Persönliche Homepage von Gerhard Voigt

Home Was gibt's Neues? Inhalt Begrüßung Biographie UNESCO-Club Reisen Türkei Skandinavien Osteuropa Ungarn Naher Osten Iran In memoriam Schule und Politik Publikationen Soziologie Deutschland Staatsgesellschaft Globalisierung Artist's page Ronnenberg Weblinks Impressum

http://www.voigt-bismarckschule.de

 

Zur Seitennavigation

   
   

 

     
   

Reisen – Überlegungen und Reflexionen

Zum Inhaltsverzeichnis (Index der Reisen)

Reisen waren ein Mittelpunkt meiner persönlichen wie beruflichen Existenz, vor allem nach meiner Berufswahl als Geograph und dem Beginn meines Geographiestudiums an der Universität Hannover 1966. Doch begann die Faszination schon viel früher…

Meine Kindheit verlief in dieser Hinsicht anders als es heute bei unserer Kinder- und Jugendgeneration üblich geworden ist. Reisen waren etwas Besonderes und bedurften einiger Planung und einiges Aufwandes. Vor allem wenn man in einer – heute würde man es wohl so bezeichnen: – „Großfamilie“ aufgewachsen ist mit drei jüngeren Geschwistern und einem Vater, der als Lehrer an einer Privatschule doch recht wenig verdiente, sowie einer Mutter, die als Hausfrau sich um die Familie kümmerte (kümmern musste?).

Da waren es zunächst Ferienreisen zu den Großeltern, vor allem nach Wiesbaden, was mir noch lange gefühlsmäßig als Heimatstadt vorkam, bis das endgültig mit dem Tod meiner Oma 1989 abbrach – seither habe ich dann Wiesbaden nicht mehr wieder gesehen. (Ich wollte es wohl in meiner Erinnerung unverändert behalten!)

Im Laufe der Jugend kamen noch weitere Verwandtenbesuche dazu, so nach Bremen zu meinem Patenonkel – Bruder meines Vaters – und zu den Großeltern väterlicherseits. Aber auch nach Dresden, wo der älteste Bruder meines Vaters als Pastor der Christengemeinschaft lebte. Doch zu der Zeit entwickelte ich eine sehr distanzierte Haltung zu Dresden und der DDR; angefangen von den Grenzkontrollen im Zug an der innerdeutschen Grenze bis hin zu den dominierenden Propaganda-Plakaten und Transparenten, eintönigen Plattenbauten bis hin in das Stadtzentrum – und dann die durchgehend ablehnende Haltung meiner Verwandten… Erst nach 1990 habe ich dann unter veränderten Bedingungen Dresden wieder besucht, z.T. mit Schülerinnen und Schülern meiner Schule, und konnte die Restaurierungsbemühungen verfolgen: Frauenkirche, Schloss, Altstadt, Grünes Gewölbe. Erst da wurde mir die kulturhistorische Bedeutung dieser Stadt richtig bewußt – aber das war dann schon zum Ende meiner Dienst- und Reisezeit hin.

Als Jugendlicher war es für mich ein erstes großes Erlebnis, mit meinen Eltern zwei Mal nach Amsterdam fahren zu können, wo ein holländischer Kollege aus der Waldorfschul-Bewegung uns während seiner eigenen Urlaubszeit sein kleines Haus in der Reijnier Vinkeleskade am Noorder Amstel Kanal zur Verfügung gestellt hatte. Hier hatte ich mehrere bestimmende Erlebnisse und Entdeckungen. Mein Interesse an der Seefahrt – wohl dadurch hervorgerufen, dass mein Großvater Marineoffizier gewesen war und mein  Vater deshalb in Wilhelmshaven aufgewachsen war – wurde bestärkt durch die Entdeckung des Nederlands Scheepvaartmuseum Amsterdam, das sich damals noch in einem Altbau an der Ecke der Cornelis Schuytstraat zur De Lairessestraat direkt um die Ecke von unserer Wohnung befand. Tag für Tag ging ich ins Museum, um die Schiffsmodelle und alten Landkarten anzuschauen und mich im Skizzieren der Schiffstypen zu üben.

