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Skandinavien Impressionen –
Reise-Essays 1983
Für unsere Freunde zur
Weihnacht 1984
Perspektivismus
Ist ein
anderes Wort
Für seine
Statik:
Linien
anlegen,
sie
weiterführen
nach
Rankengesetz –
Ranken sprühen –,
auch
Schwärme, Krähen,
auswerfen in
Winterrot
von
Frühhimmeln,
dann sinken
lassen –
du weißt –
für wen.
(Gottfried Benn: Statische Gedichte)
Linien
anlegen: eine gedachte Linie, ein Meridian, führt nach Norden,
schneidet eine öde Felsküste, Nordkap – der nördlichste Punkt Europas auf
der norwegischen Insel Magerøy. Es entsteht ein geographischer Ort, der
seine Bedeutung einer Idee und der Imagination verdankt.
Orte,
die einer Idee materielle Gestalt verleihen, sind oft symbolische Orte,
mythische Orte, Orte des Übergangs.
Mythische
Orte haben geistige Bedeutung, religiöse Symbolkraft erlangt. Ihre
historische Bedeutung folgt streckenweise der mythischen Wegbestimmung:
Jerusalem, Ort des eschatologischen Übergangs in das „andere,
goldene Jerusalem“ der Endzeit, Ort des Fluges Muhammads durch die Sphären
des Himmels; Esfahan – „die halbe Welt“ hinter den Spiegeln, die
Suhrawardy erblickte – Ort des Übergangs in die reine, lichte
Transzendenz.
Orte der
Abstraktion: in denen sich eine Idee ausdrückt, in der der Schatten
auf der Wand der Höhle sinnliche Erfahrung wird. Sie symbolisieren den
möglichen Übergang zurück von der sinnlichen Erfahrbarkeit der Welt zu
den abstrakten Ordnungsstrukturen: Extremorte, Randorte, Höhe und Tiefe,
Länge und Breite, Meridiane, astronomische Ordnungen, Pole. Beim Besteigen
extremer Berghöhen, beim Herablassen in Meerestiefen, beim Folgen der
Landzungen hinaus in die Weite des Ozeans, in der äußersten Erstreckung
der Kontinente in die Himmelsrichtungen: Landsend, Kap der guten Hoffnung,
Nordkap, wird ein mystisches Bewusstsein den Zugang zu den inneren Kräften
der Natur suchen. Das rationale Bewusstsein sucht hier die unmittelbare
Begegnung mit der Grenze, die gleichzeitig Symbol der allgegenwärtigen
Begrenztheit und Endlichkeit, wie der Grenzüberschreitung, der Idee der
Unendlichkeit ist. Die unaufhebbare Grunddialektik menschlichen Denkens,
gleichzeitig Endlichkeit und Unendlichkeit denken zu müssen, und beides
nicht verstehen zu können, symbolisiert sich hier am geographischen Ort.
Wir sind auf der Suche nach der Erfahrbarkeit der Idee.
Immer wieder hat es Menschen an diese Grenzen
gezogen, auch wenn sie den besonderen Charakter des symbolischen Ortes
eher unbewusst erahnen, durch ihre Kultur vermittelt bekommen haben, denn
ihn unmittelbar erleben. Auch wir stehen nun auf dem kahlen Felsen des
Nordkaps. Es ist der 18. Juli 1983. Wetter: trüb, regnerisch, Nebel. Die
Konturen über dem Nordmeer zerfließen. Hier und da ein Durchbrechen
einzelner Sonnenstrahlen, daneben ein Schleier verwehter Regenschauer. Die
modernen Vorrichtungen für den Tourismus, Zaun, Andenkenshop, Restaurant,
Post, machen den kargen, unzugänglichen Charakter dieses Felsens eher noch
deutlicher. Hier müsste es jedem Reisenden klar werden, dass er nicht
wegen dieses kahlen Felsens, einem unter vielen – der unzugängliche
Nachbarfelsen Knivskjellodden reicht sogar, wie neuere Messungen ergaben,
ein paar Meter weiter nach Norden –, die weite Reise in den Norden
unternommen hat. Nicht dieses ungastliche Niflheim im Norden: hier
blicken wir in das düstere, ungestalte, kalte und feindliche Unbekannte.
Und doch ist dort oben im Norden eine fremde, eisige Welt, die immer
wieder Geographen und Abenteurer verlockte, die Grenzen des Kontinents zu
überschreiten, Nordkap zu verneinen, die eigene Perspektive weiter zu
ziehen.
Wir gehen heute nur bis zu dieser Grenze, die
für uns Grenze und Ziel unserer Reise zugleich ist. Meine Gedanken gehen
zurück zu einer Reisebeschreibung, die sich seit meiner Kindheit begleitet
hat: Fast auf den Tag neunzig Jahre zuvor, am 15. Juli 1893, fuhr ein
kleines, unscheinbares Schiff um das Nordkap, kam in der Nacht darauf in
einen Sturm, um dann drei Jahre den zwölf Männern der Polarexpedition von
Fridtjof Nansen Transportmittel und Heimat in Nacht und Eis zugleich zu
sein: die „Fram“. Denkwürdig war diese Fahrt nicht nur wegen ihres
wissenschaftlichen Ertrages, wegen ihrer methodischen Konsequenz, die
Vorbild für eine neue, rationale geographischen Forschens wurde,
denkwürdig war sie vor allem auch durch die Person Nansens, der über die
Wissenschaft hinaus die philosophischen und humanistischen Hintergründe
seiner Arbeit erkennen und vermitteln konnte, deutlicher als die Mehrzahl
anderer zeitgenössischer Geographen und Entdecker. Diese menschliche
Substanz ermöglichte es ihm später, zu einer Schlüsselfigur für die
Versuche zu werden, eines der tragischsten Probleme unseres Zeitalters,
dem Strom der Flüchtlinge in aller Welt aufzufangen, ins Bewusstsein der
Öffentlichkeit zu bringen: Völkerbundkommissar, Beauftragter seines
Landes, Botschafter der Menschlichkeit. Die heutige Pervertierung des
Asylrechtes in Deutschland zeigt, wie wenig von den Impulsen Nansens noch
heute in praktische Politik umgesetzt wurde, ganz abgesehen davon, dass
die Zahl der Fluchtanlässe, der Vertreibungen eher wächst als abnimmt.
Nansen ist für uns Heutige Mahnung und Aufforderung zu menschlicheren
Alternativen in der Politik, die auch verwurzelt sind in dem Wunsch nach
Naturerkenntnis und Naturerfahrung. Sind hier nicht auch Rousseausche
Ansätze sinnvoll aufzugreifen?
So fuhren wir denn, meistens bei schönem
Wetter, seltener in Regen und Nebel, zwischen Sunden und Inseln hindurch
längs der Norwegischen Küste mach Norden. Welch herrliches Land! Ich
möchte wissen, ob es in der ganzen Welt ein Fahrwasser gibt wie hier.
Unvergesslich sind diese Morgenstunden, wenn die Natur aus ihrem
Schlummer erwacht, Nebelheim weiß und silberglänzend auf den Bergen liegt,
deren Gipfel wie Meeresinseln darüber emporragen! Dieser strahlende Tag
über den weißen, schimmernden Schneebergen! Und dann die Abende mit
ihrem Sonnenuntergang und dem bleichen Monde, Berge und Inseln schweigend
und träumend wie ein Sehnen der Jugend. Hin und wieder geht es vorüber an
freundlichen Gärtchen und Häusern, von grünen Bäumen lachend umgeben.
Ach, wie wecken sie wieder die Sehnsucht nach Leben und Wärme.
