uns etwas Brot und Belag
kaufen. Aber damit mussten wir zunächst bis zum nächsten Morgen auskommen.
Ganz ungezieferfrei schien das „extra komfortable“
Zimmer ja nicht zu sein. Zwei alte Metallbetten mit eher schmutzigen
Matratzen und gelblich ausgeblichenem Bettzeug wurden von uns von der Wand
weg gerückt, um eventuellen nächtlichen vielbeinigen Besuchern den Angriff
zu erschweren. Da weitere Möbel fehlten, legten wir das Brot und die Tüte
mit dem Brotbelag auf das Fenstersims, wo dann auch bald ein extragroßer
bunter Käfer die Chance nutze, sich an dem Brot gütlich zu tun. Aber die
Nacht haben wir, in unserer Straßenkleidung, heil überstanden, und wir
sind dann morgens in der Frühe zum Hafen aufgebrochen, um unser Fahrzeug
abzuholen.
Dienstag, 7. März 1967
Unser Vorhaben war dann doch schwieriger als wir es
erwartet hatten. Irgendwann am Vormittag konnten wir sehen, wie der VW-Bus
wieder am Kran hin und auf dem Kai abgestellt wurde. Aber das bedeutete
noch lange nicht, dass wir jetzt losfahren konnten! Erst mussten die
Zollformalitäten erledigt werden. Im Hafenzollamt legten wir die
notwendigen Papiere vor, vor allem das Carnet des Passage, in dem
alle wichtigen Fahrzeugdaten eingetragen waren.
Hier kam dann das zentrale Problem. Das Fahrzeug war
zugelassen auf das Geographische Institut der Technischen Hochschule
Hannover und nicht auf eine Person. Selbstverständlich hatten wir die
notwendigen, mehrsprachig erstellten Vollmachten und die übrigen Fahrzeug-
und Versicherungspapiere ebenso dabei wie unsere Personalpapiere.
Doch da stellte sich für die Zöllner die Frage: Wer
ist das „Geographische Institut“? Es solle doch selbst hier zur
Abfertigung erscheinen. Dr. Achenbach genügte anscheinend hier keineswegs.
Lange Erklärungen und Diskussionen führten zu nichts. Kein Institut
anwesend – keine Einreise und Abfertigung. Wir waren ratlos.
Genauso ging es einer Gruppe von Werksfahrern von
Daimler-Benz, die mit Genehmigung der algerischen Regierung in der Wüste
Testfahrten mit Prototypen neuer Mercedes-Modelle unternehmen wollten.
Auch hier: Firma Daimler Benz habe beim Zoll zu erscheinen: Keine Firma
anwesend – keine Einreise und Abfertigung.
Dr. Achenbach ging dann zu einer anderen
Polizeidienststelle im Hafen und trug sein, unser Problem vor. Aber auch
hier: da können wir nichts machen. Wenn der Zoll sagt, das Geographische
Institut muss anwesend sein, so sollten wir es bitte herholen. Meinem
Begleiter und Chef platzte hier dann verständlicher Weise der Kragen und
er murmelte mehr – vor sich hin: „quel pays – Was für ein Land“.
Leider hörte das der Polizeioffizier, der darin eine Landesbeleidigung
erkannte und tief gekränkt war – was bei der Polizei nicht gerade
empfehlenswert ist. Abgeführt zu seinem Vorgesetzten konnten uns nur
untertänigste, reumütige Entschuldigungen vor einer Festnahme und
Abschiebung bewahren. Und dabei hatte ich, des Französischen nicht
mächtig, den Ausbruch von Achenbach noch nicht einmal verstanden. Ich muss
die Auseinandersetzung recht fassungslos und eingeschüchtert beobachtet
haben und konnte auch auf Nachfragen nichts dazu beitragen.
Aber da wir nun doch bei einem höheren Offizier
waren, auch wenn in einer unangenehmen Situation, konnten wir doch noch
einmal unser Problem erklären. Wir erhielten dann den Rat, uns an den
obersten Hafendirektor beim Ministerium zu wenden, im Hafenamt, das sich
in einem anderen Teil der Stadt befand. Ansonsten konnte er uns
achselzuckend auch nicht weiter helfen. Literaten assoziieren hier wohl
eine kafkaeske Situation.
Auf dann zum Hafendirektor, natürlich ohne Auto. Für
eine Taxifahrt reichte unser Geld noch. Beim Hafenamt die üblichen
umständlichen Prozeduren. Zutritts-Präliminarien an der Pforte, bei der
Direktionsabteilung, bei der Chefsekretärin usw. Dann nach längerer Zeit
der Termin beim Hafendirektor. Seriös, vornehm, distinguiert und kurz
angebunden. Wir erklären unser Problem und dachten schon, wir müssten es
umständlich darlegen und unser Anliegen legitimieren. Doch nichts da! Er
unterbrach uns kurz, hatte das Problem verstanden und machte einige
unwirsche Bemerkungen etwa des Sinnes, dass diese inkompetenten
Hafenbeamten wohl nicht ganz dicht seien. (Er sagte es wohl etwas
vornehmer, aber seine Mimik erklärte das Gemeinte sehr deutlich!) Er nahm
seinen Taschenkalender und riss von einer Seite eine kleine Ecke ab, auf
die er seinen schwungvollen arabischen Namenszug schrieb. Das Problem war
sichtlich nicht wichtig genug, um einen formalen Akt anzulegen. „Das
genügt.“ Kurze, höfliche Verabschiedung, herzlichen Dank unsererseits, und
es ging mit dem Taxi zurück zum Hafen. Wie würde das Zollamt auf unseren
Kalenderschnipsel reagieren? Reichte das wirklich aus?
Zurück beim Hafenzollamt. Wir zeigen den
unterschriebenen Papierschnitzel vor und die Zöllner gehen sichtlich in
„Hab-Acht-Stellung“! Die notwendigen Stempel in unseren Papieren waren
dann nur noch eine Formsache von wenigen Minuten.
Aber es war noch nicht alles vorbei. Der Zoll musste
unseren Wagen samt Inhalt abfertigen. Etwas Verwunderung und Befremden
weckte unsere reichhaltige Verproviantierung. „Glauben Sie denn, dass Sie
bei uns in Algerien verhungern müssten?“ Wir konnten ja schlecht aussagen,
dass wir beabsichtigten, am Rande der Sahara in die abgelegensten Täler zu
fahren, um Kartierungsarbeiten durchzuführen – das wäre dann leicht in den
Ruch der Spionage gekommen, da wir auch keine Forschungsgenehmigung für
das Land hatten. So hatten wir unsere großmaßstäbigen topographischen
Karten auch in die Verkleidung unserer Türen gesteckt – und haben sie auch
im Lande selbst niemandem zu Gesicht kommen lassen –, da sie vom
französischen militärgeographischen Institut aufgenommen waren und noch
den Vermerk „geheim“ trugen (aber jetzt – nach Ende des Algerienkrieges –
in Europa frei verkäuflich waren).
Im Übrigen hatten wir unsere reichhaltigen
Geldreserven ebenso gut versteckt und hofften nur, dass keine zu
gründliche Kontrolle angesagt war!
Aber das Zollproblem löste sich in überraschender
Weise: Die beiden Zöllner nahmen etwas verwundert ein rundes Graubrot in
die Hand und schauten uns fragend an – so etwas hatten sie noch nie
gesehen! Dr. Achenbach nutzte die Überraschung schlagfertig indem er
behauptete, dass dies Brot von seiner Mutter gebacken worden wäre. Das
weckte Rührung und Verständnis – und die weitere Kontrolle war beendet.
Aber der Tag war nach all diesem Stress nahezu um und
wir mussten uns eine Übernachtungsmöglichkeit suchen. So wurde dies die
erste Nacht in unserem Bus. Dr. Achenbach kannte von vorherigen Reisen
eine Stelle im Waldgebiet des Forêt de Bainem westlich von Algier an einem
sanften Hang in der Nähe der Küste (vgl. Abb. 1,01).
Doch ganz ungestört verlief unsere Übernachtung dann doch nicht. Zuerst
schreckte uns Babygebrüll auf, dann klopfte jemand auf das Dach unseres
Wagens – aber das war harmlos und leicht zu erklären: Eine Horde
Berberaffen hatte unseren Wagen erspäht und nutzte ihn nun als Turngerät.
(Übrigens: die einzige Population von Berberaffen in Europa lebt auf dem
Felsen von Gibraltar als treue Untertanen ihrer Majestät, der Königin, und
wird von den britischen Soldaten gehegt und gepflegt, in Erinnerung an den
alten Satz: Solange die Affen auf dem Berg leben, bleibt Gibraltar
britisch.)
Aber als dann noch neugierige Jugendliche kamen und
unseren Bus anstarrten, wurde es uns zu ungemütlich, und wir beschlossen
noch etwas weiter zu fahren. Weiter hangabwärts am Rande des Forêt de
Bainem fand sich ein eingefriedeter kleiner Wald von Eukalyptusbäumen
fernab größerer Straßen und Wege, wo wir dann unseren Wagen in Ruhe
abstellen konnten und uns dann endgültig zum Schlafen zurückzogen im Duft
von Hustenbonbons.
Mittwoch, 8. März 1967
Nach einer Nacht, die in der Spannung zwischen der
Erwartung auf den ersten vollen Tag in Algerien und der tiefen Müdigkeit
nach einem aufregenden Tag, der teilweise anders verlaufen war, als wir es
erwartet hatten – vielleicht für Dr. Achenbach mit seiner
Algerienerfahrung noch weniger überraschend als für mich; doch dass er
sich im Laufe der Zeit durch Erlebnisse wie gestern beim Zoll einen recht
distanzierten Zynismus gegenüber Land und Leuten angeeignet hatte, war mir
immer wieder nicht ganz geheuer und ich hoffte, diese Haltung während
unserer gemeinsamen Fahrt nicht zu übernehmen – war dann der erste Blick
vom Forêt de Bainem, westlich von Algier, auf den Eukalyptus- und
Pinien-Wald auf das Meer und die Ansiedlungen von Bainem-Falaises bei Cap
Caxine auf der linken Seite und Villas-Bains auf der rechten eine
landschaftlich eindrucksvolle Ansicht, die den mediterranen Charakter der
algerischen Küste deutlich machte. Der Eukalyptusbaum ist heute in dieser
Region weit verbreitet, obwohl es sich um eine fremde Pflanzenart aus dem
australischen Kontinent handelt, der hier angepflanzt wurde, da er sehr
schnell wächst und klimaresistent ist. Eine schnelle Aufforstung ist wegen
der heftigen Bodenerosion und der Vegetationsvernichtung durch Ausbreitung
von Siedlungs- und Agrarland sehr wichtig.
Wenn wir im Laufe des Tages auch einiges von der
Stadt Algier sehen, ist das doch nicht das Hauptziel unserer Fahrten. Hier
ist noch einiges zu erledigen, es sind Vorbereitungen für meine spätere
Rückfahrt zu treffen, da wir in den nächsten Wochen nicht wieder in die
Hauptstadt kommen werden.
Daher führt uns unser erster Weg auch wieder zum
Hafen (vgl. Abb. 1,02, 1,03). Hier beim Bahnhof – die Hauptstrecke der
Eisenbahn führt in West-Ost-Richtung an der Küste entlang und verbindet so
die algerischen Hafenstädte – lässt ein Blick vom Parkplatz auf dem Tri
Postal nach in Richtung Nord-Nord-West die Charakteristiken der Hafenfront
der Stadt erkennen (vgl. Abb. 1,04, 1,05). Die Rampe Magenta verbindet die
am Ufer gelegene Hafenstraße mit ihren Schuppen und Kaizufahrten und den
Eisenbahngleisen mit der höher gelegenen Hauptstraße, dem Boulevard Zirout
Youssef, an dem sich als Häuserfront die weißen Hotels im Kolonialstiel –
zum Zeitpunkt unseres Besuchs meist verkommen und provisorisch genutzt –
reihen. Von hier aus gehen dann hangaufwärts die Hauptstraßen. Berühmt ist
auch der überdimensionierte Aufzug, der Ascenseur zwischen den beiden
Straßenebenen. Auf dem zweiten Bild zu erkennen sind vom selben Standort
aus der Hafen (Port), rechts der neue Hafenbahnhof (Nouvelle Gare
Maritime) am Quai d'Abbeville. Im Hintergrund erstreckt sich die Môle El
Djefna in die Bucht von Algier (vgl. Abb. 1,06 – 1,08).
Der Aufenthalt in Algier diente aber nicht nur dazu,
letzte Einkäufe zu tätigen, den „Papierkram“ zu erledigen und
Rückfahrtsvorbereitungen zu treffen, er diente auch zu einem wichtigen,
für den „Normaltouristen“ eher unerwarteten Besuch in der Deutschen
Botschaft (vgl. Abb. 1,09 – 1,11).
Die politischen Verhältnisse hatten hier eine
besondere Situation geschaffen. Seit der Unabhängigkeit Algeriens hatte
die Bundesrepublik Deutschland ihre Botschaft in Algier unterhalten. Die
weltpolitische Situation im „Kalten Krieg“ ließ aber die Volksrepublik
Algerien, die sich als sozialistischer Staat verstand, näher an den
Ostblock rücken und besonders bevorzugte Beziehungen zur UdSSR eingehen,
von der man sich nicht nur politische Unterstützung sondern auch
wirtschaftliche Hilfe versprach – die Näherung an den westeuropäischen
Wirtschaftsraum erfolgte erst viel später; dennoch waren im Vertrag von
Evian besondere Beziehungen zur ehemaligen Kolonialmacht Frankreich
vereinbart worden, die vor allem eine Außenhandelsprivilegierung und
Zusammenarbeit im Erdölgeschäft vorsah und durchaus wichtig für Algerien
geworden war. Über Frankreich intensivierten sich damit auch die
Beziehungen zu Deutschland. Doch der Einschnitt kam, als – mit dem äußeren
Anlass des Israel-Konfliktes, in dem sich die arabischen Länder deutlich
vom „Westen“ abwendeten – Algerien dem Druck der Sowjetunion folgte und
die DDR anerkannte.
Noch einmal führte uns abends der Weg zu unserem
Schlafplatz im Forêt de Bainem zu unseren Eukalyptusbäumen, ehe es
dann am nächsten Morgen endgültig Abschied von Algier für viele Wochen
nehmen hieß und die Fahrt zunächst auf die Hochflächen der Chotts und dann
zu unserem Zielgebiet, dem Dj. Aurés im Sahara-Atlas beginnen konnte.
Donnerstag, 09.03.67. Wir fahren durch die Kabylei.
Die Kabylei ist eine Gebirgslandschaft 9im Tell-Atlas und vor allem an den
nördlichen Hängen zum Mittelmeer hin feucht und dicht bewaldet. Von den
Hochflächen her brechen in tiefen Schluchten Flüsse mit unregelmäßiger
Wasserführung durch, die im Küstenvorland sich zu breiten, sich in vielen
Armen auflösenden Torrenten ausweiten. Die Kabylei, (arabisch منطقة
القبائل, DMG [Umschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft]
Minṭaqat al-Qabāʾil
‚Gegend der Volksstämme‘) ist ein altbesiedeltes
Gebiet, in dem die berberisch sprechenden Kabylen siedeln. Die Kabylei war
im Laufe der Geschichte immer wieder Durchzugsort von Eroberern und
Konfliktgebiet mit den meist arabischen Nomadenstämmen, den Beduinen.
Kulturlandschaftlich hatte das sichtbare Folgen, da sich die ansässige
Bevölkerung in Orte in Verteidigungslagen auf den Bergkämmen zurückzog.
Noch heute liegen die meisten Orte in dieser „Akropolislage“, die
andererseits aber auch vor den jahreszeitlich wilden Gebirgsbächen in den
Tälern und Schluchten schützt. Der Ackerbau ist eher unergiebig, so dass
die Kabylei zu den ärmsten Gebieten Algeriens gehört, oft in ethnischer
und religiöser Konfliktsituation mit der herrschenden arabischen
Staatsführung. Erste Eindrücke von der wilden Landschaft der Kabylei
erhielten wir bei der Durchquerung der Gorges de Palestro, durch die die
Route Nationale 5 über Menerville und Palestro führt (vgl. Abb. 1,12,
1,13).
Die Schlucht von Palestro war ein Schauplatz
erbitterter Kämpfe im Algerienkrieg 1956, von denen in einem spannenden
Buch berichtet wird: „L'embuscade de Palestro“ von Raphaëlle Branche.
In der Nacht von Freitag, 18 Mai 1956 auf den Samstag, 19 Mai 1956, gerät
der 2. Abschnitt des 9. Colonial Infanterie-Regiment unter dem Kommando
von Hervé Artur in der Nähe von Palestro in einen Hinterhalt von Kämpfern
der Armée de Libération National unter dem Kommando von Lieutenant Mustafa
'Ali' Khodja. Der Guerilla Angriff dauert weniger als 20 Minuten und
endete mit einem Sieg für die ALN. Sowohl dieser Hinterhalt als auch die
Vergeltungsaktion der französischen Armee wenige Tage später zeichnen sich
durch unbarmherzige Brutalität aus, die bis zum Verstümmeln der Leichen
reicht. Dieser Kampf wird in der Geschichtsschreibung beider Seiten
eigentlich immer verdrängt. Und diese Frage nach der Verdrängung der
Gräuel ist ein Leitmotiv des Buches von Raphaëlle Branche.
Wir fahren entlang vom Oued Isser, der jetzt Anfang
März langsam sinkende Wasserpegel nach der ersten Schneeschmelze auf den
Höhen des Tell-Atlas aufweist, aber immer noch einen beeindruckenden
Durchfluss zeigt (vgl. Abb. 1,14). Der Fluss mündet östlich von Algier als
Torrenten-Fluss ins Mittelmeer. Hier auf dem Weg zu den Hochflächen weitet
sich das Tal wieder aus und Flussterrassen und Apfelsinenplantagen können
oberhalb von Palestro gefunden werden (vgl. Abb. 1,15 und dasselbe mit Dr.
Achenbach Abb. 1,16).
Im Tal des Oued Djemâa vor Bouira fällt unser Blick
auf die hügeligen Ausläufer der Djurdjura-Kette, den höchsten Gebirgszug
des Tell-Atlas. Hier ist eine geographische Besonderheit zu beobachten. In
der Höhenlage finden sich glaziale Formungen wie Kare und fossile
Gletschertäler. Das beweist eine kaltzeitliche Vereisungsphase und gibt
damit Aufschlüsse über die Klimageschichte Nordafrikas. – Am Rande
erfreuen ländliche Idylle mit Eseltreibern und Schafherden (vgl. Abb.
1,17). Die weitere Umgebung ist durch eine Vegetation von
Eukalyptusgehölz, Maccie und Ackerbau gekennzeichnet. Kabylendörfer finden
sich hier in der typischen Höhen- und Gratlage (vgl. Abb. 1,18).
Und noch einmal vom gleichen Standort aus fällt unser
Blick nach Ost-Nordost auf den Djebel Heidzer. Mit ihm beginnt die fast
alpine Felskette des Djurdjura mit der Vorkette Drâa oum Nehine (vgl. Abb.
1,19). Nach Westen hin öffnet sich der Blick auf die Westkabylische
Höhenzüge mit dem Djebel Harchaoua. 09.03.67 (vgl. Abb. 1,20,
Straßentrasse mit Dr. Achenbach; Lichte Tell-Maccie vgl. Abb. 1,21).
Am Freitag, 10.03. erreichen wir unser erstes Ziel im
Untersuchungsgebiet: Batna, die Hauptstadt des Département Aurés. Über
diese Stadt, die zu unserem Hauptstützpunkt während unserer Kartierungen
im Aurés werden sollte, wird noch ausführlicher zu berichten sein. Doch
zunächst verbrachten wir nur eine Nacht hier, um am nächsten Tage zu
unseren geographischen Arbeiten aufzubrechen.
Samstag, 11.03. Zunächst orientieren wir uns in der
Batnasenke und blicken von Ain Touta (= MacMahon) aus zurück zur Stadt.
Interessant ist es hier, an Hand einer Wolkenfront die Klimagrenze
zwischen den Gebirgszügen der Beckenlandschaften und der Grabenlandschaft,
die sich nach Süden in Richtung Biskra und Sahara öffnet und neben einem,
zu diesem Zeitpunkt schon trocken gefallenen Oued die Nord-Süd-Hauptstraße
beinhaltet. Im Vordergrund sehen wir am Oued die Trocken-Vegetation,
unterbrochen von einigen Feldern (vgl. Abb. 1,22). Diesen trockenen Oued,
ordnen wir wegen seiner tief eingeschnitten Kastenform einem
Hochflächentyp zu (vgl. Abb. 1,23).
Weiter südlich treffen wir auf berberische
Bewässerungsanlage bei Les Tamarins („Die Tamerisken“, = buschartige,
trockene Sandpflanzen, die hier wachsen). Sie belegen eine alte
Agrartradition, die noch ganz traditionellen Mustern folgt (vgl. Abb.
1,24). Bei der Weiterfahrt stoßen wir auf die Biskraberge, die das Tal mit
einem schmalen aber steilen Felskamm in West-Ost-Richtung queren und durch
die Schlucht von El Kantara vom Tal durchbrochen werden. Im Tal verläuft
von Norden kommen die Route Nationale 3; die links vom Djar Ouled Bellil
und rechts vom Djar el Dechra begrenzt wird. Der Durchbruch des Oued el
Hai nach Süden durch die sehr steil nach Nordnordosten ausstreichenden
Maastricht-Kalkschichten zeigt wie ein Bilderbuch die Klimageschichte und
die geologische Genese der Biskraberge. Es handelt sich um ein
antezedentes Tal, d.h., dass der Fluss älter ist als der Gebirgszug, in
den er sich während der Hebungsphase eingeschnitten hat. An der Stirnseite
finden sich steile, im Durchbruchsbereich extrem herausgearbeitete Kliff-
und Kef-Bildungen (steile, z.T. vorspringende Klippen, die in ariden
Gebieten die Petrovarianz deutlich machen. Vgl. den Ortsnamen Lehrerinnen
und Lehrer Kef in Tunesien), im unteren Hangbereich so genannte
‚Hang-Glacis‘ und Schuttkegel. Die Unterschiedlichen Neigungswinkel in den
Durchbruchsbereichen bilden die verschiedenen Klimaphasen ab, die sich
entweder im Vorherrschen der linearen Tiefenerosion mit steilen Wänden
oder in klimatisch feuchteren Phasen mit einen Vorherrschen der
Lateralerosion mit breiteren Talsohlen und flacheren Seitenhängen
ausgeprägt haben (vgl. Abb. 1,25).
Derselbe Befund bestätigt sich auch beim Blick nach
Westen zum Djebel Metlili mit weit gefächerten ‚Hangrippen‘, stark
eingeschnittene Tiefenlinien und selektiver, die Petrovarianz (=
Unterschiede der Härte der Schichten gegenüber der Abtragung)
betonenden Erosion. Dichtere Vegetation, Tamarisken, einzelne Palmen
finden sich nur im unmittelbaren Bereich des Oued el Hai, dort auch.
Bewässerungsanlagen für etwas Ackerbau und einzelne Baumkulturen während
im Terrassen- und Hangbereich die Steppenvegetation spärlicher wird. Auf
dem Djebel Metlili findet sich auch ein dichteres Waldgebiet (vgl. Abb.
1,26).

Südlich von El Kantara stoßen wir auf einen neuen Typ
des Oasenbereiches. Charakteristisch ist die dreistufige Nutzung. In der
„unteren Etage“ finden sich Getreide oder Gemüse, darüber Obstbäume, und
zuletzt, schattenspendend die oberste Etage mit Palmenkulturen. Doch tritt
dieses Kulturland nur im Bewässerungsbereich als echte Oasenkultur, hier
vom Typ der Flussoase, auf (vgl. Abb. 1,27). Weiter entfernt liegt das
Weideland für Kamel-, Schaf- und Ziegenherden bei El Outaya mit Blick nach
Süden auf den Djebel bou Rhezal, die Biskraberge im engeren Sinne (vgl.
Abb. 1,28).
Damit kommen wir in den Landschaftstyp der randlichen
Wüste und Wüstensteppe der Sahara. Die erste vollentwickelte Oase ist
Chetma bei Biskra, ausgebildet als Quell- bzw. Brunnenoase innerhalb des
Piedmontglacis des Südaurés. Leichte Hügel, schotterbedeckt, nördlich der
Oase leiten über zum Anstieg des pliozänen ‚Außenkamms‘ des Südaurés, der
weitgehend eine mitgeschleppte, schräg gestellte jungtertiäre
Vorlandaufschüttung darstellt. – Die Oase kennzeichnet der traditionelle
dreistufige arabische Oasenbau: Primärkultur mit direkter Kanalbewässerung
ist die Dattelpalme, durch einige kleinere Mauern in einzelne ‚Palmgärten‘
untergliedert; als Unterkultur mit dem Wasserüberschuss der
Palmbewässerung versorgt findet sich Fruchtbaumanbau unter den Palmen –
das Schattendach vermindert die direkte Einstrahlung und die übergroße
Verdunstung; als letzte Stufe zwischen den Bäumen findet sich Getreide-
und (mehr im Oaseninneren) Gemüseanbau für den täglichen Bedarf. Eine
große Oase ist in ihrer Lebensmittelversorgung, auch durch ein
ausgeklügeltes Vorratshaltungs-System, weitgehend autark und kann auch von
der Umwelt abgeschnitten existieren, was bei den schwierigen natürlichen
Lebensbedingungen unbedingt notwendig ist (vgl. Abb. 1,29).
In der Hügellandschaft nördlich von Chetma sind noch
die Ausläufer der Palmpflanzung Chetmas zu erkennen mit einigen Häusern
außerhalb der geschlossenen Siedlung. In den Sahara-Oasen herrscht der
traditionelle Lehmziegelbau vor. Die kulturlandschaftliche Entwicklung der
Randoasen ist sowohl im Siedlungsbild, der Ausdehnung an den Rand der
eigentlichen Oasenkulturen zu erkennen ebenso wie am technischen
Fortschritt: Die Oase ist an das Telephon- und Telegraphennetz
angeschlossen. – Vor dem Hintergrund der Biskraberge im Westen wieder
weite Schotterflächen die vom Gebirgsrand her zerschnitten sind. Diese
Schotterfläche nördlich von Chetma besteht aus verfestigten, wechselnden
Schotterkonglomeraten und Sandschichten, die in das Pliozän zu datieren
sind. An der Oberfläche we4den sie bedeckt von jüngeren
Schotterabdeckungen, jedoch nur herausgelöst aus dem anstehenden Material.
Ein ‚Tafelberg‘ deutet auf ein aufgelöstes, älteres und höheres
Glacis-Niveau hin (vgl. Abb. 1,30, im Bild: Dr. Achenbach, 1,31, 1,32).
