Die tausendjährige Geschichte des in ganz Europa
verschlagenen ungarischen Volkes spielte sich vorwiegend im Donaubecken
ab. Fürst Árpád der Landnehmer wählte die wasserreiche Cspel-Insel zu
seinem Fürstensitz aus, auch die späteren ungarischen Könige bestimmten
zuerst die am Fluss liegende Höhen, später auch Bud zu ihrer
Residenzstadt.
Das ungarische Volk gelang in ihre spätere Heimat
nicht als herumziehende, sondern als von den Nomadenvölkern gejagte und
vertriebene Gruppe. Es wollte die Donaulandschaft nicht allein bevölkern
und auch nicht für sich einnehmen.
Fürst Geza und Stephan bauten dieses Land auf und
schätzten es vor allen Gefahren.
Die Donau bedeutete für die Ungarn nicht nur ein
Wasserweg, sondern auch ein Weg auf dem Menschen und Ideen »befördert«
wurden, es wurde zum Symbol eines Bindegliedes zwischen Ost und West,
zwischen den Donauvölkern und den Donauländern. Der Begriff eines
wichtigen Transportweges wurde auch ein Symbol der Zusammengehörigkeit
der Donauvölker.
Der erste Teil des Referates beschäftigt sich mit
der Periode von der Landnahme über die Christianisierung bis hin zur
Reichsgründung, während der zweite Teil sich mit der Problematik der
damaligen Gesellschaft befasst.
Will man die Struktur der damaligen magyarischen
Gesellschaft untersuchen, so muß die Gräberfelder der damaligen Zeit
genau betrachten. Als erster versuchte Laszlo Gyula Mitte des
Jahrhunderts aus der Gräberordnung auf den Aufbau der Gesellschaft zu
schließen. Da ausreichende anthropologische Untersuchungen nicht
vorhanden waren, versuchte man anhand der Gräber die innere Struktur der
Gruppe, Geschlechter der Skelette, sowie die Stellung der einzelnen
herauszufinden.
Dabei ergab sich ein sehr interessantes Bild. In der
Mitte des Feldes lag stets der Mann mit dem höchsten Rang, links wurden
nur Männer, rechts nur Frauen begraben. Laszlo Gyula erkannte, daß es sich
bei einigen der Gräber um Ordnung nach der Blutsverwandtschaft handelte.
Bestattet wurden die Angehörigen einer Gemeinschaft, der die Eltern, ihre
verheirateten Kinder, sowie ihre Enkelkinder angehörten. Sie zählten zu
einer gemeinschaftlich wirtschaftenden Gruppe und wurden von dem ältestem
Mann angeführt (patriarchalische Großfamilie) .
Durch die ersten Erfolge angeregt strebte Mann die
Freilegung aller Gräber an, um die Gesetzmäßigkeiten der Gruppe
genaustens erforschen zu können. Die wichtigste Entdeckung schreibt man
Béla Szöke zu, der die früheren Hypothesen widerlegte und beweisen konnte,
daß die meisten der Gräberstätten kontinuierlich (d.h. ab dem 10.
Jahrhundert,
darauf weisen die Münzenfunde in diesen Grabstätten) benutzt wurden und
zwar auch von niederen Schichten. Die Funde selbst waren zwar bescheiden
aber typisch für den heidnisch-magyarischen Brauchtum. Quellen aus der
frühen Arpadenzeit bezeugen, daß zumindest die niedrigen Schichten (11.
Jh.) in keinen Blutsgemeinschaften lebten. Man erwähnt Familien
unterschiedlichen Ranges und Standes, jedoch sind keine
verwandtschaftlichen Beziehungen nachweisbar.
Der Führer »Dorfvorsteher« (Vilicius) leitete
zusammen mit den Ältesten, »Senioren« die Dorfgemeinschaft. Trotz der
unvollständigen Funde (kleinere Gruppen, Unterbrechung der Reihen,
kleinere Einheiten abgesondert) wurden gesellschaftliche. und
Vermögensunterschiede deutlich.
Die jüngsten Analysen beweisen, daß Familien ohne
verwandtschaftlicher Beziehungen in einer Siedlung lebten. Die
Eigentumsverhältnisse, die sich bei den Magyaren vor der Zeit der
Landnahme herausgebildet hatten, zerstörten die Blutsbindung, die früher
für den Zusammenhalt sorgte.
Die Großfamilien zerfielen in viele
Familiengemeinschaften, die durch die gleichen wirtschaftlichen und
territorialen Interessen zusammengehalten wurden. Die neuesten Funde
beweisen, daß die Grundzelle der ungarischen Gesellschaft zur Zeit der
Landnahme unserer heutigen Familie glich. Einer solche Familie gehörten
die Eltern, sowie die unverheirateten Kinder an. An der Spitze stand der
Vater als Familienoberhaupt, der auch der Besitzer des Familienvermögens
war, und somit unbegrenzte Macht besaß. Das Familienoberhaupt konnte sein
Hab und Gut unter die Söhne verteilen und schaffte dadurch wirtschaftliche
Unabhängigkeit. Die magyarischen Ortsnamen beweisen, daß sich die Söhne
zuerst in geringer Entfernung von ihrem Vater niederließen. Nachdem das
Fürstengeschlecht die Macht vergrößert konnte, gründete es
»Niederlassungen« in entfernteren Gebieten. Die Gräberfunde beweisen
außerdem, daß sich die Zahl der Familienmitglieder mit wachsender Macht
verringerte. Die unter sich lebenden Kleinfamilien gehörten den
wohlhabenden Schichte an. Auf diese Weise konnte eine Kleinfamilie ein
riesiges Gebiet unter Aufsicht halten.
Die Regel war es anscheinend, daß ein Mann mehre
Frauen haben konnte, was allerdings wegen des hohen Preises (je nach dem
Wert der Arbeitskraft) nur den wohlhabenden Fürsten vorgehalten war. Der
Perser Garadizi berichtet sehr ausführlich über die Heiratsbräuche der
Magyaren. Die Schwiegerväter setzten, entsprechend der wirtschaftlichen
Lage, die Mitgift, wobei viele Frauen Ansehen und Reichtum bedeuteten. So
konnte man durch die Heirat mit angesehenen Familien in wirtschaftliche
Beziehungen treten. Die Übergabe einer Tochter bedeutete einen
Friedenspfand und Festigung des Bündnisses oder Versprechen Feindschaft
einzustellen. In den Ruhestätten wurde nur die »Hauptfrau« begraben,
während die Nebenfrauen allein begraben wurden. Die abgesonderten Gräber
der Männer deuten hingegen auf die Lebensform (Furcht einflößender
Gebieter) .
Die mittleren Schichten konnten ihre wirtschaftliche
Bedeutung durch die traditionelle Familienorganisation bewahren, wodurch
sie sich von den Reichen unterschieden. Diese Familienorganisationen
schufen sich durch die Zusammengehörigkeit großes Ansehen.
Die unteren Schichten konnten sich wegen bescheidener
Mittel nicht in die Familieneinheiten zusammenschließen. Sie schlossen
sich zu größeren Gruppen zusammen (Halimba, Magyaraghomorog, Artand) .
Zwar spielte bei diesen Gemeinschaften die Verwandtschaft eine Rolle, doch
war das ökonomische Interesse wichtiger.
So war die Gesellschaft der Magyaren zur Zeit der
Landnahme klar in getrennte Gruppen gegliedert:
-
erstens die führenden Familien vornehmender Herkunft
(großes Vermögen),
-
zweitens die im Dienst stehende Mittelschicht (mehr
oder weniger reich),
-
drittens das abgesonderte, unter sich lebende,
gemeine Volk (kaum persönliches Eigentum) und
-
viertens die Knechte, die sich im Besitz der
Vornehmenden befanden.
Die Schichten waren durch ein System von Rechten
und Pflichten miteinander verbunden. Da sich die Familien zu großen Ketten
schlossen, waren sie zur Bewältigung großer Aufgaben fähig.
Der Aufstieg der Aristokratie begann schon relativ
früh. Gleichzeitig wurde die Verpflichtung der unteren Schichten zu
Dienstleistungen verstärkt. Das Streben der Aristokratie nach Festigung
der Macht beschleunigte die Auflösung, der auf Verwandtschaft beruhenden
Gemeinschaften. Der freiwillige Zusammenhalt aufgrund der gleichen
Abstammung wurde durch eine territoriale Organisation ersetzt. Zu den
wichtigsten Faktoren bei der Auflösung der Sippengemeinschaft zählen:
Vermögensungleichheit, Niederlassung in der neuen Heimat. Für die
Schaffung neuer Organisation in einer vielschichtigen Gesellschaft mit
gegensätzlichen Interessen brauchte man tatkräftige Leute
(Führungspersönlichkeiten) . Hatte ein Gebiet einen Führer, der das Gebiet
schützte, für das Aufblühen der Wirtschaft sorgte, so bekam er großen
Zuzug (auch fremder Volksgruppen) . Neben den Verwandten und engen
Freunden wurden die Bewaffneten Vertreter der fremden Stämme zur
Hauptstütze der Oberhäupter. Sie traten ihren Dienst freiwillig an und
schworen ein Eid.
Bei der Suche nach Siedlungsgebieten wählte man eine
Erderhöhung für die Lage des Stammesoberhauptes (auch römische Bauten oder
selbstgebaute Festungen) . Die Waffenknechte, die kämpfenden
Gefolgsleute sicherten dem Stammesoberhaupt (Bö) Macht über das
Dienervolk, das von der Aristokratie bewohnte Land beherrschte. Die
spätere Umwandlung der Stammesnamen in Ortsnamen verrät auch, daß die
Stammesoberhäupter auch für den feudalen Besitz verantwortlich waren. Die
Stämme selbst müssen über eine feste Organisation verfügt haben, auch über
ein Herrschaftsgebiet. Es wird gesprochen von »Hetmagyar« –
Siebenmagyaren, Bezeichnung für das aus sieben Stämmen bestehende Volk,
sowie »Hetur« – die sieben Herren, die Häupter dieser Stämme.
Der Zusammenhalt lag in der Hand zweier Fürsten,
Hauptfürst Kende, oder Kündü, und des zweiten Fürsten Gyula. Der
Hauptfürst besaß die religiöse Furcht, während der zweite Fürst für den
größten Teil der Regierungssorgen und das Heer verantwortlich war.
Sorgfältige Quellenanalyse lässt die Behauptung zu, daß diese Hierarchie
die Zeit der Landnahme überstand.
Nachdem die fürstliche Macht in eine Hand
zusammengelegt wurde, übernahm ein Stammesoberhaupt die Würde des Gyula.
Im 10 Jh. kam noch die Würde des Karcha, des Richters dazu, die ebenfalls
von einem Stammesoberhaupt besetzt wurde. Die hohen Ämter wurden von den
Vätern auf die Söhne übertragen und festigten dadurch das hohe Ansehen der
Stämme. Trotz der selbständigen Beziehungen und Unternehmungen der
Stämme wurden zum Ende des Jahrhunderts Voraussetzungen für eine
Staatsgründung geschaffen.
Die ungarische Landnahme und die Entwicklung des
böhmischen, polnischen und russischen Staates ließen den Kriegern keine
Möglichkeit zum Sklavenraub. Die Einführung der feudalen Struktur
beschleunigte auch die Umwandlung der ungar. Gesellschaft. Zu Bewachung,
der zum Dienen gezwungenen örtlichen Bevölkerung, wurden die Soldaten aus
der militärischen Oberschicht angesiedelt. Deren Namen sollten an die
verschiedenen entstandenen Gebiete in Ungarn erinnern (Nyek, Megyer,
Kürt-Gyarmat, Tarjan, Jenö, Ker und Keszi). Wahrscheinlich begann man
schon damals mit der Einrichtung der fürstlichen Bürgen. Die vom
Großfürst Toksany (955-972) begonnenen und vom Großfürst Géza (972-997)
mit kluger Diplomatie fortgesetzten Bemühungen um die Bildung eines
einheitlichen Systems sollten 973 durch die Einladung vom Kaiser Otto zum
Landseid, erste Früchte tragen.
Die Missionare, um deren Entsendung man bat, sollten
die fürstliche Streitmacht so umfunktionieren, daß sie auch den
Widerstand im Land selbst bekämpfen konnte. Géza hielt für wichtig die
Eigenständigkeit der Stämme zu brechen, womit die Stammesfürsten und
Sippenvorsteher die militärische Basis ihrer Macht verlieren sollten. Da
er sich nicht stark genug fühlte gegen die fürstliche Macht zu kämpfen,
suchte er erstmal Verständigung.
Vajk, Gezas Sohn wurde auf den Namen Stephan getauft
und genoss bereits christliche Erziehung. Nachdem er das Erbe seines Vaters
antrat, schuf er den politischen und gesellschaftlichen Rahmen für die
Umwandlung und Bildung eines organisierten ungarischen Staates.
Die Sippenvorsteher mussten ihre Burgen, sowie 60% des
Bodens an die Sippenangehörigen abgeben. Aus den Besitzern des restlichen
Bodens entwickelte sich die Oberschichten der Spitze standen die Krieger,
die das Heer der Fürsten bildeten. Die um neue Ländereien bereicherten
Besitztümer waren unabhängige wirtschaftliche Einheiten. Damit hörten die
Blutsverwandtschaften auf die Basis der gesellschaftlichen Beziehungen zu
bilden. Alle wurden Untertanen des Monarchen, das Land wurde nach dem
Regionalprinzip organisiert.
Mit dem politischen und gesellschaftlichen Wandel
ging eine Änderung der Weltanschauung einher. Die, durch Stephan uns Land
gebrachten, Missionare ließen, auch mit Gewalt, wenn es nötig war, die
gesamte Bevölkerung zum Christentum bekehren. Zwischen den Gläubigen gab
es keine unterschiede bezüglich der Abstammung, an der Spitze der
Ansprüche stand die Funktionalität. Die Kirche konnte die Auflösung der
Stämme und Sippen durch Beziehungen neuer Art ersetzen.
Auf die Anordnung Stephans sollten je zehn Dörfer
eine Kirche, bekommen, die auch einen Geistlichen unterhalten sollten.
Zwei Bistümer (von Gran und Kalocsa) wurden zu Erzbistümern. Die
Christianisierung wurde durch italienische, böhmische und deutsche Mönche
verbreitet. In den Klöstern, an deren Spitze die Benediktiner standen,
entwickelte sich eine lateinische lokale Schriftkultur. Die geistlichen
Mönche formulierten nicht nur kirchliche, sondern auch politische und
juristische Texte und Urkunden.
Natürlich gab es auch eine Opposition gegen die
Christianisierung. Bei den Fürsten Kopany und Gyula mußte sie auf dem
militärischen Wege durchgeführt werden. Als Anerkennung des großen Werks
schickte der Papst im Jahr 1000 eine Königskrone mit welcher Stephan zur
Weihnachten gekrönt wurde. Aufgrund der Verfolgung der Verwandten von
Stephan mußte er einen Sohn seiner Schwester zum rechtmäßigen Thronfolger
ernennen.
Die ungarischen Stammes- und Großfürsten verfügten
über großen Reichtum. Davon veranstalteten sie Festmähler, belohnten die
wirtschaftlichen und militärischen Vorsteher ihrer Gebiete, empfingen die
Gesandten fremder Stämme würdig und erwiderten die erhaltenen Geschenke.
Ein großes Vermögen verschlang der Unterhalt der mit kleineren oder
größeren Dienstleistungen betrauten Personen; beim Wohnsitz eines
Großfürsten lebten Leibgarden, Torwachen, Türsteher, Dolmetscher, Boten,
Spielleute, Schamanen, Quartiermeister, Schatzmeister sowie eine wahre
Armee von Aufsichtspersonen über die Diener, Reitknechte, Köche,
Mundschenke.
So eine prunkvolle Lebensweise war nur auf der oberen
Bevölkerungsebene möglich. Die Ärmeren waren den Reicheren gegenüber zu
Dienstleistungen gezwungen. Als Gegenleistung für die ausgeliehenen Tiere
und Geräte, oder für die genossene Versorgung arbeiteten die Armen für die
Reichen (verarbeiteten gegen bestimmte Prozente die Rohprodukte, und
verdingten dazu noch einige Kinder).
Der dauerhafte Wohlstand der Vornehmen konnte weder
durch Streifzüge noch durch Steuern (von den Ureinwohnern) ermöglicht
werden, er konnte nur durch regelmäßige Arbeit und Dienstleistungen
breiter Volksschichten gewährleistet werden.
Die Anordnung der Siedlungen zeugt davon, daß die
Gesellschaft der Magyaren durch eine feste organisatorische Kraft
geleitet wurde, daß der Fürst und der Führer über ihr ganzes Volk frei
verfügen konnten, und das zu ihrer Versorgung notwendige Gebiet bewußt und
planmäßig unter sich aufteilten.
In den östlichen Völkern war es üblich, daß die
Vornehmen ihre Wohnstätten ringartig um den Zeltpalast des Oberhauptes
aufstellten; dieser Sitz im absolut zentralen Gebiet diente der absoluten
Sicherheit des Fürsten (das ist bei östlichen Völkern so Sitte, deswegen
bezeichnete der Ausdruck »die Mitte des Landes«, den Sitz des Fürsten).
Der Fürst herrschte uneingeschränkt über den gesamten
Stammesverband, und auch die Stammes- und Sippenoberhäupter behandelten
ihre Untergebenen als Untertanen. Auf dem ihnen überlassenen Territorium
konnten sie jeder Gemeinschaft einen bestimmten Wohnsitz zuweise Sie
behielten den besten Boden und die am günstigsten – an Knotenpunkten von
Wasser- und Festlandstraßen – gelegenen geschätzten Orte für ihre eigenen
Wohnsitze.
Das ständige Einkommen des Gebietsherren beschränkte
sich nicht nur auf den Ertrag aus den von Knechten betriebenen
Wirtschaften, auf die Produkte der Handwerker, welche sich um seine Burg
angesiedelt hatten, die Zölle von den Kaufleuten, die Einnahmen aus den
Anlageplätzen und die Gebühren für die auf der Basis des
Gewohnheitsrechtes gebildete Rechtsprechung.
Alle Gemeinschaften des unter seiner Aufsicht
stehenden Territoriums waren verpflichtet, ihm, Abgaben zu leisten.
Außerdem siedelten die Mächtigen ständiges Dienstvolk bei ihrem Hofe an,
damit es ihnen und ihrem Geleit an nichts fehlte. Ortsnamen beweisen das
die zu Dienstleistungen verpflichteten Dörfer den Namen der Berufsart
trugen (vergleichbar Mittelalter-Zunftnamen) . Es wird auch vermutet, daß
die mächtigen Stammes- und Sittenoberhäupter bei der Ansiedlung des
Dienstvolkes bemüht waren eine Ordnung nach Berufen einzuführen.
Aus den Ortsnamen, die auf die Namen vornehmer
Geschlechter zurückgehen kann man schließen, daß die reichen
Sippenoberhäupter über mehrere Höfe verfügten. Dort sammelten die
Gebietsherren die Produkte der Untergebenen ein. Von Zeit zu Zeit
besuchten sie diese Orte. Einerseits wegen der Unterhaltung, jagen,
fischen und Festmähler veranstalten, andererseits aus praktischen
Gründen: Zog der Herr mit seinem Gefolge ein, demonstrierte er Macht,
konnte er die Leute auf ihren Gütern überwachen und mit seinem Gefolge die
Lebensmittel aufbrauchen. Der König überließ der Sippe im allgemeinen ein
Drittel seiner Felder zwei Drittel beschlagnahmte er für sich. Die Hälfte
der Bewohner machte er zum Burggesinde die andere Hälfte wurde als
Hofgesinde an andere Höfe geschickt.
In die Burg des Sippenoberhauptes, setzte der
König seinen eigenen Bevollmächtigten ein dessen Macht sich auch über die
Gutsherren der Umgebung erstreckte. An die Spitze seiner Privatgüter
stellte er einen Hofaufseher, dessen Tätigkeit ließ er aber durch einen
Würdenträger, den Oberstallmeister und den Schatzmeister überwachen.
Mit der ungarischen Landnahme im Karpatenbecken wurde
die Völkerwanderung in diesem Raum abgeschlossen, und dem gefestigten
staatlichen Rahmen blühte eine materielle und geistige Kultur auf. Die
königlichen Hofdomänen, Gaspanschaftsburgen, Bischofsitze und
Benediktinerklöster bildeten die ersten Zentren der christlichen Kultur.
Die materiellen und geistigen Güter Europas strömten schon verhältnismäßig
früh nach Ungarn, so daß sie das heidnische Kulturerbe fast völlig
verschütteten. Im frühen Mittelalter ist die bildende Kunst verknüpft mit
der Vergangenheit. So wurden bei Holzschnitzereien, Gold- und
Steimetzarbeiten sowie auf Textilien immer noch das alte Ornament der
Landnahmezeit die Palmette aufgetragen.
Die christliche Kultur wurde anfangs durch böhmische
und deutsche Geistliche, Mönche und Ritter übermittelt, doch Literatur und
Kunst entwickelten sich hauptsächlich nach italienischen und
französischen Mustern (lombardische Einflüsse wirkten auf die älteste
ungarische Baumeisterschule); unter französischem Einfluss standen im 11.
Jahrhundert die Pécser, und im 12. Jahrhundert die Esztergomer Schule) .
Alle drei sorgten für eine Anpassung ausländischer
Muster an den einheimischen Geschmack. Der Stil war zwar international
doch die Details spiegelten die ungarische Wirklichkeit so z. B. die
typische Tracht eines Hirten des 12. Jahrhunderts auf einem Altar in Pécs. Die
Literatur bestand aus überwiegend kirchlichen Werken: Ritual- und
Stiftjahrbüchern und Legenden der Heiligen, von den einzigen
Schreibkundigen wurden aber auch weltliche Inhalte thematisiert unter
anderem Chroniken, Gesetzbücher. Die großen Klöster waren für das gesamte
Urkundenwesen zuständig, sie alleine waren bevollmächtigt, authentische
Urkunden mit öffentlicher Beweiskraft auszustellen.
Kultur war nun kein Privileg der Kirche mehr,
weltliche Elemente wuchsen in dem Maße an, wie die weltliche Aristokratie
anwuchs. Die kirchliche Intelligenz übermittelte ihren weltlichen
Angehörigen in Ungarn die Ritterkultur, deren materielle Ausrüstung den
Vornehmen bereits bekannt war. Die Ritterkultur wurde von vielen als
wichtigstes Ergebnis der Landnahmezeit angesehen, da damit ein Erbe des
Heidenkönigs Attila zurückerobert wurde. Die Ritterkultur verbreitete sich
in Ungarn namhafte westliche Repräsentanten weilten in Ungarn (Minnesänger
Tannhäuser, und Vidal der bekannte Troubadour am Hofe von Andreas dem 2).
Mit Beginn des 13. Jahrhunderts fand wieder ein entscheidender Wandel, statt,
auf eine weltliche Epoche folgte wieder eine religiöse, deren
Repräsentanten die Dominikanermönche waren.
-
Peter
Hanak: Die ungarische Geschichte, Von den Anfängen bis zur
Gegenwart.
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István
Dienes: Die Ungarn um die Zeit der Landnahme. Budapest 1972 (Corvina
Kiado).
-
Theodor
Schieder: Handbuch der europäischen Geschichte. Stuttgart 1987
(Ernst Klett Verlag).
Verfasser: Rita Taureck und Wojciech Grohn
Anfang des 16.Jahrunderts. hatten sich die
Kräfteverhältnisse in Europa verschoben. Die Region um die Adria herum
verlor an Bedeutung, statt dessen wurde das britische Königreich zum
wirtschaftlichen Zentrum. Dort begann allmählich die Lohnarbeit die
Leibeigenschaft abzulösen. Durch die Ausbildung des Protestantismus begann
das Bürgertum eine viel bedeutungsvollere Rolle zu spielen, welches im
Feudalismus schwer zu kämpfen hatte. Durch Entdeckungen und Eroberungen
überseeischer Gebiete erlebte das eigentlich eher rohstoffarme Europa,
einen ungeheuren Überfluss.
Als die »ewige Hörigkeit« der Bauern in das
Tripartitum (Grundlage des ungarischen Staats- und Rechtsdenkens)
aufgenommen wurde, wurde die ungarische Gesellschaft in eine alles Recht
besitzende »politische Nation« und ein völlig rechtloses Volk gespalten.
Dies geschah allerdings in dem Augenblick, als sich
Sultan Suleiman II. versuchte, die volle Kraft seines mächtigen Reiches
gegen Ungarn einzusetzen. Ungarn konnte sich nicht gegen die Türken
wehren, da ihnen das Türkenreich militärisch und wirtschaftlich überlegen
war. Ungarn hätte nur mit ausländischer Hilfe den türkischen Angriffen
Widerstand leisten können.
Der junge König Ludwig II. trat am 29.August 1526 mit
kaum 25.000 Mann bei Mohács der etwa fünffachen Übermacht des Sultans
entgegen. Die Katastrophe von Mohács bedeutete einen Wendepunkt der ost-
und mitteleuropäischen Geschichte. Ungarn wurde als selbständige
politische Macht, die fast 150 Jahre hindurch die Hauptlast des
Abwehrkampfes gegen den Islam getragen hatte, und die türkische Herrschaft
auf dem Balkan immer gefährdete, endgültig ausgeschaltet. Für die
islamische Großmacht öffnete sich damit der Weg in das Herz Europas. Das
siegreiche türkische Heer plünderte die Hauptstadt, verwüstete 12 Komitate
im Herzen des Landes und zog angeblich mit 150.000 Gefangenen aus Ungarn
vorerst zurück.
Die innere und äußere Lage des Landes hatte sich
völlig verändert. Bei der Wahl des neuen Königs, der dem 1526 bei Mohács
gefallenen kinderlosen Ludwig II. auf dem Thron folgen sollte, fiel vor
allem die Überlegung ins Gewicht, welche ausländischen Verbindungen der
Kandidat gegen die Türken zu mobilisieren imstande war. Der Kandidat des
Adels war Johann Szapolyai Woiwode Siebenbürgens, Schwager des Königs
Sigismunds I. von Polen, das damals auf dem Gipfel seiner Macht stand. Er
wurde vom Landtag unter dem Namen Johann I. zum König gewählt. Eine kleine
Gruppe von Baronen mit dem Olatin István Báthori an der Spitze stellte in
der Person des österreichischen Erzherzogs Ferdinand von Habsburg, der
auch zum König von Böhmen gewählt worden war, einen Gegenkönig auf. Durch
seine Person durfte man hoffen, daß sein Bruder, der mächtige Kaiser Karl
V., mit der Macht des deutschen Reiches Ungarn Hilfe gegen die Türken
leisten würde.
Szapolyai bot an, Maria, die Witwe Ludwigs II. und
Schwester Ferdinands von Habsburg, zu heiraten und sich mit dem Hause
Habsburg zu verbünden. Sein Vorschlag wurde zurückgewiesen. Karl V. gab
Ferdinand I. Unterstützung, aber nicht gegen die Türken, sondern gegen
Szapolyai, der aus Ungarn nach Polen flüchten mußte, wo er sich, mit der
Hilfe polnischer und französischer Diplomaten, Unterstützung von Suleiman
II. (1520-1566) versicherte. Der Sultan stellte 1529 mit der Hilfe
türkischer Waffen Szapolyais Herschafft wieder her. Als Frater Georg,
Erzbischof von Észtergom (Gran) das Unvermögen Ferdinands gegenüber den
Türken sah, begann er in dem von ihm verwalteten Ostungarn, dessen
Kerngebiet Siebenbürgen werden sollte, einen selbständigen Staatsapparat
aufzubauen.
Szapolyai starb 1540. Ferdinand ließ Buda (Ofen)
belagern, doch Georg Martinuzzi (Frater Georg), Vormund des noch im
Säuglingsalter befindlichen Johann Sigismund, Sohn des Johann Szapolyai,
wollte Buda (Ofen) um jeden Preis verteidigen und rief Sultan Suleiman II.
zu Hilfe. Der Sultan vertrieb 1541 die deutschen Belagerer und besetzte
Buda, das er aber für sich behielt. Johann Sigismund, den er für »seinen
Sohn« erklärte, schickte er mit der Mutter, der polnischen Prinzessin
Isabelle, nach Siebenbürgen.
Das von den Türken besetzte Gebiet zwischen Pécs,
Észtergom und Szeged war wie ein Keil zwischen dem von den Habsburgern
beherrschten westlichen und den von Szapolyai regierten östlichen Teile
Ungarns.
Ungarn wurde damit in drei Teile gespalten.
Martinuzzi, der den östlichen Teil des Königreiches verwaltete, hielt die
Wiedervereinigung Ungarns nur unter den Habsburgern für möglich, doch dazu
war eine erhebliche militärische Macht erforderlich, um den zu erwartenden
türkischen Widerstand zerschlagen zu können. Martinuzzi verlangte
Verstärkung und führte, um Zeit zu gewinnen, auch Verhandlungen mit den
Türken. General Castaldo, der Verrat witterte, ließ Martinuzzi ermorden,
konnte die Rache der Türken jedoch nicht abwehren. 1552 fiel eine ganze
Reihe wichtiger ungarischer Grenzfesten in die Hand der Türken: Temesvár,
Szolnok und Drégely.
Das östliche Königreich wurde 1556 unter der
Herrschaft von Johann Sigismund und unter dem Protektorat des Sultans
wiederhergestellt. Zehn Jahre währten die Kämpfe an der Theiß um die
Festlegung der Grenzen zwischen den beiden ungarischen Staaten. Dem
Bruderzwist wollte István Báthori, Hauptmann von Großwardein, mit einer
Vereinbarung ein Ende bereiten, die zwar die Spaltung definitiv gemacht,
aber das von Kriegen heimgesuchte Land zu einer Atempause hätte kommen
lassen. Während er in Wien die Verhandlungen führte, griff 1566 Suleiman
II. ein, und unter seiner persönlichen Führung brach ein türkisches Heer
gegen Wien auf. Seinem Schützling Johann Sigismund versprach der Sultan,
sein Land zu verdreifachen, in Wirklichkeit jedoch eroberte er für sich
selbst weitere ungarische Gebiete, u.a. die Burg Gyula, die noch in der
Hand der Habsburger gewesen war.
Wien konnte er aber auch diesmal nicht erreichen,
weil er durch den Widerstand der Festung Szigetvár aufgehalten wurde. Die
Belagerung Szigetvárs dauerte lange, inzwischen starb der alte Sultan.
Burghauptmann Miklós (Nikolaus) Zrínyi entschloß sich, an der Spitze
seiner ungarischen und kroatischen Soldaten einen Ausfall aus der
zerschossenen und in Brand gesteckten Burg zu unternehmen. Dabei fand er
mit der gesamten Besatzung den Heldentod. Ferdinands Nachfolger, Kaiser
und König Maximilian II. (1564-15?6), wartete während der ganzen Zeit mit
einem großen Söldnerheer bei Györ (Raab) und war, trotz Zrínyis
wiederholten verzweifelten Aufforderungen, nicht gewillt, sein für die
Verteidigung Wiens angeworbenes Heer aufs Spiel zu setzen. Da wurde
endgültig klar, daß die Habsburger den ihnen unterworfenen westlichen
Teilen Ungarns lediglich die Rolle eines Aufmarschgebietes bei der
Verteidigung ihrer österreichischen Erblande zugedacht hatten und diese
zum ständigen Kriegsschauplatz zu machen beabsichtigten ohne vorläufig an
die Vertreibung der Türken zu denken. Der Heldenmut Zrínyis und seiner
Mitkämpfer allein genügte jedoch, um den weiteren Vorstoß der Türken zu
stoppen. Der durch die Belagerung Szigetvárs verursachte Zeitverlust und
der Tod des Sultans zwangen das Türkenheer zur Heimkehr. Der neue Sultan
Selim II. war außerstande, die Kraftanstrengungen seines Vaters
fortzusetzen und schloss 1568 zu Adrianopel mit Maximilian einen
Friedensvertrag, der Suleimans II. Eroberungen den Türken überließ. Die
Frontlinien zwischen den beiden Großmächten wurden somit auf lange Zeit
zementiert. Auf beiden Seiten wurde ein System von Grenzfesten ausgebaut,
zwischen denen ein ständiger Kriegsschauplatz lag, auf dem zwar keine
großen Schlachten mehr geschlagen wurden, aber tagtäglich größere oder
kleinere Gefechte stattfanden.
Das im Osten des ungarischen Königreiches entstandene
und dem Sultan tributpflichtige Fürstentum Transsilvanien umfasste außer
Siebenbürgen auch das sog. »Partium«, die östlichen, durch den mächtigen
türkischen Keil vom königlichen Gebiet abgeschnittenen Teile Ungarns. Sein
von Frater Georg geschaffener staatlicher Aufbau war im wesentlichen die
Fortsetzung des alten ungarischen. Die Vertreter der autonomen
Gemeinschaften der Székler und Sachsen wählten den Fürsten, der vom Sultan
bestätigt wurde. Wie einst König Mathias Corvinus (Mátyás I. von Hunyadi
(1440-1490), Sohn Johann Hunyadis, König von Ungarn 1458-1490), konnte
aber ein fähiger Fürst unter dem Schein der Ständeverfassung seinen Willen
immer durchsetzen. In der Tat sicherte eben die fürstlich Macht den
Fortbestand des Kleinstaates, der weder ethnisch noch konfessionell eine
organische Einheit bildete. Während die Oberschicht dem ungarischen Adel
gleichgestellt wurde, büßte die Masse der Gemeinszékler ihre Vorrechte
und Freiheit größtenteils ein und begann in die Hörigkeit abzusinken.
Ihren Aufstand hat Fürst Johannes Sigismund, Sohn des Königs Johann
Zápolyai, blutig niedergeschlagen, das Széklerland aber wurde für
Jahrhunderte ein Herd von Unruhen.
Nach der Schätzung eines gut informierten
Zeitgenossen, des Humanisten und späteren Erzbischofs von Esztergom
(Gran), Anton Verancsics, hat die Zahl der Rumänen in Siebenbürgen um die
Mitte des 16. Jahrhunderts, die der Ungarn, Székler oder Sachsen erreicht.
Ihre Grenzwächterbezirke entwickelten sich zu regelrechten autonomen
Komitaten mit überwiegend rumänischem Adel. Die niedrigere Kulturstufe
der Berghirten, der Mangel an Nationalbewusstsein und eigener kirchlicher
Hierarchie haben sie jedoch gehindert, die ihnen zugesicherten Ansätze
einer Autonomie zu einer umfassenden politischen Organisation zu
entfalten.
Zu der ethnischen Mannigfaltigkeit trat seit der
Reformation die religiöse. Der erste Fürst, Johannes Sigismund, wechselte
viermal seinen Glauben, und der Kampf um die Seelen führte zu einer mehr
oder weniger friedlichen Koexistenz der Konfessionen. Die gegenseitige
Toleranz bedeutete zwar keine Religionsfreiheit im modernen Sinne, war
aber im damaligen Europa ohnegleichen. In der Außenpolitik des Fürstentums
Siebenbürgen spielte im 16. Jahrhundert die Wiedervereinigung mit dem
königlichen Ungarn eine entscheidende Rolle. Bereits gegen Ende des 16.
Jahrhunderts schien die Vertreibung der Türken im Bereich des Möglichen zu
liegen, wenn sich die beiden ungarischen Staaten gegen den »Erzfeind«
vereinten. Der Erfolg eines solchen kühnen Unterfangens hing einerseits
von der durch die Habsburger mobilisierten ausländischen Hilfe, anderseits
von der Stabilisierung des östlichen ungarischen Staates ab. Johann
Sigismund schloss 1570 zu Speyer mit den Habsburgern einen Vertrag ab, in
dem er auf die ungarische Krone verzichtete und sich fortan mit dem Titel
eine Fürsten von Siebenbürgen und den Teilen Ungarns östlich der Theiß
begnügte. Sein Nachfolger Stephan Báthori (1571-1586) verteidigte
erfolgreich sein Fürstentum gegen die Angriffe der Habsburger und gewann
gegen Maximilian II. 1576 sogar den Wettstreit um den vakanten polnischen
Königsthron. Siebenbürgen regierte er jedoch nach wie vor durch seine zum
Woiwoden ernannten älteren Bruder Kristóf (Christoph), so daß praktisch
eine Union zwischen Siebenbürgen und Polen entstand, deren Vorteile
vorläufig die Polen genossen, weil König Stephan seine siegreichen
Feldzüge gegen den Zaren Iwan den Schrecklichen vor allem mit
siebenbürgischen, hauptsächlich szeklerischen Söldnern ausfocht.
Der Militärdienst war damals die einzige Möglichkeit
für die Gemeinen der Szekler, die Johann Sigismund 1562 zu Leibeigenen
degradiert hatte, wieder aufzusteigen. Stephan Báthoris Militärpolitik
führte nicht nur zu einer Befreiung der militärischen Leibeigenen, sondern
legte auch die Grundlagen zu einer siebenbürgischen Armee, die sich später
erfolgreich gegen die Türken behaupten konnte.
Nach einer langen Friedensperiode flammten die Kämpfe
zwischen den Habsburgern und den Türken wieder auf. Das aus deutschen und
ungarischen Söldnern bestehende Heer des Kaisers und Königs Rudolf I.
errang 1593 zuerst bei Sissek (ung. Sziszek, heute sbkr Sisak) den Sieg
über die Türken. Es bestand alle Hoffnung auf erfolgreiche Fortführung des
Feldzuges. Sigismund Báthori, Fürst von Siebenbürgen, wurde von seinem
Oheim und Berater István (Stephan) Bocskai, Hauptmann von Großwardein
überredet, sich mit den Habsburgern zu verbinden, um zu vermeiden, daß
Siebenbürgen nach der Vertreibung der Türken zur bedingungslosen
Kapitulation gezwungen werden konnte. Mit der oppositionellen Türkenpartei
wurde blutig abgerechnet, die gemeinen Szekler gewann Sigismund durch die
Rückgabe ihrer Freiheiten und die Woiwoden der Walachei und der Moldau
verpflichtete er sich durch Treueide. Nun konnte er als gleichrangiger
Partner ein Bündnis mit Rodolf schließen.
Die durch die Walachei heranmarschierenden Türken
wurden 1595 durch die für ihre Freiheit kämpfenden Szekler sowie die
rumänischen und serbischen Truppen des walachischen Woiwoden Michael unter
Bocskais Führung bis zur Donau zurückgeworfen. Der Adel war aber nicht
gewillt, sich mit dem Verlust der szeklerischen Leibeigenen abzufinden,
und mit der stillschweigenden Zustimmung Sigismunds Báthoris wurde das
Gemeinvolk der Szekler während des »Blutigen Faschings« 1596 wieder in die
Leibeigenschaft zurückgeworfen. Seiner entschlossenen Soldaten beraubt,
konnte Báthori dem Habsburgerheer nicht viel helfen, das bei Mezökeresztes
von den Türken schwer geschlagen wurde.
Der Krieg zog sich in die Länge. Die Tataren
verwüsteten grausam die Große Tiefebene, was die Haiducken (Freischärler)
den Türken mit »Zinseszins« heimzahlten, indem sie ihnen den Nachschub
abschnitten und ihre wichtigste Übergangsstelle, die Draubrücke bei Esseg
(ung. Eszék, heute sbkr. Osijek), in Brand steckten. Allmählich
erschöpften sich die Kräfte auf beiden Seiten, aber das Land ging
währenddessen zugrunde und wurde entvölkert.
Sigismund Báthori gab jede Hoffnung auf und
verzichtete 1598 zugunsten der Habsburger auf Siebenbürgen. Dann aber
überlegte er es sich anders und überließ seinem Vetter Kardinal Andreas
den Thron. Im Namen der Habsburger, in Wirklichkeit aber selbst, eroberte
der walachische Woiwode Michael 1599 mit Hilfe der rachsüchtigen Szekler
Siebenbürgen, und András (Andreas) Báthori wurde nach der verlorenen
Schlacht auf der Flucht in den Bergen von Szeklern getötet. Aber auch
Woiwode Michael konnte sich des Sie es nicht lange erfreuen, weil der Adel
Siebenbürgens den berühmten Habsburgergeneral Giorgio Basta ins Land
holte, der ihn besiegte und 1601 den »tapferen« Woiwoden, der den Thron
der Báthoris besteigen wollte, ermorden ließ.
Der Adel Siebenbürgens wollte aber auch von der
Habsburgerherrschaft nichts wissen und suchte die Aussöhnung mit den
Türken. Mózes Székely, der einstige heldenhafte Kämpfer gegen die Türken,
versuchte mit türkischer Hilfe den Fürstentitel zu erwerben, dich 1603
verlor er die Schlacht bei Kronstadt (ung. Brassó, heute rum. Brasov), bei
der auch er selbst gefallen ist. Seine Anhänger, unter ihnen auch der
junge Gábor (Gabriel) Bethlen, flüchteten auf türkischen Boden. Basta nahm
fürchterliche Rache an de seiner Meinung nach verräterischen
siebenbürgischen Bevölkerung. Seine Söldner plünderten und verwüsteten
die Dörfer, so daß die Bevölkerung in die Berge floh, wo sie durch Hunger
und Pest dezimiert wurde. Als Basta im Frühjahr 1604 Siebenbürgen verließ.
ließ er Friedhofsstille im Lande zurück. Der Freiheitskrieg Bocskais und
der Haiducken Die im Krieg stark verschuldete Dynastie Habsburg strengte
Erbschafts- und später sogar Hochverratsprozesse gegen die ungarischen
Großgrundbesitzer an, um sich Geld zu verschaffen, und leitete auch in
Ungarn, das bisher von den Religionskriegen verschon geblieben war, eine
gewaltsame Gegenreformation ein, um sich den geistigen Gehorsam des Landes
mit protestantischer Mehrheit zu sichern. Den Adel, der gegen die
Glaubensverfolgung protestierte, versuchte man dadurch zum Schweigen zu
bringen, daß ein nachträglich gefälschter Artikel XXII den Gesetzen von
1604 hinzugefügt wurde, der die Diskussion von Religionsfragen im Landtag
untersagte.
Nun wuchs die Unzufriedenheit in den niederen und
höheren Schichten der Gesellschaft gleichermaßen an. Die von den Türken
wie von den kaiserlichen Truppen geplünderten und geschundenen Bauern,
die zur Ausrottung oder Leibeigenschaft verurteilten freien Haiducken,
alle Schichten der protestantischen Bevölkerung: das gemeine Volk,
Bürgertum und Adel, und die in ihrem Eigentum bedrohten Feudalherren,
sie alle sahen in der Habsburger-Regierung ihren Hauptfeind.
Die Widerstandsbewegung brauchte nur noch einen
geeigneten Führer. Diesen fand Gabriel Bethlen, der junge Anführer der auf
türkischen Boden geflüchteten siebenbürgischen Emigration, in der Person
von Stephan Bocskai, der schon bereute, daß er einst Siebenbürgens
Schicksal an die Habsburger hatte knüpfen wollen. Nun war er bereit, mit
türkischer Hilfe Fürst von Siebenbürgen zu werden.
