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Gerhard Voigt, Hg.

Berichte von der Ungarn-Studienfahrt vom
09. 10. bis zum 19. 10. 1995

mit dem Kursen der Klassenstufe 13 der Bismarckschule Hannover (Kursleiter: Gerhard Voigt, Günther Fuchs)

Berichte der Studienfahrt-Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die Veröffentlichung in der Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.

Ungarn:

Land im Umbruch

Bericht von einer Studienfahrt

mit Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule Hannover

nach Budapest und Südostungarn (Gyula)

9.-19. September 1995

Vorwort

Vom 9. bis zum 19. September 1995 fand die gemeinsame Studienfahrt der Kurse Gemeinschaftskunde-Leistungskurs 324 (Voigt), Erdkunde-Grundkurs 333 (Fuchs) und Erdkunde-Grundkurs 335 (Voigt) der Bismarckschule Hannover, UNESCO-Projekt-Schule am Maschsee, nach Ungarn statt. Ungarn und Budapest wurden schon in den vergangenen Jahren von Kursen vor allem aus dem gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld als Studienfahrtziel gewählt, da unserer Erfahrung nach gute inhaltliche Ergebnisse vor allem durch die interessante Situation in diesem südost-mitteleuropäischen Land zu erwarten sind, die in der heutigen politisch-ökonomischen Transformationsphase noch besondere Aktualität erhalten hat.

Für die Studienfahrtbegleiter OStR Gerhard Voigt und RL Günter Fuchs war es nicht die erste Begegnung mit diesem Land, so daß frühere Ungarn-Erfahrungen in die Konzeption und Programmgestaltung einfließen konnten.

Vor allem aber ist es unserem langjährigen Freund, Herrn Prof. Dr. Zoltán Antal, Wirtschaftsgeograph der Éötvös-Lorand-Universität Budapest (ELTE), zu verdanken, daß diesmal ein fachlich besonders interessantes und vielfältiges Programm zusammengestellt werden konnte, das sich seinen vielfältigen Kontakten und Beziehungen in Ungarn ebenso dankt wie seiner eigenen umfassenden Fachkompetenz, an der er in Begleitung der Gruppe über die ganze Aufenthaltsdauer hin freigiebig und umfassend teilhaben ließ.

Für diesen Freundschaftsbeweis danken wir Herrn Antal ganz herzlich und hoffen, daß unsere fachlichen und persönlichen Kontakte auch in Zukunft fortgesetzt und weiter vertieft werden können!

Dank auch Frau Craverho, die uns als Kollegin von Prof. Antal organisatorisch, übersetzend und jederzeit freundlich mit Rat und Tat zur Seite stehend während unserer Reise begleitete.

Fachlich vertieft wurde unser Programm streckenweise auch durch die Begleitung durch Prof. Tátai, sowie durch Referenten und Gesprächspartner, deren thematische Beiträge in unserem Bericht gewürdigt werden und denen hier an dieser Stelle unser Dank gilt.

Leider kann trotz dieser günstigen Voraussetzungen nicht generell von einer erfolgreichen Studienfahrt gesprochen werden, da das vorbereitete und im Unterricht angelegte fachliche Programm von einem Teil unserer Schülerinnen und Schüler nicht adäquat rezipiert und durch eigene Beteiligung, waches Aufnehmen und Beobachten und durch die eigentlich notwendige Neugier auf das Unerwartete, Unbekannte, vielleicht auch ab und zu Befremdliche des Reiselandes angeeignet werden konnte. Äußerlichkeit, konsumorientierte Bequemlichkeit und die arrogante Haltung des “nicht auf etwas Neues einlassen Wollens” machen anspruchsvollere Studienfahrtprogramme, die ja absichtlich keine Urlaubs- und Erholungsangebote sein sollen, schwierig. Es ist wohl an der Zeit, die Rolle der Schule in den Bildungsforderungen der Gesellschaft neu zu überdenken und dabei auch die Möglichkeiten von anspruchsvolleren Angeboten an unsere Schülerinnen und Schüler zu überprüfen. Es ist schon eine problematische Situation, wenn evident wird, daß die begleitenden Lehrer fachlich und inhaltlich mehr von der Studienfahrt profitieren, als die Schülerinnen und Schüler, für deren Ausbildung das Programm konzipiert war.

Hannover, im Oktober 1995

Günter Fuchs und Gerhard Voigt

Einleitung

UNESCO-Projekt-Arbeit soll sich nicht nur in spektakulären Einzelaktionen oder aufwendigen Schulpartnerschaften erschöpfen, sondern Auswirkungen auf die Arbeit im Fachunterricht haben. Dies äußert sich in der Verstärkung der projektorientierten und interdisziplinären thematischen Vorgehensweisen, in der Wahl internationaler und interkultureller Themen- und Arbeitsschwerpunkte, in der Betonung selbständiger, zielgerichteter Arbeitsformen und in der regelmäßigen Einbeziehung von Exkursionen und Studienfahrten in die pädagogischen Konzepte einer Lerngruppe.

Im Rahmen der Erlasslage in Niedersachsen können in jeder Schulstufe (Sekundarstufe I und Sekundarstufe II/Kursstufe) eine »große« Studienfahrt angeboten werden. Im Rahmen dieser Vorgabe weist die Bismarckschule jährlich eine so genannte »Studienfahrtdekade« für Studienfahrten in der Kursstufe aus, die im ersten Teil des dritten Semesters, d.h. in der Klassenstufe 13 liegt. Früher entwickelten sich aus der Arbeit der Leistungskurse vielfältige Projekte, die durch ihre Attraktivität sich teilweise durchaus Konkurrenz machten – belegt doch jede Schülerin und jeder Schüler zwei Leistungskurse, wozu noch die Fächer wie Erdkunde kommen, die zwar keine Leistungskurse anbieten, aber ebenfalls im Bereich der Studienfahrten und der Projektarbeit besonders aktiv sind –, was letztlich aber ein gutes Zeichen für die Lebendigkeit und Begeisterungsfähigkeit unserer UNESCO-Projektschul-Arbeit war.

Leider ist dieser Elan in den letzten Jahren zunehmend erloschen (Stichwort »Lehrerfrust« und Opposition zu den schlechter werdenden Arbeitsbedingungen), so daß das Angebot von größeren Studienfahrten fast schon zur Ausnahme geworden ist.

Im laufenden Schuljahr 1995/96 wurde von den Fächern Gemeinschaftskunde (Leistungskurs 324) und Erdkunde (Grundkurse 333 und 335) eine gemeinsame Studienfahrt nach Ungarn vom Samstag, 9. September, bis zum Dienstag, 19. September, durchgeführt. Das Objekt dieser Fahrt, Ungarn, ist in mehrfacher Hinsicht fachlich und in Hinblick auf die Lernziele der UNESCO-Projekt-Schule interessant und lohnend. In mehreren Studienfahrten in den letzten Jahrzehnten konnten wir die politische und gesellschaftliche Entwicklung und Veränderung in Ungarn erleben und so heute den thematischen Schwerpunkt der Auseinandersetzung mit den Transformationsproblemen Ost- und Südosteuropas setzen. Gerade weil Ungarn dabei eine originelle und initiative Vorreiterrolle eingenommen hat – ähnlich wie Polen, dem wir uns durch unsere Schulpartnerschaft ebenfalls eng verbunden wissen –, können Voraussetzungen und sozioökonomische und kulturelle Folgen des »Systemwandels« unmittelbar erfahren und in fachlich qualifizierten Gesprächen und Vorträgen verstanden und interpretiert werden.

Die Perspektiven für ein zusammenwachsendes Europa nach dem Ende des West-Ost-Konfliktes, aber auch der Risiken dieser Transformation durch soziale Krisen und Re-Nationalisierung und Re-Ethnifizierung der europäischen politischen Kultur, und auch die Verantwortung und die Aufgaben, die daraus den westeuropäischen Ländern, der Bundesrepublik Deutschland erwachsen, sind inhaltliche Leitfragen, die das Programm der Studienfahrt nach Ungarn bestimmt haben.

Durch unsere langjährigen guten Kontakte in Ungarn konnten wir uns der Hilfe und konzeptionellen Unterstützung durch Prof. Dr. Zoltán Antal, Wirtschaftsgeograph der Eötvös-Lorand-Universität Budapest (ELTE), anvertrauen, wodurch wir besonders anregende Gesprächspartner wie aufschlussreiche Besichtigungen wahrnehmen konnten. Professor Antal möchte gerne diesen auf privater Basis entwickelten Kontakt auch auf eine offiziellere Ebene heben und eine dauerhaftere Zusammenarbeit zwischen den Geographen der »ELTE« und der Bismarckschule (eventuell in Verbindung mit den Geographen der UNI Hannover oder den Erdkundelehrern unserer Nachbarschulen) initiieren. Das könnte für spätere Studienfahrten von großem Vorteil sein, da wir noch offener als Gäste der Universität aufgenommen und betreut würden. Doch in der Vielzahl unserer Kontakte hier in Hannover konnten die begleitenden Lehrer, Voigt und Fuchs, natürlich keine verbindlichen Zusagen machen; gerade die Perspektive, die jeweilige Unterkunft am Zielort privat und auf Gegenseitigkeit zu organisieren, könnte nach unseren Erfahrungen mit dem Polen- und dem Türkei-Austausch über die personellen und finanziellen Kapazitäten hier in Hannover hinausgehen. Wir werden hier wohl improvisieren müssen, fänden aber einen Gegenbesuch von Geographie- und Gesellschaftswissenschaftsstudenten der Anfangssemester der ELTE inhaltlich reizvoll und erstrebenswert. Sicherlich würde es uns gelingen, für die Besucher ein attraktives Fachprogramm in Hannover und Norddeutschland, ebenfalls mit Gesprächspartnern aus Universität und Politik und mit diversen Betriebsbesichtigungen, zusammenzustellen und zu leiten. Für den »offiziellen Rahmen« hätten wir aber gerne noch Vorschläge und Ratschläge, ehe wir in dieser Richtung aktiv werden können.

Zurück zu unserer Ungarnfahrt. Der erste Teil der Reise konzentrierte sich auf Budapest. Die Unterbringung erfolgte im Studentenwohnheim und das Programm wurde, da sich die Reisegruppe für eine Anreise mit der Bahn entschieden hatte, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln durchgeführt. Im Fachprogramm wurden wir von Prof. Antal und im Stadtbauamt über Stadtgeschichte, Stadtplanung und die heutigen kommunalpolitischen Probleme dieser Zweimillionenstadt informiert, was durch Besichtigungen im Wasserwert und der Kläranlage anschaulich fachlich vertieft werden konnte, sind doch die Defizite in der Infrastrukturentwicklung und die absehbaren Umweltschäden und Sanierungskosten eines der zentralen Probleme der heutigen Stadtentwicklung und Kommunalpolitik.

Aber auch die allgemeine wirtschaftliche Situation Ungarns nach der »Wende« wurde in einem Vortrag eines Direktors der Budapester Handelsbank kompetent erläutert. Nicht zuletzt aber war der unmittelbare Kontakt mit der Stadt, ihren städtischen, historischen und kulturellen Sehenswürdigkeiten über die touristische Attraktivität hinaus ein zentrales Element, Ungarn heute kennen zu lernen.

Der zweite Teil der Studienfahrt wurde eingenommen durch eine Busrundfahrt durch die Komitate Bács-Kiskún, Békés und Csongrád in Zentral- und Südost-Ungarn. Schwerpunkte waren hier die landwirtschaftliche Entwicklung und die regionalen Auswirkungen des Transformationsprozesses. Gespräche in der landwirtschaftlichen Hochschule in Kecskemét und die Besichtigung der Kooperative »Rákóczi« in Hódmezövásárhely und Orosháza haben unseren Einblick sowohl in die Problematik, die durch die Veränderung der Besitz- und Eigentumsstruktur in der ungarischen Landwirtschaft und die parallele Umstrukturierung der Markt- und Absatzstrukturen hervorgerufen wird, als auch in die allgemeine Situation der Landwirtschaft in Südosteuropa – sowohl als Wirtschaftsfaktor als auch als Krisensektor, der durch eine jetzt seit sieben Jahren andauernde Dürreperiode in seiner Existenzfähigkeit beeinträchtigt wird – vertieft.

Daneben entsteht für die Studienfahrtteilnehmer ein allgemeineres Bild von Peripherisierungsprozessen, die einerseits als allgemeines Strukturelement der Wirtschaftsgeographie anzusehen sind und als solches für die raumwissenschaftliche Theoriebildung paradigmatischen Charakter einnehmen, andererseits aber ihre spezielle Ausprägung und Verschärfung durch die aktuellen politisch-sozioökonomischen Transformationsprozesse erhalten haben. Vertiefte Einsichten in den komplexen Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Wandel und sich verändernden ökonomischen und räumlichen Strukturen konnten so gewonnen werden.

Diese Aspekte der Studienfahrt lösten den grundsätzlich problemorientierten und interdisziplinären Anspruch der gewählten Konzeption ein, die damit bewußt und prononciert in den zwischen Schule und Universität angesiedelten wissenschaftspropädeutischen Bereich erzielte und eine Intellektuelle Herausforderung der Schülerinnen und Schüler nicht scheute, wenn auch nicht immer mit völlig überzeugendem Erfolg.

Neben der Darstellung des Programms und der inhaltlichen Arbeitsschwerpunkte soll in diesem Bericht die Rezeption des Programms in Protokollen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer vorgestellt und der inhaltliche Umfang der unterrichtlichen Vorbereitung durch den Abdruck schriftlicher Referate aus den beteiligten Kursen zum Thema Ungarn angedeutet werden.

Die Charakterisierung und kritische Kommentierung der Studienfahrt soll daneben auch Möglichkeiten für Verbesserungen und Anregungen für weitere Studienfahrtprojekte geben. Einige Kritik soll damit den Wert der Studienfahrt insgesamt nicht schmälern.

 Zusammenfassend sollte festgehalten werden, daß Studienfahrten einen wichtigen Bestandteil der pädagogischen Arbeit der Schule ausmachen und daß Restringierungen dieser Arbeit, sei es durch kleinliche Einengungen durch die vorgesetzten Behörden, den Gesetzgeber oder den Kultusminister – nicht zuletzt durch immer neue finanzielle Behinderungen, die den ‚Idealismus‘ der aktiven Lehrkräfte auf eine harte Probe stellen, wie es sich andere Gruppe des öffentlichen Dienstes niemals gefallen ließen –, sei es durch beckmesserisches Resistenzverhalten der Kolleginnen und Kollegen, die immer wieder in pädagogischer Ignoranz so genannten ‚normalen Unterricht‘, der allein schulisch wichtig und mit einem Primat zu versehen sei, und ‚Sonderaktivitäten‘, zu denen dann in erster Linie Studienfahrten, Exkursionen und Projektveranstaltungen gezählt werden, gegeneinander auszuspielen versuchen und diejenigen Lehrerinnen und Lehrer, deren Selbstverständnis von einem Primat pädagogischer Aktionen, die die Schülerinnen und Schüler direkt ansprechen, ihnen reale Erlebnismöglichkeiten eröffnen und zu eigenen Aktivitäten anregen sollen, ausgeht, in die Ecke des »Störenfrieds und Querulanten« drängen wollen.

Leider ist die Bismarckschule – obwohl als UNESCO-Projektschule besonders aufgerufen, neue pädagogische Wege der interkulturellen Bildung und der internationalen Kontakte zu gehen – heute mehrheitlich träge und unbeweglich geworden und vergreist zumindest geistig immer mehr. Hoffentlich überträgt sich dies nicht noch mehr als jetzt schon zu beobachten auf unsere Schülerinnen und Schüler, von deren Aktivitätsbereitschaft und sozialer Kompetenz die Zukunft unserer Gesellschaft abhängen wird.

Unsere Ungarn-Studienfahrt sollte daher nicht als exzeptionelle Veranstaltung gewertet und verstanden werden, sondern als ganz normale schulische Aktivität innerhalb unserer Oberstufenarbeit innerhalb des Gemeinschaftskunde-/Erdkunde-Curriculums. Erfahrungen mit den gut und den weniger gut gelungenen Teilen des Programms und des Ablaufs sollten gleichermaßen an die eigene Lernfähigkeit appellieren und zur Weiterarbeit mit folgenden Studienfahrten nach Ungarn oder nach Frankreich oder England, mit Schüleraustauschfahrten in die Türkei – für 1996 fest geplant – und Polen, mit internationalen Begegnungen in Israel, im Baltikum, in Rußland oder wo sich entsprechende Projektanlässe ergeben anregen...

Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Studienfahrt ist zu wünschen, daß diese Fahrt im Gedächtnis bleibt, vielleicht mehr als anderer schulischer Lernstoff, und daß die Erlebnisse und Erfahrung in ihrer eigenen Biographie wichtig sein mögen...

I. Konzeption und Organisation der Studienfahrt

Zielsetzung

Die Studienfahrt ist eingebunden in das von der Bismarckschule Hannover getragene Konzept, im Rahmen der organisatorischen Möglichkeiten den Schülern der Kursstufe eine an ihre Leistungskurse pädagogisch angebundene Studienfahrt anzubieten. Dazu wird ein gemeinsamer Studienfahrttermin ausgewiesen. Das Fach Gemeinschaftskunde gehört dabei zu denjenigen Fächern, aus denen heraus sich besonders tragfähige und in den Unterricht zu integrierende Studienfahrten entwickeln lassen. Es liegt dabei nahe, eine personelle und fachliche Erweiterung der Reisekonzeption dadurch zu erreichen, daß Kurse verwandter Fächer, in diesem Falle Gemeinschaftskunde und Geographie (Erdkunde), eine solche Studienfahrt gemeinsam durchführen und mit ihren jeweiligen fachspezifischen Schwerpunkten versehen. Da Erdkunde in der Bismarckschule Hannover nicht als Leistungsfach angeboten wurde, kommen zum Gemeinschaftskunde-Leistungskurs zwei Erdkunde-Grundkurse hinzu.

Die allgemeinen pädagogischen Ziele von Studienfahrten brauchen hier nicht referiert zu werden; sie sind Grundlage der diesbezüglichen Erlasse und der darauf aufbauenden Konferenzbeschlüsse der Schule. Es sei nur betont, daß auch die sozialintegrativen Erfahrungen, die eine gemeinsame Studienfahrt bietet, gerade in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern nicht als aufgesattelte Ziele erscheinen, sondern aus den Fachzielen heraus zu entwickeln sind.

Bei einer Studienfahrt im Integrationsfach Gemeinschaftskunde liegt es nahe, die interdisziplinären historischen, politischen und wirtschaftsgeographischen Fachaspekte in den Mittelpunkt der inhaltlichen Planung zu stellen und das Programm vor allem auf die Erkenntnis komplexer gesellschaftlicher Probleme und Transformationen hin zu auszurichten. Das legt eine Zielwahl nahe, in der aktuelle politische und historische Determinanten offensichtlich verflochten und nur in überfachlicher Perspektive zu verstehen sind. Unter diesem Gesichtspunkt ist Ungarn, wie der mehrfache Besuch dieses Landes und mehrere Studienfahrten nach Budapest erwiesen haben, besonders geeignet, nicht zuletzt wegen seiner geographischen Überschaubarkeit und der historischen Sonderrolle, die dieses Land und dieses Volk immer wieder gespielt hat und die eine herauslösende Betrachtung besonders fruchtbar macht. Durch diese Abgrenzbarkeit der Thematik liegt ein modellhaftes Arbeiten nahe; die zusätzliche Aktualität des “Modells Ungarn” als Vorläufer der derzeitigen Reformbemühungen und z.T. krisenhaften Umbrüchen in den ehemaligen RGW-Staaten geben dieser Thematik eine besondere Brisanz, die tatsächlich zu originellen Fragen und Einsichten an Ort und Stelle führen kann. Eine Ungarn-Studienfahrt bietet daher dem Schüler mehr als andere Ziele im geschichtlich-gemeinschaftskundlichen Arbeitsfeld die Chance eigenständiger Erkundungen und Informationsauswertungen. Der rezeptiv-touristische Aspekt einer Studienfahrt soll daher auf das für die sozialintegrativen Lernziele der Studienfahrt notwendige Maß eingegrenzt bleiben.

In Ungarn selbst lassen sich historische Anschauung und historischer Gesprächsstoff gewinnen, die sich in dieser eindrucksvollen Form und Konzentration in der Materialarbeit in der Schule nicht zusammentragen lassen. Der Bogen reicht von den sorgfältig ausgegrabenen Resten der Römerstadt Aquincum – die schon das Leitthema der Rand- und Grenzlage anklingen lässt – über die Dokumente der Landnahmezeit und der ersten staatlichen Organisation der Magyaren in der pannonischen Tiefebene, über die andauernden Kriege und Konflikte – Türken, Habsburger, Siebenbürger sind dabei leitende Begriffe – über die aus ungarischer Sicht sich ganz anders darstellende Zeit der Freiheitskämpfe gegen Habsburg, die Zeit der Herausbildung einer modernen Nationalidentität mit Rákóczi, Kossuth, Batthyány, Petöfi und Széchenyi bis zur “Ausgleich” und der Zeit der k.-u.-k.-Doppelmonarchie, deren Probleme und inneren Spannungen, aber auch deren kulturelle Prägungskraft zu den Wurzeln der Entwicklungen und Katastrophen des 20.Jh. gehören. Über das Konzept der “Politischen Kultur” und ihrer Bedeutung für die Krisenlösungspotentiale einer Gesellschaft gewinnt diese historische Perspektive aktuelle politische und sozialpsychologische Bedeutung. Daraus kann die Sonderrolle Ungarns zwischen Ost und West, die Reformanstöße, die von Ungarn ausgegangen sind, ebenso wie die Strukturproblematik dieses spätindustrialisierten Landes zeitgeschichtlich verstehbar gemacht werden.  Ungarn erscheint so als Spiegel europäischer Entwicklungen und Tendenzen - von der Zeit der Räterepublik unter Mihály Károlyi, der Zeit des “weißen Terrors” unter Admiral Reichsverweser Horthy bis zur Besetzung Ungarns durch das nationalsozialistische Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Die ungarische Nachkriegsgeschichte wird erst vor den Hintergrund dieser Erfahrungen sichtbar - auch die merkwürdig ambivalente Bedeutung, die die Ereignisse von 1956 in der weiteren ungarischen Entwicklung gespielt haben bis hin zu derzeitigen in ihren Ergebnissen noch schwer abschätzbaren Umbruchereignissen. Dieser gesellschaftlich-zeitgeschichtliche Themenbereich wird dann, auch während der Studienfahrt, abgeschlossen und abgerundet durch die aktuellen Informationen über die heutige ökonomische und politische Situation, deren Perspektiven auch aus unserer Sicht faszinierend sind. Pädagogisch umgesetzt werden die genannten Themenbereiche, wie das Programm deutlich macht, durch abwechslungsreiche und damit für den Schüler gut zu verarbeitende Vermittlungsformen wie Besichtigungen, Vorträge, Museumsbesuche und Gespräche im kleineren Kreise.

Vorbereitung und Planung im Unterricht

Die Themen der Studienfahrt nach Ungarn sind Bestandteil der thematischen Unterrichtskonzeption in den Fächer Gemeinschaftskunde und Geographie. Dabei ist jedoch Rücksicht darauf zu nehmen, daß nicht alle Schüler des Kurses an dieser Studienfahrt teilnehmen können, da nach dem Studienfahrtmodell der Bismarckschule Hannover in manchen Fällen eine Entscheidung zwischen den Studienfahrtangeboten verschiedener Fächer und Kurse vom Schüler getroffen werden muß. Daher ist die thematische Arbeit der Studienfahrt vor allem mit den Begriffen Erweiterung und Vertiefung zu kennzeichnen. Durch die gemeinsame thematische Vorarbeit im Kurs wie durch die geplante intensive Aufarbeitung der Ergebnisse im Anschluss an die Studienfahrt werden die sich herauskristallisierenden fachlichen Erkenntnisse zum gemeinsamen Unterrichtsstoff.

Die Planung im Gemeinschaftskundekurs wird vor allem  bestimmt von der gesellschaftlichen Entwicklung im Nachkriegsungarn und dem Verhältnis von sozialen Problemen und Herrschaftslegitimation – mit übertragbaren, verallgemeinernden Einsichten. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen, ausgehend von den ökonomischen Problemstellungen, die im ersten Semester behandelt wurden, für den Gemeinschaftskunde-Leistungskurs die soziologischen Einsichten zum Thema “Soziale Ungleichheit”, die das zweite Semester thematisch bestimmten. Die erdkundliche Thematik konzentriert sich auf Agglomerationsproblematik und das Thema der zentral-peripheren Disparitäten. Beide fachliche Ansätze sollten aber im konkreten Programm verbunden und füreinander fruchtbar gemacht werden.

Das Reiseprogramm konzentriert sich auf zwei regionale und thematische Schwerpunkte, die zusammen die Spannweite der Transformations- und Strukturprobleme wie die widersprüchlichen allgemeinen politisch-gesellschaftlichen wie raumstrukturellen Gegebenheiten verdeutlichen können:

  • Hauptstadt und Agglomeration Budapest und

  • ländliche Peripherien in Südostungarn an der rumänischen und jugoslawischen (serbischen) Grenze zwischen Békéscába, Gyula, Hódmezövásárhely und Szeged.

Zur Vorbereitung dieser Themen wurden im Gemeinschaftskunde-Leistungskurs Referate zur ungarischen Geschichte und Politik, in den Erdkunde-Grundkursen Referate über regionale und raumwissenschaftlich-ökonomische Schwerpunktthemen vorbereitet und in schriftlicher Form vorgelegt. Ein umfangreicher fachspezifischer Materialsatz wurde in den Kursen als Unterrichtsschwerpunkt durchgearbeitet, wodurch auch jene Kursteilnehmer einbezogen werden konnten, die aus verschieden Gründen nicht an der Studienfahrt selbst teilnahmen.

Programmablauf

Fr., 08.09./ Sa., 09.09.

Die Hinfahrt erfolgt nach Absprache mit den Kursen mit der Bahn in einer Nachtfahrt im Liegewagen mit morgendlichem Umsteigen in Wien. Die Ankunftszeit in Budapest ermöglicht ein Mittagessen im Studentenwohnheim der Éötvös Lórand Universität Budapest (ELTE) und einen ersten einführenden Rundgang durch das Burgbergviertel in Buda (Fischerbastei, Matthias-Kirche, Stadtüberblick).

Die ausführlichen geographischen Erläuterungen durch Prof. Antal nehmen schon einiges vom Einführungsvortrag über Budapest am nächsten Morgen vorweg, sind aber z.T. wohl von Zeit und Ort her eine leichte Überforderung der Reiseteilnehmer.

So., 10.09.

Der Tag dient der geographischen und stadtgeschichtlichen Untersuchung Budapests. Morgens im Studentenwohnheim hält Prof. Antal einen ausführlichen Vortrag über Budapest, in dem die geographische Situation, die stadtstrukturelle Entwicklung und die heutigen infrastrukturellen und sozioökonomischen Transformationsprobleme der Agglomeration analysiert werden. Die Beantwortung der zahlreichen Fragen aus dem Kreise der Zuhörer zeigte die Notwendigkeit dieser fachlichen Einführung, deren Problemrahmen leider nicht von allen Teilnehmern gleichermaßen verstanden worden ist, wie die Vermittlungsprobleme der nächsten Tage zeigten.

Eine Stadtrundfahrt mit einem Mietbus der Universität (ELTE) lieferte den Augenschein zu den theoretischen Ausführungen nach und konzentrierte sich auf drei lokalisierbare Themenkomplexe:

  • Gellertberg und Zitadelle: Lage und Beziehungsgeflecht zwischen Buda und Pest, Raumerschließung der Agglomeration, Neubaugebiete und Bedeutung der Siedlungsachsen; die Umgestaltung des ehemaligen sowjetischen »Befreiungsdenkmals« ist Anlass zur Reflexion der politischen Transformation in Ungarn.

  • Óbuda (Alt-Buda) am Florian tér zeigt auf dem Gebiet der ehemaligen römischen Militärstadt von Aquincum Siedlungskontinuität und die Phasen der städtischen Umgestaltung bei wechselnden städtebaulichen Paradigmen. Gleichzeitig sind die Probleme von Hochwasserschutz, Stadtsicherung und Uferbefestigung am Donauufer zu erkennen.

  • Der Heldenplatz (Hösök tér) verdeutlicht die neuere Stadtgeschichte: Vereinigung von Buda und Pest, Stadterweiterungen in der k.u.k.-Zeit mit Ringstraßenkonzept, Ausbau der Infrastruktur und schließlich der Milleniumsfeier der »Landnahme« mit Einweihung der ersten U-Bahn, Ausbau des ›Stadtwäldchen‹ und der »Ungarischen Nationalausstellung«.

Den Tagesabschluss bot – dem besuchten Ort gerecht – Freizeit im Széchenyi-Bad.

Mo., 11.09.

Der Tag diente der stadtgeographischen Vertiefung der Agglomerations- und Infrastrukturprobleme Budapest in Zeiten der ökonomischen Transformationskrise. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln gelangten die Teilnehmer zur Betriebsbesichtigung zu den ca. 20 km entfernt liegenden Wasserwerken von Budapest. Hier wurde verdeutlicht, welche Sorgen die zukünftige Versorgung der Stadt mit sauberem Trinkwasser bereitet, da in den Außenbezirken mangels ausgebauter Abwasserentsorgung zunehmend  eine Verschmutzung, das von den Außenbezirken in Richtung Donau fließt, zu beobachten ist. Daß derzeit kein gereinigtes Donauwasser für die Trinkwasserversorgung benötigt wird, ist allein dem sinkenden industriellen Wasserverbrauch durch die Wirtschaftskrise zuzuschreiben. So lag es nahe, dem ›Weg des Wassers‹ mit einem Besuch in der Kläranlage von Nord-Budapest weiter zu folgen. Die Eindrücke waren eher noch deprimierender, das erkennbar wurde, daß mangels notwendiger Investitionsmittel die beiden vorhandenen modernen Kläranlagen nur weniger als die Hälfte der anfallenden Abwässer der Agglomeration gereinigt in die Donau leiten können. Andererseits liegen Reinigungskapazitäten in Nordbudapest brach – die Anlage läuft nur mit halber Kapazität –, da das Geld für die geplante Hochdruck-Abwasserleitung aus den östlichen Randgebieten fehlt. So wird die problematische Wasserwirtschaft der Hauptstadt zu einem Ausbau- und Modernisierungshemmnis für die Agglomeration, was in einer Art ›Teufelskreis‹ wiederum die wirtschaftliche Entwicklung und Leistungsfähigkeit hindern, die zum weiteren Ausbau von Wasserver- und ‑entsorgung so dringend notwendig sind. Diese Betriebsbesichtigungen machten somit nicht nur allgemeine stadtgeographische Zusammenhänge deutlich, sondern charakterisierten exemplarische die besondere Problematik Budapest in der Systemtransformation.

Leider war ein größerer Teil der Teilnehmer wohl mit dieser Anforderung an das wache Beobachten, Nachdenken und abstrahierende Einordnen des Gesehenen deutlich überfordert; die Besichtigungen wurden z.T. als rein technische Vorführungen missverstanden; die nicht vermeidbaren Anstrengungen der Wege und der Betriebsbegehungen (daß es in einer Kläranlage ›stinkt‹, müsste doch bekannt und wenigstens für eine gute Stunde hinnehmbar sein!) wurden recht aggressiv als Zumutung empfunden. Die Bereitschaft zu sinnvoller thematischer Arbeit wurde weitgehend kurzfristigem Bequemlichkeitsdenken (auch in Intellektueller Hinsicht) untergeordnet. Auch eine abendliche ›Krisenbesprechung‹ konnte nicht alle Vorbehalte ausräumen und Klarheit über das gemeinsame Lernprogramm der Studienfahrt schaffen. Das war für die Studienfahrtbegleiter nach der sehr intensiven inhaltlichen Vorbereitung des Programms im Unterricht doch eine große Enttäuschung.

Di., 12.09.      

Ein Vortrag und Gespräch über die wirtschaftliche Lage Ungarns von Herrn Dr. Wirth von der Handelsbank in Budapest knüpft noch einmal an die Transformationsthematik des Vortages an, stellt sie jetzt aber in den gesamtungarischen Rahmen. Modernisierungsprozesse der Wirtschaft, schrittweise Reformen in den letzten zwanzig Jahren und die grundlegende Systemwende seit 1989 waren die erörterten Themen, wobei besonderes Gewicht auf die heutigen Strukturbelastungen durch Außenverschuldung, Ablösung des traditionellen Osthandels nach Auflösung des RGW und nur schrittweise Anpassung an den Weltmarkt mit dem Ziel eines Beitritts in die EU gelegt wurde.

Der Museums-Tag sollte dann anschließend die historisch-kulturelle Dimension Ungarns und Budapest verdeutlichen. Die Höhlenkapelle im Gellert-Berg war Anlass zu Reflexionen über die Rolle der Kirchen in der ungarischen Kultur und die Kirchenpolitik des ungarischen Staates in der kommunistischen Zeit. Der nationale wie religiöse Symbolcharakter der Kroninsignien mit der Stephanskrone im Nationalmuseum ist ein wichtiger Eindruck zum Verständnis der ungarischen Identität.

Weitere Besichtigungen von Museen in Budapest erfolgten dann in Gruppen, um sowohl unterschiedlichen Interessen als auch der Spannweite der kulturellen Angebote der Stadt gerecht werden zu können. Von den Museumsbesuchen werden dann zur gemeinsamen Ergebnissicherung schriftliche Gruppenberichte eingefordert.

Mi., 13.09.

»Ausflug-Tag«. Abfahrt nach Aquincum und Szentendre. Die historische Vertiefung knüpft für den Leistungskurs an den Unterrichtsstoff über Besiedlung, Inwertsetzung und weltpolitischen Funktionswandel Pannoniens und des Karpartenbeckens, für den Erdkunde-Grundkurs an die Behandlung der geographischen Lagebeziehungen und der historisch-geographischen Erschließung des Karpartenbeckens an.

In Szentendre wurde ein besonderes Gewicht gelegt auf die historischen Wanderungsbewegungen auf dem Balkan, wie der Flucht serbischer Bevölkerungsgruppen im Zusammenhang mit den Türkenkriegen bis hier in den Donaubogen. Daraus entstehen spezifische Minderheitenproblematiken von bestürzender Aktualität und Übertragbarkeit. Szentendre war über eine gewisse Zeit ein wichtiger Handelsort im Donauhandel mit den serbischen Siedlungsgebieten wie allgemein mit den Balkanländern. Doch bei veränderter politischer Lage verfiel der Ort und stagnierte in jeder Hinsicht, bis im 19. Jahrhundert Künstler in dieser Stagnation ihre eigene Utopie vom einfachen Leben, von der romantischen Existenz widergespiegelt sahen. Dieses künstlerische ‚Image‘ lagerte sich mit dem Zuzug immer weiterer Künstler und ihrer Bewunderer über die reale materielle Trostlosigkeit des Ortes; in einem Prozess der ‚self-fulfilling prophecy‘ wurde Szentendre schließlich mit den Einnahmen von den Neubürgern zu dem, was es in seinem ‚Image‘ darstellte, näherte sich auch bewußt immer mehr einer oberflächlichen ‚Romantik‘ an. Heute, wenn dieser künstlerischen Prägung der touristische Ruf gefolgt ist, gefährdet gerade der touristische Erfolg des ‚romantischen Szentendre‘ seine eigene Basis, da die Orientierung an touristischen Dienstleistungen und an den Möglichkeiten – und in der heutigen angespannten Wendezeit vielleicht auch: Notwendigkeiten – der ‚schnellen Einnahmen‘ die Reste eines noch tatsächlich vorhandenen ursprünglichen Ortscharakters aushöhlt und verdrängt. Alle diese an Ort und Stelle erörterten Aspekte sind in hohem Maße verallgemeinerungs- uns übertragungsfähig und geben diesem äußerlich ›touristischen Tagesprogramm‹ einen wichtigen politischen und geographischen Stellenwert.

Nach einer geruhsamen Rückfahrt nach Budapest auf dem Donaudampfer sollte ein gemeinsames Abendessen im Restaurant Szeged (Zigeuner Musik) das Programm harmonisch und mit einer Chance zum Genuss der ›besseren‹ ungarischen Küche beschließen.

Do.,14.09.

Eine Parlamentsbesichtigung hat in Budapest einen ganz besonderen Charakter. Das zweitgrößte Parlamentsgebäude Europas (nach Westminster) war über hundert Jahre funktionale Attrappe für den undemokratischen Obrigkeitsstaat – monarchischer, rechtskonservativer oder sozialistischer Prägung –, wie so manches Topos der ungarischen Geschichte Attrappe, Ideologie, Wunschvorstellung, Heldenglaube gewesen ist, bei dem die gesellschaftliche Realität nur eine geringe Rolle spielte. Gebaut um 1900 von Imre Steindl mit der Milleniumsfeier der ‚Landnahme‘ der Magyaren und im Zusammenhang mit der Stadterweiterung Budapests nach dem Zusammenschluss der Ursprungsstädte, ist das riesige Gebäude ein Musterbeispiel des ungarischen Eklektizismus und der romantischen Neogotik, die die gleichzeitige romantisch-mythologische Verklärung der ungarischen Geschichte in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts spiegelt (über deren sozioökonomische und ideologische Fundierung gesprochen werden müsste, auch im Hinblick auf heutige Parallelen z.B. im ehemaligen Jugoslawien und in Hinblick auf die immanenten Gewalt- und Ethnizitätspotentiale einer solchen politischen Bewegung; die vielen Denkmäler und Turul-Vogelstatuen im ganzen Land aus dieser Zeit erinnern an diese auch heute noch funktionalisierbare latente nationalistische Unterströmung). Als durch Prof. Dr. Zoltán Antal vermittelte besondere Behandlung wurden wir von der Protokollchefin des ungarischen Ministerpräsidenten durch das Gebäude geführt und daher in besonders kompetenter und auf das tatsächlich Wesentliche konzentrierter Art mit dem Gebäude, seiner Geschichte und seiner Bedeutung vertraut gemacht.

Im Budapester Rathaus, dem Hauptbürgermeisteramt, konnten wir dann anschließend ein besonders informatives Gespräch im Bauamt von Budapest über die Stadtstruktur und die Möglichkeiten und Ziele der Stadtplanung innerhalb der Agglomeration Budapest führen. Der Sachbearbeiter des Bauamtes unterlegte sein klares und gut gegliedertes Referat mit einer Fülle von Karten und Grafiken, die die Situation gut verdeutlichen konnten. Dies war auch eine willkommene Ergänzung zu den allgemeinen Ausführungen von Prof. Dr. Zoltán Antal über die geographische Situation von Budapest am ersten Tage unseres Aufenthalts und zu den kommunalen Problemlagen, die uns in drastischer Form am Dienstag während der Besuche im Wasserwerk und in der Kläranlage vor Augen geführt worden sind.

Fr., 15.09.

Mit einem gemieteten Autobus der Universität (ELTE) begann heute die abschließende Rundfahrt durch die ungarische Tiefebene (Alföld) und nach Südostungarn. Erster Programmpunkt war ein Stadtrundgang in Kecskemét. Kecskemét hat eine ganz besondere Ortsgeschichte, in der sich die ungarische Nationalgeschichte spiegelt. In der Zeit der türkischen Herrschaft entvölkerten sich weite Landstriche der ungarischen Tiefebene durch die ständigen Durchzüge der verschiedenen Heere, die das Land ausplünderten, ebenso wie durch drückende Steuerlasten und willkürliche Forderungen der Osmanischen Fremdherrschaft. Die Bauern zogen in größere, fast stadtähnliche Wehrdörfer und stellten sich dort, natürlich gegen Zahlung entsprechender ›Schutzgelder‹ unter den Schutz jeweils eines türkischen Würdenträgers. Ihre Felder konnten sie, wenn es die politisch-militärische Lage zuließ, dann in jahreszeitlichen ›Kampagnen‹ von der Stadt aus bestellen. Wir lernten auf unserer Rundfahrt neben Kecskemét weiter im Süden als Sitz der Cooperative »Rákóczi« noch Hódmezövasarhély, das seinen landwirtschaftlichen Charakter noch stärker als Kecskemét bewahrt hat, kennen.

Kecskemét machte dann aber noch eine weitere historisch bedeutsame Entwicklungsphase in der Mitte des letzten Jahrhunderts durch, das es über seine landwirtschaftlichen Ursprünge weit hinaushob, als es zum Sammlungsort der romantischen, literarisch-künstlerischen und politischen Befreiungsbewegung aus dem Geiste des anti-habsburgisch eingestellten ungarischen romantischen Nationalismus wurde. Kossuth hielt eine wichtige patriotische Rede in Kecskemét: ein Denkmal vor dem Rathaus erinnert daran. Józef Katona lebte, da er von seiner schriftstellerischen Tätigkeit, von den Herrschenden oft angefeindet, nicht existieren konnte als Anwaltsgehilfe in Kecskemét; sein ›Nationaldrama‹ »Ban Bánk«  wurde zur Grundlage einer der wichtigsten ungarischen Opern, komponiert von Ferenc Erkel. (“Das Thema des Banus, der die ausländische tyrannische Königin ermordet, fügt sich ebenso in die Ideenwelt des ›Frühlings der Völker‹ ein, wie die Oper ›László Hunyadi‹, die den Verrat des Königs zum Thema hat.” András Székely, Illustrierte Kulturgeschichte Ungarns, 1978, S. 152.) Die revolutionäre Sprengkraft, die Aktualisierbarkeit des Themas ist wohl offensichtlich. Vor allem fällt dem Besucher aber die besondere Architektur Kecskeméts auf. In der »Ungarischen Sezession« spalteten sich bildende Künstler und Architekten von der »Budapester Akademie« ab, um einen eigene ungarischen Nationalstil zu entwickeln, der sich fiktiven orientalischen (türkisch-persisch-indischen) kulturellen Quellen des Magyarentums verpflichtete und originelle neue Formlösungen in gewisser Ähnlichkeit mit dem deutschen »Jugendstil« fand. Das große Rathaus von Kecskemét  ist ein hervorragendes Beispiel für diesen Baustil.

Die aktuelle landwirtschaftliche Situation im Komitat Bács-Kiskun war Thema eines Gesprächs in der Landwirtschaftlichen Hochschule von Kecskemét. Auf die landwirtschaftlichen Entwicklungen wird an anderer Stelle ausführlicher einzugehen sein. Besonders wichtig ist aber, daß das Komitat vor allem über trockene, wenig wertvolle Böden verfügt, die besondere agrartechnische Anstrengungen erfordern und die auf der anderen Seite von der Dynamik der Privatisierung nach der »Wende« nicht im Maße anderer Komitate erfasst wurden, so daß auch heute aus ökonomischen Zwängen heraus großbetriebliche und genossenschaftliche Anbausysteme vorherrschen. - Nach einem gemeinsamen Mittagessen in der Hochschule erfolgte die Weiterfahrt nach Békéscsaba und Gyula, die sich durch einen teilweise unfreiwilligen, durch technische Probleme am Bus in Békéscsaba verursachten Aufenthalt bis in den späten Abend hinein verzögerte, was eine improvisierte Selbstverpflegung am Abend verursachte. Die Unterkunft in Gyula erfolgte im genossenschaftlichen Kurhotel-Komplex (Höforrás Hotel, H 5701 Gyula, Rábá u. 2) mit recht ansprechenden Komfort bei sehr niedrigen Preisen.

Sa., 16.09.

Vormittags erfolgte nach dem ersten nur zum Teil freiwilligen Stadtrundgang in Békéscsaba am Vortag die eigentliche Stadtbesichtigung. Die Anfahrt von Gyula aus, ca. 15 km, fand mit dem Bus statt. Békéscsaba ist auf der einen Seite eine typische, periphere ungarische Landstadt, in der nur ein flächenmäßig kleiner Teil städtischen und zentralen Charakter trägt – und auch das in nicht allzu kompakter Bebauung –, während ein größerer Ortsteil schon ländlich geprägt und durch eine landwirtschaftliche Berufsstruktur gekennzeichnet ist. In vielen Orten, selbst noch in Kecskemét, sind diese Bereiche an hofähnlichen, zur Straße mit Mauer und Hoftor abgeschlossenen, aber in Reihenbauweise erstellten einstöckigen, meist ockergelb gestrichenen Häusern zu erkennen, deren Grundrisse vielleicht noch am ehesten als U- oder T-Form dargestellt werden könnte. Auf der anderen Seite hat die besondere Stadtgeschichte Békéscsaba einen ganz eigenständigen Charakter verliehen. Nach der Türkenzeit, durch kriegerische Ereignisse fast völlig aufgegeben, wurden von den Grundherren fremde Siedler in den Raum Békéscsaba geholt und angesiedelt; darunter stand an erster Stelle eine große slowakische Minderheit, die vor Not und Unfreiheit in der damaligen Slowakei hier nach Südostungarn floh. Bis heute hat sich ein Teil der Bewohner Békéscsabas seine slowakische Identität und kulturelle Affinität bewahrt, wie uns in  einem Gespräch im Bürgermeisteramt der Stadt über die slowakische und rumänische Minderheit des Komitats deutlich gemacht wurde. Insgesamt stärkten diese Minderheiten den städtischen Charakter der Stadt ebenso wie die spätere Entwicklung von Gewerbe und Verkehr.

Durch dieses Wachstum und die bessere Eisenbahn- und Straßenverbindung bestärkt, löste nach dem zweiten Weltkrieg Békéscsaba den Nachbarort Guyla als zentralem Ort und Komitatssitz ab. Guyla, direkt an der rumänischen Grenze gelegen, entwickelte in der Folge vor allem die Wohnbebauung und den Tourismus, der sich auf die dort vorhandenen Heilquellen stützt.

Der Ort Gyula wurde von uns nur am Rande geographisch untersucht. Die Grenzlage selbst interessierte uns dabei besonders. In einer Fahrt zur Grenzübergangsstelle von Gyula konnte uns vom dortigen ungarischen Kommandanten der Grenzübergangsstelle nach Rumänien in seinem Vortrag über den Grenzverkehr das kaum zu bewältigende Anwachsen des Güterverkehrs, vor allem des Transit- (TIR-) Verkehrs durch Ungarn in der Folge der ökonomisch-marktwirtschaftlichen Transformation Ost- und Südosteuropas auf der einen Seite und dem Fortfall der traditionellen Verkehrslinien durch das ehemalige Jugoslawien in der Folge des dortigen Bürgerkrieges vor Augen geführt werden. Neben dem friedlichen Waren- und Personenaustausch wächst gleichzeitig aber auch der illegale und kriminelle Transit; Ungarn ist zu einer Drehscheibe des Rauschgifthandels vom Nahen und Mittleren Osten nach Europa geworden, was die personell und finanziell mangelhaft ausgestatteten Grenzdienste des Landes vor nahezu unlösbare Probleme stellt. Dazu kommt der legale, halb- und illegale Flüchtlingstransit, der zeitweise den Charakter von kriminellem Menschenhandel annimmt. Muss Ungarn zur »Grenzfeste« des reichen Mitteleuropas werden? So würde, jetzt an Ungarns Ostgrenze, der Limes der Provinz Pannonien aus der Antike wieder auferstehen!

Den Tagesabschluss bildete die Möglichkeit zu einem Bad in den Heilwässern von Gyula. Leider war unser Programm etwas belastet durch gesundheitlich angeschlagene Teilnehmer, da eine – wahrscheinlich infektiöse – Darm- und Magenerkrankung, teilweise mit Schwäche und angegriffenem Kreislauf verbunden, »herumging« und in einem Falle einen Arztbesuch in Gyula notwendig machte.

So., 17.09.

Ein letzter zentraler Themenbereich, nach der allgemeinen Untersuchung von Peripherisierungsproblemen und der Situation der Minderheiten in Ungarn, war die Entwicklung der Landwirtschaft unter den Bedingungen des gesellschaftlichen und ökonomischen Wandels. Der Besuch der landwirtschaftlichen Genossenschaft »Rákóczi« in Orosháza und Hódmezövásárhely zeigte uns zunächst die geographischen Grundlagen der Landwirtschaft in Südungarn. Im Laufe unserer Fahrt konnten wir mehrere deutlich unterschiedene landwirtschaftsgeographische Zonen kennen lernen:

  • Die trockene armen Sandböden des Komitats Bács-Kiskun, die vor allem mit Fruchtbaum- und Weinbau genutzt wurden,

  • die Schwarzerdböden des Komitats Békés im Einzugsbereich des Körös (z.T. daher auch mit Überschwemmungsbodencharakteristik), bei denen Getreide- und Maisanbau sowie eine intensive Viehzucht vorherrschen,

  • sowie die Schwarzerd- und Überschwemmungsböden des Komitats Csongrád im Einzugsbereich von Tisza (Theiss) und Maros, die durch ihre orographische Lage besonders von der derzeitigen mehrjährigen Trocken- und Dürreperiode beeinträchtigt worden sind, sonst aber ein ertragreiches Zentrum für Mais-, Sonnenblumen- und Weinanbau sind.

In einem Gespräch über die Genossenschaft und die ungarische Landwirtschaft im Zusammenhang mit der Betriebsbesichtigung wurde uns die ökonomische Bedeutung der genossenschaftlichen Produktion und Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte auch unter den Voraussetzungen einer geänderten Wirtschafts- und Eigentumsordnung verdeutlicht, aber auch die Probleme, mit denen Cooperativen heute zu kämpfen haben und die vor allem auch auf die noch nicht abgeschlossene Umstellung des Rechtssystems und die damit verbundenen Unklarheiten der Eigentumstitel zurückzuführen sind, die es z.B. erschweren, Geld auf dem freien Kapitalmarkt aufzunehmen und gegenwärtig noch verhindern, durch Hypothekenbelastungen  die Kapitalarmut der Betriebe zu beheben.

Der hohe Investitionsbedarf der Cooperative wurde bei der Betriebsbesichtigung, die sich auf die Sonnenblumenkernverarbeitung und die Weinerzeugung konzentrierte – auch das wegen der Größe des Betriebes, der sich über ca. 60 km erstreckt, noch mit erheblichen Wegen verbunden! –, sehr deutlich. Ein Gemeinsames Mittagessen mit Weinprobe zeigte die kulinarische Leistungsfähigkeit des Betriebes.

Der geplante Stadtrundgang in Szeged fiel wegen der fortgeschrittenen Zeit und einem einsetzenden wolkenbruchartigen Gewitter kürzer als geplant aus. Prof. Dr. Zoltán Antal erläuterte noch die Besonderheiten der Lage am Theißufer mit den damit verbundenen Überschwemmungsgefahren und den Auswirkungen der Verkehrslage auf die Stadtentwicklung.

Der »Triumph«, mit unserem hochrädrigen Ikarus-Bus an den vielen liegen gebliebenen Pkws durch teilweise halbmetertiefe Wasserseen auf der Straße vorbeifahren zu können, wich nach etwa dreißig Kilometern, bei trocken gewordenem Wetter zwar, aber auf offener Landstraße, doch recht gemischten Gefühlen, als ein technischer Defekt im Hydrauliksystem unseren Bus lahm legte. Die Reparaturversuche des überaus bemühten und fleißigen Busfahrers, dessen Bemühungen von allen Teilnehmern anerkannt und nach Kräften unterstützt wurden, begannen gegen 18 Uhr und führten trotz Austausches der Pumpe auch bis 23 Uhr nicht zum Erfolg, nicht einmal zur gesicherten Lokalisation des Schadens. Durch Anrufe in der Zentrale in Budapest erreichten wir, daß uns ein Ersatzbus geschickt wurde, der gegen 3 Uhr nachts ankam und mit dem wir dann, nach dem, auf der offenen Straße in der Dunkelheit sehr vorsichtig vorgenommenen Umladen des Gepäcks, weiter fuhren. Unser Ziel Pécs war nun nicht mehr zu erreichen, die Nacht war ja bald zu Ende; wir fuhren gleich in Richtung Budapest und verbrachten den Rest der Nacht und den frühen Morgen schlafend im Bus auf einem Parkplatz in Dunaújváros oberhalb der Donau. (Daß die Unterkühlungen und Verkrampfungen dieser Busnacht noch einen Monat danach bei mir schmerzhafte rheumatische Beschwerden verursacht haben, sei nur am Rande erwähnt.)

Mo., 18.09.

Ein schnell bestelltes Frühstück in einem Hotel in Dunaújváros stellte die angeschlagene Arbeitsfähigkeit und Aufmerksamkeit zumindest teilweise wieder her.

Dunaújváros (= »Donau-Neustadt«) war dann aber ein wirtschaftsgeographisch sehr lohnendes Ziel. Prof. Dr. Zoltán Antal schilderte der Reisegruppe detailliert die kurze Geschichte dieses Ortes, woran sich die kurzen folgenden Anmerkungen orientieren. Dunaújváros ist sowohl in wirtschaftsgeographischer wie in wirtschaftshistorischer Hinsicht ein sehr interessantes und aufschlussreiches Beispiel für die Industrialisierung Ungarns im zwanzigsten Jahrhundert. Rund hundert Kilometer südlich von Budapest am rechten Donauufer gelegen, wurde das Stahl- und Industriekombinat zusammen mit der dazu gehörenden Stadt in der Nähe eines kleinen landwirtschaftlichen Dorfes, das heute in das Stadtgebiet von Dunaújváros einbezogen ist, erst nach dem zweiten Weltkrieg gebaut und galt als Musterbeispiel des schwerindustriellen Entwicklungsprimates des Sozialismus stalinistischer Prägung. Der neue Ort sollte als »Stalinváros« (= »Stalinstadt«) der erste »sozialistische Musterort« Ungarns werden, ohne Anknüpfung an die ökonomischen und kulturellen Traditionen des Landes, in dem sich der »neue sozialistische Mensch« entwickeln könne. Damit ist die Entwicklungskonzeption unmittelbar vergleichbar mit der Gründung der »Lenin-Hütte« in »Nowa Huta« bei Kraków (Krakau) in Südpolen[1], die ebenfalls als Musterbeispiel zu werten ist für eine notwendige kritische Auseinandersetzung mit den Industrialisierungsstrategien und Entwicklungspostulaten in den europäischen Peripherieländern, die in Ost- und Südosteuropa über vierzig Nachkriegsjahre – in der Sowjetunion sogar seit der Oktoberrevolution 1918 – von der Wirtschaftsdoktrin des leninistischen und stalinistischen Kommunismus geprägt wurden.

Zur Industriegeschichte von Dunaújváros ist aber noch einiges hinzuzufügen, was das übliche, aus politischen Gründen oft ausschließlich negativ gezeigte Bild variieren kann. Das negative Stereotyp für die Standortwahl für diese zweitgrößte Stahlhütte Ungarns nach Miskolc – vergleichbar sonst noch den beiden alten Stahlerzeugungsstandorten: der Czepel-Insel in Budapest und dem nordungarischen Industrierevier um Ózd – betont vor allem die Standortferne von jeglicher traditionelle Agglomeration – also die Errichtung quasi »auf der grünen Wiese« –, wobei wertvolle Agglomerationsvorteile in der wirtschaftlichen Entwicklung nicht genutzt werden können, die ungünstige Ufersituation auf einer lockeren, ca. zwanzig Meter hohen Lößterrasse über der Donau, die einmal tatsächlich zu einem größeren bedrohlichen Erdrutsch führte und damit aufwendige Sicherungsmaßnahmen notwendig machte, sowie die Rohstoffausrichtung alleine auf die Sowjetunion hin, die durch eine neue Eisenbahn-Transversale ermöglicht wurde.

Doch sind dem einige andere Aspekte gegenüberzustellen. Der Plan eines neuen industriellen Schwerpunktes in Südungarn existierte schon vor dem Zweiten Weltkrieg. Gründe waren dafür die erwünschte Förderung eines strukturschwachen Peripherieraumes durch gezielte industrielle Investitionen, die Entlastung des »überagglomierten« Industrieraumes Budapest – ein Grund, der nach dem Krieg noch weitaus dringlicher und gravierender wurde und heute durch die katastrophalen Umweltschäden im Budapester Stadtgebiet nur noch bestätigt werden kann! – und die Einsicht, daß der infrastrukturell abgeschnittene, wirtschaftsgeschichtlich im 19. Jahrhundert eher auf den slowakischen Wirtschaftsraum im Norden ausgerichtete nordungarische Altindustrieraum in seiner Grenzlage hinter dem Zug der ungarischen Mittelgebirge, kaum noch Entwicklungspotentiale erkennen ließ; ferner erhoffte man sich durch einen südungarischen Entwicklungsschwerpunkt eine Verbesserung der wirtschaftlichen Integration der südlichen Nachbarn – Jugoslawien, Bulgarien – als gemeinsame Donau-Anrainerstaaten, was auch die Rohstoffvorkommen dieser Region, transportiert auf dem Wasserweg, für Ungarn nutzbar machen sollte.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurden diese Planungen forciert und ein großes Industrieareal in der Nähe von Mohács nahe der ungarischen Südgrenze infrastrukturell erschlossen und für den Bau eines Stahlwerkes vorbereitet.

Die politische Nachkriegsgeschichte machte dieser Planung einen Strich durch die Rechnung. Der Bruch zwischen Stalin und Tito kappte die politischen und wirtschaftlichen Verbindungen zwischen den Staaten des neu gegründeten RGW und Jugoslawien, das sich in der Folge wirtschaftlich – trotz Blockfreiheitspolitik und festhalten an einer sozialistischen Staats- und Gesellschaftskonzeption[2] immer mehr an Westeuropa orientierte und ein Assoziationsabkommen mit der EWG unterschrieb.

Das hatte unmittelbare Folgen für die ungarischen Entwicklungspläne. Ungarn und der RGW (bzw. das sich neu konstituierende Militärbündnis der kommunistischen Staaten, der »Warschauer Pakt«) befürchteten eine unsichere Lage an der Südgrenze gegenüber Jugoslawien, eventuell sogar kriegerische Auseinandersetzungen. Für zivile wirtschaftliche Entwicklungsprogramme schien hier nicht der richtige Ort zu sein. Also wurde ein geeigneter Ort weiter im Landesinneren gesucht, der sowohl Anschluss an die Donau als Wasserstraße als auch ausgebaute Verkehrsverbindungen nach Budapest aufwies. Dieser wurde an der mittleren Donau gefunden, wo eine Halbinsel am rechten Donauufer – kurz unterhalb des Endes der Csepel-Insel – einen geschützten Naturhafen und auf der oberen Donauterrasse einen hochwassergeschützten Industriestandort anbot.

Die verloren gegangene Rohstoffversorgung über die Donau aus Jugoslawien mußte ersetzt werden durch den Ausbau einer Eisenbahn-Querverbindung, die in Nordostungarn, bei Nyíregyháza, einen Anschluss an das Eisenbahnnetz der Sowjetunion im Gebiet der Ukraine bekam, wo über einen großen Verschiebe- und Umspur-Güterbahnhof das ungarische Eisenbahnnetz in eine weitere Ost-West-Verbindung einbezogen wurde, die heute, nach dem Wegfall der Teilung Europas, eine wachsende internationale Bedeutung erlangen kann, wie sie die entsprechenden Straßenverbindungen im TIR-Verkehr schon erhalten haben. Zum damaligen Zeitpunkt war der Ausbau ein wichtiger Schritt zur ökonomischen Integration innerhalb des RGW.

In Dunaújváros wurden ein großes Stahlwerk mit wichtigen Nebenbetrieben[3] und ein wachsender Ort für die im Betrieb Beschäftigten mit allen notwendigen Versorgungseinrichtungen und zentralen Funktionen errichtet. Der zwanzig Meter unterhalb des Ortes gelegene Hafen wird durch eine im weiten Bogen die Stufe in einem kleinen natürlichen Taleinschnitt überwindende Bahnstrecke an das Stahlwerk und die Stadt angebunden. Kohle und Erz werden im Hafen auf Waggons umgeladen und zur Produktion herangebracht, soweit sie nicht ohnehin auf dem Schienenweg geliefert werden. Die Fertigprodukte werden auf dem gleichen Wege abtransportiert, wobei heute, dem internationalen Trend folgend, der Straßentransport eine immer größere Rolle spielt. Diese Entwicklung hat unmittelbare Auswirkungen auf die notwendige Infrastruktur- und Regionalentwicklung in der Agglomeration Budapest[4].

Zunächst war die Lage in einem dünn besiedelten Raum ein Problem für die Versorgung mit Arbeitskräften. Materielle Anreize und auch gewisse Zwangsmaßnahmen – korrespondierend mit einem zeitweiligen Zuzugsverbot für den Agglomerationsraum Budapest – mussten die anfänglich unzureichende Ausstattung des Ortes und die Abgeschnittenheit vom urbanen Leben der Großstadt ausgleichen. Doch hat sich der Ort, abgesehen von großen Umweltproblemen durch Emissionen des Stahlwerkes, heute zu einem durchaus angenehmen und gut ausgestatteten Wohnort entwickelt, der durch Straße und öffentliche Verkehrsmittel leicht von Budapest her zu erreichen ist.