Weitere Untersuchungen erfolgten dann am Sonntag,
12.03. nach einer Übernachtung in unserem Bus. Das Gebiet am Südhang des
Sahara-Atlas ist geologisch wie geographisch äußerst interessant und
vielgestaltig. Das Gebirge selbst ist ein junges Faltengebirge aus
vorwiegend mesozoischen und tertiären Gesteinen, wobei eine Altersabfolge
von den älteren Hochflächen zu den jüngeren Randketten am Rande der Sahara
zu beobachten ist. Mehrere Hebungszentren bewirken eine Vielgestaltigkeit
der Gebirgsformung. Der Aurés besteht aus Schichtkämmen in die sich von
den Hochflächen im Nordosten herabziehen zu den Sahararändern im
Südwesten. Vier große Tal- und Fluss-Systeme zeichnen diese
Faltungsstruktur nach und öffnen sich im Süden zur Ebene hin. Die steilen,
herauspräparierten „Rippen“ bestehen vor allem aus Maastricht-Kalken aus
der Kreidezeit.

Die Kämme laufen im Nordosten zusammen im höchsten
Gebirgskomplex des Djebel Mahmel, den wir später noch besteigen werden.
Zwei große Flüsse – der Oued el Abiod und der Oued el Abdi, der
‚Sklavenfluss‘ – öffnen sich in die Sahara-Ebene und liefern in der
Frühjahrsschneeschmelze das Wasser, das in den Salzseen der großen Chotts
versickert und verdunstet. Dieses Wasser im Südaurés wird auch genutzt in
der Barrage Foum-el-Gherza am Durchbruch des Oued el Abiod durch die
Ausläufer des Djebel Ahmar Kraddou. Der Stausee bewässert das Gebiet um
Sidi Okba (vgl. Abb. 2,01, 2,02). Sidi Okba (auch Sidi Uqba – arabisch:
سيدي عقبة) ist eine Oase in der Provinz Biskra. Sie wurde benannt nach
dem islamischen General Uqba ibn Nafi, der hier im Jahr 683 u.Z. starb und
zu den arabischen Eroberungsheeren im Maghreb gehörte. Biskra liegt von
hier aus in einer Entfernung von 18 km.
Am Sonntag, 12.03. erkunden wir die Sahara Oase und
Barrage Foum el Gherza verlangte nun unsere genauere Aufmerksamkeit und
bot einen Einstieg in unsere Kartierungsarbeit. Der Damm – an dem wir
nicht ganz heranfahren konnten, das er militärisches Sperrgebiet war –
staut den Oued el Abiod (den ‚Weißen Fluss‘, hier im Süden Oued el Biraz;
wir werden ihm weiter folgen bei unserer Kartierung des Zentralaurés) auf
bei seinem ‚Durchbruch‘ durch die Verlängerung der Djebel Ahmar Kraddou
Kette nach Süden. Der Stausee dient der Wasserversorgung der Oasengruppe
um Sidi Okba und zur Stromerzeugung insbesondere Biskras. Begrenzt wird
der Taldurchbruch durch den Djebel Guechrich, eine steil gestellte
Maastricht-Kalk-Rippe in der Verlängerung des Ahmar-Kraddou-Zuges (vgl.
Abb. 2,03).
Herstellung von Lehmziegeln
Bei unserer Weiterfahrt konnten wir dann noch
kulturgeographische Beobachtungen machen. In der Oase Seriane am Oued el
Biraz beobachteten wir die Lehmziegelherstellung. Die Ziegel werden aus
einem feuchten Gemisch aus Lehm, Stroh und z.T. Kamelmist in einem
rechteckigen Holzrahmen auf glattem Untergrund geformt und dann zum
Vortrocknen liegen gelassen, nach einigen Stunden dann zum Durchtrocknen
hochkant in die Sonne gestellt. Nach drei Tagen bis einer Woche sind sie
dann absolut trocken, erstaunlich belastbar und nahezu bruchfest. Im
Gemäuer überstehen sie auch mehrere Regenfälle, ohne Schaden zu nehmen.
Dauerhafte Mauern worden mit Lehmputz überzogen, der nach jeder
Regenperiode zusammen mit dem Lehmdach erneuert werden kann durch
Auftragen einer neuen Lehmschicht. Diese ist billig und von ausreichender
Dauerhaftigkeit, dabei sogar optimal in Bezug auf Wärme- und
Kälteisolierung (vgl. Abb. 2,04).
Die Bewässerungssysteme der
Wüstenoasen
Die Oase Seriane am Oued el Biraz zeigt die typischen
Formen einer Flachlandoase mit Bewässerungskanälen am Rande der
Anbauflächen. Das Gebiet wird in Jahren mit ausreichender
Wasserversorgung, die seit dem Bau der Barrage Foum el Gherza verbessert
worden ist, als zusätzliches Getreidebaugebiet genutzt. Die
Bewässerungskanäle nutzen das natürliche Gefälle des Schwemmfächers vor
dem Gebirgsaustritt des Oued el Biraz aus und werden vor der Oase nach
außen geleitet. Ein ausgeklügeltes System von Kanalverzweigungen sorgt für
eine gleichmäßige Wasserversorgung. Das Öffnen und Schließen solcher
Kanalverzweigungen mit kleinen Erdwällen regelt die Wasserzufuhr zu den
einzelnen Parzellen. Je nach Qualität des Bodens (Bodenerschöpfung),
Getreidebedarf und zu erwartender Regenmenge (oft während der Aussaat am
Anfang einer Feuchtigkeitsperiode schon abzusehen) im Gebirge und den
Hochflächen, die die Flusswasserbewässerung sichert, wird ein Teil der
Parzellen brach liegen gelassen; die Wasserverteilung auf die bestellten
Flächen wird von den komplizierten, Prioritäten setzenden Regeln des
islamischen Wasserrechtes, welches grundsätzlich von dem
Gemeinschaftsbesitz allen Wassers und der Nutzungsverpflichtung für die
Gemeinschaft ausgeht, bestimmt. Kompliziert wird die Verteilungsregelung
dadurch, dass am Rande der Oasen nicht nur die Anbau- und
Wassernutzungsrechte der sesshaften Oasenbevölkerung gelten, sondern dass
zusätzliche Nutzungsrechte der in der Umgebung lebenden Nomaden- und
Halbnomadenstämme hinzu treten, die sich insbesondere in den kühleren
Wintermonaten in den südlichen Stoppen- und Wüstenstoppen mit ihren Schaf-
und Ziegenherden aufhalten. 12.III. (vgl. Abb. 2,05).
Bei der Weiterfahrt in Richtung Osten kommen wir in
immer trockenere Gebiete und treffen zwischen Ain Naga und Zribet el Oued
auf Wüstensteppenvegetation. Infolge der hier zum großen Chott hin
zunehmenden Bodenversalzung ist ein Vorherrschen von strauchartigen
Halophyten
zu beobachten. Daneben bei edaphischer (= den Boden betreffend, auf den
Boden und seine ökologischen Funktionen bezogen) Gunst auch normale
Xerophytenvegetation.
Es herrscht ein verkrusteter, jetzt trockener, gips- und salzhaltiger
Boden vor, aufgerissen und von flachen Wadis durchzogen, in denen eine
edaphische Vegetationsverdichtung zu bemerken ist. Artenarmut kennzeichnet
die Vegetation: weitständige, oft zu Gruppen zusammengefasste,
kugelförmige Sträucher in einer Höhe bis zu 50 cm, maximal auch 1 m. An
den Büschen kleiner äolisch herantransportierte ‚Sandschleier‘ (vgl. Abb.
2,06).
Der Montag, 13.03. bringt uns neue Erlebnisse. Zu
unseren geplanten Aufgaben in der Geländearbeit gehört es, von Süden her
jede mögliche Fahrtroute zum Gebirgsrand und dort möglichst zu den aus dem
Gebirge austretenden Tälern zu erkunden und zu kartieren, das heißt dann
auch: jede Piste und Fahrspur anzufahren. Von der Straße von Biskra in
Richtung Osten her entdecken wir eine wenig genutzte Fahrspur – aber mit
einem auf Karton handgemalten Wegweiser in Arabisch und Französisch: „Dibia
Ouled Saoula“. Wir übersetzen den Namen: Dibia ist eine kleine Siedlung,
Ouled ist der Stamm – der Saoula. Natürlich fahren wir zu dem Ort über die
Fahrspur und treffen auf einige wenige Lehmziegelhütten. Für die wenigen
Anwesenden war unsere Ankunft eine gewisse Sensation, wohl der erste
Besuch von Auswärtigen in der Dibia. In französischer Sprache können wir
uns über den Ort und seine Geschichte informieren.
Der Stamm der Ouled Saoula ist hier erst kürzlich
sesshaft geworden; Stammesteile wandern immer noch mit den Schaf- und
Ziegenherden zwischen der Sommerweide im Gebirge und der Winterweide in
der Sahara. Es ist hier also der Übergang zum Halbnomadismus, bzw. zur
Transhumanz zu beobachten. Die neuen Gebäude der Dibia (= kleinen
Familiensiedlung) sind aus Lehmziegeln errichtet, die an Ort und Stolle
produziert worden sind. Gedeckt werden die Häuser mit einer Lage Balken
(deren Beschaffung nach Auskunft der Bewohner die größte Schwierigkeit
bereitet!), die durch Reisigauflage und eine Lehmschicht verfugt und
gedichtet wird. Die Voraussetzung für den Bau der Dibia war die Bohrung
eines Brunnens ca. 12 m tief in den Schotteruntergrund. Mit Eimern und
einem 40 l-Sack aus Ziegenfell wird das Wasser an die Oberfläche gebracht.
Für die Bewässerung werden größere Wassermengen benötigt. Dazu bedient man
sich der Hilfe eines Zugesels, der den 40 l-Sack regelmäßig nach. oben
zieht; durch eine sinnvolle Kombination von Trag- und Zugseil kippt der
Sack, oben angelangt, von alleine auf eine Wasserrinne, die zuerst als
Tränke, dann als Beginn der Bewässerungskanäle dient. Zum Zeitpunkt
unseres Besuches wurde der Brunnen mit der Hand bedient. Angebaut werden
in kleinen Gärten Mandeln, Orangen und Gemüse; doch tragen die neu
gepflanzten Bäume noch nicht. Getreideanbau mit Zusatzbewässerung und auf
Regenverdacht wird verstreut nach der edaphischen Gunst auf den umgebenden
Schotterglacis betrieben. Auch die Häuser der Ouled Saoula verteilen sich
auf ein Gebiet von mehreren Kilometern Ausdehnung. In den Ställen der
Siedlung befindet sich nur das Jungvieh, Esel, Milchvieh für den
Eigenbedarf und Hühner; die Herden sind zum Zeitpunkt der Aufnahme in den
Bergen, zusammen mit dem Stammesoberhaupt (vgl. Abb. 2,07).
Bei der Weiterfahrt nach Osten stoßen wir auf den
etwas größeren Ort Zribet el Oued am Oued el Zribet. Die Siedlung besteht
aus kubischen Lehmziegelhäusern auf dem höheren Ufer des Oued Zribet (des
Vorlandsverlaufes des Oued el Aran; der in den Nemenchas entspringt). Am
Steilufer in den Lehm und die Schotter der Piedmont- (= Gebirgsfuß-)
Aufschüttungen, die vom Fluss angeschnitten sind, tief eingekerbte
Barannkos (tiefe senkrechte Einschnitte). Im Flussverlauf kommt es zu
edaphischer Vegetationsverdichtung (vgl. Abb. 2,08). Unterhalb der
Ortschaft auf der ‚terrasse gris' des Oued Zribet (der „grauen
Terrasse“, die das jüngste, zeitweise noch überspülte
Aufschotterungsniveau eines Flusses darstellt). Finden sich
Palmenpflanzungen (vgl. Abb. 2,09).
Wir nähern uns dem Ort nach Durchquerung des Oued
Zribet von Osten. Die Ortschaft und Palmpflanzung bilden eine Einheit. Im
Flussbett sehen wir eine Schafherde. Die trockenen. Flussläufe werden für
Herden, Reiter und Geländegängige Fahrzeuge als Verkehrswege genutzt.
Gleichzeitig eignet sich die edaphische Vegetationsverdichtung in den
Flusstälern als Weideland. Daraus ist die Gefährdung der in Talbereichen
lagernden Herden bei plötzlichen Regenfällen – die zwar selten, dafür aber
als plötzliche Starkregen mit hoher Wasserflut (‚crue‘) in den Wadis
auftreten – zu erklären, die den Satz glaubhaft machen, nach dem in der
Sahara mehr Menschen ertrinken als verdursten! Im Hintergrund blicken wir
auf den Südabfall des Aurés, im Dunst nur als leichte rötliche Verfärbung
über dem Horizont zu erkennen. – Der Dunst ist auf die Wetterbedingungen
zurückzuführen: Bei etwa 30° C Lufttemperatur herrscht starker Südwind (Chergui);
die Verdunstung über dem noch. nicht ganz ausgetrockneten Land lässt eine
Glastschicht entstehen; gegen Mittag treten dann starke Luftspiegelungen
auf; der starke Wind bringt zudem große Staubmengen in die Luft; ab und zu
werden daraus ‚Windhosen‘ (staubaufwirbelnde lokale Wirbelstürme, vgl.
2.36) oder auch große Sandstürme. Die Herkunft des Sandes und des Staubes
sind die Sedimentationsbereiche der großen, trockenen Vorlandwadis, die
entweder eingeschnitten als ‚Kastenoueds‘ wie der Oued Zribet, oder flach
und sehr breit als so genannte Sandoueds, wie der Oued el Mitta,
auftreten. Die Wasserführung während einer ‚crue‘ ist völlig verwildert;
Stromstrich und Flussverlauf ändern sich vom einen zum anderen mal, so
dass wassertechnische Regulierungsbauwerke und Flussüberquerungen. wie ‚gués‘
(befestigte Furte, Flussdurchfahrten) oder (hier sehr seltene) Brücken vor
großen technischen Schwierigkeiten stehen und oft zerstört werden. Auch
die Straße von Zribet el Oued nach Biskra, sonst gut ausgebaut und
asphaltiert. quert den Oued Zribet mit einer improvisierten Durchfahrt
neben der zerstörten ‚gué‘! (vgl. Abb. 2,10).
Oberhalb von Zribet el Oued trägt der Fluss seinen
Namen, mit dem er das Gebirge schneidet: Oued el Arab. Wir folgen dem Oued
el Arab südlich des Gebirgsaustritts bei Khanga Sidi Nadji. Hier sind die
zwei Niveaus der Piedmont-Glacis zu erkennen, die die jüngere
Klimageschichte markieren. In den Schotterkörper eingeschnitten ist das
Flusstal mit dem eigentlichen, verwilderten Schotterbett und der ‚terrasse
gris‘, die bei Hochwasser überschwemmt wird. An der Schottergröße kann der
Abstand zum Gebirgsrand abgelesen werden. (vgl. Abb. 2,11, 2,12).
Die
Nemenchas setzen den Sahara-Atlas östlich vom Dj. Aurés fort und
verbinden ihn mit den Mts. De Tebessa im Nordosten. Geologisch und
geographisch finden sich gravierende Unterschiede zum Faltengebirge des
Aurés. Die Nemenchas bestehen aus einem mächtigen mesozoischen und
tertiären Schichtpaket, das im Norden in flacher Lagerung auftritt und im
Süden abtaucht unter die Sahara-Ebene. Die wenigen Flüsse, die sich hier
ihre Täler eingegraben haben – teilweise sicher in antzedenten
Flussverläufen, das heißt: schon vor der Gebirgshebung angelegt und bei
der Hebung immer tiefer eingegraben (Duden: „Talbildung durch einen Fluss,
der in einem von ihm durchflossenen aufsteigenden Gebirge seine allgemeine
Laufrichtung beibehält“) – bilden tief eingeschnittene Cañons, die weder
als Verkehrslinien nutzbar sind, noch ohne weiteres zu überqueren sind.
Das verlangt große Umwege bis auf die Hochflächen hinauf und von dort
Stichfahrten in das Nemencha-Massiv. Der Oued el Arab bildet die westliche
Grenze der Nemenchas zum Aurés-Massiv und wird von einer Talwand von über
tausend Metern Höhe begrenzt, die von einer einzigen halsbrecherischen
Serpentinen-Piste überwunden wird.
Dienstag, 14.03. Wir folgen dem Tal des Oued el Arab
zwischen Khanga Sidi Nadji und Tebouiahmat. Der Fluss hat ein steil
gestelltes Schichtpaket aus Mergeln und Kalken der oberen Kreide
zerschnitten und entsprechend der Petrovarianz rechts und links Rippen mit
ausgeprägter Kefbildung stehen gelassen. Die Schroffheit der Formung
entspricht der großen Reliefenergie beim ‚Abtauchen‘ der
Hochflächenschichten nach Süden. unter die Saharadepression des Vorlandes.
Reliefunterschiede von über 1000 m sind hier keine Seltenheit. Der Oued el
Arab entwässert die gesamte Ebene südlich und östlich von Khenchela und
den Ostteil des Hohen Aurés. Seine Wasserführung im ‚Unterlauf‘ beim
Durchbruch von Khanga Sidi Nadji ist daher weitgehend als permanent
anzusprechen. Er bewässert als Oued Zribet die Oasengruppe von Zribet el
Oued und einige nachgeordnete Oasen bis hinunter an den Rand des Chott
Melrhir. (vgl. Abb. 2,13, 2,14).
Bei Tebouiahmet: Auflösung des weichen. Materials
durch den Oued el Arab. Harte Schichten. bilden Gesimse, deren Abbruch
pittoreske Rutschformen erzeugt (vgl. Abb. 2,15. Der VW-Bus – mit Dr.
Achenbach – dient als Größenvergleich). Dir Taloase Tebouiahmet liegt in
einer breiteren Ausraumzone im Campan-Mergel, der über den harten
Schichten des Maastricht-Kalkes lagert. Die Oase hat einen bemerkenswerten
Palmgarten im Tal des Oued el Arab (vgl. Abb. 2,16).
Auf der Weiterfahrt erreichen wir die Taloase El
Ouldja, die auf einem Talsporn in Schutzlage gebaut ist. Die Häuser sind
aus ortsüblichem Stein errichtet und die Palmpflanzung findet sich im
Talbereich das Oued el Arab (vgl. Abb. 2,17). Von Süden her bietet sich
ein imposantes Bild mit riesigen Blöcken von Hangschutt (auf dem Foto
dient dann der VW-Bus als Maßstab, Abb. 2,18). Die Transportkraft des
Flusses ist geringer als die Hangabtragung, so dass der Schutt am Hangfuß
liegen bleibt und dort erst langsam der Zerkleinerung unterliegt, bis sie
auf fluviatilem Wege weiter transportiert werden können. Die harten
Kalkblöcke stammen von den Maastricht- und Landen-Deckschichten über den
weichen Mergeln, deren schnellere Erosion am Hang Unterschneidungen
bewirkt, in deren Konsequenz die überstehenden Kalkbänke abbrechen und ins
Tal hinunter rutschen. Zwischen den Blöcken weidet in aller Ruhe eine
Schafherde (vgl. Abb. 2,19).
Flussaufwärts erreichen wir den Taldurchbruch des
Oued el Arab bei Khanga Sidi Nadji. Gebogene Kalkschichten werden am
Talhang freigelegt (vgl. Abb. 2,20). Die Morphologie wird vielgestaltiger
und lässt Einblicke in die geologische Geschichte zu. Zusammengefasst
handelt es sich hier um eine Glacis- und Vorkettenlandschaft im Bereich
des Oued el Arab bei Khanga Sidi Nadji: Von einem höheren, älteren
Glacis-Niveau sieht man auf die durch den Fluss stark aufgelösten Reste
der unteren Glacisterrassen die durch einen Vorkamm aus pliozänen
Konglomeraten unterbrochen werden. Glacis spielen in den Trockenzonen eine
große morphologische Rolle. Benannt nach dem freigehaltenen, leicht
abgeschrägten Schussfeld vor den klassischen Befestigungen, bilden sie die
abgeflachten Übergangszonen zwischen steilerem Gebirgshang und Tal oder
Ebene. Geformt sind sie in einem wechselnden Prozess von Abtragung und
Schotteraufschüttung aus Erosionsmaterial der dahinter liegenden
Gebirgszüge. Wir haben sie schon kennen gelernt vor den mächtigen
Felskämmen der Biskraberge bei El Kantara wo die großen Schotterflächen
des südlichen Gebirgsvorlandes im Übergang zur Sahara bis hin zu den
großen Schotts liegen. In den Tälern und Zerschneidungsbereichen des
Gebirgsrandes sind Taloasen zu finden. Unser weiterer Weg führte uns dann
nach Osten entlang dem Gebirgsmassiv des Aurés zur linken Hand und der
Sahara zur rechten. Eine wichtige Station war dann die Oase von Khanga
Sidi Nadji, bei der Dattelpalmpflanzungen sich tief in das Tal des Oued el
Arab ins Gebirge hinein erstrecken (vgl. Abb. 2,21).
Noch einmal das Glacis-Vorland bei Khanga Sidi Nadji:
deutlich erkennbar sind die großen Flächen des rezent zerschnittenen
unteren Glacis-Niveaus (bei ca. 40 m) und die Reste eines höheren Niveaus
(bei ca. 120 m über der lokalen Erosionsbasis). Der als leicht geschrägte
Fläche ausgebildete Schotterkörper des Glacis liegt diskordant über
eingeebneten Resten jungtertiärer Konglomerate und – in Gebirgsnähe –
alttertiärer Gipsmergel; diese Schichten weisen eine intensive Rotfärbung
auf und setzen sich daher optisch gut von den helleren Schotterbedeckungen
ab. Am Altglacisrest bedecken während des Abtragungs-Vorganges
herunterrutschende Schotter nach unten hin dünner werdend als
‚Schotterschleier‘ den Anschnitt des Anstehenden. Auf der einen Seite
lehnt sich das Glacis an den Gebirgsrand an und im Hintergrund sind Teile
des niedrigen pliozänen Außenkammes zu erkennen (vgl. Abb. 2,22).
Weiter oberhalb am Flussverlauf des Oued el Arab
stoßen wir auf steil ausstreichende, oben abgebogene Randschichten.
Hangparallele Tiefenlinie bestimmen die Zerschneidung des dem Gebirge
vorgelagerten Schotterkörpers. Durch die mächtige Schlucht ist ein
Fortkommen mit dem Fahrzeug nicht mehr möglich; wir müssen uns einen
anderen Weg in das Tal des Oued el Arab suchen (vgl. Abb. 2,23).
Am nächsten Tag, Mittwoch, 15.03., – während wir die
geplante Erkundung von weiteren Zufahrten zum Tal des Oued el Arab mit
einer Fahrt durch den westlichen Teil der Nemenchas nach einem kleinen
Abstecher, südlich von Khanga Sidi Nadji ins Gebirge einfahrend, in das
Tal des Oued Djellal, in dessen Erosionsbereich farbige, eozäne
Mergelschichten ausstreichen (vgl. Abb. 2,24), noch auf einen späteren
Zeitpunkt verschieben – konzentrieren wir uns auf den Randbereich der
Sahara im Südaurés.
Es folgte ein kleiner Ruhezeitraum mit einer
Rückfahrt nach Batna und dem Aufenthalt von wenigen Tagen in einem Hotel.
Kurz vor Ostern in Batna. Das alte Kolonial- und Garnisonsstädtchen, das
sich im Laufe der Zeit zu einem veritablen zentralen Ort und einer
Großstadt entwickelt hat, war immer wieder ein fester Stützpunkt in
unserer Reiseorganisation. Noch auf den Hochflächen gelegen, ist Batna
nicht von Hitze und Trockenheit der Wüste heimgesucht, alle größeren Orte
Algeriens sind von hier aus ohne allzu große Mühe zu erreichen.
Batna ist eine regionale Verwaltungsstadt der Provinz
– früher Departement – Constantine (Ksantina), das in nördlicher Richtung
schnell zu erreichen ist. Westlich von Batna erhebt sich das Massiv des
Aurés, dem Ziel unserer Geographischen Studien. nach Süden führt die
Straße durch eine lang gestreckte Talzone durch die Schlucht von El
Kantara in Richtung Biskra, der ersten großen Sahara-Oase mit ihren
weitläufigen Palmenhainen.
Zunächst bekommt der Reisende in Batna den Eindruck,
dass diese Stadt aus zwei sich im Zentrum kreuzenden und als breite Alleen
gestalteten Hauptstraßen besteht, wie in römischer Zeit die Stadt um Cardo
und Decumanus herum angelegt wurde. Wir befinden uns hier ja auch im
Zentrum eines alten römisch-imperialen Siedlungsgebietes, wovon
Ruinenstädte wie Timgad (Thamugadi) zeugen und auch alte römische
Fundamente in Tebessa (Teveste). So erscheint auch die „römische Struktur“
von Batna wenig verwunderlich, wenn auch eher ein französisch-kolonialer
und im militärischen Denken gründender Stadtplan anzunehmen ist.
Verlässt man die Hauptstraßen, entdeckt man erst die
tatsächliche Ausdehnung dieses Ortes mit älteren, nur stellenweise
orientalisch angehauchten Wohnvierteln, mit langsam wachsenden Gewerbe-
und Industrievierteln, deren Eindruck geprägt wird von der
gesellschaftlichen und ökonomischen Krise dieses Landes; zum Teil
heruntergekommen, am Rande der Pleite und oft schon über den Punkt eines
noch funktionierenden Gewerbebetriebes hinaus vernachlässigt.
Diese Eindrücke bestätigen sich verstärkt bei einem
erneuten Besuch von Batna vierzehn Jahre später – ich möchte sagen: für
Algerien vierzehn verlorene Jahre in dem aus dem desolaten kolonialen Erbe
und dem Desaster des Befreiungskrieges kein „Phönix aus der Asche“
gestiegen ist. Dieser Eindruck verstärkt sich am Rande der Stadt, wo immer
mehr Elendsviertel und Squatter-Siedlungen sich an die Stadt anlehnen,
von denen 1967 noch wenig zu sehen war.
Unsere „Rekonvaleszenz“ von stressigen Tagen im „Bled“
– dem „flachen Land“ der Algerier – mit engen und nicht immer ungestörten
Nächten im ausgebauten VW-Bully, fand im ›Hôtel d’Angleterre et le Orient‹
statt. Hier war die Zeit nun wirklich stehen geblieben wie der
altertümliche Name, der sicher schon aus dem 19. Jahrhundert stammte.
Eine Straßenecke an der Hauptstraße unter üppigen
Platanen wird von der Fensterfront des überdimensionierten und immer
leeren Speisesaals in einem relativ flachen Gebäude von verwitterndem
Charme eingenommen. An der breiten Glastür steht ein älterer Kellner in
einer Jahrzehnte alten Montur zwischen Portier, Liftboy und Kellner und
versucht erfolgreich durch mürrisches Auftreten und Unansprechbarkeit
mögliche – wenn auch in der Regel überhaupt nicht vorhandene – Gäste vom
Besuch des Restaurants abzuhalten. Uns kann er nicht abschrecken, denn wir
wollen wieder ein Wochenende Einzelzimmer, Betten und Duschen genießen und
auch einmal etwas essen, was wir nicht selbst auf dem Camping-Kocher
zubereitet haben – mit Sand-Puder und Fliegenbeilage…
Etwa zur Hälfte unserer Reise mussten wir in Batna
auch noch amtliche Besuche durchführen bei der Départements-Verwaltung, wo
wir eine Visa-Verlängerung beantragten, die uns dann auch in unsere Pässe
eingestempelt wurde.