Bocskai eroberte Siebenbürgen und das königliche
Ungarn, auf Wunsch des ungarischen Adels schloss er jedoch, obwohl er vom
Sultan eine Krone erhielt, einen Friedensvertrag mit den Habsburgern ab
und begnügte sich mit dem Titel des Fürsten von Siebenbürgen. Ungefähr
zehntausend Haiducken teilte Bocskai auf seinen Besitztümern Land zu (aus
diesen Siedlungen entwickelten sich die späteren Haiduckenstädte). Die
Fürsten von Siebenbürgen und auch der ungarische hohe Adel gründeten
später weitere freie Haiduckensiedlungen, deren Einwohner keine Steuern
zahlten und keine Fronarbeit leisteten, sondern nur zum Waffendienst
verpflichtet waren. Auch die Freiheiten der Szekler wurden von Bocskai
wieder hergestellt, dadurch gewann er ein starkes freibäuerliches Militär
für die Fürsten von Siebenbürgen. Gábor Bethlens Kampf für ein
einheitliches Ungarn Das Lebenswerk Bocskais fand eine würdige Fortsetzung
im Wirken Gabriel Bethlens. Auf seiner Fahne reichte die Hand Gottes ein
Schwert aus den Wolken, um dem Fürsten zu helfen. Die göttliche
Unterstützung wünschte sich Bethlen bei der Realisierung seines nicht
gerade kleinen Vorhabens: bei der Wiedervereinigung des in drei Teile
gespaltenen Ungarn unter seiner nationalen königlichen Macht.
1613 wurde er Fürst Siebenbürgens, 1619 griff er
schon in den Dreißigjährigen Krieg ein, und zwar an der Seite der Böhmen,
die sich gegen den Kaiser und König Ferdinand II. und seine
gegenreformatorischen Bestrebungen auflehnten. Mit ihnen sowie mit den
mährischen, schlesischen und österreichischen Adel waren die ungarischen
Stände seit 1608 in einem Bündnis, der sog. Konföderation, vereint. Im
Namen der ungarischen Stände haben protestantische Magnaten Bethlen
gebeten, die Führung des Freiheitskampfes gegen die Habsburger zu
übernehmen. 1620 eroberte er das königliche Ungarn, und am 25.August wurde
er vom Landtag in Neusohl (ung. Besztercebánya, heute slow. Banská
Bystrica) zum König Ungarns gewählt. Mit der Krönungszeremonie wollte er
aber bis zum definitiven Ausgang des Krieges warten. Dieser nahm jedoch
einen schlechten Ausgang, weil die Böhmen am 8.November 1620 am Weißen
Berg bei Prag eine entscheidende Niederlage erlitten. Der Böhmenkönig
Friedrich von der Pfalz starb in der Emigration, Ferdinand II. beraubte
das Land jeder Selbstverwaltung und ließ die Anführer des Aufstandes
hinrichten.
Bethlen besänftigte die auch in Ungarn ausgebrochene
Panikstimmung, und er war der einzige in Europa, der den Mut hatte, den
Kampf gegen die Habsburger fortzusetzen. Dadurch gab er dem europäischen
Protestantismus Zeit, um seine Kräfte wieder zu sammeln. Im Nikolausburger
Frieden (1621) gelang es ihm, vorerst die ungarische ständische
Selbstverwaltung und die protestantische Glaubensfreiheit zu sichern, bald
bot sich ihm dann auch eine Gelegenheit, ein Bündnis mit den
protestantischen Mächten Westeuropas zu schließen. Er griff 1623 an der
Seite der deutschen Protestanten und 1626 an der Seite der
englischenniederländischen-dänischen Koalition der Habsburger an. Es lag
nicht an ihm, sondern vor allem an der Abtrünnigkeit der durch die
böhmischen Ereignisse in Furcht versetzten ungarischen Magnaten, daß er
keine größeren Erfolge als den Abschluss von sieben oberungarischen
Komitaten an Siebenbürgen erzielen konnte.
Allein schon das, was er erreichte, sicherte
Siebenbürgen eine Position von internationaler Bedeutung. Sein Land wurde
zu Bethlens Lebzeiten von keinem einzigen Fürsten betreten, seine Armee
aus Haiducken und Szeklern wurde, wenn er sie führte, nie besiegt. Unter
Bethlen begann der ungarische Husar weltberühmt zu werden. Bethlen war ein
großzügiger Außenpolitiker mit ausgezeichneter diplomatischer Begabung,
er plante und organisierte europäische Koalitionen gegen die Habsburger.
Er war von den Türken kaum abhängig, vielmehr nutzte er sie für ihre Ziele
aus.
Was seine Innenpolitik anbelangt, war er seit dem Tod
von König Matthias Hunyadi derjenige ungarische Monarch, der am
erfolgreichsten eine Zentralgewalt nach den Grundsätzen des modernen
Absolutismus auszubauen verstand. In der Wirtschaftspolitik verfolgte er
die Prinzipien des damals aufkommenden Merkantilismus. Obwohl er die in
ganz Osteuropa verbreitete Einrichtung der ewigen Leibeigenschaft nicht
abschaffen konnte, war er berühmt, die Leibeigenen vor Exzessen der
Grundbesitzer zu schützen und verbat es, lernwillige Leibeigenenkinder am
Schulbesuch zu hindern.
Obwohl Bethlen für seine reformierte Konfession eine
Hochschule, eine Druckerei und eine Bibliothek gründete, war er im
Vergleich zu seinen Zeitgenossen ein Beispiel von Toleranz ohnegleichen.
Die aus Siebenbürgen vertriebenen Jesuiten holte er wieder zurück, und die
Bibelübersetzung des Jesuiten György (Georg) Káldi unterstützte er auch
finanziell. Den Katholiken von Siebenbürgen genehmigte er einen
Generalvikar, den griechisch-orthodoxen Rumänen einen Bischof, die
rumänischen Geistlichen befreite er von den Leibeigenenleistungen, die
Juden vom Tragen des gelben Davidsterns. Eine Gruppe der überall
verfolgten Anabaptisten siedelte er in Siebenbürgen an. Sein treuer
Anhänger und später Nachfolger János (Johann) Kemény trauerte um ihn in
folgenden Worten: “Ach wenn er entweder nicht geboren worden wäre oder
aber ewig gelebt hätte!” Georg Rákóczi, der Nachfolger Gabriel Bethlens
Gábor (Gabriel) Bethlen verschaffte seinem Land friedliche Prosperität und
internationales Ansehen. Sein Erbe trat György (Georg) Rákóczi I. an,
der, nach kurzen inneren Kämpfen, zuerst mit Bethlens Witwe Katharina von
Brandenburg und dann mit Bethlens jüngerem Bruder István, durch die drei
siebenbürgischen Ständenationen auf dem Landtag 1630 zum Fürsten
Siebenbürgens gewählt wurde. Seinen Thron hatte er eigentliche den
Haiducken zu verdanken, weil die Heiduckensiedlungen nach Bethlens Tod
wieder an die Habsburger zurückfielen und die Haiducken, die mit Recht
durch den Platin Miklós (Nikolaus) Esterházy ihre Freiheiten bedroht
sahen, gegen die zu ihrer Unterwerfung entsandten königlichen Söldner zu
den Waffen griffen.
István Bethlen jun., Burghauptmann in Großwardein,
und Dávid Zólyomi, Landeshauptmann von Siebenbürgen, eilten den Haiducken
zur Hilfe und zerschlugen 1631 bei Rakamaz, Esterházys Heer. Den Thron
Siebenbürgens boten sie Georg Rákóczi, dem reichsten reformierten Magnaten
Ostungarns, an. Offensichtlich hofften sie, daß Rákóczi, nicht zuletzt im
eigenen Interesse, die sieben Komitate Oberungarns, die Bethlen erobert
hatte, die jedoch nach dessen Tod den Habsburgern zurückgegeben waren,
für Siebenbürgen behalten würde, da die hiesigen Ländereien Rákóczis mit
dem Sitz Sárospatak dort lagen. Rákóczi aber war ein vorsichtiger Mann.
Mit Hilfe der Haiducken ließ er sich zwar zum Fürsten wählen, doch er
überließ dem königlichen Ungarn die sieben Komitate, allerdings gegen die
Bekräftigung der Haiduckenfreiheiten. Dadurch verpflichtete er sich die
Haiducken zu Dank, und zugleich konnte er auch mit dem Habsburgerkönig
Ferdinand II. einen Friedensvertrag abschließen, der – durch die
Verwicklungen im Dreißigjährigen Krieg in Deutschland sehr stark in
Anspruch genommen – nicht an zwei Fronten zugleich kämpfen wollte. Die
Folgen der Türkenzeit Die Kriegszüge Bethlens und Georg I. Rákóczi
vermochten den Sieg der Gegenreformation im königlichen Ungarn nicht
aufzuhalten. Denn der Jesuit Peter Pázmány, Erzbischof von Esztergom und
Kardinal, erwies sich in seinen Predigten und Schriften als einer er
glänzendsten und wirkungsvollsten Stilisten der ungarischen Sprache. Er
führte die mächtigsten Magnatenfamilien West- und Nordungarns in die
katholische Kirche zurück. Oft mußte ihnen das gesamte Volk ihrer
Ländereien folgen.
Die Rekatholisierung stärkte erheblich die Bindung an
die Habsburgerdynastie und gehörte seit Rudolfs Zeiten zur offiziellen
Regierungspolitik. Sie vertiefte aber die Spaltung zwischen Ost und West
nicht nur konfessionell, sondern auch in Bezug auf die Türken. Seit
Stephan Bocskai hat sich Siebenbürgen mit der Osmanenherrschaft notgedrungen
abgefunden. Die nun mehr überwiegende katholische Elite des königlichen
Ungarns fühlte sich der gesamtungarischen Tradition des 15. und 16.
Jahrhunderts verpflichtet, die Ungarn als Bollwerk der abendländischen
Christenheit und den Türkenkampf als eine nationale Aufgabe betrachtete.
Die Türken sorgten jedoch selber dafür, daß diese Ideen auch im Osten
nicht vollständig abstarben. Denn die Schutzherrschaft des Padischah
bedeutete keine Sicherung der siebenbürgisch-osmanischen Grenze. Das
Fürstentum mußte sein Gebiet vor den Einfällen der türkischen
Grenzgarnisonen ebenso schützen wie das königliche Ungarn. Die Linie der
Grenzfestungen umschloss daher in einem großen, von der Adria bis zu den
Südkarpaten reichenden Bogen den mächtigen, bis in das oberungarische
Bergland ragenden türkischen Keil. Sie bildete allerdings keine
geschlossene und unüberwindbare Trennwand. Händler, Bauern, Boten gingen
hin und her, aber die Waffen ruhten nie. Auf der christlichen Seite waren
auch kaiserliche Söldnertruppen stationiert. Der türkischen Taktik des
ständigen Kleinkrieges erwiesen sich jedoch nur die Einheimischen
gewachsen. Heimatlose Flüchtlinge, ihren Herren entflohene Leibeigene
habgierige Abenteurer, gewalttätige Edelleute kämpften Seite an Seite; es
entstand eine Solidarität, die soziale und ethnische Unterschiede
weitgehend verwischte. Verwegene Beutezüge und kühne Handstreiche,
blitzschnelle Angriffe aus dem Hinterhalt und ritterliche Zweikämpfe
formten einen neuen Kriegertyp und auch eine neue Waffengattung: die der
Husaren.
Franz II. Rákóczi Franz II. Rákóczi, ein Nachkomme
der Fürsten von Siebenbürgen war der Sohn des an der Verschwörung
Wesselényis beteiligten 1676 verstorbenen Franz I. Rákóczi und der Ilona
Zrínyi , Tochter des hingerichteten Banus von Kroatien, Péter Zrínyi. Mit
zwölf Jahren wurde er nach der Übergabe der Festung Munkács (Mukatschewo)
im Jahre 1688 von seiner Mutter getrennt. Um einen kaisertreuen
Aristokraten aus ihm zu machen, schickte ihn der Wiener Hof nach Böhmen,
wo ihn die Jesuiten erzogen. Seine Studien beendete er in Prag und in
Italien, danach lebte er in Wien ein »lustiges und leichtsinniges« Leben
als Hochadliger. Im Jahre 1694 heiratete er die Fürstin von
Hessen-Rheinfels und zog auf seine Güter nach Ungarn. Als ihn dort
aufständische Bauern 1697 für sich benutzen wollten, floh er vor ihnen
nach Wien. Als er jedoch die Lage Ungarns genauer kennen lernte, sah er
daß dort jedermann von ihm, dem größten Großgrundbesitzer des Landes und
Abkommen der vornehmsten Familie, Schutz erwartete und betrat den Weg
seiner Ahnen. Zusammen mit mehreren vornehmen adligen plante er eine
Verschwörung gegen die Habsburger und wandte sich an Ludwig XIV. Um
Unterstützung. Sein Brief geriet in die Hände des Wiener Hofes, und im
Frühjahr 1701 wurde er in seiner Burg Nagysáros gefangen genommen. Man
brachte ihn nach Wiener Neustadt und sperrte ihn ins Gefängnis. Dort
sollte er hingerichtet werden wie sein (mütterlicher) Großvater, doch es
gelang ihm, nach Polen zu flüchten. Von dort aus versuchte er, die
Unterstützung Frankreichs und anderer antihabsburgischen Mächte zu
gewinnen, um den Kampf gegen den Wiener Hof aufnehmen zu können. Doch man
hatte ihn überall abgewiesen, einem einsamen Flüchtling ohne Macht und
Möglichkeiten schien keiner zu trauen. Anfang des Jahres 1703 stießen die
Abgesandten von organisierten Bauern, die unter der Führung von Thomas
Esze standen, in einem abgelegenen Gutsbesitz auf Rákóczi. Sie brachten
ihm die Botschaft: “Das Bauernvolk steht bereit, es braucht nur einen
Führer”. Wollte Rákóczi 1697 noch keine gemeinsame Sache mit den Bauern
machen, folgte diesem Aufruf. Er entschied sich also dafür, an der Spitze
von Leibeigenen gegen die Habsburger zu ziehen. Im Mai 1703 schickte er
Fahnen mit der Aufschrift “Mit Gott für Heimat und Freiheit” ins Land und
rief in einer Proklamation “jeden adligen und gemeinen wahren Ungarn” zu
den Waffen. Im Juni 1703 machte er sich auf, um an der Spitze der Heere
den Freiheitskampf gegen die Habsburger zu beginnen. Der Freiheitskampf
gegen die Habsburger beginnt Als Franz Rákóczi im Juni 1703 den Gipfel der
Nordostkarpaten, die Grenze des Landes erreichte, erwarteten ihn unter der
Führung von Thomas Esze nur einige Hundert verbitterte Bauern. Die den
Berg herabströmende Armee wurde jedoch von Tag zu Tag größer, in einigen
Wochen zählte sie bereits mehr als tausend Mann. Der Adel, der einen
Bauernaufstand befürchtete, schloss sich in seine Schlösser ein und
leistete Widerstand. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis er erkannte, daß
hinter den Bauerntruppen Rákóczi stand und die Forderungen der Bauern
gleichzeitig auch nationale Forderungen waren. Im Herbst 1703 begannen
sich der Adel und danach die Bürger der Städte anzuschließen. Aus dem
ursprünglichen Bauernaufstand wurde ein nationaler Freiheitskampf. Bis
zum des Jahres nahmen Rákóczis Truppen bereits Oberungarn und den
mittleren Teil der Tiefebene in Besitz und drangen in Transdanubien sowie
Siebenbürgen ein. Rákóczi hoffte weiterhin auf die Unterstützung der
Franzosen, und nach den ersten Erfolgen des Aufstandes nahm der
Franzosenkönig Beziehungen zu ihm auf. Er ließ ihm zunächst finanzielle
Unterstützung zukommen. Sie entsprach etwa dem Sold von 5000 Soldaten, als
in der Kurutzenarmee bereits 70.000 Mann kämpften. Die ersten Jahre des
Krieges brachten den Franzosen Erfolge im Westen. Im Frühjahr 1703 drangen
die französischen Truppen entlang der Donau nach Wien vor, während die
Kurutzen von Osten her gegen die Kaiserstadt zogen. Der kaiserliche Hof
erlebte schwere Wochen; die Historiker meinen, hätten sich beide Truppen
vereinigt und wäre Wien gefallen, so wäre das Habsburgerreich leicht
auseinander gefallen. Aber die große Hoffnung, daß Wien fällt, erfüllte
sich nicht. Anfang des Jahres 1704 erreichten die Kurutzen bereits die
österreichische Grenze, doch der Befehlshaber der französischen Truppen,
der Kurfürst Max Emanuel von Bayern, zog nicht geradewegs nach Wien,
sondern bog nach Tirol ab und ließ sich auf monatelange Guerillakämpfe
ein. Bis von neuem losgezogen war, war die englische und niederländische
Streitmacht bereits aufmarschiert. Sie stoppten das Vordringen der
Franzosen in der Schlacht bei Höchstädt unter dem Befehl von Prinz Eugen
von Savoyen und Herzog Marlborough zum Stehen. Von jetzt an zogen die
Franzosen immer weiter zurück, die Vereinigung war zunichte gemachte
geworden; Wien war gerettet. Von nun an war mit der Unterstützung
Frankreichs immer weniger zu rechnen, König Ludwig XIV. war nicht bereit,
gegenüber Ungarn Verpflichtungen einzugehen und schloss kein Bündnis mit
Rákóczi. Franz Rákóczi versucht den Freiheitskampf auf Europa auszuweiten
Rákóczi erkannte, daß er versuchen mußte, andere europäische Länder für
sich zu gewinnen, da der Freiheitskampf sonst aussichtslos bleiben würde.
In Proklamationen informierte er das Ausland über den Grund und das Ziel
des Aufstandes, außerdem schickte er Abgesandte zum schwedischen,
preußischen und dänischen König, zum polnischen Reichstag und zum Papst
in Rom, doch überall erhielten sie zwar aufmunternde Worte, konkrete
Hilfe wurde Rákóczi nicht angeboten, niemand wollte Ungarn zuliebe gegen
die Habsburger antreten. Allein der russische Zar Peter I., der mit
Schweden Krieg führte, erklärte sich bereit, ein Geheimbündnis mit Franz
Rákóczi einzugehen, doch brachte dies keinen militärischen Nutzen. Der
Aufstand blieb auf sich allein gestellt. Die Friedensverhandlungen mit den
Habsburgern Die militärischen Kräfte des Habsburgerreiches und Ungarn
waren völlig unterschiedlich. Rákóczi bemühte sich, aus seinen zwar
tapferen aber nicht kampferfahrenen Soldaten eine gut ausgerüstete Armee
zu machen, doch verloren sie immer wieder bei großen Gefechten. Rákóczi
versuchte daher, Friedensverhandlungen mit Wien aufzunehmen. Die
Vermittler waren England und die Niederlande. Sie waren gleichzeitig
auch Verbündete der Habsburger und wussten, daß die 40.000 Mann, die gegen
Ungarn zu kämpfen hatten, bei den Kämpfen im Westen fehlten, wie nützlich
die Steuern für sie wären und wie dringend sie ungarische Rekruten
gebraucht hätten. Doch die Verhandlungen verliefen ergebnislos; die
Kurutzen wären zwar bereit gewesen, zu den Habsburgern zurückzukehren,
doch die Habsburger wollten ihnen keine Garantien für die Beibehaltung
ihrer Verfassungsrechte und der freien Religionsausübung geben. Außerdem
war der Wiener Hof nicht gewillt, die Autonomie Siebenbürgens, an der
Rákóczi festhielt, zu akzeptieren. Im weiteren Verlauf dieses Aufstandes
erlag dann die Kurutzenarmee weitere Niederlagen, als Ausweg versuchte
Rákóczi einen neues Bündnis mit dem russischem Zar Peter den Großen zu
schließen. Während seiner Abwesenheit schloss Rákóczis Vertreter Baron
Sándor (Alexander) Károlyi am 29.April 1711 den Frieden von Sathmar. Die
Kurutzen leisteten von nun an den Habsburgern wieder Treue. Doch Rákóczi
war nicht mit diesem Abkommen einverstanden, da es die Unabhängigkeit
Ungarns nicht sicherte und die während des Freiheitskampfes erreichten
Errungenschaften (Abbau der Ständeunterschiede, mehr Gerechtigkeit für
alle Bevölkerungstruppen) zunichte machte. Mit einigen Begleitern machte
er sich auf den Weg nach Polen, nach Frankreich und von hier aus – in der
Hoffnung, den Kampf wieder aufnehmen zu können – in die Türkei. Hier
starb er 1735 in Rodosto (heute türk. Tekirdag).
-
Balázs
Várkonyi und Katalin
Liebmann, 1993: Ungarn, eine
kleine politische Landeskunde. München
-
Isabella
Ackerl, 1985: König Mathias
Corvinus - Ein Ungar, der Wien regierte. Wien
-
Thomas von
Bogyay, 1973: Grundzüge der
Geschichte Ungarns. Darmstadt
-
Andreas
Oplatka, 1990: Der Eiserne
Vorhang reißt – Ungarn als Wegbereiter. Zürich
-
Péter
Hanák, 1988: Die Geschichte
Ungarns von den Anfängen bis zur Gegenwart. Essen
-
Jörg K.
Hoensch, 1991: Ungarn –
Geschichte, Politik, Wirtschaft. Hannover
Glossar
Banat: Grenzmark, Verwaltungsbezirk, die
südlichen Grenzgebiete des Königreichs Ungarn im Mittelalter. Heute
Bezeichnung für die historische Landschaft zwischen Maros, Theiß und
Donau, die nach dem ersten Weltkrieg zwischen Rumänien, Jugoslawien und
Ungarn geteilt wurde. Hauptort Temesvár/Timosoara
Banderien: (von mittelalterlich banderia =
Fahne, Truppenabteilung) Ursprünglich jene berittenen Truppen der
mittelalterlichen Heeresordnung Ungarns, die unter eigener Fahne, unter
persönlichem Befehl des Königs oder hochadliger Herren in den Kampf zogen.
In späteren Zeiten wurde auch das Adelsaufgebot der Komitate als Banderien
bezeichnet.
Heiducken/Haiducken: Ursprünglich
Bezeichnung für ungarische Hirten, später für Söldner, die seit Ende des
15. Jh.s die Grenzen gegen das osmanische Reich verteidigten.
Komitat: Von einem Gespan geleiteter
Verwaltungsbezirk in Ungarn; ursprünglich nach dem Vorbild der deutschen
Grafschaftsverfassung eingerichtet von Stephan I. als Verwaltungseinheit
königlicher Güter; später dienten die Komitate vor allem der adligen
Selbstverwaltung.
Kurutzen: Bezeichnung im 16.Jh. für
rebellierende ungarische Bauern, im 17./18. Jh. für die Aufständischen
gegen die habsburgische Herrschaft.
Magyar: Selbstbezeichnung der Ungarn,
abgeleitet von dem landnehmenden ugrischen Stamm Megyeri
Militärgrenze: Bezeichnung für das ab
1522/26 im habsburgischen Restungarn gegen die Osmanen mit mehrheitlich
serbischen und kroatischen Flüchtlingen und Uskoken errichtete
Verteidigungssystem, das im 18. Jh. von der NW-Grenze Dalmatiens entlang
Save, Donau und Karpatenkamm bis zur Bukowina reichte
Nationsuniversität: (lat. Unio trium
nationum = Brüderliche Einigung) 1437 erfolgter Zusammenschluss des hohen
magyarischen Adels, der Székler und der Siebenbürger Sachsen zur Abwehr
des ersten großen Aufstands rumänischer und ungarischer Bauern. Die
Nationsuniversität diente bis ins 19. Jh. zur Zurückweisung der Forderung
des rumänischen Bevölkerungsanteils nach Gleichberechtigung.
Stephanskrone: Ursprünglich wohl vom
Papst Silvester II. um 1000 dem ersten christlichen König Stephan I. dem
Heiligen verliehene Krone, die - 1270 nach Böhmen verschleppt und dort
verschollen - von Stephan V. (1270-1272) durch die heute erhaltene
Stephanskrone ersetzt wurde. Sie erlangte früh sakrale Bedeutung, war
Ansatzpunkt einer von der Person des Herrschers losgelösten
Staatsvorstellung und galt als eigentlicher Träger der königlichen Gewalt.
Woiwode: Slawische Bezeichnung für einen
gewählten Heerführer, der ein begrenztes Gebiet kontrollierte und dessen
Würde nicht erblich war. Der Titel wurde bis ins 16. Jh. auch von den
Fürsten Siebenbürgens, der Moldau und der Walachei (zuweilen in der Form
Mare-Voievod = Großwoiwode) geführt.
Verfasser: Philip Maske
Die Vorläufer der Bauernkriege
Die ständische Regierung und die antifeudalen Kämpfe
der Bauern in Ungarn von der Hussitenzeit bis 1514
Der Kampf der Bauern war nicht kurzfristig zu den
Aufständen um 1514 entstanden, sondern bereits im 12. bis 13. Jahrhundert.
Grundsätzlich war es das Unrecht, welches den Bauern widerfahren war, das
sie zu ihren Taten brachte.
Das Gesamtsystem der die erbliche Rechtsstellung des
Ständewesens ausdrückenden Privilegien entspricht als Erscheinung des
Überbaus den an der wirtschaftlichen Basis des Feudalismus, in seiner
Klassenstruktur durch die Entfaltung der einfachen Warenproduktion vor
sich gehenden Veränderungen. Das schließt nicht aus, daß in das einmal
entstandenen System andere, aus früheren Verhältnissen resultierende
Elemente aufgenommen wurden. Und das schließt nicht aus, daß als die
Erscheinungen des feudalen Überbaus bestimmende Element die Erscheinungen
der Grundentwicklung überlebte, die seine Entstehung ehemals möglich und
erforderlich gemacht hatten. Die lange historische Vorgeschichte und das
lange Weiterbestehen des Ständewesens können wir in Ungarn, aber auch in
anderen Feudalstaaten beobachten.
Einige Historiker betrachten als Kennzeichen des
Ständewesens das Recht der Immunität bzw. das Privileg, in dessen Besitz
ein adliger Grundherr die mit der Steuereintreibung und Rechtsprechung
beauftragten königlich-staatlichen Beamten von seinem Grund und Boden
verweisen und statt ihrer selbst das Volk auf seinem Grundbesitz vorgehen
konnte. Tatsache ist, daß die Immunität bei uns und auch anderswo ein
wesentliches Element des adligen ständischen Rechts darstellt, obwohl es
unserer Meinung nach älter ist als das System des Ständewesens und in
seinem Wesen und seinen Wurzeln frühere Zustände zum Ausdruck kommen. Ihre
Grundlage ist der Charakter eines »Staates im Staate« des feudalen
Grundbesitzes, vor allem des Großgrundbesitzes, die Tatsache, daß die
übermächtigen Grundherren in der Lage waren, gegenüber dem Volk auf Grund
und Boden Funktionen der öffentlichen Gewalt auszuüben; diese ihre
Zuständigkeit können sie durch ihre Privatarmee, durch die grundherrliche
Gerichtsbarkeit sowohl nach unten wie auch nach oben ausbauen und zur
Geltung bringen. Gleich welche Bedeutung wir auch der Immunität in diesem
System zubilligen, dient es nur einem Zweck: die Anstrengungen eines
Klassenkampfes im Keim zu ersticken.
Bei uns erscheint die Immunität im 12. und 13.
Jahrhundert nach der Erstarkung des Grundbesitzes und dehnt sich dann auch
auf andere Kategorien des feudalen Grundbesitzes aus. Diese Zeit ist
(rückblickend) als Epoche der Organisierung der aus verschiedenen
Elementen entstandenen feudalen Bauernschaft zu einer in großen Zügen
rechtlich einheitlichen Klasse und der Entfaltung ihres Klassenkampfes
aufzufassen. Die Hauptformen des Klassenkampfes waren, soweit sich das aus
den Quellen rekonstruieren lässt, neben der fallweisen Verweigerung der
Dienstleistungen und einzelnen lokalen Bewegungen vor allem die große
Masse mobilisierende Abwanderung, der Wegzug oder die Flucht. Diese Formen
des Klassenwiderstandes – die zweifellos durch die Siedlungstätigkeit
einzelner Grundherren und durch die um diese Zeit einsetzende Entwicklung
der Städte und Marktflecken erleichtert wurde – führten in der zweiten
Hälfte des 13. Jahrhunderts zur Erinnerung des grundlegenden Rechts der
rechtlichen einheitlichen werdenden feudalen Bauernklasse, zur Erinnerung
des Rechts auf freien Abzugs, der Freizügigkeit – ein Recht, das vormals
nur die ehemaligen nur die ehemaligen »freien Leute« gehabt haben.
Als örtliches Organ zur Durchsetzung der
Klasseninteressen der adligen Grundbesitzer zeigte sich das Adelskombinat
bis zum gewissen Grade geeignet, indem es nach unten – gegenüber den
Unterdrückten und ihren Widerstand – auch jenen kleineren Grundbesitzern
half, ihre grundherrlichen Forderungen durchzusetzen, deren eigene Macht
sich auf der gegebenen Entwicklungsstufe des Klassenkampfes allein als
nicht ausreichend erwies. Da es aber unter die Lenkung des
Großgrundbesitzes kam, blieb das aus den Gegensätzen innerhalb der
herrschenden Klasse resultierenden Problem der kleineren Grundbesitzern,
das es seinerzeit ins Leben gerufen oder zur Entstehung zumindest
wesentlich beigetragen hatte, weiterhin ungelöst. Hier die sich im Verlauf
des 14. Jahrhunderts, besonders aber an der Wende vom 14. und 15.
Jahrhundert zwischen den einzelnen – auch bisher schon in Gegensatz
zueinander stehenden – Schichten der Grundbesitzerklasse zuspitzenden
Kämpfe um die Lenkung der Komitatsbehörden. Durch die Einschaltung der
zentralen Macht war die Auswirkung dieser Kämpfe auf der Landesebene, in
der Gesetzgebung und in den damit verbundenen königlichen Verordnungen zu
spüren. Und damit hängt auch aufs engste zusammen, daß sich der Gemeinadel
im engeren Sinn ständisch orientierte, daß er das auf Versammlungen in
einzelnen Teilen des Landes oder im ganzen Land in seinen Beschlüssen zum
Ausdruck brachte. Diese Beschlüsse zeigen immer deutlicher die zunehmende
Forderung des Gemeinadels, ihm nicht nur in der Komitatsorganisation,
sondern an der Lenkung des ganzen Landes größeren Anteil zu gewähren,
unter anderem dadurch, daß die unter Teilnahme des Gemeinadels
abgehaltenen Landesversammlungen – bereits echte Landtage – zur ständigen
Einrichtung wurden, und das die rechtliche Grundlage der Staatenlenkung
bildende Gesetzgebungssystem eine entsprechende Modifizierung erfuhr.
Dieses führte aber zu keiner befriedigten Erfolg für alle Parteien.
Dieses änderte sich erst als die Zeit Matthias I.
anbrach. Er förderte die Städte und Marktflecken in den Tiefebenen
Ungarns. Weiter verbesserte er die Lebensbedingungen der Leibeigenen,
allerdings nicht ihren Status in der Gesellschaft. Diese Verbesserungen
waren auf die Gerichtsbarkeit beschränkt, was zur Folge hatte, daß die
Gutsbesitzer nicht mehr nach eigenem Ermessen handeln konnten. Der
Nachfolger von Matthias war Wladisław II. Jagiello, auch Dobre genannt.
Unter seiner Herrschaft verschlechterte sich die Lage in Ungarn wieder, da
Dobre als Gesetze, die sein Vorgänger in Kraft gesetzt hatte, rückgängig
machte. Daraus folgte, daß die Ständeversammlung soviel Macht bekam, daß
der König unter ihrer Kontrolle stand. In den Jahren vor 1514 setzten die
Adligen in der Ständeversammlung ein Gesetz durch, das eine Definition der
freien und unfreien Menschen vorsah und stärkte so die Macht der Adligen
in allen Bereichen. Als dieses Gesetz auch für die Marktflecken und Städte
galt, hatte dies finanzielle Konsequenzen, weil diese Plätze unter
Matthias’ Herrschaft eine andere Rolle in der finanziellen Situation hatte
und so von ihren Verpflichtungen befreit wurden.
Die mitteleuropäische Handels-
und Finanzkrise der Jahre 1512/13
und der ungarische Bauernkrieg
Die Ursachen für den ungarischen Bauernkrieg von 1514
hat unsere Geschichtsschreibung in der Verschlechterung der Lage der
Bauern und in der allgemeinen bauern- und marktfleckenfreundlichen Politik
der nach König Matthias’ Tod (1490) an die Macht gekommen feudalen
Reaktion erblickt. Die Verkündigung des Kreuzzuges im Frühjahr 1514 bot
einen nicht vorauszusehenden Anlaß zur Explosion der mehrere Jahrzehnte
aufgestauten Verbitterung der Bauern.
Bei einer Untersuchung dieser Zeit hat man
festgestellt, daß sich z. B. die Kupferindustrie von Ungarn in den Jahren
1510-12 an ihrem höchsten Punkt befand. Dies hatte zur Folge, daß die
europäischen Märkte eine Überproduktion förderten. Kupfer verlor in
Europa somit an Wert und die Folgen daraus waren, das z.B. die
Fleischerzunft ihre Gebäude verkaufte und verpfändete, um die Kosten für
ihre Betriebe zu decken. Die Handelskrise und die Unzufriedenheit im Land
förderten den Aufstand der Bauern.
Darstellung des
Anfangs des Bauernkrieges von 1514
und Dózsas mögliche Entscheidungen für den
Kriegsverlauf
Durch genaue Recherchen war es möglich, den genauen
Plan des Hofes für das Kriegsjahr 1514 zu rekonstruieren. Der Plan wurde
im Herbst 1513 ausgearbeitet, wahrscheinlich zu dem Zeitpunkt, als der
päpstliche Entschluss der Verkündigung eines Kreuzzuges und die Nachricht
von der Ernennung Bakócz’ zum Legaten in Buda eingetroffen waren. Allen
Anzeichen nach beabsichtigte der Hof auf der sehr breiten, sich von
Kroatien bis nach Siebenbürgen hinziehenden Front mit mehreren Heeren den
Angriff zu eröffnen, wovon eines das der Kreuzfahrer gewesen wäre. Über
die Richtung, die dieses Heer eingeschlagen hatte, ist man sich nicht
einig. Da man aber weiß, daß der Hauptangriff in der Gegend von Moldau
stattfand, geht man davon aus, daß das Kreuzfahrerheer die Mitte gebildet
hatte.
Es ist aber auch möglich, daß der Plan im März 1514
geändert wurde und der Hof sich schließlich dahingehend entschied, das
Kreuzfahrerheer nach Kroatien aufbrechen zu lassen. Genauso ist es
möglich, daß zu diesem Zeitpunkt die Mehrheit des Adels die Aufstellung
des Kreuzheeres bereits verwarf und nur noch der König und Bakócz darauf
bestanden.
Nach der Vorgeschichte und der späteren Entwicklung
können wir im Hinblick auf die Absichten des an der Spitze des Kreuzheeres
tretenden Dózsa mit vier Möglichkeiten rechnen:
-
Ursprünglich wollte er nur gegen die Türken kämpfen.
-
Er wollte gleichzeitig gegen die Türken und die
Adligen kämpfen.
-
Zunächst brach er gegen die Türken auf, später
änderte er seine Absicht und wandte sich gegen den Adel.
-
Er wollte von vornherein nur gegen den Adel kämpfen.
Der Bauernkrieg von 1514 entstand eher »ungewollt«
aus einem gegen die Türken verkündeten Kreuzzug, zu dem der neugewählte
Papst Leo X. am 3. September 1513 aufrief. Die Gründe hierfür waren aber
nicht auf einem Wandel der ungarisch-türkischen Beziehungen oder der
Haltung Europas gegenüber den Türken begründet. Ungarn führte zwar seit
Jahrzehnten einen Defensivkrieg gegen das sich langsam ausdehnende
osmanische Reich, in diesem Krieg aber hatte sich in den fraglichen Jahren
nichts ereignet, das den Papst bzw. den ungarischen Hof zu einem so
dramatischen Schritt hätte bewegen können. Europa beobachtete den
Bodengewinn der Türken auf dem Balkan auch eher mit der gewohnten
Gleichgültigkeit. Über die Entwicklung des Bauernkrieges aus diesem
Angriff gegen die Türken und den Verlauf des Bauernkrieges wird dieser
Abschnitt berichten.
Die Vorbereitungen für den Kampf gegen die Türken
begannen in Ungarn im November 1513 mit der Mobilisierung des Heeres an
der Südgrenze. Bakócz legte im März des folgenden Jahres dem königlichen
Rat den Plan vor, die Bauern in diesem Kampf einzusetzen. Dieser Vorschlag
stieß aber auf Widerstand, da die bäuerlichen Arbeitskräfte in der
arbeitsintensiven Zeit für die Arbeit gebraucht wurden, da der Ausfall der
Einnahmen für die Adligen bedrohlich gewesen wäre, noch mehr als für die
Magnaten. Der Protest gegen diesen Plan wurde unterstützt vom Woiwoden von
Siebenbürgen, János Szapolyai, der die ständische Bewegung des Adels für
seine eigenen Zwecke benutzte. Die Mehrheit der Magnaten – deren Partei
den siebenbürgischen Wowoiden ständig in den Hintergrund zu drängen
versuchte – hingegen trat auf die Seite des Erzbischofs, wonach der König
den Kreuzzug befahl.
Die im Streit liegenden Herren konnten sich bei
Beginn der Mobilisierung am 8. April 1514 allerdings nicht über die Frage
der Führung des Heeres einigen. Daher übertrugen sie die Führung vielmehr
einem Außenstehenden, einem im Kampf gegen die Türken verdienten Offizier
der Garnison von Nándorfehérvár, dem Szekler György Dózsa, der zufällig
gerade nach Buda gekommen war. Dózsa wurde aber lediglich Befehlshaber der
Freiwilligen, da man einem unbedeutenden Offizier einer Grenzfestung nicht
die Führung des ganzen Kriegszuges übertragen wollte.
Obwohl nur in einem Bruchteil des Landes Bauern
angeworben wurden, konnte man dennoch ungefähr 40.000 Bauern
verpflichten; das entsprach 10 - 12 % der arbeitsfähigen Männer. Der
Gemeinadel aber sah seine früheren Befürchtungen bestätigt und versuchte
nun, nach feudalem Brauch eigenmächtig und mit Gewalt den Zug der
Untertanen ins Lager zu verhindern. Zur gleichen Zeit aber hatte die von
Erzbischof Bakócz’ Interessen erforderliche Eile zur Folge, daß für die
Versorgung der riesigen Kreuzfahrermassen keine ausreichende Vorbereitung
getroffen wurde. Das führte sehr bald zu Problemen in der Verpflegung der
Truppen und dadurch zu Requirierungen und Ausschreitungen. Plötzlich
ergaben sich um das Kreuzfahrerheer Spannungen, und um die Erregung des
Adels zu besänftigen, hielt es der König für angebracht, Bakócz weitere
Anwerbungen zu untersagen.
Dózsas Heer, welches noch das disziplinierteste war,
weigerte sich aufgebracht, dem Befehl Folge zu leisten und änderte seine
Marschrichtung. Weit heftiger waren hingegen waren die Reaktionen der
weniger disziplinierten, kleineren Lager. Die in Pest zurückgebliebene
Nachhut zerstörte bis Vác die ganze Gegend und ein anderes Bauernheer
schlug bei Várad die sich gegen die Kreuzfahrer formierenden Adligen.
Schwere Wirren entstanden auch in der Batschka. – Die Maßnahmen des Hofes
verkehrten sich also in ihr Gegenteil. Die Aktionen der Bauernheere
diskreditierten Bakócz, der nun gezwungen war, das ganze Unternehmen
abzublasen. Die Nachricht über diese Maßnahme erreichte Dózsas Lager im
kritischsten Augenblick, als das Hauptheer der Kreuzfahrer von Temes,
István Báthory und des Bischofs von Csanád – Miklós Csáky – angegriffen
wurde. Hierfür übte Dózsa durch einen Sieg bei Nagylak Vergeltung, bei dem
viele Adlige gefangen genommen wurden.
Anfänglich handelten die bäuerlichen Massen
vielleicht noch unbewusst, doch dürfte sich hiernach eine Art
Gemeinschaftsgeist gebildet haben, der offensichtlich von Anfang an gegen
die Herren gerichtet war und durch die Unrechte der vorigen Wochen
gesteigert wurde. Der Befehl zur Rückkehr hob die Rebellion der
Kreuzfahrer dann endgültig auf die Ebene der Klassengegensätze und Dózsa
ließ seine Gefangenen, unter denen sich viele Adlige befanden, zur
Abschreckung hinrichten. Mit dieser Handlung begann dann am 28. Mai 1514
der eigentliche ungarische Bauernkrieg.
Nach einem erneuten Wechsel der Marschrichtung ging
das Bauernheer unter Dózsas Führung in Richtung Siebenbürgen, das durch
Szapolyais Marsch gegen die Türken ohne Schutz geblieben war. Als dieser
davon erfuhr, kehrte er um und konnte den Aufständischen im letzten Moment
den Weg versperren. Nach der Einnahme von Lippa und Solymos entschied
Dózsa daher, das Gebiet von Temesköz als Basis seiner Kriegsoperationen
zu gewinnen: Am 13. Juni begannen seine Truppen die Belagerung von
Temesvár. Auch Antal Nagys Kreuzfahrer in der Batschka und die Bauern des
Priesters Lörinc im Komitat Bihar waren gegen die Herren erfolgreich. Die
Regierung konzentrierte ihre Unternehmungen aber nicht und so konnte sie
nur an einem einzigen, jedoch wichtigen Punkt gegen die Aufständischen
Erfolg erringen: Nach einigem Zögern legte Dózsas in Pest verbliebene
Nachhut die Waffen nieder. János Bornemissza, der diesen Erfolg erzielte,
zerschlug danach bei Debrö das Kreuzfahrerlager im Komitat Heves. Während
der Anführer des Aufstandes bei Temesvár kämpfte und seine Truppen die
Umgegend eroberten, ging das ganze Alföld, die große ungarische Tiefebene,
in Flammen auf. Der Priester Lörinc führte dies im Szilágyság-Gebiet fort,
in den Komitaten Szatmár und Szabolcs entstanden neue Lager, eine Kolonne
aus der Batschka begann im Komitat Tolna zu kämpfen. In der Batschka und
in Syrmien waren zur gleichen Zeit vier Kreuzfahrerheere in Kämpfe
verwickelt. Dózsa versuchte die Tatsache zu nutzen, daß der allgemeine
Aufstand die ohnehin nicht sehr bewegliche Staatsmaschinerie gelähmt
hatte. Er schickte zwei kleinere Heere an den Ort der früheren
Niederlagen: seinen jüngeren Bruder Gergely nach Buda und eine andere
Truppe nach Eger.
Die herrschende Klasse begann jedoch die anfängliche
Verwirrung zu überwinden. Unter der Führung einzelner mächtiger Adliger
wurden der Reihe nach die kleineren Lager zerschlagen. Das Heer von Tolna
einigte sich mit Ferenc Hédervári und legte die Waffen nieder, die
Kolonnen, die in das Komitat Heves eingedrungen waren, wurden von den
Adligen der Umgegend überwunden und Várad wurde auch wieder eingenommen.
Um die größeren Aufständischenheere zu besiegen, waren jedoch ernsthaftere
Vorkehrungen erforderlich: So zog unter György Szapolyai von Buda ein mehr
als 5.000 Mann starkes Heer nach Temesvár, um dort den Brandherd zu
beseitigen – György Dózsas Truppen wurden zunehmend isoliert.
Nach Antal Nagys Niederlage bei Perlek drohte von
Westen Gefahr, mit dem Fall von Várad auch von Norden. Die ernstere
Bedrohung jedoch stellte Siebenbürgen dar: Da wegen seines Widerstandes in
seiner Provinz keine Anwerbungen für das Kreuzheer erfolgt waren, konnte
sich János Szapolyai relativ ungestört auf den Kampf gegen die
Aufständischen vorbereiten. Die im Komitat Bihar stehenden Truppen des
Priesters Lörinc versuchten ein Störmanöver mit einem bis Kolozsvár
vorgetragenen Angriff. Der Woiwode überließ die Angreifer aus Bihar seinen
Stellvertretern (die Lörinc auch bei Kolozsvár schlugen), er selbst zog
nach Temesvár, um die vom Aushungern bedrohte Festung zu entsetzen.