Auf unserer zweiten Amsterdamfahrt, wenige Jahre später, ging zwar das Interesse an der Schifffahrt nicht verloren, doch es kam die Begeisterung für die moderne Malerei hinzu, die ich – ausgestattet mit einer Monatskarte – im Stedelijk Museum Amsterdam mit seiner aktuellen und faszinierenden Ausstellung bewundern konnte. Hier waren zunächst einmal die Konstruktivisten wie Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch (* 1879greg. in Kiew; † 15. Mai 1935 in Leningrad), Theo van Doesburg (* 1883 in Utrecht; † 7. März 1931 in Davos) und Piet Mondrian (* 1872 in Amersfoort, Niederlande; † 1. Februar 1944 in New York City, USA) und viele andere Zeitgenossen der klassischen Moderne. Seither besuche ich bei jedem Aufenthalt in Amsterdam diese immer wieder aktuelle und faszinierende Sammlung, zu der später dann noch das Van-Gogh-Museum hinzugekommen ist. Das Rijksmuseum Amsterdam ist zwar das wohl von der Öffentlichkeit als bedeutendste Museum der Niederlande eingeschätzte Haus mit seiner Sammlung von Rembrandt und den anderen alten Holländern, hat mich aber nicht in dem Maße angezogen wie das städtische Museum für moderne Kunst.

Sonst nahm ich natürlich an den Klassenfahrten meiner Schule teil, die mich – mit Zielorten irgendwo in Niedersachsen – nicht sonderlich beeindruckten, mit ihren großen Schlafsälen in den Jugendherbergen und den primitiven Sanitäreinrichtungen auch eher abschreckten, da ich schon damals im privaten Bereich eher sensibel und pingelig war… In der elften Klasse folgte dann die „standardmäßige Berlin-Fahrt zur Ertüchtigung unseres „Teilungsbewusstseins“. Das Pflichtprogramm war zäh und wenig motivierend. Interessanter war es für mich, hier zum ersten Mal mit dem Flugzeug zu fliegen. Ob ich schon zu diesem Zeitpunkt die beiden für mich interessantesten Punkte in Berlin kennen gelernt habe, weiß ich nicht mehr. Das islamische und Völkerkundemuseum – damals im Rahmen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Dahlem, wobei die islamischen Sammlungen später wieder in das Pergamonmuseum  zurückgekehrt sind – und im Osten auf der Museumsinsel das Pergamonmuseum waren für mich lange Zeit die einzigen Attraktionen in dieser mich nicht allzu sehr ansprechenden Stadt. Auf jeden Fall waren es wichtige Besuchspunkte in der Zeit, als ich dann als Lehrer selbst mit Klassen nach Berlin gefahren bin, von einigen anderen Gelegenheiten abgesehen. Das Pergamonmuseum wurde dann noch spannender, als ich durch mehrere Türkeireisen Pergamon (türkisch Bergama) kennen lernte, so dass beide Orte wie die Puzzelteile eines großen Gesamtbildes erschienen.

Eine letzte Reise in meiner Schulzeit sollte hier aber doch noch erwähnt werden: Die Klassenfahrt in der 13. Klasse nach Italien. Hauptzielpunkt war Florenz. Von dort sind wir aber auf der Rückfahrt mit dem Bus über San Giminiano nach Pisa und dann nach Livorno gefahren, um dann von Genua aus mit dem Zug die Heimfahrt anzutreten. Florenz hat mich dabei durch seine mittelalterlichen Bauten, seine Renaissancekultur und seine Museum sehr beeindruckt – die private Seite der Klassenfahrt ist mir darüber hinaus eher aus dem Gedächtnis gewichen, – so dass ich mit erstem selbst verdienten Geld von der Straßenbahn Hannover im Jahr 1964 eine Solofahrt nach Firenze unternahm. Die Erlebnisse beider Italienreisen waren so beeindruckend, dass ich vorhabe, auch darüber ein eigenes biographisches Kapitel zu verfassen. Bisher findet sich auf dieser Internet-Seite nur ein Italien-Fototagebuch.