Samstag, 18.03.: Unsere Kartierungen sind einige Tage
recht eintönig. Tiefe Taleinschnitte münden in die Ebene in Durchbrüchen
durch die härteren Kämme und Rippen vor allem aus Maastricht-Kalken. Davor
aufgeschüttet sind die Piedmont-Glacis, die durch „Kastenoueds“
zerschnitten werden. In den größeren Talsystemen finden sich dann auch
Straßen und befahrbare Pisten, die das Vorland mit dem Zentralaurés und
den Hochflächen verbinden. Zunächst folgen wir dem Taleinschnitt des Oued
Mestaoua, der in südlicher Richtung einen Durchbruch durch den
Maastricht-Kalk geformt hat, in dem sich die Taloase Roumane befindet
(vgl. Abb. 2,25, 2,26, 2,27). Interessant wird die Maastricht-Bank,
zerklüftet, am Oued Mestaoua bei Roumane, in der sich in der mittleren
Spalte Getreidespeicher der Oase Djemina befinden (vgl. Abb. 2,28). Die
nächste Oase im Tal des Oued Mestaoua nördlich von Djemina ist von einem
anderen Oasentyp, der Gebirgsoase, und hat keine Palmen mehr; doch finden
sich randlich Glacis-Ansätze in 820 m Höhe! Bemerkenswert ist auch ein
größerer Ausräumungsbereich des Flusses im weichen Material. Eine
Schotterakkumulation vor der Kalkbank des Durchbruchs bildet eine
veritable Anhöhe (vgl. Abb. 2,29).
Im Zerschneidungsgebiet des Oued Mestaoua zwischen
dem Gebirge und den randlich vorgelagerten, pliozänen Schichtkämmen haben
sich zwei Aufschotterungsniveaus (stark aufgelöste Glacis) gebildet;
zerschnitten werden sie im rezenten Verlaufs in die roten Tertiär (Eozän
und Miozän)- Schichten. Zwischen den Glacis finden sich ausgleichende
‚Hangglacis‘ mit örtlichen Zwischenniveaus (vgl. Abb. 2,30). Einen
bemerkenswerten Eindruck machen kristalline Gipsadern in roten
Tertiär-Mergeln, die auf Sickerwasser in Gesteinsspalten während längerer
geologischer Phasen hinweisen (vgl. Abb. 2,31). Und immer wieder die
gleichen Erosionsformen, hier des Oued Mestaoua in weichem Material
(tertiäre Mergel und Glacisschotter), stellenweise mit weißen
Gipseinlagerungen durchzogen. Härtere Schichten treten am Hang in
Gesimseform zum Vorschein (vgl. Abb. 2,32).
Nach einer Übernachtung im Talbereich des Oued
Mestaoua beenden wird am So., 19.03., die Untersuchung dieses Talsystems.
Eine Taloase des Oued Mestaoua liegt schon im Glacisbereich des Oued
Gartia nach dessen Austritt aus dem Gebirge, nach Süden begrenzen die
abschließenden pliozänen Außenkämme diesen Aufschotterungsbereich (vgl.
Abb. 2,33), in dem Piedmontglacis vor allem des unteren Niveaus, gut
erhalten, und Reste des aufgelösten höheren Niveaus, gut zu unterscheiden
sind. Der Pliozäne Außenkamm zeigt mit seiner Stirnseite zum Gebirge
(Norden) und trägt aufstauend zur Erhaltung des Glacis bei (vgl. Abb.
2,34). Dieses über das Miozän hinweggehende Glacis liegt seitlich
angeschnitten im Tal des Oued Mestaoua (vgl. Abb. 2,35).
Die Sahara und die mit ihr verbundene Wüstenerkundung
sind nicht Thema unseres Forschungsvorhabens. Die Sanddünen, Wüstensteppen
und Wüstenformen werden von uns nur berührt als Vorland des Sahara-Atlas,
Aurés und Nemenchas, als Mündungsgebiet der aus dem Gebirge kommenden
Flüsse und als auslaufende Aufschotterungs- und Ablagerungsebenen. Dies
wird uns jetzt einige Tage beschäftigen Noch am So., 19.03., erleben wir
einen ersten Sandsturm über einer Piste bei Zribet el Oued (vgl. Abb.
2,36), ehe wir wieder zu den Palmen in Khanga Sidi Nadji gelangen (vgl.
Abb. 2,37, 2,38). Auch andere atmosphärische Phänomene können wir hier
beobachten wie z.B. Luftspiegelungen über einer Piste (Foto: Dr. Achenbach
Abb. 2,39).
Am nächsten Tag nach einer Übernachtung im Gelände,
am Mo., 20.03., treffen wir zwischen den Sanddünen und Schotterflächen,
die mit Xerophyten und niedrigen Sandpflanzen bewachsen sind, auf eine
wichtige Wirtschafts- und Lebensform in der Wüste, auf die Nomaden.
Nomadenzelte stehen in einer sandig-wüstenhaften Steppe mit Büschen bei
Sidi Nadji, einem ‚Marabout‘ (Grabmal eines islamischen Schrift-Gelehrten)
bei Zribet Ahmet südöstlich von Khanga Sidi Nadji, der „Schlucht des
geehrten Herren Nadji“ (vgl. Abb. 3,01, 3,02).
Das Sandbett des Oued el Mitta mit
Wüstensteppenvegetation, das wir nun erreichen, zeigt die Vielfalt der
Kleinformen der Vegetation, so z.B. eine von einem Busch bestandene Düne
und kleinere Dünen, die z.T. bewachsen und damit festgelegt sind (vgl.
Abb. 3,03, 3,04, 3,05). Nach einem Sandsturm bilden sich Sandschleier an
kleinen Sträuchern. Typisch ist die Riffelung der Sandoberfläche als Folge
der Formung durch den Wind – im Prinzip zu vergleichen mit der Riffelung
im Wattenmeer, die durch das abfließende Wasser hervorgerufen wird (vgl.
Abb. 3,06, 3,07).
Äolische Erosionsformen in Sandablagerungen: Durch
Sandstürme werden die Unebenheiten der Oberfläche, die von der
Erosionsleistung des oberflächlich abfließenden Wassers herrühren, zu
kleinen ‚Türmen‘ herauspräpariert, deren modellierte Oberflächenstruktur
ganz deutlich den fein geschichteten Aufbau des abgelagerten Sandes zeigt
(vgl. Abb. 3,08, 3,09). Dieser Überblick über die Sandoberfläche zeigt,
dass die formende Wirkung des Windes auf den Mikrobereich beschränkt
bleibt; er verdeutlicht an der Oberfläche Strukturen des Materials und
‚modelliert‘ die Körper; die Großform jedoch wird von der
sedimentierenden, flächenbildenden oder abtragenden Kraft des Wassers
geschaffen. Strukturierendes Element für die äolische Überformung ist auch
die Vegetation, die Böden festhält oder Sandschleier an sich zieht. (vgl.
Abb. 3,10. Diese Funktion wird durch das Beispiel der Steppenvegetation
dieses Bildes, Abb. 3,11, belegt).
Im Sand stecken geblieben
Aber der Sand wird sich an diesem Tage noch in einer
viel drastischeren Form zeigen. Wir wollen den recht breiten, aber flachen
Oued Djellib durchqueren. In einer zerstörten ‚gué‘ ist unser VW-Bus im
Sand stecken geblieben und konnte später nur durch einen zu Hilfe geholten
Traktor der in der Nähe zeltenden Nomaden aus der misslichen Lage befreit
werden (vgl. Abb. 3,12). Während sich unsere Achsen in den Sand der
Durchfahrt wühlten – wir hatten zu spät gemerkt, dass es sich nur um
Spuren von großen Geländewagen handelte – trat ein Sandsturm auf, der
alles verdunkelte und uns in das Fahrzeug trieb. Über eine Stunde
prasselte Sand auf die Außenseite, die, wie wir später feststellten, damit
jeglichen Glanz und alle Glätte verloren hatte, abgeschmirgelt vom Sand,
und auch im Inneren waren wir vor eindringendem Sand nicht sicher. Auf
unserem kleinen Kocher brühten wir uns etwas Tee auf, um den trockenen
Mund zu benetzen und das Knirschen zwischen den Zähnen zu beenden. Vorher
hatten wir noch versucht, den Wagen selbst aus dem Sand zu befreien, doch
alles Schaufeln und Unterlegen von Brettern nützte nichts, er sank noch
viel tiefer ein. Nach dem Sturm sahen wir dann in einiger Entfernung
Nomadenzelte. Dr. Achenbach – wegen seiner französischen Sprachfähigkeiten
– macht sich auf den Weg dahin, wurde aber sehr bald von einer
wütend-keifenden und sabbernden Gruppe von Windhunden, so genannten „Slougis“,
angefallen, bis aus dem Zelt einer der Nomaden kam und sie energisch
zurück rief – unterstützt mit gezielten Würfen mit Stöcken auf die Rücken
der Tiere, die sich dann duckten und aufjaulten. Die Hunde als unreine
Tiere werden zwar als Zeltwachen und Hütehunde geschätzt, aber weder extra
gefüttert oder gepflegt; sie müssen sich mit Abfällen selbst über Wasser
halten und erfahren keine emotionale Zuwendung. Die Verhandlungen
verliefen erfolgreich und kurz darauf kam ein Traktor in einer
abenteuerlichen Fahrt den Talrand herunter und nahm uns an die Kette. Es
war kaum ein Abschleppen, eher ein Wegschleifen über den Rand und die
Randstufe, wobei wir kaum etwas dazu beitragen konnten. Am nächsten Tag,
nach einer weiteren Übernachtung im Bus, überholten wir die gesamte
Nomadenkarawane mit Traktor und Camions auf der Straße in Richtung
Khenchela. Das ergab ein überschwängliches Wiedersehen mit Grüßen und
vielem Winken.
Am nächsten Tag, Di., 21.03., ging unsere Arbeit in
den Nemenchas weiter. Wir kartierten die Morphologie von Erosionsresten
söhlig lagernder Kalkschichten, z.T. als Tafelberge (Kalat) und Sporne
ausgebildet sowie tiefe Cañons im Einzugsbereich des Oued bou Doukrane
(Gebirgslauf des Oued el Mitta) und einem langgestreckten Sporn des Garet
el Assel-Komplexes (vgl. Abb. 3,13, 3,14).
Vor allem ging es uns zunächst darum, einen Überblick
zu erhalten, z.B. mit einem Blick auf ein zur Khenchela-Ebene führendes
Tal. und die Ausläufer des Hohen Aurés am Ras Serdoun. Als Vegetation
fanden wir hier Pinien, Steineichen und Wacholder. Im Tal fand Feldbau,
zum Teil mit Zusatzbewässerung statt. Im Hintergrund war der im März noch
verschneite Hohe Aurés zu sehen (vgl. Abb. 3,15; 3,16; 3,17).
Jetzt ging es erst einmal zurück nach Batna. Nach
einer Nacht im Hotel erlebten wir am Morgen, Mi., 22.03., eine
Überraschung: Neuschnee über Batna, woran man auch die Höhenlage erkennen
kann. Wir machten uns auf eine kleine Phototour in die Hügelzüge am Rande
der Stadt. Hier in dem Belezmabergen öffnet sich uns ein großartiger Blick
Blick vom Col de Telmet zwischen Djebel bou Merzoug und Djebel Tuggurt auf
die durch Neuschnee verschneite Ebene von Batna (vgl. Abb. 3,18). Auf dem
Col de Telmet und dem Passweg des Djebel Bordjem bei Neuschnee: Zedern und
Ausblicke ins Oued Chaba–Oued Hamla–Tal (vgl. Abb. 3,19).
Am Mittwoch, 22.03., befinden wir uns wieder an den
Biskrabergen und blicken auf Ort und Palmerie von El Kantara. Deutlich
sichtbar die Richtung des Einfallens der Schichten beim Durchbruch. Ein
weißes Gebäude am Rande der Siedlung ist der „Marabout“,
das Heiligtum des Ortes. Die Gebäude bestehen aus Lehmziegeln; die kleinen
Umfassungsmauern der Palmgärten aus teilweise verlehmten Geröllmauern. In
der abendlichen Beleuchtung erscheinen sie in romantischem Licht (vgl.
Abb. 3,25). Bei El Kantara übernachten wir, um am Do., 23.03., unsere
Arbeit im Gelände fortzusetzen.
Zunächst verschaffen wir uns jetzt einen genaueren
Überblick über die Situation im Becken von El Kantara. Die eine Seite wird
begrenzt vom Zug des Djebel Haouidja – Djebel Kroucha – Djebel Nador el.
Der Djebel Haouidja ist das geologische Gegenstück der El-Kantara-Berge:
hier streichen dieselben Maastricht-Kalk-Schichten nach Südsüdwesten aus.
Das El-Kantara-Becken ist eine im Tertiär und Quartär aufgefüllte
geologische Kreidemulde. Das Becken ist von einigen, an den helleren
Farben zu erkennenden Wadis zerschnitten; in den kaum eingetieften
sekundären Tiefenlinien hat sich der dunkler gefärbte Schotter
angesammelt. An diesem verzweigten Liniennetz ist das hydrologische System
des Beckens ablesbar. Davor finden sich noch Vorkämme aus steil gestellten
tertiären Schichten, nach Norden einfallend.
In der Höhenstufe ist eine Zunahme der Vegetation zu
beobachten mit Artemisia campestris (Feld-Beifuß oder Wermut),
Juniperus phoenicea (Phönizischer Wacholder)
u.a. Beide Pflanzen gehören zur Leitvegetation in den semi- bis vollariden
Gebieten am nördlichen Rand der Sahara. Für uns spielten sie eine große
Rolle als Indikatorpflanzen bei unserer Kartierung zur Trennung der
Wüstensteppe im flachen Vorland, bestimmt von Artemisia Campestris, und
den höheren Lagen am Rande der Gebirge mit Juniperus Phoenicea. Diese
Büsche gehören zum Kernbestand der Maccie und Garrigue an den trockenen
Südhängen der Gebirge, z.B., wie wir hier kartieren konnten, hinter dem
Kamm von El Kantara am Djebel Metlili (vgl. Abb. 3,26).
Juniperus Phoenicea tritt in verschiedenen
Wuchsformen auf. Am Rande der Ebene in der Wüstensteppe finden sich
sporadisch bei edaphischer Gunst kleine Büsche, die in Hanglagen in
größeren Formen auftreten:
In dieser Form wird er bestandsbildend für die Maccie.
In größerer Höhe bildet Juniperus Phoenicea auch baumähnliche Pflanzen
aus, deren Stämme in einer Art „Krüppelwuchs“ erscheinen. In den trockenen
Hangbereichen findet sich oft der Juniperus oxycedros
[Zedern Wachholder].
Im Gebirge treten dann noch weitere Leitpflanzen der
Maccienvegetation auf, so die
Steineiche,
die hier meist in Buschform erscheint – und in feuchteren Lagen –
Zistrose
und Ginster auf. An den Hängen des Sahara-Atlas in entsprechender
Exposition ist die Steineichen-Maccie eine bestimmende Vegetationsform,
die wir gesondert kartierten. Zistrosen und Ginster treten vermehrt in
etwas feuchteren Hanglagen auf; auf unserer Rückreise trafen wir am
Südhang des
Djurdjura -Gebirges in der Kabylei im Tell-Atlas trafen wir dann auf
ausgedehnte, gelb blühende Gebiete von Ginster, was ein überwältigender
farblicher Anblick gewesen ist. Für die bewaldeten Höhenzüge des Aurés und
teilweise auch der Nemenchas tritt dann ein Baum besonders bestandsbildend
in den Vordergrund:
Pinus halepensis
[Aleppo-Kiefer]
Zurück zu unserer Kartierungsarbeit. Durch
Hangerosion freigelegte, sich dem Hang des Djebel Haouidja anlehnende,
steil gestellte Schichten und Schichtreste zeigen vorwiegend auf die
Formationen Ende Kreide – Anfang Tertiär. Rote Mergelschichten einer
weitgehend ausgeräumten oligozän-miozänen Talfüllung liegen diskordant auf
(vgl. Abb. 3,27).
Hier beginnt dann auch der Übergang zum Zentralaurés
mit ausstreichenden Maastricht-Kalk-Bänken südlich vom Becken von EI
Kantara die von Xerophyten-Vegetation bedeckt sind (vgl. Abb. 3,28). Hier
treffen wir auf Teile der berberischen Oasengruppe Beni Ferah zwischen
Djebel Haouidia und Djebel el Fedj. Siedlungsteile finden sich am Hang bis
auf etwa 1000 m Höhe. Felder auf Regenverdacht und Baumkulturen liegen in
den Tiefenlinien und auf Terrassen im Hangbereich. Im oberen Bereich
werden viele Feigen angebaut, tiefer gelegen im Tal dominiert die
Palmoase. Am Hang stehen noch Palmen ohne Kulturwert, die keine
ertragreichen Fruchtstände mehr hervorbringen (vgl. Abb. 3,29). Im
Siedlungsbereich von Beni Ferah in einem cañonartigen Einschnitt stehen
Häuser auf Felsvorsprüngen und am Hang während im Tal Bewässerungskulturen
angepflanzt werden. Einige hochgelegene Siedlungsteile von Beni Ferah
werden umstanden von quellbewässerten Obstbaumkulturen (vgl. Abb. 3,30,
3,31) während im Talbereich von Beni Ferah der bewässerte Palmgarten
Wirtschaftsgrundlage ist. Um die Oase herum wird das Tal abgeschlossen
durch höher aufragende Maastricht-Formationen mit Kef-Bildungen, wobei die
Steilwand mit der Stirnseite zum Tal hin ausgerichtet ist. (vgl. Abb.
3,32).
Wir fahren weiter zur Taloase Djemorah mit dem
dahinter aufragenden Ras Chih am Djebel Tiza. Hier finden wir nur noch
spärliche Trockenvegetation im südlichen Talbereiche. Große Schotterkörper
und Glacis nordwestlich davon führen zur Taloase Gueddila auf einer
mächtigen Terrassenfläche vor der Kef der Kette Argoub et Tarf im Tal das
Oued Abdi (= ‚Sklavenfluss‘),
die von Seitenlinien der Erosion vom Maastricht-Kef ausgehend zerschnitten
wird (vgl. Abb. 3,33, 3,34).
Karfreitag: Freitag, 24. März
1967
Wir befinden uns im Tal des Oued Abdi oberhalb von
Djemorah. Rechts von uns liegt das hohe Gebirge, links vom Tal streichen
rote Oligozän-Konglomerate aus, die eine tertiäre Talaufschotterung
belegen, die wiederum vom rezenten Flussverlauf zerschnitten und auf der
Sohle erneut aufgeschottert (terrasse gris) wird. Am Hang auf Terrassen
sehen wir Felder einer Berbersiedlung, im Flussbett spärliche
Fruchtbaumkulturen. Die Zone der Palmenkulturen liegt hier schon hinter
uns, da dieser Gebirgsbereich im Winter Frostperioden erlebt. Eine solche
Taloase ist Beni Souik im Tal des Oued Abdi oberhalb von Djemorah. Blickt
man von hier aus flussaufwärts auf die Oase ist der Djebel Klembou zu
erkennen. (vgl. Abb. 3,35, 3,36). Bei der Oase Beni Souik schneidet sich
der Oued Abdi tief in das rote Oligozän ein und bildet ein breites
Schotterbett = neben dem Oued el Abiod finden wir hier das größte
Talsystem des Aurés (vgl. Abb. 3,37). Bemerkenswert sind die
herauspräparierten Gesimse im Oligozän, die teilweise in der letzten Phase
der Gebirgshebung randlich aufgeschleppt worden sind. Begrenzt wird diese
Terrasse durch Eozän- und Kreidekalke, die mit Kef steil gestellt
ausstreichen (vgl. Abb. 3,38). In dieses oligozäne Konglomerat sind
miozäne Mergel und Tone eingelagert, zerschnitten von einem weiß
ausgeschotterten rezenten Flussbett des Oued Abdi, im weichem Oligozän und
Miozän durch starke Erosionsauflösungen zergliedert. Begrenzt wird auch
dieser Ablagerungs- und Zerschneidungsbereich von Eozän- und
Kreidekalkrippen (vgl. Abb. 4,01).
Nach einer weiteren Nacht im Talbereich des Oued Abdi
gelangen wir am Samstag, 25.03., wieder zu den Biskrabergen. Diesmal
fallen uns gelbe Korbblüten der Ephetera altissima am Standort des
Glacisgebietes (Schotter) des Oued Branis vor Biskra auf (vgl. Abb. 4,02).
Wir fahren dann weiter in das andere Talsystem, das den Zentralaurés
zerschneidet, den Oued el Abiod, den „Weißen Fluss“.
Im Astragalus-Busch
Ein kleines persönliches Erlebnis am Rande. Im Tal
des Oued el Abiod angekommen verschaffen wir uns auf einer Anhöhe, einem
Erosionsrest einer älteren Talfüllung – einem Glacis der Mittelterrasse –,
einen ersten Überblick über die Talsituation mit ihren differenzierten
verschiedenfarbigen Glacisniveaus und Zerschneidungsbereichen, die von
einer rezenten „terrasse gris“ begleitet werden. Im Osten wird das Tal vom
Gebirgszug des Djebel Ahmar Kraddou begrenzt. Nach einer ausführlichen
Erörterung der Geländesituation beginnt der Abstieg über den steilen und
lockeren Terrassenrand. Dabei fasse ich immer wieder in kleine Spalten in
den Kalkbändern im anstehenden Material und bekomme dann doch einen
gehörigen Schreck, als mir nur Zentimeter neben meiner Hand eine kleine
Schlange entgegenspringt, die vom Aussehen her wohl eine Sandviper war –
deren Gift berüchtigt ist. Doch sie war wohl selbst zu erschrocken und
verschwand sekundenschnell in einer anderen Spalte. Ich aber drehte mich
um, da der Hang nach wenigen Metern zu Ende war – und rutsche prompt aus
und legen den restlichen Weg auf meinem Hosenboden zurück, der noch nicht
am Ende seiner Leiden angekommen war, sondern schließlich mitten auf einem
Astragalus-Busch zu sitzen kam. Hier konnte ich die langen Dornen dieses
„Sternchens“ am eigenen Leib fühlen: länger und härter als die eines Igels
oder auch eines Seeigels, wo es dann einige Zeit brauchte, bis alle
eingedrungenen Dornen aus meiner Hinterseite herausgezogen waren…
Die nächste Nacht wird romantisch mit einem
leuchtenden Mond über dem Djebel Ahmar Kraddou im Tal des Oued el Abiod
der schon gegen 18 Uhr hervortritt (vgl. Abb. 4,03).
Ostersonntag: Sonntag, 26.
März 1967
Wir überqueren heute einen der mächtigen Schichtkämme
am Oued el Abiod. Der Pass führt uns an das Kef bou Irhed als Ausläufer
der Djebel Ahmar Kraddou an der Straße Tkout - Tadjmout. Das Kef besteht
aus Maastricht-Kalken mit einer starken Auflösung der Stufe in Passnähe;
Unter dem Maastricht-Kalk liegen die weicheren Campan-Mergel, die das Kef
im Laufe der Erosion immer wieder unterschneiden und zum Abbruch mächtiger
Felsstücke führen, die als ausgedehnte Schutthalden ins Tal führen. Der
Bewuchs ist als spärliche Gebirgssteppe (Garrigue) ausgebildet. Auf der
Halde weiden zwei dunkle Esel und bringen damit etwas Leben ins Bild (vgl.
Abb. 4,04, 4,05 mit VW-Bus als Maßstab). Am Kef Berdoud des Bou Irhed als
Fortsetzung des Djebel Ahmar Kraddou-Kammes erkennen wir eine weitere
Erscheinung, die die Auflösung der Klippe fördert, nachdem sich schon
Spalten gebildet haben: Im Spalt wächst ein bis auf Baumgröße gewachsener
Wacholder (Juniperus
oxycedrus), dessen Wurzeln die Spaltbildung verstärken (vgl. Abb.
4,06').
Überreste des Algerienkrieges
Auf den Schotterflächen unterhalb des Kef bou Irhed
sehen wir metallene Trümmerteile. Wir halten an, um das genauer zu
erkennen: es handelt sich um einen abgerissenen Flugzeugmotor. Eine
genauere Sichtung der Umgebung führt uns zu der Entdeckung der
ausgebrannten Reste einer Militärmaschine direkt unterhalb der Klippe, die
an der Stelle schwarz von Ruß gefärbt ist. Die Reste des Fahrwerks lassen
nur noch die Felge und die Drähte der Reifen erkennen, während das Gummi
völlig verbrannt ist, ebenso wie die sonstigen Teile des Flugzeuges. An
der Felswand kleben, noch deutlich zu erkennen, hunderte von platt
gedrückten Evian-Dosen. Das weist darauf hin, dass hier ein französisches
Militär-Transportflugzeug gegen die Felswand geflogen und explodiert ist.
Es sind Überreste des noch gar nicht so lange vergangenen Algerienkrieges,
bei dem wichtige Widerstandgebiete in den unzugänglichen Gebirgsbereichen
des Aurés zu finden waren. Beeindruckendes filmisches Dokument ist der
Film von 1966: „Der Wind kommt von Aurés (Rih al awras)“ von Mohamed
Lakhdar-Hamina.
Es ist sicher kein Zufall, dass der Aurés ein Zentrum
des Widerstandes gegen die französische Kolonialherrschaft war, nicht nur
wegen der topographischen und siedlungsgeographischen Besonderheiten und
Vorteile in der Schutz- und Rückzugslage. Der Aurés ist schon lange –
ähnlich wie die Kabylei – ein Rückzugsgebiet der berberischen Bevölkerung
gewesen, die als Teilnomaden in Transhumanz und Gebirgsoasenbewohnern
schon gegenüber der arabischen Eroberung im 8. Jahrhundert u.Z. sich der
Fremdherrschaft erwehrten.
Doch weiter zu unserer geographischen
Geländeaufnahme. Auf der Fahrt zurück zum Oued el Abiod kartieren wir das
Kef Berdoud – wieder eine Stufe im Maastricht-Kalk, darunter Kalk-Gesimse
im Campan-Mergel, übergehend in den Schutthang. Hinter dem Taleinschnitt
nähern wir uns dem höchsten Berg des Aurés, dem Djebel Chélia (vgl. Abb.
4,07). Hier eröffnet sich ein Blick vom Kef Berdoud nach Norden zum Tal
des Oued Tkout und Oued el Abiod. Den abtauchenden Maastricht-Kalken des
Kefs sind hier in Auflösung befindliche mit Mergeln wechsellagernde
Kalkbänke aufgelagert. Durch Hangerosion entstehen Hangrippen, Gesimse und
tief eingeschnittene Erosionsrinnen mit Schluchtcharakter vor der Kette
des Djebel Zellatou (vgl. Abb. 4,08).