In den Fünfziger und Sechziger Jahren im Rahmen der – oft an Verfolgungswahn gemahnenden – Geheimhaltungspolitik für alle wichtigen ökonomischen und infrastrukturellen Entwicklungen und Einrichtungen war Dunaújváros nahezu eine »geheime Stadt«, die zumindest der Tourist nicht betreten durfte. Die Eisenbahn- und Straßenbrücke über die Donau wurde militärisch streng bewacht – wobei ein unbedingtes Fotografierverbot selbstverständlich war. Daß alle diese Restriktionen und Erinnerungen an frühere »Selbstverständlichkeiten« heute zur teilweise eher »kuriosen« Geschichte geworden sind, ist ein hoffnungsvolles Zeichen für eine friedlichere europäische Zukunft ohne gegenseitige Angst.

Nach dem Besuch in Dunaújváros – mit einem guten Frühstück in einem Hotelrestaurant im Magen – fuhren wir zurück nach Budapest. Auf dem Wege beschäftigten wir uns – wenn auch durch die verständliche Müdigkeit der Reisegruppe nur extensiv rezipiert (wenn mehr Mitreisende wach waren als die vier Reiseleiter und der Busfahrer, war das schon als wacher und aufmerksamer Augenblick zu verzeichnen!) – mit der Energiedrehscheibe Ungarn. Durch mangelnde eigene Energieressourcen ist Ungarn abhängig von Energieimporten: Stromverbund, Erdgas, Erdöl, Kohle...

Von der Sowjetunion ausgehend wurde in Osteuropa ein Netz von Erdgaspipelines angelegt, in das Ungarn einbezogen und an das schließlich auch Westeuropa angeschlossen wurde. Eine Ost-West-Erdöl- und Erdgaspipeline führt von der Ukraine nach Zentralungarn und vereinigt sich südlich von Budapest auf halbem Weg nach Dunaújváros mit den Leitungen, die von südungarischen, wenn auch nicht allzu ergiebigen, Erdölfeldern kommen. Eine große Erdölraffinerie wurde hier gebaut. Eine zweite Erdgaspipeline kommt aus Rußland durch die Slowakei und endet zur Zeit unseres Besuches hier. Nach dem Ende des Bosnienkrieges und des UN-Boykotts gegen Restjugoslawien (Serbien) wird wohl auch der stillgelegte weitere Teil in Richtung Belgrad etc. wieder in Betrieb genommen werden. Ganz in der Nähe befindet sich auch das größte konventionelle Kraftwerks Ungarns, daß den Großraum Budapest mit Strom versorgt.

Den Nachmittag verbrachten wir dann wieder in Budapest, wo wir im Studentenwohnheim noch einmal für eine Nacht die gleichen Zimmer wie in der ersten Woche einnehmen konnten. Einige nutzten die Zeit für eine gründliche Reinigung, andere für Schlaf, Ruhe und Rekreation. Doch in jedem Falle war genügend Zeit für weitere Spaziergänge und Besichtigungen in Budapest.

Die beiden Lehrer nutzen den »besonderen Termin«, an diesem ersten Betriebstag nach der Wiedereröffnung nach einjähriger Erneuerungs- und Restaurationszeit, die älteste elektrische U-Bahn des europäischen Kontinents, die Metro-Linie 1 »einzuweihen«. Wir fanden ein Schmuckstück des Jugendstils nur wenige Zentimeter unter der Fahrbahndecke der Rákóczi út, die nun nicht mehr »Straße der Volksrepublik« heißt. Die Ungarn-Fahrt endete durch die unterbrochene Rückfahrt nach Budapest etwas ungeplant und chaotisch, wenn auch ohne persönliche oder mitmenschliche Probleme.

Di., 19.09.

Die Rückfahrt mit dem Zug nach Wien fand planmäßig statt. Dort teilte sich die Gruppe und ein größerer Teil nutze die Zeit und die Gelegenheit zu einem privat organisierten Nachmittag in dieser anderen Donaumetrople.

In Wien fand kein gemeinsames Programm statt, nachdem die dreißig verbliebenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der U-Bahn in die Stadtmitte gefahren waren. Stephansdom, Graben, Hofburg und Ring, sowie ein Mittagessen in einem der österreichischen Traditionsrestaurants haben wohl die meisten erlebt. Leider war das Wetter kühl und regnerisch und verlockte kaum zum Grabenbummel. Für Musikliebhaber bot es sich an, im Dom den Etüden und Proben des Domorganisten zu lauschen.

Nachts dann im Liegewagen zurück nach Hannover und am Mittwoch gegen 6 Uhr Ankunft am Bahnhof und um 8 Uhr  planmäßiger Unterricht... Daß der Leistungskurs in der ersten und zweiten Stunde gemeinsam im Erdkunderaum frühstückte und die frischen Ungarn-Erinnerungen austauschte, machte es etwas leichter...

Erste Erfahrungen aus der Studienfahrt

Es wurde schon einleitend und stellenweise im Zusammenhang mit der Programmübersicht erwähnt, daß bei einer nüchternen Betrachtung der Ergebnisse der Studienfahrt, auch gemessen am organisatorischen und menschlichen Aufwand, der für ihre Durchführung notwendig war, diese kein voller Erfolg gewesen ist.

Die Inhalte konnten weder in der gewünschten umfassenden und die ungarischen Realitäten erschließenden und erklärenden Art und Weise noch auch nur ansatzmäßig gleichmäßig in der Teilnehmergruppe vermittelt werden.

Ohne daß hier eine umfassende Analyse dieser Situation versucht werden könnte, sollte doch betont werden, daß Gründe

  • sowohl in der nicht sehr förderlichen Verhaltensstruktur vieler Teilnehmerinnen und Teilnehmer – die kurzfristig nur wenig beeinflusst werden kann und ein grundsätzlicheres Problem der Schule allgemein darstellt –,

  • als auch in einigen äußeren Gegebenheiten gelegen haben, wie z.B. Gruppengröße, Übersetzungssituation und sprachliche Schwierigkeiten bei Vorträgen und Erläuterungen, z.T. durch unsere ungarischen Freunde und Partner nicht richtig eingeschätzte Zeiteinteilungen etc.

Unmittelbare Konsequenzen für spätere Studienfahrten sind nur aus dem zweiten Bereich zu ziehen, wobei auch hier einiges unabwendbar war; einer Reisegruppe stände es gut an, auch kleinere »Problemchen« und damit verbundene subjektive »Unzuträglichkeiten« toleranter und freundlicher hinzunehmen und sie am Maßstab der tatsächlichen positiven Leistungen zu messen, die uns die Studienfahrt überhaupt erst ermöglicht haben.

Ein Blick auf die Probleme unserer heutigen Alltagszivilisation und ihrer »Politischen Kultur« zeigt uns aber einige zugrunde liegenden allgemeinen Verhaltens- und Wertdispositionen, die letztlich den sozialen Kontext zerstören können, von dem die Gesellschaft und jeder Einzelne abhängig ist: Anspruchsdenken aufgrund ständig steigender, oft irrealer und fiktiver Maßstäbe; Verantwortungsscheu, die nur nach fremden Verantwortlichen suchen läßt, denen Risiko und Schaden abzuwälzen ist, ohne auch nur den Versuch gemacht zu haben, selbst zu einer realen Krisen- oder Konfliktlösung beizutragen; Konsumorientierung, die die gesamte Realität als materiell, käuflich und machbar ansieht, eigene – auch geistige oder soziale – Produktivität aber ausblendet und Kreativität und Problemlösungskompetenz verhindert; Rechthaberei, die sich selbst jede Freiheit zubilligt, vor allem die Freiheit, sich ohne Rücksicht auf soziale oder mitmenschliche Folgen zu verhalten; Gedankenlosigkeit, die intellektuelle Anforderungen als Zumutung abtut, Probleme damit aber durch »Ignorieren und Nicht-Wahrhaben-Wollen« verdrängt und nicht löst.

Diese Charakterisierungen erfolgen nicht im Rahmen eines allgemeinen »kulturkritischen Lamentos« sondern in tiefer Sorge um die Erhaltung lebenswürdiger gesellschaftlicher Zustände und zivilisatorischer Mindeststandards, die in Gefahr sind. Die realen Probleme und Gefahren unserer Zeit – von globaler Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise auf der einen Seite, über bürgerkriegs- und kriegserzeugende Systemzusammenbrüche, von denen die Zeitungen heute schon voll sind, bis hin zu globalen und lokalen Umweltgefahren und -zerstörungen: diese Szenarien sind uns doch allen bestens bekannt – sind so dringend und gravierend, daß wir uns einfach nicht leisten können, auf den Erhalt zivilisatorischer Mindeststandards, auf gesellschaftliche Phantasie und eigene Krisen- und Problemlösungskompetenz zu verzichten.

An dieser Stelle richtet sich meine Frage nach möglichen Konsequenzen aus diesen Einsichten

  • einmal an die Schule, an meine Kolleginnen und Kollegen: ob sie nicht noch intensiver an einer notwendigen Veränderung der Schule, der Unterrichtssituationen wie der Unterrichtsinhalte mitwirken können, um aktive Problemlösungskompetenz und die notwendigen Reste unserer Zivilisation vermitteln zu können,

  • und zum anderen an unsere Studienfahrtteilnehmerinnen und -teilnehmer selbst: ob sie sich eventuell in der kritischen Beschreibung wieder finden und ob sie nicht die Zukunftsbefürchtungen teilen...

Gerade Auslandsstudienfahrten könnten die gesellschaftliche Phantasie anregen, wenn Distanz nicht als Zumutung sondern als intellektuelle und emotionale Herausforderung begriffen wird, der sich zu stellen ein Beitrag zur eigenen Persönlichkeitsentwicklung sein kann. Dann muß man aber die Realitäten, Situationen, Menschen und Ereignisse ach »an sich heran lassen«, ihnen mit Neugier und Offenheit begegnen und auf schnelle, vorschnelle Urteile verzichten; das kann unterstützt und gefördert werden durch das gemeinsame Gespräch in der Reisegruppe, das auf unserer Fahrt leider, zumindest als allgemeine und strukturierte Veranstaltung, zu kurz gekommen ist.

Folgende organisatorische Verbesserungen schlage ich für zukünftige Studienfahrten aus der Erfahrung unserer Ungarnfahrt heraus vor:

  1. Die Reisegruppe sollte kleiner sein; optimal sind 12 bis 15 Teilnehmer und (mindestens) eine Begleitperson. Wenn aus finanziellen Gründen größere Teilnehmerzahlen notwendig sind (wie bei unserer Ungarnfahrt), sollte das inhaltliche Programm (mit Ausnahme also von Übernachtung, Verpflegung und gemeinsamen Busfahrten) in von den (mindestens) beiden Begleitern getrennt betreute und ggf., fachlich unterschiedlich akzentuierte parallele Teilprogramme aufgegliedert werden, die mit den Gruppen vorher auch getrennt vorbereitet werden. Der erhöhte organisatorische Aufwand dürfte durch den erleichterten Ablauf und die bessere inhaltliche Arbeitseffizienz aufgewogen werden.

  2. Vor der Studienfahrt sollte, da Teilnehmerkreis und Kursteilnehmerschaft selten identisch sind, ein gemeinsames verbindliches Wochenendseminar mit einer inhaltlichen Einführung (ggf. einzelne Referate) und einer ausführlicher Erläuterung der Ziele des geplanten Programms stattfinden. Dieses Seminar sollte verpflichtend von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern protokolliert werden, um die notwendige Aufmerksamkeit zu gewährleisten. Hierin wäre auch ein Beurteilungs- und Bewertungsansatz zu finden.

  3. Kursfremde Teilnehmer sollten nur noch unter der Bedingung mitgenommen werden, daß sie sich, soweit noch aus dem Unterricht unbekannt, beiden (allen) begleitenden Lehrern vorstellen und ihren Teilnahmewunsch begründen, daß sie von Anfang an Aufgaben wie z.B. Protokollführung festgelegter Zeitabschnitte übernehmen und daß sie sich aktiv am Vorbereitungsseminar beteiligen.

  4. Wenn es sich ermöglichen lässt, könnten Arbeitsgruppen einzelne Programmpunkte der Studienfahrt selbständig vorbereiten und an Ort und Stelle betreuen und leiten.

  5. Soweit ein kompetenter Reisebegleiter zur Verfügung steht, wie diesmal dankenswerterweise unser Freund Herr Prof. Dr. Antal, sollte eine Arbeitsform gefunden werden, bei der der Begleiter nicht als »ständiger Referent« sondern als Berater und Helfer des begleitenden Lehrers auftritt, der i.d.R. die Lernvoraussetzungen der Gruppe ad hoc besser einschätzen kann, als der fachkompetente Referent, und der daher ggf. schneller Programm-Modifikationen vorschlagen wird, wenn die Lernsituation in der Gruppe problematisch erscheint.

  6. Fremdsprachige Referate und Erläuterungen, die eine »Simultanübersetzung« erfordern (oder besser: eine satzweise Übersetzung des Vortrages), sollte im Gelände 15 Minuten, im geschlossenen Vortragssaal eine halbe Stunde nicht überschreiten. Im Gelände sind ohnehin dialogische Vermittlungsformen unter der Leitung des Lehrers, der ggf. auf Vorkenntnisse und Unterrichtszusammenhänge zurückgreifen kann, sinnvoller als fachliche Vorträge. Sind umfangreichere Themenbereiche zu erörtern, sollte Vorträge durch Diskussionsphasen oder Pausen geteilt, im Gelände die Standorte entsprechend dem tatsächlich zu sehenden Gegenstand gewechselt werden.

  7. Bei der Bestellung der Unterkünfte sollte dafür Sorge getragen werden, daß, soweit möglich, jeden Morgen und jeden Abend ein abgetrennter Raum für eine inhaltliche und organisatorische Besprechung bzw. für eine »Tageskritik« zur Verfügung steht. Das Programm muß dann auch so gestaltet sein, daß dafür jeweils ca. eine halbe Stunde zur Verfügung steht und als verbindlicher Termin entweder für die ganze Gruppe, wobei Gruppenergebnisse ausgetauscht werden können, oder, was wohl der Regelfall sein wird, für die gegebenenfalls vorhandenen beiden Teilgruppen. Diese Besprechungen sollten in Notizen festgehalten bzw. protokolliert werden.

Abschließend sollen aber doch noch die positiven Erfahrungen festgehalten werden, die ebenfalls während der Studienfahrt gemacht werden konnten, auch um nicht durch eine am Ende stehende Kritik den falschen Eindruck zu vermitteln, daß Studienfahrten sinnlos seien oder gemessen an den Anstrengungen für die Begleiter und den Aufwand für die Schule nur geringen schulischen und pädagogischen Nutzen einbringen würden: das Gegenteil ist der Fall.

Ich bin mir sicher, daß trotz der kritischen Einschränkungen für die Mehrzahl der Teilnehmer und Teilnehmerinnen die Studienfahrtteilnahme ein wichtigeres schulisches Ergebnis gebracht hat als irgend eine andere Woche Schulunterrichts oder auch irgendwelcher anderer Unterrichtseinheiten. Auch wenn der Erfolg vielleicht für die einzelnen selbst nicht unmittelbar erkennbar ist (vielleicht irre ich mich aber sogar hier, was mich nur freuen würde), werden die Erfahrungen und Eindrücke, aber auch die vielen Erklärungen und angebotenen Urteilsperspektiven in späteren inhaltlichen Zusammenhängen wieder aufscheinen und orientierend und hilfreich sein (vielleicht, hoffentlich schon in den bevorstehenden Abiturprüfungssituationen, die jede Menge inhaltlicher Kreativität erfordern werden).

Auf der anderen Seite sollte hier bezogen auf die konkrete Ungarn-Studienfahrt, wie wir sie jetzt hinter uns haben, daß selten eine Studienfahrt von einer solchen inhaltlichen Konsistenz, Logik und Fülle durchgeführt werden konnte, wie gerade diese; und dies ist das Verdienst von Prof. Dr. Zoltán Antal, dem hier noch einmal ausdrücklich gedankt sein soll. Das Exkursionsziel Ungarn bestätigte die im Vorher gemachten Erwartungen vollauf, ein »gesellschaftliches, ökonomisches und politisches Experiment der Zeitgeschichte« vor Augen zu führen, durch das die europäischen Transformations- und Zukunftsprobleme idealtypisch und in nuce veranschaulicht werden können; ein Reiseziel, das darüber hinaus so vieles an Individualität und menschlicher Aufgeschlossenheit dem Gast gegenüber zeigt, daß eigene gesellschaftliche und zivilisatorische Phantasie und Aufgeschlossenheit unmittelbar angesprochen und angeregt sein kann: ein ideales Ziel für Studienfahrten also. Über die langfristig-vergleichenden Eindrücke, die nicht nur auf dieser Fahrt sondern in einer über Jahrzehnte hingehenden Folge von Besuchen in Ungarn gewonnen werden können und die die Veränderungen in Ungarn betonen, aber auch Kontinuitäten erweisen können, sollte an anderer Stelle noch mehr ausgesagt werden.

II. Themen der Studienfahrtvorbereitung

Krieger, Fürsten und Magnaten – Die Ungarische Gesellschaft im Mittelalter

Einleitung

Die tausendjährige Geschichte des in ganz Europa verschlagenen ungarischen Volkes spielte sich vorwiegend im Donaubecken ab. Fürst Árpád der Landnehmer wählte die wasserreiche Cspel-Insel zu seinem Fürstensitz aus, auch die späteren ungarischen Könige bestimmten zuerst die am Fluss liegende Höhen, später auch Bud zu ihrer Residenzstadt.

Das ungarische Volk gelang in ihre spätere Heimat nicht als herumziehende, sondern als von den Nomadenvölkern gejagte und vertriebene Gruppe. Es wollte die Donaulandschaft nicht allein bevölkern und auch nicht für sich einnehmen.

Fürst Geza und Stephan bauten dieses Land auf und schätzten es vor allen Gefahren.

Die Donau bedeutete für die Ungarn nicht nur ein Wasserweg, sondern auch ein Weg auf dem Menschen und Ideen »befördert« wurden, es wurde zum Symbol eines Bindegliedes zwischen Ost und West, zwischen den Donauvölkern und den Donauländern. Der Begriff eines wichtigen Transportweges wurde auch ein Symbol der Zusammengehörigkeit der Donauvölker.

Der erste Teil des Referates beschäftigt sich mit der Periode von der Landnahme über die Christianisierung bis hin zur Reichsgründung, während der zweite Teil sich mit der Problematik der damaligen Gesellschaft befasst.

Landnahme: Gesellschaftsordnung zur Zeit der Landnahme

1. Familien und Dorfgemeinschaft

Will man die Struktur der damaligen magyarischen Gesellschaft untersuchen, so muß die Gräberfelder der damaligen Zeit genau betrachten. Als erster versuchte Laszlo Gyula Mitte des Jahrhunderts aus der Gräberordnung auf den Aufbau der Gesellschaft zu schließen. Da ausreichende anthropologische Untersuchungen nicht vorhanden waren, versuchte man anhand der Gräber die innere Struktur der Gruppe, Geschlechter der Skelette, sowie die Stellung der einzelnen herauszufinden.

Dabei ergab sich ein sehr interessantes Bild. In der Mitte des Feldes lag stets der Mann mit dem höchsten Rang, links wurden nur Männer, rechts nur Frauen begraben. Laszlo Gyula erkannte, daß es sich bei einigen der Gräber um Ordnung nach der Blutsverwandtschaft handelte. Bestattet wurden die Angehörigen einer Gemeinschaft, der die Eltern, ihre verheirateten Kinder, sowie ihre Enkelkinder angehörten. Sie zählten zu einer gemeinschaftlich wirtschaftenden Gruppe und wurden von dem ältestem Mann angeführt (patriarchalische Großfamilie) .

Durch die ersten Erfolge angeregt strebte Mann die Freilegung aller Gräber an, um die Gesetzmäßigkeiten der Gruppe genaustens erforschen zu können. Die wichtigste Entdeckung schreibt man Béla Szöke zu, der die früheren Hypothesen widerlegte und beweisen konnte, daß die meisten der Gräberstätten kontinuierlich (d.h. ab dem 10. Jahrhundert, darauf weisen die Münzenfunde in diesen Grabstätten) benutzt wurden und zwar auch von niederen Schichten. Die Funde selbst waren zwar bescheiden aber typisch für den heidnisch-magyarischen Brauchtum. Quellen aus der frühen Arpadenzeit bezeugen, daß zumindest die niedrigen Schichten (11. Jh.) in keinen Blutsgemeinschaften lebten. Man erwähnt Familien unterschiedlichen Ranges und Standes, jedoch sind keine verwandtschaftlichen Beziehungen nachweisbar.

Der Führer »Dorfvorsteher« (Vilicius) leitete zusammen mit den Ältesten, »Senioren« die Dorfgemeinschaft. Trotz der unvollständigen Funde (kleinere Gruppen, Unterbrechung der Reihen, kleinere Einheiten abgesondert) wurden gesellschaftliche. und Vermögensunterschiede deutlich.

Die jüngsten Analysen beweisen, daß Familien ohne verwandtschaftlicher Beziehungen in einer Siedlung lebten. Die Eigentumsverhältnisse, die sich bei den Magyaren vor der Zeit der Landnahme herausgebildet hatten, zerstörten die Blutsbindung, die früher für den Zusammenhalt sorgte.

Die Großfamilien zerfielen in viele Familiengemeinschaften, die durch die gleichen wirtschaftlichen und territorialen Interessen zusammengehalten wurden. Die neuesten Funde beweisen, daß die Grundzelle der ungarischen Gesellschaft zur Zeit der Landnahme unserer heutigen Familie glich. Einer solche Familie gehörten die Eltern, sowie die unverheirateten Kinder an. An der Spitze stand der Vater als Familienoberhaupt, der auch der Besitzer des Familienvermögens war, und somit unbegrenzte Macht besaß. Das Familienoberhaupt konnte sein Hab und Gut unter die Söhne verteilen und schaffte dadurch wirtschaftliche Unabhängigkeit. Die magyarischen Ortsnamen beweisen, daß sich die Söhne zuerst in geringer Entfernung von ihrem Vater niederließen. Nachdem das Fürstengeschlecht die Macht vergrößert konnte, gründete es »Niederlassungen« in entfernteren Gebieten. Die Gräberfunde beweisen außerdem, daß sich die Zahl der Familienmitglieder mit wachsender Macht verringerte. Die unter sich lebenden Kleinfamilien gehörten den wohlhabenden Schichte an. Auf diese Weise konnte eine Kleinfamilie ein riesiges Gebiet unter Aufsicht halten.

Die Regel war es anscheinend, daß ein Mann mehre Frauen haben konnte, was allerdings wegen des hohen Preises (je nach dem Wert der Arbeitskraft) nur den wohlhabenden Fürsten vorgehalten war. Der Perser Garadizi berichtet sehr ausführlich über die Heiratsbräuche der Magyaren. Die Schwiegerväter setzten, entsprechend der wirtschaftlichen Lage, die Mitgift, wobei viele Frauen Ansehen und Reichtum bedeuteten. So konnte man durch die Heirat mit angesehenen Familien in wirtschaftliche Beziehungen treten. Die Übergabe einer Tochter bedeutete einen Friedenspfand und Festigung des Bündnisses oder Versprechen Feindschaft einzustellen. In den Ruhestätten wurde nur die »Hauptfrau« begraben, während die Nebenfrauen allein begraben wurden. Die abgesonderten Gräber der Männer deuten hingegen auf die Lebensform (Furcht einflößender Gebieter) .

Die mittleren Schichten konnten ihre wirtschaftliche Bedeutung durch die traditionelle Familienorganisation bewahren, wodurch sie sich von den Reichen unterschieden. Diese Familienorganisationen schufen sich durch die Zusammengehörigkeit großes Ansehen.

Die unteren Schichten konnten sich wegen bescheidener Mittel nicht in die Familieneinheiten zusammenschließen. Sie schlossen sich zu größeren Gruppen zusammen (Halimba, Magyaraghomorog, Artand) . Zwar spielte bei diesen Gemeinschaften die Verwandtschaft eine Rolle, doch war das ökonomische Interesse wichtiger.

So war die Gesellschaft der Magyaren zur Zeit der Landnahme klar in getrennte Gruppen gegliedert:

  • erstens die führenden Familien vornehmender Herkunft (großes Vermögen),

  • zweitens die im Dienst stehende Mittelschicht (mehr oder weniger reich),

  • drittens das abgesonderte, unter sich lebende, gemeine Volk (kaum persönliches Eigentum) und

  • viertens die Knechte, die sich im Besitz der Vornehmenden befanden.

Die Schichten waren durch ein System von Rechten und Pflichten miteinander verbunden. Da sich die Familien zu großen Ketten schlossen, waren sie zur Bewältigung großer Aufgaben fähig.

2. Sippe, Stamm und Land

Der Aufstieg der Aristokratie begann schon relativ früh. Gleichzeitig wurde die Verpflichtung der unteren Schichten zu Dienstleistungen verstärkt. Das Streben der Aristokratie nach Festigung der Macht beschleunigte die Auflösung, der auf Verwandtschaft beruhenden Gemeinschaften. Der freiwillige Zusammenhalt aufgrund der gleichen Abstammung wurde durch eine territoriale Organisation ersetzt. Zu den wichtigsten Faktoren bei der Auflösung der Sippengemeinschaft zählen: Vermögensungleichheit, Niederlassung in der neuen Heimat. Für die Schaffung neuer Organisation in einer vielschichtigen Gesellschaft mit gegensätzlichen Interessen brauchte man tatkräftige Leute (Führungspersönlichkeiten) . Hatte ein Gebiet einen Führer, der das Gebiet schützte, für das Aufblühen der Wirtschaft sorgte, so bekam er großen Zuzug (auch fremder Volksgruppen) . Neben den Verwandten und engen Freunden wurden die Bewaffneten Vertreter der fremden Stämme zur Hauptstütze der Oberhäupter. Sie traten ihren Dienst freiwillig an und schworen ein Eid.

Bei der Suche nach Siedlungsgebieten wählte man eine Erderhöhung für die Lage des Stammesoberhauptes (auch römische Bauten oder selbstgebaute Festungen) . Die Waffenknechte, die kämpfenden Gefolgsleute sicherten dem Stammesoberhaupt (Bö) Macht über das Dienervolk, das von der Aristokratie bewohnte Land beherrschte. Die spätere Umwandlung der Stammesnamen in Ortsnamen verrät auch, daß die Stammesoberhäupter auch für den feudalen Besitz verantwortlich waren. Die Stämme selbst müssen über eine feste Organisation verfügt haben, auch über ein Herrschaftsgebiet. Es wird gesprochen von »Hetmagyar« – Siebenmagyaren, Bezeichnung für das aus sieben Stämmen bestehende Volk, sowie »Hetur« – die sieben Herren, die Häupter dieser Stämme.

Der Zusammenhalt lag in der Hand zweier Fürsten, Hauptfürst Kende, oder Kündü, und des zweiten Fürsten Gyula. Der Hauptfürst besaß die religiöse Furcht, während der zweite Fürst für den größten Teil der Regierungssorgen und das Heer verantwortlich war. Sorgfältige Quellenanalyse lässt die Behauptung zu, daß diese Hierarchie die Zeit der Landnahme überstand.

Nachdem die fürstliche Macht in eine Hand zusammengelegt wurde, übernahm ein Stammesoberhaupt die Würde des Gyula. Im 10 Jh. kam noch die Würde des Karcha, des Richters dazu, die ebenfalls von einem Stammesoberhaupt besetzt wurde. Die hohen Ämter wurden von den Vätern auf die Söhne übertragen und festigten dadurch das hohe Ansehen der Stämme. Trotz der selbständigen Beziehungen und Unternehmungen der Stämme wurden zum Ende des Jahrhunderts Voraussetzungen für eine Staatsgründung geschaffen.

Entstehung des ungarischen feudalen Staates

Die ungarische Landnahme und die Entwicklung des böhmischen, polnischen und russischen Staates ließen den Kriegern keine Möglichkeit zum Sklavenraub. Die Einführung der feudalen Struktur beschleunigte auch die Umwandlung der ungar. Gesellschaft. Zu Bewachung, der zum Dienen gezwungenen örtlichen Bevölkerung, wurden die Soldaten aus der militärischen Oberschicht angesiedelt. Deren Namen sollten an die verschiedenen entstandenen Gebiete in Ungarn erinnern (Nyek, Megyer, Kürt-Gyarmat, Tarjan, Jenö, Ker und Keszi). Wahrscheinlich begann man schon damals mit der Einrichtung der fürstlichen Bürgen. Die vom Großfürst Toksany (955-972) begonnenen und vom Großfürst Géza (972-997) mit kluger Diplomatie fortgesetzten Bemühungen um die Bildung eines einheitlichen Systems sollten 973 durch die Einladung vom Kaiser Otto zum Landseid, erste Früchte tragen.

Die Missionare, um deren Entsendung man bat, sollten die fürstliche Streitmacht so umfunktionieren, daß sie auch den Widerstand im Land selbst bekämpfen konnte. Géza hielt für wichtig die Eigenständigkeit der Stämme zu brechen, womit die Stammesfürsten und Sippenvorsteher die militärische Basis ihrer Macht verlieren sollten. Da er sich nicht stark genug fühlte gegen die fürstliche Macht zu kämpfen, suchte er erstmal Verständigung.

Vajk, Gezas Sohn wurde auf den Namen Stephan getauft und genoss bereits christliche Erziehung. Nachdem er das Erbe seines Vaters antrat, schuf er den politischen und gesellschaftlichen Rahmen für die Umwandlung und Bildung eines organisierten ungarischen Staates.

Die Sippenvorsteher mussten ihre Burgen, sowie 60% des Bodens an die Sippenangehörigen abgeben. Aus den Besitzern des restlichen Bodens entwickelte sich die Oberschichten der Spitze standen die Krieger, die das Heer der Fürsten bildeten. Die um neue Ländereien bereicherten Besitztümer waren unabhängige wirtschaftliche Einheiten. Damit hörten die Blutsverwandtschaften auf die Basis der gesellschaftlichen Beziehungen zu bilden. Alle wurden Untertanen des Monarchen, das Land wurde nach dem Regionalprinzip organisiert.

Mit dem politischen und gesellschaftlichen Wandel ging eine Änderung der Weltanschauung einher. Die, durch Stephan uns Land gebrachten, Missionare ließen, auch mit Gewalt, wenn es nötig war, die gesamte Bevölkerung zum Christentum bekehren. Zwischen den Gläubigen gab es keine unterschiede bezüglich der Abstammung, an der Spitze der Ansprüche stand die Funktionalität. Die Kirche konnte die Auflösung der Stämme und Sippen durch Beziehungen neuer Art ersetzen.

Auf die Anordnung Stephans sollten je zehn Dörfer eine Kirche, bekommen, die auch einen Geistlichen unterhalten sollten. Zwei Bistümer (von Gran und Kalocsa) wurden zu Erzbistümern. Die Christianisierung wurde durch italienische, böhmische und deutsche Mönche verbreitet. In den Klöstern, an deren Spitze die Benediktiner standen, entwickelte sich eine lateinische lokale Schriftkultur. Die geistlichen Mönche formulierten nicht nur kirchliche, sondern auch politische und juristische Texte und Urkunden.

Natürlich gab es auch eine Opposition gegen die Christianisierung. Bei den Fürsten Kopany und Gyula mußte sie auf dem militärischen Wege durchgeführt werden. Als Anerkennung des großen Werks schickte der Papst im Jahr 1000 eine Königskrone mit welcher Stephan zur Weihnachten gekrönt wurde. Aufgrund der Verfolgung der Verwandten von Stephan mußte er einen Sohn seiner Schwester zum rechtmäßigen Thronfolger ernennen.

Untertanen und königliches Dienstvolk

Die ungarischen Stammes- und Großfürsten verfügten über großen Reichtum. Davon veranstalteten sie Festmähler, belohnten die wirtschaftlichen und militärischen Vorsteher ihrer Gebiete, empfingen die Gesandten fremder Stämme würdig und erwiderten die erhaltenen Geschenke. Ein großes Vermögen verschlang der Unterhalt der mit kleineren oder größeren Dienstleistungen betrauten Personen; beim Wohnsitz eines Großfürsten lebten Leibgarden, Torwachen, Türsteher, Dolmetscher, Boten, Spielleute, Schamanen, Quartiermeister, Schatzmeister sowie eine wahre Armee von Aufsichtspersonen über die Diener, Reitknechte, Köche, Mundschenke.

So eine prunkvolle Lebensweise war nur auf der oberen Bevölkerungsebene möglich. Die Ärmeren waren den Reicheren gegenüber zu Dienstleistungen gezwungen. Als Gegenleistung für die ausgeliehenen Tiere und Geräte, oder für die genossene Versorgung arbeiteten die Armen für die Reichen (verarbeiteten gegen bestimmte Prozente die Rohprodukte, und verdingten dazu noch einige Kinder).

Der dauerhafte Wohlstand der Vornehmen konnte weder durch Streifzüge noch durch Steuern (von den Ureinwohnern) ermöglicht werden, er konnte nur durch regelmäßige Arbeit und Dienstleistungen breiter Volksschichten gewährleistet werden.

Die Anordnung der Siedlungen zeugt davon, daß die Gesellschaft der Magyaren durch eine feste organisatorische Kraft geleitet wurde, daß der Fürst und der Führer über ihr ganzes Volk frei verfügen konnten, und das zu ihrer Versorgung notwendige Gebiet bewußt und planmäßig unter sich aufteilten.

In den östlichen Völkern war es üblich, daß die Vornehmen ihre Wohnstätten ringartig um den Zeltpalast des Oberhauptes aufstellten; dieser Sitz im absolut zentralen Gebiet diente der absoluten Sicherheit des Fürsten (das ist bei östlichen Völkern so Sitte, deswegen bezeichnete der Ausdruck »die Mitte des Landes«, den Sitz des Fürsten).

Der Fürst herrschte uneingeschränkt über den gesamten Stammesverband, und auch die Stammes- und Sippenoberhäupter behandelten ihre Untergebenen als Untertanen. Auf dem ihnen überlassenen Territorium konnten sie jeder Gemeinschaft einen bestimmten Wohnsitz zuweise Sie behielten den besten Boden und die am günstigsten – an Knotenpunkten von Wasser- und Festlandstraßen – gelegenen geschätzten Orte für ihre eigenen Wohnsitze.

Das ständige Einkommen des Gebietsherren beschränkte sich nicht nur auf den Ertrag aus den von Knechten betriebenen Wirtschaften, auf die Produkte der Handwerker, welche sich um seine Burg angesiedelt hatten, die Zölle von den Kaufleuten, die Einnahmen aus den Anlageplätzen und die Gebühren für die auf der Basis des Gewohnheitsrechtes gebildete Rechtsprechung.

Alle Gemeinschaften des unter seiner Aufsicht stehenden Territoriums waren verpflichtet, ihm, Abgaben zu leisten. Außerdem siedelten die Mächtigen ständiges Dienstvolk bei ihrem Hofe an, damit es ihnen und ihrem Geleit an nichts fehlte. Ortsnamen beweisen das die zu Dienstleistungen verpflichteten Dörfer den Namen der Berufsart trugen (vergleichbar Mittelalter-Zunftnamen) . Es wird auch vermutet, daß die mächtigen Stammes- und Sittenoberhäupter bei der Ansiedlung des Dienstvolkes bemüht waren eine Ordnung nach Berufen einzuführen.

Aus den Ortsnamen, die auf die Namen vornehmer Geschlechter zurückgehen kann man schließen, daß die reichen Sippenoberhäupter über mehrere Höfe verfügten. Dort sammelten die Gebietsherren die Produkte der Untergebenen ein. Von Zeit zu Zeit besuchten sie diese Orte. Einerseits wegen der Unterhaltung, jagen, fischen und Festmähler veranstalten, andererseits aus praktischen Gründen: Zog der Herr mit seinem Gefolge ein, demonstrierte er Macht, konnte er die Leute auf ihren Gütern überwachen und mit seinem Gefolge die Lebensmittel aufbrauchen. Der König überließ der Sippe im allgemeinen ein Drittel seiner Felder zwei Drittel beschlagnahmte er für sich. Die Hälfte der Bewohner machte er zum Burggesinde die andere Hälfte wurde als Hofgesinde an andere Höfe geschickt.

In die Burg des Sippenoberhauptes, setzte der König seinen eigenen Bevollmächtigten ein dessen Macht sich auch über die Gutsherren der Umgebung erstreckte. An die Spitze seiner Privatgüter stellte er einen Hofaufseher, dessen Tätigkeit ließ er aber durch einen Würdenträger, den Oberstallmeister und den Schatzmeister überwachen.

Die ungarische Kultur im Mittelalter

Mit der ungarischen Landnahme im Karpatenbecken wurde die Völkerwanderung in diesem Raum abgeschlossen, und dem gefestigten staatlichen Rahmen blühte eine materielle und geistige Kultur auf. Die königlichen Hofdomänen, Gaspanschaftsburgen, Bischofsitze und Benediktinerklöster bildeten die ersten Zentren der christlichen Kultur. Die materiellen und geistigen Güter Europas strömten schon verhältnismäßig früh nach Ungarn, so daß sie das heidnische Kulturerbe fast völlig verschütteten. Im frühen Mittelalter ist die bildende Kunst verknüpft mit der Vergangenheit. So wurden bei Holzschnitzereien, Gold- und Steimetzarbeiten sowie auf Textilien immer noch das alte Ornament der Landnahmezeit die Palmette aufgetragen.

Die christliche Kultur wurde anfangs durch böhmische und deutsche Geistliche, Mönche und Ritter übermittelt, doch Literatur und Kunst entwickelten sich hauptsächlich nach italienischen und französischen Mustern (lombardische Einflüsse wirkten auf die älteste ungarische Baumeisterschule); unter französischem Einfluss standen im 11. Jahrhundert die Pécser, und im 12. Jahrhundert die Esztergomer Schule) .

Alle drei sorgten für eine Anpassung ausländischer Muster an den einheimischen Geschmack. Der Stil war zwar international doch die Details spiegelten die ungarische Wirklichkeit so z. B. die typische Tracht eines Hirten des 12. Jahrhunderts auf einem Altar in Pécs. Die Literatur bestand aus überwiegend kirchlichen Werken: Ritual- und Stiftjahrbüchern und Legenden der Heiligen, von den einzigen Schreibkundigen wurden aber auch weltliche Inhalte thematisiert unter anderem Chroniken, Gesetzbücher. Die großen Klöster waren für das gesamte Urkundenwesen zuständig, sie alleine waren bevollmächtigt, authentische Urkunden mit öffentlicher Beweiskraft auszustellen.

Kultur war nun kein Privileg der Kirche mehr, weltliche Elemente wuchsen in dem Maße an, wie die weltliche Aristokratie anwuchs. Die kirchliche Intelligenz übermittelte ihren weltlichen Angehörigen in Ungarn die Ritterkultur, deren materielle Ausrüstung den Vornehmen bereits bekannt war. Die Ritterkultur wurde von vielen als wichtigstes Ergebnis der Landnahmezeit angesehen, da damit ein Erbe des Heidenkönigs Attila zurückerobert wurde. Die Ritterkultur verbreitete sich in Ungarn namhafte westliche Repräsentanten weilten in Ungarn (Minnesänger Tannhäuser, und Vidal der bekannte Troubadour am Hofe von Andreas dem 2). Mit Beginn des 13. Jahrhunderts fand wieder ein entscheidender Wandel, statt, auf eine weltliche Epoche folgte wieder eine religiöse, deren Repräsentanten die Dominikanermönche waren.

  1. Peter Hanak: Die ungarische Geschichte, Von den Anfängen bis zur Gegenwart.

  2. István Dienes: Die Ungarn um die Zeit der Landnahme. Budapest 1972 (Corvina Kiado).

  3. Theodor Schieder: Handbuch der europäischen Geschichte. Stuttgart 1987 (Ernst Klett Verlag).

Verfasser: Rita Taureck und Wojciech Grohn

Die Siebenbürger Freiheitskämpfer

(Magnaten und Fürsten im Kampf gegen die Türken und gegen Habsburg;

Gabriel Bethlen, Georg I. Rákóczi, Franz II. Rákóczi, Kurutzenaufstände)

Vorgeschichte

Anfang des 16.Jahrunderts. hatten sich die Kräfteverhältnisse in Europa verschoben. Die Region um die Adria herum verlor an Bedeutung, statt dessen wurde das britische Königreich zum wirtschaftlichen Zentrum. Dort begann allmählich die Lohnarbeit die Leibeigenschaft abzulösen. Durch die Ausbildung des Protestantismus begann das Bürgertum eine viel bedeutungsvollere Rolle zu spielen, welches im Feudalismus schwer zu kämpfen hatte. Durch Entdeckungen und Eroberungen überseeischer Gebiete erlebte das eigentlich eher rohstoffarme Europa, einen ungeheuren Überfluss.

Ungarns Spaltung in drei Teile

Als die »ewige Hörigkeit« der Bauern in das Tripartitum (Grundlage des ungarischen Staats- und Rechtsdenkens) aufgenommen wurde, wurde die ungarische Gesellschaft in eine alles Recht besitzende »politische Nation« und ein völlig rechtloses Volk gespalten.

Dies geschah allerdings in dem Augenblick, als sich Sultan Suleiman II. versuchte, die volle Kraft seines mächtigen Reiches gegen Ungarn einzusetzen. Ungarn konnte sich nicht gegen die Türken wehren, da ihnen das Türkenreich militärisch und wirtschaftlich überlegen war. Ungarn hätte nur mit ausländischer Hilfe den türkischen Angriffen Widerstand leisten können.

Der junge König Ludwig II. trat am 29.August 1526 mit kaum 25.000 Mann bei Mohács der etwa fünffachen Übermacht des Sultans entgegen. Die Katastrophe von Mohács bedeutete einen Wendepunkt der ost- und mitteleuropäischen Geschichte. Ungarn wurde als selbständige politische Macht, die fast 150 Jahre hindurch die Hauptlast des Abwehrkampfes gegen den Islam getragen hatte, und die türkische Herrschaft auf dem Balkan immer gefährdete, endgültig ausgeschaltet. Für die islamische Großmacht öffnete sich damit der Weg in das Herz Europas. Das siegreiche türkische Heer plünderte die Hauptstadt, verwüstete 12 Komitate im Herzen des Landes und zog angeblich mit 150.000 Gefangenen aus Ungarn vorerst zurück.

Die innere und äußere Lage des Landes hatte sich völlig verändert. Bei der Wahl des neuen Königs, der dem 1526 bei Mohács gefallenen kinderlosen Ludwig II. auf dem Thron folgen sollte, fiel vor allem die Überlegung ins Gewicht, welche ausländischen Verbindungen der Kandidat gegen die Türken zu mobilisieren imstande war. Der Kandidat des Adels war Johann Szapolyai Woiwode Siebenbürgens, Schwager des Königs Sigismunds I. von Polen, das damals auf dem Gipfel seiner Macht stand. Er wurde vom Landtag unter dem Namen Johann I. zum König gewählt. Eine kleine Gruppe von Baronen mit dem Olatin István Báthori an der Spitze stellte in der Person des österreichischen Erzherzogs Ferdinand von Habsburg, der auch zum König von Böhmen gewählt worden war, einen Gegenkönig auf. Durch seine Person durfte man hoffen, daß sein Bruder, der mächtige Kaiser Karl V., mit der Macht des deutschen Reiches Ungarn Hilfe gegen die Türken leisten würde.

Szapolyai bot an, Maria, die Witwe Ludwigs II. und Schwester Ferdinands von Habsburg, zu heiraten und sich mit dem Hause Habsburg zu verbünden. Sein Vorschlag wurde zurückgewiesen. Karl V. gab Ferdinand I. Unterstützung, aber nicht gegen die Türken, sondern gegen Szapolyai, der aus Ungarn nach Polen flüchten mußte, wo er sich, mit der Hilfe polnischer und französischer Diplomaten, Unterstützung von Suleiman II. (1520-1566) versicherte. Der Sultan stellte 1529 mit der Hilfe türkischer Waffen Szapolyais Herschafft wieder her. Als Frater Georg, Erzbischof von Észtergom (Gran) das Unvermögen Ferdinands gegenüber den Türken sah, begann er in dem von ihm verwalteten Ostungarn, dessen Kerngebiet Siebenbürgen werden sollte, einen selbständigen Staatsapparat aufzubauen.

Szapolyai starb 1540. Ferdinand ließ Buda (Ofen) belagern, doch Georg Martinuzzi (Frater Georg), Vormund des noch im Säuglingsalter befindlichen Johann Sigismund, Sohn des Johann Szapolyai, wollte Buda (Ofen) um jeden Preis verteidigen und rief Sultan Suleiman II. zu Hilfe. Der Sultan vertrieb 1541 die deutschen Belagerer und besetzte Buda, das er aber für sich behielt. Johann Sigismund, den er für »seinen Sohn« erklärte, schickte er mit der Mutter, der polnischen Prinzessin Isabelle, nach Siebenbürgen.

Das von den Türken besetzte Gebiet zwischen Pécs, Észtergom und Szeged war wie ein Keil zwischen dem von den Habsburgern beherrschten westlichen und den von Szapolyai regierten östlichen Teile Ungarns.

Ungarn wurde damit in drei Teile gespalten. Martinuzzi, der den östlichen Teil des Königreiches verwaltete, hielt die Wiedervereinigung Ungarns nur unter den Habsburgern für möglich, doch dazu war eine erhebliche militärische Macht erforderlich, um den zu erwartenden türkischen Widerstand zerschlagen zu können. Martinuzzi verlangte Verstärkung und führte, um Zeit zu gewinnen, auch Verhandlungen mit den Türken. General Castaldo, der Verrat witterte, ließ Martinuzzi ermorden, konnte die Rache der Türken jedoch nicht abwehren. 1552 fiel eine ganze Reihe wichtiger ungarischer Grenzfesten in die Hand der Türken: Temesvár, Szolnok und Drégely.

Das östliche Königreich wurde 1556 unter der Herrschaft von Johann Sigismund und unter dem Protektorat des Sultans wiederhergestellt. Zehn Jahre währten die Kämpfe an der Theiß um die Festlegung der Grenzen zwischen den beiden ungarischen Staaten. Dem Bruderzwist wollte István Báthori, Hauptmann von Großwardein, mit einer Vereinbarung ein Ende bereiten, die zwar die Spaltung definitiv gemacht, aber das von Kriegen heimgesuchte Land zu einer Atempause hätte kommen lassen. Während er in Wien die Verhandlungen führte, griff 1566 Suleiman II. ein, und unter seiner persönlichen Führung brach ein türkisches Heer gegen Wien auf. Seinem Schützling Johann Sigismund versprach der Sultan, sein Land zu verdreifachen, in Wirklichkeit jedoch eroberte er für sich selbst weitere ungarische Gebiete, u.a. die Burg Gyula, die noch in der Hand der Habsburger gewesen war.

Wien konnte er aber auch diesmal nicht erreichen, weil er durch den Widerstand der Festung Szigetvár aufgehalten wurde. Die Belagerung Szigetvárs dauerte lange, inzwischen starb der alte Sultan. Burghauptmann Miklós (Nikolaus) Zrínyi entschloß sich, an der Spitze seiner ungarischen und kroatischen Soldaten einen Ausfall aus der zerschossenen und in Brand gesteckten Burg zu unternehmen. Dabei fand er mit der gesamten Besatzung den Heldentod. Ferdinands Nachfolger, Kaiser und König Maximilian II. (1564-15?6), wartete während der ganzen Zeit mit einem großen Söldnerheer bei Györ (Raab) und war, trotz Zrínyis wiederholten verzweifelten Aufforderungen, nicht gewillt, sein für die Verteidigung Wiens angeworbenes Heer aufs Spiel zu setzen. Da wurde endgültig klar, daß die Habsburger den ihnen unterworfenen westlichen Teilen Ungarns lediglich die Rolle eines Aufmarschgebietes bei der Verteidigung ihrer österreichischen Erblande zugedacht hatten und diese zum ständigen Kriegsschauplatz zu machen beabsichtigten ohne vorläufig an die Vertreibung der Türken zu denken. Der Heldenmut Zrínyis und seiner Mitkämpfer allein genügte jedoch, um den weiteren Vorstoß der Türken zu stoppen. Der durch die Belagerung Szigetvárs verursachte Zeitverlust und der Tod des Sultans zwangen das Türkenheer zur Heimkehr. Der neue Sultan Selim II. war außerstande, die Kraftanstrengungen seines Vaters fortzusetzen und schloss 1568 zu Adrianopel mit Maximilian einen Friedensvertrag, der Suleimans II. Eroberungen den Türken überließ. Die Frontlinien zwischen den beiden Großmächten wurden somit auf lange Zeit zementiert. Auf beiden Seiten wurde ein System von Grenzfesten ausgebaut, zwischen denen ein ständiger Kriegsschauplatz lag, auf dem zwar keine großen Schlachten mehr geschlagen wurden, aber tagtäglich größere oder kleinere Gefechte stattfanden.

Die Rolle Siebenbürgens in der Zeit der türkischen Belagerung

Das im Osten des ungarischen Königreiches entstandene und dem Sultan tributpflichtige Fürstentum Transsilvanien umfasste außer Siebenbürgen auch das sog. »Partium«, die östlichen, durch den mächtigen türkischen Keil vom königlichen Gebiet abgeschnittenen Teile Ungarns. Sein von Frater Georg geschaffener staatlicher Aufbau war im wesentlichen die Fortsetzung des alten ungarischen. Die Vertreter der autonomen Gemeinschaften der Székler und Sachsen wählten den Fürsten, der vom Sultan bestätigt wurde. Wie einst König Mathias Corvinus (Mátyás I. von Hunyadi (1440-1490), Sohn Johann Hunyadis, König von Ungarn 1458-1490), konnte aber ein fähiger Fürst unter dem Schein der Ständeverfassung seinen Willen immer durchsetzen. In der Tat sicherte eben die fürstlich Macht den Fortbestand des Kleinstaates, der weder ethnisch noch konfessionell eine organische Einheit bildete. Während die Oberschicht dem ungarischen Adel gleichgestellt wurde, büßte die Masse der Gemeinszékler ihre Vorrechte und Freiheit größtenteils ein und begann in die Hörigkeit abzusinken. Ihren Aufstand hat Fürst Johannes Sigismund, Sohn des Königs Johann Zápolyai, blutig niedergeschlagen, das Széklerland aber wurde für Jahrhunderte ein Herd von Unruhen.

Nach der Schätzung eines gut informierten Zeitgenossen, des Humanisten und späteren Erzbischofs von Esztergom (Gran), Anton Verancsics, hat die Zahl der Rumänen in Siebenbürgen um die Mitte des 16. Jahrhunderts, die der Ungarn, Székler oder Sachsen erreicht. Ihre Grenzwächterbezirke entwickelten sich zu regelrechten autonomen Komitaten mit überwiegend rumänischem Adel. Die niedrigere Kulturstufe der Berghirten, der Mangel an Nationalbewusstsein und eigener kirchlicher Hierarchie haben sie jedoch gehindert, die ihnen zugesicherten Ansätze einer Autonomie zu einer umfassenden politischen Organisation zu entfalten.

Zu der ethnischen Mannigfaltigkeit trat seit der Reformation die religiöse. Der erste Fürst, Johannes Sigismund, wechselte viermal seinen Glauben, und der Kampf um die Seelen führte zu einer mehr oder weniger friedlichen Koexistenz der Konfessionen. Die gegenseitige Toleranz bedeutete zwar keine Religionsfreiheit im modernen Sinne, war aber im damaligen Europa ohnegleichen. In der Außenpolitik des Fürstentums Siebenbürgen spielte im 16. Jahrhundert die Wiedervereinigung mit dem königlichen Ungarn eine entscheidende Rolle. Bereits gegen Ende des 16. Jahrhunderts schien die Vertreibung der Türken im Bereich des Möglichen zu liegen, wenn sich die beiden ungarischen Staaten gegen den »Erzfeind« vereinten. Der Erfolg eines solchen kühnen Unterfangens hing einerseits von der durch die Habsburger mobilisierten ausländischen Hilfe, anderseits von der Stabilisierung des östlichen ungarischen Staates ab. Johann Sigismund schloss 1570 zu Speyer mit den Habsburgern einen Vertrag ab, in dem er auf die ungarische Krone verzichtete und sich fortan mit dem Titel eine Fürsten von Siebenbürgen und den Teilen Ungarns östlich der Theiß begnügte. Sein Nachfolger Stephan Báthori (1571-1586) verteidigte erfolgreich sein Fürstentum gegen die Angriffe der Habsburger und gewann gegen Maximilian II. 1576 sogar den Wettstreit um den vakanten polnischen Königsthron. Siebenbürgen regierte er jedoch nach wie vor durch seine zum Woiwoden ernannten älteren Bruder Kristóf (Christoph), so daß praktisch eine Union zwischen Siebenbürgen und Polen entstand, deren Vorteile vorläufig die Polen genossen, weil König Stephan seine siegreichen Feldzüge gegen den Zaren Iwan den Schrecklichen vor allem mit siebenbürgischen, hauptsächlich szeklerischen Söldnern ausfocht.

Der Militärdienst war damals die einzige Möglichkeit für die Gemeinen der Szekler, die Johann Sigismund 1562 zu Leibeigenen degradiert hatte, wieder aufzusteigen. Stephan Báthoris Militärpolitik führte nicht nur zu einer Befreiung der militärischen Leibeigenen, sondern legte auch die Grundlagen zu einer siebenbürgischen Armee, die sich später erfolgreich gegen die Türken behaupten konnte.

Nach einer langen Friedensperiode flammten die Kämpfe zwischen den Habsburgern und den Türken wieder auf. Das aus deutschen und ungarischen Söldnern bestehende Heer des Kaisers und Königs Rudolf I. errang 1593 zuerst bei Sissek (ung. Sziszek, heute sbkr Sisak) den Sieg über die Türken. Es bestand alle Hoffnung auf erfolgreiche Fortführung des Feldzuges. Sigismund Báthori, Fürst von Siebenbürgen, wurde von seinem Oheim und Berater István (Stephan) Bocskai, Hauptmann von Großwardein überredet, sich mit den Habsburgern zu verbinden, um zu vermeiden, daß Siebenbürgen nach der Vertreibung der Türken zur bedingungslosen Kapitulation gezwungen werden konnte. Mit der oppositionellen Türkenpartei wurde blutig abgerechnet, die gemeinen Szekler gewann Sigismund durch die Rückgabe ihrer Freiheiten und die Woiwoden der Walachei und der Moldau verpflichtete er sich durch Treueide. Nun konnte er als gleichrangiger Partner ein Bündnis mit Rodolf schließen.

Die durch die Walachei heranmarschierenden Türken wurden 1595 durch die für ihre Freiheit kämpfenden Szekler sowie die rumänischen und serbischen Truppen des walachischen Woiwoden Michael unter Bocskais Führung bis zur Donau zurückgeworfen. Der Adel war aber nicht gewillt, sich mit dem Verlust der szeklerischen Leibeigenen abzufinden, und mit der stillschweigenden Zustimmung Sigismunds Báthoris wurde das Gemeinvolk der Szekler während des »Blutigen Faschings« 1596 wieder in die Leibeigenschaft zurückgeworfen. Seiner entschlossenen Soldaten beraubt, konnte Báthori dem Habsburgerheer nicht viel helfen, das bei Mezökeresztes von den Türken schwer geschlagen wurde.

Der Krieg zog sich in die Länge. Die Tataren verwüsteten grausam die Große Tiefebene, was die Haiducken (Freischärler) den Türken mit »Zinseszins« heimzahlten, indem sie ihnen den Nachschub abschnitten und ihre wichtigste Übergangsstelle, die Draubrücke bei Esseg (ung. Eszék, heute sbkr. Osijek), in Brand steckten. Allmählich erschöpften sich die Kräfte auf beiden Seiten, aber das Land ging währenddessen zugrunde und wurde entvölkert.

Sigismund Báthori gab jede Hoffnung auf und verzichtete 1598 zugunsten der Habsburger auf Siebenbürgen. Dann aber überlegte er es sich anders und überließ seinem Vetter Kardinal Andreas den Thron. Im Namen der Habsburger, in Wirklichkeit aber selbst, eroberte der walachische Woiwode Michael 1599 mit Hilfe der rachsüchtigen Szekler Siebenbürgen, und András (Andreas) Báthori wurde nach der verlorenen Schlacht auf der Flucht in den Bergen von Szeklern getötet. Aber auch Woiwode Michael konnte sich des Sie es nicht lange erfreuen, weil der Adel Siebenbürgens den berühmten Habsburgergeneral Giorgio Basta ins Land holte, der ihn besiegte und 1601 den »tapferen« Woiwoden, der den Thron der Báthoris besteigen wollte, ermorden ließ.

Der Adel Siebenbürgens wollte aber auch von der Habsburgerherrschaft nichts wissen und suchte die Aussöhnung mit den Türken. Mózes Székely, der einstige heldenhafte Kämpfer gegen die Türken, versuchte mit türkischer Hilfe den Fürstentitel zu erwerben, dich 1603 verlor er die Schlacht bei Kronstadt (ung. Brassó, heute rum. Brasov), bei der auch er selbst gefallen ist. Seine Anhänger, unter ihnen auch der junge Gábor (Gabriel) Bethlen, flüchteten auf türkischen Boden. Basta nahm fürchterliche Rache an de seiner Meinung nach verräterischen siebenbürgischen Bevölkerung. Seine Söldner plünderten und verwüsteten die Dörfer, so daß die Bevölkerung in die Berge floh, wo sie durch Hunger und Pest dezimiert wurde. Als Basta im Frühjahr 1604 Siebenbürgen verließ. ließ er Friedhofsstille im Lande zurück. Der Freiheitskrieg Bocskais und der Haiducken Die im Krieg stark verschuldete Dynastie Habsburg strengte Erbschafts- und später sogar Hochverratsprozesse gegen die ungarischen Großgrundbesitzer an, um sich Geld zu verschaffen, und leitete auch in Ungarn, das bisher von den Religionskriegen verschon geblieben war, eine gewaltsame Gegenreformation ein, um sich den geistigen Gehorsam des Landes mit protestantischer Mehrheit zu sichern. Den Adel, der gegen die Glaubensverfolgung protestierte, versuchte man dadurch zum Schweigen zu bringen, daß ein nachträglich gefälschter Artikel XXII den Gesetzen von 1604 hinzugefügt wurde, der die Diskussion von Religionsfragen im Landtag untersagte.

Nun wuchs die Unzufriedenheit in den niederen und höheren Schichten der Gesellschaft gleichermaßen an. Die von den Türken wie von den kaiserlichen Truppen geplünderten und geschundenen Bauern, die zur Ausrottung oder Leibeigenschaft verurteilten freien Haiducken, alle Schichten der protestantischen Bevölkerung: das gemeine Volk, Bürgertum und Adel, und die in ihrem Eigentum bedrohten Feudalherren, sie alle sahen in der Habsburger-Regierung ihren Hauptfeind.

Die Widerstandsbewegung brauchte nur noch einen geeigneten Führer. Diesen fand Gabriel Bethlen, der junge Anführer der auf türkischen Boden geflüchteten siebenbürgischen Emigration, in der Person von Stephan Bocskai, der schon bereute, daß er einst Siebenbürgens Schicksal an die Habsburger hatte knüpfen wollen. Nun war er bereit, mit türkischer Hilfe Fürst von Siebenbürgen zu werden.

Bocskai eroberte Siebenbürgen und das königliche Ungarn, auf Wunsch des ungarischen Adels schloss er jedoch, obwohl er vom Sultan eine Krone erhielt, einen Friedensvertrag mit den Habsburgern ab und begnügte sich mit dem Titel des Fürsten von Siebenbürgen. Ungefähr zehntausend Haiducken teilte Bocskai auf seinen Besitztümern Land zu (aus diesen Siedlungen entwickelten sich die späteren Haiduckenstädte). Die Fürsten von Siebenbürgen und auch der ungarische hohe Adel gründeten später weitere freie Haiduckensiedlungen, deren Einwohner keine Steuern zahlten und keine Fronarbeit leisteten, sondern nur zum Waffendienst verpflichtet waren. Auch die Freiheiten der Szekler wurden von Bocskai wieder hergestellt, dadurch gewann er ein starkes freibäuerliches Militär für die Fürsten von Siebenbürgen. Gábor Bethlens Kampf für ein einheitliches Ungarn Das Lebenswerk Bocskais fand eine würdige Fortsetzung im Wirken Gabriel Bethlens. Auf seiner Fahne reichte die Hand Gottes ein Schwert aus den Wolken, um dem Fürsten zu helfen. Die göttliche Unterstützung wünschte sich Bethlen bei der Realisierung seines nicht gerade kleinen Vorhabens: bei der Wiedervereinigung des in drei Teile gespaltenen Ungarn unter seiner nationalen königlichen Macht.