(Nansen: In Nacht und Eis)
Vom kargen Norden kommend, fahren wir die
Küste entlang nach Süden, die Vielgestaltigkeit der norwegischen
Landschaft in uns aufnehmend, hier wo Meer und Land sich durchdringen, wo
Klarheit der Form und Nebel, Licht und Schatten in einem unendlichen
Spiel miteinander verwoben sind. Nansens Bild Norwegens begleitet mich,
wie seine Schilderungen selbst, seit ich als Junge zum ersten Mal „In
Nacht und Eis“ voller Begeisterung und Identifikation in mich aufgenommen
hatte, immer wieder bin ich zu dieser Reisebeschreibung zurückgekehrt, die
im Laufe der Zeit fast zum Archetyp für Wissenschaft wurde. An äußerer
Dramatik fehlte dieser Reise fast alles, was sonst Abenteuerbücher
spannend macht. Aber nicht nur Glück kennzeichnet den erfolgreichen
Ausgang, sondern die ruhige, sichere und kompetente Vorbereitung und
Durchführung, die Klarheit, in der die Risiken benannt und damit
beherrschbar gemacht werden, Mut an Stelle von Waghalsigkeit. Ohne diese
beherrschte Grundhaltung ist auch Glück unmöglich. Dafür tritt um so
stärker die innere Dramatik des Entdeckens, ungestört von Katastrophen und
Angst, in den Vordergrund. Der Erkenntniswille, der die Verantwortung des
Menschen mit einbezieht, ist das ethische Grundmotiv geographischer
Arbeit.
Eine Fahrt nach Skandinavien ist für sich auch
eine Konfrontation mit meiner inneren Biographie. Ich habe sie lange
aufgespart. Meine andere Aktivität, meine wissenschaftliche Arbeit fand
ihr Feld im Süden, in den Wüsten und Oasen Nordafrikas und des Nahen
Ostens. Auch hier eine Lebensform, die in die deutlich sichtbaren Zwänge
und Gefahren der natürlichen Umwelt eingeschrieben ist, in der Armut und
Reichtum, Land und Stadt, Tradition und Revolution aufeinander treffen und
die Polarität der menschlichen Existenz ins Bewusstsein rufen, Norden und
Süden – zwischen diesen beiden Orientierungen fand ich den Weg zur
Geographie. Greifen wir nun den alten Impuls Nansens auf und wenden uns
dem unbekannten Land im Norden zu, das mir doch so vertraut erscheint,
weil es in meiner Phantasie immer lebendig war.
Der Sinn einer solchen kurzen Ferienreise kann
nicht die Suche nach neuen geographischen Erkenntnissen sein, ja kaum die
Hoffnung, eigene Erfahrungen suchen zu können, die über spontane,
ungeordnete Erlebnisse hinausgehen. Wenn ich unter bestimmten Bedingungen
einer „Übersichtsexkursion“ das Wort rede, dann aus zwei Gründen, die
sich eher auf das Subjekt des Reisenden, denn auf das Objekt der Reise
richten: Überprüfen, wie weit Vorstellungen und Bilder noch von der
–Realität geleitet sind und der Phantastik entbehren können, wie weit sie
auf Anschauungen zurück geführt werden können, wie weit sie als
Abstraktionen und Wertungen aus anderen Quellen als der Anschauung
gespeist werden; konfrontiert werden mit der Gruppenerfahrung, dabei
Maßstäbe finden für die Reaktion des Menschen auf die Umwelt, die
Erfahrung diskursiv zu verarbeiten; konfrontiert werden auch mit den
Grenzen, mit der subjektiven Begründung der Idee, mit der Idee des Reisens
selbst, der Ortsveränderung, der Entfernung, der Maßstäbe und der
Grenzüberschreitung.
Die Reise ist ein Durchmessen der
geographischen Orte, geleitet von der Idee dieses Ortes mit dem Ziel,
Grenzen zu erfahren, um die Möglichkeit zu erkunden, Grenzen zu
überschreiten.
Die Reise in einer Gruppe bezieht die
Reiseplanung und die Reisedurchführung ein in ein kompliziertes Geflecht
von Kommunikation und Interaktion der Reiseteilnehmer. Neue
Erfahrungschancen und Objektivierungsmöglichkeiten werden dabei gefunden.
Im Frühjahr 1982 kündigte ich meinen Reiseplan
durch Aushang in der Schule
an. Die Grundkonzeption stand damit schon fest. Im Verlauf der
Vorbereitung kam dann eine Gruppe von acht schulischen Teilnehmern und
meiner Familie zusammen. Erleichtert wurde die Vorbereitung vor allem
dadurch, dass schon bald mit Joachim Dallwig ein bewährter Teilnehmer der
großen Afrikafahrt 1981 dazu stieß, dem ich aus der gemeinsamen Erfahrung
dieser zugleich schwierigeren und außerordentlicheren Fahrt und dem daraus
entstandenen Vertrauen heraus einen großen Teil der konkreten
Reisevorbereitung überlassen konnte, die er umsichtig und engagiert und
mit konstruktiven eigenen Ideen durchführte. Dazu gehörte auch die
konkrete Ziel- und Terminplanung, die dann in den gemeinsamen
Gruppensitzungen beschlossen wurde. Wir entschlossen uns wegen des
geringeren technischen Risikos und bei Vorlage eines günstigen
finanziellen Angebotes, die beiden VW-Busse diesmal nicht zu kaufen,
sondern anzumieten. Die wesentliche Ausweitung des ursprünglichen
Konzeptes wurde durch ein besonders günstiges Fährtarif-Paket (das
„Finnland ticket“) ermöglicht, als wir beschlossen, von Stockholm aus über
Finnland in den Norden zu fahren. Einige unserer wichtigsten Erlebnisse
wurden durch diesen Umweg erst möglich, obwohl der zeitliche Rahmen
dadurch bis aufs äußerste angespannt wurde und uns keine Luft zum
Verweilen an wichtigen Orten der Reise mehr blieb.
Die bewährte Grundidee bei der Vorbereitung
war, möglichst viele Reiseentscheidungen schon vor der Abreise zu treffen,
die Ausrüstung möglichst vollständig bereit zu halten und die gesamte
Route so genau wie möglich vorzuplanen, damit kritische Punkte bis hin zur
finanziellen Kalkulation vorher bekannt und daher nicht im Gelände selbst
konfliktträchtig wurden. Das so genannte „Abenteuer“ ist in den meisten
Fällen nur Ausdruck von Schlamperei, Leichtsinn und Unfähigkeit und nicht
wert, erlebt zu werden, da es keine positiven Erfahrungen vermitteln kann.
Eine gut organisierte Reise vermittelt weitaus mehr Lern- und
Erfahrungsmöglichkeiten und lässt Zeit, die Aufmerksamkeit auf das
Wesentliche zu lenken.
Daher ist eine gut aufeinander eingestellte
Gruppe eine positive Voraussetzung zur Bewältigung und Aufarbeitung von
Problemen. Unsere Gruppe war in dieser Hinsicht sicher nicht so
reibungslos und unproblematisch, wie zwei Jahre zuvor die Afrika-Gruppe.
Der Grund liegt einmal in der größeren altersmäßigen Spannweite und zum
anderen in der sozialpsychologischen Komplikation, dass durch die
Familienbindung eine Art Sonder- oder Untergruppe entstand, die nicht
konfliktfrei in den Gesamtrahmen eingepasst werden konnte. Zu geringe
Erfahrungen bei solchen Reisen auf Seiten der Familie wie der übrigen
Teilnehmer taten ein Übriges, Vorbehalte und Separationen hervortreten zu
lassen. Doch glaube ich, dass die meisten Teilnehmer dennoch einige
Sozialerfahrungen aus dieser Reise gewinnen konnten, ebenso wie die
Erfahrungen der Reise selbst. Dass ich selbst nicht gerade der beste
Integrationsfaktor in einer Problemsituation, trotz meiner
Alltagsprofession, merke ich immer wieder: zu große Distanz,
Konfliktscheu, aber auch eigene Empfindlichkeiten erschweren es mir,
außerhalb sachlich motivierter Arbeitszusammenhänge soziale Beziehungen
ohne Vorbehalte einzugehen.
