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Die Algerienreise 1967

Das zweite Semester im Institut

Das zweite Semester im Fach Geographie war als Wintersemester der Kultur- und Wirtschaftsgeographie gewidmet. Die zentrale Anfängerübung in diesem Bereich wurde vom Assistenten und späteren Professor Dr. Gießner durchgeführt – auch mit erheblichen Meriten zum Forschungsbereich Nordafrika nach einer Dissertation über Tunesien –, der das Thema in vorzüglicher Weise vermitteln konnte. Die Übungen fanden in den angemieteten Räumen des Instituts in der Straße »Im Moore« hinter dem Hauptgebäude der TH statt, da die Hochschule »aus allen Nähten platzte«. So war das Geographische Institut generell in zwei weit voneinander entfernten Gebäuden untergebracht, ehe es nach meiner Studienzeit in das neue »Verfügungsgebäude« Am Schneiderberg 50/51 umziehen konnte. Die Vorlesungen fanden im Großen Hörsaal in der Brühlstraße statt, wo auch ein Teil der Technik und das Afrika-Institut, von dem schon die Rede war, untergebracht war.

Im Moore wurden zwei Etagen angemietet von der Bürowarenfirma Goebelhoff, wobei dieses Gebäude wohl ursprünglich ein Wohnhaus mit mehreren Wohnungsetagen war mit einem düsteren Treppenhaus und knarrenden Holztreppen, die wohl heute für solche Zwecke von der Bauaufsicht und Feuerwehr schnellstens gesperrt worden wären.

Hier waren Seminarräume, die kaum mehr als dreißig Teilnehmer fassten, Räume der Dozenten und weitere Funktionsräume untergebracht, jeweils verbunden durch einen relativ engen Flur, der die ältere Wohnungsform noch erkennen ließ. Hier fand nun die eigentliche Arbeit des Instituts statt. Der enge Zuschnitt begrenzte damit auch die Studentenzahl, was aber für diejenigen, zugelassen waren, ein unbestreitbarer Vorteil war, der von der späteren »Massenuniversität« noch nichts erkennen ließ.

Die Flure des Instituts wurden genutzt von wechselnden Ausstellungen vor allem von Studentenabeiten aus den diversen Seminaren und Übungen, bei denen hochprofessionelle Karten, Schemata und thematische Übersichten aus den Abschlusssemestern die hohen formalen und inhaltlichen Standards unserer Ausbildung belegten und damit Wegweiser gerade auch für die Anfangssemester wurden. Dass diese Arbeiten oft gleichzeitig ein hoher ästhetischer Genuss waren, sein noch am Rande bemerkt, was aber für mich, der seit vielen Jahren intimen Kontakt zur modernen Kunst und zu Kunstmuseen pflegte und selbst immer wieder künstlerische Versuche absolvierte – ein Kunststudium wäre auch eine durchaus erwogene alternative Berufswahl gewesen – von erheblicher Bedeutung für meine Identifikation mit meinem Studienfach war.

In diesem Wintersemester hielt sich Dr. Achenbach nicht im Institut auf, sondern befand sich auf einer Forschungsreise in Algerien mit dem alten, saharaerfahrenen VW-Bus des Instituts. Auch die Sahara-Querung bis zum Hoggar- (Ahaggar-)Gebirge, an der eine Gruppe von Doktoranden und Dozenten unter der Leitung von Prof. Mensching teilgenommen hatten, war in die Historie dieses Fahrzeugs eingeschrieben. Eine genauere Datierung müsste noch einmal eruiert werden. In Lehrveranstaltungen und späteren Vorträgen zum Beispiel in der Geographischen Gesellschaft zu Hannover tauchten dann immer wieder grandiose Diapositive von dieser Reise und von den anderen Nordafrika-Expeditionen der Institutsangehörigen auf.

Gegen Ende des Wintersemesters kam dann Dr. Achenbach, der – nacheinander – von Doktoranden des Instituts begleitet worden war, wieder ins Institut zurück und wurde von uns in Neugier auf seine Erlebnisse und Forschungsergebnisse begrüßt und ausgefragt.

Er hatte eine große Anzahl von Fotos aus Algerien mitgebracht. Und der bewährten Tradition des Instituts entsprechend, hatte er die eindrucksvollsten und geographisch aussagekräftigsten schwarz-weiß Bilder vergrößern lassen und hängte sie nun mit knappen Erläuterungen zu Ort, Datum und geographischem Inhalt auf dem Gang vor dem Seminarraum aus.

Ich muss gestehen, dass ich fasziniert war und nach kurzer Zeit mit einer Reihe geographischer Fragen zu einzelnen Bildern mit Dr. Achenbach ins Gespräch kam. Der gute und fachlich betonte Kontakt aus dem ersten Semester war sofort wieder hergestellt.

Und dann kam der kurze Dialog, der schon einleitend zu meinen Studienerinnerungen zitiert wurde und mit dem meine erste große geographische Studienreise begann, die dann gleich auch Teilnahme an einem umfangreichen und schon längere Zeit laufenden Forschungsprojekt, der Arbeit an dem DFG-Afrika-Kartenwerk bedeutete...

Mir war bewusst, dass diese spontan eröffnete Chance ein unwiederholbarer Glücksfall für mich bedeutete und für meine geographische Ausbildung entscheidend werden konnte. Daher mussten alle vielleicht noch auftretende Zweifel und Fragen völlig zurückgestellt werden, um einer begeisterten Freude an dieser Planung Platz zu machen, auch wenn Achenbach mir schon vom nächsten Tag bei einer Vorbesprechung an alles auf den Tisch legte, was an kritischen Fragen auch von meiner Seite her vorgebracht werden könnte. Da keine Kosten auf mich zukommen würden, war auch eine kritische Sicht durch meine Eltern nicht zu erwarten - zudem war ich ja volljährig und war schon einige Jahre lang berufstätig gewesen. Also musste ich mich dieser Zukunftsperspektive in bewusster Professionalität zuwenden...

Vorbereitung und Aufbruch

Die nächsten Wochen waren auf der einen Seite für mich Warten auf den Aufbruch, auf der anderen Seite aber auch die Notwendigkeit, das Semester erfolgreich zu Ende zu bringen. Viel ist mir aus dieser Zeit nicht konkret in der Erinnerung geblieben.

Der VW-Bus stand zeitweise beim Institut. Aber mich schon einmal eine Fahrprobe in Hannover zu machen, war für Achenbach ein zu großes Risiko (wohl auch wegen der nicht geklärten Haftungsfrage beim Institutsbus). Dabei kamen mir selbst doch noch einige Fragen und Zweifel. Sicher erwartete Dr. Achenbach von seinem unerfahrenen Begleiter vor allem technische Hilfe und Ablösung beim Fahren im Gelände. Wie er mir später erzählte, hielt er viel vom Fahren lernen unter »harten Bedingungen« auf Pisten und am Berg. Er selbst hatte mit uralten Fahrzeugen zunächst in Nordafrika Fahren gelernt; noch während unserer Fahrt hatte er sich nicht ganz daran gewöhnt, dass unser VW-Bus ein vollsynchronisiertes Getrieben hatte; er gab vor allem beim Schalten in den zweiten Gang gerne noch Zwischengas.

Obwohl ich gut ausgebildeter Straßenbahnfahrer gewesen war und mir große Fahrzeuge zu fahren, keine Mühe bereitete, hatte ich meinen PKW-Führerschein erst hinterher gemacht und die Prüfung erst mit vierundzwanzig Jahren kurz vor unserer Abreise nach Nordafrika bestanden – ich war also in dieser Hinsicht durchaus ein »Frischling«.

Dabei merkte ich, dass mir das Autofahren eigentlich gar keinen Spaß machte und ich immer noch die erhöhte Position des Straßenbahners vermisste. Das merkte natürlich später auch Achenbach, der das – wie einige andere meiner Eigenheiten – nicht recht verstehen konnte, da der ein begeisterter Autofahrer war und die Herausforderung auf beinahe unpassierbaren Pisten und in trockenen Wadi-Tälern liebte, auch wenn wir dann mal im Sand stecken blieben und nur mit Hilfe eines herbeigerufenen Traktors eines Nomadenstammes aus dem Oued el Zeribet befreit werden konnten. Aber davon später bei den folgenden Reiseberichten...

Ob ich damit für Achenbach wirklich die erwartete Hilfe gewesen bin, kann ich heute bezweifeln, auch wenn er sich in dieser Hinsicht niemals geäußert hat. Seine Höflichkeit und seine guten Umgangsformen auch im Gelände kamen mir sehr entgegen, auch wenn sie eine gewisse Distanz bedeuteten, die den Statusunterschied bewusst machte. Im Gegensatz zu anderen Geländeerfahrungen war es nie ein Thema, vom höflichen »Sie« zum Duzen über zu gehen, wie es bei späteren Fahrten mit Schülergruppen von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern doch auch von mir erwartet wurde, auch wenn ich keineswegs der »kumpelhafte Typ« bin. So war ich mit den Umgangsformen mit Dr. Achenbach durchaus einverstanden, ohne das jemals thematisieren zu müssen. Aber unsere Arbeitsteilung veränderte sich im Aurés dann sehr bald.

Nachdem ich einige Male in Schwierigkeiten beim Fahren über Pisten gekommen war – die Hinfahrt auf der Route National von Algier aus erledigte Dr. Achenbach ohnehin ganz alleine – und er eigentlich mehr mit dem Fahren als mit der Kartierung beschäftigt war, übernahm er das Steuer und gab mir auf dem Beifahrersitz die Kartierungsunterlagen. Und hier begann es dann, auch mir wieder außerordentlich Spaß zu machen. Jetzt, wo er selbst das Fahren erledigte, konnte er sich auch wieder auf die Kartierungsaufgaben konzentrieren, die ich dann mit Stift und Karte fest hielt.

Interessante Gespräche wurden in der Frage der Typisierung der Kartierungsinhalte geführt: Welche Typen von Maccien oder Garrigue[1] konnten wir an den Berghängen sehen, wie war ihre Exposition und wie passten sich die Vegetationsformen an die Geländeformen an.

Doch davon später mehr in meinem Reisebericht.

Nur kurz zu unserer Fahrt nach Algier. Am Freitag, 3. März, war für uns beide Abfahrttag, aber zunächst noch getrennt. Dr. Achenbach fuhr mit dem Bus zunächst nach Weidenau bei Siegen in seine Heimatstadt, während ich mit dem Zug nach Wiesbaden zu meiner Großmutter fuhr und dort übernachtete. Am nächsten Morgen trafen wir uns dann am Wiesbadener Hauptbahnhof, um dann auf direktem Weg nach Frankreich zu fahren. Viel ist dabei nicht zu berichten bis auf einen kurzen Stopp in der Nougat-Stadt Montélimar und eine Pause im südfranzösischen Maccie, wo uns ein überwältigender Duft der Aromen der mediterranen Kräuter wie Rosmarin und Thymian entgegen kam. Die Übernachtung erfolgte dann in einem Hotel in Aix-en-Provence. Ganz am Rande: ich war das französische Bett nicht gewohnt und fiel des nachts aus dem Bett, wobei ich mir an dem Fußbrett des Bettes noch einen blutigen Striemen an meinem Rücken holte…

Hinreise und Aufenthalt in Algier

Sonntag, 5. März 1967.

Morgens schifften wir uns auf der „Président de Cazalet“ der traditionsreichen französischen Reederei ‚Compagnie de Navigation Mixed‘ ein zur Überfahrt nach Algier.

Die Fahrt durch die Innenstadt von Marseille auf engen, überfüllten Straßen zum Hafen herunter war chaotisch. Dabei kannte ich ja noch nicht den Straßenverkehr in den orientalischen Städten, den ich später intensiv kennen lernen konnte und für den letztlich Algier in den nächsten Tagen einen – auch eher harmlosen – Vorgeschmack geben würde.

Nun also Marseille. Camions, Lieferwagen, PKW ohne erkennbare Verkehrsregeln, Lastenträger und Handkarren – alle hoffnungslos überladen – machten ein Durchkommen zum Hafen recht beschwerlich. Prompt kam es auch direkt vor uns zu einem Zusammenstoß zwischen einem Camion und einem Karren, der übervoll mit Apfelsinenkisten beladen war, die nun über die Straße gestreut wurden und den Verkehr zum Erliegen brachten.

Nun also durch die Apfelsinen weiter zum Hafen. Die „Président de Cazalet“ war ein altes Passagierschiff wohl aus den ersten Jahren des Jahrhunderts, traditionell von der roten Wasserlinie ab schwarz und weiß „gemalen“ – wie es die deutsche Matrosensprache einmal nannte. Natürlich war es noch kein modernes Fährschiff, auf das die Fahrzeuge durch eine Bug- oder Heckklappe direkt auf das Parkdeck fahren konnten. Die Beladung der „Président de Cazalet“ erfolgte ganz traditionell mit Kränen über den Ladeluken.

Im Internet finde ich sogar ein altes Foto der „Président de Cazalet“

Beschreibung: http://www.voigt-bismarckschule.de/Reisen/Schiff.jpg

Le „Président de Cazalet“, de la Compagnie de Navigation Mixte, route Oran-Port-Vendre-Marseille. Ce navire est le "sister ship" du "Sidi-Bel-Abbès" (SGTM) – Photo: Charles Galiana auf

http://home.nordnet.fr/~jcpillon/piedgris/bateaux.html

Länge: 122,48 m

Breite: 16,25 m

Tonnage: 5 912 t

Erbaut: 1948 bei Swan Hunter & Wigham Richardson, Wallsend-on-Tyne, Newcastle, England

Geschwindigkeit: 21 Knoten (39 km / h)

Passagiere: 899

Reederei: Cie de Navigation Mixte bis 1967, Compagnie Générale Transatlantique von 1967 bis 1969, nach Griechenland im Jahr 1969 verkauft.

Eingesetzt zunächst unter dem Namen „El Kantara II“ (zusammen mit ihrem „Zwilling“, der ursprünglichen „Président de Cazalet“ und von seinem neuen Käufer, der Reederei General Transméditerrannée, umbenannt wurde in „Sidi-Bel-Abbès“) wird es vor der Auslieferung an die Compagnie de Navigation Mixte in „Président de Cazalet“ umbenannt.

Nach dem Verkauf umbenannt in „Méditerranée“ (1967), und „Arcadi“ (1969)

Schiffsdaten aus: http://martin.michel47.free.fr/genealogie/documents/president_de_cazalet.htm

So wurde unser VW-Bus auf ein festes Netz gefahren und in ihm wie in einer Tüte mit dem Kran in den Laderaum bugsiert – nachdem wir schon vorher Geld und wichtige Ersatzdokumente in der Türverkleidung versteckt hatten. Dies wird uns am nächsten Tag in Algier noch einige unerwartete Schwierigkeiten bereiten.

Das Schiff betraten wir ganz klassisch über die Gangway und wurden vom Stewart begrüßt und zu unserer Kabine geleitet, wo wir mit leichtem Handgepäck eintrafen – unsere Ausrüstung war ja im Bus verstaut.

Die Nacht in der Kabine, Innenseite in der Nähe der Maschine, war nicht gerade komfortabel; eng, schwül und laut durch das Stampfen und Vibrieren der Motoren.

So blieb anderes, das wichtigste in der Erinnerung an diese Schiffspassage: Der Blick über das Meer vom Deck aus mit seinen gegen Abend und am nächsten Morgen wechselnden Farben und Spiegelungen; und auch Gruppen – Schulen – von Delphinen, die aus dem Wasser sprangen und das Schiff auf seiner Fahrt begleiteten.

Und dann natürlich die Mahlzeiten – das Wichtigste an Bord! Wenn man französisch stilvoll genießen wollte, blieb nicht mehr viel Zeit zwischen den Mahlzeiten – zwischen dem üppigen Hauptmenü, den Zwischenmahlzeiten, den Kaffeepausen, dem Abendessen … unterbrochen von einer nicht allzu langen Nachtpause – dem Frühstück, bis dann schon der afrikanische Kontinent am Horizont auftauchte.

In traditioneller Weise saß man am weiß eingedeckten Tisch mit edlem Schiffsgeschirr und -besteck, mit zuvorkommender Bedienung und viel Ruhe und Zeit zum Genießen.

Einige der Gerichte waren für mich, der Frankreichs Lebensart noch nicht vertraut, etwas ungewohnt. Eher abstoßend blieb mir die Pastete in Erinnerung, in der sich eine weiße, glibbrige, nach nichts schmeckende Füllung befand, die wohl erst durch Pfeffer und Salz schmackhaft gemacht werden sollte – wie ich dann von Dr. Achenbach erfuhr: Lammhirn. Habe ich Küchenbanause angewidert stehen gelassen, sehr zum Erstaunen meines Begleiters. Heute, nach den Erfahrungen mit der Traberkrankheit bei Schafen wird dieser französische Leckerbissen wohl nur noch selten serviert.

{Beim Erzählen stolpere ich immer wieder über mögliche thematische Abschweifungen, wie hier bei der Erwähnung der Traberkrankheit. In der Erinnerung tauchen Ausführungen aus dem von mir besonders geschätzten Buch von Douglas R. Hofstadter, (Gödel, Escher, Bach, ein Endloses Geflochte­nes Band), in dem die ältere These vertreten wird, dass diese Krankheit vor allem durch Aufnahme von Hirn und Markgewebe von einem ähnlichen Lentivirus übertragen wird wie die gefürchtete BSE bei Rindern und im Verdacht steht, auch auf den Menschen übertragen werden zu können, bei dem mit ähnlichen Symptomen die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auftreten kann. Die Unsicherheit über diesen Zusammenhang provoziert dann doch eine kleine Recherche, die schon bei zugänglichen Informationsmedien wie der Wikipedia-Enzyklopädie zur Erkenntnis führt, dass die Wissenschaft für diese Gehirnkrankheiten neue und noch viel rätselhaftere Ursachen entdeckt hat, indem die übertragbaren Transmissible spongiforme Enzephalopathie (TSE) – zu denen auch BSE gehört (Bovine spongiforme Enzephalopathie – von fehlgebildeten Eiweißen (Prionen) übertragen werden. In den Stichworten Scrapie und Lentiviren finden sich neben den Grundinformationen auch weiter führende Literaturangaben zu diesem faszinierenden wie erschreckendem Thema. Wieweit diese schwammförmigen Fehlbildungen im Gehirn strukturell verwandt sind mit verschiedenen Formen der Demenz und der Alzheimer-Krankheit regt Spekulationen an, denen ich mangels Fachkenntnissen hier nicht weiter nachgehen kann.[2]}

So kann ich auf eine, wenn auch kleine, klassische Schiffspassage aus der guten alten Zeit zurückblicken, die im Zeitalter der Autofähren im Linienverkehr kaum noch anzutreffen ist. Ein erinnerungswerter Anachronismus – auch heutige Kreuzfahrtschiffen fehlt oft diese Distinguität und Zivilisiertheit gegenüber der heutigen Spaß- und Event-Gesellschaft. Autofähren habe ich in der Folgezeit vielfach nutzen können oder müssen, auf dieser Reise schon auf der Rückfahrt von Algier nach Marseilles mit der ‚Corse‘ der Co Générale Transatlantique – viel moderner aber völlig stillos – mit der Übernachtung auf ‚Couchettes‘ im „Schlafdeck“.

Montag, 6. März 1967

Von den Inseln, die wir nachts passierten, haben wir nichts gesehen. Erst am nächsten Vormittag tauchte der afrikanische Kontinent vor uns auf.

Für mich begann dieser Tag mit wachsender Spannung und Aufregung: eine neue Welt tat sich vor mir auf, die Dr. Achenbach ja schon so häufig bereist hatte, seitdem Tunesien und Algerien seine zentralen Forschungsregionen geworden waren und übe die er sich bald darauf auch habilitieren sollte. Vieles hat er mir in den folgenden Wochen erzählen und erklären können, was für meine eigene weitere Arbeit, meine Interessen und meine spätere Berufstätigkeit als Erdkundelehrer von großer Bedeutung war.

Das Einlaufen in den Hafen von Algier war nichts Besonderes. Die Kaianlage und viele alte, nicht sehr gepflegt aussehende Schuppen könnten in vielen Häfen der Welt stehen. Nur über diesen Schuppen war andeutungsweise das weiße „Amphitheater“ der Stadt zu sehen, die sich um die Bucht von Algier in einem großen Bogen auf den Berghängen hinzieht und ihr wie auch anderen mediterranen Städten den Namen „Weiße Stadt“ eingetragen hat.

Ihren Namen, arabisch El Djezair („auf den Inseln“), hat sie aus ihrer früheren Zeit, als sich in der osmanischen Zeit Seeräuber auf den Inseln, die verbunden mit Kaimauern, auch heute noch einen Teil der Bucht umsäumen, einnisteten und von hier aus zu ihren Beutezügen aufbrachen. Bald wuchs dann auch auf dem Festland die Siedlung, die dann später zur Hauptstadt des Landes wurde, das heute insgesamt Algerien heißt.

Kurz vor dem Verlassen des Schiffes kam dann die unangenehme Überraschung. Wegen eines Feiertages, von dem wir nichts geahnt hatten, konnten zwar die Passagiere von Bord gehen und einreisen, doch die Ladung musste bis zum nächsten Tag im Laderaum des Schiffes bleiben – und damit unser Fahrzeug mit Gepäck und dem Wichtigsten: unserem Geld.

Die Nacht auf dem Schiff zu verbringen war nicht möglich; so mussten wir uns in Hafennähe ein billiges Hotel suchen – und so eines fanden wir dann auch – im Rotlichtviertel der Hafenstraßen, inklusive der roten Laterne vor der Tür.

Als Verpflegung konnten wir uns etwas Brot und Belag kaufen. Aber damit mussten wir zunächst bis zum nächsten Morgen auskommen.

Ganz ungezieferfrei schien das „extra komfortable“ Zimmer ja nicht zu sein. Zwei alte Metallbetten mit eher schmutzigen Matratzen und gelblich ausgeblichenem Bettzeug wurden von uns von der Wand weg gerückt, um eventuellen nächtlichen vielbeinigen Besuchern den Angriff zu erschweren. Da weitere Möbel fehlten, legten wir das Brot und die Tüte mit dem Brotbelag auf das Fenstersims, wo dann auch bald ein extragroßer bunter Käfer die Chance nutze, sich an dem Brot gütlich zu tun. Aber die Nacht haben wir, in unserer Straßenkleidung, heil überstanden, und wir sind dann morgens in der Frühe zum Hafen aufgebrochen, um unser Fahrzeug abzuholen.

Dienstag, 7. März 1967

Unser Vorhaben war dann doch schwieriger als wir es erwartet hatten. Irgendwann am Vormittag konnten wir sehen, wie der VW-Bus wieder am Kran hin und auf dem Kai abgestellt wurde. Aber das bedeutete noch lange nicht, dass wir jetzt losfahren konnten! Erst mussten die Zollformalitäten erledigt werden. Im Hafenzollamt legten wir die notwendigen Papiere vor, vor allem das Carnet des Passage, in dem alle wichtigen Fahrzeugdaten eingetragen waren.

Hier kam dann das zentrale Problem. Das Fahrzeug war zugelassen auf das Geographische Institut der Technischen Hochschule Hannover und nicht auf eine Person. Selbstverständlich hatten wir die notwendigen, mehrsprachig erstellten Vollmachten und die übrigen Fahrzeug- und Versicherungspapiere ebenso dabei wie unsere Personalpapiere.

Doch da stellte sich für die Zöllner die Frage: Wer ist das „Geographische Institut“? Es solle doch selbst hier zur Abfertigung erscheinen. Dr. Achenbach genügte anscheinend hier keineswegs. Lange Erklärungen und Diskussionen führten zu nichts. Kein Institut anwesend – keine Einreise und Abfertigung. Wir waren ratlos.

Genauso ging es einer Gruppe von Werksfahrern von Daimler-Benz, die mit Genehmigung der algerischen Regierung in der Wüste Testfahrten mit Prototypen neuer Mercedes-Modelle unternehmen wollten. Auch hier: Firma Daimler Benz habe beim Zoll zu erscheinen: Keine Firma anwesend – keine Einreise und Abfertigung.

Dr. Achenbach ging dann zu einer anderen Polizeidienststelle im Hafen und trug sein, unser Problem vor. Aber auch hier: da können wir nichts machen. Wenn der Zoll sagt, das Geographische Institut muss anwesend sein, so sollten wir es bitte herholen. Meinem Begleiter und Chef platzte hier dann verständlicher Weise der Kragen und er murmelte mehr – vor sich hin: „quel pays – Was für ein Land“. Leider hörte das der Polizeioffizier, der darin eine Landesbeleidigung erkannte und tief gekränkt war – was bei der Polizei nicht gerade empfehlenswert ist. Abgeführt zu seinem Vorgesetzten konnten uns nur untertänigste, reumütige Entschuldigungen vor einer Festnahme und Abschiebung bewahren. Und dabei hatte ich, des Französischen nicht mächtig, den Ausbruch von Achenbach noch nicht einmal verstanden. Ich muss die Auseinandersetzung recht fassungslos und eingeschüchtert beobachtet haben und konnte auch auf Nachfragen nichts dazu beitragen.

Aber da wir nun doch bei einem höheren Offizier waren, auch wenn in einer unangenehmen Situation, konnten wir doch noch einmal unser Problem erklären. Wir erhielten dann den Rat, uns an den obersten Hafendirektor beim Ministerium zu wenden, im Hafenamt, das sich in einem anderen Teil der Stadt befand. Ansonsten konnte er uns achselzuckend auch nicht weiter helfen. Literaten assoziieren hier wohl eine kafkaeske Situation.

Auf dann zum Hafendirektor, natürlich ohne Auto. Für eine Taxifahrt reichte unser Geld noch. Beim Hafenamt die üblichen umständlichen Prozeduren. Zutritts-Präliminarien an der Pforte, bei der Direktionsabteilung, bei der Chefsekretärin usw. Dann nach längerer Zeit der Termin beim Hafendirektor. Seriös, vornehm, distinguiert und kurz angebunden. Wir erklären unser Problem und dachten schon, wir müssten es umständlich darlegen und unser Anliegen legitimieren. Doch nichts da! Er unterbrach uns kurz, hatte das Problem verstanden und machte einige unwirsche Bemerkungen etwa des Sinnes, dass diese inkompetenten Hafenbeamten wohl nicht ganz dicht seien. (Er sagte es wohl etwas vornehmer, aber seine Mimik erklärte das Gemeinte sehr deutlich!) Er nahm seinen Taschenkalender und riss von einer Seite eine kleine Ecke ab, auf die er seinen schwungvollen arabischen Namenszug schrieb. Das Problem war sichtlich nicht wichtig genug, um einen formalen Akt anzulegen. „Das genügt.“ Kurze, höfliche Verabschiedung, herzlichen Dank unsererseits, und es ging mit dem Taxi zurück zum Hafen. Wie würde das Zollamt auf unseren Kalenderschnipsel reagieren? Reichte das wirklich aus?

Zurück beim Hafenzollamt. Wir zeigen den unterschriebenen Papierschnitzel vor und die Zöllner gehen sichtlich in „Hab-Acht-Stellung“! Die notwendigen Stempel in unseren Papieren waren dann nur noch eine Formsache von wenigen Minuten.

Aber es war noch nicht alles vorbei. Der Zoll musste unseren Wagen samt Inhalt abfertigen. Etwas Verwunderung und Befremden weckte unsere reichhaltige Verproviantierung. „Glauben Sie denn, dass Sie bei uns in Algerien verhungern müssten?“ Wir konnten ja schlecht aussagen, dass wir beabsichtigten, am Rande der Sahara in die abgelegensten Täler zu fahren, um Kartierungsarbeiten durchzuführen – das wäre dann leicht in den Ruch der Spionage gekommen, da wir auch keine Forschungsgenehmigung für das Land hatten. So hatten wir unsere großmaßstäbigen topographischen Karten auch in die Verkleidung unserer Türen gesteckt – und haben sie auch im Lande selbst niemandem zu Gesicht kommen lassen –, da sie vom französischen militärgeographischen Institut aufgenommen waren und noch den Vermerk „geheim“ trugen (aber jetzt – nach Ende des Algerienkrieges – in Europa frei verkäuflich waren).

Im Übrigen hatten wir unsere reichhaltigen Geldreserven ebenso gut versteckt und hofften nur, dass keine zu gründliche Kontrolle angesagt war!

Aber das Zollproblem löste sich in überraschender Weise: Die beiden Zöllner nahmen etwas verwundert ein rundes Graubrot in die Hand und schauten uns fragend an – so etwas hatten sie noch nie gesehen! Dr. Achenbach nutzte die Überraschung schlagfertig indem er behauptete, dass dies Brot von seiner Mutter gebacken worden wäre. Das weckte Rührung und Verständnis – und die weitere Kontrolle war beendet.

Aber der Tag war nach all diesem Stress nahezu um und wir mussten uns eine Übernachtungsmöglichkeit suchen. So wurde dies die erste Nacht in unserem Bus. Dr. Achenbach kannte von vorherigen Reisen eine Stelle im Waldgebiet des Forêt de Bainem westlich von Algier an einem sanften Hang in der Nähe der Küste (vgl. Abb. 1,01[3]). Doch ganz ungestört verlief unsere Übernachtung dann doch nicht. Zuerst schreckte uns Babygebrüll auf, dann klopfte jemand auf das Dach unseres Wagens – aber das war harmlos und leicht zu erklären: Eine Horde Berberaffen hatte unseren Wagen erspäht und nutzte ihn nun als Turngerät. (Übrigens: die einzige Population von Berberaffen in Europa lebt auf dem Felsen von Gibraltar als treue Untertanen ihrer Majestät, der Königin, und wird von den britischen Soldaten gehegt und gepflegt, in Erinnerung an den alten Satz: Solange die Affen auf dem Berg leben, bleibt Gibraltar britisch.)