1613 wurde er Fürst Siebenbürgens, 1619 griff er schon in den Dreißigjährigen Krieg ein, und zwar an der Seite der Böhmen, die sich gegen den Kaiser und König Ferdinand II. und seine gegenreformatorischen Bestrebungen auflehnten. Mit ihnen sowie mit den mährischen, schlesischen und österreichischen Adel waren die ungarischen Stände seit 1608 in einem Bündnis, der sog. Konföderation, vereint. Im Namen der ungarischen Stände haben protestantische Magnaten Bethlen gebeten, die Führung des Freiheitskampfes gegen die Habsburger zu übernehmen. 1620 eroberte er das königliche Ungarn, und am 25.August wurde er vom Landtag in Neusohl (ung. Besztercebánya, heute slow. Banská Bystrica) zum König Ungarns gewählt. Mit der Krönungszeremonie wollte er aber bis zum definitiven Ausgang des Krieges warten. Dieser nahm jedoch einen schlechten Ausgang, weil die Böhmen am 8.November 1620 am Weißen Berg bei Prag eine entscheidende Niederlage erlitten. Der Böhmenkönig Friedrich von der Pfalz starb in der Emigration, Ferdinand II. beraubte das Land jeder Selbstverwaltung und ließ die Anführer des Aufstandes hinrichten.

Bethlen besänftigte die auch in Ungarn ausgebrochene Panikstimmung, und er war der einzige in Europa, der den Mut hatte, den Kampf gegen die Habsburger fortzusetzen. Dadurch gab er dem europäischen Protestantismus Zeit, um seine Kräfte wieder zu sammeln. Im Nikolausburger Frieden (1621) gelang es ihm, vorerst die ungarische ständische Selbstverwaltung und die protestantische Glaubensfreiheit zu sichern, bald bot sich ihm dann auch eine Gelegenheit, ein Bündnis mit den protestantischen Mächten Westeuropas zu schließen. Er griff 1623 an der Seite der deutschen Protestanten und 1626 an der Seite der englischenniederländischen-dänischen Koalition der Habsburger an. Es lag nicht an ihm, sondern vor allem an der Abtrünnigkeit der durch die böhmischen Ereignisse in Furcht versetzten ungarischen Magnaten, daß er keine größeren Erfolge als den Abschluss von sieben oberungarischen Komitaten an Siebenbürgen erzielen konnte.

Allein schon das, was er erreichte, sicherte Siebenbürgen eine Position von internationaler Bedeutung. Sein Land wurde zu Bethlens Lebzeiten von keinem einzigen Fürsten betreten, seine Armee aus Haiducken und Szeklern wurde, wenn er sie führte, nie besiegt. Unter Bethlen begann der ungarische Husar weltberühmt zu werden. Bethlen war ein großzügiger Außenpolitiker mit ausgezeichneter diplomatischer Begabung, er plante und organisierte europäische Koalitionen gegen die Habsburger. Er war von den Türken kaum abhängig, vielmehr nutzte er sie für ihre Ziele aus.

Was seine Innenpolitik anbelangt, war er seit dem Tod von König Matthias Hunyadi derjenige ungarische Monarch, der am erfolgreichsten eine Zentralgewalt nach den Grundsätzen des modernen Absolutismus auszubauen verstand. In der Wirtschaftspolitik verfolgte er die Prinzipien des damals aufkommenden Merkantilismus. Obwohl er die in ganz Osteuropa verbreitete Einrichtung der ewigen Leibeigenschaft nicht abschaffen konnte, war er berühmt, die Leibeigenen vor Exzessen der Grundbesitzer zu schützen und verbat es, lernwillige Leibeigenenkinder am Schulbesuch zu hindern.

Obwohl Bethlen für seine reformierte Konfession eine Hochschule, eine Druckerei und eine Bibliothek gründete, war er im Vergleich zu seinen Zeitgenossen ein Beispiel von Toleranz ohnegleichen. Die aus Siebenbürgen vertriebenen Jesuiten holte er wieder zurück, und die Bibelübersetzung des Jesuiten György (Georg) Káldi unterstützte er auch finanziell. Den Katholiken von Siebenbürgen genehmigte er einen Generalvikar, den griechisch-orthodoxen Rumänen einen Bischof, die rumänischen Geistlichen befreite er von den Leibeigenenleistungen, die Juden vom Tragen des gelben Davidsterns. Eine Gruppe der überall verfolgten Anabaptisten siedelte er in Siebenbürgen an. Sein treuer Anhänger und später Nachfolger János (Johann) Kemény trauerte um ihn in folgenden Worten: “Ach wenn er entweder nicht geboren worden wäre oder aber ewig gelebt hätte!” Georg Rákóczi, der Nachfolger Gabriel Bethlens Gábor (Gabriel) Bethlen verschaffte seinem Land friedliche Prosperität und internationales Ansehen. Sein Erbe trat György (Georg) Rákóczi I. an, der, nach kurzen inneren Kämpfen, zuerst mit Bethlens Witwe Katharina von Brandenburg und dann mit Bethlens jüngerem Bruder István, durch die drei siebenbürgischen Ständenationen auf dem Landtag 1630 zum Fürsten Siebenbürgens gewählt wurde. Seinen Thron hatte er eigentliche den Haiducken zu verdanken, weil die Heiduckensiedlungen nach Bethlens Tod wieder an die Habsburger zurückfielen und die Haiducken, die mit Recht durch den Platin Miklós (Nikolaus) Esterházy ihre Freiheiten bedroht sahen, gegen die zu ihrer Unterwerfung entsandten königlichen Söldner zu den Waffen griffen.

István Bethlen jun., Burghauptmann in Großwardein, und Dávid Zólyomi, Landeshauptmann von Siebenbürgen, eilten den Haiducken zur Hilfe und zerschlugen 1631 bei Rakamaz, Esterházys Heer. Den Thron Siebenbürgens boten sie Georg Rákóczi, dem reichsten reformierten Magnaten Ostungarns, an. Offensichtlich hofften sie, daß Rákóczi, nicht zuletzt im eigenen Interesse, die sieben Komitate Oberungarns, die Bethlen erobert hatte, die jedoch nach dessen Tod den Habsburgern zurückgegeben waren, für Siebenbürgen behalten würde, da die hiesigen Ländereien Rákóczis mit dem Sitz Sárospatak dort lagen. Rákóczi aber war ein vorsichtiger Mann. Mit Hilfe der Haiducken ließ er sich zwar zum Fürsten wählen, doch er überließ dem königlichen Ungarn die sieben Komitate, allerdings gegen die Bekräftigung der Haiduckenfreiheiten. Dadurch verpflichtete er sich die Haiducken zu Dank, und zugleich konnte er auch mit dem Habsburgerkönig Ferdinand II. einen Friedensvertrag abschließen, der – durch die Verwicklungen im Dreißigjährigen Krieg in Deutschland sehr stark in Anspruch genommen – nicht an zwei Fronten zugleich kämpfen wollte. Die Folgen der Türkenzeit Die Kriegszüge Bethlens und Georg I. Rákóczi vermochten den Sieg der Gegenreformation im königlichen Ungarn nicht aufzuhalten. Denn der Jesuit Peter Pázmány, Erzbischof von Esztergom und Kardinal, erwies sich in seinen Predigten und Schriften als einer er glänzendsten und wirkungsvollsten Stilisten der ungarischen Sprache. Er führte die mächtigsten Magnatenfamilien West- und Nordungarns in die katholische Kirche zurück. Oft mußte ihnen das gesamte Volk ihrer Ländereien folgen.

Die Rekatholisierung stärkte erheblich die Bindung an die Habsburgerdynastie und gehörte seit Rudolfs Zeiten zur offiziellen Regierungspolitik. Sie vertiefte aber die Spaltung zwischen Ost und West nicht nur konfessionell, sondern auch in Bezug auf die Türken. Seit Stephan Bocskai hat sich Siebenbürgen mit der Osmanenherrschaft notgedrungen abgefunden. Die nun mehr überwiegende katholische Elite des königlichen Ungarns fühlte sich der gesamtungarischen Tradition des 15. und 16. Jahrhunderts verpflichtet, die Ungarn als Bollwerk der abendländischen Christenheit und den Türkenkampf als eine nationale Aufgabe betrachtete. Die Türken sorgten jedoch selber dafür, daß diese Ideen auch im Osten nicht vollständig abstarben. Denn die Schutzherrschaft des Padischah bedeutete keine Sicherung der siebenbürgisch-osmanischen Grenze. Das Fürstentum mußte sein Gebiet vor den Einfällen der türkischen Grenzgarnisonen ebenso schützen wie das königliche Ungarn. Die Linie der Grenzfestungen umschloss daher in einem großen, von der Adria bis zu den Südkarpaten reichenden Bogen den mächtigen, bis in das oberungarische Bergland ragenden türkischen Keil. Sie bildete allerdings keine geschlossene und unüberwindbare Trennwand. Händler, Bauern, Boten gingen hin und her, aber die Waffen ruhten nie. Auf der christlichen Seite waren auch kaiserliche Söldnertruppen stationiert. Der türkischen Taktik des ständigen Kleinkrieges erwiesen sich jedoch nur die Einheimischen gewachsen. Heimatlose Flüchtlinge, ihren Herren entflohene Leibeigene habgierige Abenteurer, gewalttätige Edelleute kämpften Seite an Seite; es entstand eine Solidarität, die soziale und ethnische Unterschiede weitgehend verwischte. Verwegene Beutezüge und kühne Handstreiche, blitzschnelle Angriffe aus dem Hinterhalt und ritterliche Zweikämpfe formten einen neuen Kriegertyp und auch eine neue Waffengattung: die der Husaren.

Franz II. Rákóczi Franz II. Rákóczi, ein Nachkomme der Fürsten von Siebenbürgen war der Sohn des an der Verschwörung Wesselényis beteiligten 1676 verstorbenen Franz I. Rákóczi und der Ilona Zrínyi , Tochter des hingerichteten Banus von Kroatien, Péter Zrínyi. Mit zwölf Jahren wurde er nach der Übergabe der Festung Munkács (Mukatschewo) im Jahre 1688 von seiner Mutter getrennt. Um einen kaisertreuen Aristokraten aus ihm zu machen, schickte ihn der Wiener Hof nach Böhmen, wo ihn die Jesuiten erzogen. Seine Studien beendete er in Prag und in Italien, danach lebte er in Wien ein »lustiges und leichtsinniges« Leben als Hochadliger. Im Jahre 1694 heiratete er die Fürstin von Hessen-Rheinfels und zog auf seine Güter nach Ungarn. Als ihn dort aufständische Bauern 1697 für sich benutzen wollten, floh er vor ihnen nach Wien. Als er jedoch die Lage Ungarns genauer kennen lernte, sah er daß dort jedermann von ihm, dem größten Großgrundbesitzer des Landes und Abkommen der vornehmsten Familie, Schutz erwartete und betrat den Weg seiner Ahnen. Zusammen mit mehreren vornehmen adligen plante er eine Verschwörung gegen die Habsburger und wandte sich an Ludwig XIV. Um Unterstützung. Sein Brief geriet in die Hände des Wiener Hofes, und im Frühjahr 1701 wurde er in seiner Burg Nagysáros gefangen genommen. Man brachte ihn nach Wiener Neustadt und sperrte ihn ins Gefängnis. Dort sollte er hingerichtet werden wie sein (mütterlicher) Großvater, doch es gelang ihm, nach Polen zu flüchten. Von dort aus versuchte er, die Unterstützung Frankreichs und anderer antihabsburgischen Mächte zu gewinnen, um den Kampf gegen den Wiener Hof aufnehmen zu können. Doch man hatte ihn überall abgewiesen, einem einsamen Flüchtling ohne Macht und Möglichkeiten schien keiner zu trauen. Anfang des Jahres 1703 stießen die Abgesandten von organisierten Bauern, die unter der Führung von Thomas Esze standen, in einem abgelegenen Gutsbesitz auf Rákóczi. Sie brachten ihm die Botschaft: “Das Bauernvolk steht bereit, es braucht nur einen Führer”. Wollte Rákóczi 1697 noch keine gemeinsame Sache mit den Bauern machen, folgte diesem Aufruf. Er entschied sich also dafür, an der Spitze von Leibeigenen gegen die Habsburger zu ziehen. Im Mai 1703 schickte er Fahnen mit der Aufschrift “Mit Gott für Heimat und Freiheit” ins Land und rief in einer Proklamation “jeden adligen und gemeinen wahren Ungarn” zu den Waffen. Im Juni 1703 machte er sich auf, um an der Spitze der Heere den Freiheitskampf gegen die Habsburger zu beginnen. Der Freiheitskampf gegen die Habsburger beginnt Als Franz Rákóczi im Juni 1703 den Gipfel der Nordostkarpaten, die Grenze des Landes erreichte, erwarteten ihn unter der Führung von Thomas Esze nur einige Hundert verbitterte Bauern. Die den Berg herabströmende Armee wurde jedoch von Tag zu Tag größer, in einigen Wochen zählte sie bereits mehr als tausend Mann. Der Adel, der einen Bauernaufstand befürchtete, schloss sich in seine Schlösser ein und leistete Widerstand. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis er erkannte, daß hinter den Bauerntruppen Rákóczi stand und die Forderungen der Bauern gleichzeitig auch nationale Forderungen waren. Im Herbst 1703 begannen sich der Adel und danach die Bürger der Städte anzuschließen. Aus dem ursprünglichen Bauernaufstand wurde ein nationaler Freiheitskampf. Bis zum des Jahres nahmen Rákóczis Truppen bereits Oberungarn und den mittleren Teil der Tiefebene in Besitz und drangen in Transdanubien sowie Siebenbürgen ein. Rákóczi hoffte weiterhin auf die Unterstützung der Franzosen, und nach den ersten Erfolgen des Aufstandes nahm der Franzosenkönig Beziehungen zu ihm auf. Er ließ ihm zunächst finanzielle Unterstützung zukommen. Sie entsprach etwa dem Sold von 5000 Soldaten, als in der Kurutzenarmee bereits 70.000 Mann kämpften. Die ersten Jahre des Krieges brachten den Franzosen Erfolge im Westen. Im Frühjahr 1703 drangen die französischen Truppen entlang der Donau nach Wien vor, während die Kurutzen von Osten her gegen die Kaiserstadt zogen. Der kaiserliche Hof erlebte schwere Wochen; die Historiker meinen, hätten sich beide Truppen vereinigt und wäre Wien gefallen, so wäre das Habsburgerreich leicht auseinander gefallen. Aber die große Hoffnung, daß Wien fällt, erfüllte sich nicht. Anfang des Jahres 1704 erreichten die Kurutzen bereits die österreichische Grenze, doch der Befehlshaber der französischen Truppen, der Kurfürst Max Emanuel von Bayern, zog nicht geradewegs nach Wien, sondern bog nach Tirol ab und ließ sich auf monatelange Guerillakämpfe ein. Bis von neuem losgezogen war, war die englische und niederländische Streitmacht bereits aufmarschiert. Sie stoppten das Vordringen der Franzosen in der Schlacht bei Höchstädt unter dem Befehl von Prinz Eugen von Savoyen und Herzog Marlborough zum Stehen. Von jetzt an zogen die Franzosen immer weiter zurück, die Vereinigung war zunichte gemachte geworden; Wien war gerettet. Von nun an war mit der Unterstützung Frankreichs immer weniger zu rechnen, König Ludwig XIV. war nicht bereit, gegenüber Ungarn Verpflichtungen einzugehen und schloss kein Bündnis mit Rákóczi. Franz Rákóczi versucht den Freiheitskampf auf Europa auszuweiten Rákóczi erkannte, daß er versuchen mußte, andere europäische Länder für sich zu gewinnen, da der Freiheitskampf sonst aussichtslos bleiben würde. In Proklamationen informierte er das Ausland über den Grund und das Ziel des Aufstandes, außerdem schickte er Abgesandte zum schwedischen, preußischen und dänischen König, zum polnischen Reichstag und zum Papst in Rom, doch überall erhielten sie zwar aufmunternde Worte, konkrete Hilfe wurde Rákóczi nicht angeboten, niemand wollte Ungarn zuliebe gegen die Habsburger antreten. Allein der russische Zar Peter I., der mit Schweden Krieg führte, erklärte sich bereit, ein Geheimbündnis mit Franz Rákóczi einzugehen, doch brachte dies keinen militärischen Nutzen. Der Aufstand blieb auf sich allein gestellt. Die Friedensverhandlungen mit den Habsburgern Die militärischen Kräfte des Habsburgerreiches und Ungarn waren völlig unterschiedlich. Rákóczi bemühte sich, aus seinen zwar tapferen aber nicht kampferfahrenen Soldaten eine gut ausgerüstete Armee zu machen, doch verloren sie immer wieder bei großen Gefechten. Rákóczi versuchte daher, Friedensverhandlungen mit Wien aufzunehmen. Die Vermittler waren England und die Niederlande. Sie waren gleichzeitig auch Verbündete der Habsburger und wussten, daß die 40.000 Mann, die gegen Ungarn zu kämpfen hatten, bei den Kämpfen im Westen fehlten, wie nützlich die Steuern für sie wären und wie dringend sie ungarische Rekruten gebraucht hätten. Doch die Verhandlungen verliefen ergebnislos; die Kurutzen wären zwar bereit gewesen, zu den Habsburgern zurückzukehren, doch die Habsburger wollten ihnen keine Garantien für die Beibehaltung ihrer Verfassungsrechte und der freien Religionsausübung geben. Außerdem war der Wiener Hof nicht gewillt, die Autonomie Siebenbürgens, an der Rákóczi festhielt, zu akzeptieren. Im weiteren Verlauf dieses Aufstandes erlag dann die Kurutzenarmee weitere Niederlagen, als Ausweg versuchte Rákóczi einen neues Bündnis mit dem russischem Zar Peter den Großen zu schließen. Während seiner Abwesenheit schloss Rákóczis Vertreter Baron Sándor (Alexander) Károlyi am 29.April 1711 den Frieden von Sathmar. Die Kurutzen leisteten von nun an den Habsburgern wieder Treue. Doch Rákóczi war nicht mit diesem Abkommen einverstanden, da es die Unabhängigkeit Ungarns nicht sicherte und die während des Freiheitskampfes erreichten Errungenschaften (Abbau der Ständeunterschiede, mehr Gerechtigkeit für alle Bevölkerungstruppen) zunichte machte. Mit einigen Begleitern machte er sich auf den Weg nach Polen, nach Frankreich und von hier aus – in der Hoffnung, den Kampf wieder aufnehmen zu können – in die Türkei. Hier starb er 1735 in Rodosto (heute türk. Tekirdag).

Quellenverzeichnis:

  1. Balázs Várkonyi und Katalin Liebmann, 1993: Ungarn, eine kleine politische Landeskunde. München

  2. Isabella Ackerl, 1985: König Mathias Corvinus - Ein Ungar, der Wien regierte. Wien

  3. Thomas von Bogyay, 1973: Grundzüge der Geschichte Ungarns. Darmstadt

  4. Andreas Oplatka, 1990: Der Eiserne Vorhang reißt – Ungarn als Wegbereiter. Zürich

  5. Péter Hanák, 1988: Die Geschichte Ungarns von den Anfängen bis zur Gegenwart. Essen

  6. Jörg K. Hoensch, 1991: Ungarn – Geschichte, Politik, Wirtschaft. Hannover

Glossar

Banat: Grenzmark, Verwaltungsbezirk, die südlichen Grenzgebiete des Königreichs Ungarn im Mittelalter. Heute Bezeichnung für die historische Landschaft zwischen Maros, Theiß und Donau, die nach dem ersten Weltkrieg zwischen Rumänien, Jugoslawien und Ungarn geteilt wurde. Hauptort Temesvár/Timosoara

Banderien: (von mittelalterlich banderia = Fahne, Truppenabteilung) Ursprünglich jene berittenen Truppen der mittelalterlichen Heeresordnung Ungarns, die unter eigener Fahne, unter persönlichem Befehl des Königs oder hochadliger Herren in den Kampf zogen. In späteren Zeiten wurde auch das Adelsaufgebot der Komitate als Banderien bezeichnet.

Heiducken/Haiducken: Ursprünglich Bezeichnung für ungarische Hirten, später für Söldner, die seit Ende des 15. Jh.s die Grenzen gegen das osmanische Reich verteidigten.

Komitat: Von einem Gespan geleiteter Verwaltungsbezirk in Ungarn; ursprünglich nach dem Vorbild der deutschen Grafschaftsverfassung eingerichtet von Stephan I. als Verwaltungseinheit königlicher Güter; später dienten die Komitate vor allem der adligen Selbstverwaltung.

Kurutzen: Bezeichnung im 16.Jh. für rebellierende ungarische Bauern, im 17./18. Jh. für die Aufständischen gegen die habsburgische Herrschaft.

Magyar: Selbstbezeichnung der Ungarn, abgeleitet von dem landnehmenden ugrischen Stamm Megyeri

Militärgrenze: Bezeichnung für das ab 1522/26 im habsburgischen Restungarn gegen die Osmanen mit mehrheitlich serbischen und kroatischen Flüchtlingen und Uskoken errichtete Verteidigungssystem, das im 18. Jh. von der NW-Grenze Dalmatiens entlang Save, Donau und Karpatenkamm bis zur Bukowina reichte

Nationsuniversität: (lat. Unio trium nationum = Brüderliche Einigung) 1437 erfolgter Zusammenschluss des hohen magyarischen Adels, der Székler und der Siebenbürger Sachsen zur Abwehr des ersten großen Aufstands rumänischer und ungarischer Bauern. Die Nationsuniversität diente bis ins 19. Jh. zur Zurückweisung der Forderung des rumänischen Bevölkerungsanteils nach Gleichberechtigung.

Stephanskrone: Ursprünglich wohl vom Papst Silvester II. um 1000 dem ersten christlichen König Stephan I. dem Heiligen verliehene Krone, die - 1270 nach Böhmen verschleppt und dort verschollen - von Stephan V. (1270-1272) durch die heute erhaltene Stephanskrone ersetzt wurde. Sie erlangte früh sakrale Bedeutung, war Ansatzpunkt einer von der Person des Herrschers losgelösten Staatsvorstellung und galt als eigentlicher Träger der königlichen Gewalt.

Woiwode: Slawische Bezeichnung für einen gewählten Heerführer, der ein begrenztes Gebiet kontrollierte und dessen Würde nicht erblich war. Der Titel wurde bis ins 16. Jh. auch von den Fürsten Siebenbürgens, der Moldau und der Walachei (zuweilen in der Form Mare-Voievod = Großwoiwode) geführt.

Verfasser: Philip Maske

György Dózsa und die Bauernaufstände um 1514

Die Vorläufer der Bauernkriege

Die ständische Regierung und die antifeudalen Kämpfe der Bauern in Ungarn von der Hussitenzeit bis 1514

Der Kampf der Bauern war nicht kurzfristig zu den Aufständen um 1514 entstanden, sondern bereits im 12. bis 13. Jahrhundert. Grundsätzlich war es das Unrecht, welches den Bauern widerfahren war, das sie zu ihren Taten brachte.

Das Gesamtsystem der die erbliche Rechtsstellung des Ständewesens ausdrückenden Privilegien entspricht als Erscheinung des Überbaus den an der wirtschaftlichen Basis des Feudalismus, in seiner Klassenstruktur durch die Entfaltung der einfachen Warenproduktion vor sich gehenden Veränderungen. Das schließt nicht aus, daß in das einmal entstandenen System andere, aus früheren Verhältnissen resultierende Elemente aufgenommen wurden. Und das schließt nicht aus, daß als die Erscheinungen des feudalen Überbaus bestimmende Element die Erscheinungen der Grundentwicklung überlebte, die seine Entstehung ehemals möglich und erforderlich gemacht hatten. Die lange historische Vorgeschichte und das lange Weiterbestehen des Ständewesens können wir in Ungarn, aber auch in anderen Feudalstaaten beobachten.

Einige Historiker betrachten als Kennzeichen des Ständewesens das Recht der Immunität bzw. das Privileg, in dessen Besitz ein adliger Grundherr die mit der Steuereintreibung und Rechtsprechung beauftragten königlich-staatlichen Beamten von seinem Grund und Boden verweisen und statt ihrer selbst das Volk auf seinem Grundbesitz vorgehen konnte. Tatsache ist, daß die Immunität bei uns und auch anderswo ein wesentliches Element des adligen ständischen Rechts darstellt, obwohl es unserer Meinung nach älter ist als das System des Ständewesens und in seinem Wesen und seinen Wurzeln frühere Zustände zum Ausdruck kommen. Ihre Grundlage ist der Charakter eines »Staates im Staate« des feudalen Grundbesitzes, vor allem des Großgrundbesitzes, die Tatsache, daß die übermächtigen Grundherren in der Lage waren, gegenüber dem Volk auf Grund und Boden Funktionen der öffentlichen Gewalt auszuüben; diese ihre Zuständigkeit können sie durch ihre Privatarmee, durch die grundherrliche Gerichtsbarkeit sowohl nach unten wie auch nach oben ausbauen und zur Geltung bringen. Gleich welche Bedeutung wir auch der Immunität in diesem System zubilligen, dient es nur einem Zweck: die Anstrengungen eines Klassenkampfes im Keim zu ersticken.

Bei uns erscheint die Immunität im 12. und 13. Jahrhundert nach der Erstarkung des Grundbesitzes und dehnt sich dann auch auf andere Kategorien des feudalen Grundbesitzes aus. Diese Zeit ist (rückblickend) als Epoche der Organisierung der aus verschiedenen Elementen entstandenen feudalen Bauernschaft zu einer in großen Zügen rechtlich einheitlichen Klasse und der Entfaltung ihres Klassenkampfes aufzufassen. Die Hauptformen des Klassenkampfes waren, soweit sich das aus den Quellen rekonstruieren lässt, neben der fallweisen Verweigerung der Dienstleistungen und einzelnen lokalen Bewegungen vor allem die große Masse mobilisierende Abwanderung, der Wegzug oder die Flucht. Diese Formen des Klassenwiderstandes – die zweifellos durch die Siedlungstätigkeit einzelner Grundherren und durch die um diese Zeit einsetzende Entwicklung der Städte und Marktflecken erleichtert wurde – führten in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zur Erinnerung des grundlegenden Rechts der rechtlichen einheitlichen werdenden feudalen Bauernklasse, zur Erinnerung des Rechts auf freien Abzugs, der Freizügigkeit – ein Recht, das vormals nur die ehemaligen nur die ehemaligen »freien Leute« gehabt haben.

Als örtliches Organ zur Durchsetzung der Klasseninteressen der adligen Grundbesitzer zeigte sich das Adelskombinat bis zum gewissen Grade geeignet, indem es nach unten – gegenüber den Unterdrückten und ihren Widerstand – auch jenen kleineren Grundbesitzern half, ihre grundherrlichen Forderungen durchzusetzen, deren eigene Macht sich auf der gegebenen Entwicklungsstufe des Klassenkampfes allein als nicht ausreichend erwies. Da es aber unter die Lenkung des Großgrundbesitzes kam, blieb das aus den Gegensätzen innerhalb der herrschenden Klasse resultierenden Problem der kleineren Grundbesitzern, das es seinerzeit ins Leben gerufen oder zur Entstehung zumindest wesentlich beigetragen hatte, weiterhin ungelöst. Hier die sich im Verlauf des 14. Jahrhunderts, besonders aber an der Wende vom 14. und 15. Jahrhundert zwischen den einzelnen – auch bisher schon in Gegensatz zueinander stehenden – Schichten der Grundbesitzerklasse zuspitzenden Kämpfe um die Lenkung der Komitatsbehörden. Durch die Einschaltung der zentralen Macht war die Auswirkung dieser Kämpfe auf der Landesebene, in der Gesetzgebung und in den damit verbundenen königlichen Verordnungen zu spüren. Und damit hängt auch aufs engste zusammen, daß sich der Gemeinadel im engeren Sinn ständisch orientierte, daß er das auf Versammlungen in einzelnen Teilen des Landes oder im ganzen Land in seinen Beschlüssen zum Ausdruck brachte. Diese Beschlüsse zeigen immer deutlicher die zunehmende Forderung des Gemeinadels, ihm nicht nur in der Komitatsorganisation, sondern an der Lenkung des ganzen Landes größeren Anteil zu gewähren, unter anderem dadurch, daß die unter Teilnahme des Gemeinadels abgehaltenen Landesversammlungen – bereits echte Landtage – zur ständigen Einrichtung wurden, und das die rechtliche Grundlage der Staatenlenkung bildende Gesetzgebungssystem eine entsprechende Modifizierung erfuhr. Dieses führte aber zu keiner befriedigten Erfolg für alle Parteien.

Dieses änderte sich erst als die Zeit Matthias I.  anbrach. Er förderte die Städte und Marktflecken in den Tiefebenen Ungarns. Weiter verbesserte er die Lebensbedingungen der Leibeigenen, allerdings nicht ihren Status in der Gesellschaft. Diese Verbesserungen waren auf die Gerichtsbarkeit beschränkt, was zur Folge hatte, daß die Gutsbesitzer nicht mehr nach eigenem Ermessen handeln konnten. Der Nachfolger von Matthias war Wladisław II. Jagiello, auch Dobre genannt. Unter seiner Herrschaft verschlechterte sich die Lage in Ungarn wieder, da Dobre als Gesetze, die sein Vorgänger in Kraft gesetzt hatte, rückgängig machte. Daraus folgte, daß die Ständeversammlung soviel Macht bekam, daß der König unter ihrer Kontrolle stand. In den Jahren vor 1514 setzten die Adligen in der Ständeversammlung ein Gesetz durch, das eine Definition der freien und unfreien Menschen vorsah und stärkte so die Macht der Adligen in allen Bereichen. Als dieses Gesetz auch für die Marktflecken und Städte galt, hatte dies finanzielle Konsequenzen, weil diese Plätze unter Matthias’ Herrschaft eine andere Rolle in der finanziellen Situation hatte und so von ihren Verpflichtungen befreit wurden.

Die mitteleuropäische Handels- und Finanzkrise der Jahre 1512/13

und der ungarische Bauernkrieg

Die Ursachen für den ungarischen Bauernkrieg von 1514 hat unsere Geschichtsschreibung  in der Verschlechterung der Lage der Bauern und in der allgemeinen bauern- und marktfleckenfreundlichen Politik der nach König Matthias’ Tod (1490) an die Macht gekommen feudalen Reaktion erblickt. Die Verkündigung des Kreuzzuges im Frühjahr 1514 bot einen nicht  vorauszusehenden Anlaß zur Explosion der mehrere Jahrzehnte aufgestauten Verbitterung der Bauern.

Bei einer Untersuchung dieser Zeit hat man festgestellt, daß sich z. B. die Kupferindustrie von Ungarn in den Jahren 1510-12 an ihrem höchsten Punkt befand. Dies hatte zur Folge, daß die europäischen Märkte eine Überproduktion förderten. Kupfer verlor in Europa somit an Wert und die Folgen daraus waren, das z.B. die Fleischerzunft ihre Gebäude verkaufte und verpfändete, um die Kosten für ihre Betriebe zu decken. Die Handelskrise und die Unzufriedenheit im Land förderten den Aufstand der Bauern.

Der Bauernkrieg von 1514

Darstellung des Anfangs des Bauernkrieges von 1514

und Dózsas mögliche Entscheidungen für den Kriegsverlauf

Durch genaue Recherchen war es möglich, den genauen Plan des Hofes für das Kriegsjahr 1514 zu rekonstruieren. Der Plan wurde im Herbst 1513 ausgearbeitet, wahrscheinlich zu dem Zeitpunkt, als der päpstliche Entschluss der Verkündigung eines Kreuzzuges und die Nachricht von der Ernennung Bakócz’ zum Legaten in Buda eingetroffen waren. Allen Anzeichen nach beabsichtigte der Hof auf der sehr breiten, sich von Kroatien bis nach Siebenbürgen hinziehenden Front mit mehreren Heeren den Angriff zu eröffnen, wovon eines das der Kreuzfahrer gewesen wäre. Über die Richtung, die dieses Heer eingeschlagen hatte, ist man sich nicht einig. Da man aber weiß, daß der Hauptangriff in der Gegend von Moldau stattfand, geht man davon aus, daß das Kreuzfahrerheer die Mitte gebildet hatte.

Es ist aber auch möglich, daß der Plan im März 1514 geändert wurde und der Hof sich schließlich dahingehend entschied, das Kreuzfahrerheer nach Kroatien aufbrechen zu lassen. Genauso ist es möglich, daß zu diesem Zeitpunkt die Mehrheit des Adels die Aufstellung des Kreuzheeres bereits verwarf und nur noch der König und Bakócz darauf bestanden.

Nach der Vorgeschichte und der späteren Entwicklung können wir im Hinblick auf die Absichten des an der Spitze des Kreuzheeres tretenden Dózsa mit vier Möglichkeiten rechnen:

  • Ursprünglich wollte er nur gegen die Türken kämpfen.

  • Er wollte gleichzeitig gegen die Türken und die Adligen kämpfen.

  • Zunächst brach er gegen die Türken auf, später änderte er seine Absicht und wandte sich gegen den Adel.

  • Er wollte von vornherein nur gegen den Adel kämpfen. 

Der Verlauf des Bauernkriegs

Der Bauernkrieg von 1514 entstand eher »ungewollt« aus einem gegen die Türken verkündeten Kreuzzug, zu dem der neugewählte Papst Leo X. am 3. September 1513 aufrief. Die Gründe hierfür waren aber nicht auf einem Wandel der ungarisch-türkischen Beziehungen oder der Haltung Europas gegenüber den Türken begründet. Ungarn führte zwar seit Jahrzehnten einen Defensivkrieg gegen das sich langsam ausdehnende osmanische Reich, in diesem Krieg aber hatte sich in den fraglichen Jahren nichts ereignet, das den Papst bzw. den ungarischen Hof zu einem so dramatischen Schritt hätte bewegen können. Europa beobachtete den Bodengewinn der Türken auf dem Balkan auch eher mit der gewohnten Gleichgültigkeit. Über die Entwicklung des Bauernkrieges aus diesem Angriff gegen die Türken und den Verlauf des Bauernkrieges wird dieser Abschnitt berichten.

Die Vorbereitungen für den Kampf gegen die Türken begannen in Ungarn im November 1513 mit der Mobilisierung des Heeres an der Südgrenze. Bakócz legte im März des folgenden Jahres dem königlichen Rat den Plan vor, die Bauern in diesem Kampf einzusetzen. Dieser Vorschlag stieß aber auf Widerstand, da die bäuerlichen Arbeitskräfte in der arbeitsintensiven Zeit für die Arbeit gebraucht wurden, da der Ausfall der Einnahmen für die Adligen bedrohlich gewesen wäre, noch mehr als für die Magnaten. Der Protest gegen diesen Plan wurde unterstützt vom Woiwoden von Siebenbürgen, János Szapolyai, der die ständische Bewegung des Adels für seine eigenen Zwecke benutzte. Die Mehrheit der Magnaten – deren Partei den siebenbürgischen Wowoiden ständig in den Hintergrund zu drängen versuchte – hingegen trat auf die Seite des Erzbischofs, wonach der König den Kreuzzug befahl.

Die im Streit liegenden Herren konnten sich bei Beginn der Mobilisierung am 8. April 1514 allerdings nicht über die Frage der Führung des Heeres einigen. Daher übertrugen sie die Führung vielmehr einem Außenstehenden, einem im Kampf gegen die Türken verdienten Offizier der Garnison von Nándorfehérvár, dem Szekler György Dózsa, der zufällig gerade nach Buda gekommen war. Dózsa wurde aber lediglich Befehlshaber der Freiwilligen, da man einem unbedeutenden Offizier einer Grenzfestung nicht die Führung des ganzen Kriegszuges übertragen wollte.

Obwohl nur in einem Bruchteil des Landes Bauern angeworben wurden, konnte man dennoch ungefähr 40.000 Bauern verpflichten; das entsprach 10 - 12 % der arbeitsfähigen Männer. Der Gemeinadel aber sah seine früheren Befürchtungen bestätigt und versuchte nun, nach feudalem Brauch eigenmächtig und mit Gewalt den Zug der Untertanen ins Lager zu verhindern. Zur gleichen Zeit aber hatte die von Erzbischof Bakócz’ Interessen erforderliche Eile zur Folge, daß für die Versorgung der riesigen Kreuzfahrermassen keine ausreichende Vorbereitung getroffen wurde. Das führte sehr bald zu Problemen in der Verpflegung der Truppen und dadurch zu  Requirierungen und Ausschreitungen. Plötzlich ergaben sich um das Kreuzfahrerheer Spannungen, und um die Erregung des Adels zu besänftigen, hielt es der König für angebracht, Bakócz weitere Anwerbungen zu untersagen.

Dózsas Heer, welches noch das disziplinierteste war, weigerte sich aufgebracht, dem Befehl Folge zu leisten und änderte seine Marschrichtung. Weit heftiger waren hingegen waren die Reaktionen der weniger disziplinierten, kleineren Lager. Die in Pest zurückgebliebene Nachhut zerstörte bis Vác die ganze Gegend und ein anderes Bauernheer schlug bei Várad die sich gegen die Kreuzfahrer formierenden Adligen. Schwere Wirren entstanden auch in der Batschka. – Die Maßnahmen des Hofes verkehrten sich also in ihr Gegenteil. Die Aktionen der Bauernheere diskreditierten Bakócz, der nun gezwungen war, das ganze Unternehmen abzublasen. Die Nachricht über diese Maßnahme erreichte Dózsas Lager im kritischsten Augenblick, als das Hauptheer der Kreuzfahrer von Temes, István Báthory und des Bischofs von Csanád – Miklós Csáky – angegriffen wurde. Hierfür übte Dózsa durch einen Sieg bei Nagylak Vergeltung, bei dem viele Adlige gefangen genommen wurden.

Anfänglich handelten die bäuerlichen Massen vielleicht noch unbewusst, doch dürfte sich hiernach eine Art Gemeinschaftsgeist gebildet haben, der offensichtlich von Anfang an gegen die Herren gerichtet war und durch die Unrechte der vorigen Wochen gesteigert wurde. Der Befehl zur Rückkehr hob die Rebellion der Kreuzfahrer dann endgültig auf die Ebene der Klassengegensätze und Dózsa ließ seine Gefangenen, unter denen sich viele Adlige befanden, zur Abschreckung hinrichten. Mit dieser Handlung begann dann am 28. Mai 1514 der eigentliche ungarische Bauernkrieg.

Nach einem erneuten Wechsel der Marschrichtung ging das Bauernheer unter Dózsas Führung in Richtung Siebenbürgen, das durch Szapolyais Marsch gegen die Türken ohne Schutz geblieben war. Als dieser davon erfuhr, kehrte er um und konnte den Aufständischen im letzten Moment den Weg versperren. Nach der Einnahme von Lippa und Solymos entschied Dózsa daher, das Gebiet von Temesköz als Basis seiner Kriegsoperationen zu gewinnen: Am 13. Juni begannen seine Truppen die Belagerung von Temesvár. Auch Antal Nagys Kreuzfahrer in der Batschka und die Bauern des Priesters Lörinc im Komitat Bihar waren gegen die Herren erfolgreich. Die Regierung konzentrierte ihre Unternehmungen aber nicht und so konnte sie nur an einem einzigen, jedoch wichtigen Punkt gegen die Aufständischen Erfolg erringen: Nach einigem Zögern legte Dózsas in Pest verbliebene Nachhut die Waffen nieder. János Bornemissza, der diesen Erfolg erzielte, zerschlug danach bei Debrö das Kreuzfahrerlager im Komitat Heves. Während der Anführer des Aufstandes bei Temesvár kämpfte und seine Truppen die Umgegend eroberten, ging das ganze Alföld, die große ungarische Tiefebene, in Flammen auf. Der Priester Lörinc führte dies im Szilágyság-Gebiet fort, in den Komitaten Szatmár und Szabolcs entstanden neue Lager, eine Kolonne aus der Batschka begann im Komitat Tolna zu kämpfen. In der Batschka und in Syrmien waren zur gleichen Zeit vier Kreuzfahrerheere in Kämpfe verwickelt. Dózsa versuchte die Tatsache zu nutzen, daß der allgemeine Aufstand die ohnehin nicht sehr bewegliche Staatsmaschinerie gelähmt hatte. Er schickte zwei kleinere Heere an den Ort der früheren Niederlagen: seinen jüngeren Bruder Gergely nach Buda und eine andere Truppe nach Eger.

Die herrschende Klasse begann jedoch die anfängliche Verwirrung zu überwinden. Unter der Führung einzelner mächtiger Adliger wurden der Reihe nach die kleineren Lager zerschlagen. Das Heer von Tolna einigte sich mit Ferenc Hédervári und legte die Waffen nieder, die Kolonnen, die in das Komitat Heves eingedrungen waren, wurden von den Adligen der Umgegend überwunden und Várad wurde auch wieder eingenommen. Um die größeren Aufständischenheere zu besiegen, waren jedoch ernsthaftere Vorkehrungen erforderlich: So zog unter György Szapolyai von Buda ein mehr als 5.000 Mann starkes Heer nach Temesvár, um dort den Brandherd zu beseitigen – György Dózsas Truppen wurden zunehmend isoliert.

Nach Antal Nagys Niederlage bei Perlek drohte von Westen Gefahr, mit dem Fall von Várad auch von Norden. Die ernstere Bedrohung jedoch stellte Siebenbürgen dar: Da wegen seines Widerstandes in seiner Provinz keine Anwerbungen für das Kreuzheer erfolgt waren, konnte sich János Szapolyai relativ ungestört auf den Kampf gegen die Aufständischen vorbereiten. Die im Komitat Bihar stehenden Truppen des Priesters Lörinc versuchten ein Störmanöver mit einem bis Kolozsvár vorgetragenen Angriff. Der Woiwode überließ die Angreifer aus Bihar seinen Stellvertretern (die Lörinc auch bei Kolozsvár schlugen), er selbst zog nach Temesvár, um die vom Aushungern bedrohte Festung zu entsetzen.

Die stärksten Truppen der Bauern und der Adligen trafen sich am 15. Juli bei Temesvár. Auf die verlockenden Aufrufe des Adels begann ein Teil der Kreuzfahrer schwankend zu werden und selbst in der Umgebung des Anführers gab es Abtrünnige. In der allgemeinen Verwirrung wurde Dózsa gefangengenommen und die noch weiteren Widerstand versuchenden Bauern wurden in kurzen, aber heftigen Kämpfen zerstreut. Und obwohl auch nach der Vernichtung der Hauptstreitmächte noch gekämpft wurde, war der Bauernkrieg nun zu Ende.

Der gefangen genommene Dózsa wurde auf unmenschliche, abschreckende Art hingerichtet: Er wurde auf einem glühenden Eisenthron und mit glühendem Reifen auf dem Kopf verbrannt und auch auf andere Bauernhauptleute wie Lörinc, Antal Nagy u. a. wartete die Todesstrafe. Massenhafte Hinrichtungen aber, wie die historische Überlieferung zu berichten weiß, haben aber in Wirklichkeit nicht stattgefunden: Die herrschende Klasse sah in den gefangenen Aufständischen nämlich vor allem Arbeitskräfte und schonte dementsprechend ihr Leben. Ihr Streben war insbesondere auf die Wiedergutmachung der Schäden gerichtet, die sogar gesetzlich verankert wurde, und in den folgenden Jahren begann eine sich endlos hinziehende Reihe von Prozessen zwischen den geschädigten Adligen und den Herren der Bauern, die die Schäden verursacht hatten.

Spektakulärer jedoch begann die Abrechnung, die der aufgebrachte Adel gegen die seiner Ansicht nach für das Geschehen verantwortlichen Magnaten, gegen Bakócz und die Anführer der so genannten Hofpartei einleitete. Die ursprünglich gegen die Bauern zu Hilfe gerufene böhmisch-schlesischen Truppen mussten den Erzbischof schützen und der Landtag, der die bekannten Gesetze gegen die Bauern verabschiedete, erließ Dutzende von Artikeln, deren Ziel es war, die Sündenböcke aus ihrer Macht zu verdrängen. Nutznießer dieser Lage war János Szapolyai, obgleich es trotz aller Anstrengungen nicht gelang, seine Rivalen für immer zu bezwingen. Der Regierungsapparat blieb in ihren Händen und so gewann die Partei der Magnaten, als der Woiwode 1515 von den Türken entscheidend geschlagen wurde, wiederum die Oberhand.

Die schwerwiegendste Folge des Bauernkrieges aber waren die Gesetze gegen die Bauern. Sie bürdeten ihnen ungewöhnliche Lasten auf, nahmen ihnen das Recht der Freizügigkeit, verschlossen ihnen jede Möglichkeit, die Klassenschranken zu durchbrechen. Obwohl diese Gesetze zunächst nicht energisch durchgeführt wurden, da die Gewährung des Rechts der Freizügigkeit im Interesse der Magnaten stand – dies war die Grundlage der Entwicklung der so genannten Marktflecken, welche den Magnaten Gewinne brachten –, kam es später jedoch gänzlich zur Umsetzung, wonach ein System der erblichen Untertänigkeit geschaffen wurde.

Unter den Teilnehmern am Bauernkrieg von 1514 waren alle Schichten der Bauerngesellschaft vertreten, obgleich die wohlhabenderen Bauernbürger der Marktflecken tonangebend waren. Der Aufstand ist nicht nur gesellschaftlich, sondern auch geographisch mit den aktiv Warenwirtschaft treibenden ungarischen Marktflecken im Tiefland verbunden und so gesehen extremer Ausdruck des bäuerlichen Emporstrebens. Da das bäuerliche Klassenbewusstsein allerdings noch unterentwickelt war, überschritt die Bewegung kaum das Niveau einer Impulsivität. Der Aufstand war – wie jeder Bauernaufstand im feudalen Europa – zum Scheitern verurteilt und seine handelnden Teilnehmer konnten keine positive Entwicklung der Gesellschaft fördern.

Die Folgen des Bauernkriegs

Die Retorsionsgesetze von 1514

Den großen europäischen Bauernkriegen folgte stets die Retorsion[*]. So wurde auch in Ungarn nach der Niederschlagung Dózsas und seiner getreuesten Anhänger für den Lukastag (den 18. Oktober) 1514 die Ständeversammlung einberufen, um das Werk der Rache zu legalisieren. Das Gesetz, das der König einen Monat darauf am Elisabethtag (am 19. November) sanktionierte, war kein einheitlicher Kodex. Seine Konstruktion ist dürftig und enthält auch verschiedene, auf der Ständeversammlung zur Sprache gekommene Wünsche. Offensichtlich ist es das Ergebnis einer eiligen Arbeit, da sich ja der Ständetag auch mit anderen Fragen befasste, unter anderem mit der Revision des von Werbóczy vorgelegten Rechtsbuches, des »Tripartitum«.

Bei den versammelten Magnaten und Adligen herrschte eine scharfe antiklerikale Stimmung. Der Kardinalerzbischof Tamás Bakócz hatte einem anderen Kardinal bereits im September geschrieben, der Adel wüte gegen den Klerus und es sei zu befürchten, daß er in der Ständeversammlung seiner Wut freien Lauf lassen werde. In den eingebrachten Vorlagen sind in der Tat mehr Normen gegen den Klerus enthalten als in späteren Gesetzesartikeln. Die Geistlichen bäuerlicher Herkunft sollten von allen Würden über dem einfachen Kanonikat ausgeschlossen und auch dem König die Vergabe solcher Benefizen untersagt werden. Sicher gab es bei dieser Frage heftige Auseinandersetzungen und der Klerus verweigerte den Artikeln strafrechtlichen Inhalts und solchen, die seine »Ehre« berührten, ihre Zustimmung. Der größte Teil der sanktionierten Gesetzestexte richtete sich jedoch gegen jene Gemeinadligen, die sich ihnen angeschlossen hatten.

Strafbestimmungen im engeren Sinne enthalten nur wenige Artikel, denn die blutigen Vergeltungen hatten ja größtenteils schon stattgefunden. Die Verurteilung fand durch ein Gremium statt, das aus Offizierskorps der Kanonitate und zwölf Geschworenen bestand. Die meisten Urteile wurden mit dem Tode vollstreckt. Besondere Artikel bestimmten die Strafen der Adligen, die mit den Bauern sympathisierten, was mit allgemeinen Prinzipien der Verbrechensbekämpfung begründet wurde. Die Strafe für diese Adligen war der Verlust ihres Vermögens an die Krone. Bei aktiver Beteiligung an den Kämpfen kam nur der Tod und der Vermögensverlust in Frage. Die meisten Bauern, die an den Aufständen beteiligt waren, wurden hingerichtet. Dabei wurde unterschieden, in welchem Grad die Beihilfe zum Aufstand stattfanden, und so wurde bei den Bauern, die ihrer Krone immer noch treu dienen, nur eine Verurteilung in Form von Freiheitsentzug und Fronarbeit.

[*]      »Retorsion im völkerrechtlichen Sinn bezeichnet eine Reaktion eines Völkerrechtssubjektes (vor allem eines Staates) mit grundsätzlich zulässigen Mitteln auf gegen es gerichtete feindliche Handlungen. Die Retorsion ist damit ein Spezialfall des Talion. Unter Talion, alternativ ius talionis oder Talionsprinzip, versteht man eine Rechtsfigur, nach der zwischen dem Schaden, der einem Opfer zugefügt wurde, und dem Schaden, der dem Täter zugefügt werden soll, ein Gleichgewicht angestrebt wird. Der Begriff ius talionis setzt sich aus lateinisch ius, ‚Recht‘, und talio (Etymologie unklar), ‚Eintreiben eines gleichartigen Ausgleichs‘, zusammen. Der nicht nur biblische Ausdruck „Auge für Auge“ ist davon ein Spezialfall, in dem dieses Gleichgewicht nach einer Körperverletzung durch Zufügen eines gleichartigen Schadens hergestellt werden soll.« [Wikipedia]

Die Regelung des Verhältnisses zwischen untertänigen Bauern und Boden

nach der Niederschlagung des Bauernaufstandes

Mit der Einführung des Tripartitum, welches das Gesetz und die Nachlässe der Bevölkerung Ungarns regelte, wurde die Unterdrückung der Bauern fortgesetzt. Werböczy, der diese Gesetze mit entwarf, war der Meinung, daß die persönliche Untertänigkeit der Bauern genau festgelegt werden sollte. Das hatte nur Folge, daß diejenigen, die an dem Aufstand beteiligt waren, vom Gesetz ihre persönliche Freiheit verloren und in ewiger Knechtschaft dem Grundherren zu dienen hatten. Es wurde außerdem die rechtliche Grundlage beschlossen, die Verbindung zwischen Bauern und Boden zu lösen.

Die Vorlagen wurden erst nach dem Aufstand von 1514 in Kraft gesetzt. Vor dem Aufstand war man dazu gewillt, den Bauern mehr Rechte zu geben, da die Tendenzen, die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Grundherren zu befriedigen, größer geworden waren. Das führte dazu, daß einige Schichten der Grundherren die Lockerung der persönlichen Freiheitsbeschränkung des Bauern und der Bindung an den Boden als ein Mittel, die zu nutzen wirksamer zu sein versprach. Die wirtschaftlichen Tendenzen deuteten also auch im einzelnen auf die Bindung des Bauern hin. Der Aufstand von 1514 war, wenn er auch zur Leugnung der feudalen Gesellschaftsordnung anwuchs, zugleich auch die Zurückweisung dieser Tendenzen, genauer der in ihrem Gefolge aufkommenden Modifizierungen.

Alles, was 1514 zur persönlichen Entrechtung des Bauern, zur Einführung des Systems der erblichen Leibeigenschaft geschah, stand nicht im Gegensatz zum gesellschaftlich-wirtschaftlichen Entwicklungsgang, ging nur eben der tatsächlichen Entstehung eines solchen Systems voraus. Es handelt sich nicht um die Kodifizierung eines allgemein herrschenden Zustandes, aber dadurch, daß sie die Anwendung von Prinzipien, die die wichtigsten Komponenten der erblichen Leibeigenschaft waren, die Legalität sicherte, schuf sich im rechtlichen Sinne das System selbst.

Quellenverzeichnis

  1. Gusztáv Heckenast: Aus der Geschichte der ostmitteleuropäischen Bauernbewegungen im 16. - 17. Jahrhundert. Budapest, 1977

  2. Denis Silagi: Ungarn. Edition Zeitgeschehen. Hannover, 1964. 2. Auflage.

  3. Peter Gunst: Der ungarische Bauernaufstand von 1514, in: Theodor Schieder und Lothar Gall (Hrsg.): Historische Zeitschriften — Beiheft 4. München, 1975.

  4. Imanuel Geiss: Geschichte griffbereit / Nr. 5 - Begriffe. Dortmund, 1993.

Verfasser: Lars Ahlström und Kai Radewald

Von Admiral Horthy bis zum Terror der Pfeilkreuzler

1. Ungarn von zwischen den Weltkriegen

Nach dem militärischen Zusammenbruch zerfällt am 11.11.1918 die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Der Niederlage im ersten Weltkrieg folgte der vernichtende Vertrag von Trianon, der Ungarn 60% seiner Bevölkerung und 75% seines Gebietes nahm. Was blieb, war die magyarische Mitte, hauptsächlich das Karpatenbecken, belastet mit schwersten sozialen und wirtschaftlichen Problemen. Ungarn verliert Siebenbürgen, die Slowakei, Teile von Oberungarn, das Burgenland, Teile Südungarns und Kroatien. Im Oktober 1918 wurde Graf Tisza ermordet, König Karl IV. (in Österreich Karl I.) bestimmte Graf Mihály Károlyi zum Ministerpräsidenten.

Am 16.11.1918 ließ dieser die Republik ausrufen. Kroaten, Rumänen, Tschechen und Serben beanspruchten ungarisches Gebiet. Der Kommunist Béla Kun übernahm im März 1919 die Regierung. Ungarn wurde zu einer Räterepublik, die sich bis zum 1. August halten konnte. Unter starkem Druck der westlichen Siegermächte des Ersten Weltkrieges, die einen weiteren kommunistischen Staat in Europa nicht akzeptieren wollten, und unter bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen in Ungarn wählte 1920 die Nationalversammlung Horthy zum »Reichsverweser des Königreichs Ungarn«, d.h. zum Statthalter für eine nicht mehr existierende Königschaft der Habsburger Dynastie und damit zum regierenden Staatsoberhaupt.

Unter Horthy erhielt Ungarn wieder den Titel »Apostolisches Königreich« und geriet auf einen faschistischen Kurs. Die Staatsform orientierte sich an seinerzeit verbreiteten reaktionär-ständestaatlichen Modellen – der »Monarchie ohne Monarchen« –, wie sie parallel dazu ebenfalls in Österreich im Dollfuß-Regime vor dem »Anschluss« an Hitler-Deutschland herrschten. 1921 wurde Karl IV. auch formal abgesetzt, nachdem er schon mit Kriegsende 1918 in Österreich abgesetzt worden war. Im Innern konnten die dringendsten sozialen Probleme nicht gelöst werden, es herrschte der »weiße Terror« gegen alle linken, liberalen, demokratischen und fortschrittlichen Kräfte in Ungarn.

Außenpolitisch schloss sich Ungarn an Deutschland und Italien an. An der Seite der Achsenmächte trat Ungarn am 23. Juni 1941 in den II. Weltkrieg ein. Den deutschen Truppen wurde der Durchmarsch während des Balkan-Feldzuges gestattet; auch Nachschub und Entsatz zu den Kriegsschauplätzen in Jugoslawien und Griechenland liefen durch Ungarn, das sich selbst jedoch nicht mit eigenen Truppen an den Kämpfen beteiligte, politisch aber immer abhängiger von Deutschland wurde. Horthy versuchte 1944, als sich die Niederlage Hitler-Deutschlands abzeichnete, das Engagement mit Hitler-Deutschland zu lösen und aus dem Krieg auszutreten. Erste Kontakte zur anrückenden sowjetischen Armee wurden schon geknüpft und Versuche zu Kontakten mit den Westalliierten unternommen. Daraufhin wurde Horthy von den Deutschen, die zuvor – als politische Erpressung – seinen Sohn gefangen gesetzt und ihn als Geisel ins Deutsche Reich gebracht hatten, zur Abdankung gezwungen; Nachfolger wurde Szálasi, der Führer der Pfeilkreuzlerbewegung. Deutsche Truppen besetzen am 19. März Ungarn. Es begann eine bis zum Kriegsende dauernde Schreckensherrschaft, in der systematisch die jüdische Bevölkerung Ungarns nach Auschwitz verschleppt und ermordet wurde. Buda wurde gegen die heranrückenden sowjetischen Truppen zur »Festung« erklärt, was erbitterte Kämpfe an der Donau und große Zerstörungen in der Stadt, einschließlich der Sprengung aller Donaubrücken durch die Deutschen, nach sich zog.

Im Dezember wird von Widerstandskämpfern unter der Führung der ungarischen Kommunisten in Debrecen eine provisorische Regierung gebildet, die Deutschland den Krieg erklärt und mit der Sowjetunion einen Waffenstillstand schließt. Am 4.4.1945 endet die deutsche Besatzung in Ungarn.

1944/45 wurde Ungarn von sowjetischen Truppen besetzt. Nach Kriegsende regierte zunächst die Kleinlandwirtepartei unter Zoltán Tildy die am 1.2.1946 ausgerufene Republik. Die Zwangsumsiedlung der Deutschen aus Ungarn folgte. Der Großgrundbesitz wurde enteignet. Im Friedensvertrag von Paris (1947) wurden die Grenzen von 1938 wiederhergestellt und Ungarn für reparationspflichtig erklärt. Unter dem 1. Sekretär der KP Rákosi, der schon seit längerer Zeit der eigentliche Machthaber in Ungarn war, kam es 1948 zur Zwangsvereinigung der KP mit den Sozialdemokraten. Die bürgerlichen Parteien wurden aufgelöst, das Einparteiensystem eingeführt. Am 20.8.1949 wurde die Verfassung der Volksrepublik Ungarn verkündet.

2. Die Personen:

Karl I./IV. aus dem Hause Habsburg

Karl war nach der Verfassung der kaiserlich-königlichen österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie als Karl der Erste Kaiser von Österreich (1916-1918) und als Karl der Vierte König von Ungarn. Er wurde am 17.8.1887 in Persenbeug geboren und starb am 1.4.1922 in Funchal (Madeira). Nach der Ermordung seines Oheims Franz Ferdinand am 28.6.1914 wurde er Thronfolger und folgte damit Kaiser Franz Joseph. Obwohl er den Nationalitäten in letzter Stunde Autonomie versprach, mußte er am 11.11.1918 abdanken und ins Ausland gehen. Zweimalige Putschversuche in Ungarn scheiterten, und die Entente bestimmte seine Internierung auf Madeira.

Miklós (Nikolaus) Horthy von Nagybánya

Horthy wurde am 18.6.1868 in Kenderes geboren und starb 1957 in Estoril. Er war Admiral und Oberbefehlshaber der österreichisch-ungarischen Flotte und führte 1919 die gegenrevolutionäre Nationalarmee an. Von 1920 bis 1944 war er Reichsverweser und verhinderte in dieser Zeit (1921) zwei Restaurationsversuche Kaiser Karls. Er war es auch, der der ungarischen Politik revisionistisch und konservative Züge gab. Horthy beteiligte sich 1938 an der Aufteilung der Tschechoslowakei und 1940 Rumäniens. Er führte Ungarn 1941 auf starkes Drängen Deutschlands in den Krieg. Als er 1944 versuchte, zu einem Sonderfrieden zu kommen, wurde er von Hitler in Deutschland interniert, war dann 1945/46 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft und lebte von 1949 an in Portugal. Sein Sohn Stephan Horthy fiel 20.8.1942.

Ferenc Szálasi

Szálasi wurde am 6.1.1897 in Kaschau (Košice) geboren und starb am 12.3.1946 in Budapest. Er war der Führer der faschistischen Pfeilkreuzlerpartei und der Hungaristenbewegung. Am 16.10.1944 auf Veranlassung der deutschen Besatzung zum Ministerpräsidenten ernannt. Als Nachfolger Horthys und Staatsoberhaupt (»Führer der Nation«) errichtete er in den letzten Monaten des Krieges ein faschistisches Terror-Regime (Judendeportationen). Nach dem Krieg wurde er von den USA an Ungarn ausgeliefert und hingerichtet.

Mátyas Rákosi

Rákosi wurde am 9.3.1892 in Ada geboren und starb am 5.2.1971 in Gorkij (Nischni Nowgorod). 1919 war er an der Räterepublik Béla Kuns beteiligt, 1944 Generalsekretär der KP und stellvertretender Ministerpräsident. Ab 1952/53 war er Ministerpräsident bis er im Aufstand 1956 gestürzt wurde. Danach lebte er in der UdSSR.

3. Glossar / Erläuterungen:

revisionistisch = von Revisionismus: das Streben nach Änderung eines bestehenden [völkerrechtlichen] Zustandes oder eines [politischen] Programms (in der sozialistischen Bewegung seit dem 19. Jahrhundert die, meist kritisch oder diffamierend gebrauchte, Bezeichnung für die sozialdemokratische Richtung, die die kommunistische Revolutionslehre mit dem Ziel der Errichtung der »Diktatur des Proletariats« und der Lehre von der »Vorreiterrolle« der Partei ablehnte).

KP   = Kommunistische Partei.