Hier erleichterte die größere äußere Schwierigkeit der Nordafrikafahrt,
in die ich Erfahrung und geographische Kompetenz einbringen musste, die
Identifikation der Gruppe mit dem gemeinsamen Ziel, damit auch die
soziale Integration. Eine Skandinavienfahrt ist dagegen eben doch eher
üblicher Tourismus und keine solche Herausforderung an den Einzelnen.
Aber sehen wir die Fahrt nicht nur kritisch: Wichtige Eindrücke und
Erfahrungen wurden vermittelt. Der Kontakt der Gruppe ist auch nach der
Fahrt nicht abgerissen; gemeinsame Dia- und Filmvorführungen sind
zusätzliche angenehme Erfahrungen.
Die Entscheidung, keine Wagen zu kaufen,
sondern zu mieten, hat sicher einige technische, vielleicht auch
finanzielle Vorteile gebracht, vor allem wenn man das Risiko bei eigenen
Wagen mit einbezieht. So hatten zumindest VW-Busse neuster Bauart, einer
mit Benin- einer mit Dieselantrieb. Letzterer Wagen hatte leider einige
technische Mängel, nicht nur in der typbekannten Untermotorisierung,
sondern auch bei anderen Fahrfunktionen. Am meisten belastete uns aber in
der zweiten Hälfte der Fahrt der Zustand von zwei Reifen, deren Lauffläche
sich – wohl durch eine versteckte Beschädigung aus vergangener Zeit –
langsam löste und gefährlich ausbeulte. Erst in Oslo, nach längerer
Strecke vorsichtigen Fahrens in Norwegen, konnten zwei neue Reifen auf
Kosten des Vermieters beschafft werden. Größere Unfälle hatten wir Gott
sei Dank während unserer Fahrt nicht. Kleinere troubles waren bald
behoben und ohne weitere Folgen, so eine feste und heiße Bremse bei meinem
Waren bei Jonköping in Südschweden und der Verlust eines Außenspiegels in
Helsinki, der uns etwas Zeit kostete, da die Versicherung auch bei
Bagatellschäden ein polizeiliches Protokoll verlangt. Das ruft in
Finnland, wo unbürokratischer gehandelt wird, einige Verwunderung hervor,
wie wir später, bei einer kleinen Tankstellenkarambolage mit Blechschaden
beim andren PKW durch Joachims Wagen wieder feststellen mussten. Am
kritischsten war es noch bei der Rückfahrt vom Gletscher Svartisen in
Mittelnorwegen, als ein entgegen kommender Trecker den vorausfahrenden
Wagen von Joachim in den Straßengraben drückte. Er konnte so zwar schnell
wieder auf die Straße gezogen werden, bis aber Sand und Steine wieder aus
den Bremsen der Vorderachse entfernt waren, kostete es Zeit, Mühe und auch
einige kleinere Verletzungen bei den Amateurtechnikern. Ansonsten sahen
einige Situationen gefährlicher aus als sie waren: enge Straßen mit
Gegenverkehr im Norden, Schlammpisten bei Nieselregen in Norwegen,
mehrfaches Verfehlen des rechten Weges… alles weiter keine bleibenden
Probleme und für den Verlauf der Fahrt nicht weiter wesentlich. So
verlassen wir nun das Alltagsthema Auto für unsere weiteren Ausführungen
– dass wohl bei allem unbestreitbaren Nutzen für eine solche Fahrt ein
technisches Gerät zum unerschöpflichen Ärger des Benutzers sein soll – und
wenden uns interessanteren Aspekten unserer Fahrt zu.
Ein Aspekt soll nur als Stichwort hier
auftauschen: die Staatsgrenzen. Hinfahrt und Rückfahrt boten reichliche
Eindrücke von Grenzkontrollen wie auch von Fährüberfahrten. Aber – so
drängt sich der Gedanke auf – kann nicht in einem vereinten Europa, könnte
nicht in einer friedlicheren Welt die politische Grenze an Bedeutung
verlieren, wie es der völlig freie Verkehr zwischen den skandinavischen
Ländern schon heute vormacht? Die ganze Perversion nationalstaatlichen
Abgrenzungsbemühens tritt einem vor Augen, wenn man im gleichen Jahr nach
Polen durch die Deutsche Demokratische Republik oder nach Ungarn durch
Österreich gefahren ist, wie ich es 1983 erleben konnte!
Wachstum und Vervielfältigung waren sowohl
Beweis für diese allgemeine Neigung zu monopolistischer Konzentration als
auch die Mittel zu deren Herbeiführung. Selbst in den schläfrigsten
Provinzstädten nahm das institutionelle Leben immer mehr die Gestalt der
Metropolen an. Die Götzen der Machtpolitik, die wüsten Orgien des
Nationalismus, das allgemeine Einnehmen der kommerziellen und kulturellen
Standardwaren aus der Hauptstadt sowie die schamhafte Verbannung örtlicher
Erzeugnisse waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast allenthalben
anzutreffen…
Dieses negative Bild großstädtischer
Organisation enthält nicht, wie ich betonen möchte, die ganze Wahrheit.
Man muss das, was während der letzten hundert Jahre geschehen ist und was
uns heute so schrecklich bedroht, nicht nur nach den Wandlungen
beurteilen, die tatsächlich eingetreten sind, sondern auch nach den vielen
Möglichkeiten, die jene auf lange Sicht aufwiegen und das ganze Leben auf
ein höheres Niveau heben können.
(Lewis Mumford: Die Stadt)
Die Einfahrt in die heutigen Großstädte über
Tangenten und Autobahnzubringer macht diese austauschbar, verwechselbar,
entkleidet die Stadt ihrer Individualität. In immer neuen Abzweigungen
nähern wir uns Stockholm. Ein kurzer Augenblick: von einem kühn
geschwungenen Brückenbogen ein Blick auf Wasserflächen, Häfen, Schären und
Stadt. Auf welcher Seite befinden wir uns gerade? Die Orientierung an
Wegweisern hinterlässt die große Orientierungslosigkeit in der
Stadtlandschaft. Ist das alles schon die Hauptstadt, Stockholm? Zunächst
fahren wir an der Stadt vorbei, zum Campingplatz im Norden. Nur ein
Eindruck von der Fläche dieser städtischen Agglomeration.
Irgendwie wirkt die ganze Einfahrt zur Stadt
unfertig, provisorisch: Helsinki, vier Tage später. Auch hier die
in die Landschaft ausgreifende Stadt; nein, es sind mehrere Städte, die
längst zusammengewachsen sind. Eine übersichtliche Struktur des Raumes
ist nicht zu erkennen. Keine Unverwechselbarkeit, Helsinki oder anderswo?
Stockholm ist eine alte Stadt. Als Hanse- und
Handelsstadt konnte sie erst im letzten Jahrhundert den Rang endgültig der
alten, adligen und vornehmen Kultur- und Wissenschaftsstadt Uppsala
ablaufen. Um die Wurzeln Schwedens zu suchen, teilte sich die Gruppe am
ersten Tag in Stockholm: Ich fahre mit meiner Familie weiter nach Uppsala.
Heute ist Uppsala eine Provinzstadt mit einer
großen Vergangenheit. Überall trifft man auf Erinnerungen, doch geht das
aktuelle Leben oft vorbei und hinterlässt nur die üblichen Spuren in der
Stadt: Verkehrsprobleme, Stadtrandsiedlungen, Sanierungsbemühungen.
