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Gerhard Voigt

Ungarn

Der Altindustrieraum Nordungarn

Beobachtungen zur Krisendynamik in der
ökonomischen Systemtransformation

Folgt dem Exkursionsbericht der Nordungarnexkursion im Rahmen der internationalen wissenschaftlichen Konferenz
»Aktuelle Fragen der Geographie in Wissenschaft und Unterricht«
anlässlich des fünfzigsten Jahrestages des Bestehens des Lehrstuhles für Allgemeine Wirtschaftsgeographie der Eötvös-Loránd-Universität von Budapest

Wirtschaftsgeographische Probleme der Transformationskrise

Die krisenhafte Umbruchsituation in der Wirtschaft der ehemaligen RGW-Länder wirft eine Reihe grundsätzlicher Fragen und Probleme auf, deren endgültige Beantwortung wohl erst nach einer Konsolidierung der Entwicklung gelingen wird. Eine grundsätzliche auch räumlich-geographische Umorientierung ist in den ehemaligen RGW-Län­dern, besonders aber in Ungarn zu beobachten, die ein neues Verhältnis zu Europa, zum klassischen „Ostmittel­euro­pa“ (JAWORSKI  1991) suchen. Das wird weit reichende politische und ökonomische Folgen haben. Auch für den Wirtschaftsgeographien ist es gerade in der heutigen of­fenen Situation faszinierend, Wandlungspro­zesse konkret am Ort beobachten zu kön­nen, obwohl die Datenbasis so mangelhaft ist, dass viele Aussagen und Schlussfolgerungen not­wendig vorläufigen und z.T. ungesicherten Charakter tragen müssen.

Eine wesentliche Beobachtung ist, dass trotz angeblich gleichartiger wirt­schafts­politischer und systemimmanen­ter Probleme und Defizite – was ohnehin zu be­zweifeln wäre! – der ehemaligen „sozialistischen Planwirtschaft“ die wirt­schaft­liche Krisendynamik in den einzelnen Ländern des ehemaligen RGW sehr un­ter­schied­liche Verläufe zeigen und dass die Prognosen stark voneinander abweichen (IWH/HAZ, 22.06.92.).

Hier ergibt sich für die Wirtschaftsgeographie die seltene Chance, im kon­kre­ten empirischen Vergleich die In­terdependenz struktureller Geofaktoren, wirt­schafts­politischer Strategien und der wirtschaftsgeographischen Reich­weite öko­no­mischen Handelns zu untersuchen, um dabei zu einer neuen Evaluierung gän­gi­ger Entwicklungsvorstel­lungen zu gelangen, die gerade auch im für die Zu­kunft entscheidenden globalen Nord-Süd-Verhältnis eine wesentli­che hand­lungs­lei­tende Rolle spielen (VOIGT, 1986, 1992).

In einer knappen regionalen „Momentaufnahme“ des besonders von der Transformationskrise betroffenen nordungarischen Industriereviers, des äl­te­sten un­garischen Schwerindustriestandortes, sollen die besonderen unga­rischen Be­din­gungen in Relation gesetzt werden zu den allgemeinen Charakterzügen der Kri­­sendynamik des Sy­stemwechsels. Der Verfasser hatte im Herbst 1991 Ge­le­gen­heit zu Informationen und Betriebsbesichtigungen vor Ort, die ihm vom wirtschaftsgeographischen Lehrstuhl der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest er­mög­licht wor­den sind. Dem gastgebenden Leiter des Lehrstuhles, Prof. Zoltán Antal, sei hierfür herzlich gedankt!

Im Rahmen dieser Beobachtungen wird zu zeigen sein, dass auch in Ungarn selbst zentral-periphere Gefälle ei­ne einheitliche Beurteilung der wirtschaftlichen Ent­wicklungschancen erschweren und dass tendenziell im nordunga­rischen Rand­ge­biet sogar Marginalisierungsprozesse im Bereich des Möglichen liegen. Dies zu ver­hindern, wird Aufgabe einer zukünftigen Regionalentwicklungsplanung sein, die über die Grenzen Ungarns hinausblickt und den europäischen Wirt­schafts­raum im Auge hat. Die Chancen scheinen hier in Ungarn besser zu sein als in den anderen ehemaligen RGW-Staaten, wie die aktuellen Wirtschaftsdaten be­stätigen. Das grundsätzliche Peripherieproblem kann hier nicht allgemein diskutiert werden; SAUERWEIN (1988) hat die Problematik an einem ver­gleich­ba­ren Beispiel, Griechenland, historisch-geographisch bearbeitet; ansonsten ist das Pro­blem der Anwendbarkeit von in der Dritte-Welt-Geographie angewendeten Be­grif­fen auf Europa noch eingehender zu prüfen (vgl. VOIGT, 1991).

Die besondere ungarische Situation

Nach Angaben des Budapester Ministeriums für Außenwirtschaftsbeziehungen hat Ungarn berechnet aufgrund von Zolldaten in den ersten fünf Monaten dieses Jah­res im Außenhandel einen Überschuss von 587,8 Millionen Dollar erwirtschaftet. 1991 war noch ein Defizit von 791,8 Millionen Dollar verzeichnet worden. Nach An­­gaben des Mini­steriums sind dabei die Exporte gegen konvertible Währungen um 13,8 Prozent gestiegen, während die Importe um 20,2 Prozent vermindert wer­den konnten [Quelle: rtr/HAZ 6.7.92]. Damit bestätigt sich die im Vergleich zu den an­­de­ren ehemaligen RGW-Ländern recht optimistische Prognose des IWH für Un­garn, die sich in folgenden Daten erkennen lässt:

Veränderung der realen Wirtschaftsleistung 1990/91 mit Schätzung für 1992/93

 

1990

1991

1992

1993

UdSSR/GUS

-  5

-17

-20

- 5 bis – 10

Polen

- 12

-  9

-  5

± 0

Tschechoslowakei

-  3

- 16

-  6

+ 2

Ungarn

-  5

-  8

±  0

+ 3

[Quelle: IWH/HAZ 22.6.92]

Neben der Bewertung der schon seit Jahren praktizierten schrittweisen Öff­nung und Flexibilisierung der Wirtschaft (Handelsblatt, 30.04.91; BAUER, 1986) und den Versuchen, auf dem Weltmarkt Fuß zu fassen, sind die Besonder­heiten der ungarischen wirt­schafts­geo­gra­phi­schen Struktur auf Ihre ökonomischen Folgewirkungen hin zu untersu­chen. Dabei wird überraschend deutlich, dass positive Stand­ortfaktoren fast ausschließlich im agra­rischen Bereich – und auch hier mit re­gionalen Einschränkungen – zu finden sind, während Rohstoff- und Energiemangel, regionale Entwicklungsdisparitäten und ökonomische Überagglomeration des Großraumes Budapest eine Fülle öko­no­mi­scher Probleme erwarten lassen.

Es ist überraschend, wie gering der positive oder negative Einfluss natürlicher Stand­ortbedingungen auf die wirtschaftliche Ent­wicklung von Industrieräumen ist, oder, umgekehrt ausgedrückt, wie dominant struk­turelle und wirt­schafts­po­li­ti­sche Voraussetzungen die industrielle Ent­wick­lung prägen. Gerade die extreme Krise Nordungarns, des einzigen Industrie­rau­mes des Landes, der auf eine eige­ne Rohstoffbasis zurückgreifen kann, zeigt das sehr deut­lich. Es beweist die Do­mi­nanz der relationalen über die lokalen in­du­stri­ellen Standortfaktoren.

Die Struktur des nordungarischen Industrieraumes

Der nordungarische Industrieraum ist die Keimzelle der ungarischen Schwerindustrie. Heute erstreckt er sich über Teile der Komitate Nógrád und Borsod (Miskolc) nördlich des Bükk- und Mátrá-Gebirges entlang der slowakischen Grenze (die regionalen Strukturdaten und geographischen Grundorientierungen beziehen sich vorwiegend auf die Neuauflage des Ungarischen Nationalatlas/Magyaroszág Nemzeti Atlasza, 1989). Diese Grenzlage ist erst durch den Vertrag von Trianon nach dem ersten Weltkrieg entstanden, da vorher große Teile der Slowakei innerhalb der k.u.k.-Monarchie des Habsburgerreiches zum Königreich Ungarn gehörten, eine ökonomische Orientierung nach Norden also unproblematisch war.