Aber als dann noch neugierige Jugendliche kamen und unseren Bus anstarrten, wurde es uns zu ungemütlich, und wir beschlossen noch etwas weiter zu fahren. Weiter hangabwärts am Rande des Forêt de Bainem fand sich ein eingefriedeter kleiner Wald von Eukalyptusbäumen fernab größerer Straßen und Wege, wo wir dann unseren Wagen in Ruhe abstellen konnten und uns dann endgültig zum Schlafen zurückzogen im Duft von Hustenbonbons.

Mittwoch, 8. März 1967

Nach einer Nacht, die in der Spannung zwischen der Erwartung auf den ersten vollen Tag in Algerien und der tiefen Müdigkeit nach einem aufregenden Tag, der teilweise anders verlaufen war, als wir es erwartet hatten – vielleicht für Dr. Achenbach mit seiner Algerienerfahrung noch weniger überraschend als für mich; doch dass er sich im Laufe der Zeit durch Erlebnisse wie gestern beim Zoll einen recht distanzierten Zynismus gegenüber Land und Leuten angeeignet hatte, war mir immer wieder nicht ganz geheuer und ich hoffte, diese Haltung während unserer gemeinsamen Fahrt nicht zu übernehmen – war dann der erste Blick vom Forêt de Bainem, westlich von Algier, auf den Eukalyptus- und Pinien-Wald auf das Meer und die Ansiedlungen von Bainem-Falaises bei Cap Caxine auf der linken Seite und Villas-Bains auf der rechten eine landschaftlich eindrucksvolle Ansicht, die den mediterranen Charakter der algerischen Küste deutlich machte. Der Eukalyptusbaum ist heute in dieser Region weit verbreitet, obwohl es sich um eine fremde Pflanzenart aus dem australischen Kontinent handelt, der hier angepflanzt wurde, da er sehr schnell wächst und klimaresistent ist. Eine schnelle Aufforstung ist wegen der heftigen Bodenerosion und der Vegetationsvernichtung durch Ausbreitung von Siedlungs- und Agrarland sehr wichtig.

Wenn wir im Laufe des Tages auch einiges von der Stadt Algier sehen, ist das doch nicht das Hauptziel unserer Fahrten. Hier ist noch einiges zu erledigen, es sind Vorbereitungen für meine spätere Rückfahrt zu treffen, da wir in den nächsten Wochen nicht wieder in die Hauptstadt kommen werden.

Daher führt uns unser erster Weg auch wieder zum Hafen (vgl. Abb. 1,02, 1,03). Hier beim Bahnhof – die Hauptstrecke der Eisenbahn führt in West-Ost-Richtung an der Küste entlang und verbindet so die algerischen Hafenstädte – lässt ein Blick vom Parkplatz auf dem Tri Postal nach in Richtung Nord-Nord-West die Charakteristiken der Hafenfront der Stadt erkennen (vgl. Abb. 1,04, 1,05). Die Rampe Magenta verbindet die am Ufer gelegene Hafenstraße mit ihren Schuppen und Kaizufahrten und den Eisenbahngleisen mit der höher gelegenen Hauptstraße, dem Boulevard Zirout Youssef, an dem sich als Häuserfront die weißen Hotels im Kolonialstiel – zum Zeitpunkt unseres Besuchs meist verkommen und provisorisch genutzt – reihen. Von hier aus gehen dann hangaufwärts die Hauptstraßen. Berühmt ist auch der überdimensionierte Aufzug, der Ascenseur zwischen den beiden Straßenebenen. Auf dem zweiten Bild zu erkennen sind vom selben Standort aus der Hafen (Port), rechts der neue Hafenbahnhof (Nouvelle Gare Maritime) am Quai d'Abbeville. Im Hintergrund erstreckt sich die Môle El Djefna in die Bucht von Algier (vgl. Abb. 1,06 – 1,08).

Der Aufenthalt in Algier diente aber nicht nur dazu, letzte Einkäufe zu tätigen, den „Papierkram“ zu erledigen und Rückfahrtsvorbereitungen zu treffen, er diente auch zu einem wichtigen, für den „Normaltouristen“ eher unerwarteten Besuch in der Deutschen Botschaft (vgl. Abb. 1,09 – 1,11).

Die politischen Verhältnisse hatten hier eine besondere Situation geschaffen. Seit der Unabhängigkeit Algeriens hatte die Bundesrepublik Deutschland ihre Botschaft in Algier unterhalten. Die weltpolitische Situation im „Kalten Krieg“ ließ aber die Volksrepublik Algerien, die sich als sozialistischer Staat verstand, näher an den Ostblock rücken und besonders bevorzugte Beziehungen zur UdSSR eingehen, von der man sich nicht nur politische Unterstützung sondern auch wirtschaftliche Hilfe versprach – die Näherung an den westeuropäischen Wirtschaftsraum erfolgte erst viel später; dennoch waren im Vertrag von Evian besondere Beziehungen zur ehemaligen Kolonialmacht Frankreich vereinbart worden, die vor allem eine Außenhandelsprivilegierung und Zusammenarbeit im Erdölgeschäft vorsah und durchaus wichtig für Algerien geworden war. Über Frankreich intensivierten sich damit auch die Beziehungen zu Deutschland. Doch der Einschnitt kam, als – mit dem äußeren Anlass des Israel-Konfliktes, in dem sich die arabischen Länder deutlich vom „Westen“ abwendeten – Algerien dem Druck der Sowjetunion folgte und die DDR anerkannte.

Noch einmal führte uns abends der Weg zu unserem Schlafplatz im Forêt de Bainem zu unseren Eukalyptusbäumen, ehe es dann am nächsten Morgen endgültig Abschied von Algier für viele Wochen nehmen hieß und die Fahrt zunächst auf die Hochflächen der Chotts und dann zu unserem Zielgebiet, dem Dj. Aurés im Sahara-Atlas beginnen konnte.

Auf der Fahrt durch den Tell-Atlas und über die Hochflächen

Donnerstag, 09.03.67. Wir fahren durch die Kabylei. Die Kabylei ist eine Gebirgslandschaft 9im Tell-Atlas und vor allem an den nördlichen Hängen zum Mittelmeer hin feucht und dicht bewaldet. Von den Hochflächen her brechen in tiefen Schluchten Flüsse mit unregelmäßiger Wasserführung durch, die im Küstenvorland sich zu breiten, sich in vielen Armen auflösenden Torrenten ausweiten. Die Kabylei, (arabisch ‏منطقة القبائل‎, DMG [Umschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft] Minṭaqat al-Qabāʾil ‚Gegend der Volksstämme‘) ist ein altbesiedeltes Gebiet, in dem die berberisch sprechenden Kabylen siedeln. Die Kabylei war im Laufe der Geschichte immer wieder Durchzugsort von Eroberern und Konfliktgebiet mit den meist arabischen Nomadenstämmen, den Beduinen. Kulturlandschaftlich hatte das sichtbare Folgen, da sich die ansässige Bevölkerung in Orte in Verteidigungslagen auf den Bergkämmen zurückzog. Noch heute liegen die meisten Orte in dieser „Akropolislage“, die andererseits aber auch vor den jahreszeitlich wilden Gebirgsbächen in den Tälern und Schluchten schützt. Der Ackerbau ist eher unergiebig, so dass die Kabylei zu den ärmsten Gebieten Algeriens gehört, oft in ethnischer und religiöser Konfliktsituation mit der herrschenden arabischen Staatsführung. Erste Eindrücke von der wilden Landschaft der Kabylei erhielten wir bei der Durchquerung der Gorges de Palestro, durch die die Route Nationale 5 über Menerville und Palestro führt (vgl. Abb. 1,12, 1,13).

Die Schlucht von Palestro war ein Schauplatz erbitterter Kämpfe im Algerienkrieg 1956, von denen in einem spannenden Buch berichtet wird: „L'embuscade de Palestro“ von Raphaëlle Branche. In der Nacht von Freitag, 18 Mai 1956 auf den Samstag, 19 Mai 1956, gerät der 2. Abschnitt des 9. Colonial Infanterie-Regiment unter dem Kommando von Hervé Artur in der Nähe von Palestro in einen Hinterhalt von Kämpfern der Armée de Libération National unter dem Kommando von Lieutenant Mustafa 'Ali' Khodja. Der Guerilla Angriff dauert weniger als 20 Minuten und endete mit einem Sieg für die ALN. Sowohl dieser Hinterhalt als auch die Vergeltungsaktion der französischen Armee wenige Tage später zeichnen sich durch unbarmherzige Brutalität aus, die bis zum Verstümmeln der Leichen reicht. Dieser Kampf wird in der Geschichtsschreibung beider Seiten eigentlich immer verdrängt. Und diese Frage nach der Verdrängung der Gräuel ist ein Leitmotiv des Buches von Raphaëlle Branche.

Wir fahren entlang vom Oued Isser, der jetzt Anfang März langsam sinkende Wasserpegel nach der ersten Schneeschmelze auf den Höhen des Tell-Atlas aufweist, aber immer noch einen beeindruckenden Durchfluss zeigt (vgl. Abb. 1,14). Der Fluss mündet östlich von Algier als Torrenten-Fluss ins Mittelmeer. Hier auf dem Weg zu den Hochflächen weitet sich das Tal wieder aus und Flussterrassen und Apfelsinenplantagen können oberhalb von Palestro gefunden werden (vgl. Abb. 1,15 und dasselbe mit Dr. Achenbach Abb. 1,16).

Im Tal des Oued Djemâa vor Bouira fällt unser Blick auf die hügeligen Ausläufer der Djurdjura-Kette, den höchsten Gebirgszug des Tell-Atlas. Hier ist eine geographische Besonderheit zu beobachten. In der Höhenlage finden sich glaziale Formungen wie Kare und fossile Gletschertäler. Das beweist eine kaltzeitliche Vereisungsphase und gibt damit Aufschlüsse über die Klimageschichte Nordafrikas. – Am Rande erfreuen ländliche Idylle mit Eseltreibern und Schafherden (vgl. Abb. 1,17). Die weitere Umgebung ist durch eine Vegetation von Eukalyptusgehölz, Maccie und Ackerbau gekennzeichnet. Kabylendörfer finden sich hier in der typischen Höhen- und Gratlage (vgl. Abb. 1,18).

Und noch einmal vom gleichen Standort aus fällt unser Blick nach Ost-Nordost auf den Djebel Heidzer. Mit ihm beginnt die fast alpine Felskette des Djurdjura mit der Vorkette Drâa oum Nehine (vgl. Abb. 1,19). Nach Westen hin öffnet sich der Blick auf die Westkabylische Höhenzüge mit dem Djebel Harchaoua. 09.03.67  (vgl. Abb. 1,20, Straßentrasse mit Dr. Achenbach; Lichte Tell-Maccie vgl. Abb. 1,21).

Am Freitag, 10.03. erreichen wir unser erstes Ziel im Untersuchungsgebiet: Batna, die Hauptstadt des Département Aurés. Über diese Stadt, die zu unserem Hauptstützpunkt während unserer Kartierungen im Aurés werden sollte, wird noch ausführlicher zu berichten sein. Doch zunächst verbrachten wir nur eine Nacht hier, um am nächsten Tage zu unseren geographischen Arbeiten aufzubrechen.

Im Untersuchungsgebiet

Samstag, 11.03. Zunächst orientieren wir uns in der Batnasenke und blicken von Ain Touta (= MacMahon) aus zurück zur Stadt. Interessant ist es hier, an Hand einer Wolkenfront die Klimagrenze zwischen den Gebirgszügen der Beckenlandschaften und der Grabenlandschaft, die sich nach Süden in Richtung Biskra und Sahara öffnet und neben einem, zu diesem Zeitpunkt schon trocken gefallenen Oued die Nord-Süd-Hauptstraße beinhaltet. Im Vordergrund sehen wir am Oued die Trocken-Vegetation, unterbrochen von einigen Feldern (vgl. Abb. 1,22). Diesen trockenen Oued, ordnen wir wegen seiner tief eingeschnitten Kastenform einem Hochflächentyp zu (vgl. Abb. 1,23).

Weiter südlich treffen wir auf berberische Bewässerungsanlage bei Les Tamarins („Die Tamerisken“, = buschartige, trockene Sandpflanzen, die hier wachsen). Sie belegen eine alte Agrartradition, die noch ganz traditionellen Mustern folgt (vgl. Abb. 1,24). Bei der Weiterfahrt stoßen wir auf die Biskraberge, die das Tal mit einem schmalen aber steilen Felskamm in West-Ost-Richtung queren und durch die Schlucht von El Kantara vom Tal durchbrochen werden. Im Tal verläuft von Norden kommen die Route Nationale 3; die links vom Djar Ouled Bellil und rechts vom Djar el Dechra begrenzt wird. Der Durchbruch des Oued el Hai nach Süden durch die sehr steil nach Nordnordosten ausstreichenden Maastricht-Kalkschichten zeigt wie ein Bilderbuch die Klimageschichte und die geologische Genese der Biskraberge. Es handelt sich um ein antezedentes Tal, d.h., dass der Fluss älter ist als der Gebirgszug, in den er sich während der Hebungsphase eingeschnitten hat. An der Stirnseite finden sich steile, im Durchbruchsbereich extrem herausgearbeitete Kliff- und Kef-Bildungen (steile, z.T. vorspringende Klippen, die in ariden Gebieten die Petrovarianz deutlich machen. Vgl. den Ortsnamen Lehrerinnen und Lehrer Kef in Tunesien), im unteren Hangbereich so genannte ‚Hang-Glacis‘ und Schuttkegel. Die Unterschiedlichen Neigungswinkel in den Durchbruchsbereichen bilden die verschiedenen Klimaphasen ab, die sich entweder im Vorherrschen der linearen Tiefenerosion mit steilen Wänden oder in klimatisch feuchteren Phasen mit einen Vorherrschen der Lateralerosion mit breiteren Talsohlen und flacheren Seitenhängen ausgeprägt haben (vgl. Abb. 1,25).

Derselbe Befund bestätigt sich auch beim Blick nach Westen zum Djebel Metlili mit weit gefächerten ‚Hangrippen‘, stark eingeschnittene Tiefenlinien und selektiver, die Petrovarianz (= Unterschiede der Härte der Schichten gegenüber der Abtragung[4]) betonenden Erosion. Dichtere Vegetation, Tamarisken, einzelne Palmen finden sich nur im unmittelbaren Bereich des Oued el Hai, dort auch. Bewässerungsanlagen für etwas Ackerbau und einzelne Baumkulturen während im Terrassen- und Hangbereich die Steppenvegetation spärlicher wird. Auf dem Djebel Metlili findet sich auch ein dichteres Waldgebiet (vgl. Abb. 1,26).

Beschreibung: F:\Eigene Bilder\Nordafrika-Maghreb\Algerien\DZ67_Routenplan Aures.gif

Skizze der Kartierungsfahrten im Aurés

Südlich von El Kantara stoßen wir auf einen neuen Typ des Oasenbereiches. Charakteristisch ist die dreistufige Nutzung. In der „unteren Etage“ finden sich Getreide oder Gemüse, darüber Obstbäume, und zuletzt, schattenspendend die oberste Etage mit Palmenkulturen. Doch tritt dieses Kulturland nur im Bewässerungsbereich als echte Oasenkultur, hier vom Typ der Flussoase, auf (vgl. Abb. 1,27). Weiter entfernt liegt das Weideland für Kamel-, Schaf- und Ziegenherden bei El Outaya mit Blick nach Süden auf den Djebel bou Rhezal, die Biskraberge im engeren Sinne (vgl. Abb. 1,28).

Damit kommen wir in den Landschaftstyp der randlichen Wüste und Wüstensteppe der Sahara. Die erste vollentwickelte Oase ist Chetma bei Biskra, ausgebildet als Quell- bzw. Brunnenoase innerhalb des Piedmontglacis des Südaurés. Leichte Hügel, schotterbedeckt, nördlich der Oase leiten über zum Anstieg des pliozänen ‚Außenkamms‘ des Südaurés, der weitgehend eine mitgeschleppte, schräg gestellte jungtertiäre Vorlandaufschüttung darstellt. – Die Oase kennzeichnet der traditionelle dreistufige arabische Oasenbau: Primärkultur mit direkter Kanalbewässerung ist die Dattelpalme, durch einige kleinere Mauern in einzelne ‚Palmgärten‘ untergliedert; als Unterkultur mit dem Wasserüberschuss der Palmbewässerung versorgt findet sich Fruchtbaumanbau unter den Palmen – das Schattendach vermindert die direkte Einstrahlung und die übergroße Verdunstung; als letzte Stufe zwischen den Bäumen findet sich Getreide- und (mehr im Oaseninneren) Gemüseanbau für den täglichen Bedarf. Eine große Oase ist in ihrer Lebensmittelversorgung, auch durch ein ausgeklügeltes Vorratshaltungs-System, weitgehend autark und kann auch von der Umwelt abgeschnitten existieren, was bei den schwierigen natürlichen Lebensbedingungen unbedingt notwendig ist (vgl. Abb. 1,29).

In der Hügellandschaft nördlich von Chetma sind noch die Ausläufer der Palmpflanzung Chetmas zu erkennen mit einigen Häusern außerhalb der geschlossenen Siedlung. In den Sahara-Oasen herrscht der traditionelle Lehmziegelbau vor. Die kulturlandschaftliche Entwicklung der Randoasen ist sowohl im Siedlungsbild, der Ausdehnung an den Rand der eigentlichen Oasenkulturen zu erkennen ebenso wie am technischen Fortschritt: Die Oase ist an das Telephon- und Telegraphennetz angeschlossen. – Vor dem Hintergrund der Biskraberge im Westen wieder weite Schotterflächen die vom Gebirgsrand her zerschnitten sind. Diese Schotterfläche nördlich von Chetma besteht aus verfestigten, wechselnden Schotterkonglomeraten und Sandschichten, die in das Pliozän zu datieren sind. An der Oberfläche we4den sie bedeckt von jüngeren Schotterabdeckungen, jedoch nur herausgelöst aus dem anstehenden Material. Ein ‚Tafelberg‘ deutet auf ein aufgelöstes, älteres und höheres Glacis-Niveau hin (vgl. Abb. 1,30, im Bild: Dr. Achenbach, 1,31, 1,32).

Weitere Untersuchungen erfolgten dann am Sonntag, 12.03. nach einer Übernachtung in unserem Bus. Das Gebiet am Südhang des Sahara-Atlas ist geologisch wie geographisch äußerst interessant und vielgestaltig. Das Gebirge selbst ist ein junges Faltengebirge aus vorwiegend mesozoischen und tertiären Gesteinen, wobei eine Altersabfolge von den älteren Hochflächen zu den jüngeren Randketten am Rande der Sahara zu beobachten ist. Mehrere Hebungszentren bewirken eine Vielgestaltigkeit der Gebirgsformung. Der Aurés besteht aus Schichtkämmen in die sich von den Hochflächen im Nordosten herabziehen zu den Sahararändern im Südwesten. Vier große Tal- und Fluss-Systeme zeichnen diese Faltungsstruktur nach und öffnen sich im Süden zur Ebene hin. Die steilen, herauspräparierten „Rippen“ bestehen vor allem aus Maastricht-Kalken aus der Kreidezeit.

Beschreibung: F:\Eigene Dateien\Eigene Bilder\Nordafrika-Maghreb\Algerien\DZ_Aures_Karte.jpg

Reliefkarte des Aurés

Die Kämme laufen im Nordosten zusammen im höchsten Gebirgskomplex des Djebel Mahmel, den wir später noch besteigen werden. Zwei große Flüsse – der Oued el Abiod und der Oued el Abdi, der ‚Sklavenfluss‘ – öffnen sich in die Sahara-Ebene und liefern in der Frühjahrsschneeschmelze das Wasser, das in den Salzseen der großen Chotts versickert und verdunstet. Dieses Wasser im Südaurés wird auch genutzt in der Barrage Foum-el-Gherza am Durchbruch des Oued el Abiod durch die Ausläufer des Djebel Ahmar Kraddou. Der Stausee bewässert das Gebiet um Sidi Okba (vgl. Abb. 2,01, 2,02). Sidi Okba (auch Sidi Uqba – arabisch: سيدي عقبة‎) ist eine Oase in der Provinz Biskra. Sie wurde benannt nach dem islamischen General Uqba ibn Nafi, der hier im Jahr 683 u.Z. starb und zu den arabischen Eroberungsheeren im Maghreb gehörte. Biskra liegt von hier aus in einer Entfernung von 18 km.

Am Sonntag, 12.03. erkunden wir die Sahara Oase und Barrage Foum el Gherza verlangte nun unsere genauere Aufmerksamkeit und bot einen Einstieg in unsere Kartierungsarbeit. Der Damm – an dem wir nicht ganz heranfahren konnten, das er militärisches Sperrgebiet war – staut den Oued el Abiod (den ‚Weißen Fluss‘, hier im Süden Oued el Biraz; wir werden ihm weiter folgen bei unserer Kartierung des Zentralaurés) auf bei seinem ‚Durchbruch‘ durch die Verlängerung der Djebel Ahmar Kraddou Kette nach Süden. Der Stausee dient der Wasserversorgung der Oasengruppe um Sidi Okba und zur Stromerzeugung insbesondere Biskras. Begrenzt wird der Taldurchbruch durch den Djebel Guechrich, eine steil gestellte Maastricht-Kalk-Rippe in der Verlängerung des Ahmar-Kraddou-Zuges (vgl. Abb. 2,03).

Herstellung von Lehmziegeln

Bei unserer Weiterfahrt konnten wir dann noch kulturgeographische Beobachtungen machen. In der Oase Seriane am Oued el Biraz beobachteten wir die Lehmziegelherstellung. Die Ziegel werden aus einem feuchten Gemisch aus Lehm, Stroh und z.T. Kamelmist in einem rechteckigen Holzrahmen auf glattem Untergrund geformt und dann zum Vortrocknen liegen gelassen, nach einigen Stunden dann zum Durchtrocknen hochkant in die Sonne gestellt. Nach drei Tagen bis einer Woche sind sie dann absolut trocken, erstaunlich belastbar und nahezu bruchfest. Im Gemäuer überstehen sie auch mehrere Regenfälle, ohne Schaden zu nehmen. Dauerhafte Mauern worden mit Lehmputz überzogen, der nach jeder Regenperiode zusammen mit dem Lehmdach erneuert werden kann durch Auftragen einer neuen Lehmschicht. Diese ist billig und von ausreichender Dauerhaftigkeit, dabei sogar optimal in Bezug auf Wärme- und Kälteisolierung (vgl. Abb. 2,04).

Die Bewässerungssysteme der Wüstenoasen

Die Oase Seriane am Oued el Biraz zeigt die typischen Formen einer Flachlandoase mit Bewässerungskanälen am Rande der Anbauflächen. Das Gebiet wird in Jahren mit ausreichender Wasserversorgung, die seit dem Bau der Barrage Foum el Gherza verbessert worden ist, als zusätzliches Getreidebaugebiet genutzt. Die Bewässerungskanäle nutzen das natürliche Gefälle des Schwemmfächers vor dem Gebirgsaustritt des Oued el Biraz aus und werden vor der Oase nach außen geleitet. Ein ausgeklügeltes System von Kanalverzweigungen sorgt für eine gleichmäßige Wasserversorgung. Das Öffnen und Schließen solcher Kanalverzweigungen mit kleinen Erdwällen regelt die Wasserzufuhr zu den einzelnen Parzellen. Je nach Qualität des Bodens (Bodenerschöpfung), Getreidebedarf und zu erwartender Regenmenge (oft während der Aussaat am Anfang einer Feuchtigkeitsperiode schon abzusehen) im Gebirge und den Hochflächen, die die Flusswasserbewässerung sichert, wird ein Teil der Parzellen brach liegen gelassen; die Wasserverteilung auf die bestellten Flächen wird von den komplizierten, Prioritäten setzenden Regeln des islamischen Wasserrechtes, welches grundsätzlich von dem Gemeinschaftsbesitz allen Wassers und der Nutzungsverpflichtung für die Gemeinschaft ausgeht, bestimmt. Kompliziert wird die Verteilungsregelung dadurch, dass am Rande der Oasen nicht nur die Anbau- und Wassernutzungsrechte der sesshaften Oasenbevölkerung gelten, sondern dass zusätzliche Nutzungsrechte der in der Umgebung lebenden Nomaden- und Halbnomadenstämme hinzu treten, die sich insbesondere in den kühleren Wintermonaten in den südlichen Stoppen- und Wüstenstoppen mit ihren Schaf- und Ziegenherden aufhalten. 12.III. (vgl. Abb. 2,05).[5]

Bei der Weiterfahrt in Richtung Osten kommen wir in immer trockenere Gebiete und treffen zwischen Ain Naga und Zribet el Oued auf Wüstensteppenvegetation. Infolge der hier zum großen Chott hin zunehmenden Bodenversalzung ist ein Vorherrschen von strauchartigen Halophyten[6] zu beobachten. Daneben bei edaphischer (= den Boden betreffend, auf den Boden und seine ökologischen Funktionen bezogen) Gunst auch normale Xerophytenvegetation[7]. Es herrscht ein verkrusteter, jetzt trockener, gips- und salzhaltiger Boden vor, aufgerissen und von flachen Wadis durchzogen, in denen eine edaphische Vegetationsverdichtung zu bemerken ist. Artenarmut kennzeichnet die Vegetation: weitständige, oft zu Gruppen zusammengefasste, kugelförmige Sträucher in einer Höhe bis zu 50 cm, maximal auch 1 m. An den Büschen kleiner äolisch herantransportierte ‚Sandschleier‘ (vgl. Abb. 2,06).

Dibia Ouled Saoula  und das südliche Vorland des Aurés

Der Montag, 13.03. bringt uns neue Erlebnisse. Zu unseren geplanten Aufgaben in der Geländearbeit gehört es, von Süden her jede mögliche Fahrtroute zum Gebirgsrand und dort möglichst zu den aus dem Gebirge austretenden Tälern zu erkunden und zu kartieren, das heißt dann auch: jede Piste und Fahrspur anzufahren. Von der Straße von Biskra in Richtung Osten her entdecken wir eine wenig genutzte Fahrspur – aber mit einem auf Karton handgemalten Wegweiser in Arabisch und Französisch: „Dibia Ouled Saoula“. Wir übersetzen den Namen: Dibia ist eine kleine Siedlung, Ouled ist der Stamm – der Saoula. Natürlich fahren wir zu dem Ort über die Fahrspur und treffen auf einige wenige Lehmziegelhütten. Für die wenigen Anwesenden war unsere Ankunft eine gewisse Sensation, wohl der erste Besuch von Auswärtigen in der Dibia. In französischer Sprache können wir uns über den Ort und seine Geschichte informieren.

Der Stamm der Ouled Saoula ist hier erst kürzlich sesshaft geworden; Stammesteile wandern immer noch mit den Schaf- und Ziegenherden zwischen der Sommerweide im Gebirge und der Winterweide in der Sahara. Es ist hier also der Übergang zum Halbnomadismus, bzw. zur Transhumanz zu beobachten. Die neuen Gebäude der Dibia (= kleinen Familiensiedlung) sind aus Lehmziegeln errichtet, die an Ort und Stolle produziert worden sind. Gedeckt werden die Häuser mit einer Lage Balken (deren Beschaffung nach Auskunft der Bewohner die größte Schwierigkeit bereitet!), die durch Reisigauflage und eine Lehmschicht verfugt und gedichtet wird. Die Voraussetzung für den Bau der Dibia war die Bohrung eines Brunnens ca. 12 m tief in den Schotteruntergrund. Mit Eimern und einem 40 l-Sack aus Ziegenfell wird das Wasser an die Oberfläche gebracht. Für die Bewässerung werden größere Wassermengen benötigt. Dazu bedient man sich der Hilfe eines Zugesels, der den 40 l-Sack regelmäßig nach. oben zieht; durch eine sinnvolle Kombination von Trag- und Zugseil kippt der Sack, oben angelangt, von alleine auf eine Wasserrinne, die zuerst als Tränke, dann als Beginn der Bewässerungskanäle dient. Zum Zeitpunkt unseres Besuches wurde der Brunnen mit der Hand bedient. Angebaut werden in kleinen Gärten Mandeln, Orangen und Gemüse; doch tragen die neu gepflanzten Bäume noch nicht. Getreideanbau mit Zusatzbewässerung und auf Regenverdacht wird verstreut nach der edaphischen Gunst auf den umgebenden Schotterglacis betrieben. Auch die Häuser der Ouled Saoula verteilen sich auf ein Gebiet von mehreren Kilometern Ausdehnung. In den Ställen der Siedlung befindet sich nur das Jungvieh, Esel, Milchvieh für den Eigenbedarf und Hühner; die Herden sind zum Zeitpunkt der Aufnahme in den Bergen, zusammen mit dem Stammesoberhaupt (vgl. Abb. 2,07).