Die Beschreibung unserer Arbeit mag stellenweise
etwas eintönig erscheinen. Immer neue topographische Namen von
Trockenflüssen (Oued) und Felsmassiven (Kef, Kämme, „Rippen“) mit immer
wieder vergleichbaren morphogenetischen Charakteristiken, die aber in
ihrer Gesamtheit ein Bild der Entstehungsgeschichte und der heutigen
Morphologie – auch als Grundlage der kulturgeographischen Inwertsetzung –
des Aurés und seiner Nachbargebirge ergeben. In der Arbeit im Gelände ist
es spannend, die jeweiligen Erscheinungsformen zu erfassen, zu typisieren
und letztlich zu kartieren. Die Beschreibung und die Präsentation der
Fotosammlung geben davon nur einen kleinen Einblick. Eigentlich müsste man
zur Orientierung eine großmaßstäbige Karte des Geländes vor sich haben,
die wir hier aber nicht. Mitliefern können. Wir hatten uns eingedeckt mit
Karten im Maßstab 1:100.000 und für einige Gebiete 1:50.000, was den
algerischen Behörden nicht zur Kenntnis gebracht werden durfte, da es sich
um Karten der französischen Militärkartographie handelte, bei denen
teilweise noch Sperrvermerke für die Verbreitung angebracht waren. Aber
ohne dieses Kartenmaterial – die touristische Michelin-Karte reichte
natürlich in keiner Weise aus – wäre unsere Geländearbeit unmöglich
gewesen.
In unserer weiteren Ostersonntagsarbeit schauen wir
vom Kef Bordoud nach Süden zum Forét de Mezbel, um uns einen Überblick zu
verschaffen. Der Forét de Mezbel ist eine ausgedehnte Waldlandschaft, kaum
kulturlandschaftlich erschlossen, die sich östlich von den Schichtkämmen
des Aurés auf die Höhen der Nemenchas zieht. In einer späteren genaueren
Erkundung stellen wir die trostlosen Schäden fest, die der Algerienkrieg
auch in diesem Waldgebiet hinterlassen hat, das von französischen
Flugzeugen aus auf große Strecken hin durch Napalmbomben verbrannt wurde
und von dem nur noch schwarze Baumgerippe übrig geblieben sind. Im
Vordergrund fiel der Blick aber auf die fast baumlose Kalkbodenlandschaft
vor dem Kef, mit etwas Anbau auf Regenverdacht. Einige episodische
Quellen, wie sie in der Kalkhydrologie typisch sind, werden zur
Zusatzbewässerung benutzt. Hinter den bewaldeten Kuppen, bestanden mit der
Aleppo-Kiefer und mit Juniperus oxycedrus öffnet sich der Durchblick auf
das Steppenvorland der Sahara (vgl. Abb. 4,09). Zur anderen Seite hin
fällt der Blick vom Kef Bou Irhed am Pass der Autostraße nach Tkout auf
die Waldgebiete von Djebel Mezbel und Djebel Tarherdait und weiter nach
Südwesten auf die unbewaldeten Randketten des Aurés (vgl. Abb. 4,11). In
der Talregion spiegeln wie blaue Glasflächen im grau-braunen Schotter
einige durch Quellen gebildete Seen (vgl. Abb. 4,10). Wir fahren zurück
auf der Höhenpiste in Richtung Tkout. Diese Oase am oberen Talende, sich
schon auf den Hang empor ziehende, besticht in ihrem Eindruck durch
ausgedehnten terrassierten, bewässerter Anbau mit einigen Fruchtbäumen;
die Ortschaft liegt in der Höhe. Im Hintergrund, jenseits des Tales des
Oued Tkout erhebt sich der Djebel Zellatou (vgl. Abb. 4,12).
Ostermontag: Montag, 27. März
1967
Nach einer Übernachtung im Gelände bei Tkout setzen
wir am Ostermontag unsere morphologischen Kartierungen fort. In den
Eozänschichten bei Tkout finden sich wieder wie so häufig in
Mergelablagerungen Gipskrusten (vgl. Abb. 4,13). Damit kommen wir bei der
Oase Rassira wieder in das Tal des Oued el Abiod, des Weißen Flusses, in
der Nähe der Einmündung des Oued Tkout. In einem trockenen Schotterbett,
der Terrasse gris, finden wir bewässerten Feldbau, z.T. leicht
terrassiert, bei der Ortschaft Fruchtbaumpflanzung und einige Dattelpalmen
als Schattenpflanzen. Für fruchttragende Dattelpalmkulturen ist die Lage
zu hoch im Gebirge und damit im Winter frostgefährdet. Den Hintergrund
bildet der Anstieg zum Djebel Zellatou mit alttertiären Vorkämmen und
mittel- bis jungtertiären Beckenfüllungen aus Konglomeraten und bunten
Gipsmergeln (vgl. Abb. 4,14).
Richtig eindrucksvoll wurde aber unsere nächste
Station, der „Balkon von Roufi“. Die Ortschaft Roufi ist ein beliebtes
Anschauungsobjekt für Touristen geworden, da sie an der Route National 31
von Batna über Arris nach Biskra liegt. Typisch die Hanglage der Häuser,
die aus örtlichem Steinmaterial errichtet sind und am Steilhang
treppenförmig empor gemauert sind. Kleine, ummauerte Gärten sind mit
Opuntien bepflanzt – einer Sukkulentenart, die im südlichen
Mittelmeergebiet heimisch geworden ist und als Heckenpflanze benutzt wird.
Ihre roten Früchte werden zu einem süßen Gelee verarbeitet. Von der Straße
aus, die die obere Grenze des Ortes markiert, blickt man auf die Dächer
der Ortschaft – in typischer Art als Flachdächer angelegt, die auch als
Aufenthalts- und Arbeitsraum genutzt werden – und in das Tal, das von
einem langgestreckten Palmgarten, in den die Bewohner auf steilen Pfaden
und Treppen hinunter steigen, ausgefüllt ist. Man Blickt auf Roufi
herunter wie von einem Balkon, mit Blick auf weitere Balkone, die von den
Häusern bestanden werden. Es ist ein erinnerungswerter Blick in die
pittoreske Schlucht des Oued el Abiod, dessen Cañon in tertiäre Schichten,
insbesondere in die harten eozänen Landen-Kalke eingeschnitten ist (vgl.
Abb. 4,15, 4,16).
Auf der Weiterfahrt entlang dem Cañon des Oued el
Abiod unterhalb von Roufi ist festzuhalten, dass in der Talsohle weitere
Palmpflanzungen mit Flusswasserbewässerung zu finden sind (vgl. Abb.
4,17). Auch im unteren Tal des Oued el Abiod wird die Morphologie geprägt
von der starken Auflösung der im Talbereich liegenden weichen Schichten.
Es handelt sich vorwiegend um Kalke des alten Tertiär, Eozän und Paläozän,
insbesondere um die Landen-Kalke. Im Zerschneidungsbereich finden sich,
wie schon mehrfach beobachtet, Beckenfüllungen, die als zerschnittenes
Talglacis mit zwei Flächenniveaus ausgebildet sind. In der Nähe des stark
eingetieften Oued el Abiod sind diese Schotterkörper tief und feingliedrig
zerschnitten (vgl. Abb. 4,18).
Obwohl unsere Kartierungsrouten nicht allzu
systematisch erscheinen, nähern wir uns dem Gesamtbild des Aurés in großen
Bögen, immer wieder von kurzen Rekreationsaufenthalten in Batna
unterbrochen. Der Di., 28.03., führt uns wieder an unsere „Rennstrecke“
zwischen Batna und Biskra – in die Biskraberge, die den westlichen An- und
Abschluss des Zentralaurés bilden. Der Djebel el Melah (‚Salzberg‘)
nördlich von El Outaya hat einen ganz besonderen Charakter als
aufgedrungener triassischer Salzstock, zu erkennen sind an der Oberfläche
‚Salzsäulen‘ – mit anderem Material vermengt und überdeckt. Diese
Überdeckung ist an vielen Stellen verdrängt und umgelagert. Durch die
spezifischen Lösungsvorgänge im Salz finden sich einige Formen einer
typischen Salzmorphologie. Der hohe Salzgehalt verhindert hier jegliche
Vegetation (vgl. Abb. 4,19, 4,20). Aber die Fahrt auf der blendendweißen
Piste zum Djebel el Melah ohne jegliche Konturen und Schatten bewirkte bei
uns Blessuren an Kopf und Hals. Schon auf der Hinfahrt übersehen wir eine
die Piste querende Rinne, in die der recht schnell fahrende Bus voll
hineinfährt, um uns von den Sitzen bis unter das Fahrzeugdach zu
schleudern. Doch auf der Rückfahrt wollten wir vorsichtiger sein, doch wir
verschätzen uns in der Entfernung – und wieder knallte der Bus in die
Rinne, wobei die Stoßdämpfer durchschlugen, und wir hingen unterm Dach…
Der Alltag im Gelände
Der Abend dieses Tages brachte noch etwas romantische
Stimmung mit einem Sonnenuntergang bei leichter Bewölkung, von Norden
aufziehend, nördlich des Djebel Metlili (vgl. Abb. 4,21). Doch es ist
Zeit, etwas über unser Leben im Gelände zu berichten. Ein echtes
Mittagessen vergönnten wir uns nicht, dazu war es einmal zu heiß, und der
Umbau des Busses hätte den Zeitplan völlig durcheinander gebracht. Ab und
zu kochten wir uns auf unserem Campinggas-Brenner etwas Tee auf. Dafür war
dann der Abend umso geruhsamer. Die Seitentüren wurden geöffnet – unser VW
T1 hatte noch Klapptüren auf der Seite – und der Campingtisch und zwei
Campingstühle wurden herausgeholt. Auf dem Campinggas-Kocher kochten wir
einfache Gerichte aus Dosen und Tüten, die aber nach langer,
abwechslungsreicher Tagesarbeit sehr gut schmeckten. Dazu tranken wir
schwarzen Tee – mussten aber die Tassen wegen der Fliegen und anderer
Insekten immer mit der Untertasse abdecken. Nach dem Abwasch – meist in
einer Plastikschale mit Wasser aus dem Kanister – saßen wir dann noch
einige Zeit zusammen bei einem Glas Wein. Hier tranken wir einen
qualitativ guten algerischen Mascara Rosé, den wir in Batna kauften. Die
gepflegten und hohe Qualitätsstandards folgenden Weingüter von Mascara bei
Oran sind leider nach dem Algerienkrieg nicht weiter gepflegt und später
untergepflügt worden, so dass diese guten Weine nicht mehr gekeltert
werden.
Ab und an suchten wir nach Informationen im Radio,
doch das hatte einige Probleme. Die Auswahl der in der Wüste zu
empfangenen Sender war nicht groß und es war mehr ein Glückstreffer, wenn
mal ein französischer oder – ganz selten – deutscher Sender zu hören war –
von Verstehen war dann aber immer noch nicht regelmäßig die Rede. Recht
deutlich kam aus Europa eigentlich nur „Radio Vaticana – le voce del Papa
e della Chiesa in dialogo con il mondo“ – natürlich in Italienisch und für
uns nicht sehr aufschlussreich. Und, alles andere übertönend, natürlich
unser arabischer Haus- und Regionssender „Radio Constantine“ (Radio
Qsantina), der außer nicht verständlichen Textbeiträgen arabische Popmusik
sendete.
Die Nachtruhe begann dann mit dem Umbau des Busses.
Gepäckstücke, die auf den Brettern des Ausbaus lagen, wurden auf die
Vordersitze gebracht, die Vorhänge vor den Scheiben und zwischen
Fahrerkabine und „Schlafraum“ zugezogen. Dann wurde die zweite Holzplatte,
die tagsüber auf der hinteren Platte lag, nach vorne gezogen – Dr.
Achenbachs Schlafstätte – und die beiden Schaumgummimatratzen und das
Bettzeug auf die Platten gelegt. Mein Schlafplatz war dann die hintere
Platte. Nachdem wir alles fertig hatten und in die Betten gekrochen waren
– nicht ohne uns vorher in der Plastikschüssel gewaschen zu haben – zog
Dr. Achenbach die Türen zu und verriegelte sie von innen. Die Türen zur
Fahrerkabine waren schon vorher abgeschlossen worden.
Der Morgen begann dann mit dem Umräumen des Busses
und dem Aufbau unseres „Speisesaales“ mit Campingtisch und Campingstühlen
– nach der Morgenwäsche – und setzte sich mit dem Frühstück mit
Pulverkaffee und Broten fort. Ab und zu mussten wir uns auch um unsere
Kleidungswäsche kümmern, was wir meist im Hotel in Batna erledigten, wo
wir über heißes Wasser verfügten. Waren wir in Eile nahmen wir nach dem
Aufstehen die noch feuchte Wäsche mit und hängten sie im trockeneren und
heißeren Süden für einige Stunden in der Mittagszeit auf, z.B. auch bei El
Kantara.
Wieder bei El Kantara
Am Mi., 29.03. fuhren wir durch lichten
Juniperus-Wald in die nördlichen Vorketten des Djebel Metlili bei Seggana
nördlich von El Kantara. Die Niedervegetation bestand aus Halfagras,
Rosmarin und vereinzelt Esparto-Gras. Durchzogen wird das Tal vom
Schotterbett des Oued el Hai, auf der Niederterrassenfläche findet sich
bewässerter Ackerbau; Befestigungsanlagen sichern die Route Nationale 3
gegen Unterspülung (vgl. Abb. 4,22, 4,23). Das Tal des Oued Hai oberhalb
von El Kantara führt auf der einen Seite zum Malou Chergui, auf der
anderen Seite zum steilen Anstieg zum Djar Ouled Bellil. Den 30.03.
verbrachten wir im Hotel in Batna – u.a. mit Wäsche waschen…
Weiterfahrt am nächsten Tag, Freitag, 31.03., folgen
wir der der Straße Route Nationale 3. Hier finden sich Baumpflanzungen mit
Feige, Aprikose und Pistazie. Bemerkenswert sind auch die
Befestigungsanlagen aus der Zeit des Algerien-Krieges (vgl. Abb. 4,24). In
einer Übersichtsaufnahme von einer Vorhöhe des Djar el Bechra sind
erkennbare Talglacis beiderseits des Oued el Hai. Tiefenlinie durch
Vegetationsverdichtung erkennbar. Im Blick auf den Durchbruch von El
Kantara erkennt man die Stirnseite der Maastricht-Schichten mit ihren
Kefbildung. Auf den Verebnungen findet extensiver Feldbau statt (vgl. Abb.
4,25, 4,26). Hier fand auch das schon erwähnte Wäschetrocknen im Gelände
statt (vgl. Abb. 4,27). In der Schlucht selbst finden wir wieder die
Leitvegetation Artemisia Campestris und andere Xerophyten (vgl. Abb.
4,28). Der Djebel Metlili erscheint hier mit Vorkämmen und Hangrippen. Die
selektive Präparation der Harten Schichten wird deutlich sichtbar. Sonst
wieder eine Talaufschotterung mit Übergang vom Hang- zum Talglacis (vgl.
Abb. 4,29).
Am Sa., 1.04., fahren wir zur Taloase Maafa am Oued
Maafa, einem Nebenfluss des Oued Fedhala, der zur Schlucht von el Kantara
führt. Bewässerter Feldbau wird auf der Schotterfläche einer alten
Talsohle, der Terrassenfläche eines Talglacis, betrieben, die selbst
wieder vom rezenten Oued Maafa aufgelöst wird. Im Hintergrund sind die
diskordanten Lagerungsverhältnisse der bis hinunter ins Tertiär reichenden
Talfüllungen gegenüber den gefalteten Kalken des Eozän und des Maastricht
deutlich zu erkennen (vgl. Abb. 4,30).Die Oase Maafa besitzt reiche
Fruchtbaumpflanzungen mit Nüssen, Feigen, Aprikosen und andere Pflanzen
(vgl. Abb. 4,31). Am Hang der Taloase Maafa terrassierter Feld- und
Fruchtbaumbau. Die wenigen Dattelpalmen tragen aus klimatischen Gründen
(Gebirgsklima mit Winterfrösten und relativ kurzer trocken-heißer
sommerlicher Vegetationsperiode) keine für eine Nutzung hinreichende
Früchtemenge und -qualität (vgl. Abb. 4,32).
Oberhalb von Maafa kommen wir zum Djebel Tououennt.
Die spärliche Bodenbedeckung lässt überall die stark zerklüfteten und mit
Karstformen versehenen anstehenden Kalke an die Oberfläche treten. Als
Vegetationsform findet sich hier ein spärlicher Wacholderwald aus
Juniperus oxycedros (vgl. Abb. 4,33). Interessant ist es auch,
morphologische Prozesse in Kleinformen wahrzunehmen, wie z.B. Karstformen
an einem Kalkblock. Die ursprünglich im Boden steckende Verkarstungszone
wurde beim Straßenbau nach oben gebracht (vgl. Abb. 4,34).
Unzugängliche Waldpisten
Bei unserer Weiterfahrt kommen wir in Steineichenwald
beim
Maison Forestiere d' 'Ain Tnourist am Djebel Djebrount (vgl. Abb.
4,35). Das unzugängliche Waldgebiet liegt zwischen Den Biskra-Bergen mit
der Schlucht von El Kantara und den westlichen Kämmen des Aurés. Zuletzt
war es eine recht steile Gebirgsfahrt auf einer eher provisorisch
wirkenden Piste am Hang, die zuletzt so steil wurde, dass wir sie mit
unserem Wagen nicht mehr erreichen konnten. Und dann kam ein etwas
riskantes Manöver. Ein Wenden des Fahrzeuges war auf der engen Piste nicht
möglich, wir musste wieder zurück und zwar in Rückwärtsfahrt. Das war
wenig angenehm, da auf der einen Seite immer wieder Einbrüche in die Piste
als Folge von Erosion und Hangrutschungen auftraten, in denen die Gefahr
bestand, auch mit dem Fahrzeug abzurutschen. So bin ich voraus gegangen –
immer an der Abbruchkante entlang – und habe das Fahrzeug langsam
eingewiesen bis wir etwa nach einem Kilometer an eine breitere Stelle
kamen, an der wir wenden konnten. Deutlich geworden war uns dabei, dass
der Motor nicht mehr die volle Leistungsfähigkeit besaß und das
wahrscheinlich ein Zylinder nicht mehr zog.
Soweit wir gekommen waren haben wir aber das Gelände
kartiert. Zielpunkt war die Oase Arba am Kef Toufikt. Im Talbereich finden
wir die Zerschneidung durch den Oued Smail, einem Nebenfluss des Oued
Fedhala. Der Anbau von Arba befindet sich im stark und cañonartig
eingetieften Talbereich, die Häuser wurden, fast unerreichbar, an den
Gebirgshang gebaut. Am Hang im weichen Mergel befindet sich eine größere
Abbruch- und Rutschzone, deren Ausdehnung auch die Ortschaft bedroht. Im
Hintergrund die fast saiger (senkrecht) gestellten Kalkrippen aus dem
Touron des 1742 m hohen Djebel Toufikt (vgl. Abb. 4,36).
Oberhalb von Maafa treffen wir auf den Cañon des
Chebet el Kebir, eingeschnitten in bankig gelagerte Kalke mit
Gesimseformen am Hang. Die Vegetation besteht aus spärlicher Juniperus-
und Steineichenmaccie. Der Oued kommt vom Djebel el Rherab und entwässert
das Gebiet zwischen Djebel Bous und Djebel Rherab. Im Nordosten endet
dieser Talbereich mit einer als Sattel ausgebildeten Wasserscheide hin zum
Ausraumbereich des Oued Bouzina (vgl. Abb. 5,01, 5,02).
Das Arbeitsthema des nächsten Tages, dem Sonntag,
2.04., ist der Nordaurés. Das Gebiet ist eine recht unzugängliche
Gebirgslandschaft zwischen der Talsenke an der Route Nationale zwischen
Batna und Biskra an der Westseite und der Straße von Batna nach Osten über
Lambése und Timgad, den alten römischen Ruinenstädten, nach Tebessa. Im
Südosten findet sich das Bouzina-Tal als erstes Durchgangstal des
Zentral-Aurés und die Talbildungen an der Straße N 87 über Menâa nach
Biskra. Wir fahren zum Djebel Ich Ali, dessen Westhang starke
Zerschneidungen in weichem Mergel aufweist, die durch Rutschungen und
Hangabtragung des weichen Materials lokal aufgelockert sind. Als
Vegetation finden wir hier mediterrane Steineichen-Maccie mit
Aleppo-Kiefern (Pinus halepensis), was auf die höhere Lage im Gebirge und
die Nordexposition hinweist (vgl. Abb. 5,03). Vom Djebel Ich Ali geht der
Blick in das Tal des Oued Fedhala. Auch hier wieder mediterraner
Aleppokiefernwald, mit Übergängen zur Steineichen-Maccie. Dazwischen als
Niedervegetation Dis-Gras und Rosmarin (vgl. Abb. 5,04).
In der Südexposition des Hanges findet sich eine
lokale Auflockerung dos mediterranen Waldes, bzw. der dichten Maccie am
Djebel- Chenntouf (vgl. Abb. 5,05). Der Djebel Chenntouf beim Maison
Forestiere Taguergoumest war Schauplatz von Kämpfen im Algerienkrieg,
wovon durch Brandbomben (Napalm) und Granaten zerstörte Waldvegetation
zeugt (vgl. Abb. 5,06, 5,07). Im Tal des Oued Fedallah finden wir eine
waldähnliche Maccie aus Steineichen und der Aleppokiefcr, während das
Schotterbett mit spärlicher Buschvegetation bestanden ist (vgl. Abb.
5,08).
Am Oberlauf des Oued Fedallah findet sich ein
cañonartiger Durchbruch durch eine ausstreichende Bank aus Touronkalk.
Ähnliche Durchbruchformen folgen sich hier mehrfach gestaffelt. Die
Vegetation wird wieder bestimmt von einer Steineichenmaccie, die im
Sehotterhangbereich aufgelockert ist (vgl. Abb. 5,09). Aber auch
kulturlandschaftliche Nutzung ist hier zu finden. So stoßen wir auf eine
ausgedehnte Fruchtbaumoase mit Flussbewässerung im Mittellauf des Oued
Fedallah (vgl. Abb. 5,10).
Nach einer Arbeitspause in Batna streifen wir am Mo.,
3.04., den Nordaurés noch einmal mit Blick vom Djebel Ich Ali (in der Nähe
des zerstörten Forsthauses) in die Batnasenke. Pinienwald (vgl. Abb.
5,11), um uns dann von Norden her wieder in den Zentralaurés zu begeben.
Der Pass zwischen Kef el Mehrab und Djebel Khoum ed Dib, Teniet Sidi
Lachmadi, führt uns in das Tal des Oued Abdi (Sklavenfluss). Von der
Pass-Straße nach ergibt sich ein guter Überblick in Richtung Südosten auf
das Tal des und den Anstieg des zentralen Gebirgskernes, der etwas weiter
südwestlich im Djebel el Azreg (= Grüner Berg) eine Höhe von 1937 m
erreicht. Das Abdi-Tal zeichnet das Ausstreichen der weicheren
Kreide-Schichten unter dem Maastricht-Kalk des Khoum ed Dib-Zuges nach
(vorwiegend Campan-Mergel), während der Anstieg zum Azreg-Massiv von steil
gestellten Schichten der Unteren. Kreide (angefangen von den Kalken des
Touron und Cenoman) begleitet wird. Im Zentrum treten jurassische
Massenkalke an die Oberfläche. Hier befindet sich das Hebungszentrum des
Aurés. – Im Abdi-Tal finden wir bewässerten, zum Hang hin leicht
terrassierten Feldbau und in Ortschaftsnähe verdichtete, sonst vereinzelt
Fruchtbaumkulturen. Die Siedlungen liegen auf den höheren Terrassen oder
auf vorgelagerten Bergvorsprüngen und Spornen. Der Hausbau erfolgt mit
ortsüblichen Steinen; kleinere Hausgärten und Höfe sind teilweise
ummauert. Die gesamte Ortschaft hat Schutzlage sowohl gegen natürliche
Schädigungen (Hochwässer) als auch gegen menschliche Angriffe. Es
entspricht so dem Typ der Berbersiedlung; im Aurés lebt der Berberstamm
der Chaouia. – Der Gebirgshang ist größtenteils von einer stark
degradierten Juniperus- und Steineichen-Maccie bedeckt. Bei günstigerer
Exposition nach Nordwest und in größerer Höhe im Gebirgsinneren wird diese
abgelöst von einem sich verdichtenden Steineichen-, Aleppokiefer- und
stellenweise auch Atlaszedernwald. Halbnomadische Weidewirtschaft ist hier
noch verbreitet (vgl. Abb. 5,12).
Der Pass Teniet Sidi Lachmadi öffnet den Blick auf
eine kleine Hangsiedlung. Deutlich wird, die kompakte Haus- und
Siedlungsstruktur, die gut gegen die wechselnden Klimaeinflüsse des
Gebirges schützt. Ein Kuppelbau markiert den Kornspeicher. Das Dach der
Häuser wird als Aufenthaltsraum mitbenutzt. Zum Teil dient es auch als
Arbeitsplatz, z.B. beim Dreschen des Kornes mit Hilfe eines Esels. Auf der
gegenüberliegenden Hangseite ein Dienstgebäude der Verwaltung,
(Gendarmerie National). Im Hintergrund öffnet sich das Tal des Oued
Bouzina, bzw. des Nebenarmes Oued Nerdi (vgl. Abb. 5,13, 5,14, 5,15).
Dienstag, 4.04.: Über den Pass fahren wir in das Tal
des Oued Bouzina. Dieses ist eine ausgeräumte Beckenzone, die auf allen
anderen Seiten von Felsklippen und Schichtkämmen umschlossen wird, so dass
auch eine Einfahrt nur an dieser einen Stelle möglich ist. Eselspfade und
Weidewege der Schaf- und Ziegenherden überqueren die Randgebirge an vielen
Stellen, sind aber für uns nicht befahrbar. Im Tal selbst finden wir
interessante und vielfältige Versteinerungen aus den Eozän-Kalken des
Kalat el Arar, einem Restberg einer alten Talfüllung im inneren
Beckenbereich des Oued Bouzina und seiner Nebenflüsse (vgl. Abb. 5,16).
Der Cañon des Oued Bouzina im Oberlauf westlich des Kalat el Arar
durchschneidet mächtige eozäne Kalk- und Mergelschichtpakete, die hier
nahezu söhlig (waagrecht) liegen und nur randlich von der steil gestellten
Kreide der Randkämme mit aufgeschleppt worden sind, auf der sie z.T. in
einer leichten Diskordanz aufliegen – was auf verschiedene Phasen der
Hebung und Akkumulation hindeutet –, sie werden durch Erosionsrinnen tief
zerschnitten. Deutlich wird auch, dass sich unter ariden
Erosionsbedingungen keine ausgeglichenen Flusslängsprofile bilden, sondern
dass nach dem Prinzip der selektiven, die Petrovarianz nachzeichnenden
Erosion die einzelnen härteren Gesteinsstufen im Anschnitt als
Versteilungen des Profils bemerkbar werden (vgl. Abb. 5,17).
Der alte Teil des Ortes Bouzina ist auf einem
Talsporn erbaut (Schutzlage). Das Tal des Oued Bouzina und der hier von
rechts einmündende Seitenfluss vom Tinest am Djebel el Rehrab sind stark
in die söhlig lagernden Eozän - Kalke eingetieft. Die Talsohle im Cañon
wird für Fruchtbaumkulturen genutzt. Im Hintergrund vor der
Maastricht-Kalkkette des Kef el Mehrab als isolierter Rest einer alten
Talfüllung der Höhenzug des Tissidelt aus roten oligozänen Gipsmergeln,
die von einer hangenden Konglomeratdecke geschützt worden (vgl. Abb.
5,18).