Dass hier weitere potentielle politische Konflikte aufscheinen und mit dem bevorstehenden Zerfall der CSFR an Brisanz zunehmen können, sei nur am Rande vermerkt. Standortfaktoren der metallurgischen Industrie im letzten Jahrhundert, ausgehend vom Tal Miskolc-Diósgyör und dann schwerpunktmäßig entwickelt in Ózd, waren die miozänen Braunkohlevorkommen (Lignite), die Wasserkraft der Gebirgsflüsse Zagyva (bei Sálgotarján), und Sájo mit seinen Nebenflüssen (bei Ózd und Miskolc), sowie die Holzvorräte der großen Wälder des Bükk und Mátrá. Nur eine geringe Rolle spielten die vereinzelten Erzvorkommen (Eisenerz bei Rudabánya, Kupfer und Zink bei Recsk und Gyöngde vermerkt. Standortfaktoren der metallurgischen Industrie im letzten Jahrhundert, ausgehend vom Tal Miskolc-Diósgyör und dann schwerpunktmäßig entwickelt in Ózd, waren die miozänen Braunkohlevorkommen (Lignite), die Wasserkraft der Gebirgsflüsse Zagyva (bei Sálgotarján), und Sájo mit seinen Nebenflüssen (bei Ózd und Miskolc), sowie die Holzvorräte der großen Wälder des Bükk und Mátrá. Nur eine geringe Rolle spielten die vereinzelten Erzvorkommen (Eisenerz bei Rudabánya, Kupfer und Zink bei Recsk und Gyöngyösoroszi, welches schon südlich des eigentlichen Industriereviers gelegen ist). Auf diese teilweise in jüngerer Zeit industrialisierte Zone am Süd­rand von Mátrá und Bükk mit ihren ab­wei­chen­den Strukturen und Ent­wick­lungs­bedingungen ist anschlie­ßend noch kurz ein­zu­ge­hen (vgl. Ausführungen in HOFFMANN  1971).

Im Folgenden sollen drei traditionelle Industriestandorte, die bestimmend sind für das nordungarische Indu­strierevier im einzelnen vorgestellt und auf ihre Krisensymptomatik hin untersucht werden. Abschließend wird der Standort der Aluminiumgießerei Apc bei Hatván, im südlichen Vorland des Mátrá-Gebirges an der Straße nach Salgótarján zum Vergleich hinzugezogen. Übereinstimmend ist bei allen vorgestellten Industriestandorten, dass sie jeweils von einer Branche, ja sogar jeweils von einem Großbetrieb dominiert werden. In Salgótarján ist dies die Glasindustrie, in Ózd und Miskolc die eisenschaffende Industrie und in Apc die Aluminiumverarbeitung. Salgótarján, Ózd und Miskolc sind traditionelle Standorte, de­ren Gründung im 19. Jahrhundert durch Rohstoffvorkommen ermöglicht wurde, Apc ist ein ressourcenunabhängiger Standort, der auf Planentscheidungen in den letz­ten fünfzig Jahren zurück geht. Die Branchenmonostruktur hat sich in Salgótarján und Ózd im Laufe des 20. Jahrhunderts ver­schärft; nur in Miskolc sind schon entwickelte Ansätze einer gewerblichen Diversifizierung und Dif­fe­ren­zie­rung und der Ausbau von Agglomerationsvorteilen zu beobachten. Diese Un­ter­schiede in der Struktur der vier Fallbeispiele erleichtern es, typische ge­mein­sa­me Krisenursachen und -verläufe zu erkennen und von standortindividuellen Be­sonderheiten abzusetzen. Andererseits machen diese Unterschiede aber auch deut­lich, dass die sozioökonomischen Entwicklungsperspektiven und die zu­zu­ord­nen­den wirtschaftspolitischen Krisenlösungskonzepte individuell für die einzelnen Stand­orte modifiziert und differenziert werden müssen.

Salgótarján:

Salgótarján ist ein alter Industrieort, dessen Ursprünge in Verbindung mit der böhmisch-slowakischen Glasbläserei zu sehen sind. Auf der Basis von Holz­koh­le aus den umliegenden Wäldern und einem Braunkohlevorkommen findet sich hier im 19. Jh. auch eine frühe Erzverhüttung, die auf Roheisen aus der nörd­li­chen Slo­wakei zurückgreifen konnte. Wir finden hier einen der ältesten Stand­or­te der un­garischen Stahlindustrie. 1871 begann die Walzstahlher­stellung. Um 1890 geht das Stahl- und Walzwerk nach Ózd, wo es günstigere Standortbedingungen fin­­det; dort be­findet sich seit 1890 der Sitz und Produktionsschwerpunkt der Ak­­tien­gesellschaft. In Salgótarján verbleibt noch ein Kaltwalzwerk zur Draht- und Stahl­bandherstellung.

Die metallverarbeitende Industrie konnte sich an diesem peripheren Standort letztlich nicht halten. Als Reste der metallverabeitenden Industrie findet sich in Salgótarján noch eine Eisengießerei, in deren Elektroöfen spezielle Silizium-Eisen-, Molybdän- und Wolframstahl-Legierungen erzeugt werden. Dabei wird für relativ kleine Produktionsmengen ein hoher Energieaufwand benötigt. Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Braunkohle zu Generatorgas verarbeitet. In den 60er Jahren wurde Salgótarján durch eine Pipeline an die Erdgasversorgung aus dem Alföld angeschlossen. Das Braunkohlekraftwerk arbeitet heute ausschließlich als Heizkraftwerk, während die Industrie das Erdgas nutzt.

Die günstige Energieversorgung förderte aber vor allem die Entwicklung der Glasindustrie, die auf eine ältere Glasbläserei und Glasflaschenfabrik zu­rück­zuführen ist. Veraltete Technologien förderten bis vor Kurzem jedoch die Energieverschwendung.  Für qualitativ anspruchsvolle Gläser muß heute zudem Sand aus der Region Szekesfehérvár transportiert werden. Der Standort ist durch sei­ne abgelegene Lage belastet und von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung teilweise abgekoppelt, der ehemalige Rohstoffvorteil ist verloren gegangen, seit­dem auch die Energie herangeführt werden muß.

Zwei ökonomisch verwandte, aus der gleichen industriellen Wurzel entwickelte Be­triebe bestimmen heute das wirtschaftliche Bild Salgótarjáns: die Flach­glas­fa­brik und die ungarisch-japanische Glaswollefabrik. Der Firmensekre­tär der Glas­fa­brik erläutert die ökonomische Entwicklung des Werkes und des Standortes: Die heutige Firma wurde 1893 gegründet und spezialisierte sich später auf die Er­zeugung von Fahrzeugglas. In Ungarn gibt es derzeit zwölf Glashütten mit spezialisierten Produktionsprofilen. 1990 erzielte der Betrieb einen Umsatz von 1,5 Mrd. ft. Durch den Zusammenbruch der Exportverbindungen in die ehemalige Sowjetunion 1990/91 ist der Betrieb in eine existentielle Krise geraten.

Der Zusammenbruch des RGW stellt Herausforderungen an die Produktionsqualität. Bislang wurde billiges, qualitativ geringwertigeres Glas und Glas zweiter Wahl in die RGW-Länder exportiert. Dieser Markt ist nicht mehr vorhanden. Gleichzeitig ist der Abnehmer Ikarus, der bisher mit ca. 1,5 von 2 Mrd. ft. am Betriebsergebnis beteiligt war und große Serien standardisierter Automobilgläser ab­nahm, ausgefallen, so dass heute wirtschaftliche Chancen nur noch in der spe­zia­lisierten und weltmarktorientierten Hochqualitätsfertigung gesehen werden.

Die Krise des Betriebes wurde dadurch verschärft, dass neue Technologien erst beim Eintreten der Krise verspä­tet eingeführt worden sind, da nach den bis­herigen RGW-Maßstäben das Qualitätsniveau als gut eingestuft worden war. Zwar gibt es keine besonderen restriktiven Zollschranken für den EG-Bereich, doch ist der europäische Markt traditionell unter den großen Glasherstellern oligarchisch aufgeteilt. Nur in eng begrenzten Marktnischen ist derzeit noch Absatz für Flachglas erfolgreich, z.B. bei Bilderrahmengläsern. So sind Massenentlassungen notwendig gewor­den, die in dem strukturschwachen Raum Salgótarján besonders schmerzhaft sind. 1989 begann der Personalabbau um ca. 10 %. 1990/91 sank die Zahl der Beschäftigten stufenweise  von ca. 2000 auf heute ca. 1100 zum 1.8.91. Dabei wurden den Entlassenen Abfindungen bis zu 1 Mio. ft. gezahlt. Im Bezirk Salgótarján gibt es heute über 10.000 Arbeitslose und kaum neue Arbeitsplätze.