Zribet el Oued

Bei der Weiterfahrt nach Osten stoßen wir auf den etwas größeren Ort Zribet el Oued am Oued el Zribet. Die Siedlung besteht aus kubischen Lehmziegelhäusern auf dem höheren Ufer des Oued Zribet (des Vorlandsverlaufes des Oued el Aran; der in den Nemenchas entspringt). Am Steilufer in den Lehm und die Schotter der Piedmont- (= Gebirgsfuß-) Aufschüttungen, die vom Fluss angeschnitten sind, tief eingekerbte Barannkos (tiefe senkrechte Einschnitte). Im Flussverlauf kommt es zu edaphischer Vegetationsverdichtung (vgl. Abb. 2,08). Unterhalb der Ortschaft auf der ‚terrasse gris' des Oued Zribet (der „grauen Terrasse“, die das jüngste, zeitweise noch überspülte Aufschotterungsniveau eines Flusses darstellt). Finden sich Palmenpflanzungen (vgl. Abb. 2,09).

Wir nähern uns dem Ort nach Durchquerung des Oued Zribet von Osten. Die Ortschaft und Palmpflanzung bilden eine Einheit. Im Flussbett sehen wir eine Schafherde. Die trockenen. Flussläufe werden für Herden, Reiter und Geländegängige Fahrzeuge als Verkehrswege genutzt. Gleichzeitig eignet sich die edaphische Vegetationsverdichtung in den Flusstälern als Weideland. Daraus ist die Gefährdung der in Talbereichen lagernden Herden bei plötzlichen Regenfällen – die zwar selten, dafür aber als plötzliche Starkregen mit hoher Wasserflut (‚crue‘) in den Wadis auftreten – zu erklären, die den Satz glaubhaft machen, nach dem in der Sahara mehr Menschen ertrinken als verdursten! Im Hintergrund blicken wir auf den Südabfall des Aurés, im Dunst nur als leichte rötliche Verfärbung über dem Horizont zu erkennen. – Der Dunst ist auf die Wetterbedingungen zurückzuführen: Bei etwa 30° C Lufttemperatur herrscht starker Südwind (Chergui); die Verdunstung über dem noch. nicht ganz ausgetrockneten Land lässt eine Glastschicht entstehen; gegen Mittag treten dann starke Luftspiegelungen auf; der starke Wind bringt zudem große Staubmengen in die Luft; ab und zu werden daraus ‚Windhosen‘ (staubaufwirbelnde lokale Wirbelstürme, vgl. 2.36) oder auch große Sandstürme. Die Herkunft des Sandes und des Staubes sind die Sedimentationsbereiche der großen, trockenen Vorlandwadis, die entweder eingeschnitten als ‚Kastenoueds‘ wie der Oued Zribet, oder flach und sehr breit als so genannte Sandoueds, wie der Oued el Mitta, auftreten. Die Wasserführung während einer ‚crue‘ ist völlig verwildert; Stromstrich und Flussverlauf ändern sich vom einen zum anderen mal, so dass wassertechnische Regulierungsbauwerke und Flussüberquerungen. wie ‚gués‘ (befestigte Furte, Flussdurchfahrten) oder (hier sehr seltene) Brücken vor großen technischen Schwierigkeiten stehen und oft zerstört werden. Auch die Straße von Zribet el Oued nach Biskra, sonst gut ausgebaut und asphaltiert. quert den Oued Zribet mit einer improvisierten Durchfahrt neben der zerstörten ‚gué‘! (vgl. Abb. 2,10).

Oberhalb von Zribet el Oued trägt der Fluss seinen Namen, mit dem er das Gebirge schneidet: Oued el Arab. Wir folgen dem Oued el Arab südlich des Gebirgsaustritts bei Khanga Sidi Nadji. Hier sind die zwei Niveaus der Piedmont-Glacis zu erkennen, die die jüngere Klimageschichte markieren. In den Schotterkörper eingeschnitten ist das Flusstal mit dem eigentlichen, verwilderten Schotterbett und der ‚terrasse gris‘, die bei Hochwasser überschwemmt wird. An der Schottergröße kann der Abstand zum Gebirgsrand abgelesen werden. (vgl. Abb. 2,11, 2,12).

Nemenchas

Die Nemenchas setzen den Sahara-Atlas östlich vom Dj. Aurés fort und verbinden ihn mit den Mts. De Tebessa im Nordosten. Geologisch und geographisch finden sich gravierende Unterschiede zum Faltengebirge des Aurés. Die Nemenchas bestehen aus einem mächtigen mesozoischen und tertiären Schichtpaket, das im Norden in flacher Lagerung auftritt und im Süden abtaucht unter die Sahara-Ebene. Die wenigen Flüsse, die sich hier ihre Täler eingegraben haben – teilweise sicher in antzedenten Flussverläufen, das heißt: schon vor der Gebirgshebung angelegt und bei der Hebung immer tiefer eingegraben (Duden: „Talbildung durch einen Fluss, der in einem von ihm durchflossenen aufsteigenden Gebirge seine allgemeine Laufrichtung beibehält“) – bilden tief eingeschnittene Cañons, die weder als Verkehrslinien nutzbar sind, noch ohne weiteres zu überqueren sind. Das verlangt große Umwege bis auf die Hochflächen hinauf und von dort Stichfahrten in das Nemencha-Massiv. Der Oued el Arab bildet die westliche Grenze der Nemenchas zum Aurés-Massiv und wird von einer Talwand von über tausend Metern Höhe begrenzt, die von einer einzigen halsbrecherischen Serpentinen-Piste überwunden wird.

Dienstag, 14.03. Wir folgen dem Tal des Oued el Arab zwischen Khanga Sidi Nadji und Tebouiahmat. Der Fluss hat ein steil gestelltes Schichtpaket aus Mergeln und Kalken der oberen Kreide zerschnitten und entsprechend der Petrovarianz rechts und links Rippen mit ausgeprägter Kefbildung stehen gelassen. Die Schroffheit der Formung entspricht der großen Reliefenergie beim ‚Abtauchen‘ der Hochflächenschichten nach Süden. unter die Saharadepression des Vorlandes. Reliefunterschiede von über 1000 m sind hier keine Seltenheit. Der Oued el Arab entwässert die gesamte Ebene südlich und östlich von Khenchela und den Ostteil des Hohen Aurés. Seine Wasserführung im ‚Unterlauf‘ beim Durchbruch von Khanga Sidi Nadji ist daher weitgehend als permanent anzusprechen. Er bewässert als Oued Zribet die Oasengruppe von Zribet el Oued und einige nachgeordnete Oasen bis hinunter an den Rand des Chott Melrhir. (vgl. Abb. 2,13, 2,14).

Bei Tebouiahmet: Auflösung des weichen. Materials durch den Oued el Arab. Harte Schichten. bilden Gesimse, deren Abbruch pittoreske Rutschformen erzeugt (vgl. Abb. 2,15. Der VW-Bus – mit  Dr. Achenbach – dient als Größenvergleich). Dir Taloase Tebouiahmet liegt in einer breiteren Ausraumzone im Campan-Mergel, der über den harten Schichten des Maastricht-Kalkes lagert. Die Oase hat einen bemerkenswerten Palmgarten im Tal des Oued el Arab (vgl. Abb. 2,16).

Auf der Weiterfahrt erreichen wir die Taloase El Ouldja, die auf einem Talsporn in Schutzlage gebaut ist. Die Häuser sind aus ortsüblichem Stein errichtet und die Palmpflanzung findet sich im Talbereich das Oued el Arab (vgl. Abb. 2,17). Von Süden her bietet sich ein imposantes Bild mit riesigen Blöcken von Hangschutt (auf dem Foto dient dann der VW-Bus als Maßstab, Abb. 2,18). Die Transportkraft des Flusses ist geringer als die Hangabtragung, so dass der Schutt am Hangfuß liegen bleibt und dort erst langsam der Zerkleinerung unterliegt, bis sie auf fluviatilem Wege weiter transportiert werden können. Die harten Kalkblöcke stammen von den Maastricht- und Landen-Deckschichten über den weichen Mergeln, deren schnellere Erosion am Hang Unterschneidungen bewirkt, in deren Konsequenz die überstehenden Kalkbänke abbrechen und ins Tal hinunter rutschen. Zwischen den Blöcken weidet in aller Ruhe eine Schafherde (vgl. Abb. 2,19).

Flussaufwärts erreichen wir den Taldurchbruch des Oued el Arab bei Khanga Sidi Nadji. Gebogene Kalkschichten werden am Talhang freigelegt (vgl. Abb. 2,20). Die Morphologie wird vielgestaltiger und lässt Einblicke in die geologische Geschichte zu. Zusammengefasst handelt es sich hier um eine Glacis- und Vorkettenlandschaft im Bereich des Oued el Arab bei Khanga Sidi Nadji: Von einem höheren, älteren  Glacis-Niveau sieht man auf die durch den Fluss stark aufgelösten Reste der unteren Glacisterrassen die durch einen Vorkamm aus pliozänen Konglomeraten unterbrochen werden. Glacis spielen in den Trockenzonen eine große morphologische Rolle. Benannt nach dem freigehaltenen, leicht abgeschrägten Schussfeld vor den klassischen Befestigungen, bilden sie die abgeflachten Übergangszonen zwischen steilerem Gebirgshang und Tal oder Ebene. Geformt sind sie in einem wechselnden Prozess von Abtragung und Schotteraufschüttung aus Erosionsmaterial der dahinter liegenden Gebirgszüge. Wir haben sie schon kennen gelernt vor den mächtigen Felskämmen der Biskraberge bei El Kantara wo die großen Schotterflächen des südlichen Gebirgsvorlandes im Übergang zur Sahara bis hin zu den großen Schotts liegen. In den Tälern und Zerschneidungsbereichen des Gebirgsrandes sind Taloasen zu finden. Unser weiterer Weg führte uns dann nach Osten entlang dem Gebirgsmassiv des Aurés zur linken Hand und der Sahara zur rechten. Eine wichtige Station war dann die Oase von Khanga Sidi Nadji, bei der Dattelpalmpflanzungen sich tief in das Tal des Oued el Arab ins Gebirge hinein erstrecken (vgl. Abb. 2,21).

Noch einmal das Glacis-Vorland bei Khanga Sidi Nadji: deutlich erkennbar sind die großen Flächen des rezent zerschnittenen unteren Glacis-Niveaus (bei ca. 40 m) und die Reste eines  höheren Niveaus (bei ca. 120 m über der lokalen Erosionsbasis). Der als leicht geschrägte Fläche ausgebildete Schotterkörper des Glacis liegt diskordant über eingeebneten Resten jungtertiärer Konglomerate und – in Gebirgsnähe – alttertiärer Gipsmergel; diese Schichten weisen eine intensive Rotfärbung auf und setzen sich daher optisch gut von den helleren Schotterbedeckungen ab. Am Altglacisrest bedecken während des Abtragungs-Vorganges herunterrutschende Schotter nach unten hin dünner werdend als ‚Schotterschleier‘ den Anschnitt des Anstehenden. Auf der einen Seite lehnt sich das Glacis an den Gebirgsrand an und im Hintergrund sind Teile des niedrigen pliozänen Außenkammes zu erkennen (vgl. Abb. 2,22).

Weiter oberhalb am Flussverlauf des Oued el Arab stoßen wir auf steil ausstreichende, oben abgebogene Randschichten. Hangparallele Tiefenlinie bestimmen die Zerschneidung des dem Gebirge vorgelagerten Schotterkörpers. Durch die mächtige Schlucht ist ein Fortkommen mit dem Fahrzeug nicht mehr möglich; wir müssen uns einen anderen Weg in das Tal des Oued el Arab suchen (vgl. Abb. 2,23).

Am nächsten Tag, Mittwoch, 15.03., – während wir die geplante Erkundung von weiteren Zufahrten zum Tal des Oued el Arab mit einer Fahrt durch den westlichen Teil der Nemenchas nach einem kleinen Abstecher, südlich von Khanga Sidi Nadji ins Gebirge einfahrend, in das Tal des Oued Djellal, in dessen Erosionsbereich farbige, eozäne Mergelschichten ausstreichen (vgl. Abb. 2,24), noch auf einen späteren Zeitpunkt verschieben – konzentrieren wir uns auf den Randbereich der Sahara im Südaurés.

Batna

Es folgte ein kleiner Ruhezeitraum mit einer Rückfahrt nach Batna und dem Aufenthalt von wenigen Tagen in einem Hotel. Kurz vor Ostern in Batna. Das alte Kolonial- und Garnisonsstädtchen, das sich im Laufe der Zeit zu einem veritablen zentralen Ort und einer Großstadt entwickelt hat, war immer wieder ein fester Stützpunkt in unserer Reiseorganisation. Noch auf den Hochflächen gelegen, ist Batna nicht von Hitze und Trockenheit der Wüste heimgesucht, alle größeren Orte Algeriens sind von hier aus ohne allzu große Mühe zu erreichen.

Batna ist eine regionale Verwaltungsstadt der Provinz – früher Departement – Constantine (Ksantina), das in nördlicher Richtung schnell zu erreichen ist. Westlich von Batna erhebt sich das Massiv des Aurés, dem Ziel unserer Geographischen Studien. nach Süden führt die Straße durch eine lang gestreckte Talzone durch die Schlucht von El Kantara in Richtung Biskra, der ersten großen Sahara-Oase mit ihren weitläufigen Palmenhainen.

Zunächst bekommt der Reisende in Batna den Eindruck, dass diese Stadt aus zwei sich im Zentrum kreuzenden und als breite Alleen gestalteten Hauptstraßen besteht, wie in römischer Zeit die Stadt um Cardo und Decumanus herum angelegt wurde. Wir befinden uns hier ja auch im Zentrum eines alten römisch-imperialen Siedlungsgebietes, wovon Ruinenstädte wie Timgad (Thamugadi) zeugen und auch alte römische Fundamente in Tebessa (Teveste). So erscheint auch die „römische Struktur“ von Batna wenig verwunderlich, wenn auch eher ein französisch-kolonialer und im militärischen Denken gründender Stadtplan anzunehmen ist.

Verlässt man die Hauptstraßen, entdeckt man erst die tatsächliche Ausdehnung dieses Ortes mit älteren, nur stellenweise orientalisch angehauchten Wohnvierteln, mit langsam wachsenden Gewerbe- und Industrievierteln, deren Eindruck geprägt wird von der gesellschaftlichen und ökonomischen Krise dieses Landes; zum Teil heruntergekommen, am Rande der Pleite und oft schon über den Punkt eines noch funktionierenden Gewerbebetriebes hinaus vernachlässigt.

Diese Eindrücke bestätigen sich verstärkt bei einem erneuten Besuch von Batna vierzehn Jahre später – ich möchte sagen: für Algerien vierzehn verlorene Jahre in dem aus dem desolaten kolonialen Erbe und dem Desaster des Befreiungskrieges kein „Phönix aus der Asche“ gestiegen ist. Dieser Eindruck verstärkt sich am Rande der Stadt, wo immer mehr Elendsviertel und  Squatter-Siedlungen sich an die Stadt anlehnen, von denen 1967 noch wenig zu sehen war.

Unsere „Rekonvaleszenz“ von stressigen Tagen im „Bled“ – dem „flachen Land“ der Algerier – mit engen und nicht immer ungestörten Nächten im ausgebauten VW-Bully, fand im ›Hôtel d’Angleterre et le Orient‹ statt. Hier war die Zeit nun wirklich stehen geblieben wie der altertümliche Name, der sicher schon aus dem 19. Jahrhundert stammte.

Eine Straßenecke an der Hauptstraße unter üppigen Platanen wird von der Fensterfront des überdimensionierten und immer leeren Speisesaals in einem relativ flachen Gebäude von verwitterndem Charme eingenommen. An der breiten Glastür steht ein älterer Kellner in einer Jahrzehnte alten Montur zwischen Portier, Liftboy und Kellner und versucht erfolgreich durch mürrisches Auftreten und Unansprechbarkeit mögliche – wenn auch in der Regel überhaupt nicht vorhandene – Gäste vom Besuch des Restaurants abzuhalten. Uns kann er nicht abschrecken, denn wir wollen wieder ein Wochenende Einzelzimmer, Betten und Duschen genießen und auch einmal etwas essen, was wir nicht selbst auf dem Camping-Kocher zubereitet haben – mit Sand-Puder und Fliegenbeilage…

Etwa zur Hälfte unserer Reise mussten wir in Batna auch noch amtliche Besuche durchführen bei der Départements-Verwaltung, wo wir eine Visa-Verlängerung beantragten, die uns dann auch in unsere Pässe eingestempelt wurde.

Südaurés

Samstag, 18.03.: Unsere Kartierungen sind einige Tage recht eintönig. Tiefe Taleinschnitte münden in die Ebene in Durchbrüchen durch die härteren Kämme und Rippen vor allem aus Maastricht-Kalken. Davor aufgeschüttet sind die Piedmont-Glacis, die durch „Kastenoueds“ zerschnitten werden. In den größeren Talsystemen finden sich dann auch Straßen und befahrbare Pisten, die das Vorland mit dem Zentralaurés und den Hochflächen verbinden. Zunächst folgen wir dem Taleinschnitt des Oued Mestaoua, der in südlicher Richtung einen Durchbruch durch den Maastricht-Kalk geformt hat, in dem sich die Taloase Roumane befindet (vgl. Abb. 2,25, 2,26, 2,27). Interessant wird die Maastricht-Bank, zerklüftet, am Oued Mestaoua bei Roumane, in der sich in der mittleren Spalte Getreidespeicher der Oase Djemina befinden (vgl. Abb. 2,28). Die nächste Oase im Tal des Oued Mestaoua nördlich von Djemina ist von einem anderen Oasentyp, der Gebirgsoase, und hat keine Palmen mehr; doch finden sich randlich Glacis-Ansätze in 820 m Höhe! Bemerkenswert ist auch ein größerer Ausräumungsbereich des Flusses im weichen Material. Eine Schotterakkumulation vor der Kalkbank des Durchbruchs bildet eine veritable Anhöhe (vgl. Abb. 2,29).

Im Zerschneidungsgebiet des Oued Mestaoua zwischen dem Gebirge und den randlich vorgelagerten, pliozänen Schichtkämmen haben sich zwei Aufschotterungsniveaus (stark aufgelöste Glacis) gebildet; zerschnitten werden sie im rezenten Verlaufs in die roten Tertiär (Eozän und Miozän)- Schichten. Zwischen den Glacis finden sich ausgleichende ‚Hangglacis‘ mit örtlichen Zwischenniveaus (vgl. Abb. 2,30). Einen bemerkenswerten Eindruck machen kristalline Gipsadern in roten Tertiär-Mergeln, die auf Sickerwasser in Gesteinsspalten während längerer geologischer Phasen hinweisen (vgl. Abb. 2,31). Und immer wieder die gleichen Erosionsformen, hier des Oued Mestaoua in weichem Material (tertiäre Mergel und Glacisschotter), stellenweise mit weißen Gipseinlagerungen durchzogen. Härtere Schichten treten am Hang in Gesimseform zum Vorschein (vgl. Abb. 2,32).

Nach einer Übernachtung im Talbereich des Oued Mestaoua beenden wird am So., 19.03., die Untersuchung dieses Talsystems. Eine Taloase des Oued Mestaoua liegt schon im Glacisbereich des Oued Gartia nach dessen Austritt aus dem Gebirge, nach Süden begrenzen die abschließenden pliozänen Außenkämme diesen Aufschotterungsbereich (vgl. Abb. 2,33), in dem Piedmontglacis vor allem des unteren Niveaus, gut erhalten, und Reste des aufgelösten höheren Niveaus, gut zu unterscheiden sind. Der Pliozäne Außenkamm zeigt mit seiner Stirnseite zum Gebirge (Norden) und trägt aufstauend zur Erhaltung des Glacis bei (vgl. Abb. 2,34). Dieses über das Miozän hinweggehende Glacis liegt seitlich angeschnitten im Tal des Oued Mestaoua (vgl. Abb. 2,35).

Sahara

Die Sahara und die mit ihr verbundene Wüstenerkundung sind nicht Thema unseres Forschungsvorhabens. Die Sanddünen, Wüstensteppen und Wüstenformen werden von uns nur berührt als Vorland des Sahara-Atlas, Aurés und Nemenchas, als Mündungsgebiet der aus dem Gebirge kommenden Flüsse und als auslaufende Aufschotterungs- und Ablagerungsebenen. Dies wird uns jetzt einige Tage beschäftigen Noch am So., 19.03., erleben wir einen ersten Sandsturm über einer Piste bei Zribet el Oued (vgl. Abb. 2,36), ehe wir wieder zu den Palmen in Khanga Sidi Nadji gelangen (vgl. Abb. 2,37, 2,38). Auch andere atmosphärische Phänomene können wir hier beobachten wie z.B. Luftspiegelungen über einer Piste (Foto: Dr. Achenbach Abb. 2,39).

Am nächsten Tag nach einer Übernachtung im Gelände, am Mo., 20.03., treffen wir zwischen den Sanddünen und Schotterflächen, die mit Xerophyten und niedrigen Sandpflanzen bewachsen sind, auf eine wichtige Wirtschafts- und Lebensform in der Wüste, auf die Nomaden. Nomadenzelte stehen in einer sandig-wüstenhaften Steppe mit Büschen bei Sidi Nadji, einem ‚Marabout‘ (Grabmal eines islamischen Schrift-Gelehrten) bei Zribet Ahmet südöstlich von Khanga Sidi Nadji, der „Schlucht des geehrten Herren Nadji“ (vgl. Abb. 3,01, 3,02).

Das Sandbett des Oued el Mitta mit Wüstensteppenvegetation, das wir nun erreichen, zeigt die Vielfalt der Kleinformen der Vegetation, so z.B. eine von einem Busch bestandene Düne und kleinere Dünen, die z.T. bewachsen und damit festgelegt sind (vgl. Abb. 3,03, 3,04, 3,05). Nach einem Sandsturm bilden sich Sandschleier an kleinen Sträuchern. Typisch ist die Riffelung der Sandoberfläche als Folge der Formung durch den Wind – im Prinzip zu vergleichen mit der Riffelung im Wattenmeer, die durch das abfließende Wasser hervorgerufen wird (vgl. Abb. 3,06, 3,07).

Äolische Erosionsformen in Sandablagerungen: Durch Sandstürme werden die Unebenheiten der Oberfläche, die von der Erosionsleistung des oberflächlich abfließenden Wassers herrühren, zu kleinen ‚Türmen‘ herauspräpariert, deren modellierte Oberflächenstruktur ganz deutlich den fein geschichteten Aufbau des abgelagerten Sandes zeigt (vgl. Abb. 3,08, 3,09). Dieser Überblick über die Sandoberfläche zeigt, dass die formende Wirkung des Windes auf den Mikrobereich beschränkt bleibt; er verdeutlicht an der Oberfläche Strukturen des Materials und ‚modelliert‘ die Körper; die Großform jedoch wird von der sedimentierenden, flächenbildenden oder abtragenden Kraft des Wassers geschaffen. Strukturierendes Element für die äolische Überformung ist auch die Vegetation, die Böden festhält oder Sandschleier an sich zieht. (vgl. Abb. 3,10. Diese Funktion wird durch das Beispiel der Steppenvegetation dieses Bildes, Abb. 3,11, belegt).

Im Sand stecken geblieben

Aber der Sand wird sich an diesem Tage noch in einer viel drastischeren Form zeigen. Wir wollen den recht breiten, aber flachen Oued Djellib durchqueren. In einer zerstörten ‚gué‘ ist unser VW-Bus im Sand stecken geblieben und konnte später nur durch einen zu Hilfe geholten Traktor der in der Nähe zeltenden Nomaden aus der misslichen Lage befreit werden (vgl. Abb. 3,12). Während sich unsere Achsen in den Sand der Durchfahrt wühlten – wir hatten zu spät gemerkt, dass es sich nur um Spuren von großen Geländewagen handelte – trat ein Sandsturm auf, der alles verdunkelte und uns in das Fahrzeug trieb. Über eine Stunde prasselte Sand auf die Außenseite, die, wie wir später feststellten, damit jeglichen Glanz und alle Glätte verloren hatte, abgeschmirgelt vom Sand, und auch im Inneren waren wir vor eindringendem Sand nicht sicher. Auf unserem kleinen Kocher brühten wir uns etwas Tee auf, um den trockenen Mund zu benetzen und das Knirschen zwischen den Zähnen zu beenden. Vorher hatten wir noch versucht, den Wagen selbst aus dem Sand zu befreien, doch alles Schaufeln und Unterlegen von Brettern nützte nichts, er sank noch viel tiefer ein. Nach dem Sturm sahen wir dann in einiger Entfernung Nomadenzelte. Dr. Achenbach – wegen seiner französischen Sprachfähigkeiten – macht sich auf den Weg dahin, wurde aber sehr bald von einer wütend-keifenden und sabbernden Gruppe von Windhunden, so genannten „Slougis“, angefallen, bis aus dem Zelt einer der Nomaden kam und sie energisch zurück rief – unterstützt mit gezielten Würfen mit Stöcken auf die Rücken der Tiere, die sich dann duckten und aufjaulten. Die Hunde als unreine Tiere werden zwar als Zeltwachen und Hütehunde geschätzt, aber weder extra gefüttert oder gepflegt; sie müssen sich mit Abfällen selbst über Wasser halten und erfahren keine emotionale Zuwendung. Die Verhandlungen verliefen erfolgreich und kurz darauf kam ein Traktor in einer abenteuerlichen Fahrt den Talrand herunter und nahm uns an die Kette. Es war kaum ein Abschleppen, eher ein Wegschleifen über den Rand und die Randstufe, wobei wir kaum etwas dazu beitragen konnten. Am nächsten Tag, nach einer weiteren Übernachtung im Bus, überholten wir die gesamte Nomadenkarawane mit Traktor und Camions auf der Straße in Richtung Khenchela. Das ergab ein überschwängliches Wiedersehen mit Grüßen und vielem Winken.

Im Gebirge

Am nächsten Tag, Di., 21.03., ging unsere Arbeit in den Nemenchas weiter. Wir kartierten die Morphologie von Erosionsresten söhlig lagernder Kalkschichten, z.T. als Tafelberge (Kalat) und Sporne ausgebildet sowie tiefe Cañons im Einzugsbereich des Oued bou Doukrane (Gebirgslauf des Oued el Mitta) und einem langgestreckten Sporn des Garet el Assel-Komplexes (vgl. Abb. 3,13, 3,14).

Vor allem ging es uns zunächst darum, einen Überblick zu erhalten, z.B. mit einem Blick auf ein zur Khenchela-Ebene führendes Tal. und die Ausläufer des Hohen Aurés am Ras Serdoun. Als Vegetation fanden wir hier Pinien, Steineichen und Wacholder. Im Tal fand Feldbau, zum Teil mit Zusatzbewässerung statt. Im Hintergrund war der im März noch verschneite Hohe Aurés zu sehen (vgl. Abb. 3,15; 3,16; 3,17).

Zedern im Schnee

Jetzt ging es erst einmal zurück nach Batna. Nach einer Nacht im Hotel erlebten wir am Morgen, Mi., 22.03., eine Überraschung: Neuschnee über Batna, woran man auch die Höhenlage erkennen kann. Wir machten uns auf eine kleine Phototour in die Hügelzüge am Rande der Stadt. Hier in dem Belezmabergen öffnet sich uns ein großartiger Blick Blick vom Col de Telmet zwischen Djebel bou Merzoug und Djebel Tuggurt auf die durch Neuschnee verschneite Ebene von Batna (vgl. Abb. 3,18). Auf dem Col de Telmet und dem Passweg des Djebel Bordjem bei Neuschnee: Zedern und Ausblicke ins Oued Chaba–Oued Hamla–Tal (vgl. Abb. 3,19).

Von den Biskrabergen zum Zentralaurés

Am Mittwoch, 22.03., befinden wir uns wieder an den Biskrabergen und blicken auf Ort und Palmerie von El Kantara. Deutlich sichtbar die Richtung des Einfallens der Schichten beim Durchbruch. Ein weißes Gebäude am Rande der Siedlung ist der „Marabout“[8], das Heiligtum des Ortes. Die Gebäude bestehen aus Lehmziegeln; die kleinen Umfassungsmauern der Palmgärten aus teilweise verlehmten Geröllmauern. In der abendlichen Beleuchtung erscheinen sie in romantischem Licht (vgl. Abb. 3,25). Bei El Kantara übernachten wir, um am Do., 23.03., unsere Arbeit im Gelände fortzusetzen.

Zunächst verschaffen wir uns jetzt einen genaueren Überblick über die Situation im Becken von El Kantara. Die eine Seite wird begrenzt vom Zug des Djebel Haouidja – Djebel Kroucha – Djebel Nador el. Der Djebel Haouidja ist das geologische Gegenstück der El-Kantara-Berge: hier streichen dieselben Maastricht-Kalk-Schichten nach Südsüdwesten aus. Das El-Kantara-Becken ist eine im Tertiär und Quartär aufgefüllte geologische Kreidemulde. Das Becken ist von einigen, an den helleren Farben zu erkennenden Wadis zerschnitten; in den kaum eingetieften sekundären Tiefenlinien hat sich der dunkler gefärbte Schotter angesammelt. An diesem verzweigten Liniennetz ist das hydrologische System des Beckens ablesbar. Davor finden sich noch Vorkämme aus steil gestellten tertiären Schichten, nach Norden einfallend.

In der Höhenstufe ist eine Zunahme der Vegetation zu beobachten mit Artemisia campestris (Feld-Beifuß oder Wermut)[9], Juniperus phoenicea (Phönizischer Wacholder)[10] u.a. Beide Pflanzen gehören zur Leitvegetation in den semi- bis vollariden Gebieten am nördlichen Rand der Sahara. Für uns spielten sie eine große Rolle als Indikatorpflanzen bei unserer Kartierung zur Trennung der Wüstensteppe im flachen Vorland, bestimmt von Artemisia Campestris, und den höheren Lagen am Rande der Gebirge mit Juniperus Phoenicea. Diese Büsche gehören zum Kernbestand der Maccie und Garrigue an den trockenen Südhängen der Gebirge, z.B., wie wir hier kartieren konnten, hinter dem Kamm von El Kantara am Djebel Metlili (vgl. Abb. 3,26).

