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Lost Landmarks – Vergessene Berge, Folge 63:

Der Ronnenberg

Geheimnisvolle Begegnungen mit dem Chinyeti

In den dunklen Nächten zwischen Weihnachten und Neujahr geht das Grauen um in Ronnenberg. Wenn eine frische Schneedecke die abgelegenen Straßen bedeckt, finden sich morgens geheimnisvolle Fußspuren: der Chinyeti ist von seinem Versteck auf den Felsabstürzen des Ronnenberges herabgestiegen. Nur selten hat ein Bewohner Ronnenbergs den Chinyeti selbst gesehen, denn er scheut als nachtaktives Wesen jegliches Licht. Glauben wir den Ältesten im Ort, so ist der Chinyeti grau und hat zwei mächtige Hinterbeine, mit denen er bis zu zehn Meter in die Höhe springen kann. Die Vorderbeine sind eher Greifarme, mit denen er Baumstämme ausreißen kann, um sie zu zernagen. An den bis zu achtzig Zentimeter großen Fußspuren erkennt man vier Zehen, die als Greifklauen auch zum Klettern gut geeignet sind. Eine mächtige Schleifspur hinter der Fährte zeigt einen meterlangen Schweif, man könnte auch sagen Pinsel. Kaum kommt die Dämmerung, verschwindet Chinyeti in die Höhen des Ronnenberges. Tierkundige vermuten, dass der Chinyeti eine Riesenform eines Nagetieres, eines so genannten Hörnchens ist. Vielleicht ist er ja ein Verwandter der Chinchillas und ist auf geheimnisvolle Weise von seiner Urheimat in den peruanischen Anden nach Ronnenberg gekommen.

Wie sieht nun die Heimat des Chinyetis aus? Nur wenige haben diese gesehen oder gar selbst betreten. Der Ronnenberg ist ein mythischer Ort, eigentlich immer von einer dichten Wolkendecke verhüllt, so dass man ihn auch aus nächster Nähe gar nicht als Berg erkennen kann. Damit ist er ein entfernter Bruder des Olympos, auf dessen wolkenverhangenen Gipfeln sich die Heimat der olympischen Götter befand. So konnte es geschehen, dass der Ronnenberg mit Beginn der Neuzeit völlig aus dem Bewusstsein der Menschen, auch der Bewohner Ronnenbergs am Fuße des Massivs, verschwand. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wagten erste wagemutige Ronnenberger die dichte Nebelwand hinter ihren Häusern zu betreten und stellten unbegreifliche Felsabstürze und Talschluchten fest.

Michail Patelasvili von der vereinigten georgisch-armenischen Europa-Expedition war dann 1897 der erste, der den Ronnenberg bezwang. Am 7. April errichtete er aus Reisig ein Gipfelkreuz und weihte den Berg der georgisch-orthodoxen Kirche. Leider gibt es keine weiteren Augenzeugenberichte, weil er die letzten 3000 m im Alleingang bewältigen musste, da ihn seine völlig erschöpfte Mannschaft auf einer Felsklippe im Stich gelassen hatte. Im Jahre darauf stellte Patelasvili einen umfangreichen Reisebericht von etwa 2000 Druckseiten mit Karten und Handskizzen fertig, der bei Brockhaus in Wiesbaden erscheinen sollte, etwa zur gleichen Zeit wie Nansens „In Nacht und Eis“ von seiner Polarexpedition mit der „Fram“. Doch leider kam es nicht dazu, da die Regierung in Berlin – wie es hieß auf persönliches Drängen des Kaisers – die Veröffentlichung verhinderte.

Es waren wohl militär-strategische Interessen, die es dem Kaiserreich angelegen zu sein schien, die Existenz des höchsten Berges Norddeutschlands, ja ganz Europas, mit seinen geostrategischen Potentialen weiterhin geheim zu halten. Es ist in Gerüchten die Rede davon gewesen, die Reichskriegsleitung im Ersten Weltkrieg in einer uneinnehmbaren Festung auf dem Ronnenberg zu platzieren. Wohl war es der ewige Wolkennebel und die Schwierigkeit auch für die eigenen Stäbe, das Hauptquartier, das auf keiner Karte eingezeichnet war, da der Berg bis dato noch nicht vermessen war, überhaupt zu finden, die Kaiser Wilhelm bewogen, von diesen Plänen Abstand zu nehmen. Auch die latente Preußenfeindlichkeit der Hannoveraner – welfische Widerstandszellen sollen in Ronnenberg, Gehrden, Benthe und Göxe existiert haben – war ein weiterer Grund, den Ronnenberg wieder in der Versenkung verschwinden zu lassen: heute wird von Ronnenskeptikern behauptet, dass dieser Berg tatsächlich versenkt worden ist und heute nicht mehr existieren soll. Prof. Raingold Mehraba von der Universität Clausthal behauptet tatsächlich, dass der Ronnenberg sich nur zu Beginn der alpidischen Faltung im Mesozoikum aufgetürmt habe und später vollständig abgetragen worden sei. Alle späteren Erzählungen verweist er in das Reich des Mythos.

Eine tragische weltgeschichtliche Konsequenz scheint die geglückte georgisch-armenische Expedition doch noch gehabt zu haben. Kaiser Wilhelm und der Militärstab schäumten vor Wut über die Beschämung, dass der höchste deutsche Berg nicht von den weltberühmten deutschen National-Alpinisten bezwungen wurde – dass diese noch nicht einmal seine Existenz zur Kenntnis genommen hatten, sei eine Schande für jeden aufrechten Deutschen, verkündete der Kaiser – sondern von kulturlosen Asiaten! Der Kaiser sah sich in seiner Warnung vor der Gelben Gefahr eindrücklich bestätigt. Als er dann hörte, dass der osmanische Sultan sich von diesen Grenzvölkern im Osten ebenfalls bedroht sah, bot er unverzüglich die Hilfe seiner Militärberater an, um die „armenische Frage“ ein für alle Mal zu lösen. Bis heute ist die Türkei für diese Hilfe noch dankbar.