Die stärksten Truppen der Bauern und der Adligen
trafen sich am 15. Juli bei Temesvár. Auf die verlockenden Aufrufe des
Adels begann ein Teil der Kreuzfahrer schwankend zu werden und selbst in
der Umgebung des Anführers gab es Abtrünnige. In der allgemeinen
Verwirrung wurde Dózsa gefangengenommen und die noch weiteren Widerstand
versuchenden Bauern wurden in kurzen, aber heftigen Kämpfen zerstreut. Und
obwohl auch nach der Vernichtung der Hauptstreitmächte noch gekämpft
wurde, war der Bauernkrieg nun zu Ende.
Der gefangen genommene Dózsa wurde auf unmenschliche,
abschreckende Art hingerichtet: Er wurde auf einem glühenden Eisenthron
und mit glühendem Reifen auf dem Kopf verbrannt und auch auf andere
Bauernhauptleute wie Lörinc, Antal Nagy u. a. wartete die Todesstrafe.
Massenhafte Hinrichtungen aber, wie die historische Überlieferung zu
berichten weiß, haben aber in Wirklichkeit nicht stattgefunden: Die
herrschende Klasse sah in den gefangenen Aufständischen nämlich vor allem
Arbeitskräfte und schonte dementsprechend ihr Leben. Ihr Streben war
insbesondere auf die Wiedergutmachung der Schäden gerichtet, die sogar
gesetzlich verankert wurde, und in den folgenden Jahren begann eine sich
endlos hinziehende Reihe von Prozessen zwischen den geschädigten Adligen
und den Herren der Bauern, die die Schäden verursacht hatten.
Spektakulärer jedoch begann die Abrechnung, die der
aufgebrachte Adel gegen die seiner Ansicht nach für das Geschehen
verantwortlichen Magnaten, gegen Bakócz und die Anführer der so genannten
Hofpartei einleitete. Die ursprünglich gegen die Bauern zu Hilfe gerufene
böhmisch-schlesischen Truppen mussten den Erzbischof schützen und der
Landtag, der die bekannten Gesetze gegen die Bauern verabschiedete, erließ
Dutzende von Artikeln, deren Ziel es war, die Sündenböcke aus ihrer Macht
zu verdrängen. Nutznießer dieser Lage war János Szapolyai, obgleich es
trotz aller Anstrengungen nicht gelang, seine Rivalen für immer zu
bezwingen. Der Regierungsapparat blieb in ihren Händen und so gewann die
Partei der Magnaten, als der Woiwode 1515 von den Türken entscheidend
geschlagen wurde, wiederum die Oberhand.
Die schwerwiegendste Folge des Bauernkrieges aber
waren die Gesetze gegen die Bauern. Sie bürdeten ihnen ungewöhnliche
Lasten auf, nahmen ihnen das Recht der Freizügigkeit, verschlossen ihnen
jede Möglichkeit, die Klassenschranken zu durchbrechen. Obwohl diese
Gesetze zunächst nicht energisch durchgeführt wurden, da die Gewährung des
Rechts der Freizügigkeit im Interesse der Magnaten stand – dies war die
Grundlage der Entwicklung der so genannten Marktflecken, welche den
Magnaten Gewinne brachten –, kam es später jedoch gänzlich zur Umsetzung,
wonach ein System der erblichen Untertänigkeit geschaffen wurde.
Unter den Teilnehmern am Bauernkrieg von 1514
waren alle Schichten der Bauerngesellschaft vertreten, obgleich die
wohlhabenderen Bauernbürger der Marktflecken tonangebend waren. Der
Aufstand ist nicht nur gesellschaftlich, sondern auch geographisch mit
den aktiv Warenwirtschaft treibenden ungarischen Marktflecken im
Tiefland verbunden und so gesehen extremer Ausdruck des bäuerlichen
Emporstrebens. Da das bäuerliche Klassenbewusstsein allerdings noch
unterentwickelt war, überschritt die Bewegung kaum das Niveau einer
Impulsivität. Der Aufstand war – wie jeder Bauernaufstand im feudalen
Europa – zum Scheitern verurteilt und seine handelnden Teilnehmer konnten
keine positive Entwicklung der Gesellschaft fördern.
Den großen europäischen Bauernkriegen folgte stets
die Retorsion[*]. So wurde auch in Ungarn nach der Niederschlagung Dózsas und
seiner getreuesten Anhänger für den Lukastag (den 18. Oktober) 1514 die
Ständeversammlung einberufen, um das Werk der Rache zu legalisieren. Das
Gesetz, das der König einen Monat darauf am Elisabethtag (am 19. November)
sanktionierte, war kein einheitlicher Kodex. Seine Konstruktion ist
dürftig und enthält auch verschiedene, auf der Ständeversammlung zur
Sprache gekommene Wünsche. Offensichtlich ist es das Ergebnis einer
eiligen Arbeit, da sich ja der Ständetag auch mit anderen Fragen befasste,
unter anderem mit der Revision des von Werbóczy vorgelegten Rechtsbuches,
des »Tripartitum«.
Bei den versammelten Magnaten und Adligen herrschte
eine scharfe antiklerikale Stimmung. Der Kardinalerzbischof Tamás Bakócz
hatte einem anderen Kardinal bereits im September geschrieben, der Adel
wüte gegen den Klerus und es sei zu befürchten, daß er in der
Ständeversammlung seiner Wut freien Lauf lassen werde. In den
eingebrachten Vorlagen sind in der Tat mehr Normen gegen den Klerus
enthalten als in späteren Gesetzesartikeln. Die Geistlichen bäuerlicher
Herkunft sollten von allen Würden über dem einfachen Kanonikat
ausgeschlossen und auch dem König die Vergabe solcher Benefizen untersagt
werden. Sicher gab es bei dieser Frage heftige Auseinandersetzungen und
der Klerus verweigerte den Artikeln strafrechtlichen Inhalts und solchen,
die seine »Ehre« berührten, ihre Zustimmung. Der größte Teil der
sanktionierten Gesetzestexte richtete sich jedoch gegen jene
Gemeinadligen, die sich ihnen angeschlossen hatten.
Strafbestimmungen im engeren Sinne enthalten nur
wenige Artikel, denn die blutigen Vergeltungen hatten ja größtenteils
schon stattgefunden. Die Verurteilung fand durch ein Gremium statt, das
aus Offizierskorps der Kanonitate und zwölf Geschworenen bestand. Die
meisten Urteile wurden mit dem Tode vollstreckt. Besondere Artikel
bestimmten die Strafen der Adligen, die mit den Bauern sympathisierten,
was mit allgemeinen Prinzipien der Verbrechensbekämpfung begründet wurde.
Die Strafe für diese Adligen war der Verlust ihres Vermögens an die Krone.
Bei aktiver Beteiligung an den Kämpfen kam nur der Tod und der
Vermögensverlust in Frage. Die meisten Bauern, die an den Aufständen
beteiligt waren, wurden hingerichtet. Dabei wurde unterschieden, in
welchem Grad die Beihilfe zum Aufstand stattfanden, und so wurde bei den
Bauern, die ihrer Krone immer noch treu dienen, nur eine Verurteilung in
Form von Freiheitsentzug und Fronarbeit.
[*]
»Retorsion im
völkerrechtlichen Sinn bezeichnet eine Reaktion eines
Völkerrechtssubjektes (vor allem eines Staates) mit grundsätzlich
zulässigen Mitteln auf gegen es gerichtete feindliche Handlungen. Die
Retorsion ist damit ein Spezialfall des Talion. Unter Talion, alternativ
ius talionis oder Talionsprinzip, versteht man eine
Rechtsfigur, nach der zwischen dem Schaden, der einem Opfer zugefügt
wurde, und dem Schaden, der dem Täter zugefügt werden soll, ein
Gleichgewicht angestrebt wird. Der Begriff ius talionis setzt sich
aus lateinisch ius, ‚Recht‘, und talio (Etymologie unklar),
‚Eintreiben eines gleichartigen Ausgleichs‘, zusammen. Der nicht nur
biblische Ausdruck „Auge für Auge“ ist davon ein Spezialfall, in dem
dieses Gleichgewicht nach einer Körperverletzung durch Zufügen eines
gleichartigen Schadens hergestellt werden soll.«
[Wikipedia]
Mit der Einführung des Tripartitum, welches das
Gesetz und die Nachlässe der Bevölkerung Ungarns regelte, wurde die
Unterdrückung der Bauern fortgesetzt. Werböczy, der diese Gesetze mit
entwarf, war der Meinung, daß die persönliche Untertänigkeit der Bauern
genau festgelegt werden sollte. Das hatte nur Folge, daß diejenigen, die
an dem Aufstand beteiligt waren, vom Gesetz ihre persönliche Freiheit
verloren und in ewiger Knechtschaft dem Grundherren zu dienen hatten. Es
wurde außerdem die rechtliche Grundlage beschlossen, die Verbindung
zwischen Bauern und Boden zu lösen.
Die Vorlagen wurden erst nach dem Aufstand von 1514
in Kraft gesetzt. Vor dem Aufstand war man dazu gewillt, den Bauern mehr
Rechte zu geben, da die Tendenzen, die wirtschaftlichen Bedürfnisse der
Grundherren zu befriedigen, größer geworden waren. Das führte dazu, daß
einige Schichten der Grundherren die Lockerung der persönlichen
Freiheitsbeschränkung des Bauern und der Bindung an den Boden als ein
Mittel, die zu nutzen wirksamer zu sein versprach. Die wirtschaftlichen
Tendenzen deuteten also auch im einzelnen auf die Bindung des Bauern hin.
Der Aufstand von 1514 war, wenn er auch zur Leugnung der feudalen
Gesellschaftsordnung anwuchs, zugleich auch die Zurückweisung dieser
Tendenzen, genauer der in ihrem Gefolge aufkommenden Modifizierungen.
Alles, was 1514 zur persönlichen Entrechtung des
Bauern, zur Einführung des Systems der erblichen Leibeigenschaft geschah,
stand nicht im Gegensatz zum gesellschaftlich-wirtschaftlichen
Entwicklungsgang, ging nur eben der tatsächlichen Entstehung eines
solchen Systems voraus. Es handelt sich nicht um die Kodifizierung eines
allgemein herrschenden Zustandes, aber dadurch, daß sie die Anwendung von
Prinzipien, die die wichtigsten Komponenten der erblichen Leibeigenschaft
waren, die Legalität sicherte, schuf sich im rechtlichen Sinne das System
selbst.
-
Gusztáv
Heckenast: Aus der Geschichte der ostmitteleuropäischen
Bauernbewegungen im 16. - 17. Jahrhundert. Budapest, 1977
-
Denis
Silagi: Ungarn. Edition Zeitgeschehen. Hannover, 1964. 2. Auflage.
-
Peter
Gunst: Der ungarische Bauernaufstand von 1514, in: Theodor Schieder
und Lothar Gall (Hrsg.): Historische Zeitschriften — Beiheft 4. München,
1975.
-
Imanuel
Geiss: Geschichte griffbereit / Nr. 5 - Begriffe. Dortmund, 1993.
Verfasser: Lars Ahlström und Kai Radewald
Nach dem militärischen Zusammenbruch zerfällt am
11.11.1918 die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Der Niederlage im ersten
Weltkrieg folgte der vernichtende Vertrag von Trianon, der Ungarn 60%
seiner Bevölkerung und 75% seines Gebietes nahm. Was blieb, war die
magyarische Mitte, hauptsächlich das Karpatenbecken, belastet mit
schwersten sozialen und wirtschaftlichen Problemen. Ungarn verliert
Siebenbürgen, die Slowakei, Teile von Oberungarn, das Burgenland, Teile
Südungarns und Kroatien. Im Oktober 1918 wurde Graf Tisza ermordet, König
Karl IV. (in Österreich Karl I.) bestimmte Graf Mihály Károlyi zum
Ministerpräsidenten.
Am 16.11.1918 ließ dieser die Republik ausrufen.
Kroaten, Rumänen, Tschechen und Serben beanspruchten ungarisches Gebiet.
Der Kommunist Béla Kun übernahm im März 1919 die Regierung. Ungarn wurde
zu einer Räterepublik, die sich bis zum 1. August halten konnte. Unter
starkem Druck der westlichen Siegermächte des Ersten Weltkrieges, die
einen weiteren kommunistischen Staat in Europa nicht akzeptieren wollten,
und unter bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen in Ungarn wählte 1920 die
Nationalversammlung Horthy zum »Reichsverweser des Königreichs Ungarn«,
d.h. zum Statthalter für eine nicht mehr existierende Königschaft der
Habsburger Dynastie und damit zum regierenden Staatsoberhaupt.
Unter Horthy erhielt Ungarn wieder den Titel
»Apostolisches Königreich« und geriet auf einen faschistischen Kurs. Die
Staatsform orientierte sich an seinerzeit verbreiteten
reaktionär-ständestaatlichen Modellen – der »Monarchie ohne Monarchen« –,
wie sie parallel dazu ebenfalls in Österreich im Dollfuß-Regime vor dem »Anschluss«
an Hitler-Deutschland herrschten. 1921 wurde Karl IV. auch formal
abgesetzt, nachdem er schon mit Kriegsende 1918 in Österreich abgesetzt
worden war. Im Innern konnten die dringendsten sozialen Probleme nicht
gelöst werden, es herrschte der »weiße Terror« gegen alle linken,
liberalen, demokratischen und fortschrittlichen Kräfte in Ungarn.
Außenpolitisch schloss sich Ungarn an Deutschland und
Italien an. An der Seite der Achsenmächte trat Ungarn am 23. Juni 1941 in
den II. Weltkrieg ein. Den deutschen Truppen wurde der Durchmarsch
während des Balkan-Feldzuges gestattet; auch Nachschub und Entsatz zu den
Kriegsschauplätzen in Jugoslawien und Griechenland liefen durch Ungarn,
das sich selbst jedoch nicht mit eigenen Truppen an den Kämpfen
beteiligte, politisch aber immer abhängiger von Deutschland wurde. Horthy
versuchte 1944, als sich die Niederlage Hitler-Deutschlands abzeichnete,
das Engagement mit Hitler-Deutschland zu lösen und aus dem Krieg
auszutreten. Erste Kontakte zur anrückenden sowjetischen Armee wurden
schon geknüpft und Versuche zu Kontakten mit den Westalliierten
unternommen. Daraufhin wurde Horthy von den Deutschen, die zuvor – als
politische Erpressung – seinen Sohn gefangen gesetzt und ihn als Geisel
ins Deutsche Reich gebracht hatten, zur Abdankung gezwungen; Nachfolger
wurde Szálasi, der Führer der Pfeilkreuzlerbewegung. Deutsche Truppen
besetzen am 19. März Ungarn. Es begann eine bis zum Kriegsende dauernde
Schreckensherrschaft, in der systematisch die jüdische Bevölkerung
Ungarns nach Auschwitz verschleppt und ermordet wurde. Buda wurde gegen
die heranrückenden sowjetischen Truppen zur »Festung« erklärt, was
erbitterte Kämpfe an der Donau und große Zerstörungen in der Stadt,
einschließlich der Sprengung aller Donaubrücken durch die Deutschen, nach
sich zog.
Im Dezember wird von Widerstandskämpfern unter der
Führung der ungarischen Kommunisten in Debrecen eine provisorische
Regierung gebildet, die Deutschland den Krieg erklärt und mit der
Sowjetunion einen Waffenstillstand schließt. Am 4.4.1945 endet die
deutsche Besatzung in Ungarn.
1944/45 wurde Ungarn von sowjetischen Truppen
besetzt. Nach Kriegsende regierte zunächst die Kleinlandwirtepartei unter
Zoltán Tildy die am 1.2.1946 ausgerufene Republik. Die Zwangsumsiedlung
der Deutschen aus Ungarn folgte. Der Großgrundbesitz wurde enteignet. Im
Friedensvertrag von Paris (1947) wurden die Grenzen von 1938
wiederhergestellt und Ungarn für reparationspflichtig erklärt. Unter dem
1. Sekretär der KP Rákosi, der schon seit längerer Zeit der eigentliche
Machthaber in Ungarn war, kam es 1948 zur Zwangsvereinigung der KP mit den
Sozialdemokraten. Die bürgerlichen Parteien wurden aufgelöst, das
Einparteiensystem eingeführt. Am 20.8.1949 wurde die Verfassung der
Volksrepublik Ungarn verkündet.
Karl war nach der Verfassung der
kaiserlich-königlichen österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie als
Karl der Erste Kaiser von Österreich (1916-1918) und als Karl
der Vierte König von Ungarn. Er wurde am 17.8.1887 in Persenbeug
geboren und starb am 1.4.1922 in Funchal (Madeira). Nach der Ermordung
seines Oheims Franz Ferdinand am 28.6.1914 wurde er Thronfolger und folgte
damit Kaiser Franz Joseph. Obwohl er den Nationalitäten in letzter Stunde
Autonomie versprach, mußte er am 11.11.1918 abdanken und ins Ausland
gehen. Zweimalige Putschversuche in Ungarn scheiterten, und die Entente
bestimmte seine Internierung auf Madeira.
Horthy wurde am 18.6.1868 in Kenderes geboren und
starb 1957 in Estoril. Er war Admiral und Oberbefehlshaber der
österreichisch-ungarischen Flotte und führte 1919 die gegenrevolutionäre
Nationalarmee an. Von 1920 bis 1944 war er Reichsverweser und verhinderte
in dieser Zeit (1921) zwei Restaurationsversuche Kaiser Karls. Er war es
auch, der der ungarischen Politik revisionistisch und konservative Züge
gab. Horthy beteiligte sich 1938 an der Aufteilung der Tschechoslowakei
und 1940 Rumäniens. Er führte Ungarn 1941 auf starkes Drängen Deutschlands
in den Krieg. Als er 1944 versuchte, zu einem Sonderfrieden zu kommen,
wurde er von Hitler in Deutschland interniert, war dann 1945/46 in
amerikanischer Kriegsgefangenschaft und lebte von 1949 an in Portugal.
Sein Sohn Stephan Horthy fiel 20.8.1942.
Szálasi wurde am 6.1.1897 in Kaschau (Košice) geboren und
starb am 12.3.1946 in Budapest. Er war der Führer der faschistischen
Pfeilkreuzlerpartei und der Hungaristenbewegung. Am 16.10.1944 auf
Veranlassung der deutschen Besatzung zum Ministerpräsidenten ernannt. Als
Nachfolger Horthys und Staatsoberhaupt (»Führer der Nation«) errichtete er
in den letzten Monaten des Krieges ein faschistisches Terror-Regime
(Judendeportationen). Nach dem Krieg wurde er von den USA an Ungarn
ausgeliefert und hingerichtet.
Rákosi wurde am 9.3.1892 in Ada geboren und starb
am 5.2.1971 in Gorkij (Nischni Nowgorod). 1919 war er an der Räterepublik
Béla Kuns beteiligt, 1944 Generalsekretär der KP und stellvertretender
Ministerpräsident. Ab 1952/53 war er Ministerpräsident bis er im Aufstand
1956 gestürzt wurde. Danach lebte er in der UdSSR.
revisionistisch = von Revisionismus:
das Streben nach Änderung eines bestehenden [völkerrechtlichen]
Zustandes oder eines [politischen] Programms (in der sozialistischen
Bewegung seit dem 19. Jahrhundert die, meist kritisch oder diffamierend
gebrauchte, Bezeichnung für die sozialdemokratische Richtung, die die
kommunistische Revolutionslehre mit dem Ziel der Errichtung der »Diktatur
des Proletariats« und der Lehre von der »Vorreiterrolle« der Partei
ablehnte).
KP = Kommunistische Partei.
Pfeilkreuzler = Name der ungarischen
Nationalsozialisten (analog zum ›Hakenkreuz‹ der NSDAP).
(Reichs-)Verweser = Verwalter,
Statthalter; im Mittelalter nicht gekrönter oder erbfolgeberechtigter
Regent während eines Interregnums zur Sicherung dynastischer
Ansprüche. Titel von Admiral Horthy 1920-1944.
Ständestaat = Staatsform, in der die
verschiedenen sozialen Gruppen (Stände) unterschiedlich und separat
repräsentiert wurden und damit auch unterschiedliche politische
Partizipationschancen bekamen. Der Staat organisiert sich in der
Ständeversammlung. Nach dem Ersten Weltkrieg verbreiteten sich
ständestaatliche Vorstellungen vor allem zur Abwehr egalistischer
Gesellschaftsmodelle, wie die der Demokraten und der Sozialisten, die
von der prinzipiellen Gleichheit der Menschen ausgehen. In Republiken wie
Österreich sammelten sich auch Monarchisten unter dem ständestaatlichen
Modell einer »Monarchie und Adelsherrschaft ohne Monarchen«.
-
Janusz
Piekalkiewicz: Der Erste Weltkrieg. Düsseldorf 1994 (Econ Verlag)
-
Janusz
Piekalkiewicz: Der Zweite Weltkrieg. Düsseldorf 1994 (Econ Verlag)
-
Das moderne Lexikon Gütersloh 1972
(Bertelsmann Verlag)
-
Illustrierte Welt-Geschichte. Bände I-III.
Stauffacher Verlag 1965
-
»Ungarn«. Reiseführer. Grieben Verlag 1986
-
»Ungarn«. Reiseführer. Polyglott Verlag 1988/89
Verfasser: Fabian Peukert
Mátyás Rákosi (1892 - 1971): Generalsekretär der
Kommunistischen Partei - Ungarischer Diktator - Gewählter
Ministerpräsident
Nachdem Mátyás Rákosi im I. Weltkrieg in russische
Kriegsgefangenschaft geraten war, hatte er sich nach der Entlassung in
seine Heimat Ungarn der Kommunistischen Partei angeschlossen. Während der
Rätediktatur hatte er den Posten eines Parteisekretärs innegehabt und in
der Schlussphase den Oberbefehl über die Roten Garden geführt. Über Wien
emigrierte er in die Sowjetunion und war bis zum Schluss als Sekretär im
Exekutivkomitee der KOMINTERN (Kommunistische Internationale) tätig
gewesen. Mit dem Auftrag, den Wiederaufbau der Kommunistischen Partei
Ungarns zu leiten, kehrte er 1924 nach Ungarn zurück, wo er in der ersten
Zeit im Untergrund operierte, dann aber auf legale Weise mit seiner
Partei, der Ungarischen, Sozialistischen Arbeiterpartei (Magyarországi
Socialista Muncáspárt) versuchte, die protestierende und streikende
Arbeitermenge , die gegen soziale Not und ihre politische Rechtslosigkeit
Einspruch erhob, mit populären Parolen für sich zu gewinnen. Nach hartem
Durchgreifen der Polizei 1925 wurde Ràkosi verhaftet und in einem
Schauprozess 1926 zu lebenslanger Haft verurteilt, aus der er erst 1940 in
die UDSSR abgeschoben worden ist.
Als er im Februar 1945 mit detaillierten
Informationen in Ungarn eintraf, um die MKP (Magyar Kommunista Párt) auf
den von Stalin vorgegebenen Kurs zu bringen, fand er schon eine kleine
Basis, eine 2000 - 3000 zählende Anhängerschaft unter der Führung Ernö
Gerö und Imre Nagy (siehe Imre Nagy), vor. Am 23. Februar wurde das
am 19. Januar aus der Illegalität herausgetretene Zentralkomitee der
Budapester Kommunistischer Partei und ihre Debreciner Zentrale unter
seiner Leitung vereinigt und er selber zum Generalsekretär ernannt.
Rákosi, der auf dem III. Parteitag der MKP vom 29.
09. bis zum 01. 10. 1946 als Generalsekretär bestätigt worden war und die
Partei fest im Griff hatte, wollte keine Schauprozesse gegen die
Oppositionsführer (die Antimarxistische Opposition hatte versucht mit der
unabhängigen Partei der »Kleinen Landwirte« eine Koalitionsregierung gegen
die Kommunisten und Sozialdemokraten zu bilden, scheiterten jedoch)
sondern bevorzugte eine ›weiche Welle‹, wobei er sie durch die
Ankündigung, daß gegen sie ein Prozess vorbereitet und daß ihre
parlamentarische Immunität aufgehoben werden würde, zur Flucht in den
Westen drängte.
Auf dem I. Parteitag der Marxistisch - Leninistischen
Einheitspartei am 13. /14. 06. 1948, die sich nun »Partei der Ungarischen
Werktätigen« nannte (Magyar Dogozók Párja; MDP) und über 1,1 Millionen
Mitglieder zählte, wurde Rákosi erneut das Amt des Generalsekretärs
zugesprochen. Er setzte sich zusammen mit dem gewählten Parteivorsitzenden Szakasits und dessen Stellvertreter Kádár (siehe János Kádár) als
Ziel für die nahe Zukunft die völlige Demokratisierung des
Staatsapparates, Vorbereitung einer neuen Verfassung, Verbesserung des
Lebensstandards durch die Entwicklung der Produktionskräfte, Aufhebung
des Bildungsmonopols der begüterten Klasse, Festigung der internationalen
Stellung des Landes und Vertiefung der Beziehung zu der UDSSR.
Mit der Verankerung der Einmanndiktatur Rákosis Ende
der 40er, Anfang der 50er Jahre in Ungarn, waren viele Säuberungsaktionen
verbunden, die Rákosi und seine Getreuen benutzten, um sich potentiell
gefährlicher Konkurrenten zu entledigen. Diesen Säuberungen fielen 1950
ca. 4000 Sozialdemokraten zum Opfer.
Den Pressionen Stalins ausgeliefert und unter seinen
Landsleuten zunehmend verhasst, konnte Rákosi allein mit der Verbreitung
von Furcht und Schrecken seinen Machtbereich über Ungarn ausbauen und nach
dem Ausschalten sämtlicher Konkurrenten dann seinen eigenen Personenkreis
seines Vertrauens aufbauen. An seinem 50. Geburtstag, dem 09. März 1952
war er enthusiastisch von der Partei und den Offiziellen des Staates
gefeiert worden. Die ihm zuteil werdenden »Panegy Lobhudeleien« wurden
nur noch vom Stalinkult übertroffen.
Auf dem II. Parteitag der MKP vom 25. Februar bis zum
02. März 1951 in Budapest kamen zudem nur solche Genossen in
Führungspositionen, die sich dem von dem Moskowitern eingeschlossenen Kurs
blindlings anschlossen und die nationale Führungsrolle Rákosis nicht in
Frage stellten. Als Rákosi am 14. August 1952 auch das Amt des
Ministerpräsidenten übernahm, obgleich die von ihm verfolgte
Wirtschaftspolitik Ungarn in eine schwere Krise getrieben hatte, wodurch
er auf Grund seiner leeren Versprechungen
[“...keine
Macht der Welt wird es gelingen,
... den von der Landform
begünstigten ihren Boden wegzunehmen, solange die Kommunisten an der
Regierung sind. ...”]
nur den Zorn der Bevölkerung und Kleinbauern auf sich zog.
Nach Stalins Tod beschlossen die führenden Personen
in Rußland, eine etwas flexiblere Politik einzuschlagen und die russische
Dominanz nicht länger durch Terror und nach Polizeimethode zu
repräsentieren. Diese Notwendigkeit, den Polizeiterror abzubauen, weckte
bei Rákosi und seinen engsten Mitarbeitern zwar Misstrauen, jedoch an
Gehorsam gewöhnt, ließen sie sich vom propagierten neuen Kurs
überzeugen.
Eine Woche nach dem Ausbruchs des Arbeiteraufstands
in der DDR wurden Rákosi, Gerö, Farkas und der inzwischen als
stellvertretender Ministerpräsident amtierende, politisch aber
einflusslose
Nagy, in den Kreml zitiert; nach hitzigen Auseinandersetzungen mit den
sowjetischen Genossen sah sich der als ›jüdischer
König von Budapest‹ verspottete Rákosi gezwungen, mit dem Amt des 1.
Parteivorsitzenden vorlieb zu nehmen und die Regierungsgeschäfte an den
durch die Säuberungen nicht belasteten Nagy zu übergeben. Bald aber wurde
deutlich, daß Rákosi und seine dogmatischen Gefolgsleute nicht bereit
waren, ihre Stellungen kampflos zu räumen, zumal sie ihre Bastionen in den
Planungsbehörden und der Wirtschaftsverwaltung behaupten und die
Ernennung von Ernö Gerö zum Innenminister durchsetzen konnten.
Rákosi zögerte auch nicht, zu den Prinzipien der
alten stalinistischen »Mondökonomie« zurückzukehren und die
Disproportionen zwischen dem Eisen- und Stahlsektor auf der einen, der
Leichtindustrie, der Konsumgütererzeugung und der Landwirtschaft auf der
anderen Seite zu vergrößern.
Seit dem Sommer 1955 befand sich die Rákosi-Führung
aufgrund ihrer Weigerung, nach sowjetischem Vorbild, ihre Verantwortung an der ›Antititoistischen Kampagne‹ offen zu bekennen und die Opfer der
Terrorprozesse in aller Form zu rehabilitieren. Mit kaum verhohlener
Billigung Chruschtschows (Nikita
Sergeevič Chruščëv) von Seiten
Jugoslawiens immer intensiveren Angriffen ausgesetzt, wodurch sich das
Innenpolitische Klima in Ungarn langsam aber stetig veränderte. Nicht nur
die Intellektuellen und Künstler, sondern auch die entlassenen Häftlinge,
jüngere Parteifunktionäre und -Aktivisten verlangten eine Überprüfung der
Parteilinie, eine Offenlegung der Verantwortung und eine Bestrafung der
Schuldigen. Bei der tiefen Kluft zwischen der Bevölkerung und dem
stalinistischen Regime sah sich Rákosi gehalten, durch marginale
Zugeständnisse eine weitere Zuspitzung der Spannungen zu unterbinden (als
Beispiel sei hier angeführt, daß Journalisten nur noch eine bescheidene
Pressearbeit und -freiheit gewährt wurde).
Rákosis unzeitgemäßes Vorgehen beschwor die Gefahr
einer ungleich bedrohlichen Explosion in Ungarn herauf. Aus diesem Grund
traf am 17. Juli 1956 in Budapest ein Botschafter mit dem Auftrag ein, für
die Ablösung Rákosis zu sorgen. Tags darauf trat dieser aus
›gesundheitlichen Gründen‹ zurück (Nachfolger wurde Ernö Gerö) und begab
sich in das sowjetische Exil, das er bis zu seinem Tode nicht mehr
verlassen sollte.
János Kádár (1912 - 1989): Kommunist - Innenminister - Parteisekretär - Revolutionär -
Konterrevolutionär - Ministerpräsident
Eingearbeitet in die geschichtlichen Ereignisse und
in Verbindung mit Imre Nagy
Kádár begann schon sehr früh seine politische
Laufbahn, trat er doch mit 17 Jahren (1929) der Kommunistischen Partei
bei, deren offizielles Erscheinungsbild dem Ursprünglichen wenig glich, da
der Kommunismus zu dieser Zeit auf wenig Gegenliebe stieß, zeitweilig
sogar im Untergrund aktiv war. Während des II. Weltkrieges war er
wesentlich an der Bildung von Widerstandsgruppen beteiligt, nähere
Informationen über sein Wirken als Widerstandskämpfer und in der
Widerstandsbewegung sind fast gar nicht überliefert worden; deshalb ist es
sehr schwer, ein objektives Bild Kádárs für diese Zeit zu bilden.
Noch während des Krieges wurde er 1942 Mitglied des
Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei (KP), dies geschah
vornehmlich durch die Verschmelzung der KP und einem Teil der
Sozialdemokratischen Partei, des Weiteren schaffte er es, 1945 in das
Politbüro aufzusteigen.
Nach Kriegsende, 1948, übernahm Kádár das Amt des
Innenministers unter der Staatsführung von László Rajk, an dessen späterer
Hinrichtung er auf Grund von falschen und bewußt gefälschten Aussagen
über Rajks nie vorhandene Spionagetätigkeit maßgeblich beteiligt war.
Anfang 1951 wurde er als Mitglied des ZK und des
Politbüros noch bestätigt, obwohl schon zu diesem Zeitpunkt erhebliche
Differenzen zwischen der neuen Staatsführung unter M. Rákosi, der
Nachfolger Rajks, im Gegensatz zu diesem aber stalinistisch gesinnt, und
Kádár bestanden. Seine Absetzung und die damit verbundene Anklage auf
Spionage, des Hochverrats und der Abweichung von der Parteilinie waren
unumgänglich, wenn auch in dieser Härte nicht unvorhersehbar, da auf dem
II. Parteitag der KP in Budapest nur solche Leute in führende Positionen
kamen, die auf dem Moskauer, und damit auch Rákosis, Kurs mitschwammen und
nicht an der Vormachtstellung Rákosis als Generalsekretär zweifelten.
Obgleich stellvertretender Vorsitzender der Partei, zusammen mit Farkas,
seinem späteren Peiniger und Folterer in der Haft, war seine
Eigenständigkeit bei der Parteiführung nicht gern gesehen. Er blieb bis
August 1954 in Haft.
Bis zu seiner vollständigen Rehabilitation vergingen
noch zwei weitere Jahre, in denen es ihm sogar untersagt war, sich in
irgendeiner Art und Weise politisch zu betätigen. Jedoch sollte er 1956
sich im Auftrag der Arbeiterpartei an Gesprächen mit dem kurz vorher
angeklagten Nagy beteiligen; bemerkenswert dabei ist vor allem, daß Nagy
inhaltlich nahezu das Identische vorgeworfen wurde, wie Kádár, und eben
dieser sollte nun Nagy dazu bringen, seine vermeintlichen Schandtaten wie
Parteifeindlichkeit, gelebter Antimarxismus und Verrat öffentlich zu
bekennen.
Rákosis kurzzeitige Alleinherrschaft, hatte er doch
nun keine Verpflichtung gegenüber einem direkten Vorgesetzten, war jedoch
nur von kurzer Dauer, da Tito in Jugoslawien rehabilitiert worden war,
ähnlich wie andere Kommunisten, darunter auch der »Genosse« Rajks.
Am 18. Juli 1956 wurde Rákosi auf Weisung Moskaus
abgesetzt, da das einstige Hätschelkind für die oberste kommunistische
Führung nicht mehr tragbar schien; war er doch als Tito – Feind weithin
bekannt und stand damit der Aussöhnung Chruschtschows mit Jugoslawien im
Weg, so daß er für ein sichtbares Bauernopfer herhalten mußte.
Sein Nachfolger und engster Mitarbeiter, Ernö Gerö,
der an dem alten Kurs weitgehend festhielt und mit seiner
Wirtschaftspolitik Ungarn in eine schwere Krise führte, stieß bei dem
einfachen Volk, wie auch bei den Intellektuellen, auf erheblichen
Widerstand. Die Schriftsteller und Literaten forcierten in ihrer
Literaturzeitung die Stimmung des Volkes gegen die Regierung. Vor allem
der Drang nach Freiheit (in diesem Fall nicht zu verwechseln mit
Antisozialismus !) und Kritik an Gerö und seinen Genossen machte den
Menschen Mut, sich so wie die Schriftsteller zu äußern; beispielhaft dafür
ist ein Artikel des renommierten Dramatikers Gyula Háy:
“Es sollte erlaubt sein,
marxistisch zu denken,
es sollte jedoch auch erlaubt
sein, nichtmarxistisch zu denken;
es sollte erlaubt sein, Gott zu
leugnen,
aber es sollte auch erlaubt sein an die Allmacht
Gottes zu glauben.”
Die Regierung Gerös versuchte die in Aufruhr
befindlichen Massen durch ›noble‹ Gesten zurückzugewinnen, tat dies
jedoch nicht mit der notwendigen Intensität. Die Gesten bestanden zum
einen aus der vollständigen Rehabilitierung Rajks, sowie der Verhaftung
Farkas’.
Die offizielle Beisetzung Rajks spottete nur
jeglicher Beschreibung, standen da doch die Genossen und Funktionäre, die
für die Hinrichtung verantwortlich zeichneten und hielten schwungvolle
Grabreden über den Helden Rajk, jedoch ohne nur ansatzweise die
eigenen Fehler einzugestehen.
Andererseits war die Beisetzung Rajks ein
wesentlicher Schritt auf dem Weg zur Revolution im Oktober. Zum einen war
durch diese Handlungsweise die Fehlbarkeit des kommunistischen Systems
zugegeben worden, andererseits da die Feierlichkeiten und
Selbstglorifizierung der Funktionäre das Volk in Wallungen brachte, die
sie, da es sich ja um eine behördlich genehmigte Feier handelte, in
Kundgebungen und Massendemonstrationen ausleben konnten. Diese Tausende,
deren genaue Zahl ist nicht bekannt, demonstrierten nicht für den
ehemaligen Polizeiminister, sondern für das Stückchen neue Freiheit.
Annähernd drei Wochen später kam es zu den
gefürchteten Ausschreitungen in Budapest. Demonstrierten anfangs mehrere
Tausend Menschen vor dem Rundfunkhaus am 23. Oktober 1956 friedlich und
unbewaffnet, so kam es nach Eintreffen der sowjetischen Panzern am
Stadtrand von Budapest und der Eröffnung des Feuers durch AVH - Einheiten
(kommunistische Geheimpolizei) zu bewaffneten Gegenangriffen der nunmehr
aufgerüsteten Bevölkerung. Die ungarische Armee erhielt zwar einen klar
definierten Marschbefehl gegen die Demonstranten, jedoch verhielt sie sich
anfangs neutral und in Wartestellung in den Kasernen um, und vor allem
in, Budapest. Durch den Einsatz der schweren Panzer aus der UDSSR
expandierte der Konflikt zum nationalen Kampf gegen Moskau.
Die oberste kommunistische Führung in Armee und
Politik unterschätzte den Durchhaltewillen der Aufständischen, ähnlich der
Führung in Moskau, die ein Ende der Kämpfe für die Abendstunden
voraussagte. Demgegenüber standen am nächsten Morgen die Eroberungen der
Aufständischen der vergangenen Nacht. Über den Aufenthaltsort und
Handlungsweise von Kádár während des Aufstands ist nicht bekannt. Ebenso
wenig ist darüber bekannt, ob Kádár über die ›Mißstände‹ in der
Armeeführung bescheid wusste, da im Verteidigungsministerium die
Offiziere, vor allem die jüngeren, teilweise die Aufständischen mit
Befehlen stützte, d.h. Truppenkommandeure erhielten den Befehl, nicht
einzugreifen und bei Anfrage nach Waffen diese auch herauszugeben, um
weitere Konflikte zu vermeiden.
Am Abend des 14. Oktober verkündete Kádár seine
Missbilligung gegenüber des Aufstands. Diese Meinung änderte sich am
darauf folgenden Tag, als er zum Nachfolger Gerös, er wurde von dem
gleichen Gesandten Moskaus aus dem Amt »entlassen«, wie damals Rákosi,
als Erster Sekretär des Zentralkomitees ernannt wurde dergestalt, daß er
sich hinter die Bestrebungen der Aufständischen stellte. Weitere zwei Tage
vergingen, bis die oberste kommunistische Führung Handlungsbedarf zeigte,
da ein militärischer Erfolg der revolutionierenden Massen in Sicht kam,
zumindest in Budapest. Andere Landesteile waren aber ebenso in
Aufruhr, ging es hier doch um die politische Zukunft des Landes.
Unbeeindruckt dessen verhandelte die Gesandtschaft aus Moskau, die sich im
Budapester Regierungsgebäude seit einigen Tagen aufhielt, und die Führung
der Kommunistischen Partei Ungarns, Imre Nagy und János Kádár, über die
weitere Vorgehensweise. Sie forderte ungeschränkte Handlungsvollmacht ein
und überließ der Parteiführung nur eine gewisse Autonomie in Bezug auf
Regierungsgeschäfte. Ihr Konzept bestand ferner aus der Beseitigung
einiger wesentlicher Kritikpunkte der Aufständischen, wie die
Zurückdrängung der kompromittierten Stalinisten, diverse Erleichterungen
im Handelsverkehr, selbstverständlich nur im ungarisch-sowjetischen, sowie
der Abzug der sowjetischen Truppen, dies allerdings nur unter ›bestimmten
Bedingungen‹, die nicht näher erläutert werden, und zu einem noch
ungewissen Zeitpunkt vollzogen werden sollte.
Dieses Moskauer Programm galt es nun der Bevölkerung
derart zu übermitteln, daß es sämtliche Kampfhandlungen einstellte und
wieder die Arbeit aufnahm, des Weiteren, um die Macht der
Reformkommunisten zu erhalten. Diese Aufgabe fiel Kádár zu, der als
Erster Sekretär des ZK für dieses Programm in den Augen der Öffentlichkeit
verantwortlich zeichnen sollte, um das Vertrauen auf sich zu ziehen. Es
wurden des Weiteren so genannte Arbeiterräte gebildet, die in den Fabriken
die Zusammenarbeit zwischen der Partei und der Bevölkerung garantieren
sollten, ebenso wurden wesentliche Änderungen in der Agrar- und
Volkswirtschaft, sowie in der politischen Führung versprochen und
realisiert. Das neu definierte Ziel war ein “...demokratisches
und sozialistisches, ein unabhängiges und souveränes Ungarn...”.
Ein weiterer Meilenstein der Oktoberbewegung war der
30. Oktober, als Kádár über den Rundfunk, eine wichtige Waffe für die
Aufständischen und Regierung gleichermaßen, verkünden ließ, daß die
Regierung mit der Forderung nach dem Mehrparteiensystem einverstanden sei.
Während nun die Kommunistische Partei sich in der Ungarisch
Sozialistischen Arbeiterpartei Ungarns (USAP) neu organisierten, unter
der Führung Kádárs und Nagys, und sich die Bildung einer
Koalitionsregierung anbahnte, reagierte Moskau, nicht zuletzt auf Grund
der Demarche Mao Tse-tungs (die Rolle dieser Person in der Revolution
wurde in den behandelten Quellentexten entweder überhaupt nicht erwähnt,
oder nicht beschrieben; wird an dieser Stelle nur aus Gründen der
historischen Genauigkeit genannt),
mit der Erstellung erneuter Interventionspläne, während die ungarische
Führung mit Scheinverhandlungen und politisch - taktischen Versprechungen
in ihrer Euphorie bestätigt wurde.
Es setzten erneut groß angelegte Truppenbewegungen der
sowjetischen Seite in das Territorium Ungarns ein, während ebenfalls am
1. November die Stadt Budapest als »Besatzungsfrei« galt. Während all
dieser Zeit arbeiteten Kádár und Nagy eng zusammen, beide sprachen ihre Handlungsweise miteinander ab, am 30. Oktober war
Kádár sogar in die direkte Regierung mit aufgenommen worden.
Noch am Abend des 01. Novembers verhandelten diese
beiden mit den Gesandten Moskaus um den weiteren Abzug der sowjetischen
Truppen, als die Gesandtschaft im Anschluss an die Gespräche sofort nach
Moskau fuhr. Grund dafür war der kurz bevorstehende Angriff der
Sowjettruppen, nach der Aufkündigung des Warschauer Paktes am Vormittag
dieses Tages durch Nagy eine nicht verwunderlicher Handlungsverlauf, da
der Schritt der Ungarn sich direkt gegen die Führung in Moskau stellte.
Jedoch wollte Ungarn im osteuropäischen Staatengefüge verbleiben.
Am 04. November stürmten sowjetische Truppen, und vor
allem Panzer, die ungarische Hauptstadt Budapest.
Zu diesem Zeitpunkt befand sich Kádár
unverständlicher Weise in Moskau, während Nagy in Budapest versuchte,
eine geeignete Reaktion auf den Einmarsch zu finden. Er alarmierte die
Bevölkerung und die ungarische Armee, während über Rundfunk die Bildung
einer Gegenregierung ausgerufen wurde, an ihrer Spitze: János Kádár.