Seit dem großen Brand 1702 steht von dem
Schloss, das die Stadt markant sichtbar überragt, nur noch ein Torso. In
der Folge zog sich der Hof aus Uppsala zurück nach Stockholm. Dies
bedeutete den Verlust der feudalen Wurzeln der Stadtkultur. Universität
und Wissenschaft lassen einen Absturz ins Unbedeutende noch vermeiden:
Die Gräber von Linné, Swedenborg und Söderblom im Dom, neben den Gräbern
der Königsfamilie, Gustaf Vasa, Katarina Jagellonica, Erik der Heilige,
beweisen das. Doch ist der Rückzug in den wissenschaftlichen Elfenbeinturm
nicht immer zu verhindern, während Stockholm als Nachbarstadt
unschätzbare Wachstumsimpulse empfängt und zur wichtigsten Stadt des
Ostseeraumes emporsteigt. In Uppsala wird sichtbar, warum in anderen
skandinavischen Ländern den Schweden oft Dünkel und Hochmut vorgehalten
wird. Sind diese doch die Kehrseite einer tatsächlich glanzvollen
kulturellen Blüte, die bis in die eigenständige Entwicklung der
schwedischen Sprache hinein zu erkennen ist, die elaborierter, mit mehr
Fremdwörtern durchsetzt ist, als die eher volkstümlichen Idiome Norwegens
oder Dänemarks. Die Gunillaglocke am Schlosseingang von Uppsala ist heute
nur noch Denkmal, keine Mahnung, kein Alarm, kein Symbol der Wachsamkeit
mehr.
In Stockholm offenbart sich der
Widerspruch vieler alter und heute noch lebendiger Großstädte deutlich.
Ist der Stadtkern auch historische Wurzel und Keimzelle der
Stadtentwicklung, repräsentieren sich in ihm die vielfältigen
Stadteigenschaften und Standortqualitäten, die die Stadt groß werden
ließen, verbinden sich mit ihm auch die Gefühle und Identifikationen der
städtischen Bewohner, ist er heute doch oft Fremdkörper, Anachronismus
oder museales Relikt, geliebt aber nicht benötigt. Oder benötigt die Stadt
auch heute einen solchen eher irrational zu fassenden, als moderne City
nicht sehr brauchbaren Kern? Die Altstadt, auf ihrer Insel abgeschlossen,
ist schön. Das ist mehr als man von vielen anderen Metropolen sagen kann.
Doch der funktionale Zwiespalt wird deutlich sichtbar. Die Verschränkungen
mit der Stadtlandschaft am Rande, Verkehrsknotenpunkt Slussen,
Schlossbezirk, innerstädtische Hafenanleger, lassen die Altstadt noch
immer als intakten, lebendigen Stadtteil erleben. Einige Straßen weiter
ins Innere hinein stellt sich aber schnell die Frage: Was existiert hier
noch aus eigener Kraft, was ist liebevoll für den Touristen geschaffene
Kulisse? Die Grundsatzkritik an die rückwärts gewandte, sentimentbezogene
Stadtplanung unserer Jahre mit ihren künstlichen Fassaden und Refugien,
scheinbar alten formalen Versatzstücken und ihrer ungebremsten
Kitschproduktion, die vor einiger Zeit Werner Durth als „Inszenierung der
Alltagswelt“ neu ins Bewusstsein gerufen hat, muss auch als prüfender
Maßstab an die scheinbar heile Welt der Stockholmer Innenstadt angelegt
werden.
Kulturgeschichtlich interessant war auch der
Besuch auf der „Vasa-Werft“, wo das vor einiger Zeit gehobene ehemalige
schwedische Flaggschiff „Vasa“, das 1628 kurz nach dem Stapellauf gesunken
war, eine jahrzehntelange Rekonstruktions- und Konservierungsphase
durchzumachen hat. Schwedens neuzeitliche Seegeltung wird dabei
augenfällig, wie der kritische Blick auf die sozialen Verhältnisse dieser
Zeit, die sich bei der Momentaufnahme auf das Leben an Bord zur Zeit der
Katastrophe offenbaren. Für Mannschaften und Werftarbeiter, für den
einfachen Soldaten eine harte, grausame, an der Willkür der Herrschaft
orientierte Lebensform voller lebensbedrohender Gefahren und voller Leid.
Die begleitenden Ausstellungen in Stockholm geben darüber sinnfältige
Auskunft. Für uns war dieser Tag durch seine Hitze – Mittags stieg die
Temperatur weit über 30°C! – eine Belastungsprobe. Die Vasa-Werft bot
keine Erfrischung, im Gegenteil, der Schiffsrumpf wird in noch wärmerer
und dabei sehr feuchter Luft konserviert. Allzu lange hielten wir es dann
in diesem Gebäude doch nicht aus. Einige unserer angeblich so starken
Mitstreiter erschlafften wie alte Fliegen an der Wand in der Mittagshitze.
Ihnen fehlte eben doch die echte Tropenerfahrung! Am nächsten Tag,
gemütlich und ruhig die elfstündige Überfahrt auf der „Svea Corona“ nach
Turku genießend, konnten die verlorenen Energien aber wieder zurück
gewonnen werden.
Auch in Finnland wiederholt sich die
Geschichte von der Städtekonkurrenz. War die alte Hauptstadt Finnlands
Turku, eine schwedisch geprägte Mittelstadt, der wir auf einer allzu
kurzen Durchreise keine Zeit widmen konnten, noch traditionsorientiert, so
verlagerte die neue Hauptstadt Helsinki die Entwicklungsakzente der
Landesentwicklung. Die Geschichte Finnlands ist die Suche nach der eigenen
Identität. Wie die Ungarn von ihrer asiatischen Herkunft her in Sprache
und Volkskultur eher Außenseiter der europäischen staatlichen Entwicklung,
brauchten auch die Finnen lange Zeit, um ihren Platz in der europäischen
Völkergemeinschaft zu finden. Die politischen Ressentiments, die sich
aktuell z.B. in dem Begriff der „Finnlandisierung“ ausdrücken, haben
unterschwellig sicher noch zu tun mit Vorurteilshaltungen gegenüber diesem
Volk.
Helsinki ist dreimal gegründet worden. 1550
versuchte Gustav I. Vasa etwas abseits vom heutigen Stadtzentrum die
schwedischen Siedler Südfinnlands in einer Art Kolonialstadt
zusammenzufassen. Aus wirtschaftlichen Gründen, um den Ostseehafen
ausbauen zu können, wurde die Stadt zum heutigen Platz verlegt. Aber immer
noch war die Stadt unbedeutend. Ein Großbrand 1808 leitete einen neuen
Abschnitt der Geschichte ein. Als Großstadt „aus der Retorte“, nach
klassizistischen Baumustern von Ehrenström und Engel neu errichtet, wurde
Helsinki 1912 zur Hauptstadt. Noch heute merkt man jedoch deutlich den
künstlichen Charakter der Stadtgründung. Fassadenhaftigkeit und
unorganische Strukturen verleihen der City etwas Unwirkliches,
Gekünsteltes, das zusammen mit den sichtbaren Lebensformen dieser Stadt
auch einen provinziellen Eindruck vermitteln kann.
Ein Blick vom Turm des Olympiastadions
vermittelt noch einen weiteren Eindruck: kaum noch abzugrenzen ist diese
Stadt, die als Ballungsraum weit deutlicher ökonomische Zentralität
repräsentiert als es der städtebauliche Zustand der Innenstadt dem
Besucher vermitteln kann. Doch überall lassen sich auch noch die zu Grunde
liegenden natürlichen Landschaftsstrukturen erkennen. Buchten und
Wasserflächen greifen über in Schären und Inseln, Landzungen und
aufragende, flache Felskuppen – begriffliche Widersprüche, die doch nur
das widersprüchliche Bild dieser Stadt kennzeichnen sollen.
Finnland liebt seine Felsen. Ist diese
Verbundenheit mit dem Untergrund, die Festigkeit, noch rational zu fassen?