Die armenische Minderheit in Europa nennt wegen der vergleichbaren Höhe und Form den Ronnenberg denn auch gerne den „deutschen Ararat“. In Georgien wurde der Triumph von Patelasvili nicht zur Kenntnis genommen, da der wachsende Einfluss des Zarenreiches im Kaukasus jede unabhängige wissenschaftliche Leistung verbot. Nur der armenische Exilschriftsteller Saroyan, der in Kalifornien lebte, schrieb einen Roman über Patelasvili, dessen Manuskript leider im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen ist. Der Forscher Patelasvili nahm als geduldeter Exilant in Deutschland zu Beginn des Ersten Weltkrieges ein tragisches Ende, als er völlig erschöpft zusammenbrach, nachdem er eine weitere alpinistische Großtat vollbracht hatte, indem er mit einem Anlauf ohne Pause den Rübenberg bei Neustadt bezwungen hatte. Seine Leiche wurde erst Tage später am Rande der Reichsstraße nach Wunstorf gefunden. Sein Grab ist verschollen.

Doch nun noch einige Fakten über den Ronnenberg, die der Verfasser mit großer Mühe aus eher trüben Quellen schöpfen konnte und die zu weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen Anregung geben sollen. Der Ronnenberg liegt zwischen Ronnenberg, Gehrden und Benthe und ist im Jahr nur wenige Sekunden zu sehen, da er sonst immer von einer massigen Wolkendecke verhüllt wird. Seine Höhe beträgt 6734 m über Normal Null, ein nicht authentischer Nebengipfel erreicht wohl die Höhe von 5989 m. Zwischen diesen Gipfeln liegen die Firnfelder des Roongletschers, der bis auf eine Höhe von etwa 3000 m herab reicht, im Zuge des Klimawandels sich jedoch auch immer weiter zurückzieht. Gerade an den Hängen und Klippen des Hohen Ronnenberges, wo viele kilometertiefe Höhlensysteme vermutet werden, die das Schmelzwasser des Roongletschers aufnehmen, findet sich eine einmalige und urtümliche Tier und Pflanzenwelt. Völlig unbekannt sind daher auch die in einer Höhe von etwa 4000 m auftretenden Wälder von Eisfarnen und Gletscherschachtelhalmen aus der botanischen Familie der Glacophilen, die nur im Frostbereich gedeihen und wohl Hauptnahrungspflanzen der Chinyetis sind, weil sie beim Nagen so schön knuspern und knirschen. Abends wenn die Chinyetis erwachen, soll in diesen Wäldern ein Höllenlärm herrschen, den man am Fuße des Berges nur daher nicht hören kann, weil er von den dichten Wolkenbänken verschluckt wird.

Der Name Ronnenberg weist auf mythische Ursprünge zurück, die ihre Wurzeln wohl schon in vorchristlicher Zeit haben. Nicht überlieferte Dokumente sprechen im zwölften und dreizehnten Jahrhundert von einem „Rouwen Barg“. Sprachhistorisch ist Rouwen (Ruhfen, r’Ûtveen) verbunden mit dem heutigen rau (rauh), hat aber eine andere Konnotation, da es wohl eher „wild, gefährlich, unbändig, teuflisch“ bedeutete, wie es sich in der Bezeichnung „Rauhe Nächte“ und „Rauhe Reiter“ seit dem Mittelalter ausdrückt. Daher ist die Vermutung nicht abwegig, dass der Mythos von den „Rauhen Reitern“, die zwischen Weihnachten und Neujahr die Christenheit bedrohen, ursprünglich zurückzuführen ist auf das erschreckende Auftreten der Chinyetis in Ronnenberg.

„Goddes fluch leiht över rohnneburg. Mensken ut rohnneburg sinne hartherzg un verdamet. De frouven havet finstre bärte, de mansken fluchet all de tag.“ Wahrspruch aus dem „Gehrdener Epistelbuch“ von 1395. Bis heute glaubt man in Benthe, so wurde mehrfach kolportiert, dass nachts langbärtige Ronnenbergerinnen auf dem Benther Berg gesehen wurden, die Giftpilze für ihr Familienfrühstück sammeln, da sie glauben, dass ihre Kinder dadurch stark und sportlich werden. In Ronnenberg selbst ist aber anscheinend von dieser Sage nichts bekannt. Interessant ist dabei die mythengeschichtliche Perspektive, in der traditionelle Ortskonkurrenzen ihre alten Wurzeln erkennen lassen.

In Ronnenberg selbst hat sich ein abergläubisches Ritual erhalten: Jeder Linienbus, der durch Ronnenberg fährt, muss an der „Langen Reihe“ – der Name ist aus mythenkundlicher Sicht schon aufschlussreich genug – einmal um eine heilige Baumgruppe herum fahren, um sich vor Unfällen und Pannen zu schützen. Oft kommt es dabei zu Staus und auch gewagten Vorbeifahrmanövern, die zeigen, dass vielen Busfahrern, die nicht selbst aus Ronnenberg stammen, der Sinn für das uralte Tabu nicht mehr geläufig ist. So ist zu erwarten, dass Ronnenberg in ferner Zukunft auch einmal ein ganz normaler Wohnort werden wird. Bis dahin werden aber viele Reisende und Besucher eher froh sein, wenn sie Ronnenberg hinter sich gelassen haben, ohne den Ronnenberg gesehen zu haben oder dem Chinyeti begegnet zu sein.

Gerhard Voigt, Ronnenberg, 30. Mai 2007

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