Nagy verstand langsam die Taktik der sowjetischen
Unterhändler, war doch eine ungarische Militärdelegation, die sich am
Vorabend mit den Sowjets zu Verhandlungen getroffen hatte, bis dahin sich
nicht mehr gemeldet hatte, und auch jene ausgesandten Militärstreifen zum
Verhandlungsort nicht wieder eingetroffen waren. Herauskam, daß der
sowjetische Geheimdienstchef persönlich die Delegation verhaften ließ.
Bemerkenswert ist auch, daß von anfänglichen Protest gegen die Verhaftung
seitens des sowjetischen Delegationsleiters die Rede ist. Jedoch vermochte
er sich nicht dem Geheimdienstchef zu widersetzen.
Kurze Zeit nach der Bekanntgabe der Gegenregierung,
deren Parteikonzept dem des amtierenden Ministerpräsidenten bis auf zwei
Punkte detailgetreu nachgeahmt war, floh das Kabinett Imre Nagy aus dem
Regierungsgebäude, Nagy selbst in die jugoslawische Botschaft.
Die Konterrevolutionäre Regierung Kádárs, er selbst
hielt sich in den Tagen der Konterrevolution in Prag und Moskau auf und
kehrte erst in der Nacht vom 06. auf den 07. November nach Ungarn zurück,
woraus sich schließen lässt, daß die Ansprachen Kádárs (es gab 2
Ansprachen) an das ungarische Volk von Band abgespielt worden sind, hatte
in den ersten Tage und Wochen keinen Einfluss auf die Geschehnisse in
Ungarn, war doch der oberste Befehlshaber der Sowjettruppen der
vorübergehende Staatschef, der für Ruhe sorgen und die Gegenregierung
als ordentliche Macht etablieren sollte. Später gab die Regierung Kádárs
bekannt, sie habe die sowjetischen Truppen gerufen, um das ungarische
Volk von der Regierung Nagy zu befreien. Diese Tatsache darf man als
sachlich falsch betrachten, da die Regierungsmitglieder Kádárs weder zu
dem Zeitpunkt der Revolution im Amt war, noch das sie vom Volk überhaupt
anerkannt waren (Imre Nagy wurde nie nach dem in Ungarn geltenden Recht
als Ministerpräsident abgelöst; demnach endete seine offizielle Amtszeit
erst mit dem Eintritt seines Todes; herbeigeführt durch die Gegenregierung
Kádárs 1957).
Kádár versuchte in der ersten Zeit die streikenden
Fabrikarbeiter wieder zur Arbeit zu bringen und auf seine Seite zu ziehen,
ähnlich der Arbeiterräte und der Intellektuellen, die alle die Revolution
mitgestaltet hatten und gegen die Sowjettruppen gekämpft hatten. Erfolge
konnten er, obgleich sein Parteiprogramm dem des Nagy ja fast entsprach,
nicht verzeichnen, so daß er Anfang 1957 zu groß angelegten Vergeltungs-
und Verhaftungsaktionen überging. Sondergerichte schickten wahllos 21 000
Menschen in die Gefängnisse, Grund: Widerstand gegen die Staatsgewalt,
Landesverrat und Beteiligung an einer Revolution, sehr oft wurde auch
ohne direkte Anklage verhaftet. In dieser Zeit wurden 450 Todesurteile
ausgesprochen (nur nachgewiesene und belegbare Urteile, die Dunkelziffer
dürfte um ein Vielfaches größer sein), unter diesen Toten waren auch Imre
Nagy, der durch falsche Versprechungen aus der Botschaft geholt worden
war, sowie andere prominente Kommunisten und Intellektuelle. Während der
darauf folgenden Jahre starben noch sehr viele Beteiligte der Revolution,
stellenweise aus dem makabren Grund, daß die Volljährigkeit der
Angeklagten erst abgewartet werden mußte, da man sie sonst nicht hätte
hinrichten können.
Diese Aktionen der nun neuen Regierung wurden von den
Sowjettruppen gedeckt und zusammen mit der ungarischen Geheimpolizei AVH
ausgeführt, war doch Kádár alleine nicht zu solchen Handlungen fähig. Er
versuchte einen behutsamen Annäherungskurs an die alten Zustände,
insbesondere an das Monopol der Revolutionären Arbeiter- und
Bauernregierung, so nannte die Kádár - Gruppe sich nun, und die
Kollektivierung der Agrar- und Volkswirtschaft (ab 1958). Der Rhetorik und
dem taktischen Kalkül Kádárs war es dann auch zu verdanken, daß diese
Kollektivierungen 1961 friedvoll beendet werden konnten, da er auf seine
Überredungs- und Überzeugungskraft setzte und nicht auf die Waffen der AVH
und der Sowjettruppen, die ja immer noch im Land präsent waren, nicht nur
in Uniform, waren doch zahlreiche Schlüsselpositionen in Ministerien und
der Wirtschaft, sowie der Politik, durch so genannte »Berater« aus Moskau
besetzt.
Sechs Jahre nach der Revolution und der blutigen
Konterrevolution hatte sich das Leben der Ungarn wieder weitgehend
normalisiert, wenn man ein Leben unter einer diktatorischen Regierung und
unter stetem Freiheitsdrang überhaupt normal nennen kann.
Nach einer 600 Millionen-US-Dollar Subvention seitens
der UDSSR und anderen kommunistischen Ländern, hatte sich die Wirtschaft
weitgehend von dem wirtschaftlichen Chaos erholt, welches Gerö
hinterlassen hatte. Während das außenpolitische Ansehen Ungarns durch
János Kádár stetig wuchs, versuchte er in der Innenpolitik kleinere
Reformen durchzusetzen, die schon während der Revolution gefordert worden
waren, von ihm und der UDSSR aber blutig niedergeschossen worden waren.
Obwohl offiziell noch ganz auf dem Kurs Moskaus, verlor das Parteibuch in
Wirtschaft und Verwaltung immer mehr an Bedeutung, die fachliche Kompetenz
spielte als Einstellungskriterium eine immer größere Rolle. Damit in
Einklang waren auch die freie Meinungsäußerung und sogar die Durchsetzung
von kritischen Standpunkten immer häufiger in der Wirtschaft und der
Verwaltung vorhanden, förderten sie doch meistens die Produktivität und
hoben den Lebensstandart der Bevölkerung, was Kádár stets als Gradmesser
für die Funktionstüchtigkeit »seines« Sozialismus und seiner Beliebtheit
ansah. Schließlich kam es nach dem XXII. Parteitag der KP in der
Sowjetunion 1962 zu der Rehabilitierung und Entlassung aller Gefangener
der Konterrevolution, die noch nicht umgebracht oder nach Rußland
deportiert worden waren, und der Häftlinge der Rákosi-Ära. Ebenso wurden
Rákosi und Gerö nachträglich für deren Vergehen aus der Partei
ausgeschlossen und damit geächtet.
Kádár hatte es geschafft, die Bevölkerung davon zu
überzeugen, daß sie sich mit der ihnen gebotenen Lage abfinden müssten, was
zu diesem Zeitpunkt auch noch gut möglich war, ging es der Bevölkerung
finanziell so gut wie noch nie, ebenso hatten sie das Recht auf
Auslandsfahrten in die kapitalistischen Länder zugesprochen bekommen. All
diese Neuerungen waren aber nicht der Regierung und dem Verwaltungsapparat
gutgeschrieben worden, das Volk sah in dem ehemaligen Kontorrevolutionär,
der ehemaligen Marionette Moskaus und dem Verantwortlichen für
Massenhinrichtungen und der Hinrichtung Nagys den idealen politischen
Führer; nämlich János Kádár, dessen Ansehen schadete noch nicht einmal der
Einsatz zweier ungarischen Divisionen bei der Niederschlagung des Prager
Frühlings, wo ähnliche Reformen gefordert wurden wie 1956 in Ungarn.
Jedoch warnten führende Wirtschaftsfachleute vor dem
Fall des Lebensstandards durch die marode und einseitige
Wirtschaftsausrichtung. Es wurde daraufhin ein mehrgleisiges
Wirtschaftssystem eingeführt, welches dafür sorge tragen sollte, daß das
alte System gestützt werden würde und nach und nach durch Änderung in der
Wirtschaftspolitik von Grund auf reformiert werden sollte.
Dafür war es jedoch zu spät. Zwar schaffte diese
Neuerung noch einmal neue Kreditquellen aus dem Westen, aber diese wurden
nicht sinnvoll in das neue Wirtschaftssystem investiert, sondern zur
Stabilisierung ineffizient arbeitender Industriezweige missbraucht.
Durch diese
Fehleinschätzung verlor Kádár an Popularität in der Bevölkerung, Kritiker
aus den Reihen der Wirtschaft und Politik forderten umfassende Reformen,
zu denen der alternde Kádár aber nicht mehr Willens war. János Kádár wurde
als 76jähriger im Mai 1988 aus dem Amt des Generalsekretärs der USAP
abgelöst.
Mit dem Namen Stalin verbindet sich eine Umwälzung
der politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der
Sowjetunion, die man gelegentlich als eine zweite, bolschewistische
Revolution bezeichnet hat. Im Gegensatz zum Jahre 1917 erfolgte unter
Stalin die Veränderung der Gesellschaft als »Revolution von oben«.
Nach Lenins Tod (1924) kam es zu einem
innerparteilichen Machtkampf um die Nachfolge des Parteioberhaupts.
Stalin vermochte sich gegen seinen ärgsten Konkurrenten Trotzki , sowie Sinowjew und Kamenew. Die beherrschende Rolle innerhalb der Partei zu
spielen, gelang Stalin nicht zuletzt aus den Gründen, da er die Funktion
und die damit verbundene Macht der Position des Generalsekretärs
geschickt nutzte um die Personalpolitik in der Partei zu kontrollieren.
Stalins Aufstieg ist verknüpft mit der These vom
»Sozialismus in einem Land« (1924). Sie bedeutet eine Abkehr von den bis
dahin gültigen Lehren, daß die Errichtung einer sozialistischen
Gesellschaft im rückständigen Rußland nur möglich sei in Verbindung mit
einer Revolution in den westlichen Industrieländern, insbesondere
Deutschlands. Nachdem sich ein Ausbleiben dieser Revolution klar
abgezeichnet hatte, bekam Stalins Linie in Rußland erheblichen Zulauf.
Aufbauend auf der These von der ›kapitalistischen Einkreisung‹ lautete
nunmehr das Ziel: Errichtung des Sozialismus aus eigener Kraft. Diese
Doktrin richtete sich vor allem gegen seinen Erzfeind Trotzki und dessen
These von einem ›permanenten Revolution‹. Trotzki hielt am revolutionären
Imperialismus fest, da er den Aufbau des Sozialismus in einem derart
isolierten Staat wie Rußland für unmöglich hielt.
Mit »Stalinismus« bezeichnet man heute sowohl die
Periode von 1928 bis 1953, als auch eine spezielle Prägung des
Herrschaftssystems, dessen Merkmale sind:
-
Im Rahmen der zentralistischen Einparteien
Herrschaft konzentriert sich die Macht an der Parteispitze, insbesondere
bei Ein Mann Diktaturen (Rákosi).
-
Durch die Vernichtung der revolutionären
Elite (Rákosi; Kádár), wird das Volk fast unterworfen
-
Es entsteht ein bürokratisches Herrschaftssystem, das
sich auf einen überdimensionierten Polizeiapparat stützt.
-
Jegliche Opposition und oppositionelle
Gruppen werden durch so genannte Säuberungen ausgeschaltet (Rákosi;
Kádár), Schauprozesse führen dazu, die Öffentlichkeit abzuschrecken und
Sündenböcke für die Fehler der eigenen Politik zu finden.
-
Liquidierungen, Massendeportationen und Zwangsarbeit
werden zu den hervorstechenden Merkmalen des sowjetischen Stalinismus.
Der letzte Aufruf Imre Nagy an das ungarische Volk
über Rundfunk am 4. Oktober 1956 um 5. 20 Uhr, wiederholt in verschiedene
Sprachen und mit der ungarischen Nationalhymne abgeschlossen (Übersetzer
unbekannt):
“Hier spricht Imre Nagy, der Präsident des
Ministerrates der ungarischen Volksrepublik. Heute bei Tagesanbruch haben
sowjetische Truppen unsere Hauptstadt mit der offensichtlichen Absicht
angegriffen, die legale ungarische Regierung zu stürzen. Unsere Truppen
stehen im Kampf. Die Regierung ist auf ihrem Posten. Ich gebe diese
Tatsachen unserem Volk und der ganzen Welt bekannt.”
Wenig später:
“Dieser Kampf ist der Freiheitskampf des
ungarischen Volkes gegen die russische Intervention, und es ist möglich ,
daß ich nur noch ein oder zwei Stunden auf meinem Posten bleiben kann. Die
ganze Welt wird erleben, wie die russischen Streitkräfte in Missachtung
aller Verträge und Konventionen den Widerstand des ungarischen Volkes
brechen werden. Sie wird auch erleben, wie man den Ministerpräsidenten
eines Landes, das den Vereinigten Nationen angehört, aus der Hauptstadt
entführen wird. Daher kann kein Zweifel darüber bestehen, daß es eine
Einmischung in brutalster Form ist. Ich möchte in diesen letzten
Augenblicken die Führer der Revolution bitten, das Land zu verlassen,
wenn sie können. Ich bitte darum, daß alles, was ich in meiner Ansprache
über Rundfunk gesagt habe, und das, worauf wir uns mit den revolutionären
Führern während den Parlamentssitzungen geeinigt haben, in einer
Denkschrift zusammengefasst wird. Mit dieser mögen die Führer sich an die
Völker der Welt um Hilfe wenden und mögen ihnen erklären, daß heute Ungarn
betroffen wurde, morgen oder übermorgen aber werden andere Länder an der
Reihe sein, weil der Imperialismus Moskaus keine Grenzen kennt und nur
versucht, Zeit zu gewinnen.”
Dagegen formuliert Kádár in seiner von Band
abgespielten Rundfunkerklärung um die gleiche Uhrzeit:
“Die Ungarische Revolutionäre Arbeiter- und
Bauernregierung. die im Interesse unseres Volkes, unserer arbeitenden
Klasse und unseres Landes handelt, bittet das sowjetische Oberkommando,
unserer Nation bei der Vernichtung der finsteren Mächte der Reaktion und
bei der Wiederherstellung von Ordnung und Ruhe in unserem Land zu helfen.
Nach der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung
wird die ungarische Regierung Verhandlungen mit der Sowjetregierung und
mit den anderen Teilnehmern des Warschauer Vertrages wegen des Abzugs der
sowjetischen Truppen aufnehmen.”
Kádár beendet seine Bekanntmachung mit der
Aufforderung an das Volk, die `gegenrevolutionären Banden `zu entwaffnen
und der neuen Regierung bei der Erfüllung ihres Programms zu helfen.
Hierzu ist anzumerken, daß diese politische Erklärung mit 15 Punkten sich
in nur zwei Punkten von dem entscheidet, was Ministerpräsident Nagy
befürwortet hatte: nämlich in der Nichterwähnung der freien Wahlen und der
Frage der Neutralität gegenüber des Warschauer Paktes und der NATO.
Verfasser: A.
Schütte, R. Waldmann, T. Wege
Die Sozialisierung der Landwirtschaft hat in Ungarn
ebenso wie in den anderen ehemals sozialistischen Staaten zu schweren
strukturellen Verwerfungen und Schäden geführt. Die Leistungsfähigkeit des
Agrarsektors war, verglichen mit den westeuropäischen Staaten, gering. Im
Rahmen der Transformation des bisher sozialistischen Wirtschaftssystems
in eine Marktwirtschaft soll auch die Landwirtschaft in Organisation und
Struktur umgeformt werden. Dies gilt in besonderem Maße für die
Eigentumsordnung. Von der Leistung eines privatwirtschaftlich
organisierten Agrarsektors hängt nicht nur eine ausreichende Versorgung
der Bevölkerung ab, sondern teilweise auch – durch die Vermehrung des
Warenangebots – der Erfolg antiinflationärer Maßnahmen der ungarischen
Regierung.
Ungarn ist, anders als andere Staaten des
»sozialistischen Lagers«, besonders in den Achtziger Jahren einen eigenen
Weg gegangen, der auf Dezentralisierung im Agrarsektor und damit auf
materielle Leistungsansätze abgestellt war, allerdings ohne daß die
Sozialisierung aufgehoben worden wäre. Aus diesem Grund ist es ihm
gelungen, ein Defizit in der Versorgung der Bevölkerung mit
Agrarprodukten zu vermeiden. Darüber hinaus waren Agrarprodukte auch
wichtige Exportgüter, die sogar im Handel mit der ehemaligen UdSSR gegen
frei konvertierbare Valuta verkauft werden konnten. Dies ändert jedoch
nichts an der Tatsache, daß auch die ungarische Landwirtschaft beim
Übergang zur Marktwirtschaft vor großen Schwierigkeiten steht.
Die Landwirtschaft Ungarns erlebte nach dem
zweiten Weltkrieg bis in die Siebzigerjahre hinein dynamische
Veränderungen, die in vielfältiger Weise auf den heutigen
Transformationsprozess nachwirken. Aus diesem Grunde werden im folgenden
die wichtigsten Stationen der landwirtschaftlichen Entwicklung
dargestellt, um die Ausgangsbedingungen und Problemstellungen des
Transformationsprozesses besser erkennen zu können.
Gegen Ende des zweiten Weltkriegs war Ungarn ein
Agrarland mit schwacher Industrie, rund die Hälfte der Beschäftigten war
in der Landwirtschaft tätig. Die Landwirtschaft war noch stark
feudalistisch geprägt, hundert Jahre länger als in den Ländern
Westeuropas. Mehr als ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche
entfiel auf Großgrundeigentum mit mehr als 500 ha, allerdings erfolgte die
Bewirtschaftung zum überwiegenden Teil im Wege der Verpachtung, wobei auch
Unterverpachtung üblich waren. Von den in der Landwirtschaft
Beschäftigten hatten mehr als ein Drittel kein Grundeigentum, ein knappes
Drittel besaß eine Fläche von weniger als 0,575 ha, nur ein Drittel war im
Besitz einer größeren Fläche. Die wenigsten bäuerlichen Familienbetriebe
waren überhaupt lebensfähig, die überwiegende Mehrheit wirtschaftete am
Rande des Existenzminimums.
Aufgrund dieser desolaten Situation der ungarischen
Bauernschaft und der landlosen Landarbeiter wurden die Forderungen nach
Enteignung der Großgrundbesitzer immer vehementer und der Kampf gegen das
alte Besitzsystem begann bereits gegen Ende 1944. Schließlich
verabschiedete die Ungarische Provisorische Regierung unter Federführung
der damaligen Kleinlandwirtepartei am 18. März 1945 die
Regierungsverordnung über die »Abschaffung des Großgrundbesitzsystems und
der Bodenzuteilung an die Armbauern«.
Die Maximalgröße der Besitztümer sollte danach
entsprechend der beruflichen Betätigung der Eigentümer festgelegt werden.
Der maximale Landbesitz wurde somit bei Eigenbewirtschaftung auf 114 ha
festgelegt, während Grundeigentümer die keiner landwirtschaftlichen
Beschäftigung nachgingen, höchstens 57 ha behalten durften. Enteignet
wurde jeder Großgrundbesitz über 575 ha. Es war zwar eine Entschädigung
vorgesehen, aber mit der Einschränkung, daß nur bei ausreichender
Finanzkraft der Regierung gezahlt würde, somit fiel dieser Ausgleich
später gänzlich weg. Enteignet wurden auch die ungarischen Kirchen, die
mit einem Anteil von 23 % die reichsten Großgrundbesitzer waren.
Konfisziert wurden Besitztümer der Leiter faschistischer Organisationen,
der Kriegsverbrecher und der Ungarndeutschen.
Die Struktur der ungarischen Landwirtschaft hatte
sich somit grundlegend geändert, aus einer vorwiegend durch Großbetriebe
geprägten Landwirtschaft war eine kleinbäuerliche Landwirtschaft
entstanden, in der fast 70 % aller Betriebe weniger als 3 ha umfassten.
Die Landreform erwies sich sehr bald als Fehlschlag, denn die
Mehrheit der Kleinbetriebe war bei dieser geringen Größenordnung nicht
überlebensfähig.
Bereits am 20. August 1948 erfuhr die Agrarpolitik
erneut eine Wende, als Mátyás Rákosi die Kollektivierungskampagne
ankündigte. Als Vorbild für diese Maßnahmen dienten Kolchosen, für deren
Leitung das sowjetische System der direkten staatlichen Kontrolle, die Machtstruktur sowie ein Staatsapparat noch sowjetischer Prägung
übernommen wurden. Obwohl einige Vertreter der 1948 an die Macht
gekommenen kommunistischen Elite ein langsames Vorgehen gegenüber den
Bauern anstrebten, wurde bis 1953 eine unerbittliche
Kollektivierungskampagne durchgeführt. So übte die Regierung durch höhere
Steuerabgaben, Zwangsablieferung und geringe Erzeugerpreise, ökonomischen
Druck auf die privaten Bauern aus, um ihren Widerstand zu brechen. Als
Ergebnis der forderten Kollektivierung entstanden bis 1953 ca. 5.200
Produktionsgenossenschaften, wobei deren Anteil an der bewirtschafteten
Fläche Ungarns ca. 26 % ausmachte; 15 % der gesamten landwirtschaftlichen
Nutzfläche lagen brach. Die landwirtschaftliche Produktion des Jahres
1952 war auf das Niveau von 1945 zurück gefallen. Für diese negativen
Entwicklungen gab es mehrere Gründe. Zunächst führte das systematische
Ausbeuten und Unterdrücken der privatwirtschaftlichen Bauern dazu, daß sie
zunehmend das Interesse an der landwirtschaftlichen Produktion verloren
und viele ihre Höfe verließen. Bis 1953 waren bereits 600.000 Menschen aus
der Landwirtschaft abgewandert, um in den Städten nach
Arbeitsmöglichkeiten zu suchen. Hinzu kam die völlig unstrukturierte
Entstehung und Organisation von Produktionsgenossenschaften, in denen es
an materiellen Anreizen, fachlichen und personellen Voraussetzungen für
eine effiziente Produktion fehlte.
Die Agrarkrise erreichte 1952/53 ihren Höhepunkt, die
sozialen Spannungen brachen offen aus, als die ländliche Bevölkerung gegen
die Politik der Regierung demonstrierte. Aufgrund dieser Unruhen und den
internationalen Gegebenheiten wurde im Juni 1953 Rákosi von Nagy als
Premierminister abgelöst, was eine Kursänderung für die Agrarpolitik
bedeutete. Nagy hielt zwar am Kollektivierungsgedanken fest, allerdings
führte er das so genannte »Prinzip der Freiwilligkeit« ein, sowohl Beitritt
in die LPG, als auch Austritt waren daraufhin auf freiwilliger Basis
möglich. Dies hatte zur Folge, daß sich 1954 viele Kollektivwirtschaften
auflösten. Eine Reihe von Maßnahmen wurden ergriffen, um die Belastungen
der Bauernschaft zu vermindern, die minimalsten Produktionsbedingungen zu
schaffen und die elementarsten Bedürfnisse und Interessen der Produzenten
zu erfüllen. Eine besonders wichtige Maßnahme war die Reduzierung der
Zwangsabgabequoten sowohl für Genossenschaften als auch für
privatwirtschaftliche Bauern. Mit der Produktivität der
landwirtschaftlichen Betriebe stieg auch der Lebensstandard der
Bevölkerung.
Diese positive Entwicklung währte allerdings nicht
lange, denn bereits zur Jahreswende 1954/55 übernahm Rákosi die Macht
erneut. Die Regierung kehrte zum alten agrarpolitischen Kurs zurück. Die
Steuern für die Landbevölkerung wurden wieder angehoben und die
Zwangsablieferung wieder verstärkt als Druckmittel eingesetzt.
Im Oktober 1956 setzten erneut Unruhen ein,
diesmal weiteten sie sich zu einem bewaffneten Konflikt aus. Nach der
Niederschlagung des Volksaufstandes durch die sowjetische Armee und der
Konsolidierung des Kádár-Regimes vollzog sich auch in der Agrarpolitik im
Rahmen des neuen sozialen und nationalen Selbstbewusstseins, ein
Richtungswechsel. Die neue agrarpolitische Richtlinien des Jahres 1957
waren sicherlich entscheidend für die spätere positive Entwicklung der
landwirtschaftlichen Genossenschaften und bedeuteten einen Anfang in der
langsamen aber kontinuierlichen Beseitigung des staatlichen
Lenkungssystems. Mit ihnen wurde u.a. bestimmt, daß landwirtschaftliche
Produktionsgenossenschaften aufgrund freiwilliger Entscheidungen der
Bauernschaft gebildet werden können, ohne administrativen Zwang, aber mit
wirtschaftlicher Unterstützung des Staates. Wichtig für die Entwicklung
der ungarischen Landwirtschaft war bereits die Abschaffung des
Zwangsabgaben am 25. Oktober 1956 gewesen, die noch unter der
Übergangsregierung Nagys erfolgte. Schließlich wurde Ende 1958 erneut eine
Kollektivierungskampagne aufgenommen, die 1961, diesmal mit vollem
Erfolg, beendet war. Die Anzahl der Genossenschaftsbauern stieg von
169.000 im Dezember 1958 auf 1,2 Millionen im März 1961. Im gleichen
Zeitraum nahm die Anzahl der Landwirtschaftlichen
Produktionsgenossenschaften (Cooperativen) von 2.775 auf 4.204 zu, ihr Anteil an
der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche erhöhte sich von 13,5 auf 67
%. Außerdem gab es 270 Staatsgüter mit Betriebsflächen von
durchschnittlich 3.600 ha. Die bäuerlichen Familienbetriebe waren bis auf
unbedeutende Reste verschwunden.
Nach den ersten Korrekturen in der Agrarpolitik 1957
folgten weite wichtige Schritte in den sechziger Jahren. So wurde 1966/67
die rigide Festlegung von obligatorischen Planzielen durch Lokal- und
Regionalbehörden aufgehoben, dies bedeutete, daß fortan weder die LPGs
noch die Staatsgüter Produktionsanweisungen erhielten. Sie konnten
weitgehend frei über Investitionen, den Absatz ihrer Erzeugnisse und die
Verteilung des Gewinns entscheiden, wodurch auch das Interesse an der
Entwicklung der großbetrieblichen Produktion anstieg. Zudem wurden
private Hofwirtschaften innerhalb der kollektiven Großbetriebe zugelassen,
ein Schritt, der die landwirtschaftliche Produktion außerordentlich
positiv beeinflussen sollte. In der Agrarwirtschaft wurden somit bereits
vor Einführung des so genannten »Neuen ökonomischen Mechanismus« neue Wege
beschritten. Dieser stellt für viele Autoren keinen eindeutigen Wendepunkt
für die Landwirtschaft dar, vielmehr betonen sie immer wieder ihre
Vorreiterrolle bei den Wirtschaftsreformen. Die Zugeständnisse von 1968
sehen sie als einen logischen Schritt in der agrarwirtschaftlichen
Reformpolitik.
Mit den 1968 eingeleiteten gesamtwirtschaftlichen
Reformen sollte, nach dem Vorbild der Landwirtschaft auch Unternehmen
aller anderen Wirtschaftszweige ein gewisser Spielraum für Eigeninitiative eingeräumt werden. Jeder Betrieb sollte unter geringer Beteiligung des
Staates selbst über die Produktionsstruktur und -Menge bestimmen. Die
Reformer waren davon ausgegangen, daß die Wirtschaftsentwicklung als
Resultat des Marktgeschehens einerseits und der zentralen Lenkung
andererseits entstehe. Die Funktionen des Marktes sollten aber im
Gegensatz zu den marktwirtschaftlichen Systemen eingeschränkt sein, d.h.
der Markt wird zentral reguliert und gelenkt. Allerdings wurde die direkte
Lenkung im Rahmen der Zentralplanung schrittweise durch indirekte
Eingriffe mit Hilfe von ökonomischen Regulatoren, wie Preis-, Steuer-,
Kredit- und Subventionspolitik ersetzt. Die neuen Regulatoren bedeuteten
speziell für die landwirtschaftlichen Betriebe, die Möglichkeit sich eine
finanzielle Basis zu schaffen, um unabhängig wirtschaften sowie sich
aufgrund eigener Ressourcen entwickeln zu können. In diese Zeit fällt auch
das Brechen mit dem »ehernen Gesetz«, wonach eine Planwirtschaft vor allem
Wert auf die Schwerindustrie zu legen hatte und die Landwirtschaft nur zur
Kapitalakkumulation diene, selbst in ihrer Entwicklung aber nicht
gefördert wurde.
Die Reformen konnten nur vier Jahre lang
störungsfrei wirken, danach hatten ab November 1972 ihre Gegner wieder die
Macht im Zentralkomitee übernommen. Der zentralisierte Charakter des
Wirtschaftssystems und die Macht der zentralen Planungsbehörden
wurde wieder gestärkt, die Entscheidungskompetenzen der Unternehmen
wieder beschnitten. Die Landwirtschaft hatte sich in den Jahren, in denen
die Reformen voll wirken konnten, besonders positiv entwickelt, aber auch
hier sollte es zu Rückschlägen kommen. Bereits 1975 machte sich die
Rücknahme der Reformen in vielerlei Hinsicht negativ bemerkbar, u.a.
waren die landwirtschaftliche Produktion zurückgegangen, das
Budgetdefizit angestiegen und die Produktionspreise durch Subventionen
zunehmend verzerrter geworden. Dies erzwang eine Wiederbelebung der
unterbrochenen Wirtschaftsreformen. Von nun an erhielten die
Kleinproduzenten Hilfe, ihren Erzeugnissen stand der Markt wieder offen
und unverhältnismäßig hohe Steuern wurden aufgehoben. Die Kleinproduzenten
gewannen an Bedeutung und so konnte sich in begrenztem Umfang fortsetzen,
was als »die Teilprivatisierung der ungarischen Landwirtschaft« bezeichnet
wird.
Ungarn entschloss sich nicht erst 1989/90, das
System der Zentralplanung und das von der Sowjetunion übernommene
Agrarmodell abzuschaffen, diese Entscheidungen wurden in Teilschritten
bereits viel früher getroffen. Sicherlich war diese Zielsetzung weder in
dem ersten Liberalisierungsprogramm unter Imre Nagys Regierung 1953, noch
in der agrarwirtschaftlichen Reform von 1956 explizit genannt worden und
selbst im Rahmen des »Neuen Ökonomischen Mechanismus« war über die
Einführung marktwirtschaftlicher Elemente nur in sehr begrenztem Maße
gesprochen worden. Dennoch vollzog sich über die Jahre hinweg ein
Reformprozess innerhalb der ungarischen Agrarwirtschaft der Veränderungen
im ökonomischen Mechanismus und in der Organisationsstruktur ergab, die
den agrarwirtschaftlichen Unternehmen einen gewissen
Entscheidungsspielraum gaben. Aufgrund politischer Erwägungen waren die
Reformen aber von Kompromissen gezeichnet und führten nur zu
Teilerfolgen. Erst durch den politischen Umbruch von 1989 und mit dem
Bekenntnis zur Marktwirtschaft kann daher eine Transformation der
ungarischen Wirtschaft und somit auch der Agrarwirtschaft im eigentlichen
Sinn vollzogen werden.
Die ungarische Agrarpolitik brachte jahrzehntelang
Ziele und Vorstellungen der sozialistischen Regierung Ungarns zum
Ausdruck. Beim Übergang zur Marktwirtschaft wird sie Ziele
neu formulieren müssen, um den veränderten Anforderungen gerecht zu werden
und die Grundlagen für den Transformationsprozess schaffen zu können.
Nachdem die bürgerliche Koalitionsregierung die Macht
von den Reformkommunisten übernommen hatte, benötigte sie ein Jahr, um ein
Agrarprogramm zu erstellen, das dann im Rahmen des Wirtschaftsprogramms,
für die Jahre 1991 bis 1994 verabschiedet wurde. Dieses Agrarprogramm
legte zwar neue Ziele und Aufgaben fest, aber das ungarische
Landwirtschaftsministerium weist explizit darauf hin, daß die Agrarpolitik
des sozialistischen Systems noch nicht durch ein neues, umfassendes
agrarpolitisches Konzept sowie durch darauf gestützte und abgestimmte
Handlungen ersetzt wurde. Vielmehr würde sich die neue ungarische
Agrarpolitik in mehreren Schritten als Ergebnis fortlaufender Korrekturen
entwickeln müssen.
Oberstes Ziel des Agrarprogramms von 1991 ist es,
eine konkurrenz- und anpassungsfähigere und damit marktorientierte
Agrarproduktion zu schaffen. Aus diesem Grunde fördert die Agrarpolitik
Marktmechanismen, in deren Rahmen Umfang und Struktur der Agrarproduktion
in steigendem Maße durch gegenseitig abgestimmte Entscheidungen der
Produzenten, der Verarbeitungs- und Vertriebsorganisationen und
der Verbraucher bestimmt werden. Dabei möchte die Regierung nur noch die
ökonomischen und rechtlichen Rahmenbedingungen vorgeben, durch die
sichergestellt wird, daß die Entwicklung der Agrarproduktion mit den
Interessen der gesamten Volkswirtschaft und deren reellen Möglichkeiten in
Einklang steht.
Neben dieser allgemein formulierten Zielsetzung legte
das Landwirtschaftsministerium seine Schwerpunkte darauf, die ungarische
Bevölkerung weiterhin sicher und auf hohem Niveau mit Lebensmitteln zu
versorgen und gleichzeitig die Exportorientierung in der
Lebensmittelproduktion aufrecht zu erhalten. Die Konkurrenzfähigkeit
Ungarns auf den internationalen Märkten sollte stabilisiert werden,
andererseits will man sich dem steigenden Wettbewerb durch die
Ermöglichung von Importen stellen. Die Existenz der Bauern sollte
gesichert werden, auch wenn damit zu rechnen ist, daß der Agrarzweig in
Zukunft aufgrund der Umstrukturierung nur noch für einen geringeren Teil
der Bevölkerung eine Lebensgrundlage bietet. Die Erhaltung des
ökologischen Potentials wird mehr in den Vordergrund treten, d.h. der
bisherigen Verschwendung natürlicher Ressourcen soll durch Extensivierung
der Bewirtschaftung ein Ende gesetzt, die Agrarproduktion in aktiven
Umweltschutz umgewandelt werden. Die zentrale Lenkungsfunktion des Staates
soll künftig keine Rolle mehr spielen, denn die Agrarproduktion ist
raumwirtschaftlich geprägt und deshalb setzt man nun auf regionale
Selbstverwaltung. Dadurch können regionale Unterschiede in den
natürlichen Voraussetzungen berücksichtigt und die jeweils günstigen
Bewirtschaftungsformen gefunden, werden, ohne daß dies zentral, wie im
alten System, bestimmt wird. Das ungarische Siedlungssystem ist
hauptsächlich von dörflichen und peripherem Charakter. Der Großteil der
Bevölkerung lebt in solchen Siedlungen und sichert sich den
Lebensunterhalt mehrheitlich durch Agrarproduktion. Dies soll auch
künftig durch eine »konsistente Dorfpolitik« gesichert werden, um die
Humanressourcen in den ländlichen Regionen zu erhalten.
Die Vorhaben des Agrarprogramms beinhalten allerdings
einen erheblichen Zielkonflikt. Es soll eine international
konkurrenzfähige Agrarwirtschaft entstehen, während gleichzeitig das
gegenwärtige Niveau der Produktion und des Exports erhalten bleiben und
weder Anzahl noch Einkommen der in der Landwirtschaft Beschäftigten sinken
soll. Diesem mehrfachen Anspruch wird man wohl kaum gerecht werden können,
da die Konkurrenzfähigkeit zwangsläufig nur bei einer Senkung der
Beschäftigtenzahl und Anwendung marktwirtschaftlicher Produktionsmethoden
dauerhaft gewährleistet werden kann. Dabei ist es fraglich, ob während der
erforderlichen Übergangszeit das hohe Produktionsniveau gehalten werden
kann.
Das ungarische Landwirtschaftsministerium
befürchtet aus den genannten Gründen, daß bei der Umsetzung seiner
Agrarpolitik künftig erhebliche Spannungen entstehen, die sie zu einer
Reihe von Kompromissen zwingt. Erstens dürfen der Druck des Weltmarktes
und dessen schwankende Entwicklung sich nicht vollständig auf die
ungarische Agrarwirtschaft übertragen. Zweitens dürfen weder die Zuschüsse
für die Agrarproduktion noch den Agrarexport völlig gestrichen werden.
Drittens muß die Umbildung der Lebensmittelproduktion auch unter den
gegenwärtig schwierigen Wirtschaftsbedingungen finanziell gefördert
werden. Die hier geschilderten Grundsätze der ungarischen Agrarpo1itik
sind als die allgemeinen wirtschaftspolitischen Zielsetzungen anzusehen,
für die sich die Regierung im Rahmen ihres Wirtschaftsprogramms
entschieden hat.
1961 wurde die staatliche Dirigierung der
Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs, Cooperativen)
beendet. Zu dieser Zeit waren zwei Drittel der Felder aus Privatgütern,
ein weiteres Drittel in staatlicher Hand. Aus dem Jahr 1945 kommen
außerdem noch ca. 130 Staatsgüter hinzu, die aus nicht verteilten
Großgrundbesitzen entstanden. Diese waren zumeist traditionell geführt,
spezialisiert auf Lehr- und Versuchsaufgaben oder Saatgutanbau. Die
bereits erwähnten LPGs hatten vor der Systemänderung von 1990 ein
entscheidendes Gewicht in der ungarischen Landwirtschaft, was sich auch
darin zeigte, daß die Genossenschaften etappenweise staatliche Felder
aufkaufte. So nahm der Anteil der gemeinschaftseigenen Felder zu;
parallel nahm der Anteil des Privateigentums aber auch ab. Die
genossenschaftlichen Felder waren übrigens auch nicht verkaufbar, aber an
Verwandte gerader Linie vererbbar.
Mit dem Systemwechsel von 1989/90 sollte sich auch
ein Wandel in der ungarischen Wirtschaft, hier vor allem in der
Agrarwirtschaft zeigen. Die Wirtschaft sollte sich mehr auf Privateigentum
stützen, wonach der Anteil des Privateigentums mit dem Systemwechsel
zunahm. Auch das Vermögen der ehemaligen Produktionsgemeinschaften wurde
privatisiert. Aufgrund der Wichtigkeit der Landwirtschaft in Ungarn
zeichnete sich der Privatisierungsprozess in diesem Wirtschaftszweig am
deutlichsten. Im Jahr 1990 gab es noch 1.250 LPGs, mit einer
Durchschnittsgröße von über 400 ha, dagegen nur 60 Fachgenossenschaften
mit einer durchschnittlichen Größe von über 1.400 ha. Im Mai 1994 waren
bereits ca. 70 - 71 % der landwirtschaftlichen Anbaufläche privatisiert,
sowie ca. 31 % der Waldflächen. Dieser Prozess sollte voraussichtlich gegen
Ende 1995 vollzogen seit.
Das Parlament der ungarischen Regierung hat drei
Gesetzte vorgesehen, welche die Entschädigungen des Staates regeln sollen.
Hiernach wird für die “vom Staat im Eigentum der Staatsbürger
... ungerecht verursachten
Schäden” in der Zeit vom 1. Mai 1939 bis zum 8. Juni 1949 bzw. in der Zeit
nach dem 8. Juni 1949 eine Entschädigung vorgesehen. Gleiches gilt für die
“gesetzverletzenden Beschränkungen [der] persönlichen Freiheit
... der natürlichen Personen
bzw. ihrer Erben”. Diese zeigt sich in der Erlaubnis, staatliche Felder zu
kaufen, wenn man hierzu durch ein »Entschädigungspapier« die Erlaubnis
erlangt. So sollen zum einen die entschädigt werden, deren Felder
verstaatlicht wurden, zum anderen jene, deren Felder in der
Produktionsgenossenschaft Gemeinschaftseigentum der ersteren wurde. Bis
zum 31. Mai 1994 wurden nach diesen Gesetzen 1.535.579 ha (davon 158.715
ha Waldfläche) versteigert. Der Maximalwert der Entschädigung kann 5 Mio.
Forint bzw. 300 ha Bodenfläche nicht überschreiten. Die maximale Fläche
mußte allerdings auf 100 ha beschränkt werden, da es aufgrund erhöhter
Nachfrage zu Bodenmangel kam. Dennoch konnte allen Ansprüchen
befriedigend Rechnung getragen werden. Neben dieser Entschädigung gab es
noch eine weitere finanzielle Unterstützung, die sich nach der Feldgröße
richtete, wenn der Käufer sich zur beruflichen Kleinlandwirtschaft
verpflichtete.
Ein Problem, welches durch die
Entschädigungsversteigerungen ergab, war allerdings die Zerstückelung des
Landeigentums. Zwischen dem 24. 8. 1992 und den 31. 5. 1994 haben zum
Beispiel ca. 350.000 Personen 392.300 Bodenstücke mit einer Gesamtfläche
von 1.535.579 ha erworben, wonach die durchschnittliche Größe des
erhaltenen Landeigentums 4,88 ha betrug.
Der ungarische Agrarmarkt war in der Vergangenheit
stark reguliert, die Preise wurden auf niedrigem Niveau gehalten und vom
Staat administrativ festgesetzt. Informationen über den Markt waren nicht
verlässlich und erst mit Verzögerung verfügbar. Es fehlte an
Lagerhaltungsmöglichkeiten, die einen Ausgleich von Überschuss- oder
Knappheitssituationen ermöglicht hätten. Ankaufs-, Verarbeitungs- und
Absatzorganisation waren Monopole, es konnte kein Wettbewerb zwischen den
Anbietern entstehen, es förderte vielmehr ihre Inflexibilität. Hinzu kam,
daß der ungarische Agrarmarkt ein reiner Anbietermarkt war, d.h. es wurde
ohne Rücksicht auf die qualitäts- und quantitätsmäßigen Anforderungen der
Nachfrageseite produziert. Der Außenhandel wurde ebenfalls monopolistisch
vom Staat betrieben, die einzelnen Betriebe hatten dadurch nur sehr
indirekten Kontakt mit den ausländischen Marktgegebenheiten, Marktsignale
aus dem Ausland fehlten weitgehend.
Mit dieser Aufzählung der wichtigsten Probleme soll
erkennbar werden, vor welch großen Aufgaben Ungarn steht, um einen
funktionsfähigen Agrarmarkt zu schaffen. Ein erklärtes Ziel der
ungarischen Regierung ist außerdem, die in- und ausländischen Märkte
umfassender zu verbinden und miteinander zu integrieren. Allgemein sieht
die Regierung ihre Hauptaufgabe darin, die Anpassungsfähigkeit der
Wirtschaft zu fördern, die nötigen rechtlichen und institutionellen
Rahmenbedingungen für einen funktionierenden Agrarmarkt zu schaffen und
gleichzeitig in der Phase des Übergangs Extremsituationen und Probleme
auszugleichen. Ein äußerst schwieriges Unterfangen, betrachtet man die
weltweiten Auseinandersetzungen auf den Agrarmärkten, beispielsweise um
Subventionen, Import- und Exportbeschränkungen, Quotenregelungen usw. Agrarmärkte unterliegen besonderen Gesetzen, die ein unbeschränktes
Agieren der Marktteilnehmer ohnehin nicht ermöglichen und ein Eingreifen
des Staates oft unter erheblichem finanziellen Aufwand für das
Staatsbudget notwendig machen.
Im folgenden soll nun die Transformation des
Binnenmarktes und des Außenhandels knapp umrissen werden.