Immer wieder stoßen wir im Stadtgebiet auf abgegrenzte Felsareale, die
sorgfältig in die Wohn- und Straßenlandschaft einbezogen werden. In der
Neubausiedlung Tapiola, dort wo sogar der hügelige Landschaftscharakter
liebevoll betont wird, sind Felsen die Zentren, um die sich die
Wohnanlagen gruppieren, die in Brunnenanlagen verwandelt werden, die als
Kinderspielplätze dienen. Noch eindrucksvoller ist aber in der Innenstadt
die Felsenkirche. Mitten in einem Wohngebiet als Gemeindekirche in einen
anstehende Felskomplex herein gesprengt und mit einer Beton- und
Glaskuppel fast in Bodenhöhe überwölbt, findet sich in ihr die Ruhe zur
Einkehr und ein zauberhaftes Licht, das von oben einfällt, und verwandelt
und kultiviert dennoch die Beziehung zur Natur betont. 1969 wurde diese Tempelisukiokirkko fertig gestellt. Sie wurde für mich zum
eindrucksvollsten Erlebnis in Helsinki.
Die weite
Welt:
Ein Staubkorn
im Raum.
Die ganze
Weisheit der Menschen:
Worte.
Die Völker,
die Tiere und die Blumen der sieben Länder:
Schatten.
Das Ergebnis
lebenslanger Meditation:
Nichts.
(Omar Chajjam)
Sind die nachdrücklichen Erlebnisse von
Stockholm und Helsinki noch Ergänzungen und Erweiterungen unserer
mitteleuropäischen Erfahrungen, schiebt sich nun bald eine andere
Dimension des Erlebens ein. Würde man nur sagen: das Erlebnis der Natur,
man würde zu wenig sagen; wenn auch die Natur ihren Rahmen für das
Erlebnis der Schären und dann der Wälder abgegeben hat. Die eigentlichen
Erlebnisse liegen aber in uns selbst. Nur das sehen wir, was schon in uns
angelegt ist. Die Natur, die sich nicht aufdrängt, die sich entzieht in
ihrer Weite und Unüberschaubarkeit, wirft uns auf uns selbst zurück. Das
kann geschehen in der Flucht in die Alltäglichkeit, in die alltäglichen
Sorgen um Auto und Proviant, Selbstschutz durch Banalität; das könnte
geschehen durch romantische Entrückung und Entäußerung. Uns heutigen liegt
dieser Weg nicht mehr so nahe, wenn man nicht noch so jung ist, dass die
Strömungen des Zeitbewusstseins die Naivität noch nicht hinweggespült
haben. Ein anderer Weg soll hier gemeint sein: Sich selbst zu beobachten
als Sehenden und Erfahrenden.
Die Schärenlandschaft zwischen Schweden und
Finnland gibt erst eine leise, fast unhörbare Einstimmung. Der „Luxusweg“
der Erfahrung auf dem im Sonnenschein leise dahingleitenden Fährschiff
versteckt mehr, als er offenbart. Für viele Passagiere ist es Schlaf,
Sonnenbad und Gesellschaftsspiel, Essen und Kontakt, was den Blick kaum
einmal über die von der Reling abgeschlossene Welt an Bord hinaus
abschweifen lässt. Doch dort geschieht Bemerkenswertes: Stunde über Stunde
gleiten die dunkel bewaldeten Schären vorbei. Zunächst noch hölzerne
Häuser mit Landungsstegen. Dann oft unbewohnt. Auch die Segler werden
weniger.
Ein unermessliches Labyrinth von Meeresarmen
und Fahrwassern, auf denen die Sonne sich spiegelt. Seltsame, unwirkliche
Farben. Das Gefühl für Raum und Zeit geht verloren, man lässt sich
treiben. Unmerklich fast der Sprung zu den Åland-Inseln: auch sie Schären.
Zwischendurch einige ganz kleine, kahle Felsinseln; ein Leichtfeuer am
Beginn der finnischen Hoheitsgewässer; dann wieder Waldinseln; kleine
Boote dümpeln in lagunenähnlichen Felsbuchten. Eine Viertelstunde
Aufenthalt in Mariehamn; eine fast ununterbrochene Folge von Fährschiffen
nach Schweden und nach Finnland erreicht über den Tag die Hauptstadt der
Inselgruppe, fast wie ein innerstädtischer Straßenverkehr. Kaum
vorstellbar, wie es hier in Schnee und Eis im Winter aussieht, wie
abgeschlossen dann diese Welt wird.
Am Abend erreichen wir Turku. Mehr als vier
mal so weit ist dann der Weg durch die finnländischen Wälder nach Norden,
die wir dann in der darauf folgenden Woche durchqueren. Am 12.07. schreibe
ich: „Der schönste Teil des Tages war die Fahrt in die waldreiche Umgebung
von Lahti. Zum Aussichtspunkt Tiirismaa, dem ›höchsten Berg Südfinnlands‹,
findet nur ein Teil der Gruppe den Antrieb zur Fußbesteigung (während sich
die anderen sonnen und ausruhen), aber die Fahrt durch den Wald ist
bemerkenswert. In Hollolle besichtigen wir eine alte Kirche. Der Holzturm
steht als getrennter Turm über der Toreinfahrt zum Kirchengelände. Das
Kirchenschiff ist ein altes, mehrgliedriges Gewölbe verschiedener
Steinarten, gedeckt mit Holzschindeln.
Von Walfahrten bekamen wir dann abends noch
genug: Die Suche nach einem Zeltplatzgestaltete sich schwierig, da das
Seengebiet stärker bebaut ist, als wir dachten und als es durch den vielen
Wald, der die Straßen säumt, den Anschein hat. Ein erster Versuch in
Sichtweite eines scheinbar leerstehenden Wochenendhauses an einem Seeufer
endete mit dem unerwarteten Auftauschen der Besitzer gegen halb zehn Uhr.
Ein neuer Platz, einige Kilometer weiter im Wald, war dann eine Steingrube
des Straßenbaus, sandig und uneben; doch war unser Schlaf ungestört.“ Ein
kleiner Stoßstangenschaden an Joachims Wagen beim Rangieren
„vervollständigte“ das Tagesprogramm.
Am nächsten Tag versuchten wir uns dann vom
Aussichtsturm Puja bei Kuopio einen Überblick über das von Horizont zu
Horizont reichende Wald- und Seengebiet Südfinnlands zu verschaffen. Die
folgenden Tage mit ihren oft ermüdenden Waldfahrten führten uns in
unmerklichen Übergängen in immer kargere Vegetationszonen. Wald und Seen
wichen Moor und Heide, Busch- und Krüppelwuchs und nur noch dünne,
gestrüppähnliche Waldstücke bis hinauf zum Inarisee an der Nordgrenze des
Landes.
Ein Umweg ist oft der lohnendste Weg zum Ziel.
Wenn der Zufall einen solchen Umweg anbietet, der längst heimlich
gewünscht ist, verzeihen wir zusätzliche Zeit, die wir für ihn aufzuwenden
haben. Nur wenig Zeit stand uns für die karge Tundrenlandschaft nördlich
von Inari zur Verfügung. Doch ein von der direkten Route nach Norwegen,
fast direkt zum Nordkap führend und nur eine kurze Tagesreise weit, von
der Nationalstraße abzweigender Weg führte durch die abgelegene
Hügellandschaft nach Norden, zwischen dem Höhenzug des Kuorbosivi und dem
Kevon-Nationalpark hindurch. In dieser spärlich bewachsenen
Hügellandschaft führt eine schmale Straße, die von Caravans erstaunlich
stark frequentiert wurde, zum Tana-Fluss bei Utsjoki, der sich dann auf
norwegischem Gebiet zum Tanafjord weitet, nur noch wenig westlich von der
Straße nach Kirkenes. Eigentlich wollten wir die direkte Route wählen,
doch durch eine Unaufmerksamkeit der Kartenleser im ersten Bus kamen wir
bald auf die Nebenstraße ab. Wenn mir der Irrtum auch bald klar war, sagte
ich nichts bis zu dem Zeitpunkt, als an eine Umkehr nicht mehr zu denken
war. Immerhin hatten wir dadurch an einem mehr als zwölfstündigen Fahrtag
rund 440 km zu bewältigen, fast nur auf engen, zum Teil gebirgigen und
nicht befestigten Straßen.