Doch die Zeit, in denen aufwändige Reisen in den Mittelpunkt meiner Lebensplanung rückten, begann mit dem Geographiestudium, einmal ganz abgesehen von dem hereinschnüffeln in die Geländearbeit bei fünf Tagesexkursionen im ersten Semester in die Naturlandschaft rund um Hannover unter der Leitung von Dr. Achenbach, der mit seiner Fachkompetenz und seiner Begeisterungsfähigkeit auch für eher alltägliche geographische Erkenntnisse eine überaus passende Einführung in das Geographiestudium vermitteln konnte. Viele dieser Exkursionen konnte ich dann später in meinen Geographieunterricht in der Bismarckschule einbauen, so zum Benther Berg oder zur Porta Westfalica.

Das erste größere Reiseangebot erfolgte für die Zeit unmittelbar nach dem ersten Semester, als Dr. Achenbach eine freiwillige große Exkursion nach Ungarn anbot. Dieses Reiseziel war damals, 1966 noch etwas ungewöhnlich. Der „Eiserne Vorhang“ wurde noch sehr real empfunden und der Ungarische Volksaufstand 1956 lag auch noch nicht weit zurück, so dass die Erwartungen eher noch etwas gemischt waren und sich an den Erfahrungen in der DDR orientierten. Dr. Achenbach fand einen Ko-Finanzier in der „Deutschen Jugend des Ostens“ – nach meinem Geschmack eine eher bedenkliche Kooperation – mit der zunächst ein länderkundlich-politisches Einführungsseminar im „Europahaus“ in Wien vereinbart war. Interessanterweise waren die Vorträge wenig indoktrinierend und thematisch ergiebig, besonders durch einen Vortrag von György Sebestyén (* 30. 10. 1930, Budapest (Ungarn), † 6. 6. 1990, Wien), der die intimen Kenntnisse des bekannten Schriftstellers über die ungarische Geschichte und den Volksaufstand, an dem er selbst beteiligt gewesen war, vermitteln konnte. In Budapest erfuhren wir nachfolgend einiges über die wirtschaftsgeographische Situation der Stadt und des Landes und fuhren dann mit einem gemieteten Reisebus (Különleges utazás) weiter nach Miskolc. Mit dem dortigen Geographischen Institut hatte unser hannoversches Institut soeben eine Kooperationsvereinbarung getroffen, so dass wir fachlich und organisatorisch von der Technischen Hochschule Miskolc betreut wurden. Ein Besuch im dortigen Stahlkombinat wurde dann aber doch nicht möglich wegen der strikten Geheimhaltungsvorschriften des Staates.

Ungarn wurde für mich dann aber ein über die Jahre hin sich erstreckendes regelmäßiges Reiseziel. Zunächst fand eine Familienreise mit meinen beiden noch recht kleinen Töchtern statt, bei dem Wien, Budapest und eine Eisenbahnrundfahrt über Szolnok, Debrecen und Miskolc mit Hotelübernachtungen im Vordergrund stand. Über diese Reise wird an anderer Stelle noch zu berichten sein. Meine mehrfachen Studienfahrten mit Schülerinnen und Schüler der Bismarckschule Hannover werden bei den Reiseseiten im nachfolgenden Index noch genauer beschrieben werden. Besonders interessant wurde es für mich, dass ich Zusammenhang mit diesen Studienfahrten Prof. Zoltan Antal von der EÖTVÖS Universität in Budapest kennen lernen konnte, der die letzten Fahrten für uns Vorbereitet und begleitet hatte und von dem ich sehr viel über Ungarn und vor allem seine wirtschaftsgeographische Entwicklung lernen konnte. Leider ist er Anfang des Jahres 2011 verstorben.

Nach dem Beginn meines Dienstes als Lehrer an der Bismarckschule Hannover entwickelten sich einige pädagogische und didaktische Prämissen und Grundsatzentscheidungen, die nicht immer mit dem „Mainstream“ der gymnasialen Pädagogik übereinstimmten:

  1. Geographie bedarf der unmittelbaren Begegnung mit den geographischen Sachverhalten „im Gelände“ auf Exkursionen und Studienfahrten.