Die ökonomische Erneuerung der Firma wird aber zielstrebig durchgeführt, in­dem sie in Form einer AG privatisiert wur­de. Gleichzeitig wird in neue Tech­no­lo­gien investiert, und in Südostungarn wur­de am 4.9.91 ein Zweigwerk mit neuer Fer­tigungstechnologie eröffnet. Der Produktionsschwerpunkt liegt heute auf Spe­zial­gläsern zur Wärme- und Strahlungsisolierung, industriellen Sicherheitsgläsern und der Weiterverarbeitung von Plat­tenglas. Der Service­bereich wird dabei be­son­ders ausgebaut. Die Privatisierung hat jedoch einige Rückschläge erlitten. Zunächst gehörte der Betrieb zur „Gruppe der 20“-Betriebe, die in Art eines Pilotprojektes mit staatlicher Unterstützung ab Herbst 1990 bis 1992 privatisiert wer­den sollten. Mit finanzieller Unterstützung sollten sie sich einer Konzernstruktur anschließen. Dafür war auch schon ein westlicher joint-venture-Partner gefunden. Doch entschied man sich dann aus betriebswirtschaftlichen Gründen für eine dezentrale Privatisierung, wo­bei der westliche Partner absprang und bei einem Konkurrenzunternehmen in der CSFR investierte.

Die Eisen- und Stahlwerke von Ózd:

Seit ca. 150 Jahren existiert die Hüttenindustrie in Ózd. Der Standort Ózd ist jedoch durch seine periphere Lage, die wenig ent­wickelte Infrastruktur, die industrielle Monostruktur und die größtenteils technisch veralteten Anlagen wenig ent­wicklungsfähig und in einer tiefen ökonomischen Krise.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr Ózd im Rahmen der staatlichen Industrialisierungsprogramme in Zu­sam­menhang mit der Umsetzung der RGW-Verträge einen wirtschaftlichen Aufschwung, nachdem die Standortgunst der Gründungszeit im 19. Jahrhundert schon Anfang des 20. Jahrhunderts langsam an Bedeutung verloren hatte. 1962 wurde das Stahlwerk erneuert und modernisiert sowie ein Oxygenwerk errichtet; 1965 wird ein eigenes Ener­giesystem gebaut; eine Generatorenanlage zur Eigenstromerzeugung wird in einem gemischten Erdgas/Erdöl-System betrieben. Wegen der hohen Energiekosten in Ungarn versucht das Stahlwerk Ózd eine »Energieoptimierung« in einem geschlossenen Produktionszyklus aufzu­bauen.

Parallel dazu wurden vier neue Hochöfen errichtet, die aber seit Ende 1990 nicht mehr gefahren werden. Seit 1973 laufen ständig Siemens-Martin-Öfen und seit etwa 1975 wird ein spezielles Kropp-Verfahren verwendet. In Betrieb sind ferner das Feinwalzwerk, seit 1975 das Drahtwalzwerk und seit 1985 ein neues Schlackenverarbeitungs­werk an einem neuen Standort in der Nähe der alten aufzubereitenden Schlacken­halden. Die wirtschaftlich erfolgreichste Zeit für den Betrieb waren die Jahre von 1975 bis 1980.

Mit modernsten Investitionen wurden in den letzten Jahren in einem Zweigwerk am Stadtrand Produktions­stät­ten für Bandstahl und Schweißnahtröhren errichtet. 1980 wurden mit 13.800 Beschäftigten rd. 980.000 t Roheisen verarbeitet, 1,4 Mio. t Stahl produziert und im Walzwerk über 1 Mio. t Walzprodukte hergestellt. Die Produktions­qualität war nicht immer besonders gut. Der Ressourceneinsatz war wie überall im RGW-Bereich verschwenderisch, wie die folgenden Daten zeigen: 1980 wurden 700 kg Koks für 1 t Stahl benötigt und 1990 waren es trotz Erneue­rungsinvestitionen immer noch 500 kg Koks für 1 t Stahl, während der optimale Wert nach westlichem Maßstab bei 400 kg Koks für 1 t Stahl liegt. Auch im Verbrauch von Ener­gie und Erz waren im Planungssystem des Sozialismus keine Anreize zur Sparsamkeit vorgesehen, ganz im Gegenteil, die Planerfüllung wurde vor allem am Produktions­gewicht und Materialdurchsatz gemessen und nicht an den technischen Produktionsstandards und Produktionswer­ten.

Rohstoffgrundlage war bislang staubförmiges sowjetisches Eisenerz, das bis 1972 in einem eigenen Erzverdichter vorbereitet wurde. Dann wird die Erzvorbereitung nach Miskolc verlagert. Überwiegend handelt es sich um Hämatit, dazu kommen ca. 10 % Magnetit besserer Qualität. Von den 400 Tsd. t Koks wurden 300 Tsd. t aus der Sowjetunion, aus Polen und der CSSR importiert, der Rest wurde in Jugoslawien aus sowjetischer Kohle ver­kokt. Das Roheisen aus der Rußland und der Ukraine kann seit Ausbruch der Transformationskrise nicht mehr nach den bisherigen RGW-Modalitäten bezogen werden; nur direkte Tauschgeschäfte sind noch möglich (vgl. dazu die Aus­führungen von VESER, 1991). Im Winter 1991/92 wurden z.B. vom Stahlwerk ungarische Agrarprodukte aufge­kauft und mit eigenen LKW nach St. Petersburg transportiert. Im Gegenzug konnte aus Rußland Roheisen und Ei­sen­schrott mitgenommen werden, was zur Aufrechterhaltung der Produktion in Ózd dringend benötigt wurde. Verhüttungszuschläge wurden bisher sowohl aus der Sowjetunion wie aus Ungarn selbst verwendet. Die Lieferungen aus Rußland fallen heute jedoch weitgehend aus. Neben Roheisen wird wie in allen Stahlwerken in großem Maße Schrott verwendet. Heute ist dies neben der Schlackenaufbereitung der nahezu einzige Rohstoff für das Stahlwerk.

Wegen des Baubooms arbeitete das Werk noch bis 1986 rentabel, doch wurden die erzielten Gewinne system­bedingt vom Staat einbehalten, so dass keine Rücklagen gebildet wurden und zu der Zeit keine weiteren Re-Investitionen erfolgten.

1980 wurden ca. 50 % für den ungarischen Binnenmarkt produziert, auf den westlichen Markt gingen ca. 300.000 t, der Rest in den RGW-Bereich. Bis 1990 sank der Exportanteil auf ca. 30 %, nach dem Zusam­menbruch des RGW werden 78 % mit steigender Tendenz nur noch für den ungarischen Binnenmarkt produziert bei sinkender Gesamtproduktionsmenge. Über die ökonomischen Perspektiven von Ózd ist kaum etwas Positives auszusagen: Seit Ende 1990 wird das -veraltete- Hauptwerk nur noch mit 30 bis 20 % seiner Kapazität gefahren; die Verhüttung ist bis auf eine Schrottschmelze aus Rohstoffmangel eingestellt, die Siemens-Martin-Öfen stehen still. Das Draht- und Grobbandwalzwerk werden noch betrieben, das Feinbandwalzwerk wurde firmenrechtlich als Mitarbeiter-GmbH ausgegliedert, was wohl – angesichts einer fünfzigprozentigen staatlichen Beteiligung – eher als Arbeitsbeschaf­fungsmaßnahme zu werten ist. (dass hier aus der Not heraus nach dem Ende des sozialistischen Systemes erstmals ein „echter Sozialismus“ der Beschäftigten praktiziert wird, ist wohl eine ironische Fehldeutung der Situation!) In allen Werksteilen wird „auf Verdacht“ produziert; der Einzelverkauf und der Versuch, kurzfristig auftretende Marktlücken und Marktnischen zu besetzen, ist z.Zt. die einzige Absatzchance. dass dies nicht nur an der veralteten Produk­tionstechnologie liegt, zeigt sich daran, dass das technisch hochmoderne Zweigwerk am Rande von Ózd im Herbst 1991 ebenfalls seine Produktion einstellen musste.

Das Krisenszenario stellt sich für Ózd nun so dar, dass der Betrieb durch einseitige Bindungen an Rohstoff­liefe­rungen aus der Sowjetunion und durch Einbindung in die Absatzstrukturen des zerbrochenen RGW kaum noch auf bisherige Wirtschaftszusammenhänge zurückgreifen kann, dass der ungarische Binnen­markt durch die allgemeine Wirtschaftskrise ebenfalls keinen Ersatz bietet und dass durch veraltetet Tech­nologien in Teilen des Betriebes und wenig rationelle Fertigungsmethoden ein Angebot auf dem ohnehin durch Überkapazitäten gekennzeichneten Weltmarkt weder qualitativ noch preislich erfolgsversprechend ist. Auch wenn die lokale Energieversorgung durch die Verwendung von Hüttengas und die Erzeugung von Dampfenergie für Generatorturbinen nach ungarischem Maßstab recht gut ist, bestehen durch die Energie­armut des Landes und die daraus folgenden hohen Energiekosten wei­tere Marktnachteile für alle energie­aufwendigen Industrien. Eine grundlegende Umstellung des Betriebes wie des Industriestandortes Ózd ist wohl unvermeidlich. Eine staatliche Kommission sieht vor, nur noch das Drahtwalzwerk weiter zu betreiben.