Das Geröllbett des Tana zwischen den
buschbestandenen Talhängen, aus denen Frostsprengung und Bodenfließen
einzelne harte Gesteinsbänke als Klippen herauspräpariert haben, erinnert
im Erscheinungsbild mediterranen Torrenten. Die dem Geographen bekannte
These von der Formkonvergenz zwischen Trocken- und Kältewüsten bestätigt
sich hier überraschend augenfällig. Ich habe Fotos machen können, die ohne
viel Aufsehens in eine Folge von Bildern z.B. der Mittelmeerküste
Algeriens „hineingeschummelt“ werden könnten!
In günstiger Exposition verdichtet sich die
Buschtundra zu einem der Macchie verwandten Strauchwald-Gehölz, dicht aber
niedrig. Die in den Fjord mündenden Nebenflüsse haben sich Cañons
geschaffen und fließen durch, oft noch durch die Talböden der ehemaligen
Vereisung bedingte, unausgeglichene Talprofile über Geröllfelder und
Stromschnellen. Schon an der Grenze zu Lappland, im Nationalpark von
Kuusamo, trafen wir auf erste solche Formen, bei Inari nehmen sie für sich
alleine schon den Charakter sehenswerter Naturdenkmäler an. Aber erst im
hohen Norden wurden diese Flussformen landschaftsbestimmend.
Die Hinfahrt wurde vor allem bestimmt durch
die Eindrücke der unmerklich ineinander übergehenden vielfältigen
Vegetationsformen und den Variationen des Waldbestandes. Gliedernd und
auflockernd traten dann die Erscheinungsformen des Wassers hinzu: Schnell
über das Geröll abfließende Gebirgsbäche, die sich in der Schneeschmelze
zu reißenden Flüssen entwickeln können, breite Schotterbetten der zu den
nördlichen Fjorden strömenden Flüsse, die in der trockeneren Jahreszeit
sich nur mühsam in verwildertem Lauf den Weg zwischen den im Frühjahr
angeschwemmten Gesteinsmassen bahnen können; stille, an den Ufern waldbestandene Seen, die den Menschen einladen zum Angeln, Fischen und
Bootfahren – nicht umsonst lieben die Finnen ihre Wochenendhäuser –,
schließlich weiter im Norden die Moortümpel und Teiche, Wollgras und
Heide, Sumpfvegetation: Brutstätte unzähliger Mücken und Insekten; und
zuletzt: die unüberschaubare Wasserfläche des Inarisees, unendlich groß
und ruhig, als wir ihn erreichen. Doch über den dunklen Ufern aufsteigende
Wolken und der plötzlich aufkommende eiskalte Windstoß verraten, welche
Naturgewalten hier entfesselt werden, wenn die Stürme über das Wasser
peitschen.
Ist die Natur hier im Norden auch im Großen
karg, monoton, oft starr und abweisend, Grautöne dominieren, klare Härte
wechselt mit verwirrendem Dunst und Nebel, im Kleinen zeigt sie eine nicht
endende Kette von Variationen ihrer ewigen Regeln und Gesetze, Sturm und
Aufruhr wechseln mit Beruhigung, Änderung und Zerstörung und Behauptung.
Finnland hat einige Überraschungen gebracht.
Hat man doch von Schweden und Norwegen ein recht klares Bild, begründete
Vorstellungen, auch wenn man das Land noch nicht gesehen hatte,
Vorstellungen, die oft nur in Façetten korrigiert und ergänzt werden
müssen aus der neu gewonnenen Erfahrung; so bleibt Finnland doch in der
eigenen Vorstellung merkwürdig blass, auf pauschale Stereotype reduziert.
Ein ärmerer, kleinerer, Holz exportierender Randstaat in Abhängigkeit von
mächtigeren Nachbarn – das ist eine solche falsche Vorstellung. Welch ein
Kontrast schon beim ersten direkten Kontakt: Wohlstand und
Sozialstaatlichkeit nach schwedischem Muster, oft aber noch darüber hinaus
gehend, im Süden sich ungestüm ausbreitende Industrieareale und städtische
Agglomerationen, bis hin nach Mittelfinnland eine größere
Bevölkerungsdichte als erwartet: Finnland ist kein ökonomischer
Passivraum mehr; seine Ressourcen werden planmäßig erschlossen; der Staat
fördert das allgemeine Volkseinkommen.
Doch wird auch die Kehrseite bemerkbar: In
keinem anderen der insgesamt schon teuren skandinavischen Ländern ist die
Lebenshaltung so teuer wie in Finnland. Doch merkt das der Ausländer mehr
als der Einheimische, der durch hohe Löhne einen Ausgleich findet. Offen
bleibt die Frage, ob alle Gruppen der Bevölkerung gleichermaßen am
Wohlstand teilhaben, wie weit Randgruppen nicht in die
Wohlfahrtsgesellschaft einbezogen werden. Die Beantwortung dieser Frage
bedürfte einer genaueren gesellschaftlichen Untersuchung. Parallele
wissenschaftliche Arbeiten über Schweden, ebenso wie die dort fast
ausufernde sozialkritische Literatur, zeigen ein eher gebrochenes Bild
des Sozialstaates, dessen Aufwand durchaus Blessuren in der Gesellschaft
hinterlässt. Von unserer Sicht her ist es jedoch müßig, Skandinavien als
warnendes Beispiel hoch zu stilisieren, wie es unsere Konservativen so
gerne tun, wenn wir selbst die dort von allen Bevölkerungsgruppen
getragenen Standards sozialer Sicherheit noch lange nicht erreicht haben
und uns eine fatale politische „Wende“ um die Früchte eines Jahrzehnts
gesellschaftlicher Integration und Prosperität bringt durch einen
unbarmherzigen Verteilungskrieg von Oben gegen die schwächsten Glieder
unserer Gesellschaft. Solange die verfassungsmäßige Sozialstaatlichkeit
der Bundesrepublik Deutschland so leicht aus den Angeln zu heben ist,
sollte eine ernsthafte Kritik des skandinavischen Modells den Bewohnern
dieser Länder selbst überlassen bleiben.
In den meisten Urlaubsländern werden die
touristischen Einrichtungen, Hotels, Campingplätze, Wanderwege und
Nationalparks für den Fremden bereit gehalten; die Distanz der armen
einheimischen Bevölkerung vor allem der südlichen Länder zu solchen
Einrichtungen ist groß. In Skandinavien ist dies anders: Schon die
sommerlichen Caravan-Trecks auf den touristischen Hauptrouten werden von
Finnen, Schweden und Norwegern beherrscht, mit größeren, teureren
Gefährten als die dazwischen nur vereinzelt anzutreffenden Mitteleuropäer.
Der gegenseitige Fremdenverkehr beherrscht das Bild und belegt die
Tatsache, dass die Skandinavier die reisefreudigsten Nationen der Welt
bilden. Dass Finnland damit in vorderster Linie steht, korrigiert unsere
Vorstellungen beträchtlich.
Erst im Norden scheinen uns mit den Rentieren
(was suchen diese übrigens halbzahm am Straßenrand?) und den
folkloristisch gekleideten Lappen allenthalben ältere Lebensformen zu
begegnen. Nach der Statistik spielt hier die Renhaltung tatsächlich noch
eine wirtschaftliche Rolle. Aber bald kommt uns der Verdacht: Was uns hier
so auffällig begegnet: Sind das vielleicht nur „Tourismus-Lappen“?
Souvenirs, Souvenirs… nördlich des
Polarkreises. Die Zivilisation ist nicht aufzuhalten: Renfelle und ‑geweihe,
Bärenfelle (made in …?), Aufkleber, Aufkleber, Aufkleber. Die Welt werde
bunt!
Nun – Szenenwechsel – kommen wir zum Nordmeer.