  Schemazeichnung von Artemisia Campestris (Wikipedia)

Juniperus Phoenicea tritt in verschiedenen Wuchsformen auf. Am Rande der Ebene in der Wüstensteppe finden sich sporadisch bei edaphischer Gunst kleine Büsche, die in Hanglagen in größeren Formen auftreten:

  Juniperus Phoenicea (Wikipedia)

In dieser Form wird er bestandsbildend für die Maccie. In größerer Höhe bildet Juniperus Phoenicea auch baumähnliche Pflanzen aus, deren Stämme in einer Art „Krüppelwuchs“ erscheinen. In den trockenen Hangbereichen findet sich oft der Juniperus oxycedros[11] [Zedern Wachholder].

Im Gebirge treten dann noch weitere Leitpflanzen der Maccienvegetation auf, so die Steineiche[12], die hier meist in Buschform erscheint – und in feuchteren Lagen – Zistrose[13] und Ginster auf. An den Hängen des Sahara-Atlas in entsprechender Exposition ist die Steineichen-Maccie eine bestimmende Vegetationsform, die wir gesondert kartierten. Zistrosen und Ginster treten vermehrt in etwas feuchteren Hanglagen auf; auf unserer Rückreise trafen wir am Südhang des Djurdjura -Gebirges in der Kabylei im Tell-Atlas trafen wir dann auf ausgedehnte, gelb blühende Gebiete von Ginster, was ein überwältigender farblicher Anblick gewesen ist. Für die bewaldeten Höhenzüge des Aurés und teilweise auch der Nemenchas tritt dann ein Baum besonders bestandsbildend in den Vordergrund: Pinus halepensis[14] [Aleppo-Kiefer]

   Aleppo-Kiefer (Wikipedia)

Zurück zu unserer Kartierungsarbeit. Durch Hangerosion freigelegte, sich dem Hang des Djebel Haouidja anlehnende, steil gestellte Schichten und Schichtreste zeigen vorwiegend auf die Formationen Ende Kreide – Anfang Tertiär. Rote Mergelschichten einer weitgehend ausgeräumten oligozän-miozänen Talfüllung liegen diskordant auf (vgl. Abb. 3,27).

Hier beginnt dann auch der Übergang zum Zentralaurés mit ausstreichenden Maastricht-Kalk-Bänken südlich vom Becken von EI Kantara die von Xerophyten-Vegetation bedeckt sind (vgl. Abb. 3,28). Hier treffen wir auf Teile der berberischen Oasengruppe Beni Ferah zwischen Djebel Haouidia und Djebel el Fedj. Siedlungsteile finden sich am Hang bis auf etwa 1000 m Höhe. Felder auf Regenverdacht und Baumkulturen liegen in den Tiefenlinien und auf Terrassen im Hangbereich. Im oberen Bereich werden viele Feigen angebaut, tiefer gelegen im Tal dominiert die  Palmoase. Am Hang stehen noch Palmen ohne Kulturwert, die keine ertragreichen Fruchtstände mehr hervorbringen (vgl. Abb. 3,29). Im Siedlungsbereich von Beni Ferah in einem cañonartigen Einschnitt stehen Häuser auf Felsvorsprüngen und am Hang während im Tal Bewässerungskulturen angepflanzt werden. Einige hochgelegene Siedlungsteile von Beni Ferah werden umstanden von quellbewässerten Obstbaumkulturen (vgl. Abb. 3,30, 3,31) während im Talbereich von Beni Ferah der bewässerte Palmgarten Wirtschaftsgrundlage ist. Um die Oase herum wird das Tal abgeschlossen durch höher aufragende Maastricht-Formationen mit Kef-Bildungen, wobei die Steilwand mit der Stirnseite zum Tal hin ausgerichtet ist. (vgl. Abb. 3,32).

Zentralaurés

Wir fahren weiter zur Taloase Djemorah mit dem dahinter aufragenden Ras Chih am Djebel Tiza. Hier finden wir nur noch spärliche Trockenvegetation im südlichen Talbereiche. Große Schotterkörper und Glacis nordwestlich davon führen zur Taloase Gueddila auf einer mächtigen Terrassenfläche vor der Kef der Kette Argoub et Tarf im Tal das Oued Abdi (= ‚Sklavenfluss‘[15]), die von Seitenlinien der Erosion vom Maastricht-Kef ausgehend zerschnitten wird (vgl. Abb. 3,33, 3,34).

Karfreitag: Freitag, 24. März 1967

Wir befinden uns im Tal des Oued Abdi oberhalb von Djemorah. Rechts von uns liegt das hohe Gebirge, links vom Tal streichen rote Oligozän-Konglomerate aus, die eine tertiäre Talaufschotterung belegen, die wiederum vom rezenten Flussverlauf zerschnitten und auf der Sohle erneut aufgeschottert (terrasse gris) wird. Am Hang auf Terrassen sehen wir Felder einer Berbersiedlung, im Flussbett spärliche Fruchtbaumkulturen. Die Zone der Palmenkulturen liegt hier schon hinter uns, da dieser Gebirgsbereich im Winter Frostperioden erlebt. Eine solche Taloase ist Beni Souik im Tal des Oued Abdi oberhalb von Djemorah. Blickt man von hier aus flussaufwärts auf die Oase ist der Djebel Klembou zu erkennen. (vgl. Abb. 3,35, 3,36). Bei der Oase Beni Souik schneidet sich der Oued Abdi tief in das rote Oligozän ein und bildet ein breites Schotterbett = neben dem Oued el Abiod finden wir hier das größte Talsystem des Aurés (vgl. Abb. 3,37). Bemerkenswert sind die herauspräparierten Gesimse im Oligozän, die teilweise in der letzten Phase der Gebirgshebung randlich aufgeschleppt worden sind. Begrenzt wird diese Terrasse durch Eozän- und Kreidekalke, die mit Kef steil gestellt ausstreichen (vgl. Abb. 3,38). In dieses oligozäne Konglomerat sind miozäne Mergel und Tone eingelagert, zerschnitten von einem weiß ausgeschotterten rezenten Flussbett des Oued Abdi, im weichem Oligozän und Miozän durch starke Erosionsauflösungen zergliedert. Begrenzt wird auch dieser Ablagerungs- und Zerschneidungsbereich von Eozän- und Kreidekalkrippen (vgl. Abb. 4,01).

Nach einer weiteren Nacht im Talbereich des Oued Abdi gelangen wir am Samstag, 25.03., wieder zu den Biskrabergen. Diesmal fallen uns gelbe Korbblüten der Ephetera altissima am Standort des Glacisgebietes (Schotter) des Oued Branis vor Biskra auf (vgl. Abb. 4,02). Wir fahren dann weiter in das andere Talsystem, das den Zentralaurés zerschneidet, den Oued el Abiod, den „Weißen Fluss“.

Im Astragalus-Busch

Ein kleines persönliches Erlebnis am Rande. Im Tal des Oued el Abiod angekommen verschaffen wir uns auf einer Anhöhe, einem Erosionsrest einer älteren Talfüllung – einem Glacis der Mittelterrasse –, einen ersten Überblick über die Talsituation mit ihren differenzierten verschiedenfarbigen Glacisniveaus und Zerschneidungsbereichen, die von einer rezenten „terrasse gris“ begleitet werden. Im Osten wird das Tal vom Gebirgszug des Djebel Ahmar Kraddou begrenzt. Nach einer ausführlichen Erörterung der Geländesituation beginnt der Abstieg über den steilen und lockeren Terrassenrand. Dabei fasse ich immer wieder in kleine Spalten in den Kalkbändern im anstehenden Material und bekomme dann doch einen gehörigen Schreck, als mir nur Zentimeter neben meiner Hand eine kleine Schlange entgegenspringt, die vom Aussehen her wohl eine Sandviper war – deren Gift berüchtigt ist. Doch sie war wohl selbst zu erschrocken und verschwand sekundenschnell in einer anderen Spalte. Ich aber drehte mich um, da der Hang nach wenigen Metern zu Ende war – und rutsche prompt aus und legen den restlichen Weg auf meinem Hosenboden zurück, der noch nicht am Ende seiner Leiden angekommen war, sondern schließlich mitten auf einem Astragalus-Busch zu sitzen kam. Hier konnte ich die langen Dornen dieses „Sternchens“ am eigenen Leib fühlen: länger und härter als die eines Igels oder auch eines Seeigels, wo es dann einige Zeit brauchte, bis alle eingedrungenen Dornen aus meiner Hinterseite herausgezogen waren…

Die nächste Nacht wird romantisch mit einem leuchtenden Mond über dem Djebel Ahmar Kraddou im Tal des Oued el Abiod der schon gegen 18 Uhr hervortritt (vgl. Abb. 4,03).

Ostersonntag: Sonntag, 26. März 1967

Wir überqueren heute einen der mächtigen Schichtkämme am Oued el Abiod. Der Pass führt uns an das Kef bou Irhed als Ausläufer der Djebel Ahmar Kraddou an der Straße Tkout - Tadjmout. Das Kef besteht aus Maastricht-Kalken mit einer starken Auflösung der Stufe in Passnähe; Unter dem Maastricht-Kalk liegen die weicheren Campan-Mergel, die das Kef im Laufe der Erosion immer wieder unterschneiden und zum Abbruch mächtiger Felsstücke führen, die als ausgedehnte Schutthalden ins Tal führen. Der Bewuchs ist als spärliche Gebirgssteppe (Garrigue) ausgebildet. Auf der Halde weiden zwei dunkle Esel und bringen damit etwas Leben ins Bild (vgl. Abb. 4,04, 4,05 mit VW-Bus als Maßstab). Am Kef Berdoud des Bou Irhed als Fortsetzung des Djebel Ahmar Kraddou-Kammes erkennen wir eine weitere Erscheinung, die die Auflösung der Klippe fördert, nachdem sich schon Spalten gebildet haben: Im Spalt wächst ein bis auf Baumgröße gewachsener Wacholder (Juniperus oxycedrus), dessen Wurzeln die Spaltbildung verstärken (vgl. Abb. 4,06').

Überreste des Algerienkrieges

Auf den Schotterflächen unterhalb des Kef bou Irhed sehen wir metallene Trümmerteile. Wir halten an, um das genauer zu erkennen: es handelt sich um einen abgerissenen Flugzeugmotor. Eine genauere Sichtung der Umgebung führt uns zu der Entdeckung der ausgebrannten Reste einer Militärmaschine direkt unterhalb der Klippe, die an der Stelle schwarz von Ruß gefärbt ist. Die Reste des Fahrwerks lassen nur noch die Felge und die Drähte der Reifen erkennen, während das Gummi völlig verbrannt ist, ebenso wie die sonstigen Teile des Flugzeuges. An der Felswand kleben, noch deutlich zu erkennen, hunderte von platt gedrückten Evian-Dosen. Das weist darauf hin, dass hier ein französisches Militär-Transportflugzeug gegen die Felswand geflogen und explodiert ist. Es sind Überreste des noch gar nicht so lange vergangenen Algerienkrieges, bei dem wichtige Widerstandgebiete in den unzugänglichen Gebirgsbereichen des Aurés zu finden waren. Beeindruckendes filmisches Dokument ist der Film von 1966: „Der Wind kommt von Aurés (Rih al awras)“ von Mohamed Lakhdar-Hamina.[16]

Es ist sicher kein Zufall, dass der Aurés ein Zentrum des Widerstandes gegen die französische Kolonialherrschaft war, nicht nur wegen der topographischen und siedlungsgeographischen Besonderheiten und Vorteile in der Schutz- und Rückzugslage. Der Aurés ist schon lange – ähnlich wie die Kabylei – ein Rückzugsgebiet der berberischen Bevölkerung gewesen, die als Teilnomaden in Transhumanz und Gebirgsoasenbewohnern schon gegenüber der arabischen Eroberung im 8. Jahrhundert u.Z. sich der Fremdherrschaft erwehrten.

Doch weiter zu unserer geographischen Geländeaufnahme. Auf der Fahrt zurück zum Oued el Abiod kartieren wir das Kef Berdoud – wieder eine Stufe im Maastricht-Kalk, darunter Kalk-Gesimse im Campan-Mergel, übergehend in den Schutthang. Hinter dem Taleinschnitt nähern wir uns dem höchsten Berg des Aurés, dem Djebel Chélia (vgl. Abb. 4,07). Hier eröffnet sich ein Blick vom Kef Berdoud nach Norden zum Tal des Oued Tkout und Oued el Abiod. Den abtauchenden Maastricht-Kalken des Kefs sind hier in Auflösung befindliche mit Mergeln wechsellagernde Kalkbänke aufgelagert. Durch Hangerosion entstehen Hangrippen, Gesimse und tief eingeschnittene Erosionsrinnen mit Schluchtcharakter vor der Kette des Djebel Zellatou (vgl. Abb. 4,08).

Die Beschreibung unserer Arbeit mag stellenweise etwas eintönig erscheinen. Immer neue topographische Namen von Trockenflüssen (Oued) und Felsmassiven (Kef, Kämme, „Rippen“) mit immer wieder vergleichbaren morphogenetischen Charakteristiken, die aber in ihrer Gesamtheit ein Bild der Entstehungsgeschichte und der heutigen Morphologie – auch als Grundlage der kulturgeographischen Inwertsetzung – des Aurés und seiner Nachbargebirge ergeben. In der Arbeit im Gelände ist es spannend, die jeweiligen Erscheinungsformen zu erfassen, zu typisieren und letztlich zu kartieren. Die Beschreibung und die Präsentation der Fotosammlung geben davon nur einen kleinen Einblick. Eigentlich müsste man zur Orientierung eine großmaßstäbige Karte des Geländes vor sich haben, die wir hier aber nicht. Mitliefern können. Wir hatten uns eingedeckt mit Karten im Maßstab 1:100.000 und für einige Gebiete 1:50.000, was den algerischen Behörden nicht zur Kenntnis gebracht werden durfte, da es sich um Karten der französischen Militärkartographie handelte, bei denen teilweise noch Sperrvermerke für die Verbreitung angebracht waren. Aber ohne dieses Kartenmaterial – die touristische Michelin-Karte reichte natürlich in keiner Weise aus – wäre unsere Geländearbeit unmöglich gewesen.

In unserer weiteren Ostersonntagsarbeit schauen wir vom Kef Bordoud nach Süden zum Forét de Mezbel, um uns einen Überblick zu verschaffen. Der Forét de Mezbel ist eine ausgedehnte Waldlandschaft, kaum kulturlandschaftlich erschlossen, die sich östlich von den Schichtkämmen des Aurés auf die Höhen der Nemenchas zieht. In einer späteren genaueren Erkundung stellen wir die trostlosen Schäden fest, die der Algerienkrieg auch in diesem Waldgebiet hinterlassen hat, das von französischen Flugzeugen aus auf große Strecken hin durch Napalmbomben verbrannt wurde und von dem nur noch schwarze Baumgerippe übrig geblieben sind. Im Vordergrund fiel der Blick aber auf die fast baumlose Kalkbodenlandschaft vor dem Kef, mit etwas Anbau auf Regenverdacht. Einige episodische Quellen, wie sie in der Kalkhydrologie typisch sind, werden zur Zusatzbewässerung benutzt. Hinter den bewaldeten Kuppen, bestanden mit der Aleppo-Kiefer und mit Juniperus oxycedrus öffnet sich der Durchblick auf das Steppenvorland der Sahara (vgl. Abb. 4,09). Zur anderen Seite hin fällt der Blick vom Kef Bou Irhed am Pass der Autostraße nach Tkout auf die Waldgebiete von Djebel Mezbel und Djebel Tarherdait und weiter nach Südwesten auf die unbewaldeten Randketten des Aurés (vgl. Abb. 4,11). In der Talregion spiegeln wie blaue Glasflächen im grau-braunen Schotter einige durch Quellen gebildete Seen (vgl. Abb. 4,10). Wir fahren zurück auf der Höhenpiste in Richtung Tkout. Diese Oase am oberen Talende, sich schon auf den Hang empor ziehende, besticht in ihrem Eindruck durch ausgedehnten terrassierten, bewässerter Anbau mit einigen Fruchtbäumen; die Ortschaft liegt in der Höhe. Im Hintergrund, jenseits des Tales des Oued Tkout erhebt sich der Djebel Zellatou (vgl. Abb. 4,12).

Ostermontag: Montag, 27. März 1967

Nach einer Übernachtung im Gelände bei Tkout setzen wir am Ostermontag unsere morphologischen Kartierungen fort. In den Eozänschichten bei Tkout finden sich wieder wie so häufig in Mergelablagerungen Gipskrusten (vgl. Abb. 4,13). Damit kommen wir bei der Oase Rassira wieder in das Tal des Oued el Abiod, des Weißen Flusses, in der Nähe der Einmündung des Oued Tkout. In einem trockenen Schotterbett, der Terrasse gris, finden wir bewässerten Feldbau, z.T. leicht terrassiert, bei der Ortschaft Fruchtbaumpflanzung und einige Dattelpalmen als Schattenpflanzen. Für fruchttragende Dattelpalmkulturen ist die Lage zu hoch im Gebirge und damit im Winter frostgefährdet. Den Hintergrund bildet der Anstieg zum Djebel Zellatou mit alttertiären Vorkämmen und mittel- bis jungtertiären Beckenfüllungen aus Konglomeraten und bunten Gipsmergeln (vgl. Abb. 4,14).

Richtig eindrucksvoll wurde aber unsere nächste Station, der „Balkon von Roufi“. Die Ortschaft Roufi ist ein beliebtes Anschauungsobjekt für Touristen geworden, da sie an der Route National 31 von Batna über Arris nach Biskra liegt. Typisch die Hanglage der Häuser, die aus örtlichem Steinmaterial errichtet sind und am Steilhang treppenförmig empor gemauert sind. Kleine, ummauerte Gärten sind mit Opuntien bepflanzt – einer Sukkulentenart, die im südlichen Mittelmeergebiet heimisch geworden ist und als Heckenpflanze benutzt wird. Ihre roten Früchte werden zu einem süßen Gelee verarbeitet. Von der Straße aus, die die obere Grenze des Ortes markiert, blickt man auf die Dächer der Ortschaft – in typischer Art als Flachdächer angelegt, die auch als Aufenthalts- und Arbeitsraum genutzt werden – und in das Tal, das von einem langgestreckten Palmgarten, in den die Bewohner auf steilen Pfaden und Treppen hinunter steigen, ausgefüllt ist. Man Blickt auf Roufi herunter wie von einem Balkon, mit Blick auf weitere Balkone, die von den Häusern bestanden werden. Es ist ein erinnerungswerter Blick in die pittoreske Schlucht des Oued el Abiod, dessen Cañon in tertiäre Schichten, insbesondere in die harten eozänen Landen-Kalke eingeschnitten ist (vgl. Abb. 4,15, 4,16).

Auf der Weiterfahrt entlang dem Cañon des Oued el Abiod unterhalb von Roufi ist festzuhalten, dass in der Talsohle weitere Palmpflanzungen mit Flusswasserbewässerung zu finden sind (vgl. Abb. 4,17). Auch im unteren Tal des Oued el Abiod wird die Morphologie geprägt von der starken Auflösung der im Talbereich liegenden weichen Schichten. Es handelt sich vorwiegend um Kalke des alten Tertiär, Eozän und Paläozän, insbesondere um die Landen-Kalke. Im Zerschneidungsbereich finden sich, wie schon mehrfach beobachtet, Beckenfüllungen, die als zerschnittenes Talglacis mit zwei Flächenniveaus ausgebildet sind. In der Nähe des stark eingetieften Oued el Abiod sind diese Schotterkörper tief und feingliedrig zerschnitten (vgl. Abb. 4,18).

Biskraberge

Obwohl unsere Kartierungsrouten nicht allzu systematisch erscheinen, nähern wir uns dem Gesamtbild des Aurés in großen Bögen, immer wieder von kurzen Rekreationsaufenthalten in Batna unterbrochen. Der Di., 28.03., führt uns wieder an unsere „Rennstrecke“ zwischen Batna und Biskra – in die Biskraberge, die den westlichen An- und Abschluss des Zentralaurés bilden. Der Djebel el Melah (‚Salzberg‘) nördlich von El Outaya hat einen ganz besonderen Charakter als aufgedrungener triassischer Salzstock, zu erkennen sind an der Oberfläche ‚Salzsäulen‘ – mit anderem Material vermengt und überdeckt. Diese Überdeckung ist an vielen Stellen verdrängt und umgelagert. Durch die spezifischen Lösungsvorgänge im Salz finden sich einige Formen einer typischen Salzmorphologie. Der hohe Salzgehalt verhindert hier jegliche Vegetation (vgl. Abb. 4,19, 4,20). Aber die Fahrt auf der blendendweißen Piste zum Djebel el Melah ohne jegliche Konturen und Schatten bewirkte bei uns Blessuren an Kopf und Hals. Schon auf der Hinfahrt übersehen wir eine die Piste querende Rinne, in die der recht schnell fahrende Bus voll hineinfährt, um uns von den Sitzen bis unter das Fahrzeugdach zu schleudern. Doch auf der Rückfahrt wollten wir vorsichtiger sein, doch wir verschätzen uns in der Entfernung – und wieder knallte der Bus in die Rinne, wobei die Stoßdämpfer durchschlugen, und wir hingen unterm Dach…

Der Alltag im Gelände

Der Abend dieses Tages brachte noch etwas romantische Stimmung mit einem Sonnenuntergang bei leichter Bewölkung, von Norden aufziehend, nördlich des Djebel Metlili (vgl. Abb. 4,21). Doch es ist Zeit, etwas über unser Leben im Gelände zu berichten. Ein echtes Mittagessen vergönnten wir uns nicht, dazu war es einmal zu heiß, und der Umbau des Busses hätte den Zeitplan völlig durcheinander gebracht. Ab und zu kochten wir uns auf unserem Campinggas-Brenner etwas Tee auf. Dafür war dann der Abend umso geruhsamer. Die Seitentüren wurden geöffnet – unser VW T1 hatte noch Klapptüren auf der Seite – und der Campingtisch und zwei Campingstühle wurden herausgeholt. Auf dem Campinggas-Kocher kochten wir einfache Gerichte aus Dosen und Tüten, die aber nach langer, abwechslungsreicher Tagesarbeit sehr gut schmeckten. Dazu tranken wir schwarzen Tee – mussten aber die Tassen wegen der Fliegen und anderer Insekten immer mit der Untertasse abdecken. Nach dem Abwasch – meist in einer Plastikschale mit Wasser aus dem Kanister – saßen wir dann noch einige Zeit zusammen bei einem Glas Wein. Hier tranken wir einen qualitativ guten algerischen Mascara Rosé, den wir in Batna kauften. Die gepflegten und hohe Qualitätsstandards folgenden Weingüter von Mascara bei Oran sind leider nach dem Algerienkrieg nicht weiter gepflegt und später untergepflügt worden, so dass diese guten Weine nicht mehr gekeltert werden.

Ab und an suchten wir nach Informationen im Radio, doch das hatte einige Probleme. Die Auswahl der in der Wüste zu empfangenen Sender war nicht groß und es war mehr ein Glückstreffer, wenn mal ein französischer oder – ganz selten – deutscher Sender zu hören war – von Verstehen war dann aber immer noch nicht regelmäßig die Rede. Recht deutlich kam aus Europa eigentlich nur „Radio Vaticana – le voce del Papa e della Chiesa in dialogo con il mondo“ – natürlich in Italienisch und für uns nicht sehr aufschlussreich. Und, alles andere übertönend, natürlich unser arabischer Haus- und Regionssender „Radio Constantine“ (Radio Qsantina), der außer nicht verständlichen Textbeiträgen arabische Popmusik sendete.

Die Nachtruhe begann dann mit dem Umbau des Busses. Gepäckstücke, die auf den Brettern des Ausbaus lagen, wurden auf die Vordersitze gebracht, die Vorhänge vor den Scheiben und zwischen Fahrerkabine und „Schlafraum“ zugezogen. Dann wurde die zweite Holzplatte, die tagsüber auf der hinteren Platte lag, nach vorne gezogen – Dr. Achenbachs Schlafstätte – und die beiden Schaumgummimatratzen und das Bettzeug auf die Platten gelegt. Mein Schlafplatz war dann die hintere Platte. Nachdem wir alles fertig hatten und in die Betten gekrochen waren – nicht ohne uns vorher in der Plastikschüssel gewaschen zu haben – zog Dr. Achenbach die Türen zu und verriegelte sie von innen. Die Türen zur Fahrerkabine waren schon vorher abgeschlossen worden.

Der Morgen begann dann mit dem Umräumen des Busses und dem Aufbau unseres „Speisesaales“ mit Campingtisch und Campingstühlen – nach der Morgenwäsche – und setzte sich mit dem Frühstück mit Pulverkaffee und Broten fort. Ab und zu mussten wir uns auch um unsere Kleidungswäsche kümmern, was wir meist im Hotel in Batna erledigten, wo wir über heißes Wasser verfügten. Waren wir in Eile nahmen wir nach dem Aufstehen die noch feuchte Wäsche mit und hängten sie im trockeneren und heißeren Süden für einige Stunden in der Mittagszeit auf, z.B. auch bei El Kantara.

Wieder bei El Kantara

Am Mi., 29.03. fuhren wir durch lichten Juniperus-Wald in die nördlichen Vorketten des Djebel Metlili bei Seggana nördlich von El Kantara. Die Niedervegetation bestand aus Halfagras, Rosmarin und vereinzelt Esparto-Gras. Durchzogen wird das Tal vom Schotterbett des Oued el Hai, auf der Niederterrassenfläche findet sich bewässerter Ackerbau; Befestigungsanlagen sichern die Route Nationale 3 gegen Unterspülung (vgl. Abb. 4,22, 4,23). Das Tal des Oued Hai oberhalb von El Kantara führt auf der einen Seite zum Malou Chergui, auf der anderen Seite zum steilen Anstieg zum Djar Ouled Bellil. Den 30.03. verbrachten wir im Hotel in Batna – u.a. mit Wäsche waschen…

Weiterfahrt am nächsten Tag, Freitag, 31.03., folgen wir der der Straße Route Nationale 3. Hier finden sich Baumpflanzungen mit Feige, Aprikose und Pistazie. Bemerkenswert sind auch die Befestigungsanlagen aus der Zeit des Algerien-Krieges (vgl. Abb. 4,24). In einer Übersichtsaufnahme von einer Vorhöhe des Djar el Bechra sind erkennbare Talglacis beiderseits des Oued el Hai. Tiefenlinie durch Vegetationsverdichtung erkennbar. Im Blick auf den Durchbruch von El Kantara erkennt man die Stirnseite der Maastricht-Schichten mit ihren Kefbildung. Auf den Verebnungen findet extensiver Feldbau statt (vgl. Abb. 4,25, 4,26). Hier fand auch das schon erwähnte Wäschetrocknen im Gelände statt (vgl. Abb. 4,27). In der Schlucht selbst finden wir wieder die Leitvegetation Artemisia Campestris und andere Xerophyten (vgl. Abb. 4,28). Der Djebel Metlili erscheint hier mit Vorkämmen und Hangrippen. Die selektive Präparation der Harten Schichten wird deutlich sichtbar. Sonst wieder eine Talaufschotterung mit Übergang vom Hang- zum Talglacis (vgl. Abb. 4,29).

Am Sa., 1.04., fahren wir zur Taloase Maafa am Oued Maafa, einem Nebenfluss des Oued Fedhala, der zur Schlucht von el Kantara führt. Bewässerter Feldbau wird auf der Schotterfläche einer alten Talsohle, der Terrassenfläche eines Talglacis, betrieben, die selbst wieder vom rezenten Oued Maafa aufgelöst wird. Im Hintergrund sind die diskordanten Lagerungsverhältnisse der bis hinunter ins Tertiär reichenden Talfüllungen gegenüber den gefalteten Kalken des Eozän und des Maastricht deutlich zu erkennen (vgl. Abb. 4,30).Die Oase Maafa besitzt reiche Fruchtbaumpflanzungen mit Nüssen, Feigen, Aprikosen und andere Pflanzen (vgl. Abb. 4,31). Am Hang der Taloase Maafa terrassierter Feld- und Fruchtbaumbau. Die wenigen Dattelpalmen tragen aus klimatischen Gründen (Gebirgsklima mit Winterfrösten und relativ kurzer trocken-heißer sommerlicher Vegetationsperiode) keine für eine Nutzung hinreichende Früchtemenge und -qualität (vgl. Abb. 4,32).

Oberhalb von Maafa kommen wir zum Djebel Tououennt. Die spärliche Bodenbedeckung lässt überall die stark zerklüfteten und mit Karstformen versehenen anstehenden Kalke an die Oberfläche treten. Als Vegetationsform findet sich hier ein spärlicher Wacholderwald aus Juniperus oxycedros (vgl. Abb. 4,33). Interessant ist es auch, morphologische Prozesse in Kleinformen wahrzunehmen, wie z.B. Karstformen an einem Kalkblock. Die ursprünglich im Boden steckende Verkarstungszone wurde beim Straßenbau nach oben gebracht (vgl. Abb. 4,34).