An einem Seitenarm des Oued Bouzina erkennt man die
von der Mündung ausgehende rückschreitende Erosion, die abhängig ist von
der Widerstandsfähigkeit der anstehenden Gesteinsschichten (Landen-Kalke
und weiche Mergel). In der feuchteren Tiefenlinie wächst Oleander (vgl.
Abb. 5,19). Im unteren Bouzina-Tal findet sich eine Neusiedlung. Hier
werden Baumkulturen, Nüsse, Aprikosen, Orangen, Feigen angebaut. Die
Bewässerung erfolgt auf Quellbasis mit einer Terrassierung am Hang. Die
Siedlung liegt wiederum über dem Kulturland. – Hinter der Ortschaft erhebt
sich das Kef des Tissidelt und der Anstieg zum Kef el Mehrab. (vgl. 5.18,
5,20). In der Neusiedlung findet sich auch eine Schule. Der Blick geht
über aufgelöste Oligozän-Mergel mit Gipsadern vor dem Kef des Tissidelt
(vgl. Abb. 5,21).
Beschäftigen wir uns weiter mit der Morphologie des
Gebietes fallen steilgestellte wechsellagernde Mergel- und Kalkschichten
unterschiedlicher Färbung auf, die durch selektive Erosion zu einer an der
Petrovarianz orientierten Rippenstaffel ausgebildet werden. Im Nordwesten
folgt der Hang des unteren Bouzina-Tales. In den Mergeln der
Talauffüllungen sind eingelagerte Gipsadern zu erkennen (vgl. Abb. 5,22).
Zurück über die Pass-Straße zum Teniet Sidi Lahmadi
am Nordwest-Abfall des Kef el Mehrab. Im Hintergrund Zerschneidungslinien
des Oued Nerdi im Gebiet von Draa ed Dib. (Passhöhe: 1569 m, Talhöhe bei
Bouzina: 1188 m). – Das Bild zeigt deutlich die Verkehrsfeindlichkeit der
Kettenregion des Zentralaurés, die sogar für den Bau von einfachen
Autopisten, wie auf unserem Bild, komplizierte Trassierungen und einige
Erdbewegung notwendig macht (vgl. Abb. 5,23).
Wir erreichen Menâa im mittleren Tal des Oued el Abdi.
Die Ortschaft liegt in typisch berberischer Schutzlage auf einem
weitgehend isolierten Talsporn über der darunter im Abdi-Tal liegenden
Anbaufläche. In Ortsnähe überwiegt der Fruchtbaumanbau in terrassierten
Bewässerungskulturen: Nüsse, Aprikosen, Feigen. Der bewässerte
Getreideanbau in Flussnähe wird mit wachsender Entfernung vom Ort
extensiviert. – Im Hintergrund geht der Blick über einige als Rippen- und
Kammstaffel ausgebildete Vorhöhen der mittleren und unteren Kreide hinweg
auf das Zentralmassiv des Djebel el Azreg (= Grüner Berg), der etwa im
Bereich unseres Bildes 1937 m erreicht. Infolge seiner Höhe bietet er
bessere Klimabedingungen als die randlichen Talregionen und ist daher mit
Steineichen und Wacholder bewaldet. In günstiger Exposition finden wir
hier auch die Atlaszeder (vgl. Abb. 5,24).
Wir übernachten im Tal des Oued Abdi. Am Mi., 5.04.,
fällt unser Blick zunächst auf die anstehenden Gesteine. Ein tertiäres,
buntes Kalkkonglomerat, als Schotter überformt, füllt das Schotterbett
eines Nebenflusses des Oued Abdi bei Amentane aus (vgl. Abb. 5,25). Dieses
Seitental des Oued Abdi ist als Schlucht in tertiären Schichten
ausgebildet. Bei dem V-förmigen, engen Talprofil erkennen wir eine
erstaunlich große Schotterführung des nur periodisch durchflossen Oued
(vgl. Abb. 5,26). In der gleichen Schlucht fällt ein bemerkenswertes
Detail auf: die Zweistufigkeit des Talprofiles. Oben erkennen wir eine
weitere, fossile Korbform, unten, entsprechend der jüngeren Freilegung und
der noch fortschreitenden Überformung das rezente, cañonartige Talprofil.
In die Schottersohle eingebettet sind größere Blöcke von Abbruchmaterial,
z.T. aus Kalkkonglomeraten- Bei Amentane finden wir gut ausgeprägte
Randkämme und Rippenstaffeln vor dem Azreg-Massiv (vgl. Abb. 5,27, 5,28).
Am Do., 6.04., verschaffen wir uns beim Maison
Forestiere de Tharda am Djebel Tharda, der nordöstliche Verlängerung des
Djebel el Azreg, auch mit Hilfe von Fotoaufnahmen einen Überblick über den
Kamm des Djebel Tikirchouine auf den Zug des Djebel Bous im Nordwesten,
bei dem sich ausgeprägte Klippenbildungen erkennen lassen und der mit
Wacholder- und Steineichenwäldern bedeckt ist (vgl. Abb. 5,29). Ebenfalls
vom Djebel Tharda fällt der Blick nach Südwesten in Richtung auf die
Biskraebene am Rande der Sahara über die südöstlichen Vorkämme des Azreg
und den Südaurés hinweg. Auch hier findet sich wieder Steineichen-,
Aleppokiefern- und Wacholderwald. In den Tälern. und nach Süden hin findet
eine Abnahme der Bewaldung statt (vgl. Abb. 5,30). Geht der Blick vom
Djebel Tharda: weiter nach Südosten erscheinen die Kämme des Djebel
Takhoud auf der rechten Seite und des Djebel el Krouma, der getrennt wird
durch die Schlucht von Tahammamet im Tal des Oued el Abiod bei Roufi. Im
Hintergrund fällt der Blick auf den Anstieg des Djebel Ahmar Kraddou. Im
Vordergrund über der Rippenstaffel befindet sich lichter Wald. (vgl. Abb.
5,31). Bei einer weiteren Wendung des Blicks vom Djebel Tharda sind nach
Nordosten durch das bewaldete Gebirgsgebiet des Djebel Tharda und der
Moudji-Senke, einem intramontanes Becken, und ihrer nördlichen Begrenzung
die entfernte Kette von Djebel Mahmel als nordöstlicher Verlängerung des
Djebel Khoum ed Dib zu erkennen. Im Vordergrund bewaldete Kalkklippen
(vgl. Abb. 5,32).
Am Fr., 7.04., haben wir uns etwas Besonderes
vorgenommen, das – wir ahnen es noch nicht – mit einem besonderen
Nervenkitzel enden wird. Zunächst kartieren wir die Kammregion im Bereich
des ‚Zusammentreffens‘ von Djebel Mahmel (Südwest-Nordost) und El Malou
(West-Ost, Verlängerung des Djebel el Rherab nördlich des Bouzina-Tales).
Die Maastricht-Kalk-Schicht, die hier bis zum Kalat Zana nahezu söhlig
liegt und im Nordwesten und Südosten mit Kefs abbricht, sinkt in der Mitte
nach Südwesten hin immer tiefer ein und bildet somit die geologische Mulde
des Bouzina-Tales. Die Ränder dieser Maastricht-Platte, die nach SW hin
immer steiler gestellt sind, brechen nach außen hin mit Kefs ab und bilden
so die Randketten des Bouzinatals.
Wir besteigen nun den höchsten Gipfel des
Untersuchungsgebietes – und den zweithöchsten in ganz Algerien – den
Djebel Mahmel mit seinen 2321 m Höhe. Ein gutes Stück des Weges am Hang
können wir noch mit dem Fahrzeug zurücklegen, ehe wir dann über
Geröllflächen und Kalkabbrüche auf den Gipfel gelangen. In der Höhe finden
wir eine starke Verkarstung des anstehenden Kalkes und rezente
Frostmusterböden, in Nordexposition noch Anfang April Schneereste zwischen
spärlicher, alpenähnlicher Polstervegetation (vgl. Abb. 6,01).
Der Blick auf der Gipfelregion nach Nordwesten über
die verkarstete Höhenplattform zeigt Dolinenformen, zum Teil mit kleinen
Seen und am Hang offenem Karst und, wie schon festgestellt,
Polstervegetation (vgl. Abb. 6,02).
Aber jetzt wird es spannend. Vom Tal her, unter uns,
blicken wir auf ein aufziehendes Sturmtief, das nach einer längeren
Periode trocken-heißen
Sciroccos (Chergui)
aus Süden sich in heftigen Regengüssen entlädt und beim Aufstieg auf das
Mahmelmassiv starke Gewitter ausbildet. Von oben sehen wir auf die von
Blitzen durchzuckten dunklen Wolkenmassen, die sich dem Gipfel nähern. Das
wird uns dann doch zu gefährlich, da wir als stehende Personen auf dem
Gipfel des Mahmel wohl die höchsten Punkte in Südalgerien darstellen – die
idealen Blitzableiter. Wie der Blitz machen wir uns auf den Rückweg zu
unserem Wagen, der gottseidank auf der anderen Seite des Berges steht, und
rutschen ohne viel achtzugeben über die Schotterflächen nach unten, immer
wieder Kalkbänder blind überspringend. Wir können nur danken, dass wir uns
dabei keine Knochen gebrochen haben. Wir erreichen dann unseren Wagen und
sind in ihm vor Blitzeinschlägen sicher. Aber: Das Gewitter zieht dann
auch gar nicht über den Gipfel hinweg, sondern entlädt sich aus einer
dunklen Wolkenfront über der Höhenlage (vgl. Abb. 6,03).
Am nächsten Tag nach einer Nacht im Gelände, am Sa.,
8.04., beschäftigen wir uns wieder mit dem Nordaurés. In der Höhenregion
des Djebel Stah bei Laubéso nördlich des Djebel Mahmel findet sich offener
Karst, den wir in seinen Details aufnehmen (vgl. Abb. 6,04, 6,05, 6,06).
Es folgt eine Nacht in Batna.
Die Motormörder…
Der nächste Tag, So., 9.04., führt uns in die
Belezmaberge westlich von Batna. Auf dem Djebel Bordjem blicken wir auf
die Senke des Oued el Ma (früherer Name des Ortes: Bernelle). Im
Hintergrund erscheint der Djebel Mestaoua. Nach Südosten fällt der Blick
auf den Djebel Tuggurt und seine Vorketten, die mit Zedernwald bedeckt
sind. Diese Zedern haben wir Wochen früher schon mit Neuschnee bedeckt
bewundern können (vgl. Abb. 6,07, 6,08). Hier erleben wir eine schwierige
Situation. Bei der Einfahrt in ein abgelegenes Tal ergibt sich, dass es
keine andere Ausfahrt gibt, sondern dass wir die gleiche Piste
zurückfahren müssen. Zunächst geht es entlang des Oueds, bis eine
rechtwinklige Abbiegung uns durch eine schotterbedeckte Durchfahrt führt,
die nur im „stop-and-go“ Verfahren überwunden werden kann wegen der
großen Felsblöcke im Flussbett. Die Ausfahrt auf der anderen Seite führt
gradewegs einen Steilhang hinauf, dem unser Bus auch im ersten Gang nicht
packt. „Anlauf“ zu nehmen ist wegen des Oued nicht möglich und für ein
Wendemanöver reicht der Platz nicht aus – in Anbetracht der Überlegung,
dass der Rückwärtsgang meist noch besser zieht als der erste Gang. So
kommen wir nur mit der brutalst möglichen Methode hinauf: im gebremsten
Wagen Vollgas geben und schlagartig die Kuppelung los lassen – der Wagen
macht einen Satz nach vorne und der Motor ist abgewürgt, während ich
hinter das rechte Hinterrad schnell einen Bremsstein schiebe. Und das etwa
zwanzig Mal bis wir oben sind. Hatte unser Wagen schon vorher
Motorschwierigkeiten, war das wohl der Augenblick, als ein Zylinder seine
Funktion fast völlig aufgab. Im Übrigen: auch unser Auspufftopf war im
Laufe der Geländefahrten lose geworden, so dass unser Bus wie ein Panzer
röhrte, was ihn mit der Mehrzahl der einheimischen Camions gleich stellte.
Am Montag, 10.04., geht es dann zu einem neuen
Untersuchungsgebiet: den Ostbecken. Aber zunächst durchqueren wir das
westliche Talsystem der Nemenchas und stoßen damit auf die Sahara. – Am
Nordende des Djebel Chettaia fahren wir von Norden aus dem Becken von
Khenchela kommend bei aufziehendem Gewitter in das Talsystem der Ostbecken
ein (vgl. Abb. 6,09).
Die erste bemerkenswerte Ortschaft ist hier Barbar im
Durchbruch durch den Djebel Bou Zenndeg. Der Durchbruch ist fossil und von
Schotterflächen aufgefüllt. Wir erkennen das große Ausraumbecken
südöstlich vom Hohen Aurés beim Djebel Faraoun im Einzugsgebiet des Oued
el Arab, das durchweg von Kulturland eingenommen wird; im Becken befinden
sich Streusiedlungen (vgl. Abb. 6,10).
Am Di., 11.04., erreichen wir in den nördlichen
Nemenchas die Taloase Taberdga im Tal des Oued Mezzoudj kurz vor seiner
Einmündung in den Oued Bidjer. Weiter südlich ist der Oued Beni Babar –
der das Tal der Ortschaft Barbar bildet –, der Oued Ben Derradj und der
Oued Ouezzern. Die Ortschaft liegt am Hang beiderseits des Tales, das
neuere Ortszentrum mit dem rechteckigen Gebäude der Gendarmerie Nationale
– noch aus französischer Zeit – liegt auf dem Talsporn. Terrassierter
Feld- und Fruchtbaumbau auf Bewässerungsgrundlage begleitet den
Flussverlauf. Die harten Deckenkalke des Landen und die tiefer am Hang
ausstreichenden Maastricht-Kalke bilden mehrstufig gegliederte Talhänge
und Kef- und Gesimseformen. Das Tal weitet sich im weiteren Verlauf durch
das Zusammentreffen mehrerer Flüsse zu einer großen Ausraumzone vor den
Kefs des Djebel Aggar. – Die Strichbewölkung von südlicher Richtung her
deutet auf eine Scirocco- (Chergui-) Wetterlage hin. In die großen
Talsysteme dringt dabei von Süden heiß-trockene Wüstenluft ein, während
die höheren Bergbereiche länger im Einflussbereich der nördlichen. und
westlichen kühl-feuchteren Strömungen verbleiben, die sie jedoch
gleichzeitig von den südlichen Talregionen fernhalten oder nur zeitweilig
als Föhn passieren lassen. Dieses Phänomen verstärkt die natürliche
adiabatische Höhenstufung noch erheblich, so dass krasse höhen- und
expositionsbedingte Unterschiede im lokalen Kleinklima als Faktor der
Vegetation und der agrarischen Nutzungsmöglichkeit zu verzeichnen sind
(vgl. Abb. 6,11). Randlich blicken wir auf eine von einem transversalen
Fluss zerschnittene Kalkkuppe südlich von Taberdga. Auch dieses kleine Tal
wird mit Baumkulturen genutzt. Am Hang finden sich leicht terrassierte
z.T. brach liegende Getreidefelder (vgl. Abb. 6,12), sowie stark erodierte
Reste einer vom höher gelegenen Kef abgebrochenen Kalktafel, die, in das
Tal gerutscht ist. Im Tal des Oued Beni Babar treffen wir auf
Bewässerungsfeldbau (vgl. Abb. 6,14).
Die kleinräumige Kartierung der vielfältigen
Flusstäler und Steilabbrüche geht weiter; wir erblicken einen Durchbruch
durch die harten Kalke bei Zaouia, einer kleinen Taloase mit terrassierten
Fruchtbaumkulturen. Weiter zur Taloase El Amra mit einem Blick auf das
hohe Kef des Djebel Taffrant mit einem angeschnittenen Schichtpaket vom
Landen-Kalk bis zum Campan-Mergel. Am Hangfuß und im Tal mächtige
abgerutschte Kalkplatten als Erosionsreste (vgl. Abb. 6,15, 6,15).
Bemerkenswert ist auch der Kefabbruch des Djebel Gara östlich des Oued
Beni Babar (vgl. Abb. 6,16).
Wir kommen in die ausgedehnte
Piedmont-Glacis-Landschaft südlich der Nemenchas. Auf dem Glacis bei der
Oase Seiar blicken wir auf die Oase nach Norden und auf den des Oued Beni
Babar in der Randkette der Nemenchas (vgl. Abb. 6,17). Nach Westen hin,
entlang der Nemencha-Kette, ist deutlich die Oberflächenstruktur des
oberen, älteren Glacis-Niveaus zu erkennen: Der Schotterkörper erscheint
stark verfestigt, nur noch grobes Schottermaterial, oft mit dunklen
Verwitterungskrusten bedeckt, hat sich auf der Oberfläche halten können,
das Feinmaterial ist heraus gewaschen und abtransportiert. Tiefer gelegene
Teile des jüngeren Glacis werden von einem Flusstal, dem Oued Beni Babar,
der hier schon Oued ben Derradj heißt, zerschnitten (vgl. Abb. 6,18). Nach
Osten hin steht recht isoliert ein von Glacis umflossener pliozäner Kamm
aus roten Konglomeraten; dahinter das Tal des Oued ben Derradj mit
Ausläufern der Palmpflanzungen von Seiar (vgl. Abb. 6,19).
Ein für den hügligen Sahara-Rand typischer Vertreter
der Wüstensteppen-Vegetation ist der Astragalus Busch, das „Sternchen“,
der durch seine langen Dornen besonders widerstandsfähig gegen Ziegenfraß
ist (vgl. Abb. 6,20).
Der Rand der Nemenchas wird gekennzeichnet durch ein
nach Süden einfallendes ‚Abtauchen‘ der weiter nördlich noch waagrecht
liegenden Schichten des Maastricht- und darüber des Landen-Kalkes und der
weicheren Rand- und Zwischen-Mergel. Diese bilden bei der Zerschneidung
durch die aus dem Gebirge austretender, Flüsse, wie hier den Oued Beni
Babar-/Oued Ouezzern großartige Schlucht-, Kef- und Rutschformen. Am
Südrand der Nemenchas bildet Seiar die erste echte Sahara-Palmoase,
während unmittelbar nördlich mit El Amra die letzte typisch berberische
Taloase zu finden ist, die nur einige wenige Dattelpalmen als Nebenkultur
unterhält. In diesem Bereich vollzieht sich sowohl natur- als auch
kulturgeographisch ein, deutlicher Wandel: Im Bereich von El Amra finden
wir die geschilderten Tal- und Cañonformen; die Täler sind angefüllt mit
zum Gebirgsrand hin immer größer werdenden Mengen Abtragungsschutt,
Talschottern und großen Kalkplatten und Kalktürmen, die bei der Erosion.
des angeschnittenen liegenden Mergels von den Kefs des hangende Kalkes
(oben: Landen, weiter unten, entweder als selbständige Stufe oder als
Gesimse am Hang) durch Unterschneidung abgebrochen und abgerutscht sind.
Im Tal erodieren sie dann entsprechend ihre plattigen Struktur streifig
weiter, bis sie ganz zerfallen sind und vom Fluss als Schotter in das
Vorland transportiert werden können. Diese Landschaft wird zum Gebirgsrand
hin immer schroffer und unzugänglicher. Nur wenige Verkehrswege kreuzen
den Gebirgsrand in den Durchbruchstälern der großen Flüsse, sind dort
jedoch durch Hochwässer extrem gefährdet und oft unpassierbar. Der Zugang
zu dieser Region erfolgt von Norden, vom Hochland her. Es herrscht die
berberische Fruchtbaum-Oasenkultur mit Fluss- und Quellbewässerung vor,
die durch Hangterrassierung, flussparallele Irrigationskanäle und eine
Kette von Stauwerken gekennzeichnet ist. – Im Süden ist das Gelände durch
die großen Schotterflächen und Piedmont-Glacis gekennzeichnet. Die
Verkehrswege verlaufen parallel zum Gebirgsfuß auf der
Terrassenoberfläche. Probleme ergeben sich dabei bei der Überquerung der
in die Schotter kastenförmig eingeschnittenen Oueds. An diesen liegen die
Gebirgsrandoasen mit vorherrschender arabischer Dattelpalmkultur, deren
Bewässerung z.T. auf das aus dem Gebirge austretende Flusswasser (dafür
moderne Stauwerke im Südaurés) zurückgreift, z.T. jedoch Brunnen benutzt.
Die umliegende Steppe dient den Nomaden als Weideland. – Auf diesem und
den folgenden Bildern ist der Zerschneidungsbereich des inneren
Gebirgsrandes am Oued Beni Babar bei El Amra zu sehen, z.B. der
Taleinschnitt des Oued Beni Babar und des Dj. Mazoula (vgl. Abb. 6,21,
6,22, 6,23). Am Fuß des Djebel Taffrant finden sich mächtige
Erosionsreste, deren Größe auf dem Bild erst deutlich wird durch den
VW-Bus als Maßstab vor einem abgerutschten Kalkblock (vgl. Abb. 6,24).
Ergänzt wird dieser Überblick durch einen Blick auf das Flusstal
stromaufwärts nach Norden und auf den Kefabbruch des Djebel Mazoula (vgl.
Abb. 6,25).
Am Mi., 12.04., gelangen wir wieder in bekanntes
Gebiet bei Djellal am Oued Djellal an der Gebirgspiste von Khanga Sidi
Nadji über Taberdga nach Khenchela. Der Fluss hat eine breite Zone
ausgeräumt, die begrenzt wird von den Stufen härterer, hier nahezu
waagrecht liegender Kalkschichten. Das Tal dient Djellal als
Fruchtbaumoase der Hang dem bewässerten, terrassierten Feldbau (vgl. Abb.
6,26, 6,27). In der Nähe befindet sich ein ehemaliges französisches Fort
von dem aus sich ein guter Blick auf die Ortschaft öffnet, die erhöht auf
einer Felsplattform liegt (vgl. Abb. 6,28).
Djellal im Tal des Oued
Djellal
Deutlich erkennbar ist hier die Stufenstruktur des
Tales: Terrassen der Talaufschotterung und söhlig lagernde Kalkhänge
korrespondieren vor dem Djebel Draa Bekkar. Interessant ist hier die
Feldflur mit Baumkulturen, die zu einigen von Djellal abhängigen kleinen
Streusiedlungen (‚Mechtas‘) gehört: Ouled Taabet, Ouled Belkassem und
Ouled Seba, die nach den Familien bzw. Stammesnamen der Bewohner benannt
sind (vgl. Abb. 6,29).
Unsere Aufmerksamkeit widmeten wir einer sich
verändernden Landschafts- und Vegetationszone. Auffällig war bei Tadhout
am Djebel Ich Merzou westlich von Djellal eine ausgedehnte Höhenflurwiese
mit blühenden Frühlingsblumen, z.B. Mohn, blaue Distel, und Gelben
Margueriten (vgl. Abb. 6,30). Aber auch die Morphologie zeigte
Besonderheiten. Durch Unterspülung harter Kalkbänke entstanden Höhlen am
Djebel Ich Merzou, die z.T. bewohnt waren. (vgl. Abb. 6,31, 6,32, 6,33).
Als Vegetation in der Höhenlage finden wir eine Berggarrigue, die auf den
Hochflächen übergehet in Halfagrasdecken; im Tal finden sich
Oleander-Vorkommen.
Vom Pass zwischen Djebel Frankou und Djebel Ifamene
fällt der Blick nach Nordosten entlang dem Kef des Djebel Ifamene und auf
das Tal des Oued el Arab, der weiter nördlich auch Oued el Abiod genannt
wird, was nicht zu verwechseln ist mit dem Oued el Abiod im Zentralaurés.
Dieses Tal weitet sich hier zu einer großen Ausraumzone, die nach Norden
hin in die Hochflächen bei Khenchela übergeht. – Die diesige Luft zeigt
an, dass zur Zeit der Aufnahmen Sand- und Staubstürme auftraten; die
Fernsicht ist erheblich behindert. – Die Vegetation ist eine Garrigue, die
sich je nach Exposition, wie im Bildvordergrund zu einer spärlichen,
degradierten Juniperus- und Dornstrauchmaccie verdichtet (vgl. Abb. 6,34).
Beeindruckend ist ein Blick auf die Ausraumzone des Oued el Arab. Der
Höhenunterschied vom Kef bis zum Fluss beträgt hier bis zu 1000 m auf eine
Entfernung von nur 5 km! Entsprechend dieser hohen Reliefenergie sind die
Piedmontflächen (alte Talfüllungen und Talglacis) den heute
vorherrschenden Formungsbedingungen entsprechend stark in Auflösung
begriffen. Das Gesamtgebiet ist extrem verkehrsfeindlich und nur schlecht
erschlossen. Die große Nord-Süd-Straße nach Khanga Sidi Nadji weicht
diesem Gebiet beim Pass von Babar daher aus und führt über Taberdga und
Djellal durch weniger schroff zerschnittene Talzüge (vgl. Abb. 6,35).
Noch einmal ein Blick vom Pass zwischen Djebel
Frankou und Djebel Ifamene auf das Tal des Oued el Arab. In der Talsenke
erscheinen im Dunst die Taloasengruppe Kheirane und Chebla, die wir schon
von Khanga Sidi Nadji aus vergeblich zu erreichen versucht haben. Das Tal
verengt sich hier trichterförmig und nimmt bei Chebla Cañoncharakter an.
Die Verkehrsverbindung ist daher vor Chebla in Richtung Khanga Sidi Nadji
unterbrochen. Im Hintergrund erhebt sich in kuppiger Orogenstruktur das
Gebirgs- und Waldland um den Djebel Toubount. Über den Forét de Mezbel
leitet dieses Gebiet über zu den Kämmen und Längstälern des Zentralaurés.
Strukturbestimmend ist in diesem Gebiet der anstehende kuppig gefaltete
Maastricht-Kalk, der im zentralen Bereich des Djebel Toubount ausstreicht,
um dann im Kammzug des Djebel Ahmar Kraddou wieder auszutreten. Im
Talbereich des Oued el Arab taucht der Maastricht-Kalk unter die
Eozänschichten ab, die hier den Kammzug des Djebel Frankou bilden. Der
Oued el Arab markiert hiermit in seiner Ausraumzone das Ausstreichen der
weichen Oberkreide/Alttertiär-Mergel. Diese sind am Rand des Djebel
Frankou zu sehen (vgl. Abb. 6,36).
Die Fahrt auf einer halsbrecherischen
Serpentinen-Piste den Hang hinunter verlangt unsere ganze Aufmerksamkeit,
gilt es doch eine Höhendifferenz von mindestens 1000 m zu überwinden.
Teilweise führt die Trasse über die ausstreichenden Kalkklippen und wendet
in Ausraumzonen im Mergel, was die Pistenoberfläche uneben und glatt
macht. So waren wir doch froh, als wir die Talsohle erreicht hatten und
uns gewiss waren, hier keine Rückfahrt mehr planen zu müssen, da wir im
Tal des Oued el Arab aufwärts nach Khenchela fahren wollten. Was wir noch
nicht wussten war, dass es auch hier keine ausgebaute Piste oder gar
Straße gab, sondern dass wir uns durch das Schotterbett des Oued kämpfen
mussten mit gelegentlichen Steinstufen, auf denen unser Wagenboden
aufsetzte; das bedeutete, dass wir den Wagen ab und zu mit der Hand
aufschaukeln mussten, um wieder festen Boden unter die Antriebsachse zu
finden. Hier bewährte es sich, dass wir die Sonderausführung für
Tropenfahrten des VW-Busses mit einer verstärkten Bodenplatte fahren
konnten – auch wenn das, wie schon erwähnt, einen Schaden am Auspufftopf
nicht verhindern konnte (und auch nicht das Nachlassen der Federkraft der
Stoßdämpfer, die immer häufiger bei Unebenhe iten durchschlugen).