Nur noch wenige Straßen am Meeresstrand, am Gebirgshang, winters
geschlossen. Die wenigen Fischerdörfer mit ihren Holzhütten sind nur durch
enge Wege zu erreichen, abseits vom Durchgangsverkehr. Diese Lebensform,
so abweisend sie ist, beharrt in der Tradition. Die Straße führt in
gemessenem Abstand vorbei. Wir begleiten die Ufer der tief
eingeschnittenen Fjorde, immer wieder überrascht von neuen Ausblicken und
Durchblicken auf die offene See, auf neu auftauchende Felsformationen,
Schneeflecken, die in einem vereinzelten Sonnenstrahl plötzlich
aufblinken, auf Schluchten und Wasserfälle, die von Firnfeldern in der
Bergeshöhe herabrinnen in den Fjord. Außer dem Rauschen des Wassers nur
eine große Stille. Eine völlig neue Welt. Ruhiger, wilder,
widersprüchlicher. Das Meer in seiner ganzen Größe und Majestät bestimmt
hier das Land, das Leben der Menschen an seinen Küsten, die noch in
kleinen Booten zum Fischfang ausfahren, um für die lange Winternacht
Stockfisch zu trocknen.
Nachts am Porsangerfjord, nördlich von Lakselv.
Sonntag, 17.7.; zwei Wochen Fahrt hinter uns, die Hälfte unserer Reise.
Der lange Tag von Inari nach Norwegen ist vorbei. Hoch über das Wasser
geht unser Blick auf den spiegelglatten Fjord und in den Norden auf das
offene Meer, dorthin, wo das Reich des ewigen Eises hinter dem Horizont
beginnen wird, dorthin, sich nun ganz langsam die Sonne hin bewegt.
Mitternachtssonne; ein rotgoldener Ball über dem Horizont, der eine
goldene Schärpe über das Wasser wirft. Kein bestimmter Punkt, keine feste
Zeit, nur eine unendlich langsame Bewegung, bis sie hinter dem anderen
Ufer des Fjordes im Osten hinter Wolkenbänken verschwindet. Schatten
legen sich über das Wasser, ohne dass es dunkel würde; eine fahle,
unwirkliche Beleuchtung. Die Ruhe ist fast unheimlich bis gegen vier Uhr
morgens ganz langsam ein kleines offenes Fischerboot in den Fjord
hereintuckert. Ein nächtlicher Fang wird eingebracht. Die keilförmigen
Bugwellen ziehen bald über den ganzen, viele Kilometer breiten Fjord, die
Muster verkräuseln sich noch, als das Boot in einem großen Bogen auf die
kleine Gruppe von Holzhäusern am Strand zuhält, um schließlich anzulegen.
Es braucht Stunden, bis sich der Fjord wieder glättet. Aber dann kommt
auch eine leichte kühle Morgenbrise auf und weckt das Leben.
Dieser Tag bringt uns dann zum Ziel, zum
Nordkap.
Die Kette der kleinen Hafenstädte zieht sich
in Norwegen höher in den Norden als irgendwo sonst in der Welt. Die
nördlichste Autofähre der Welt, vom Festland zur Nordkapinsel Magerøy, hat
uns zu unserem nördlichsten Reisepunkt und zurück gebracht. Nun besuchen
wir Hammerfest, Tromsø und Narvik, ehe wir in Trondheim die Grenze in den
südlichen Teil des Landes überqueren. Diese kleinen Häfen, versteckt in
felsigen Buchten, zum Teil auf Inseln, zeigen die Orientierung des Landes
zum Meer. Im Winter sind weite Gebiete des Nordens nicht über Land zu
erreichen, nur die durch den Golfstrom offen gehaltene See hält die
Verbindungen aufrecht. Auch im Sommer schon ergibt sich das Kuriosum, dass
nur eine einzige Straße in den Norden führt, die dann noch durch
Fährüberfahrten unterbrochen ist.
Diese Abgeschlossenheit und Isoliertheit lässt
gerade nicht vermuten, dass wir hier wieder auf Geschichte stoßen,
leidvolle Geschichte zumal. Hammerfest ist eine neue Stadt. Warum das so
ist, zeigt eine kleine Dokumentarausstellung in der Kirche, die von
Jugendlichen der ›Aktion Sühnezeichen‹, auch aus Deutschland,
zusammengestellt worden ist. Am Ende des Zweiten Weltkrieges, als die
deutsche Besetzung Norwegens in immer stärkere Bedrängnis in ihren
vorgeschobenen Außenposten geriet, wurde es immer deutlicher, dass sie von
Seiten der Norweger keine Unterstützung ihrer Kriegsziele erwarten
konnten. Immer mehr Widerstandsakte bereiteten die Befreiung des Landes
vor. Die Deutschen nahmen schreckliche Rache: Morde, Folterungen und
Geiselerschießungen bereiteten den Weg zur „Strafaktion“, der
vollständigen Vernichtung von Hammerfest. Die Spuren einer älteren
Geschichte des Ortes wurden ausgelöscht wie die Heimat der Fischer und
Seefahrer. Lange Jahre war es für Deutsche schwer, in Hammerfest nicht auf
die Ablehnung durch die Verbitterung der Zeitgeschichte zu stoßen. Auch
die anderen nördlichen Hafenstädte zeigen die Spuren des Kampfes um
Norwegen, wie das Kriegsmuseum in Narvik, die Gedenktafeln für die
Gefallenen und die Soldatenfriedhöfe.
Heute wendet sich Norwegens Norden anderen
drängenden Problemen zu, die die traditionelle Gesellschaft des Landes in
schwere Konflikte stößt. Seit in der Nordsee Erdöl gefördert wird und
überall vor den Küsten nach Rohstoffen gesucht wird, vergrößern sich die
regionalen und sozialen Disparitäten. Der vom Fischfang lebende Norden ist
in Gefahr, sozial abgekoppelt zu werden, wo zudem die Verschmutzung der
Meere ebenso wie die Überfischung die Fänge zurück gehen lässt und die
Lebensbasis gefährdet.
Ein Gedanke muss geprüft werden, ob er zur
Ordnung und Interpretation des Gesehenen taugt: die Frage nach der
Historizität, der geschichtlichen Tiefe des Ortes. Nur selten auf unserer
Fahrt sind wir bewusst auf die Vergangenheit gestoßen worden. Auch der
zeitgeschichtliche Bezug in Nordnorwegen ist fast noch für uns Lebende
als zeitgenössisch anzunehmen, für die jüngeren Reiseteilnehmer
vielleicht schon etwas entrückter als für mich, dessen politisches
Bewusstsein auch in Hinblick auf die Aufgaben des Politiklehrers sich vor
allem in der Auseinandersetzung mit Faschismus und Krieg geprägt hat,
vielleicht auch unbewusst als eine Auseinandersetzung mit der eigenen
Elterngeneration. Doch historische Tiefe ist dies noch nicht, sie wird,
wenn sie je präsent war, eher abgeschnitten durch Krieg und Zerstörung. In
Südschweden trat uns die Geschichte der Neuzeit als Integration in
Gesellschaft und Wirtschaft Mitteleuropas entgegen, Erscheinungen, die
unmittelbar überleiten in das, was in den deutschen Hansestädten, in
deutschen Hafenstädten schon aufgearbeitet war.
Finnland modifiziert das Bild; Eigenständiges
wird sichtbar, doch oft erst in jüngster Zeit erworben und geprägt. Das
Präsens überdeckt die spärlichen Zeugen der Vergangenheit, die eine von
Schweden wie von Russland abhängige Zeit gewesen ist, eine Zeit nackter
Selbstbehauptung. Die Kirche von Kajaani ist ein Holzbau vom Ende des
letzten Jahrhunderts in merkwürdig ausgebildeter Neogotik in
Holzschnitzwerk, ähnlich den gleichzeitigen Backsteinkirchen
Norddeutschlands, z.B. von Hofbaumeister Haase in Hannover. Nur ein altes
Kirchlein in der Nähe stammt noch in seiner schlichten, aus Holzplanken
gezimmerten Tonnengewölbeform aus dem 17. Jahrhundert. Das ist aber auch
schon das älteste Bauwerk Mittelfinnlands.