Die drohende fast völlige Einstellung des Betriebes löst jedoch nicht die ökonomischen und sozialen Struk­tur­probleme des Standortes Ózd und kann zu einer zusätzlich belastenden Peripherisierung des gesamten nordungari­schen Industriereviers mit unkalkulierbaren Sekundärfolgen führen. Doch sieht die Situation derzeit schlimm aus. Ende 1991 war eine Arbeitslosenquote von über 15 % zu verzeichnen; kurzfristig werden weitere 4000 bis 5000 Entlassungen erwartet. Bei einer Schließung des Betriebes würde die Arbeitslosigkeit in der Region Ózd auf 40-50 % steigen, denn um das Stahlwerk herum sind weitere elf private Kapitalfirmen vom Stahlwerk abhängig.

Die Stahlwerke haben heute die Rechtsform einer Aktiengesellschaft, die von den Banken mit 2 Mrd. ƒt finan­ziert worden ist. Gewinne werden nicht gemacht, der Konkurs droht. Die anfangs zugesagte deutsche Beteiligung durch die Korff-Gruppe wurde wegen falscher ungarischer Betriebsdaten zurückgezogen. „Nach alter ungarischer Gewohnheit“ (so der ironische Kommentar vor Ort) wurde das Betriebsergebnis geschönt, indem der Betrieb in einzelne Firmen aufgeteilt und deren gegenseitige wirtschaftlichen Aktivitäten als Umsatz und Gewinn herausge­rechnet wurden. Dafür wurden die kostenintensiven Bereiche der Rohstofflieferungen und der Energieversorgung in der vorgelegten Bilanz „vergessen“. Tatsächlich wurden aber im ersten privatwirtschaftlich geführten Betriebsjahr 1 Mrd. ƒt Verluste erwirtschaftet, die die Aktionäre vom Staat ersetzt bekommen wollen. Doch ist dieses Geld im Staatshaushalt nicht vorhanden; dringender werden zudem Gelder für Neuinvestitionen benötigt. Derzeitige Sanie­rungspläne gehen von einer engeren betrieblichen Verknüpfung von Ózd und dem Stahlkombinat von Miskolc-Diósgyör aus. Die Komitatsverwaltung hat einen Antrag auf Sanierungshilfe von 6,5 Mrd. ƒt für die nordungarischen Industriestandorte gestellt, mit der Investitionen zur Rationalisierung, Spezialisierung und Produktionseinschränkung („Verschlankung der Produktion“) finanziert werden sollen.

Um den Industriestandort Ózd unter marktwirtschaftlichen Bedingungen erhalten zu können, muß einiges an Innovationsinvestitionen nachgeholt werden: die Fertigungsschwerpunkte müssen grundlegend umgestellt und die Betriebseinrichtungen modernisiert werden. Die Hüttenindustrie muß abgelöst werden von der zur Endproduktferti­gung in der metallverarbeitenden Industrie, denn in der metallurgischen Phase der Produk­tion (Primärproduktion) sind auf dem Absatzmarkt bestenfalls 85 % der Selbstkosten zu erzielen.

Miskolc:

In Miskolc-Lillafüred, heute ein touristisch erschlossener Thermalbade- und Luftkurort, findet sich eine der Wurzeln der ungarischen Schwerindustrie. Im „Metallurgischen Freilichtmuseum“ findet sich die Rekon­struktion des ältesten Hochofens aus dem Anfang des 19. Jahrhundert. Die ca. 20 m hohe Steinkonstruk­tion wurde von oben beschickt und durch Maueröffnungen in Sohlenhöhe durch Gebläse befeuert und abgestochen. Die Energieerzeugung für die Pochhämmer und die Blasebälge erfolgte durch oberschächtige Wassermühlen. Der kleine Fluss, der als Gebirgsbach durch Lillafüred fließt, war damit auch neben der in Meilern gewonnener Holzkohle und später der Nutzung der Braunkohlevorkommen der wichtigste Stand­ortfaktor für die Gründung der Hüttenindustrie in Lillafüred. Die Namen der Orte Felsöhámor (Oberhammer) und Alsohámor (Unterhammer) deuten noch heute auf die Standorte der Poch­werk-Mühlen hin.

Im zwanzigsten Jahrhundert machte der Stahlwerkstandort Miskolc einen ungeahnten Aufschwung; nach dem zweiten Weltkrieg wurde Miskolc durch staatliche Planungsentscheidungen neben Budapest, dem neu gegründeten Dunaújváros an der mittleren Donau (zunächst als „Stalinújváros“ = Stalinneustadt gegründet) zum dritten Schwerpunkt der Schwerindustrie in Ungarn und Miskolc (heute mit 208 Tsd. Einwohnern) nach Budapest (2,1 Mio. Ew.) und Debrecen (219 Tsd.) zur drittgrößten Stadt des Landes. Dabei spielte in der Zeit der engen politischen und öko­nomischen Dependenz zur Sowjetunion die strategische Lage im Nordosten des Landes nahe der sowjetischen Grenze und die gute Erreichbarkeit mit der Eisen­bahn von der UdSSR her sicher eine wichtige Rolle.

Heute befindet sich die Wirtschaft von Miskolc ebenfalls in der Krise. Die vom Bürgermeister der Stadt her­vorgehobene drastische Verbesserung der bislang sehr belasteten Umweltsituation (Gewässer- und Luftqualität) ist dabei nur ein Indiz dafür, in welch starkem Maße die industrielle Produktion in der Region Miskolc zurück gegangen ist. Gegenüber Ózd hat Miskolc dennoch was das Stahl- und Hüttenkombinat wie auch die Stadtregion angeht deut­liche Agg­lo­me­ra­tions­vor­teile, die sich in einer seit jeher stärkeren Differenzierung und Di­ver­si­fi­zie­rung der Pro­duk­tion, der stärkeren Bedeutung der weiterverarbeitenden In­du­strie und des Maschinenbaus sowie der chemischen Industrie und in einer bes­se­ren infrastrukturellen Ausstattung und Anbindung an internationale Ver­kehrs­we­ge aus­drücken. So dürften hier im großstädtischen Bereich die Transformationsprozesse Erfolg versprechender verlaufen als in der industriellen Monostruktur von Ózd. Doch ist auch in Miskolc die sozioökonomische Situation erschreckend, wie es sich Ende 1991 in einer Arbeitslosenquote von über 15 %, in Produktionsrückgängen in der Schwerindustrie um 30 bis 50 % und in Konkursen in der gerade erst privatisierten mittelständischen Industrie zeigt. Dabei ist das Krisens­zenario dem von Salgótarján und Ózd durchaus vergleichbar.

  1.  Rohstoffmangel durch Ausfall der Lieferungen aus der UdSSR

  2.  hohe Energiekosten durch die ungarische Energieknappheit

  3.  Technologie- und Modernisierungsdefizite

  4.  Kapital- und Re-Investitionsdefizite

  5.  mangelnde Marktorientierung der bisherigen Produktion

  6.  mangelnder Weltmarktzugang durch Qualitäts- und Preisnachteile

Auch hier wird eine grundlegende Umstellung der Produktion, ein Abrücken von der Primärproduktion hin zur qualitativ hochwertigen Veredelungs- und Weiterverarbeitungsindustrie notwendig sein. Dies wird in der ungari­schen Wirtschaftspolitik ebenfalls so gesehen. Die Startvorteile der ungarischen Volkswirtschaft durch die schon seit Jahren schrittweise eingeführten, wenn auch oft noch zaghaften Wirtschaftsreformen zeigen sich in den gegenüber den übrigen ehemaligen RGW-Staaten positiven Entwicklungstrends.

In Ungarn selbst rechnet man mit einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren, in denen die grundlegenden Anpassungsprozesse erfolgt und die strukturellen Kri­senursachen zumindest in Ansätzen beseitigt sind. Im Gegensatz zu den Per­spek­tiven in den Ländern der GUS, vielleicht auch zur Krisenstruktur in Polen, wo die Krisendynamik aus politischen Gründen oft kontraproduktiv verläuft, er­scheint eine solche Prognose für Un­garn durchaus reali­stisch.

Doch ist das wirtschaftsgeographisch besonders interessante Problem der re­gio­nalen Disparitäten damit noch lange nicht bewältigt. Die politische Aufgabe einer ökonomisch sinnvollen Raumordnung mit der Entwicklung gleicher sozioökonomischer Lebenschancen in allen Teilen des Landes ist wohl auch langfristig noch nicht lösbar. Der gegenwärtige Trend geht, wie unsere Beobachtungen in Nord­ungarn zeigen, eher in gegenläufiger Richtung: in die Verstärkung struktureller Entwicklungsunterschiede, in der Konzentration des ökonomischen Auf­schwungs auf die Großregion Budapest und einige Standorte in Westungarn. Die Verstärkung zentral-peripherer Gefälle reproduziert sich im lokalen Maßstab auch im Vergleich der Entwicklungschancen von Ózd und Miskolc.

