Gerhard Voigt (Hg.):
Ungarn 1989
Konzeption und Programm
4. Ungarn-Studienfahrt 25.6.-3.7.1989 der
Bismarckschule Hannover. Reisebericht.
Inhaltliche und pädagogische Begründung der
Studienfahrt nach Ungarn in der Zeit vom 25. Juni - 3. Juli 1989 mit den
Leistungskursen 229 Geschichte / Herr Perret und 225 Gemeinschaftskunde /
Herr Voigt – genehmigt von der Bezirksregierung Hannover, Az. 409.16-82021
vom .14.12.88 –
Die Studienfahrt ist eingebunden in das von der
Bismarckschule Hannover getragene Konzept, im Rahmen der organisatorischen
Möglichkeiten den Schülern der Kursstufe eine an ihre Leistungskurse
pädagogisch angebundene Studienfahrt anzubieten. Dazu wird ein gemeinsamer
Studienfahrttermin ausgewiesen. Die Fächer Geschichte und
Gemeinschaftskunde gehören dabei zu denjenigen Fächern, aus denen heraus
sich besonders tragfähige und in den Unterricht zu integrierende
Studienfahrten entwickeln lassen. Diese Möglichkeit wird daher von uns
regelmäßig wahrgenommen.
Die allgemeinen pädagogischen Ziele von
Studienfahrten brauchen hier nicht referiert zu werden; sie sind Grundlage
der diesbezüglichen Erlasse und der darauf aufbauenden Konferenzbeschlüsse
der Schule. Es sei nur betont, dass auch die sozialintegrativen
Erfahrungen, die eine gemeinsame Studienfahrt bietet, gerade in den
gesellschaftswissenschaftlichen Fächern nicht als aufgesattelte Ziele
erscheinen, sondern aus den Fachzielen heraus zu entwickeln sind.
Bei der gemeinsamen Studienfahrt von Leistungskursen
der Fächer Geschichte und Gemeinschaftskunde liegt es nahe, den
gemeinsamen Bestand fachlicher Ziele dieser beiden Fächer in den
Mittelpunkt der inhaltlichen Planung zu stellen und das Programm vor allem
interdisziplinär zu strukturieren. Das legt eine Ziel-Wahl nahe, in der
aktuelle politische und historische Determinanten offensichtlich
verflochten und nur in überfachlicher Perspektive zu verstehen sind. Unter
diesem Gesichtspunkt ist Ungarn, wie der mehrfache Besuch dieses Landes
und mehrere Studienfahrten nach Budapest erwiesen haben, besonders
geeignet, nicht zuletzt wegen seiner geographischen Überschaubarkeit und
der historischen Sonderrolle, die dieses Land und dieses Volk immer wieder
gespielt hat und die eine herauslösende Betrachtung besonders fruchtbar
macht. Durch diese Abgrenzbarkeit der Thematik liegt ein modellhaftes
Arbeiten nahe; die zusätzliche Aktualität des „Modells Ungarn“ als
Vorläufer der derzeitigen Reformbemühungen in den RGW-Staaten geben dieser
Thematik eine besondere Brisanz, die tatsächlich zu originellen Fragen und
Einsichten an Ort und Stelle führen kann. Eine Ungarn-Studienfahrt bietet
daher dem Schüler mehr als andere Ziele im
geschichtlich-gemeinschaftskundlichen Arbeitsfeld die Chance
eigenständiger Erkundungen und Informationsauswertungen. Der
rezeptiv-touristische Aspekt einer Studienfahrt soll daher auf das für die
sozialintegrativen Lernziele der Studienfahrt notwendige Maß eingegrenzt
bleiben.
In Ungarn selbst lassen sich historische Anschauung
und historischer Gesprächsstoff gewinnen, die sich in dieser eindrucksvoll
en Form und Konzentration in der Materialarbeit in der Schule nicht
zusammentragen lassen.
Der Bogen reicht von den sorgfältig ausgegrabenen
Resten der Römerstadt Aquincum - die schon das Leitthema der Rand- und
Grenzlage anklingen lässt – über die Dokumente der Landnahmezeit und der
ersten staatlichen Organisation der Magyaren in der pannonischen
Tiefebene, über die andauernden Kriege und Konflikte – Türken, Habsburger,
Siebenbürger sind dabei leitende Begriffe – über die aus ungarischer Sicht
sich ganz anders darstellende Zeit der Freiheitskämpfe gegen Habsburg, die
Zeit der Herausbildung einer modernen Nationalidentität mit Rákóczi (II.
Rákóczi Ferenc), Kossuth (Lajos Kossuth de Kossuth et Udvard),
Batthyány (Lajos Batthyány von Németújvár), Petőfi
(Sándor Petőfi, eigentlich Alexander
Petrovics) und Széchenyi (Gróf Széchenyi
István) bis zum „Ausgleich“ und der Zeit der k.-u.-k.-Doppelmonarchie,
deren Probleme und inneren Spannungen, aber auch deren kulturelle
Prägungskraft zu den Wurzeln der Entwicklungen und Katastrophen des 20.