  2. Die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer Gemeinschaftskunde (später „Politik“) und Geschichte sollen im engen Zusammenhang miteinander und mit dem raumwissenschaftlichen Fach Erdkunde stehen und ebenso teilhaben an der praktischen Geländearbeit.

  3. Diese Grundsatzentscheidungen erfordern neue didaktische Zugänge zur unterrichtlichen Arbeit, die vor allem mit dem Schlagwort der „Projektarbeit“ bezeichnet werden können.

  4. Der integrative Ansatz ermöglicht es, fächerübergreifende Projekte zu starten, an denen auch mehrere Kolleginnen und Kollegen beteiligt werden können.

So kam bei mir der Gedanke auf, auch außerhalb der eigentlichen Unterrichtszeit Studienfahrten anzubieten und zwar in der Zeit der Sommerferien mit einer jeweils überschaubaren und motivierten Schülergruppe. Zunächst einmal träumte ich von einem Vierjahresrhythmus solcher „großen Exkursionen“, was sich dann leider nicht realisieren ließ, vor allem, da zunehmend familiäre Probleme dazu kamen, auch wenn ich bei meinen letzten beiden Reisen meine Familie mitgenommen hatte. So fanden während meiner Dienstzeit vier „große Studienfahrten“ in den Sommerferien statt:

  1. 1974 die große Fahrt in den Iran mit zwei VW-Bussen, die uns bis zum Persischen Golf führte, aber unter keinem besonders guten Stern stand, da wir etwa zur Hälfte der Zeit einen Bus wegen Getriebeschadens aufgeben und zollamtlich verschrotten mussten, was für die eine Hälfte der Teilnehmer eine Rückfahrt mit Linienbussen von Tehran aus bedeutete.

  2. 1981 Fahrt in den Maghreb mit zwei VW-Bussen und zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmern, mit Hinfahrt über Spanien mach Marokko. Von dort weiter nach Algerien und einem Abstecher nach Tunesien. Rückfahrt mit der „Liberté“ von Algier nach Marseilles. Auch hier hatten wir einige kritische Momente, als wir bei Oujda in Marokko an einer Salmonellenvergiftung erkrankten und unsere Fahrt dennoch nicht weiter unterbrechen konnten.

  3. 1984 Fahrt mit Schülern zum Nordkap: Schweden, Finnland, Norwegen mit zwei VW-Bussen in den Sommerferien. Die Fahrt dauerte nur vier Wochen und wurde mit zwei Leihwagen durchgeführt.

  4. 1987 Fahrt mit Schülern in den Orient: Mit vier VW-Bussen durch Jugoslawien, Türkei, Syrien, Jordanien, Ägypten bis Israel. Dies war die Fahrt mit der größten Gruppe, mit zwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmern, unter denen sich auch zwei Kollegen befanden. Obwohl die Fahrt recht ertragreich war, zeigte es sich, dass die Größe der Reisegruppe immer wieder zu Problemen in der Koordination führte.

1987 war auch in weltpolitischer Hinsicht ein Schlüsseljahr. Die Ereignisse – Beginn des Jugoslawienkonfliktes, Erste Intifada in Israel – verhinderten eine Neuauflage der verschiedenen Orientreisen. Die Krisen wuchsen seither ständig und auch heute sind die Entwicklungsziele in der Arabischen Welt und in Iran nicht klar erkennbar und hindern Schülerreisen. Die Reise in den Iran wurde zu einer Abschiedsreise, da mit der Islamischen Revolution 1979/80 reine touristische Reisen zu riskant erschienen.