Dies entspricht im klei­nen Maßstab den neuen globalen Entwicklungsprognosen für das kommende Jahrhundert, in denen ein weiteres ökonomisches Wachstum der Industrieländer und hier der städtischen Metropolen und eine starke Verarmung der peripheren Räume vorhergesagt wird. Für Deutschland wird in pessimistischen Prognosen eine Luxusentwicklung der Großstädte und eine radikale strukturelle und soziale Deprivation der städtischen Ergänzungsräume (da von echten ländlichen Räumen in Deutschland ohnehin nicht mehr gesprochen werden kann) und die Stabilisierung eines strukturellen West-Ost-Gefälles vorhergesagt.

Ähnliche Ansätze sind in Ungarn schon phänomenologisch zu erkennen im Ver­­gleich der sorgfältig restaurier­ten Kon­sumzentren in Budapest mit der verfallenden und strukturell kaum noch sa­nie­rungsfähigen Orts- und Wirt­schafts­struk­tur in ózd und Salgótarján. Auch hier zeigen die städtebaulichen Bemühungen in Mis­kolc die Bedeutung des Agglomerationsvorteils für eine Abwendung der Peripherisierungsdynamik.

Aluminium-Gießerei Apc:

Die Betrieb »QUALITAL« nördlich von Hatván ist die bislang größte Aluminium-Gießerei Ungarns mit einem Pro­duktionsvolumen von 22-25.000 t legierten Aluminiumblöcken und 2500 t Fertigguss aus der Formgieße­rei. Kleinere Betriebsteile fertigen Schweißpulver für die Schienenschweißerei und zum Schweißen von Betoneisen sowie Ma­gnesium-Verbindungen als Korrosionsschutz z.B. für Heißwasserbehälter. Das Ma­gnesium muß importiert werden. Abnehmer für die Teilefertigung war bisher vor allem die Automobilindu­strie, wie Ikarus oder Rábá/Györ.

Die günstige Verkehrslage an der Hauptstraße von Budapest nach Miskolc ermöglicht Ansätze von Indu­strie- und Gewerbeansiedlung, obwohl die Landwirtschaft noch dominiert. Von Hatván aus nach Norden im Tal der Zagyva führt die Straßen- und Eisenbahnverbindung nach Salgótarján und in das nordungarische Industrierevier. Die Infrastruktur ist jedoch noch wenig entwickelt und von mangelnder Leistungsfähigkeit.

Die Gießerei Apc vor dem Zweiten Weltkrieg als privater Betrieb der Eisenmetallurgie gegründet. Die Pro­duk­tion konnte erst nach dem Krieg aufgenommen werden. Im Wirtschaftsplan 1947-48 wurde der Betrieb fertig gestellt. In den sechziger Jahren erfolgte eine Umstellung zu einer Gießerei von Aluminium-Schrott. Nach dem Bau von zwei neuen Hallen konnten 1400-1500 Arbeiter beschäftigt werden. Mitte der 80er-Jahre begann die betriebliche Umstruk­turierung, deren Ziel die Loslösung von der Mutterfirma Csepel in Budapest war.

Die Firmengeschichte zeigt sehr deutlich die problematische Standortsituation, bei der die Verbindung nach Budapest die entscheidende Größe ist und ansonsten kaum positive Standortbedingungen zu bieten hat. Daher wechselte, von der jeweiligen Firmenpolitik gesteuert, die Nutzung der Betriebsanlagen und die Zuordnung zu übergeordneten Konzernstrukturen recht willkürlich. Die bestimmende Abhängigkeit von wirtschaftlichen Entwicklun­gen, die in Budapest beschlossen werden und lokal kaum zu beeinflussen sind, ist ein typisches Merkmal eines peripheren Wirtschaftsraumes, wie er sich uns in Nordungarn darstellt. Apc verdeutlicht das besonders gut, da hier auch bei der Gründungsentscheidung keine ressourcenorientierten Standortfaktoren eine Rolle spielten. Heute ist an der privatisierten GmbH die ungarische Handelsorganisation MINERALIMPEX Hauptaktionär, doch soll eine österreichische Beteiligung mit der Zeit bis zu 51 % Mehrheit erhalten.

An der Steigerung des Exportanteiles am Produktabsatz und dem gleichzeitigen drastischen Rückgang der Ge­samtproduktion läßt sich der Ausfall der wichtigsten innerungarischen Kunden in der Folge der Wirt­schaftskrise ablesen. Wegen der geringeren Nachfrage auf dem Binnenmarkt in der Wirtschaftskrise, be­dingt vor allem durch die Krise des bisherigen Hauptabnehmers Ikarus, für den bisher ist noch kein Ersatz gefunden ist, können nur noch ca. 1/3 der Produktionskapazitäten genutzt werden. Dadurch steigt derer Exportanteil von 35 % auf ca. 70 % bei Fertig­teilen mit Abnehmern in Österreich, Deutschland, Italien und England bei gleichzeitigem starken Rückgang der Ge­samtproduktion. Aluminiumblöcke gehen auch nach Japan. Positiv ist der vergrößerte Außenhandelsanteil aus be­trieblicher Sicht allein in Hinblick auf die ein­genommenen Devisen, über die der Betrieb heute selbst verfügen kann. Aber die Verkaufspreise für Alu­miniumfertigprodukte werden auf dem Weltmarkt immer niedriger. 1991 war der Ankaufspreis für Alumi­nium-Schrott mit 80 ƒt./kg höher als der Verkaufserlös für verarbeitetes Aluminium mit 65 ƒt./kg. Inländi­sche Abnehmer und Kunden aus dem ehemalige RGW-Bereich waren zudem nicht zahlungsfähig. Bank­kredite sind nur noch für gesicherte Exporte in Hartwährungsländer zu erhalten, während die inländische Pro­duktion keine ausreichende Sicherheit mehr bietet. Andererseits ist bei dem erfahrungsgemäß stark schwankenden Preisindex für Aluminium-Produkte auf dem Weltmarkt der derzeitige Tiefstand wohl bald überwunden, so dass wieder bessere Preise erzielt werden können. Dabei sind aber auch günstigere Zollregelungen für den Handel mit den EG-Ländern erforderlich.

Ein weiteres Hauptproblem liegt in der Rohstoffversorgung. Bisher wurde neben 60 % Aluminium-Schrott aus Ungarn vor allem 40 % Primär-Aluminium aus der Sowjetunion verarbeitet, was zur Qualitätssicherung notwendig ist. 1990 wurden aber nur noch 2000 t Primär-Aluminium aus der Sowjetunion importiert, 1991 wurde die Lieferung ganz eingestellt, so dass nur noch die eigenen Vorräte aufgebraucht werden konnten. Der Betrieb ist dadurch in eine ernste Krise geraten. Das Abkommen mit der UdSSR ist wirkungslos ge­worden, daher besteht Rohstoffmangel. Das im nördlichen Donautal geförderte Bauxit (Tonerde) wurde wegen des ungarischen Energiemangels bisher in die Sowjetunion, z.T. ins Donbas, transportiert, dort elektrolytisch verarbeitet und als Rohaluminium zur Weiterverarbei­tung nach Ungarn zurück gebracht. Die­ser unökonomische Transportaufwand war nur durch die RGW-Rohstoff­preis-Verrechnung möglich. Auf Devisenbasis ist er nicht mehr realisierbar. Ungarn ist daher derzeit auf die Wieder­verarbeitung von Alt-Aluminium, das z.T. eingeführt werden muß, angewiesen. Das gleiche gilt in der Stahlverarbei­tung, wo die Rohstahlimporte aus der UdSSR ausgefallen sind und nur noch Schrott aufgeschmolzen werden kann (siehe Ózd). Bislang wurden 16.000 t reines Aluminium pro Jahr aus der Sowjetunion geliefert, die jetzt durch Alu­minium-Schrott minderen Reinheitsgrades ersetzt werden müssen, was Produktionsprobleme ergibt.

Die Folge ist ein Personalabbau um 500 Beschäftigte auf jetzt ca. 1000 Beschäftigte, wobei durch Be­triebsver­einbarungen und Renten versucht wurde, diese Maßnahme sozial verträglich zu gestalten. Das hat Folgen für die ganze Region, da die Beschäftigten der Gießerei aus einem Umkreis von ca. 30 km einpen­deln. Die minimalen Ein­nahmen im ersten Halbjahr 1991 zogen Finanzierungsprobleme und erhöhte Verschuldung nach sich.