Jh. gehören.
Aus dieser thematischen Perspektive heraus lässt sich
dann der gemeinschaftskundliche Fragehorizont überblicken, innerhalb
dessen die Sonderrolle Ungarns zwischen Ost und West, die Reformanstöße,
die von Ungarn ausgehen ebenso wie die Strukturprobleme dieses
spätindustrialisierten Landes zeitgeschichtlich verstehbar gemacht werden
können. Ungarn erscheint so als Spiegel europäischer Entwicklungen und
Tendenzen – von der Zeit der Räterepublik unter Mihaly Károlyi
(Mihály (Michael) Adam Georg Nikolaus Graf Károlyi von
Nagykároly), der Zeit des „weißen Terrors“ unter
Admiral Reichsverweser Horthy (vitéz nagybányai Horthy Miklós,
Ritter Nikolaus Horthy von Nagybánya) bis zur
Besetzung Ungarns durch das nationalsozialistische Deutschland im Zweiten
Weltkrieg. Die ungarische Nachkriegsgeschichte wird erst vor den
Hintergrund dieser Erfahrungen sichtbar – auch die merkwürdig ambivalente
Bedeutung, die die Ereignisse von 1956 in der weiteren ungarischen
Entwicklung gespielt haben bis hin zu derzeitigen vorsichtigen
Rehabilitierungsversuchen auch durch das offizielle Ungarn.
Dieser gesellschaftlich-zeitgeschichtliche
Themenbereich wird dann, auch während der Studienfahrt, abgeschlossen und
abgerundet durch die aktuellen Informationen über die heutige ökonomische
und politische Situation, deren Perspektiven auch aus unserer Sicht
faszinierend sind.
Pädagogisch umgesetzt werden die genannten
Themenbereiche, wie das vorher skizzierte Programm deutlich macht, durch
abwechslungsreiche und damit für den Schüler gut zu verarbeitende
Vermittlungsformen wie Besichtigungen, Vorträge, Museumsbesuche und
Gespräche im kleineren Kreise.
Die Themen der Studienfahrt nach Ungarn sind
Bestandteil der thematischen Unterrichtskonzeption in beiden Fächern.
Dabei ist jedoch Rücksicht darauf zu nehmen, dass nicht alle Schüler der
Kurse an dieser Studienfahrt teilnehmen können, da nach dem
Studienfahrtmodell der Bismarckschule Hannover in manchen Fällen eine
Entscheidung zwischen den Studienfahrtangeboten der beiden Leistungsfächer
vom Schüler getroffen werden muss. Daher ist die thematische Arbeit der
Studienfahrt vor allem mit den Begriffen Erweiterung und Vertiefung zu
kennzeichnen. Durch die gemeinsame thematische Vorarbeit in den Kursen wie
durch die geplante intensive Aufarbeitung der Ergebnisse im Anschluss an
die Studienfahrt – es sollen während der Reise thematische Protokolle und
Tagesübersichten gefertigt werden, die anschließend in einem schriftlichen
Abschlussbericht vorgelegt werden – werden die sich
herauskristallisierenden fachlichen Erkenntnisse zum gemeinsamen
Unterrichtsstoff.
Die thematische Planung im Fach Geschichte legt schon
in der Vorbereitungszeit im Unterricht Schwerpunkte auf die Bereiche der
Kämpfe der europäischen Staaten mit dem Osmanischen Reich in Südosteuropa
und auf die Probleme und geschichtliche Entwicklung des Habsburgerreiches.
Die Planung im Gemeinschaftskundekurs wird vor allem
die gesellschaftliche Entwicklung im Nachkriegsungarn und das Verhältnis
von sozialen Problemen und Herrschaftslegitimation – mit übertragbaren,
verallgemeinernden Einsichten – in den Mittelpunkt der Arbeit stellen,
ausgehend von den ökonomischen Problemstellungen, die im ersten Semester
behandelt wurden, und den soziologischen Einsichten zum Thema „Soziale
Ungleichheit“, die das zweite Semester thematisch bestimmen.