Vom Tal des Oued el Arab aus ist das mächtige Kef des
Djebel Frankou zu sehen. Unten im Anschnitt liegt der Maastricht-Kalk,
oben befinden sich, das Kef bildend, die Landen-Kalke des Eozän (vgl. Abb.
7,01). Ebenfalls im Tal des Oued el Arab befindet sich die Taloase
Kheirane mit bewässertem Feld- und Frachtbaumanbau; einige Palmen hier
schon vorhanden. Es erfolgt eine intensive Nutzung des weitgehend ebenen
Talbodens; einzelne Bewässerungsareale sind nach wasserwirtschaftlichen
Gesichtspunkten leicht terrassiert und gegeneinander durch niedrige
Steinmauern abgesetzt, im Hintergrund erscheinen die Randerhebungen der
Nemenchas bei Khanga Sidi Nadji (vgl. Abb. 7,02).
Weiter zur Taloase Kheirane im Oued el Arab. Die
Ortschaft liegt auf einer höheren Talterrasse und einem anschließenden
Gebirgssporn und trägt dort deutlichen Festungscharakter. Im unteren
Ortsteil befindet sich mit einer weißen Kuppel die Ortsmoschee. Auf halber
Höhe ist in einem neueren weißen Gebäude die Schule zu erkennen. Auf dem
Berg im Hintergrund befindet sich ein alter französischer Wachturm aus der
Zeit des Algerien-Krieges. Der Oued el Arab führt auch im Sommer noch
etwas Wasser, welches die Bewässerungskulturen fördert. Dicht an den Fluss
heruntergezogen sind die Fruchtbaum- und Dattelpalmpflanzungen. Die
randlichen Gebirge sind aber nahezu vegetationslos (vgl. Abb. 7,03, 7,04).
Typisch ist auch ein Nebental des Oued el Arab
nördlich von Kheirane. Der Fluss springt über die harten,
herauspräparierten Kalk- und Sandsteinbänke hinweg. In Flussnähe befindet
sich eine edaphische Verdichtung der Vegetation mit Juniperus, Artemisia
campestris, Astragalus und stellenweise verschiedenen Büschelgräsern und
Krautbewuchs (vgl. Abb. 7,05).
Nach der schwierigen Fahrt im Oued el Arab
flussaufwärts gelangen wir bei
Khenchela auf die Hochflächen. Der nächste Tag, Do., 13.04., stellt
eine Pause in unserer geographischen Arbeit dar. Khenchela ist durch
folgende Daten gekennzeichnet:
|
Name |
Status |
Bevölkerung
(1998-06-25) |
Bevölkerung
(2008-04-14) |
|
Khenchela (خنشلة) |
Provinzhauptstadt |
87.196 |
108.580 |
Fläche: 32 km² - Dichte: 3393,1 Einw./km² - Änderung:
+2,26%/Jahr
Khenchela liegt noch im Auflösungsbereich des
Gebirges im Übergang zu den Hochflächen und ist von Höhenzügen und
Steilabbrüchen umgeben. Die Stadt selbst ist in den letzten Jahren stark
gewachsen – bei unserem Besuch sind gerade Ansätze dafür zu erkennen – und
hat wenig bemerkenswerte Bausubstanz. Verwaltungs- und Militärfunktionen
treten deutlich hervor. Ein regelrechter Altstadtkern ist nicht
vorzufinden.
Wir fahren weiter auf der Route National über die
Hochflächen nach Osten – letztlich in Richtung auf die tunesische Grenze –
nach Tebessa. Diese Stadt hat eine alte Siedlungsgeschichte bis in
römische Zeit. Alte Mauern und Tore sind noch erhalten.
Folgen wir der Beschreibung der Stadt in Wikipedia: „Tebessa,
arabisch تبسة, DMG Tibissa (auch Tébessa oder Tbessa), ist die
Hauptstadt der gleichnamigen algerischen Provinz. Sie liegt etwa 40 km von
der algerisch-tunesischen Grenze entfernt auf einer Höhe von 960 m und hat
über 200.000 Einwohner (Schätzung 2005). Tebessa ist Universitätsstadt und
besitzt einen internationalen Flughafen (Airport Cheikh Larbi Tebessi,
IATA-Code: TEE). Des Weiteren ist Tebessa das Zentrum der algerischen
Filmszene und veranstaltet auch alljährlich ein internationales
Filmfestival. In der Antike führte eine der wichtigsten Handelsstraßen im
römischen Afrika von Karthago nach Tebessa oder Theveste, wie es damals
hieß. Um 75 n. Chr. war dort die römische Legio III Augusta stationiert.
Einige Ruinen aus der Römerzeit sind dort bis heute erhalten geblieben. Im
Jahr 295 erlitt der frühchristliche Kriegsdienstverweigerer Maximilian in
Theveste den Märtyrertod.“
Lange können wir uns hier nicht aufhalten, da die
geographische Arbeit ruft. Doch einige bemerkenswerte Eindrücke von dieser
Stadt können wir mitnehmen.
Am nächsten Tag, Fr., 14.04., gelangen wir nun
endgültig in den Bereich der Ostbecken und fahrend dort, etwa parallel zur
tunesischen Grenze in Richtung Süden. Die Landschaft und die Vegetation
ändern sich hier, hervor treten weite Landstriche mit Halfa-Gras. Südlich
von El Ma el Abiod treffen wir auf ein Halfadepot, das uns signalisiert,
dass Halfa hier ein wichtiges Wirtschaftsgut ist. Im Hintergrund sehen wir
den Djebel Bou Djellal (vgl. Abb. 7,06, 7,07).
Halfa-Gras
„Das ausdauernde Gras bildet 60 bis 150 Zentimeter
hoch werdende Horste. Die Blätter sind nur während der Vegetationsperiode
entfaltet und grün. Während Trockenperioden sind sie eingerollt und
erscheinen grau. Auf der Oberseite sind die Blätter dicht behaart. Das
Blatthäutchen ist kurz und gewimpert. Die Blüten stehen in Rispen, die 25
bis 35 Zentimeter lang sind. Die einblütigen Ährchen stehen dicht. Die
Hüllspelzen sind häutig und lang zugespitzt. Ihre Länge ist 2,5 bis 3
Zentimeter. Die Deckspelze ist ebenfalls häutig. Sie ist an der Spitze
zweispaltig. An der rund einen Zentimeter langen Deckspelze sitzt eine
vier bis sechs Zentimeter lange Granne. Die Granne ist im unteren Bereich
behaart. Das Halfagras ist auf der südlichen Iberischen Halbinsel, in
Nordwest-Afrika und auf den Balearen beheimatet. Es wächst in Steppen, auf
Weideland und in offenen Kiefernwäldern.“ (Aus
Wikipedia.)
Das Halfa-Gras wurde häufig als Rohstoff zur
Papier-Herstellung genutzt. Zeitweise waren Bücher aus hochwertigem
Halfa-Papier in Paris Mode gewesen, besonders wenn sie in Maroquin-Leder
gebunden waren. Dieses feine gefärbte Ziegen- oder Schafleder eignete sich
besonders für Prägungen und Vergoldungen, wofür sich besonders das
dunkelrote, feine, handwerklich gefertigte Leder aus Fêz in Marokko
eignet. Die Färberei in großen offenen – und infernalisch stinkenden –
Bottichen konnten wir vierzehn Jahre später auf unserer Maghreb-Reise mit
Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule Hannover beobachten.
DFG Afrika-Kartenwerk
Hier sei noch einmal kurz auf das Projekt des
„Afrika-Kartenwerks“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)
eingegangen. Das Projekt sah mehrere regionale Kartensätze aus
verschiedenen Teilen Afrikas vor – also keine Gesamtkartierung des
Kontinents! –, an der jeweils mehrere Universitäten beteiligt waren.
Unsere Kartierungsarbeit war dem Blatt Ostalgerien – Tunesien zugeordnet.
Als kleiner Überblick sollte hier auf die
Schwerpunktgebietes des Afrika-Kartenwerkes hingewiesen werden, wobei die
einzelnen Blätter (jeweils als Kartendruck im Maßstab 1:1 Mill. und
begleitendem Taschenbuch) im Gebrüder Borntraeger Verlag seit 1977 in
unregelmäßiger Folge publiziert werden: Nordafrika (Tunesien, Algerien) –
Ostafrika (Kenya, Uganda, Tanzania) – Südafrika (Moçambique, Swaziland,
Transvaal, Republik … ) – Westafrika (Nigeria, Kamerun). Als Herausgeber
erscheinen u.a. Ulrich Freitag, Kurt Kayser, Walter Manshard, Horst
Mensching, Ludwig Schätzl und Joachim H. Schultze. Wesentlichen Anteil
hatte auch Professor Hartmut Leser, der von 1969 bis 1974 an der TU
Hannover wirkte.
Unsere Arbeit bezog sich auf den Schwerpunkt
Nordafrika (Algerien, Tunesien). Beim gleichen Schnitt wurde jeweils ein
thematisch differenzierter Kartensatz erstellt, von dem unsere Arbeit vor
allem der Geomorphologie und Vegetationsgeographie zugeordnet war. Unsere
Kartierungen en passant zur Kultur- und Siedlungsgeographie – wir
interessierten uns dabei auch für aktuelle sichtbare Änderungen in den
Siedlungen, die so kurz nach dem Algerienkrieg natürlich noch nicht so
weit fortgeschritten waren – waren dann Kartierungsmaterial für die
verschiedenen Blattherausgeber von unserem Institut, vor allem Prof. Horst
Mensching, Prof. Horst-Günter Wagner u.a. Von 1964 bis 1968 war Klaus
Gießener
Mitarbeiter der DFG und Koordinator der Arbeitsgruppe «Nordafrika» an der
TU Hannover im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms „Afrika-Kartenwerk“.
Dr. Hermann Achenbach
verantwortete die Karte der Bodennutzung, 1971.
Thematische Blätter zum Gesamtwerk wurden aber von
anderen Instituten, z.B. der Universität Mainz, bearbeitet, so die
Thematik Archäologie und Römische Geschichte. Wir trafen auf eine
Kartierungsgruppe, die die römischen Siedlungsreste aufnahm und unseren
Blick öffnete für typische Überreste der Provinz Africa, so z.B. an Pässen
und Heerstraßen aus großen Steinblöcken gemauerte Wachstationen und
Wachtürme, von denen noch jetzt Fundamente im Gelände zu erkennen sind,
und sogenannte „Orthostaten“, die die Lage von Siedlungen kennzeichnen..
„Als Orthostaten bezeichnet man allgemein die großen, aufrecht stehenden
Steinblöcke der untersten Lage eines Mauerwerks. Dieses Bauelement wurde
häufig im Burgenbau oder bei antiken Tempeln verwendet“ (Wikipedia.)
Am Fr., 14.04., treffen wir auf solch eine Römische Ruine (vgl. Abb.
7,08).
Im weiteren Verlauf dieser Nord-Süd-Route treffen wir
mit dem Djebel Onng auf ein gewerblich genutztes Gebiet.. Zunächst fallen
uns Hangauflösungen in flach einfallenden Eozänschichten auf,
Schichtablagerungen, welche die Vegetationsunterschiede betonen. Als
Vegetation finden wir wieder vorwiegend Halfadecken, die typisch sind für
die östlichen Hochflächen und Beckenlandschaften. Phosphatlagerstätten
wurden früher auf der ‚Rückseite‘ (Nordseite) des Djebel Tarfaya im
Tagebau abgebaut (vgl. Abb. 7,09). Ein Taleinschnitt trennt den Djebel
Tarfaya von dem Ras Mergueb et Tir. Tarfaya, heißt arabisch die Tamariske
(vgl. Abb. 7,10).
Der Hauptkamm des Djebel Onng besteht aus fast saiger
stehenden Kalkrippen. Zwischen den Vorrippen und dem Hauptkamm finden sich
Hangglacis, davor der Abfall zu einer Piedmontaufschotterung. Auf den
Verebnungen findet sich Halfabewuchs (vgl. Abb. 7,11). Hier treffen wir
auch auf die Phosphatmine am Centre Minier du Djebel Onng (vgl. Abb. 7,12,
7,13).
In der Ebene des Oued Soukiès bei Bordj Soukiès
befindet sich eine breite Aufschotterungsfläche als Glacis, zwischen
Djebel Onng im Norden und der Südkette von Negrine im Süden. Es handelt
sich um Wadis vom Typ des breiten, bei Wasserführung verwildernden ‚Sandoueds‘
wie in Tunesien, die nur sehr schwierig mit Fahrzeugen zu durchqueren
sind. Deutlich sind die mächtigen Sandablagerunen im westlichen Teil des
Djebel Onng (vgl. Abb. 7,14, 7,15). Als belebender Anblick erweisen sich
Kamele auf einem Müllplatz nördlich von Negrine (vgl. Abb. 7,16).
Zentrum dieser Gegend ist die Oase Negrine nahe der
tunesischen Grenze. Die Oase liegt im Zerschneidungsbereich mächtiger
Sandablagerungen am Djebel Madjour. Einige Nebenflüsse fließen von hier
zum nahen Oued el Mohor im Westen der das Grenzgebiet um Bir el Ater und
den Südabfall von Djebel Onng und Djebel Abiod entwässert und als
mächtiger Sandoued ostalgerisch-tunesischen Typs ausgebildet ist, ohne
nennenswerte Eintiefung, aber sehr breit – oft mehrere Kilometer! – und
von mächtigen Sandablagerungen, wild über das ganze Stromgebiet verteilt,
begleitet wird (vgl. Abb. 7,17).
Vor Negrine fahren wir durch die Drinngras-Steppe von
Touila, wo sich der Blick von Süden auf den Djebel Madjour (554 m) öffnet
und die Palmenoase von Negrine als dunkle Streifen erkennbar wird (vgl.
Abb. 7,18). Weiter nach Süden führt die große Piste nach El Oued, die aber
schon außerhalb unseres Untersuchungsbereiches liegt und die ich erst
vierzehn Jahre später während unserer Studienfahrt mit Schülerinnen und
Schülern der Bismarckschule in den Maghreb näher kennen lernen konnte.
(vgl. Abb. 7,19, VW-Bus als Maßstab). Einige für die Sahara typische
Details können wir aber auch hier noch erkennen, so die Gips-Polygonböden
in der Steppe von Touila. (vgl. Abb. 7,20).
Die nächste Oase – am Sa., 15.04. – jetzt wieder in
westlicher Richtung vor dem Abfall der Nemenchas ist Ferkane nordwestlich
von Negrine am kleinen Miozänkamm Koudia Abed östlich des Oued Mdila.
Palmpflanzung und Häuser aus Lehmziegeln bestimmen das Bild dieser Oase.
Die Dächer werden als Wirtschafts- und Aufenthaltsflächen mit in das
tägliche Leben einbezogen. Am Rande sei noch darauf hingewiesen, dass sich
diese Eigenheit sich in extremer Form in der südlichen Oasengruppe des
M’Zab um Ghardaia findet, die wir auf unserer Fahrt nicht aufsuchen können
(vgl. Abb. 7,21). In Ferkane erkennen wir wieder die weißen Kuppeln, mit
denen islamische Gebäude wie Marabouts und kleine Moscheen kenntlich
gemacht werden. Die Tonnengewölbe in Ferkane sind eine Besonderheit, die
sonst nur in der weiter südlichen Oasen-Gruppe von El Oued angetroffen
wird. Die jungen Palmen im Vordergrund sind durch einen Zaun vor Tieren
geschützt (vgl. Abb. 7,22).
Und noch einmal treffen wir im Chéria-Bocken auf
Römische Ruinen (vgl. Abb. 7,23, 7,24).
Am Sonntag, 16.04., fahren wir durch eine aride
Gebirgslandschaft – ein „Wüstengebirge“ – hat für das Auge eines
Mitteleuropäers eine befremdliche Faszination. Wir kartieren den Djebel
Aurés und die Nemencha-Berge, die östlichen Ausläufer des Sahara-Atlas in
Algerien, nahe der Grenze zu Tunesien. Es ist das Gebiet, in dem im
algerischen Befreiungskampf gegen die französische Kolonialherrschaft
1954-1962 besonders hart gekämpft worden ist. Die französischen
Stacheldrahtverhaue gegen das damals schon unabhängige Tunesien, Basis
einer wohl organisierten algerischen Partisanenarmee, der FLN, zeuge noch
immer davon.
Das Land erscheint menschenleer. Schroffe, durch
farbige, rote, orange, weiße, graublaue und braungetönte Gesteinsbänder
gegliederte Cañons zerschneiden eine weite, sich bis zum Horizont
erstreckende eintönige Gebirgssteppe – den Ausläufern der algerischen
Hochflächen. Die einzigen Pflanzen, die hier noch wachsen können, sind
kleinwüchsige Trockenpflanzen, Xerophyten, wie der kaum knöchelhohe Wermut
(Artemisia campestris) oder der dornige, auch für Schafe und Ziegen nicht
mehr genießbare Astragalus – wer sich einmal versehentlich auf eine dieser
ca. 20 cm hohe Pflanzen gesetzt hat, vergisst sie nie!
Wir fahren auf einer alten Militärpiste in ein weit
verzweigtes, tief in den Felsen hineinerodiertes Talsystem ein. An einer
windgeschützten Stelle halten wir an, um ein Mittagessen vorzubereiten.
Aber wir sind nicht so einsam hier, wie wir dachten. Kaum sitzen wir zu
zweit an unserem Campingtisch vor unserem Kleinbus und trinken den in der
Wüstenluft so erfrischenden heißen Tee, erscheint hinter einer Wegebiegung
nach und nach eine Schafherde. In scheinbar ziellosen »Zick-Zack«-Bewegungen
nähert sie sich langsam – es soll wohl so scheinen, als seien der Hirte
und sein Vieh nur durch Zufall in unsere Nähe gekommen. Aber die Neugierde
wird, verständlicherweise, stärker. Doch er wagt es nicht, während wir
essen, direkt zu uns zu kommen, denn die Mahlzeit gilt dem Algerier als
heilig, nie wird er einen Essenden stören, denn das könnte missverstanden
werden: er müsste aus Gründen der Höflichkeit und Gastfreundschaft
eingeladen und bewirtet werden. Aber kaum sind wir fertig – zur großen
Freude unseres Schäfers –, steht er schon an unserem Tisch. Zuerst sagt er
nichts, wir nicken uns ruhig und gelassen-freundlich zu, bis die ersten
Grußworte getauscht werden können:
„As-salam`Allah`ik`m“ – „Gottes Friede sei mit Euch“,
„Le-bes, culche le-bes“ grüßen wir in unserem
miserablen ‚Küchenarabisch‘ – und dann auch noch in dem vernuschelten
Tonfall des Maghreb. Aber er spricht gut Französisch; so kommen wir ins
Gespräch.
„Ihr seid keine Franzosen?“
„Nein, Deutsche!“
„Das ist gut! Ihr seid unsere Freunde. Diese
französischen Hunde... Wir habe hier ihre Flugzeuge abgeschossen – mit dem
MG!“
Er erzählt uns, dass er schon im Zweiten Weltkrieg in
der Fremdenlegion gekämpft hatte. Er desertierte und schloss sich der FLN
an, kämpfte in seiner Heimatregion in Südostalgerien gegen die
Kolonialmacht; es war für ihn eine Fortführung immer noch des gleichen
Kampfes, nun aber auf der anderen Seite, für das eigene Volk, gegen
Frankreich.
Und später: „Wie geht es Hitler? Er hat doch die
Franzosen kaputt gemacht. Ich musste zwar in der französischen Armee
kämpfen. Aber die Deutschen waren unsere eigentlichen Freunde.“
Nur sehr schwer ist es ihm zu erklären, dass der
Krieg endgültig vorbei, und die Deutschen geschlagen sind, dass dennoch
der Kampf der FLN erfolgreich war und dass Algerien nun ein unabhängiger
Staat ist. Auch: dass sich in Deutschland und Europa die politische Lage
grundlegend geändert hat.
Aber: dass Deutschland nun mit Frankreich verbündet
ist, verschweigen wir ihm wohlweislich!
Er müsse uns jetzt ein Gastgeschenk machen. Mit einem
schnellen Sprung wirft er sich auf eine Ziege – die Szene ist so
überraschend wie zunächst komisch – und umklammert sie mit beiden Armen.
„Habt Ihr ein Gefäß?“
Wir geben ihm einen unserer Kochtöpfe.
Mit geübtem Griff melkt er das Tier und überreicht
uns den vollen Topf mit Ziegenmilch. Für unsere mitteleuropäisch
verwöhnten Gaumen ist sie zwar kein besonderer Leckerbissen, sie riecht
recht streng und liegt schwer im Magen. Mit dem Rest kochen wir später
noch einen Vanillepudding mit einem exquisiten Ziegengeschmack, den sich
die Firmenküchen von Dr. Oetker oder anderen Puddingpulverherstellern wohl
kaum vorstellen können! Doch trinken wir zunächst gemeinsam den Schluck
Milch und lassen uns nichts weiter anmerken, und wir danken unserem
Ziegenhirten überschwänglich.
„Kommt doch am kommenden Montag zu uns zum Suk in
Ras-el-Euch!“ Das sei ein großer Wochenmarkt. Die ganze Umgebung käme
zusammen. Viele Herden, Kamele, Camions – die kleinen französische ‚pick
up‘-Lieferwagen der Landbevölkerung. Dann wolle er für uns einen Hammel
schlachten. Seine Frau werde uns dazu Rosenwasser bringen. Wir würden über
Nacht bei ihm bleiben und feiern – beim Suk in Ras-el-Euch.
Nur sehr vorsichtig, um ihn nicht zu kränken, müssen
wir ihm erklären, dass uns Termine drängen, dass wir bis Montag wieder in
Batna sein müssten. So scheiden wir als Freunde.
Wir fahren dennoch nach Ras-el-Euch, wenn auch einige
Tage vor dem Termin unserer Einladung, denn unsere Neugier ist geweckt.
Auf der Straßenkarte erscheint der Ort mit der Burgsignatur, was den Namen
»Ras« bestätigt, völlig isoliert auf einer weiten Gebirgshochfläche in den
Nemencha-Bergen. Vier Pisten aus den vier Himmelsrichtungen treffen sich
an diesem Ort, der gleichweit von den Siedlungs- und Weidegebieten der
benachbarten Halbnomadenstämme, sicherlich recht geeignet für den
wöchentlichen Suk.
Wir sind recht gespannt, was uns in Ras-el-Euch
erwarten wird. Ein Dorf, ein Marktflecken, eine Oase oder ein
Festungsbezirk? Die Piste, die uns von Südwesten nach Ras-el-Euch führt,
wird immer schmaler, unwegsamer, sicherlich nur sehr sporadisch befahren.
Stellenweise muss unser VW-Bus über stufenartige Felsbänder in der Spur
»klettern«. Nur einige wenige Trockenbüsche und die übliche sporadische
Steppenvegetation ist zu sehen, gerade ausreichen, um Vorüberziehenden
Schafherden etwas Nahrung zu bieten.
Keine Siedlung und zunächst noch keine Spuren
menschlichen Lebens. Wir nähern uns dem breiten Trockental, das uns
nordwärts nach Ras-el-Euch führen soll. Dort ist der Boden etwas feuchter
und die Vegetation etwas dichter. Als wir das Tal erreichen, ist das
Schotterbett jedoch völlig ausgetrocknet. Auf einer halsbrecherischen
Abfahrt über das Steilufer des Oued gelangen wir zu der Piste im Tal, die
uns etwas riskant um größere Steine, Schotterhaufen und gefährliche
Sandanwehungen herum führt.
In der Nähe etwas abseits der Piste erscheinen einige
Nomadenzelte. In der Mittagshitze ist von den Bewohnern nichts zu sehen.
Aber einige scharfe, ausgemergelte Hunde springen auf uns zu und
versuchen, unseren Wagen zu schnappen oder zu verjagen. An einer
unsichtbaren Grenze in einigem Abstand von den Zelten, an denen wir nun
vorüber gefahren sind, lassen sie plötzlich und schlagartig von uns ab und
trollen sich zurück zu den Zelten.
Diese Wachhunde, die schnellen, hochbeinigen und
abgemagerten Slougis, mit denen wir auch andernorts einige Abenteuer zu
erleben hatten, sind äußerst gefährlich und gefürchtet. Nur durch gezielte
Stein- und Knüppelwürfe gelingt es, sie für einige Zeit in respektvoller
Entfernung zu halten, bis der Zeltbewohner mit dem Wurf eines dicken
Holzknüppels über den Hunderücken die Tiere verjagt, die sich nun
angstvoll verkriechen. Nur auf diese Art kann sich auch der Besitzer
Respekt verschaffen. Zuwendung erfahren diese Tiere in Algerien nicht;
ihre Wachsamkeit wird von den Nomaden genutzt, doch begegnet man ihnen in
einer Mischung von Ekel, Furcht und Respekt. Sie müssen sich von den meist
kärglichen Abfällen des nomadischen Haushaltes und von wilden Kleintieren
ernähren. So bestehen sie fast nur aus Knochen, Sehnen und zähem,
ungepflegtem Fell: wohl das, was unsere Redensart als ein »Hundeleben«
kennt.
Nun geht es noch einige Kilometer aufwärts im Tal des
Trockenflusses, und dann sind wir im gelobten Ras-el-Euch. Doch heute ist
kein Suk. Die Karte zeigte eine kleine Quelle im Ort: eine halb
ausgetrocknete Wasserstelle mit einigen Sträuchern rund herum bildet
wirklich den Mittelpunkt von Ras-el-Euch. Drei bis vier kärgliche
Dattelpalmen sind zu sehen; ein Esel steht an der Tränke und ein kleiner,
höchstens sechsjähriger Junge steht bei seiner kleinen Schafherde, die im
spärlichen Grün weidet. Ras-el-Euch? Eine halbverfallene Bordj – ein aus
Mauerwerk errichteter Schutzraum für den hiesigen Nomadenstamm – aus
hellen Lehmziegeln, kaum zwanzig Meter im Quadrat, ist wohl im
Algerienkrieg aufgegeben und zerstört worden, so dass nur noch ein kaum
noch überall mannshoher Mauerring den Ort kenntlich macht. Auf dem Foto
zeigt Bordj Administratif de Ras el Euch nur noch Ruinen, aber es soll
noch als Marktplatz („Souk am Montag“) dienen. Eine Vegetationsverdichtung
am Oued Mechra wird genutzt als Schafsweide (vgl. Abb. 7,25).
Hier wohnen keine Menschen mehr. Es ist nur noch eine
windgeschützte Übernachtungsstelle dicht an der Wasserstelle für
vorbeiziehende Herden des Stammes der Nemencha-Nomaden und eben der Ort
für den wöchentlichen Markt.