Entwicklungsphasen der Raumwirksamkeit der Produktionsstandorte

Am Beispiel des Ortes Salgótarján kann eine deutliche Periodisierung der ökonomischen Entwicklung aufgezeigt werden. Bis zum zweiten Weltkrieg war der eher dörfliche Charakter des Ortes und seine gerin­ge ökonomische Differenzierung ein Anzeichen für eine standortfaktoren-, d.h. auch rohstoffnahe eher kleinbetrieblich-handwerkliche Fertigung, die im Vergleich zu Mitteleuropa noch frühindustrielle Züge trug. Der ökonomische Rückstand Ungarns, durch seine politische Geschichte bedingt, prägte auch die wirtschaftliche Struktur des nordungarischen Industriereviers, das zudem nach dem ersten Weltkrieg durch die neue Grenzziehung von den nördlichen slowakischen Ergän­zungsräumen abgeschnitten wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte eine zentral gesteuerte Wachstumsphase, die für Salgótarján vor allem einen großen Absatzmarkt von Bauglas für den forcierten städtischen Wohnungsbau bedeutete. Dieser Entwicklungszyklus ist typisch auch für die Schwerindustriestandorte Ózd und Miskolc.

Doch ist dieser von außen evozierte Aufbau nicht als eine Entwicklung aus den vorhandenen Standortbe­din­gungen heraus zu charakterisieren sondern weitgehend eine nach in Budapest entwickelten Vorstellun­gen aufge­setzte Struktur, bei der nahezu alle Elemente -Arbeitskräfte, Rohstoffe, Produktionsanlagen, Technologien- erst einmal in das Gebiet importiert und in die vorhandene Struktur implantiert werden mussten. Von einer betrieblich-industriellen Kontinuität des Standortes kann daher kaum die Rede sein; noch deutlicher wird dieser Charakterzug der Standortdiskontinuität bei der Aluminiumindustrie von Apc! Dominierend sind gerade die Anpassungsprobleme, die durch eine mangelhaft ausgestattete Infrastruktur noch verstärkt werden, wie z.B. Abwanderung gerade aktiver Bevölkerungskreise und Arbeitnehmer, man­gelnde örtliche Initiative zur Entwicklung des Ortes und der Produktion, Kapital- und Gewinnentnahme durch den Staat ohne ausreichende Re-Investition und Strukturanpassung etc.

Der Ort Salgótarján selbst erfuhr in diesem Prozess eine rapide Umgestaltung, der die ehemals dörflichen Strukturen in den fünfziger Jahren nahezu vollständig beseitigte und ein standardisiertes städtisches Neu­baubild in Plattenbauweise und mit synthetischem Ortszentrum (Kaufhaus, Kulturhaus, sozialistische Massenorganisationen) erzeugte. Auch darin ist dieses Beispiel typisch für eine Vielzahl vergleichbarer Ortsentwicklungen im dörflichen und kleinstädtischen Bereich Ungarns in den fünfziger bis siebziger Jah­ren. Die Bevölkerungszahl wuchs, da das Fir­menwachstum neue Arbeitsplätze schuf. In den siebziger Jahren wurde dann das Schwergewicht auf die Auto­glasproduktion für Ikarus gelegt. Damit wurde aber die Abhängigkeit von einem Hauptabnehmer noch verstärkt, die betriebliche Flexibilität vermindert und die industrielle Monostruktur des Ortes verstärkt, auch wenn dies für einige Jahre zu einer wirtschaftlichen Blüte führte. Die Großinvestitionen zur Massenproduktion von Autoglas waren nach kurzer Zeit rentabel, so dass der Betrieb mit Gewinn arbeiten konnte. Doch wurden während dieser Zeit die Gewinne vom Staat abgezogen und die notwendigen technologischen Innovationen und Re-Investitionen versäumt, so dass sich die heutige Wirtschaftskrise schon hier strukturell vorbereitete.

Der technologische Rückstand der Glasproduktion von Salgótarján wurde deutlich, als am westlichen Standard orientierte neue Isoliernormen bei Fensterglas wie bei Automobilglas eingeführt wurden und von der Firma eingehal­ten werden mussten. Die jetzt erfolgenden Innovationsinvestitionen konnten schon nicht mehr aus dem Gewinn be­zahlt werden, sondern führten zu einer Verschuldung des Betriebes. Es besteht derzeit aber die Hoffnung auf den neuen Großkunden Suzuki, der ein Montage- und Fertigungswerk für den europäischen Markt in Ungarn gegründet hat und vertraglich verpflichtet ist, über 50 % der Zulieferungen aus ungarischer Produktion zu nehmen, wozu auch das Automobilglas gehören wird.

Das gleiche Problem zeigt sich beim Schwerindustriestandort Ózd. Auch hier kamen notwendige Innovati­onsinvestitionen zu spät, nachdem die vorübergehende Wachstumsphase allein auf die Bedingungen der RGW-Ökonomie zurückzuführen war. Nach dem Zusammenbruch der Rohstofflieferungen aus der UdSSR (FÖRSTER 1990) und dem Verlust der traditionellen Absatzmärkte im RGW und in Ungarn selbst − Folge der Transformationskrise −, schlägt die weltweite Stahlkrise voll auf den ungarischen Standort durch. Die Produktion in Miskolc in einem höher agglomerierten Stahlkombinat hat zwar bessere Perspektiven als Ózd oder die kleinen Schwerindustriebetriebe und Zweigwerke um Ózd herum, ist aber ebenfalls vom Krisenge­schehen durch die gleichen strukturellen Defizite − veraltete Technologien, mangelndes Innovationskapital, Ausrichtung auf die ausgefallenen RGW-Handelsbeziehungen − betroffen.

Damit lassen sich die räumlichen Auswirkungen der ungarischen Industrieentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg recht deutlich erkennen: Die Regionalisierung der Produktion, durchaus motiviert von der Ein­sicht, dass ei­ne Überkonzentration im zentralen Budapester Wirtschaftsraum sozial und wirtschaftlich zu großen Belastungen führen würde, wurde im Sinne einer strikten Arbeitsteilung durchgeführt, die kaum auf die besondere Standortsitua­tion der Regionen Rücksicht nahm, und durch eine zentrale Lenkung und Gewinnabschöpfung charakterisiert. Das führte zu einseitigen Monostrukturen, Abhängigkeiten von weni­gen Großabnehmern und Vernachlässigung der Innovations- und Anpassungsinvestitionen. Diese Charakteristiken sind typisch für die Krisenstrukturen in allen ehemaligen RGW-Ländern. Für Ungarn ist als Be­sonderheit jedoch hervorzuheben, dass die ökonomischen Probleme dieser zentralistischen Wirtschaftpolitik früher als in den Partnerländern erkannt wurden. Für den Budapester Wirt­schaftsraum und die Landwirt­schaft hatte dies im Laufe der letzten Jahre positive Folgen, die einleitend schon angesprochen wurden.

In den abgelegeneren Wirtschaftsräumen war die Monostruktur jedoch durch mangelnde Investitionen und In­frastrukturdefizite in einer Weise zementiert, dass die Wirtschaftsreformen kaum bzw. erst sehr spät zu Veränderun­gen führten. Die dargestellten Probleme, ausländische Investoren und Partner für Joint Ventu­res zu finden, zeigen die strukturelle Krise von Wirtschaftstandorten wie Salgótarján oder Ózd. Die Entwick­lungstrends von Budapest und von Altindustrieräumen wie Nordungarn gehen auseinander, es findet ein Prozess der regionalen Peripherisierung statt.

Der Charakter der Krise

In diesem Zusammenhang ergeben sich auch grundsätzlichere Fragen nach dem Charakter der Krise. Die Ursachen dieser umfassenden sozioökonomischen Transformationskrise sind differenziert und müssen in standortabhängige strukturelle Krisenfaktoren, in betriebliche Strukturdefizite durch die Mängel des bisherigen sozialistischen Len­kungssystems und in Anpassungsprobleme der derzeitigen Systemtransformation, die auch von tagespolitischen Entscheidungen abhängig sind, differenziert werden. Die Krisendynamik war zunächst durch den übernationalen Zusammenbruch des zentralverwaltungswirtschaftlichen Systems bestimmt, die Systemmängel wie unzureichende Betriebsstrukturen, Technologiedefizite und Unterkapitalisierung evozierten die Folgeprobleme; im Verlauf der Systemtransformation traten immer stärker die dynamischen Anpassungsprobleme in den Vordergrund. Firmenzu­sammenbrüche, Verlust der Absatzmärkte, Schwierigkeiten bei der Firmenprivatisierung und der Hereinnahme aus­ländischen Kapitals ergaben schnell wechselnde Krisenszenarios und den Ereignissen oft hinterher laufende politische Lösungsversu­che. (WEBER, 1991; Handelsblatt, 19.04.91 und andere Presseberichte).