So konzentrierte ich mich auf zwei weitere Studienfahrtschwerpunkte, die besonders gut in das Profil einer UNESCO-Projekt-Schule wie der Bismarckschule Hannover hineinpassten:

  1. Die große Studienfahrt in der Kursstufe, bei der wir vor allem Polen und Ungarn als erfolgreiche Reiseziele kennen lernten – immer auch in Kooperation mit meinem geschätzten Kollegen Lothar Nettelmann – und bei denen wir uns fruchtbare Kontakte zu Universitätsdozenten in beiden Ländern erschließen konnten. Aber auch eine Reise nach St. Petersburg konnte durchgeführt werden. Zu den Reiseberichten finden sich Angaben in dem nachfolgenden Index.

  2. Die Entwicklung unserer Schulpartnerschaft mit der İstanbul Lisesi in der Türkei. Dieses Thema ist im Index ausführlich dokumentiert, sowohl was die grundsätzlichen Überlegungen zur Schulpartnerschaft angeht – wobei wir die parallele Schulpartnerschaft mit dem V. Lyzeum in Pozńan, die von Lothar Nettelmann betreut wurde, nicht vergessen dürfen – als auch in Bezug auf die Reiseberichte die von 1985 bis ins Jahr 2005 reichen. Leider ist diese Partnerschaft, vor allem wegen einiger personeller Wechsel in beiden Schulen, immer weiter eingeschlafen und heute wohl beendet.

In beiden Fällen wurde die Realisierung aber immer schwieriger, vor allem, da sie auf unausgesprochene Vorbehalte und Widerstände durch unseren neuen Schulleiter stießen, der seine Vorstellungen von einer „guten Schule“ auf plangerechte Durchführung des üblichen Fachunterrichtes konzentrierte, auch wenn er der didaktischen Qualität hohe Ansprüche anlegte. So mussten bei der Schulpartnerschaft zunehmend Ferienzeiten genutzt werden und die Genehmigungsverfahren wurden immer komplizierter und anspruchsvoller und orientierten sich zunehmend an den rigiden und wenig flexiblen Vorgaben unseres Dezernenten, wo der alte Schulleiter noch versucht hatte, der Schule selbst möglichst große Spielräume für pädagogisch anspruchsvolle Projekte frei zu halten. Mehrere Türkei-Fahrt-Planungen zwischen 1996 und 2005 konnten aus verschiedenen Gründen nicht realisiert werden, wenn auch teilweise nicht unmittelbar verursacht von unserer Schulleitung – wenn auch ohne helfende Unterstützung von dieser Seite.

Die großen Studienfahrten in der Kursstufe wurden auch immer weiter organisatorisch in Zwangsjacken gesteckt, indem die Bindung an jeweils eine Leistungskursleiste unabhängig von der pädagogischen Konzeption der betreffenden Fächer festgeschrieben wurde und ein fester Studienfahrttermin durch Konferenzbeschlüsse vorgegeben wurde, wobei auf die terminlichen Angebote aus den Zielländern keine Rücksicht mehr genommen werden konnte. Besonders frustrierend war es, dass in gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Dienstherrn mehrfach Studienfahrten zur Manöveriermasse im Sinne eines „Studienfahrtboykotts“ erklärt wurden. Dabei wurde übersehen, dass Studienfahrten für die Schulverwaltung und die Schulleitungen eher hinderliche Ereignisse waren und dass – unterstützt gerade durch den Philologenverband, der dadurch das Streikverbot für Beamte ersetzen wollte – viele mittelbar Betroffene eigentlich recht zufrieden waren mit der Aussicht auf die Streichung von Studienfahrten. Einige „Aktivisten“ auf diesem Feld an unserer Schule weigerten sich dann auch ausdrücklich, den Boykottaufrufen zu folgen und verhinderten, dass Konferenzbeschlüsse dazu gefasst wurden mit dem Hinweis auf die Rechtswidrigkeit solcher Beschlüsse.