Pfeilkreuzler = Name der ungarischen Nationalsozialisten (analog zum ›Hakenkreuz‹ der NSDAP).

(Reichs-)Verweser = Verwalter, Statthalter; im Mittelalter nicht gekrönter oder erbfolgeberechtigter Regent während eines Interregnums zur Sicherung dynastischer Ansprüche. Titel von Admiral Horthy 1920-1944.

Ständestaat = Staatsform, in der die verschiedenen sozialen Gruppen (Stände) unterschiedlich und separat repräsentiert wurden und damit auch unterschiedliche politische Partizipationschancen bekamen. Der Staat organisiert sich in der Ständeversammlung. Nach dem Ersten Weltkrieg verbreiteten sich ständestaatliche Vorstellungen vor allem zur Abwehr egalistischer Gesellschaftsmodelle, wie die der Demokraten und der Sozialisten, die von der prinzipiellen Gleichheit der Menschen ausgehen. In Republiken wie Österreich sammelten sich auch Monarchisten unter dem ständestaatlichen Modell einer »Monarchie und Adelsherrschaft ohne Monarchen«.

4. Quellen:

  1. Janusz Piekalkiewicz: Der Erste Weltkrieg. Düsseldorf 1994 (Econ Verlag)

  2. Janusz Piekalkiewicz: Der Zweite Weltkrieg. Düsseldorf 1994 (Econ Verlag)

  3. Das moderne Lexikon Gütersloh 1972 (Bertelsmann Verlag)

  4. Illustrierte Welt-Geschichte. Bände I-III. Stauffacher Verlag 1965

  5. »Ungarn«. Reiseführer. Grieben Verlag 1986

  6. »Ungarn«. Reiseführer. Polyglott Verlag 1988/89

Verfasser: Fabian Peukert

Der ungarische Volksaufstand 1956[5]

Die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus: Rákosi - Nagy - Kádár

Mátyás Rákosi (1892 - 1971): Generalsekretär der Kommunistischen  Partei - Ungarischer Diktator - Gewählter Ministerpräsident

Nachdem Mátyás Rákosi im I. Weltkrieg in russische Kriegsgefangenschaft geraten war, hatte er sich nach der Entlassung in seine Heimat Ungarn der Kommunistischen Partei angeschlossen. Während der Rätediktatur hatte er den Posten eines Parteisekretärs innegehabt und in der Schlussphase den Oberbefehl über die Roten Garden geführt. Über Wien emigrierte er in die Sowjetunion und war bis zum Schluss als Sekretär im Exekutivkomitee der KOMINTERN (Kommunistische Internationale) tätig gewesen. Mit dem Auftrag, den Wiederaufbau der Kommunistischen Partei Ungarns zu leiten, kehrte er 1924 nach Ungarn zurück, wo er in der ersten Zeit im Untergrund operierte, dann aber auf legale Weise mit seiner Partei, der Ungarischen, Sozialistischen Arbeiterpartei (Magyarországi Socialista Muncáspárt) versuchte, die protestierende und streikende Arbeitermenge , die gegen soziale Not und ihre politische Rechtslosigkeit Einspruch erhob, mit populären Parolen für sich zu gewinnen. Nach hartem Durchgreifen der Polizei 1925 wurde Ràkosi verhaftet und in einem Schauprozess 1926 zu lebenslanger Haft verurteilt, aus der er erst 1940 in die UDSSR abgeschoben worden ist.

Als er im Februar 1945 mit detaillierten Informationen in Ungarn eintraf, um die MKP (Magyar Kommunista Párt) auf den von Stalin vorgegebenen Kurs zu bringen, fand er schon eine kleine Basis, eine 2000 - 3000 zählende Anhängerschaft unter der Führung Ernö Gerö und Imre Nagy (siehe Imre Nagy), vor. Am 23. Februar wurde das am 19. Januar aus der Illegalität herausgetretene Zentralkomitee der Budapester Kommunistischer Partei und ihre Debreciner Zentrale unter seiner Leitung vereinigt und er selber zum Generalsekretär ernannt.

Rákosi, der auf dem III. Parteitag der MKP vom 29. 09. bis zum 01. 10. 1946 als Generalsekretär bestätigt worden war und die Partei fest im Griff hatte, wollte keine Schauprozesse gegen die Oppositionsführer (die Antimarxistische Opposition hatte versucht mit der unabhängigen Partei der »Kleinen Landwirte« eine Koalitionsregierung gegen die Kommunisten und Sozialdemokraten zu bilden, scheiterten jedoch) sondern bevorzugte eine ›weiche Welle‹, wobei er sie durch die Ankündigung, daß gegen sie ein Prozess vorbereitet und daß ihre parlamentarische Immunität aufgehoben werden würde, zur Flucht in den Westen drängte.

Auf dem I. Parteitag der Marxistisch - Leninistischen Einheitspartei am 13. /14. 06. 1948, die sich nun »Partei der Ungarischen Werktätigen« nannte (Magyar Dogozók Párja; MDP) und über 1,1 Millionen Mitglieder zählte, wurde Rákosi erneut das Amt des Generalsekretärs zugesprochen. Er setzte sich zusammen mit dem gewählten Parteivorsitzenden Szakasits und dessen Stellvertreter Kádár (siehe János Kádár) als Ziel für die nahe Zukunft die völlige Demokratisierung des Staatsapparates, Vorbereitung einer neuen Verfassung, Verbesserung des Lebensstandards durch die Entwicklung der Produktionskräfte, Aufhebung des Bildungsmonopols der begüterten Klasse, Festigung der internationalen Stellung des Landes und Vertiefung der Beziehung zu der UDSSR.

Mit der Verankerung der Einmanndiktatur Rákosis Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre in Ungarn, waren viele Säuberungsaktionen verbunden, die Rákosi und seine Getreuen benutzten, um sich potentiell gefährlicher Konkurrenten zu entledigen. Diesen Säuberungen fielen 1950 ca. 4000 Sozialdemokraten zum Opfer.

Den Pressionen Stalins ausgeliefert und unter seinen Landsleuten zunehmend verhasst, konnte Rákosi allein mit der Verbreitung von Furcht und Schrecken seinen Machtbereich über Ungarn ausbauen und nach dem Ausschalten sämtlicher Konkurrenten dann seinen eigenen Personenkreis seines Vertrauens aufbauen. An seinem 50. Geburtstag, dem 09. März 1952 war er enthusiastisch von der Partei und den Offiziellen des Staates gefeiert worden. Die ihm zuteil werdenden »Panegy Lobhudeleien« wurden nur noch vom Stalinkult übertroffen.

Auf dem II. Parteitag der MKP vom 25. Februar bis zum 02. März 1951 in Budapest kamen zudem nur solche Genossen in Führungspositionen, die sich dem von dem Moskowitern eingeschlossenen Kurs blindlings anschlossen und die nationale Führungsrolle Rákosis nicht in Frage stellten. Als Rákosi am 14. August 1952 auch das Amt des Ministerpräsidenten übernahm, obgleich die von ihm verfolgte Wirtschaftspolitik Ungarn in eine schwere Krise getrieben hatte, wodurch er auf Grund seiner leeren Versprechungen [“...keine Macht der Welt wird es gelingen, ... den von der Landform begünstigten ihren Boden wegzunehmen, solange die Kommunisten an der Regierung sind. ...”] nur den Zorn der Bevölkerung und Kleinbauern auf sich zog.

Nach Stalins Tod beschlossen die führenden Personen in Rußland, eine etwas flexiblere Politik einzuschlagen und die russische Dominanz nicht länger durch Terror und nach Polizeimethode zu repräsentieren. Diese Notwendigkeit, den Polizeiterror abzubauen, weckte bei Rákosi und seinen engsten Mitarbeitern zwar Misstrauen, jedoch an Gehorsam gewöhnt, ließen sie sich vom propagierten neuen Kurs überzeugen.

Eine Woche nach dem Ausbruchs des Arbeiteraufstands in der DDR wurden Rákosi, Gerö, Farkas und der inzwischen als stellvertretender Ministerpräsident amtierende, politisch aber einflusslose Nagy, in den Kreml zitiert; nach hitzigen Auseinandersetzungen mit den sowjetischen Genossen sah sich der als ›jüdischer König von Budapest‹ verspottete Rákosi gezwungen, mit dem Amt des 1. Parteivorsitzenden vorlieb zu nehmen und die Regierungsgeschäfte an den durch die Säuberungen nicht belasteten Nagy zu übergeben. Bald aber wurde deutlich, daß Rákosi und seine dogmatischen Gefolgsleute nicht bereit waren, ihre Stellungen kampflos zu räumen, zumal sie ihre Bastionen in den Planungsbehörden und der Wirtschaftsverwaltung behaupten und die Ernennung von Ernö Gerö zum Innenminister durchsetzen konnten.

Rákosi zögerte auch nicht, zu den Prinzipien der alten stalinistischen »Mondökonomie« zurückzukehren und die Disproportionen zwischen dem Eisen- und Stahlsektor auf der einen, der Leichtindustrie, der Konsumgütererzeugung und der Landwirtschaft auf der anderen Seite zu vergrößern.

Seit dem Sommer 1955 befand sich die Rákosi-Führung aufgrund ihrer Weigerung, nach sowjetischem Vorbild, ihre Verantwortung an der ›Antititoistischen Kampagne‹ offen zu bekennen und die Opfer der Terrorprozesse in aller Form zu rehabilitieren. Mit kaum verhohlener Billigung Chruschtschows (Nikita Sergeevič Chruščëv) von Seiten Jugoslawiens immer intensiveren Angriffen ausgesetzt, wodurch sich das Innenpolitische Klima in Ungarn langsam aber stetig veränderte. Nicht nur die Intellektuellen und Künstler, sondern auch die entlassenen Häftlinge, jüngere Parteifunktionäre und -Aktivisten verlangten eine Überprüfung der Parteilinie, eine Offenlegung der Verantwortung und eine Bestrafung der Schuldigen. Bei der tiefen Kluft zwischen der Bevölkerung und dem stalinistischen Regime sah sich Rákosi gehalten, durch marginale Zugeständnisse eine weitere Zuspitzung der Spannungen zu unterbinden (als Beispiel sei hier angeführt, daß Journalisten nur noch eine bescheidene Pressearbeit und -freiheit gewährt wurde).

Rákosis unzeitgemäßes Vorgehen beschwor die Gefahr einer ungleich bedrohlichen Explosion in Ungarn herauf. Aus diesem Grund traf am 17. Juli 1956 in Budapest ein Botschafter mit dem Auftrag ein, für die Ablösung Rákosis zu sorgen. Tags darauf trat dieser aus ›gesundheitlichen Gründen‹ zurück (Nachfolger wurde Ernö Gerö) und begab sich in das sowjetische Exil, das er bis zu seinem Tode nicht mehr verlassen sollte.

János Kádár (1912 - 1989): Kommunist - Innenminister -  Parteisekretär - Revolutionär - Konterrevolutionär - Ministerpräsident

Eingearbeitet in die geschichtlichen Ereignisse und in Verbindung mit Imre Nagy

Kádár begann schon sehr früh seine politische Laufbahn, trat er doch mit 17 Jahren (1929) der Kommunistischen Partei bei, deren offizielles Erscheinungsbild dem Ursprünglichen wenig glich, da der Kommunismus zu dieser Zeit auf wenig Gegenliebe stieß, zeitweilig sogar im Untergrund aktiv war. Während des II. Weltkrieges war er wesentlich an der Bildung von Widerstandsgruppen beteiligt, nähere Informationen über sein Wirken als Widerstandskämpfer und in der Widerstandsbewegung sind fast gar nicht überliefert worden; deshalb ist es sehr schwer, ein objektives Bild Kádárs für diese Zeit zu bilden.

Noch während des Krieges wurde er 1942 Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei (KP), dies geschah vornehmlich durch die Verschmelzung der KP und einem Teil der Sozialdemokratischen Partei, des Weiteren schaffte er es, 1945 in das Politbüro aufzusteigen.

Nach Kriegsende, 1948, übernahm Kádár das Amt des Innenministers unter der Staatsführung von László Rajk, an dessen späterer Hinrichtung er auf Grund von falschen und bewußt gefälschten Aussagen über Rajks nie vorhandene Spionagetätigkeit maßgeblich beteiligt war.

Anfang 1951 wurde er als Mitglied des ZK und des Politbüros noch bestätigt, obwohl schon zu diesem Zeitpunkt erhebliche Differenzen zwischen der neuen Staatsführung unter M. Rákosi, der Nachfolger Rajks, im Gegensatz zu diesem aber stalinistisch gesinnt, und Kádár bestanden. Seine Absetzung und die damit verbundene Anklage auf Spionage, des Hochverrats und der Abweichung von der Parteilinie waren unumgänglich, wenn auch in dieser Härte nicht unvorhersehbar, da auf dem II. Parteitag der KP in Budapest nur solche Leute in führende Positionen kamen, die auf dem Moskauer, und damit auch Rákosis, Kurs mitschwammen und nicht an der Vormachtstellung Rákosis als Generalsekretär zweifelten. Obgleich stellvertretender Vorsitzender der Partei, zusammen mit Farkas, seinem späteren Peiniger und Folterer in der Haft, war seine Eigenständigkeit bei der Parteiführung nicht gern gesehen. Er blieb bis August 1954 in Haft.

Bis zu seiner vollständigen Rehabilitation vergingen noch zwei weitere Jahre, in denen es ihm sogar untersagt war, sich in irgendeiner Art und Weise politisch zu betätigen. Jedoch sollte er 1956 sich im Auftrag der Arbeiterpartei an Gesprächen mit dem kurz vorher angeklagten Nagy beteiligen; bemerkenswert dabei ist vor allem, daß Nagy inhaltlich nahezu das Identische vorgeworfen wurde, wie Kádár, und eben dieser sollte nun Nagy dazu bringen, seine vermeintlichen Schandtaten wie Parteifeindlichkeit, gelebter Antimarxismus und Verrat öffentlich zu bekennen.

Rákosis kurzzeitige Alleinherrschaft, hatte er doch nun keine Verpflichtung gegenüber einem direkten Vorgesetzten, war jedoch nur von kurzer Dauer, da Tito in Jugoslawien rehabilitiert worden war, ähnlich wie andere Kommunisten, darunter auch der »Genosse« Rajks.

Am 18. Juli 1956 wurde Rákosi auf Weisung Moskaus abgesetzt, da das einstige Hätschelkind für die oberste kommunistische Führung nicht mehr tragbar schien; war er doch als Tito – Feind weithin bekannt und stand damit der Aussöhnung Chruschtschows mit Jugoslawien im Weg, so daß er für ein sichtbares Bauernopfer herhalten mußte.

Sein Nachfolger und engster Mitarbeiter, Ernö Gerö, der an dem alten Kurs weitgehend festhielt und mit seiner Wirtschaftspolitik Ungarn in eine schwere Krise führte, stieß bei dem einfachen Volk, wie auch bei den Intellektuellen, auf erheblichen Widerstand. Die Schriftsteller und Literaten forcierten in ihrer Literaturzeitung die Stimmung des Volkes gegen die Regierung. Vor allem der Drang nach Freiheit (in diesem Fall nicht zu verwechseln mit Antisozialismus !) und Kritik an Gerö und seinen Genossen machte den Menschen Mut, sich so wie die Schriftsteller zu äußern; beispielhaft dafür ist ein Artikel des renommierten Dramatikers Gyula Háy:

“Es sollte erlaubt sein, marxistisch zu denken,

es sollte jedoch auch erlaubt sein, nichtmarxistisch zu denken;

es sollte erlaubt sein, Gott zu leugnen,

aber es sollte auch erlaubt sein an die Allmacht Gottes zu glauben.”

Die Regierung Gerös versuchte die in Aufruhr befindlichen Massen durch ›noble‹ Gesten zurückzugewinnen, tat dies jedoch nicht mit der notwendigen Intensität. Die Gesten bestanden zum einen aus der vollständigen Rehabilitierung Rajks, sowie der Verhaftung Farkas’.

Die offizielle Beisetzung Rajks spottete nur jeglicher Beschreibung, standen da doch die Genossen und Funktionäre, die für die Hinrichtung verantwortlich zeichneten und hielten schwungvolle Grabreden über den Helden Rajk, jedoch ohne nur ansatzweise die eigenen Fehler einzugestehen.

Andererseits war die Beisetzung Rajks ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zur Revolution im Oktober. Zum einen war durch diese Handlungsweise die Fehlbarkeit des kommunistischen Systems zugegeben worden, andererseits da die Feierlichkeiten und Selbstglorifizierung der Funktionäre das Volk in Wallungen brachte, die sie, da es sich ja um eine behördlich genehmigte Feier handelte, in Kundgebungen und Massendemonstrationen ausleben konnten. Diese Tausende, deren genaue Zahl ist nicht bekannt, demonstrierten nicht für den ehemaligen Polizeiminister, sondern für das Stückchen neue Freiheit.

Annähernd drei Wochen später kam es zu den gefürchteten Ausschreitungen in Budapest. Demonstrierten anfangs mehrere Tausend Menschen vor dem Rundfunkhaus am 23. Oktober 1956 friedlich und unbewaffnet, so kam es nach Eintreffen der sowjetischen Panzern am Stadtrand von Budapest und der Eröffnung des Feuers durch AVH - Einheiten (kommunistische Geheimpolizei) zu bewaffneten Gegenangriffen der nunmehr aufgerüsteten Bevölkerung. Die ungarische Armee erhielt zwar einen klar definierten Marschbefehl gegen die Demonstranten, jedoch verhielt sie sich anfangs neutral und in Wartestellung in den Kasernen um, und vor allem in, Budapest. Durch den Einsatz der schweren Panzer aus der UDSSR expandierte der Konflikt zum nationalen Kampf gegen Moskau.

Die oberste kommunistische Führung in Armee und Politik unterschätzte den Durchhaltewillen der Aufständischen, ähnlich der Führung in Moskau, die ein Ende der Kämpfe für die Abendstunden voraussagte. Demgegenüber standen am nächsten Morgen die Eroberungen der Aufständischen der vergangenen Nacht. Über den Aufenthaltsort und Handlungsweise von Kádár während des Aufstands ist nicht bekannt. Ebenso wenig ist darüber bekannt, ob Kádár über die ›Mißstände‹ in der Armeeführung bescheid wusste, da im Verteidigungsministerium die Offiziere, vor allem die jüngeren, teilweise die Aufständischen mit Befehlen stützte, d.h. Truppenkommandeure erhielten den Befehl, nicht einzugreifen und bei Anfrage nach Waffen diese auch herauszugeben, um weitere Konflikte zu vermeiden.

Am Abend des 14. Oktober verkündete Kádár seine Missbilligung gegenüber des Aufstands. Diese Meinung änderte sich am darauf folgenden Tag, als er zum Nachfolger Gerös, er wurde von dem gleichen Gesandten Moskaus aus dem Amt »entlassen«, wie damals Rákosi, als Erster Sekretär des Zentralkomitees ernannt wurde dergestalt, daß er sich hinter die Bestrebungen der Aufständischen stellte. Weitere zwei Tage vergingen, bis die oberste kommunistische Führung Handlungsbedarf zeigte, da ein militärischer Erfolg der revolutionierenden Massen in Sicht kam, zumindest in Budapest. Andere Landesteile waren aber ebenso in Aufruhr, ging es hier doch um die politische Zukunft des Landes. Unbeeindruckt dessen verhandelte die Gesandtschaft aus Moskau, die sich im Budapester Regierungsgebäude seit einigen Tagen aufhielt, und die Führung der Kommunistischen Partei Ungarns, Imre Nagy und János Kádár, über die weitere Vorgehensweise. Sie forderte ungeschränkte Handlungsvollmacht ein und überließ der Parteiführung nur eine gewisse Autonomie in Bezug auf Regierungsgeschäfte. Ihr Konzept bestand ferner aus der Beseitigung einiger wesentlicher Kritikpunkte der Aufständischen, wie die Zurückdrängung der kompromittierten Stalinisten, diverse Erleichterungen im Handelsverkehr, selbstverständlich nur im ungarisch-sowjetischen, sowie der Abzug der sowjetischen Truppen, dies allerdings nur unter ›bestimmten Bedingungen‹, die nicht näher erläutert werden, und zu einem noch ungewissen Zeitpunkt vollzogen werden sollte.

Dieses Moskauer Programm galt es nun der Bevölkerung derart zu übermitteln, daß es sämtliche Kampfhandlungen einstellte und wieder die Arbeit aufnahm, des Weiteren, um die Macht der Reformkommunisten zu erhalten. Diese Aufgabe fiel Kádár zu, der als Erster Sekretär des ZK für dieses Programm in den Augen der Öffentlichkeit verantwortlich zeichnen sollte, um das Vertrauen auf sich zu ziehen. Es wurden des Weiteren so genannte Arbeiterräte gebildet, die in den Fabriken die Zusammenarbeit zwischen der Partei und der Bevölkerung garantieren sollten, ebenso wurden wesentliche Änderungen in der Agrar- und Volkswirtschaft, sowie in der politischen Führung versprochen und realisiert. Das neu definierte Ziel war ein “...demokratisches und sozialistisches, ein unabhängiges und souveränes Ungarn...”.

Ein weiterer Meilenstein der Oktoberbewegung war der 30. Oktober, als Kádár über den Rundfunk, eine wichtige Waffe für die Aufständischen und Regierung gleichermaßen, verkünden ließ, daß die Regierung mit der Forderung nach dem Mehrparteiensystem einverstanden sei. Während nun die Kommunistische Partei sich in der Ungarisch Sozialistischen Arbeiterpartei Ungarns (USAP) neu organisierten, unter der Führung Kádárs und Nagys, und sich die Bildung einer Koalitionsregierung anbahnte, reagierte Moskau, nicht zuletzt auf Grund der Demarche Mao Tse-tungs (die Rolle dieser Person in der Revolution wurde in den behandelten Quellentexten entweder überhaupt nicht erwähnt, oder nicht beschrieben; wird an dieser Stelle nur aus Gründen der historischen Genauigkeit genannt[6]), mit der Erstellung erneuter Interventionspläne, während die ungarische Führung mit Scheinverhandlungen und politisch - taktischen Versprechungen in ihrer Euphorie bestätigt wurde.

Es setzten erneut groß angelegte Truppenbewegungen der sowjetischen Seite in das Territorium Ungarns ein, während ebenfalls am 1. November die Stadt Budapest als »Besatzungsfrei« galt. Während all dieser Zeit arbeiteten Kádár und Nagy eng zusammen, beide sprachen ihre Handlungsweise miteinander ab, am 30. Oktober war Kádár sogar in die direkte Regierung mit aufgenommen worden.

Noch am Abend des 01. Novembers verhandelten diese beiden mit den Gesandten Moskaus um den weiteren Abzug der sowjetischen Truppen, als die Gesandtschaft im Anschluss an die Gespräche sofort nach Moskau fuhr. Grund dafür war der kurz bevorstehende Angriff der Sowjettruppen, nach der Aufkündigung des Warschauer Paktes am Vormittag dieses Tages durch Nagy eine nicht verwunderlicher Handlungsverlauf, da der Schritt der Ungarn sich direkt gegen die Führung in Moskau stellte. Jedoch wollte Ungarn im osteuropäischen Staatengefüge verbleiben.

Am 04. November stürmten sowjetische Truppen, und vor allem Panzer, die ungarische Hauptstadt Budapest.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich Kádár unverständlicher Weise in Moskau, während Nagy in Budapest versuchte, eine geeignete Reaktion auf den Einmarsch zu finden. Er alarmierte die Bevölkerung und die ungarische Armee, während über Rundfunk die Bildung einer Gegenregierung ausgerufen wurde, an ihrer Spitze: János Kádár.

Nagy verstand langsam die Taktik der sowjetischen Unterhändler, war doch eine ungarische Militärdelegation, die sich am Vorabend mit den Sowjets zu Verhandlungen getroffen hatte, bis dahin sich nicht mehr gemeldet hatte, und auch jene ausgesandten Militärstreifen zum Verhandlungsort nicht wieder eingetroffen waren. Herauskam, daß der sowjetische Geheimdienstchef persönlich die Delegation verhaften ließ. Bemerkenswert ist auch, daß von anfänglichen Protest gegen die Verhaftung seitens des sowjetischen Delegationsleiters die Rede ist. Jedoch vermochte er sich nicht dem Geheimdienstchef zu widersetzen.

Kurze Zeit nach der Bekanntgabe der Gegenregierung, deren Parteikonzept dem des amtierenden Ministerpräsidenten bis auf zwei Punkte detailgetreu nachgeahmt war, floh das Kabinett Imre Nagy aus dem Regierungsgebäude, Nagy selbst in die jugoslawische Botschaft.

Die Konterrevolutionäre Regierung Kádárs, er selbst hielt sich in den Tagen der Konterrevolution in Prag und Moskau auf und kehrte erst in der Nacht vom 06. auf den 07. November nach Ungarn zurück, woraus sich schließen lässt, daß die Ansprachen Kádárs (es gab 2 Ansprachen) an das ungarische Volk von Band abgespielt worden sind, hatte in den ersten Tage und Wochen keinen Einfluss auf die Geschehnisse in Ungarn, war doch der oberste Befehlshaber der Sowjettruppen der vorübergehende Staatschef, der für Ruhe sorgen und die Gegenregierung als ordentliche Macht etablieren sollte. Später gab die Regierung Kádárs bekannt, sie habe die sowjetischen Truppen gerufen, um das ungarische Volk von der Regierung Nagy zu befreien. Diese Tatsache darf man als sachlich falsch betrachten, da die Regierungsmitglieder Kádárs weder zu dem Zeitpunkt der Revolution im Amt war, noch das sie vom Volk überhaupt anerkannt waren (Imre Nagy wurde nie nach dem in Ungarn geltenden Recht als Ministerpräsident abgelöst; demnach endete seine offizielle Amtszeit erst mit dem Eintritt seines Todes; herbeigeführt durch die Gegenregierung Kádárs 1957).

Kádár versuchte in der ersten Zeit die streikenden Fabrikarbeiter wieder zur Arbeit zu bringen und auf seine Seite zu ziehen, ähnlich der Arbeiterräte und der Intellektuellen, die alle die Revolution mitgestaltet hatten und gegen die Sowjettruppen gekämpft hatten. Erfolge konnten er, obgleich sein Parteiprogramm dem des Nagy ja fast entsprach, nicht verzeichnen, so daß er Anfang 1957 zu groß angelegten Vergeltungs- und Verhaftungsaktionen überging. Sondergerichte schickten wahllos 21 000 Menschen in die Gefängnisse, Grund: Widerstand gegen die Staatsgewalt, Landesverrat und Beteiligung an einer Revolution, sehr oft wurde auch ohne direkte Anklage verhaftet. In dieser Zeit wurden 450 Todesurteile ausgesprochen (nur nachgewiesene und belegbare Urteile, die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches größer sein), unter diesen Toten waren auch Imre Nagy, der durch falsche Versprechungen aus der Botschaft geholt worden war, sowie andere prominente Kommunisten und Intellektuelle. Während der darauf folgenden Jahre starben noch sehr viele Beteiligte der Revolution, stellenweise aus dem makabren Grund, daß die Volljährigkeit der Angeklagten erst abgewartet werden mußte, da man sie sonst nicht hätte hinrichten können.

Diese Aktionen der nun neuen Regierung wurden von den Sowjettruppen gedeckt und zusammen mit der ungarischen Geheimpolizei AVH ausgeführt, war doch Kádár alleine nicht zu solchen Handlungen fähig. Er versuchte einen behutsamen Annäherungskurs an die alten Zustände, insbesondere an das Monopol der Revolutionären Arbeiter- und Bauernregierung, so nannte die Kádár - Gruppe sich nun, und die Kollektivierung der Agrar- und Volkswirtschaft (ab 1958). Der Rhetorik und dem taktischen Kalkül Kádárs war es dann auch zu verdanken, daß diese Kollektivierungen 1961 friedvoll beendet werden konnten, da er auf seine Überredungs- und Überzeugungskraft setzte und nicht auf die Waffen der AVH und der Sowjettruppen, die ja immer noch im Land präsent waren, nicht nur in Uniform, waren doch zahlreiche Schlüsselpositionen in Ministerien und der Wirtschaft, sowie der Politik, durch so genannte »Berater« aus Moskau besetzt.

Sechs Jahre nach der Revolution und der blutigen Konterrevolution hatte sich das Leben der Ungarn wieder weitgehend normalisiert, wenn man ein Leben unter einer diktatorischen Regierung und unter stetem Freiheitsdrang überhaupt normal nennen kann.

Nach einer 600 Millionen-US-Dollar Subvention seitens der UDSSR und anderen kommunistischen Ländern, hatte sich die Wirtschaft weitgehend von dem wirtschaftlichen Chaos erholt, welches Gerö hinterlassen hatte. Während das außenpolitische Ansehen Ungarns durch János Kádár stetig wuchs, versuchte er in der Innenpolitik kleinere Reformen durchzusetzen, die schon während der Revolution gefordert worden waren, von ihm und der UDSSR aber blutig niedergeschossen worden waren. Obwohl offiziell noch ganz auf dem Kurs Moskaus, verlor das Parteibuch in Wirtschaft und Verwaltung immer mehr an Bedeutung, die fachliche Kompetenz spielte als Einstellungskriterium eine immer größere Rolle. Damit in Einklang waren auch die freie Meinungsäußerung und sogar die Durchsetzung von kritischen Standpunkten immer häufiger in der Wirtschaft und der Verwaltung vorhanden, förderten sie doch meistens die Produktivität und hoben den Lebensstandart der Bevölkerung, was Kádár stets als Gradmesser für die Funktionstüchtigkeit »seines« Sozialismus und seiner Beliebtheit ansah. Schließlich kam es nach dem XXII. Parteitag der KP in der Sowjetunion 1962 zu der Rehabilitierung und Entlassung aller Gefangener der Konterrevolution, die noch nicht umgebracht oder nach Rußland deportiert worden waren, und der Häftlinge der Rákosi-Ära. Ebenso wurden Rákosi und Gerö nachträglich für deren Vergehen aus der Partei ausgeschlossen und damit geächtet.

Kádár hatte es geschafft, die Bevölkerung davon zu überzeugen, daß sie sich mit der ihnen gebotenen Lage abfinden müssten, was zu diesem Zeitpunkt auch noch gut möglich war, ging es der Bevölkerung finanziell so gut wie noch nie, ebenso hatten sie das Recht auf Auslandsfahrten in die kapitalistischen Länder zugesprochen bekommen. All diese Neuerungen waren aber nicht der Regierung und dem Verwaltungsapparat gutgeschrieben worden, das Volk sah in dem ehemaligen Kontorrevolutionär, der ehemaligen Marionette Moskaus und dem Verantwortlichen für Massenhinrichtungen und der Hinrichtung Nagys den idealen politischen Führer; nämlich János Kádár, dessen Ansehen schadete noch nicht einmal der Einsatz zweier ungarischen Divisionen bei der Niederschlagung des Prager Frühlings, wo ähnliche Reformen gefordert wurden wie 1956 in Ungarn.

Jedoch warnten führende Wirtschaftsfachleute vor dem Fall des Lebensstandards durch die marode und einseitige Wirtschaftsausrichtung. Es wurde daraufhin ein mehrgleisiges Wirtschaftssystem eingeführt, welches dafür sorge tragen sollte, daß das alte System gestützt werden würde und nach und nach durch Änderung in der Wirtschaftspolitik von Grund auf reformiert werden sollte.

Dafür war es jedoch zu spät. Zwar schaffte diese Neuerung noch einmal neue Kreditquellen aus dem Westen, aber diese wurden nicht sinnvoll in das neue Wirtschaftssystem investiert, sondern zur Stabilisierung ineffizient arbeitender Industriezweige missbraucht.

Durch diese Fehleinschätzung verlor Kádár an Popularität in der Bevölkerung, Kritiker aus den Reihen der Wirtschaft und Politik forderten umfassende Reformen, zu denen der alternde Kádár aber nicht mehr Willens war. János Kádár wurde als 76jähriger im Mai 1988 aus dem Amt des Generalsekretärs der USAP abgelöst.

Stichwort: Stalinismus

Mit dem Namen Stalin verbindet sich eine Umwälzung der politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der Sowjetunion, die man gelegentlich als eine zweite, bolschewistische Revolution bezeichnet hat. Im Gegensatz zum Jahre 1917 erfolgte unter Stalin die Veränderung der Gesellschaft als »Revolution von oben«.

Nach Lenins Tod (1924) kam es zu einem innerparteilichen Machtkampf um die Nachfolge des Parteioberhaupts. Stalin vermochte sich gegen seinen ärgsten Konkurrenten Trotzki , sowie Sinowjew und Kamenew. Die beherrschende Rolle innerhalb der Partei zu spielen, gelang Stalin nicht zuletzt aus den Gründen, da er die Funktion und die damit verbundene Macht der Position des Generalsekretärs geschickt nutzte um die Personalpolitik in der Partei zu kontrollieren.

Stalins Aufstieg ist verknüpft mit der These vom »Sozialismus in einem Land« (1924). Sie bedeutet eine Abkehr von den bis dahin gültigen Lehren, daß die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft im rückständigen Rußland nur möglich sei in Verbindung mit einer Revolution in den westlichen Industrieländern, insbesondere Deutschlands. Nachdem sich ein Ausbleiben dieser Revolution klar abgezeichnet hatte, bekam Stalins Linie in Rußland erheblichen Zulauf. Aufbauend auf der These von der ›kapitalistischen Einkreisung‹ lautete nunmehr das Ziel: Errichtung des Sozialismus aus eigener Kraft. Diese Doktrin richtete sich vor allem gegen seinen Erzfeind Trotzki und dessen These von einem ›permanenten Revolution‹. Trotzki hielt am revolutionären Imperialismus fest, da er den Aufbau des Sozialismus in einem derart isolierten Staat wie Rußland für unmöglich hielt.

Mit »Stalinismus« bezeichnet man heute sowohl die Periode von 1928 bis 1953, als auch eine spezielle Prägung des Herrschaftssystems, dessen Merkmale sind:

  • Im Rahmen der zentralistischen Einparteien Herrschaft konzentriert sich die Macht an der Parteispitze, insbesondere bei Ein Mann Diktaturen (Rákosi).

  • Durch die Vernichtung der revolutionären Elite (Rákosi; Kádár), wird das Volk fast unterworfen

  • Es entsteht ein bürokratisches Herrschaftssystem, das sich auf einen überdimensionierten Polizeiapparat stützt.

  • Jegliche Opposition und oppositionelle Gruppen werden durch so genannte Säuberungen ausgeschaltet (Rákosi; Kádár), Schauprozesse führen dazu, die Öffentlichkeit abzuschrecken und Sündenböcke für die Fehler der eigenen Politik zu finden.

  • Liquidierungen, Massendeportationen und Zwangsarbeit werden zu den hervorstechenden Merkmalen des sowjetischen Stalinismus.

Anhang

Der letzte Aufruf Imre Nagy an das ungarische Volk über Rundfunk am 4. Oktober 1956 um 5. 20 Uhr, wiederholt in verschiedene Sprachen und mit der ungarischen Nationalhymne abgeschlossen (Übersetzer unbekannt):

“Hier spricht Imre Nagy, der Präsident des Ministerrates der ungarischen Volksrepublik. Heute bei Tagesanbruch haben sowjetische Truppen unsere Hauptstadt mit der offensichtlichen Absicht angegriffen, die legale ungarische Regierung zu stürzen. Unsere Truppen stehen im Kampf. Die Regierung ist auf ihrem Posten. Ich gebe diese Tatsachen unserem Volk und der ganzen Welt bekannt.”

Wenig später:

“Dieser Kampf ist der Freiheitskampf des ungarischen Volkes gegen die russische Intervention, und es ist möglich , daß ich nur noch ein oder zwei Stunden auf meinem Posten bleiben kann. Die ganze Welt wird erleben, wie die russischen Streitkräfte in Missachtung aller Verträge und Konventionen den Widerstand des ungarischen Volkes brechen werden. Sie wird auch erleben, wie man den Ministerpräsidenten eines Landes, das den Vereinigten Nationen angehört, aus der Hauptstadt entführen wird. Daher kann kein Zweifel darüber bestehen, daß es eine Einmischung in brutalster Form ist. Ich möchte in diesen letzten Augenblicken die Führer der Revolution bitten, das Land zu verlassen, wenn sie können. Ich bitte darum, daß alles, was ich in meiner Ansprache über Rundfunk gesagt habe, und das, worauf wir uns mit den revolutionären Führern während den Parlamentssitzungen geeinigt haben, in einer Denkschrift zusammengefasst wird. Mit dieser mögen die Führer sich an die Völker der Welt um Hilfe wenden und mögen ihnen erklären, daß heute Ungarn betroffen wurde, morgen oder übermorgen aber werden andere Länder an der Reihe sein, weil der Imperialismus Moskaus keine Grenzen kennt und nur versucht, Zeit zu gewinnen.”

Dagegen formuliert Kádár in seiner von Band abgespielten Rundfunkerklärung um die gleiche Uhrzeit:

“Die Ungarische Revolutionäre Arbeiter- und Bauernregierung. die im Interesse unseres Volkes, unserer arbeitenden Klasse und unseres Landes handelt, bittet das sowjetische Oberkommando, unserer Nation bei der Vernichtung der finsteren Mächte der Reaktion und bei der Wiederherstellung von Ordnung und Ruhe in unserem Land zu helfen.

Nach der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung wird die ungarische Regierung Verhandlungen mit der Sowjetregierung und mit den anderen Teilnehmern des Warschauer Vertrages wegen des Abzugs der sowjetischen Truppen aufnehmen.”

Kádár beendet seine Bekanntmachung mit der Aufforderung an das Volk, die `gegenrevolutionären Banden `zu entwaffnen und der neuen Regierung bei der Erfüllung ihres Programms zu helfen. Hierzu ist anzumerken, daß diese politische Erklärung mit 15 Punkten sich in nur zwei Punkten von dem entscheidet, was Ministerpräsident Nagy befürwortet hatte: nämlich in der Nichterwähnung der freien Wahlen und der Frage der Neutralität gegenüber des Warschauer Paktes und der NATO.

Verfasser: A. Schütte, R. Waldmann, T. Wege

Die landwirtschaftliche Entwicklung Ungarns

Einleitung

Die Sozialisierung der Landwirtschaft hat in Ungarn ebenso wie in den anderen ehemals sozialistischen Staaten zu schweren strukturellen Verwerfungen und Schäden geführt. Die Leistungsfähigkeit des Agrarsektors war, verglichen mit den westeuropäischen Staaten, gering. Im Rahmen der Transformation des bisher sozialistischen Wirtschaftssystems in eine Marktwirtschaft soll auch die Landwirtschaft in Organisation und Struktur umgeformt werden. Dies gilt in besonderem Maße für die Eigentumsordnung. Von der Leistung eines privatwirtschaftlich organisierten Agrarsektors hängt nicht nur eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung ab, sondern teilweise auch – durch die Vermehrung des Warenangebots – der Erfolg antiinflationärer Maßnahmen der ungarischen Regierung.

Ungarn ist, anders als andere Staaten des »sozialistischen Lagers«, besonders in den Achtziger Jahren einen eigenen Weg gegangen, der auf Dezentralisierung im Agrarsektor und damit auf materielle Leistungsansätze abgestellt war, allerdings ohne daß die Sozialisierung aufgehoben worden wäre. Aus diesem Grund ist es ihm gelungen, ein Defizit in der Versorgung der Bevölkerung mit Agrarprodukten zu vermeiden. Darüber hinaus waren Agrarprodukte auch wichtige Exportgüter, die sogar im Handel mit der ehemaligen UdSSR gegen frei konvertierbare Valuta verkauft werden konnten. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß auch die ungarische Landwirtschaft beim Übergang zur Marktwirtschaft vor großen Schwierigkeiten steht.

Die Entwicklung der Landwirtschaft von 1945 bis 1970

Die Landwirtschaft Ungarns erlebte nach dem zweiten Weltkrieg bis in die Siebzigerjahre hinein dynamische Veränderungen, die in vielfältiger Weise auf den heutigen Transformationsprozess nachwirken. Aus diesem Grunde werden im folgenden die wichtigsten Stationen der landwirtschaftlichen Entwicklung dargestellt, um die Ausgangsbedingungen und Problemstellungen des Transformationsprozesses besser erkennen zu können.

Die Bodenbesitzreform von 1945

Gegen Ende des zweiten Weltkriegs war Ungarn ein Agrarland mit schwacher Industrie, rund die Hälfte der Beschäftigten war in der Landwirtschaft tätig. Die Landwirtschaft war noch stark feudalistisch geprägt, hundert Jahre länger als in den Ländern Westeuropas. Mehr als ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche entfiel auf Großgrundeigentum mit mehr als 500 ha, allerdings erfolgte die Bewirtschaftung zum überwiegenden Teil im Wege der Verpachtung, wobei auch Unterverpachtung üblich waren. Von den in der Landwirtschaft Beschäftigten hatten mehr als ein Drittel kein Grundeigentum, ein knappes Drittel besaß eine Fläche von weniger als 0,575 ha, nur ein Drittel war im Besitz einer größeren Fläche. Die wenigsten bäuerlichen Familienbetriebe waren überhaupt lebensfähig, die überwiegende Mehrheit wirtschaftete am Rande des Existenzminimums.

Aufgrund dieser desolaten Situation der ungarischen Bauernschaft und der landlosen Landarbeiter wurden die Forderungen nach Enteignung der Großgrundbesitzer immer vehementer und der Kampf gegen das alte Besitzsystem begann bereits gegen Ende 1944. Schließlich verabschiedete die Ungarische Provisorische Regierung unter Federführung der damaligen Kleinlandwirtepartei am 18. März 1945 die Regierungsverordnung über die »Abschaffung des Großgrundbesitzsystems und der Bodenzuteilung an die Armbauern«.

Die Maximalgröße der Besitztümer sollte danach entsprechend der beruflichen Betätigung der Eigentümer festgelegt werden. Der maximale Landbesitz wurde somit bei Eigenbewirtschaftung auf 114 ha festgelegt, während Grundeigentümer die keiner landwirtschaftlichen Beschäftigung nachgingen, höchstens 57 ha behalten durften. Enteignet wurde jeder Großgrundbesitz über 575 ha. Es war zwar eine Entschädigung vorgesehen, aber mit der Einschränkung, daß nur bei ausreichender Finanzkraft der Regierung gezahlt würde, somit fiel dieser Ausgleich später gänzlich weg. Enteignet wurden auch die ungarischen Kirchen, die mit einem Anteil von 23 % die reichsten Großgrundbesitzer waren. Konfisziert wurden Besitztümer der Leiter faschistischer Organisationen, der Kriegsverbrecher und der Ungarndeutschen.

Die Struktur der ungarischen Landwirtschaft hatte sich somit grundlegend geändert, aus einer vorwiegend durch Großbetriebe geprägten Landwirtschaft war eine kleinbäuerliche Landwirtschaft entstanden, in der fast 70 % aller Betriebe weniger als 3 ha umfassten. Die Landreform erwies sich sehr bald als Fehlschlag, denn die Mehrheit der Kleinbetriebe war bei dieser geringen Größenordnung nicht überlebensfähig.

Die Phase der »Kollektivierung« von 1948 bis 1961

Bereits am 20. August 1948 erfuhr die Agrarpolitik erneut eine Wende, als Mátyás Rákosi die Kollektivierungskampagne ankündigte. Als Vorbild für diese Maßnahmen dienten Kolchosen, für deren Leitung das sowjetische System der direkten staatlichen Kontrolle, die Machtstruktur sowie ein Staatsapparat noch sowjetischer Prägung übernommen wurden. Obwohl einige Vertreter der 1948 an die Macht gekommenen kommunistischen Elite ein langsames Vorgehen gegenüber den Bauern anstrebten, wurde bis 1953 eine unerbittliche Kollektivierungskampagne durchgeführt. So übte die Regierung durch höhere Steuerabgaben, Zwangsablieferung und geringe Erzeugerpreise, ökonomischen Druck auf die privaten Bauern aus, um ihren Widerstand zu brechen. Als Ergebnis der forderten Kollektivierung entstanden bis 1953 ca. 5.200 Produktionsgenossenschaften, wobei deren Anteil an der bewirtschafteten Fläche Ungarns ca. 26 % ausmachte; 15 % der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche lagen brach. Die landwirtschaftliche Produktion des Jahres 1952 war auf das Niveau von 1945 zurück gefallen. Für diese negativen Entwicklungen gab es mehrere Gründe. Zunächst führte das systematische Ausbeuten und Unterdrücken der privatwirtschaftlichen Bauern dazu, daß sie zunehmend das Interesse an der landwirtschaftlichen Produktion verloren und viele ihre Höfe verließen. Bis 1953 waren bereits 600.000 Menschen aus der Landwirtschaft abgewandert, um in den Städten nach Arbeitsmöglichkeiten zu suchen. Hinzu kam die völlig unstrukturierte Entstehung und Organisation von Produktionsgenossenschaften, in denen es an materiellen Anreizen, fachlichen und personellen Voraussetzungen für eine effiziente Produktion fehlte.

Die Agrarkrise erreichte 1952/53 ihren Höhepunkt, die sozialen Spannungen brachen offen aus, als die ländliche Bevölkerung gegen die Politik der Regierung demonstrierte. Aufgrund dieser Unruhen und den internationalen Gegebenheiten wurde im Juni 1953 Rákosi von Nagy als Premierminister abgelöst, was eine Kursänderung für die Agrarpolitik bedeutete. Nagy hielt zwar am Kollektivierungsgedanken fest, allerdings führte er das so genannte »Prinzip der Freiwilligkeit« ein, sowohl Beitritt in die LPG, als auch Austritt waren daraufhin auf freiwilliger Basis möglich. Dies hatte zur Folge, daß sich 1954 viele Kollektivwirtschaften auflösten. Eine Reihe von Maßnahmen wurden ergriffen, um die Belastungen der Bauernschaft zu vermindern, die minimalsten Produktionsbedingungen zu schaffen und die elementarsten Bedürfnisse und Interessen der Produzenten zu erfüllen. Eine besonders wichtige Maßnahme war die Reduzierung der Zwangsabgabequoten sowohl für Genossenschaften als auch für privatwirtschaftliche Bauern. Mit der Produktivität der landwirtschaftlichen Betriebe stieg auch der Lebensstandard der Bevölkerung.

Diese positive Entwicklung währte allerdings nicht lange, denn bereits zur Jahreswende 1954/55 übernahm Rákosi die Macht erneut. Die Regierung kehrte zum alten agrarpolitischen Kurs zurück. Die Steuern für die Landbevölkerung wurden wieder angehoben und die Zwangsablieferung wieder verstärkt als Druckmittel eingesetzt.

Im Oktober 1956 setzten erneut Unruhen ein, diesmal weiteten sie sich zu einem bewaffneten Konflikt aus. Nach der Niederschlagung des Volksaufstandes durch die sowjetische Armee und der Konsolidierung des Kádár-Regimes vollzog sich auch in der Agrarpolitik im Rahmen des neuen sozialen und nationalen Selbstbewusstseins, ein Richtungswechsel. Die neue agrarpolitische Richtlinien des Jahres 1957 waren sicherlich entscheidend für die spätere positive Entwicklung der landwirtschaftlichen Genossenschaften und bedeuteten einen Anfang in der langsamen aber kontinuierlichen Beseitigung des staatlichen Lenkungssystems. Mit ihnen wurde u.a. bestimmt, daß landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften aufgrund freiwilliger Entscheidungen der Bauernschaft gebildet werden können, ohne administrativen Zwang, aber mit wirtschaftlicher Unterstützung des Staates. Wichtig für die Entwicklung der ungarischen Landwirtschaft war bereits die Abschaffung des Zwangsabgaben am 25. Oktober 1956 gewesen, die noch unter der Übergangsregierung Nagys erfolgte. Schließlich wurde Ende 1958 erneut eine Kollektivierungskampagne aufgenommen, die 1961, diesmal mit vollem Erfolg, beendet war. Die Anzahl der Genossenschaftsbauern stieg von 169.000 im Dezember 1958 auf 1,2 Millionen im März 1961. Im gleichen Zeitraum nahm die Anzahl der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (Cooperativen) von 2.775 auf 4.204 zu, ihr Anteil an der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche erhöhte sich von 13,5 auf 67 %. Außerdem gab es 270 Staatsgüter mit Betriebsflächen von durchschnittlich 3.600 ha. Die bäuerlichen Familienbetriebe waren bis auf unbedeutende Reste verschwunden.

Der neue ökonomische Mechanismus
und der Übergang zur großbetrieblichen Agrarproduktion

Nach den ersten Korrekturen in der Agrarpolitik 1957 folgten weite wichtige Schritte in den sechziger Jahren. So wurde 1966/67 die rigide Festlegung von obligatorischen Planzielen durch Lokal- und Regionalbehörden aufgehoben, dies bedeutete, daß fortan weder die LPGs noch die Staatsgüter Produktionsanweisungen erhielten. Sie konnten weitgehend frei über Investitionen, den Absatz ihrer Erzeugnisse und die Verteilung des Gewinns entscheiden, wodurch auch das Interesse an der Entwicklung der großbetrieblichen Produktion anstieg. Zudem wurden private Hofwirtschaften innerhalb der kollektiven Großbetriebe zugelassen, ein Schritt, der die landwirtschaftliche Produktion außerordentlich positiv beeinflussen sollte. In der Agrarwirtschaft wurden somit bereits vor Einführung des so genannten »Neuen ökonomischen Mechanismus« neue Wege beschritten. Dieser stellt für viele Autoren keinen eindeutigen Wendepunkt für die Landwirtschaft dar, vielmehr betonen sie immer wieder ihre Vorreiterrolle bei den Wirtschaftsreformen. Die Zugeständnisse von 1968 sehen sie als einen logischen Schritt in der agrarwirtschaftlichen Reformpolitik.

Mit den 1968 eingeleiteten gesamtwirtschaftlichen Reformen sollte, nach dem Vorbild der Landwirtschaft auch Unternehmen aller anderen Wirtschaftszweige ein gewisser Spielraum für Eigeninitiative eingeräumt werden. Jeder Betrieb sollte unter geringer Beteiligung des Staates selbst über die Produktionsstruktur und -Menge bestimmen. Die Reformer waren davon ausgegangen, daß die Wirtschaftsentwicklung als Resultat des Marktgeschehens einerseits und der zentralen Lenkung andererseits entstehe. Die Funktionen des Marktes sollten aber im Gegensatz zu den marktwirtschaftlichen Systemen eingeschränkt sein, d.h. der Markt wird zentral reguliert und gelenkt. Allerdings wurde die direkte Lenkung im Rahmen der Zentralplanung schrittweise durch indirekte Eingriffe mit Hilfe von ökonomischen Regulatoren, wie Preis-, Steuer-, Kredit- und Subventionspolitik ersetzt. Die neuen Regulatoren bedeuteten speziell für die landwirtschaftlichen Betriebe, die Möglichkeit sich eine finanzielle Basis zu schaffen, um unabhängig wirtschaften sowie sich aufgrund eigener Ressourcen entwickeln zu können. In diese Zeit fällt auch das Brechen mit dem »ehernen Gesetz«, wonach eine Planwirtschaft vor allem Wert auf die Schwerindustrie zu legen hatte und die Landwirtschaft nur zur Kapitalakkumulation diene, selbst in ihrer Entwicklung aber nicht gefördert wurde.

Die Reformen konnten nur vier Jahre lang störungsfrei wirken, danach hatten ab November 1972 ihre Gegner wieder die Macht im Zentralkomitee übernommen. Der zentralisierte Charakter des Wirtschaftssystems und die Macht der zentralen Planungsbehörden wurde wieder gestärkt, die Entscheidungskompetenzen der Unternehmen wieder beschnitten. Die Landwirtschaft hatte sich in den Jahren, in denen die Reformen voll wirken konnten, besonders positiv entwickelt, aber auch hier sollte es zu Rückschlägen kommen. Bereits 1975 machte sich die Rücknahme der Reformen in vielerlei Hinsicht negativ bemerkbar, u.a. waren die landwirtschaftliche Produktion zurückgegangen, das Budgetdefizit angestiegen und die Produktionspreise durch Subventionen zunehmend verzerrter geworden. Dies erzwang eine Wiederbelebung der unterbrochenen Wirtschaftsreformen. Von nun an erhielten die Kleinproduzenten Hilfe, ihren Erzeugnissen stand der Markt wieder offen und unverhältnismäßig hohe Steuern wurden aufgehoben. Die Kleinproduzenten gewannen an Bedeutung und so konnte sich in begrenztem Umfang fortsetzen, was als »die Teilprivatisierung der ungarischen Landwirtschaft« bezeichnet wird.

Transformation der ungarischen Agrarwirtschaft

Ungarn entschloss sich nicht erst 1989/90, das System der Zentralplanung und das von der Sowjetunion übernommene Agrarmodell abzuschaffen, diese Entscheidungen wurden in Teilschritten bereits viel früher getroffen. Sicherlich war diese Zielsetzung weder in dem ersten Liberalisierungsprogramm unter Imre Nagys Regierung 1953, noch in der agrarwirtschaftlichen Reform von 1956 explizit genannt worden und selbst im Rahmen des »Neuen Ökonomischen Mechanismus« war über die Einführung marktwirtschaftlicher Elemente nur in sehr begrenztem Maße gesprochen worden. Dennoch vollzog sich über die Jahre hinweg ein Reformprozess innerhalb der ungarischen Agrarwirtschaft der Veränderungen im ökonomischen Mechanismus und in der Organisationsstruktur ergab, die den agrarwirtschaftlichen Unternehmen einen gewissen Entscheidungsspielraum gaben. Aufgrund politischer Erwägungen waren die Reformen aber von Kompromissen gezeichnet und führten nur zu Teilerfolgen. Erst durch den politischen Umbruch von 1989 und mit dem Bekenntnis zur Marktwirtschaft kann daher eine Transformation der ungarischen Wirtschaft und somit auch der Agrarwirtschaft im eigentlichen Sinn vollzogen werden.

Die Umorientierung in der Agrarpolitik

Die ungarische Agrarpolitik brachte jahrzehntelang Ziele und Vorstellungen der sozialistischen Regierung Ungarns zum Ausdruck. Beim Übergang zur Marktwirtschaft wird sie Ziele neu formulieren müssen, um den veränderten Anforderungen gerecht zu werden und die Grundlagen für den Transformationsprozess schaffen zu können.

Das Agrarprogramm von 1991

Nachdem die bürgerliche Koalitionsregierung die Macht von den Reformkommunisten übernommen hatte, benötigte sie ein Jahr, um ein Agrarprogramm zu erstellen, das dann im Rahmen des Wirtschaftsprogramms, für die Jahre 1991 bis 1994 verabschiedet wurde. Dieses Agrarprogramm legte zwar neue Ziele und Aufgaben fest, aber das ungarische Landwirtschaftsministerium weist explizit darauf hin, daß die Agrarpolitik des sozialistischen Systems noch nicht durch ein neues, umfassendes agrarpolitisches Konzept sowie durch darauf gestützte und abgestimmte Handlungen ersetzt wurde. Vielmehr würde sich die neue ungarische Agrarpolitik in mehreren Schritten als Ergebnis fortlaufender Korrekturen entwickeln müssen.

Oberstes Ziel des Agrarprogramms von 1991 ist es, eine konkurrenz- und anpassungsfähigere und damit marktorientierte Agrarproduktion zu schaffen. Aus diesem Grunde fördert die Agrarpolitik Marktmechanismen, in deren Rahmen Umfang und Struktur der Agrarproduktion in steigendem Maße durch gegenseitig abgestimmte Entscheidungen der Produzenten, der Verarbeitungs- und Vertriebsorganisationen und der Verbraucher bestimmt werden. Dabei möchte die Regierung nur noch die ökonomischen und rechtlichen Rahmenbedingungen vorgeben, durch die sichergestellt wird, daß die Entwicklung der Agrarproduktion mit den Interessen der gesamten Volkswirtschaft und deren reellen Möglichkeiten in Einklang steht.

Neben dieser allgemein formulierten Zielsetzung legte das Landwirtschaftsministerium seine Schwerpunkte darauf, die ungarische Bevölkerung weiterhin sicher und auf hohem Niveau mit Lebensmitteln zu versorgen und gleichzeitig die Exportorientierung in der Lebensmittelproduktion aufrecht zu erhalten. Die Konkurrenzfähigkeit Ungarns auf den internationalen Märkten sollte stabilisiert werden, andererseits will man sich dem steigenden Wettbewerb durch die Ermöglichung von Importen stellen. Die Existenz der Bauern sollte gesichert werden, auch wenn damit zu rechnen ist, daß der Agrarzweig in Zukunft aufgrund der Umstrukturierung nur noch für einen geringeren Teil der Bevölkerung eine Lebensgrundlage bietet. Die Erhaltung des ökologischen Potentials wird mehr in den Vordergrund treten, d.h. der bisherigen Verschwendung natürlicher Ressourcen soll durch Extensivierung der Bewirtschaftung ein Ende gesetzt, die Agrarproduktion in aktiven Umweltschutz umgewandelt werden. Die zentrale Lenkungsfunktion des Staates soll künftig keine Rolle mehr spielen, denn die Agrarproduktion ist raumwirtschaftlich geprägt und deshalb setzt man nun auf regionale Selbstverwaltung. Dadurch können regionale Unterschiede in den natürlichen Voraussetzungen berücksichtigt und die jeweils günstigen Bewirtschaftungsformen gefunden, werden, ohne daß dies zentral, wie im alten System, bestimmt wird. Das ungarische Siedlungssystem ist hauptsächlich von dörflichen und peripherem Charakter. Der Großteil der Bevölkerung lebt in solchen Siedlungen und sichert sich den Lebensunterhalt mehrheitlich durch Agrarproduktion. Dies soll auch künftig durch eine »konsistente Dorfpolitik« gesichert werden, um die Humanressourcen in den ländlichen Regionen zu erhalten.

Die Vorhaben des Agrarprogramms beinhalten allerdings einen erheblichen Zielkonflikt. Es soll eine international konkurrenzfähige Agrarwirtschaft entstehen, während gleichzeitig das gegenwärtige Niveau der Produktion und des Exports erhalten bleiben und weder Anzahl noch Einkommen der in der Landwirtschaft Beschäftigten sinken soll. Diesem mehrfachen Anspruch wird man wohl kaum gerecht werden können, da die Konkurrenzfähigkeit zwangsläufig nur bei einer Senkung der Beschäftigtenzahl und Anwendung marktwirtschaftlicher Produktionsmethoden dauerhaft gewährleistet werden kann. Dabei ist es fraglich, ob während der erforderlichen Übergangszeit das hohe Produktionsniveau gehalten werden kann.

Das ungarische Landwirtschaftsministerium befürchtet aus den genannten Gründen, daß bei der Umsetzung seiner Agrarpolitik künftig erhebliche Spannungen entstehen, die sie zu einer Reihe von Kompromissen zwingt. Erstens dürfen der Druck des Weltmarktes und dessen schwankende Entwicklung sich nicht vollständig auf die ungarische Agrarwirtschaft übertragen. Zweitens dürfen weder die Zuschüsse für die Agrarproduktion noch den Agrarexport völlig gestrichen werden. Drittens muß die Umbildung der Lebensmittelproduktion auch unter den gegenwärtig schwierigen Wirtschaftsbedingungen finanziell gefördert werden. Die hier geschilderten Grundsätze der ungarischen Agrarpo1itik sind als die allgemeinen wirtschaftspolitischen Zielsetzungen anzusehen, für die sich die Regierung im Rahmen ihres Wirtschaftsprogramms entschieden hat.

Privatisierung

1961 wurde die staatliche Dirigierung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs, Cooperativen) beendet. Zu dieser Zeit waren zwei Drittel der Felder aus Privatgütern, ein weiteres Drittel in staatlicher Hand. Aus dem Jahr 1945 kommen außerdem noch ca. 130 Staatsgüter hinzu, die aus nicht verteilten Großgrundbesitzen entstanden. Diese waren zumeist traditionell geführt, spezialisiert auf Lehr- und Versuchsaufgaben oder Saatgutanbau. Die bereits erwähnten LPGs hatten vor der Systemänderung von 1990 ein entscheidendes Gewicht in der ungarischen Landwirtschaft, was sich auch darin zeigte, daß die Genossenschaften etappenweise staatliche Felder aufkaufte. So nahm der Anteil der gemeinschaftseigenen Felder zu; parallel nahm der Anteil des Privateigentums aber auch ab. Die genossenschaftlichen Felder waren übrigens auch nicht verkaufbar, aber an Verwandte gerader Linie vererbbar.