Etwa 70 % der ungarischen Agrarwirtschaftsprodukte
werden im Inland verbraucht. Im Durchschnitt wendet eine ungarische
Familie mehr als 40 % ihres Einkommens für den Kauf von Lebens- und
Genussmittel auf. Der bedeutendste Markt für die ungarischen Agrarprodukte
ist daher eindeutig das Inland.
Die ungarische Regierung hat eine Reihe von Maßnahmen
in ihrem Agrarprogramm angekündigt, die ein neues Regelungs- und
Organisationssystem, sowie eine neue Struktur für den Agrarmarkt schaffen
werden. Um den Wettbewerb zu fördern, soll das staatliche Handelsmonopol
abgeschafft werden und durch lokale Ankaufs-, Verarbeitungs- und
Absatzorganisationen ersetzt werden. Ein landesweites Netz des
Lebensmittelhandels mit einem umfassenden Sortiment und Fachgeschäften,
die Qualitätsprodukte absetzen, soll entstehen. Ebenso sind
institutionelle Einrichtungen für die üblichen Markttransaktionen
geplant, darunter versteht die Regierung u.a. die Schaffung von
Warenbörsen, Großhandelsmärkten, Auktionshallen und
Marktinformationssystemen. Mit dem Aufbau eines Informationssystems
begann man bereits 1988, als eine Gemeinschaftseinrichtung der Ministerien
für Landwirtschaft und internationale Wirtschaftsbeziehungen, der
»Marktinformationsdienst« eingerichtet wurde. Anfangs befasste sich
dieser vorwiegend mit dem Obst- und Gemüsemarkt, neuerdings berichtet er
wöchentlich über den Milch-, Getreide-, Futter-, Schlachttier- und
Fleischmarkt.
Die ungarische Regierung orientiert sich beim Aufbau
des neuen Agrarmarksystems an einigen Elementen der EU-Marktordnung. Die
Preisgestaltung anhand eines Interventionspreissystems soll übernommen
werden. Ferner werden ein ähnliches Informationssystems, die
Quotenregelung und die Interessenabstimmung zwischen Produzenten, den
Verarbeitungs- und Handelsgesellschaften, sowie den Verbrauchern
angestrebt. Die Übernahme dieser Regelungen betrachtet die Regierung
aufgrund der extremen Schwankungen auf den Agrarmärkten und in der
landwirtschaftlichen Produktion als erforderlich, um eine gewisse
Produktionssicherheit zu gewährleisten. Nicht übernommen wird die
Abkoppelung von den Weltmarktpreisen, denn sie sind für die ungarische
Landwirtschaft ausschlaggebend, wenn sie sich im weltweiten Wettbewerb
positionieren will. Darin ist kein Widerspruch zur Übernahme des
Interventionspreissystems der EU zu sehen, sie bedeutet nur, daß Ungarn,
im Gegensatz zur EU, bei der Festlegung seiner Interventionspreise die
Weltmarktpreise zugrunde legt, während die EU aufgrund der Interessenlage
ihrer Mitgliedsländer eigene Maßstäbe setzt. Der Ausbau des
Agrarmarktsystems nach europäischen Normen sowie die Schaffung der
entsprechenden Institutionen werden Teil eines längeren Prozesses sein, an
dessen Beginn der Aufbau eines »Agrarmarktregimes« steht, das eine Art
Lenkungsfunktion erfüllt.
Das Agrarmarktregime stützt sich auf zwei Ebenen, auf
denen die Interessenabstimmung erfolgt. Die eine Ebene bildet das
»Staatskomitee für Agrarmarktordnung«, das aus ranghohen Vertretern des
Finanz-, Landwirtschafts-, Außenwirtschafts-, Industrie- und
Handelsministeriums, der Ungarischen Nationalbank, der Agrarmarktkammer
des Landes und anderen Institutionen, wie einiger Verbände usw. besteht.
Die andere Ebene und offizieller Verhandlungspartner des
Marktordnungskomitees sind die »Produkträte«, die von Produzenten,
Verarbeitungsbetrieben und Handelsgesellschaften bzw. von deren Verbänden
gebildet werden. Das Marktordnungskomitee hat Entscheidungsbefugnisse bei
der Bestimmung bzw. Veränderung der Exportsubventionen, der Ausschreibung
von Tendern für bestimmte Warenmengen im Außenhandel, die mit
Sonderpräferenzen ausgestattet sind, und bei der Auswahl der
Interventionsmaßnahmen auf dem Binnenmarkt. Daneben wurden dem Komitee
vielfältige Vorschlagsrechte eingeräumt, wie beispielsweise bei der
Festsetzung der Garantie, bzw. Interventionspreise. Die »Produkträte«
organisieren die Selbstbeschränkung zum Schutz des Binnenmarktes,
andererseits bewirken sie, wenn notwendig, für Produkte mit
Schlüsselfunktion die Einführung und längerfristige Beibehaltung des
staatlichen Quotensystems. Gegebenenfalls kann nach Absprache mit
den betroffenen Produkträten, das Marktordnungskomitee die
Export-Import-Abschöpfungen bestimmen. Die wichtigsten Instrumente des
Marktordnungskomitees und der Produkträte innerhalb der neuen
Agrarmarktordnung sind das Preis- und Interventionssystem, die
Quotenregelungen, sowie die Regulierung von Ex- und Importen.
Von diesen Instrumenten wird dem Preis- und
Interventionssystem die entscheidende Rolle bei der Marktregulierung
zugeschrieben. Wenn es auch keine offiziellen Preisober- und Untergrenzen
gibt, also faktisch freie Marktpreise existieren, wird durch die im Rahmen
der Quotenregelung garantierten Erzeugerpreise – nach dem Vorbild der
EU-Marktordnungen für Milch und Getreide – ein Mindesteinkommen für die
landwirtschaftlichen Betriebe gewährleistet. Damit ist auch
sichergestellt, daß Wettbewerbsnachteile der ungarischen Landwirtschaft
und da wiederum der kleineren Betriebe vermieden oder doch zumindest
abgemildert werden. Diesen Regelungen kommt also eine Schutzfunktion zu,
sie bedeuten aber keine administrative Preisfestsetzung wie noch zu Zeiten
des kommunistischen Regimes.
Zusammenfassend lässt sich sagen, daß bei der
Umstrukturierung des Binnenmarktes eine Reihe von Aufgaben anstehen, deren
Durchführung einen längeren Zeitraum und erhebliche finanzielle
Ressourcen in Anspruch nehmen wird, auch wenn bereits erste Schritte,
wie eine grobe Planung der Marktordnung in Anlehnung an die EU, die
Schaffung eines Agrarmarktregimes und die Liberalisierung der Preise
unternommen wurden. Gegenwärtig werden jedoch kritische Stimmen laut, die
der Regierung vorwerfen, daß sie die Selbstverwaltungsorgane der
Agrarbranchen, also die Produkträte, noch zu wenig an den
Marktorganisationsfunktionen beteiligt. Außerdem wird kritisiert, daß in
einer Situation, in der die Landwirtschaft dringend schnelle und klare
Entscheidungen benötigt, auf der obersten Leitungsebene viel zu lange
diskutiert, die Verantwortung hin- und hergeschoben wird.
Der agrarwirtschaftliche Sektor trägt heute mit 25 %
zum gesamten ungarischen Export bei, während sein Anteil an den Importen
nur etwa 6 % beträgt. Bei den Ausfuhren gegen frei konvertierbare Devisen
betrug der Anteil des Agrarsektors in den Achtziger Jahren bis
einschließlich 1990 in etwa ein Drittel. Seine Devisenbilanz von 1980 bis
1990 war mit Überschüssen von 1,1 bis 1,76 Mrd. US-Dollar durchgehend
positiv und war daher eine unverzichtbare Deviseneinnahmequelle. 1991
erzielte die Agrarwirtschaft im ungarischen Außenhandel als einziger
Sektor einen Überschuss in Höhe von 149 Mrd. Forint, während die anderen
Sektoren gemeinsam ein Defizit von 271 Mrd. Forint aufweisen. So konnte
allein mit Hilfe der agrarwirtschaftlichen Exporte das Defizit auf 122
Mrd. Forint begrenzt werden.
Diese Zahlen verdeutlichen die gemeinsame Stellung,
die dem Agrarsektor für den ungarischen Außenhandel zukommt und machen
verständlich, daß Ungarn auch in Zukunft den Agrarexport als wesentlichen
Faktor seiner Entwicklung sehen muß, zumal sich abzeichnet, daß die
Restrukturierung der Industrie längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Den
vom Agrarsektor erwirtschaftete Überschuss von ca. 1 Mrd. US-Dollar
benötigt Ungarn daher dringend, um seine Zahlungsfähigkeit aufrecht zu
erhalten. Es zeigt sich aber auch, daß Ungarn aufgrund seiner
Überschussproduktion auf den Absatz im Ausland angewiesen ist, denn rund
ein Drittel der ungarischen Agrarproduktion wird auf ausländischen
Märkten abgesetzt.
In Anbetracht seiner Bedeutung ist es nicht
verwunderlich, daß die ungarische Regierung erhebliche Anstrengungen
unternimmt, den Außenhandel neu zu gestalten. Als vordringlichste Aufgabe
stellt sich die Dezentralisierung des Außenhandelmonopols des Staates.
Bereits 1988 erfolgte eine wesentliche Erweiterung der
Außenhandelsrechte. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde in der Landwirtschaft
das Import- und Exportgeschäft hauptsächlich durch drei
Außenhandelsgesellschaften mit Staatsmonopol abgewickelt. Daneben
versuchten auch schon große Agrarunternehmen, sich ein Recht auf
selbständige Außenhandelstransaktionen zu sichern. 1985 hatten 15 Unternehmen dieses Recht, allerdings betrug ihr Anteil am gesamten Handel
mit landwirtschaftlichen Produkten nicht mehr als 5 %.
Mit der Reform von 1983 erhielt jede Rechtsperson das
Recht auf Außenhandelstätigkeiten. Selbst die Ausübung des Ausfuhrrechts
in konvertibler Währung erforderte keine Genehmigung des
Handelsministers. Es waren lediglich allgemeine
Genehmigungsvoraussetzungen zu erfüllen, wie beispielsweise
Marktkenntnisse, Sprachkenntnisse, wenigstens seit einem Jahr einwandfreie
Tätigkeit, ordnungsgemäße Erfüllung von Zahlungsverbindlichkeiten. Diese
Erfordernisse hatten den Zweck, daß ein nicht fachgemäß verhandelndes,
internationale Vereinbarungen verletzendes oder unredliches Preisverhalten
aufzeigendes Unternehmen vom Außenhandel ausgeschlossen werden kann. Der
Außenhandel mit strategisch wichtigen Waren wurde allerdings weiterhin an
Genehmigungen gebunden. Eine weitere wesentliche Veränderung war, daß auch
Privatpersonen fortan ein Außenhandelsrecht, nach einer individuell
durchgeführten Beurteilung, für eigene Produkte erhalten konnten. Tatsächlich gestaltete sich der ungarische Außenhandel aufgrund
der erweiterten Rechte vielseitiger und marktorientierter. Die
Produzenten entwickelten in vielerlei Hinsicht Eigeninitiative,
beispielsweise organisierte das Staatsgut Báblona als eines der ersten
Unternehmen der Welt einen im großen Stil angelegten Lufttransport von
lebenden Tieren. Im Rahmen der Außenhandelstätigkeit konnten neue
Verarbeitungs- und Verpackungstechnologien erworben werden, die durch die
ungarische Industrie nicht bereitgestellt werden konnten. Mit der
modernen Technologie wurde auch der Kontakt ungarischer Mitarbeiter mit
ausländischen Fachleuten hergestellt, wodurch ein »Know-how-Transfer«
ermöglicht wurde. Direkte Handelsbeziehungen zum ausländischen Abnehmer
eröffnete für viele Unternehmen die Möglichkeit, Produkte im Ausland
abzusetzen, die nur in kleinen Mengen produziert werden und deren Verkauf
auf dem heimischen Markt nur wenig profitabel wäre.
Diese positiven Entwicklungen dürfen aber nicht
darüber hinwegtäuschen, daß die agrarwirtschaftlichen Unternehmen bei der
Wahrnehmung ihres individuellen Außenhandelsrechts oftmals auf einen
schier »unüberwindlichen ungarischen Bürokratismus« treffen. Außerdem
wurde das gesetzlich verankerte Recht auf Ausfuhr durch eine lange Liste
von Ausnahmen erheblich eingeschränkt. Damit erhöhte sich der
bürokratische Aufwand und erhebliche Verzögerungen bei den direkten
Verhandlungen mit ausländischen Partnern wurden verursacht. Bereits 1991
sollten auf diesem Gebiet beachtliche Änderungen eintreten. Die
Ausnahmenliste wurde durch eine Liste ersetzt, die alle Produkte unter
Staatslizenz aufführt. Man erwartet, daß sich mit dieser Lösung der
Genehmigungsprozess für die einzelnen Unternehmen beschleunigen wird, da
die Unternehmen mit den Verhandlungen beginnen und die Verträge bereits
aufsetzen können, allerdings mit dem Vorbehalt, daß diese erst gültig
werden, wenn sie vom verantwortlichen Ministerium genehmigt worden sind.
Ines
Schmid: Die Agrarwirtschaft im Transformationsprozess der
ungarischen Wirtschaft, München, 1993.
Quellen aus den Unterrichtsmaterialien:
Südosteuropa und die Türkei: Brücken- und Konfliktraum,
Erdkunde-Grundkurses Nr. 335, Schuljahr 195/96 [Texte z.B. von Zoltán
Antal und Jürgen
Deiters; zusammengestellt von
Gerhard Voigt].
Verfasser: Kai Radewald
Die Strukturveränderungen in den Reformstaaten haben
nicht nur neue politische Ordnungen geschaffen, sondern auch vielfältige
Bereiche des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems entscheidend
umgestaltet.
In ihrer Konsequenz führen die Veränderungen auch zur
veränderten räumlichen Prozessen und Strukturen sowie für die Bevölkerung
zu einer grundlegenden Neuorientierung in den wesentlichen Lebenszügen.
Gemeinsamkeiten in der Entwicklung der früheren
Ostblockstaaten lassen sich in den ehemaligen Wirtschafts- und
Gesellschaftssystemen erkennen, die unter dem Einfluss der Sowjetunion
entstanden sind. Im wirtschaftlichem Bereich wird mit dem Übergang zur
Marktwirtschaft die Wende von der zentralstaatlichen Lenkung eingeleitet.
Der Rückzug des Staates drückt sich durch Privatisierung staatlichen
Eigentums, Liberalisierung von Preisen und Löhnen, sowie den Abbau der
staatlichen Subventionen aus. Unter den sozialistischen Regimen
durchgeführte Enteignungen versucht man durch Reprivatisierung oder andere
Formen der Entschädigung auszugleichen.
Die Sonderrolle Ungarns begann mit der
Wirtschaftsreform 1968 und einer weiteren Liberalisierung Anfang der 80er
Jahre. Neben der staatlichen »Ersten Wirtschaft« entwickelte sich mit der
»Zweiten Wirtschaft« ein privatwirtschaftliches Segment. Die Zweite
Wirtschaft agierte dort, wo die staatliche Wirtschaft Mängel in ihrer
Leistungsfähigkeit aufwies.
Ein weiteres Spezifikum Ungarns bestand in den
vielfältigen Kontakten zum Westen, was entscheidend zum Wandel des
ungarischen Staates, und somit seiner Wirtschaft beitrug.
Der RGW (,Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe‘), im
Westen auch als ‚comecon‘ (Council
for Mutual Economic Assistance) bezeichnet, wurde im Januar 1949 in
Moskau gegründet. Gründungsmitglieder waren: Bulgarien, CSSR, Polen,
Rumänien UdSSR und Ungarn. Albanien und die DDR folgten bis zum Jahr
1950. Die Gründung war vorwiegend eine Gegenmaßnahme zum Marshall-Plan.
Allerdings fehlte es der UdSSR an ökonomischen Mitteln und den anderen
Mitgliedern der Wille zu gemeinschaftlichem ökonomischen Handeln, woraus
die geringe Aktivität des Rates in den ersten Jahren zu erklären wäre.
Der RGW hatte als Ziel die »sozialistische
ökonomische Integration« voranzutreiben, um auf die ersten Erfolge der
EWG reagieren zu können. Es wurde ein Komplexprogramm angenommen, der den
Zusammenschluss der Volkswirtschaften mit dem Ziel der Integration vorsah.
Auch die jüngsten Aktivitäten des RGW in der Dritten
Welt bestätigen die These, daß der RWG für die sowjetische Außenpolitik
eine Art »Stellvertreter-Rolle« einnahm. Alle der Partnerstaatenzählen zu
den am schwächsten entwickelten Volkswirtschaften der Dritten Welt.
Entsprechend groß dürften ihre Wünsche nach der wirtschaftlichen
Integration liegen.
Die mit Abstand wichtigste Form der
internationalen Zusammenarbeit war im RGW der gegenseitige Warentausch.
Etwa 60% ihres Außenhandels Wickelten die Mitgliedsländer untereinander
ab. Im Jahr 1984 fand in Moskau der RGW-Wirtschaftsgipfel statt, auf
welchem die Probleme der Energie- und Rohstoffversorgung diskutiert worden
sind. In einer politischen Absichtserklärung haben die RGW-Staaten
bekundet, an der wirtschaftlichen Arbeitsteilung teilzunehmen und im
Rahmen ihrer Möglichkeiten zur Verbesserung der internationalen
Beziehungen auf dem Gebiet der Wirtschaft beizutragen.
Der ungarische Staat war schon immer, wegen der
fehlenden Rohstoffvorkommen im eigenen Land, sehr von dem RGW und seiner
Handelsbeziehungen abhängig. Daraus resultierte eine besondere Situation.
Ungarn war nicht nur von der UdSSR als dem mit Abstand größten
Rohstofflieferanten des RWG abhängig, sondern auch von den anderen Staaten
des Bündnisses. Bei genaueren Betrachtung zeigt sich, daß es zwischen den
vier Ländern: DDR, ČSSR, Polen und Ungarn eine weitaus intensivere
Verzahnung bestand als zwischen den anderen Staaten des Rates. Dieser Art
des Handels konnte allerdings nur begrenzt ausgeweitet werden, da der
sowjetische Rohstoffmonopol und die durch UdSSR erzwungene Preispolitik
dessen Rolle als Haupthandelspartner nur bestätigten.
Außer der Abhängigkeit von den Rohstoffen kam noch
die Abhängigkeit von den Vertragspreisen. Diese Preise wurden jedes Jahr
neu festgelegt und zwar auf der Grundlage der Weltmarktpreise. Dadurch
verschlechterte sich die Position der kleineren Mitglieder gegenüber
z.B. der UdSSR noch zusätzlich. Die Veränderung der sowjetischen
Exportpreise; sie wuchsen doppelt so schnell wie die Importpreise, hatte
schwerwiegende Konsequenzen. Der Handel mit der Sowjetunion wurde
ungleichgewichtig, die kleineren Mitgliedsstaaten mussten Warenkredite
aufnehmen; sie waren nicht mehr in der Lage die hohen Energie und
Rohstoffrechnungen voll zu bezahlen.
Ein zentrales Problem der Transformation einer
staatlich dominierten Wirtschaft in eine Privatwirtschaft besteht in der
Neuregelung der Eigentumsverhältnisse. Eine Rückgabe bleibt ausgeschlossen,
die Alteigentümer erhalten Entschädigungen in Form von Gutscheinen, die
ausschließlich für Investitionen im Rahmen der Privatisierung von
Staatseigentum verwendet werden sollen.
Bei der Privatisierung bereitet die Großindustrie,
wie auch in anderen Ländern die größten Probleme. Dies ist wegen maroder
Produktionsanlagen, mangelnder internationaler Konkurrenzfähigkeit und des
Wegbrechens bisheriger Absatzmärkte in Osteuropa nicht verwunderlich.
Reibungslos verläuft dagegen die Privatisierung der
kleineren Betriebe, insbesondere im Bereich des Handels und der
Dienstleistungen. Neben der Privatisierung prägt auch die Neugründung von
Unternehmen die Umstrukturierung der Wirtschaft. Auch hier sind die
Großbetriebe und der industrieller Bereich unterrepräsentiert.
Versucht man eine Zwischenbilanz zu ziehen, so sind
Erfolge in der Umstrukturierung der ungarischen Wirtschaft zu
verzeichnen. Der private Sektor erwirtschaftet rund die Hälfte des
Bruttosozialprodukts. Während früher die osteuropäischen Handelspartner
am wichtigsten waren (RGW), geht heute bereits der überwiegender Teil der
Exporte in westliche Länder. Unübersehbar sind allerdings auch die immer
noch bestehende Probleme. Durch Produktions- und Beschäftigtenrückgänge in
der Industrie und der Landwirtschaft ist das Heer der Arbeitslosen auf
12,1% der Gesamtbevölkerung angewachsen.
Der Staat ist kaum in der Lage Impulse zu setzen.
Er ist vielmehr auf die Initiative der Privatinvestoren angewiesen. Und
dieses Engagement ist nicht mehr in allen Bereichen gegeben.
Renate
Damus: RGW – Wirtschaftliche Zusammenarbeit in Osteuropa. Opladen,
1979.
Ostkolleg
der Bundeszentrale für politische Bildung (Arbeitsgemeinschaft): Rat für
gegenseitige Wirtschaftshilfe, Strukturen und Probleme. Bonn, 1987.
Reinhard
Weißner: Der politische, ökonomische und soziale Umbruch in
Osteuropa: Das Beispiel Ungarn. Geographische Rundschau, Jahrgang 47, März
1995, Heft 3, Seite 156-162.
Verfasser: Wojciech Grohn
Budapest ist mit über 2,5 Millionen Bewohnern die
Hauptstadt der Ungarischen Volksrepublik und zugleich die größte Stadt des
ca. 11 Millionen Einwohner zählenden Landes. Sie liegt im Herzen Europa,
am mittleren Abschnitt zu beiden Seiten der Donau. Aufgrund ihrer
günstigen geographischen Lage kreuzten sich hier schon im Altertum und
Mittelalter zahlreiche Handelswege, was schließlich zur Herausbildung
einer bedeutenden Siedlung führte. Budapest ist aus vielerlei Gründen eine
interessante Stadt. Rechnen wir auch seinen Vorläufer aus dem Altertum,
das römische Aquincum, hinzu, so blickt die Stadt immerhin auf
zweitausend Jahre zurück. Juristisch wurde sie jedoch erst 1873 durch die
Vereinigung der drei bis dahin unabhängigen Städte Pest, Buda und Óbuda
gegründet. Unter dem Namen Budapest existiert diese 2000 Jahre alte
Gemeinwesen somit nicht viel länger als 100 Jahre. Im Laufe des 19.
Jahrhunderts entwickelte es sich zur Großstadt, und heute ist Budapest das
politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes. Die früher
eher trennende Donau verbindet Buda mit seinen Hügeln und Bergen auf der
rechten Seite des Flusses mit dem flachen Pest am linken Ufer. Die
einmalige Lage der Stadt, ihre aus verschiedenen Epochen stammenden
Kunstdenkmäler, das rege künstlerische Leben, die zahlreichen Thermalbäder
und nicht zuletzt die reichhaltige ungarische Küche mit ihren Speise- und
Getränkespezialitäten lockt Jahr für Jahr zahlreiche Ausländer an.
Das Zentrum von Budapest liegt auf den
geographischen Koordinaten 47° 28´ 56´´ nördlicher Breite und 19° 08´ 10´´
östlicher Länge. Die Fläche der Stadt beträgt 525 km²; davon entfallen 352
km² auf das links und 173 km² auf das rechts der Donau liegende
Stadtgebiet. In Nord-Süd-Richtung dehnt sich die Stadt etwa 25 km, in
Ost-West-Richtung etwa 29 km aus. Tiefster Punkt ist das Niveau der Donau,
das bei normalem Wasserstand 96,5 m über dem Meeresspiegel der Adria
liegt. Höchste Erhebung der Stadt ist der János-hegy
(Johannesberg) mit 529 m über dem Meeresspiegel. Das linke Donauufer, die
Pester Seite, ist im wesentlichen Flachland, das rechte Donauufer, die
Budaer Seite, dagegen Hügelland. In Wirklichkeit ist zwar auch Pest nicht
ganz flach, aber die Erhebungen sind so minimal, daß sie unser Auge nicht
wahrnimmt. Den Unterschied zwischen den beiden Ufern kann man am besten
von den Donaubrücken oder von einem Aussichtspunkt auf der Budaer Seite
erkennen.
In erster Linie bestimmt die Donau den Charakter
der Landschaft. 28 km, das heißt ca. 1 Prozent des gewaltigen Stromes, der
insgesamt 2850 km lang ist und im Schwarzwald entspringt, entfällt auf das
Gebiet von Budapest. Die durchschnittliche Breite der Donau liegt hier bei
400m, am Gellért hegy (Gellertberg) ist sie mit nur 285 m am
schmalsten. Unterhalb und oberhalb von Budapest bildet die Donau mehrere
Inseln. Die bekannteste Donauinsel im Herzen der Hauptstadt ist die 96,5
ha große Margitsziget (Margareteninsel). Sie ist mit ihren
Parkanlagen, mächtigen, uralten Bäumen, Thermalheilquellen, Strandbädern
und Hotels zu einem internationalen Kur- und Erholungsort geworden.
Nördlich dieser Insel befindet sich noch die etwas größere
Óbudai-sziget (Obudaer Insel), südlich die Csepel-sziget (Insel
Csepel). Außer der Donau gibt es im Raum von Budapest keinen weiteren
bedeutenden Fluss. Als natürliches stehendes Gewässer gibt es in Budapest
nur den Malom-tó (Mühlenteich), einen winzigen Teich
gegenüber dem Lukács-fürdo (Lukács-Bad), dessen Wasseranstieg oder
-abfall interessanterweise mit der Wassermenge der umliegenden Budaer
Thermalquellen in Zusammenhang steht.
Das Bild des Stadtkerns von Buda wird von den
Bergen nahe der Donau bestimmt. Gegenüber Margaretenbrücke erhebt sich
der 195 m hohe Rózsadomb (Rosenhügel), auf dem eines der
elegantesten und teuersten Wohnviertel der Stadt entstand. Südlich davon
zieht sich an der Donau von Nordwest nach Südost der etwa keilförmige
Várhegy (Burgberg) entlang (höchster Punkt 167 m). Er besteht zum
überwiegenden Teil aus Mergel, dessen Oberfläche von einer 10
– 12 m dicken, aus Süßwasser abgelagerten Kalksteinschicht bedeckt
ist. An der Unterseite der Kalksteinschicht sind viele kleinere und
größere Hohlräume entstanden. Im Mittelalter und während der türkischen
Besetzung haben die Bewohner der Umgebung diese natürlichen Höhlen durch
künstliche Gänge untereinander verbunden und so ein ganzes Höhlensystem
angelegt. Ein anderer Berg der Budaer Innenstadt ist der südlich vom
Burgberg unmittelbar am Donauufer gelegene Gellért hegy. Seine
Dolomitfelsen erheben sich ca. 130 m steil über die Donau. Weiter entfernt
von der Donau liegen die etwas höheren Erhebungen des Budaer Berglandes.
Der erste Berg von Norden gesehen ist der Hármashatár-hegy
(Dreigrenzberg, 497 m). Dieser Berg besteht überwiegend aus Dolomit, und
aus Dolomit- und Kalkstein ist auch sein nördlicher Ausläufer, der
Csúcs-hegy, aufgebaut, an dessen Fuß sich Mergel und Ton abgelagert
haben. Höchster Punkt der Budaer Berge ist der János-hegy (529 m),
an den sich im Norden der Hárs-hegy (Lindenberg) und im Süden der
Szabadság-hegy (Freiheitsberg) anschließen. Der János-hegy
besteht aus dem so genanntem Dachsteiner Kalkstein. Auf der Pester Seite
sind die Erhebungen, wie bereits erwähnt, unbedeutend. Eine Rolle aber
spielten sie im Jahre 1838, während des großen Hochwassers, als sie der
dorthin geflüchteten Bevölkerung sicheren Schutz boten. Der heutige 18.
Stadtbezirk, das frühere Pestszentlörinc, erhebt sich 142 m über
dem Meeresspiegel, Cinkota fast 200 m und die Hügelkette von
Rákoskert rund 250 m; das Donauufer dagegen liegt durchschnittlich
nur 105 bis 110 m hoch.
Budapest liegt in der gemäßigten Klimazone unseres
Kontinents; deshalb ist das Klima im allgemeinen von angenehmen
kontinentalem Charakter. Statistiken geben an, daß Temperaturen über 30° C
im Jahresdurchschnitt an 20 tagen vorkommen. Die tiefste bisher gemessene
Temperatur betrug -23,4° C. Der wärmste Monat ist der Juli mit seiner
Durchschnittstemperatur von 22° C, der kälteste Monat der Januar mit einem
Mittel von -1,1° C. Die Zahl der Sonnenstunden beträgt im Jahresmittel
1991. Der größte Teil entfällt auf die Monate Mai bis September. Der Wind
kommt überwiegend aus nordwestlicher Richtung. Da die Stadt ziemlich
windgeschützt liegt, sind starke Stürme nur selten. Die
Jahresniederschläge sind verhältnismäßig gering. Im Budaer Bergland liegt
das Jahresmittel bei 650 mm, am Ostrand der Pester Seite bei 550 mm. Zu
Beginn des Sommers gibt es häufig Platzregen und Gewitter.
Bereits die Menschen der Urzeit wussten die
vorteilhaften geographischen und natürlichen Gegebenheiten zu nutzen, die
das Gebiet des heutigen Budapest für eine ständige Ansiedlung geeignet
machten. Obzwar aus der Altsteinzeit (Paläolithikum) nur ein einziger
Fund aus einer Höhle im Budaer Bergland bekannt ist, haben die Archäologen
nur einige hundert Meter südlich der Stadtgrenze, auf der Budaer Seite,
eine größere Siedlung erschlossen, deren Stein- und Knochenrelikte aus dem
12. bis 10. Jahrtausend v.Chr. stammen. Gegenstände aus der Kupferzeit, der
so genannten Badener Kultur, wurden auch auf der Pester Seite gefunden. Im
2. Jahrtausend v.Chr. waren folglich bereits beide Donauufer besiedelt.
Mehrere Urnenfelder aus der Bronzezeit entdeckte man ebenfalls auf dem
Gebiet des heutigen Budapest.
In der frühen Eisenzeit, um 900 v.Chr., kam eine neue
Volksgruppe in diese Gegend und hinterließ gleichfalls viele Urnengräber.
Vom 6. Jahrhundert v.Chr. können Skythen in der Gegend um Budapest
nachgewiesen werden. Dieses durch seine Goldschmiedekunst berühmte
nomadische Reitervolk war aus Gebieten nördlich und östlich des Schwarzen
Meeres herangezogen.
Funde aus der späteren Eisenzeit gehören schon zu
keltischen Stämmen; die bedeutendsten unter ihnen waren die Erawisker
(Eravisker)[e]. Die
Kelten gelangten vom heutigen Territorium Frankreichs im Laufe des 4. bis
3. Jahrhunderts v.Chr. hierher. Als Zentren ihres Stammes können wir die
Gegend um den Gellertberg ansehen. Sie führten die Töpferscheibe ein, und
sie waren die ersten, die auf dem heutigen Gebiet von Ungarn Geld
prägten. Die Erawisker blieben auch unter der Römerherrschaft hier und
nahmen verhältnismäßig schnell Gewohnheiten, Sprache und Kultur der
römischen Eroberer an.
Im Ungarischen Nationalmuseum und im Museum von
Aquincum werden vielfältige archäologische Denkmäler aus jener Zeit
aufbewahrt.
Ungefähr zu Beginn unserer Zeitrechnung eroberten die
Römer das heutige Westungarn, Transdanubien, und nannten ihre Provinz
Pannonien. Zu Anfang des 2. Jahrhunderts teilten sie sie, und die
Hauptstadt von Unter-Pannonien wurde Aquincum, eine Siedlung im heutigen
Óbuda. Das Wort Aquincum ist wahrscheinlich keltischen Ursprungs und
bedeutet soviel wie “ergiebiges, reichliches Wasser”. Anfangs war in der
Stadt nur eine kleine römische Truppe stationiert, vom Ende des 1.
Jahrhunderts an schon eine ganze Legion. Das Militärlager der römischen
Legion befand sich im heutigen Zentrum von Óbuda, am Budaer Brückenkopf
der Árpádbrücke. Zu Beginn des 2. Jahrhunderts nahm der
kaiserliche Stadthalter in der Provinzhauptstadt seinen Sitz. Erster
Stadthalter Unter-Pannoniens war der spätere Kaiser Hadrian. Der Palast
des römischen Stadthalters wurde auf der Óbudai-Insel erschlossen, dir
Reste der Siedlung der Zivilbevölkerung sind auf dem Ruinenfeld beim
Museum von Aquincum zu sehen. Des weiteren bestand in den ersten
Jahrhunderten der römischen Herrschaft eine für den pannonischen
Raum bezeichnende »Oppidum«
der spätkeltischen
Eravisker
(weiterer Beleg) südlich des Gellértberges fort. diese eraviskische Siedlung bildete ein eigenes kulturelles Zentrum. Diese drei
Siedlungen – die Urbevölkerung am Gellértberg, das Militärlager und die
ringsherum erbaute Stadt der Legionäre sowie der Bürger – bildeten
zusammen Aquincum. Die Stadt erlebte seine Blütezeit im 2. bis 3.
Jahrhundert, als die reichen Bürger der Stadt über alle materiellen Güter
verfügten, die der entwickelte Sklavenhalterstaat des Altertums
hervorbringen konnte. Die Römer bauten am rechten Donauufer ein
regelrechtes Wehrsystem aus. In Entfernungen von 1,5 bis 2,5 km finden
wir am gesamten ungarischen Abschnitt der Donau, die damals die Grenze des
römischen Reiches bildete, Wachtürme sowie kleinere und größere Lager. An
strategisch wichtigen Stellen wurden auch am linken Ufer Befestigungen
errichtet, um die auf der linken Donauseite lebenden Völker unter
Kontrolle zu haben.
Mit den übrigen Provinzen des Reiches und den
“barbarischen Völkern” im Donau-Theiß-Zwischenstromland wurde ein
lebhafter Tauschhandel geführt, obwohl es auch mehrfach zu kriegerischen
Auseinandersetzungen kam. Von den Kriegsschäden hat sich Aquincum jedoch
immer schnell erholt. Ende des 4. Jahrhunderts war die militärische Kraft
des römischen Reiches erschöpft, und Aquincum konnte den Angriffen der aus
dem Osten vordringenden Nomaden Völker nicht länger standhalten. Zu Beginn
des 5. Jahrhunderts wurde Aquincum nach einer mit den Hunnen getroffenen
Vereinbarung geräumt.
Auf dem Gebiet von Budapest haben die Archäologen
bisher nur wenige Hunnengräber gefunden. Laut mittelalterlichen Chroniken
wurde die Stadt Buda nach dem Bruder des Hunnenkönigs Attila, der Buda
hieß, benannt. Nach Attilas Tod (453 n.Chr.) zerfiel das Hunnenreich, und
verschiedene germanische Völker, wie die Ostgoten und später die
Langobarden, ließen sich auf dem Gebiet der heutigen ungarischen
Hauptstadt nieder. Vom Ende des 6. Jahrhunderts an hielten die Awaren etwa
zwei Jahrhunderte lang dieses Gebiet in ihrer Gewalt. Um 896 sind Magyaren
über die Karpaten in die Tiefebene der Donau eingedrungen und haben unter
Fürst Árpád das Land besetzt. Die landnehmenden Ungarn - ein Bündnis von
sieben Stämmen - fanden in diesem Gebiet außer den Awaren auch Slawen vor.
Der Überlieferung nach ließ sich Árpád mit seinem fürstlichen Stamm auf
der Csepel-Insel nieder. Die anderen sechs Stämme brachten fast das
gesamte Karpatenbecken unter ihre Herrschaft.
Nach Árpáds Tod regierten Fürsten aus seiner Familie
das Land. Fürst Géza erkannte als erster, daß die Anlehnung an das
Christentum eine unerlässliche politische Bedingung zur Erhaltung des
Ungarntums bildete.
Es war ein Gebot der Zeit, daß die heidnischen Stämme
von ihren abenteuerlichen Beutezügen zur Sesshaftigkeit, zu Ackerbau und
Gewerbe übergingen. Dazu war es notwendig, sich mit den benachbarten
Staaten zu verbünden und sich in die Reihe der christlichen Länder, die
Ungarn umgaben, einzufügen. Deshalb ließ er seinen Sohn taufen, und
Stefan (István) I., später Stefan der Heilige, vollendete das Werk
seines Vaters. Er schuf eine starke zentralisierte Staatsmacht, und zur
Unterstützung der neuen Staatsordnung berief er die katholische Kirche. Der
Einfall der Mongolen unterbrach die Entwicklung. Das aus Asien kommende
Reitervolk brannte 1241 Pest völlig nieder. Der Großteil der Bevölkerung
rettete sich nach Buda, doch im Winter 1241/42 fror die Donau zu, und die
Mongolen konnten den Fluss überqueren.
So plünderten und brandschatzten sie auch
Transdanubien. Weil sie aber die auf den Bergen errichteten Burgen nicht
einnehmen konnten, ließ König Béla IV., der während der Besetzung ins
Ausland floh, aus Furcht vor neuen Einfällen an vielen Orten des Landes
königliche Burgen bauen. Anstelle der ausgerotteten ungarischen
Bevölkerung holte er deutsche Siedler ins Land, der vermutlich der neu
entstehenden Stadt Buda am rechten Donauufer den deutschen Namen Ofen
gaben. Auch das ursprüngliche slawische Wort Pest bedeutet Ofen.
Vermutlich wurde der Name von den Öfen der hier betriebenen Ziegel- und
Kalkbrennereien auf die Stadt übertragen.
Nach dem Tode des letzten Königs aus dem
Árpádengeschlecht und fast zehn Jahre andauernden Thronzwistigkeiten
gelangte das haus Anjou aus Neapel, das durch eine Seitenlinie mit den
Árpáden verwandt war, auf den ungarischen Thron. Karl Robert, der erste
ungarische Anjou-König (1308-1342) residierte zunächst in Viségrad zog
später aber nach Buda, wo sein Sohn Ludwig I. (der Große, 1342 - 1382) auf
dem Burgberg einen Königspalast bauen ließ. Dadurch, daß er Buda das
Stapelrecht verlieh, trat Pest in vielerlei Hinsichten in Budas Schatten.
Der Schwiegersohn von Ludwig dem Großen, Sigismund aus dem Hause
Luxemburg, Sohn des römisch-deutschen Kaisers Karl des IV., nahm als
nächster den ungarischen Thron ein (1387 - 1437). Obwohl er 1410 auch
römisch-deutscher Kaiser wurde, bevorzugte er Buda als Aufenthaltsort.
Unter seiner Regierung wurde der große prachtvolle Königspalast erbaut,
dessen Reste zum größten Teil erst nach dem 2. Weltkrieg durch
archäologische Ausgrabungen ans Tageslicht gelangten. Schon zu seiner
Regierungszeit und besonders unter seinen unmittelbaren Nachfolgern gelang
es den Türken, bis zur südlichen Landesgrenze vorzudringen. 1456 bot
ihnen jedoch János Hunyadi Einhalt, als er bei Belgrad einen
entscheidenden Sieg über das türkische Heer errang.1458 wurde der jüngere
Sohn Hunyadis, Mátyas (Matthias), vom Adel zum König gewählt. Als König
Matthias Corvinus (1458 - 1490) errichtete er eine stabile zentralisierte
Staatsmacht, zügelte den eigenmächtigen Hochadel und organisierte ein
starkes Heer. Unter Matthias I. entwickelte sich Buda zu einem viel gepriesenen Fürstenhof der Renaissance und einem Kultur- und
Kunstzentrum ganz Europas. Um diese Zeit entstand ebenfalls die
weltberühmte Bibliotheca Corviniana, eine der größten Bibliotheken
Europas.
Nach dem Tode von Matthias gelangten die mit dem
Árpádenhaus verwandten polnischen Könige aus der Dynastie der Jagiellonen
auf den ungarischen Thron. Unter ihrer Regierung zerfiel die
Zentralmacht, Streitigkeiten unter den Feudalherren zerrütteten das Land.
Die sich ständig verschlechternden Wirtschaftsverhältnisse und die
zunehmende feudale Ausbeutung führten 1514 zum Ausbruch des
Bauernkrieges, den die Feudalherren am Ende, nach einigen Hochs der
Bauern, die unter der Führung György Dózsas standen, blutig niederschlugen
und sich mit unbarmherzigen Vergeltungsmaßnahmen rächten. In der Folge war
das wirtschaftlich und politisch gleichermaßen geschwächte Land nicht in
der Lage, ein Heer aufzustellen, das dem Vormarsch der Türken Widerstand
entgegensetzen konnte, und das ungarische Heer mußte 1526 bei Mohács eine
entscheidende Niederlage hinnehmen. Bei der Nachfolge um den im Kampf
gefallenen König stellten sowohl der mächtigste ungarische Feldherr,
János Szapolyai, sowie Ferdinand von Habsburg, aufgrund des
Erbfolgerechts, Ansprüche auf den Thron. Einige Wochen nach der
Niederlage wurde auch die Burg Buda von den Türken besetzt, die sich aber
vorerst wieder aus dem Land zurückzogen. 1541 besetzten sie erneut die
Burg Buda; damit begann die Herrschaft der Türken über den gesamten
mittleren Teil des Landes, die 150 Jahre andauern sollte. Der westliche
und nordwestliche Teil Ungarns geriet unter die Herrschaft Ferdinands, im
Osten, in Siebenbürgen, entwickelte sich ein selbständiges Fürstentum. So
zerfiel das Land in drei Teile.
Buda und Pest waren von 1541 bis 1686 in
türkischer Hand. Die Habsburger versuchten mehrmals, die beiden Städte
zurückzuerobern. 1602 gelang es den Habsburgern zwar, Pest einzunehmen,
aber sie konnten die Stadt nur zwei Jahre lang halten. Die wiederholten
Kämpfe brachten den Orten immer neue Zerstörungen und die Verwüstungen.
Während der fast anderthalb Jahrhunderte währenden Türkenherrschaft ging
die Zahl der Bevölkerung erheblich zurück. Die Einwohner verarmten, aber
es lag den Türken nicht daran, die Kaufleute und Handwerker zugrunde
zurichten, denn wen und was hätten sie sonst besteuern sollen. Die meisten
christlichen Kirchen wurden in mohammedanische Moscheen umgestaltet, die
Häuser ließen die Türken verfallen. Nur die Stadtmauern und die
Befestigungsanlagen wurden regelmäßig instand gesetzt. und sogar
erweitert. Prunkvolle Bäder entstanden, von denen mehrere in gutem Zustand
erhalten blieben.1686 wurde sowohl auf Anregung als auch mit materieller
Unterstützung des Papstes Innozenz XI. und in geradezu gesamteuropäischer
Willenseinheit ein christliches Heer zur Rückeroberung von Buda
aufgestellt. Zum Heerführer wurde Karl von Lothringen ernannt. Die
Belagerung dauerte vom 20. Juni bis zum 2. September; während dieser Zeit
gingen die Burg Buda , die Stadt Pest und sogar ein bedeutender Teil von
Óbuda in Trümmer. Die drei Städte waren fast vollkommen entvölkert. Aus
diesem Grunde holten die Habsburger österreichische und deutsche Siedler.
Ende des 17. Jahrhunderts, nach der Vertreibung der
Türken, dehnten die Habsburger ihre Herrschaft auf alle drei Teile des
unter den Türken zerstückelten Landes aus. Buda wurde nicht wieder
königliche Residenzstadt, der König hielt als österreichischer Kaiser in
Wien Hof. Gegen die Herrschaft der Habsburger kam es schon Ende des 17.