Prägt die fehlende historische Tiefe das
Bewusstsein, die kulturelle Identität der Bewohner? Ist es etwas anderes,
hier, von Natur und Gegenwart bedrängt, zu leben, als in den alten
Kulturgebieten des Mittelmeerraumes? Für mich ist es eine ganz neue
Erfahrung. Ist es sonst nichts Ungewöhnliches, noch am Rande der Wüste in
Nordafrika auf römische oder numidische Ruinenstädte zu treffen, in alten
Oasen Jahrhunderte alte, großartige Moscheen zu entdecken, in Persien von
altpersischen und medischen, ja noch älteren Funden fast bedrängt zu
werden, so stellt sich doch die Frage, ob diese Geschichte, die ja im
Bewusstsein auch der einfachen Leute stets präsent ist, das Überleben in
der heutigen Zeit behindert oder fördert, ob nicht historische
Unbefangenheit eine Chance ist?
Ist Wasser der Quell allen Lebens, Prinzip des
Veränderlichen, so ist Eis das Sinnbild des Todes, der Erstarrung. Und
doch ist es die gleiche Materie, die uns in rätselvoller Variation in der
Natur gegenüber tritt, ineinander übergehend, die Erscheinung wechselnd,
widerspruchsvoll und mächtig. Geographie ist immer auch Geographie des
Wassers: Form der Landschaft und Lebenspotenzial des Raumes, Klima und
Vegetation: Der Kreislauf des Wassers erst bietet den Schlüssel zum
Verständnis. Nicht umsonst ist das uralte Wasserrecht des Nahen Ostens
Ausgangspunkt der Staats- und Rechtsentwicklung unserer gesamten
Menschheitskultur geworden.
Die großen Eismassen des Nordens begegnen uns
in unserer Vorstellung, im Nachvollzug der Reiseberichte skandinavischer
Polarforscher. Kleinere Eis- und Firnfelder sehen wir schon lange auf den
Berghängen blinken. Nun aber nähern wir uns der größten Gletschermasse
Norwegens, dem Naturpark „Svartisen“ (Schwarzeis) bei Mo-I-Rana.
Die Anfahrt geht durch ein altes Gletschertal
der Eiszeit, als das Eis eine viel größere Ausdehnung hatte, in das
Gebirge hinein. Ein See versperrt schließlich die Weiterfahrt in einem
alten Zungenbecken eines älteren Gletscherstadiums. Ein Boot bringt uns
zum Aufstieg, der über drei Kilometer die vom Eis den Schichtstufen
folgend blank polierten Talhänge überwindet bis zum heutigen unteren
Gletscherende. Über einen mit Eisschollen überdeckten Gletschersee blicken
wir auf die zerfurchte, blauweiße Abbruchkante des Gletschers. Ein
seltsamer Anblick. Jeder sucht sich den ihm entsprechenden Aussichtspunkt,
oft hoch auf den seitlichen Bergen, um einen Überblick über die Welt des
Eises zu bekommen. Doch nirgendwo ist ein Ende der Gletschermassen zu
erblicken. Schwarze Höhlen, aus denen das Schmelzwasser hervor tritt,
führen unter das Eis, Spalten und Klüfte zerreißen die Eisfläche. Die
Gewalt, die in diesem scheinbar regungslos da liegenden Eiskörper
verborgen ist, sieht man an der Landschaft ringsum, die vom Eise geformt
wurde, einer großartigen, tief ausgegrabenen Tallandschaft, durch die die
heutigen Schmelzwässer in kühnen Wasserfällen hinabtosen.
Unbezweifelbar: diese Landschaft ist schön.
Der gewaltige Eindruck dieser Landschaft ist ein ästhetisches Erlebnis.
Ein Augenblick, der in allen Einzelheiten in das Gedächtnis eingeschrieben
bleibt. Doch rätselt man in der nachträglichen Reflexion der Eindrücke,
was eigentlich dieser unmittelbare Eindruck von Schönheit, von
emotionaler Anrührung auslöst. Ist hier nicht Widerspruch anzumelden? Ist
diese großartige Natur nicht auch lebensfeindlich, menschliche Maßstäbe
sprengend, inhuman? Schon Tage vorher boten sich in der wilden
Fjordlandschaft des Nordens Landschaftsausblicke, die geradezu zwanghaft
in ihrer Schönheit nach dem Festhalten und Verewigen im Bild drängten.
Und doch: Wir selbst haben den Maßstab des Schönen in uns, der nicht immer
durch das menschliche Maß, durch Ausgleich und Balance zu bestimmen ist.
Wie nähern wir uns diesen Maßstäben? Am härtesten hat Nansen die Ästhetik
des Eises und der Stille charakterisiert: „Ich habe nie die Thatsache
begreifen können, daß diese Erde eines Tages vergehen und öde und leer
sein soll. Wozu in diesem Falle denn all diese Schönheit, wenn kein
Geschöpf vorhanden ist, um sich daran zu erfreuen? Jetzt beginne ich zu
verstehen. Dies ist die
zukünftige Erde – hier sind Schönheit und Tod. Aber zu welchem Zwecke? O,
was haben alle diese Himmelskörper zu bedeuten? Lest die Antwort, wenn
ihr könnt, am sternenbedeckten blauen Firmament!“
Die weitere Fahrt brachte uns dann recht
schnell wieder der Heimat näher. Viele Einzelheiten wären zu berichten,
doch die Leitmotive der Fahrt sind angeklungen; lassen wir das Weitere in
den Erinnerungen der Teilnehmer, in den Tagebüchern und Fotos. Vielleicht
ergibt sich an anderer Stelle ein neuer Anlass zu Erzählen. Nur noch ein
Ort schiebt sich in der Erinnerung immer wieder in den Vordergrund: Oslo.
Weniger die europäische Großstadt, so viele Reize sie auch hat, als das Schifffahrtmuseum, die Ausstellung der Wikingerschiffe, die doch noch
einmal den Vorhang zu einer älteren Vergangenheit aufreißen, und
schließlich die „Fram“, Nansens, Sverdrups und Amundsens Polarschiff, das
Schiff, das am weitesten nach Norden und Süden unserer Erde vorgestoßen
ist. Symbol für ein Volk, Symbol auch für die Wissenschaft von der Erde.
Inhalt
Gottfried Benn
Norden und Süden
Vorbereitungen
Grenzen,
Kontrollen, Freie Fahrt
Zwei Städte
Die Ferne:
Schären und Wald
Omar Chajjam
Ein erwünschter
Umweg
Nördliche Häfen
Eis
Epilog
Skandinavienseiten
zum Fotoalbum Skandinavien.
Norwegen: Der Norden
zum Fotoalbum
Norwegen. Oslo
zum Fotoalbum Finnland. Der Norden
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Skandinavien
zum Reisebericht
Skandinavien Impressionen
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Seitenkontext
Zur
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Wer ist der UNESCO-Club
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Skandinavien
Zur tabellarischen Übersicht über die
Reise
Zur Liste der Teilnehmerinnen und
Teilnehmer
Zur
nachfolgenden Seite der Autobiographie - Kapitel einer
Autobiographie: Die Zeit der Reformen Anfang
der 70er Jahre in der Bismarckschule Hannover
Notizen und
Skizzen zu einer
Autobiographie: Überblick über die einzelnen Kapitel
Dokument Information
Als kopiertes Heft Weihnacht 1984 in einer Auflage von 100
Exemplaren herausgegeben. Internetpublikation 25.12.2008. Verantwortlicher
Verfasser und Herausgeber: Gerhard Voigt. Die Skandinavien-Studienfahrt erfolgte
mit Unterstützung des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V.
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