Mit dem Systemwechsel von 1989/90 sollte sich auch ein Wandel in der ungarischen Wirtschaft, hier vor allem in der Agrarwirtschaft zeigen. Die Wirtschaft sollte sich mehr auf Privateigentum stützen, wonach der Anteil des Privateigentums mit dem Systemwechsel zunahm. Auch das Vermögen der ehemaligen Produktionsgemeinschaften wurde privatisiert. Aufgrund der Wichtigkeit der Landwirtschaft in Ungarn zeichnete sich der Privatisierungsprozess in diesem Wirtschaftszweig am deutlichsten. Im Jahr 1990 gab es noch 1.250 LPGs, mit einer Durchschnittsgröße von über 400 ha, dagegen nur 60 Fachgenossenschaften mit einer durchschnittlichen Größe von über 1.400 ha. Im Mai 1994 waren bereits ca. 70 - 71 % der landwirtschaftlichen Anbaufläche privatisiert, sowie ca. 31 % der Waldflächen. Dieser Prozess sollte voraussichtlich gegen Ende 1995 vollzogen seit.

Das Parlament der ungarischen Regierung hat drei Gesetzte vorgesehen, welche die Entschädigungen des Staates regeln sollen. Hiernach wird für die “vom Staat im Eigentum der Staatsbürger ... ungerecht verursachten Schäden” in der Zeit vom 1. Mai 1939 bis zum 8. Juni 1949 bzw. in der Zeit nach dem 8. Juni 1949 eine Entschädigung vorgesehen. Gleiches gilt für die “gesetzverletzenden Beschränkungen [der] persönlichen Freiheit ... der natürlichen Personen bzw. ihrer Erben”. Diese zeigt sich in der Erlaubnis, staatliche Felder zu kaufen, wenn man hierzu durch ein »Entschädigungspapier« die Erlaubnis erlangt. So sollen zum einen die entschädigt werden, deren Felder verstaatlicht wurden, zum anderen jene, deren Felder in der Produktionsgenossenschaft Gemeinschaftseigentum der ersteren wurde. Bis zum 31. Mai 1994 wurden nach diesen Gesetzen 1.535.579 ha (davon 158.715 ha Waldfläche) versteigert. Der Maximalwert der Entschädigung kann 5 Mio. Forint bzw. 300 ha Bodenfläche nicht überschreiten. Die maximale Fläche mußte allerdings auf 100 ha beschränkt werden, da es aufgrund erhöhter Nachfrage zu Bodenmangel kam. Dennoch konnte allen Ansprüchen befriedigend Rechnung getragen werden. Neben dieser Entschädigung gab es noch eine weitere finanzielle Unterstützung, die sich nach der Feldgröße richtete, wenn der Käufer sich zur beruflichen Kleinlandwirtschaft verpflichtete.

Ein Problem, welches durch die Entschädigungsversteigerungen ergab, war allerdings die Zerstückelung des Landeigentums. Zwischen dem 24. 8. 1992 und den 31. 5. 1994 haben zum Beispiel ca. 350.000 Personen 392.300 Bodenstücke mit einer Gesamtfläche von 1.535.579 ha erworben, wonach die durchschnittliche Größe des erhaltenen Landeigentums 4,88 ha betrug.

Schaffung eines funktionsfähigen Agrarmarktes

Der ungarische Agrarmarkt war in der Vergangenheit stark reguliert, die Preise wurden auf niedrigem Niveau gehalten und vom Staat administrativ festgesetzt. Informationen über den Markt waren nicht verlässlich und erst mit Verzögerung verfügbar. Es fehlte an Lagerhaltungsmöglichkeiten, die einen Ausgleich von Überschuss- oder Knappheitssituationen ermöglicht hätten. Ankaufs-, Verarbeitungs- und Absatzorganisation waren Monopole, es konnte kein Wettbewerb zwischen den Anbietern entstehen, es förderte vielmehr ihre Inflexibilität. Hinzu kam, daß der ungarische Agrarmarkt ein reiner Anbietermarkt war, d.h. es wurde ohne Rücksicht auf die qualitäts- und quantitätsmäßigen Anforderungen der Nachfrageseite produziert. Der Außenhandel wurde ebenfalls monopolistisch vom Staat betrieben, die einzelnen Betriebe hatten dadurch nur sehr indirekten Kontakt mit den ausländischen Marktgegebenheiten, Marktsignale aus dem Ausland fehlten weitgehend.

Mit dieser Aufzählung der wichtigsten Probleme soll erkennbar werden, vor welch großen Aufgaben Ungarn steht, um einen funktionsfähigen Agrarmarkt zu schaffen. Ein erklärtes Ziel der ungarischen Regierung ist außerdem, die in- und ausländischen Märkte umfassender zu verbinden und miteinander zu integrieren. Allgemein sieht die Regierung ihre Hauptaufgabe darin, die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft zu fördern, die nötigen rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen für einen funktionierenden Agrarmarkt zu schaffen und gleichzeitig in der Phase des Übergangs Extremsituationen und Probleme auszugleichen. Ein äußerst schwieriges Unterfangen, betrachtet man die weltweiten Auseinandersetzungen auf den Agrarmärkten, beispielsweise um Subventionen, Import- und Exportbeschränkungen, Quotenregelungen usw. Agrarmärkte unterliegen besonderen Gesetzen, die ein unbeschränktes Agieren der Marktteilnehmer ohnehin nicht ermöglichen und ein Eingreifen des Staates oft unter erheblichem finanziellen Aufwand für das Staatsbudget notwendig machen.

Im folgenden soll nun die Transformation des Binnenmarktes und des Außenhandels knapp umrissen werden.

Transformation des Binnenmarkt

Etwa 70 % der ungarischen Agrarwirtschaftsprodukte werden im Inland verbraucht. Im Durchschnitt wendet eine ungarische Familie mehr als 40 % ihres Einkommens für den Kauf von Lebens- und Genussmittel auf. Der bedeutendste Markt für die ungarischen Agrarprodukte ist daher eindeutig das Inland.

Die ungarische Regierung hat eine Reihe von Maßnahmen in ihrem Agrarprogramm angekündigt, die ein neues Regelungs- und Organisationssystem, sowie eine neue Struktur für den Agrarmarkt schaffen werden. Um den Wettbewerb zu fördern, soll das staatliche Handelsmonopol abgeschafft werden und durch lokale Ankaufs-, Verarbeitungs- und Absatzorganisationen ersetzt werden. Ein landesweites Netz des Lebensmittelhandels mit einem umfassenden Sortiment und Fachgeschäften, die Qualitätsprodukte absetzen, soll entstehen. Ebenso sind institutionelle Einrichtungen für die üblichen Markttransaktionen geplant, darunter versteht die Regierung u.a. die Schaffung von Warenbörsen, Großhandelsmärkten, Auktionshallen und Marktinformationssystemen. Mit dem Aufbau eines Informationssystems begann man bereits 1988, als eine Gemeinschaftseinrichtung der Ministerien für Landwirtschaft und internationale Wirtschaftsbeziehungen, der »Marktinformationsdienst« eingerichtet wurde. Anfangs befasste sich dieser vorwiegend mit dem Obst- und Gemüsemarkt, neuerdings berichtet er wöchentlich über den Milch-, Getreide-, Futter-, Schlachttier- und Fleischmarkt.

Die ungarische Regierung orientiert sich beim Aufbau des neuen Agrarmarksystems an einigen Elementen der EU-Marktordnung. Die Preisgestaltung anhand eines Interventionspreissystems soll übernommen werden. Ferner werden ein ähnliches Informationssystems, die Quotenregelung und die Interessenabstimmung zwischen Produzenten, den Verarbeitungs- und Handelsgesellschaften, sowie den Verbrauchern angestrebt. Die Übernahme dieser Regelungen betrachtet die Regierung aufgrund der extremen Schwankungen auf den Agrarmärkten und in der landwirtschaftlichen Produktion als erforderlich, um eine gewisse Produktionssicherheit zu gewährleisten. Nicht übernommen wird die Abkoppelung von den Weltmarktpreisen, denn sie sind für die ungarische Landwirtschaft ausschlaggebend, wenn sie sich im weltweiten Wettbewerb positionieren will. Darin ist kein Widerspruch zur Übernahme des Interventionspreissystems der EU zu sehen, sie bedeutet nur, daß Ungarn, im Gegensatz zur EU, bei der Festlegung seiner Interventionspreise die Weltmarktpreise zugrunde legt, während die EU aufgrund der Interessenlage ihrer Mitgliedsländer eigene Maßstäbe setzt. Der Ausbau des Agrarmarktsystems nach europäischen Normen sowie die Schaffung der entsprechenden Institutionen werden Teil eines längeren Prozesses sein, an dessen Beginn der Aufbau eines »Agrarmarktregimes« steht, das eine Art Lenkungsfunktion erfüllt.

Das Agrarmarktregime stützt sich auf zwei Ebenen, auf denen die Interessenabstimmung erfolgt. Die eine Ebene bildet das »Staatskomitee für Agrarmarktordnung«, das aus ranghohen Vertretern des Finanz-, Landwirtschafts-, Außenwirtschafts-, Industrie- und Handelsministeriums, der Ungarischen Nationalbank, der Agrarmarktkammer des Landes und anderen Institutionen, wie einiger Verbände usw. besteht. Die andere Ebene und offizieller Verhandlungspartner des Marktordnungskomitees sind die »Produkträte«, die von Produzenten, Verarbeitungsbetrieben und Handelsgesellschaften bzw. von deren Verbänden gebildet werden. Das Marktordnungskomitee hat Entscheidungsbefugnisse bei der Bestimmung bzw. Veränderung der Exportsubventionen, der Ausschreibung von Tendern für bestimmte Warenmengen im Außenhandel, die mit Sonderpräferenzen ausgestattet sind, und bei der Auswahl der Interventionsmaßnahmen auf dem Binnenmarkt. Daneben wurden dem Komitee vielfältige Vorschlagsrechte eingeräumt, wie beispielsweise bei der Festsetzung der Garantie, bzw. Interventionspreise. Die »Produkträte« organisieren die Selbstbeschränkung zum Schutz des Binnenmarktes, andererseits bewirken sie, wenn notwendig, für Produkte mit Schlüsselfunktion die Einführung und längerfristige Beibehaltung des staatlichen Quotensystems. Gegebenenfalls kann nach Absprache mit den betroffenen Produkträten, das Marktordnungskomitee die Export-Import-Abschöpfungen bestimmen. Die wichtigsten Instrumente des Marktordnungskomitees und der Produkträte innerhalb der neuen Agrarmarktordnung sind das Preis- und Interventionssystem, die Quotenregelungen, sowie die Regulierung von Ex- und Importen.

Von diesen Instrumenten wird dem Preis- und Interventionssystem die entscheidende Rolle bei der Marktregulierung zugeschrieben. Wenn es auch keine offiziellen Preisober- und Untergrenzen gibt, also faktisch freie Marktpreise existieren, wird durch die im Rahmen der Quotenregelung garantierten Erzeugerpreise – nach dem Vorbild der EU-Marktordnungen für Milch und Getreide – ein Mindesteinkommen für die landwirtschaftlichen Betriebe gewährleistet. Damit ist auch sichergestellt, daß Wettbewerbsnachteile der ungarischen Landwirtschaft und da wiederum der kleineren Betriebe vermieden oder doch zumindest abgemildert werden. Diesen Regelungen kommt also eine Schutzfunktion zu, sie bedeuten aber keine administrative Preisfestsetzung wie noch zu Zeiten des kommunistischen Regimes.

Zusammenfassend lässt sich sagen, daß bei der Umstrukturierung des Binnenmarktes eine Reihe von Aufgaben anstehen, deren Durchführung einen längeren Zeitraum und erhebliche finanzielle Ressourcen in Anspruch nehmen wird, auch wenn bereits erste Schritte, wie eine grobe Planung der Marktordnung in Anlehnung an die EU, die Schaffung eines Agrarmarktregimes und die Liberalisierung der Preise unternommen wurden. Gegenwärtig werden jedoch kritische Stimmen laut, die der Regierung vorwerfen, daß sie die Selbstverwaltungsorgane der Agrarbranchen, also die Produkträte, noch zu wenig an den Marktorganisationsfunktionen beteiligt. Außerdem wird kritisiert, daß in einer Situation, in der die Landwirtschaft dringend schnelle und klare Entscheidungen benötigt, auf der obersten Leitungsebene viel zu lange diskutiert, die Verantwortung hin- und hergeschoben wird.

Transformation des Außenhandels

Der agrarwirtschaftliche Sektor trägt heute mit 25 % zum gesamten ungarischen Export bei, während sein Anteil an den Importen nur etwa 6 % beträgt. Bei den Ausfuhren gegen frei konvertierbare Devisen betrug der Anteil des Agrarsektors in den Achtziger Jahren bis einschließlich 1990 in etwa ein Drittel. Seine Devisenbilanz von 1980 bis 1990 war mit Überschüssen von 1,1 bis 1,76 Mrd. US-Dollar durchgehend positiv und war daher eine unverzichtbare Deviseneinnahmequelle. 1991 erzielte die Agrarwirtschaft im ungarischen Außenhandel als einziger Sektor einen Überschuss in Höhe von 149 Mrd. Forint, während die anderen Sektoren gemeinsam ein Defizit von 271 Mrd. Forint aufweisen. So konnte allein mit Hilfe der agrarwirtschaftlichen Exporte das Defizit auf 122 Mrd. Forint begrenzt werden.

Diese Zahlen verdeutlichen die gemeinsame Stellung, die dem Agrarsektor für den ungarischen Außenhandel zukommt und machen verständlich, daß Ungarn auch in Zukunft den Agrarexport als wesentlichen Faktor seiner Entwicklung sehen muß, zumal sich abzeichnet, daß die Restrukturierung der Industrie längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Den vom Agrarsektor erwirtschaftete Überschuss von ca. 1 Mrd. US-Dollar benötigt Ungarn daher dringend, um seine Zahlungsfähigkeit aufrecht zu erhalten. Es zeigt sich aber auch, daß Ungarn aufgrund seiner Überschussproduktion auf den Absatz im Ausland angewiesen ist, denn rund ein Drittel der ungarischen Agrarproduktion wird auf ausländischen Märkten abgesetzt.

In Anbetracht seiner Bedeutung ist es nicht verwunderlich, daß die ungarische Regierung erhebliche Anstrengungen unternimmt, den Außenhandel neu zu gestalten. Als vordringlichste Aufgabe stellt sich die Dezentralisierung des Außenhandelmonopols des Staates. Bereits 1988 erfolgte eine wesentliche Erweiterung der Außenhandelsrechte. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde in der Landwirtschaft das Import- und Exportgeschäft hauptsächlich durch drei Außenhandelsgesellschaften mit Staatsmonopol abgewickelt. Daneben versuchten auch schon große Agrarunternehmen, sich ein Recht auf selbständige Außenhandelstransaktionen zu sichern. 1985 hatten 15 Unternehmen dieses Recht, allerdings betrug ihr Anteil am gesamten Handel mit landwirtschaftlichen Produkten nicht mehr als 5 %.

Mit der Reform von 1983 erhielt jede Rechtsperson das Recht auf Außenhandelstätigkeiten. Selbst die Ausübung des Ausfuhrrechts in konvertibler Währung erforderte keine Genehmigung des Handelsministers. Es waren lediglich allgemeine Genehmigungsvoraussetzungen zu erfüllen, wie beispielsweise Marktkenntnisse, Sprachkenntnisse, wenigstens seit einem Jahr einwandfreie Tätigkeit, ordnungsgemäße Erfüllung von Zahlungsverbindlichkeiten. Diese Erfordernisse hatten den Zweck, daß ein nicht fachgemäß verhandelndes, internationale Vereinbarungen verletzendes oder unredliches Preisverhalten aufzeigendes Unternehmen vom Außenhandel ausgeschlossen werden kann. Der Außenhandel mit strategisch wichtigen Waren wurde allerdings weiterhin an Genehmigungen gebunden. Eine weitere wesentliche Veränderung war, daß auch Privatpersonen fortan ein Außenhandelsrecht, nach einer individuell durchgeführten Beurteilung, für eigene Produkte erhalten konnten. Tatsächlich gestaltete sich der ungarische Außenhandel aufgrund der erweiterten Rechte vielseitiger und marktorientierter. Die Produzenten entwickelten in vielerlei Hinsicht Eigeninitiative, beispielsweise organisierte das Staatsgut Báblona als eines der ersten Unternehmen der Welt einen im großen Stil angelegten Lufttransport von lebenden Tieren. Im Rahmen der Außenhandelstätigkeit konnten neue Verarbeitungs- und Verpackungstechnologien erworben werden, die durch die ungarische Industrie nicht bereitgestellt werden konnten. Mit der modernen Technologie wurde auch der Kontakt ungarischer Mitarbeiter mit ausländischen Fachleuten hergestellt, wodurch ein »Know-how-Transfer« ermöglicht wurde. Direkte Handelsbeziehungen zum ausländischen Abnehmer eröffnete für viele Unternehmen die Möglichkeit, Produkte im Ausland abzusetzen, die nur in kleinen Mengen produziert werden und deren Verkauf auf dem heimischen Markt nur wenig profitabel wäre.

Diese positiven Entwicklungen dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die agrarwirtschaftlichen Unternehmen bei der Wahrnehmung ihres individuellen Außenhandelsrechts oftmals auf einen schier »unüberwindlichen ungarischen Bürokratismus« treffen. Außerdem wurde das gesetzlich verankerte Recht auf Ausfuhr durch eine lange Liste von Ausnahmen erheblich eingeschränkt. Damit erhöhte sich der bürokratische Aufwand und erhebliche Verzögerungen bei den direkten Verhandlungen mit ausländischen Partnern wurden verursacht. Bereits 1991 sollten auf diesem Gebiet beachtliche Änderungen eintreten. Die Ausnahmenliste wurde durch eine Liste ersetzt, die alle Produkte unter Staatslizenz aufführt. Man erwartet, daß sich mit dieser Lösung der Genehmigungsprozess für die einzelnen Unternehmen beschleunigen wird, da die Unternehmen mit den Verhandlungen beginnen und die Verträge bereits aufsetzen können, allerdings mit dem Vorbehalt, daß diese erst gültig werden, wenn sie vom verantwortlichen Ministerium genehmigt worden sind.

Ines Schmid: Die Agrarwirtschaft im Transformationsprozess der ungarischen Wirtschaft, München, 1993.

Quellen aus den Unterrichtsmaterialien: Südosteuropa und die Türkei: Brücken- und Konfliktraum, Erdkunde-Grundkurses Nr. 335, Schuljahr 195/96 [Texte z.B. von Zoltán Antal und Jürgen Deiters; zusammengestellt von Gerhard Voigt].

Verfasser: Kai Radewald

Geographische Leitlinien und Strukturprobleme Ungarns:
Die Wirkung des Zusammenbruchs des RGW auf die ungarische Wirtschaft.

Einleitung

Die Strukturveränderungen in den Reformstaaten haben nicht nur neue politische Ordnungen geschaffen, sondern auch vielfältige Bereiche des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems entscheidend umgestaltet.

In ihrer Konsequenz führen die Veränderungen auch zur veränderten räumlichen Prozessen und Strukturen sowie für die Bevölkerung zu einer grundlegenden Neuorientierung in den wesentlichen Lebenszügen.

Gemeinsamkeiten in der Entwicklung der früheren Ostblockstaaten lassen sich in den ehemaligen Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen erkennen, die unter dem Einfluss der Sowjetunion entstanden sind. Im wirtschaftlichem Bereich wird mit dem Übergang zur Marktwirtschaft die Wende von der zentralstaatlichen Lenkung eingeleitet. Der Rückzug des Staates drückt sich durch Privatisierung staatlichen Eigentums, Liberalisierung von Preisen und Löhnen, sowie den Abbau der staatlichen Subventionen aus. Unter den sozialistischen Regimen durchgeführte Enteignungen versucht man durch Reprivatisierung oder andere Formen der Entschädigung auszugleichen.

Die Sonderrolle Ungarns begann mit der Wirtschaftsreform 1968 und einer weiteren Liberalisierung Anfang der 80er Jahre. Neben der staatlichen »Ersten Wirtschaft« entwickelte sich mit der »Zweiten Wirtschaft« ein privatwirtschaftliches Segment. Die Zweite Wirtschaft agierte dort, wo die staatliche Wirtschaft Mängel in ihrer Leistungsfähigkeit aufwies.

Ein weiteres Spezifikum Ungarns bestand in den vielfältigen Kontakten zum Westen, was entscheidend zum Wandel des ungarischen Staates, und somit seiner Wirtschaft beitrug.

Der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW): Gründung, Aufgaben, Probleme.

Der RGW (,Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe‘), im Westen auch als ‚comecon‘ (Council for Mutual Economic Assistance) bezeichnet, wurde im Januar 1949 in Moskau gegründet. Gründungsmitglieder waren: Bulgarien, CSSR, Polen, Rumänien UdSSR und Ungarn. Albanien und die DDR folgten bis zum Jahr 1950. Die Gründung war vorwiegend eine Gegenmaßnahme zum Marshall-Plan. Allerdings fehlte es der UdSSR an ökonomischen Mitteln und den anderen Mitgliedern der Wille zu gemeinschaftlichem ökonomischen Handeln, woraus die geringe Aktivität des Rates in den ersten Jahren zu erklären wäre.

Der RGW hatte als Ziel die »sozialistische ökonomische Integration« voranzutreiben, um auf die ersten Erfolge der EWG reagieren zu können. Es wurde ein Komplexprogramm angenommen, der den Zusammenschluss der Volkswirtschaften mit dem Ziel der Integration vorsah.

Auch die jüngsten Aktivitäten des RGW in der Dritten Welt bestätigen die These, daß der RWG für die sowjetische Außenpolitik eine Art »Stellvertreter-Rolle« einnahm. Alle der Partnerstaatenzählen zu den am schwächsten entwickelten Volkswirtschaften der Dritten Welt. Entsprechend groß dürften ihre Wünsche nach der wirtschaftlichen Integration liegen.

Die mit Abstand wichtigste Form der internationalen Zusammenarbeit war im RGW der gegenseitige Warentausch. Etwa 60% ihres Außenhandels Wickelten die Mitgliedsländer untereinander ab. Im Jahr 1984 fand in Moskau der RGW-Wirtschaftsgipfel statt, auf welchem die Probleme der Energie- und Rohstoffversorgung diskutiert worden sind. In einer politischen Absichtserklärung haben die RGW-Staaten bekundet, an der wirtschaftlichen Arbeitsteilung teilzunehmen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten zur Verbesserung der internationalen Beziehungen auf dem Gebiet der Wirtschaft beizutragen.

Rolle des RGW für den ungarischen Staat

Der ungarische Staat war schon immer, wegen der fehlenden Rohstoffvorkommen im eigenen Land, sehr von dem RGW und seiner Handelsbeziehungen abhängig. Daraus resultierte eine besondere Situation. Ungarn war nicht nur von der UdSSR als dem mit Abstand größten Rohstofflieferanten des RWG abhängig, sondern auch von den anderen Staaten des Bündnisses. Bei genaueren Betrachtung zeigt sich, daß es zwischen den vier Ländern: DDR, ČSSR, Polen und Ungarn eine weitaus intensivere Verzahnung bestand als zwischen den anderen Staaten des Rates. Dieser Art des Handels konnte allerdings nur begrenzt ausgeweitet werden, da der sowjetische Rohstoffmonopol und die durch UdSSR erzwungene Preispolitik dessen Rolle als Haupthandelspartner nur bestätigten.

Außer der Abhängigkeit von den Rohstoffen kam noch die Abhängigkeit von den Vertragspreisen. Diese Preise wurden jedes Jahr neu festgelegt und zwar auf der Grundlage der Weltmarktpreise. Dadurch verschlechterte sich die Position der kleineren Mitglieder gegenüber z.B. der UdSSR noch zusätzlich. Die Veränderung der sowjetischen Exportpreise; sie wuchsen doppelt so schnell wie die Importpreise, hatte schwerwiegende Konsequenzen. Der Handel mit der Sowjetunion wurde ungleichgewichtig, die kleineren Mitgliedsstaaten mussten Warenkredite aufnehmen; sie waren nicht mehr in der Lage die hohen Energie und Rohstoffrechnungen voll zu bezahlen.

Transformationsprozesse: Aussichten für die Zukunft.

Ein zentrales Problem der Transformation einer staatlich dominierten Wirtschaft in eine Privatwirtschaft besteht in der Neuregelung der Eigentumsverhältnisse. Eine Rückgabe bleibt ausgeschlossen, die Alteigentümer erhalten Entschädigungen in Form von Gutscheinen, die ausschließlich für Investitionen im Rahmen der Privatisierung von Staatseigentum verwendet werden sollen.

Bei der Privatisierung bereitet die Großindustrie, wie auch in anderen Ländern die größten Probleme. Dies ist wegen maroder Produktionsanlagen, mangelnder internationaler Konkurrenzfähigkeit und des Wegbrechens bisheriger Absatzmärkte in Osteuropa nicht verwunderlich.

Reibungslos verläuft dagegen die Privatisierung der kleineren Betriebe, insbesondere im Bereich des Handels und der Dienstleistungen. Neben der Privatisierung prägt auch die Neugründung von Unternehmen die Umstrukturierung der Wirtschaft. Auch hier sind die Großbetriebe und der industrieller Bereich unterrepräsentiert.

Versucht man eine Zwischenbilanz zu ziehen, so sind Erfolge in der Umstrukturierung der ungarischen Wirtschaft zu verzeichnen. Der private Sektor erwirtschaftet rund die Hälfte des Bruttosozialprodukts. Während früher die osteuropäischen Handelspartner am wichtigsten waren (RGW), geht heute bereits der überwiegender Teil der Exporte in westliche Länder. Unübersehbar sind allerdings auch die immer noch bestehende Probleme. Durch Produktions- und Beschäftigtenrückgänge in der Industrie und der Landwirtschaft ist das Heer der Arbeitslosen auf 12,1% der Gesamtbevölkerung angewachsen.

Der Staat ist kaum in der Lage Impulse zu setzen. Er ist vielmehr auf die Initiative der Privatinvestoren angewiesen. Und dieses Engagement ist nicht mehr in allen Bereichen gegeben.

Quellen:

Renate Damus: RGW – Wirtschaftliche Zusammenarbeit in Osteuropa. Opladen, 1979.

Ostkolleg der Bundeszentrale für politische Bildung (Arbeitsgemeinschaft): Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, Strukturen und Probleme. Bonn, 1987.

Reinhard Weißner: Der politische, ökonomische und soziale Umbruch in Osteuropa: Das Beispiel Ungarn. Geographische Rundschau, Jahrgang 47, März 1995, Heft 3, Seite 156-162.

Verfasser: Wojciech Grohn

Budapest – Hauptstadt und Weltstadt

Allgemeines über Budapest

Budapest ist mit über 2,5 Millionen Bewohnern die Hauptstadt der Ungarischen Volksrepublik und zugleich die größte Stadt des ca. 11 Millionen Einwohner zählenden Landes. Sie liegt im Herzen Europa, am mittleren Abschnitt zu beiden Seiten der Donau. Aufgrund ihrer günstigen geographischen Lage kreuzten sich hier schon im Altertum und Mittelalter zahlreiche Handelswege, was schließlich zur Herausbildung einer bedeutenden Siedlung führte. Budapest ist aus vielerlei Gründen eine interessante Stadt. Rechnen wir auch seinen Vorläufer aus dem Altertum, das römische Aquincum, hinzu, so blickt die Stadt immerhin auf zweitausend Jahre zurück. Juristisch wurde sie jedoch erst 1873 durch die Vereinigung der drei bis dahin unabhängigen Städte Pest, Buda und Óbuda gegründet. Unter dem Namen Budapest existiert diese 2000 Jahre alte Gemeinwesen somit nicht viel länger als 100 Jahre. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte es sich zur Großstadt, und heute ist Budapest das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes. Die früher eher trennende Donau verbindet Buda mit seinen Hügeln und Bergen auf der rechten Seite des Flusses mit dem flachen Pest am linken Ufer. Die einmalige Lage der Stadt, ihre aus verschiedenen Epochen stammenden Kunstdenkmäler, das rege künstlerische Leben, die zahlreichen Thermalbäder und nicht zuletzt die reichhaltige ungarische Küche mit ihren Speise- und Getränkespezialitäten lockt Jahr für Jahr zahlreiche Ausländer an.

Geographisches

Das Zentrum von Budapest liegt auf den geographischen Koordinaten 47° 28´ 56´´ nördlicher Breite und 19° 08´ 10´´ östlicher Länge. Die Fläche der Stadt beträgt 525 km²; davon entfallen 352 km² auf das links und 173 km² auf das rechts der Donau liegende Stadtgebiet. In Nord-Süd-Richtung dehnt sich die Stadt etwa 25 km, in Ost-West-Richtung etwa 29 km aus. Tiefster Punkt ist das Niveau der Donau, das bei normalem Wasserstand 96,5 m über dem Meeresspiegel der Adria liegt. Höchste Erhebung der Stadt ist der János-hegy (Johannesberg) mit 529 m über dem Meeresspiegel. Das linke Donauufer, die Pester Seite, ist im wesentlichen Flachland, das rechte Donauufer, die Budaer Seite, dagegen Hügelland. In Wirklichkeit ist zwar auch Pest nicht ganz flach, aber die Erhebungen sind so minimal, daß sie unser Auge nicht wahrnimmt. Den Unterschied zwischen den beiden Ufern kann man am besten von den Donaubrücken oder von einem Aussichtspunkt auf der Budaer Seite erkennen.

Gewässer

In erster Linie bestimmt die Donau den Charakter der Landschaft. 28 km, das heißt ca. 1 Prozent des gewaltigen Stromes, der insgesamt 2850 km lang ist und im Schwarzwald entspringt, entfällt auf das Gebiet von Budapest. Die durchschnittliche Breite der Donau liegt hier bei 400m, am Gellért hegy (Gellertberg) ist sie mit nur 285 m am schmalsten. Unterhalb und oberhalb von Budapest bildet die Donau mehrere Inseln. Die bekannteste Donauinsel im Herzen der Hauptstadt ist die 96,5 ha große Margitsziget (Margareteninsel). Sie ist mit ihren Parkanlagen, mächtigen, uralten Bäumen, Thermalheilquellen, Strandbädern und Hotels zu einem internationalen Kur- und Erholungsort geworden. Nördlich dieser Insel befindet sich noch die etwas größere Óbudai-sziget (Obudaer Insel), südlich die Csepel-sziget (Insel Csepel). Außer der Donau gibt es im Raum von Budapest keinen weiteren bedeutenden Fluss. Als natürliches stehendes Gewässer gibt es in Budapest nur den Malom- (Mühlenteich), einen winzigen Teich gegenüber dem Lukács-fürdo (Lukács-Bad), dessen Wasseranstieg oder -abfall interessanterweise mit der Wassermenge der umliegenden Budaer Thermalquellen in Zusammenhang steht.

Berge

Das Bild des Stadtkerns von Buda wird von den Bergen nahe der Donau bestimmt. Gegenüber Margaretenbrücke erhebt sich der 195 m hohe Rózsadomb (Rosenhügel), auf dem eines der elegantesten und teuersten Wohnviertel der Stadt entstand. Südlich davon zieht sich an der Donau von Nordwest nach Südost der etwa keilförmige Várhegy (Burgberg) entlang (höchster Punkt 167 m). Er besteht zum überwiegenden Teil aus Mergel, dessen Oberfläche von einer 10 – 12 m dicken, aus Süßwasser abgelagerten Kalksteinschicht bedeckt ist. An der Unterseite der Kalksteinschicht sind viele kleinere und größere Hohlräume entstanden. Im Mittelalter und während der türkischen Besetzung haben die Bewohner der Umgebung diese natürlichen Höhlen durch künstliche Gänge untereinander verbunden und so ein ganzes Höhlensystem angelegt. Ein anderer Berg der Budaer Innenstadt ist der südlich vom Burgberg unmittelbar am Donauufer gelegene Gellért hegy. Seine Dolomitfelsen erheben sich ca. 130 m steil über die Donau. Weiter entfernt von der Donau liegen die etwas höheren Erhebungen des Budaer Berglandes. Der erste Berg von Norden gesehen ist der Hármashatár-hegy (Dreigrenzberg, 497 m). Dieser Berg besteht überwiegend aus Dolomit, und aus Dolomit- und Kalkstein ist auch sein nördlicher Ausläufer, der Csúcs-hegy, aufgebaut, an dessen Fuß sich Mergel und Ton abgelagert haben. Höchster Punkt der Budaer Berge ist der János-hegy (529 m), an den sich im Norden der Hárs-hegy (Lindenberg) und im Süden der Szabadság-hegy (Freiheitsberg) anschließen. Der János-hegy besteht aus dem so genanntem Dachsteiner Kalkstein. Auf der Pester Seite sind die Erhebungen, wie bereits erwähnt, unbedeutend. Eine Rolle aber spielten sie im Jahre 1838, während des großen Hochwassers, als sie der dorthin geflüchteten Bevölkerung sicheren Schutz boten. Der heutige 18. Stadtbezirk, das frühere Pestszentlörinc, erhebt sich 142 m über dem Meeresspiegel, Cinkota fast 200 m und die Hügelkette von Rákoskert rund 250 m; das Donauufer dagegen liegt durchschnittlich nur 105 bis 110 m hoch.

Klima

Budapest liegt in der gemäßigten Klimazone unseres Kontinents; deshalb ist das Klima im allgemeinen von angenehmen kontinentalem Charakter. Statistiken geben an, daß Temperaturen über 30° C im Jahresdurchschnitt an 20 tagen vorkommen. Die tiefste bisher gemessene Temperatur betrug -23,4° C. Der wärmste Monat ist der Juli mit seiner Durchschnittstemperatur von 22° C, der kälteste Monat der Januar mit einem Mittel von -1,1° C. Die Zahl der Sonnenstunden beträgt im Jahresmittel 1991. Der größte Teil entfällt auf die Monate Mai bis September. Der Wind kommt überwiegend aus nordwestlicher Richtung. Da die Stadt ziemlich windgeschützt liegt, sind starke Stürme nur selten. Die Jahresniederschläge sind verhältnismäßig gering. Im Budaer Bergland liegt das Jahresmittel bei 650 mm, am Ostrand der Pester Seite bei 550 mm. Zu Beginn des Sommers gibt es häufig Platzregen und Gewitter.

Kurzer geschichtlicher Überblick

Von der ältesten Steinzeit bis zur Römerzeit

Bereits die Menschen der Urzeit wussten die vorteilhaften geographischen und natürlichen Gegebenheiten zu nutzen, die das Gebiet des heutigen Budapest für eine ständige Ansiedlung geeignet machten. Obzwar aus der Altsteinzeit (Paläolithikum) nur ein einziger Fund aus einer Höhle im Budaer Bergland bekannt ist, haben die Archäologen nur einige hundert Meter südlich der Stadtgrenze, auf der Budaer Seite, eine größere Siedlung erschlossen, deren Stein- und Knochenrelikte aus dem 12. bis 10. Jahrtausend v.Chr. stammen. Gegenstände aus der Kupferzeit, der so genannten Badener Kultur, wurden auch auf der Pester Seite gefunden. Im 2. Jahrtausend v.Chr. waren folglich bereits beide Donauufer besiedelt. Mehrere Urnenfelder aus der Bronzezeit entdeckte man ebenfalls auf dem Gebiet des heutigen Budapest.

In der frühen Eisenzeit, um 900 v.Chr., kam eine neue Volksgruppe in diese Gegend und hinterließ gleichfalls viele Urnengräber. Vom 6. Jahrhundert v.Chr. können Skythen in der Gegend um Budapest nachgewiesen werden. Dieses durch seine Goldschmiedekunst berühmte nomadische Reitervolk war aus Gebieten nördlich und östlich des Schwarzen Meeres herangezogen.

Funde aus der späteren Eisenzeit gehören schon zu keltischen Stämmen; die bedeutendsten unter ihnen waren die Erawisker (Eravisker)[e]. Die Kelten gelangten vom heutigen Territorium Frankreichs im Laufe des 4. bis 3. Jahrhunderts v.Chr. hierher. Als Zentren ihres Stammes können wir die Gegend um den Gellertberg ansehen. Sie führten die Töpferscheibe ein, und sie waren die ersten, die auf dem heutigen Gebiet von Ungarn Geld prägten. Die Erawisker blieben auch unter der Römerherrschaft hier und nahmen verhältnismäßig schnell Gewohnheiten, Sprache und Kultur der römischen Eroberer an.

Im Ungarischen Nationalmuseum und im Museum von Aquincum werden vielfältige archäologische Denkmäler aus jener Zeit aufbewahrt.

Aquincum, die römische Stadt

Ungefähr zu Beginn unserer Zeitrechnung eroberten die Römer das heutige Westungarn, Transdanubien, und nannten ihre Provinz Pannonien. Zu Anfang des 2. Jahrhunderts teilten sie sie, und die Hauptstadt von Unter-Pannonien wurde Aquincum, eine Siedlung im heutigen Óbuda. Das Wort Aquincum ist wahrscheinlich keltischen Ursprungs und bedeutet soviel wie “ergiebiges, reichliches Wasser”. Anfangs war in der Stadt nur eine kleine römische Truppe stationiert, vom Ende des 1. Jahrhunderts an schon eine ganze Legion. Das Militärlager der römischen Legion befand sich im heutigen Zentrum von Óbuda, am Budaer Brückenkopf der Árpádbrücke. Zu Beginn des 2. Jahrhunderts nahm der kaiserliche Stadthalter in der Provinzhauptstadt seinen Sitz. Erster Stadthalter Unter-Pannoniens war der spätere Kaiser Hadrian. Der Palast des römischen Stadthalters wurde auf der Óbudai-Insel erschlossen, dir Reste der Siedlung der Zivilbevölkerung sind auf dem Ruinenfeld beim Museum von Aquincum zu sehen. Des weiteren bestand in den ersten Jahrhunderten der römischen Herrschaft eine für den pannonischen Raum bezeichnende »Oppidum« der spätkeltischen Eravisker (weiterer Beleg) südlich des Gellértberges fort. diese eraviskische Siedlung bildete ein eigenes kulturelles Zentrum. Diese drei Siedlungen – die Urbevölkerung am Gellértberg, das Militärlager und die ringsherum erbaute Stadt der Legionäre sowie der Bürger – bildeten zusammen Aquincum. Die Stadt erlebte seine Blütezeit im 2. bis 3. Jahrhundert, als die reichen Bürger der Stadt über alle materiellen Güter verfügten, die der entwickelte Sklavenhalterstaat des Altertums hervorbringen konnte. Die Römer bauten am rechten Donauufer ein regelrechtes Wehrsystem aus. In Entfernungen von 1,5 bis 2,5 km finden wir am gesamten ungarischen Abschnitt der Donau, die damals die Grenze des römischen Reiches bildete, Wachtürme sowie kleinere und größere Lager. An strategisch wichtigen Stellen wurden auch am linken Ufer Befestigungen errichtet, um die auf der linken Donauseite lebenden Völker unter Kontrolle zu haben.

Mit den übrigen Provinzen des Reiches und den “barbarischen Völkern” im Donau-Theiß-Zwischenstromland wurde ein lebhafter Tauschhandel geführt, obwohl es auch mehrfach zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam. Von den Kriegsschäden hat sich Aquincum jedoch immer schnell erholt. Ende des 4. Jahrhunderts war die militärische Kraft des römischen Reiches erschöpft, und Aquincum konnte den Angriffen der aus dem Osten vordringenden Nomaden Völker nicht länger standhalten. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts wurde Aquincum nach einer mit den Hunnen getroffenen Vereinbarung geräumt.

Die Zeit der Völkerwanderung: Hunnen, Awaren und landnehmende Magyaren

Auf dem Gebiet von Budapest haben die Archäologen bisher nur wenige Hunnengräber gefunden. Laut mittelalterlichen Chroniken wurde die Stadt Buda nach dem Bruder des Hunnenkönigs Attila, der Buda hieß, benannt. Nach Attilas Tod (453 n.Chr.) zerfiel das Hunnenreich, und verschiedene germanische Völker, wie die Ostgoten und später die Langobarden, ließen sich auf dem Gebiet der heutigen ungarischen Hauptstadt nieder. Vom Ende des 6. Jahrhunderts an hielten die Awaren etwa zwei Jahrhunderte lang dieses Gebiet in ihrer Gewalt. Um 896 sind Magyaren über die Karpaten in die Tiefebene der Donau eingedrungen und haben unter Fürst Árpád das Land besetzt. Die landnehmenden Ungarn - ein Bündnis von sieben Stämmen - fanden in diesem Gebiet außer den Awaren auch Slawen vor. Der Überlieferung nach ließ sich Árpád mit seinem fürstlichen Stamm auf der Csepel-Insel nieder. Die anderen sechs Stämme brachten fast das gesamte Karpatenbecken unter ihre Herrschaft.

Die Dynastie der Árpáden (1001 - 1301)

Nach Árpáds Tod regierten Fürsten aus seiner Familie das Land. Fürst Géza erkannte als erster, daß die Anlehnung an das Christentum eine unerlässliche politische Bedingung zur Erhaltung des Ungarntums bildete.

Es war ein Gebot der Zeit, daß die heidnischen Stämme von ihren abenteuerlichen Beutezügen zur Sesshaftigkeit, zu Ackerbau und Gewerbe übergingen. Dazu war es notwendig, sich mit den benachbarten Staaten zu verbünden und sich in die Reihe der christlichen Länder, die Ungarn umgaben, einzufügen. Deshalb ließ er seinen Sohn taufen, und Stefan (István) I., später Stefan der Heilige, vollendete das Werk seines Vaters. Er schuf eine starke zentralisierte Staatsmacht, und zur Unterstützung der neuen Staatsordnung berief er die katholische Kirche. Der Einfall der Mongolen unterbrach die Entwicklung. Das aus Asien kommende Reitervolk brannte 1241 Pest völlig nieder. Der Großteil der Bevölkerung rettete sich nach Buda, doch im Winter 1241/42 fror die Donau zu, und die Mongolen konnten den Fluss überqueren.

So plünderten und brandschatzten sie auch Transdanubien. Weil sie aber die auf den Bergen errichteten Burgen nicht einnehmen konnten, ließ König Béla IV., der während der Besetzung ins Ausland floh, aus Furcht vor neuen Einfällen an vielen Orten des Landes königliche Burgen bauen. Anstelle der ausgerotteten ungarischen Bevölkerung holte er deutsche Siedler ins Land, der vermutlich der neu entstehenden Stadt Buda am rechten Donauufer den deutschen Namen Ofen gaben. Auch das ursprüngliche slawische Wort Pest bedeutet Ofen. Vermutlich wurde der Name von den Öfen der hier betriebenen Ziegel- und Kalkbrennereien auf die Stadt übertragen.

Ungarische Könige aus anderen Dynastien –
Bis zur Einnahme Budas durch die Türken (1301 - 1541)

Nach dem Tode des letzten Königs aus dem Árpádengeschlecht und fast zehn Jahre andauernden Thronzwistigkeiten gelangte das haus Anjou aus Neapel, das durch eine Seitenlinie mit den Árpáden verwandt war, auf den ungarischen Thron. Karl Robert, der erste ungarische Anjou-König (1308-1342) residierte zunächst in Viségrad zog später aber nach Buda, wo sein Sohn Ludwig I. (der Große, 1342 - 1382) auf dem Burgberg einen Königspalast bauen ließ. Dadurch, daß er Buda das Stapelrecht verlieh, trat Pest in vielerlei Hinsichten in Budas Schatten. Der Schwiegersohn von Ludwig dem Großen, Sigismund aus dem Hause Luxemburg, Sohn des römisch-deutschen Kaisers Karl des IV., nahm als nächster den ungarischen Thron ein (1387 - 1437). Obwohl er 1410 auch römisch-deutscher Kaiser wurde, bevorzugte er Buda als Aufenthaltsort. Unter seiner Regierung wurde der große prachtvolle Königspalast erbaut, dessen Reste zum größten Teil erst nach dem 2. Weltkrieg durch archäologische Ausgrabungen ans Tageslicht gelangten. Schon zu seiner Regierungszeit und besonders unter seinen unmittelbaren Nachfolgern gelang es den Türken, bis zur südlichen Landesgrenze vorzudringen. 1456 bot ihnen jedoch János Hunyadi Einhalt, als er bei Belgrad einen entscheidenden Sieg über das türkische Heer errang.1458 wurde der jüngere Sohn Hunyadis, Mátyas (Matthias), vom Adel zum König gewählt. Als König Matthias Corvinus (1458 - 1490) errichtete er eine stabile zentralisierte Staatsmacht, zügelte den eigenmächtigen Hochadel und organisierte ein starkes Heer. Unter Matthias I. entwickelte sich Buda zu einem viel gepriesenen Fürstenhof der Renaissance und einem Kultur- und Kunstzentrum ganz Europas. Um diese Zeit entstand ebenfalls die weltberühmte Bibliotheca Corviniana, eine der größten Bibliotheken Europas.

Nach dem Tode von Matthias gelangten die mit dem Árpádenhaus verwandten polnischen Könige aus der Dynastie der Jagiellonen auf den ungarischen Thron. Unter ihrer Regierung zerfiel die Zentralmacht, Streitigkeiten unter den Feudalherren zerrütteten das Land. Die sich ständig verschlechternden Wirtschaftsverhältnisse und die zunehmende feudale Ausbeutung führten 1514 zum Ausbruch des Bauernkrieges, den die Feudalherren am Ende, nach einigen Hochs der Bauern, die unter der Führung György Dózsas standen, blutig niederschlugen und sich mit unbarmherzigen Vergeltungsmaßnahmen rächten. In der Folge war das wirtschaftlich und politisch gleichermaßen geschwächte Land nicht in der Lage, ein Heer aufzustellen, das dem Vormarsch der Türken Widerstand entgegensetzen konnte, und das ungarische Heer mußte 1526 bei Mohács eine entscheidende Niederlage hinnehmen. Bei der Nachfolge um den im Kampf gefallenen König stellten sowohl der mächtigste ungarische Feldherr, János Szapolyai, sowie Ferdinand von Habsburg, aufgrund des Erbfolgerechts, Ansprüche auf den Thron. Einige Wochen nach der Niederlage wurde auch die Burg Buda von den Türken besetzt, die sich aber vorerst wieder aus dem Land zurückzogen. 1541 besetzten sie erneut die Burg Buda; damit begann die Herrschaft der Türken über den gesamten mittleren Teil des Landes, die 150 Jahre andauern sollte. Der westliche und nordwestliche Teil Ungarns geriet unter die Herrschaft Ferdinands, im Osten, in Siebenbürgen, entwickelte sich ein selbständiges Fürstentum. So zerfiel das Land in drei Teile.

Die Türkenherrschaft (1541 - 1686)

Buda und Pest waren von 1541 bis 1686 in türkischer Hand. Die Habsburger versuchten mehrmals, die beiden Städte zurückzuerobern. 1602 gelang es den Habsburgern zwar, Pest einzunehmen, aber sie konnten die Stadt nur zwei Jahre lang halten. Die wiederholten Kämpfe brachten den Orten immer neue Zerstörungen und die Verwüstungen. Während der fast anderthalb Jahrhunderte währenden Türkenherrschaft ging die Zahl der Bevölkerung erheblich zurück. Die Einwohner verarmten, aber es lag den Türken nicht daran, die Kaufleute und Handwerker zugrunde zurichten, denn wen und was hätten sie sonst besteuern sollen. Die meisten christlichen Kirchen wurden in mohammedanische Moscheen umgestaltet, die Häuser ließen die Türken verfallen. Nur die Stadtmauern und die Befestigungsanlagen wurden regelmäßig instand gesetzt. und sogar erweitert. Prunkvolle Bäder entstanden, von denen mehrere in gutem Zustand erhalten blieben.1686 wurde sowohl auf Anregung als auch mit materieller Unterstützung des Papstes Innozenz XI. und in geradezu gesamteuropäischer Willenseinheit ein christliches Heer zur Rückeroberung von Buda aufgestellt. Zum Heerführer wurde Karl von Lothringen ernannt. Die Belagerung dauerte vom 20. Juni bis zum 2. September; während dieser Zeit gingen die Burg Buda , die Stadt Pest und sogar ein bedeutender Teil von Óbuda in Trümmer. Die drei Städte waren fast vollkommen entvölkert. Aus diesem Grunde holten die Habsburger österreichische und deutsche Siedler.

Die Unterdrückung durch die Habsburger und die Freiheitskämpfe (1686 - 1867)

Ende des 17. Jahrhunderts, nach der Vertreibung der Türken, dehnten die Habsburger ihre Herrschaft auf alle drei Teile des unter den Türken zerstückelten Landes aus. Buda wurde nicht wieder königliche Residenzstadt, der König hielt als österreichischer Kaiser in Wien Hof. Gegen die Herrschaft der Habsburger kam es schon Ende des 17. Jahrhunderts unter Führung von Imre Thököly, später von 1703 bis 1711 unter Ferenc Rákóczi II. zum bewaffneten Widerstand. Diese Freiheitskämpfe wurden jedoch niedergeschlagen; Rákóczi mußte in die Emigration gehen. Maria Theresia (1740 - 1780) erleichterte zwar das Los der leibeigenen und förderte die Entwicklung der Landwirtschaft, sie verhinderte aber im Interesse Österreichs die Industrialisierung Österreichs. Auch der Wiederaufbau der drei Städte ging nur stockend voran. 1703 wurden Buda und Pest zu freien königlichen Städten ernannt. Die damit verbundenen Privilegien fanden jedoch nicht die notwendigen politischen Bedingungen vor, die zu einer Entwicklung des Bürgertums und zu einem schnellen wirtschaftlichen Aufschwung geführt hätten. In Buda hatten mehrere wichtige Regierungsämter und das Oberste Gericht ihren Sitz, die Landtage berief der König aber bis 1790 nach Bratislava (Pressburg) ein, und noch dazu recht selten. In den Jahrzehnten nach der Niederwerfung der ungarischen Jakobinerbewegung wurde im Habsburgischen Reich schon der bloße Gedanke an gesellschaftlichen Fortschritt unerbittlich verfolgt. Die 1815 zustande gekommenen Heilige Allianz erstickte jede fortschrittliche Bestrebung im keime. Unter diesen Umständen kamen fortschrittliche Ideen höchstens in die Literatur, der Kunst und den Wissenschaften, also auf geistig-kulturellem Gebiet zum Ausdruck. Von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an entwickelten sich Buda und Pest rascher, und die Bevölkerungszahl nahm in bedeutendem Maße zu. Der Anteil der ungarischen Bevölkerung vergrößerte sich, und entsprechend erhielten auch die nationalen Bestrebungen im Bereich Kultur und Politik größeres Gewicht.

Im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde die Aufhebung der feudalen Zustände, die die Entwicklung des Bürgertums hemmten, eine immer dringendere Forderung, und im Landtag sowie auch außerhalb erklang der Ruf nach Reformen immer lauter. Deshalb wird dieser Zeitabschnitt der ungarischen Geschichte von 1825 bis 1848 als Reformzeit bezeichnet.1825 wurde die Ungarische Wissenschaftliche Gesellschaft, der Vorläufer der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, gegründet. 1837 baute man das erste Gebäude des Nationaltheaters, 1848 wurde das Gebäude des Ungarischen Nationalmuseums fertig gestellt. Die 1808 ins Leben gerufenen ›Verschönerungs-Comission‹ leitete die Bauarbeiten entsprechend den seinerzeit modernen Prinzipien nah festgelegten Stadtentwicklungsplänen. Erzherzog Joseph, Stellvertreter des Königs und Palatin von Ungarn, hat (zwischen 1796 - 1847) die Entwicklung von Buda und Pest wirkungsvoll und mit Einfühlungsvermögen unterstützt.

Das große Hochwasser der Donau im Jahre 1838 richtete zwar schwere Schäden an, brachte aber gleichzeitig die Möglichkeit, die alten, baufälligen Gebäude durch neue zu ersetzen und dabei die fortschrittlichsten Bauprinzipien zu verwirklichen.

Im Ergebnis der Entwicklung des Bürgertums beschritt die Wirtschaft Anfang des 19. Jahrhunderts, wenn auch noch unter feudalen Verhältnissen, den Weg zum Frühkapitalismus. Der Schwerpunkt des Geschäftslebens verlagerte sich von Buda nach Pest, und die Getreidekonjunktur zur Zeit der Napoleonischen Kriege machte die Stadt zum Handelszentrum. Eine bedeutende Rolle im wirtschaftlichen Leben spielten die angesiedelten griechischen, armenischen und jüdischen Kaufleute.

Zur Zeit der europäischen Revolutionen von 1848 war auch in Ungarn die Lage für eine Veränderung reif geworden. Ähnlich wie in anderen Ländern hemmte das hartnäckige Beibehalten feudaler Verhältnisse die Entwicklung des Bürgertums, doch in Ungarn wurde dieser Zustand noch durch die mehrfache Unterdrückung der Nationalitäten verschlimmert.

Die Österreicher unterdrückten die Ungarn, aber gleichzeitig herrschten die Ungarn über die hier lebenden rumänischen und Serbokroatischen Minderheiten. Da ein entwickeltes Bürgertum fehlte, stellte sich der liberal denkende Adel an die Spitze der fortschrittlichen Bewegungen. Am 15. März 1848 brach die Revolution aus. Zu ihren Forderungen gehörten die Abschaffung der Leibeigenschaft, Gleichheit vor dem Gesetz, Pressefreiheit, Abzug des fremden Militärs und Bildung einer unabhängigen ungarischen Regierung. Unter dem Druck der sich in ganz Europa der entfaltenden Freiheitsregungen und infolge des Wiener Volksaufstandes war die kaiserliche Regierung zunächst gezwungen, die ungarischen Forderungen zu erfüllen. Unter dem Vorsitz von Graf Lajos Batthyány wurde eine dem Landtag verantwortliche ungarische Regierung gebildet. Einige Monate später jedoch versuchten die Habsburger, mit Hilfe der kroatischen Truppen des kaiserlichen Feldherrn Josip Jelacic die bereits gewährten Freiheitsrechte wieder rückgängig zu machen. Nach der Niederschlagung des Wiener Aufstandes entbrannte ein offener Kampf zwischen der österreichischen Regierung und den Ungarn, die sich zu den Aufständischen in Wien bekannt hatten. Der Freiheitskampf von 1848/49, den die ungarische Nation unter der politischen Führung von Lajos Kossuth führte, wurde vom ganzen Volk getragen. Auch fortschrittliche Kräfte anderer Nationen eilten den Ungarn zu Hilfe. Der bewaffnete Kampf verlief mit wechselndem Erfolg. Zu Beginn des Jahres 1849 war die ungarische Regierung infolge der österreichischen Übermacht gezwungen, Buda und Pest zu räumen. Am 21. Mai konnten die siegreichen Honvédtruppen die Burg Buda zurückerobern, aber bald darauf fiel sie wieder in die Hände der Österreicher. Als die Habsburgischen Absolutisten schließlich russische Zarentruppen zu Hilfe riefen, mußte der ungarische Freiheitskampf unter der mehrfachen Übermacht scheitern. Auf die Niederlage folgte eine kaiserliche Willkürherrschaft, der die langsam erwachende ungarische Nation nur mit passivem Widerstand zu begegnen wusste.

Da ein Teil der bürgerlichen Reformen nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte, setzte trotz allem eine allmähliche wirtschaftliche Entwicklung ein. Die Habsburger suchten – im Angesicht verschiedener internationaler Verwicklungen und weil die Niederschlagung des inneren Widerstandes ihre Kräfte überstieg – mit der ungarischen herrschenden Klasse einen Weg des Ausgleichs. Letztere hatten mit schweren materiellen Schwierigkeiten zu kämpfen, und versprach sich von einem Kompromiss mit den Habsburg-Dynastie wiederum Anleihen und wirtschaftlichen Aufschwung. Durch Vermittlung von Ferenc Deák, des Politikers des mittleren Adels, kam es schließlich 1867 zum Ausgleich mit dem Kaiser. Franz Joseph (1848 - 1916) wurde noch im selben Jahr in der Matthiaskirche auf der Budaer Burg zum ungarischen König gekrönt. Damit kam auf dualistischer Basis die Österreichisch-Ungarische Monarchie zustande.

Der Dualismus und der I. Weltkrieg

Der Ausgleich verwirklichte zwar nicht die bürgerlichen Freiheitsideale von 1848, er brachte aber eine verhältnismäßig ruhigere politische Atmosphäre und begünstigte die wirtschaftliche Entwicklung. War Pest schon zu diesem Zeitpunkt Zentrum der Industrie und des Handels gewesen, so förderte die Vereinigung von Buda, Pest und Óbuda 1873 noch den Prozess der Aufschwungperiode des Frühkapitalismus. Die neue Hauptstadt entwickelte sich sehr schnell. Ihre Einwohnerzahl betrug bei der Vereinigung 300.000 und um die Jahrhundertwende schon 733.000; bis 1910 wurde Budapest die achtgrößte Stadt von Europa. Nach dem Zusammenschluss legte man ein einheitliches Straßen- und Kanalisationsnetz an und führte die zentrale Gas- und Wasserversorgung ein. 1887 fuhr die erste Straßenbahn, und 1896 die Millenniumsfeierlichkeiten zum 1000jährigen Jubiläum der Staatsgründung begannen, nahm die erste Untergrundbahn des Kontinents ihren Betrieb auf. 1902 war der Bau des Parlamentsgebäudes beendet. In Budapest entwickelten sich die größten Industriebetriebe des Landes: Eisengießereien, Maschinenfabriken, Elektrizitätswerke, Schiffswerften, Textilwerke, usw. Um die Jahrhundertwende entstanden der größte Teil der Budapester Wohnhäuser, öffentlichen Gebäude und die meisten Donaubrücken. Die Jahrzehnte brachten allerdings auch die Barackenwohnungen und Elendsviertel der Arbeiter hervor. Infolge des Kapitalisierungsprozesses verschärften sich die gesellschaftlichen Widersprüche, hinzu kam die Unzufriedenheit der nichtungarischen Nationalitäten. Die Arbeiter- und Bauernmassen begannen sich zu organisieren, woraus der Allgemeine Arbeiterverein 1868, die Allgemeine Arbeiterpartei Ungarns 1880 und die Sozialdemokratische Partei Ungarns 1890 resultierten. In Budapest kam es zu Streiks und Demonstrationen, besonders hervorzuheben wäre die Demonstration vom 23. Mai 1912, die auf die brutalste Weise niedergeschlagen wurde (“Blutroter Donnerstag”).1914 trat Ungarn als Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie in den Weltkrieg ein, der nicht nur viele Menschenleben kostete, sondern dem Volk auch schweres wirtschaftliches Unheil brachte: Inflation, Lebensmittel- Knappheit und zunehmendes Elend. Am Ende führte dies dann zum Zerfall der Monarchie und zur Lahmlegen des weiteren Ausbaus der Hauptstadt. In dem Maße, wie sich die militärischen Niederlagen der Alliierten häuften, erstarkte in den Ländern der Monarchie die revolutionäre Antikriegsbewegung. Auf dem Höhepunkt dieser revolutionären Situation besetzte bewaffnete Arbeiter und Soldaten am 31. Oktober 1918 die strategisch wichtigen Punkte des Landes und verhalfen der bürgerlich-demokratischen Revolution zum Sieg. Eine Koalitionsregierung wurde gebildet, deren Präsidentschaftsamt Graf Mihály Károlyi übernahm, der, nachdem der ungarische König Karl IV. abdankte, am 16. November als Präsident die Republik ausrief.

Zu groß war der Druck aus dem Ausland, zu gefährdet die territoriale Integrität des Landes und zu ausweglos die wirtschaftliche Zerrüttung, so daß die Regierung gezwungen war, am 21. März 1919 abzudanken. Die mit der Sozialdemokratischen Partei vereinigte Kommunistische Partei übernahm jetzt die Führung Ungarns und proklamierte die Räterepublik. Damit eröffnete sich die Möglichkeit zur wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Neubelebung des ganzen Landes. Von den viel versprechenden Plänen konnte nur wenig verwirklicht werden, da ein Bündnis der reaktionären Kräfte des In- und Auslandes die Räterepublik nach 133 Tagen zu Fall brachte. Die unter der Führung von Miklós Horthy an die Macht gelangte Konterrevolution stellte die alte halbfeudale Ordnung wieder her und führte einen Vernichtungsfeldzug gegen die fortschrittlichen Kräfte.

Das Horthy-Regime und der 2. Weltkrieg

Inmitten der Schwierigkeiten, die aus dem verlorenen Krieg und der Wirtschaftskrise Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre resultierten, konnten die Vertreter dieser politischen Richtung weder dem Land noch der Hauptstadt zum Aufschwung verhelfen. Die Zahl der Arbeitslosen nahm zu, die Bevölkerung lebte zu großen Teilen unter dem Existenzminimum. Die nach dem weißen Terror sich langsam wieder organisierende Arbeiterschaft brachte ihre Verbitterung in Demonstrationen zum Ausdruck und forderte menschlichere Lebensbedingungen.

Die in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre einsetzende Konjunktur brachte eine Belebung der Bautätigkeit in Budapest, der aber der Krieg wieder ein Ende setzte. Das immer mehr zum Faschismus neigende System sicherte nur der herrschenden Klasse und dem Großbürgertum wirtschaftliche Vorteile, die große Masse der Bevölkerung lebte im Elend, und dieser Zustand wurde durch die Verantwortungslosigkeit der Politiker, die 1941 Ungarn an der Seite Hitlers in den Krieg stürzten.