Jahrhunderts unter Führung von Imre Thököly, später von 1703 bis 1711
unter Ferenc Rákóczi II. zum bewaffneten Widerstand. Diese
Freiheitskämpfe wurden jedoch niedergeschlagen; Rákóczi mußte in die
Emigration gehen. Maria Theresia (1740 - 1780) erleichterte zwar das Los
der leibeigenen und förderte die Entwicklung der Landwirtschaft, sie
verhinderte aber im Interesse Österreichs die Industrialisierung
Österreichs. Auch der Wiederaufbau der drei Städte ging nur stockend
voran. 1703 wurden Buda und Pest zu freien königlichen Städten ernannt.
Die damit verbundenen Privilegien fanden jedoch nicht die notwendigen
politischen Bedingungen vor, die zu einer Entwicklung des Bürgertums und
zu einem schnellen wirtschaftlichen Aufschwung geführt hätten. In Buda
hatten mehrere wichtige Regierungsämter und das Oberste Gericht ihren
Sitz, die Landtage berief der König aber bis 1790 nach Bratislava
(Pressburg) ein, und noch dazu recht selten. In den Jahrzehnten nach der
Niederwerfung der ungarischen Jakobinerbewegung wurde im Habsburgischen
Reich schon der bloße Gedanke an gesellschaftlichen Fortschritt
unerbittlich verfolgt. Die 1815 zustande gekommenen Heilige Allianz
erstickte jede fortschrittliche Bestrebung im keime. Unter diesen
Umständen kamen fortschrittliche Ideen höchstens in die Literatur, der
Kunst und den Wissenschaften, also auf geistig-kulturellem Gebiet zum Ausdruck. Von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an entwickelten sich
Buda und Pest rascher, und die Bevölkerungszahl nahm in bedeutendem Maße
zu. Der Anteil der ungarischen Bevölkerung vergrößerte sich, und
entsprechend erhielten auch die nationalen Bestrebungen im Bereich Kultur
und Politik größeres Gewicht.
Im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde die
Aufhebung der feudalen Zustände, die die Entwicklung des Bürgertums
hemmten, eine immer dringendere Forderung, und im Landtag sowie auch
außerhalb erklang der Ruf nach Reformen immer lauter. Deshalb wird dieser
Zeitabschnitt der ungarischen Geschichte von 1825 bis 1848 als Reformzeit
bezeichnet.1825 wurde die Ungarische Wissenschaftliche Gesellschaft, der
Vorläufer der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, gegründet. 1837
baute man das erste Gebäude des Nationaltheaters, 1848 wurde das Gebäude
des Ungarischen Nationalmuseums fertig gestellt. Die 1808 ins Leben
gerufenen ›Verschönerungs-Comission‹ leitete die Bauarbeiten entsprechend
den seinerzeit modernen Prinzipien nah festgelegten
Stadtentwicklungsplänen. Erzherzog Joseph, Stellvertreter des Königs und
Palatin von Ungarn, hat (zwischen 1796 - 1847) die Entwicklung von Buda
und Pest wirkungsvoll und mit Einfühlungsvermögen unterstützt.
Das große Hochwasser der Donau im Jahre 1838 richtete
zwar schwere Schäden an, brachte aber gleichzeitig die Möglichkeit, die
alten, baufälligen Gebäude durch neue zu ersetzen und dabei die
fortschrittlichsten Bauprinzipien zu verwirklichen.
Im Ergebnis der Entwicklung des Bürgertums beschritt
die Wirtschaft Anfang des 19. Jahrhunderts, wenn auch noch unter feudalen
Verhältnissen, den Weg zum Frühkapitalismus. Der Schwerpunkt des
Geschäftslebens verlagerte sich von Buda nach Pest, und die
Getreidekonjunktur zur Zeit der Napoleonischen Kriege machte die Stadt
zum Handelszentrum. Eine bedeutende Rolle im wirtschaftlichen Leben
spielten die angesiedelten griechischen, armenischen und jüdischen
Kaufleute.
Zur Zeit der europäischen Revolutionen von 1848 war
auch in Ungarn die Lage für eine Veränderung reif geworden. Ähnlich wie
in anderen Ländern hemmte das hartnäckige Beibehalten feudaler
Verhältnisse die Entwicklung des Bürgertums, doch in Ungarn wurde dieser
Zustand noch durch die mehrfache Unterdrückung der Nationalitäten
verschlimmert.
Die Österreicher unterdrückten die Ungarn, aber
gleichzeitig herrschten die Ungarn über die hier lebenden rumänischen und
Serbokroatischen Minderheiten. Da ein entwickeltes Bürgertum fehlte,
stellte sich der liberal denkende Adel an die Spitze der
fortschrittlichen Bewegungen. Am 15. März 1848 brach die Revolution aus.
Zu ihren Forderungen gehörten die Abschaffung der Leibeigenschaft,
Gleichheit vor dem Gesetz, Pressefreiheit, Abzug des fremden Militärs und
Bildung einer unabhängigen ungarischen Regierung. Unter dem Druck der
sich in ganz Europa der entfaltenden Freiheitsregungen und infolge des
Wiener Volksaufstandes war die kaiserliche Regierung zunächst gezwungen,
die ungarischen Forderungen zu erfüllen. Unter dem Vorsitz von Graf Lajos
Batthyány wurde eine dem Landtag verantwortliche ungarische Regierung
gebildet. Einige Monate später jedoch versuchten die Habsburger, mit Hilfe
der kroatischen Truppen des kaiserlichen Feldherrn Josip Jelacic die
bereits gewährten Freiheitsrechte wieder rückgängig zu machen. Nach der
Niederschlagung des Wiener Aufstandes entbrannte ein offener Kampf
zwischen der österreichischen Regierung und den Ungarn, die sich zu den
Aufständischen in Wien bekannt hatten. Der Freiheitskampf von 1848/49, den
die ungarische Nation unter der politischen Führung von Lajos Kossuth
führte, wurde vom ganzen Volk getragen. Auch fortschrittliche Kräfte
anderer Nationen eilten den Ungarn zu Hilfe. Der bewaffnete Kampf verlief
mit wechselndem Erfolg. Zu Beginn des Jahres 1849 war die ungarische
Regierung infolge der österreichischen Übermacht gezwungen, Buda und Pest
zu räumen. Am 21. Mai konnten die siegreichen Honvédtruppen die Burg Buda
zurückerobern, aber bald darauf fiel sie wieder in die Hände der
Österreicher. Als die Habsburgischen Absolutisten schließlich russische
Zarentruppen zu Hilfe riefen, mußte der ungarische Freiheitskampf unter
der mehrfachen Übermacht scheitern. Auf die Niederlage folgte eine
kaiserliche Willkürherrschaft, der die langsam erwachende ungarische
Nation nur mit passivem Widerstand zu begegnen wusste.
Da ein Teil der bürgerlichen Reformen nicht mehr
rückgängig gemacht werden konnte, setzte trotz allem eine allmähliche
wirtschaftliche Entwicklung ein. Die Habsburger suchten – im Angesicht
verschiedener internationaler Verwicklungen und weil die Niederschlagung
des inneren Widerstandes ihre Kräfte überstieg – mit der ungarischen
herrschenden Klasse einen Weg des Ausgleichs. Letztere hatten mit schweren
materiellen Schwierigkeiten zu kämpfen, und versprach sich von einem
Kompromiss mit den Habsburg-Dynastie wiederum Anleihen und
wirtschaftlichen Aufschwung. Durch Vermittlung von Ferenc Deák, des
Politikers des mittleren Adels, kam es schließlich 1867 zum Ausgleich mit
dem Kaiser. Franz Joseph (1848 - 1916) wurde noch im selben Jahr in der
Matthiaskirche auf der Budaer Burg zum ungarischen König gekrönt. Damit
kam auf dualistischer Basis die Österreichisch-Ungarische Monarchie
zustande.
Der Ausgleich verwirklichte zwar nicht die
bürgerlichen Freiheitsideale von 1848, er brachte aber eine
verhältnismäßig ruhigere politische Atmosphäre und begünstigte die
wirtschaftliche Entwicklung. War Pest schon zu diesem Zeitpunkt Zentrum
der Industrie und des Handels gewesen, so förderte die Vereinigung von
Buda, Pest und Óbuda 1873 noch den Prozess der Aufschwungperiode des
Frühkapitalismus. Die neue Hauptstadt entwickelte sich sehr schnell. Ihre
Einwohnerzahl betrug bei der Vereinigung 300.000 und um die
Jahrhundertwende schon 733.000; bis 1910 wurde Budapest die achtgrößte
Stadt von Europa. Nach dem Zusammenschluss legte man ein einheitliches
Straßen- und Kanalisationsnetz an und führte die zentrale Gas- und
Wasserversorgung ein. 1887 fuhr die erste Straßenbahn, und 1896 die
Millenniumsfeierlichkeiten zum 1000jährigen Jubiläum der Staatsgründung
begannen, nahm die erste Untergrundbahn des Kontinents ihren Betrieb auf.
1902 war der Bau des Parlamentsgebäudes beendet. In Budapest entwickelten
sich die größten Industriebetriebe des Landes: Eisengießereien,
Maschinenfabriken, Elektrizitätswerke, Schiffswerften, Textilwerke, usw.
Um die Jahrhundertwende entstanden der größte Teil der Budapester
Wohnhäuser, öffentlichen Gebäude und die meisten Donaubrücken. Die
Jahrzehnte brachten allerdings auch die Barackenwohnungen und
Elendsviertel der Arbeiter hervor. Infolge des Kapitalisierungsprozesses
verschärften sich die gesellschaftlichen Widersprüche, hinzu kam die
Unzufriedenheit der nichtungarischen Nationalitäten. Die Arbeiter- und
Bauernmassen begannen sich zu organisieren, woraus der Allgemeine
Arbeiterverein 1868, die Allgemeine Arbeiterpartei Ungarns 1880 und die
Sozialdemokratische Partei Ungarns 1890 resultierten. In Budapest kam es
zu Streiks und Demonstrationen, besonders hervorzuheben wäre die
Demonstration vom 23. Mai 1912, die auf die brutalste Weise
niedergeschlagen wurde (“Blutroter Donnerstag”).1914 trat Ungarn als Teil
der Österreichisch-Ungarischen Monarchie in den Weltkrieg ein, der nicht
nur viele Menschenleben kostete, sondern dem Volk auch schweres
wirtschaftliches Unheil brachte: Inflation, Lebensmittel- Knappheit und
zunehmendes Elend. Am Ende führte dies dann zum Zerfall der Monarchie und
zur Lahmlegen des weiteren Ausbaus der Hauptstadt. In dem Maße, wie sich
die militärischen Niederlagen der Alliierten häuften, erstarkte in den
Ländern der Monarchie die revolutionäre Antikriegsbewegung. Auf dem
Höhepunkt dieser revolutionären Situation besetzte bewaffnete Arbeiter
und Soldaten am 31. Oktober 1918 die strategisch wichtigen Punkte des
Landes und verhalfen der bürgerlich-demokratischen Revolution zum Sieg. Eine Koalitionsregierung wurde gebildet, deren Präsidentschaftsamt
Graf Mihály Károlyi übernahm, der, nachdem der ungarische König Karl IV.
abdankte, am 16. November als Präsident die Republik ausrief.
Zu groß war der Druck aus dem Ausland, zu
gefährdet die territoriale Integrität des Landes und zu ausweglos die
wirtschaftliche Zerrüttung, so daß die Regierung gezwungen war, am 21.
März 1919 abzudanken. Die mit der Sozialdemokratischen Partei vereinigte
Kommunistische Partei übernahm jetzt die Führung Ungarns und proklamierte
die Räterepublik. Damit eröffnete sich die Möglichkeit zur
wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Neubelebung des ganzen Landes.
Von den viel versprechenden Plänen konnte nur wenig verwirklicht werden,
da ein Bündnis der reaktionären Kräfte des In- und Auslandes die
Räterepublik nach 133 Tagen zu Fall brachte. Die unter der Führung von
Miklós Horthy an die Macht gelangte Konterrevolution stellte die alte
halbfeudale Ordnung wieder her und führte einen Vernichtungsfeldzug gegen
die fortschrittlichen Kräfte.
Inmitten der Schwierigkeiten, die aus dem verlorenen
Krieg und der Wirtschaftskrise Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger
Jahre resultierten, konnten die Vertreter dieser politischen Richtung
weder dem Land noch der Hauptstadt zum Aufschwung verhelfen. Die Zahl der
Arbeitslosen nahm zu, die Bevölkerung lebte zu großen Teilen unter dem
Existenzminimum. Die nach dem weißen Terror sich langsam wieder
organisierende Arbeiterschaft brachte ihre Verbitterung in Demonstrationen
zum Ausdruck und forderte menschlichere Lebensbedingungen.
Die in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre
einsetzende Konjunktur brachte eine Belebung der Bautätigkeit in
Budapest, der aber der Krieg wieder ein Ende setzte. Das immer mehr zum
Faschismus neigende System sicherte nur der herrschenden Klasse und dem
Großbürgertum wirtschaftliche Vorteile, die große Masse der Bevölkerung
lebte im Elend, und dieser Zustand wurde durch die
Verantwortungslosigkeit der Politiker, die 1941 Ungarn an der Seite
Hitlers in den Krieg stürzten.
Als die Hitlertruppen am 19. März 1944 die Hauptstadt
besetzten, gab es keine Existenzsicherheit mehr. Die Faschisten
verfolgten nicht nur Kommunisten, sondern auch bürgerliche Antifaschisten
und demokratisch gesinnte Kriegsgegner. Die jüdische Bevölkerung sowohl
aus der Provinz als auch aus den Städten wurde deportiert bzw. andernfalls
in Gettos gesperrt. Ein Teil der herrschenden Klasse und später auch der
Reichsverweser Horthy sahen zwar, daß das Bündnis mit den Faschisten das
Land in den Ruin stürzte und wollten aus dem Krieg austreten, doch ohne
dabei die sowjetfeindliche Haltung und ihre eigene Macht aufgeben zu
müssen. Nach langwierigen Unterhandlungen kam es schließlich am 15.
Oktober 1944 zu einem schlecht vorbereiteten Versuch, für Ungarn einen
Waffenstillstand herbeizuführen. Die Folge war, daß Horthy und seine
Regierung von den deutschen verhaftet wurden und die ungarischen
Nationalsozialisten (Pfeilkreuzler) die Macht übernahmen. Es folgten
sinnlose Niedermetzeleien an den Ufern der Donau, der hemmungslose,
blutige Terror beherrschte die Stadt.
Die deutsche Heeresleitung und die ihr hörigen
ungarischen Faschisten, weigerten sich Budapest zur offenen Stadt zu
erklären und sich zu ergeben, obgleich dies die einzig richtige
Entscheidung gewesen wäre, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden. So
wurde Budapest zum Kriegsschauplatz und geriet an den Rand der völligen
Zerstörung. Angebote der Sowjettruppen, die Deutschen sollten sich
ergeben, um wenigstens die Stadt verschonen, wurden ignoriert.
In den Kämpfen wurden somit auch zahlreiche Gebäude
stark beschädigt bzw. ganz zerstört. Im Burgviertel, in dem sich die
deutschen Truppen in letzter Instanz verbarrikadierten, blieb kein
einziges Gebäude verschont. Nachdem die Sowjettruppen am 18. Januar 1945
die Pester Seite eingenommen hatten, zerstörten die deutschen Truppen auf
ihrem Rückzug sämtliche Donaubrücken, obwohl sie auch bereits auf Budaer
Seite eingekesselt waren. Buda und somit die ganze Hauptstadt wurde
schließlich am 13. Februar 1945 befreit.
Der auf die Befreiung folgende Zeitabschnitt brachte
entscheidende, demokratische Veränderungen für das ganze Land, so auch für
das Leben in Budapest. Zu den ersten Aufgaben gehörte es, die Stadt von
den Trümmern zu räumen, normale Lebensverhältnisse zu schaffen und die
Produktion wieder in Gang zu bringen. Am 1. August 1946 trat die neue
Währung, der Forint, in Kraft, womit eine der größten Inflationen der
Weltgeschichte ihr Ende fand. Den Wiederaufbau leitete die Ungarische
Kommunistische Partei, und der mit dem 1. August 1947 beginnende
Dreijahresplan schuf die Grundvoraussetzungen für den sozialistischen
Aufbau. Als erstes wurde der Boden der großen Güter an randlose arme
Bauern aufgeteilt, dann erfolgte die Verstaatlichung der Banken,
Kohlengruben und Großbetriebe. Am 20. August 1949 trat die Verfassung der
Ungarischen Volksrepublik in Kraft, die alle Macht dem werktätigen Volke
gab. Am 1. Januar 1950 wurden einige Vorstädte und kleinere Randsiedlungen
der Hauptstadt angeschlossen und gleichzeitig die Stadtbezirke neu
eingeteilt. Es entstand Groß-Budapest, eine Großstadt mit 2 Millionen
Einwohnern. Jedoch unterliefen der Regierung einige wirtschaftliche und
politische Fehler, die die reaktionären Kräfte nutzten, so daß dies im
Herbst 1956 zur Konterrevolution und gleichzeitig zu erneuten schweren
Schäden führte. Die neu organisierte Partei, die Ungarische Sozialistische
Arbeiterpartei, zog die notwendigen Konsequenzen und förderte mit
entschiedenen und wirksamen Maßnahmen die Konsolidierung. Im Rahmen des
Wohnungsbauprogramms wurden von 1960 bis 1975 im ganzen Land 1 Million
Wohnungen gebaut, davon 187.000 in Budapest, außerdem errichtete man
zahlreiche neue öffentliche Gebäude (Schulen, Bürohäuser, Hotels). Die
nahe Budapest führenden Europa- und Landesstraßen wurden kontinuierlich
ausgebaut und durch ein System von Unter- und Überführungen erweitert.
Gleichzeitig mit der technischen Modernisierung der ersten 1896 in
Betrieb genommenen Untergrundbahn wurde 1973 die Ost-West-Linie und
zwischen 1979 und 1985 die Nord-Süd-Linie der Metro fertig gestellt.
Der öffentlich-rechtliche und administrative Status
der Hauptstadt wird durch ein besonderes Gesetz geregelt, das für die
Stadt eine weitgehende Selbstverwaltung festlegt. Oberstes Organ ist der
Hauptstädtische Rat, dessen Mitglieder – ebenso wie die Mitglieder der
Stadtbezirksräte oder die Parlamentsmitglieder – auf 5 Jahre gewählt
werden. Vollzugsorgan des Hauptstädtischen Rates ist das Exekutivkomitee
mit einem Vorsitzenden an der Spitze. Seine Rolle und Befugnisse
entsprechen im allgemeinen denen eines Bürgermeisters. Die einzelnen
Fachressorts werden von Hauptabteilungsleitern geführt.
Verwaltungsmäßig ist Budapest in 22 Bezirke
eingeteilt. Die Verwaltung der Stadtbezirke liegt ebenfalls in den Händen
von Räten, an der Spitze der Exekutivkomitees der Stadtbezirksräte
amtieren Vorsitzende, und Fachressorts sind im großen und ganzen die
gleichen wie beim Hauptstädtischen Rat.
Das Parlament, heutiger Sitz des Staatspräsidenten,
der Ministerpräsidenten und des Parlamentspräsidenten, steht an
tagungsfreien Tagen der Bevölkerung und Touristen zur Besichtigung offen.
Auch die offiziellen Staatsempfänge finden im Parlamentsgebäude statt. Das
Gebäude wurde in den „goldenen Zeiten“ Ungarns zwischen 1885 und 1904, als
das Land im Frieden mit Österreich verbunden war, von dem Architekten und
Professor für Technik Imre Steindl erbaut. Dabei ergaben sich besondere
Schwierigkeiten, da sich das Fundament (5 m dick, 20.000 m² groß) auf
sumpfigem Untergrund befindet. Dementsprechend „leicht“ mußte der Palast
selbst sein, weshalb man zum Beispiel auf den schweren natürlichen Marmor
verzichtete und auf leichten Kunstmarmor, bestehend aus Ölen,
Nadelbaumharzen und Pferdehaaren, zurückgriff. Erstaunlicherweise misst
das Gebäude dennoch in der Länge 268 m, in der Breite bis zu 123 m und am
höchsten Punkt 96 m und beinhaltet 691 Zimmer an der Zahl.
Für den Bau war kein finanzielles Limit gesetzt, nur
die Bedingung, alle Materialien müssten aus Ungarn stammen, war gestellt.
Daraufhin wurden 40 kg 24 karätigem Gold zur Verzierung von Säulen,
Treppengeländern und Figuren verwendet, die berühmtesten Maler der Zeit
schmückten im Freskostil Wände und Kuppeln, hier wären besonders das „Glory
für Ungarn“, die Darstellung des höchsten Gerichts und dazwischen das
Abbild von Krone und Zepter zu erwähnen, an die tausend Fenster wurden von
Hand bemalt und 4 schwedische Säulen, derer Art nur 12 auf der ganzen Welt
existieren (die übrigen 8 befinden sich im Westminster von London),
eingefügt.
Die Räumlichkeiten sind grundsätzlich in drei
Hauptabschnitte zu unterteilen: Oberhaus, Unterhaus und Kuppelsaal, der,
mit seiner Höhe von 26 m, die besonders durch 15 Keraminfiguren, Abbilder
der bedeutendsten Personen der Geschichte Ungarns, hervorgehoben wird, das
Zentrum des Bauwerkes bildet, um das sich alle restlichen Räume
symmetrisch anordnen. Dieser im Renaissancestil gehaltene Teil des
Parlamentes wurde als einziger im 2. Weltkrieg zerstört, jedoch war seine
Rekonstruktion bereits 1946 abgeschlossen.
Das Oberhaus – es hat seine ursprüngliche politische
Funktion verloren – kann man heute für Kongresse mieten. Man erreicht es
über ein Vorzimmer, in dem sich der größte handgeknüpfte Teppich Europas
befindet, welcher aufgrund des aristokratischen Oberhauses blau ist.
Ferner kann man in dem Vorzimmer Holzfiguren finden, die die damaligen
typischen Berufe Ungarns zeigen. Das Oberhaus, im »neogotisch-neobarockem
Stil« gehalten, bietet Platz für 220 Abgeordnete, die im Halbkreis um
das Plenum sitzen, dessen Hintergrund die Wappen ungarischer
Herrschergeschlechter (Árpád- und Habsburger-Dynastie) bilden. Die Decke
dieses Raumes besteht aus den edelsten Holzarten wie Nuss, Mahagoni und
Eiche, sowie zahlreichen Goldeinarbeitungen. Sowohl Unter- als auch
Oberhaus, die sich beide haargenau gleichen, sind nach englischen Vorbild
konstruiert.
Das Esszimmer, aufgrund der zahlreicher
Landschaftsbilder umbenannt in „Jagdzimmer“, dient heute wieder seinem
eigentlichen Zweck, dem Speisen und Trinken der Abgeordneten in
Tagungspausen. Die Freskos an den Wänden stellen unter anderem die vier
ältesten Burgen Ungarns dar, wovon sich heute aber nur noch eine im
ungarischen Staatsgebiet befindet, die Restlichen als Folge der
Friedensvertragklauseln an Rumänien, die Slowakei und Tschechien
abgetreten werden mussten.
Noch einige allgemeine Angaben zum Parlament:
Im ganzen Gebäude befinden sich 6 hydraulische
Fahrstühle, die aus Rosenholz gearbeitet sind.
Alle Uhren im Haus werden durch eine Zentrale im
Keller geregelt, was nicht bedeutet, daß alle Uhren genau gehen, aber
dann wenigstens alle gleich falsch gestellt sind.
Das Heizungssystem wird über einen Brunnen
reguliert und ähnelt einer heutigen Fußbodenheizung; im Sommer wird die
warme Luft durch Eiskammern geleitet, die diese dann kühlen und
auffrischen, im Winter wird die kalte Luft in eine Art Sauna geleitet, die
ihr Wasser durch einer Art Fontäne aus dem besagten Brunnen bezieht.
Als Buda Hauptstadt des Landes und königliche
Residenz wurde, entwickelte es sich auch zum Zentrum der Kultur. 1472
eröffnete András Hess in Buda seine Druckerei, eine der ersten Druckereien
Überhaupt. Zu dieser Zeit unterrichteten bereits Dominikaner
Hochschulunterricht, der aber unter der Herrschaft der Türken eingestellt
wurde. 1777 wurde die Universität von Tyrnau (Tschechei), die 1635
gegründet worden und zu diesem Zeitpunkt einzige im ganzen Land war, nach
Buda und von dort 1784 nach Pest verlegt. Daß sich die Universität in Pest
befand und hier die Professoren und eine zunehmende Zahl von Studenten
ihre wissenschaftliche Tätigkeit entfalteten, spielte im Leben der Stadt
und bei der Verbreitung von Wissenschaft und Kultur eine bedeutende Rolle.
Heute gibt es zwar in mehreren Städten Ungarns
Universitäten oder Hochschulen (im ganzen Land sind es fast 60
Hochschulinstitutionen), doch der größte Teil der Hochschuleinrichtungen
ist nach wie vor in Budapest konzentriert; darunter befinden sich
bedeutende Ausbildungsstätten der Kunst, die Hochschulen der Musik, für
Bildende Kunst, für Kunstgewerbe und für Schauspielkunst.
Auf Initiative von Graf István Széchenyi wurde 1825
die Wissenschaftliche Gesellschaft gegründet. Aus ihr ging die Ungarische
Akademie der Wissenschaften hervor, deren Tätigkeit heute alle
Wissenschaftsteile umfasst. Die Akademie gliedert sich in 10
Fachabteilungen, die ferner durch zahlreiche Forschungsinstitute, die
neben theoretischen Fragen verschieden Probleme untersuchen, die auf die
Bedürfnisse der Volkswirtschaft zurückgehen, ergänzt werden. Daneben gibt
es noch annähernd 50 weitere Forschungsinstitute in der Hauptstadt.
Die Literatur war im Mittelalter fast ausschließlich
in lateinischer Sprache abgefasst. Aus dem 13. bis 15. Jahrhundert sind nur
wenige zusammenhängende ungarische Texte religiösen Inhalts erhalten. Die
Spracherneuerungsbewegung im Interesse der Entwicklung einer ungarischen
Nationalsprache eröffnete der Literatur Ende des 18. Jahrhunderts neue
Perspektiven. Diese aus der Intelligenz kommende Bewegung verfolgte das
Ziel, sich von der vom Wiener Hof angestrebten Verdeutschung und von der
deutschen Amtssprache unabhängig zu machen, die Nationalsprache neu zu
beleben, eine ungarische Literatursprache zu entwickeln und diese als
Ausdrucksmittel für die höchsten literarischen und wissenschaftlichen
Gedanken einzusetzen.
Bald erschienen die ersten ungarischsprachigen
Romane, literarische Jahrbücher und Zeitschriften. Fremdsprachige
Literatur wurde in das ungarische übersetzt, eine selbständige ungarische
Theaterliteratur entfaltete sich, und 1837 wurde das aus öffentlichen
Spenden Pester Ungarische Theater eröffnet.
Den Ideen der 1848er Revolution und ihres großen
Lyrikers Sándor Petöfi ist es zu verdanken, daß in der Literatur die
volkstümliche Richtung in den Vordergrund rückte.
In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen schlossen
sich die Besten der bürgerlichen Kultur im ungarischen PEN-Club und in der
János-Vajda-Gesellschaft zusammen. Einige so genannte literarische
Kaffeehäuser entwickelten sich zu echten schöpferischen Werkstätten, in
denen Schriftsteller, Dichter und Kritiker zusammenkamen, diskutierten
und oft auch ihre Werke schrieben, wie z.B. im Café New York (nach dem 2.
Weltkrieg bis zur »Wende«: Café Hungária).
Seit 1945 ist der Ungarische Schriftstellerverband
der Mittelpunkt des literarischen Lebens im Lande. Das internationale
Ansehen des Ungarischen PEN-Clubs ist gestiegen. Abgesehen von einigen
Provinzzeitschriften befinden sich heute alle Buchverlage in Budapest.
Sie geben jährlich mehr als 90 Millionen Bücher sowie namhafte
Zeitschriften, Tageszeitungen, Wochen- und Monatsblätter heraus.
Budapest ist gleichzeitig das Zentrum der ungarischen
Filmproduktion und des Ungarischen Rundfunks und Fernsehens.
1802 wurde in Pest die Széchényi-Nationalbibliothek
gegründet, die seither alle in Ungarn erscheinenden und auf Ungarn
Bezug nehmenden Druckerzeugnisse sammelt.
Die Budapester wissenschaftlichen Zentral- und
Fachbibliotheken, wie zum Beispiel die Universitätsbibliothek, die
Parlamentsbibliothek, die Bibliothek der Akademie der Wissenschaften, die
Pädagogische Zentralbibliothek und Dokumentationszentrale, und andere,
halten die gesamte Fachliteratur des wissenschaftlichen und kulturellen
Lebens bereit. Ihr reichhaltiger fremdsprachiger Buchbestand steht auch
Ausländischen Forschern und Lesern zur Verfügung. Außerdem stehen noch
zahlreiche Betriebsbüchereien für die allgemeine und fachliche
Weiterbildung zur Verfügung.
Die archäologische und historische Sammlung des
Ungarische Nationalmuseums gibt einen Überblick über die Geschichte
Ungarns von den Prähistorischen Zeiten bis fast zur Gegenwart. Im Museum
der Bildenden Künste, in der Ungarischen Nationalgalerie und im
Kunstgewerbemuseum findet der Besucher weltberühmte Meisterwerke der
ungarischen und europäischen bildenden Künste und des Kunstgewerbes.
Außerdem gibt es in Budapest spezielle Museen für Ethnographie,
Landwirtschaft, Handel und Gaststättengewerbe, Arbeiterbewegung,
Kriegsgeschichte, Literatur und Naturwissenschaften.
Ein ausgedehntes und breit gefächertes Schulwesen
bildet die Grundlage für die Allgemeinbildung. In Ungarn ist der Abschluss
der achtklassigen Grundschule für alle Kinder obligatorisch, danach
können sie in Gymnasien, Fachoberschulen oder Berufsschulen weiter lernen.
Die Erwachsenenqualifizierung vollzieht sich im Rahmen von Abend- und
Fernkursen.
In der außerschulischen Volksbildung kommt der
Gesellschaft zur Verbreitung Wissenschaftlicher Kenntnisse eine
bedeutende Rolle zu. Sie organisiert populärwissenschaftliche Vorträge und
Studienexkursion. Zahlreiche Kulturzentren und Kulturhäuser geben
Zehntausenden Gelegenheit zur Weiterbildung und kulturellen
Freizeitgestaltung.
Noch einige Worte zum ungarischen Musikleben, zu dem
Budapest ebenfalls seit einem Jahrhundert das Zentrum bildet:
Anfang diese Jahrhunderts legten einige engagierte
Zeitgenossen den Grundstein zu einem weit gespannten Musikschulnetz mit
der Gründung der Musikhochschule, die heute unter der jüngeren Generation
mehrere hervorragende Komponisten und Vortragskünstler hervorbringt und
somit ihr hohes Bildungsniveau unter Beweis stellt. Auch das bedeutendste
Orchester Ungarns, die Ungarische Nationalphilharmonie, hat ihren Sitz in
der Hauptstadt. Regelmäßig finden zudem Wettbewerbe mit internationalem
Ruf statt.
Auf dem Gebiet des heutigen Budapests läßt sich
künstlerisches Wirken fast zehntausend Jahre zurückverfolgen. Die
handgeformten und mit eingeritzten Ornamenten verzierten Tongefäße aus dem
Neolithikum können wir bereits als erste kunstgewerbliche
Schöpfungen bezeichnen. Vor annähernd 4000 Jahren entstanden reich
gemusterte Gefäße der »Glockenbecher-Kultur«, sowie in den
folgenden Kulturen der Bronzezeit formenreiche Keramiken. Die aus dem 2.
Jahrtausend v.Chr. stammenden Metallgegenstände, wie Haarnadeln,
spiralförmige Anhängsel und Fibeln, dienten der Goldschmiedekunst später
als Vorbild.
Die frühe Eisenzeit (9. bis 5. Jahrhundert
v.Chr.) brachte ebenfalls Keramik- und Metallgegenstände hervor, die
ungefähr zu Beginn unserer Zeitrechnung in diesem Gebiet mit den Kelten,
der Töpferscheibe und den darauf entstandenen Tongefäßen abgelöst wurden;
heute sind Materialien aus den urgeschichtlichen Kulturen im Ungarischen
Nationalmuseum oder im Burgmuseum zu bewundern.
Die Römerzeit (1. bis 5. Jahrhundert) führte
dann die Zeiten der Wandmalereien und Statuen ein, die im Gegensatz zu den
Kapitellen, Stuckgesimsen und Mosaikfußböden eher provinziellen Charakter
hatten. Die meisten Wandmalereien sind im Museum von Aquincum anzusehen
ebenso wie einige Werke der Bildhauerei aus Stein, Bronze und Ton und
einer Anzahl reliefverzierter Grabmäler.
Aus der Zeit der Völkerwanderung sind
besonders die Goldschmiedekünste von künstlerischem Wert, deren beste
Arbeiten von den Hunnen, Awaren, Langobarden und landnehmenden Magyaren
stammen.
Schöpfungen der bildenden Kunst sind erst aus dem
12. Jahrhundert erhalten geblieben. Die wohl bekanntesten Stücke
dieser Epoche, die ungarische Königskrone, das Zepter und der
Krönungsmantel sind allesamt wie eine Auswahl an zuvor genannten Künsten
in Nationalmuseum ausgestellt.
Der romanische Stil, von dem noch einige
Steinmetzarbeiten und Goldschmiedewerke erhalten sind, erlebte seine
Blütezeit in Ungarn im großen und ganzen bis zum Mongoleneinfall 1241.
Eine größere Anzahl an Kunstwerken hinterließ die
Gotik in Budapest, zu sehen an zahlreichen Gebäuden des Burgviertels.
Besonders charakteristisch sind die gotischen Sitznischen an den
Toreinfahrten vieler mittelalterlicher Häuser in diesem Viertel.
Ursprünglich war auch die Matthiaskirche im gotischen Stil gebaut, jedoch
wurde beim Umbau um die Jahrhundertwende eher auf den spätgotischen Stil
des 14. und 15. Jahrhunderts zurückgegriffen bzw. einige Details fielen
ganz weg.
1974 entdeckte man bei Restaurierungsarbeiten auf
dem Gelände des Königspalastes in der Burg von Buda fast 40 mehr oder
weniger gut erhaltene gotische Skulpturen, die auch aus europäischer Sicht
von weittragender Bedeutung sind. Die schwungvollen, individuell
gestalteten Kunstwerke vermitteln einen hervorragenden Eindruck von
Trachten und Kleidung der damaligen Zeit und genießen einen hohen
Seltenheitswert aufgrund ihrer profanen Darstellungen.
Ebenfalls im Burgmuseum zu sehen, ist der
Renaissance-Schmuck des Budaer Burgpalastes, in Form von
Marmorarbeiten, Fußboden- und Ofenkacheln, die zum Teil restauriert sind.
Als fast vollkommen unversehrt erhaltene Baudenkmäler der Türkenzeit
sind das Rudasbad und das Király-Bad zu nennen, zu denen es
nördlich und westlich europaweit keinen Vergleich gibt. Erhalten ist auch
eine türkische Grabkapelle aus dem 16. Jahrhundert, die Türbe des
Derwischs Gül Baba auf dem Rózsadomb, die eins ein namhafter
Wallfahrtsort des Islam war und heute wieder von vielen besucht wird.
Als die Christen 1686 Buda und Pest zurückeroberten,
fanden sie fast nur Trümmer vor. Deshalb ist sowohl Buda wie Pest
verhältnismäßig arm an Bauzeugen aus dem Mittelalter und der Renaissance.
Der Wiederaufbau begann in größerem Umfang im 18. Jahrhundert, doch die
Gebäude wurden nun natürlich dem damaligen Bauempfinden entsprechend nicht
im Original-, sondern im Barockstil wiederhergestellt. Zahlreiche
schöne Barocke Kirchen und Wohnhäuser legen Zeugnis ab von der Kunst der
hier ansässigen Meister. Sehenswert sind vor allem die St.-Annen-Kirche
und die ehemalige Kirche der Elisabethinerinnen[**] auf der Budaer Seite
sowie die Universitätskirche in Pest.
[**]
»Elisabethinerinnen,
auch Elisabethinnen oder Elisabethinen
(Schwestern v.d. hl. Elisabeth) sind seit im Mittelalter Schwestern
franziskanischer Prägung, die sich in der Nachfolge der hl. Elisabeth von
Thüringen sozial-karitativen Aufgaben (v. a. der Krankenpflege) widmen.«
(
http://www.orden-online.de/wissen/e/elisabethinerinnen/ )
Monumentalster Pester Barockpalast ist das Rathaus,
Sitz des Hauptstädtischen Rates, das in der ersten Hälfte des 18.
Jahrhunderts als Kriegsversehrtenheim entstand. Das Kisceller Museum und
die Ungarische Nationalgalerie besitzen reiche Sammlungen barocker
Bildhauerwerke, Malerei und Bauplastik aus Buda und Pest. In Óbuda wurde
die Architektur und Bildhauerei mit lokalen Elementen bereichert,
repräsentativste Beispiele sind die Óbudaer Pfarrkirche und das einstige
Schloss Zichy.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dominierte
in der ungarischen Kunst der Klassizismus, der sich die klaren,
strengen Formen des klassischen Altertums zum Vorbild nahm. Dies war die
Zeit, in der das ungarische Nationalbewusstsein erwachte, wodurch
auch die Bautätigkeit begünstigt wurde; so entstand zum Beispiel das
Ungarische Nationalmuseum, heute als schönstes klassizistisches Bauwerk
in Budapest angesehen.
In den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen
Jahrhunderts setzte sich die Romantik in der Baukunst durch,
während der klassizistische Stil weiter lebte. Miklós Ybl, ein
hervorragender ungarischer Architekt aus der zweiten Hälfte des vorigen
Jahrhunderts, verwendete bei einer reihe von öffentlichen und
Privatgebäuden vor allem italienische Renaissance- und frühbarocke
Stilelemente, bestes Beispiel wohl seine Konstruktion des Opernhauses.
Die Millenniumsfeierlichkeiten zum Ende des vorigen
Jahrhunderts, die vielen groß angelegten Veranstaltungen anlässlich der
Tausendjahrfeier der ungarischen Landnahme, begünstigten ganz besonders
die historisierende Stilrichtung.
Das neogotische Parlament, ein Werk von Imre Steindl,
bestimmt gewissermaßen das gesamte Stadtbild. Ödön Lechner unternahm um
die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert den interessanten Versuch, einen
ungarischen inspirierten Baustil zu entwickeln. Beispiele dafür sind das
Gebäude des Kunstgewerbemuseums und das Haus der ehemaligen Postsparkasse,
heute der Ungarischen Nationalbank.
Damit begann in Budapest die Zeit der Sezession
(des ungarischen Jugendstils), die die Stadt in den ersten
Jahrzehnten unseres Jahrhunderts mit zahlreichen Gebäuden bereicherte.
Diese aus Wien kommende Stilrichtung machte im Gegensatz zu der früheren
historisierenden Richtung die Verwendung von Eisenbeton und
Glaskonstruktionen möglich, die auch heute noch modern wirken.
Hervorragendster Vertreter dieses neuen, Stofflichkeit und Funktionalität
betonenden Baustils war zu Beginn des Jahrhunderts Béla Lajta. Jedoch
setzten ihm und seinen zeitgenössischen Nachfolgern in ihren
Bauunternehmungen der Zweite Weltkrieg jäh ein Ende.
Die Entwicklung der Bildhauerei, die früher
hauptsächlich auf den kirchlichen Bereich beschränkt blieb und nicht
wesentlich über das Steinmetzniveau hinausging, nahm sozusagen mit István
Ferenczy zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Anfang und erreichte in den
romantischen Werken von Miklós Izsó einen Höhepunkt. Die Bildhauerwerke
auf öffentlichen Plätzen, die Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, sind
im allgemeinen im Stil des Akademismus gehalten.
Der neobarocke Stil stand in der Bildhauerkunst bis
zum Ende des Zweiten Weltkriegs in der Blüte, so stammen viele große, für
Budapest zum Wahrzeichen gewordene Werke aus jener Zeit. Aber alle hier
bereits genannten und viele Dutzende Künstler mehr fanden wahre
Anerkennung und Achtung für ihre Künste erst nach der Befreiung Ungarns im
Jahre 1945.
Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte der neue,
demokratische Geist eine entscheidende Veränderung in allen Zweigen der
ungarischen bildenden Kunst, was sich besonders deutlich in Budapest
abzeichnete. Ende der vierziger Jahre, Anfang der fünfziger Jahre wurden
die modernen Richtungen zwar vorübergehend von einer erzwungenen,
neoklassizistischen Kunstauffassung des »sozialistischen Realismus« bzw.
der »stalinistischen Ornamentik« (»Zuckerbäckerstil« wie er sich im ganzen
Ostblock in repräsentativen Gebäuden durchsetzte) zurückgedrängt, doch
Ende der fünfziger Jahre konnten sie sich bereits wieder relativ frei
entfalten. Das Kádár-Regime nahm wenig Einfluss auf die Kunstausübung,
solange sie keine grundsätzlich systemgefährdende Rolle spielte.
Und obwohl im Städtebau die neuen großen Wohnviertel
mit den Hochhäusern in Plattenbauweise, schnell errichtet, um die
drängende Wohnungsnot des schnell wachsenden Budapest zu mindern, der
schöpferischen Phantasie wenig Spielraum lassen, zeugen doch einige
Gebäude vom Talent der ungarischen Architekten der Gegenwart. Seit Mitte
des 20. Jahrhunderts brachte Ungarn keinen außergewöhnlichen Maler mehr
hervor, jedoch werden in unregelmäßigen Abständen die Werke der
ungarischen Gegenwartsmaler, zeitgenössischen Bildhauer und
Kunstgewerbler in der Budapester Kunsthalle, einer Reihe von Galerien und
Ausstellungsstücken quer über den Stadtbereich verteilt, sowie der
Ungarischen Nationalgalerie ausgestellt.
Verfasser: Axel Schütte
Der Balaton ist das größte stehende Wasser Ungarns
und auch Mitteleuropas. Der See wird auch »Ungarisches Meer« genannt,
obwohl er in keinerlei Zusammenhang mit dem Binnenmeer steht, das um Ende
des Tertiärs das Pannonische Becken überflutete.
Das Grabenbecken des Balatons ist ganz jung. Es
entstand am Ende des Pleistozäns im südlichen Vorland des Bákonys durch
stufenweise Senkungen entlang von südwest-nordöstlicher Brückenlinien. Die
Wasserflüche des Balatons beträgt rund 600 km². Der See ist 77 km
lang und an der breitesten Stelle 14 km breit. Im Vergleich zu seiner
Größe ist das Seebecken sehr seicht. Der Durchschnitt liegt bei 3-4 m; die
größte Tiefe, 11 m, misst man im so genannten Tilhanger Brunnen.
Die Wasserfassung des Balatons ist infolge seiner
geringen Tiefe nicht groß (1800 Mill./m ). Auf der gewaltigen Fläche
verdunstet jedoch mehr Wasser, als die Mengen die er durch den
Niederschlag wieder erlangt.
Die Wasserzufuhr wird besorgt durch den Fluss Zalen
und die am Nordufer heimischen Bäche. Der Wasserstand des Balaton ist
schwankend.