Unzugängliche Waldpisten

Bei unserer Weiterfahrt kommen wir in Steineichenwald beim Maison Forestiere d' 'Ain Tnourist am Djebel Djebrount (vgl. Abb. 4,35). Das unzugängliche Waldgebiet liegt zwischen Den Biskra-Bergen mit der Schlucht von El Kantara und den westlichen Kämmen des Aurés. Zuletzt war es eine recht steile Gebirgsfahrt auf einer eher provisorisch wirkenden Piste am Hang, die zuletzt so steil wurde, dass wir sie mit unserem Wagen  nicht mehr erreichen konnten. Und dann kam ein etwas riskantes Manöver. Ein Wenden des Fahrzeuges war auf der engen Piste nicht möglich, wir musste wieder zurück und zwar in Rückwärtsfahrt. Das war wenig angenehm, da auf der einen Seite immer wieder Einbrüche in die Piste als Folge von Erosion und Hangrutschungen auftraten, in denen die Gefahr bestand, auch mit dem Fahrzeug abzurutschen. So bin ich voraus gegangen – immer an der Abbruchkante entlang – und habe das Fahrzeug langsam eingewiesen bis wir etwa nach einem Kilometer an eine breitere Stelle kamen, an der wir wenden konnten. Deutlich geworden war uns dabei, dass der Motor nicht mehr die volle Leistungsfähigkeit besaß und das wahrscheinlich ein Zylinder nicht mehr zog.

Soweit wir gekommen waren haben wir aber das Gelände kartiert. Zielpunkt war die Oase Arba am Kef Toufikt. Im Talbereich finden wir die Zerschneidung durch den Oued Smail, einem Nebenfluss des Oued Fedhala. Der Anbau von Arba befindet sich im stark und cañonartig eingetieften Talbereich, die Häuser wurden, fast unerreichbar, an den Gebirgshang gebaut. Am Hang im weichen Mergel befindet sich eine größere Abbruch- und Rutschzone, deren Ausdehnung auch die Ortschaft bedroht. Im Hintergrund die fast saiger (senkrecht) gestellten Kalkrippen aus dem Touron des 1742 m hohen Djebel Toufikt (vgl. Abb. 4,36).

Oberhalb von Maafa treffen wir auf den Cañon des Chebet el Kebir, eingeschnitten in bankig gelagerte Kalke mit Gesimseformen am Hang. Die Vegetation besteht aus spärlicher Juniperus- und Steineichenmaccie. Der Oued kommt vom Djebel el Rherab und entwässert das Gebiet zwischen Djebel Bous und Djebel Rherab. Im Nordosten endet dieser Talbereich mit einer als Sattel ausgebildeten Wasserscheide hin zum Ausraumbereich des Oued Bouzina (vgl. Abb. 5,01, 5,02).

Nordaurés

Das Arbeitsthema des nächsten Tages, dem Sonntag, 2.04., ist der Nordaurés. Das Gebiet ist eine recht unzugängliche Gebirgslandschaft zwischen der Talsenke an der Route Nationale zwischen Batna und Biskra an der Westseite und der Straße von Batna nach Osten über Lambése und Timgad, den alten römischen Ruinenstädten, nach Tebessa. Im Südosten findet sich das Bouzina-Tal als erstes Durchgangstal des Zentral-Aurés und die Talbildungen an der Straße N 87 über Menâa nach Biskra. Wir fahren zum Djebel Ich Ali, dessen Westhang starke Zerschneidungen in weichem Mergel aufweist, die durch Rutschungen und Hangabtragung des weichen Materials lokal aufgelockert sind. Als Vegetation finden wir hier mediterrane Steineichen-Maccie mit Aleppo-Kiefern (Pinus halepensis), was auf die höhere Lage im Gebirge und die Nordexposition hinweist (vgl. Abb. 5,03). Vom Djebel Ich Ali geht der Blick in das Tal des Oued Fedhala. Auch hier wieder mediterraner Aleppokiefernwald, mit Übergängen zur Steineichen-Maccie. Dazwischen als Niedervegetation Dis-Gras und Rosmarin (vgl. Abb. 5,04).

In der Südexposition des Hanges findet sich eine lokale Auflockerung dos mediterranen Waldes, bzw. der dichten Maccie am Djebel- Chenntouf (vgl. Abb. 5,05). Der Djebel Chenntouf beim Maison Forestiere Taguergoumest war Schauplatz von Kämpfen im Algerienkrieg, wovon durch Brandbomben (Napalm) und Granaten zerstörte Waldvegetation zeugt (vgl. Abb. 5,06, 5,07). Im Tal des Oued Fedallah finden wir eine waldähnliche Maccie aus Steineichen und der Aleppokiefcr, während das Schotterbett mit spärlicher Buschvegetation bestanden ist (vgl. Abb. 5,08).

Am Oberlauf des Oued Fedallah findet sich ein cañonartiger Durchbruch durch eine ausstreichende Bank aus Touronkalk. Ähnliche Durchbruchformen folgen sich hier mehrfach gestaffelt. Die Vegetation wird wieder bestimmt von einer Steineichenmaccie, die im Sehotterhangbereich aufgelockert ist (vgl. Abb. 5,09). Aber auch kulturlandschaftliche Nutzung ist hier zu finden. So stoßen wir auf eine ausgedehnte Fruchtbaumoase mit Flussbewässerung im Mittellauf des Oued Fedallah (vgl. Abb. 5,10).

Weiterfahrt in den Zentralaurés von Norden

Nach einer Arbeitspause in Batna streifen wir am Mo., 3.04., den Nordaurés noch einmal mit Blick vom Djebel Ich Ali (in der Nähe des zerstörten Forsthauses) in die Batnasenke. Pinienwald (vgl. Abb. 5,11), um uns dann von Norden her wieder in den Zentralaurés zu begeben. Der Pass zwischen Kef el Mehrab und Djebel Khoum ed Dib, Teniet Sidi Lachmadi, führt uns in das Tal des Oued Abdi (Sklavenfluss). Von der Pass-Straße nach ergibt sich ein guter Überblick in Richtung Südosten auf das Tal des und den Anstieg des zentralen Gebirgskernes, der etwas weiter südwestlich im Djebel el Azreg (= Grüner Berg) eine Höhe von 1937 m erreicht. Das Abdi-Tal zeichnet das Ausstreichen der weicheren Kreide-Schichten unter dem Maastricht-Kalk des Khoum ed Dib-Zuges nach (vorwiegend Campan-Mergel), während der Anstieg zum Azreg-Massiv von steil gestellten Schichten der Unteren. Kreide (angefangen von den Kalken des Touron und Cenoman) begleitet wird. Im Zentrum treten jurassische Massenkalke an die Oberfläche. Hier befindet sich das Hebungszentrum des Aurés. – Im Abdi-Tal finden wir bewässerten, zum Hang hin leicht terrassierten Feldbau und in Ortschaftsnähe verdichtete, sonst vereinzelt Fruchtbaumkulturen. Die Siedlungen liegen auf den höheren Terrassen oder auf vorgelagerten Bergvorsprüngen und Spornen. Der Hausbau erfolgt mit ortsüblichen Steinen; kleinere Hausgärten und Höfe sind teilweise ummauert. Die gesamte Ortschaft hat Schutzlage sowohl gegen natürliche Schädigungen (Hochwässer) als auch gegen menschliche Angriffe. Es entspricht so dem Typ der Berbersiedlung; im Aurés lebt der Berberstamm der Chaouia. – Der Gebirgshang ist größtenteils von einer stark degradierten Juniperus- und Steineichen-Maccie bedeckt. Bei günstigerer Exposition nach Nordwest und in größerer Höhe im Gebirgsinneren wird diese abgelöst von einem sich verdichtenden Steineichen-, Aleppokiefer- und stellenweise auch Atlaszedernwald. Halbnomadische Weidewirtschaft ist hier noch verbreitet (vgl. Abb. 5,12).

Der Pass Teniet Sidi Lachmadi öffnet den Blick auf eine kleine Hangsiedlung. Deutlich wird, die kompakte Haus- und Siedlungsstruktur, die gut gegen die wechselnden Klimaeinflüsse des Gebirges schützt. Ein Kuppelbau markiert den Kornspeicher. Das Dach der Häuser wird als Aufenthaltsraum mitbenutzt. Zum Teil dient es auch als Arbeitsplatz, z.B. beim Dreschen des Kornes mit Hilfe eines Esels. Auf der gegenüberliegenden Hangseite ein Dienstgebäude der Verwaltung, (Gendarmerie National). Im Hintergrund öffnet sich das Tal des Oued Bouzina, bzw. des Nebenarmes Oued Nerdi (vgl. Abb. 5,13, 5,14, 5,15).

Dienstag, 4.04.: Über den Pass fahren wir in das Tal des Oued Bouzina. Dieses ist eine ausgeräumte Beckenzone, die auf allen anderen Seiten von Felsklippen und Schichtkämmen umschlossen wird, so dass auch eine Einfahrt nur an dieser einen Stelle möglich ist. Eselspfade und Weidewege der Schaf- und Ziegenherden überqueren die Randgebirge an vielen Stellen, sind aber für uns nicht befahrbar. Im Tal selbst finden wir interessante und vielfältige Versteinerungen aus den Eozän-Kalken des Kalat el Arar, einem Restberg einer alten Talfüllung im inneren Beckenbereich des Oued Bouzina und seiner Nebenflüsse (vgl. Abb. 5,16). Der Cañon des Oued Bouzina im Oberlauf westlich des Kalat el Arar durchschneidet mächtige eozäne Kalk- und Mergelschichtpakete, die hier nahezu söhlig (waagrecht) liegen und nur randlich von der steil gestellten Kreide der Randkämme mit aufgeschleppt worden sind, auf der sie z.T. in einer leichten Diskordanz aufliegen – was auf verschiedene Phasen der Hebung und Akkumulation hindeutet –, sie werden durch Erosionsrinnen tief zerschnitten. Deutlich wird auch, dass sich unter ariden Erosionsbedingungen keine ausgeglichenen Flusslängsprofile bilden, sondern dass nach dem Prinzip der selektiven, die Petrovarianz nachzeichnenden Erosion die einzelnen härteren Gesteinsstufen im Anschnitt als Versteilungen des Profils bemerkbar werden (vgl. Abb. 5,17).

Der alte Teil des Ortes Bouzina ist auf einem Talsporn erbaut (Schutzlage). Das Tal des Oued Bouzina und der hier von rechts einmündende Seitenfluss vom Tinest am Djebel el Rehrab sind stark in die söhlig lagernden Eozän - Kalke eingetieft. Die Talsohle im Cañon wird für Fruchtbaumkulturen genutzt. Im Hintergrund vor der Maastricht-Kalkkette des Kef el Mehrab als isolierter Rest einer alten Talfüllung der Höhenzug des Tissidelt aus roten oligozänen Gipsmergeln, die von einer hangenden Konglomeratdecke geschützt worden (vgl. Abb. 5,18).

An einem Seitenarm des Oued Bouzina erkennt man die von der Mündung ausgehende rückschreitende Erosion, die abhängig ist von der Widerstandsfähigkeit der anstehenden Gesteinsschichten (Landen-Kalke und weiche Mergel). In der feuchteren Tiefenlinie wächst Oleander (vgl. Abb. 5,19). Im unteren Bouzina-Tal findet sich eine Neusiedlung. Hier werden Baumkulturen, Nüsse, Aprikosen, Orangen, Feigen angebaut. Die Bewässerung erfolgt auf Quellbasis mit einer Terrassierung am Hang. Die Siedlung liegt wiederum über dem Kulturland. – Hinter der Ortschaft erhebt sich das Kef des Tissidelt und der Anstieg zum Kef el Mehrab. (vgl. 5.18, 5,20). In der Neusiedlung findet sich auch eine Schule. Der Blick geht über aufgelöste Oligozän-Mergel mit Gipsadern vor dem Kef des Tissidelt (vgl. Abb. 5,21).

Beschäftigen wir uns weiter mit der Morphologie des Gebietes fallen steilgestellte wechsellagernde Mergel- und Kalkschichten unterschiedlicher Färbung auf, die durch selektive Erosion zu einer an der Petrovarianz orientierten Rippenstaffel ausgebildet werden. Im Nordwesten folgt der Hang des unteren Bouzina-Tales. In den Mergeln der Talauffüllungen sind eingelagerte Gipsadern zu erkennen (vgl. Abb. 5,22).

Zurück über die Pass-Straße zum Teniet Sidi Lahmadi am Nordwest-Abfall des Kef el Mehrab. Im Hintergrund Zerschneidungslinien des Oued Nerdi im Gebiet von Draa ed Dib. (Passhöhe: 1569 m, Talhöhe bei Bouzina: 1188 m). – Das Bild zeigt deutlich die Verkehrsfeindlichkeit der Kettenregion des Zentralaurés, die sogar für den Bau von einfachen Autopisten, wie auf unserem Bild, komplizierte Trassierungen und einige Erdbewegung notwendig macht (vgl. Abb. 5,23).

Wir erreichen Menâa im mittleren Tal des Oued el Abdi. Die Ortschaft liegt in typisch berberischer Schutzlage auf einem weitgehend isolierten Talsporn über der darunter im Abdi-Tal liegenden Anbaufläche. In Ortsnähe überwiegt der Fruchtbaumanbau in terrassierten Bewässerungskulturen: Nüsse, Aprikosen, Feigen. Der bewässerte Getreideanbau in Flussnähe wird mit wachsender Entfernung vom Ort extensiviert. – Im Hintergrund geht der Blick über einige als Rippen- und Kammstaffel ausgebildete Vorhöhen der mittleren und unteren Kreide hinweg auf das Zentralmassiv des Djebel el Azreg (= Grüner Berg), der etwa im Bereich unseres Bildes 1937 m erreicht. Infolge seiner Höhe bietet er bessere Klimabedingungen als die randlichen Talregionen und ist daher mit Steineichen und Wacholder bewaldet. In günstiger Exposition finden wir hier auch die Atlaszeder (vgl. Abb. 5,24).

Wir übernachten im Tal des Oued Abdi. Am Mi., 5.04., fällt unser Blick zunächst auf die anstehenden Gesteine. Ein tertiäres, buntes Kalkkonglomerat, als Schotter überformt, füllt das Schotterbett eines Nebenflusses des Oued Abdi bei Amentane aus (vgl. Abb. 5,25). Dieses Seitental des Oued Abdi ist als Schlucht in tertiären Schichten ausgebildet. Bei dem V-förmigen, engen Talprofil erkennen wir eine erstaunlich große Schotterführung des nur periodisch durchflossen Oued (vgl. Abb. 5,26). In der gleichen Schlucht fällt ein bemerkenswertes Detail auf: die Zweistufigkeit des Talprofiles. Oben erkennen wir eine weitere, fossile Korbform, unten, entsprechend der jüngeren Freilegung und der noch fortschreitenden Überformung das rezente, cañonartige Talprofil. In die Schottersohle eingebettet sind größere Blöcke von Abbruchmaterial, z.T. aus Kalkkonglomeraten- Bei Amentane finden wir gut ausgeprägte Randkämme und Rippenstaffeln vor dem Azreg-Massiv (vgl. Abb. 5,27, 5,28).

Am Do., 6.04., verschaffen wir uns beim Maison Forestiere de Tharda am Djebel Tharda, der nordöstliche Verlängerung des Djebel el Azreg, auch mit Hilfe von Fotoaufnahmen einen Überblick über den Kamm des Djebel Tikirchouine auf den Zug des Djebel Bous im Nordwesten, bei dem sich ausgeprägte Klippenbildungen erkennen lassen und der mit Wacholder- und Steineichenwäldern bedeckt ist (vgl. Abb. 5,29). Ebenfalls vom Djebel Tharda fällt der Blick nach Südwesten in Richtung auf die Biskraebene am Rande der Sahara über die südöstlichen Vorkämme des Azreg und den Südaurés hinweg. Auch hier findet sich wieder Steineichen-, Aleppokiefern- und Wacholderwald. In den Tälern. und nach Süden hin findet eine Abnahme der Bewaldung statt (vgl. Abb. 5,30). Geht der Blick vom Djebel Tharda: weiter nach Südosten erscheinen die Kämme des Djebel Takhoud auf der rechten Seite und des Djebel el Krouma, der getrennt wird durch die Schlucht von Tahammamet im Tal des Oued el Abiod bei Roufi. Im Hintergrund fällt der Blick auf den Anstieg des Djebel Ahmar Kraddou. Im Vordergrund über der Rippenstaffel befindet sich lichter Wald. (vgl. Abb. 5,31). Bei einer weiteren Wendung des Blicks vom Djebel Tharda sind nach Nordosten durch das bewaldete Gebirgsgebiet des Djebel Tharda und der Moudji-Senke, einem intramontanes Becken, und ihrer nördlichen Begrenzung die entfernte Kette von Djebel Mahmel als nordöstlicher Verlängerung des Djebel Khoum ed Dib zu erkennen. Im Vordergrund bewaldete Kalkklippen (vgl. Abb. 5,32).

Djebel Mahmel

Am Fr., 7.04., haben wir uns etwas Besonderes vorgenommen, das – wir ahnen es noch nicht – mit einem besonderen Nervenkitzel enden wird. Zunächst kartieren wir die Kammregion im Bereich des ‚Zusammentreffens‘ von Djebel Mahmel (Südwest-Nordost) und El Malou (West-Ost, Verlängerung des Djebel el Rherab nördlich des Bouzina-Tales). Die Maastricht-Kalk-Schicht, die hier bis zum Kalat Zana nahezu söhlig liegt und im Nordwesten und Südosten mit Kefs abbricht, sinkt in der Mitte nach Südwesten hin immer tiefer ein und bildet somit die geologische Mulde des Bouzina-Tales. Die Ränder dieser Maastricht-Platte, die nach SW hin immer steiler gestellt sind, brechen nach außen hin mit Kefs ab und bilden so die Randketten des Bouzinatals.

Wir besteigen nun den höchsten Gipfel des Untersuchungsgebietes – und den zweithöchsten in ganz Algerien – den Djebel Mahmel mit seinen 2321 m Höhe. Ein gutes Stück des Weges am Hang können wir noch mit dem Fahrzeug zurücklegen, ehe wir dann über Geröllflächen und Kalkabbrüche auf den Gipfel gelangen. In der Höhe finden wir eine starke Verkarstung des anstehenden Kalkes und rezente Frostmusterböden, in Nordexposition noch Anfang April Schneereste zwischen spärlicher, alpenähnlicher Polstervegetation (vgl. Abb. 6,01).

Der Blick auf der Gipfelregion nach Nordwesten über die verkarstete Höhenplattform zeigt Dolinenformen, zum Teil mit kleinen Seen und am Hang offenem Karst und, wie schon festgestellt, Polstervegetation (vgl. Abb. 6,02).

Aber jetzt wird es spannend. Vom Tal her, unter uns, blicken wir auf ein aufziehendes Sturmtief, das nach einer längeren Periode trocken-heißen Sciroccos (Chergui) aus Süden sich in heftigen Regengüssen entlädt und beim Aufstieg auf das Mahmelmassiv starke Gewitter ausbildet. Von oben sehen wir auf die von Blitzen durchzuckten dunklen Wolkenmassen, die sich dem Gipfel nähern. Das wird uns dann doch zu gefährlich, da wir als stehende Personen auf dem Gipfel des Mahmel wohl die höchsten Punkte in Südalgerien darstellen – die idealen Blitzableiter. Wie der Blitz machen wir uns auf den Rückweg zu unserem Wagen, der gottseidank auf der anderen Seite des Berges steht, und rutschen ohne viel achtzugeben über die Schotterflächen nach unten, immer wieder Kalkbänder blind überspringend. Wir können nur danken, dass wir uns dabei keine Knochen gebrochen haben. Wir erreichen dann unseren Wagen und sind in ihm vor Blitzeinschlägen sicher. Aber: Das Gewitter zieht dann auch gar nicht über den Gipfel hinweg, sondern entlädt sich aus einer dunklen Wolkenfront über der Höhenlage (vgl. Abb. 6,03).

Am nächsten Tag nach einer Nacht im Gelände, am Sa., 8.04., beschäftigen wir uns wieder mit dem Nordaurés. In der Höhenregion des Djebel Stah bei Laubéso nördlich des Djebel Mahmel findet sich offener Karst, den wir in seinen Details aufnehmen (vgl. Abb. 6,04, 6,05, 6,06). Es folgt eine Nacht in Batna.

Die Motormörder…

Der nächste Tag, So., 9.04., führt uns in die Belezmaberge westlich von Batna. Auf dem Djebel Bordjem blicken wir auf die Senke des Oued el Ma (früherer  Name des Ortes: Bernelle). Im Hintergrund erscheint der Djebel Mestaoua. Nach Südosten fällt der Blick auf den Djebel Tuggurt und seine Vorketten, die mit Zedernwald bedeckt sind. Diese Zedern haben wir Wochen früher schon mit Neuschnee bedeckt bewundern können (vgl. Abb. 6,07, 6,08). Hier erleben wir eine schwierige Situation. Bei der Einfahrt in ein abgelegenes Tal ergibt sich, dass es keine andere Ausfahrt gibt, sondern dass wir die gleiche Piste zurückfahren müssen. Zunächst geht es entlang des Oueds, bis eine rechtwinklige Abbiegung uns durch eine schotterbedeckte Durchfahrt führt, die nur im „stop-and-go“ Verfahren überwunden werden kann wegen der großen Felsblöcke im Flussbett. Die Ausfahrt auf der anderen Seite führt gradewegs einen Steilhang hinauf, dem unser Bus auch im ersten Gang nicht packt. „Anlauf“ zu nehmen ist wegen des Oued nicht möglich und für ein Wendemanöver reicht der Platz nicht aus – in Anbetracht der Überlegung, dass der Rückwärtsgang meist noch besser zieht als der erste Gang. So kommen wir nur mit der brutalst möglichen Methode hinauf: im gebremsten Wagen Vollgas geben und schlagartig die Kuppelung los lassen – der Wagen macht einen Satz nach vorne und der Motor ist abgewürgt, während ich hinter das rechte Hinterrad schnell einen Bremsstein schiebe. Und das etwa zwanzig Mal bis wir oben sind. Hatte unser Wagen schon vorher Motorschwierigkeiten, war das wohl der Augenblick, als ein Zylinder seine Funktion fast völlig aufgab. Im Übrigen: auch unser Auspufftopf war im Laufe der Geländefahrten lose geworden, so dass unser Bus wie ein Panzer röhrte, was ihn mit der Mehrzahl der einheimischen Camions gleich stellte.

Durchquerung der Nemenchas von Nord nach Süd

Am Montag, 10.04., geht es dann zu einem neuen Untersuchungsgebiet: den Ostbecken. Aber zunächst durchqueren wir das westliche Talsystem der Nemenchas und stoßen damit auf die Sahara. – Am Nordende des Djebel Chettaia fahren wir von Norden aus dem Becken von Khenchela kommend bei aufziehendem Gewitter in das Talsystem der Ostbecken ein (vgl. Abb. 6,09).

Die erste bemerkenswerte Ortschaft ist hier Barbar im Durchbruch durch den Djebel Bou Zenndeg. Der Durchbruch ist fossil und von Schotterflächen aufgefüllt. Wir erkennen das große Ausraumbecken südöstlich vom Hohen Aurés beim Djebel Faraoun im Einzugsgebiet des Oued el Arab, das durchweg von Kulturland eingenommen wird; im Becken befinden sich Streusiedlungen (vgl. Abb. 6,10).

Am Di., 11.04., erreichen wir in den nördlichen Nemenchas die Taloase Taberdga im Tal des Oued Mezzoudj kurz vor seiner Einmündung in den Oued Bidjer. Weiter südlich ist der Oued Beni Babar – der das Tal der Ortschaft Barbar bildet –, der Oued Ben Derradj und der Oued Ouezzern. Die Ortschaft liegt am Hang beiderseits des Tales, das neuere Ortszentrum mit dem rechteckigen Gebäude der Gendarmerie Nationale – noch aus französischer Zeit – liegt auf dem Talsporn. Terrassierter Feld- und Fruchtbaumbau auf Bewässerungsgrundlage begleitet den Flussverlauf. Die harten Deckenkalke des Landen und die tiefer am Hang ausstreichenden Maastricht-Kalke bilden mehrstufig gegliederte Talhänge und Kef- und Gesimseformen. Das Tal weitet sich im weiteren Verlauf durch das Zusammentreffen mehrerer Flüsse zu einer großen Ausraumzone vor den Kefs des Djebel Aggar. – Die Strichbewölkung von südlicher Richtung her deutet auf eine Scirocco- (Chergui-) Wetterlage hin. In die großen Talsysteme dringt dabei von Süden heiß-trockene Wüstenluft ein, während die höheren Bergbereiche länger im Einflussbereich der nördlichen. und westlichen kühl-feuchteren Strömungen verbleiben, die sie jedoch gleichzeitig von den südlichen Talregionen fernhalten oder nur zeitweilig als Föhn passieren lassen. Dieses Phänomen verstärkt die natürliche adiabatische Höhenstufung noch erheblich, so dass krasse höhen- und expositionsbedingte Unterschiede im lokalen Kleinklima als Faktor der Vegetation und der agrarischen Nutzungsmöglichkeit zu verzeichnen sind (vgl. Abb. 6,11). Randlich blicken wir auf eine von einem transversalen Fluss zerschnittene Kalkkuppe südlich von Taberdga. Auch dieses kleine Tal wird mit Baumkulturen genutzt. Am Hang finden sich leicht terrassierte z.T. brach liegende Getreidefelder (vgl. Abb. 6,12), sowie stark erodierte Reste einer vom höher gelegenen Kef abgebrochenen Kalktafel, die, in das Tal gerutscht ist. Im Tal des Oued Beni Babar treffen wir auf Bewässerungsfeldbau (vgl. Abb. 6,14).

Die kleinräumige Kartierung der vielfältigen Flusstäler und Steilabbrüche geht weiter; wir erblicken einen Durchbruch durch die harten Kalke bei Zaouia, einer kleinen Taloase mit terrassierten Fruchtbaumkulturen. Weiter zur Taloase El Amra mit einem Blick auf das hohe Kef des Djebel Taffrant mit einem angeschnittenen Schichtpaket vom Landen-Kalk bis zum Campan-Mergel. Am Hangfuß und im Tal mächtige abgerutschte Kalkplatten als Erosionsreste (vgl. Abb. 6,15, 6,15). Bemerkenswert ist auch der Kefabbruch des Djebel Gara östlich des Oued Beni Babar (vgl. Abb. 6,16).

Sahara im Vorland der Nemenchas

Wir kommen in die ausgedehnte Piedmont-Glacis-Landschaft südlich der Nemenchas. Auf dem Glacis bei der Oase Seiar blicken wir auf die Oase nach Norden und auf den des Oued Beni Babar in der Randkette der Nemenchas (vgl. Abb. 6,17). Nach Westen hin, entlang der Nemencha-Kette, ist deutlich die Oberflächenstruktur des oberen, älteren Glacis-Niveaus zu erkennen: Der Schotterkörper erscheint stark verfestigt, nur noch grobes Schottermaterial, oft  mit dunklen Verwitterungskrusten bedeckt, hat sich auf der Oberfläche halten können, das Feinmaterial ist heraus gewaschen und abtransportiert. Tiefer gelegene Teile des jüngeren Glacis werden von einem Flusstal, dem Oued Beni Babar, der hier schon Oued ben Derradj heißt, zerschnitten (vgl. Abb. 6,18). Nach Osten hin steht recht isoliert ein von Glacis umflossener pliozäner Kamm aus roten Konglomeraten; dahinter das Tal des Oued ben Derradj mit Ausläufern der Palmpflanzungen von Seiar (vgl. Abb. 6,19).

Ein für den hügligen Sahara-Rand typischer Vertreter der Wüstensteppen-Vegetation ist der Astragalus Busch, das „Sternchen“, der durch seine langen Dornen besonders widerstandsfähig gegen Ziegenfraß ist (vgl. Abb. 6,20).