Als die Hitlertruppen am 19. März 1944 die Hauptstadt besetzten, gab es keine Existenzsicherheit mehr. Die Faschisten verfolgten nicht nur Kommunisten, sondern auch bürgerliche Antifaschisten und demokratisch gesinnte Kriegsgegner. Die jüdische Bevölkerung sowohl aus der Provinz als auch aus den Städten wurde deportiert bzw. andernfalls in Gettos gesperrt. Ein Teil der herrschenden Klasse und später auch der Reichsverweser Horthy sahen zwar, daß das Bündnis mit den Faschisten das Land in den Ruin stürzte und wollten aus dem Krieg austreten, doch ohne dabei die sowjetfeindliche Haltung und ihre eigene Macht aufgeben zu müssen. Nach langwierigen Unterhandlungen kam es schließlich am 15. Oktober 1944 zu einem schlecht vorbereiteten Versuch, für Ungarn einen Waffenstillstand herbeizuführen. Die Folge war, daß Horthy und seine Regierung von den deutschen verhaftet wurden und die ungarischen Nationalsozialisten (Pfeilkreuzler) die Macht übernahmen. Es folgten sinnlose Niedermetzeleien an den Ufern der Donau, der hemmungslose, blutige Terror beherrschte die Stadt.

Die deutsche Heeresleitung und die ihr hörigen ungarischen Faschisten, weigerten sich Budapest zur offenen Stadt zu erklären und sich zu ergeben, obgleich dies die einzig richtige Entscheidung gewesen wäre, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden. So wurde Budapest zum Kriegsschauplatz und geriet an den Rand der völligen Zerstörung. Angebote der Sowjettruppen, die Deutschen sollten sich ergeben, um wenigstens die Stadt verschonen, wurden ignoriert.

In den Kämpfen wurden somit auch zahlreiche Gebäude stark beschädigt bzw. ganz zerstört. Im Burgviertel, in dem sich die deutschen Truppen in letzter Instanz verbarrikadierten, blieb kein einziges Gebäude verschont. Nachdem die Sowjettruppen am 18. Januar 1945 die Pester Seite eingenommen hatten, zerstörten die deutschen Truppen auf ihrem Rückzug sämtliche Donaubrücken, obwohl sie auch bereits auf Budaer Seite eingekesselt waren. Buda und somit die ganze Hauptstadt wurde schließlich am 13. Februar 1945 befreit.

Von der Befreiung bis zur Gegenwart

Der auf die Befreiung folgende Zeitabschnitt brachte entscheidende, demokratische Veränderungen für das ganze Land, so auch für das Leben in Budapest. Zu den ersten Aufgaben gehörte es, die Stadt von den Trümmern zu räumen, normale Lebensverhältnisse zu schaffen und die Produktion wieder in Gang zu bringen. Am 1. August 1946 trat die neue Währung, der Forint, in Kraft, womit eine der größten Inflationen der Weltgeschichte ihr Ende fand. Den Wiederaufbau leitete die Ungarische Kommunistische Partei, und der mit dem 1. August 1947 beginnende Dreijahresplan schuf die Grundvoraussetzungen für den sozialistischen Aufbau. Als erstes wurde der Boden der großen Güter an randlose arme Bauern aufgeteilt, dann erfolgte die Verstaatlichung der Banken, Kohlengruben und Großbetriebe. Am 20. August 1949 trat die Verfassung der Ungarischen Volksrepublik in Kraft, die alle Macht dem werktätigen Volke gab. Am 1. Januar 1950 wurden einige Vorstädte und kleinere Randsiedlungen der Hauptstadt angeschlossen und gleichzeitig die Stadtbezirke neu eingeteilt. Es entstand Groß-Budapest, eine Großstadt mit 2 Millionen Einwohnern. Jedoch unterliefen der Regierung einige wirtschaftliche und politische Fehler, die die reaktionären Kräfte nutzten, so daß dies im Herbst 1956 zur Konterrevolution und gleichzeitig zu erneuten schweren Schäden führte. Die neu organisierte Partei, die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei, zog die notwendigen Konsequenzen und förderte mit entschiedenen und wirksamen Maßnahmen die Konsolidierung. Im Rahmen des Wohnungsbauprogramms wurden von 1960 bis 1975 im ganzen Land 1 Million Wohnungen gebaut, davon 187.000 in Budapest, außerdem errichtete man zahlreiche neue öffentliche Gebäude (Schulen, Bürohäuser, Hotels). Die nahe Budapest führenden Europa- und Landesstraßen wurden kontinuierlich ausgebaut und durch ein System von Unter- und Überführungen erweitert. Gleichzeitig mit der technischen Modernisierung der ersten 1896 in Betrieb genommenen Untergrundbahn wurde 1973 die Ost-West-Linie und zwischen 1979 und 1985 die Nord-Süd-Linie der Metro fertig gestellt.

Der öffentlich-rechtliche und administrative Status der Hauptstadt wird durch ein besonderes Gesetz geregelt, das für die Stadt eine weitgehende Selbstverwaltung festlegt. Oberstes Organ ist der Hauptstädtische Rat, dessen Mitglieder – ebenso wie die Mitglieder der Stadtbezirksräte oder die Parlamentsmitglieder – auf 5 Jahre gewählt werden. Vollzugsorgan des Hauptstädtischen Rates ist das Exekutivkomitee mit einem Vorsitzenden an der Spitze. Seine Rolle und Befugnisse entsprechen im allgemeinen denen eines Bürgermeisters. Die einzelnen Fachressorts werden von Hauptabteilungsleitern geführt.

Verwaltungsmäßig ist Budapest in 22 Bezirke eingeteilt. Die Verwaltung der Stadtbezirke liegt ebenfalls in den Händen von Räten, an der Spitze der Exekutivkomitees der Stadtbezirksräte amtieren Vorsitzende, und Fachressorts sind im großen und ganzen die gleichen wie beim Hauptstädtischen Rat.*

*      Die Verwaltungsreform in Ungarn nach der politischen Wende 1989 betrifft auch die Kommunalverfassung und damit die Selbstverwaltung der Stadt Budapest. Der (politisch belastete) Begriff der “Räte” wird abgeschafft und durch veränderte Organbezeichnungen ersetzt. Die Reform ist noch nicht abgeschlossen und lässt viele Fragen nach der verwaltungstechnischen Praktikabilität noch offen.

Das Parlament in Budapest

Das Parlament, heutiger Sitz des Staatspräsidenten, der Ministerpräsidenten und des Parlamentspräsidenten, steht an tagungsfreien Tagen der Bevölkerung und Touristen zur Besichtigung offen. Auch die offiziellen Staatsempfänge finden im Parlamentsgebäude statt. Das Gebäude wurde in den „goldenen Zeiten“ Ungarns zwischen 1885 und 1904, als das Land im Frieden mit Österreich verbunden war, von dem Architekten und Professor für Technik Imre Steindl erbaut. Dabei ergaben sich besondere Schwierigkeiten, da sich das Fundament (5 m dick, 20.000 m² groß) auf sumpfigem Untergrund befindet. Dementsprechend „leicht“ mußte der Palast selbst sein, weshalb man zum Beispiel auf den schweren natürlichen Marmor verzichtete und auf leichten Kunstmarmor, bestehend aus Ölen, Nadelbaumharzen und Pferdehaaren, zurückgriff. Erstaunlicherweise misst das Gebäude dennoch in der Länge 268 m, in der Breite bis zu 123 m und am höchsten Punkt 96 m und beinhaltet 691 Zimmer an der Zahl.

Für den Bau war kein finanzielles Limit gesetzt, nur die Bedingung, alle Materialien müssten aus Ungarn stammen, war gestellt. Daraufhin wurden 40 kg 24 karätigem Gold zur Verzierung von Säulen, Treppengeländern und Figuren verwendet, die berühmtesten Maler der Zeit schmückten im Freskostil Wände und Kuppeln, hier wären besonders das „Glory für Ungarn“, die Darstellung des höchsten Gerichts und dazwischen das Abbild von Krone und Zepter zu erwähnen, an die tausend Fenster wurden von Hand bemalt und 4 schwedische Säulen, derer Art nur 12 auf der ganzen Welt existieren (die übrigen 8 befinden sich im Westminster von London), eingefügt.

Die Räumlichkeiten sind grundsätzlich in drei Hauptabschnitte zu unterteilen: Oberhaus, Unterhaus und Kuppelsaal, der, mit seiner Höhe von 26 m, die besonders durch 15 Keraminfiguren, Abbilder der bedeutendsten Personen der Geschichte Ungarns, hervorgehoben wird, das Zentrum des Bauwerkes bildet, um das sich alle restlichen Räume symmetrisch anordnen. Dieser im Renaissancestil gehaltene Teil des Parlamentes wurde als einziger im 2. Weltkrieg zerstört, jedoch war seine Rekonstruktion bereits 1946 abgeschlossen.

Das Oberhaus – es hat seine ursprüngliche politische Funktion verloren – kann man heute für Kongresse mieten. Man erreicht es über ein Vorzimmer, in dem sich der größte handgeknüpfte Teppich Europas befindet, welcher aufgrund des aristokratischen Oberhauses blau ist. Ferner kann man in dem Vorzimmer Holzfiguren finden, die die damaligen typischen Berufe Ungarns zeigen. Das Oberhaus, im »neogotisch-neobarockem Stil« gehalten, bietet Platz für 220 Abgeordnete, die im Halbkreis um das Plenum sitzen, dessen Hintergrund die Wappen ungarischer Herrschergeschlechter (Árpád- und Habsburger-Dynastie) bilden. Die Decke dieses Raumes besteht aus den edelsten Holzarten wie Nuss, Mahagoni und Eiche, sowie zahlreichen Goldeinarbeitungen. Sowohl Unter- als auch Oberhaus, die sich beide haargenau gleichen, sind nach englischen Vorbild konstruiert.

Das Esszimmer, aufgrund der zahlreicher Landschaftsbilder umbenannt in „Jagdzimmer“, dient heute wieder seinem eigentlichen Zweck, dem Speisen und Trinken der Abgeordneten in Tagungspausen. Die Freskos an den Wänden stellen unter anderem die vier ältesten Burgen Ungarns dar, wovon sich heute aber nur noch eine im ungarischen Staatsgebiet befindet, die Restlichen als Folge der Friedensvertragklauseln an Rumänien, die Slowakei und Tschechien abgetreten werden mussten.

Noch einige allgemeine Angaben zum Parlament:

Im ganzen Gebäude befinden sich 6 hydraulische Fahrstühle, die aus Rosenholz gearbeitet sind.

Alle Uhren im Haus werden durch eine Zentrale im Keller geregelt, was nicht bedeutet, daß alle Uhren genau gehen, aber dann wenigstens alle gleich falsch gestellt sind.

Das Heizungssystem wird über einen Brunnen reguliert und ähnelt einer heutigen Fußbodenheizung; im Sommer wird die warme Luft durch Eiskammern geleitet, die diese dann kühlen und auffrischen, im Winter wird die kalte Luft in eine Art Sauna geleitet, die ihr Wasser durch einer Art Fontäne aus dem besagten Brunnen bezieht.

Budapest als kulturelles Zentrum

Als Buda Hauptstadt des Landes und königliche Residenz wurde, entwickelte es sich auch zum Zentrum der Kultur. 1472 eröffnete András Hess in Buda seine Druckerei, eine der ersten Druckereien Überhaupt. Zu dieser Zeit unterrichteten bereits Dominikaner Hochschulunterricht, der aber unter der Herrschaft der Türken eingestellt wurde. 1777 wurde die Universität von Tyrnau (Tschechei), die 1635 gegründet worden und zu diesem Zeitpunkt einzige im ganzen Land war, nach Buda und von dort 1784 nach Pest verlegt. Daß sich die Universität in Pest befand und hier die Professoren und eine zunehmende Zahl von Studenten ihre wissenschaftliche Tätigkeit entfalteten, spielte im Leben der Stadt und bei der Verbreitung von Wissenschaft und Kultur eine bedeutende Rolle.

Heute gibt es zwar in mehreren Städten Ungarns Universitäten oder Hochschulen (im ganzen Land sind es fast 60 Hochschulinstitutionen), doch der größte Teil der Hochschuleinrichtungen ist nach wie vor in Budapest konzentriert; darunter befinden sich bedeutende Ausbildungsstätten der Kunst, die Hochschulen der Musik, für Bildende Kunst, für Kunstgewerbe und für Schauspielkunst.

Auf Initiative von Graf István Széchenyi wurde 1825 die Wissenschaftliche Gesellschaft gegründet. Aus ihr ging die Ungarische Akademie der Wissenschaften hervor, deren Tätigkeit heute alle Wissenschaftsteile umfasst. Die Akademie gliedert sich in 10 Fachabteilungen, die ferner durch zahlreiche Forschungsinstitute, die neben theoretischen Fragen verschieden Probleme untersuchen, die auf die Bedürfnisse der Volkswirtschaft zurückgehen, ergänzt werden. Daneben gibt es noch annähernd 50 weitere Forschungsinstitute in der Hauptstadt.

Die Literatur war im Mittelalter fast ausschließlich in lateinischer Sprache abgefasst. Aus dem 13. bis 15. Jahrhundert sind nur wenige zusammenhängende ungarische Texte religiösen Inhalts erhalten. Die Spracherneuerungsbewegung im Interesse der Entwicklung einer ungarischen Nationalsprache eröffnete der Literatur Ende des 18. Jahrhunderts neue Perspektiven. Diese aus der Intelligenz kommende Bewegung verfolgte das Ziel, sich von der vom Wiener Hof angestrebten Verdeutschung und von der deutschen Amtssprache unabhängig zu machen, die Nationalsprache neu zu beleben, eine ungarische Literatursprache zu entwickeln und diese als Ausdrucksmittel für die höchsten literarischen und wissenschaftlichen Gedanken einzusetzen.

Bald erschienen die ersten ungarischsprachigen Romane, literarische Jahrbücher und Zeitschriften. Fremdsprachige Literatur wurde in das ungarische übersetzt, eine selbständige ungarische Theaterliteratur entfaltete sich, und 1837 wurde das aus öffentlichen Spenden Pester Ungarische Theater eröffnet.

Den Ideen der 1848er Revolution und ihres großen Lyrikers Sándor Petöfi ist es zu verdanken, daß in der Literatur die volkstümliche Richtung in den Vordergrund rückte.

In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen schlossen sich die Besten der bürgerlichen Kultur im ungarischen PEN-Club und in der János-Vajda-Gesellschaft zusammen. Einige so genannte literarische Kaffeehäuser entwickelten sich zu echten schöpferischen Werkstätten, in denen Schriftsteller, Dichter und Kritiker zusammenkamen, diskutierten und oft auch ihre Werke schrieben, wie z.B. im Café New York (nach dem 2. Weltkrieg bis zur »Wende«: Café Hungária).

Seit 1945 ist der Ungarische Schriftstellerverband der Mittelpunkt des literarischen Lebens im Lande. Das internationale Ansehen des Ungarischen PEN-Clubs ist gestiegen. Abgesehen von einigen Provinzzeitschriften befinden sich heute alle Buchverlage in Budapest. Sie geben jährlich mehr als 90 Millionen Bücher sowie namhafte Zeitschriften, Tageszeitungen, Wochen- und Monatsblätter heraus.

Budapest ist gleichzeitig das Zentrum der ungarischen Filmproduktion und des Ungarischen Rundfunks und Fernsehens.

1802 wurde in Pest die Széchényi-Nationalbibliothek gegründet, die seither alle in Ungarn erscheinenden und auf Ungarn Bezug nehmenden Druckerzeugnisse sammelt.

Die Budapester wissenschaftlichen Zentral- und Fachbibliotheken, wie zum Beispiel die Universitätsbibliothek, die Parlamentsbibliothek, die Bibliothek der Akademie der Wissenschaften, die Pädagogische Zentralbibliothek und Dokumentationszentrale, und andere, halten die gesamte Fachliteratur des wissenschaftlichen und kulturellen Lebens bereit. Ihr reichhaltiger fremdsprachiger Buchbestand steht auch Ausländischen Forschern und Lesern zur Verfügung. Außerdem stehen noch zahlreiche Betriebsbüchereien für die allgemeine und fachliche Weiterbildung zur Verfügung.

Die archäologische und historische Sammlung des Ungarische Nationalmuseums gibt einen Überblick über die Geschichte Ungarns von den Prähistorischen Zeiten bis fast zur Gegenwart. Im Museum der Bildenden Künste, in der Ungarischen Nationalgalerie und im Kunstgewerbemuseum findet der Besucher weltberühmte Meisterwerke der ungarischen und europäischen bildenden Künste und des Kunstgewerbes. Außerdem gibt es in Budapest spezielle Museen für Ethnographie, Landwirtschaft, Handel und Gaststättengewerbe, Arbeiterbewegung, Kriegsgeschichte, Literatur und Naturwissenschaften.

Ein ausgedehntes und breit gefächertes Schulwesen bildet die Grundlage für die Allgemeinbildung. In Ungarn ist der Abschluss der achtklassigen Grundschule für alle Kinder obligatorisch, danach können sie in Gymnasien, Fachoberschulen oder Berufsschulen weiter lernen. Die Erwachsenenqualifizierung vollzieht sich im Rahmen von Abend- und Fernkursen.

In der außerschulischen Volksbildung kommt der Gesellschaft zur Verbreitung Wissenschaftlicher Kenntnisse eine bedeutende Rolle zu. Sie organisiert populärwissenschaftliche Vorträge und Studienexkursion. Zahlreiche Kulturzentren und Kulturhäuser geben Zehntausenden Gelegenheit zur Weiterbildung und kulturellen Freizeitgestaltung.

Noch einige Worte zum ungarischen Musikleben, zu dem Budapest ebenfalls seit einem Jahrhundert das Zentrum bildet:

Anfang diese Jahrhunderts legten einige engagierte Zeitgenossen den Grundstein zu einem weit gespannten Musikschulnetz mit der Gründung der Musikhochschule, die heute unter der jüngeren Generation mehrere hervorragende Komponisten und Vortragskünstler hervorbringt und somit ihr hohes Bildungsniveau unter Beweis stellt. Auch das bedeutendste Orchester Ungarns, die Ungarische Nationalphilharmonie, hat ihren Sitz in der Hauptstadt. Regelmäßig finden zudem Wettbewerbe mit internationalem Ruf statt.

Architektur, Malerei und dekorative Kunst in Budapest

Auf dem Gebiet des heutigen Budapests läßt sich künstlerisches Wirken fast zehntausend Jahre zurückverfolgen. Die handgeformten und mit eingeritzten Ornamenten verzierten Tongefäße aus dem Neolithikum können wir bereits als erste kunstgewerbliche Schöpfungen bezeichnen. Vor annähernd 4000 Jahren entstanden reich gemusterte Gefäße der »Glockenbecher-Kultur«, sowie in den folgenden Kulturen der Bronzezeit formenreiche Keramiken. Die aus dem 2. Jahrtausend v.Chr. stammenden Metallgegenstände, wie Haarnadeln, spiralförmige Anhängsel und Fibeln, dienten der Goldschmiedekunst später als Vorbild.

Die frühe Eisenzeit (9. bis 5. Jahrhundert v.Chr.) brachte ebenfalls Keramik- und Metallgegenstände hervor, die ungefähr zu Beginn unserer Zeitrechnung in diesem Gebiet mit den Kelten, der Töpferscheibe und den darauf entstandenen Tongefäßen abgelöst wurden; heute sind Materialien aus den urgeschichtlichen Kulturen im Ungarischen Nationalmuseum oder im Burgmuseum zu bewundern.

Die Römerzeit (1. bis 5. Jahrhundert) führte dann die Zeiten der Wandmalereien und Statuen ein, die im Gegensatz zu den Kapitellen, Stuckgesimsen und Mosaikfußböden eher provinziellen Charakter hatten. Die meisten Wandmalereien sind im Museum von Aquincum anzusehen ebenso wie einige Werke der Bildhauerei aus Stein, Bronze und Ton und einer Anzahl reliefverzierter Grabmäler.

Aus der Zeit der Völkerwanderung sind besonders die Goldschmiedekünste von künstlerischem Wert, deren beste Arbeiten von den Hunnen, Awaren, Langobarden und landnehmenden Magyaren stammen.

Schöpfungen der bildenden Kunst sind erst aus dem 12. Jahrhundert erhalten geblieben. Die wohl bekanntesten Stücke dieser Epoche, die ungarische Königskrone, das Zepter und der Krönungsmantel sind allesamt wie eine Auswahl an zuvor genannten Künsten in Nationalmuseum ausgestellt.

Der romanische Stil, von dem noch einige Steinmetzarbeiten und Goldschmiedewerke erhalten sind, erlebte seine Blütezeit in Ungarn im großen und ganzen bis zum Mongoleneinfall 1241.

Eine größere Anzahl an Kunstwerken hinterließ die Gotik in Budapest, zu sehen an zahlreichen Gebäuden des Burgviertels. Besonders charakteristisch sind die gotischen Sitznischen an den Toreinfahrten vieler mittelalterlicher Häuser in diesem Viertel. Ursprünglich war auch die Matthiaskirche im gotischen Stil gebaut, jedoch wurde beim Umbau um die Jahrhundertwende eher auf den spätgotischen Stil des 14. und 15. Jahrhunderts zurückgegriffen bzw. einige Details fielen ganz weg.

1974 entdeckte man bei Restaurierungsarbeiten auf dem Gelände des Königspalastes in der Burg von Buda fast 40 mehr oder weniger gut erhaltene gotische Skulpturen, die auch aus europäischer Sicht von weittragender Bedeutung sind. Die schwungvollen, individuell gestalteten Kunstwerke vermitteln einen hervorragenden Eindruck von Trachten und Kleidung der damaligen Zeit und genießen einen hohen Seltenheitswert aufgrund ihrer profanen Darstellungen.

Ebenfalls im Burgmuseum zu sehen, ist der Renaissance-Schmuck des Budaer Burgpalastes, in Form von Marmorarbeiten, Fußboden- und Ofenkacheln, die zum Teil restauriert sind. Als fast vollkommen unversehrt erhaltene Baudenkmäler der Türkenzeit sind das Rudasbad und das Király-Bad zu nennen, zu denen es nördlich und westlich europaweit keinen Vergleich gibt. Erhalten ist auch eine türkische Grabkapelle aus dem 16. Jahrhundert, die Türbe des Derwischs Gül Baba auf dem Rózsadomb, die eins ein namhafter Wallfahrtsort des Islam war und heute wieder von vielen besucht wird.

Als die Christen 1686 Buda und Pest zurückeroberten, fanden sie fast nur Trümmer vor. Deshalb ist sowohl Buda wie Pest verhältnismäßig arm an Bauzeugen aus dem Mittelalter und der Renaissance. Der Wiederaufbau begann in größerem Umfang im 18. Jahrhundert, doch die Gebäude wurden nun natürlich dem damaligen Bauempfinden entsprechend nicht im Original-, sondern im Barockstil wiederhergestellt. Zahlreiche schöne Barocke Kirchen und Wohnhäuser legen Zeugnis ab von der Kunst der hier ansässigen Meister. Sehenswert sind vor allem die St.-Annen-Kirche und die ehemalige Kirche der Elisabethinerinnen[**] auf der Budaer Seite sowie die Universitätskirche in Pest.

[**]    »Elisabethinerinnen, auch Elisabethinnen oder Elisabethinen (Schwestern v.d. hl. Elisabeth) sind seit im Mittelalter Schwestern franziskanischer Prägung, die sich in der Nachfolge der hl. Elisabeth von Thüringen sozial-karitativen Aufgaben (v. a. der Krankenpflege) widmen.« ( http://www.orden-online.de/wissen/e/elisabethinerinnen/

Monumentalster Pester Barockpalast ist das Rathaus, Sitz des Hauptstädtischen Rates, das in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Kriegsversehrtenheim entstand. Das Kisceller Museum und die Ungarische Nationalgalerie besitzen reiche Sammlungen barocker Bildhauerwerke, Malerei und Bauplastik aus Buda und Pest. In Óbuda wurde die Architektur und Bildhauerei mit lokalen Elementen bereichert, repräsentativste Beispiele sind die Óbudaer Pfarrkirche und das einstige Schloss Zichy.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dominierte in der ungarischen Kunst der Klassizismus, der sich die klaren, strengen Formen des klassischen Altertums zum Vorbild nahm. Dies war die Zeit, in der das ungarische Nationalbewusstsein erwachte, wodurch auch die Bautätigkeit begünstigt wurde; so entstand zum Beispiel das Ungarische Nationalmuseum, heute als schönstes klassizistisches Bauwerk in Budapest angesehen.

In den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts setzte sich die Romantik in der Baukunst durch, während der klassizistische Stil weiter lebte. Miklós Ybl, ein hervorragender ungarischer Architekt aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, verwendete bei einer reihe von öffentlichen und Privatgebäuden vor allem italienische Renaissance- und frühbarocke Stilelemente, bestes Beispiel wohl seine Konstruktion des Opernhauses.

Die Millenniumsfeierlichkeiten zum Ende des vorigen Jahrhunderts, die vielen groß angelegten Veranstaltungen anlässlich der Tausendjahrfeier der ungarischen Landnahme, begünstigten ganz besonders die historisierende Stilrichtung.

Das neogotische Parlament, ein Werk von Imre Steindl, bestimmt gewissermaßen das gesamte Stadtbild. Ödön Lechner unternahm um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert den interessanten Versuch, einen ungarischen inspirierten Baustil zu entwickeln. Beispiele dafür sind das Gebäude des Kunstgewerbemuseums und das Haus der ehemaligen Postsparkasse, heute der Ungarischen Nationalbank.

Damit begann in Budapest die Zeit der Sezession (des ungarischen Jugendstils), die die Stadt in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts mit zahlreichen Gebäuden bereicherte. Diese aus Wien kommende Stilrichtung machte im Gegensatz zu der früheren historisierenden Richtung die Verwendung von Eisenbeton und Glaskonstruktionen möglich, die auch heute noch modern wirken. Hervorragendster Vertreter dieses neuen, Stofflichkeit und Funktionalität betonenden Baustils war zu Beginn des Jahrhunderts Béla Lajta. Jedoch setzten ihm und seinen zeitgenössischen Nachfolgern in ihren Bauunternehmungen der Zweite Weltkrieg jäh ein Ende.

Die Entwicklung der Bildhauerei, die früher hauptsächlich auf den kirchlichen Bereich beschränkt blieb und nicht wesentlich über das Steinmetzniveau hinausging, nahm sozusagen mit István Ferenczy zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Anfang und erreichte in den romantischen Werken von Miklós Izsó einen Höhepunkt. Die Bildhauerwerke auf öffentlichen Plätzen, die Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, sind im allgemeinen im Stil des Akademismus gehalten.

Der neobarocke Stil stand in der Bildhauerkunst bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in der Blüte, so stammen viele große, für Budapest zum Wahrzeichen gewordene Werke aus jener Zeit. Aber alle hier bereits genannten und viele Dutzende Künstler mehr fanden wahre Anerkennung und Achtung für ihre Künste erst nach der Befreiung Ungarns im Jahre 1945.

Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte der neue, demokratische Geist eine entscheidende Veränderung in allen Zweigen der ungarischen bildenden Kunst, was sich besonders deutlich in Budapest abzeichnete. Ende der vierziger Jahre, Anfang der fünfziger Jahre wurden die modernen Richtungen zwar vorübergehend von einer erzwungenen, neoklassizistischen Kunstauffassung des  »sozialistischen Realismus« bzw. der »stalinistischen Ornamentik« (»Zuckerbäckerstil« wie er sich im ganzen Ostblock in repräsentativen Gebäuden durchsetzte) zurückgedrängt, doch Ende der fünfziger Jahre konnten sie sich bereits wieder relativ frei entfalten. Das Kádár-Regime nahm wenig Einfluss auf die Kunstausübung, solange sie keine grundsätzlich systemgefährdende Rolle spielte.

Und obwohl im Städtebau die neuen großen Wohnviertel mit den Hochhäusern in Plattenbauweise, schnell errichtet, um die drängende Wohnungsnot des schnell wachsenden Budapest zu mindern,  der schöpferischen Phantasie wenig Spielraum lassen, zeugen doch einige Gebäude vom Talent der ungarischen Architekten der Gegenwart. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts brachte Ungarn keinen außergewöhnlichen Maler mehr hervor, jedoch werden in unregelmäßigen Abständen die Werke der ungarischen Gegenwartsmaler, zeitgenössischen Bildhauer und Kunstgewerbler in der Budapester Kunsthalle, einer Reihe von Galerien und Ausstellungsstücken quer über den Stadtbereich verteilt, sowie der Ungarischen Nationalgalerie ausgestellt.

Verfasser: Axel Schütte

Der Balaton und seine Umgebung

Der Balaton ist das größte stehende Wasser Ungarns und auch Mitteleuropas. Der See wird auch »Ungarisches Meer« genannt, obwohl er in keinerlei Zusammenhang mit dem Binnenmeer steht, das um Ende des Tertiärs das Pannonische Becken überflutete.

Das Grabenbecken des Balatons ist ganz jung. Es entstand am Ende des Pleistozäns im südlichen Vorland des Bákonys durch stufenweise Senkungen entlang von südwest-nordöstlicher Brückenlinien. Die Wasserflüche des Balatons beträgt rund 600 km². Der See ist 77 km lang und an der breitesten Stelle 14 km breit. Im Vergleich zu seiner Größe ist das Seebecken sehr seicht. Der Durchschnitt liegt bei 3-4 m; die größte Tiefe, 11 m, misst man im so genannten Tilhanger Brunnen.

Die Wasserfassung des Balatons ist infolge seiner geringen Tiefe nicht groß (1800 Mill./m ). Auf der gewaltigen Fläche verdunstet jedoch mehr Wasser, als die Mengen die er durch den Niederschlag wieder erlangt.

Die Wasserzufuhr wird besorgt durch den Fluss Zalen und die am Nordufer heimischen Bäche. Der Wasserstand des Balaton ist schwankend.

Die Wassertemperatur des Sees steht im engen Zusammenhang mit dem Klima seiner Umgebung. Im Sommerhalbjahr herrscht das kontinentale Klima vor, während zum Ende des Sommers und Anfang des Herbstes, vor allem im südwestlichen Teil, das mediterrane Klima seine Wirkung ausübt. Einen Grund dafür bilden die zeitweilig eindringenden ozeanischen Luftmassen.

Diese gelangen zumeist über das Bakonygebirge als Sturmwind zum Balaton und verursachen zeitweilig stürmisches Wetter. Der vorherrschende Nordwestwind erreicht die Balatongegend über das bewaldete Bakonygebirge.

Darum ist die Luft um Nordufer staubfrei und nur mittelmäßig feucht. Der Wind bewirkt am Balaton 3 Arten der Wasserbewegung:

  • den Wellengang

  • die Strömung

  • die Schwingung des Wassers.

Die Wasserströmung wird zumeist durch den Nordwest-Wind verursacht. Der Wind drückt das Wasser am Nordufer herab und schwellt es an das Südufer. Zur Wiederherstellung des Gleichgewichtszustandes strömt das Wasser am Seeboden wieder zurück.

Der Balaton ist ein Heilbad, und sein Wasser ist von therapeutischer Wirkung wie z. B. die Kohlensäure- Bäder um Nordufer oder das schwefel- und radiumhaltige Thermalwasser. Das Klima der Seegegend spielt eine wesentliche Rolle hierbei; zudem ist der See sauerstoffreich, sanft laugig und kalkhaltig.

Die Umgebung des Balatons ist landschaftlich sehr abwechslungsreich. Das Nordufer ist von dem Vorderland des Balatongebirges, dem terrassenartig aufgebauten Balatonoberland, umrahmt. Durch das Balatonoberland zieht sich eine lückenlose Triasschichtreihe, die noch dem inneren des Gebirges Li um 10°–20° einfällt und unmittelbar am Ufer sich an ein kristallines Grundgebirge anlehnt. Dieses letztere ragt auch noch im Verlauf des Alttertiärs an Stelle des heutigen Seebeckens und davon weiter südlich bis zum Mecsekgebirge empor. Seine Überreste sind am Nordufer des Balatons in 80-100 m Tiefe zu finden.

Geht man am Nordufer des Balatons vom Seebecken aus, so durchquert man eine sich sanft erhebende, von Flusstälern durchfurchte doppelte Terrainstufe. Diese einstige Abrasionsterrasse nennt man die Balatonriviera. Der Abhang am Nordufer des Balatons, im Windschatten des Bakonygebirges, hat mit seinen Weinbergen und Obstgärten einen mediterranen Charakter.

Von der Balaton Riviera führt ein steiler Abhang zum eigentlichen Balatonoberland über. Das Hochplateau von Nagyvazsony Veszprem bildet dessen östlichen und nordöstlichen Teil. Es besteht hauptsächlich aus kahlem Dolomit. Die Landschaft in der Westhälfte des Balaton-Oberlandes hat einen anderen Charakter. Hier tritt verkarstender Kalkstein an Stelle des Dolomit, zudem sind die ausgedehnten Basaltdecken typisch für die Gegend. Im weiteren Tapolcaer Becken reihen sich voneinander gesondert die kugelförmigen oder abgestumpften Zeugenberge mit Basaltdecken bis an das Seeufer. Im Norden erhebt sich der Harlop (361m), in der Mitte des Beckens der Sankt Georgsberg (414m) und am Rande des Beckens befinden sich Hajages, Csobány, Gulács und Totohegy. Am Südrund des Beckens, unmittelbar am Ufer des Balatons, ragt der massige sargförmige Badascony, der das Landschaftsbild des Balaton-Oberlandes am markantesten zeichnet.

Ein Kleinod des Balatons ist die Halbinsel Tihany. Ein Teil ihrer Fläche ist aus Basalttuff aufgebaut, der im Laufe der Postvulkanischen Tätigkeit von hungerten von Geysiren und heißen Quellen durchbrochen wurde. Man findet auf den Hügeln auch heute noch an die hundert Überreste der einstigen Gebirgskegel, nämlich kleine Hügel aus Hydroquarzit. Auf Grund ihrer Flora und ihrer Baudenkmäler ist die Halbinsel zu einem Schutzgebiet erklärt worden.

2. Tourismus am Balaton

Viele Touristen, die nach Ungarn reisen lieben den Balaton. Westliche Urlauber haben ihn vor Jahren als Billig-Paradies entdeckt und manche kommen seitdem jedes Jahr zum Campen. Selbst Budapester reisen fürs Wochenende aus der Hauptstadt an, Intellektuelle wie Arbeiter.

Die Hochsaison-Wochen sind von Juli bis August. In dieser Zeit verdrängt die Zahlungskraft der Besucher aus den deutschsprachigen Ländern die ungarische Landessprache. Die Gasthäuser haben deutsche Namen und klassische deutsche Gerichte werden geboten. Oftmals kommen so viel Urlauber in kleine Städtchen, daß diese Menschenzahl das vier- oder fünffache der Einwohnerzahl ist. Zu diesem Zeitpunkt fühlen sich die Einwohner oftmals nicht wohl in ihrem Städtchen und bleiben meistens zu Hause.

Das Leben am Balaton ist für die Einheimischen recht teuer. Den amtlichen Angaben zufolge liegen die Lebenshaltungskosten am Balaton um rund 30 Prozent über dem Landesdurchschnitt, denn die meisten Restaurants und Cafes kassieren Sonderpreise.

Die Plattenseeregion erwirtschaftet gut ein Drittel der Fremdenverkehrseinnahmen des Landes. Rund sechs Millionen Touristen kamen 1988 zum Balaton. Diese starke Konzentration aller Reisenden ist ein großes Problem der Region, denn die Menschen sind auf den begrenzten Raum zusammen drängt, vor allem an den wenigen eintrittsfreien Stränden, die nicht zu einem Hotel, Erholungsheim gehören oder im Privatbesitz sind.

Umweltaktivitäten sind für das Touristengebiet Balaton sehr nötig, vor allem wegen den tausenden von Tonnen Sonnenöl, die Jahr für Jahr von Urlaubern ins Wasser getragen werden. Deswegen ist es ein Glück, das die Urlaubssaison nur so kurz ist. Die Wasserqualität des Sees hat sich zwar durch verstärkte Kontrollen und des Baus von Kläranlagen verbessert, jedoch werden im Westzipfel immer noch bedrohliche Werte gemessen. Wegen der strengen Wasserschutzvorschriften wurde das Befahren des Sees mit motorisierten Sportbooten seit 1976 verboten. Allerdings treten immer noch ökologisch alarmierende Schäden auf, durch den Ausbau der Ferienorte rund um den Balaton und deren nicht umweltfreundlichen Entwässerungsanlagen, sowie durch künstliche Düngemittel, die im Bereich der Uferzone angewendet worden sind.

Quellenangaben:

  1. Grieben, Reiseführer, Band 228, »Ungarn«. Hrsg. : Grieben Verlag GmbH, München

  2. Schroeder Reiseführer »Ungarn« von Bronja Weierstahl. Bruckmann KG, München, 1989

  3. »Ungarn«. Hrsg. : Matthias Meisner. VSA-Verlag, Homburg, 1990

  4. »Die Geographie Ungarns« von M. Pecsi und W. Sárfálvi. Corvina Verlag

  5. »Ungarn – Landschaft, Geschichte, Kultur« von Herbert Gottschalk. Verlag W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart, 1970

III. Berichte vom Reiseprogramm

Fr./Sa., 10./11. September 1995

Rundgang über den Burgberg am Nachmittag des Ankunftstages, 16.30-18.45 Uhr

Die Burg war ursprünglich Sitz des Albert des IV, später der Königschaft. Es ist eine Festung in Buda, auf einer Travertin-Kalkschicht aufgebaut wurde. Durch diese eben Kalkschicht war die Festung unabhängig, sie verfügte über eine eigene Wasserversorgung.

Sie befindet sich an der schmalsten Stelle der Donau, wodurch das Überqueren des Flusses verhältnismäßig leicht war. Durch den II. Weltkrieg (Zerstörungen) fanden Ausgrabungen statt, wobei man herausfand, daß die Travertin-Schicht 13 km lang ist, und ein natürliches Höhlensystem darbietet, das sich besonders als Schatzkammer oder Lebensmittellager eignete. Während der Verteidigung der Burg im Krieg flüchteten die ungarischen Soldaten in das Höhlensystem, wodurch sie für die Angreifer nur schwer erreichbar waren.

Die Fischerbastei stellt einen großen musealen Wert dar, sie befindet sich unter Denkmalschutz und war bis zum Ende des zweiten Krieges Goldkammer der ungarischen Regierung. Dort befanden sich auch das »Herz« der ungarischen Energieversorgung, sowie das Forschungszentrum der Akademie.

Die Fischerbastei umfasst ein 8 km. langes Uferschutzsystem, es spielt keine besondere Rolle in der Stadtgestaltung, allerdings besitzt sie einen großen touristischen Wert.

Verfasser: Rita Taureck und Wojciech Grohn

Sonntag, 10. September 1995

»Budapest«

Ein Vortrag von Prof. Dr. Zoltán Antal

Das 525 km² große Budapest besitzt eine typische Geographie für ungarische Großstädte, die Einteilung der Viertel erfolgte nach Nationalitäten. Seit 1950 entstand Großbudapest, doch bereits nach Ende des II. Weltkrieges wurden Vororte, sowie mehrere kleinere Ortschaften zum alten Stadtkern hinzugezogen. Durch starke Unterschiede zwischen den Innen- und Außenbezirken ergaben sich bis heute noch nicht gelöste Probleme; die gut ausgebaute Kanalisation, Wohnfläche und Infrastruktur der Innenstadt konnte in den Außenbezirken nur unzureichend oder gar nicht übernommen werden. Durch die unzureichend ausgebaute Kanalisation im höher gelegenen Ostteil der Stadt gelangen die ungeklärten Abwasser durch die Gesteinsschichten in das Grundwasser, und auf Grund der Fließrichtung unter die Innenstadt, damit verbunden die Verschlechterung der Trinkwasserqualität (siehe Protokoll »Wasserwerk«).

Das Problem des mangelnden Wohnraums wurde in den 50er Jahren, zur Zeit der Re-Industrialisierung, durch Aufteilung vorhandener Wohnkapazitäten versucht zu lösen

(aus 1 mach 2). Eine weitere Maßnahme zur Reduzierung von Neuansiedlungen waren administrative Beschränkungen, wonach nur diejenigen eine Wohnberechtigung erhielten, die einen Arbeitsplatz in Budapest vorweisen konnten, angesichts des hohen Arbeitskraftbedarfs keine Seltenheit. Anfang der 60er erreichte die Wohnungsnot einen neuen Höhepunkt, so daß die damalige Regierung eine schnelle Lösung finden mußte, weshalb die in der DDR bewährten Plattenbauten am Stadtrand errichtet wurden. In den ausgewiesenen Wohnvierteln entstanden 50.000 neue Wohneinheiten, während in den östlichen Randgebieten die dörfliche Struktur erhalten blieb.

Hohe Miet- und Grundstückspreise ließen im Laufe der Zeit die Wachstumsquote der einzelnen Wohnviertel stagnieren.

Um die Stadtentwicklung Budapests nachvollziehen zu können, sollte man einen Rückblick auf die Besiedlung während der römischen Besatzungszeit werfen.

Schon damals war die Donau (Duna) ein wesentlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens, sie diente den Römern als natürliche Grenze zu ihren Nachbarn (Limes). Die größte Gefahr seitens dieser Barbaren bestand darin, daß die Eisbildung im Schatten des 150 Meter hohen Budaer Berges einen Angriff ermöglichte, waren doch die Brückenköpfe der Römer gut befestigt.

Die damals errichteten Handelsstraßen der Römer, bestehend aus vulkanischen Gestein (Basalt), der aus einer 40km entfernten Mine gewonnen worden ist, bilden auch noch im heutigen Ungarn die Grundlage der Hauptverkehrswege. Selbst eine über weite Strecken verlaufende Route über Aquincum an der Donau entlang, von den Römern geplant und verwirklicht, dient als Grundlage für die jetzige Straßenführung. Um die Bevölkerung und die Armee mit genügend Trinkwasser versorgen zu können, ließen die Römer eine 20km lange Wassertrasse bauen, Teile dieser Konstruktion sind derzeit auch noch zu sehen. Um 110 n.Chr. endete die Vorherrschaft der Römer, damit auch der Ausbau der Handelswege und Handelszentren. Dafür kamen um 555 n.Chr. die Magyaren und besiedelten die Gebiete an der Donau.

Zu diesem Zeitpunkt waren Buda und Pest noch zwei unterschiedliche und selbständige Siedlungen. Erst 1873 kam es zu einer Vereinigung dieser verhältnismäßig stark bevölkerten Lebensräume. Bedeutend für diese Gegend waren die naturgeographischen Begebenheiten, zum einen war und ist die Donau in dieser Gegend am schmalsten (nur bis zu 300m), weshalb an dieser Stelle auch die Elisabethenbrücke gebaut worden war, zum anderen treffen in dieser Region die Bergzone und das so genannte Flachland aufeinander, was eine Verknüpfung zweier wesentlicher Wirtschaftsräume der damaligen Zeit war. Ein weiterer Grund für die enorme Expansion Budapests und der Umgebung war die Nähe zu großen Kalksteinreserven (20 - 25km), die über mehrere hundert Jahre hinweg für Häuserbau und ähnlichem, wie das Parlamentsgebäude, abgebaut wurden; große Steinminen befinden sich im heutigen XXII. Bezirk Budapests.

Die durch den Abbau entstandenen Hohlräume und die natürlichen Höhlen wurden in der Zeit der k.u.k. Monarchie wiederentdeckt, ihre neue Nutzung bestand aus der Beherbergung der größten Bierbrauerei des Landes, sowie in anderen Höhlen das Weinkombinat, da in den Gesteinsschichten die Temperatur und Luftfeuchtigkeit relativ konstant blieben.

Ein großer negativer Aspekt der Höhlensysteme in vier Städten war die Bebauung von Areal, worunter sich ein solcher Höhlenkomplex befand. Die Folgen dieser Bebauung war der Einsturz mehrerer Häuser in den 60er Jahren.

Durch die Industrialisierung bekam der Export von Lebensmitteln einen wesentlichen Aufschwung, hervorgerufen durch die Versorgungslage der 50 Mio. Einwohner des »k.u.k.-Reiches«, wonach Österreich, Tschechei, Slowakei und Ungarn, sowie etwa 1/2 des heutigen Rumäniens, vor allem 150km² Transsilvanien, kleinere Teile von Jugoslawien und Teile des heutigen Kroatiens und der Westukraine zu diesem Reich gehörten.

Durch die große Produktionsmenge zur Ernährung dieser Bevölkerung, kam es dann auch ziemlich schnell zu einer Überproduktionen, die auf dem Westeuropäischen Markt dankenden Absatz fanden. Die Hauptstandbeine waren Mehl, Wein; Bier und Konserven jeglicher Art. Die meisten der Betriebe waren in der Hand von so genannten Industriebaronen, die ein großes Industriegebiet erbauten, um in der Rüstungsindustrie genügend Potential zu schaffen. Es entstand die zweit größte Waffenproduktion, die jemals in der k.u.k. vorkam. In Zahlen bedeutet dies, daß bis Ende des I .Weltkrieges ungefähr 30.000 Bürger in der Waffenproduktion angestellt waren.

Nach dem Ende des I. Weltkrieges und der 2/3 Teilung Ungarns waren die großen Produktionsstätten in erheblicher Beweisnot, um ihr Dasein zu begründen, weshalb zum Auffangen der kommenden Arbeitslosen ein neuer wirtschaftlicher Schwerpunkt festgelegt wurde, die Textilindustrie. Nach dem Verbot der Rüstungsindustrie kam es erneut zu Engpässen in der Arbeitsplatzzahl.

Wurde Budapest schon bei den Römern als infrastruktureller Mittelpunkt des Landes gesehen, so entwickelte sich diese Stadt immer mehr zu einem Vorbild für ganz Ungarn. Liefen nicht nur alle Fernstraßen durch Budapest, sondern war auch die erste Eisenbahnlinie Teil eines umfassenden Aufbauprogramms. Sämtliche Eisenbahnlinien und Hauptverkehrswege des Landes führten radial auf die Stadt zu, da hier unter anderem auch die einzige nennenswerte Eisenbahnbrücke Ungarns stand.

Die heutige Problematik der Stadt Budapest ist vor allem von den Menschen selbst gemacht, da das Abwasser in die Donau geleitet wird und dadurch sind die Bewohner im Süden auf Grund der Fließrichtung der Donau den Gerüchen ausgesetzt, während der Wohnungsbau im sauberen Norden der Stadt stetig expandiert. Zur Zeit der DDR, war Budapest noch ein Treffpunkt der Ostdeutschen untereinander, sowie der einzige Weg, um sich mit Westdeutschen Verwandten zu treffen, ohne irgendwelche Repressalien in Kauf nehmen zu müssen.

Als zukunftsträchtiges Projekt ist der Ausbau des Schienennetzes zu betrachten, da es in Ungarn auf Grund geringer Distanzen keinen Inlandsflugverkehr gibt.

Verfasser: Robert Waldmann, Tillmann Wege

Stadtrundfahrt durch Budapest

Die im 19. Jahrhundert von den Österreichern erbaute Zitadelle auf dem St. Gellert-Berg diente diesen zur Verteidigung gegen das ungarische Volk. Der aus der Besetzung resultierende Wirtschaftszusammenbruch wurde im Jahre 1867 durch österreichische Zugeständnisse an Ungarn beendet.

Neben der Zitadelle wurde die Freiheitsstatue von Ungarn gebaut, die eigentlich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als »Befreiungsdenkmal« Ehrenmal der sowjetischen Armee war und erst nach der politischen Wende 1989/90 unter Entfernung der sowjetischen Insignien und Inschriften zu einem allgemeinen Freiheitsdenkmal umgewidmet wurde.

In der Nähe des Gellert-Berges entstand ein elegantes Wohnviertel, in dem heute Botschaften, Privatbanken und »Residenzen« der neuen reichen Oberschicht ihren Sitz haben. Um dieses auf den Budaer Bergen liegende Viertel erreichen zu können, baute man eine Zahnradbahn, da die Steigung für normale Straßenbahnen zu groß war.

Daneben entstand nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Höhen der Budaer Berge die »Pioniereisenbahn«, die von der Pionierorganisation der ungarischen Parteijugend in der Zeit der Volksrepublik, die ähnlich wie die FDJ in der DDR aufgebaut war, gewartet und betrieben wurde – als große und begehrte Auszeichnung und Ehre für die Jugendlichen, die dafür ausgesucht wurden. Jetzt ist sie aber privatisiert, da die ungarische Jugendorganisation nach der politischen Wende aufgelöst worden ist und zudem heute zu wenig Geld für die staatliche Jugendarbeit zur Verfügung steht.

Obwohl sich am Rande dieses Viertels das zentrale Kerntechnische Forschungsinstitut Ungarns befindet, das 1957 von der Sowjetunion gebaut und ausgerüstet und jetzt durch westliche Firmen modernisiert wurde, sind die Budaer Berge ein attraktives touristisches Ausflugsziel.

Am Fuße der Budaer Berge fließt die Donau, die sich mehrfach an Inseln verzweigt; an ihren Ufern sind viele Sanatorien mit internationaler Bedeutung an den dort entspringenden Heilquellen zu finden. Die Donau teilt die Stadt in die Seiten Buda und Pest. Die Donaubrücken, die die beiden Stadtseiten verbinden, wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört, später aber wieder im alten Stil aufgebaut; nur die Elisabethen-Brücke erhielt eine neue moderne Form.

Die alten römischen Siedlungsgebiete auf der Budaer Seite, deren ältester Teil das Militärlager im heutigen Obuda war, wurde im Lauf der Zeit durch eine bedeutende Bürgerstadt, Aquincum, ergänzt.

Zum Militärlager gehörte das größte Amphitheater der damaligen Siedlung mit 16.000 Plätzen, dessen Fundamente aus Stein, dessen Zuschauertribünen und Bühnenaufbauten aber aus Holz bestanden. Das Steinfundament ist heute wieder ausgegraben worden.

Die Funktion dieser antiken Siedlung, in der 6.000 Soldaten, z.T. mit ihren Familien, und 30.000 Zivilisten lebten, bestand in der Bewachung des Limas, um das Eindringen der »Barbaren« in das Römische Reich zu verhindern.

Wegen des starke Bevölkerungswachstums nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Obuda (= »Alt-Buda«) im Bereich der römischen Militärstadt ein großes Neubaugebiet mit »Wohnsilos« gebaut, die die ursprünglichen kleinen, alten Wohnhäuser verdrängten, was heftige Diskussionen und Proteste auslöste. Beim Bau dieser »Wohnsilos« fand man dann immer mehr römische Ruinen, die man als Denkmäler erhielt und die den Kontrast dieses Gebietes verdeutlichen.

Daran lässt sich auch erkennen, daß sich das Oberflächenniveau seit der römischen Siedlung vor rund 2000 Jahren durch Schutt- und Bodenaufschüttungen um mehr als 2 Meter angehoben hat.

Auf der Ebenen Seite von Budapest, in Pest, befindet sich als eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Heldenplatz, der in kommunistischer Zeit auch als Truppenaufmarschplatz diente und im Seitenbereich mit einem Lenin-Denkmal ausgestaltet war, das sich jetzt im »Statuenpark« am Stadtrand in Richtung Budaörs befindet.

In der Mitte des Platzes ist das Grab des Unbekannten Soldaten zu sehen, das des Öfteren Ziel von ausländischen Staatsbesuchern ist.

Den inneren Platz umgibt halbkreisförmig eine zur Milleniumsfeier der Landnahme Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Ehrengalerie mit den überlebensgroßen Bronzestatuen der Ungarischen Helden, nach denen der Heldenplatz (Hösök tér) benannt ist, der alten Könige und der Siebenbürger Freiheitskämpfer. Reliefs stellen die ungarischen Stämme der Landnahme, die heroischen Stationen der ungarischen Geschichte und die Symbole der ungarischen Nation dar.

Im letzten Jahrhundert wuchs die Stadt beträchtlich. Deshalb wurden die Stadtmauern beseitigt und statt dessen die Straßenzüge des »Kleinen Ringes« gebaut. 1840 wurde der Westbahnhof (Nyugati p.u.) vom französischen Ingenieur Eiffel gebaut, von dem auch der Eiffelturm in Paris stammt. Um 1880 folgte der Bau des Abwassersystems unter dem kleinen Ring, das auch heute noch genutzt wird, die planmäßige Stadterweiterung über den kleinen Ring hinaus und der Bau des Ostbahnhofs (Keleti p.u.), der wie der Westbahnhof heute als bedeutendes Baudenkmal unter Denkmalsschutz steht.

Der Abwasser-Hauptsammler unter dem kleinen Ring verursachte einige Probleme beim Bau der ersten Budapester U-Bahn, die zur Milleniumsfeier und der Eröffnung der Ungarischen Nationalausstellung im neu gestalteten »Stadtwäldchen« fertig gestellt werden sollte. Es stand zwischen der Straßenoberfläche der Prachtallee vom Stadtzentrum (Donauufer und Deák-tér) zum Heldenplatz (der heutigen Andrássy út) und der Oberkante des Abwasserkanals nur ein Raum von ca. 3 m zu Verfügung, was das Maß für die Konstruktion der Tunnelanlagen und der Wagen dieser ältesten U-Bahn auf dem europäischen Kontinent werden sollte. Später, nach 1965, wurde die Strecke der Metro-Linie 1 noch durch das Stadtwäldchen hindurch verlängert. Wegen der geringen Höhe hatte (und hat) diese U-Bahn spezielle Wagen, die man wegen der vorne und hinten über die Drehgestelle emporgebogenen Stahlträger, die den Wagenkasten tragen, auch »Schwanenhalswagen« nennt — Vorläufer unserer heutigen ganz modernen Niederflurwagen mit einem Mitteleinstieg nur wenige Zentimeter über der Schienenoberkante. Diese U-Bahn ist soeben sorgfältig erneuert und in den alten Stationen im Jugendstil der Jahrhundertwende restauriert worden; die Wiedereröffnung fand an unserem letzten Wochenende in Ungarn statt, so daß einige von uns noch am Montag Nachmittag nach unserer Rückkehr nach Budapest die Gelegenheit zu einer ersten »Einweihungsfahrt« nutzten.

Verfasser: Helene Isaak, Bettina Bruns, Christiane Leyhe

Protokoll vom Sonntagnachmittag im Széchenyi-Bad

Nach einer gemeinsamen Stadtrundfahrt endete das offizielle Programm und der Nachmittag wurde zur freien Verfügung gestellt.

Ein Teil der Gruppe besuchte dann das Széchenyi-Heil- und Freibad, welches im Stadtwäldchen, an der Südseite des Heldenplatzes liegt. Der imposante kuppelgekrönte Bau entstand in den Jahren 1903-1913 und wurde später vergrößert.

Der Eintritt einer Gruppe ab 10 Personen kostete 200 Forint. Im Preis enthalten war eine Badekappe, die notwendig war für eins der drei Becken.

Das Heilwasser des Bades stammt aus einem 1250 m tiefen artesischen Brunnen und hat eine Temperatur um 70C. Es ist heilwirkend bei Rheumatismus, Magen- und Darmkrankheiten, Nervenleiden u.v.a. Das Freibad hat Becken mit warmen, lauwarmen und kalten Wasser. Das Széchenyi-Bad gehört zu den beleibtesten Bädern Budapests. An diesem Nachmittag waren hauptsächlich ältere Leute in dem warmen Becken; teilweise spielten sie Schach am Rand. Die Angestellten waren sehr nett und hilfsbereit und verhalfen den Besuchern zu einem netten, erholsamen Aufenthalt.

Verfasser: Anke Döscher

Montag, 11. September 1995

»Die wirtschaftliche Lage Ungarns«
Referat von Prof. Dr. Wirth von der Handelsbank Budapest

Ungarns Lage in der Mitte Europas ist ideal gute Handelsbeziehungen und wirtschaftlichen Aufschwung, doch die ungarische Wirtschaft ist geprägt von 50 Jahren Sozialismus. Durch das damals fehlende Leistungs- und Motivationsprinzip blieb der Fortschritt auf der Strecke, verursacht durch den damaligen Absatzmarkt in den Ostblockländern, der keine fortschrittlichen Produkte und Produktionstechniken erforderte.

Der Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion hatte weit reichende Konsequenzen für die ungarische Wirtschaft, vor allem für exportorientierte Unternehmen. Durch einen Verlust von etwa 75% der Absatzmärkte im Ostblock, mußten sich diese Unternehmen nun den harten Bedingungen des Weltmarktes unterwerfen .

Früher unter János Kádár gab es offiziell keine Arbeitslosigkeit und keine Inflation. Aber die Kommunisten haben es gut verstanden, wie man mit der Statistik und mit der Aufnahme von ausländischen Krediten die Wirklichkeit verschieben kann. Die schwere Erblast des alten Regimes ist Realität und Ungarn befindet sich heute unumkehrbar auf dem Weg zur kapitalistischen Marktwirtschaft. Erst nach der Systemumkehr wurde es offenkundig, daß die geerbte Schuldenlast um Milliarden jene Summe übertrifft, die bis dahin bekannt war. Seit der Gründung der neuen Regierung flossen mehr als 50% aller ausländischen Investitionen in den ehemaligen sozialistischen Ländern nach Ungarn. Trotzdem gilt das Land als positives Beispiel, wenn es um die ehemaligen kommunistischen Länder geht. Experten geben Ungarn eine gute Chance, aus der tiefen Krise herauszukommen, die durch das vom Sozialismus vererbte Elend bedingt ist. Die plötzliche Massenarbeitslosigkeit in Ungarn hat zwei schwerwiegende Ursachen. Einerseits den Zusammenbruch des sozialistischen Wirtschaftssystems, durch den Ungarn einen Großteil seiner Märkte verlor und anderseits durch den Übergang zur Marktwirtschaft, die Herausbildung einer neuen Eigentümerschaft und die Privatisierung. Modernisierung und Rationalisierung sowie die Anwendung modernerer Technologien trugen zu einer Steigerung der Arbeitslosenquote bei.

Durch die Umstellung zur Marktwirtschaft verringerte sich der Eingriff der Regierung in die Wirtschaftsprozesse deutlich. Zugleich erhöhte sich die Rolle der Arbeitnehmer und Arbeitgeber auf dem Arbeitsmarkt. Doch an der Versorgung der Arbeitslosen ist der Staat weiterhin maßgeblich beteiligt. Durch die hohe Arbeitslosigkeit verschlechterten sich die Lebensumstände, was die Sozialpolitik wiederum vor große Aufgaben stellt.

Nach Schätzungen des statistischen Zentralamtes erreichen 15% der Beschäftigten und ca. 10% der Rentner das Existenzminimum nicht. 1992 lebte etwa ein fünftel der Bevölkerung unter dem Existenzminimum. Etwa 200.000–300.000 Menschen leben in Ungarn unter erbärmlichen Verhältnissen. Das soziale Netz kann sie im Moment noch nicht auffangen.

In den letzten 5 Jahren entwickelte das Land ein Programm zum Aufbau von neuen Handelsbeziehungen und ist immer auf der Suche nach neuen Investoren. Geschulte billige Arbeitskräfte und eine akzeptable Infrastruktur wirken Investorenfreundlich. Diese sind auch nötig, da die Reserven des Landes durch die hohe Staatsverschuldung erschöpft sind. Das Haushaltsdefizit von 30 Milliarden Dollar ist Ungarns größtes Problem, wegen des schnellen Zinsanstiegs, der das Land innerhalb von 10 Jahren 5 weitere Milliarden Dollar kostet.

In den 70er und 80er Jahren erhöhte sich der Energieverbrauch auf das Zehnfache und somit erhöhte sich auch die Staatsverschuldung durch Energieimporte. Deshalb entwickelte der Staat ein aktives Sparprogramm zur Schuldeneindämmung nach innen und außen, um die Wirtschaft zu stabilisieren und um den wichtigen Bildungs- und Gesundheitssektor zu sichern.

Gute natürliche Gegebenheiten ermöglichen Ungarn das Betreiben der Agrarwirtschaft, auch kristallisiert sich Ungarn als Computerbasis im Ostblock heraus und erschließt sich somit einen neuen zukunftsträchtigen Industriezweig.

Im Allgemeinen kann sich Ungarn mit einer friedlichen Systemänderung glücklich schätzen und anders als Serbien oder die Ukraine dort ansetzen, wo der Sozialismus endete.

Das wichtigste Ziel Ungarns ist es, ein »vollwertiges« wirtschaftliches Mitglied in (West-)Europa zu werden.