So kommen wir anschließend zur letzten Form von Reisen mit Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule Hannover:

  1. Studienfahrten in der 11. Klasse. Diese waren vor der organisatorischen Umgestaltung des Gymnasiums auf das Abitur nach 12 Jahren übliche Angebote, deren inhaltliche Füllung den Klassenlehrern oblag. Auch als ich noch kein Klassenlehrer war, bat mich der eine oder andere Kollege als Fachlehrer für Erdkunde darum, diese Fahrten zu organisieren. In Zukunft plane ich, auch für diese Fahrten einen eigenen Bericht zu schreiben. Zunächst fanden Reisen nach Emden statt, teilweise mit Werftbesichtigungen bei Meyer in Papenburg bzw. bei den Thyssen Nordseewerken in Emden. Eine besonderes „Leckerli“ für die Schülerinnen und Schüler war dann das folgende Angebot einer Busfahrt nach Amsterdam übers Wochenende, das nicht mehr zum eigentlichen Studienfahrtzeitraum gehörte und „unter der Hand“ geplant und durchgeführt wurde. – Später kamen, nach 1990, neue Reiseziele hinzu und zwar zu den Hafenstädten an der Ostseeküste: Wismar und Stralsund. Von Stralsund aus konnte dann auch wieder eine anschließende Wochenendergänzung mit einer Fahrt nach Polen, nach Stettin (Szczecin) stattfinden. Mit diesen halblegalen Zusatzangeboten stand ich an unserer Schule aber allein da, und es endete schon vor der Gymnasialreform durch neue Konferenzbeschlüsse, die Studienfahrten in der 11. Klasse nicht mehr vorsahen – und konsequenterweise hat mich der Schulleiter auch nicht mehr als Klassenlehrer eingesetzt.

  2. Daneben organisierte ich eine Vielzahl von Wochenendexkursionen, wie z.B. nach Bremen und Bremerhaven mit Hafen- und Werftbesichtigungen. In Bremen standen dann mehrfach Informations-Veranstaltungen beim Bremer Ausschuss für Wirtschaftsforschung (BAW) auf dem Programm. Durch den Hafen führte uns mehrfach Herr Rieck, stellvertretender Hafenkapitän und verantwortlich für die Industriehäfen und die Neustädter Häfen. Durch Vermittlung auf persönlicher Ebene wurde uns auch einmal ein Besuch im Container-Terminal „Wilhelm Kaisen“ ermöglicht. – Hier bin ich besonders stolz darauf, immer hochrangige Referenten und Gesprächspartner ansprechen zu können, was natürlich bei unseren Bittschreiben an die jeweils vorgesetzten Behörden einige hochtrabende Formulierungen über Unterrichtszusammenhänge und Motivation meiner Schülerinnen und Schüler voraussetzte. – Auf diesem Wege haben wir auch Besuche in Wilhelmshaven – mit Gesprächen über den Tiefwasserhafen und die ökologischen Probleme von Kraftwerk, Ölraffinerie und Tanklager, sowie mit Besuchen bei der Bundesmarine – organisieren können.

  3. Nur einen Tag brauchten wir für eine Vielzahl von kleineren Besichtigungen und Projektveranstaltungen. Die jahrelange Bauzeit der U-Bahn Hannover wurde von uns genutzt, über das U-Bahn-Bauamt Baustellenbesichtigungen zu organisieren. Mit Herrn Dr. Hacker, leitendem Bauingenieur, konnte ich im Laufe der Zeit eigentlich jeden Bauabschnitt in unterschiedlichem Baufortschritt – offener Schacht oder Tunnel in der Fertigstellungsphase – mit ,einen Schülerinnen und Schülern besichtigen, mit der jeweils sehr informativen Einführung über Planung, Realisierung und Problemen des U-Bahn-Baus.

  4. In der 11. Klasse fand in den ersten Jahren – bis die Hindernisse zu groß wurden – naturgeographische Geländebegehungen statt, meistens zum Benther Berg, wo die geologische Geschichte des hannoverschen Raumes seit der Trias aufgeschlossen ist und wo eine intensive Beschäftigung mit der Salztektonik stattfinden konnte. Darüber hinaus kommen dann die kulturgeographischen Inwertsetzungs-Prozesse in der Umgebung der Großstadt ins Spiel. Diese Exkursion orientiert sich an den Erfahrungen mit einer entsprechenden Exkursion in meinem ersten Studiensemester mit Dr. Achenbach. (Vgl. auch "Benther Berg" in diesem Bericht.)