Längerfristig werden jedoch wieder die zugrunde liegenden strukturellen regionalen Krisenursachen in den Vordergrund treten. Diese regionale Problemlage für Nordsungarn hat einen deutliche wirtschaftsgeogra­phische Betonung durch die Randlage gegenüber den ungarischen Wirtschaftszentren. Übernationale Integrationsrichtungen sind noch nicht zu erkennen; Südosteuropa macht ohnehin als Reaktion auf die gescheiterte Zwangsintegration in den Bündnissen Osturopas eine Phase krisenhafter Regionalisierung durch, die auf ältere historisch-geographische Strukturen insistiert (HOFFMANN, 1971).

Die strukturellen Probleme dieses Altindustrieraumes sind einerseits typisch, andererseits durch die Sy­stem­mängel von vierzig Jahren sozialistischer Verwaltungswirtschaft zementiert und verstärkt. Wie überall in traditionel­len Schwerindustriestandorten ist der Faktorenwandel durch die Abkoppelung von der primären Ressourcenorientie­rung gekennzeichnet. Doch sind die notwendigen technologischen und ökonomischen Strukturanpassungen nicht erfolgt, so dass die industrielle Monostruktur, die mangelnde Marktanpassung und der technologische Rückstand noch verstärkt wurden. Für eine überregionale Integration und Orientie­rung ist die Produktionskapazität Nordun­garns ohnehin zu gering, die abgelegene Grenzlage macht eine Marktorientierung problematisch.

Die eigentlich notwendige Differenzierung und Flexibilisierung der Wirtschaft und die Förderung der techno­logischen Innovationsfähigkeit wurde bis in jüngste Zeit hinein versäumt. Die mangelnde wirtschaft­politische Befä­higung der Verwaltungswirtschaft zeigt sich gerade darin, dass die für die Region langfristig ungünstigste Strukturent­scheidung durchgeführt wurde: die Degradierung der Standorte zu abhängigen Produktionsstätten für jeweils einige wenige Großabnehmer, was die Strukturschwächen nur verfestigte. Jede Wirtschaftskrise der ungarischen Volkswirt­schaft schlägt so in potenzierter Kraft auf den dependenten Peripherieraum durch, der keine eigenen Ressourcen zur Krisenlösung mehr besitzt. Wirtschaftliche Trans­formation und Wachstum des Sozialproduktes geht nicht nur in Ungarn einher mit verstärkten zentral-peri­pheren Gefällen; das globale Peripherieproblem wird zunehmend auch in den traditionellen Industrieländern in regionalen und sozialen Peripherisierungsprozessen gespiegelt (LEIPERT 1989); der ökonomische West-Ost-Gegensatz in Mitteleuropa und in Deutschland ist auch als Ausdruck eines akti­ven Peripherisierungsprozesses zu verstehen, der, wohlgemerkt, nicht von gegebenen natur- oder wirtschaftsgeogra­phi­schen Standortfaktoren gesteuert wird, sonder Ausdruck der inneren Konzentrationsdynamik der Marktwirt­schaft ist.

Zur sozialen Seite der Krise stellt sich die Frage nach den Reaktionen in der Bevölkerung und bei den Arbeit­nehmern. Zwar sind nach Berichten aus den Firmen auf betrieblicher Ebene keine auffälligen Verhal­tensänderungen zu beobachten, doch herrscht Angst vor der drohenden Arbeitslosigkeit. In der ärmeren Bevölkerung besteht die Gefahr einer dauerhaften Verelendung, so dass der Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt größer wird. Das ist ein in allen ehemaligen RGW-Ländern zu beobachtendes Problem; NETTELMANN/VOIGT (1986, pp.78 ff.) charakte­risieren für Polen nicht nur materielle Verelendung, sondern eine zunehmende psycho-soziale „Armseligkeit“, deren Symptomatik in den Unterschichten Ungarns (Rentner, Arbeitslose, Hilfsarbeiter in ländlichen Gebieten) ebenfalls zu beobachten ist.

Geld wird traditionell vor allem in Immobilien angelegt wie z.B. in Eigenheimen, die nicht kurzfristig zu liqui­dieren sind. Was für die gesamte Wirtschaft Ungarns typisch ist, gilt auch für den Einzelnen: es gibt kaum verfügbare Rücklagen und Ersparnisse. Der ökonomische Druck erzeugt Opportunismus. Das gilt auch für die Betriebe, die sich oft mehr als unabdingbar an politischen Rücksichtnahmen orientierten; es gab und gibt wenig selbständige Krisenlö­sungskonzepte. Die notwendige marktwirtschaftliche Risikobe­reitschaft wird durch mangelnde Rücklagen und Re­serven stark behindert.

Damit sind auch die Charakteristiken der Transformationskrise für das nordungarische Industriegebiet an­ge­sprochen: die mangelnde strukturelle Ausstattung macht Kapitalinvestitionen weniger rentabel und damit wenig attraktiv; nur eine massive staatliche Strukturinvestition und eine aktive Standortpolitik kann über­haupt noch die Industriestandorte retten. Der Zusammenbruch der RGW-Märkte und der Ausfall innerunga­rischer Großabnehmer ist kurzfristig nicht zu kompensieren und verlangt zumindest eine grundlegende Produktionsumstellung. Anderer­seits ist in Nordungarn sicher noch länger als im Budapester Raum der Charakter des Billiglohnstandortes zu erhal­ten; die Arbeitslosigkeit lässt jegliche Lohnverminderung zu. Ein volkswirtschaftliches und regionalpolitisches Ges­amtkonzept ist für die Sanierung des Nordungarischen Industriereviers unabdingbar.

Standortperspektiven und internationale Integrationsansätze

Es gilt hier wie in anderen Wirtschaftsbereichen Ungarns im längerfristigen ökonomischen Konzept die traditionellen Märkte im Osten z.B. in den Nachfolgestaaten der UdSSR nicht aufzugeben, wenn auch angesichts der Krise für einige Zeit keine Wachstums- und Gewinnaussichten bestehen. Doch sind die traditionell entwickelten Kontakte in Zukunft ein Marktvorteil gegenüber neu auf den Markt drängenden westlichen Mitbewerbern. Auch in Ózd liegt die Perspektive vor allem im Erhalt und im Ausbau der traditio­nellen Ostmärkte, die in Zukunft wieder eine größere Nachfrage versprechen. Dazu muß jedoch die Roh­stoffversorgung neu geregelt werden. Eine eigene ungarische Stahlindustrie wird in Zukunft wenig Chancen haben, da im Westen und in der Dritten Welt ohnehin ein Überange­bot herrscht, in der CSFR und in Ruß­land rohstoffnähere Stahlwerke – bislang staatlich hoch subventioniert – pro­duzieren, die derzeit noch auf dem Weltmarkt zu fast jedem Preis anbieten, vor allem, um mit den Devisen Nah­rungsmittel einzukaufen. Zudem ist der hohe Energiepreis in Ungarn ein weiterer unbeeinflussbarer Kostenfaktor. Gerade dieser Faktor ist nach der Aufgabe des Stauprojektes von Nagymaros am Donauknie (NEMERKÉNYI 1990) von wachsender Bedeutung, wie nicht nur die Stahlindustrie sondern vor allem auch die Aluminiumindustrie gezeigt hat. Billige Energieimporte, die im RGW noch möglich waren, fallen nun fort. Dabei ist noch einmal mit WEBER (1991) festzuhalten, dass in den sechziger und siebziger Jahren der RGW gerade durch die billigen Energie- und Rohstoffeinfuhren aus der UdSSR für die übrigen Bündnispartner positive wirtschaftli­che Impulse vermitteln konnte. Nach dem Zusammenbruch des RGW (FÖRSTER 1990) verlieren die roh­stoffnahen Produktionszweige im ehemali­gen RGW-Bereich weiter an Bedeutung – was auch als Modernisierungsprozess zu interpretieren ist. Auch in Ungarn selbst zeigt sich die geringe Marktbedeutung der Stahlindustrie darin, dass der Kreditrahmen durch die Banken seit 1985 stufenweise verringert worden ist.

In der Zusammenarbeit mit internationalen Investoren sieht Ungarn eine Chance, den extremen Kapital­mangel zu beheben und durch Investitionen Anschluss an die Weltmarktentwicklung zu erhalten. Der unga­rische Forint wird schrittweise konvertibel gemacht und bisherige Geldmarkteinschränkungen und Kontrol­len fallen nach und nach. dass damit auch die politischen und sozialen Probleme des marktwirtschaftlichen Kapitalismus in Ungarn Eingang finden, zeigt sich sehr deutlich und ist auch in Ungarn mit Sorge erkannt worden. Doch scheint nach dem Zusam­menbruch des RGW und der östlichen Märkte und angesichts der politischen Liberalisierungsbestrebungen der Ungarn selbst, kein Weg an dieser Systemtransformation vorbei zu gehen.