Ab und zu trifft man sich mit den anderen Familien
des Stammes zu langen Gesprächen, zum gemeinsamen Essen und Rauchen bis
spät in die Nacht. Man muss hier Zeit und Ruhe haben, um überleben zu
können. Sicher, auch einiges Vieh wechselt dabei seinen Besitzer.
Tauschgeschäfte sind häufiger als Geldhandel, wenn nicht vielleicht einmal
der fahrende Topfhändler aus Khenchela vorbei kommt mit seiner Auswahl an
Plastikeimern, Metalltöpfen, Blechgeschirr, die das traditionelle
Töpferhandwerk weitgehend verdrängt haben.
Andere Händler bringen Stoffe und Werkzeuge. Der
Umsatz ist hier nicht hoch, zu gering sind die eigenen
Verdienstmöglichkeiten der einheimischen Bevölkerung mit Wolle, Teppichen
und Schafmilchprodukten. So wird tagsüber hier gehandelt wie an vielen
Orten am Rande der Wüste. Hier ist es der Suk von Ras-el-Euch.
Stellen wir diese Erlebnisse in einen größeren
Rahmen, wird einiges bezeichnende sehr deutlich. 1967 war Algerien ein
Staat, in dem die Schrecken des antikolonialistischen Befreiungskampfes
mit dem Vertrag von Evian 1962 vorüber waren; ein optimistisches Atemholen
auf der einen Seite, in den Städten und an der Küste, und die Rückkehr in
ein trügerisches Gefühl der Sicherheit und Ungestörtheit in der
traditionellen ländlichen Lebensform in den südlichen Gebieten des Landes
verstellten den Blick darauf, dass die grundlegenden Probleme der
algerischen Gesellschaft, die sich das Bewusstsein einer gemeinsamen
nationalen Identität erst durch den gemeinsamen Kampf errungen hatte ohne
weitere historische Wurzeln, die eine kulturelle oder »ethnische«
Zusammengehörigkeit begründen könnte, durch die Gründung des Staates und
die Etablierung der Klasse der alten Kämpfer der FLN als Regierungs- und
Herrschaftsschicht nicht gelöst waren und ohne grundlegende
Neuorientierungen auch nicht gelöst werden konnten.
Hier geht es jetzt nicht darum, die Hoffnungen, die
das algerische Modell zeitweilig weckte, oder das Versagen der Staats- und
Gesellschaftsordnung, das wir im gewalttätig aufbrechenden Antagonismus
des westlich orientierten Bürgertums, der Oberschicht und des Militärs,
der FLN, auf der einen Seite und der in den deklassierten und verelendeten
Slum- und Landbevölkerungen wurzelnden Islamischen Heilsfront
andererseits, zu analysieren und auf unsere Erlebnisse zu projizieren.
Schriften wie die von Bassam Tibi oder Rufin geben dafür umfassende und
aus der eigenen Anschauung entwickelte Erklärungsansätze.
Vierzehn Jahre später habe ich Algerien mit einer
Schülergruppe wieder besucht. Zwei wesentliche Eindrücke konnte ich dabei
festhalten. Einmal war die menschliche Qualität des Reisens wieder und
immer noch überwältigend. Die – sei es nun arabische, berberische oder
islamische – Kultur der Mitmenschlichkeit, Gastfreundschaft und
Hilfsbereitschaft half über Versorgungsmängel oder Gesundheitsprobleme in
der Reisegruppe hinweg (an anderer Stelle werde ich auch hier noch über
einige konkrete Erlebnisse berichtet); doch auf der anderen Seite hatte
sich das Land auch grundlegend gewandelt. Die Disparitäten in der
gesellschaftlichen wie der regionalen Entwicklung wurden überdeutlich.
In Algier und auch in Mittelstädten wie Batna oder
der Oasenstadt Biskra – die vierzehn Jahre zuvor Standorte und
Ausgangspunkte unserer geographischen Untersuchungen in Ostalgerien
gewesen waren – dominierten Zeichen einer hektischen Entwicklung zu
Konsum, Markt, städtebaulicher »Modernisierung« auch auf Kosten
gewachsener und bewährter Strukturen; die Verkehrsdichte hatte
erschreckend zugenommen. Zwar waren Bilder wie in den Zentren von Tunis
oder Rabat und Tanger noch nicht die Regel, doch war eine Anpassung an
eine globalisierte (oder auch »Verwestlichte«) Massen- und Konsumkultur
unverkennbar. Auf der anderen Seite trafen wir jetzt nicht nur auf die
erwartete Armut in einem armen Land, sondern auf Verelendung und
Marginalisierung. Die politischen und gesellschaftlichen Wurzeln der
»Ideologien des Bruchs« mit der Kultur der Industrieländer (Rufin) sind
unmittelbar erlebbar, aber auch die neuen gesellschaftlichen Konflikte,
die sich daraus ergeben, dass diese Ideologie des Bruchs auch ein Bruch
mit den eigenen zivilisatorischen Traditionen und Standards ist (Tibi),
erscheint evident.
Das ganze Spektrum der Probleme des Kulturkontaktes
und des Interkulturellen Lernens scheint an diesem Beispiel auf. Es sein
nur ganz kurz angerissen, da wir später, mit weiterem neuen Material
dieses intensiver noch analysieren und auswerten wollen.
Haltungen, Meinungen und Weltorientierungen sind
biographisch verwurzelt. Nur durch Kenntnis und Verständnis der konkreten
biographischen Hintergründe werden sonst unverständliche oder auch
abzulehnende Realitätsdeutungen verständlich – wie die Frage des Hirten
nach dem Wohlergehen Hitlers oder die Ursachen der Ideologien des Bruches,
die, wie Rufin darlegt, entsprechende politische Brüche, Distanzierungen
und Ängste in den Industrieländern selbst spiegelt.
Der rationale Diskurs wiegt zunächst gering gegenüber
dem Gewicht der eigenen Biographie. So verbietet sich missionarisches
Auftreten gegenüber Gästen oder Gastgebern von selbst. Was aber durchaus
nicht Aufgabe eigener bewährter und distanziert revidierbarer Urteile und
Werte bedeutet, auch nicht oberflächlich-desinteressierten
Kulturrelativismus. Das Gespräch selbst, der Kontakt und der eigene Wunsch
zu lernen sind nicht nur Medium sondern weitgehend schon Ziel des
Interkulturellen Lernens, zu dem auch das Erlernen der Innensicht fremder
Lebenswelten gehört. Landschaften und Orte haben Bedeutungen: für uns als
Reisende und andere für die Menschen, deren alltägliche Umwelt sie
darstellen. Gerade aber der Diskurs über die Bedeutung von Orten, ihren
Stellenwert in der gesellschaftlichen Wahrnehmung, ihre Symbolik, eröffnet
Gespräch und Verständnis – und sei es in Ras-el-Euch.
Am So., 16.04., treffen wir nach dem Besuch in Ras el
Euch noch auf Kef en Nsour (1292 m) am Südende des Chéria-Beckens (vgl.
Abb. 7,26). Der Djebel Bou Kammech liegt zwischen Chéria- und
Tlidjen-Becken und wird von steilgestellten Kalkschichten mit davor
liegenden Glacis gebildet. Kulturland und Steppenvegetation entsprechen
dem schon gewohnten Bild (vgl. Abb. 7,27).
Am Mo., 17.04., fahren wir durch Ackerland. und
Streusiedlungen, ein Gebiet das bewohnt wird von Halbnomaden mit einem
Lebensraum zwischen Zoui und Khenchela (vgl. Abb. 7,28).
Nach einer Ruhepause fahren wir noch einmal am Mi.,
19.04., in den Zentralaurés, zunächst nach Baniane, im Tal des Oued el
Abiod. Diese Oase mit Fruchtbaumkulturen und Dattelpalmgärten im
Talsohlenbereich des Abiod mit den Siedlungen Baniane und Dissa ist durch
seine Lage auf Talspornen des hier fast söhlig liegenden Landen-Kalkes
bemerkenswert. Im Vordergrund finden wir rote Eozäne Mergel (vgl. Abb.
7,29). Und noch einmal begegnen wir dem Djebel Ahmar Kraddou und dem Tal
des Oued el Abiod. Alttertiäre Mergel- und Konglomeratschichten sind als
Beckenfüllungen über den Maastricht-Kalken des Djebel Ahmar Kraddou
ausgebildet. Unterschiedliche Flächenbildungen und Zerschneidungsbereiche
gliedern das Tal (vgl. Abb. 7,30).
Wir ergänzen unsere Geländeaufnahme am Oued el Ars,
einem Nebenfluss des Oued el Abiod südlich von Roufi, mit seinem
Durchbruch durch die harten eozänen Landen-Kalke; darüber befindet sich
rotes Oligozän. Im Hintergrund erscheint der Djebel Zellatou. Das
Schotterbett und die bei Hochwasser überschwemmte terrasse gris dienen in.
der Trockenzeit als Verkehrswege für Herden, Reiter und Geländefahrzeuge
(vgl. Abb. 7,31). Vor dem Anstieg des Djebel Zellatou befinden sich ein
Eozän-Kef und tiefe Zerschneidungen im Landen-Kalk, die bedeckt sind durch
eine sehr spärliche Steppenvegetation (vgl. Abb. 7,32). Wir erkennen darin
einen Zeugenberg aus alttertiären roten Mergeln und Kalkbänken im
Zerschneidungsbereich des Oued el Ars sudwestlich von Roufi (vgl. Abb.
7,33).
Landschaftsbestimmend ist die Schotterfläche als
„Glacislandschaft“ des Oued el Abiod-Tales und des Zerschneidungsbereiches
des Oued el Ars mit der Klüse im Hintergrund zwischen Djebel Takhount und
Djebel el Krouma als südwestlicher Verlängerung des Djebel Zellatou. Über
die Schutt- und Schotterfächer von Tahammamet geht der Blick auf die
Schlucht von Tahammamet von Nordwesten (vgl. Abb. 5.31). Am oberen Hang
des Djebel el Krouma liegen Reste von diskordant aufgelagertem Miozän als
Zeugen einer tertiären Beckenfüllung, bewachsen mit xerophytischer Busch-
und Krautvegetation auf kalkigen Schotterböden (vgl. Abb. 7,34).
Nach einer Übernachtung im Gelände Weiterfahrt am
Do., 20.04. Am Djebel el Krouma fällt der Blick auf die Oasengruppe von
Tirhanimine. Mit der Schlucht von Tirhanimine trennt der Oued el Abiod den
Djebel el Krouma vom nordöstlichen Djebel Zellatou im oberen Abiodtal.
Unsere Abbildung zeigt die Blickrichtung nach Nordost auf Arris zu. Arris
erhielt in der neueren Geschichte Algeriens 1954 als Sitz des „Komitees
der Neun“ und Ausgangspunkt des organisierten Freiheitskampfes der
Algerier Bedeutung . Im
Vordergrund ist der bewaldete Nordwesthang des Djebel el Krouma zu sehen
mit einer Vegetation von Pinus halepensis und Steineiche. 20.IV. (vgl.
Abb. 7,35). Bestimmend ist das Kef des Djebel Zellatou, in
Maastricht-Kalken ausgebildet, an der Schlucht von Tirhanimine mit
deutlichen Gesimsausbildungen. Der untere Hangbereich über Campan-Mergeln
ist als mit Garrigue bewachsene Schutthalde ausgebildet (vgl. Abb. 7,36).
Im Umkreis von früheren Kartierungen nehmen wir nun
steilgestellte und zerbrochene Maastricht-Kalkbänke zwischen Ras Berdoun
und dem Gebirgszwickel zwischen Djebel Zellatou und dem Ahmar Kraddou-Zug
(vgl. 4.3-4.8) auf, in der tektonischen Struktur ähnlich dem Nordost-Ende
des Bouzina-Tales (vgl. 6.1), aber stärker verworfen als Auswirkung des
angrenzenden Hebungsbereiches des Djebel Chélia und durch den Oued el Hara
(Oberlauf des Oued Tkout, vgl. 4.12 + 4.14) stärker zertalt. Blick in
Richtung Djebel Bou Irhed (vgl. Abb. 7,37). Als Vegetation tritt hier
wieder der Pinienwald (Pinus halepensis) des Forêt de Mezbel auf im
Einzugsbereich des Oued Mestaoua (vgl. Abb. 8,01).
Es folgt am Fr., 21.04. eine weitere Beschäftigung
mit dem Forêt de Mezbel bei Tadjmout: Eine Schaf- und Ziegenherde im
Übergangsbereich von Pinien-Steineichenwald zur randlichen
Steineichen-Wacholder-Maccie im Süden verweist auf die Nutzung des
Gebietes (vgl. Abb. 8,02). Der Wald und die Maccie werden von den
Bewohnern im südlichen Vorland aus den Stämmen der Ouled Chaouia und der
Ouled Salah trotz der gegenteiligen Bemühungen der um Waldbestands-Erhalt
besorgten Departements-Verwaltung, als Sommerweide und von den sesshaften
Berbern (zum größten Teil auch vorn Stamm der Chaouia) als wohnortsnahe
ganzjährige Weide genutzt (vgl. Abb. 8,03).
Die Geomorphologie wird hier bestimmt von einer
Auflösungs- und Rutschformzone in Campan wobei der Mergel unter dem
Maastricht-Kef des Djebel Bou Irhed anzutreffen ist. Die Schwierigkeit der
Anlage fester Wegeverbindungen in diesem weichen Material, welches extrem
erosionsgefährdet ist, wird bei unserer Weiterfahrt deutlich wobei am Hang
die Piste nur sehr schwierig und unter Rutschrisiken zu befahren ist (vgl.
Abb. 8,04).
So kommen wir wieder in den Zentralaurés. Unser Blick
fällt vom Gebirgsdreieck Ras Berdoun auf das Tal des Oued Tkout und weiter
südwestlich des Oued el Abiod, begrenzt vom Anhang des Djebel Zellatou und
seiner südwestlichen Fortsetzung im harten Maastricht-Kalk. Die
Orogenstruktur wird hier sehr deutlich: die randliche Aufbiegung und
Steilstellung der Kalkschichten mit Kefbildung nach außen zum
Hebungszentrum (Djebel el Azreg, vgl. 5.12, 5.24) hin, die Bildung einer
geologischen. Mulde, die heute als Tal für den Oued el Abiod dient,
nachdem er durch die Gorges de Tirhanimine von Norden in den Talbereich
einfließt (vgl. 4.8, 7.35, 7.36) sowie die Füllung des Tal- und
Muldenbereiches mit älteren Talfüllungen (vgl. 4.14 – 4.18) und mehreren
Glacis-Niveaus, die als Hang- oder Talglacis ausgebildet sind (vgl. 7.34).
Im Süden tauchen die Maastricht-Schichten wieder auf und bilden den
Kammzug des, Djebel Ahmar Kraddou – Kef Bou Irhed (vgl. 4.3, 4.4-4.11,
5.31, 7.37). Eine ähnliche orogene Struktur ist spiegelbildlich auf der
Nordwestseite des Hebungszentrums im Azregmassiv angeordnet und bildet
hier das Bouzinatal (vgl. 5.17, 6.1). Die Vegetation ist eine lichte
Juniperus-Steineichen-Maccie, die in günstigen Lagen in aufgelockerten
Wald übergeht. Kulturland ist nur im unmittelbaren Talbereich zu finden
(vgl. Abb. 8,05).
Am Sa., 22.04., führt unser Weg noch einmal Am Hohen
Aurés vorbei mit einer zur Hangrippenstaffel in nahezu geschuppter Form
aufgelösten feinbändrigen Mergel-Kalk-Schichtpaket am Hang der Chélia. In
den Verebnungen findet sich Feldbau (vgl. Abb. 8,06).
Am So., 23.04., fahren wir ein letztes Mal am
Nordrand des Aurés-Massivs in Richtung Batna. Dabei treffen wir auf die
Barrage Foum el Gueis, die im Stausee von Tirkahine den aus der Djebel
Faraoun Region entspringenden Oued Issouel aufstaut. Das Wasser dient der
Irrigation des nördlichen Aurés-Vorlandes westlich von Khenchela (vgl.
Abb. 8,07). Auf diesem Weg beschäftigen wir uns noch mit der berühmten
römischen Ruinenstadt Timgad.
In einem Textauszug aus
Wikipedia heißt es: „Timgad (arabisch تيمقاد) ist eine algerische
Ruinenstadt etwa 40 km östlich von Batna in der sich die Ruinen der
römischen Stadt Thamugadi befinden, die seit 1982 zum
UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Die Siedlung wurde im Jahre 100 vom
römischen Kaiser Trajan durch Lucius Munatius Gallus, den Legaten der
Legio III Augusta, als Militärkolonie an einem bisher nicht besiedelten
Ort errichtet. Die Colonia Marciana Traiana Thamugadi, wie sie mit vollem
Namen hieß, lag in der römischen Provinz Numidia und weist die typische
Quadratform und quadratische Unterteilung römischer befestigter
Militärlager auf. In der Spätantike war Thamugadi ein wichtiger Sitz des
Donatismus.
Die Stätte wurde zum Weltkulturerbe erklärt, weil hier die typische
Struktur römischer Stadtgründungen noch gut erkennbar ist, die in anderen
Städten römischen Ursprungs durch spätere Überbauung nicht mehr sichtbar
ist. Timgad ist in Algerien auch für das alljährlich stattfindende
Musikfestival im Amphitheater der Ruinen bekannt. Dort treten Tanz- und
Musikgruppen aus Algerien und den arabischen Nachbarstaaten auf. Der große
Besucherandrang bei dieser Veranstaltung hat in der Vergangenheit zu
Beschädigungen der Ruinen geführt und in Folge zur wiederholten Drohung
der UNESCO den Status als Weltkulturerbe abzuerkennen. Aus diesem Grund
wird derzeit ein modernes Amphitheater neben der Ruinenstadt erbaut. Die
in Nordafrika gelegene Stadt Thamugadi war ein alter römischer
Bischofssitz, der im 7. Jahrhundert mit der islamischen Expansion
unterging. Er lag in der römischen Provinz Numidien.“
Der Gang durch die Ruinen auf dem Cardo und dem
Decumanus war äußerst beeindruckend. Die Lage und die Grundrisse der
Häuser waren an den noch aufrecht stehenden Orthostaten sehr gut zu
erkennen, dabei auch die Bedachung der Fußwege rechts und links der
Fahrstraßen in Ansätzen zu erahnen. Im Zentrum bei der Kreuzung der beiden
Hauptstraßen finden sich die öffentlichen Gebäude, Tempel, Basilika als
Markt- und Gerichtsort und das öffentliche Bad. Der hohe Standard der
römischen Stadtkultur wurde deutlich sichtbar, aber auch das hohe Maß an
baulicher Normung, das römische Städte in allen Provinzen sehr ähnlich
aussehen lässt, wie ich dann auf meinen weiteren Maghreb- und
Orientfahrten immer wieder feststellen konnte. Auf ein individuelles
Erscheinungsbild ihrer Städte legten die Römer anscheinend nicht viel
Wert, doch der Städtebau zeichnete sich durch eine hohe Professionalität
aus.
Am Di., 25.04., beendeten wir unsere Geländearbeit
und begannen mit der Rückfahrt von Batna aus über die Hauptstraße in
Richtung Constantine (vgl. Abb. 8,21, 8,22).
Am Mi., 26.04., fahren wir über die Hochflächen von
Constantine entlang der Sebkhet-ez-Zemoul (Chott Tinnsilt) bei Les Lacs an
der R.N.3 Batna-Constantine. Die terminologische Unterscheidung der
Salzseen bzw. Salzsümpfe in Sebkha oder Chott ist nicht ganz eindeutig;
erstere Bezeichnung wird wohl eher für kleinere, nicht allzu tiefgründige
Salzseen gebraucht, die regelmäßig Wasser führen, während die Chotts
größere Gebilde sind, die auch ausgetrocknete Salzflächen aufweisen. Aber,
wie gesagt, die Unterscheidungen sind fließend und nicht eindeutig. Wir
befinden uns hier also auf der „Hochfläche der Chotts“, im Großen und
Ganzen als weite Ebene zwischen Tell- und Sahara-Atlas ausgebildet. Die
Sebkhet-ez-Zemoul stellt sich uns als teilweise noch feuchte, dunkler
gefärbte Salzpfanne vom Hochflächentyp dar. Die Herkunft des Salzes ist
zurück zu führen auf das Anstehende, die triassische Salzstöcke. Im
Hintergrund ist der Dj. Guerioun zu erblicken. Es ist nur folgerichtig,
dass wir hier auf eine ausgeprägte Halophytenvegetation stoßen (vgl. Abb.
8,23, 8,24).
Bei unserer Weiterfahrt auf den Hochflächen kommen
wir in Getreidefarmland am Südrand des Tells vor Constantine. Dieses
entspricht dem nördlichen Hochflächentyp mit großen Anbauflächen in
Genossenschaftsbesitz; doch es herrschen hier schon recht ungünstige
Anbauverhältnisse, was zu erkennen ist an weitständigen Halmständen und
teilweiser Versalzung. Die Siedlungsstruktur ist geprägt durch Kleindörfer
und Streusiedlungen, die keine Baumkulturen anlegen können. Die
Höhenrücken sind nicht unter Kultur; teilweise erkennen wir ein
Offenlassen von Anbauflächen was auf periodische Missernten bei einem
Grenzklima für den Anbau hinweist (vgl. Abb. 8,25).
Wir erreichen Constantine, Provinzhauptstadt und
Zentralort der ‚Region de Constantine’, welche dem alten Departement der
Kolonialzeit entspricht. „Constantine (arabisch: قسنطينة, Qsantina) ist
mit 442.862 Einwohnern (Stand: 1. Januar 2007) nach Algier und Oran die
drittgrößte Stadt in Algerien. Sie ist Hauptstadt der gleichnamigen
Provinz, Industriestadt und Verkehrsknotenpunkt. Die Stadt besitzt eine
Universität, eine islamische Hochschule und antike sowie mittelalterliche
Bauten wie die Statue des römischen Kaisers Konstantin und den
Ahmed-Bey-Palast… Die Altstadt von Constantine befindet sich auf einem
mächtigen, 650 m über dem Meeresspiegel gelegenen Plateau, das nur über
einen schmalen Rücken von Südwesten her zugänglich ist, aber nach
Nordwesten steil abfällt und nach Norden und Westen durch die mehr als 100
m tiefe Schlucht des Flusses Rhumel von dem gegenüberliegenden Plateau
Sidi M'Cid abgeschnitten wird“ (Wikipedia).
Auf einer nach Norden klippig abfallenden Maastricht-(Oberkreide‑)Kalkplatte
gelegen, wird ein Teil der Stadt durch die „Teufelsschlucht“ von der
übrigen Stadt allseitig steil abfallenden Plateaurest abgetrennten, Die
tief eingeschnittene, jetzt nicht mehr. ganz durchflossene Schlucht, wird
von mehreren Brücken überquert, von der die Fußgängerbrücke wegen ihrer
gewagten Konstruktion die „Teufelsbrücke“ genannt wird. Am Schluchtausgang
befindet sich eine Hängebrücke für die Hauptstraße, über der sich auf
einer Kalkrippe ein großes Denkmal befindet (vgl. Abb. 8,26, 8,27, 8,28).
Zeitgeschichtlich hat Constantine eine besondere
Bedeutung. Schon früh organisierte sich hier, in der Kabylei und im Aurés
der Widerstand gegen die französische Kolonialmacht. Anfang der fünfziger
Jahre Organisierte sich hier der Algerische Nationale Widerstand in der
FLN.
Dazu Näheres aus
Wikipedia: „Die FLN wurde im März 1954 von Ahmed Ben Bella in Kairo
gegründet um die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich zu erreichen. Im
November 1954 begann mit dem bewaffneten Kampf der FLN und ihrer Armee ALN
(Armee de Liberation Nationale) der Algerienkrieg. In diesem konnte die
FLN 1962 nicht nur die Unabhängigkeit Algeriens erreichen, sondern auch
konkurrierende Unabhängigkeitsbewegungen ausschalten. Schon 1958 hatte die
FLN in Tunis eine provisorische Regierung gebildet.“
In der Provinz Constantine konnte die FLN so schon an
vorher gegangene Organisationsformen des Widerstandes Anknüpfen; die
Deklaration von Constantine gilt oft als eigentlicher Beginn des
Algerienkrieges. Der Versuch der Kolonialmacht, dem bewaffneten Widerstand
entgegen zu wirken, wurde mit einem Plan von Constantine proklamiert, der
aber – wie die Geschichte zeigte – zum Scheitern verurteilt war. Ein
wesentlicher Problembereich waren die französischen Siedler in Algerien,
die sich als Algerier verstanden aber im Sinne des kolonialen Bewusstseins
und einer Gesellschaftskonzeption der Apartheid der arabischen und
berberischen einheimischen Bevölkerung keine Teilhabe zubilligen wollten.
Die Friedensversuche unter Charles de Gaulle standen somit unter Beschuss
von zwei Seiten – der Aufstandsbewegung der FLN und der sich zunehmend
terroristischer Strategien zuwendenden Organisation der Frankoalgerier,
deren Terrorzelle „Schwarze Hand“ europaweit Sprengstoffattentate verübte.
Gashafen Skikda
Noch am gleichen Tag fahren wir über die Hochflächen
von Constantine weiter in Richtung Küste. Begleitet werden wir von
extensivem Getreideanbau kabylischer Prägung im Tell zwischen Constantine
und Skikda (vgl. Abb. 8,29). Dort, wo wir in den Tell-Atlas mit seiner
dichteren Vegetation, aber auch engerer Besiedlung, kommen, suchen wir uns
ein geschütztes Eckchen zur Übernachtung. Und wir kommen in ein feuchteres
Gebiet und zum ersten Mal seit Wochen wieder in einen Regenschauer, der
uns eine neue erfreute Stimmung bescherte. Am Do., 27.04., fahren wir
weiter in Richtung Küste über die Gebirgshöhen des Tell-Atlas. Von hier
aus blicken wir vom Dj. Skikda nach Ostern auf den Küstenstreifen von
Jeanne d’Arc bis Port Chatelain beim Felsvorsprung des Dj. Filfila. Dies
ist das Küstengebiet von Skikda (früher Philippeville), dem Hafen der
Provinz Constantine, der heute ausgebaut worden ist für Gastanker, weil
hier die Gaspipeline von den Erdöl- und Erdgasfeldern von Hassi Messaoud
auf die Küste trifft. Unser Blick trifft am Horizont auf das Cap de Fer
mit seinem Sandstrand und dem Mündungstrichter des Oued Safsaf, einem
Torrente-Fluss, der sich aus dem Gebirge über das Randkristallin und
mesozoische Konglomerate eingetieft hat. 27.04.67 (vgl. Abb. 8,30). Im
Westen befinden sich Hafen und Bahnhof von Skikda und dahinter das
kristalline Kuppenrelief der östlichen Kabylei (vgl. Abb. 8,31). Im SSW
von Skikda befindet sich das Tal und die Ausraumzone des Oued Zeramna
(vgl. Abb. 8,32) während nach WNW die Hafenmole von Skikda und der Golfe
de Stora vor dem Dj. Rhaba ed Denis zu erkennen sind. Vorgelagert ist die
Île de Srigina (vgl. Abb. 8,33).