Verfasser: Michael Schmidt, Philipp Maske

Besichtigung der Budapester Wasserwerke

Der Vortrag im Wasserwerk wurde referiert von Josef Tronberg. Der Referent versuchte, uns damit einen Gesamteindruck von der Wasserversorgung in Budapest zu geben. Budapest gewinnt 75 - 80% seines Trinkwassers aus dem Grundwasser. Es werden pro Tag ca. 10.000 qm Trinkwasser gewonnen. Die Gebiete in denen Grundwasser gefördert wird, sind einmal im nördlichen und südlichen Teil von Budapest. Hierbei wird das nördliche Förderungsgebiet vorgezogen, weil dort das Grundwasser noch einen sehr hohen Reinheitsgrad besitzt. Das bedeutet es muß nicht extra chemische gereinigt zu werden. In dem südlichen Gebieten sind die Ufer zunehmend mit Schadstoffen verschlammt, die sich im Grundwasser ablagern. Um das Wasser von Eisen und Mangan zu reinigen, hat man in Radzawar ein Werk für die Reinigung des Trinkwasser gebaut. Da die Kapazität aber nicht ausreichte wurde in Lieda ein größeres Wasserwerk gebaut, was eine Kapazität von über 10000 qm Wasser pro Tag. Eine andere Art der Wasserversorgung ist der Gebrauch von Donauwasser bei Grundwasserknappheit. Das Problem dabei ist aber folgendes, daß das Donauwasser chemisch gereinigt werden muß und so sehr viel teuer ist als normales Grundwasser. In den letzten 4 - 5 Jahren hat sich der Wasserverbrauch um 300.000 qm verringert. Dieses ist mit den zahlreichen Schließungen von Betrieben nach 1989 zu erklären. Vor 1989 lag der Wasserbedarf bei über 1.000.000 qm Wasser pro Jahr. Durch die geringe Nachfrage von Trinkwasser mußte die neue Anlage für Trinkwasser auf Warte geschaltet werden. Das bedeutet, daß die Anlage nicht in Betrieb ist aber jeder Zeit wieder ans Netz gehen kann, wenn es die Situation erfordert. Das Wasserwerk was besuchen ist zur Zeit nicht in Benutzung. Es hat die Aufgabe bei Bedarf Donauwasser zu reinigen und in das Stadtnetz zu speisen. Die Donau fließt mit 800 - 3000 qm pro Sekunde. Eins der größten Probleme für die Wasser Industrie ist die starke Verschmutzung der Donau durch Schiffe. Zum Schutz der Anlagen zur Wasseraufbereitung, wurde ein Ölwarnsystem auf der Donau installiert. Bei Ölalarm werden die Anlagen sofort abgeschaltet und man versucht, das Öl mit Aktivkohle zubinden. Das Pumpwerk dieser Anlage liegt ca. 5 - 6 m unter dem normalen Wasserverlauf der Donau. Weitere Gefahren für die Anlage sind Eisanhäufungen auf der Donau und die zunehmende biologische Verschmutzung der Donau. Um sich vor den biologischen Verschmutzungen, wie zum Beispiel Algen zu schützen, sind Microfilter in das System eingebaut worden. Wie oben schon erwähnt muß die Donau chemisch gereinigt werden, um das Wasser von den Schwemmteilchen im Wasser zu befreien. Das Problem ist nur, das diese Teilchen negativ geladen sind und somit nicht absinken. Aus diesem Grund wird dem Wasser Aluminiumsulfat zu gegeben. Bei dem chemischen Prozess entsteht Aluminiumoxid, was schwere ist als Wasser. Der Schlamm wird hydraulisch zusammengekehrt und entfernt. Die Effektivität dieser Art der Reinigung liegt bei 80%. Die restlichen 20% werden durch Filter geklärt. Um die Reinheit es Wasser zu garantieren, werden dem Wasser noch weitere Chemikalien wie z.B. Chlor zu gegeben. Das Problem mit Chlor ist, daß es bei einer zu hohen Dosierung umgewandelt wird. Es entsteht Trichlormethan, was in größeren Mengen schädliche für den Menschen ist. Damit dieses nicht passiert werden Kontrollen an den äußeren Punkten der Wasserversorgung gemacht. Bei diesen Messungen darf die Menge des Chlor nicht über 0,1 mg pro Liter überschreiten. Diese aber ist auch nötig, um die Wasserqualität in dem alten und nicht immer sehr hygienischen Rohr zu schützen. Wenn die Konzentration doch die Grenzwerte überschreitet, wird mit Hilfe von Ultraviolettem Licht und Chloroxid das Chlor abgebaut. Der Verlauf des Wassers im Wasserwerk: Pumpwerk - Chemikalien - Eisfänger - Rotationsfilter - Filter - Reinwasserbecken.

Der Rundgang durch das Wasserwerk

In einer Halle, dem Lager für die Chlorversorgung des Wasserwerkes, lagern viele 1000-kg-Fässer gefüllt mit Flüssigchlor. Geliefert werden diese von den verschiedensten Werken in Budapest. Danach wurde uns ein Teil der Pumpanlage gezeigt, bestehend aus großen Rohren (1,2 m Durchmesser), durch die das Donauwasser geleitet wird, hin zu so genannten Eisfängern, die im Winter Eisstücke aus dem Wasser zurückhalten, die ansonsten die Anlage behindern könnten. Das Wasser gelangt hiernach zu den Rotationsfiltern. Hier wird das Wasser von der Mitte her in eine trommelähnliche Vorrichtung eingespeist, welches durch die 1,4 mm feinen Löcher der Gittertrommel ein erstes mal grob gefiltert wird. In der nächsten mechanischen Reinigungsstufe wird der Schlamm aus dem Wasser entfernt. Hierbei handelt es sich um ein rundes, 9 m tiefes Becken mit einem Durchmesser von 27 m und einem Fassungsvermögen von 2.600 m³. Der hierbei erreichte Reinigungsgrad beträgt ca. 80 %. In der Mitte befindet sich ein sogen. Flokulator, der zur Steigerung der Effektivität den Inhalt des Beckens »umrührt«. Das so gereinigte Wasser gelangt nun zur Restreinigung. Hier wird das Wasser über Filter geleitet, bestehend aus einer 70 cm hohen Anthrazitschicht, darunter Sand und Feinfilter. Die Dauer der Reinigung in dieser Stufe beträgt 24 bis 72 Stunden, je nach Grad der vorigen Reinigung.

Als nächstes begaben wir uns zur Wasserentnahmenanlage, welche ganz in das Flussbett der Donau eingelassen ist. Die Wasserentnahme findet 6 bis 7 Meter unter dem Wasserspiegel statt. Die Saugfläche der Pumpen befinden sich somit auch bei Wassertiefststand einen Meter unter dem Spiegel. 8 Pumpen mit einer jeweiligen Kapazität von 2.450 m³/Stunde arbeiten hier, um das Wasser dann zu den anfangs erwähnten Eisfängern und Grobfiltern weiterzuleiten. Früher arbeiteten hier viele Angestellte, bis der Arbeitsvorgang automatisiert wurde. Die Steuerung wird im so genannten ›Dispatcherraum‹ (engl. "dispatch, to": [ab]schicken/senden, [schnell] erledigen; Anm. d. Protokollanten) übernommen, nur noch zweimal täglich wird ein einfacher Kontrollgang übernommen.

Seit November 1993 ist die besichtigte Anlage außer Betrieb. Gründe hierfür sind u.a. das entstandene Verständnis für Wassersparen sowie die Stilllegung von Betrieben, die zuvor Großabnehmer von gereinigtem Wasser waren. Die heutige Wassergewinnung geschieht heute nur noch aus Brunnen, nicht mehr durch die Donau. Ein Problem für die Donau ist auch die Verdünnung ihrer natürlichen Filterschicht durch Beschleunigung der Donau durch die Umlenkung ihres Laufes (des ›Stromstriches‹) in die Flussmitte. Die Selbstreinigungskraft des Flusses ist dadurch niedriger als normal.

Verfasser: Lars Ahlström und Kai Radewald

Dienstag, 12. September 1995

Budapest: Das Ethnographische Museum

Dieses Museum bringt seinen Besuchern das traditionelle ungarische Volksleben in der Zeit vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg näher. In dreizehn Räumen werden Exponate dokumentiert, welche aus der Zeit vor der Industriellen Revolution in Ungarn stammen. Die Ausstellung verfolgt den Zweck, die gemeinschaftliche Kultur des ungarischen Bauerntums als Bestandteil der europäischen Kultur aufzufassen.

Kleidung, Leben und bäuerliche Arbeit im alten Ungarn (Raum 1-3)

Die Ausstellung zeigt verschiedene Trachten des ausgehenden 19. Jahrhunderts, deren Stoffe, Farben, Schnitte und Putz nämlich nach ungeschriebenen Gesetzen sowohl auf die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft als auch auf den gesellschaftlichen Status, auf Beruf, Alter, bzw. auf gewisse kirchliche und private Anlässe wie Hochzeiten, Trauerfälle u.ä. verweisen.

Die Trachten waren oftmals sehr verschiedenartig, denn im Karpartenbecken lebten nicht nur Ungarn, sondern auch Sachsen, Slowaken, Ruthenen, Serben, Kroaten, Slowenen, Bosniaken, Bulgaren, Rumänen und Schwaben, die sich ihre Trachten ebenso bewahrten wie ihre verschiedenartigen Bräuche und Religionen – römisch-katholisch, griechisch-orthodox, lutherisch, kalvinistisch, unitaristisch, jüdisch. Die jeweilige Kirche spielte eine zentrale Rolle in der Volkskultur.

In Ungarn waren vier Typen von Siedlungs- und Verwaltungsformen vertreten:

  1. Das Dorf (Familienwirtschaft).

  2. Das Herrschaftsgut (Meierhof, Gutswirtschaft).

  3. Marktflecken und Einödhof (bedeutende Viehwirtschaft).

  4. Die Stadt (mit Handwerk und Handel).

In Ungarn existierten verschiedene Formen der Bewirtschaftung in der Landwirtschaft nebeneinander:

  • Die Bedarfwirtschaftsdeckung der Dörfer.

  • Die extensive Viehzucht.

  • Getreideanbau der für den Markt produzierenden Marktflecken und Bauernhöfe.

  • Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine warenproduzierende Kleinwirtschaft mit Gemüse-, Obst- und Weinanbau, meist als Monokulturen.

Die Orte der ländlichen Wirtschaftszweige selbst waren im einzelnen selbst die Gewässer (Fischerei), die Wälder (Sammeln, Jagd), die Wiesen (Mähwirtschaft, Fütterung), die Äcker (Getreideanbau), die Weiden (Rinder, Pferde, Schafe unter freiem Himmel), der Einödhof (mit extensivem Getreideanbau), die Weinberge, der Gemüseanbau im Garten und auf Äckern. Die drei Grundnahrungsmittel waren Fleisch, Milch und Getreide.

Das traditionelle Handwerk und der Markt (Raum 4 - 6)

Handwerk gab es in vielen technischen und organisatorischen Formen. Die Heimarbeit, basierend auf der Familienautarkie, war auf dem Dorfe die einfachste Form. Für den Markt produzierende Heimindustrie entwickelte sich in Gebieten, die ungünstig für die Landwirtschaft waren, aber viele Rohstoffe und Arbeitskräfte aufwiesen.

In den Städten wirkten zuerst gelernte Handwerker, deren Produkte auch auf fremden Märkten angeboten wurden. Die Produkte der Nahverkehr von Marktflecken waren meist nur für den eigenen Markt oder die nähere Umgebung bestimmt.

Auf den Märkten trafen sich die verschiedenen Lebensformen, also Stadt- und Landbewohner. Die Bauern besorgten sich hier die benötigten Industrieartikel und verkauften Tiere und überschüssige Feldfrüchte. Solcher Handel wurde über Jahrtausende betrieben.

Das Haus und seine Kostbarkeiten (Raum 7 - 9)

Das alte Haus aus Oberwart (Südwest-Ungarn), ein einräumiges Rauchhaus aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt einen Eindruck von den mittelalterlichen Lebensverhältnissen einer ärmeren Familie; es wurden Möbel aus Hartholz, einfach gewebte Heimtextilien und unglasierte Keramik benutzt. Das neue Haus: Ab Ende des 18. Jahrhunderts ermöglichte der allgemeine Anstieg des Lebensniveaus den Bauern, ihre Häuser wohnlicher zu gestalten. Typische Elemente der Möblierung sind bemalte Weichholzmöbel und mit verzierten Textilien und bleiglasierter Keramik dekorierte Zimmer, deren Einrichtung von den ortsansässigen Handwerkern geprägt war, die somit die Entwicklung typischer Regionalstile beeinflussten.

Im nächsten Raum sind Kostbarkeiten ausgestellt. Die hier ausgestellten Ziergegenstände waren sowohl finanziell als auch künstlerisch wertvoll, da sie sehr geschickt gearbeitet sind. Es handelt sich um bemalte Tischlermöbel, Kleidungsstücke, Schmuck, Baumwollgewebe, Zierkeramik sowie aus Holz geschnitzte Gebrauchsartikel.

Der Lebensweg des Bauern

Der bäuerliche Lebensweg war von der Geburt bis zum Tode von der traditionellen, strengen Familienhierarchie und von den dörflichen Gebundenheiten determiniert: Die Welt der Kinder war neben dem Spielen und Lernen auch von Arbeit, mit kleineren Geräten, bestimmt; die Pubertät und die Jugendjahre wurden mit einer Art Jünglingsweihe abgeschlossen, bei der man seine Arbeitsfähigkeit bewies; erst danach durfte er den dörflichen Tanz besuchen. Von den großen Wenden des bäuerlichen Lebens hat insbesondere die Hochzeit einen unvergesslichen Charakter und galt schon immer als größtes Fest des Lebens. Mit dem Alter werden die Feste immer seltener, die Kleider immer bescheidener, die Trauerkleider immer häufiger. Die alten Leute halten ihre Todeskleider schon im voraus bereit.

Wie das Leben ist auch das Jahr durch Feiern, die Kalenderfeste, gegliedert. Der erste Festkreis im Jahr ist der Jahresanfang. Ein alter ungarischer Brauch am Jahresanfang war der so genannte »regölés«: Glückwünsche singende Jünglinge zogen am Heiligen Stephanstag von Haus zu Haus. Der zweite Festkreis ist der Fasching, wo geschnitzte hölzerne Masken und Pelzmäntel getragen werden. Es folgen die Feste des Frühlings und des Sommers. Ende des Winters fertigte man in Nordungarn eine so genannte »kisze«-Figur an und warf sie in den Bach hinein, wo sie die Bosheit des Winters symbolisierte. Im Frühling und Frühsommer kam es oft zu kirchlichen Prozessionen und Wallfahrten, auch war Ostern mit reichen Bräuchen verbunden.

Im Herbst gab es nach der Ernte und der Weinlese mehrere Feste. Das wichtigste aber war Weihnachten, das letzte Fest des Jahres. Zur Adventszeit zogen Krippenspieler auf den Straßen herum. Früher haben die Bauern zu Weihnachten nur einen Festtisch gedeckt mit symbolischen Früchten; die Mode des Weihnachtsbaumes ist erst späteren Datums. Diesen hängte man zunächst an den Balkon; einen Christbaum stellte man – nach dem deutschen Beispiel – erst in der neusten Zeit auf.

Die dem kirchlichen Kalender angepassten Volksbräuche erschließen die aus westlichen und östlichen Elementen zusammengeschmolzenen Eigenarten der ungarischen bäuerlichen Kultur.

Verfasser: Helene Isaak, Bettina Bruns, Christiane Leyhe

Mittwoch, 13. September 1995

»Ausflugtag«: Die Römerstadt in Aquincum

Die Römer bewohnten das Gebiet von Aquincum vom 1. bis zum Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. Aquincum war die größte und reichste römische Siedlung dieser Gegend und ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. So gab es unter anderem eine regelmäßige Postverbindung nach Rom. In der Umgebung Aquincums gab (und gibt es!) ein großes Weinanbaugebiet.

Die Stadt selbst wurde nach dem Insulae-Prinzip konstruiert, das heißt, es gab rechtwinklig angelegte Häuserblöcke. Aquincum verfügte über eine Kanalisation für Abwasser, Warm- und Kaltwasser. Eines der größten Gebäude in Aquincum war das Bad. Es hatte, wie in allen römischen Städten, zentrale Bedeutung und war zudem öffentliche Bedürfnisanstalt. Beheizt wurde das Bad über eine Kellerheizung, wobei die heiße Luft über ein umfangreiches Röhrensystem die Wände erwärmte.

Ein weiteres bemerkenswertes Gebäude in Aquincum ist das Haus eines reichen römischen Bürgers, das auch heute noch gut erhalten ist und über ein Hof, in dem Wein angebaut wurde, sowie über ein Privatbad mit Warm- und Kaltwasser verfügte. Der zugehörige Umkleideraum hat einen kunstvollen Mosaikfußboden, auf dem zwei Ringkämpfer und der Kampfrichter dargestellt sind.

Aquincum hatte auch zwei Amphitheater. Das der Zivilstadt, in der 20.000 Angehörige der in der Militärstadt stationierten Soldaten sowie 10.000 weitere Zivilisten lebten, war das kleinere von beiden. Es ist ein ellipsenförmiger Bau, das Publikum konnte die Zuschauerplätze auf der fächerartig gegliederten Tribüne durch zwei gewölbte Tore erreichen. Die Besitzer der Logen, wahrscheinlich die Vornehmsten der Stadt, ließen ihre Namen in die Steinbänke meißeln. Die Amphitheater blieben ungedeckt, weil die Vorstellungen vor Eintritt des Winters eingestellt wurden. Das Amphitheater der Zivilstadt konnte 3000-4000 Zuschauer fassen. In der Arena wurden Theatervorstellungen, Sportwettkämpfe, Artistenproduktionen und mit Tierhetzen verbundene Gladiatorkämpfe veranstaltet. Direkt neben dem Amphitheater stand eine Gladiatorkaserne, wo die Gladiatoren für ihren Auftritt ausgebildet wurden.

In der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts wurde Aquincum von der anderen Donauseite aus von den Hunnen und verschiedenen germanischen Horden angegriffen. Dabei diente das Amphitheater der Stadt als Festung. In der Folge dieser Angriffe verließen die Bewohner die Stadt, der Handel in dieser Gegend kam zum Erliegen.

Heute ist die Ausgrabungsstätte von Aquincum mit dem dazugehörigen Geschichtsmuseum eine der Sehenswürdigkeiten von Budapest. Die weiteren Ausgrabungen sind jedoch wegen der momentanen finanziellen Schwierigkeiten ins Stocken geraten. Zudem sind die Möglichkeiten der Archäologen durch die auf der Ruinenstadt verlaufenen Eisenbahnstrecke und die nahe gelegene Gasfabrik von Obuda eingeschränkt.

Verfasser: Timur Gül, Tim Höpfner, Holger Stichnoth

Szentendre

Die Kleinstadt Szentendre mit ihren fast 20.000 Einwohnern liegt eingebettet in sanfte Hügel, direkt am Donauknie kaum eine halbe Stunde von Budapest entfernt. Das Stadtbild ist geprägt durch enge Gassen und kleine individuell gestaltete Häuser im Stadtkern, die sich stark von den Plattenbauten weiter außerhalb abheben. Szentendre stellt heute das größte Naherholungsgebiet für Budapest dar, was sich in dem pulsierenden Leben auf den Straßen, in den Cafés, Kneipen und Restaurants der Stadt widerspiegelt.

Ursprünglich gründeten die Illyren und Kelten im 1. Jahrhundert v.Chr. die ersten namentlich bekannten Siedlungen. Im darauf folgenden Jahrhundert besetzten die Römer das Gebiet und erweiterten durch Festungen, Siedlungen u.ä. die bisherigen Anlagen des Limes. Vom 5. bis zum 9. Jahrhundert lebten in der Gegend Hunnen, Awaren und Slawen bis die Ungarn das Gebiet besiedelten.

Die eigentliche und noch heute sichtbare Gestalt der Stadt entwickelte sich Ende des 14. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit entstand z.B. die Kirche auf dem Hügel.

Ende des 14. Jahrhunderts setzte dann die erste Vertreibungswelle der Türken ein. Während der darauf folgenden 150 jährigen türkischen Herrschaft geriet die Stadt zunehmend in Verfall. In diese Zeit fällt auch die Verschleppung bzw. Vernichtung der Dorfbevölkerung. Die Herrschaft der Türken endete mit dem ausgehenden 17. Jahrhundert als die vereinigten christlichen Truppen des österreichischen Kaisers das Gebiet um Szentendre befreiten. Dadurch, daß Belgrad kurze Zeit später wieder in türkische Hände fiel, flüchteten viele Serben aus Angst vor einer abermaligen türkischen Herrschaft in die bereits befreiten Gebiete, so auch nach Szentendre. Sie siedelten in mehreren kleinen Gruppen, was zur Folge hatte, daß 6 griechisch-orthodoxe Kirchen in Szentendre entstanden.

Im 18. Jahrhundert nimmt Szentendres Bedeutung bedingt durch den Handel mit Griechenland, Österreich und Deutschland zu. Die wichtigsten Handelswege waren die Donau und die Nord- Südstraße auf denen vor allem Salz, gegerbtes Leder und Wein transportiert wurden. Wichtig war für Szentendre auch der Weizenbau, die Viehzucht und besonders der Weinanbau.

Einen verheerenden Rückschlag erlitt die Stadt im 19. Jahrhundert durch Epidemien und Hochwasserfluten. Zusätzlich wurde die Position der Stadt einerseits durch das rasch wachsende Budapest und andererseits durch die Vernichtung der Weinberge durch eine Reblauspest geschwächt.

Im 20. Jahrhundert wurde der Ort von vielen Künstlern entdeckt. Hier fanden sie die nötige Ruhe zum Arbeiten sowie Inspiration durch die hübsche Landschaft und das bunte Stadtbild Szentendres, das durch verschiedene hier zusammentreffende Kulturen geprägt ist.

Heute lebt Szentendre fast ausschließlich vom Tourismus. Dies wird dadurch dokumentiert, daß allein der Ortskern – als Touristenattraktion – renoviert und in seinem ursprünglichen Zustand erhalten ist.

Im Sommer lockt das breit gefächerte Kulturprogramm mit seinen zahlreichen Museen, Theatern und Vorträgen viele Menschen an. Im Winter hingegen, wenn die Touristen nur noch vereinzelt kommen oder gänzlich ausbleiben, wirkt Szentendre wie ausgestorben. So nimmt z.B. die Bevölkerung in den Wintermonaten um 50% ab, da es abgesehen vom Tourismus kaum Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Aufgrund dieser fehlenden Infrastruktur findet außerdem eine Abwanderung der jungen Bevölkerungsschichten statt, was zur Folge hat, daß das Durchschnittsalter der Bevölkerung sehr hoch ist. Deshalb ist es fraglich wie lange Szentendre noch als Touristenattraktion erhalten bleibt.

Verfasser: Barbara Wunder und Thilo von Klopmann

Donnerstag, 14. September 1995

»Die Erstellung des Stadt- und Raumordnungsplanes für Budapest«
Vortrag durch Joszef Raabe vom Stadtbauamt Budapest
im Hauptbürgermeisteramt

Joszef Raabe erklärt in Vertretung des Hauptbaudezernenten von Budapest die Aufgabe des Bauamtes.

Für die Erklärung der städtebaulichen Situation Budapests und der Planungsperspektiven des Stadtbauamtes bediente er sich zusätzlich einer Fülle von Karten und Graphiken.

Budapest übt einen starken Einfluss auf Ungarn aus. Hauptursachen hierfür sind zum einen der starke Bevölkerungsanteil von Budapest, der rund 1/5 von ganz Ungarn beträgt, und zum anderen die geographische Schlüsselstellung im Karpartenbecken.

Die bedeutendste Autobahn ist die transeuropäische Straße [»Europastraße«], die von Süddeutschland aus über Wien nach Budapest verläuft. Allgemein ist man um Integration in das internationale Verkehrsnetz bemüht. Besonders eine bessere Verbindung der adriatischen Häfen mit Budapest wird angestrebt, ein Autobahnbau befindet sich schon in Planung. Auch eine Erweiterung der Autobahn Wien - Bratislava in Richtung Skandinavien ist durchaus möglich.

In Budapest speziell wird zur Zeit ein Straßenbauprogramm ausgearbeitet, das aus einem Ring von Straßen rund um Budapest besteht. Das Ziel dieses Vorhabens, das den Bezeichnung M0 trägt, ist es, für eine Entlastung des Verkehrs in Budapest zu sorgen. Leider stößt dies auch auf Kritik, da viele Unternehmen befürchten, daß hiermit der Geldstrom vom Um- und Ausland drastisch abnimmt.

Der allgemeine Ordnungsplan Budapests sieht vor, daß die Stadt in mehrere Zonen eingeteilt wird, die folgendermaßen bezeichnet werden: Stadtkern (er umfasst das historische Zentrum), Gebirgszone (der sich westlich der Donau außerhalb des Stadtkerns befindende Teil), die Siedlungs- oder Vorstadtzone (kleine Niederlassungen), den äußeren Ring und die Flussuferzone.

Ein Diagramm der Bevölkerungsentwicklung ließ erkennen, daß in den letzten Jahrzehnten ein beständiges Wachstum des Bevölkerungsverhältnisses Budapest/Land stattgefunden hat. Trotzdem ist mittelfristig eine Bevölkerungsabnahme in Budapest zu erwarten. Es ist zu beobachten, daß der Altersdurchschnitt Budapests ansteigt – die jungen Generationen suchen sich ihren Ort im auswärtigen Teil der Stadt, unter anderem deshalb, weil es hier mehr Grünflächen gibt. Diese Streuung (Zunahme des Altersdurchschnitts im Stadtkern, Abnahme in den Randgebieten) steht im starken Widerspruch zum Geschäftsbild, denn der größte Anteil von Geschäften ist weiterhin in der Innenstadt zu finden.

Der Hauptteil des Ausbaus der Stadt fällt in den Zeitraum der Jahrhundertwende. Dieses schnelle Entwicklungstempo konnte jedoch nicht fortgesetzt werden, was dazu führte, daß notwendige Entwicklungen und Rekonstruktionen nicht durchgeführt wurden, was wiederum mit einer Verschlechterung der Wohnsituation endete. Um das Wohnungsproblem endgültig zu lösen, wurde in den 70er und 80er Jahren ein Experiment durchgeführt, welches sich mit dieser Problematik befasst. Man wollte mit Großbauten (Fertighäusern) die Wohnungsnot stoppen. Trotz großer finanzieller Unterstützung schlug dieses Projekt fehl und bewirkte sogar eine weitere Verschlechterung der Gesamtstruktur, unter anderem aufgrund schlechter Verkehrsverbindungen (Eine Erweiterung der Metro wurde den Anwohnern zwar versprochen, der eigentliche Bau wurde jedoch nie durchgeführt). Diese Verschlechterung war auch einer der Gründe, weshalb die Bevölkerung auf der Pester Seite abnahm und auf der Budaer Seite zunahm. Mittlerweile hat eine Privatisierung der staatlichen Wohnungen zu 20-30 % des Marktpreises stattgefunden. So ist es zu erklären, daß 1990 der größte Teil auf dem Wohnungsmarkt staatliche Mietwohnungen waren, 1994 war der Größte Teil bereits privatisiert.

Ein weiteres Problem der Stadtentwicklung besteht darin, daß sich in den letzten Jahren aufgrund einer Krise des Industriestandortes Budapest die Bevölkerung rückläufig entwickelte. Um dieser Abnahme der Bevölkerung entgegenzuwirken, ist folgendes geplant:

Zum einen eine gründliche Sanierung und Neustrukturierung der Innenstadt in Richtung Westen (westliches Tor). Dies ist keine leichte Aufgabe, da dieser Teil aus einem verlassenen Industriegebiet besteht und einer starken infrastrukturellen Entwicklung bedarf. Zu dieser Entwicklung gehört auch das umstrittene Projekt einer Metroerweiterung in dieses Gebiet hinein, das von Fachleuten zwar befürwortet wird, jedoch nahezu unbezahlbar für die Stadt ist.

Für die Zukunft plant das Bauamt eine einheitliche Gestaltung der gesamten Stadt. Ein Mittel hierfür ist der M0-Ring. Er soll bei dem Ausbau der Unterzentren und bei der Rehabilitierung der Industriegebiete von großem Nutzen sein. Des weiteren sollen 150.00 Wohnungen renoviert werden, und es sollen Parkanlagen geschaffen werden, die den allgemeinen Wohnkomfort erhöhen sollen.

Verfasser: Markus Isermann, Nils Maire

Freitag, 15. September 1995

Ein Stadtrundgang durch Kecskemét

Kecskemét, eine Stadt in der ungarischen Tiefebene, ist durch einen starken Bevölkerungszustrom in der Türkenzeit zu einer größeren Siedlung herangewachsen. Es wurde zu einem türkischen Verwaltungszentrum, das durch Steuerzahlungen an die Türken geschützt war. In der halbverwüsteten Sandsteppe wurde Viehzucht betrieben, und die Stadt wuchs während der nächsten Jahrhunderte weiter an.

Das älteste Gebäude in Kecskemét ist die katholische Kirche, die im 17. Jh. im Stil einer sächsischen Burgkirche errichtet wurde, und in den 70er Jahren in einer neuen, simpleren Form restauriert wurde. Die Kirchen spielten immer eine große Rolle im öffentlichen Leben der Stadt. Doch hat sich mit öffentlichen und privaten Gebäuden ein ganz eigenes Stadtbild entwickelt:

Abseits der Metropole Budapest sammelten sich im 19. Jahrhundert Künstler und Schriftsteller der nationalen ungarischen Freiheitsbewegung in Kecskemét und entwickelten hier einen eigenen ungarischen Stil, der das Stadtbild architektonisch bis heute prägt. Man findet auch viele Gebäude im »traditionellen ungarischen Stil« mit bewussten »orientalischen Einflüssen«, der sich als »ungarische Sezession« (etwa parallel zum deutschen ›Jugendstil‹) gegen den Historizismus der Habsburger in der Budapester Akademie richtete.

Kecskemét besitzt auch eine Musikschule und eine Fachhochschule für Industriewesen sowie ein Spielzeugmuseum. Anfang der 60er Jahre wurden die alten Industriezentren ausgebaut, und die Industriegebiete wuchsen um ein Mehrfaches, wobei sie durch das Wachstum der Stadt in Wohngebieten eingebettet wurden. Die Hauptprodukte der Industrie in Kecskemét, sind Musikinstrumente, Töpfe, Badezimmer und Konserven, sie wird durch die im Ort ansässigen Fachhochschulen mit Fachkräften versorgt. Die offizielle Stadtmitte bildet der alte Stadtkern, mit einem großen Brunnen auf dem Schilder mit Entfernungen zu anderen großen Städten, sowie die Stadt- und Nationalwappen angebracht sind. Mitte der 60er Jahre wurden das Stadtzentrum und der zentrale Stadtkern ausgebaut, und an Stelle der vorherigen, kleinen, eingeschossigen ländlichen Wohnhäuser trat eine moderne kleinstädtische Wohn-, Geschäfts- und Verwaltungscity. Hier, inmitten der neuen, mehrgeschossigen Bebauung entstanden im Stadtinneren in der Nachkriegszeit ein modernes Komitatsgebäude, ein Verwaltungs- und ein Handelszentrum. Aber die Geschichte hat ihre Zeichen in der Stadt hinterlassen. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Kirchen. Seit der katholischen Reorganisation in den letzten Jahren ist Kecskemét unter anderem Bischofssitz, da die Bistumsgrenzen an die vorhandenen Staatsgrenzen angepasst wurden. Aber auch die protestantische Kirche besitzt eine bedeutende Rolle in Kecskemét, das jedoch seit dem zweiten Weltkrieg keine jüdische Bevölkerung mehr aufweisen kann. Die jüdische Synagoge steht allerdings noch, und wird für öffentliche Anlässe, sowie für Gemeindeangelegenheiten genutzt. Die weiteren Schönheiten und Sehenswürdigkeiten dieser dörflichen Großstadt lernt man am besten vor Ort kennen.

Nun noch zur ländlichen Umgebung der Stadt. Um auf dem mageren Treibsandboden Kulturland zu schaffen, wurden Akazienwälder angepflanzt, und auf der fruchtbar werdenden Bodensole baute man neue Kulturen, wie Obst und Wein an. Bedingt durch den geringen Niederschlag im Sommer, werden dort tief wurzelnde Tafelweine angebaut, die jedoch nur mindere Qualität besitzen.

In Kecskemét gibt es ein Forschungsinstitut für Weinanbau und eine Gartenbauschule. Zur Aufarbeitung der Ernteüberschüsse entstand eine Konservenfabrik.

Nach dem zweiten Weltkrieg erlebte Kecskemét einen Aufschwung, und man begann mit dem Anbau von Tomaten und Aprikosen für den Weltmarkt. Innerhalb der LPGs waren privatwirtschaftliche Orientierungen vorhanden, die nach der Wende zu einer schnelleren Umstellung auf Privatwirtschaft verhalfen.

Im Komitat behielt die Kooperativen ihre ausschlaggebende Rolle, so daß die Vorteile der kollektiven, großbetrieblichen Verwertung konnten weiterhin praktiziert werden können. (Vgl. Einleitungsaufsatz über die Landwirtschaft in Ungarn.)

Verfasser: Thilo Meier, Kai Kunz (redaktionell ergänzt)

Samstag, 16. September 1995

»Die slowakische Minderheit« – Referat im Rathaus von Békéscába 

Im 15.Jh. drangen Türken von Ungarn nach Norden bis zum südlichen Teil der heutigen Slowakei. Mitte des 17.Jh. wurden die Türken von den vereinten ungarisch-österreichischen Truppen zurückgedrängt. In das freigewordene mittlere Karpatenbecken siedelten viele Slowaken, die aus nördlicheren Regionen kamen. In der Zeit von 1773 lebten ca. 7000 slowakische Siedler in diesem Gebiet, 1804 waren es bereits 12500. Ende des 19.Jahrhunderts waren in dieser Region ca. 80000 Einwohner. Als wirtschaftliche Grundlage dominierte der Ackerbau und die Viehzucht. Im Jahre 1850 betrug der Anteil der slowakischen Bevölkerung ca. 77%, 1920 waren es noch 53%.

Heute fordert die Minderheit anstelle des 1960 eingeführten zweisprachigen Unterrichts an Schulden wieder den einsprachigen, slowakischen Unterricht, doch die meisten in Ungarn lebenden Slowaken haben sich der ungarischen Sprache und Lebensweise sehr stark angepasst, so daß die slowakische Sprache dort kaum noch gesprochen wird, nur der geringe Teil der slowakischen Siedler, der heute nicht in Ungarn sondern in Rumänien lebt, konnte die slowakische Sprache und Lebensweise erhalten.

Verfasser: Michael Schmidt, Philipp Maske

Sonntag, 17. September 1995

Kooperativen in Ungarn: Vortrag über die Entstehung
und die Probleme der Kooperativen

am Beispiel der Genossenschaft »Rákóczi« in Hódmezövásárhely / Oroszháza

und Besichtigung der Genossenschaft

Zu der Geschichte der Kooperativen: Nach dem Abzug der Türken wurden die freien Gebiete von Großbauern besiedelt. Diese hatten ihre eigenen Methoden Landwirtschaft zu betreiben. Seit 1800 dominierte in Ungarn ein Latifundienssystem, daneben gab es aber auch schon vereinzelte Kooperativen und auch Staatsbetriebe (z.B. die heutige Kooperative »Rákóczi« und die Weinbaudomäne Tokaj). Das Bewirtschaftungssystem der Latifundien wurde dann erstmals nach der Jahrhundertwende modernisiert; modernste Methoden der Kleinbauernlandwirtschaft wurden eingeführt, nach der nur eigene Arbeitskräfte genutzt wurden. Weizen-, Mais-, Zuckerrüben- und Futterpflanzenanbau entstanden, wo der Boden und das Klima hierfür günstig waren auch Obst-, Wein- und Gemüseanbau. Es wurden verschiedene Zone der verschiedensten Anbaumethoden angelegt. Außerdem stellte man sich immer mehr auf die örtlichen Gegebenheiten ein.

Dieses landwirtschaftliche System blieb bis 1945 erhalten. Nach 1945 wurde die geschichtlich bedeutende Bodenverteilung durch geführt. Dabei haben etwa 1 Million Bauern jeweils einen Hektar zugewiesen bekommen. Im Jahr 1948 allerdings wurde Eigentum verstaatlicht, also enteignet und so genannte LPGs (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) entstanden, welche sich anfänglich aber nicht behaupten konnten. Bauern die ihr Land nicht in staatliche Hand geben wollen, wurden mit Hilfe von Streichung von Krediten und Lieferproblemen gezwungen ihr Land zu übergeben. 1959/60 wurden dann viele Landwirte gezwungen, in eine LPG einzutreten, es wurde sogar Gewalt und juristische Mittel wie Gefängnis angedroht. Diese LPGs bekamen zuerst finanzielle Unterstützung durch den Staat, sowie Versorgung mit Maschinen. Ferner wurden mehrere kleine LPGs zu größeren zusammengeschlossen, um die Landwirtschaft zu konzentrieren. Mitte der 70er Jahre stand Ungarn in der Landwirtschaft an fünfter Stelle in der Welt.

Durch den Zusammenschluss der Kooperativen in den sechziger Jahren konnte das Kapital und die Maschinen besser genutzt werden.1970 hatte die Landwirtschaft in Ungarn die fünfte Position in der Welt eingenommen. Damit war die Landwirtschaft der ertragreichste Industriezweig in der ungarischen Wirtschaft. Im Jahr 1990 wurde Rückgabe der enteigneten Gebiete durchgeführt. Somit war die Arbeit der Genossenschaften nicht mehr möglich, weil 2/3 der Flächen sich wieder in Privatbesitz befanden.

Nach der politisch-ökonomischen »Wende« in Ungarn wurden 1992 neue Kooperativengesetze erlassen. Dieses bedeutet für die Genossenschaftler, die Eigner des Landes sind, daß Gewinne auf die Mitglieder aufgeteilt werden. Die heutigen Genossenschaften sind demokratische Einrichtungen, die durch Mehrheitsbeschluss geführt wird. Auf der Generalvollversammlung wird ein Leiter für den Betrieb gewählt, der den Betrieb mit einem Gremium führt.

Besichtigung der Kooperative Rákóczi

In der landwirtschaftlichen Kooperative »Rákóczi« in Hódmezövásárhely / Oroszháza wurden wir von Sándor Nagy, dem Leiter des Betriebsteils Weinbau, empfangen. Die Kooperative umfasst 60 ha Nutzfläche. Die Nutzfläche der Kooperative wird für die Rinderzüchtung und den Anbau von Sonnenblumen, Weizen und Wein genutzt. Die Anbauschwerpunkte liegen beim Anbau von Getreide und Sonnenblumen. Das Getreide wird in eigenen Trockenanlagen für die Lagerung getrocknet. Die Feuchtigkeit wird von 30 auf 12% reduziert. Die Abfallstoff werden für die Viehzüchtung genutzt. Weiter fiel uns auf, das viele Geräte aus der ehemaligen DDR stammen. Weiter wurde uns berichtet, das in den letzten Jahren der Regen zu spät gekommen ist und so wirtschaftliche Verluste in der Produktion entstanden. Diesen Problemen wurde man mit Hilfe von amerikanischen Bewässerungsanlagen und Krediten wieder Herr der Lage. Durch Bewässerung wurden bessere Erträge von bis zu 120 Doppelzentner pro Hektar mehr Rohpflanzen. In der Gegend der Kooperative gibt es einige Heilquellen, die gegen Rheuma helfen und so ist eine Kurklinik in dieser Gegend geplant.

Als 1960 die Genossenschaft Rákóczi gegründet wurde, besaß man ca. 10.000 ha Ackerland (für Weizen, Mais, Zuckerrüben und Luzerne), beschäftigte sich aber auch mit der Vieh- und der Schweinezucht (Mästung von 30.000 Tieren pro Jahr). Der Namengeber ist ein berühmter ungarischer Fürst und Siebenbürger Freiheitsheld gewesen, der auch hier in Südungarn Ländereien Besen hatte. Die Kooperative besteht aus 16 einzelnen Genossenschaften mit einer Flächen von heute 16.000 ha Nutzfläche. Die Anpflanzung umfasst wie oben schon erwähnt Sonnenblumen, Weizen, Mais und Wein. Die Viehzucht erwirtschaftet einen Ertrag von 30.000 Schweine und Rinder pro Jahr. Auf dem Gelände, wo jetzt Wein angebaut wird, stand früher ein Schachtanlage und eine Futterfabrik. 1989 mußte man dann 50 % des Gebietes als Entschädigung nach dem Systemwechsel herausgeben, die anderen 50 % wurden unter den ehemaligen Mitgliedern aufgeteilt. 1990 gab es dann die Systemänderung. Eigentum, welches in den 40 Jahren zuvor enteignet wurde, konnte nun auch durch drei eigens hierfür verabschiedete Gesetze zurückgefordert werden. So kamen zwei Drittel der Felder in Privathände. Die LPGs versuchten hingegen, das neu entstandene Privateigentum unter Pacht weiter bewirtschaften zu dürfen.

Zwei Jahre später wurde auf freiwilliger und privatwirtschaftlicher Grundlage die Einzelgenossenschaften gegründet, wobei das Vermögen der LPG anteilig unter den Mitarbeitern verteilt wurde. Die heutigen Genossenschaften bestehen aus den damaligen Mitgliedern, sowie einer Direktorats-Kommission (zur Lenkung und Kontrolle der Arbeit), wobei die Manager selber Angestellte oder Miteigentümer der Kooperativen sein können.

In den letzten 10 Jahren mußte die Landwirtschaft außerdem unter schwierigen Umständen wie Dürre (7-8 Wochen im Sommer ohne Niederschlag bei einer Temperatur von 35 - 40 °C) geführt werden. Für das daher nötige Bewässerungssystem bekommt man allerdings vom Staat eine 40 - 60 %ige Subvention. Ohne diese künstliche Bewässerung könnte man ca. 25 Doppelzentner/ha ernten, die die Produktionskosten nicht decken, mit Bewässerung allerdings 125 Doppelzentner/ha.

Für den Weinanbau stehen diesem Komitat 72 ha Fläche zur Verfügung, die Hälfte davon wurde bereits 1964/65 angepflanzt, die andere 1982/83. Angebaut werden hier Sorten wie italienischer Riesling, Chaslat und Blaufränkischer. 90 % davon werden verkauft, die anderen 10 % sind zur Eigennutzung. 60 % der Verkäufe finden im Binnenland statt, weitere 30 % werden in die GUS-Staaten exportiert. Der Ertrag des produzierten Weines beläuft sich auf 1.000.000 Liter Kapazität. In dieser Kooperative war die Hälfte der Mitglieder Eigentümer ihres eigenen Landes, die andere Hälfte war verstaatlicht. Die Probleme den letzten 10 Jahren ist die natürliche Versorgung der Felder mit Regen. Es ist daher nötig künstlich zu bewässern. Die Erträge liegen 5 mal höher mit künstlicher Bewässerung als ohne. Der im eigene Betrieb hergestellte Wein hat eine Menge von 50000 Doppelzentner. Davon werden 90% verkauft und 10% anders genutzt. 70% des Weines geht in den Binnenmarkt und 30% wird in die GUS Länder verkauft.

In dem Betrieb »Rákóczi« konnten wir eine Trocknungsanlage für Getreide und Sonnenblumen besichtigen. Die Sonnenblumenkerne werden direkt von dem Feld geerntet und zu trocknen gebracht. Als wir die Anlage besichtigt wurden gerade Sonnenblumenkerne getrocknet und an diesem Beispiel wurde uns die Anlage erklärt. Die Sonnenblumen werden in den Trockener hineingeschüttet und mit schon getrocknetem Material vermischt. Der Trockner wird mit Gas beheizt und arbeitet in einer 12 Stunden Schicht. Bei nassen Material wird mit Heißluft getrocknet, was bei trockeneren Material nicht nötig ist. Der Wassergehalt wird bei Sonnenblumen von 6% auf 3% Restfeuchtigkeit reduziert. In einer 12 Stunden Schicht können bis zu 700 Doppelzentner getrocknet werden. Bei Weizen sind es 3000 Doppelzentner pro Schicht und Mais der meistens im Oktober geerntet, wegen der Hohen Luftfeuchtigkeit. Von Mais kann man 2500 Doppelzentner in einer Schicht trocknen. Nach Der Trocknung der Sonnenblumen, werde diese zwischengelagert und dann zu eine Ölfabrik gebracht. Dort werden die Kerne zu Tafelöl verarbeitet. Durch Gummiwalzen werden die Kerne geöffnet und das Innenleben von der Schale getrennt. Die Schale wird später als Holzersatz weiter verarbeitet. Die Fabrik, die das Öl herstellt gehört zu der Trans-Ungarn AG mit Anteilnehmern in Deutschland.

Die Perspektiven für den Betrieb liegen in der Modernisierung. Diese Möglichkeiten sind aber sehr begrenzt, weil die Kredite immer mehr abgesetzt werden. Dabei übernimmt der Staat schon 70% der Kredite, aber es müssen immer noch 9% selber bezahlt werden. Nur mit mehr Kapital wäre es möglich den Betrieb zu fördern. Um aber eine Kredit aufzunehmen, wollen die Banken Sicherheiten, und eine Hypothek ist zur Zeit auf Grund der Bestimmungen noch nicht möglich.

Verfasser: Kai Radewald

15.30-17.30 Uhr: Stadtrundgang in Szeged

Die Stadt Szeged liegt am zweitgrößten ungarischen Fluss, der Tisza, die mehrere Arme besitzt, die die Stadt, bzw. die Region umschließen. Der Fluss hat seinen Ursprung in östlichen Karpaten und das Hauptflussbett (Sandbett) führt viel Material mit sich. So entstand auch der Name: »die blonde Theiss«. Durch die natürlich vorkommenden Wasserunterschiede zwischen den Winter und den Sommermonaten gilt sie als ein gefährlicher Fluss. Der Unterschied kann das Fünfzigfache der normalen Wassermenge betragen, (Vergleich; Donau das Fünfzehnfache). Der Grund dafür ist die schnelle Schmelze im März, sowie der Frühjahrsregen. Im Frühling folgt die Dürre, woraus sich auch der niedriger Stand im Sommer erklären lässt.

Bis zur der Regelung des Flusses betrug die Breite des Überschwemmungsgebietes 25 km. Da die Theiss in die Donau mündet kam es bei hohen Wasserständen zum Rückstau; das Wasser aus der Theiss konnte nicht in die Donau abgeführt werden. Am 12 März 1979 wurde die Stadt durch den Fluss vernichtet, es mussten Böden aufgeschüttet werden, um eine neue Stadt einrichten zu können. Da bei dem Wiederaufbau viele, auch ausländische Städte mitgeholfen haben wurden viele Straßen mit deren Namen versehen. Das Holz, das für den Wiederaufbau benötigt wurde kam mit dem Fluss aus den Karpaten. Es wurden Sägewerke errichtet, die sich heutzutage mit der Möbelherstellung beschäftigen, besonders aus Tropenhölzern. Die nur 5 km von der Serbischen Grenze entfernte Stadt ist umrahmt von bedeutsamer Landwirtschaft (Weltbekannte Salamifabrik PICK).

Erdölgewinnung gehört zum Ortsbild von Algyö unmittelbar nordöstlich vor den Toren von Szeged, wo sich ein auf 100 Milliarden Tonnen geschätztes Ölfeld befindet, es ist das größte Feld im Karpatenbecken. Dort befindet sich auch das größte Erdgasaufbereitungsbetrieb, wodurch Versorgungsmöglichkeiten der ländlichen Gegenden entstehen. Die Stadt besitzt eine Universität, sowie ein Lizenzbetrieb für Schläuche zur Erdgas- und Erdölgewinnung aus großen Meerestiefen. Hier auch entspringt die heißeste Naturquelle Ungarns (92°C), welche zur Beheizung von Wohnungen und Schwimmbädern genutzt wird. Auf dem örtlichen Marktplatz steht ein Denkmal des Nationalhelden Kossuth mit der Aufschrift: »Szecednek Népe Nemetzem Büszueséce«, was bedeutet; »Volk von Szeged, ich bin stolz auf euch«.

Verfasser: Rita Taureck und Wojciech Grohn

»Nightbus« — Eine Geschichte, die das Leben schreibt...

Es war an einem Sonntag im September, der Tag begann mit einer aufschlussreichen Betriebsbesichtigung einer landwirtschaftlichen Genossenschaft in Orosháza mit leckerem Mittagessen und Weinprobe. Bevor wir unser Programm fortsetzten, hatten wir die Möglichkeit, uns mit ausreichend Wein zuzudecken.

Zunächst fuhren wir weiter nach Szeged, wo wir eine Stadtbesichtigung geplant hatten. Dieser Programmpunkt fiel buchstäblich ins Wasser, denn wir wurden von einem sintflutartigem Unwetter überrascht, mussten die Besichtigung vorzeitig beenden und zurück zum Bus flüchten. Fatale Folge: achtzig Prozent der Gruppe mußte ihre nassen Sachen im Bus zum Trocknen aufhängen oder sich umziehen. Somit ergab sich für manche Leute die aufreizende Situation, mit halbnackten Gruppenteilnehmern konfrontiert zu werden. Was für ein Anblick! Um die innere Kälte zu verbannen und die angespannte Situation zu lockern, fielen wir über unsere (restlichen) Weinvorräte her. Die Stimmung steigerte sich in ein feucht-fröhliches Happening.

Und nun waren wir auf dem Weg nach Pécs und haben uns auf das dortige Abendessen gefreut. Urplötzlich stoppte der Bus mitten auf einer Nationalstraße mitten in der ungarischen Wildnis. Laut unseres Busfahrers hat der Kompressor versagt. Also war eine kurze Pause geplant, um den Fehler zu beheben — dachten wir! Zu diesem Zeitpunkt war es noch 18 Uhr. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen und die Langeweile zu bekämpfen, wurde spontan von einigen Gruppenteilnehmern eine Technoparty hinter dem Bus am Straßenrand veranstaltet. Innerhalb weniger Minuten strömten gleichsam alle aus dem Bus zur Party und feierten mit. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung, selbst als es immer später und dunkler wurde. Nach dem fehlgeschlagenen Versuch, den Bus wieder in Gang zu bringen, versuchte Philipp »Handy« Maske gegen 22.30 Uhr, per Handy Hilfe anzufordern. Nach einigen ergebnislosen Versuchen wurde aus Budapest ein Ersatzbus angefordert, der uns gegen 3 Uhr nachts aufgreifen sollte. Doch bis dahin war es noch eine lange Zeit.

Gegen 24 Uhr war die Party längst zu Ende, die letzten Leute flüchteten vor der nächtlichen Kälte in den ebenso kalten Bus, andere wiederum schliefen schon. Da sich bei einigen Hunger einstellte, machte man sich auf die Suche nach Nahrung - meist vergeblich. Aber einige hatten auch Glück: Ein vorbeifahrender LKW stoppte und spendierte den hungrigen Leuten drei Konservendosen Gulasch und einen Dosenöffner. Danach wurde versucht, das Gulasch in den Dosen mit einer Kerze zu erwärmen, denn wir hatten noch nicht einmal einen Kochtopf oder gar Campingkocher. Aber auch dieser Versuch war vergeblich. Das halbkalte Gulasch wurde allerdings nicht ganz verzehrt, denn einer aus der Gruppe trat fatalerweise mitten in die Gulaschdose.

Nachdem alle Teilnehmer versucht haben, die restliche Zeit zu schlafen, traf gegen 3 Uhr nachts der Ersatzbus aus Budapest ein, in den wir dann im Halbschlaf umstiegen. Dort versuchten wir, weiterzuschlafen, nachdem beschlossen wurde, den ursprünglichen Programmplan zu verwerfen.

Gegen 7 Uhr morgens wachten wir auf und stellten fest, daß wir uns auf einem Parkplatz in Dunaújváros (dt.: Donau-Neustadt) befanden. Nach einem königlichen Frühstück in einem 3-Sterne-Hotel und einer kurzen Stadtbesichtigung und einem Vortrag von Prof. Antal haben wir uns auf den Weg nach Budapest gemacht. Die weitere Fahrt barg allerdings keine weiteren Überraschungen.

Das war tatsächlich ein Erlebnis, das wir nicht so schnell vergessen werden - eine Geschichte, die das Leben schreibt!

Verfasser: Lars Ahlström, Andreas Fix, Kai Radewald und Jacek Wischnewski

Montag, 18. September 1995

Erdölraffinerie

Protokoll eines Kurzvortrages von Herrn Voigt nach Angaben von Prof. Dr. Zoltán Antal, gehalten am Montag, den 18.9.1995 auf der Fahrt von Dunaújváros nach Budapest

Die Erdölraffinerie südlich von Budapest ist die größte in ganz Ungarn. Sie entstand Mitte der 1960er, als Ungarn wie alle RGW-Staaten noch vom günstigen Erdöl aus der Sowjetunion profitierte. Das Öl stammt auch heute noch aus Sibirien, die Pipeline verläuft durch die Tschechische Republik und durchs Matragebirge. Im Gegensatz zu früher, als für die Ostblockstaaten die Energie durch die riesigen sowjetischen Rohstoffvorräte sehr billig war und deshalb kein Anreiz zum Energiesparen bestand (im Gegenteil: die Energie wurde regelrecht verschwendet und die Suche nach neuen, sparsameren Technologien vernachlässigt), hat sich heute – im Zuge der nach dem Zusammenbruchs des RGW-Systems gestiegenen Rohstoffpreise – auch in Ungarn die Erkenntnis durchgesetzt, daß Energie ein kostbares und auch kostspieliges Gut ist, mit dem es hauszuhalten gilt.

Die Raffinerie ist auch noch in einer weiteren Hinsicht vom Ende des alten Systems betroffen: Da man für die hier hergestellten Produkte (Schweröle, Kerosintreibstoffe, Vaseline, Gasoline) weniger Abnehmer findet, mußte man bereits die zweite Raffinerie stilllegen, so daß die gesamte Anlage statt mit den maximal möglichen zehn Millionen Tonnen nur noch mit sechs Millionen Tonnen Kapazität arbeitet.

Verfasser: Timur Gül, Tim Höpfner, Holger Stichnoth

Di./Mi., 19./20. September 1995

Die direkte Rückfahrt von Budapest nach Hannover

Leicht wehmütig stiegen wir am Montagmorgen in den Eurocity nach Nürnberg ein, viele hatten den Charme der Stadt Budapest bereits tief in ihr Herz geschlossen. Doch eine gewisse Freude auf unsere Heimatstadt Hannover konnte sicherlich keiner leugnen. Schließlich war es zu spät, die Zugtüren schlossen sich und setzte sich langsam anrollend in Bewegung. Einen ersten Vorgeschmack auf Deutschland bekamen wir bereits durch das deutschsprachige Zugpersonal. Mehrere Stunden später machte der Zug einen Zwischenstopp in der Weltmetropole Wien. Der größte Teil unserer Reisegruppe stieg hier aus, um noch ein paar Stunden in der Stadt bleiben zu können und dann abends in ein Liegewagen nach Hannover zu steigen. Nur wir fünf blieben sitzen, um dann in Nürnberg in den ICE nach Hannover umzusteigen. Während der Fahrt nutzen wir die intimer gewordene Atmosphäre zu Gesprächen über unsere Eindrücke während der Studienfahrt zu besprechen; für ausgiebige Skatturniere war natürlich auch noch genügend Zeit vorhanden.

Gegen 21.00 Uhr abends kamen wir dann – endlich – am hannoverschen Hauptbahnhof an, ich glaube unser sehnlichster Wunsch war eine heiße Dusche und ein warmes Bett.

Verfasser: Philip Maske

IV. Erfahrungsbericht

Die Studienfahrt hat einen reichen fachlichen Ertrag gebracht. Vorträge und Besichtigungen rundeten sich zu einem recht umfassenden und dabei differenzierten Bild der Situation in Ungarn, wobei der Schwerpunkt durch unseren längeren Aufenthalt auf der Agglomeration Budapest lag. Qualifizierte Referenten wie Dr. Gyula Wirth, der uns in die ökonomische Situation des Landes in einer Zeit tiefgreifender Systemtransformationen einführte, wurden uns von Prof. Dr. Antal vermittelt, der selbst während der gesamten Studienfahrt unermüdlich bereit war, das Gesehene zu deuten, Informationen zu vermitteln und Interesse an diesem Land und an der Stadt Budapest zu wecken.

An dieser Stelle kann kein umfassender Bericht über Ungarn, wie es sich unseren Studienfahrtteilnehmern darbot, gegeben werden; die Tages- und Vortragsprotokolle der einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer im vorangegangenen Abschnitt wie auch der kommentierte Programmüberblick im Einleitungsteil dieses Heftes geben einen ersten Eindruck von der Vielfalt der Eindrücke und der möglichen Erfahrungsgewinne.

Schwerpunkte der fachlichen Konzeption der Studienfahrt waren natürlich, entsprechend den Fächern der beteiligten Kurse, gesellschaftlich-ökonomische und geographische, vor allem wirtschaftsgeographische Fragestellungen, zu denen das umfassende Wissen von Prof. Antal so vieles beitragen konnte.

Um einen Eindruck von den fachlichen Möglichkeiten einer Studienfahrt in der Oberstufe zu geben, soll am regionalen Schwerpunkt Budapest versucht werden, über ein Protokoll hinaus gehend einen fachlichen Bericht über Stadt-Geschichte, Raumstruktur und sozioökonomische Wandlungsprozesse in der Agglomeration Budapest vor dem Hintergrund der Handlungsspielräume und -limitationen der heutigen Stadt- und Regionalplanung – in Ansätzen auch eingebunden in den gesamtungarischen Kontext – vorzulegen, der auf den Informationen, Eindrücken und Erfahrungen der Studienfahrt beruht und daher inhaltlich in hohem Maße unseren Referenten und hier vor allem Prof. Antal zu danken ist.

Budapest: Metropole und Agglomeration

Stadtgeographische Ergebnisse der Studienfahrt

Die städtische Situation Budapests ist eingebunden in die aktuellen Transformationsprozesse Ungarns wie in die geographische Lage und Struktur der Agglomeration. So ist ein stadtgeographischer Zugang immer zweigestaltig: er untersucht und erklärt das Besondere – in diesem Falle die heutige Situation Budapests – und er ordnet ein in die allgemeinen Erklärungs- und Deutungsmuster der Stadtgeographie, fügt ihnen gegebenenfalls weitere Aspekte und Differenzierungen hinzu und entwickelt so den stadtgeographischen Forschungsstand weiter.

Auf unserer Studienfahrt nach Ungarn hatten wir die Gelegenheit, über die reine Anschauung hinaus mehrere wichtige und umfassende Vorträge zur Situation Budapests und ihrer Einbindung in die allgemeine ökonomische Situation Ungarns zu hören. Aus diesen Anregungen und meinen eigenen Aufzeichnungen während dieser Vorträge heraus möchte ich eine kurze Problemdarstellung entwickeln, die den Inhalt unserer Arbeit während der Studienfahrt etwas detaillierter charakterisieren soll. Zunächst stütze ich dabei auf eine stadtgeographische Situationsbeschreibung, die Prof. Antal zu Beginn unseres Aufenthalts in Budapest vorgetragen hat.

Wachstum der Agglomeration »Groß-Budapest«

Budapest, mit einer Fläche von heute 550 km², ist seit 1950 in Fläche und Einwohnerzahl erheblich gewachsen. Seit 1950 gibt es das sog. »Groß-Budapest«, in das über den eigentlichen Bereich der Kernstadt hinaus eine große Anzahl von Vorstädten und oft noch ländlichen Randgemeinden eingemeindet worden sind. Vor allem der Bereich der Csepel-Insel und der östlichen Randzone von Pest gehören zum Wachstumsraum der Agglomeration.

Dieses Wachstum sollte deutliche Integrations- und Infrastrukturvorteile bringen; doch vieles ist Zukunftsaufgabe geblieben; wichtige Probleme des Agglomerationsprozesses sind nicht gelöst worden. Zu den gravierendsten Problemen gehört das sich eher noch verstärkende zentral-periphere Gefälle zwischen Innenstadt und Randzone; während in der Kernstadt und in der unmittelbaren Randzone der Innenstadt eine starke Bevölkerungsverdichtung mit z.T. neuerer Hochhausbebauung gute Versorgungsbedingungen und eine gut ausgebaute Infrastruktur hervorgerufen hat, fehlen im ländlichen Peripheriebereich diese Vorteile ebenso wie, zumindest stellenweise, wie z.B. in Pestlörinc, eine ausgebaute Kanalisation. Die Trinkwasserversorgung ist zwar heute überall gesichert, doch ist das das Ergebnis eines aufwendigen Investitionsprogramms der letzten Jahrzehnte. Die sozialen, strukturellen und ökologischen Probleme, die sich aus dieser Strukturschwäche der städtischen Peripherien ergeben und die gerade in der gegenwärtigen krisenhaften Transformationssituation der ungarischen Gesellschaft und Wirtschaft ergeben, waren dann zentrales Thema unserer Besuche im Wasserwerk und der Kläranlage der Stadt. Durch die naturgeographische Situation der Agglomerationslage – Gelände und geologische Schichten weisen ein Gefälle von Ost nach West zur Donau hin auf, dem die Grundwasserhorizonte und Grundwasserströme folgen – drohen die Verschmutzungen in den östlichen Randbereichen durch das Grundwasser in die Trinkwassergewinnungsgebiete und letztlich in die Donau selbst zu gelangen.