Der Rand der Nemenchas wird gekennzeichnet durch ein nach Süden einfallendes ‚Abtauchen‘ der weiter nördlich noch waagrecht liegenden Schichten des Maastricht- und darüber des Landen-Kalkes und der weicheren Rand- und Zwischen-Mergel. Diese bilden bei der Zerschneidung durch die aus dem Gebirge austretender, Flüsse, wie hier den Oued Beni Babar-/Oued Ouezzern großartige Schlucht-, Kef- und Rutschformen. Am Südrand der Nemenchas bildet Seiar die erste echte Sahara-Palmoase, während unmittelbar nördlich mit El Amra die letzte typisch berberische Taloase zu finden ist, die nur einige wenige Dattelpalmen als Nebenkultur unterhält. In diesem Bereich vollzieht sich sowohl natur- als auch kulturgeographisch ein, deutlicher Wandel: Im Bereich von El Amra finden wir die geschilderten Tal- und Cañonformen; die Täler sind angefüllt mit zum Gebirgsrand hin immer größer werdenden Mengen Abtragungsschutt, Talschottern und großen Kalkplatten und Kalktürmen, die bei der Erosion. des angeschnittenen liegenden Mergels von den Kefs des hangende Kalkes (oben: Landen, weiter unten, entweder als selbständige Stufe oder als Gesimse am Hang) durch Unterschneidung abgebrochen und abgerutscht sind. Im Tal erodieren sie dann entsprechend ihre plattigen Struktur streifig weiter, bis sie ganz zerfallen sind und vom Fluss als Schotter in das Vorland transportiert werden können. Diese Landschaft wird zum Gebirgsrand hin immer schroffer und unzugänglicher. Nur wenige Verkehrswege kreuzen den Gebirgsrand in den Durchbruchstälern der großen Flüsse, sind dort jedoch durch Hochwässer extrem gefährdet und oft unpassierbar. Der Zugang zu dieser Region erfolgt von Norden, vom Hochland her. Es herrscht die berberische Fruchtbaum-Oasenkultur mit Fluss- und Quellbewässerung vor, die durch Hangterrassierung, flussparallele Irrigationskanäle und eine Kette von Stauwerken gekennzeichnet ist. – Im Süden ist das Gelände durch die großen Schotterflächen und Piedmont-Glacis gekennzeichnet. Die Verkehrswege verlaufen parallel zum Gebirgsfuß auf der Terrassenoberfläche. Probleme ergeben sich dabei bei der Überquerung der in die Schotter kastenförmig eingeschnittenen Oueds. An diesen liegen die Gebirgsrandoasen mit vorherrschender arabischer Dattelpalmkultur, deren Bewässerung z.T. auf das aus dem Gebirge austretende Flusswasser (dafür moderne Stauwerke im Südaurés) zurückgreift, z.T. jedoch Brunnen benutzt. Die umliegende Steppe dient den Nomaden als Weideland. – Auf diesem und den folgenden Bildern ist der Zerschneidungsbereich des inneren Gebirgsrandes am Oued Beni Babar bei El Amra zu sehen, z.B. der Taleinschnitt des Oued Beni Babar und des Dj. Mazoula (vgl. Abb. 6,21, 6,22, 6,23). Am Fuß des Djebel Taffrant finden sich mächtige Erosionsreste, deren Größe auf dem Bild erst deutlich wird durch den VW-Bus als Maßstab vor einem abgerutschten Kalkblock (vgl. Abb. 6,24). Ergänzt wird dieser Überblick durch einen Blick auf das Flusstal stromaufwärts nach Norden und auf den Kefabbruch des Djebel Mazoula (vgl. Abb. 6,25).

Am Mi., 12.04., gelangen wir wieder in bekanntes Gebiet bei Djellal am Oued Djellal an der Gebirgspiste von Khanga Sidi Nadji über Taberdga nach Khenchela. Der Fluss hat eine breite Zone ausgeräumt, die begrenzt wird von den Stufen härterer, hier nahezu waagrecht liegender Kalkschichten. Das Tal dient Djellal als Fruchtbaumoase der Hang dem bewässerten, terrassierten Feldbau (vgl. Abb. 6,26, 6,27). In der Nähe befindet sich ein ehemaliges französisches Fort von dem aus sich ein guter Blick auf die Ortschaft öffnet, die erhöht auf einer Felsplattform liegt (vgl. Abb. 6,28).

Djellal im Tal des Oued Djellal

Deutlich erkennbar ist hier die Stufenstruktur des Tales: Terrassen der Talaufschotterung und söhlig lagernde Kalkhänge korrespondieren vor dem Djebel Draa Bekkar. Interessant ist hier die Feldflur mit Baumkulturen, die zu einigen von Djellal abhängigen kleinen Streusiedlungen (‚Mechtas‘) gehört: Ouled Taabet, Ouled Belkassem und Ouled Seba, die nach den Familien bzw. Stammesnamen der Bewohner benannt sind (vgl. Abb. 6,29).

Unsere Aufmerksamkeit widmeten wir einer sich verändernden Landschafts- und Vegetationszone. Auffällig war bei Tadhout am Djebel Ich Merzou westlich von Djellal eine ausgedehnte Höhenflurwiese mit blühenden Frühlingsblumen, z.B. Mohn, blaue Distel, und Gelben Margueriten (vgl. Abb. 6,30). Aber auch die Morphologie zeigte Besonderheiten. Durch Unterspülung harter Kalkbänke entstanden Höhlen am Djebel Ich Merzou, die z.T. bewohnt waren. (vgl. Abb. 6,31, 6,32, 6,33). Als Vegetation in der Höhenlage finden wir eine Berggarrigue, die auf den Hochflächen übergehet in Halfagrasdecken; im Tal finden sich Oleander-Vorkommen.

Vom Pass zwischen Djebel Frankou und Djebel Ifamene fällt der Blick nach Nordosten entlang dem Kef des Djebel Ifamene und auf das Tal des Oued el Arab, der weiter nördlich auch Oued el Abiod genannt wird, was nicht zu verwechseln ist mit dem Oued el Abiod im Zentralaurés. Dieses Tal weitet sich hier zu einer großen Ausraumzone, die nach Norden hin in die Hochflächen bei Khenchela übergeht. – Die diesige Luft zeigt an, dass zur Zeit der Aufnahmen Sand- und Staubstürme auftraten; die Fernsicht ist erheblich behindert. – Die Vegetation ist eine Garrigue, die sich je nach Exposition, wie im Bildvordergrund zu einer spärlichen, degradierten Juniperus- und Dornstrauchmaccie verdichtet (vgl. Abb. 6,34). Beeindruckend ist ein Blick auf die Ausraumzone des Oued el Arab. Der Höhenunterschied vom Kef bis zum Fluss beträgt hier bis zu 1000 m auf eine Entfernung von nur 5 km! Entsprechend dieser hohen Reliefenergie sind die Piedmontflächen (alte Talfüllungen und Talglacis) den heute vorherrschenden Formungsbedingungen entsprechend stark in Auflösung begriffen. Das Gesamtgebiet ist extrem verkehrsfeindlich und nur schlecht erschlossen. Die große Nord-Süd-Straße nach Khanga Sidi Nadji weicht diesem Gebiet beim Pass von Babar daher aus und führt über Taberdga und Djellal durch weniger schroff zerschnittene Talzüge (vgl. Abb. 6,35).

Noch einmal ein Blick vom Pass zwischen Djebel Frankou und Djebel Ifamene auf das Tal des Oued el Arab. In der Talsenke erscheinen im Dunst die Taloasengruppe Kheirane und Chebla, die wir schon von Khanga Sidi Nadji aus vergeblich zu erreichen versucht haben. Das Tal verengt sich hier trichterförmig und nimmt bei Chebla Cañoncharakter an. Die Verkehrsverbindung ist daher vor Chebla in Richtung Khanga Sidi Nadji unterbrochen. Im Hintergrund erhebt sich in kuppiger Orogenstruktur das Gebirgs- und Waldland um den Djebel Toubount. Über den Forét de Mezbel leitet dieses Gebiet über zu den Kämmen und Längstälern des Zentralaurés. Strukturbestimmend ist in diesem Gebiet der anstehende kuppig gefaltete Maastricht-Kalk, der im zentralen Bereich des Djebel Toubount ausstreicht, um dann im Kammzug des Djebel Ahmar Kraddou wieder auszutreten. Im Talbereich des Oued el Arab taucht der Maastricht-Kalk unter die Eozänschichten ab, die hier den Kammzug des Djebel Frankou bilden. Der Oued el Arab markiert hiermit in seiner Ausraumzone das Ausstreichen der weichen Oberkreide/Alttertiär-Mergel. Diese sind am Rand des Djebel Frankou zu sehen (vgl. Abb. 6,36).

Die Fahrt auf einer halsbrecherischen Serpentinen-Piste den Hang hinunter verlangt unsere ganze Aufmerksamkeit, gilt es doch eine Höhendifferenz von mindestens 1000 m zu überwinden. Teilweise führt die Trasse über die ausstreichenden Kalkklippen und wendet in Ausraumzonen im Mergel, was die Pistenoberfläche uneben und glatt macht. So waren wir doch froh, als wir die Talsohle erreicht hatten und uns gewiss waren, hier keine Rückfahrt mehr planen zu müssen, da wir im Tal des Oued el Arab aufwärts nach Khenchela fahren wollten. Was wir noch nicht wussten war, dass es auch hier keine ausgebaute Piste oder gar Straße gab, sondern dass wir uns durch das Schotterbett des Oued kämpfen mussten mit gelegentlichen Steinstufen, auf denen unser Wagenboden aufsetzte; das bedeutete, dass wir den Wagen ab und zu mit der Hand aufschaukeln mussten, um wieder festen Boden unter die Antriebsachse zu finden. Hier bewährte es sich, dass wir die Sonderausführung für Tropenfahrten des VW-Busses mit einer verstärkten Bodenplatte fahren konnten – auch wenn das, wie schon erwähnt, einen Schaden am Auspufftopf nicht verhindern konnte (und auch nicht das Nachlassen der Federkraft der Stoßdämpfer, die immer häufiger bei Unebenhe iten durchschlugen).

Vom Tal des Oued el Arab aus ist das mächtige Kef des Djebel Frankou zu sehen. Unten im Anschnitt liegt der Maastricht-Kalk, oben befinden sich, das Kef bildend, die Landen-Kalke des Eozän (vgl. Abb. 7,01). Ebenfalls im Tal des Oued el Arab befindet sich die Taloase Kheirane mit bewässertem Feld- und Frachtbaumanbau; einige Palmen hier schon vorhanden. Es erfolgt eine intensive Nutzung des weitgehend ebenen Talbodens; einzelne Bewässerungsareale sind nach wasserwirtschaftlichen Gesichtspunkten leicht terrassiert und gegeneinander durch niedrige Steinmauern abgesetzt, im Hintergrund erscheinen die Randerhebungen der Nemenchas bei Khanga Sidi Nadji (vgl. Abb. 7,02).

Weiter zur Taloase Kheirane im Oued el Arab. Die Ortschaft liegt auf einer höheren Talterrasse und einem anschließenden Gebirgssporn und trägt dort deutlichen Festungscharakter. Im unteren Ortsteil befindet sich mit einer weißen Kuppel die Ortsmoschee. Auf halber Höhe ist in einem neueren weißen Gebäude die Schule zu erkennen. Auf dem Berg im Hintergrund befindet sich ein alter französischer Wachturm aus der Zeit des Algerien-Krieges. Der Oued el Arab führt auch im Sommer noch etwas Wasser, welches die Bewässerungskulturen fördert. Dicht an den Fluss heruntergezogen sind die Fruchtbaum- und Dattelpalmpflanzungen. Die randlichen Gebirge sind aber nahezu vegetationslos (vgl. Abb. 7,03, 7,04).

Typisch ist auch ein Nebental des Oued el Arab nördlich von Kheirane. Der Fluss springt über die harten, herauspräparierten Kalk- und Sandsteinbänke hinweg. In Flussnähe befindet sich eine edaphische Verdichtung der Vegetation mit Juniperus, Artemisia campestris, Astragalus und stellenweise verschiedenen Büschelgräsern und Krautbewuchs (vgl. Abb. 7,05).

Über die Hochflächen nach Tebessa

Nach der schwierigen Fahrt im Oued el Arab flussaufwärts gelangen wir bei Khenchela auf die Hochflächen. Der nächste Tag, Do., 13.04., stellt eine Pause in unserer geographischen Arbeit dar. Khenchela ist durch folgende Daten gekennzeichnet:

Name

Status

Bevölkerung
(1998-06-25)

Bevölkerung
(2008-04-14)

Khenchela (خنشلة)

Provinzhauptstadt

87.196

108.580

Fläche: 32 km² - Dichte: 3393,1 Einw./km² - Änderung: +2,26%/Jahr

Khenchela liegt noch im Auflösungsbereich des Gebirges im Übergang zu den Hochflächen und ist von Höhenzügen und Steilabbrüchen umgeben. Die Stadt selbst ist in den letzten Jahren stark gewachsen – bei unserem Besuch sind gerade Ansätze dafür zu erkennen – und hat wenig bemerkenswerte Bausubstanz. Verwaltungs- und Militärfunktionen treten deutlich hervor. Ein regelrechter Altstadtkern ist nicht vorzufinden.

Wir fahren weiter auf der Route National über die Hochflächen nach Osten – letztlich in Richtung auf die tunesische Grenze – nach Tebessa. Diese Stadt hat eine alte Siedlungsgeschichte bis in römische Zeit. Alte Mauern und Tore sind noch erhalten.

Folgen wir der Beschreibung der Stadt in Wikipedia: „Tebessa, arabisch ‏تبسة‎, DMG Tibissa (auch Tébessa oder Tbessa), ist die Hauptstadt der gleichnamigen algerischen Provinz. Sie liegt etwa 40 km von der algerisch-tunesischen Grenze entfernt auf einer Höhe von 960 m und hat über 200.000 Einwohner (Schätzung 2005). Tebessa ist Universitätsstadt und besitzt einen internationalen Flughafen (Airport Cheikh Larbi Tebessi, IATA-Code: TEE). Des Weiteren ist Tebessa das Zentrum der algerischen Filmszene und veranstaltet auch alljährlich ein internationales Filmfestival. In der Antike führte eine der wichtigsten Handelsstraßen im römischen Afrika von Karthago nach Tebessa oder Theveste, wie es damals hieß. Um 75 n. Chr. war dort die römische Legio III Augusta stationiert. Einige Ruinen aus der Römerzeit sind dort bis heute erhalten geblieben. Im Jahr 295 erlitt der frühchristliche Kriegsdienstverweigerer Maximilian in Theveste den Märtyrertod.“

Lange können wir uns hier nicht aufhalten, da die geographische Arbeit ruft. Doch einige bemerkenswerte Eindrücke von dieser Stadt können wir mitnehmen.

Ostbecken

Am nächsten Tag, Fr., 14.04., gelangen wir nun endgültig in den Bereich der Ostbecken und fahrend dort, etwa parallel zur tunesischen Grenze in Richtung Süden. Die Landschaft und die Vegetation ändern sich hier, hervor treten weite Landstriche mit Halfa-Gras. Südlich von El Ma el Abiod treffen wir auf ein Halfadepot, das uns signalisiert, dass Halfa hier ein wichtiges Wirtschaftsgut ist. Im Hintergrund sehen wir den Djebel Bou Djellal (vgl. Abb. 7,06, 7,07).

  Halfa-Gras

„Das ausdauernde Gras bildet 60 bis 150 Zentimeter hoch werdende Horste. Die Blätter sind nur während der Vegetationsperiode entfaltet und grün. Während Trockenperioden sind sie eingerollt und erscheinen grau. Auf der Oberseite sind die Blätter dicht behaart. Das Blatthäutchen ist kurz und gewimpert. Die Blüten stehen in Rispen, die 25 bis 35 Zentimeter lang sind. Die einblütigen Ährchen stehen dicht. Die Hüllspelzen sind häutig und lang zugespitzt. Ihre Länge ist 2,5 bis 3 Zentimeter. Die Deckspelze ist ebenfalls häutig. Sie ist an der Spitze zweispaltig. An der rund einen Zentimeter langen Deckspelze sitzt eine vier bis sechs Zentimeter lange Granne. Die Granne ist im unteren Bereich behaart. Das Halfagras ist auf der südlichen Iberischen Halbinsel, in Nordwest-Afrika und auf den Balearen beheimatet. Es wächst in Steppen, auf Weideland und in offenen Kiefernwäldern.“ (Aus Wikipedia.)

Das Halfa-Gras wurde häufig als Rohstoff zur Papier-Herstellung genutzt. Zeitweise waren Bücher aus hochwertigem Halfa-Papier in Paris Mode gewesen, besonders wenn sie in Maroquin-Leder gebunden waren. Dieses feine gefärbte Ziegen- oder Schafleder eignete sich besonders für Prägungen und Vergoldungen, wofür sich besonders das dunkelrote, feine, handwerklich gefertigte Leder aus Fêz in Marokko eignet. Die Färberei in großen offenen – und infernalisch stinkenden – Bottichen konnten wir vierzehn Jahre später auf unserer Maghreb-Reise mit Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule Hannover beobachten.

DFG Afrika-Kartenwerk

Hier sei noch einmal kurz auf das Projekt des „Afrika-Kartenwerks“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingegangen. Das Projekt sah mehrere regionale Kartensätze aus verschiedenen Teilen Afrikas vor – also keine Gesamtkartierung des Kontinents! –, an der jeweils mehrere Universitäten beteiligt waren. Unsere Kartierungsarbeit war dem Blatt Ostalgerien – Tunesien zugeordnet.

Als kleiner Überblick sollte hier auf die Schwerpunktgebietes des Afrika-Kartenwerkes hingewiesen werden, wobei die einzelnen Blätter (jeweils als Kartendruck im Maßstab 1:1 Mill. und begleitendem Taschenbuch) im Gebrüder Borntraeger Verlag seit 1977 in unregelmäßiger Folge publiziert werden: Nordafrika (Tunesien, Algerien) – Ostafrika (Kenya, Uganda, Tanzania) – Südafrika (Moçambique, Swaziland, Transvaal, Republik … ) – Westafrika (Nigeria, Kamerun). Als Herausgeber erscheinen u.a. Ulrich Freitag, Kurt Kayser, Walter Manshard, Horst Mensching, Ludwig Schätzl und Joachim H. Schultze. Wesentlichen Anteil hatte auch Professor Hartmut Leser, der von 1969 bis 1974 an der TU Hannover wirkte.

Unsere Arbeit bezog sich auf den Schwerpunkt Nordafrika (Algerien, Tunesien). Beim gleichen Schnitt wurde jeweils ein thematisch differenzierter Kartensatz erstellt, von dem unsere Arbeit vor allem der Geomorphologie und Vegetationsgeographie zugeordnet war. Unsere Kartierungen en passant zur Kultur- und Siedlungsgeographie – wir interessierten uns dabei auch für aktuelle sichtbare Änderungen in den Siedlungen, die so kurz nach dem Algerienkrieg natürlich noch nicht so weit fortgeschritten waren – waren dann Kartierungsmaterial für die verschiedenen Blattherausgeber von unserem Institut, vor allem Prof. Horst Mensching, Prof. Horst-Günter Wagner u.a. Von 1964 bis 1968 war Klaus Gießener[17] Mitarbeiter der DFG und Koordinator der Arbeitsgruppe «Nordafrika» an der TU Hannover im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms „Afrika-Kartenwerk“. Dr. Hermann Achenbach[18] verantwortete die Karte der Bodennutzung, 1971.[19]

Thematische Blätter zum Gesamtwerk wurden aber von anderen Instituten, z.B. der Universität Mainz, bearbeitet, so die Thematik Archäologie und Römische Geschichte. Wir trafen auf eine Kartierungsgruppe, die die römischen Siedlungsreste aufnahm und unseren Blick öffnete für typische Überreste der Provinz Africa, so z.B. an Pässen und Heerstraßen aus großen Steinblöcken gemauerte Wachstationen und Wachtürme, von denen noch jetzt Fundamente im Gelände zu erkennen sind, und sogenannte „Orthostaten“, die die Lage von Siedlungen kennzeichnen.. „Als Orthostaten bezeichnet man allgemein die großen, aufrecht stehenden Steinblöcke der untersten Lage eines Mauerwerks. Dieses Bauelement wurde häufig im Burgenbau oder bei antiken Tempeln verwendet“ (Wikipedia.)  Am Fr., 14.04., treffen wir auf solch eine Römische Ruine (vgl. Abb. 7,08).

Im weiteren Verlauf dieser Nord-Süd-Route treffen wir mit dem Djebel Onng auf ein gewerblich genutztes Gebiet.. Zunächst fallen uns Hangauflösungen in flach einfallenden Eozänschichten auf, Schichtablagerungen, welche die Vegetationsunterschiede betonen. Als Vegetation finden wir wieder vorwiegend Halfadecken, die typisch sind für die östlichen Hochflächen und Beckenlandschaften. Phosphatlagerstätten wurden früher auf der ‚Rückseite‘ (Nordseite) des Djebel Tarfaya im Tagebau abgebaut (vgl. Abb. 7,09). Ein Taleinschnitt trennt den Djebel Tarfaya von dem Ras Mergueb et Tir. Tarfaya, heißt arabisch die Tamariske (vgl. Abb. 7,10).

Der Hauptkamm des Djebel Onng besteht aus fast saiger stehenden Kalkrippen. Zwischen den Vorrippen und dem Hauptkamm finden sich Hangglacis, davor der Abfall zu einer Piedmontaufschotterung. Auf den Verebnungen findet sich Halfabewuchs (vgl. Abb. 7,11). Hier treffen wir auch auf die Phosphatmine am Centre Minier du Djebel Onng (vgl. Abb. 7,12, 7,13).

In der Ebene des Oued Soukiès bei Bordj Soukiès befindet sich eine breite Aufschotterungsfläche als Glacis, zwischen Djebel Onng im Norden und der Südkette von Negrine im Süden. Es handelt sich um Wadis vom Typ des breiten, bei Wasserführung verwildernden ‚Sandoueds‘ wie in Tunesien, die nur sehr schwierig mit Fahrzeugen zu durchqueren sind. Deutlich sind die mächtigen Sandablagerunen im westlichen Teil des Djebel Onng (vgl. Abb. 7,14, 7,15). Als belebender Anblick erweisen sich Kamele auf einem Müllplatz nördlich von Negrine (vgl. Abb. 7,16).

Zentrum dieser Gegend ist die Oase Negrine nahe der tunesischen Grenze. Die Oase liegt im Zerschneidungsbereich mächtiger Sandablagerungen am Djebel Madjour. Einige Nebenflüsse fließen von hier zum nahen Oued el Mohor im Westen der das Grenzgebiet um Bir el Ater und den Südabfall von Djebel Onng und Djebel Abiod entwässert und als mächtiger Sandoued ostalgerisch-tunesischen Typs ausgebildet ist, ohne nennenswerte Eintiefung, aber sehr breit – oft mehrere Kilometer! – und von mächtigen Sandablagerungen, wild über das ganze Stromgebiet verteilt, begleitet wird (vgl. Abb. 7,17).

Vor Negrine fahren wir durch die Drinngras-Steppe von Touila, wo sich der Blick von Süden auf den Djebel Madjour (554 m) öffnet und die Palmenoase von Negrine als dunkle Streifen erkennbar wird (vgl. Abb. 7,18). Weiter nach Süden führt die große Piste nach El Oued, die aber schon außerhalb unseres Untersuchungsbereiches liegt und die ich erst vierzehn Jahre später während unserer Studienfahrt mit Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule in den Maghreb näher kennen lernen konnte. (vgl. Abb. 7,19, VW-Bus als Maßstab). Einige für die Sahara typische Details können wir aber auch hier noch erkennen, so die Gips-Polygonböden in der Steppe von Touila. (vgl. Abb. 7,20).

Die nächste Oase – am Sa., 15.04. – jetzt wieder in westlicher Richtung vor dem Abfall der Nemenchas ist Ferkane nordwestlich von Negrine am kleinen Miozänkamm Koudia Abed östlich des Oued Mdila. Palmpflanzung und Häuser aus Lehmziegeln bestimmen das Bild dieser Oase. Die Dächer werden als Wirtschafts- und Aufenthaltsflächen mit in das tägliche Leben einbezogen. Am Rande sei noch darauf hingewiesen, dass sich diese Eigenheit sich in extremer Form in der südlichen Oasengruppe des M’Zab um Ghardaia findet, die wir auf unserer Fahrt nicht aufsuchen können (vgl. Abb. 7,21). In Ferkane erkennen wir wieder die weißen Kuppeln, mit denen islamische Gebäude wie Marabouts und kleine Moscheen kenntlich gemacht werden. Die Tonnengewölbe in Ferkane sind eine Besonderheit, die sonst nur in der weiter südlichen Oasen-Gruppe von El Oued angetroffen wird. Die jungen Palmen im Vordergrund sind durch einen Zaun vor Tieren geschützt (vgl. Abb. 7,22).

Und noch einmal treffen wir im Chéria-Bocken auf Römische Ruinen (vgl. Abb. 7,23, 7,24).

Suk in Ras-el-Euch, Reflexionen zur Entwicklung in Algerien

Am Sonntag, 16.04., fahren wir durch eine aride Gebirgslandschaft – ein „Wüstengebirge“ – hat für das Auge eines Mitteleuropäers eine befremdliche Faszination. Wir kartieren den Djebel Aurés und die Nemencha-Berge, die östlichen Ausläufer des Sahara-Atlas in Algerien, nahe der Grenze zu Tunesien. Es ist das Gebiet, in dem im algerischen Befreiungskampf gegen die französische Kolonialherrschaft 1954-1962 besonders hart gekämpft worden ist. Die französischen Stacheldrahtverhaue gegen das damals schon unabhängige Tunesien, Basis einer wohl organisierten algerischen Partisanenarmee, der FLN, zeuge noch immer davon.

Das Land erscheint menschenleer. Schroffe, durch farbige, rote, orange, weiße, graublaue und braungetönte Gesteinsbänder gegliederte Cañons zerschneiden eine weite, sich bis zum Horizont erstreckende eintönige Gebirgssteppe – den Ausläufern der algerischen Hochflächen. Die einzigen Pflanzen, die hier noch wachsen können, sind kleinwüchsige Trockenpflanzen, Xerophyten, wie der kaum knöchelhohe Wermut (Artemisia campestris) oder der dornige, auch für Schafe und Ziegen nicht mehr genießbare Astragalus – wer sich einmal versehentlich auf eine dieser ca. 20 cm hohe Pflanzen gesetzt hat, vergisst sie nie!

Wir fahren auf einer alten Militärpiste in ein weit verzweigtes, tief in den Felsen hineinerodiertes Talsystem ein. An einer windgeschützten Stelle halten wir an, um ein Mittagessen vorzubereiten. Aber wir sind nicht so einsam hier, wie wir dachten. Kaum sitzen wir zu zweit an unserem Campingtisch vor unserem Kleinbus und trinken den in der Wüstenluft so erfrischenden heißen Tee, erscheint hinter einer Wegebiegung nach und nach eine Schafherde. In scheinbar ziellosen »Zick-Zack«-Bewegungen nähert sie sich langsam – es soll wohl so scheinen, als seien der Hirte und sein Vieh nur durch Zufall in unsere Nähe gekommen. Aber die Neugierde wird, verständlicherweise, stärker. Doch er wagt es nicht, während wir essen, direkt zu uns zu kommen, denn die Mahlzeit gilt dem Algerier als heilig, nie wird er einen Essenden stören, denn das könnte missverstanden werden: er müsste aus Gründen der Höflichkeit und Gastfreundschaft eingeladen und bewirtet werden. Aber kaum sind wir fertig – zur großen Freude unseres Schäfers –, steht er schon an unserem Tisch. Zuerst sagt er nichts, wir nicken uns ruhig und gelassen-freundlich zu, bis die ersten Grußworte getauscht werden können:

„As-salam`Allah`ik`m“ – „Gottes Friede sei mit Euch“,

„Le-bes, culche le-bes“ grüßen wir in unserem miserablen ‚Küchenarabisch‘ – und dann auch noch in dem vernuschelten Tonfall des Maghreb. Aber er spricht gut Französisch; so kommen wir ins Gespräch.

„Ihr seid keine Franzosen?“

„Nein, Deutsche!“

„Das ist gut! Ihr seid unsere Freunde. Diese französischen Hunde... Wir habe hier ihre Flugzeuge abgeschossen – mit dem MG!“

Er erzählt uns, dass er schon im Zweiten Weltkrieg in der Fremdenlegion gekämpft hatte. Er desertierte und schloss sich der FLN an, kämpfte in seiner Heimatregion in Südostalgerien gegen die Kolonialmacht; es war für ihn eine Fortführung immer noch des gleichen Kampfes, nun aber auf der anderen Seite, für das eigene Volk, gegen Frankreich.

Und später: „Wie geht es Hitler? Er hat doch die Franzosen kaputt gemacht. Ich musste zwar in der französischen Armee kämpfen. Aber die Deutschen waren unsere eigentlichen Freunde.“

Nur sehr schwer ist es ihm zu erklären, dass der Krieg endgültig vorbei, und die Deutschen geschlagen sind, dass dennoch der Kampf der FLN erfolgreich war und dass Algerien nun ein unabhängiger Staat ist. Auch: dass sich in Deutschland und Europa die politische Lage grundlegend geändert hat.

Aber: dass Deutschland nun mit Frankreich verbündet ist, verschweigen wir ihm wohlweislich!

Er müsse uns jetzt ein Gastgeschenk machen. Mit einem schnellen Sprung wirft er sich auf eine Ziege – die Szene ist so überraschend wie zunächst komisch – und umklammert sie mit beiden Armen.

„Habt Ihr ein Gefäß?“

Wir geben ihm einen unserer Kochtöpfe.

Mit geübtem Griff melkt er das Tier und überreicht uns den vollen Topf mit Ziegenmilch. Für unsere mitteleuropäisch verwöhnten Gaumen ist sie zwar kein besonderer Leckerbissen, sie riecht recht streng und liegt schwer im Magen. Mit dem Rest kochen wir später noch einen Vanillepudding mit einem exquisiten Ziegengeschmack, den sich die Firmenküchen von Dr. Oetker oder anderen Puddingpulverherstellern wohl kaum vorstellen können! Doch trinken wir zunächst gemeinsam den Schluck Milch und lassen uns nichts weiter anmerken, und wir danken unserem Ziegenhirten überschwänglich.

„Kommt doch am kommenden Montag zu uns zum Suk in Ras-el-Euch!“ Das sei ein großer Wochenmarkt. Die ganze Umgebung käme zusammen. Viele Herden, Kamele, Camions – die kleinen französische ‚pick up‘-Lieferwagen der Landbevölkerung. Dann wolle er für uns einen Hammel schlachten. Seine Frau werde uns dazu Rosenwasser bringen. Wir würden über Nacht bei ihm bleiben und feiern – beim Suk in Ras-el-Euch.

Nur sehr vorsichtig, um ihn nicht zu kränken, müssen wir ihm erklären, dass uns Termine drängen, dass wir bis Montag wieder in Batna sein müssten. So scheiden wir als Freunde.