1. Transportmittel:
Hin- und Rückfahrt mit Bahn / Liegewagen in Ungarn Benutzung
öffentlicher Verkehrsmittel und vom Reisebüro angemieteter Reisebusse
2. Reisebüro:
Ungarisches Jugendreisebüro EXPRESS, Budapest
3. Termine:
Vom So., 25.6., bis Mo., 3.7.1989
4. Programmablauf (Planungsstand von März 1989):
So., 25.6. abends: Abfahrt von Hannover/Hbf. mit
Liegewagen
Mo., 26.6. Umsteigen in Wien/Wbf.; mittags Ankunft in
Budapest, Keleti pu. (Budapest Keleti pályaudvar,
Ostbahnhof); Bustransfer zum Hotel; Mittagessen und Ruhepause. Nachmittags
erste Fußwege durch Budapest: Gül Baba, Burgberg, Fischerbastei. –
Freizeit
Di., 27.6. Stadtrundfahrt (Buda, Citadelle, Pest,
Heldenplatz, Basilika, Parlament, Sanierungsgebiet Óbuda, Reste der
Militärstadt Aquincum in Óbuda (Alt-Buda), Margareteninsel (Margitsziget),
Donaukorso. - Mittagspause. – Gespräch (im Hause von EXPRESS?) mit einem
Fachmann für Stadtplanung/Sanierung - Abendessen im Hotel.
Mi., 28.6. Gespräche in der Budapester Universität
(selbst vereinbart) über historische und geographische Probleme Ungarns
und die ungarische Nationalidentität. – Mittagspause - Nationalmuseum,
Historisches Museum. – Abendessen im Hotel. – Abends ggf. Jugendclub.
Do., 29.6. vorm.: Betriebsbesichtigung in Budapest
(TUNGSRAM?) mit Gespräch über Marktbedingungen ungarischer
Industrieprodukte, Organisationsformen der Industrie, Arbeitsverhältnisse
und Gewerkschaftsarbeit. – nachm.: Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln
nach: – Aquincum, Ausgrabung der römischen Siedlung – Szentendre
(historisch interessante Kleinstadt) – Abendessen im Hotel.
Fr., 30.6. Besichtigung einer landwirtschaftlichen
Cooperative bei Kecskemét; Fahrt im angemieteten Bus. Besichtigung von
Kecskemét – Auf dem Rückweg Fahrt durch die Bugac Puszta (Nationalpark);
Abendessen in einer Czárda.
Sa., 1.7. Freizeit - Vormittags
Einkaufsmöglichkeiten. – Nachmittags Angebot einer Fahrt mit der
Pioniereisenbahn Abschlussessen im Margaretengarten.
So., 2.7. Freizeit. – Museumsbesuche nach
Vereinbarung. – Mittags Abfahrt nach Wien (Lunchpakete für die Rückfahrt).
– Ab Wien Liegewagenzug nach Hannover.
Mo., 3.7. Morgens Ankunft in Hannover/Hbf.
Hannover, 14.03.89 OStR Gerhard Voigt
Adressen des Reisebüros und des Hotels:
EXPRESS Ifjúsági és Diák Utazási Iroda Szabadság tér
16 H 1395 Budapest V
Tel.: [0036-1-] 317-777 (Frau Csilla Szalai, Frau Marianne Haraszti)
Hotel Ifjúság, Zivatar utca 1-3,
Budapest II.
Tel.: [0036-1-] 145-260
Reise: Pos.-Nr. XNY-284 (Bismarckschule Hannover) des Reisebüros EXPRESS
Reisebegleiterin: Frau Tábi Márta
1.
Becker, Michael
2.
Berger, Mark
3.
Drühl, Oliver
4. Engel, Christian
5. Gontarski, Thomas
6. Herrmann, Ulf
7. Hische, Heiko
8. Hogrefe, Alexander
9. Kaiser, Andreas
10. Karrer, Marina
11. Liepmann, Martin
12. Main, Nicole
13. Müller, Christian
14. Nasdala, Lutz
15.
Perret, Hans J., Geschichtslehrer
16.
Pfrimmer, Nicole
17.
Pieper, Ulrike
18.
Rinnau, Edna
19.
Schmehmann, Alexander
20.
Schulze, Peter D.
21.
Söhlmann, Anna Diane
22.
Stappler, Theodor
23.
Thomann, Rudolf
24.
Voigt, Gerhard, Gemeinschaftskundelehrer
Inhalt
1. Konzeption der Studienfahrt
2. Einbindung der Studienfahrt nach Ungarn
in den Unterricht
3. Programm der Studienfahrt mit Terminen
Reiseorganisation
Teilnehmerliste
Dokument Information
Ein Reisebericht ist verfasst worden von den
Teilnehmern der Studienfahrt nach Ungarn vom 25.6. bis zum 3.7.1989 der
Leistungskurse Gemeinschaftskunde (225, Ltg. Voigt) und Geschichte (229,
Ltg. Perret) der Bismarckschule Hannover unter der Redaktion und
inhaltlichen Gesamtverantwortung von G. Voigt, H. Hische, A. D. Söhlmann,
P. D. Schulze
Der Bericht konnte aus Mangel an einer druckfähigen
Vorlage hier nicht angefügt werden.
Er erschien in Hannover: UNESCO-Club, 1989 im
Eigendruck mit einer Erstauflage von 100 Exemplaren in der „Schriftenreihe
des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule
Hannover, e.V.“
Textfassung: 14.03.89, revidiert 11.11.2011 |