  5. Mit verschiedenen Klassen unternahm ich auch Tagesexkursionen nach Bremen, wo das Überseemuseum sowohl mit seiner permanenten Ausstellung wie auch mit seinen Sonderausstellungen im Mittelpunkt stand. Das fand vor allem mit 10. Klassen statt. Der Vorteil war, die preiswerte Niedersachsen-Card der Bahn nutzen zu können. Mit einer 10. Klasse bin ich auch nach Hamburg gefahren zu einer Hafenrundfahrt. Mit einem Oberstufenkurs fand dann auch eine Hamburg-Exkursion zum Thema Schiffbau und Werftindustrie statt, verbunden mit einem Besuch in der Redaktion des Spiegels.

Nicht alle der vielfältigen Projekt und Exkursionen können hier aufgeführt werden. So bleiben auch die Erfahrungen einer Studienfahrt mit einer 10. Klasse an den Bodensee nach Überlingen ohne weitere Vertiefung. Projekte, die im und neben dem Unterricht liefen müssen an anderer Stelle dargestellt werden, so zwei umfangreiche Kartierungen von Laatzen, die intensive Projektberichte hervorgebracht haben, die auch von der Stadtverwaltung begrüßt und ausgewertet worden sind. Auch in Teilen Hannovers fanden Stadtteilkartierungen statt. Dies schließt an die Anfänge meiner Arbeit als Studienreferendar an der Bismarckschule Hannover an, in der ich als zweite Staatsexamensarbeit eine Befragung durch meine Schüler der 12. Klasse durchführen ließ zum Thema „Soziale Ungleichheit“: VOIGT, Gerhard, 1972: Problematisierung und Differenzierung des Begriffs „Soziale Ungleichheit“ durch empirische Erhebungen in Hannover. Ein Unterrichtsversuch zum Einsatz empirischer Methoden der Sozialforschung im Gemeinschaftskundeunterricht der Oberstufe. Pädagogische Prüfungsarbeit am Staatlichen Studienseminar Hannover I, Dr. G. MEYER / Dr. HEIDEMANN. (Als Typoskript vervielfältigt.)

So viel zu den allgemeinen Überlegungen zum Thema „Reisen“, mit dem Résumé, dass Exkursionen und Studienfahrten in einer nachhaltigen Didaktik nicht als „zusätzliche Angebote“ gewertet werden sollten, sonder zum Kernbestand der Fachdidaktik zu zählen sind. Das wird leider in der heutigen „Mainstream-Pädagogik“ vergessen und verdrängt und begründet so meine tiefen Vorbehalte gegen die heutige Form von Schule…

Gerhard Voigt, Ronnenberg, 23.08.2011

 Zum Inhaltsverzeichnis (Index der Reisen)

   
   

Verantwortlich für diese Seite
Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation)

bismarckschule.voigt@gmx.de
Bearbeitungsstand: 23.08.2011

   
   

 

     
   

top

     

Navigation:

Übergeordnete Ebene: Home ] Was gibt's Neues? ] Inhalt ] Begrüßung ] Biographie ] UNESCO-Club ] Reisen ] Türkei ] Skandinavien ] Osteuropa ] Ungarn ] Naher Osten ] Iran ] In memoriam ] Schule und Politik ] Publikationen ] Soziologie ] Deutschland ] Staatsgesellschaft ] Globalisierung ] Artist's page ] Ronnenberg ] Weblinks ] Impressum ]

Übergeordnete Seite: Nach oben ] Weiter ]

Gleiche Ebene und Homepage: Home ] Nach oben ] [ Reisen - Reflexionen ] Zwei Mal Italien ] Großbritannienreisen ] Nordafrika. Index ]

Untergeordnete Ebene:

Web-Fassung: 31.01.2006 / rev. 13.05.2012- Verantwortlich: Gerhard Voigt <bismarckschule.voigt@gmx.de>
Texte aus der der Verbandszeitschrift »politik unterricht aktuell« unter www.pu-aktuell.de
Info über die Verbandstätigkeit unter: http://www.politiklehrerverband.org