Wir fahren dennoch nach Ras-el-Euch, wenn auch einige Tage vor dem Termin unserer Einladung, denn unsere Neugier ist geweckt. Auf der Straßenkarte erscheint der Ort mit der Burgsignatur, was den Namen »Ras« bestätigt, völlig isoliert auf einer weiten Gebirgshochfläche in den Nemencha-Bergen. Vier Pisten aus den vier Himmelsrichtungen treffen sich an diesem Ort, der gleichweit von den Siedlungs- und Weidegebieten der benachbarten Halbnomadenstämme, sicherlich recht geeignet für den wöchentlichen Suk.

Wir sind recht gespannt, was uns in Ras-el-Euch erwarten wird. Ein Dorf, ein Marktflecken, eine Oase oder ein Festungsbezirk? Die Piste, die uns von Südwesten nach Ras-el-Euch führt, wird immer schmaler, unwegsamer, sicherlich nur sehr sporadisch befahren. Stellenweise muss unser VW-Bus über stufenartige Felsbänder in der Spur »klettern«. Nur einige wenige Trockenbüsche und die übliche sporadische Steppenvegetation ist zu sehen, gerade ausreichen, um Vorüberziehenden Schafherden etwas Nahrung zu bieten.

Keine Siedlung und zunächst noch keine Spuren menschlichen Lebens. Wir nähern uns dem breiten Trockental, das uns nordwärts nach Ras-el-Euch führen soll. Dort ist der Boden etwas feuchter und die Vegetation etwas dichter. Als wir das Tal erreichen, ist das Schotterbett jedoch völlig ausgetrocknet. Auf einer halsbrecherischen Abfahrt über das Steilufer des Oued gelangen wir zu der Piste im Tal, die uns etwas riskant um größere Steine, Schotterhaufen und gefährliche Sandanwehungen herum führt.

In der Nähe etwas abseits der Piste erscheinen einige Nomadenzelte. In der Mittagshitze ist von den Bewohnern nichts zu sehen. Aber einige scharfe, ausgemergelte Hunde springen auf uns zu und versuchen, unseren Wagen zu schnappen oder zu verjagen. An einer unsichtbaren Grenze in einigem Abstand von den Zelten, an denen wir nun vorüber gefahren sind, lassen sie plötzlich und schlagartig von uns ab und trollen sich zurück zu den Zelten.

Diese Wachhunde, die schnellen, hochbeinigen und abgemagerten Slougis, mit denen wir auch andernorts einige Abenteuer zu erleben hatten, sind äußerst gefährlich und gefürchtet. Nur durch gezielte Stein- und Knüppelwürfe gelingt es, sie für einige Zeit in respektvoller Entfernung zu halten, bis der Zeltbewohner mit dem Wurf eines dicken Holzknüppels über den Hunderücken die Tiere verjagt, die sich nun angstvoll verkriechen. Nur auf diese Art kann sich auch der Besitzer Respekt verschaffen. Zuwendung erfahren diese Tiere in Algerien nicht; ihre Wachsamkeit wird von den Nomaden genutzt, doch begegnet man ihnen in einer Mischung von Ekel, Furcht und Respekt. Sie müssen sich von den meist kärglichen Abfällen des nomadischen Haushaltes und von wilden Kleintieren ernähren. So bestehen sie fast nur aus Knochen, Sehnen und zähem, ungepflegtem Fell: wohl das, was unsere Redensart als ein »Hundeleben« kennt.

Nun geht es noch einige Kilometer aufwärts im Tal des Trockenflusses, und dann sind wir im gelobten Ras-el-Euch. Doch heute ist kein Suk. Die Karte zeigte eine kleine Quelle im Ort: eine halb ausgetrocknete Wasserstelle mit einigen Sträuchern rund herum bildet wirklich den Mittelpunkt von Ras-el-Euch. Drei bis vier kärgliche Dattelpalmen sind zu sehen; ein Esel steht an der Tränke und ein kleiner, höchstens sechsjähriger Junge steht bei seiner kleinen Schafherde, die im spärlichen Grün weidet. Ras-el-Euch? Eine halbverfallene Bordj – ein aus Mauerwerk errichteter Schutzraum für den hiesigen Nomadenstamm – aus hellen Lehmziegeln, kaum zwanzig Meter im Quadrat, ist wohl im Algerienkrieg aufgegeben und zerstört worden, so dass nur noch ein kaum noch überall mannshoher Mauerring den Ort kenntlich macht. Auf dem Foto zeigt Bordj Administratif de Ras el Euch nur noch Ruinen, aber es soll noch als Marktplatz („Souk am Montag“) dienen. Eine Vegetationsverdichtung am Oued Mechra wird genutzt als Schafsweide (vgl. Abb. 7,25).

Hier wohnen keine Menschen mehr. Es ist nur noch eine windgeschützte Übernachtungsstelle dicht an der Wasserstelle für vorbeiziehende Herden des Stammes der Nemencha-Nomaden und eben der Ort für den wöchentlichen Markt.

Ab und zu trifft man sich mit den anderen Familien des Stammes zu langen Gesprächen, zum gemeinsamen Essen und Rauchen bis spät in die Nacht. Man muss hier Zeit und Ruhe haben, um überleben zu können. Sicher, auch einiges Vieh wechselt dabei seinen Besitzer. Tauschgeschäfte sind häufiger als Geldhandel, wenn nicht vielleicht einmal der fahrende Topfhändler aus Khenchela vorbei kommt mit seiner Auswahl an Plastikeimern, Metalltöpfen, Blechgeschirr, die das traditionelle Töpferhandwerk weitgehend verdrängt haben.

Andere Händler bringen Stoffe und Werkzeuge. Der Umsatz ist hier nicht hoch, zu gering sind die eigenen Verdienstmöglichkeiten der einheimischen Bevölkerung mit Wolle, Teppichen und Schafmilchprodukten. So wird tagsüber hier gehandelt wie an vielen Orten am Rande der Wüste. Hier ist es der Suk von Ras-el-Euch.

Stellen wir diese Erlebnisse in einen größeren Rahmen, wird einiges bezeichnende sehr deutlich. 1967 war Algerien ein Staat, in dem die Schrecken des antikolonialistischen Befreiungskampfes mit dem Vertrag von Evian 1962 vorüber waren; ein optimistisches Atemholen auf der einen Seite, in den Städten und an der Küste, und die Rückkehr in ein trügerisches Gefühl der Sicherheit und Ungestörtheit in der traditionellen ländlichen Lebensform in den südlichen Gebieten des Landes verstellten den Blick darauf, dass die grundlegenden Probleme der algerischen Gesellschaft, die sich das Bewusstsein einer gemeinsamen nationalen Identität erst durch den gemeinsamen Kampf errungen hatte ohne weitere historische Wurzeln, die eine kulturelle oder »ethnische« Zusammengehörigkeit begründen könnte, durch die Gründung des Staates und die Etablierung der Klasse der alten Kämpfer der FLN als Regierungs- und Herrschaftsschicht nicht gelöst waren und ohne grundlegende Neuorientierungen auch nicht gelöst werden konnten.

Hier geht es jetzt nicht darum, die Hoffnungen, die das algerische Modell zeitweilig weckte, oder das Versagen der Staats- und Gesellschaftsordnung, das wir im gewalttätig aufbrechenden Antagonismus des westlich orientierten Bürgertums, der Oberschicht und des Militärs, der FLN, auf der einen Seite und der in den deklassierten und verelendeten Slum- und Landbevölkerungen wurzelnden Islamischen Heilsfront andererseits, zu analysieren und auf unsere Erlebnisse zu projizieren. Schriften wie die von Bassam Tibi oder Rufin geben dafür umfassende und aus der eigenen Anschauung entwickelte Erklärungsansätze.

Vierzehn Jahre später habe ich Algerien mit einer Schülergruppe wieder besucht. Zwei wesentliche Eindrücke konnte ich dabei festhalten. Einmal war die menschliche Qualität des Reisens wieder und immer noch überwältigend. Die – sei es nun arabische, berberische oder islamische – Kultur der Mitmenschlichkeit, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft half über Versorgungsmängel oder Gesundheitsprobleme in der Reisegruppe hinweg (an anderer Stelle werde ich auch hier noch über einige konkrete Erlebnisse berichtet); doch auf der anderen Seite hatte sich das Land auch grundlegend gewandelt. Die Disparitäten in der gesellschaftlichen wie der regionalen Entwicklung wurden überdeutlich.

In Algier und auch in Mittelstädten wie Batna oder der Oasenstadt Biskra – die vierzehn Jahre zuvor Standorte und Ausgangspunkte unserer geographischen Untersuchungen in Ostalgerien gewesen waren – dominierten Zeichen einer hektischen Entwicklung zu Konsum, Markt, städtebaulicher »Modernisierung« auch auf Kosten gewachsener und bewährter Strukturen; die Verkehrsdichte hatte erschreckend zugenommen. Zwar waren Bilder wie in den Zentren von Tunis oder Rabat und Tanger noch nicht die Regel, doch war eine Anpassung an eine globalisierte (oder auch »Verwestlichte«) Massen- und Konsumkultur unverkennbar. Auf der anderen Seite trafen wir jetzt nicht nur auf die erwartete Armut in einem armen Land, sondern auf Verelendung und Marginalisierung. Die politischen und gesellschaftlichen Wurzeln der »Ideologien des Bruchs« mit der Kultur der Industrieländer (Rufin) sind unmittelbar erlebbar, aber auch die neuen gesellschaftlichen Konflikte, die sich daraus ergeben, dass diese Ideologie des Bruchs auch ein Bruch mit den eigenen zivilisatorischen Traditionen und Standards ist (Tibi), erscheint evident.

Das ganze Spektrum der Probleme des Kulturkontaktes und des Interkulturellen Lernens scheint an diesem Beispiel auf. Es sein nur ganz kurz angerissen, da wir später, mit weiterem neuen Material dieses intensiver noch analysieren und auswerten wollen.

Haltungen, Meinungen und Weltorientierungen sind biographisch verwurzelt. Nur durch Kenntnis und Verständnis der konkreten biographischen Hintergründe werden sonst unverständliche oder auch abzulehnende Realitätsdeutungen verständlich – wie die Frage des Hirten nach dem Wohlergehen Hitlers oder die Ursachen der Ideologien des Bruches, die, wie Rufin darlegt, entsprechende politische Brüche, Distanzierungen und Ängste in den Industrieländern selbst spiegelt.

Der rationale Diskurs wiegt zunächst gering gegenüber dem Gewicht der eigenen Biographie. So verbietet sich missionarisches Auftreten gegenüber Gästen oder Gastgebern von selbst. Was aber durchaus nicht Aufgabe eigener bewährter und distanziert revidierbarer Urteile und Werte bedeutet, auch nicht oberflächlich-desinteressierten Kulturrelativismus. Das Gespräch selbst, der Kontakt und der eigene Wunsch zu lernen sind nicht nur Medium sondern weitgehend schon Ziel des Interkulturellen Lernens, zu dem auch das Erlernen der Innensicht fremder Lebenswelten gehört. Landschaften und Orte haben Bedeutungen: für uns als Reisende und andere für die Menschen, deren alltägliche Umwelt sie darstellen. Gerade aber der Diskurs über die Bedeutung von Orten, ihren Stellenwert in der gesellschaftlichen Wahrnehmung, ihre Symbolik, eröffnet Gespräch und Verständnis – und sei es in Ras-el-Euch.

Abschließende Kartierungen

Am So., 16.04., treffen wir nach dem Besuch in Ras el Euch noch auf Kef en Nsour (1292 m) am Südende des Chéria-Beckens (vgl. Abb. 7,26). Der Djebel Bou Kammech liegt zwischen Chéria- und Tlidjen-Becken und wird von steilgestellten Kalkschichten mit davor liegenden Glacis gebildet. Kulturland und Steppenvegetation entsprechen dem schon gewohnten Bild (vgl. Abb. 7,27).

Am Mo., 17.04., fahren wir durch Ackerland. und Streusiedlungen, ein Gebiet das bewohnt wird von Halbnomaden mit einem Lebensraum zwischen Zoui und Khenchela (vgl. Abb. 7,28).

Nach einer Ruhepause fahren wir noch einmal am Mi., 19.04., in den Zentralaurés, zunächst nach Baniane, im Tal des Oued el Abiod. Diese Oase mit Fruchtbaumkulturen und Dattelpalmgärten im Talsohlenbereich des Abiod mit den Siedlungen Baniane und Dissa ist durch seine Lage auf Talspornen des hier fast söhlig liegenden Landen-Kalkes bemerkenswert. Im Vordergrund finden wir rote Eozäne Mergel (vgl. Abb. 7,29). Und noch einmal begegnen wir dem Djebel Ahmar Kraddou und dem Tal des Oued el Abiod. Alttertiäre Mergel- und Konglomeratschichten sind als Beckenfüllungen über den Maastricht-Kalken des Djebel Ahmar Kraddou ausgebildet. Unterschiedliche Flächenbildungen und Zerschneidungsbereiche gliedern das Tal (vgl. Abb. 7,30).

Wir ergänzen unsere Geländeaufnahme am Oued el Ars, einem Nebenfluss des Oued el Abiod südlich von Roufi, mit seinem Durchbruch durch die harten eozänen Landen-Kalke; darüber befindet sich rotes Oligozän. Im Hintergrund erscheint der Djebel Zellatou. Das Schotterbett und die bei Hochwasser überschwemmte terrasse gris dienen in. der Trockenzeit als Verkehrswege für Herden, Reiter und Geländefahrzeuge (vgl. Abb. 7,31). Vor dem Anstieg des Djebel Zellatou befinden sich ein Eozän-Kef und tiefe Zerschneidungen im Landen-Kalk, die bedeckt sind durch eine sehr spärliche Steppenvegetation (vgl. Abb. 7,32). Wir erkennen darin einen Zeugenberg aus alttertiären roten Mergeln und Kalkbänken im Zerschneidungsbereich des Oued el Ars sudwestlich von Roufi (vgl. Abb. 7,33).

Landschaftsbestimmend ist die Schotterfläche als „Glacislandschaft“ des Oued el Abiod-Tales und des Zerschneidungsbereiches des Oued el Ars mit der Klüse im Hintergrund zwischen Djebel Takhount und Djebel el Krouma als südwestlicher Verlängerung des Djebel Zellatou. Über die Schutt- und Schotterfächer von Tahammamet geht der Blick auf die Schlucht von Tahammamet von Nordwesten (vgl. Abb. 5.31). Am oberen Hang des Djebel el Krouma liegen Reste von diskordant aufgelagertem Miozän als Zeugen einer tertiären Beckenfüllung, bewachsen mit xerophytischer Busch- und Krautvegetation auf kalkigen Schotterböden (vgl. Abb. 7,34).

Nach einer Übernachtung im Gelände Weiterfahrt am Do., 20.04. Am Djebel el Krouma fällt der Blick auf die Oasengruppe von Tirhanimine. Mit der Schlucht von Tirhanimine trennt der Oued el Abiod den Djebel el Krouma vom nordöstlichen Djebel Zellatou im oberen Abiodtal. Unsere Abbildung zeigt die Blickrichtung nach Nordost auf Arris zu. Arris erhielt in der neueren Geschichte Algeriens 1954 als Sitz des „Komitees der Neun“ und Ausgangspunkt des organisierten Freiheitskampfes der Algerier Bedeutung . Im Vordergrund ist der bewaldete Nordwesthang des Djebel el Krouma zu sehen mit einer Vegetation von Pinus halepensis und Steineiche. 20.IV. (vgl. Abb. 7,35). Bestimmend ist das Kef des Djebel Zellatou, in Maastricht-Kalken ausgebildet, an der Schlucht von Tirhanimine mit deutlichen Gesimsausbildungen. Der untere Hangbereich über Campan-Mergeln ist als mit Garrigue bewachsene Schutthalde ausgebildet (vgl. Abb. 7,36).

Im Umkreis von früheren Kartierungen nehmen wir nun steilgestellte und zerbrochene Maastricht-Kalkbänke zwischen Ras Berdoun und dem Gebirgszwickel zwischen Djebel Zellatou und dem Ahmar Kraddou-Zug (vgl. 4.3-4.8) auf, in der tektonischen Struktur ähnlich dem Nordost-Ende des Bouzina-Tales (vgl. 6.1), aber stärker verworfen als Auswirkung des angrenzenden Hebungsbereiches des Djebel Chélia und durch den Oued el Hara (Oberlauf des Oued Tkout, vgl. 4.12 + 4.14) stärker zertalt. Blick in Richtung Djebel Bou Irhed (vgl. Abb. 7,37). Als Vegetation tritt hier wieder der Pinienwald (Pinus halepensis) des Forêt de Mezbel auf im Einzugsbereich des Oued Mestaoua (vgl. Abb. 8,01).

Es folgt am Fr., 21.04. eine weitere Beschäftigung mit dem Forêt de Mezbel bei Tadjmout: Eine Schaf- und Ziegenherde im Übergangsbereich von Pinien-Steineichenwald zur randlichen Steineichen-Wacholder-Maccie im Süden verweist auf die Nutzung des Gebietes (vgl. Abb. 8,02). Der Wald und die Maccie werden von den Bewohnern im südlichen Vorland aus den Stämmen der Ouled Chaouia und der Ouled Salah trotz der gegenteiligen Bemühungen der um Waldbestands-Erhalt besorgten Departements-Verwaltung, als Sommerweide und von den sesshaften Berbern (zum größten Teil auch vorn Stamm der Chaouia) als wohnortsnahe ganzjährige Weide genutzt (vgl. Abb. 8,03).

Die Geomorphologie wird hier bestimmt von einer Auflösungs- und Rutschformzone in Campan wobei der Mergel unter dem Maastricht-Kef des Djebel Bou Irhed anzutreffen ist. Die Schwierigkeit der Anlage fester Wegeverbindungen in diesem weichen Material, welches extrem erosionsgefährdet ist, wird bei unserer Weiterfahrt deutlich wobei am Hang die Piste nur sehr schwierig und unter Rutschrisiken zu befahren ist (vgl. Abb. 8,04).

So kommen wir wieder in den Zentralaurés. Unser Blick fällt vom Gebirgsdreieck Ras Berdoun auf das Tal des Oued Tkout und weiter südwestlich des Oued el Abiod, begrenzt vom Anhang des Djebel Zellatou und seiner südwestlichen Fortsetzung im harten Maastricht-Kalk. Die Orogenstruktur wird hier sehr deutlich: die randliche Aufbiegung und Steilstellung der Kalkschichten mit Kefbildung nach außen zum Hebungszentrum (Djebel el Azreg, vgl. 5.12, 5.24) hin, die Bildung einer geologischen. Mulde, die heute als Tal für den Oued el Abiod dient, nachdem er durch die Gorges de Tirhanimine von Norden in den Talbereich einfließt (vgl. 4.8, 7.35, 7.36) sowie die Füllung des Tal- und Muldenbereiches mit älteren Talfüllungen (vgl. 4.14 – 4.18) und mehreren Glacis-Niveaus, die als Hang- oder Talglacis ausgebildet sind (vgl. 7.34). Im Süden tauchen die Maastricht-Schichten wieder auf und bilden den Kammzug des, Djebel Ahmar Kraddou – Kef Bou Irhed (vgl. 4.3, 4.4-4.11, 5.31, 7.37). Eine ähnliche orogene Struktur ist spiegelbildlich auf der Nordwestseite des Hebungszentrums im Azregmassiv angeordnet und bildet hier das Bouzinatal (vgl. 5.17, 6.1). Die Vegetation ist eine lichte Juniperus-Steineichen-Maccie, die in günstigen Lagen in aufgelockerten Wald übergeht. Kulturland ist nur im unmittelbaren Talbereich zu finden (vgl. Abb. 8,05).

Am Sa., 22.04., führt unser Weg noch einmal Am Hohen Aurés vorbei mit einer zur Hangrippenstaffel in nahezu geschuppter Form aufgelösten feinbändrigen Mergel-Kalk-Schichtpaket am Hang der Chélia. In den Verebnungen findet sich Feldbau (vgl. Abb. 8,06).

Am So., 23.04., fahren wir ein letztes Mal am Nordrand des Aurés-Massivs in Richtung Batna. Dabei treffen wir auf die Barrage Foum el Gueis, die im Stausee von Tirkahine den aus der Djebel Faraoun Region entspringenden Oued Issouel aufstaut. Das Wasser dient der Irrigation des nördlichen Aurés-Vorlandes westlich von Khenchela (vgl. Abb. 8,07). Auf diesem Weg beschäftigen wir uns noch mit der berühmten römischen Ruinenstadt Timgad.

In einem Textauszug aus Wikipedia heißt es: „Timgad (arabisch ‏تيمقاد‎) ist eine algerische Ruinenstadt etwa 40 km östlich von Batna in der sich die Ruinen der römischen Stadt Thamugadi befinden, die seit 1982 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Die Siedlung wurde im Jahre 100 vom römischen Kaiser Trajan durch Lucius Munatius Gallus, den Legaten der Legio III Augusta, als Militärkolonie an einem bisher nicht besiedelten Ort errichtet. Die Colonia Marciana Traiana Thamugadi, wie sie mit vollem Namen hieß, lag in der römischen Provinz Numidia und weist die typische Quadratform und quadratische Unterteilung römischer befestigter Militärlager auf. In der Spätantike war Thamugadi ein wichtiger Sitz des Donatismus[20]. Die Stätte wurde zum Weltkulturerbe erklärt, weil hier die typische Struktur römischer Stadtgründungen noch gut erkennbar ist, die in anderen Städten römischen Ursprungs durch spätere Überbauung nicht mehr sichtbar ist. Timgad ist in Algerien auch für das alljährlich stattfindende Musikfestival im Amphitheater der Ruinen bekannt. Dort treten Tanz- und Musikgruppen aus Algerien und den arabischen Nachbarstaaten auf. Der große Besucherandrang bei dieser Veranstaltung hat in der Vergangenheit zu Beschädigungen der Ruinen geführt und in Folge zur wiederholten Drohung der UNESCO den Status als Weltkulturerbe abzuerkennen. Aus diesem Grund wird derzeit ein modernes Amphitheater neben der Ruinenstadt erbaut. Die in Nordafrika gelegene Stadt Thamugadi war ein alter römischer Bischofssitz, der im 7. Jahrhundert mit der islamischen Expansion unterging. Er lag in der römischen Provinz Numidien.“

Der Gang durch die Ruinen auf dem Cardo und dem Decumanus war äußerst beeindruckend. Die Lage und die Grundrisse der Häuser waren an den noch aufrecht stehenden Orthostaten sehr gut zu erkennen, dabei auch die Bedachung der Fußwege rechts und links der Fahrstraßen in Ansätzen zu erahnen. Im Zentrum bei der Kreuzung der beiden Hauptstraßen finden sich die öffentlichen Gebäude, Tempel, Basilika als Markt- und Gerichtsort und das öffentliche Bad. Der hohe Standard der römischen Stadtkultur wurde deutlich sichtbar, aber auch das hohe Maß an baulicher Normung, das römische Städte in allen Provinzen sehr ähnlich aussehen lässt, wie ich dann auf meinen weiteren Maghreb- und Orientfahrten immer wieder feststellen konnte. Auf ein individuelles Erscheinungsbild ihrer Städte legten die Römer anscheinend nicht viel Wert, doch der Städtebau zeichnete sich durch eine hohe Professionalität aus.

Rückfahrt von Batna über Constantine

Am Di., 25.04., beendeten wir unsere Geländearbeit und begannen mit der Rückfahrt von Batna aus über die Hauptstraße in Richtung Constantine (vgl. Abb. 8,21, 8,22).

Am Mi., 26.04., fahren wir über die Hochflächen von Constantine entlang der Sebkhet-ez-Zemoul (Chott Tinnsilt) bei Les Lacs an der R.N.3 Batna-Constantine. Die terminologische Unterscheidung der Salzseen bzw. Salzsümpfe in Sebkha oder Chott ist nicht ganz eindeutig; erstere Bezeichnung wird wohl eher für kleinere, nicht allzu tiefgründige Salzseen gebraucht, die regelmäßig Wasser führen, während die Chotts größere Gebilde sind, die auch ausgetrocknete Salzflächen aufweisen. Aber, wie gesagt, die Unterscheidungen sind fließend und nicht eindeutig. Wir befinden uns hier also auf der „Hochfläche der Chotts“, im Großen und Ganzen als weite Ebene zwischen Tell- und Sahara-Atlas ausgebildet. Die Sebkhet-ez-Zemoul stellt sich uns als teilweise noch feuchte, dunkler gefärbte Salzpfanne vom Hochflächentyp dar. Die Herkunft des Salzes ist zurück zu führen auf das Anstehende, die triassische Salzstöcke. Im Hintergrund ist der Dj. Guerioun zu erblicken. Es ist nur folgerichtig, dass wir hier auf eine ausgeprägte Halophytenvegetation stoßen (vgl. Abb. 8,23, 8,24).

Bei unserer Weiterfahrt auf den Hochflächen kommen wir in Getreidefarmland am Südrand des Tells vor Constantine. Dieses entspricht dem nördlichen Hochflächentyp mit großen Anbauflächen in Genossenschaftsbesitz; doch es herrschen hier schon recht ungünstige Anbauverhältnisse, was zu erkennen ist an weitständigen Halmständen und teilweiser Versalzung. Die Siedlungsstruktur ist geprägt durch Kleindörfer und Streusiedlungen, die keine Baumkulturen anlegen können. Die Höhenrücken sind nicht unter Kultur; teilweise erkennen wir ein Offenlassen von Anbauflächen was auf periodische Missernten bei einem Grenzklima für den Anbau hinweist (vgl. Abb. 8,25).

Wir erreichen Constantine, Provinzhauptstadt und Zentralort der ‚Region de Constantine’, welche dem alten Departement der Kolonialzeit entspricht. „Constantine (arabisch: ‏قسنطينة‎, Qsantina) ist mit 442.862 Einwohnern (Stand: 1. Januar 2007) nach Algier und Oran die drittgrößte Stadt in Algerien. Sie ist Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, Industriestadt und Verkehrsknotenpunkt. Die Stadt besitzt eine Universität, eine islamische Hochschule und antike sowie mittelalterliche Bauten wie die Statue des römischen Kaisers Konstantin und den Ahmed-Bey-Palast… Die Altstadt von Constantine befindet sich auf einem mächtigen, 650 m über dem Meeresspiegel gelegenen Plateau, das nur über einen schmalen Rücken von Südwesten her zugänglich ist, aber nach Nordwesten steil abfällt und nach Norden und Westen durch die mehr als 100 m tiefe Schlucht des Flusses Rhumel von dem gegenüberliegenden Plateau Sidi M'Cid abgeschnitten wird“ (Wikipedia). Auf einer nach Norden klippig abfallenden Maastricht-(Oberkreide‑)Kalkplatte gelegen, wird ein Teil der Stadt durch die „Teufelsschlucht“ von der übrigen Stadt allseitig steil abfallenden Plateaurest abgetrennten, Die tief eingeschnittene, jetzt nicht mehr. ganz durchflossene Schlucht, wird von mehreren Brücken überquert, von der die Fußgängerbrücke wegen ihrer gewagten Konstruktion die „Teufelsbrücke“ genannt wird. Am Schluchtausgang befindet sich eine Hängebrücke für die Hauptstraße, über der sich auf einer Kalkrippe ein großes Denkmal befindet (vgl. Abb. 8,26, 8,27, 8,28).

Zeitgeschichtlich hat Constantine eine besondere Bedeutung. Schon früh organisierte sich hier, in der Kabylei und im Aurés der Widerstand gegen die französische Kolonialmacht. Anfang der fünfziger Jahre Organisierte sich hier der Algerische Nationale Widerstand in der FLN.[21] Dazu Näheres aus Wikipedia: „Die FLN wurde im März 1954 von Ahmed Ben Bella in Kairo gegründet um die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich zu erreichen. Im November 1954 begann mit dem bewaffneten Kampf der FLN und ihrer Armee ALN (Armee de Liberation Nationale) der Algerienkrieg. In diesem konnte die FLN 1962 nicht nur die Unabhängigkeit Algeriens erreichen, sondern auch konkurrierende Unabhängigkeitsbewegungen ausschalten. Schon 1958 hatte die FLN in Tunis eine provisorische Regierung gebildet.“

In der Provinz Constantine konnte die FLN so schon an vorher gegangene Organisationsformen des Widerstandes Anknüpfen; die Deklaration von Constantine gilt oft als eigentlicher Beginn des Algerienkrieges. Der Versuch der Kolonialmacht, dem bewaffneten Widerstand entgegen zu wirken, wurde mit einem Plan von Constantine proklamiert, der aber – wie die Geschichte zeigte – zum Scheitern verurteilt war. Ein wesentlicher Problembereich waren die französischen Siedler in Algerien, die sich als Algerier verstanden aber im Sinne des kolonialen Bewusstseins und einer Gesellschaftskonzeption der Apartheid der arabischen und berberischen einheimischen Bevölkerung keine Teilhabe zubilligen wollten. Die Friedensversuche unter Charles de Gaulle standen somit unter Beschuss von zwei Seiten – der Aufstandsbewegung der FLN und der sich zunehmend terroristischer Strategien zuwendenden Organisation der Frankoalgerier, deren Terrorzelle „Schwarze Hand“ europaweit Sprengstoffattentate verübte.[22]

Gashafen Skikda

Noch am gleichen Tag fahren wir über die Hochflächen von Constantine weiter in Richtung Küste. Begleitet werden wir von extensivem Getreideanbau kabylischer Prägung im Tell zwischen Constantine und Skikda (vgl. Abb. 8,29). Dort, wo wir in den Tell-Atlas mit seiner dichteren Vegetation, aber auch engerer Besiedlung, kommen, suchen wir uns ein geschütztes Eckchen zur Übernachtung. Und wir kommen in ein feuchteres Gebiet und zum ersten Mal seit Wochen wieder in einen Regenschauer, der uns eine neue erfreute Stimmung bescherte. Am Do., 27.04., fahren wir weiter in Richtung Küste über die Gebirgshöhen des Tell-Atlas. Von hier aus blicken wir vom Dj. Skikda nach Ostern auf den Küstenstreifen von Jeanne d’Arc bis Port Chatelain beim Felsvorsprung des Dj. Filfila. Dies ist das Küstengebiet von Skikda (früher Philippeville), dem Hafen der Provinz Constantine, der heute ausgebaut worden ist für Gastanker, weil hier die Gaspipeline von den Erdöl- und Erdgasfeldern von Hassi Messaoud auf die Küste trifft. Unser Blick trifft am Horizont auf das Cap de Fer mit seinem Sandstrand und dem Mündungstrichter des Oued Safsaf, einem Torrente-Fluss, der sich aus dem Gebirge über das Randkristallin und mesozoische Konglomerate eingetieft hat. 27.04.67  (vgl. Abb. 8,30). Im Westen befinden sich Hafen und Bahnhof von Skikda und dahinter das kristalline Kuppenrelief der östlichen Kabylei (vgl. Abb. 8,31). Im SSW von Skikda befindet sich das Tal und die Ausraumzone des Oued Zeramna (vgl. Abb. 8,32) während nach WNW die Hafenmole von Skikda und der Golfe de Stora vor dem Dj. Rhaba ed Denis zu erkennen sind. Vorgelagert ist die Île de Srigina (vgl. Abb. 8,33).