Auch die städtischen Kleinstrukturen spiegeln das genannte zentral-periphere Gefälle wieder. Hat die Kernstadt ein ausgeprägtes und sich entwickelndes urbanes Zentrum mit allen zentralen Funktionen einer Metropole, fehlt den ländlichen Vororten der Peripherie oftmals jeder zentrale Kern, der als Kristallisationspunkt einer urbanen Entwicklung dienen könnte. Die mangelhaften Verbindungen zur Innenstadt werden durch die amorphe Siedlungsstruktur und die in die Landschaft ausufernde extensive Zersiedlung nur noch verschlechtert; es fehlen schnelle Massenverkehrsmittel wie Metro oder Vorortbahn; der ÖPNV wird durch Busse aufrechterhalten. Daher konzentriert sich der Infrastrukturausbau vor allem auf die Erweiterung der Metro, die viel zur städtischen Integration beigetragen hat. An den Endstationen der Metrolinien 2 und 3 in den Außenbezirken von Pest sind Einkaufzentren errichtet Förde, die zwei Funktionen übernehmen sollen: einmal die unmittelbare Versorgung der dort wohnenden Bevölkerung, deren Zahl durch einen forcierten Wohnungsbau in diesen Bereichen gesteigert wird, zum anderen als »Magnet« für die Bewohner der äußeren Peripherien, die mit dem Bus zu den Metro-Endpunkten fahren und dort den Weg zur Arbeit mit dem täglichen Einkauf verbinden können: also wiederum Ansätze zur urbanen Konzentration in – den Kernbereich entlastenden – »Nebenzentren« und zur Verbesserung der ökonomischen Versorgung der Peripherien.

Industrie und ökonomische Krise

Budapest ist aber auch eine traditionsreiche und für Ungarn wichtige Industriestadt. Budapest weist die höchste Konzentration industrieller Arbeitsplätze und die höchste industrielle Wertschöpfung von allen Ballungszentren Ungarns auf. Auf der Grundlage einer traditionellen, in das letzte Jahrhundert zurückreichenden Schwerindustrie (Hüttenwerk Csepel, Maschinen- und Fahrzeugbau/Ganz u.a.), die seit hundert Jahren von Konsumgüterindustrien ergänzt wurde, fand seit den 50er Jahren dieses Jahrhunderts ein rapider Ausbau der industriellen Kapazitäten statt. Entsprechend den wechselnden wirtschaftspolitischen Paradigmen des kommunistischen Regimes standen dabei einmal der Ausbau der Schwerindustrie, anderen Mals aber die Förderung vor allem umweltverträglicherer und stärker konsumorientierter weiterverarbeitender Branchen wie Textil- und Nahrungsmittelindustrie im Vordergrund.

Ein großes Versäumnis war jedoch durchgängig die mangelnde technologische Innovationsbereitschaft – die sich auch als grundlegende Unterkapitalisierung definieren lässt – und die mangelhafte Orientierung an den sich wandelnden Weltmarktstandards, die durch die Vorgaben der RGW-Ökonomie bedingt waren und heute zum zentralen Strukturproblem der ungarischen Wirtschaft geworden sind. So blieb die Budapester Industrie weitgehend technologisch auf dem Standard der 50er und 60er Jahre stehen: arbeitsintensiv, wenig produktiv und mit übermäßigem Rohstoff- und Energieverbrauch, was letzteres gerade in dem energie- und rohstoffarmen Ungarn zu großer Abhängigkeit von den damaligen RGW-Partnern und hier insbesondere der Sowjetunion führte und heute als krisenverschärfender Faktor wirkt.

Der große Arbeitskräftebedarf führte in den 50er Jahren zu einem massenhaften Zuzug ländlicher Bevölkerungsteile in die Agglomeration Budapest. Wegen des entstehenden Wohnungsmangels ließ die Stadtverwaltung in den 50er Jahren große Wohnungen aufteilen; doch waren weitere administrative Beschränkungen unvermeidlich. Der Zuzug nach Budapest wurde nur noch beim Nachweis eines Arbeitsplatzes in der Stadt genehmigt. Dadurch wuchsen die Randgebiete unmittelbar außerhalb der Stadtgrenzen schnell auf über 400.000 Einwohner – von insgesamt 2,5 Millionen Einwohner in der gesamten Agglomeration – an, was den Zwang zur Eingemeindung und zur städtischen Integration der Peripherien förderte.

Wohnungsnot und Neubaugürtel

Anfang der 60er Jahre wurden in relativ preiswerter Plattenbauweise – dem Zwang der Wohnungsnot folgend – in einem Gürtel im Norden, Osten und Süden der Kernstadt von Pest große Neubauviertel errichtet mit insgesamt über 20.000 Wohnblöcken. Fünf größere Viertel haben jeweils 50 - 100.000 Einwohner. Der Wohnungsbau in dieser Form – wie immer man ihn auch städtebaulich und architektonisch bewerten mag – war angesichts des Bevölkerungswachstums und der knappen finanziellen Mittel notwendig und bot und bietet den Bewohnern durch großzügige Infrastrukturmaßnahmen (Metro, Straßenbau) und durch Versorgungszentren im Kern der Verdichtungsgebiete bessere ökonomische und urbane Lebensverhältnisse als in den strukturschwachen Peripherien. Ob sich in einer zukünftig wandelnden Gesellschaft mit beginnender Massenmotorisierung diese Vorteile auf Dauer in dieser Form bewerten lassen werden, sie noch dahingestellt.

Ebenso sollte hier nur das Problem angedeutet werden, ob diese Form der Massenwohnsiedlung in Zeiten der ökonomischen Krise (Arbeitslosigkeit, materielle Verelendung) der sozialen Selbst- und Nachbarschaftshilfe eher entgegensteht und soziale Vereinsamung und die Gefahr des Abrutschens in die Asozialität, wie es sich bei gewalttätigen Jugendbanden schon heute andeutet, stärker fördert, als ein strukturschwacher, aber ländlich geprägter Peripherieraum. Der verdichtete Wohnungsbau als positives Element der urbanen Integration und der planmäßigen Strukturierung der Agglomeration ist eben abhängig von ganz spezifischen sozioökonomischen Voraussetzungen, wie sie in Ungarn in einer Form in den 60er und 70er Jahren gegeben waren und wie sie, auf höherem Niveau durchaus auch in prosperierenden westlichen Wachstumsgesellschaften auffindbar sein können: Zu diesen Voraussetzungen gehört eine sozialstaatliche Lebenssicherung und gesellschaftliche Gesamtverantwortung ebenso wie zumindest tendenziell Vollbeschäftigung und gesicherte soziale und beruflich-ökonomische Lebensperspektiven, also gerade diejenigen gesellschaftlichen Charakteristiken und Leitvorstellungen, die historisch untrennbar mit der Entwicklung der europäischen Stadt, mit der Urbanität verbunden sind und die in einem globalisierten Transformationsprozess heute weltweit in Gefahr geraten. Heißt dies, wie einige Kritiker jetzt schon sagen: Abschied nehmen von der traditionellen Stadt und den mit ihnen verbundenen gesellschaftlichen Wertvorstellungen, oder heißt es nicht vielmehr: Aufforderung zur Suche nach gesellschaftlichen Möglichkeiten der Revitalisierung der Städte durch neue städtebauliche Konzeptionen und Perspektiven?

Hier sehen wir, wie wir einleitend schon angedeutet haben, wie stark die konkrete Fallanalyse, die Untersuchung der stadtgeographischen Situation Budapests, zu allgemeinen gesellschaftlichen und geographischen Frage- und Problemstellungen hindrängt; wie stark also auch die exemplarische Bedeutung der Beschäftigung mit der Agglomeration Budapest sein kann!

Buda

Wir haben uns bisher auf die Entwicklung der östlichen Stadtregion, von Pest, konzentriert. Dieses zentral-periphere Gefälle von einer urbanen Metropole zu ländlichen Einfamilienhaussiedlungen mit Gärten und oft dörflichem Charakter, findet sich im Westen der Stadt, in Buda, nicht in dieser Form.

Blockbebauung, wie wir sie als dominante Form der Stadtentwicklung in Pest vorgefunden haben, finden wir nur im äußersten Süden, wo sich südlich des Gellért-Berges das Donautal weitet, und im äußersten Norden im Stadtteil Óbuda (Alt-Buda) zwischen den zurücktretenden Hügelzügen und dem Donauufer gegenüber der Margareten- und Szentendre-Insel, auf dem Gebiet der antiken Römersiedlung Aquincum.

Zentrum sind auch hier ein Verkehrsknotenpunkt (Straßenknoten und -brücke zur Árpád-Brücke über die Donau; HÉV-Station/Vorortbahn nach Szentendre) und das Einkaufszentrum am Flórián-tér. Doch insgesamt sind diese beiden Neubauzentren strukturell über die Donau hinausgreifende Erweiterungen des um Pest herum angeordneten Verdichtungsgürtels und als solche nicht typisch für die Siedlungsformen von Buda. Weiter unten werde ich diese Strukturdisparität noch sozialstrukturell einzuordnen versuchen, wie es Untersuchungsergebnisse des Budapester Stadtbauamtes vorzeichnen.

Der Burgberg von Buda ist, sieht man von der weiter nördlich gelegenen Römerstadt einmal ab, Ausgangspunkt der Stadtentwicklung von Budapest gewesen. Entlang der Donau ziehen sich die Budaer Berge, an deren Hängen sich der Stadtteil Buda ausbreitet. Neben der Altstadt des Budaer Burgbezirkes (einer typischen mittelalterlich-neuzeitlichen Burg- und Bürgerstadt) finden wir vor allem die ältere Bebauung des Donauufers mit z.T. jahrhundertealten Bädern, Barockkirchen und Verwaltungsgebäuden des 19. Jahrhunderts, sowie die lockerere, von Wald und Gärten durchsetzte Wohnbebauung an den Hängen der Hügel, die immer Wohngebiet der sozial und ökonomisch führenden Schichten gewesen sind. Auch heute dehnt sich das Stadtviertel weiter in den Bereich der Budaer Berge aus: z.T. mit prunkvollen Villen, mit exklusiven Firmenresidenzen und mit Konsulats- und Botschaftsgebäuden. Nicht immer ist erkennbar, woher das Geld stammte, mit denen dieser Luxus finanziert wurde.

Zur Geschichte der Stadt Budapest

Die erste städtische Siedlung gründeten die Römer auf dem Gebiet der heutigen Stadt Budapest: Aquincum. Ein »Castrum« – das Militärlager – war Teil der Grenzbefestigung des Imperium romanum: des Limes. Der Name des Ortes dürfte vorrömischen, wahrscheinlich keltischen Ursprungs sein, und bedeutete wohl: »gutes Wasser«, was schon damals auf die vielen Quellen im Verlauf der geotektonischen Bruchzone entlang dem östlichen Randes der Budaer Berge, Leitlinie für den Verlauf des Donautals, hinwies, die immer wieder Besiedlung ermöglichten und förderten.

Die Militärstadt, deren Reste man heute in Óbuda im Bereich des Flórián tér sieht und deren größter Überrest das Fundament eines Amphitheaters für etwa 20.000 Zuschauer ist, wurde bald ergänzt durch eine ca. 5 km weiter nördlich angelegte Zivilstadt, in der die Familien der Soldaten, aber vor allem auch Handwerker und Händler – sicher nicht nur römische Bürger sondern auch Zuwanderer von jenseits des Limes – wohnten, und die bald zu einem zentralen Ort von einiger Bedeutung für die Provinz Pannonien wurde. Teile der Stadt sind ausgegraben und als Museumsgelände zu besichtigen.

Spuren der römischen Besiedlung sind aber noch andernorts zu finden. In Budapest selbst findet sich auf der Pester Seite am Beginn der Elisabethen-Brücke der Überrest des römischen ›Brückenkopfes‹ Contraaquincum, dessen Lage auf die militärtaktische Besonderheit des Ortes verweist. Hier war und ist eine der engsten Stellen des Donaulaufes, die die Gefahr des Übersetzen »barbarischer Stämme« befürchten ließ. Insbesondere im Winter, im Schatten des Gellért-Berges, der hier direkt an das Donauufer reicht (die Uferstraße ist erst in späterer Zeit künstlich davor gelegt worden) und dessen Gesteinsbarriere sich noch etwas unterhalb des Wasserspiegels in die Donau hinein erstreckt, diese verengend und im Lauf behindernd – die Stromschnellen waren früher bei den Schiffern gefürchtet –, fror die Donau hier besonders schnell zu; auch Eismassen schoben sich hier immer wieder zusammen: beides ermöglichte immer wieder den Übergang über die Donau, von den Römern gefürchtet wegen der kriegerischen Gefahren!

In ganz anderer Weise wurde 1838 diese besondere geographische Situation für Budapest zum Verhängnis: In dem sehr kalten Winter staute sich wieder einmal das Eis vor dem Gellértberg, das Wasser stieg und die größte Überschwemmung setzte weite Teile Pests und der Uferbebauung in Buda und Óbuda unter Wasser. Tausende von Häusern, damals noch oft aus Lehm errichtet, fielen der Flut zum Opfer. Die war der Anlass zu einer umfassenden Regulierung und Uferbefestigung der Donau im Budapester Stadtgebiet und gleichzeitig für eine Höherlegung des Straßen- und Bebauungsniveaus um etwa einen Meter. Steinhäuser, die die damalige Flut überstanden haben, erkennt man heute an den Stufen, die zum Eingang hinunter führen!

Doch zurück zur älteren Geschichte Budapests. Das römische Straßennetz entspricht in seinen Leitlinien auch den heute noch wichtigen Fernverbindungen, wie sie in der Europastraße von Wien nach Budapest und weiter über die Donau (in das ehemalige »Barbarenland« hinein) und in den Verbindungen von Budapest nach Süden (entlang der Donau und dem Limes) und Südwesten in Richtung Adria zu finden sind. Doch hat sich im Laufe der Geschichte diese geographische Knotenfunktion Budapests noch in dem Maße verstärkt, in dem die östlich liegenden Regionen politisch und ökonomisch in die Geschichte Europas eingetreten sind.

Neben den Standortvoraussetzungen, die sich aus Lage und Infrastruktur ergaben, war für die Römer auch die Ausstattung mit bestimmten Ressourcen wichtig: zum einen die Steinvorkommen für die vielfältigen Bauvorhaben: Basalt, Travertin, vulkanische Gesteine vor allem in den Budaer Bergen, und in den Gebirgs- und Hügelgebieten entlang des Donauknies, und zum andern vor allem natürlich das Wasser, dessen Qualität immer wieder gelobt wurde. Es wurde eine 20 km lange Wasserleitung von den Quellen an den Hügelhängen über Aquincum zur Militärstadt bis in das Gebiet des heutigen Buda gegenüber der Margaretenbrücke als Aquaeduct gebaut. Rekonstruierte Reste sind heute mitten auf der nach Norden führenden Hauptstraße bei Aquincum zu sehen.

Um 450 verschwanden die Römer. 896 erfolgte die »Landnahme« durch die Magyaren. Die etwa 200.000 Bewohner des Karpartenbeckens übernahmen die römische Infrastruktur, die Bewohner der verschiedenen Stämme und Einwanderungswellen vermischten sich, Ungarn wurde Teil Europas: doch das ist ungarische Nationalgeschichte. Die Städte Buda, Óbuda und Pest entwickelten sich langsam seit dem Mittelalter, die bekannten Standortfaktoren nutzend. Politisch bedeutsam wurde für das ungarische Königtum wie in der 150-jährigen Besetzung durch die Türken für das Osmanische Reich als Grenzfeste die Burg von Buda. Doch ein großer räumlicher und bevölkerungsmäßiger Entwicklungsschub erfolgte erst wieder in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem »Ausgleich« in der habsburgischen »k.u.k. Doppelmonarchie« mit ihrer politischen und ökonomischen Aufwertung des ungarischen Landesteils und schließlich mit der Vereinigung der drei Orte zur Stadt Budapest 1873.

Geographische Lage der Hauptstadt

Die den Römern bekannte Standortgunst Aquincums, des heutigen Budapest, gilt auch als geographische Grundlage der weiteren Entwicklung der Stadt: der mögliche Donauübergang an ihrer schmalsten Stelle (die heutige Elisabethen-Brücke überspannt ca. 300 m Flussbreite; sonst ist die Donau, abgesehen von ihren vielen Inseln und Nebenarmen, in ihrem Hautstrom zwischen 400 und 500 m breit), das Aufeinandertreffen landschaftlich so unterschiedlicher Räume wie der ungarischen Tiefebene, auf deren letzten Ausläufern Pest liegt, und des ungarischen Mittelgebirges, das mit den Budaer Bergen Ort der Siedlung Buda ist – jeweils mit spezifischen Voraussetzungen für die Siedlungsform, für die wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Nutzungen und darauf aufbauenden gesellschaftlichen Entwicklungen –, der guten Wasserversorgung mit Trinkwasser und Heilquellen und schließlich der Ressourcen an guten Kalk- und Travertinsteinen, die den Bau der festen Siedlung erleichterten.

Voraussetzungen und Situation der Stadtplanung in Budapest

Aus der dargestellten gesellschaftlichen und wirtschaftsgeographischen Situation von Budapest ergeben sich Voraussetzungen und Leitlinien für die Stadtplanung und Raumordnung. Die folgenden Notizen orientieren sich dabei weitgehend an einem sehr aufschlussreichen Vortrag von Dr. József Raab vom Stadtplanungsamt im Hauptbürgermeisteramt von Budapest.[7]

Auszugehen ist bei jeder Strukturanalyse und Stadtplanung von der geographischen Lage der Stadt, die ihr schon in historisch zurückliegender Zeit eine besondere Bedeutung im Karpartenbecken zuwies.

Über die Bedeutung von Aquincum als römischer Militärgründung am Limes mit wichtigem strategischen Wert für die Sicherung des römischen Imperiums wurde an anderer Stelle schon einiges ausgeführt.

Alte Verkehrs- und Handelswege führten von Wien kommend in Richtung Balkan und Karpaten und querten bei Budapest die Donau. Gleichzeitig zweigt hier der Handelsweg nach Süden entlang der Donau und nach Südwesten in Richtung Triest, Adria und Italien – in der Antike für Rom besonders wichtig! – ab. Für die zukünftige großräumige Verkehrsplanung in einem zusammenwachsenden Europa nach Überwindung der Ost-West-Spaltung und in der hoffnungsvollen Perspektive auf eine friedlichere Zeit nach dem Ende des derzeitigen Balkankrieges auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien steht vor allem die Reaktivierung der Diagonalverbindung von Triest über Budapest in Richtung Miskolc, Ukraine und Rußland auf der Tagesordnung. Ungarn war und ist zunehmend wieder verstärkt Drehscheibe des Verkehrs zwischen Ost und West, auch, wie sich an dem wachsenden Verkehrsaufkommen zeigt, zwischen der Türkei und Mitteleuropa.

Wichtig ist auch, den erwarteten Güterströmen entsprechend, der Ausbau einer Magistrale in Richtung Bratislava und weiter nach Polen, in das Baltikum und nach Skandinavien.

Für Ungarn und Budapest bedeutet das zunehmenden Transitverkehr zusätzlich zu dem ohnehin wachsenden Binnenverkehrsaufkommen, das auch eine Verschiebung des Verkehrsvolumens von der Schiene und dem Wasserweg zugunsten des Straßengüterverkehrs beinhaltet.

Die Verkehrsbelastung der Agglomeration Budapest wird daher steigen; das heutige Straßen- und Schienennetz ist diesen erwarteten Belastungen nicht mehr gewachsen, wenn schon die Grenzübergänge in der Peripherie - wie wir am Grenzübergang nach Rumänien bei Gyula drastisch vor Augen geführt bekamen - mit einer Verdreifachung des Güterfernverkehrs seit 1990 und der damit verbundenen anwachsenden Grenz- und Transitkriminalität hoffnungslos überfordert ist.

Wichtigstes Straßenbauprojekt in Budapest ist daher der so genannte M0-Autobahnring auf der Pester Seite mit einem neuen Donauübergang im Bereich der nördlichen Csepel-Insel knapp außerhalb der Stadtgrenze mit Anschluss an die Autobahn Wien/Balaton außerhalb des eigentlichen Stadtgebietes. Damit soll die Innenstadt vom Durchgangsverkehr freigehalten werden.

Eher auf Entlastungen des innerstädtischen Verkehrs zielt der Ausbau des »Hungária körút (Hungária-Ringes)«, der den bestehenden alten Innenstadtringen von Pest einen weiteren Ring hinzufügt und über Árpád- und Összekötö vasúti hid, der bisherigen südlichen Eisenbahn-Brücke, die durch Straßen-Fahrbahnen ergänzt wird, mit der Budaer Seite verbunden ist. Mit seiner Ringstraßenbahnlinie auf eigenem Gleiskörper stärkt dieses Verkehrsprojekt den ÖPNV und zieht diagonale bzw. radiale Verkehrsströme aus der überlasteten Innenstadt ab, indem alle Métro-Linien an Umsteigestationen mit der Ringlinie schon im äußeren Stadtbereich gekreuzt und verknüpft werden.

Neben der Verkehrslage spielen für die Stadtplanung vor allem auch die Wachstums- und Agglomerationsprozesse eine entscheidende Rolle. Der historische Hintergrund der Bevölkerungsentwicklung Budapests ist sehr aufschlussreich. Zwischen 1870 und 1900 wächst Budapest im internationalen Vergleich überproportional und rückt vom 16. auf den 8. Rangplatz aller Großstädte vor. Dies entspricht der verspäteten gesellschaftlichen und industriellen Entwicklung Ungarns in der Zeit des k.u.k.-»Ausgleichs«. Bis 1930 ist die Einwohnerzahl von einer halben Million erreicht; bei weiterem bedeutenden Bevölkerungswachstum fällt der Rangplatz jedoch wieder ab, was der allgemeinen demographischen Entwicklung Europas im Vergleich zu den neu entstehenden megapolitanen Agglomerationen der Dritten Welt entspricht: 1930 steht Budapest auf dem 9. Platz, 1950 auf dem 11. und 1970 mit 1.712.791 Einwohnern (Census) nur noch auf dem 13. Platz. 1990 ist die Zweimillionengrenze überschritten (2.016.774 Einwohner), der Rangplatz noch einmal eine Stufe heruntergesetzt. Damit leben etwa 20 % der Gesamtbevölkerung Ungarns in Budapest. Im weltweiten Größenvergleich werden die Europäischen Metropolen aber in Zukunft noch weiter an Bedeutung verlieren; speist sich der Bevölkerungszuwachs Budapest in den letzten Jahrzehnten nahezu ausschließlich aus innerungarischen Wanderungen, da Ungarn selbst praktisch kein natürliches Bevölkerungswachstum mehr aufweist.

Damit scheint aber zumindest auf mittlere Sicht eine demographisch, sozioökonomisch und wirtschaftsräumlich-strukturelle Wachstumsgrenze erreicht zu sein. Der Abwanderung aus der sich umstrukturierenden City, die in allen marktwirtschaftlich gesteuerten Stadtentwicklungen zu beobachten ist, folgt auch eine gewisse Stagnation der Zuwanderung in die Peripherien der Agglomeration, die kaum noch attraktive Agglomerationsvorteile in Hinblick auf Infrastruktur, Arbeitsplätze und Versorgung zu bieten haben. Die Prognose geht sogar von einer Bevölkerungsabnahme Budapests durch Abwanderung in die strukturell aufgewerteten und durch den verstärkten Verkehrswegebau besser zu erreichenden Mittelzentren aus.

Da diese Wanderungsbewegungen vor allem in den jüngeren und ökonomisch aktiven Bevölkerungsschichten zu finden sind, besteht die Tendenz, daß die Bevölkerung Budapests überaltert und überproportional durch soziale Problemgruppen belastet wird. Dies trifft in verstärktem Maße gerade auf die eigentlichen Innenstadtbereiche auf der Pester Seite zu und ist im Citybereich die Vorstufe zur drohenden Verdrängung der Wohnbevölkerung überhaupt durch finanzkräftigere Geschäfte und andere Dienstleistungsbetriebe. Die heutige Stadtplanung will dieser rein ökonomisch über die Grundstückspreise und Mieten gesteuerten Bevölkerungsverdrängung gegensteuern und mit dem Ziel, traditionelle Urbanität zu bewahren, Wohnbevölkerung in der City erhalten.

Aber nicht nur ökonomische Zwänge der marktwirtschaftlichen Konkurrenzgesellschaft machen, wie der Blick auf andere Großstädte erweist, das Erreichen dieses Zieles fraglich. Auch die veränderte politische Situation in Ungarn schwächt die ehemals zentralisierten Planungsinstanzen. Die eigentliche Stadtplanung ist heute dezentralisiert; sie soll bürgernah von den Stadtbezirken durchgeführt werden. Doch sind die Kompetenzabgrenzungen zwischen der mit Koordinationsaufgaben betrauten Raumordnungs- und Stadtplanung des Komitats Pest Megye, der innerstädtischen Planung mit dem Ziel, die strukturelle Funktionsfähigkeit der Stadt zu erhalten, und den Bezirken, in denen sich vor allem die lokalen Interessen konzentrieren, weder in Gesetzen und Verwaltungsvorschriften noch in einer eingespielten pragmatischen Praxis geklärt. Die eingeleitete Verwaltungsreform bedarf hier (und nicht nur hier) einer weiteren Klärung, Konkretisierung und Vereinheitlichung.

So kommt es, daß oft die innerstädtische Planungskoordination versagt und daß sich in den politisch weniger durchsetzungsfähigen Bezirksplanungsämtern ohnehin leicht die stärkeren ökonomischen Partikularinteressen auch gegen eine abgestimmte Stadtplanung, gegen Denkmalschutz, soziale Einrichtungen und ökologische Belange durchsetzen.

Auch wenn in stadt- und regionalplanerischer Hinsicht an den EU-Normen orientierte Standards gesetzt werden sollen, sind sie in der Praxis kaum durchzusetzen. Die katastrophale finanzielle Situation der Stadt, Spiegelbild der finanziellen Situation des hoch verschuldeten ungarischen Staates, verhindert, daß durch eigene kommunale Investitionen diesen Partikularinteressen ökonomisch-planerisch gegengesteuert werden könnte oder sie wenigstens politisch in einen Minimalkonsens über eine planerische Gesamtkonzeption eingebunden werden könnten.

Strukturelle Gliederung von Budapest

Neben der traditionellen Gliederung Budapests in Buda und Pest, von der Donau getrennt und erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zu einer Großstadt vereinigt, und neben der schon angesprochenen zentral-peripheren Differenzierung mit allen Folgen für die strukturelle und demographische Entwicklung, ist Budapest heute, als Ergebnis der Siedlungs- und Industrialisierungsentwicklung durch eine nur statistisch erfassbare Trennlinie geteilt, die von Südwest nach Nordost verläuft.

Der Nordwesten der Stadt mit Buda, Obuda, der City auf der Pester Seite und dem nördlichen Teil von Pest ist durch urbane Siedlungsverdichtung, aktive Industrien und Gewerbebetriebe, höherem Dienstleistungsangebot und verdichteten Neubaugebieten gekennzeichnet – wobei natürlich physiognomisch zunächst einmal Sondergebiete wie die Wald- und Villenviertel an den Hängen der Budaer Berge herausfallen, in anderen Kategorien des statistischen Vergleichs jedoch in den Charakter dieser strukturell bevorzugten Zone einzubeziehen sind; demgegenüber wird der Südwesten der Stadt mit den Pester Außenbezirken, der Csepel-Insel und dem Areal auf dem rechten Donauufer südlich des Gellert-Berges statistisch überrepräsentiert durch ländlichen Charakter, veraltete und inaktive, z.T. aufgegebene Industrie- und Gewerbeareale, alte Arbeitersiedlungen und eine lockere »low-standard«-Bebauung, in die sich das Neubauviertel um die Üllöi-út in Richtung Flughafen als »moderne Enklave« hineinschiebt, ohne den Charakter als strukturschwache Zone verdecken zu können.

Diese Zweiteilung reicht tiefer. Sie korrespondiert über den siedlungs- und wirtschaftsgeographischen Ansatz hinaus mit der ungleichmäßigen Einkommens- und Vermögensverteilung sowie der signifikanten Ungleichverteilung des Bildungsstandards der Bewohner, wo der Nordwesten einen deutlich höheren Anteil an höheren Bildungsabschlüssen und akademischer Ausbildung aufweist.

Alle diese Aspekte sind funktional verknüpft und spiegeln die ungleiche Sozial- und Berufsstuktur der betroffenen Stadtviertel wider, die bedingt ist durch die funktionalen Ressourcen der Region und den damit traditionell verbundenen Arbeitsplatzangeboten in ihrer unterschiedlichen Betroffenheit auch von der derzeitigen ökonomischen Umbruchsituation.

In übertragenem Sinne haben sich somit auch bestimmte Stadtviertel-»images« herausgebildet, die den differenzierenden Trend einer Sozialstatus-Differenzierung noch verstärken und im Sinne einer »self-fulfilling prophecy« fördernden oder hemmenden Einfluss auf die objektiven Entwicklungschancen der einzelnen Stadtregionen nehmen.

Schließlich spiegelt aber die innerstädtische Differenzierung die Strukturdisparitäten des gesamten Landes wider, die ebenfalls einen strukturell höher entwickelten Nordwesten von einem strukturschwachen, agrarwirtschaftlich dominierten Südosten trennt, überlagert von zentral-peripheren Gefällen, die vom Zentrum Budapest ausgehen. Sowohl auf nationaler wie auf städtischer Ebene besteht die Gefahr, daß die Schwächezonen von der allgemeinen Entwicklung und dem ökonomischen Aufschwung abgekoppelt und schmerzhaften sozioökonomischen Peripherisierungsprozessen unterworfen werden, deren politische Risiken kaum abzuschätzen sind.

Die Entwicklung des Wohnungsbaus nach der politischen Wende in Ungarn

Die sozialstrukturelle Differenzierung Budapest steht in engem Zusammenhang mit der Entwicklung des Wohnungsbaues. Wenn wir schon in städtebaulicher und ökonomischer Hinsicht festgestellt haben, daß der Übergang zur Marktwirtschaft und die Veränderungen der ökonomischen und politischen Situation tendenziell zu einer Verstärkung der Unterschiede und zu einer Beschleunigung der Differenzierung der sozioökonomischen und Status-Gliederung führen, trifft das Gleiche auch auf die Situation im Wohnungsbau zu, was zu einer Verschärfung der regionalen Disparitäten beiträgt.

Doch derzeit fehlen sowohl für eine allgemeine investive Strukturpolitik, die den sich verschärfenden Disparitäten gegensteuern könnte, wie einer umfassenden staatlichen Wohnungsbau- und Neubautätigkeit, die das sich verschärfende soziostrukturelle Gefälle zwischen den einzelnen Stadtregionen anzugleichen in der Lage wäre, die ökonomischen Mittel wie auch, als Ergebnis der politischen Reformen, der notwendige gesetzliche Rahmen und politische Einfluss.

Der staatliche und kommunale Wohnungsbau, ehemals für die Stadtentwicklung bestimmend und auch mengenmäßig dominierend, ist dramatisch zurückgegangen. Wurden im staatlichen Wohnungsbau 1980 noch ca. 17.000 Wohnungseinheiten fertig gestellt, waren es 1993 nur noch ca. 4.000. Auch der durchschnittliche Wohnungsstandard hat sich verschlechtert, Reparaturen und Renovierungen sind kaum noch finanzierbar. Private Investoren haben mangels Renditeaussicht kaum Interesse, sich im Wohnungsbau zu engagieren, einmal ausgenommen den kleinen Sektor von Luxuswohnungen für Geschäftszwecke, da die neue Oberschicht ausschließlich an Eigenheimen und Villen in eigener Bauträgerschaft interessiert ist.

Der reduzierte staatliche Wohnungsbau konzentriert sich zur Zeit nach westeuropäischem Muster auf den »sozialen Wohnungsbau«. Das marktwirtschaftliche Element und die politisch gewünschte Eigentumsförderung wird gestützt mit dem Ziel, staatlich geförderte Wohnungen zu 20-30 % des Marktpreises den Bewohnern zu verkaufen.

Dabei ist zu beobachten, daß für die wirtschaftlich besser gestellten Schichten und ökonomischen Aufsteiger, die dieses Angebot in erster Linie annehmen könnten, ein Kauf der bisherigen Wohnung wenig attraktiv ist, da sie eher darauf zielen, in bessere Wohnviertel umzuziehen oder im günstigsten Falle ein Eigenheim am Hang der Budaer Berge zu bauen - und sei es in Eigenbau oder mit Nachbarschaftshilfe.

Die Neubausiedlungen, in denen sich der staatliche Wohnungsbau konzentriert hat, sind oft im Vergleich zu den »besseren« Wohnquartieren infrastrukturell nicht so gut ausgestattet, weniger verkehrsgünstig gelegen und weisen insgesamt das schlechtere Wohnumfeld auf. Dabei spielen auch die sozialen Abstiegsprozesse und der schlechter werdende Ruf dieser Viertel eine negative Rolle. Indem die ökonomisch besser gestellten und sozialen Aufsteiger jedoch wegziehen, findet ein negativer sozialer Ausleseprozess statt, der sie sozialen Probleme des Quartiers noch verschärft und den Segregationsprozess beschleunigt. Dem kann die Stadtplanung nur schwer gegensteuern, so daß schlimmsten Falls eine Verslumung mit Verelendungs- und Kriminalisierungsgefahren droht.

Etwa die Hälfte des kommunalen und staatlichen Wohnungsbestandes konnte seit 1990 privatisiert, d.h. verkauft werden, wenn auch ohne Gewinne für die Gemeinde. Dabei zeigte sich, daß die ringförmig um die City angeordneten Zonen der Wohnbebauung sehr unterschiedlich in ihrer Attraktivität für die Käufer waren. Vor allem spiegelt sich darin die besondere Problematik der Übergangs- bzw. Transitionalzone zwischen Innenstadt und Peripherie wider.

Zone

 

Anzahl

Privatisierung 90-94 in %

(City)

113.000

59

II 

(Innenstadt)

244.000

59

III 

(Übergangszone)

170.000

35

IV

(Außenzone)

281.000

45

 

Total:

809.000

48

Auch die Änderung der Zahlen der Wohnbevölkerung spiegelt das soziale Gefälle zwischen den Stadtvierteln. Bevölkerungszunahme zeigen die Hänge der Budaer Berge und stellenweise, wo Infrastruktur und Wohnumfeld schon modernen gehobenen Ansprüchen genügen, auch die Außenbezirke.

Abwanderung ist zu verzeichnen auf der Pester Seite in der Altstadt und der City, was aber weniger auf mangelhafte Ausstattung der Wohnquartiere als auf den ökonomischen Verdrängungsprozess durch funktionalen Wandel hin zur absoluten Dominanz der Gewerbenutzung (Handel, Dienstleistungen, Firmenverwaltungen) über die Grundstückspreise zu erklären ist. In der Transitonialzone halten sich derzeit Abwanderungen und Zuzug einer ärmeren bzw. ländlichen Bevölkerung noch die Waage, doch ist mittelfristig hier auch mit Bevölkerungsabnahme zu rechnen; hier sind jedoch die schon genannten negativen Strukturmerkmale die Ursache für den Bevölkerungsverlust.

Das südliche Pest sowie das Gebiet von Újpest leiden unter Strukturproblemen durch die Abwanderung bzw. Stillegung der Industrie und die Schließung von Gewerbebetrieben in der Folge des ökonomischen Systemwandels der Wendezeit.

Stadtregionen und Planungsschwerpunkte

Die Stadtplanung muß sich angesichts ihrer reduzierten Möglichkeiten heute vor allem nur auf ausgesuchte Planungsschwerpunkte in den besonders von Strukturschwäche und sozialen Problemen gekennzeichneten Stadtregionen kümmern; dabei spielen Funktions- und Strukturwandlungen, die durch den soziökonomischen Transformationsprozess eingeleitet worden sind, eine besondere Rolle.

Daher sollten die unterschiedlichen Stadtbezirke noch einmal in einer Übersicht physignomisch-stadtgeographisch und ökonomisch-funktional gekennzeichnet werden:

Stadtteil

Charakteristik

Stadtmitte

traditioneller Kern, City, Handel,

(Pest, Budaer Donauufer)

Dienstleistungen, dichte Bebauung, Häuser der Jahrhundertwende dominierend, z.T. schlechter Bauzustand, intensive Restaurationen und Investitionen im gewerblichen Bereich

Gebirgszone (Buda)

elegante Zukunftszone, hoher Grundstückswert, aufgelockerte Villenbebauung, Infrastruktur noch lückenhaft

Donauufer

Zone starken Struktur- und Funktionswandels; überlastete Uferstraßen; alte, z.T. hochwertige Uferbebauung im Innenstadtbereich gefolgt von z.T. aufgegebenen Industrie- und Gewerbearealen mit hoher ökologischer Belastung und mangelhafter infrastruktureller Integration; sehr heterogene lokale Strukturprobleme mit großen stadtplanerischen Defiziten

Nördliche Csepel-Insel

im Budapester Stadtbereich: Altindustrieflächen im Funktionswandel; hochbelastetes Problemgebiet (ehemaliges Stahlwerk Csepel)

Transitionalzone

Übergangszone von Innenstadt zu den Außenbezirken; gemischte Nutzung, alte Ringstraßenbebauung gefolgt von Neubausiedlungen der 60er bis 80er Jahre, abnehmende soziale Attraktivität, im Bereich der Ringstraßen Funktionswandel in Richtung Firmenverwaltungen, Büros etc.; Strukturprobleme durch ungeplantes Nebeneinander von Industrie, Gewerbe, aufgegebenen Altindustrieflächen und Wohnbebauung

Äußerer Ring, Außenzone

Wohnbebauung dominierend; an den Ortskernen zentrale Umsteigepunkte des ÖPNV, neuere Einkaufszentren, verdichtete Wohnungsblockbebauung

Äußere Peripherie

ländliche Umlandgemeinden, z.T. mangelhafte Infrastruktur insbesondere im ÖPNV; z.T. noch fehlende Abwasserentsorgung; unstrukturiertes, ungeplantes Siedlungswachstum

Planerischer Schwerpunkt muß heute wegen der offensichtlichen Strukturprobleme die Transitionalzone sein. Es ist angestrebt, sie verstärkt infrastrukturell und baulich der Innenstadt anzugliedern, was eine urbane planmäßige Nachnutzung und Umstrukturierung der alten und oftmals aufgegebenen Industrie- und Gewerbeareale voraussetzt.

Ein planerisches Strukturproblem der Stadt- und Regionalplanung ist, wie die Übersicht schon gezeigt hat, der Bereich des südlichen Donauufers und der Csepel-Insel, der mit der Transitionalzone räumlich und funktional verknüpft ist, wo alte, oft ökologisch schwer belastete Industrieflächen von ca. 200 ha einer neuen Nutzung zugeführt werden sollen.

Die infrastrukturelle Entwicklung des Südraumes ist dringend notwendig. Zunächst muß die Verkehrsanbindung an die Innenstadt verbessert werden. Ausgangspunkt ist dabei die alte HÉV-Linie zur Csepel-Insel. Im Sinne der schon dargestellten Planungsprinzipien – Entlastung der City, Ausbau von Tangentialverbindungen – wird zunächst eine leistungsstarke Vernetzung mit der Autobahn M1 angestrebt, wobei dieses »Westliche Tor« für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre zum wohl wichtigsten Entwicklungsschwerpunkt der Stadt werden wird.

Der in Angriff genommene Ausbau der südlichen Brücke im äußeren Stadtring, der »Hungária körút (Ring)«, vervollständigt das »Spinnennetz« von Radial- und Tangentialstraßen und verknüpft sie über das »Westliche Tor« mit dem äußeren Autobahnring (M0 und M1).

Dies ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, die strukturschwache Transitionalzone zwischen Zentrum und Peripherie städtebaulich zu entwickeln. Doch fehlt heute noch das Geld, die Ringe zu vervollständigen und zu schließen und die als Ergänzung notwendige Verlängerung des Métro-Netzes durch eine neue südliche Unterquerung der Donau in Angriff zu nehmen.

Ein weitere städtebaulicher Entwicklungsschwerpunkt ist das nördliche Donauufer zwischen Obuda und Szentendre. Die Entwicklungsvoraussetzungen sind hier besser ans im Süden Budapests. Die früheren Industriegebiete, die im Verlauf der sozioökonomischen Transformation aufgegeben werden mussten, werden schon jetzt, auch durch private Investoren, einer neuen Nutzung im Dienstleistungssektor, z.B. durch Handel und Banken, zugeführt. Schwerpunkt dieses Prozesses ist Újpest.

Abschließend sei noch auf das Problem des Anwachsens des Individualverkehrs hingewiesen. Beim Städtebau war darum ein gewisser Paradigmenwechsel notwendig, da der Prozess der Motorisierung offensichtlich unumkehrbar ist. Galt bisher das planerische Interesse vor allem dem Ausbau des ÖPNV, u.a. auch der Métro-Netzerweiterung, müssen heute differenzierende und vernetzende Verkehrsleitbilder entwickelt werden, die den einzelnen Verkehrsträgern ihre speziellen Vorteile auszuspielen ermöglicht, ohne gleichzeitig in der Innenstadt den »Verkehrsinfarkt« zu provozieren. Die Entwicklung der Motorisierung ist mit folgenden Daten zu beschreiben:

1970             40     PKW pro 1000 Einwohner

1990           220     "

2005           450     "                           (Prognose)

Die Fahrgastzahlen im ÖPNV haben sich dagegen von 1987 bis 1995 kontinuierlich vermindert, auch wenn die Bedienungsstandards der öffentlichen Verkehrsmittel was Netzdichte und Fahrtenhäufigkeit angeht noch gut ist. Das traditionelle Straßennetz der Stadt ist den wachsenden Belastungen nicht mehr gewachsen. Es müssen als vor allem sinnvolle Verknüpfungen zwischen Individualverkehr und ÖPNV geschaffen, die Verkehrsströme selbst aber stärker räumlich getrennt werden. Das verlangt gleichzeitige Investitionen im Straßenbau wie im ÖPNV, deren Finanzierung heute noch völlig offen ist.

Ob der ÖPNV seine Standards überhaupt halten kann, was aus städtebaulichen Gründen sehr dringend zu wünschen ist, um zumindest eine Alternative zum Straßenverkehr im Agglomerationsbereich anbieten zu können, ist sehr fraglich. Steigende Kosten können von Staat und Kommune nicht mehr getragen werden und müssen teilweise auf die Fahrpreise abgewälzt werden. Jede Fahrpreiserhöhung lässt aber weitere Fahrgäste zum PKW abwandern - ein Prozess, der aus westlichen Großstädten längst bekannt ist. Fahrplan- und Netzverschlechterungen sind die betriebswirtschaftlich logischen Folgen, reduzieren aber Attraktivität und Akzeptanz des ÖPNV weiter.

Die Stadtplanung muß daher vor allem dazu beitragen, daß die Bündelung des Massenverkehrs auf leistungsfähige und gut ausgebaute Schienenwege – der große Konkurrenzvorteil der Metro! – möglich ist. Einen Ausweg aus dem ökonomischen Dilemma sieht die Stadtplanung vor allem im Ausbau verdichteter Nebenzentren, die gleichermaßen Stadtteilmittelpunkt, Dienstleistung und Versorgung konzentrieren als auch leistungsfähige ÖPNV-Knotenpunkte anbieten (Métro- und HÉV-Stationen bzw. Endstationen, lokale Verknüpfung mit Flächenerschließung durch Straßenbahn und Bus, Angebot von Parkplatzflächen für den Individualverkehr).

Aber schließlich hängen alle diese Pläne an den Möglichkeiten ihrer Finanzierung, am Geld, das in der Kommune und im Staat derzeit nicht vorhanden ist...

Gerhard Voigt

Anhang: Zeittafel der Geschichte Budapests

Um 90

Errichtung eines römischen Militärlagers in Óbuda

 106

Aquincum wird Hauptstadt von Pannonien

Um 409

Aquincum gerät unter die Herrschaft der Hunnen

Um 896

Landnahme der Magyaren

1241-1242

Mongoleneinfall, Verwüstung von Pest

Ab 1250

Bau der Burg

1255

Buda erhält Markt- und Zollrecht

1347

Buda erhält das Stapelrecht

1514

 Bauernkrieg; Heer der Leibeigenen unter György Dózsa sammelt sich vor Pest

1526

Heer der Ungarn wird bei Mohács von den Türken geschlagen

 

Einige Wochen lang Besetzung von Buda, dann wieder Rückzug der Türken

1541

Die Türken besetzen Buda

1686

Die verbündeten christlichen Heere erobern Buda von den Türken zurück

1703

Buda und Pest werden königliche Freistädte

1703-1711

Freiheitskampf gegen die Habsburger unter Führung von Ferenc Rákóczi II.

1766

Verbindung von Buda und Pest durch eine Schiffsbrücke

1776

Óbuda wird königliche Freistadt

1808

Die Verschönerungs-Commission nimmt ihre Arbeit in Pest auf

 

(Beginn der planmäßigen Stadtentwicklung)

1825

Gründung der ungarischen Akademie der Wissenschaften durch Graf István Széchenyi

1837

Eröffnung des heutigen Nationaltheaters in Pest

1839

Hochwasser der Donau; Baubeginn der Kettenbrücke

1848

Bürgerliche Revolution

1848-1849

Freiheitskampf gegen die Habsburger; am 13. Juli niedergeschlagen

1857

Fertigstellung des Tunnels durch den Burgberg

1868

Bau des ersten Abschnitts der Pester Wasserleitungsnetzes

1873

Vereinigung der Städte Pest, Buda und Óbuda

1887

Verkehr der ersten Straßenbahn in Budapest

1890

Gründung der Sozialdemokratischen Partei Ungarns

1896

Eröffnung der ersten Budapester Untergrundbahn zur Tausendjahrfeier

1912

Am 23. Mai Generalstreik und Demonstrationen (Blutroter Donnerstag)

1914-1918

Teilnahme Ungarns am 1. Weltkrieg

1918

Am 18. November Proklamierung der Republik;

1919

Vom 21. März - 1. August Räterepublik Ungarn (Bélá Kun). Militärische Niederschlagung, Bürgerkrieg; Miklós Horthy beginnt ein bis1944 andauerndes halbfaschistisches Regimes

1925

Der Budapester Rundfunk strahlt seine erste Sendung aus

1941

Am 27. Juni Kriegserklärung Ungarns an die Sowjetunion als Verbündeter Deutschlands

1943

Im Januar Vernichtung der 2. ungarischen Armee bei Woronesh

1944

Im März Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen

 

Im Oktober Machtergreifung der Pfeilkreuzler-Partei; Schreckensherrschaft

 

Im Dezember sowjetischer Ring um Budapest

1945

Im Januar Rückzug der deutschen Truppen, Sprengung sämtlicher Donaubrücken

 

Am 13. Februar Befreiung Budas, gleichzeitig Besetzung durch sowjetische Truppen

 

Ende des 2. Weltkrieges, Kapitulation Deutschlands am 8. Mai

1946

Währungsreform zur Beendigung der Inflation, Einführung des Forints

1947

Im Februar Unterzeichnung des Friedensvertrages

 

Im August Beginn des Dreijahresplanes und damit der Planwirtschaft

 

Im September Ungarn wird Gründungsmitglied des RGW (Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe)

1949

Die neue ungarische Verfassung tritt in Kraft; Beginn der stalinistischern Ära (Rákosi)

1950

Bildung von Groß-Budapest; Beginn des 1. Fünfjahresplanes

 

Eröffnung des Budapester Flughafens

1953

Einweihung des Volksstadions

1956

Vom 23. Oktober - 4. November Volksaufstand, Imre Nagy; Niederschlagung durch sowjetische Militärintervention

 

Gründung der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (Erster Sekretär: János Kádár)

 

Bildung der Revolutionären-Arbeiter- und Bauern-Regierung; Beginn der Konsolidierung

1958

Einweihung des großen Fernsehsenders auf dem Széchenyiberg

1969

Am 17. März so genannter Budapester Aufruf; Anregung zur Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, 1975 in Helsinki

1970

Eröffnung des ersten Abschnittes der Ost-West-Linie der Metro

1972-1973

Jubiläumsfeierlichkeiten anlässlich der 100. Wiederkehr der Vereinigung von Buda, Pest und Óbuda

 

Die Bürgermeister der europäischen Hauptstädte legen am Nordhang des Burgberges einen Erinnerungshain an

1981-1982

Hotelboom, »kleines Wirtschaftswunder«; hohe Staatsverschuldung

1982

Eröffnung der Budapest-Sporthalle

1989

Politische Wende, erste freie Wahlen; konservative Mehrheit, Jószef Antall

 

Privatisierungen, Einführung der Marktwirtschaft; Auflösung des RGW

 

Wirtschaftskrise

1994

Zweite Parlamentswahlen, reformsozialistische Mehrheit

 

zusammengestellt von Axel Schütte (vgl. das Referat in Teil 2)

Ungarn-Studienfahrt 9.-19.9.95: Teilnehmerliste

Gemeinschaftskunde- Leistungskurs 324 (Voigt)

Erdkunde- Grundkurs 333 (Fuchs)

Erdkunde- Grundkurs 335 (Voigt)

Fuchs, Günter, RL

Voigt, Gerhard, OStR

Ahlström, Lars

Bahr, Christian

Bansen, Tobias

Bruns, Bettina

Döscher, Anke

Dück, Alexander

Fischer-Lange, Karsten

Fix, Andreas

Grohn, Wojciech

Gül, Timur

Höpfner, Tim

Isaak, Helene

Isermann, Markus

Klopmann, Thilo von

Küntzel,Svenja Christina

Kunz, Kai-Michael

Kynev, Maria

Leyhe, Christiane

Lindau, Claudia

Maire, Niels

Märtin, Ruth

Maske, Philipp

Meyer, Thilo

Radewald, Kai

Schmidt, Michael

Schütte, Axel

Siegle, Natalie

Stichnoth, Holger

Strasser, Christina

Taureck, Rita

Waldmann, Robert

Wege, Tillmann

Wischnewski, Jacek

Wunder, Barbara

Anmerkungen

[1]    über deren gesellschaftlichen und politischen Hintergründe und deren Bedeutung für die ideologischen Auseinandersetzungen mit dem Stalinismus im Nachkriegspolen der Film von Wajda »Der Mann aus Marmor« ein faszinierendes Zeugnis ablegt!

[2]    die sich vom Stalinismus deutlich absetzte und zeitweilig, wenn auch mit nicht immer überzeugendem Erfolg, mit einem Basissozialismus und der Arbeiterselbstverwaltung ernst zu machen versuchte – also »marxistischer« konzipiert war als die an den russischen Bedingungen entwickelte Staatskonzeption Lenins und der Bolschewiki –; das macht die zeitweilige Attraktivität des »jugoslawischen Modells« für die Kapitalismuskritik in Westeuropa aus, in der nach einem »dritten Weg« zwischen Kapitalismus und Leninismus gesucht wurde. Leider fehlte in Jugoslawien die tatsächliche gesellschaftlich-ökonomische Basis und das politische Bewußtsein in der Mehrzahl der Bevölkerung für dieses faszinierende gesellschaftliche Experiment, das so vom Charisma und der Integrationsfähigkeit des Staatschefs Tito abhängig war und nach seinem Tode in der totalen Krise zusammenbrach.

[3]    die heute nach dem ökonomischen Systemwechsel – privatisiert und unabhängig geworden – an eigenständiger wirtschaftlicher Bedeutung für den Ort gewinnen, so z.B. eine bedeutende Kartonagen- und Verpackungsmittelfabrik, die neuerdings im Bereich des Recycling aktiv ist, oder auch die Energieversorgung des ehemaligen Kombinats.

[4]    vgl. den Aufsatz über Budapest im letzten Teil dieses Heftes!

[5]    Quellen: Thomas von Bogyay: Grundzüge der Geschichte Ungarns. Wissentschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1990 - Kinder/Hilgemann: dtv - Atlas zur Weltgeschichte: [Band 2] Deutscher Taschenbuchverlag, 1994 - Der Volks Ploetz: Geschichtliches Nachschlagewerk; Verlag Ploetz Würzburg. Freibug, 1995 - Untersuchungsbericht der Vereinigten Nationen: Was in Ungarn geschah. Herder Bücherei, 1957 - Sándor Kopácsi: Die ungarische Tragödie; Deutsche Verlags-Anstalt, 1979 - Emilio Vasari: Die ungarische Revolution 1956; Seewald Verlag, 1981 - Brockhaus Enzyklopädie: [Band 9]; Brockhaus Verlag, 1970 - Jörg K. Hoensch: Geschichte Ungarns; Kohlhammer Verlag, 1984

[6]    Quelle: Thomas von Bogyay; Grundzüge der Geschichte Ungarns; Wissentschaftliche Buchgesellschaft 1990

[7]    am 14.09.95 bei einem Besuch mit der Reisegruppe der 13. Klassen der Bismarckschule Hannover, vermittelt durch Herrn Prof. Dr. Antal [József Raab, Föépítési Iroda, Városháza u. 9-11, H 1052 Budapest.

Inhaltsverzeichnis / Reiseverlauf

Vorwort

Einleitung

I. Konzeption und Organisation der Studienfahrt

Zielsetzung

Vorbereitung und Planung im Unterricht

Programmablauf

Erste Erfahrungen aus der Studienfahrt

II. Themen der Studienfahrtvorbereitung

Krieger, Fürsten und Magnaten – Die Ungarische Gesellschaft im Mittelalter

Einleitung

Landnahme: Gesellschaftsordnung zur Zeit der Landnahme

1. Familien und Dorfgemeinschaft

2. Sippe, Stamm und Land

Entstehung des ungarischen feudalen Staates

Untertanen und königliches Dienstvolk

Die ungarische Kultur im Mittelalter

Die Siebenbürger Freiheitskämpfer

Magnaten und Fürsten im Kampf gegen die Türken und gegen Habsburg

Gabriel Bethlen, Georg I. Rákóczi, Franz II. Rákóczi, Kurutzenaufstände

Vorgeschichte

Ungarns Spaltung in drei Teile

Die Rolle Siebenbürgens in der Zeit der türkischen Belagerung

Quellenverzeichnis

Glossar

György Dózsa und die Bauernaufstände um 1514

Die Vorläufer der Bauernkriege

Die mitteleuropäische Handels- und Finanzkrise der Jahre 1512/13 und der ungarische Bauernkrieg

Der Bauernkrieg von 1514

Darstellung des Anfangs des Bauernkrieges von 1514

Dózsas mögliche Entscheidungen für den Kriegsverlauf

Der Verlauf des Bauernkriegs

Die Folgen des Bauernkriegs

Die Retorsionsgesetze von 1514

Die Regelung des Verhältnisses zwischen untertänigen Bauern und Boden

nach der Niederschlagung des Bauernaufstandes

Quellenverzeichnis

Von Admiral Horthy bis zum Terror der Pfeilkreuzler

1. Ungarn von zwischen den Weltkriegen

2. Die Personen

Karl I./IV. aus dem Hause Habsburg

Miklós (Nikolaus) Horthy von Nagybánya

Ferenc Szálasi

Mátyas Rákosi

3. Glossar / Erläuterungen

4. Quellen

Der ungarische Volksaufstand 1956

Die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus: Rákosi - Nagy - Kádár

Mátyás Rákosi (1892 - 1971): Generalsekretär der Kommunistischen  Partei - Ungarischer Diktator - Gewählter Ministerpräsident

János Kádár (1912 - 1989): Kommunist - Innenminister -  Parteisekretär - Revolutionär - Konterrevolutionär - Ministerpräsident

Stichwort: Stalinismus

Anhang

Die landwirtschaftliche Entwicklung Ungarns

Einleitung

Die Entwicklung der Landwirtschaft von 1945 bis 1970

Die Bodenbesitzreform von 1945

Die Phase der »Kollektivierung« von 1948 bis 1961

Der neue ökonomische Mechanismus

und der Übergang zur großbetrieblichen Agrarproduktion

Transformation der ungarischen Agrarwirtschaft

Die Umorientierung in der Agrarpolitik

Das Agrarprogramm von 1991

Privatisierung

Schaffung eines funktionsfähigen Agrarmarktes

Transformation des Binnenmarkt

Transformation des Außenhandels

Geographische Leitlinien und Strukturprobleme Ungarns:

Die Wirkung des Zusammenbruchs des RGW auf die ungarische Wirtschaft.

Einleitung

Der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW): Gründung, Aufgaben, Probleme

Rolle des RGW für den ungarischen Staat

Transformationsprozesse: Aussichten für die Zukunft

Quellen

Budapest – Hauptstadt und Weltstadt

Allgemeines über Budapest

Geographisches

Gewässer

Berge

Klima

Kurzer geschichtlicher Überblick

Von der ältesten Steinzeit bis zur Römerzeit

Aquincum, die römische Stadt

Die Zeit der Völkerwanderung: Hunnen, Awaren und landnehmende Magyaren

Die Dynastie der Árpáden (1001 - 1301)

Ungarische Könige aus anderen Dynastien – 

Bis zur Einnahme Budas durch die Türken (1301 - 1541)

Die Türkenherrschaft (1541 - 1686)

Die Unterdrückung durch die Habsburger und die Freiheitskämpfe (1686 - 1867)

Der Dualismus und der I. Weltkrieg

Das Horthy-Regime und der 2. Weltkrieg

Von der Befreiung bis zur Gegenwart

Das Parlament in Budapest

Budapest als kulturelles Zentrum

Architektur, Malerei und dekorative Kunst in Budapest

Der Balaton und seine Umgebung

Tourismus am Balaton
Quellenangaben

III. Berichte vom Reiseprogramm

Fr./Sa., 8./9. September 1995

Rundgang über den Burgberg am Nachmittag des Ankunftstages, 16.30-18.45 Uhr

Sonntag, 10. September 1995

»Budapest«

Stadtrundfahrt durch Budapest

Protokoll vom Sonntagnachmittag im Szechenyi-Bad

Montag, 11. September 1995

»Die wirtschaftliche Lage Ungarns«

Besichtigung der Budapester Wasserwerke

Der Rundgang durch das Wasserwerk

Dienstag, 12. September 1995

Budapest: Das Ethnographische Museum

Kleidung, Leben und bäuerliche Arbeit im alten Ungarn (Raum 1-3)

Das traditionelle Handwerk und der Markt (Raum 4 - 6)

Das Haus und seine Kostbarkeiten (Raum 7 - 9)

Der Lebensweg des Bauern

Mittwoch, 13. September 1995

»Ausflugtag«: Die Römerstadt in Aquincum

Szentendre

Donnerstag, 14. September 1995

»Die Erstellung des Stadt- und Raumordnungsplanes für Budapest«

Freitag, 15. September 1995

Ein Stadtrundgang durch Kecskemét

Samstag, 16. September 1995

»Die slowakische Minderheit« – Referat im Rathaus von Békéscába

Sonntag, 17. September 1995

Kooperativen in Ungarn: Vortrag über die Entstehung und die Probleme der Kooperativen

Besichtigung der Kooperative Rákóczi

15.30-17.30 Uhr: Stadtrundgang in Szeged

»Nightbus« — Eine Geschichte, die das Leben schreibt...

Montag, 18. September 1995

Erdölraffinerie

Di./Mi., 19./20. September 1995

Die direkte Rückfahrt von Budapest nach Hannover

IV. Erfahrungsbericht

Budapest: Metropole und Agglomeration

Stadtgeographische Ergebnisse der Studienfahrt

Wachstum der Agglomeration »Groß-Budapest«

Industrie und ökonomische Krise

Wohnungsnot und Neubaugürtel

Buda

Zur Geschichte der Stadt Budapest

Geographische Lage der Hauptstadt

Voraussetzungen und Situation der Stadtplanung in Budapest

Strukturelle Gliederung von Budapest

Die Entwicklung des Wohnungsbaus nach der politischen Wende in Ungarn

Stadtregionen und Planungsschwerpunkte

Anhang: Zeittafel der Geschichte Budapests

Teilnehmerliste der Ungarn-Studienfahrt 9.-19.9.95

Impressum der Druckauflage

Ungarn: Land im Umbruch

Bericht von einer Studienfahrt mit Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule Hannover

nach Budapest und Südostungarn (Gyula)

9.-19. September 1995

Herausgegeben von Gerhard Voigt

Schriftenreihe des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 7 - ISSN 0945-1536

Hannover 1997 - ISBN 3-930307-06-5

   
   

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bismarckschule.voigt@gmx.de
Bearbeitungsstand: 09.2002
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Letzte Bearbeitung: 06.07.2011

   
   

 

     
   

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Web-Fassung: 31.01.2006 / rev. 13.05.2012- Verantwortlich: Gerhard Voigt <bismarckschule.voigt@gmx.de>
Texte aus der der Verbandszeitschrift »politik unterricht aktuell« unter www.pu-aktuell.de
Info über die Verbandstätigkeit unter: http://www.politiklehrerverband.org