Eine zentrale Rolle in diesem Konzept spielen die »Joint Ventures«. Der ausländische Investor kann dabei eine qualifizierte Mehrheit am Betrieb halten. Die Grundlage legten die neuen Wirtschaftsgesetze, die einen freien Waren- und Arbeitsmarkt sichern und auch den Kapitalmarkt schon weitgehend liberalisiert haben. Der größte »Joint Ventu­re« ist heute der Elektro-Konzern Tungsram an dem sich General Electric beteiligt hat. Sogar ehemalige Rüstungsbe­triebe werden vom ungarischen Staat privatisiert und in Joint Ventures eingebracht, wie z.B. die Elektro-Werke von Székesfehérvár (Laser, Radar, CD-Speicher). Auch die traditi­onsreiche Waggonfabrik Ganz ist verkauft worden und betreibt im Verbund mit einer englischen Firma weiter Waggonbau. Die größte Kommunalbusfabrik der Welt, Ika­rus, sollte in ein internationales »Joint Venture« eingebracht werden. Eine private russische Beteiligung scheint jedoch nicht seriös und eher auf das Ausplündern der Firmenanlagen gerichtet zu sein. Eine Firmenliquidation liegt im Bereich des Mögli­chen. Die Firma hat 1991 Konkurs angemeldet und ihre Produktion eingestellt, was, wie wir ge­sehen haben, negative Auswirkungen auf eine große Zahl von Zuliefererbetrieben hat.

Das von der Glasfabrik kürzlich abgetrennt Glaswollewerk in Salgótarján ist ein japanisch-ungarisches Joint Venture, das unter Leitung und nach Fertigungsnormen der japanischen Mutterfirma für den westeuropäi­schen Markt produziert und vor allem in Hinblick auf den voraussichtlich bald explosiv wachsenden Woh­nungsbau- und Restaurationsmarkt in Ostdeutschland und in den osteuropäischen Partnerländern zielt. Die ungarische Herkunft ist bei den Endprodukten oft nicht zu erkennen, die für italienische und westdeutsche Handelsfirmen und Baumärkte unter deren Handelsmarken auf den Markt gebracht werden. 1991 wurden die angepeilten Produktionsziele noch nicht erreicht, doch hat der japanische Partner wohl ausreichend finanziellen Hintergrund, um die Investition lang­fristig zu sichern und zu entwickeln.

Das Hauptproblem ist jedoch, dass parallel zur Firmensanierung der einzelnen »Joint Ventures« umfas­sende Strukturinvestitionen in der ungarischen Volkswirtschaft notwendig sind, um einen integrierten Bin­nenmarkt aufzu­bauen. Investoren brauchen dabei „einen langen Atem“ und können kaum mit einer kurzfri­stigen Rendite rechnen, was Investitionen in Ungarn vor allem für internationale Großkonzerne mit langfri­stigen Marktperspektiven interes­sant macht – mit allen damit verbundenen politischen Problemen. General Electric, Suzuki und Quelle/Schickedanz sind Beispiele für in Ungarn besonders aktive Investoren. Gerade Japan hat die langfristigen Chancen des Standortes Ungarn für einen zukünftigen großeuropäischen Markt unter Einschluss von EG und dem ehemaligen RGW-Bereich erkannt und ist mit vielfältigen Investitionen auf dem ungarischen Kapitalmarkt präsent.

Auch wenn sich in der zunehmenden internationalen wirtschaftlichen Integration – schon in der Vorphase ei­nes von Ungarn angestrebten Beitritts zur EG – einige positive Perspektiven für Ungarn als Produktions­standort öffnen, ist die tatsächliche Dauer des Transformations- und Anpassungsprozesses noch nicht abzusehen; zu gravie­rend sind die Strukturdefizite und vor allem die regionalen Deformationen der Stand­ortentwicklung.

Der ökonomische Aufschwung kann, wie gezeigt wurde, für einige periphere Industrieräume, vor allem bei ei­ner wenig zukunftsträchtigen Monostruktur im Bereich der Schwerindustrie, eine regionale Krisenver­schärfung bewirken und die zentral-peripheren Gefälle verschärfen.

Der Industrieraum Nordungarn wird noch lange ein problematisches und für die Wirtschaftsgeographie lehrrei­ches Beispiel für die regional differenzierte Krisendynamik in der Systemtransformation bleiben.

Literatur

BAUER, T. (1986): Die Reformpolitik in der Komplexität der Wirtschaftspolitik. In: Ost­europa-Info Nr.66 (2.Quartal 1986), pp. 55-67

FÖRSTER, H. (1990): Perestrojka in der Sowjetunion. Auswirkungen auf die Außen­wirtschaftsbeziehungen der RGW-Län­dern. In: Praxis Geographie (20) 3, pp. 44-48

HOFFMANN, G.W. (1971): Eastern Europe: Essays in Geographical Problems. London

JAWORSKI, R. (1991): Ostmitteleuropa – Versuch einer historischen Spurensuche. In: Geographische Rundschau (43) 12, pp. 692-697

LEIPERT, Ch. (1989): Die heimlichen Kosten des Fortschritts. Frankfurt/M.

NEMERKÉNYI, A. (1990): Die Staustufe Gabcikovo-Nagymaros. In: Geographische Rundschau (42) 6, pp. 346-350

NETTELMANN, L./VOIGT, G. (1986): Polen – Nation ohne Ausweg? München

SÁRFALVI, B. (1991): Neuere Tendenzen der Agglomeration Budapest. In: Geo­gra­phi­sche Rundschau (43) 12, pp. 697-701

SAUERWEIN, F. (1988): Zentralismus und Peripherie in Griechenland. In: Geographische Rundschau (40) 4, pp. 6-11

VESER, T. (1991): Tausche ungarischen Weizen gegen ukrainischen Wodka. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 27.11.91

VOIGT, G. (1986): Industrialisierung in England und Algerien. Das Vergleichen von Räumen. In: Praxis Geographie (16) 11, pp. 19-23
Nachgedruckt in: Industrialisierung in England und Algerien. Das Vergleichen von Entwicklungen

VOIGT, G. (1992): Thesen zu den Möglichkeiten und Grenzen der Anwendbarkeit geo­graphischer und politologischer Entwicklungsmodelle zur Analyse der aktuellen Krisen in Osteuropa und in der Dritten Welt. Oldenburger Vor-Druck
Nachgedruckt in: Beobachtungen zur Krisendynamik in der ökonomischen Systemtransformation

WEBER, R.-L. (1991): Der Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe. Integrationssackgasse ohne Perspektive. In: Geographische Rundschau (43) 12, pp. 697-701

Magyaroszág Nemzeti Atlasza (1989). Budapest

Budapest tastet sich Schritt für Schritt auf dem steinigen Privatisierungspfad vor­an. In: Handelsblatt, 30.04.91 [gbo]

Budapest will die Kooperationschancen mit der ostdeutschen Wirtschaft nutzen. In: Handelsblatt, 10.04.91 [bos]

Osten aus dem Gleichgewicht. Veränderung der realen Wirtschaftsleistung. Quelle: IWH In: Hannoversche Allgemeine Zei­tung, 22.06.92 [Globus Zahlenbild 9632]

Reformen hinken hinterher. In: Handelsblatt, 19.04.91 [ry]

Die Veränderungen der ungarischen Situation wurden ferner in den deutschen Tages- und Wochenzeitungen regelmäßig verfolgt, ohne dass solche allgemeinen Informationen hier im Einzelnen nachgewiesen werden. Die Angaben zu den einzelnen Firmen (Produktionsentwicklung, Marktorientierung und Beschäftigungszahlen etc.) stammen aus mündlichen Angaben von Angehörigen der Firmenleitungen im Herbst 1991.

Bearbeitung: Voigt, VIII/2002

Impressum

Gerhard Voigt: Der Altindustrieraum Nordungarn. Beobachtungen zur Krisendynamik in der ökonomischen Systemtransformation. Aus EKU-HU01.WPS 23.07.92 / Manuskript für Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie / nicht veröffentlicht - Erstveröffentlichung im Internet VIII/2002 als Internet-Publikation unter
http://www.unesco-club-bismarckschule.de  (URL gelöscht 2011)

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck nur mit Genehmigung des Herausgebers.

Verantwortlich für die Internet-Publikation: Gerhard Voigt.

Herausgeber: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., An der Bismarckschule 5, D 30173 Hannover.

Übernommen vom Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Potsdamer Str. 20, 30952 Ronnenberg / Region Hannover

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bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 08.2002.

Letzte Bearbeitung: 06.07.2011 / 13.10.2011

   
   

 

     
   

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Texte aus der der Verbandszeitschrift »politik unterricht aktuell« unter www.pu-aktuell.de
Info über die Verbandstätigkeit unter: http://www.politiklehrerverband.org