In die Kabylei

Da die Küstenroute schwer oder gare nicht passierbar ist – sie führt entlang der Steilküsten, mit denen der Tell-Atlas der Kabylei ins Mittelmeer abfällt – wählen wir die Route durch die Kabylei im Hinterland. Wir gelangen damit in die typische Kulturlandschaft der Kabylei. Bei einem Kabylengehöft bei Praxbourg / Bouchtâta Mahmoûd im Tal des Oued Zeramne erkennen wir eine dreiteilige Nutzung: Einige Obstbäume und Gemüse in Hausnähe, Ackerland in der näheren Umgebung und Weideland in der Maccie, die hier von Zistrose und Mastrixstrauch bestimmt wird (vgl. Abb. 8,34).

Mit dem Talsystem des Oued Guebli und des Oued Meraya zwischen Praxbourg und Tamalous stellt sich uns der mediterrane Torrententyp dar, tief eingeschnitten, verkehrsfeindlich; Straßen befinden sich auf künstlichen Trassen am Hang. Die Vegetation wird bestimmt vom Wechsel von Kulturland mit Getreideanbau und Maccie mit Zistrosen und Mastrix (vgl. Abb. 8,35). Im Mündungsbereich des Oued el Mennchia bei Djidjelli gelangen wir wieder näher an die Küste und erkennen hier die Ausformung einer Torrente bei mittlerem Wasserstand mit einer völligen Verwilderung im breiten Sohlebereich des Tales und der darin ausgebildeten terrasse gris bei Regen. Eine kulturlandschaftliche Nutzung erfolgt erst auf den oberen Terrassen und Hangbereichen. Insgesamt wird das Landschaftsbild bestimmt von einer  feuchtmediterranen Vegetation (vgl. Abb. 8,36). Das Wetter frischt auf und auf dem Felsvorsprung der Halbinsel Phare Afia, westlich von Djidjelli, erleben wir einen ausgeprägten Sturm (vgl. Abb. 8,37). An der Corniche Kabyle – die wir bei Sturm erleben – erkennen wir eine Felsenküste mit Schorre, Kliffs und Brandungshohlkehlen, auch auf höheren, älteren Niveaus auch auf dem Niveau der Straßentrasse. Die Straße wird teilweise durch Tunnel geführt und umfährt den Mündungstrichter eines kleinen Flusses aus der Kabylei, der tief eingeschnitten ist in dunkle Jurakalke, dicht anschließend an das kristalline Gebirge und dort dem Wildbach-Typ des Gebirges entspricht (vgl. Abb. 9,01, 9,02).

Weiterfahrt durch die Kabylei am Fr., 28.04. Die Mündung des Oued Guelil ist als Torrente tief eingeschnitten in eigene Feinsedimente und weiter im Süden im Gebirgsbereich in den Jurakalk. Im Mündungsbereich befindet sich „la Grotte Merveilleuse“ (vgl. Abb. 9,03, 9,04). Die veränderten Klimabedingungen lassen sich auch durch eine neue Form der Vegetation erkennen. In der Kabylei bei Tizi Ouzou treffen wir auf dichte Korkeichenwälder. Die Entrindungsbereiche an den Stämmen sind gut sichtbar und lassen die intensive Nutzung bei der Korkherstellung erkennen, daneben finden sich auch junge Stämme mit Unterholz. 28.04.67  (vgl. Abb. 9,05).

Ein weniger schönes Erlebnis haben wir auf der Fahrt durch die Kabylei. Auf einer Pass-Höhe machen wir Rast, um Fotos zu machen und einen Eindruck von der Landschaft zu erhalten. Doch bei der Weiterfahrt bleiben wir zunächst mit unserem VW-Bus stehen, da sich die Handbremse nicht lösen lässt. Das ist wohl eine Folge vom unvermittelten Eintritt in das feuchtere Wetter, nachdem unsere Bremsen im trockenen Wüstensand glatt poliert waren – und jetzt anfingen zu rosten. So stellte ich mir es eben vor. Mit schleifenden Bremsen scheuerten wir uns dann doch zur freien Fahrt, aber mussten wenn möglich auf die Bedienung der Bremsen verzichten – und das bei der nun bevorstehenden Talfahrt auf recht steilen Serpentinen. Dr. Achenbach bewegte das Fahrzeug sehr vorsichtig und regelte die Geschwindigkeit mit der Motorbremse und der Kuppelung. Nach einer aufregend-angespannten Fahrt kamen wir im Tal in eine Ortschaft mit einer Autowerkstatt. Doch so ganz einfach war die Reparatur nicht, da der Werkstatt spezialisiertes Werkzeug fehlte. Dass die Bremstrommeln festgefressen waren, wurde alsbald bestätigt – aber wie kommt man in die Bremstrommeln hinein? Die Schraubenschlüssel waren einfach nicht groß bzw. stark genug, um die Schrauben zu lösen. Daraufhin verlängerte der Mechaniker den Griff mit einem Hebel von zusammengesteckten Rohrstücken, auf deren Ende er so lange mit seinem ganzen Gewicht wippte, bis sich die Schraube langsam löste. Schließlich war die Trommel offen und die Bremsbacken konnten mit Schmirgelmittel vom Rost befreit werden. Dann kam der Mechaniker auf eine grandios blöde Idee, die wir ihm händeringend ausreden mussten: er wollte die Bremsen einölen… Nach stundenlanger Arbeit war dann der Wagen wieder fahrbereit…

Am übernächsten Tag, So., 30.04., ging unsere Fahrt durch die Landschaften der Kabylei weiter. Damit kamen wir auch wieder in die Nähe unserer Hinfahrt-Route. Südlich von Palestro stießen wir auf eine groß genossenschaftliche Farm (vgl. Abb. 9,07), vor dem imposanten Blick auf den Djebel Heidzer in der Djurdjura-Kette. Über den Vorketten, welche, durch Torrenten tief zerschnitten, von dichter Macchie und mediterranem Wald bedeckt sind befindet sich eine Felszone im Kalk, die noch im Monatswechsel April/Mai von Schnee und Neuschnee bedeckt ist. Hier treffen wir auf den schon eingangs erwähnten blühenden Ginster und auf wilde Ölbäume (vgl. Abb. 9,08). Südlich vor dem Dj. Heidzer bei Guenndour treffen wir wieder auf Kabylische Streusiedlungen in einer Umgebung zwischen Macchie und Wald (vgl. Abb. 9,09).

Am Mo., 1.04., fahren wir weiter durch die Kabylei. In der Kammregion des Djurdjura-Gebirges am Col Tizi n’Kouilal besteht das Gebirge aus Jurassischen Massenkalken, die in der Höhenregion wahrscheinlich pluvialzeitlich vergletschert waren und daher ein fast alpiner Gebirgscharakter tragen. Auf der Südseite ist die Bewaldung weit heraufreichend und oft mit bestandbildenden Zedern charakterisiert. Heute findet sich hier kein ewiger Schnee mehr, aber die klimatische Höhenlage lässt sich erkennen daran, dass der Gebirgszug noch Anfang Mai verschneit ist. Hohe Niederschlagsmengen bestimmen besonders auf der Nordseite die klimatische Situation, wobei es von Herbst bis Frühjahr feucht ist, was eine dichte Waldvegetation ermöglicht. Geomorphologisch drückt sich das in Klippenbildungen und in Karstformen im Kalk aus (vgl. Abb. 9,10, 9,11, 9,12, 9,13).

Die kabylische Siedlung Azouza nördlich von Fort National liegt in typischer Kamm- und Festungslage vor der Nordseite der verschneiten Djurdjura-Kette (vgl. Abb. 9,14). Ein weiteres Beispiel der kabylischen Siedlungsform finden wir im Dorf Taourirt Amokhane an der Strecke Fort National-Michelet (vgl. Abb. 9,15) und erblicken hier wiederum die Gebirgskette des Djurdjura hinter der Siedlung Oued el Djelma am Col de Tirourda (vgl. Abb. 9,16). In der Provinz Tizi Ouzou treffen wir auf eine dichter besiedelte berberische Kulturlandschaft mit mehr als 200 E/qkm. Die geomorphologischen Charakteristiken haben wir schon beschrieben und finden sie bestätigt im Tal des Oued el Djelma und im Torrentenbett des Oued Aissi bei Tizi Ouzou (vgl. Abb. 9,17, 9,18).

Die Rückfahrt von meiner Algerienreise

Nach der letzten geographischen Erfahrung in der Kabylei kommen wir nach Algier zurück. Dr. Achenbach wird noch zwei weitere Monate im Gelände verbringen und wartet auf meine Ablösung aus dem Institut. Unsere letzten gemeinsamen Tätigkeiten sind die Bestätigung des Rückfahrttickets für mich beim Hafenreisebüro und letztlich das Einchecken. Das war weniger aufwändig als bei unserer Hinfahrt, da ja der Wagen in Algerien blieb und ich nur eine Tasche mit Handgepäck bei mir trug, das den Zoll wenig interessierte.

Ich hatte eine Passage auf der Corse gebucht, die im Gegensatz zu der „Président de Cazalet“ auf der Hinfahrt kein klassisches Passagierschiff war, sondern eine moderne Autofähre. Die „Corse“ der Compagnie Générale Transatlantique – French Line – mit 4,555 t wurde 1966 gebaut und 1969 übertragen an die Cie General Transmediterraneene. Leider waren die Passage-Klassen anders als die bei der Hinfahrt gebuchten. Da die einfache Kabinenklasse hier nicht verfügbar war, wurde mir zunächst ein Liegestuhl als Deckspassagier zugewiesen. Doch dagegen protestierte ich, da ich gesehen hatte, dass das Schiff auch einen Schlafsaal mit Couchettes hatte. Ich versuchte klar zu machen, dass diese Schlafsaal-Klasse immer noch billiger war als die gebuchte einfache Kabinenklasse. Doch stieß das auf Probleme wegen meiner mangelnden Französischkenntnisse. Deutsch verstand hier niemand und Englisch schien eher ein Tabu zu sein. Schließlich fand sich ein Steward, der mit mir Englisch radebrechte und dem ich meine Überlegung klar machte. Das war dann kein weiteres Problem und ich verbrachte die Nacht auf einer Couchette, um dann einigermaßen ausgeschlafen am nächsten Vormittag in Marseilles an Land zu gehen.

Die dortige Pass- und Zollabfertigung war nicht gerade überzeugend. Endlose Schlangen vor dem Abfertigungsschalter rückten nur Schritt für Schritt vor, wobei die algerischen Gastarbeiter noch mit enorm viel Gepäck beladen waren, das minutiös kontrolliert wurde. Schließlich sah ein Wachmann im Warteraum meinen grünen bundesdeutschen Pass, den ich in der Hand hielt und kam auf mich zu, um mir zu sagen, dass ich doch völlig falsch angestellt war und dass ein extra Schalter für EWG-Bürger daneben offen war. Hier wartete niemand – mit der Corse kamen wohl nur Gastarbeiter – und ich wurde sofort abgefertigt, nahezu ohne einen Blick in meine Papiere. Etwas merkwürdig war das Gefühl schon über diese Vorzugsbehandlung, wenn ich die endlosen Warteschlangen vor den Schaltern für die Algerier sah.

Gegen Nachmittag kam ich dann zum Bahnhof und löste eine Fahrkarte bis Basel/Bad, wo ich mir eine DB-Karte mit Familienermäßigung nach Hannover zulösen wollte. Der Zug kam und fuhr pünktlich und ich hatte einen guten Fensterplatz mit Ausblick auf die südfranzösische Landschaft. Doch der Abend und die Dunkelheit kam bald. Aber bevor ich schlafen konnte, empfahl mir der Schaffner noch, schon früher, und zwar in Orange, umzusteigen, da mein Anschlusszug – der berühmte Hispania-Express – schneller fuhr, damit erheblich später in Orange eintraf, so dass ich mit viel mehr Zeit gemütlich umsteigen konnte; außerdem wären hier in Südfrankreich noch viel mehr Plätze frei. Ich folgte diesem Ratschlag und stand dann längere Zeit im Nachtdunkel auf dem Bahnsteig von Orange, bis der Hispania-Express, der in Deutschland als D-Zug fuhr, pünktlich eintraf. Ein sehr bequemer Fensterplatz lud dann recht bald zu einem Schläfchen ein. In Basel/Bad war ein längerer Aufenthalt, so dass ich ohne weiteres zum Nachlöseschalter gehen konnte, um mir meine ermäßigte Fahrkarte lösen konnte (einen „Wuermeling“)[23]

So kam ich dann im Laufe des Tages in Hannover an, wo ich mich erst wieder einleben musste, die Erlebnisse sortieren und die Fotos zum Entwickeln bringen… Die nächste Maghreb-Fahrt mit Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule Hannover war zu diesem Zeitpunkt noch nicht angedacht: erst einmal musste mein Studium weiter gehen und zum Abschluss gebracht werden, wobei mir die vielfältigen Erfahrungen in hohem Maße behilflich waren, wofür ich insbesondere Dr. Achenbach außerordentlich dankbar und verbunden bin. Das gilt natürlich auch für diejenigen Qualifikationen, die ich als gut ausgebildeter Geograph in meiner weiteren schulischen Praxis umsetzen konnte…

07.09.2011

 Anmerkungen

[1]    „Garigue (auch Garrigue, Garriga) ist eine offene mediterrane Strauchheidenformation auf flachgründigen Böden, die als Degradationsstufe der Macchie verstanden werden kann.“ (aus: Wikipedia)

[2]    Literaturangaben:
Hofstadter, Douglas R., 1985: Gödel, Escher, Bach, ein Endloses Geflochtenes Band. Stuttgart (Klett-Cotta).
Scrapie. aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie. 2009.
Lentiviren. aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie. 2008.

[3]    Die entsprechenden Photoalben sind noch in Vorbereitung und augenblicklich nicht verfügbar.

[4]    Stimmt nicht mit der „physikalischen Härte“ überein, da z.B. Wasserdurchlässige Schichten weniger erodiert werden als stauende Schichten.

[5]    Caponera, D.A., Water Laws in Moslem Countries. FAO Dev. Papers no. 43, Agr., Rom, 1954

[6]    „Salzpflanzen oder Halophyten (von agr. ἅλς hals, „Salz“ und φυτόν phytón, „Pflanze") bilden eine ökologisch abzugrenzende Gruppe unter den Höheren Pflanzen, die an erhöhte Gehalte von leicht löslichen Salzen an ihrem Standort angepasst sind und sich unter diesen Bedingungen fortpflanzen können“ (aus Wikipedia).

[7]    „Als Xerophyten (aus griech.: xeros ‚trocken‘ und phytos ‚Pflanze‘) bezeichnet man einen Organisationstyp von Pflanzen, die an extrem trockene Standorte angepasst sind. Genauer gefasst sind es Pflanzen, die an eine regelmäßige bis vollständige Knappheit von flüssigem Wasser angepasst sind. Diese Knappheit kann klimatisch bedingt sein, wie in ariden bis semiariden Klimazonen“ (aus Wikipedia)

[8]    „Ein Marabout (auch Marab(o)u, vom arabischen murabiț; siehe: Ribat) ist im Volksislam ein islamischer Heiliger, meist aus der Tradition des Sufismus (islamische Mystik). Durch Vermittlung des portugiesischen ‚marabuto‘ und des spanischen ‚morabito‘ erscheint der Begriff bereits in Reiseberichten aus dem 17. Jahrhundert. Auch die Grabstelle eines Marabout selbst wird manchmal so genannt. Einige dieser Gräber gelten als heilige Stätten.“ (Aus Wikipedia.)

[9]    „Der Feld-Beifuß (Artemisia campestris) ist eine Pflanzenart aus der Familie der Korbblütler (Asteraceae)“. (Aus Wikipedia.)

[10]  Der Phönizische Wacholder (Juniperus phoenicea), auch Rotfrüchtiger Wacholder genannt, ist eine Pflanzenart aus der Familie der Zypressengewächse (Cupressaceae). Sie ist im Mittelmeerraum heimisch. (Aus Wikipedia.)

[11]  „Die Wacholder (Juniperus) sind eine Pflanzengattung in der Unterfamilie Cupressoideae aus der Familie der Zypressengewächse (Cupressaceae). Mit den etwa 50 bis zu etwa 70 Arten, die dieser Gattung zugerechnet werden, stellt sie fast 40 Prozent der Arten innerhalb der Zypressengewächse. In Mitteleuropa kommen in freier Natur nur zwei Arten, nämlich der Gemeine Wacholder und der Sadebaum vor. … Zedern-Wacholder (Juniperus oxycedrus L.): Zwei hier in verschiedenen Quellen angegebene Unterarten oder auch Varietäten werden nun als Arten anerkannt: Juniperus oxycedrus L. var./subsp. macrocarpa ist nun die Art Juniperus macrocarpa Sm. und Juniperus oxycedrus L. var./subsp. transtagana ist nun die Art Juniperus navicularis Gand.. Die Pflanzen aus den östlich gelegenen Regionen von Italien bis zum Iran und zum Kaukasus gehören jetzt zu der neuen Art Juniperus deltoides.“ (Aus Wikipedia.)

[12]  „Die Steineiche, in botanischer Schreibweise mit Bindestrich Stein-Eiche (Quercus ilex) ist eine Pflanzenart aus der Familie der Buchengewächse (Fagaceae). Innerhalb der Gattung der Eichen (Quercus) gehört diese Art der Sektion der Zerreichen (Cerris) an, zu der auch die Korkeiche gehört.“ (aus Wikipedia.)

[13]  „Die Zistrosen (Cistus) bilden eine Pflanzengattung innerhalb der Familie der Zistrosengewächse (Cistaceae). Die Zistrosen sind stark verzweigte, buschige Sträucher oder Zwergsträucher mit aromatischem Harz. Die gegenständigen Laubblätter sind einfach, sitzend oder gestielt. Nebenblätter fehlen.“ (Aus: Wikipedia.)

[14]  Die Aleppo-Kiefer (Pinus halepensis), irreführenderweise auch See-Kiefer genannt, ist eine im Mittelmeergebiet weit verbreitete, zweinadelige Pflanzenart aus der Gattung Kiefern (Pinus). (Aus Wikipedia.)

[15]  Der Name weist auf eine wichtige Phase der Geschichte hin, als arabische Sklavenhändler aus den Gebieten südlich der Sahara Sklaven zu den Märkten am Mittelmeer verschleppten und auf bestimmten Durchgangsstraßen auch die Atlas-Ketten durchqueren mussten – in langwierigen, oft tödlichen Fußmärschen.

[16]  „Mohamed Lakhdar-Hamina (arabisch ‏محمد الأخضر حمينة‎; * 26. Februar 1934 in M'Sila) ist ein algerischer Filmregisseur und Drehbuchautor, der zu den herausragendsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen arabischen Kinos zählt. Zentrale Themen in seinen Arbeiten sind die Versprechungen und Widersprüche die aus der algerischen Unabhängigkeitsbewegung resultierten, der er zum Ende der 1950er Jahre selbst angehörte. Er ist bis heute der einzige Filmemacher vom afrikanischen Kontinent, der bei den Filmfestspielen von Cannes den Hauptpreis erringen konnte.“ (Aus Wikipedia.)
Der Wind kommt von Aures
Originaltitel: LE VENT DES AURES, Verweistitel: Der Wind kommt aus den Bergen.
Drama
Produktionsland: Algerien
Produktionsjahr: 1967
Produktionsfirma: Office des Actualité Algériennes
Länge: 89 Minuten
Erstaufführung: 14.11.1969 Kino DDR/22.1.1973 DFF 2/24.7.2001 arte
Darsteller: Keltoum (Mutter), Hassan Hassani (Vater), Mohamed Chouikh (Sohn), Omar Tayane, Tania Timgad
Regie: Mohamed Lakhdar-Hamina
Drehbuch: Mohamed Lakhdar-Hamina, Tewfik Fares
Kamera: Mohamed Lakhdar-Hamina
Musik: Philippe Arthuys
Auszeichnungen: Cannes (1967, Bester junger Regisseur – Mohamed Lakhdar-Hamina)
Inhalt: Der Leidensweg einer algerischen Mutter zur Zeit der französischen Kolonialherrschaft

[17]  Klaus Gießner, geb. 28.2.1938, Studium der Geographie. Biologie und Chemie in Würzburg und Hannover, 1964 Promotion zum Dr. rer. nat. an der TU Hannover. … In dieser Zeit mehrere Forschungsreisen nach Tunesien und Algerien mit Geländekartierungen zu verschiedenen Karten des «Afrika-Kartenwerkes». 1968-1970 Wiss. Ass. und von 1970-1973 Akad. Rat am Geographischen Institut der TU Hannover. Frühjahr 1969 dreimonatige Forschungsreise nach Westafrika und in die zentrale Sahara. 1974 Habilitation in der Fakultät I für Mathematik und Naturwissenschaften an der TU Hannover. April 1975 Ernennung zum Wiss. Rat und Prof. am Geographischen Institut der Universität Würzburg. An der Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU): Gießner, Klaus (01.05.1975, entpflichtet 01.10.2003), Dr. rer. nat., Professor und Lehrstuhlinhaber für Physische Geographie. Buchveröffentlichungen: Naturgeographische Landschaftsanalyse der tunesischen Dorsale (Jb. d. Geogr. Ges. Hannover 1964, 235 S.). Sudan – Sahel – Sahara (Jb. d. Geogr. Ges. Hannover 1969, Hannover 1970, 211 S., gemeinsam mit H. Mensching und G. Stuckmann). - Grundlagen und Wirksamkeit der aktuellen Morphodynamik in Tunesien. 1974 (Mikrofiches)  - Klimageographie Nordafrika: Tunesien, Algerien. Hygrische und thermische Klimatypen. 1985. XIV , 124 Seiten (Afrika-Kartenwerk, Series N Beiheft N5)

[18]  Prof. Dr. rer. nat. Hermann Achenbach, (pens.). Christian Albrechts Universität zu Kiel, Geographisches Institut (Sektion Geographie). 1967 an der TU Hannover, Geographisches Institut. – Publikationsauswahl: Achenbach, Hermann: Die Halbinsel Cap Bon. Strukturanalyse einer mediterranen Kulturlandschaft in Tunesien. Hannover Geographische Gesellschaft Hannover, 1967. (Jahrbuch der Geographischen Gesellschaft zu Hannover) – Achenbach, H.: Agrargeogra­phische Entwicklungsprobleme Tunesiens und Ostalgeriens. Jahrb. D. Geogr. Ges. zu Hannover. 1971. – Besonders bemerkenswert ist folgender Aufsatz, in den auch Erkenntnisse aus unserer Geländearbeit eingeflossen sind, aber die weitere wissenschaftliche Erschließung kennzeichnet: Achenbach, H.: Klimagebundene Risikostufen der Ertragsbildung und räumliche Standortdifferenzierung der Landwirtschaft im Maghreb. Erdkunde Band 33/1979. S. 277-281.

[19]  Achenbach, H.: Afrika-Kartenwerk, Blatt Tunis-Sfax, Karte der Bodennutzung. Hrsg. DFG, Obmann H. Mensching, 1971.

[20]  „Der Donatismus (nach Donatus von Karthago, 315 bis 355 Primas der Donatisten) war eine nordafrikanische Abspaltung von der westlichen christlichen Kirche im 4. und 5. Jahrhundert, die eine eigene Ekklesiologie entwickelt hatte“ (aus Wikipedia).

[21]  Vgl dazu „Algerian National Liberation (1954-1962) von GlobalSecurity.org.

[22]  Eine detaillierte Darstellung befindet sich in: Elsenhans, Hartmut, 1972: Frankreichs Algerienkrieg 1954-1962. Entkolonisierungsversuch einer kapitalistischen Metropole. Zum Zusammenbruch der Kolonialreiche. München (Carl Hanser).

[23]  „Bereits 1955 wurde vom damaligen Bundesminister für Familienfragen Franz-Josef Wuermeling die verbilligten Bahnfahrkarten für kinderreiche Familien eingeführt. Der entsprechende Berechtigungsausweis, mit dem bis April 1999 für die Kinder vergünstigte Fahrkarten erworben werden konnten, ist noch heute als „Der Wuermeling“ bekannt. Im Volksmund wurde Der Wuermeling auch als Karnickelpass bezeichnet“ (aus Wikipedia)

Inhalt

Notizen und Skizzen zu einer Autobiographie: Die Algerienreise 1967

Das zweite Semester im Institut

Vorbereitung und Aufbruch

Hinreise und Aufenthalt in Algier

Im Internet finde ich sogar ein altes Foto der „Président de Cazalet“

Auf der Fahrt durch den Tell-Atlas und über die Hochflächen

Im Untersuchungsgebiet

Skizze der Kartierungsfahrten im Aurés

Reliefkarte des Aurés

Herstellung von Lehmziegeln

Die Bewässerungssysteme der Wüstenoasen

Dibia Ouled Saoula  und das südliche Vorland des Aurés

Zribet el Oued

Nemenchas

Batna

Südaurés

Sahara

Im Sand stecken geblieben

Im Gebirge

Zedern im Schnee

Von den Biskrabergen zum Zentralaurés

Zur Vegetationskartierung  Schemazeichnung von Artemisia Campestris (Wikipedia)

Juniperus Phoenicea (Wikipedia)

Aleppo-Kiefer (Wikipedia)

Zentralaurés

Karfreitag: Freitag, 24. März 1967

Im Astragalus-Busch

Ostersonntag: Sonntag, 26. März 1967

Überreste des Algerienkrieges

Ostermontag: Montag, 27. März 1967

Biskraberge

Der Alltag im Gelände

Wieder bei El Kantara

Unzugängliche Waldpisten

Nordaurés

Weiterfahrt in den Zentralaurés von Norden

Djebel Mahmel

Die Motormörder…

Durchquerung der Nemenchas von Nord nach Süd

Sahara im Vorland der Nemenchas

Djellal im Tal des Oued Djellal

Über die Hochflächen nach Tebessa

Ostbecken

DFG Afrika-Kartenwerk

Suk in Ras-el-Euch, Reflexionen zur Entwicklung in Algerien

Abschließende Kartierungen

Rückfahrt von Batna über Constantine

Gashafen Skikda

In die Kabylei

Die Rückfahrt von meiner Algerienreise

Dokument Information

Nach dem Reisetagebuch von Gerhard Voigt 1967 umgeschrieben und ergänzt. Mit Bildern versehen 08.09.2011, Redaktion: Mai 2012.

Weitere Berichte siehe in den Notizen zu einer Autobiographie: Notizen und Skizzen zu einer Autobiographie: Die Wahl des Studienfaches Geographie
Die Bestimmung des Geographen: Der Weg durch Wüsten und Kontinente
Studienbeginn und Vorbereitung der Algerienreise 1967 des Geographischen Instituts der Technischen Hochschule Hannover mit Dr. Achenbach als Anlass zur Reflexion über vierzig Jahre Geographie
Fotogalerie über Algerien
Nordafrikareise 1981 mit Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule Hannover
Nordafrikafahrt: Tagebuch Sommer 1981

Fotogalerie Nordafrikafahrt 1981

 
   

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Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation)

bismarckschule.voigt@gmx.de
Bearbeitungsstand: 1987 / kommentierte Diaverzeichnisse, spätere Überarbeitung.
Letzte Bearbeitung:  08.09.2011 / 08.05.2012

   
   

 

     
   

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Web-Fassung: 31.01.2006 / rev. 13.05.2012- Verantwortlich: Gerhard Voigt <bismarckschule.voigt@gmx.de>
Texte aus der der Verbandszeitschrift »politik unterricht aktuell« unter www.pu-aktuell.de
Info über die Verbandstätigkeit unter: http://www.politiklehrerverband.org