Die Wassertemperatur des Sees steht im engen
Zusammenhang mit dem Klima seiner Umgebung. Im Sommerhalbjahr herrscht das
kontinentale Klima vor, während zum Ende des Sommers und Anfang des
Herbstes, vor allem im südwestlichen Teil, das mediterrane Klima seine
Wirkung ausübt. Einen Grund dafür bilden die zeitweilig eindringenden
ozeanischen Luftmassen.
Diese gelangen zumeist über das Bakonygebirge als
Sturmwind zum Balaton und verursachen zeitweilig stürmisches Wetter. Der
vorherrschende Nordwestwind erreicht die Balatongegend über das bewaldete
Bakonygebirge.
Darum ist die Luft um Nordufer staubfrei und nur
mittelmäßig feucht. Der Wind bewirkt am Balaton 3 Arten der
Wasserbewegung:
Die Wasserströmung wird zumeist durch den Nordwest-Wind
verursacht. Der Wind drückt das Wasser am Nordufer herab und schwellt es
an das Südufer. Zur Wiederherstellung des Gleichgewichtszustandes strömt
das Wasser am Seeboden wieder zurück.
Der Balaton ist ein Heilbad, und sein Wasser ist von
therapeutischer Wirkung wie z. B. die Kohlensäure- Bäder um Nordufer oder
das schwefel- und radiumhaltige Thermalwasser. Das Klima der Seegegend
spielt eine wesentliche Rolle hierbei; zudem ist der See sauerstoffreich,
sanft laugig und kalkhaltig.
Die Umgebung des Balatons ist landschaftlich sehr
abwechslungsreich. Das Nordufer ist von dem Vorderland des Balatongebirges,
dem terrassenartig aufgebauten Balatonoberland, umrahmt. Durch das
Balatonoberland zieht sich eine lückenlose Triasschichtreihe, die noch dem
inneren des Gebirges Li um 10°–20° einfällt und unmittelbar am Ufer sich
an ein kristallines Grundgebirge anlehnt. Dieses letztere ragt auch noch
im Verlauf des Alttertiärs an Stelle des heutigen Seebeckens und davon
weiter südlich bis zum Mecsekgebirge empor. Seine Überreste sind am
Nordufer des Balatons in 80-100 m Tiefe zu finden.
Geht man am Nordufer des Balatons vom Seebecken aus,
so durchquert man eine sich sanft erhebende, von Flusstälern durchfurchte
doppelte Terrainstufe. Diese einstige Abrasionsterrasse nennt man die
Balatonriviera. Der Abhang am Nordufer des Balatons, im Windschatten des
Bakonygebirges, hat mit seinen Weinbergen und Obstgärten einen
mediterranen Charakter.
Von der Balaton Riviera führt ein steiler Abhang zum
eigentlichen Balatonoberland über. Das Hochplateau von Nagyvazsony
Veszprem bildet dessen östlichen und nordöstlichen Teil. Es besteht
hauptsächlich aus kahlem Dolomit. Die Landschaft in der Westhälfte des
Balaton-Oberlandes hat einen anderen Charakter. Hier tritt verkarstender
Kalkstein an Stelle des Dolomit, zudem sind die ausgedehnten Basaltdecken
typisch für die Gegend. Im weiteren Tapolcaer Becken reihen sich
voneinander gesondert die kugelförmigen oder abgestumpften Zeugenberge
mit Basaltdecken bis an das Seeufer. Im Norden erhebt sich der Harlop
(361m), in der Mitte des Beckens der Sankt Georgsberg (414m) und am Rande
des Beckens befinden sich Hajages, Csobány, Gulács und Totohegy. Am
Südrund des Beckens, unmittelbar am Ufer des Balatons, ragt der massige
sargförmige Badascony, der das Landschaftsbild des Balaton-Oberlandes am
markantesten zeichnet.
Ein Kleinod des Balatons ist die Halbinsel Tihany.
Ein Teil ihrer Fläche ist aus Basalttuff aufgebaut, der im Laufe der
Postvulkanischen Tätigkeit von hungerten von Geysiren und heißen Quellen
durchbrochen wurde. Man findet auf den Hügeln auch heute noch an die
hundert Überreste der einstigen Gebirgskegel, nämlich kleine Hügel aus Hydroquarzit. Auf Grund ihrer Flora und ihrer Baudenkmäler ist die
Halbinsel zu einem Schutzgebiet erklärt worden.
Viele Touristen, die nach Ungarn reisen lieben den
Balaton. Westliche Urlauber haben ihn vor Jahren als Billig-Paradies
entdeckt und manche kommen seitdem jedes Jahr zum Campen. Selbst
Budapester reisen fürs Wochenende aus der Hauptstadt an, Intellektuelle
wie Arbeiter.
Die Hochsaison-Wochen sind von Juli bis August. In
dieser Zeit verdrängt die Zahlungskraft der Besucher aus den
deutschsprachigen Ländern die ungarische Landessprache. Die Gasthäuser
haben deutsche Namen und klassische deutsche Gerichte werden geboten.
Oftmals kommen so viel Urlauber in kleine Städtchen, daß diese
Menschenzahl das vier- oder fünffache der Einwohnerzahl ist. Zu diesem
Zeitpunkt fühlen sich die Einwohner oftmals nicht wohl in ihrem Städtchen
und bleiben meistens zu Hause.
Das Leben am Balaton ist für die Einheimischen recht
teuer. Den amtlichen Angaben zufolge liegen die Lebenshaltungskosten am
Balaton um rund 30 Prozent über dem Landesdurchschnitt, denn die meisten
Restaurants und Cafes kassieren Sonderpreise.
Die Plattenseeregion erwirtschaftet gut ein Drittel
der Fremdenverkehrseinnahmen des Landes. Rund sechs Millionen Touristen
kamen 1988 zum Balaton. Diese starke Konzentration aller Reisenden ist
ein großes Problem der Region, denn die Menschen sind auf den begrenzten
Raum zusammen drängt, vor allem an den wenigen eintrittsfreien Stränden,
die nicht zu einem Hotel, Erholungsheim gehören oder im Privatbesitz sind.
Umweltaktivitäten sind für das Touristengebiet
Balaton sehr nötig, vor allem wegen den tausenden von Tonnen Sonnenöl, die
Jahr für Jahr von Urlaubern ins Wasser getragen werden. Deswegen ist es
ein Glück, das die Urlaubssaison nur so kurz ist. Die Wasserqualität des
Sees hat sich zwar durch verstärkte Kontrollen und des Baus von
Kläranlagen verbessert, jedoch werden im Westzipfel immer noch
bedrohliche Werte gemessen. Wegen der strengen Wasserschutzvorschriften
wurde das Befahren des Sees mit motorisierten Sportbooten seit 1976 verboten. Allerdings treten immer noch ökologisch alarmierende Schäden auf,
durch den Ausbau der Ferienorte rund um den Balaton und deren nicht
umweltfreundlichen Entwässerungsanlagen, sowie durch künstliche
Düngemittel, die im Bereich der Uferzone angewendet worden sind.
Quellenangaben:
-
Grieben, Reiseführer, Band 228, »Ungarn«. Hrsg. :
Grieben Verlag GmbH, München
-
Schroeder Reiseführer »Ungarn« von
Bronja Weierstahl. Bruckmann KG, München, 1989
-
»Ungarn«. Hrsg. : Matthias Meisner. VSA-Verlag, Homburg, 1990
-
»Die Geographie Ungarns« von M. Pecsi
und W. Sárfálvi. Corvina Verlag
-
»Ungarn – Landschaft, Geschichte, Kultur« von Herbert
Gottschalk. Verlag W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart, 1970
Die Burg war ursprünglich Sitz des Albert des IV,
später der Königschaft. Es ist eine Festung in Buda, auf einer Travertin-Kalkschicht aufgebaut wurde. Durch diese eben Kalkschicht war
die Festung unabhängig, sie verfügte über eine eigene Wasserversorgung.
Sie befindet sich an der schmalsten Stelle der Donau,
wodurch das Überqueren des Flusses verhältnismäßig leicht war. Durch den
II. Weltkrieg (Zerstörungen) fanden Ausgrabungen statt, wobei man
herausfand, daß die Travertin-Schicht 13 km lang ist, und ein natürliches
Höhlensystem darbietet, das sich besonders als Schatzkammer oder
Lebensmittellager eignete. Während der Verteidigung der Burg im Krieg
flüchteten die ungarischen Soldaten in das Höhlensystem, wodurch sie für
die Angreifer nur schwer erreichbar waren.
Die Fischerbastei stellt einen großen musealen Wert
dar, sie befindet sich unter Denkmalschutz und war bis zum Ende des
zweiten Krieges Goldkammer der ungarischen Regierung. Dort befanden sich
auch das »Herz« der ungarischen Energieversorgung, sowie das
Forschungszentrum der Akademie.
Die Fischerbastei umfasst ein 8 km. langes
Uferschutzsystem, es spielt keine besondere Rolle in der Stadtgestaltung,
allerdings besitzt sie einen großen touristischen Wert.
Verfasser: Rita Taureck und Wojciech Grohn
»Budapest«
Das 525 km² große Budapest besitzt eine typische
Geographie für ungarische Großstädte, die Einteilung der Viertel erfolgte
nach Nationalitäten. Seit 1950 entstand Großbudapest, doch bereits nach
Ende des II. Weltkrieges wurden Vororte, sowie mehrere kleinere
Ortschaften zum alten Stadtkern hinzugezogen. Durch starke Unterschiede
zwischen den Innen- und Außenbezirken ergaben sich bis heute noch nicht
gelöste Probleme; die gut ausgebaute Kanalisation, Wohnfläche und
Infrastruktur der Innenstadt konnte in den Außenbezirken nur unzureichend
oder gar nicht übernommen werden. Durch die unzureichend ausgebaute
Kanalisation im höher gelegenen Ostteil der Stadt gelangen die ungeklärten
Abwasser durch die Gesteinsschichten in das Grundwasser, und auf Grund der
Fließrichtung unter die Innenstadt, damit verbunden die Verschlechterung
der Trinkwasserqualität (siehe Protokoll »Wasserwerk«).
Das Problem des mangelnden Wohnraums wurde in den
50er Jahren, zur Zeit der Re-Industrialisierung, durch Aufteilung
vorhandener Wohnkapazitäten versucht zu lösen
(aus 1 mach 2). Eine weitere Maßnahme zur Reduzierung
von Neuansiedlungen waren administrative Beschränkungen, wonach nur
diejenigen eine Wohnberechtigung erhielten, die einen Arbeitsplatz in
Budapest vorweisen konnten, angesichts des hohen Arbeitskraftbedarfs keine
Seltenheit. Anfang der 60er erreichte die Wohnungsnot einen neuen
Höhepunkt, so daß die damalige Regierung eine schnelle Lösung finden mußte,
weshalb die in der DDR bewährten Plattenbauten am Stadtrand errichtet
wurden. In den ausgewiesenen Wohnvierteln entstanden 50.000 neue
Wohneinheiten, während in den östlichen Randgebieten die dörfliche
Struktur erhalten blieb.
Hohe Miet- und Grundstückspreise ließen im Laufe der
Zeit die Wachstumsquote der einzelnen Wohnviertel stagnieren.
Um die Stadtentwicklung Budapests nachvollziehen zu
können, sollte man einen Rückblick auf die Besiedlung während der
römischen Besatzungszeit werfen.
Schon damals war die Donau (Duna) ein wesentlicher
Bestandteil des alltäglichen Lebens, sie diente den Römern als natürliche
Grenze zu ihren Nachbarn (Limes). Die größte Gefahr seitens dieser
Barbaren bestand darin, daß die Eisbildung im Schatten des 150 Meter
hohen Budaer Berges einen Angriff ermöglichte, waren doch die
Brückenköpfe der Römer gut befestigt.
Die damals errichteten Handelsstraßen der Römer,
bestehend aus vulkanischen Gestein (Basalt), der aus einer 40km entfernten
Mine gewonnen worden ist, bilden auch noch im heutigen Ungarn die
Grundlage der Hauptverkehrswege. Selbst eine über weite Strecken
verlaufende Route über Aquincum an der Donau entlang, von den Römern
geplant und verwirklicht, dient als Grundlage für die jetzige
Straßenführung. Um die Bevölkerung und die Armee mit genügend Trinkwasser
versorgen zu können, ließen die Römer eine 20km lange Wassertrasse bauen,
Teile dieser Konstruktion sind derzeit auch noch zu sehen. Um 110 n.Chr.
endete die Vorherrschaft der Römer, damit auch der Ausbau der Handelswege
und Handelszentren. Dafür kamen um 555 n.Chr. die Magyaren und besiedelten
die Gebiete an der Donau.
Zu diesem Zeitpunkt waren Buda und Pest noch zwei
unterschiedliche und selbständige Siedlungen. Erst 1873 kam es zu einer
Vereinigung dieser verhältnismäßig stark bevölkerten Lebensräume.
Bedeutend für diese Gegend waren die naturgeographischen Begebenheiten,
zum einen war und ist die Donau in dieser Gegend am schmalsten (nur bis zu
300m), weshalb an dieser Stelle auch die Elisabethenbrücke gebaut worden
war, zum anderen treffen in dieser Region die Bergzone und das so genannte
Flachland aufeinander, was eine Verknüpfung zweier wesentlicher
Wirtschaftsräume der damaligen Zeit war. Ein weiterer Grund für die
enorme Expansion Budapests und der Umgebung war die Nähe zu großen
Kalksteinreserven (20 - 25km), die über mehrere hundert Jahre hinweg für
Häuserbau und ähnlichem, wie das Parlamentsgebäude, abgebaut wurden;
große Steinminen befinden sich im heutigen XXII. Bezirk Budapests.
Die durch den Abbau entstandenen Hohlräume und die
natürlichen Höhlen wurden in der Zeit der k.u.k. Monarchie wiederentdeckt,
ihre neue Nutzung bestand aus der Beherbergung der größten Bierbrauerei
des Landes, sowie in anderen Höhlen das Weinkombinat, da in den
Gesteinsschichten die Temperatur und Luftfeuchtigkeit relativ konstant
blieben.
Ein großer negativer Aspekt der Höhlensysteme in vier
Städten war die Bebauung von Areal, worunter sich ein solcher
Höhlenkomplex befand. Die Folgen dieser Bebauung war der Einsturz mehrerer
Häuser in den 60er Jahren.
Durch die Industrialisierung bekam der Export von
Lebensmitteln einen wesentlichen Aufschwung, hervorgerufen durch die
Versorgungslage der 50 Mio. Einwohner des »k.u.k.-Reiches«, wonach
Österreich, Tschechei, Slowakei und Ungarn, sowie etwa 1/2 des heutigen
Rumäniens, vor allem 150km² Transsilvanien, kleinere Teile von Jugoslawien
und Teile des heutigen Kroatiens und der Westukraine zu diesem Reich
gehörten.
Durch die große Produktionsmenge zur Ernährung dieser
Bevölkerung, kam es dann auch ziemlich schnell zu einer Überproduktionen,
die auf dem Westeuropäischen Markt dankenden Absatz fanden. Die
Hauptstandbeine waren Mehl, Wein; Bier und Konserven jeglicher Art. Die
meisten der Betriebe waren in der Hand von so genannten Industriebaronen,
die ein großes Industriegebiet erbauten, um in der Rüstungsindustrie
genügend Potential zu schaffen. Es entstand die zweit größte
Waffenproduktion, die jemals in der k.u.k. vorkam. In Zahlen bedeutet
dies, daß bis Ende des I .Weltkrieges ungefähr 30.000 Bürger in der
Waffenproduktion angestellt waren.
Nach dem Ende des I. Weltkrieges und der 2/3 Teilung
Ungarns waren die großen Produktionsstätten in erheblicher Beweisnot, um
ihr Dasein zu begründen, weshalb zum Auffangen der kommenden Arbeitslosen
ein neuer wirtschaftlicher Schwerpunkt festgelegt wurde, die
Textilindustrie. Nach dem Verbot der Rüstungsindustrie kam es erneut zu
Engpässen in der Arbeitsplatzzahl.
Wurde Budapest schon bei den Römern als
infrastruktureller Mittelpunkt des Landes gesehen, so entwickelte sich
diese Stadt immer mehr zu einem Vorbild für ganz Ungarn. Liefen nicht nur
alle Fernstraßen durch Budapest, sondern war auch die erste Eisenbahnlinie
Teil eines umfassenden Aufbauprogramms. Sämtliche Eisenbahnlinien und
Hauptverkehrswege des Landes führten radial auf die Stadt zu, da hier
unter anderem auch die einzige nennenswerte Eisenbahnbrücke Ungarns stand.
Die heutige Problematik der Stadt Budapest ist vor
allem von den Menschen selbst gemacht, da das Abwasser in die Donau
geleitet wird und dadurch sind die Bewohner im Süden auf Grund der
Fließrichtung der Donau den Gerüchen ausgesetzt, während der Wohnungsbau
im sauberen Norden der Stadt stetig expandiert. Zur Zeit der DDR, war
Budapest noch ein Treffpunkt der Ostdeutschen untereinander, sowie der
einzige Weg, um sich mit Westdeutschen Verwandten zu treffen, ohne
irgendwelche Repressalien in Kauf nehmen zu müssen.
Als zukunftsträchtiges Projekt ist der Ausbau des
Schienennetzes zu betrachten, da es in Ungarn auf Grund geringer Distanzen
keinen Inlandsflugverkehr gibt.
Verfasser: Robert Waldmann, Tillmann Wege
Die im 19. Jahrhundert von den Österreichern erbaute
Zitadelle auf dem St. Gellert-Berg diente diesen zur Verteidigung gegen
das ungarische Volk. Der aus der Besetzung resultierende
Wirtschaftszusammenbruch wurde im Jahre 1867 durch österreichische
Zugeständnisse an Ungarn beendet.
Neben der Zitadelle wurde die Freiheitsstatue von
Ungarn gebaut, die eigentlich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als
»Befreiungsdenkmal« Ehrenmal der sowjetischen Armee war und erst nach der
politischen Wende 1989/90 unter Entfernung der sowjetischen Insignien und
Inschriften zu einem allgemeinen Freiheitsdenkmal umgewidmet wurde.
In der Nähe des Gellert-Berges entstand ein elegantes
Wohnviertel, in dem heute Botschaften, Privatbanken und »Residenzen« der
neuen reichen Oberschicht ihren Sitz haben. Um dieses auf den Budaer
Bergen liegende Viertel erreichen zu können, baute man eine Zahnradbahn,
da die Steigung für normale Straßenbahnen zu groß war.
Daneben entstand nach dem Zweiten Weltkrieg auf den
Höhen der Budaer Berge die »Pioniereisenbahn«, die von der
Pionierorganisation der ungarischen Parteijugend in der Zeit der
Volksrepublik, die ähnlich wie die FDJ in der DDR aufgebaut war, gewartet
und betrieben wurde – als große und begehrte Auszeichnung und Ehre für die
Jugendlichen, die dafür ausgesucht wurden. Jetzt ist sie aber
privatisiert, da die ungarische Jugendorganisation nach der politischen
Wende aufgelöst worden ist und zudem heute zu wenig Geld für die
staatliche Jugendarbeit zur Verfügung steht.
Obwohl sich am Rande dieses Viertels das zentrale
Kerntechnische Forschungsinstitut Ungarns befindet, das 1957 von der
Sowjetunion gebaut und ausgerüstet und jetzt durch westliche Firmen
modernisiert wurde, sind die Budaer Berge ein attraktives touristisches
Ausflugsziel.
Am Fuße der Budaer Berge fließt die Donau, die sich
mehrfach an Inseln verzweigt; an ihren Ufern sind viele Sanatorien mit
internationaler Bedeutung an den dort entspringenden Heilquellen zu
finden. Die Donau teilt die Stadt in die Seiten Buda und Pest. Die
Donaubrücken, die die beiden Stadtseiten verbinden, wurden im Zweiten
Weltkrieg zerstört, später aber wieder im alten Stil aufgebaut; nur die
Elisabethen-Brücke erhielt eine neue moderne Form.
Die alten römischen Siedlungsgebiete auf der Budaer
Seite, deren ältester Teil das Militärlager im heutigen Obuda war, wurde
im Lauf der Zeit durch eine bedeutende Bürgerstadt, Aquincum, ergänzt.
Zum Militärlager gehörte das größte Amphitheater der
damaligen Siedlung mit 16.000 Plätzen, dessen Fundamente aus Stein, dessen
Zuschauertribünen und Bühnenaufbauten aber aus Holz bestanden. Das
Steinfundament ist heute wieder ausgegraben worden.
Die Funktion dieser antiken Siedlung, in der 6.000
Soldaten, z.T. mit ihren Familien, und 30.000 Zivilisten lebten, bestand
in der Bewachung des Limas, um das Eindringen der »Barbaren« in das
Römische Reich zu verhindern.
Wegen des starke Bevölkerungswachstums nach dem
Zweiten Weltkrieg wurde in Obuda (= »Alt-Buda«) im Bereich der römischen
Militärstadt ein großes Neubaugebiet mit »Wohnsilos« gebaut, die die
ursprünglichen kleinen, alten Wohnhäuser verdrängten, was heftige
Diskussionen und Proteste auslöste. Beim Bau dieser »Wohnsilos« fand man
dann immer mehr römische Ruinen, die man als Denkmäler erhielt und die den
Kontrast dieses Gebietes verdeutlichen.
Daran lässt sich auch erkennen, daß sich das
Oberflächenniveau seit der römischen Siedlung vor rund 2000 Jahren durch
Schutt- und Bodenaufschüttungen um mehr als 2 Meter angehoben hat.
Auf der Ebenen Seite von Budapest, in Pest, befindet
sich als eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Heldenplatz, der
in kommunistischer Zeit auch als Truppenaufmarschplatz diente und im
Seitenbereich mit einem Lenin-Denkmal ausgestaltet war, das sich jetzt im
»Statuenpark« am Stadtrand in Richtung Budaörs befindet.
In der Mitte des Platzes ist das Grab des
Unbekannten Soldaten zu sehen, das des Öfteren Ziel von ausländischen
Staatsbesuchern ist.
Den inneren Platz umgibt halbkreisförmig eine zur
Milleniumsfeier der Landnahme Ende des 19. Jahrhunderts erbaute
Ehrengalerie mit den überlebensgroßen Bronzestatuen der Ungarischen
Helden, nach denen der Heldenplatz (Hösök tér) benannt ist, der alten
Könige und der Siebenbürger Freiheitskämpfer. Reliefs stellen die
ungarischen Stämme der Landnahme, die heroischen Stationen der
ungarischen Geschichte und die Symbole der ungarischen Nation dar.
Im letzten Jahrhundert wuchs die Stadt beträchtlich.
Deshalb wurden die Stadtmauern beseitigt und statt dessen die Straßenzüge
des »Kleinen Ringes« gebaut. 1840 wurde der Westbahnhof (Nyugati p.u.) vom
französischen Ingenieur Eiffel gebaut, von dem auch der Eiffelturm in
Paris stammt. Um 1880 folgte der Bau des Abwassersystems unter dem kleinen
Ring, das auch heute noch genutzt wird, die planmäßige Stadterweiterung
über den kleinen Ring hinaus und der Bau des Ostbahnhofs (Keleti p.u.),
der wie der Westbahnhof heute als bedeutendes Baudenkmal unter
Denkmalsschutz steht.
Der Abwasser-Hauptsammler unter dem kleinen Ring
verursachte einige Probleme beim Bau der ersten Budapester U-Bahn, die
zur Milleniumsfeier und der Eröffnung der Ungarischen
Nationalausstellung im neu gestalteten »Stadtwäldchen« fertig gestellt
werden sollte. Es stand zwischen der Straßenoberfläche der Prachtallee
vom Stadtzentrum (Donauufer und Deák-tér) zum Heldenplatz (der heutigen
Andrássy út) und der Oberkante des Abwasserkanals nur ein Raum von ca. 3 m
zu Verfügung, was das Maß für die Konstruktion der Tunnelanlagen und der
Wagen dieser ältesten U-Bahn auf dem europäischen Kontinent werden sollte.
Später, nach 1965, wurde die Strecke der Metro-Linie 1 noch durch das
Stadtwäldchen hindurch verlängert. Wegen der geringen Höhe hatte (und hat)
diese U-Bahn spezielle Wagen, die man wegen der vorne und hinten über die
Drehgestelle emporgebogenen Stahlträger, die den Wagenkasten tragen, auch
»Schwanenhalswagen« nennt — Vorläufer unserer heutigen ganz modernen
Niederflurwagen mit einem Mitteleinstieg nur wenige Zentimeter über der
Schienenoberkante. Diese U-Bahn ist soeben sorgfältig erneuert und in den
alten Stationen im Jugendstil der Jahrhundertwende restauriert worden; die
Wiedereröffnung fand an unserem letzten Wochenende in Ungarn statt, so daß
einige von uns noch am Montag Nachmittag nach unserer Rückkehr nach
Budapest die Gelegenheit zu einer ersten »Einweihungsfahrt« nutzten.
Verfasser: Helene Isaak, Bettina Bruns,
Christiane Leyhe
Nach einer gemeinsamen Stadtrundfahrt endete das
offizielle Programm und der Nachmittag wurde zur freien Verfügung
gestellt.
Ein Teil der Gruppe besuchte dann das Széchenyi-Heil-
und Freibad, welches im Stadtwäldchen, an der Südseite des Heldenplatzes
liegt. Der imposante kuppelgekrönte Bau entstand in den Jahren 1903-1913
und wurde später vergrößert.
Der Eintritt einer Gruppe ab 10 Personen kostete 200
Forint. Im Preis enthalten war eine Badekappe, die notwendig war für eins
der drei Becken.
Das Heilwasser des Bades stammt aus einem 1250 m
tiefen artesischen Brunnen und hat eine Temperatur um 700ºC. Es ist heilwirkend bei Rheumatismus, Magen- und
Darmkrankheiten, Nervenleiden u.v.a. Das Freibad hat Becken mit warmen,
lauwarmen und kalten Wasser. Das Széchenyi-Bad gehört zu den beleibtesten
Bädern Budapests. An diesem Nachmittag waren hauptsächlich ältere Leute in
dem warmen Becken; teilweise spielten sie Schach am Rand. Die Angestellten
waren sehr nett und hilfsbereit und verhalfen den Besuchern zu einem
netten, erholsamen Aufenthalt.
Verfasser: Anke Döscher
Ungarns Lage in der Mitte Europas ist ideal gute
Handelsbeziehungen und wirtschaftlichen Aufschwung, doch die ungarische
Wirtschaft ist geprägt von 50 Jahren Sozialismus. Durch das damals
fehlende Leistungs- und Motivationsprinzip blieb der Fortschritt auf der
Strecke, verursacht durch den damaligen Absatzmarkt in den
Ostblockländern, der keine fortschrittlichen Produkte und
Produktionstechniken erforderte.
Der Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion hatte
weit reichende Konsequenzen für die ungarische Wirtschaft, vor allem für
exportorientierte Unternehmen. Durch einen Verlust von etwa 75% der
Absatzmärkte im Ostblock, mußten sich diese Unternehmen nun den harten
Bedingungen des Weltmarktes unterwerfen .
Früher unter János Kádár gab es offiziell keine
Arbeitslosigkeit und keine Inflation. Aber die Kommunisten haben es gut
verstanden, wie man mit der Statistik und mit der Aufnahme von
ausländischen Krediten die Wirklichkeit verschieben kann. Die schwere
Erblast des alten Regimes ist Realität und Ungarn befindet sich heute
unumkehrbar auf dem Weg zur kapitalistischen Marktwirtschaft. Erst nach
der Systemumkehr wurde es offenkundig, daß die geerbte Schuldenlast um
Milliarden jene Summe übertrifft, die bis dahin bekannt war. Seit der
Gründung der neuen Regierung flossen mehr als 50% aller ausländischen
Investitionen in den ehemaligen sozialistischen Ländern nach Ungarn.
Trotzdem gilt das Land als positives Beispiel, wenn es um die ehemaligen
kommunistischen Länder geht. Experten geben Ungarn eine gute Chance, aus
der tiefen Krise herauszukommen, die durch das vom Sozialismus vererbte
Elend bedingt ist. Die plötzliche Massenarbeitslosigkeit in Ungarn hat
zwei schwerwiegende Ursachen. Einerseits den Zusammenbruch des
sozialistischen Wirtschaftssystems, durch den Ungarn einen Großteil seiner
Märkte verlor und anderseits durch den Übergang zur Marktwirtschaft, die
Herausbildung einer neuen Eigentümerschaft und die Privatisierung.
Modernisierung und Rationalisierung sowie die Anwendung modernerer
Technologien trugen zu einer Steigerung der Arbeitslosenquote bei.
Durch die Umstellung zur Marktwirtschaft verringerte
sich der Eingriff der Regierung in die Wirtschaftsprozesse deutlich.
Zugleich erhöhte sich die Rolle der Arbeitnehmer und Arbeitgeber auf dem
Arbeitsmarkt. Doch an der Versorgung der Arbeitslosen ist der Staat
weiterhin maßgeblich beteiligt. Durch die hohe Arbeitslosigkeit
verschlechterten sich die Lebensumstände, was die Sozialpolitik wiederum
vor große Aufgaben stellt.
Nach Schätzungen des statistischen Zentralamtes
erreichen 15% der Beschäftigten und ca. 10% der Rentner das
Existenzminimum nicht. 1992 lebte etwa ein fünftel der Bevölkerung unter
dem Existenzminimum. Etwa 200.000–300.000 Menschen leben in Ungarn unter
erbärmlichen Verhältnissen. Das soziale Netz kann sie im Moment noch nicht
auffangen.
In den letzten 5 Jahren entwickelte das Land ein
Programm zum Aufbau von neuen Handelsbeziehungen und ist immer auf der
Suche nach neuen Investoren. Geschulte billige Arbeitskräfte und eine
akzeptable Infrastruktur wirken Investorenfreundlich. Diese sind auch
nötig, da die Reserven des Landes durch die hohe Staatsverschuldung
erschöpft sind. Das Haushaltsdefizit von 30 Milliarden Dollar ist Ungarns
größtes Problem, wegen des schnellen Zinsanstiegs, der das Land innerhalb
von 10 Jahren 5 weitere Milliarden Dollar kostet.
In den 70er und 80er Jahren erhöhte sich der
Energieverbrauch auf das Zehnfache und somit erhöhte sich auch die
Staatsverschuldung durch Energieimporte. Deshalb entwickelte der Staat ein
aktives Sparprogramm zur Schuldeneindämmung nach innen und außen, um die
Wirtschaft zu stabilisieren und um den wichtigen Bildungs- und
Gesundheitssektor zu sichern.
Gute natürliche Gegebenheiten ermöglichen Ungarn das
Betreiben der Agrarwirtschaft, auch kristallisiert sich Ungarn als
Computerbasis im Ostblock heraus und erschließt sich somit einen neuen
zukunftsträchtigen Industriezweig.
Im Allgemeinen kann sich Ungarn mit einer friedlichen
Systemänderung glücklich schätzen und anders als Serbien oder die Ukraine
dort ansetzen, wo der Sozialismus endete.
Das wichtigste Ziel Ungarns ist es, ein
»vollwertiges« wirtschaftliches Mitglied in (West-)Europa zu werden.
Verfasser: Michael Schmidt, Philipp Maske
Der Vortrag im Wasserwerk wurde referiert von
Josef Tronberg. Der Referent versuchte, uns damit einen Gesamteindruck von
der Wasserversorgung in Budapest zu geben. Budapest gewinnt 75 - 80%
seines Trinkwassers aus dem Grundwasser. Es werden pro Tag ca. 10.000 qm
Trinkwasser gewonnen. Die Gebiete in denen Grundwasser gefördert wird,
sind einmal im nördlichen und südlichen Teil von Budapest. Hierbei wird
das nördliche Förderungsgebiet vorgezogen, weil dort das Grundwasser noch
einen sehr hohen Reinheitsgrad besitzt. Das bedeutet es muß nicht extra
chemische gereinigt zu werden. In dem südlichen Gebieten sind die Ufer
zunehmend mit Schadstoffen verschlammt, die sich im Grundwasser ablagern.
Um das Wasser von Eisen und Mangan zu reinigen, hat man in Radzawar ein
Werk für die Reinigung des Trinkwasser gebaut. Da die Kapazität aber nicht
ausreichte wurde in Lieda ein größeres Wasserwerk gebaut, was eine
Kapazität von über 10000 qm Wasser pro Tag. Eine andere Art der
Wasserversorgung ist der Gebrauch von Donauwasser bei
Grundwasserknappheit. Das Problem dabei ist aber folgendes, daß das
Donauwasser chemisch gereinigt werden muß und so sehr viel teuer ist als
normales Grundwasser. In den letzten 4 - 5 Jahren hat sich der
Wasserverbrauch um 300.000 qm verringert. Dieses ist mit den zahlreichen
Schließungen von Betrieben nach 1989 zu erklären. Vor 1989 lag der
Wasserbedarf bei über 1.000.000 qm Wasser pro Jahr. Durch die geringe
Nachfrage von Trinkwasser mußte die neue Anlage für Trinkwasser auf Warte
geschaltet werden. Das bedeutet, daß die Anlage nicht in Betrieb ist aber
jeder Zeit wieder ans Netz gehen kann, wenn es die Situation erfordert.
Das Wasserwerk was besuchen ist zur Zeit nicht in Benutzung. Es hat die
Aufgabe bei Bedarf Donauwasser zu reinigen und in das Stadtnetz zu
speisen. Die Donau fließt mit 800 - 3000 qm pro Sekunde. Eins der größten
Probleme für die Wasser Industrie ist die starke Verschmutzung der Donau
durch Schiffe. Zum Schutz der Anlagen zur Wasseraufbereitung, wurde ein
Ölwarnsystem auf der Donau installiert. Bei Ölalarm werden die Anlagen
sofort abgeschaltet und man versucht, das Öl mit Aktivkohle zubinden. Das
Pumpwerk dieser Anlage liegt ca. 5 - 6 m unter dem normalen Wasserverlauf
der Donau. Weitere Gefahren für die Anlage sind Eisanhäufungen auf der
Donau und die zunehmende biologische Verschmutzung der Donau. Um sich vor
den biologischen Verschmutzungen, wie zum Beispiel Algen zu schützen, sind Microfilter in das System eingebaut worden. Wie oben schon erwähnt muß die
Donau chemisch gereinigt werden, um das Wasser von den Schwemmteilchen im
Wasser zu befreien. Das Problem ist nur, das diese Teilchen negativ
geladen sind und somit nicht absinken. Aus diesem Grund wird dem Wasser
Aluminiumsulfat zu gegeben. Bei dem chemischen Prozess entsteht
Aluminiumoxid, was schwere ist als Wasser. Der Schlamm wird hydraulisch
zusammengekehrt und entfernt. Die Effektivität dieser Art der Reinigung
liegt bei 80%. Die restlichen 20% werden durch Filter geklärt. Um die
Reinheit es Wasser zu garantieren, werden dem Wasser noch weitere
Chemikalien wie z.B. Chlor zu gegeben. Das Problem mit Chlor ist, daß es
bei einer zu hohen Dosierung umgewandelt wird. Es entsteht Trichlormethan,
was in größeren Mengen schädliche für den Menschen ist. Damit dieses nicht
passiert werden Kontrollen an den äußeren Punkten der Wasserversorgung
gemacht. Bei diesen Messungen darf die Menge des Chlor nicht über 0,1 mg
pro Liter überschreiten. Diese aber ist auch nötig, um die Wasserqualität
in dem alten und nicht immer sehr hygienischen Rohr zu schützen. Wenn die
Konzentration doch die Grenzwerte überschreitet, wird mit Hilfe von
Ultraviolettem Licht und Chloroxid das Chlor abgebaut. Der Verlauf des
Wassers im Wasserwerk: Pumpwerk - Chemikalien - Eisfänger -
Rotationsfilter - Filter - Reinwasserbecken.
In einer Halle, dem Lager für die Chlorversorgung des
Wasserwerkes, lagern viele 1000-kg-Fässer gefüllt mit Flüssigchlor.
Geliefert werden diese von den verschiedensten Werken in Budapest. Danach
wurde uns ein Teil der Pumpanlage gezeigt, bestehend aus großen Rohren
(1,2 m Durchmesser), durch die das Donauwasser geleitet wird, hin zu so
genannten Eisfängern, die im Winter Eisstücke aus dem Wasser
zurückhalten, die ansonsten die Anlage behindern könnten. Das Wasser
gelangt hiernach zu den Rotationsfiltern. Hier wird das Wasser von der
Mitte her in eine trommelähnliche Vorrichtung eingespeist, welches durch
die 1,4 mm feinen Löcher der Gittertrommel ein erstes mal grob gefiltert
wird. In der nächsten mechanischen Reinigungsstufe wird der Schlamm aus
dem Wasser entfernt. Hierbei handelt es sich um ein rundes, 9 m tiefes
Becken mit einem Durchmesser von 27 m und einem Fassungsvermögen von 2.600
m³. Der hierbei erreichte Reinigungsgrad beträgt ca. 80 %. In der Mitte
befindet sich ein sogen. Flokulator, der zur Steigerung der Effektivität
den Inhalt des Beckens »umrührt«. Das so gereinigte Wasser gelangt nun
zur Restreinigung. Hier wird das Wasser über Filter geleitet, bestehend
aus einer 70 cm hohen Anthrazitschicht, darunter Sand und Feinfilter. Die
Dauer der Reinigung in dieser Stufe beträgt 24 bis 72 Stunden, je nach
Grad der vorigen Reinigung.
Als nächstes begaben wir uns zur
Wasserentnahmenanlage, welche ganz in das Flussbett der Donau eingelassen
ist. Die Wasserentnahme findet 6 bis 7 Meter unter dem Wasserspiegel
statt. Die Saugfläche der Pumpen befinden sich somit auch bei
Wassertiefststand einen Meter unter dem Spiegel. 8 Pumpen mit einer
jeweiligen Kapazität von 2.450 m³/Stunde arbeiten hier, um das Wasser dann
zu den anfangs erwähnten Eisfängern und Grobfiltern weiterzuleiten. Früher
arbeiteten hier viele Angestellte, bis der Arbeitsvorgang automatisiert
wurde. Die Steuerung wird im so genannten ›Dispatcherraum‹ (engl. "dispatch,
to": [ab]schicken/senden, [schnell] erledigen; Anm. d. Protokollanten)
übernommen, nur noch zweimal täglich wird ein einfacher Kontrollgang
übernommen.
Seit November 1993 ist die besichtigte Anlage außer
Betrieb. Gründe hierfür sind u.a. das entstandene Verständnis für
Wassersparen sowie die Stilllegung von Betrieben, die zuvor Großabnehmer
von gereinigtem Wasser waren. Die heutige Wassergewinnung geschieht heute
nur noch aus Brunnen, nicht mehr durch die Donau. Ein Problem für die
Donau ist auch die Verdünnung ihrer natürlichen Filterschicht durch
Beschleunigung der Donau durch die Umlenkung ihres Laufes (des
›Stromstriches‹) in die Flussmitte. Die Selbstreinigungskraft des Flusses
ist dadurch niedriger als normal.
Verfasser: Lars Ahlström und Kai Radewald
Dieses Museum bringt seinen Besuchern das
traditionelle ungarische Volksleben in der Zeit vom ausgehenden 18.
Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg näher. In dreizehn Räumen werden
Exponate dokumentiert, welche aus der Zeit vor der Industriellen
Revolution in Ungarn stammen. Die Ausstellung verfolgt den Zweck, die
gemeinschaftliche Kultur des ungarischen Bauerntums als Bestandteil der
europäischen Kultur aufzufassen.
Die Ausstellung zeigt verschiedene Trachten des
ausgehenden 19. Jahrhunderts, deren Stoffe, Farben, Schnitte und Putz
nämlich nach ungeschriebenen Gesetzen sowohl auf die Zugehörigkeit zu
einer Gemeinschaft als auch auf den gesellschaftlichen Status, auf Beruf,
Alter, bzw. auf gewisse kirchliche und private Anlässe wie Hochzeiten,
Trauerfälle u.ä. verweisen.
Die Trachten waren oftmals sehr verschiedenartig,
denn im Karpartenbecken lebten nicht nur Ungarn, sondern auch Sachsen,
Slowaken, Ruthenen, Serben, Kroaten, Slowenen, Bosniaken, Bulgaren,
Rumänen und Schwaben, die sich ihre Trachten ebenso bewahrten wie ihre
verschiedenartigen Bräuche und Religionen – römisch-katholisch, griechisch-orthodox, lutherisch, kalvinistisch,
unitaristisch, jüdisch. Die jeweilige Kirche spielte eine zentrale Rolle
in der Volkskultur.
In Ungarn waren vier Typen von Siedlungs- und
Verwaltungsformen vertreten:
-
Das Dorf (Familienwirtschaft).
-
Das Herrschaftsgut (Meierhof, Gutswirtschaft).
-
Marktflecken und Einödhof (bedeutende
Viehwirtschaft).
-
Die Stadt (mit Handwerk und Handel).
In Ungarn existierten verschiedene Formen der
Bewirtschaftung in der Landwirtschaft nebeneinander:
-
Die Bedarfwirtschaftsdeckung der Dörfer.
-
Die extensive Viehzucht.
-
Getreideanbau der für den Markt produzierenden
Marktflecken und Bauernhöfe.
-
Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts
eine warenproduzierende Kleinwirtschaft mit Gemüse-, Obst- und Weinanbau,
meist als Monokulturen.
Die Orte der ländlichen Wirtschaftszweige selbst
waren im einzelnen selbst die Gewässer (Fischerei), die Wälder (Sammeln,
Jagd), die Wiesen (Mähwirtschaft, Fütterung), die Äcker (Getreideanbau),
die Weiden (Rinder, Pferde, Schafe unter freiem Himmel), der Einödhof (mit
extensivem Getreideanbau), die Weinberge, der Gemüseanbau im Garten und
auf Äckern. Die drei Grundnahrungsmittel waren Fleisch, Milch und
Getreide.
Handwerk gab es in vielen technischen und
organisatorischen Formen. Die Heimarbeit, basierend auf der
Familienautarkie, war auf dem Dorfe die einfachste Form. Für den Markt
produzierende Heimindustrie entwickelte sich in Gebieten, die ungünstig
für die Landwirtschaft waren, aber viele Rohstoffe und Arbeitskräfte
aufwiesen.
In den Städten wirkten zuerst gelernte Handwerker,
deren Produkte auch auf fremden Märkten angeboten wurden. Die Produkte
der Nahverkehr von Marktflecken waren meist nur für den eigenen Markt oder
die nähere Umgebung bestimmt.
Auf den Märkten trafen sich die verschiedenen
Lebensformen, also Stadt- und Landbewohner. Die Bauern besorgten sich hier
die benötigten Industrieartikel und verkauften Tiere und überschüssige
Feldfrüchte. Solcher Handel wurde über Jahrtausende betrieben.
Das alte Haus aus Oberwart (Südwest-Ungarn),
ein einräumiges Rauchhaus aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt
einen Eindruck von den mittelalterlichen Lebensverhältnissen einer ärmeren
Familie; es wurden Möbel aus Hartholz, einfach gewebte Heimtextilien und
unglasierte Keramik benutzt. Das neue Haus: Ab Ende des 18.
Jahrhunderts ermöglichte der allgemeine Anstieg des Lebensniveaus den
Bauern, ihre Häuser wohnlicher zu gestalten. Typische Elemente der
Möblierung sind bemalte Weichholzmöbel und mit verzierten Textilien und
bleiglasierter Keramik dekorierte Zimmer, deren Einrichtung von den
ortsansässigen Handwerkern geprägt war, die somit die Entwicklung
typischer Regionalstile beeinflussten.