In die Kabylei
Da die Küstenroute schwer oder gare nicht passierbar
ist – sie führt entlang der Steilküsten, mit denen der Tell-Atlas der
Kabylei ins Mittelmeer abfällt – wählen wir die Route durch die Kabylei im
Hinterland. Wir gelangen damit in die typische Kulturlandschaft der
Kabylei. Bei einem Kabylengehöft bei Praxbourg / Bouchtâta Mahmoûd im Tal
des Oued Zeramne erkennen wir eine dreiteilige Nutzung: Einige Obstbäume
und Gemüse in Hausnähe, Ackerland in der näheren Umgebung und Weideland in
der Maccie, die hier von Zistrose und Mastrixstrauch bestimmt wird (vgl.
Abb. 8,34).
Mit dem Talsystem des Oued Guebli und des Oued Meraya
zwischen Praxbourg und Tamalous stellt sich uns der mediterrane
Torrententyp dar, tief eingeschnitten, verkehrsfeindlich; Straßen befinden
sich auf künstlichen Trassen am Hang. Die Vegetation wird bestimmt vom
Wechsel von Kulturland mit Getreideanbau und Maccie mit Zistrosen und
Mastrix (vgl. Abb. 8,35). Im Mündungsbereich des Oued el Mennchia bei
Djidjelli gelangen wir wieder näher an die Küste und erkennen hier die
Ausformung einer Torrente bei mittlerem Wasserstand mit einer völligen
Verwilderung im breiten Sohlebereich des Tales und der darin ausgebildeten
terrasse gris bei Regen. Eine kulturlandschaftliche Nutzung erfolgt
erst auf den oberen Terrassen und Hangbereichen. Insgesamt wird das
Landschaftsbild bestimmt von einer feuchtmediterranen Vegetation (vgl.
Abb. 8,36). Das Wetter frischt auf und auf dem Felsvorsprung der Halbinsel
Phare Afia, westlich von Djidjelli, erleben wir einen ausgeprägten Sturm
(vgl. Abb. 8,37). An der Corniche Kabyle – die wir bei Sturm erleben –
erkennen wir eine Felsenküste mit Schorre, Kliffs und Brandungshohlkehlen,
auch auf höheren, älteren Niveaus auch auf dem Niveau der Straßentrasse.
Die Straße wird teilweise durch Tunnel geführt und umfährt den
Mündungstrichter eines kleinen Flusses aus der Kabylei, der tief
eingeschnitten ist in dunkle Jurakalke, dicht anschließend an das
kristalline Gebirge und dort dem Wildbach-Typ des Gebirges entspricht
(vgl. Abb. 9,01, 9,02).
Weiterfahrt durch die Kabylei am Fr., 28.04. Die
Mündung des Oued Guelil ist als Torrente tief eingeschnitten in eigene
Feinsedimente und weiter im Süden im Gebirgsbereich in den Jurakalk. Im
Mündungsbereich befindet sich „la Grotte Merveilleuse“ (vgl. Abb.
9,03, 9,04). Die veränderten Klimabedingungen lassen sich auch durch eine
neue Form der Vegetation erkennen. In der Kabylei bei Tizi Ouzou treffen
wir auf dichte Korkeichenwälder. Die Entrindungsbereiche an den Stämmen
sind gut sichtbar und lassen die intensive Nutzung bei der Korkherstellung
erkennen, daneben finden sich auch junge Stämme mit Unterholz. 28.04.67
(vgl. Abb. 9,05).
Ein weniger schönes Erlebnis haben wir auf der Fahrt
durch die Kabylei. Auf einer Pass-Höhe machen wir Rast, um Fotos zu machen
und einen Eindruck von der Landschaft zu erhalten. Doch bei der
Weiterfahrt bleiben wir zunächst mit unserem VW-Bus stehen, da sich die
Handbremse nicht lösen lässt. Das ist wohl eine Folge vom unvermittelten
Eintritt in das feuchtere Wetter, nachdem unsere Bremsen im trockenen
Wüstensand glatt poliert waren – und jetzt anfingen zu rosten. So stellte
ich mir es eben vor. Mit schleifenden Bremsen scheuerten wir uns dann doch
zur freien Fahrt, aber mussten wenn möglich auf die Bedienung der Bremsen
verzichten – und das bei der nun bevorstehenden Talfahrt auf recht steilen
Serpentinen. Dr. Achenbach bewegte das Fahrzeug sehr vorsichtig und
regelte die Geschwindigkeit mit der Motorbremse und der Kuppelung. Nach
einer aufregend-angespannten Fahrt kamen wir im Tal in eine Ortschaft mit
einer Autowerkstatt. Doch so ganz einfach war die Reparatur nicht, da der
Werkstatt spezialisiertes Werkzeug fehlte. Dass die Bremstrommeln
festgefressen waren, wurde alsbald bestätigt – aber wie kommt man in die
Bremstrommeln hinein? Die Schraubenschlüssel waren einfach nicht groß bzw.
stark genug, um die Schrauben zu lösen. Daraufhin verlängerte der
Mechaniker den Griff mit einem Hebel von zusammengesteckten Rohrstücken,
auf deren Ende er so lange mit seinem ganzen Gewicht wippte, bis sich die
Schraube langsam löste. Schließlich war die Trommel offen und die
Bremsbacken konnten mit Schmirgelmittel vom Rost befreit werden. Dann kam
der Mechaniker auf eine grandios blöde Idee, die wir ihm händeringend
ausreden mussten: er wollte die Bremsen einölen… Nach stundenlanger Arbeit
war dann der Wagen wieder fahrbereit…
Am übernächsten Tag, So., 30.04., ging unsere Fahrt
durch die Landschaften der Kabylei weiter. Damit kamen wir auch wieder in
die Nähe unserer Hinfahrt-Route. Südlich von Palestro stießen wir auf eine
groß genossenschaftliche Farm (vgl. Abb. 9,07), vor dem imposanten Blick
auf den Djebel Heidzer in der Djurdjura-Kette. Über den Vorketten, welche,
durch Torrenten tief zerschnitten, von dichter Macchie und mediterranem
Wald bedeckt sind befindet sich eine Felszone im Kalk, die noch im
Monatswechsel April/Mai von Schnee und Neuschnee bedeckt ist. Hier treffen
wir auf den schon eingangs erwähnten blühenden Ginster und auf wilde
Ölbäume (vgl. Abb. 9,08). Südlich vor dem Dj. Heidzer bei Guenndour
treffen wir wieder auf Kabylische Streusiedlungen in einer Umgebung
zwischen Macchie und Wald (vgl. Abb. 9,09).
Am Mo., 1.04., fahren wir weiter durch die Kabylei.
In der Kammregion des Djurdjura-Gebirges am Col Tizi n’Kouilal besteht das
Gebirge aus Jurassischen Massenkalken, die in der Höhenregion
wahrscheinlich pluvialzeitlich vergletschert waren und daher ein fast
alpiner Gebirgscharakter tragen. Auf der Südseite ist die Bewaldung weit
heraufreichend und oft mit bestandbildenden Zedern charakterisiert. Heute
findet sich hier kein ewiger Schnee mehr, aber die klimatische Höhenlage
lässt sich erkennen daran, dass der Gebirgszug noch Anfang Mai verschneit
ist. Hohe Niederschlagsmengen bestimmen besonders auf der Nordseite die
klimatische Situation, wobei es von Herbst bis Frühjahr feucht ist, was
eine dichte Waldvegetation ermöglicht. Geomorphologisch drückt sich das in
Klippenbildungen und in Karstformen im Kalk aus (vgl. Abb. 9,10, 9,11,
9,12, 9,13).
Die kabylische Siedlung Azouza nördlich von Fort
National liegt in typischer Kamm- und Festungslage vor der Nordseite der
verschneiten Djurdjura-Kette (vgl. Abb. 9,14). Ein weiteres Beispiel der
kabylischen Siedlungsform finden wir im Dorf Taourirt Amokhane an der
Strecke Fort National-Michelet (vgl. Abb. 9,15) und erblicken hier
wiederum die Gebirgskette des Djurdjura hinter der Siedlung Oued el Djelma
am Col de Tirourda (vgl. Abb. 9,16). In der Provinz Tizi Ouzou treffen wir
auf eine dichter besiedelte berberische Kulturlandschaft mit mehr als 200
E/qkm. Die geomorphologischen Charakteristiken haben wir schon beschrieben
und finden sie bestätigt im Tal des Oued el Djelma und im Torrentenbett
des Oued Aissi bei Tizi Ouzou (vgl. Abb. 9,17, 9,18).
Nach der letzten geographischen Erfahrung in der
Kabylei kommen wir nach Algier zurück. Dr. Achenbach wird noch zwei
weitere Monate im Gelände verbringen und wartet auf meine Ablösung aus dem
Institut. Unsere letzten gemeinsamen Tätigkeiten sind die Bestätigung des
Rückfahrttickets für mich beim Hafenreisebüro und letztlich das
Einchecken. Das war weniger aufwändig als bei unserer Hinfahrt, da ja der
Wagen in Algerien blieb und ich nur eine Tasche mit Handgepäck bei mir
trug, das den Zoll wenig interessierte.
Ich hatte eine Passage auf der Corse gebucht, die im
Gegensatz zu der „Président de Cazalet“ auf der Hinfahrt kein klassisches
Passagierschiff war, sondern eine moderne Autofähre. Die „Corse“ der
Compagnie Générale Transatlantique – French Line – mit 4,555 t wurde 1966
gebaut und 1969 übertragen an die Cie General Transmediterraneene. Leider
waren die Passage-Klassen anders als die bei der Hinfahrt gebuchten. Da
die einfache Kabinenklasse hier nicht verfügbar war, wurde mir zunächst
ein Liegestuhl als Deckspassagier zugewiesen. Doch dagegen protestierte
ich, da ich gesehen hatte, dass das Schiff auch einen Schlafsaal mit
Couchettes hatte. Ich versuchte klar zu machen, dass diese
Schlafsaal-Klasse immer noch billiger war als die gebuchte einfache
Kabinenklasse. Doch stieß das auf Probleme wegen meiner mangelnden
Französischkenntnisse. Deutsch verstand hier niemand und Englisch schien
eher ein Tabu zu sein. Schließlich fand sich ein Steward, der mit mir
Englisch radebrechte und dem ich meine Überlegung klar machte. Das war
dann kein weiteres Problem und ich verbrachte die Nacht auf einer
Couchette, um dann einigermaßen ausgeschlafen am nächsten Vormittag in
Marseilles an Land zu gehen.
Die dortige Pass- und Zollabfertigung war nicht
gerade überzeugend. Endlose Schlangen vor dem Abfertigungsschalter rückten
nur Schritt für Schritt vor, wobei die algerischen Gastarbeiter noch mit
enorm viel Gepäck beladen waren, das minutiös kontrolliert wurde.
Schließlich sah ein Wachmann im Warteraum meinen grünen bundesdeutschen
Pass, den ich in der Hand hielt und kam auf mich zu, um mir zu sagen, dass
ich doch völlig falsch angestellt war und dass ein extra Schalter für
EWG-Bürger daneben offen war. Hier wartete niemand – mit der Corse kamen
wohl nur Gastarbeiter – und ich wurde sofort abgefertigt, nahezu ohne
einen Blick in meine Papiere. Etwas merkwürdig war das Gefühl schon über
diese Vorzugsbehandlung, wenn ich die endlosen Warteschlangen vor den
Schaltern für die Algerier sah.
Gegen Nachmittag kam ich dann zum Bahnhof und löste
eine Fahrkarte bis Basel/Bad, wo ich mir eine DB-Karte mit
Familienermäßigung nach Hannover zulösen wollte. Der Zug kam und fuhr
pünktlich und ich hatte einen guten Fensterplatz mit Ausblick auf die
südfranzösische Landschaft. Doch der Abend und die Dunkelheit kam bald.
Aber bevor ich schlafen konnte, empfahl mir der Schaffner noch, schon
früher, und zwar in Orange, umzusteigen, da mein Anschlusszug – der
berühmte Hispania-Express – schneller fuhr, damit erheblich später in
Orange eintraf, so dass ich mit viel mehr Zeit gemütlich umsteigen konnte;
außerdem wären hier in Südfrankreich noch viel mehr Plätze frei. Ich
folgte diesem Ratschlag und stand dann längere Zeit im Nachtdunkel auf dem
Bahnsteig von Orange, bis der Hispania-Express, der in Deutschland als
D-Zug fuhr, pünktlich eintraf. Ein sehr bequemer Fensterplatz lud dann
recht bald zu einem Schläfchen ein. In Basel/Bad war ein längerer
Aufenthalt, so dass ich ohne weiteres zum Nachlöseschalter gehen konnte,
um mir meine ermäßigte Fahrkarte lösen konnte (einen „Wuermeling“)
So kam ich dann im Laufe des Tages in Hannover an, wo
ich mich erst wieder einleben musste, die Erlebnisse sortieren und die
Fotos zum Entwickeln bringen… Die nächste Maghreb-Fahrt mit Schülerinnen
und Schülern der Bismarckschule Hannover war zu diesem Zeitpunkt noch
nicht angedacht: erst einmal musste mein Studium weiter gehen und zum
Abschluss gebracht werden, wobei mir die vielfältigen Erfahrungen in hohem
Maße behilflich waren, wofür ich insbesondere Dr. Achenbach
außerordentlich dankbar und verbunden bin. Das gilt natürlich auch für
diejenigen Qualifikationen, die ich als gut ausgebildeter Geograph in
meiner weiteren schulischen Praxis umsetzen konnte…
07.09.2011
Anmerkungen
„Garigue (auch Garrigue, Garriga) ist eine offene
mediterrane Strauchheidenformation auf flachgründigen Böden, die als
Degradationsstufe der Macchie verstanden werden kann.“ (aus:
Wikipedia)
Literaturangaben:
Hofstadter, Douglas R., 1985: Gödel, Escher, Bach, ein Endloses
Geflochtenes Band. Stuttgart (Klett-Cotta).
Scrapie. aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie. 2009.
Lentiviren. aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie. 2008.
Die entsprechenden Photoalben sind noch in Vorbereitung
und augenblicklich nicht verfügbar.
Stimmt nicht mit der „physikalischen Härte“ überein, da
z.B. Wasserdurchlässige Schichten weniger erodiert werden als stauende
Schichten.
Caponera, D.A., Water Laws in Moslem Countries. FAO Dev.
Papers no. 43, Agr., Rom, 1954
„Salzpflanzen oder Halophyten (von agr. ἅλς hals, „Salz“
und φυτόν phytón, „Pflanze") bilden eine ökologisch abzugrenzende
Gruppe unter den Höheren Pflanzen, die an erhöhte Gehalte von leicht
löslichen Salzen an ihrem Standort angepasst sind und sich unter
diesen Bedingungen fortpflanzen können“ (aus
Wikipedia).
„Als Xerophyten (aus griech.: xeros ‚trocken‘ und phytos
‚Pflanze‘) bezeichnet man einen Organisationstyp von Pflanzen, die an
extrem trockene Standorte angepasst sind. Genauer gefasst sind es
Pflanzen, die an eine regelmäßige bis vollständige Knappheit von
flüssigem Wasser angepasst sind. Diese Knappheit kann klimatisch
bedingt sein, wie in ariden bis semiariden Klimazonen“ (aus
Wikipedia)
„Ein Marabout (auch Marab(o)u, vom arabischen murabiț;
siehe: Ribat) ist im Volksislam ein islamischer Heiliger, meist aus
der Tradition des Sufismus (islamische Mystik). Durch Vermittlung des
portugiesischen ‚marabuto‘ und des spanischen ‚morabito‘ erscheint der
Begriff bereits in Reiseberichten aus dem 17. Jahrhundert. Auch die
Grabstelle eines Marabout selbst wird manchmal so genannt. Einige
dieser Gräber gelten als heilige Stätten.“ (Aus
Wikipedia.)
„Der Feld-Beifuß (Artemisia campestris) ist eine
Pflanzenart aus der Familie der Korbblütler (Asteraceae)“. (Aus
Wikipedia.)
Der Phönizische Wacholder (Juniperus phoenicea), auch
Rotfrüchtiger Wacholder genannt, ist eine Pflanzenart aus der Familie
der Zypressengewächse (Cupressaceae). Sie ist im Mittelmeerraum
heimisch. (Aus
Wikipedia.)
„Die Wacholder (Juniperus) sind eine Pflanzengattung in der
Unterfamilie Cupressoideae aus der Familie der Zypressengewächse (Cupressaceae).
Mit den etwa 50 bis zu etwa 70 Arten, die dieser Gattung zugerechnet
werden, stellt sie fast 40 Prozent der Arten innerhalb der
Zypressengewächse. In Mitteleuropa kommen in freier Natur nur zwei
Arten, nämlich der Gemeine Wacholder und der Sadebaum vor. …
Zedern-Wacholder (Juniperus oxycedrus L.): Zwei hier in verschiedenen
Quellen angegebene Unterarten oder auch Varietäten werden nun als
Arten anerkannt: Juniperus oxycedrus L. var./subsp. macrocarpa ist nun
die Art Juniperus macrocarpa Sm. und Juniperus oxycedrus L. var./subsp.
transtagana ist nun die Art Juniperus navicularis Gand.. Die Pflanzen
aus den östlich gelegenen Regionen von Italien bis zum Iran und zum
Kaukasus gehören jetzt zu der neuen Art Juniperus deltoides.“ (Aus
Wikipedia.)
„Die Steineiche, in botanischer Schreibweise mit
Bindestrich Stein-Eiche (Quercus ilex) ist eine Pflanzenart aus der
Familie der Buchengewächse (Fagaceae). Innerhalb der Gattung der
Eichen (Quercus) gehört diese Art der Sektion der Zerreichen (Cerris)
an, zu der auch die Korkeiche gehört.“ (aus
Wikipedia.)
„Die Zistrosen (Cistus) bilden eine Pflanzengattung
innerhalb der Familie der Zistrosengewächse (Cistaceae). Die Zistrosen
sind stark verzweigte, buschige Sträucher oder Zwergsträucher mit
aromatischem Harz. Die gegenständigen Laubblätter sind einfach,
sitzend oder gestielt. Nebenblätter fehlen.“ (Aus:
Wikipedia.)
Die Aleppo-Kiefer (Pinus halepensis), irreführenderweise
auch See-Kiefer genannt, ist eine im Mittelmeergebiet weit
verbreitete, zweinadelige Pflanzenart aus der Gattung Kiefern (Pinus).
(Aus
Wikipedia.)
Der Name weist auf eine wichtige Phase der Geschichte hin,
als arabische Sklavenhändler aus den Gebieten südlich der Sahara
Sklaven zu den Märkten am Mittelmeer verschleppten und auf bestimmten
Durchgangsstraßen auch die Atlas-Ketten durchqueren mussten – in
langwierigen, oft tödlichen Fußmärschen.
„Mohamed Lakhdar-Hamina (arabisch محمد الأخضر حمينة; *
26. Februar 1934 in M'Sila) ist ein algerischer Filmregisseur und
Drehbuchautor, der zu den herausragendsten Persönlichkeiten des
zeitgenössischen arabischen Kinos zählt. Zentrale Themen in seinen
Arbeiten sind die Versprechungen und Widersprüche die aus der
algerischen Unabhängigkeitsbewegung resultierten, der er zum Ende der
1950er Jahre selbst angehörte. Er ist bis heute der einzige
Filmemacher vom afrikanischen Kontinent, der bei den Filmfestspielen
von Cannes den Hauptpreis erringen konnte.“ (Aus
Wikipedia.)
Der Wind kommt von Aures
Originaltitel: LE VENT DES AURES, Verweistitel: Der Wind kommt aus den
Bergen.
Drama
Produktionsland: Algerien
Produktionsjahr: 1967
Produktionsfirma: Office des Actualité Algériennes
Länge: 89 Minuten
Erstaufführung: 14.11.1969 Kino DDR/22.1.1973 DFF 2/24.7.2001 arte
Darsteller: Keltoum (Mutter), Hassan Hassani (Vater), Mohamed Chouikh
(Sohn), Omar Tayane, Tania Timgad
Regie: Mohamed Lakhdar-Hamina
Drehbuch: Mohamed Lakhdar-Hamina, Tewfik Fares
Kamera: Mohamed Lakhdar-Hamina
Musik: Philippe Arthuys
Auszeichnungen: Cannes (1967, Bester junger Regisseur – Mohamed
Lakhdar-Hamina)
Inhalt: Der Leidensweg einer algerischen Mutter zur Zeit der
französischen Kolonialherrschaft
Klaus Gießner, geb. 28.2.1938, Studium der Geographie.
Biologie und Chemie in Würzburg und Hannover, 1964 Promotion zum Dr.
rer. nat. an der TU Hannover. … In dieser Zeit mehrere
Forschungsreisen nach Tunesien und Algerien mit Geländekartierungen zu
verschiedenen Karten des «Afrika-Kartenwerkes». 1968-1970 Wiss. Ass.
und von 1970-1973 Akad. Rat am Geographischen Institut der TU
Hannover. Frühjahr 1969 dreimonatige Forschungsreise nach Westafrika
und in die zentrale Sahara. 1974 Habilitation in der Fakultät I für
Mathematik und Naturwissenschaften an der TU Hannover. April 1975
Ernennung zum Wiss. Rat und Prof. am Geographischen Institut der
Universität Würzburg. An der
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU): Gießner,
Klaus (01.05.1975, entpflichtet 01.10.2003), Dr. rer. nat., Professor
und Lehrstuhlinhaber für Physische Geographie. Buchveröffentlichungen: Naturgeographische
Landschaftsanalyse der tunesischen Dorsale (Jb. d. Geogr. Ges.
Hannover 1964, 235 S.). Sudan – Sahel – Sahara (Jb. d. Geogr. Ges.
Hannover 1969, Hannover 1970, 211 S., gemeinsam mit H. Mensching und
G. Stuckmann). -
Grundlagen und Wirksamkeit der aktuellen Morphodynamik
in Tunesien. 1974 (Mikrofiches) -
Klimageographie Nordafrika: Tunesien, Algerien. Hygrische und
thermische Klimatypen. 1985. XIV , 124 Seiten (Afrika-Kartenwerk,
Series N Beiheft N5)
Prof. Dr. rer. nat. Hermann Achenbach, (pens.). Christian
Albrechts Universität zu Kiel, Geographisches Institut (Sektion
Geographie). 1967 an der TU Hannover, Geographisches Institut. –
Publikationsauswahl: Achenbach, Hermann: Die Halbinsel Cap Bon.
Strukturanalyse einer mediterranen Kulturlandschaft in Tunesien.
Hannover Geographische Gesellschaft Hannover, 1967. (Jahrbuch der
Geographischen Gesellschaft zu Hannover) – Achenbach, H.:
Agrargeographische Entwicklungsprobleme Tunesiens und Ostalgeriens. Jahrb. D. Geogr. Ges. zu Hannover. 1971. – Besonders bemerkenswert ist
folgender Aufsatz, in den auch Erkenntnisse aus unserer Geländearbeit
eingeflossen sind, aber die weitere wissenschaftliche Erschließung
kennzeichnet: Achenbach, H.: Klimagebundene Risikostufen der
Ertragsbildung und räumliche Standortdifferenzierung der
Landwirtschaft im Maghreb. Erdkunde Band 33/1979. S. 277-281.
Achenbach, H.: Afrika-Kartenwerk, Blatt Tunis-Sfax, Karte
der Bodennutzung. Hrsg. DFG, Obmann H. Mensching, 1971.
„Der Donatismus (nach Donatus von Karthago, 315 bis 355
Primas der Donatisten) war eine nordafrikanische Abspaltung von der
westlichen christlichen Kirche im 4. und 5. Jahrhundert, die eine
eigene Ekklesiologie entwickelt hatte“ (aus
Wikipedia).
Eine detaillierte Darstellung befindet sich in: Elsenhans,
Hartmut, 1972: Frankreichs Algerienkrieg 1954-1962. Entkolonisierungsversuch einer kapitalistischen Metropole. Zum
Zusammenbruch der Kolonialreiche. München (Carl Hanser).
„Bereits 1955 wurde vom damaligen Bundesminister für
Familienfragen Franz-Josef Wuermeling die verbilligten Bahnfahrkarten
für kinderreiche Familien eingeführt. Der entsprechende
Berechtigungsausweis, mit dem bis April 1999 für die Kinder
vergünstigte Fahrkarten erworben werden konnten, ist noch heute als
„Der Wuermeling“ bekannt. Im Volksmund wurde Der Wuermeling auch als
Karnickelpass bezeichnet“ (aus
Wikipedia)
Inhalt
Notizen und Skizzen zu einer Autobiographie: Die Algerienreise 1967
Das zweite Semester im Institut
Vorbereitung und Aufbruch
Hinreise und Aufenthalt in Algier
Im Internet finde ich sogar ein altes Foto der „Président de Cazalet“
Auf der Fahrt durch den Tell-Atlas und über die Hochflächen
Im Untersuchungsgebiet
Skizze der Kartierungsfahrten im Aurés
Reliefkarte des Aurés
Herstellung von Lehmziegeln
Die Bewässerungssysteme der Wüstenoasen
Dibia Ouled Saoula und das südliche Vorland des Aurés
Zribet el Oued
Nemenchas
Batna
Südaurés
Sahara
Im Sand stecken geblieben
Im Gebirge
Zedern im Schnee
Von den Biskrabergen zum Zentralaurés
Zur Vegetationskartierung
Schemazeichnung von Artemisia Campestris (Wikipedia)
Juniperus Phoenicea (Wikipedia)
Aleppo-Kiefer (Wikipedia)
Zentralaurés
Karfreitag: Freitag, 24. März 1967
Im Astragalus-Busch
Ostersonntag: Sonntag, 26. März 1967
Überreste des Algerienkrieges
Ostermontag: Montag, 27. März 1967
Biskraberge
Der Alltag im Gelände
Wieder bei El Kantara
Unzugängliche Waldpisten
Nordaurés
Weiterfahrt in den Zentralaurés von Norden
Djebel Mahmel
Die Motormörder…
Durchquerung der Nemenchas von Nord nach Süd
Sahara im Vorland der Nemenchas
Djellal im Tal des Oued Djellal
Über die Hochflächen nach Tebessa
Ostbecken
DFG Afrika-Kartenwerk
Suk in Ras-el-Euch, Reflexionen zur Entwicklung in Algerien
Abschließende Kartierungen
Rückfahrt von Batna über Constantine
Gashafen Skikda
In die Kabylei
Die Rückfahrt von meiner Algerienreise
Dokument Information
Nach dem Reisetagebuch von Gerhard Voigt 1967
umgeschrieben und ergänzt. Mit Bildern versehen 08.09.2011, Redaktion: Mai
2012.
Weitere Berichte siehe
in den Notizen zu einer Autobiographie: Notizen und
Skizzen zu einer Autobiographie: Die
Wahl des Studienfaches Geographie
Die Bestimmung des
Geographen:
Der Weg durch Wüsten und Kontinente
Studienbeginn und Vorbereitung der Algerienreise 1967 des Geographischen
Instituts der Technischen Hochschule Hannover mit Dr. Achenbach als Anlass
zur Reflexion über vierzig Jahre Geographie
Fotogalerie über
Algerien
Nordafrikareise 1981 mit
Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule Hannover
Nordafrikafahrt: Tagebuch Sommer 1981
Fotogalerie Nordafrikafahrt 1981 |
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