Im nächsten Raum sind Kostbarkeiten
ausgestellt. Die hier ausgestellten Ziergegenstände waren sowohl
finanziell als auch künstlerisch wertvoll, da sie sehr geschickt
gearbeitet sind. Es handelt sich um bemalte Tischlermöbel,
Kleidungsstücke, Schmuck, Baumwollgewebe, Zierkeramik sowie aus Holz
geschnitzte Gebrauchsartikel.
Der bäuerliche Lebensweg war von der Geburt bis zum
Tode von der traditionellen, strengen Familienhierarchie und von den
dörflichen Gebundenheiten determiniert: Die Welt der Kinder war neben dem
Spielen und Lernen auch von Arbeit, mit kleineren Geräten, bestimmt; die
Pubertät und die Jugendjahre wurden mit einer Art Jünglingsweihe
abgeschlossen, bei der man seine Arbeitsfähigkeit bewies; erst danach
durfte er den dörflichen Tanz besuchen. Von den großen Wenden des
bäuerlichen Lebens hat insbesondere die Hochzeit einen unvergesslichen
Charakter und galt schon immer als größtes Fest des Lebens. Mit dem Alter
werden die Feste immer seltener, die Kleider immer bescheidener, die
Trauerkleider immer häufiger. Die alten Leute halten ihre Todeskleider
schon im voraus bereit.
Wie das Leben ist auch das Jahr durch Feiern, die
Kalenderfeste, gegliedert. Der erste Festkreis im Jahr ist der
Jahresanfang. Ein alter ungarischer Brauch am Jahresanfang war der
so genannte »regölés«: Glückwünsche singende Jünglinge zogen am Heiligen
Stephanstag von Haus zu Haus. Der zweite Festkreis ist der Fasching, wo
geschnitzte hölzerne Masken und Pelzmäntel getragen werden. Es folgen die
Feste des Frühlings und des Sommers. Ende des Winters fertigte man in
Nordungarn eine so genannte »kisze«-Figur an und warf sie in den Bach
hinein, wo sie die Bosheit des Winters symbolisierte. Im Frühling und
Frühsommer kam es oft zu kirchlichen Prozessionen und Wallfahrten, auch
war Ostern mit reichen Bräuchen verbunden.
Im Herbst gab es nach der Ernte und der Weinlese
mehrere Feste. Das wichtigste aber war Weihnachten, das letzte Fest des
Jahres. Zur Adventszeit zogen Krippenspieler auf den Straßen herum. Früher
haben die Bauern zu Weihnachten nur einen Festtisch gedeckt mit
symbolischen Früchten; die Mode des Weihnachtsbaumes ist erst späteren
Datums. Diesen hängte man zunächst an den Balkon; einen Christbaum stellte
man – nach dem deutschen Beispiel – erst in der neusten Zeit auf.
Die dem kirchlichen Kalender angepassten Volksbräuche
erschließen die aus westlichen und östlichen Elementen
zusammengeschmolzenen Eigenarten der ungarischen bäuerlichen Kultur.
Verfasser: Helene Isaak, Bettina Bruns,
Christiane Leyhe
Mittwoch, 13. September 1995
Die Römer bewohnten das Gebiet von Aquincum vom 1.
bis zum Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. Aquincum war die größte und
reichste römische Siedlung dieser Gegend und ein wichtiger
Verkehrsknotenpunkt. So gab es unter anderem eine regelmäßige
Postverbindung nach Rom. In der Umgebung Aquincums gab (und gibt es!) ein
großes Weinanbaugebiet.
Die Stadt selbst wurde nach dem Insulae-Prinzip
konstruiert, das heißt, es gab rechtwinklig angelegte Häuserblöcke.
Aquincum verfügte über eine Kanalisation für Abwasser, Warm- und
Kaltwasser. Eines der größten Gebäude in Aquincum war das Bad. Es hatte,
wie in allen römischen Städten, zentrale Bedeutung und war zudem
öffentliche Bedürfnisanstalt. Beheizt wurde das Bad über eine
Kellerheizung, wobei die heiße Luft über ein umfangreiches Röhrensystem
die Wände erwärmte.
Ein weiteres bemerkenswertes Gebäude in Aquincum ist
das Haus eines reichen römischen Bürgers, das auch heute noch gut erhalten
ist und über ein Hof, in dem Wein angebaut wurde, sowie über ein Privatbad
mit Warm- und Kaltwasser verfügte. Der zugehörige Umkleideraum hat einen
kunstvollen Mosaikfußboden, auf dem zwei Ringkämpfer und der Kampfrichter
dargestellt sind.
Aquincum hatte auch zwei Amphitheater. Das der
Zivilstadt, in der 20.000 Angehörige der in der Militärstadt stationierten
Soldaten sowie 10.000 weitere Zivilisten lebten, war das kleinere von
beiden. Es ist ein ellipsenförmiger Bau, das Publikum konnte die
Zuschauerplätze auf der fächerartig gegliederten Tribüne durch zwei
gewölbte Tore erreichen. Die Besitzer der Logen, wahrscheinlich die
Vornehmsten der Stadt, ließen ihre Namen in die Steinbänke meißeln. Die
Amphitheater blieben ungedeckt, weil die Vorstellungen vor Eintritt des
Winters eingestellt wurden. Das Amphitheater der Zivilstadt konnte
3000-4000 Zuschauer fassen. In der Arena wurden Theatervorstellungen,
Sportwettkämpfe, Artistenproduktionen und mit Tierhetzen verbundene
Gladiatorkämpfe veranstaltet. Direkt neben dem Amphitheater stand eine
Gladiatorkaserne, wo die Gladiatoren für ihren Auftritt ausgebildet
wurden.
In der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts wurde
Aquincum von der anderen Donauseite aus von den Hunnen und verschiedenen
germanischen Horden angegriffen. Dabei diente das Amphitheater der Stadt
als Festung. In der Folge dieser Angriffe verließen die Bewohner die
Stadt, der Handel in dieser Gegend kam zum Erliegen.
Heute ist die Ausgrabungsstätte von Aquincum mit dem
dazugehörigen Geschichtsmuseum eine der Sehenswürdigkeiten von Budapest.
Die weiteren Ausgrabungen sind jedoch wegen der momentanen finanziellen
Schwierigkeiten ins Stocken geraten. Zudem sind die Möglichkeiten der
Archäologen durch die auf der Ruinenstadt verlaufenen Eisenbahnstrecke und
die nahe gelegene Gasfabrik von Obuda eingeschränkt.
Verfasser: Timur Gül, Tim Höpfner, Holger
Stichnoth
Die Kleinstadt Szentendre mit ihren fast 20.000
Einwohnern liegt eingebettet in sanfte Hügel, direkt am Donauknie kaum
eine halbe Stunde von Budapest entfernt. Das Stadtbild ist geprägt durch
enge Gassen und kleine individuell gestaltete Häuser im Stadtkern, die
sich stark von den Plattenbauten weiter außerhalb abheben. Szentendre
stellt heute das größte Naherholungsgebiet für Budapest dar, was sich in
dem pulsierenden Leben auf den Straßen, in den Cafés, Kneipen und
Restaurants der Stadt widerspiegelt.
Ursprünglich gründeten die Illyren und Kelten im 1.
Jahrhundert v.Chr. die ersten namentlich bekannten Siedlungen. Im darauf
folgenden Jahrhundert besetzten die Römer das Gebiet und erweiterten
durch Festungen, Siedlungen u.ä. die bisherigen Anlagen des Limes. Vom 5.
bis zum 9. Jahrhundert lebten in der Gegend Hunnen, Awaren und Slawen
bis die Ungarn das Gebiet besiedelten.
Die eigentliche und noch heute sichtbare Gestalt der
Stadt entwickelte sich Ende des 14. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit entstand
z.B. die Kirche auf dem Hügel.
Ende des 14. Jahrhunderts setzte dann die erste
Vertreibungswelle der Türken ein. Während der darauf folgenden 150
jährigen türkischen Herrschaft geriet die Stadt zunehmend in Verfall. In
diese Zeit fällt auch die Verschleppung bzw. Vernichtung der
Dorfbevölkerung. Die Herrschaft der Türken endete mit dem ausgehenden 17.
Jahrhundert als die vereinigten christlichen Truppen des österreichischen
Kaisers das Gebiet um Szentendre befreiten. Dadurch, daß Belgrad kurze
Zeit später wieder in türkische Hände fiel, flüchteten viele Serben aus
Angst vor einer abermaligen türkischen Herrschaft in die bereits befreiten
Gebiete, so auch nach Szentendre. Sie siedelten in mehreren kleinen
Gruppen, was zur Folge hatte, daß 6 griechisch-orthodoxe Kirchen in
Szentendre entstanden.
Im 18. Jahrhundert nimmt Szentendres Bedeutung
bedingt durch den Handel mit Griechenland, Österreich und Deutschland zu.
Die wichtigsten Handelswege waren die Donau und die Nord- Südstraße auf
denen vor allem Salz, gegerbtes Leder und Wein transportiert wurden.
Wichtig war für Szentendre auch der Weizenbau, die Viehzucht und besonders
der Weinanbau.
Einen verheerenden Rückschlag erlitt die Stadt im 19.
Jahrhundert durch Epidemien und Hochwasserfluten. Zusätzlich wurde die
Position der Stadt einerseits durch das rasch wachsende Budapest und
andererseits durch die Vernichtung der Weinberge durch eine Reblauspest
geschwächt.
Im 20. Jahrhundert wurde der Ort von vielen Künstlern
entdeckt. Hier fanden sie die nötige Ruhe zum Arbeiten sowie Inspiration
durch die hübsche Landschaft und das bunte Stadtbild Szentendres, das
durch verschiedene hier zusammentreffende Kulturen geprägt ist.
Heute lebt Szentendre fast ausschließlich vom
Tourismus. Dies wird dadurch dokumentiert, daß allein der Ortskern – als
Touristenattraktion – renoviert und in seinem ursprünglichen Zustand
erhalten ist.
Im Sommer lockt das breit gefächerte Kulturprogramm
mit seinen zahlreichen Museen, Theatern und Vorträgen viele Menschen an.
Im Winter hingegen, wenn die Touristen nur noch vereinzelt kommen oder
gänzlich ausbleiben, wirkt Szentendre wie ausgestorben. So nimmt z.B. die
Bevölkerung in den Wintermonaten um 50% ab, da es abgesehen vom Tourismus
kaum Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Aufgrund dieser fehlenden
Infrastruktur findet außerdem eine Abwanderung der jungen
Bevölkerungsschichten statt, was zur Folge hat, daß das
Durchschnittsalter der Bevölkerung sehr hoch ist. Deshalb ist es fraglich
wie lange Szentendre noch als Touristenattraktion erhalten bleibt.
Verfasser: Barbara Wunder und Thilo von
Klopmann
»Die Erstellung des Stadt- und
Raumordnungsplanes für Budapest«
Vortrag durch Joszef Raabe vom Stadtbauamt Budapest
im Hauptbürgermeisteramt
Joszef Raabe erklärt in Vertretung des
Hauptbaudezernenten von Budapest die Aufgabe des Bauamtes.
Für die Erklärung der städtebaulichen Situation
Budapests und der Planungsperspektiven des Stadtbauamtes bediente er sich
zusätzlich einer Fülle von Karten und Graphiken.
Budapest übt einen starken Einfluss auf Ungarn aus.
Hauptursachen hierfür sind zum einen der starke Bevölkerungsanteil von
Budapest, der rund 1/5 von ganz Ungarn beträgt, und zum anderen die
geographische Schlüsselstellung im Karpartenbecken.
Die bedeutendste Autobahn ist die transeuropäische
Straße [»Europastraße«], die von Süddeutschland aus über Wien nach
Budapest verläuft. Allgemein ist man um Integration in das internationale
Verkehrsnetz bemüht. Besonders eine bessere Verbindung der adriatischen
Häfen mit Budapest wird angestrebt, ein Autobahnbau befindet sich schon in
Planung. Auch eine Erweiterung der Autobahn Wien - Bratislava in Richtung
Skandinavien ist durchaus möglich.
In Budapest speziell wird zur Zeit ein
Straßenbauprogramm ausgearbeitet, das aus einem Ring von Straßen rund um
Budapest besteht. Das Ziel dieses Vorhabens, das den Bezeichnung M0 trägt,
ist es, für eine Entlastung des Verkehrs in Budapest zu sorgen. Leider
stößt dies auch auf Kritik, da viele Unternehmen befürchten, daß hiermit
der Geldstrom vom Um- und Ausland drastisch abnimmt.
Der allgemeine Ordnungsplan Budapests sieht vor, daß
die Stadt in mehrere Zonen eingeteilt wird, die folgendermaßen bezeichnet
werden: Stadtkern (er umfasst das historische Zentrum), Gebirgszone (der
sich westlich der Donau außerhalb des Stadtkerns befindende Teil), die
Siedlungs- oder Vorstadtzone (kleine Niederlassungen), den äußeren Ring
und die Flussuferzone.
Ein Diagramm der Bevölkerungsentwicklung ließ
erkennen, daß in den letzten Jahrzehnten ein beständiges Wachstum des
Bevölkerungsverhältnisses Budapest/Land stattgefunden hat. Trotzdem ist
mittelfristig eine Bevölkerungsabnahme in Budapest zu erwarten. Es ist zu
beobachten, daß der Altersdurchschnitt Budapests ansteigt – die jungen
Generationen suchen sich ihren Ort im auswärtigen Teil der Stadt, unter
anderem deshalb, weil es hier mehr Grünflächen gibt. Diese Streuung
(Zunahme des Altersdurchschnitts im Stadtkern, Abnahme in den
Randgebieten) steht im starken Widerspruch zum Geschäftsbild, denn der
größte Anteil von Geschäften ist weiterhin in der Innenstadt zu finden.
Der Hauptteil des Ausbaus der Stadt fällt in den
Zeitraum der Jahrhundertwende. Dieses schnelle Entwicklungstempo konnte
jedoch nicht fortgesetzt werden, was dazu führte, daß notwendige
Entwicklungen und Rekonstruktionen nicht durchgeführt wurden, was
wiederum mit einer Verschlechterung der Wohnsituation endete. Um das
Wohnungsproblem endgültig zu lösen, wurde in den 70er und 80er Jahren ein
Experiment durchgeführt, welches sich mit dieser Problematik befasst. Man
wollte mit Großbauten (Fertighäusern) die Wohnungsnot stoppen. Trotz
großer finanzieller Unterstützung schlug dieses Projekt fehl und bewirkte
sogar eine weitere Verschlechterung der Gesamtstruktur, unter anderem
aufgrund schlechter Verkehrsverbindungen (Eine Erweiterung der Metro wurde
den Anwohnern zwar versprochen, der eigentliche Bau wurde jedoch nie
durchgeführt). Diese Verschlechterung war auch einer der Gründe, weshalb
die Bevölkerung auf der Pester Seite abnahm und auf der Budaer Seite
zunahm. Mittlerweile hat eine Privatisierung der staatlichen Wohnungen zu
20-30 % des Marktpreises stattgefunden. So ist es zu erklären, daß 1990
der größte Teil auf dem Wohnungsmarkt staatliche Mietwohnungen waren,
1994 war der Größte Teil bereits privatisiert.
Ein weiteres Problem der Stadtentwicklung besteht
darin, daß sich in den letzten Jahren aufgrund einer Krise des
Industriestandortes Budapest die Bevölkerung rückläufig entwickelte. Um
dieser Abnahme der Bevölkerung entgegenzuwirken, ist folgendes geplant:
Zum einen eine gründliche Sanierung und
Neustrukturierung der Innenstadt in Richtung Westen (westliches Tor). Dies
ist keine leichte Aufgabe, da dieser Teil aus einem verlassenen
Industriegebiet besteht und einer starken infrastrukturellen Entwicklung
bedarf. Zu dieser Entwicklung gehört auch das umstrittene Projekt einer
Metroerweiterung in dieses Gebiet hinein, das von Fachleuten zwar
befürwortet wird, jedoch nahezu unbezahlbar für die Stadt ist.
Für die Zukunft plant das Bauamt eine einheitliche
Gestaltung der gesamten Stadt. Ein Mittel hierfür ist der M0-Ring. Er soll
bei dem Ausbau der Unterzentren und bei der Rehabilitierung der
Industriegebiete von großem Nutzen sein. Des weiteren sollen 150.00
Wohnungen renoviert werden, und es sollen Parkanlagen geschaffen werden,
die den allgemeinen Wohnkomfort erhöhen sollen.
Verfasser: Markus Isermann, Nils Maire
Kecskemét, eine Stadt in der ungarischen Tiefebene,
ist durch einen starken Bevölkerungszustrom in der Türkenzeit zu einer
größeren Siedlung herangewachsen. Es wurde zu einem türkischen
Verwaltungszentrum, das durch Steuerzahlungen an die Türken geschützt
war. In der halbverwüsteten Sandsteppe wurde Viehzucht betrieben, und die
Stadt wuchs während der nächsten Jahrhunderte weiter an.
Das älteste Gebäude in Kecskemét ist die katholische
Kirche, die im 17. Jh. im Stil einer sächsischen Burgkirche errichtet
wurde, und in den 70er Jahren in einer neuen, simpleren Form restauriert
wurde. Die Kirchen spielten immer eine große Rolle im öffentlichen Leben
der Stadt. Doch hat sich mit öffentlichen und privaten Gebäuden ein ganz
eigenes Stadtbild entwickelt:
Abseits der Metropole Budapest sammelten sich im 19.
Jahrhundert Künstler und Schriftsteller der nationalen ungarischen
Freiheitsbewegung in Kecskemét und entwickelten hier einen eigenen
ungarischen Stil, der das Stadtbild architektonisch bis heute prägt. Man
findet auch viele Gebäude im »traditionellen ungarischen Stil« mit
bewussten »orientalischen Einflüssen«, der sich als »ungarische Sezession«
(etwa parallel zum deutschen ›Jugendstil‹) gegen den Historizismus der
Habsburger in der Budapester Akademie richtete.
Kecskemét besitzt auch eine Musikschule und eine
Fachhochschule für Industriewesen sowie ein Spielzeugmuseum. Anfang der
60er Jahre wurden die alten Industriezentren ausgebaut, und die
Industriegebiete wuchsen um ein Mehrfaches, wobei sie durch das Wachstum
der Stadt in Wohngebieten eingebettet wurden. Die Hauptprodukte der
Industrie in Kecskemét, sind Musikinstrumente, Töpfe, Badezimmer und
Konserven, sie wird durch die im Ort ansässigen Fachhochschulen mit
Fachkräften versorgt. Die offizielle Stadtmitte bildet der alte Stadtkern,
mit einem großen Brunnen auf dem Schilder mit Entfernungen zu anderen
großen Städten, sowie die Stadt- und Nationalwappen angebracht sind. Mitte
der 60er Jahre wurden das Stadtzentrum und der zentrale Stadtkern
ausgebaut, und an Stelle der vorherigen, kleinen, eingeschossigen
ländlichen Wohnhäuser trat eine moderne kleinstädtische Wohn-, Geschäfts-
und Verwaltungscity. Hier, inmitten der neuen, mehrgeschossigen Bebauung
entstanden im Stadtinneren in der Nachkriegszeit ein modernes
Komitatsgebäude, ein Verwaltungs- und ein Handelszentrum. Aber die
Geschichte hat ihre Zeichen in der Stadt hinterlassen. Eine wichtige Rolle
spielen dabei die Kirchen. Seit der katholischen Reorganisation in den
letzten Jahren ist Kecskemét unter anderem Bischofssitz, da die
Bistumsgrenzen an die vorhandenen Staatsgrenzen angepasst wurden. Aber
auch die protestantische Kirche besitzt eine bedeutende Rolle in Kecskemét,
das jedoch seit dem zweiten Weltkrieg keine jüdische Bevölkerung mehr
aufweisen kann. Die jüdische Synagoge steht allerdings noch, und wird für
öffentliche Anlässe, sowie für Gemeindeangelegenheiten genutzt. Die
weiteren Schönheiten und Sehenswürdigkeiten dieser dörflichen Großstadt
lernt man am besten vor Ort kennen.
Nun noch zur ländlichen Umgebung der Stadt. Um auf
dem mageren Treibsandboden Kulturland zu schaffen, wurden Akazienwälder
angepflanzt, und auf der fruchtbar werdenden Bodensole baute man neue
Kulturen, wie Obst und Wein an. Bedingt durch den geringen Niederschlag im
Sommer, werden dort tief wurzelnde Tafelweine angebaut, die jedoch nur
mindere Qualität besitzen.
In Kecskemét gibt es ein Forschungsinstitut für
Weinanbau und eine Gartenbauschule. Zur Aufarbeitung der Ernteüberschüsse
entstand eine Konservenfabrik.
Nach dem zweiten Weltkrieg erlebte Kecskemét einen
Aufschwung, und man begann mit dem Anbau von Tomaten und Aprikosen für den
Weltmarkt. Innerhalb der LPGs waren privatwirtschaftliche Orientierungen
vorhanden, die nach der Wende zu einer schnelleren Umstellung auf
Privatwirtschaft verhalfen.
Im Komitat behielt die Kooperativen ihre
ausschlaggebende Rolle, so daß die Vorteile der kollektiven,
großbetrieblichen Verwertung konnten weiterhin praktiziert werden können.
(Vgl. Einleitungsaufsatz über die Landwirtschaft in Ungarn.)
Verfasser: Thilo Meier, Kai Kunz
(redaktionell ergänzt)
Im 15.Jh. drangen Türken von Ungarn nach Norden bis
zum südlichen Teil der heutigen Slowakei. Mitte des 17.Jh. wurden die
Türken von den vereinten ungarisch-österreichischen Truppen
zurückgedrängt. In das freigewordene mittlere Karpatenbecken siedelten
viele Slowaken, die aus nördlicheren Regionen kamen. In der Zeit von 1773
lebten ca. 7000 slowakische Siedler in diesem Gebiet, 1804 waren es
bereits 12500. Ende des 19.Jahrhunderts waren in dieser Region ca. 80000
Einwohner. Als wirtschaftliche Grundlage dominierte der Ackerbau und die
Viehzucht. Im Jahre 1850 betrug der Anteil der slowakischen Bevölkerung
ca. 77%, 1920 waren es noch 53%.
Heute fordert die Minderheit anstelle des 1960
eingeführten zweisprachigen Unterrichts an Schulden wieder den
einsprachigen, slowakischen Unterricht, doch die meisten in Ungarn
lebenden Slowaken haben sich der ungarischen Sprache und Lebensweise sehr
stark angepasst, so daß die slowakische Sprache dort kaum noch gesprochen
wird, nur der geringe Teil der slowakischen Siedler, der heute nicht in
Ungarn sondern in Rumänien lebt, konnte die slowakische Sprache und
Lebensweise erhalten.
Verfasser: Michael Schmidt, Philipp Maske
am Beispiel der Genossenschaft »Rákóczi« in
Hódmezövásárhely / Oroszháza
und Besichtigung der Genossenschaft
Zu der Geschichte der Kooperativen: Nach dem
Abzug der Türken wurden die freien Gebiete von Großbauern besiedelt. Diese
hatten ihre eigenen Methoden Landwirtschaft zu betreiben. Seit 1800
dominierte in Ungarn ein Latifundienssystem, daneben gab es aber auch
schon vereinzelte Kooperativen und auch Staatsbetriebe (z.B. die heutige
Kooperative »Rákóczi« und die Weinbaudomäne Tokaj). Das
Bewirtschaftungssystem der Latifundien wurde dann erstmals nach der
Jahrhundertwende modernisiert; modernste Methoden der
Kleinbauernlandwirtschaft wurden eingeführt, nach der nur eigene
Arbeitskräfte genutzt wurden. Weizen-, Mais-, Zuckerrüben- und
Futterpflanzenanbau entstanden, wo der Boden und das Klima hierfür günstig
waren auch Obst-, Wein- und Gemüseanbau. Es wurden verschiedene Zone der
verschiedensten Anbaumethoden angelegt. Außerdem stellte man sich immer
mehr auf die örtlichen Gegebenheiten ein.
Dieses landwirtschaftliche System blieb bis 1945
erhalten. Nach 1945 wurde die geschichtlich bedeutende Bodenverteilung
durch geführt. Dabei haben etwa 1 Million Bauern jeweils einen Hektar
zugewiesen bekommen. Im Jahr 1948 allerdings wurde Eigentum
verstaatlicht, also enteignet und so genannte LPGs (Landwirtschaftliche
Produktionsgenossenschaften) entstanden, welche sich anfänglich aber nicht
behaupten konnten. Bauern die ihr Land nicht in staatliche Hand geben
wollen, wurden mit Hilfe von Streichung von Krediten und Lieferproblemen
gezwungen ihr Land zu übergeben. 1959/60 wurden dann viele Landwirte
gezwungen, in eine LPG einzutreten, es wurde sogar Gewalt und juristische
Mittel wie Gefängnis angedroht. Diese LPGs bekamen zuerst finanzielle
Unterstützung durch den Staat, sowie Versorgung mit Maschinen. Ferner
wurden mehrere kleine LPGs zu größeren zusammengeschlossen, um die
Landwirtschaft zu konzentrieren. Mitte der 70er Jahre stand Ungarn in der
Landwirtschaft an fünfter Stelle in der Welt.
Durch den Zusammenschluss der Kooperativen in den
sechziger Jahren konnte das Kapital und die Maschinen besser genutzt
werden.1970 hatte die Landwirtschaft in Ungarn die fünfte Position in der
Welt eingenommen. Damit war die Landwirtschaft der ertragreichste
Industriezweig in der ungarischen Wirtschaft. Im Jahr 1990 wurde Rückgabe
der enteigneten Gebiete durchgeführt. Somit war die Arbeit der
Genossenschaften nicht mehr möglich, weil 2/3 der Flächen sich wieder in
Privatbesitz befanden.
Nach der politisch-ökonomischen »Wende« in Ungarn
wurden 1992 neue Kooperativengesetze erlassen. Dieses bedeutet für die
Genossenschaftler, die Eigner des Landes sind, daß Gewinne auf die
Mitglieder aufgeteilt werden. Die heutigen Genossenschaften sind
demokratische Einrichtungen, die durch Mehrheitsbeschluss geführt wird. Auf
der Generalvollversammlung wird ein Leiter für den Betrieb gewählt, der
den Betrieb mit einem Gremium führt.
In der landwirtschaftlichen Kooperative »Rákóczi« in
Hódmezövásárhely / Oroszháza wurden wir von Sándor Nagy, dem Leiter
des Betriebsteils Weinbau, empfangen. Die Kooperative umfasst 60 ha
Nutzfläche. Die Nutzfläche der Kooperative wird für die Rinderzüchtung und
den Anbau von Sonnenblumen, Weizen und Wein genutzt. Die
Anbauschwerpunkte liegen beim Anbau von Getreide und Sonnenblumen. Das
Getreide wird in eigenen Trockenanlagen für die Lagerung getrocknet. Die
Feuchtigkeit wird von 30 auf 12% reduziert. Die Abfallstoff werden für die
Viehzüchtung genutzt. Weiter fiel uns auf, das viele Geräte aus der
ehemaligen DDR stammen. Weiter wurde uns berichtet, das in den letzten
Jahren der Regen zu spät gekommen ist und so wirtschaftliche Verluste in
der Produktion entstanden. Diesen Problemen wurde man mit Hilfe von
amerikanischen Bewässerungsanlagen und Krediten wieder Herr der Lage.
Durch Bewässerung wurden bessere Erträge von bis zu 120 Doppelzentner pro
Hektar mehr Rohpflanzen. In der Gegend der Kooperative gibt es einige
Heilquellen, die gegen Rheuma helfen und so ist eine Kurklinik in dieser
Gegend geplant.
Als 1960 die Genossenschaft Rákóczi gegründet wurde,
besaß man ca. 10.000 ha Ackerland (für Weizen, Mais, Zuckerrüben und
Luzerne), beschäftigte sich aber auch mit der Vieh- und der Schweinezucht
(Mästung von 30.000 Tieren pro Jahr). Der Namengeber ist ein berühmter
ungarischer Fürst und Siebenbürger Freiheitsheld gewesen, der auch hier
in Südungarn Ländereien Besen hatte. Die Kooperative besteht aus 16
einzelnen Genossenschaften mit einer Flächen von heute 16.000 ha
Nutzfläche. Die Anpflanzung umfasst wie oben schon erwähnt Sonnenblumen,
Weizen, Mais und Wein. Die Viehzucht erwirtschaftet einen Ertrag von
30.000 Schweine und Rinder pro Jahr. Auf dem Gelände, wo jetzt Wein
angebaut wird, stand früher ein Schachtanlage und eine Futterfabrik. 1989
mußte man dann 50 % des Gebietes als Entschädigung nach dem Systemwechsel
herausgeben, die anderen 50 % wurden unter den ehemaligen Mitgliedern
aufgeteilt. 1990 gab es dann die Systemänderung. Eigentum, welches in den
40 Jahren zuvor enteignet wurde, konnte nun auch durch drei eigens hierfür
verabschiedete Gesetze zurückgefordert werden. So kamen zwei Drittel der
Felder in Privathände. Die LPGs versuchten hingegen, das neu entstandene
Privateigentum unter Pacht weiter bewirtschaften zu dürfen.
Zwei Jahre später wurde auf freiwilliger und
privatwirtschaftlicher Grundlage die Einzelgenossenschaften gegründet,
wobei das Vermögen der LPG anteilig unter den Mitarbeitern verteilt wurde.
Die heutigen Genossenschaften bestehen aus den damaligen Mitgliedern,
sowie einer Direktorats-Kommission (zur Lenkung und Kontrolle der Arbeit),
wobei die Manager selber Angestellte oder Miteigentümer der Kooperativen
sein können.
In den letzten 10 Jahren mußte die Landwirtschaft
außerdem unter schwierigen Umständen wie Dürre (7-8 Wochen im Sommer ohne
Niederschlag bei einer Temperatur von 35 - 40 °C) geführt werden. Für das
daher nötige Bewässerungssystem bekommt man allerdings vom Staat eine 40 -
60 %ige Subvention. Ohne diese künstliche Bewässerung könnte man ca. 25
Doppelzentner/ha ernten, die die Produktionskosten nicht decken, mit
Bewässerung allerdings 125 Doppelzentner/ha.
Für den Weinanbau stehen diesem Komitat 72 ha Fläche
zur Verfügung, die Hälfte davon wurde bereits 1964/65 angepflanzt, die
andere 1982/83. Angebaut werden hier Sorten wie italienischer Riesling, Chaslat und Blaufränkischer. 90 % davon werden verkauft, die anderen 10 %
sind zur Eigennutzung. 60 % der Verkäufe finden im Binnenland statt,
weitere 30 % werden in die GUS-Staaten exportiert. Der Ertrag des
produzierten Weines beläuft sich auf 1.000.000 Liter Kapazität. In dieser
Kooperative war die Hälfte der Mitglieder Eigentümer ihres eigenen Landes,
die andere Hälfte war verstaatlicht. Die Probleme den letzten 10 Jahren
ist die natürliche Versorgung der Felder mit Regen. Es ist daher nötig
künstlich zu bewässern. Die Erträge liegen 5 mal höher mit künstlicher
Bewässerung als ohne. Der im eigene Betrieb hergestellte Wein hat eine
Menge von 50000 Doppelzentner. Davon werden 90% verkauft und 10% anders
genutzt. 70% des Weines geht in den Binnenmarkt und 30% wird in die GUS
Länder verkauft.
In dem Betrieb »Rákóczi« konnten wir eine
Trocknungsanlage für Getreide und Sonnenblumen besichtigen. Die
Sonnenblumenkerne werden direkt von dem Feld geerntet und zu trocknen
gebracht. Als wir die Anlage besichtigt wurden gerade Sonnenblumenkerne
getrocknet und an diesem Beispiel wurde uns die Anlage erklärt. Die
Sonnenblumen werden in den Trockener hineingeschüttet und mit schon
getrocknetem Material vermischt. Der Trockner wird mit Gas beheizt und
arbeitet in einer 12 Stunden Schicht. Bei nassen Material wird mit
Heißluft getrocknet, was bei trockeneren Material nicht nötig ist. Der
Wassergehalt wird bei Sonnenblumen von 6% auf 3% Restfeuchtigkeit
reduziert. In einer 12 Stunden Schicht können bis zu 700 Doppelzentner
getrocknet werden. Bei Weizen sind es 3000 Doppelzentner pro Schicht und
Mais der meistens im Oktober geerntet, wegen der Hohen Luftfeuchtigkeit.
Von Mais kann man 2500 Doppelzentner in einer Schicht trocknen. Nach Der
Trocknung der Sonnenblumen, werde diese zwischengelagert und dann zu eine
Ölfabrik gebracht. Dort werden die Kerne zu Tafelöl verarbeitet. Durch
Gummiwalzen werden die Kerne geöffnet und das Innenleben von der Schale
getrennt. Die Schale wird später als Holzersatz weiter verarbeitet. Die
Fabrik, die das Öl herstellt gehört zu der Trans-Ungarn AG mit
Anteilnehmern in Deutschland.
Die Perspektiven für den Betrieb liegen in der
Modernisierung. Diese Möglichkeiten sind aber sehr begrenzt, weil die
Kredite immer mehr abgesetzt werden. Dabei übernimmt der Staat schon 70%
der Kredite, aber es müssen immer noch 9% selber bezahlt werden. Nur mit
mehr Kapital wäre es möglich den Betrieb zu fördern. Um aber eine Kredit
aufzunehmen, wollen die Banken Sicherheiten, und eine Hypothek ist zur
Zeit auf Grund der Bestimmungen noch nicht möglich.
Verfasser: Kai Radewald
Die Stadt Szeged liegt am zweitgrößten ungarischen
Fluss, der Tisza, die mehrere Arme besitzt, die die Stadt, bzw. die Region
umschließen. Der Fluss hat seinen Ursprung in östlichen Karpaten und das
Hauptflussbett (Sandbett) führt viel Material mit sich. So entstand auch
der Name: »die blonde Theiss«.
Durch die natürlich vorkommenden Wasserunterschiede zwischen den Winter
und den Sommermonaten gilt sie als ein gefährlicher Fluss. Der Unterschied
kann das Fünfzigfache der normalen Wassermenge betragen, (Vergleich;
Donau das Fünfzehnfache). Der Grund dafür ist die schnelle Schmelze im
März, sowie der Frühjahrsregen. Im Frühling folgt die Dürre, woraus sich
auch der niedriger Stand im Sommer erklären lässt.
Bis zur der Regelung des Flusses betrug die Breite
des Überschwemmungsgebietes 25 km. Da die Theiss in die Donau mündet kam es
bei hohen Wasserständen zum Rückstau; das Wasser aus der Theiss konnte
nicht in die Donau abgeführt werden. Am 12 März 1979 wurde die Stadt durch
den Fluss vernichtet, es mussten Böden aufgeschüttet werden, um eine neue
Stadt einrichten zu können. Da bei dem Wiederaufbau viele, auch
ausländische Städte mitgeholfen haben wurden viele Straßen mit deren Namen
versehen. Das Holz, das für den Wiederaufbau benötigt wurde kam mit dem
Fluss aus den Karpaten. Es wurden Sägewerke errichtet, die sich heutzutage
mit der Möbelherstellung beschäftigen, besonders aus Tropenhölzern. Die
nur 5 km von der Serbischen Grenze entfernte Stadt ist umrahmt von
bedeutsamer Landwirtschaft (Weltbekannte Salamifabrik PICK).
Erdölgewinnung gehört zum Ortsbild von Algyö
unmittelbar nordöstlich vor den Toren von Szeged, wo sich ein auf 100
Milliarden Tonnen geschätztes Ölfeld befindet, es ist das größte Feld im
Karpatenbecken. Dort befindet sich auch das größte
Erdgasaufbereitungsbetrieb, wodurch Versorgungsmöglichkeiten der
ländlichen Gegenden entstehen. Die Stadt besitzt eine Universität, sowie
ein Lizenzbetrieb für Schläuche zur Erdgas- und Erdölgewinnung aus
großen Meerestiefen. Hier auch entspringt die heißeste Naturquelle
Ungarns (92°C), welche zur Beheizung von Wohnungen und Schwimmbädern
genutzt wird. Auf dem örtlichen Marktplatz steht ein Denkmal des
Nationalhelden Kossuth mit der Aufschrift: »Szecednek Népe Nemetzem
Büszueséce«, was bedeutet; »Volk von Szeged, ich bin stolz auf euch«.
Verfasser: Rita Taureck und Wojciech Grohn
Es war an einem Sonntag im September, der Tag begann
mit einer aufschlussreichen Betriebsbesichtigung einer
landwirtschaftlichen Genossenschaft in Orosháza mit leckerem Mittagessen
und Weinprobe. Bevor wir unser Programm fortsetzten, hatten wir die
Möglichkeit, uns mit ausreichend Wein zuzudecken.
Zunächst fuhren wir weiter nach Szeged, wo wir eine
Stadtbesichtigung geplant hatten. Dieser Programmpunkt fiel buchstäblich
ins Wasser, denn wir wurden von einem sintflutartigem Unwetter
überrascht, mussten die Besichtigung vorzeitig beenden und zurück zum Bus
flüchten. Fatale Folge: achtzig Prozent der Gruppe mußte ihre nassen
Sachen im Bus zum Trocknen aufhängen oder sich umziehen. Somit ergab sich
für manche Leute die aufreizende Situation, mit halbnackten
Gruppenteilnehmern konfrontiert zu werden. Was für ein Anblick! Um die
innere Kälte zu verbannen und die angespannte Situation zu lockern,
fielen wir über unsere (restlichen) Weinvorräte her. Die Stimmung
steigerte sich in ein feucht-fröhliches Happening.
Und nun waren wir auf dem Weg nach Pécs und haben uns
auf das dortige Abendessen gefreut. Urplötzlich stoppte der Bus mitten
auf einer Nationalstraße mitten in der ungarischen Wildnis. Laut unseres
Busfahrers hat der Kompressor versagt. Also war eine kurze Pause geplant,
um den Fehler zu beheben — dachten wir! Zu diesem Zeitpunkt war es noch 18
Uhr. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen und die Langeweile zu bekämpfen, wurde
spontan von einigen Gruppenteilnehmern eine Technoparty hinter dem Bus am
Straßenrand veranstaltet. Innerhalb weniger Minuten strömten gleichsam
alle aus dem Bus zur Party und feierten mit. Es herrschte eine
ausgelassene Stimmung, selbst als es immer später und dunkler wurde. Nach
dem fehlgeschlagenen Versuch, den Bus wieder in Gang zu bringen, versuchte
Philipp »Handy« Maske gegen 22.30 Uhr, per Handy Hilfe anzufordern. Nach
einigen ergebnislosen Versuchen wurde aus Budapest ein Ersatzbus
angefordert, der uns gegen 3 Uhr nachts aufgreifen sollte. Doch bis dahin
war es noch eine lange Zeit.
Gegen 24 Uhr war die Party längst zu Ende, die letzten
Leute flüchteten vor der nächtlichen Kälte in den ebenso kalten Bus,
andere wiederum schliefen schon. Da sich bei einigen Hunger einstellte,
machte man sich auf die Suche nach Nahrung - meist vergeblich. Aber einige
hatten auch Glück: Ein vorbeifahrender LKW stoppte und spendierte den
hungrigen Leuten drei Konservendosen Gulasch und einen Dosenöffner. Danach
wurde versucht, das Gulasch in den Dosen mit einer Kerze zu erwärmen,
denn wir hatten noch nicht einmal einen Kochtopf oder gar Campingkocher.
Aber auch dieser Versuch war vergeblich. Das halbkalte Gulasch wurde
allerdings nicht ganz verzehrt, denn einer aus der Gruppe trat
fatalerweise mitten in die Gulaschdose.
Nachdem alle Teilnehmer versucht haben, die restliche
Zeit zu schlafen, traf gegen 3 Uhr nachts der Ersatzbus aus Budapest ein,
in den wir dann im Halbschlaf umstiegen. Dort versuchten wir,
weiterzuschlafen, nachdem beschlossen wurde, den ursprünglichen
Programmplan zu verwerfen.
Gegen 7 Uhr morgens wachten wir auf und stellten
fest, daß wir uns auf einem Parkplatz in Dunaújváros (dt.: Donau-Neustadt)
befanden. Nach einem königlichen Frühstück in einem 3-Sterne-Hotel und
einer kurzen Stadtbesichtigung und einem Vortrag von Prof. Antal haben wir
uns auf den Weg nach Budapest gemacht. Die weitere Fahrt barg allerdings
keine weiteren Überraschungen.
Das war tatsächlich ein Erlebnis, das wir nicht so
schnell vergessen werden - eine Geschichte, die das Leben schreibt!
Verfasser: Lars Ahlström, Andreas Fix, Kai
Radewald und Jacek Wischnewski
Protokoll eines Kurzvortrages von Herrn Voigt nach Angaben von Prof.
Dr. Zoltán Antal, gehalten am Montag, den 18.9.1995 auf der Fahrt von
Dunaújváros nach Budapest
Die Erdölraffinerie südlich von Budapest ist die
größte in ganz Ungarn. Sie entstand Mitte der 1960er, als Ungarn wie alle
RGW-Staaten noch vom günstigen Erdöl aus der Sowjetunion profitierte. Das
Öl stammt auch heute noch aus Sibirien, die Pipeline verläuft durch die
Tschechische Republik und durchs Matragebirge. Im Gegensatz zu früher, als
für die Ostblockstaaten die Energie durch die riesigen sowjetischen
Rohstoffvorräte sehr billig war und deshalb kein Anreiz zum Energiesparen
bestand (im Gegenteil: die Energie wurde regelrecht verschwendet und die
Suche nach neuen, sparsameren Technologien vernachlässigt), hat sich
heute – im Zuge der nach dem Zusammenbruchs des RGW-Systems gestiegenen
Rohstoffpreise – auch in Ungarn die Erkenntnis durchgesetzt, daß Energie
ein kostbares und auch kostspieliges Gut ist, mit dem es hauszuhalten
gilt.
Die Raffinerie ist auch noch in einer weiteren
Hinsicht vom Ende des alten Systems betroffen: Da man für die hier
hergestellten Produkte (Schweröle, Kerosintreibstoffe, Vaseline, Gasoline)
weniger Abnehmer findet, mußte man bereits die zweite Raffinerie
stilllegen,
so daß die gesamte Anlage statt mit den maximal möglichen zehn Millionen
Tonnen nur noch mit sechs Millionen Tonnen Kapazität arbeitet.
Verfasser: Timur
Gül, Tim Höpfner, Holger Stichnoth
Leicht wehmütig stiegen wir am Montagmorgen in den
Eurocity nach Nürnberg ein, viele hatten den Charme der Stadt Budapest
bereits tief in ihr Herz geschlossen. Doch eine gewisse Freude auf unsere
Heimatstadt Hannover konnte sicherlich keiner leugnen. Schließlich war es
zu spät, die Zugtüren schlossen sich und setzte sich langsam anrollend in
Bewegung. Einen ersten Vorgeschmack auf Deutschland bekamen wir bereits
durch das deutschsprachige Zugpersonal. Mehrere Stunden später machte der
Zug einen Zwischenstopp in der Weltmetropole Wien. Der größte Teil unserer
Reisegruppe stieg hier aus, um noch ein paar Stunden in der Stadt bleiben
zu können und dann abends in ein Liegewagen nach Hannover zu steigen. Nur
wir fünf blieben sitzen, um dann in Nürnberg in den ICE nach Hannover
umzusteigen. Während der Fahrt nutzen wir die intimer gewordene
Atmosphäre zu Gesprächen über unsere Eindrücke während der Studienfahrt
zu besprechen; für ausgiebige Skatturniere war natürlich auch noch
genügend Zeit vorhanden.
Gegen 21.00 Uhr abends kamen wir dann – endlich – am
hannoverschen Hauptbahnhof an, ich glaube unser sehnlichster Wunsch war
eine heiße Dusche und ein warmes Bett.
Verfasser: Philip Maske